1 ö 1 +——.. 22. 2 0 99727 TTT * Nr. 35. Gießen, den 27. August 1905. 12. Jahrgang. wedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Jeitun Wecattion esta Donnerstag Nachmittag 4 Ahr 8 Abounementspreis: Bestellungen 1 g Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Parteigenossen Hessens! Die Landeskonferenz in Alzey hat beschlossen, in allen Orten des Landes, in denen Säle zur Verfügung stehen, Protest⸗Versammlungen gegen die Fleischverteuerung abzuhalten, zu denen das Landes ⸗-Komitee Referenten zu stellen verpflichtet ist. Wir fordern die Genossen des Landes des— halb auf, diesem Beschlusse der Landeskonferenz entsprechend mit den Arrangements der Ver— sammlungen unverzüglich zu beginnen und, wo es möglich ist, zunächst selbst für Referenten zu sorgen; wo das aber nicht möglich ist, wolle man sich sofort an den Unterzeichneten wenden, damit dieser rechtzeitig für dieselben zu sorgen vermag. Die von der Landeskonferenz beschlossene Protestresolution gegen die Fleischverteurung ist an das Großh. Staatsministerium abgesandt worden. Offenbach, 22. August 1905. Das Landes⸗ Komitee. C. Ulrich. (.... TTP Lehrreiche Zahlen. Die Kölnische Volksztg., eines der führenden Zentrumsblätter, hat sich geärgert, weil man dem Zentrum von„nationaler“ Seite wieder den Vorwurf macht, daß es noch nicht genug für das Heer, Marine und Kolonialpolitik be⸗ bewilligt habe. Das Kölnische Blatt antwortet, indem es„trockene, aber lehrreiche Zahlen“ zusammenstellte. Es hat die Aus⸗ gaben für Heer und Marine seit dem Jahre 1872 und für Kolonien seit 1890 berechnet und kommt dabei zu folgenden Summen: Reichs heer. Fortlaufenden Ausgaben 13, 983,533,709 Mk. Einmalige Ausgaben 1,593,338,234 Mk. Außerordentliche Ausgaben 89,813,408 Mk. Gesamtausg. f. d. ber 16,475,685, 351 Mk. oder 16 und eine halbe Milliarde. Von den 34 Etatsjahren(1872 1905) fällt die erste Hälfte auf die Regierungszeit Wilhelms I., die andere auf die seines Enkels, des jetzigen Kaisers. Der größere Teil dieser Ausgaben, nämlich zehn und ein Viertel Mil- liarde, ist in der zweiten Hälfte gemacht worden, auf die erste entfallen„nur“ sechs und ein Viertel Milliarde. Das heißt: in den letzten 17 Jahren sind die Ausgaben für das Reichs- heer 64 Prozent höher gewesen als in den ersten 17 Jahren nach dem Kriege. Mari ortlaufende Ausgaben ne. 1.574,329,584 Mk. inmalige Ausgaben 954,814,131 Mk. Außerordentliche Ausgaben 507,735,694 Mk. Gesamtausgaben f. d. Marine 3,036,899, 409 Mt. oder rund 3 Milliarden. Hiervon sind unter der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. ausgegeben worden zwei und ein Viertel Milliarde- 75 Prozent, während auf die ersten 17 Jahre 25 Prozent entfallen. Kolonien. Allgemein seit 1890 193,824,079 Mk. Kosten der ostastat. Expedition 271,837,200 Mk. Bewilligungen für den Aufstand in Südwestafrika 194,975,800 Mk. Gesamtausgaben für Kolonien 660,637,079 Mk. oder zwei Drittel Milliarde. Insgesamt also Ausgaben für Heer, Marine und Kolonien mehr als 20 Milliarden 20,000 Millionen! Hierzu kommen noch die Ausgaben für Pensionen, die Zinsen der Reichsschuld, die hauptsächlich für Militärzwecke aufge⸗ nommen worden ist, den Eisenbahnbau, soweit er durch die Landesverteidigung geboten war — das sind Summen, die sich wiederum auf viele Milliarden belaufen. Die Kölnische Volkszeitung stellt dann noch fest, daß von der drei und eine halbe Milliarde betragenden Reichs schuld ein und eine halbe Milliarde für die Zwecke des Reichsheeres, 572 Millionen für die Marine, 248 Millionen für die ostasiatische Expedition ver⸗ wendet wurde. Da der Schiffswert unserer Flotte 700 Millionen betrage, so sei unsere ganze deutsche Flotte auf Pump ge⸗ baut. Das Blatt schließt:„Mehr wollen wir vorläufig nicht sagen, sondern die Zahlen für sich selbst sprechen lassen. Sie werden ihren Eindruck hoffentlich überall machen.“ Das hoffen auch wir. Nur bezweifeln wir, daß sie ihren Eindruck da machen, wo die Verantwortlichkeit für diese Ausgaben zu suchen ist. Bei der Mehrheit des Reichstages, den Konservativen, Antisemiten, Nationalliberalen und namentlich beim Zentrum, das sich seit den letzten Jahren so bewilligungslustig gezeigt hat, steht fest, daß die Regterung der Annahme einer jeden Militär- und Flottenforderung sicher ist. Die Folge der warnenden Zahlen, die die Kölnische Volkszeitung veröffentlicht, wird die sein, daß das Zentrum die nächste Flottenvor— lage, die nicht lange auf sich warten läßt,— bewilligt, wie es vor einigen Monaten die Militärvorlage bewilligt hat. g Das wird so lange fortgehen, bis die Wähler des schnöden Spiels überdrüssig werden und die bewilligungslustigen Herren, die„anständigen“ und„gutgesinnten“ Politiker judenfresserischer, zentrümlicker oder nationalliberaler Couleur zum Teufel jagen. e Fleischnot. Ueberall in Deutschland empfindet man, wie die Fleischnot immer unerträglicher sich gestaltet, in zahlreichen Volksversammlungen wird auf Beseitigung des traurigen Zustandes gedrungen und die Stadtverwaltungen vieler Städte erwägen Maßregeln, den Notstand zu mildern. Viel wird von den Städten kaum getan werden können, wenigstens nicht direkt, sie können höch stens die Regierung durch Darstellung der Verhältnisse zur Oeffnung der Grenzen für Vleh⸗Einfuhr veranlassen. Gegenüber dem immer fühlbarer zu tage tretenden Notstande kann die Regierung nicht taub bleiben und sieht sich trotz der Wurschtig— keit, die Landwirtschaftsminister Podbielski bet Behandlung der Frage zeigte, genötigt, „etwas zu tun“. Man will„Erhebungen“ ver- anstalten; aber anstatt bei Stadtverwaltungen, Schlachthöfen, Metzgern und Arbeitervertretungen Auskunft zu holen, beauftragt man die Polizei, die in 24 Stunden darüber berichten soll. Da wird was Gescheites herauskommen! Von agrarischer Seite wird natürlich das Vorhandensein einer Fleischnot bestritten, trotzdem die Fleischpreise eine für die Arbeiter⸗ schaft unerschwingliche Höhe erreicht haben, sogar die Preise für Pferde fleisch erheblich gesttegen sind und zahlreiche Metzgergeschäfte bereits zu grunde gingen! Die Presse der Brot- und Fleischwucherer scheut auch nicht vor groben Lügen zurück. So brachte das Organ des dicken Oertel, die„Deutsche Tagesztg.“ folgende Notiz:„Fleischnötliches. Schivelbein, 11. Aug. Zur Fleischnot in Ober⸗ schlesien teile ich Ihnen mit, daß ein Fett⸗ viehhändler in Schivelbein in Pommern sich nach Zabrze in Oberschlesien an den Ober⸗ meister gewandt habe, um dorthin Fettschweine zu liefern. Ihm wurde aber der Bescheid, daß dort keine Schweinenot set; wenn er trotzdem liefern wolle, solle er liefern; man könne ihm aber nur 48 Mk. pro Zentner zahlen.“ Auf eine Anfrage bei dem Obermeister der Fleischerinnung in Zabrze, Anton Goczolla antwortet dieser:„Auf Ihre heutige Anfrage muß ich ihnen mitteilen, daß ich weder eine Anfrage bekommen, noch eine Antwort in der Sache geschrieben habe. Die Sache beruht auf Un wahrheit. Hochachtend Anton Goczolla, Obermeister.“ Mit solchen Schwindeleien will man offenbare und für jeden erkennbare Tatsachen aus der Welt schaffen! Noch ein anderes Beispiel dieser Art! In seiner bekannten Schweinerede hatte Pod, der preußische Landwirtschaftsminister und Junker- knecht, auch die kühne Behauptung aufgestellt, daß England kein lebendes Vieh ins Land lasse. Nun steht aber fest, und der edle Pod, wenn er kein Analphabet ist, muß es wissen, daß allein im Jahre 1904 520000 Stück nordameri⸗ kanische Rinder und einige Hunderttausend Schafe in lebendem Zustande nach England eingeführt wurden. Da man von Ministern nicht sagen darf, daß sie frech lügen, weil sonst der Staatsanwalt nervöse Zustände bekommt, set festgestellt, daß die Deutsche Tageszeitung frech gelogen und der biedere Pod sich nur„geirrtumt“ hat. In Frankfurt fanden am Dienstag vier große überfüllte Volksversammlungen statt, in denen gegen die Politik der Lebensmittelver⸗ teuerung protestiert und Abhülfe des Notstandes von Regierung und Behörden gefordert wurde. Auch in Leipzig, Berlin, Stuttgart, Dresden und anderen Städten nahmen große Versamm— lungen gegen den Fleischwucher Stellung. Von den Verwaltungen vieler Städte wurde ebenfalls die Freigabe der Vieh⸗Einfuhr aus dem Aus⸗ lande gefordert. Diesbezügliche Beschlüsse wurden gefaßt in Stuttgart, München, Aachen, Darm⸗ stadt, Frankfurt, Düsseldorf, Zwickau und vielen andern Städten. Die oberschlesischen Bürger⸗ meister haben ebenfalls eine Petition an den Reichskanzler gerichtet, in welcher Vorschläge e e N 2 3 — 8 e — —— B 3 3 2 — . ·—·»Ü R r 555 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 35. zur Abhülfe gemacht werden.— Die Thüringer Stadtgemeinden haben ebenfalls wegen der Fleischteuerung beim Bundesrat und dem Reichs⸗ kanzler telegraphisch Beschwerde erhoben. Die Metzger und Gastwirte regen sich ebenfalls überall und das ist sehr begreiflich, da diese Gewerbetreibendeu mit in erster Linie den Notstand zu spüren bekommen. Bei dieser Gelegenheit kann das Handwerk und der„Mittel⸗ stand“ mal die patentierten Handwerk. und Mittelstandsretter kennen lernen. Ist es nicht einfach zum Lachen, wenn z. B. der Antise⸗ mitrich Laaß, seines Zeichens Gast wirt, in der Frankfurter Stadtberordneten⸗Versamm⸗ lung durch— Vorlegung von Ausschnitten aus agrarischen Blättern zu bestreiten sucht, daß Fleischnot vorhanden sei, wo doch die Preise um mehr als 50 Prozent gestiegen sind, und in Frankfurt selbst etliche 30 Metzger ihre Ge⸗ schäfte geschlossen haben! ü E— ͤòq!pJ—— Politische Rundschau. Gießen, den 24. August 1905. Politisches von der Woche. Die Berichte des Parteivorstandes und der sozialdemokratischen Reichstags⸗Fraktion an den Jenaer Parteitag sind dieser Tage er⸗ schienen. Wie immer giebt der Vorstands bericht ein umfassendes Bild der Entwicklung unserer Partei, bespricht den Ausfall der verschiedenen Wahlen und erörtert die verschiedenen Vor⸗ kommnisse des Parteilebens. Die Reichstags⸗ tätigkeit unserer Fraktion wird eingehend ge⸗ schildert und an den einzelnen Vorlagen Kritik geübt. In den nächsten Nummern werden wir größere Auszüge aus den interessanten Be⸗ richten bringen. b Für Errichtung der Republik Nor⸗ wegen demonstrierte am Sonntag eine vom sozialdemokratischen Parteivorstand in Christ⸗ tania veranstaltete große Volksversammlung. Die beschlossene Resolutton verlangt, daß über die Frage: Republik oder Königtum durch Volks⸗ abstimmung entschieden, eine konstituierende Ver⸗ sammlung einberufen, die Bernadotte'sche Kandi⸗ datur schnell erledigt und von der Unionsab⸗ wickelung unabhängig abgemacht werde. Die Resolution protestiert gegen jede Verhandlung der Thronfrage mit ausländischen Fürsten und Diplomaten, bevor das Volk gehört ist. Sie be⸗ hauptet das Recht, jeder Ordnung dieser Frage Widerstand zu leisten, falls das Selbstbestim⸗ mungsrecht des Volkes verweigert wird. Eine„Verfassung“ hat nun Väterchen Nikolaus seinem lieben russischen Volke„ge⸗ schenkt.“ In einem Manifest ist der Entwurf eines Gesetzes über die Wahl eines Parlamentes — Reichs dum a— bekannt gegeben worden. Die einzelnen Bestimmungen des Machwerks zeigen aber, daß das Volk mit dieser Art „Parlament“ unter Umständen noch schlechter daran ist als jetzt. Einzelne Bestimmungen in diesem Projekt sind geradezu lächerliche und sogar die Liberalen erklären das Ganze für eine freche Verhöhnung des Volkes durch die Regierung. Wenn diese Meinung schon von den Liberalen vertreten wird, so läßt sich die Stimmung der Revolutionäre denken. Die Friedens verhan dlungenzwischen den Russen und Japanern in Portsmouth sind noch nicht zum Abschluß gelangt, doch sprachen die Telegramme der letzten Tage die Hoffnung aus, daß man in Kürze zu einer Einig ung kommen werde. Verschiedene Male soll die Konferenz nahe vor dem Scheitern gestanden haben, doch sei es Roosevelt gelungen, die Fortsetzung der Verhandlungen zu stchern. Justizaktion gegen den Generalstreik. Vor der Strafkammer des Breslauer Land⸗ gerichts fand ein Prozeß gegen den Genossen Paul Löbe wegen der Rede des Genossen Bernstein über den politischen Massenstreik statt. Löbe ist deshalb angeklagt, weil die Volkswacht über jene Rede einen Bericht brachte, der nach der Ansicht der Staatsan⸗ waltschaft eine„Aufreizung zu Gewalt⸗ tätigkeiten“ enthalten soll. Genosse Bern⸗ stein, der die Rede gehalten hat, war nicht mit angeklagt, sondern nur als— Belastungszeuge von der Staatsanwaltschaft geladen worden. Als Zeuge vernommen erklärte Bernstein natür⸗ lich mit aller Entschiedenheit, daß er mit seinem Vortrag, der in der Volkswacht dem Sinn nach richtig wiedergegeben sei, ausschließlich einen belehrenden Zweck verfolgte, jede Aufforderung zu Gewalt sei ihm ferngelegen. Der Staats⸗ anwalt beantragt gegen Löb eine Geldstrafe von 400 Mark. Das Gericht sprach den A n⸗ geklagten frei, indem es aussprach, daß keine Aufreizung vorliege, die Tendenz des Artikels gehe vielmehr dahin: Arbeiter, seid ruhig bleibt vernünftig, macht alles in Frieden, wendet keine Gewaltätigkeiten an. Erinnerung an einen schändlichen Justizakt. Am 17. August waren 10 Jahre ver⸗ flossen, seitdem das Urteil in dem berüchtigten Essener Meineidsprozeß gefällt wurde. Damals wurden die sechs Bergarbeiter Schröder und Genossen wegen Meineids zu Zuchthaus⸗ strafen von insgesamt 18 ¼ Jahren und fünf⸗ jährigem Ehrverlust verurteilt; ein Urteil, das so ungeheuerlich war, daß selbst die meisten Bourgeoisblätter in ihren damaligen Artikeln kein Blatt vor den Mund nahmen und offen aussprachen, daß das Urteil ein Schlag ins Gesicht der Gerechtigkeit sei. Die„Bergarbeiter⸗ zeitung“ erinnert in ihrer neulichen Nummer daran, daß in den bürgerlichen Druckereien Essens in jener Nacht, in der das Schreckens⸗ urteil gefällt wurde, bereits Extrablätter mit der Freisprechung der Schröder und Genossen gesetzt waren, so sicher erwarteten alle Zuhörer ein freisprechendes Erkenntnis. Der eigentliche Urheber des Urteils war— Herr Brust, der„christliche“ Bergarbeiterführer, der von 1884 bis 1904 an der Spitze des christlichen Verbandes stand. Er hetzte die Gendarmen auf die damaligen Führer des freien Verbandes und forderte zur Entfernung der Leute aus „seiner“ Versammlung auf, nachdem sie ihm gründlich die Wahrheit gesagt hatten. Dieser Prozeß sichert dem Helden Brust und seiner ganzen„christlichen“ Gewerkschaftsbewegung die Unsterblichkeit. Die Gendarmen hatten sich durch einen Artikel der„Bergarbeiterzeitung“ beleidigt gefühlt, Schröder und Genossen beschworen aber, daß ste tatsächlich von den Gendarmen miß⸗ handelt worden waren. Darauf erfolgte die Meineidsklage und alle Zeugen vermochten gegen den Schwur der christlichen Gendarmen nicht aufzukommen: Die Angeklagten wurden ver⸗ urteilt. Was die„Christlichen“ mit dem Prozeß erreichen wollten, war klar, in Erfüllung gegangen ist es freilich nicht. Die Mitglieder⸗ zahl des freien Verbandes, die damals wenige Tausend betrug, ist heute auf weit über Hundert⸗ tausend gestiegen, und der sozialdemokratische Verband, der 1895 vernichtet werden sollte, ist heute die stärkste Bergarbeiterorganisation des Kontinents. Revolution in Rußland. In den russischen Ostseeprovinzen hat der Bauernkrieg einen bedeutenden Umfang ange⸗ nommen. Man sucht ihn mit dem Belagerungs⸗ zustande zu bekämpfen, der über ganz Ku r⸗ land verhängt ist. Ebenso wurde über ganz Polen der verschärfte Kriegszustand verhängt und es soll gegen alle, die sich gegen„Ruhe und Ordnung“ vergehen, ein kriegsgerichtliches Verfahren eingeleitet werden.— In War⸗ schau, Odessa und anderen Orten protestiert das Volk unter Führung der Sozialdemokraten mittels des allgemeinen Ausstandes gegen die Volksverhöhnung die mit dem Ge⸗ setz betreffend die sogenannte Reichsduma (das Parlament) begangen wird. Viele Fa⸗ briken in Warschau stehen still, der Weichsel⸗ bahnbetrieb ist unterbrochen, auch auf der Bahn⸗ linie Warschau— Wien wurde der Betrieb ein⸗ geschränkt. Unter der Odessaer Arbeiterschaft herrscht wegen des Wahlzensus zur Reichsduma große Unzufriedenheit. Die Arbeiter fordern durch Flugblätter auf, den Kampf solange fortzusetzen, bis das allgemeine Stimm⸗ 5 recht bewilligt wird. In Mloziny bei Warschau fand zwischen f Kosaken und einer 80 Mann starken Gruppe der terroristischen Kampforganisation ein Zu⸗ sammenstoß statt, bei dem 10 Mann der letzteren getötet wurden. Auch in Warschau selbst kam es am Sonntag zu einem Kampf mit der Polizei, die eine geheime sozialdemokratische Versammlung aufheben wollte. 27 Teilnehmer wurden verhaftet. Zu einer großen Arbeiter⸗-Demon⸗ stration gegen die Polizei kam es, wie d ie F. Ztg. berichtet, am 17. August in Minsk. Als abends unbewaffnete Arbeiter sich gegen die Hauptstraßen in Bewegung setzten, wurden sie von einer Sotnie Kosaken und einem Regiment Infanterie ohne weiteres angegriffen. Die Arbeiter liefen auseinander, trotzdem hieben und stachen die Kosaken auf die Fliehenden los, wobei viele Unschuldige zum Opfer fielen. Hier⸗ bei wurden mehr als zwanzig Personen getötet und mehr als hundert verwundet. In der Stadt ruht jede Arbeit. Das Be⸗ gräbnis der Opfer der Demonstration gestaltete sich zu einer abermaligen großen Kund⸗ gebung gegen die Regierung. Die Särge mit den Leichen wurden, begleitet von einer nach Tausenden zählenden Menge, durch alle Straßen der Stadt getragen. Die Teilnehmer an dem Zuge trugen rote Abzeichen, die Kränze hatten rote Schleifen mit revolutionären Aufschriften. Polizei und Militär wagten diesmal nicht, der Menge entgegenzutreten. seit sechs Wochen Herr Kzudow Gouverneur von Minsk ist, derselbe, der im April dieses Jahres als Gouverneur von Kursk 80 Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren auf offenem Platze hatte zu Tode peitschen lassen. Der Staat— der Ausschuß der besitzenden Klasse. Daß dieser Ausspruch Bebels nur zu be⸗ rechtigt ist, beweist folgende Meldung: Der königliche Landrat in Freienwalde a. O. ver⸗ öffentlicht im Oberbarnimer Kreisblatt eine Liste von fünf kontraktbrüchigen Landarbeitern mit dem Ersuchen an die Poltzei⸗ und Gemeinde⸗ behörden, geeignete Maßnahmen zur Ermittelung der Leute zu treffen und dem Landratsamt sowie dem Arbeitsamt der Land wirtschafts⸗ kammer Nachricht zu geben. Zugleich fordert die amtliche Stelle die Landwirte auf, jeden Fall von Kontraktbruch dem Arbeitsamte der Landwirtschaftskammer zu melden.— Gerade als ob Sklaven oder Sträflinge entlaufen wären und verfolgt würden! Der Stabsarzt als Sozialpolitiker. Einige zur Uebung in Darmstadt einge⸗ zogene Reservisten brachten Gesuche um Be⸗ freiung von der Uebung vor; der Herr Stabs⸗ arzt nahm in einigen Fällen an diesen Gesuchen Anstoß und ermahnte die Gesuchsteller zu opfer⸗ bereiterem Patriotismus. Da fragte er einen: „Wo sind Sie her und was haben Sie für ein Geschäft?“ Antwort:„Von Offenbach und Maurer.“ Gutachten des Herrn Stabsarzt: „Ach was, die Maurer streiken ja das ganze Jahr; Sie können ruhig die Uebung mitmachen!“ Ein anderer ist Offen⸗ bacher Weißbinder; er bekommt dieselbe Sentenz zu hören, doch mit dem Zusatz:„Ich möchte nur wissen, was Ihr mit der ewigen Streikerei habt. Die Meister haben ja doch mehr Geld wie Ihr und werden sich auch deshalb nicht von Euch bestegen lassen!“ So, das also des Herrn Stabsarztes soziale Theorie und Praxis, die wohl wohl in die einfache Formel gefaßt werden kann:„Mehr Geld, mehr Macht, mehr Recht!“ 1 9 Unsere Landeskonferenz in Alzey wurde am Samstag Abend pünktlich um 8 Uhr vom Genossen Ulrich als Vorsitzenden des Landeskomitees er⸗ öffnet. Die Konferenz tagte im Saale des städtischen Saalbaues, dessen Bühne und Wände hübsch dekoriert sind. Auf der Tribüne erblickt man die Büsten von .——— 55— Interessant ist, daß ————— — 5 e . U 1 e b ln ö 5 er 5 I 15 kr E el l U e 0 t 92 I I el lde l I e 90 ll vol Nr. 35. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite&. Marx, Engels und Lassalle inmitten eines kleinen Lor⸗ beerhaines, über der Bühne ist das Bildnis Liebknechts angebracht. Wie später durch die Wahlprüfungskom⸗ mission festgestellt wurde, waren 75 Delegierte anwesend, außerdem die Mitglieder des Landeskomitees mit Aus⸗ nahme Bertholds, die Landtagsabgeordneten mit Aus⸗ nahme des Letzteren sowie des Gen. Cramer, eine An⸗ zahl Kreisvertrauensleute und Vertreter der drei hessischen Parteiblätter; ferner als Gäste Hüttmann und Rudolph⸗ Frankfurt, Zielowski von der Frankfurter Volksstimme. In das Bureau werden Ulrich und Korell⸗ Alzey als Vorsitzende, Weiß⸗Mainz und Zahn⸗Mül⸗ heim als Schriftführer gewählt. Nachdem ein Sängerchor ein beifällig aufgenom⸗ menes Begrüßungslied vorgetragen und Korell die Delegierten im Namen der Alzeyer Genossen begrüßt hat, wird in die Tagesordnung eingetreten, zu deren ersten Punkt: Geschäftsbericht des Landeskomitees Gen. Ulrich das Wort nimmt. Das Landeskomitee erledigte seine Geschäfte in drei Sitzungen, darunter eine mit den Kreisvorsitzenden. 125 000 Kalender wurden zur Verteilung gebracht, welche außerordentlichen An⸗ klang fanden und sich als Agitationsmittel vorzüglich bewährten. Die Verteilung vollzog sich ohne Konflikt mit der Staatsanwaltschaft, wie dies zu unserem Nach⸗ teil im vorigen Jahre in Alzey der Fall war. Natür⸗ lich, die Gegner zetern über den Inhalt, was uns beweist, daß er seine Wirkung nicht verfehlt. Konflikte gabs aber mit verschiedenen Bürgermeistern. Diese wollten die Gemeinderats⸗Sitzungen zu einer Zeit abhalten, die den Gemeindevertretern aus der Arbeiterschaft eine Teil⸗ nahme ohne Arbeitsversäumnis unmöglich machen, wie 3. B. dies in Vilbel in so eigenartiger Form vorkam. Die erste Instanz hat zu unseren Ungunsten entschieden, wir hoffen, daß die zweite Instanz sich dieser merk⸗ würdigen Ansicht nicht anschließt, sonst würden wir ge⸗ zwungen sein, im Landtage einiges zu unternehmen. Je mehr wir an der Gesetzgebung teilnehmen, je mehr werden derartige Versuche„ unehmen, und wir werden uns unter keinen Umständen gefallen lassen, daß man mit so schoflen Mitteln uns unseres Vertretungsrechtes beraubt. Wir wollen erst mal den Vilbeler Schulfall ausfechten und dann weitere Entscheidungen treffen. Den Wormsern wurde zur Anstell ung eines Partei⸗ sekretärs 400 Mark bewilligt. Das Handbuch für die Landtagswahl wird demnächst erscheinen. Es ist be⸗ stimmt, die Parteigenossen mit dem nötigen Mate al für die Wahlagitation zu versehen. Für spätere Wahlen soll es neu bearbeitet werden. Ferner soll ein Lan des⸗ parteisekretär angestellt werden und das Kom we legt der Konferenz einen diesbezüglichen Antrag vor. Die Parteiarbeiten haben sich derart gehäuft, daß es nicht mehr möglich ist, diese im Nebenamt auszuführen. Im übrigen hat unsere Bewegung in Hessen gute Fort⸗ schritte gemacht. Wir waren in der Lage, im letzten Jahre 2000 Mk. nach Berlin abzuliefern, und trotzdem all unseren Aufgaben gerecht zu werden. In Anschluß an Ulrichs Bericht erstatt⸗te Kassierer Orb den Kassenbericht. Einer Einahme von 12 897,55 Mk. steht eine Ausgabe von 12 280,18 Mk. gegenüber, sodaß ein Kassenbestand von 617,37 Mk. vorhanden ist. Der Vermögensbestand beträgt 7911,02 Mark. Der Kassierer legt zwei Tabellen vor, die im einzeln nachweisen, daß die Bewegung in den letzten 10 Jahren sich verzehnfacht hat und man heute mit Ziffern rechnen kann, die man sich ehedem nicht träumen ließ, Im letzten Jahre wurden insgesamt 240 000 Beitragsmarken verkauft. An die Berichte schließt sich eine lebhafte Debatte an, von der wir nur das Wichtigste hervorheben können. Hasenzahl⸗Erbach tadelt die so spät erfolgte Ver⸗ teilung der Landeskalender seitens des Landeskomitees. Häuser⸗Steinberg glaubt, daß das Landeskomitee zur Agitation für das direkte Wahlrecht zum Landtag nicht rührig genug wir. Busold⸗Friedberg geht auf den Streit der sozialdemokratischen Gemeinderäte in Vil bel mit dem dortigen Bürgermeister näher ein. Redner be⸗ antragt ferner, daß künftig der Bericht des Vorstandes vierzehn Tage vor der Konferenz gedruckt in den Händen der Delegierten sein soll. Armbrust⸗Vilbel macht weitere Ausführungen über den Konflikt mit dem Bürgermeister. Fourier⸗ Gie en meint, daß das Landeskomitee doch eigentlich nicht viel über seine Tätigkeit berichtet habe. Er fragt ferner an, weshalb denn Friedberg nichts für die Ka⸗ lender bezahlt habe. Datz⸗Gonsenheim verlangt gleich⸗ falls eine frühere Vorlegung des Tätigkeitsberichts, da⸗ mit die Organisationen ihn vorher eingehend besprechen können. Erkrath ⸗Mülheim wundert sich über die Gleichgültigkeit, mit der man bei uns die Uebergriffe einzelner Landbürgermeister hinnehme, ebenso die Wahl⸗ rechtsräuberei der Ersten Kammer. Hier habe Ent⸗ schiedenheit gefehlt. Adelung⸗Mainz bemerkt, da ß die Erste Kammer das Wahlrecht bislang noch nicht kaput gemacht habe, es sei darüber noch keine Ent⸗ scheidung gefallen. Was die Parteipresse anlangt, so habe diese ihre volle Schuldigkeit getan. Es ist ferner ein Irrtum, daß die Mainzer Genossen das Landeskomitee haben wollen, sie haben lediglich sich darüber unter⸗ halten, ob sie den Sekretär nicht erhalten können. Friedrich⸗Darmstadt erkennt die Tätigkeit des Landes⸗ komitees an und ist bezüglich des Landessekretärs der Ansicht, daß die Festlegung des Wohnsitzes nicht zu empfehlen sei. Im Schlußwort stellte Genosse Ulrich einige Miß⸗ verständnisse richtig und bemerkte, das Landeskomitee sei um des willen nicht energischer für den Wahlrechtsge⸗ setzentwurf eingetreten, weil diese Reform herzlich wenig wert gewesen sei, die Fraktion habe sich sogar überlegt, ob sie für diesen Wechselbalg stimmen solle. Den Ka⸗ lender früher herauszugeben wird nicht gut angehen. Beschlossen wird: einen Landessekretär anzu⸗ stellen, der am Orte des Landeskomitees wohnen soll. Ferner soll das Komitee seinen Bericht 14 Tage vor der Konferenz an die Organisationen versenden. Weiter wird das Komitee verpflichtet, den Kalender früher als bisher zu versenden. Im weiteren wird dem Komitee Decharge erteilt. Damit schließt die Samstags⸗Sitzung. Die Ver⸗ handlungen am Sonntag begannen mit einer kurzen Aussprache über unsere Presse. Es handelt sich besonders um Abgrenzung der Ver⸗ breitungsgebiete. Auf Antrag Eißnert⸗Offenbach wird eine Kommission zur weiterer Regelung dieser Differenzen gewählt. Die Kommission setzt sich zusammen aus den Genossen: Adelung(Mainz), Vetters(Gießen), Eißnert und Ulrich(Offenbach), Friedrich(Darmstadt), Korell (Alzey), Hasenzahl(Erbach), Busold(Friedberg), Engel⸗ mann(Worms). Zum nächsten Gegenstande: Der Parteitag in Jena und der Organisationsentwurf referiert Ulrich. Redner begründet zunächst die Gliederung der Parteiorganisation in Kreis⸗, Bezirks⸗ und Landesorganisationen, deren oberster Zusammen⸗ schluß die Gesamtpartei sein soll. Die Organisations⸗ form wird sich bewähren, den sie paßt sich in glücklicher Weise den bestehenden Verhältnissen an. Jede Organk⸗ sation bildet für sich eine Einheit, die sich zweckent⸗ sprechender Weise den Bedürfnissen ihres Gebietes an⸗ passen. Die Organisation, die sich bisher aus den be⸗ stehenden Verhältnissen heraus entwickelten, sind lebens⸗ fähig, kunstlich andere Organisation schaffen zu wollen, wäre vergebliche Mühe. Der Gedankengang des Ge⸗ nossen Dittman⸗Frankfurt von der Schaffung eines großen, südwestdeutschen Agitationsbezirkes von 21 Wahlkreisen ist praktisch undurchführbar und wird sich nicht bewähren, sondern wird den einzelnen Bezirken in keiner Richtung gerecht werden. Die Wahlkreisorganisationen sollen eigentlich Urver⸗ eine darstellen, das wird mit wenigen Ausnahmen überall durchführbar sein. Es ist ein Fehler, die Wahlkreise als Unterorganisationen dem Parteivorstande organi⸗ satorisch direkt zu unterstellen unter Umgehung der Landesorganisation. Die Beteiligung der Fraktion am Partei⸗ tag, wie sie vorgesehen ist, stellt keine Extrawurst für diese dar. Ihre Beteiligung an den Parteitagen stellt nicht ein besseres Recht, sondern eine Pflicht der Abge⸗ ordneten dar, die sich der Kritik unterziehen müssen. Wenn man sich fragt, ob die Delegation nur des Fraktionsvorstandes sich empfehle, so muß doch darauf hingewiesen werden, daß die Meinung des Frakttons⸗ vorstandes nicht immer auch die ganze Fraktion dar⸗ stellt. Durch die Festlegung eines Viertels der Fraltion werden nur überflüssige Streitigkeiten in deren Innern hervorgerufen. Die Aus schlußfrage soll eine andere Regelung erfahren dahingehend, daß ein Ausschlußan⸗ trag nicht mehr durch einen einzelnen Genossen, sondern nur noch durch eine Organisation am Ort bezw. Kreis erfolgen kann. Wir haben nach langem Arbeiten den Boden einer richtigen Organisation gelegt und auf diesem soll unter Beachtung des Bestehenden die Neuorganisation aufgebaut werden.— Zu einer Diskussion über diesen Gegenstand kam es deshalb nicht, weil der zweite Vorsitzende sofort zum nächsten Punkte überging, weil noch keine Wortmeldungen vorlagen. Gegen dieses Verfahren erhob sich merkwürdigerweise kein Widerspruch, obwohl mehrere Redner zur Organi⸗ sationsfrage sprechen wollten. Im Anschluß an das Referat Ulrichs wurde fol⸗ gende Resolution einstimmig angenommen: „Die in Alzey im Saalbau tagende Landeskonferenz der Sozialdemokraten des Großherzogtums erhebt an⸗ gesichts der hohen Fleischpre se Protest gegen die lebens⸗ mittelverteuernde Zollpolitik der Reichsregierung und der bürgerlichen Parteien im alls emeinen und gegen die durch die angeblich aus sanitären Grunden geübte Grenz⸗ sperre gegen ausländisches Vieh im besonderen. Sie erblickt darin ein zugunsten verhältnismäßig kleiner Volkskreise geübte, die große Mehrheit des Volkes, insbesondere die Arbeiterschast, aber auch die kleinen Leute, Beamte, Gewerbetreibende und Landwirte schwer schädigende, ihre Lebenshaltung herabdrückende Klassen⸗ politik und sieht daraus eine Gefahr für Leben und Gesundheit der nicht mit Besitz gesezneten Volksgenossen entspringen. Sie beauftragt deshalb das Bureau der Landes⸗ konferenz, bei Großh. Ministerium vorstellig zu werden, daß dasselbe im Bundesrat dahin wirken möchte, da ß die Grenzsperre beseitigt werde.“ Es folgt das Referat Dr. Davids über: Tätigkeit des Landtags und die bevorstehende Landtagswahl. Redner geht zunächst auf die Aufgaben des Staates auf sozialem Gebiete ein, und hebt hervor, daß in dieser Beziehung Hessen von den übrigen deutschen Staaten an der Spitze marschiere. Die Fabrikinspektion sel verbessert worden. Die Lage der Staatsarbelter in den Forsten und Wegebauten müsse noch verbessert werden. Er erörterte dann eingehend das Volksschul⸗ wesen. Solange die Ueberfüllung der Klassen besteht, kann der Unterricht nicht so wirksam sein, wie es im Interesse der Volksschulbildung geboten wäre. Unserer Forderung auf Herabsetzung der Klassenfrequenz wurde der Lehrermangel entgegengehalten; dieser Lehrermangel entspringt z. T. der unglücklichen Stellung, die dem Lehrer zugewiesen ist. Er ist abhängig vom Ortsschulzen und den„regierenden Geschlechtern“ und abhängig von der Kirche. Er ist aber auch Viertels⸗Staatsbeamter und also auch vom Staat abhängig. Dem Lehrer müßte einc Stellung gegeben werden, daß er mit Lust und Liebe arbeiten kann. Uebernahme der Volks⸗ schullasten auf den Staat ist zu fordern: Da⸗ durch würde die Entwicklung der Schule verbessert und der Lehrer unabhängiger gemacht. Auch die Trennung von Schule und Kirche muß verlangt werden. Die aus Preußen herüberflutende Schulreaktion, die im Mainzer Icurnal bereits zur Forderung der Konfessions⸗ schule geführt hat, wird die Landtagsfraktion veranlassen zu einem Antrag, der die Einheitsschule fordert und eine völlige Reformierung des Volksschulwesens. In neuen Landtag wird sich auch bei der wiederkehrenden Besprechung über Neuordnung der Verwaltungsge⸗ setze Gelegenheit bicten, den Zuständen im Gemeinde⸗ wesen näher zu treten. Der Vilbeler Fall willkürlicher Festsetzung der Gemeinderatssitzung ist dabei wichtiges Material. Im neuen Gemeindesteuergesetz ist eine un⸗ gerechtfertigte Bevorzugung des Rentnerkapitals vorge⸗ sehen: nur die halbe Steuerlast liegt darauf; um so härter werden die verschuldeten kleinen Besietzer heran⸗ gezogen, die noch ihre Schulden versteuern müssen. Wir haben die Beseitigung des Schuldenabzug⸗Verbots ge⸗ fordert, aber die Leute, die sich selbst als Mittelstands⸗ schützer ausgeben, Nationalliberale, Zentrum, Bauern⸗ bündler legten den Kleinen die Last auf und erschweren ihnen so die Existenz. Unzweifelhaft bedeutet aber die Reform einen Fortschritt auf dem Weg zur gerechten Verteilung der Steuern, jedoch gerade deshalb wird die Reform vom Freiherrn v. Heyl bekämpft und es ist mög⸗ lich, daß die Erste Kammer ihrem Referenten folgt und das Gesetz verwirft. Das wird den Unwillen des Volkes gegen die Standesherren kehren, die die Schandtat der Ersten Kammer gegenüber der Wahl rechts reform bereits hervorgerufen hat. Wir stehen dem Fall der Wahlrechtsreform mit einem heiteren, einem nassen Auge gegenüber: wohl bringt die Reform durch ihre„Kuutelen“ manche Ver⸗ schlechterungen, wir sind aber der Meinung, daß diese Kautelen durch bessere Organisation zu überwinden sind. Gewählt wird gewiß nochmals nach dem alten Gesetz⸗ doch wenn auch das direkte Wahlrecht be der Wahlbe⸗ wegung auf dem flachen Lande uns große Erleichterung gebracht hätte: in den Städten und industriellen Be⸗ zirken sind wir in der Lage, auch nach indirektem Wahl⸗ verfahren mit gutin Aussichten den Kampf aufzu⸗ nehmen. Die begehrliche Haltung der Ersten Kammer, die ihre Zustimmung zur Wahlrechtsr⸗form abhängig macht von der Einräumung des Rechts an die Standesherren: für jeden einzelnen Budgetposten das Verwerfungsrecht zu erhalten, ist in Wirklichkeit ein Eingeständnis der Schwäche. Die Herren wagen nämlich nicht die völlige Verwerfung des Budgets, weil sie wissen, daß dann ein Entrüstungssturm sie von ihren Sesseln fegen würde. Bisher ist aber wiederholt den Herren Entgegenkommen gezeigt worden: man hat mehrmals deren Wünschen entsprechend einzelne von der Zweiten Kammer bereits beschlossene Posten im fertigen Budget nachträglich ge⸗ ändert, obgleich dies verfassungsrechtlich gar nicht zu⸗ lässig wäre. Künftig wird die Fraktion scharf darauf sehen, daß dies nicht mehr geschieht. Die Wahlbe wegung muß unter dem Gesichts⸗ punkte geführt werden, den herrschenden Schichten das bestehende Wahlrecht zu verekeln. Nicht in allen Kreisen werden wir Kandidaten aufstellen können, aber wo es geschieht, müssen alle Kräfte und Mittel im Kampfe ein⸗ gesetzt werden. Ich erwarte bestimmt die Erhaltung unserer alten Mandate und die Eroberung von Pfung⸗ stadt, Vilbel, Gießen⸗Land und Mainz⸗Land; auch Höchst, Seligenstadt und Bessungen liegen für uns günstig. Ueberall wo es möglich ist, sollen Wahlmänner Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 35. durchgebracht werden, um ev. das„kleinere Uebel“ zum Mandat gelangen zu lassen. Der einzige wirklich ge⸗ fährliche Feind ist die indifferente Masse, sie mobil zu machen für uns, das ist die Hauptaufgabe. Wenn alle Genossen aktiv an der Wahlarbeit teilnehmen, dann schreiten wir voran. Mit uns das Volk, mit uns der Sieg!(Lebh. Beifall.) In der Diskussion wurden von verschiedenen Rednern zahlreiche Wünsche der Landtagsfraktion zur Berücksich⸗ tigung empfohlen. Ein Redner klagt, daß die Lehrer, für deren Besserstellung unsere Partei stets eingetreten sei, uns oft in wenig schöner Weise bekämpfen. Sollen wir uns angesichts dieser Tatsache fernerhin für die Lehrer besonders ins Zeug legen? Von Häuser⸗Stein⸗ berg wird betont, daß in der Schulfrage Besserung ge⸗ schaffen werden müsse. In Steinberg kommen 95 Schüler auf einen Lehrer. Dem Lehrermangel sollte durch Verbilligung der Lehrerausbildung abgeholfen werden. Auch den Arbeiterkindern müsse ermöglicht wer⸗ den, sich diesem Beruf zu widmen. Ferner wird eine entschiedene Stellungnahme gegen das indirekte Steuer⸗ system gefordert. Für die Beseitigung des Stempelge⸗ setzes, das besonders die kleinen Leute belastet, muß eingetreten werden. Allseitig wird für frühzeitige Auf⸗ nahme der Wahlagitation eingetreten. Genosse David geht in seinem Schlußwort auf die in der Diskussion angeschnittenen Fragen ein. Die Entscheidung bei der Wahl, für welchen der bürgerlichen Vertreter einzutreten sei, müsse von Fall zu Fall, jedoch immer im Einverständnis mit dem Landeskomitee getroffen werden. Möglich ist, daß sich das Beispiel Offenbachs wiederholt und eine Koalition der bürgerlichen Parteien gegen uns zu stande kommt. Auf diese Tgeise werden die Anhänger bürgerlicher kultureller Ideale zu uns gelrieben. Gegen die Stempelgebühren haben wir immer Front gemacht, gegenwärtig liegt die Frage noch im Finanzausschuß. Die Feindschaft der Lehrer gegen uns darf und wird uns nicht hindern, für die Besserung der Lehrergehälter einzutreten; übrigens ist es unrichtig, daß wir die Lehrer gegen uns haben. Viele Lehrer zählen zu unseren Anhängern. Die Aufwendungen, die für Industrie und Landwirtschaft gem acht werden, sind im Verhältnis zu dem, was für die Arbeiter geschieht, sehr ungleich. Das Verhältnis zu ändern, mehr Ein⸗ fluß auf die Landesgesetzgebung zu erhalten, das ist unsere Anfgabe. Zeige jeder bei den bevorstehenden Landtagswahlen, durch aktive Teilnahme, daß es ihm ernst ist mit der Beseitigung der bestehenden Ungleichheit. Durch einstimmige Annahme eines Antrags drückt die Konferenz ihr Einverständnis mit der Tätigkeit der Landtagsfraktion aus. Sonstige Anträge und Wahlen. Im„Verschiedenen“ wird zunächst ein von Rüssels⸗ heim gestellter Antrag angenommen, nach welchem das Landeskomitee ein Flugblatt über die Bedeutung der Maifeier herausgeben und in allen Orten mit starker Industriebevölkerung am Morgen des 1. Mai zur Verteilung bringen soll.. Ferner wird noch über die Bestimmung des vorgelegten Organisationsstatuts gesprochen, wonach 25 Prozent der Einnahmen an die Zentralkasse abgeführt werden sollen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob diese 25 Prozent von den reinen Einnahmen des Kreises oder von den Mitgliederbeiträgen zu rechnen sind. Beschlüsse wurden dazu nicht gefaßt. Als Sitz des Landeskomitees wird wiederum mit großer Mehrheit Offenbach bestimmt und ein⸗ stimmig wird das Komitee in der bisherigen Zusammen⸗ setzung wiedergewählt.— Die nächste Landes⸗ konferenz findet in Mühlheim a. M. statt. Ulrich schließt die Konferenz mit dem Wunsche, das im nächsten Jahre von siegreichen Landtagswahlkämpfen berichtet werden kann und mit einem begeistert auf⸗ genommenen„Hoch“ auf die Sozialdemokratie. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Der Konsum verein Gießen und Umgegend veröffentlicht seinen Geschäftsbericht über das 4. Geschäftsjahr. Danach hat der Verein, wie wir schon früher kurz mitteilen konnten, auch in diesem Jahre gute Fortschritte gemacht. Bis zum Schluß des Geschäftsjahres (30. Juni) war die Mitgliederzahl auf 365 ge⸗ stiegen, gegen 272 am Ende des vorhergehenden Jahres. Im Juli und August sind weitere Mitglieder beigetreten, so daß deren jetzt etwa 400 zu verzeichnen sind. Dementsprechend wuchs auch der Umsatz, der sich ohne das Rabattmarken⸗ geschäft auf 43000 Mk. beläuft. Der Reingewinn beträgt 4827 Mk., wovon— nach Abzug der statutenmäßigen Rücklagen zum Reservefonds — 3298 Mk. oder 5 Prozent als Rückvergütung auf die entnommenen Waren an die Mitglieder zur Verteilung gelangen sollen.— Sonntag, den 3. September findet im Restaurant Albold die Beneralversammlung statt, deren Tagesordnung ebenfalls aus dem Inserat er⸗ sichtlich ist. 5 — Das Pücklerblatt in Friedberg rempelt in seiner letzten Nummer unsern Genossen Krumm in recht einfältiger Weise an. Es kommt auf die Rede Krumm's zurück, die K. vor zwei Monaten auf dem Staufenberger Kreisfest ge⸗ halten hat— lange genug hat es also den Schmerz mit sich herumgetragen, den ihm K. durch den Satz bereitet hat:„Antisemitische und jüdische Kapitalisten kämpfen vereint gegen die Arbeiter.“ Dazu sagt das Blättlein: „Erstens kann man antisemitische Kapitalisten mit dem Scheinwerfer suchen, zweitens ist die Behauptung direkt aus der Luft gegriffen. Drittens: Was machen denn die roten Millionenjuden Singer, Bamberger, Arons, Baumann und Genossen, die an der Spitze der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung stehen?“ Die Tatsache, daß es sehr viele antisemitische Kapitalisten gibt, die genau wie ihre jüdischen Kollegen gegen die Arbeiter verfahren, ist höchstens den Pücklerleuten in Friedberg un⸗ bekannt. Und die sozialdemokratischen Millionen⸗ juden zetteln Ritualmordprozesse an und lassen die Pückler⸗Reden drucken, um die Antisemiten zu blamieren. — Hündische Schweifwedelet. Das Hirschelblatt in Friedberg macht Reklame für die Kaiserparade bei Homburg, als hinge davon das Wohl der Menschheit ab und kein Mensch ruhig sterben könnte, wenn er den Rummel nicht gesehen hat. An diesem Tage sollte schon um die Mafestät und das uns zum erstenmal besuchende Kron⸗ prinzenpaar zu ehren, Niemand aus der Gesellschaft und kein guter Patriot fehlen. Wem schlägt nicht das Herz höher, wenn unsere Söhne an diesem Ehrentag im strammen Paradeschritt oder als schmucke Reiter ihrem geliepten Kaiser ins Auge sehen dürfen— dem Kaiser, u m den uns die Völker beneiden, dem es wohl ums Herz ist, wenn er grade in der Jetztzeit steht, wie sein Volk sich um ihn schart und Ihm und dem schlagfertigen Heer zujubelt! Es fehlt dem Deutschen zum Hunde nur Ein richtiger Schwanz zum Wedeln—— r. Wieder ein Opfer der Bergarbeit! Im Gießener Braunsteinbergwerk verunglückte am Dienstag der Arbeiter Philipp Schäfer aus Annerod. An der neuen Verladestelle mit Rangieren der Wagen beschäftigt, geriet er unter die Räder eines Wagens, wobei ihm die Brust förmlich eingedrückt wurde, so daß der Tod sofort eintrat. Schäfer hinterläßt eine Frau nebst drei unmündigen Kindern. Dies ist inner⸗ halb dreier Jahre schon der vierte, der in diesem Betriebe sein Leben einbüßt, ohne die Pee Zahl derjenigen, die zum Teil schwere erletzungen bei Unfällen erlitten. Neulich, bei dem letzten Unglück schrieb der„Gieß. Anz.“, daß seit 25 Jahren kein Unglück mit tödlichem Ausgange vorgekommen sei. Das Blatt meinte jedenfalls, daß so lange kein Aufseher verun⸗ glückte, aber man muß Arbeiter doch auch mit rechnen. Die Betriebssicherheit scheint durch die neuen Anlagen geringer geworden zu sein und sie wird offenbar noch gefährdet, durch die Hast, mit welcher gearbeitet werden muß. Es wäre auch längst an der Zeit, daß sich die Arbeiter dieses Betriebes etwas mehr um die Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse bemühten, und das kann nur geschehen, wenn ste ihrer Organisation beitreten. — Huddes Ende. Am Dienstag früh 6 Uhr ist nun der Raubmörder Hudde im Hofe des Gießener Justizgebäudes durch den säch⸗ sischen Scharfrichter Brandt mittels Fallbeil hingerichtet worden. Hudde hat kein weiteres Geständnis gemacht, insbesondere blieb er dabei, daß nicht er, sondern sein Komplize„Willi“ 50 Pfarrer Thöbes in Heldenbergen ermordet abe. f — Die Differenzen bei der Firma Schaff⸗ staedt sind noch nicht beigelegt und es ist nicht aus⸗ geschlossen, daß es zum teilweisen Aus stand kommt. — Die„Freie Turnerschaft“ hält Mittwoch Abend im„Pfau“ ihre Mitglieder⸗ Versammlung ab. Auf der Tagesordnung steht: Geschäftliches; Bericht des Turnvereins Fichte⸗ Berlin; Ersatzwahl des Vorstandes; Stiftungs⸗ fest. Es wird gewünscht, daß die Mitglieder recht zahlreich erscheinen. Aus dem Rreise gießen. — Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Gießen findet diesen Sonntag, von vormit⸗ tags 10 Uhr ab im Orbig'schen Lokale in Gießen statt. Ihre Tagesordnung ist unseren Genossen bekannt. Sie weist besonders interessante Punkte nicht auf; jeder Genosse weiß aber, daß es auf der Kreiskonferenz gilt, die für unsere Bewohner so wichtige Kleinarbeit zu erledigen und daß deshalb den Kreis⸗Kon⸗ ferenzen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung innewohnt. Sie sollen mit in erster Linie da⸗ zu beitragen, daß unsere Organisation ausge⸗ baut und vervollkommnet, die Agitation für unsere gerechte Sache bis in die entlegensten Orte unseres Wahlkreises getragen wird. Jeder Genosse weiß, wieviel Arbeit in dieser Richtung noch geleistet werden muß und wie mühevoll sie ist. Hier mitzuhelfen, muß jeder für seine heilige Pflicht erachten! Denn wenn wir auch sagen können, daß unsere Or⸗ ganisation leidlich eingerichtet ist, so sind wir Uns doch alle darüber klar, daß sie in bezug auf ihre Stärke im Verhältnis zu der im Kreise für unsere Partei abgegebenen Stimmen⸗ zahl ganz anders dastehen müßte. Auch die Parteipresse müßte viel stärker verbreitet sein. In dieser Beziehung soll die Konferenz an⸗ regend und fördernd wirken.— Die Tagesordnung siteht, wie gesagt, nüchtern und geschäftsmäßig aus. Aber bei dem Punkt: „Parteitag“ wird vieles Wichtige und In⸗ teressante zu erörtern sein, wir erinnern nur an das neue Organisationsstatut, worüber der Parteitag zu beschließen hat, ferner die Mai⸗ feierfrage, Fraktionsbericht und verschiedenes andere. Ferner wird zur Landtagswahl mancher Genosse verschiedenes zu sagen haben, was für die übrigen von Interesse ist.— Daß die Wahl des Parteitagsdelegierten in der Kreiskonferenz vorgenommen wird, halten wir eigentlich nicht für richtig. Es sollte diese Wahl— wir haben schon früher einmal eine derartige Anregung gegeben— durch Urab⸗ stimmung von den Genossen des ganzen Kreises vorgenommen werden. Auf diese Weise wurde kürzlich die Wahl im Offenbacher Kreise vor⸗ genommen und die Sache machte sich ganz gut. Auf alle Fälle wird das Parteileben angeregt, wenn alle Genossen zur Abstimmung herange- zogen werden.— Nun, wir hoffen, daß die Konferenz ihre Arbeiten glatt erledigt und wünschen ihr herzlich Glück dazu! e. In Leihgestern soll die Kirche um⸗ gebaut werden. Um das Projekt durchzudrücken, waren in der Gemeinderatssitzung am Samstag der Kreisamtmann Kranzbühler mit noch einem Hofbaurat und einem Professor aus Darmstadt erschienen. Zwei Pläne wurden vorgelegt, der eine sieht den völligen Abbruch des alten Kirchen⸗ schiffes und Aufbau eines neuen vor, der zweite nur Erweiterung desselben. im ersten Falle auf 75000, im zweiten auf 60 000 Mk. veranschlagt. Herr Dekan Strack und der Amtmann begründeten den Neubau mit dem Hinweis darauf, daß die jetzige Kirche zu klein sei und die Einwohner nicht in der Lage wären, ihre religiösen Bedürfnisse zu be⸗ friedigen. Aus dem Gemeinderat wurde dem Plane entgegengetreten und betont, daß die Gemeinde ohnehin schwer belastet sei und das Geld für andere, notwendigere Dinge als einen kostspieligen Kirchenbau gebraucht würde. Wasser⸗ leitung und e seien viel wich⸗ tiger und wäre höchstens 5—6 mal im Jahre die Kirche voll besetzt, sonst predige der Dekan immer vor leeren Bänken. noch zu einer lebhaften Debatte. Schließlich beantragte ein Gemeinderat, die Sache zu ver⸗ tagen, weil man über eine so hohe Ausgabe nicht so im Galopp beschließen könne. Trotzdem suchte der Kreisamtmann eine Abstimmung herbei⸗ zuführen, indem er die Mitglieder des Gemeinde⸗ Damit sollte der Ver⸗ rats einzeln abfragte. Die Kosten sind —— ͤ ͤ— Es kam darüber — 1 e 8. er . en en tte 4 ür n 0 1 5 ür el ser ie 15 n bir 0 im l die in. iu die d kt: 1 der al leb Nr. 35. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. tagungsantrag umgangen werden. Als dagegen Verwahrung eingelegt und auf die Geschäfts⸗ ordnung aufmerksam gemacht wurde, wonach durch Erheben von den Plätzen oder durch Zettel abgestimmt werden müßte, ließ der Kreis⸗ amtmann von dem Befragen ab. Doch er suchte noch den Gemeinderat einzuschüchtern, indem er erklärte, bei weiterer Weigerung des Ge⸗ meinderats würde das Ministerium eingreifen und die politische Gemeinde zum Neubau ge⸗ zwungen werden. Wenn nun auch die Geschichte nicht so schnell gehen dürfte, so zeigt sich auch hier wieder, daß Durchführung unseres Pro- grammes„Trennung von Staat und Kirche“ sich auch hier als sehr nützlich erweisen würde. Die Kirchengemeinde könnte dann bauen, soviel ste wollte und der Gemeinderat hätte damit nichts zu tun. Aus dem Rreise griedherg⸗Büdingen. — Gemeindeverwaltung und Poli⸗ zeidiener in Rödgen bei Nauheim. Vor der Gießener Strafkammer kam am 18. August der in unserem Blatte schon mehrfach erwähnte Beleidigungsprozeß gegen drei Einwohner von Rödgen in der Berufungsinstanz zur Verhand⸗ lung. In der Sache war von vornherein auch gegen den Redakteur unseres Blattes, Vetters, wegen Beleidigung der Gemeindeverwaltung und des Polizeidieners und Flurschützen Fink in Rödgen Anklage erhoben worden. Vom Schöffengericht in Bad Nauheim wurde nach zweitägiger Verhandlung am 8. und 10. Juni gegen Vetters auf Freisprechung erkannt, weil auf Grund des Presgesetzes Verjährung einge⸗ treten war. Freigesprochen wurde auch die Frau Hensel, welche den Fink beschimpft und nach dessen im Vorjahre gemachten Bekundungen „ar gespieen“ haben sollte. Die Angeklagten Stock und Kluge wurden zu 75 und 50 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil sie in einer zu Rödgen am 13. März 1904 stattgefundenen Bürgerversammlung von dem Fink nicht er⸗ weislich wahre, fur diesen beleidigende Tat⸗ sachen behauptet hätten. Gegen dieses Urteil verfolgte der Staatsanwalt Berufung bezüglich Stock, Kluge und Frau Hensel. Ebenso wurde von der Verteidigung für Stock und Kluge Be⸗ rufung eingelegt und Freisprechung beantragt. Die Verhandlung vor der Strafkammer dauerte den ganzen Tag bis abends 9 Uhr, etwa 30 Zeugen wurden vernommen. Schließlich bean⸗ tragte der Staatsanwalt gegen Kluge und Stock je 3 Monate, gegen Frau Hensel 6 Wochen Gefäugnis. Rechtsanwalt Kaufmann beantragte nach ausgezeichneter Verteidigungs⸗ rede Freisprechung für alle Angeklagten.— Das Urteil wurde erst Freitag, den 25. August verkündet. Es lautet auf Freisprechung Stocks und Klugs, während Frau Hensel zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde. Sie hat ferner die auf ihren Teil entfallenden Kosten zu tragen. Auf die Gründe des Urteils kommen wir noch zurück. — Ein verkannter Antisemit. Unserm Frankfurter Parteiblatte wurde kürzlich folgender heitere Vorfall aus Oberhessen berichtet: In einem unserer hessischen Städtchen war ein ausländischer Parteigeno sse in einer sozialdemokratischen Versammlung und zu Ehren der Internationalität schlug der Vorsitzende vor,„den Genossen Ankersmit aus Amsterdam zum Ehren⸗ präsidenten der Versammlung zu ernennen“. Darauf⸗ hin einer der Versammlungsbesucher, ein braver Hesse, dem die Ohren sehr nach dem hessischen Dialekt steh'n, in großer Entrüstung:„Was, ein Ant's'mit aus Amster⸗ dam soll unser Ehrenpräsident sein! Das geht aber nicht!“ Man versuchte ihn eines Besseren zu belehren und daraufhin wieder der Entrüstete:„Ach so, der ist kein Ant's'mit, der heißt Ant's'mit! Ist des aber auch ein komischer Name!“— Wir hörten von dem belustigenden Stückchen, das sich in Friedberg abspielte, schon früher. Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. r. Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Als feld⸗Lauterbach wird Sonntag, den 3. September in Alsfeld abgehalten. Die Verhandlungen beginnen morgens/ 10 Uhr im Lokale„zum Stadtpark“. Als Tagesordnung ist vorgesehen: 1. Vorstands⸗ und Kassenbericht; 2. Neuwahl des Vorstandes; Agitation und Organisation; 4. Verschiedenes. Außerdem wird unser Reichstagskandidat Dr. Michels einen Vortrag halten. n. Versammlung in Schotten. Näch⸗ sten Sonntag, den 3. September, abends 8 Uhr findet im Lokale des Herrn Karl Müller in Schotten eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Genosse Dr. Robert Michels⸗Mar⸗ burg einen Vortrag über„Lassalles Leben und Wirken“ halten wird. Unsere Parteifreunde wollen dafür Sorge tragen, daß die Versamm⸗ lung recht zahlreich besucht wird. Aus dem RNreise Weßlar. h. Saubere Metzger. Nicht weniger als vier Metzgermeister hatten sich am Freitag vor dem Wetzlarer Schöffengericht wegen Vergehens gegen das Nahrungs- mittelgesetz zu verantworten. Vor kurzem, als mehrere Typhuserkrankungen in Wetzlar vorkamen, wurde eine Revision der Metzgereien vorgenommen, die vieles Un⸗ saubere zu tage förderte. Bei den Metzgermelstern Fr. Moser, K. Jöckel, K. Weinrich und P. Nold wurden verdorbene Wurst⸗ und Fleischwaren gefunden und beschlagnahmt. Nach den Bekundigungen der medi⸗ zinischen Sachverständigen war die Wurst sogar in Fäul⸗ nis übergegangen und ihre Ungenießbarkeit war für jeden Menschen ohne Weiteres erkennbar. Wenn davon verkauft und gegessen wurde, so konnte schweres Unglück entstehen. Zwar versuchten sich die Angeklagten damit herauszureden, daß sie erklärten, die verdorbene Wurst wäre nicht zum Verkauf bestimm“ sondern zur Vernichtung bereit gelegt gewesen, doch es erfolgt trotzdem ihre Ver⸗ urteilung zu je 100 Mk. Geldstrafe. Der Amtsan walt hatte 150 Mk. beantragt uster Hinweis darauf, daß erst vor kurzem eine polizeiliche Bekanntmachung den Metzgern wegen der Typhusgefahr peinlichste Sauberkeit empfohlen hatte. Wenn die Angeklagten trotzdem gewissen⸗ los genug waren, aus Gewinnsucht die Gesundheit chrer Mitmenschen aufs Sptel zu setzen, so hätte ihnen wirklich eine höhere Strafe gebührt. h. Vom Lande. Unter dieser Spitzmarke liest man im„Wetzlarer Anzeiger“:„Die Winterfrucht ist bei uns vorzüglich ausgefallen und eben werden Gerste und Hafer den Dresch⸗ maschinen übergeben. Auch dieses Getreide liefert gute Körner und viel Stroh, was die bereits überfüllten Scheunen beweisen. Der zweite Grasstand dürfte besser sein; trotzdem stehen die Viehpreise kolossal hoch und das Fleisch ist so teuer wie noch nie. Erklärlicher⸗ weise fällt damit der Fleischkonsum.“ Es ist interessant, daß hier im Amtsblatt ausgesprochen wird, was sonst die agrarische Presse, zu der sich doch wohl auch der An⸗ zeiger rechnet, bestreitet, nämlich, daß die Viehpreise außerordentlich hoch sind. Es ist ja schon soweit gekommen, daß das Pferdefleisch im Preise bedeutend steigt; die Herren Kauf⸗ mann in Wetzlar und Keßler in Gießen machen durch Juserate sehr hohe Angebote für Schlacht⸗ Rösser. Auch die übrigen Lebensmittel sind so teuer wie kaum jemals, Butter z. B. kostet 1,30 Mk.! Wo soll das hinaus? Will der Arbeiter einen Pfennig mehr Lohn haben, so schtmpft das Unternehmertum mit samt der „Ordnungs'presse wie die Rohrspatzen. h. Auf die Lassallefeier in Glei⸗ berg sei nochmals hingewiesen. Die Ver⸗ sammlung beginnt punkt 3½ Uhr im Saale „zum Walfisch“. Wir rechnen darauf, daß auch die Gießener Genossen unsere Veranstaltung zahlreich besuchen. * Plötzlicher Tod. Der Schlachthaus⸗ verwalter Frech wurde am Freitag früh im Pferbestalle des Schlachthauses bewußtlos auf⸗ gefunden und starb bald darauf. Er hatte offenbar einen Schlaganfall erlitten. k. Krofdorf. In der hiesigen Zigarren⸗ fabrik des Herrn Georgi war es bisher üblich, daß die Zigarrenmacher, wenn Wickel nicht genügend vorrätig waren, entrippte Ein⸗ lage zerkleinern mußten und zwar das Pfund für 4 Pfg. Sie erzielten damtt einen Stunden⸗ lohn von 6—8 Pfg. Als nun vorige Woche der Ruf des Meisters Gerlach erscholl:„Zer⸗ ruppes holen“, traten die in dieser Be⸗ ziehung geeinigten Zigarrenmacher nicht vor. Nun empörte sich der sonst schönen, jungen wie älteren Fabrikarbeiterinnen gegenüber nicht lieb⸗ reiche Herr Gerlach und machte seine Autorität dadurch geltend, daß er den Arbeitern, als sie Mittags wieder zur Fabrik kamen, keine Wickel verabreichte und die Leute ohne Arbeit sitzen ließ, bis sie später die Fabrik verließen, ohne etwas verdient zu haben. Es ist dies wieder ein schöner Beweis wie nötig es ist, daß sich die Tabakarbeiter organisteren, damit sie bessere Löhne erzielen können und sich gegen die Bru⸗ talität derartiger Fabrik-Paschas erheben können, was durch das Alleinstehen eines jeden Ar- beiters ganz unmöglich ist. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. O Ein Schutzmann wurde am Freitag von der hiesigen Strafkammer zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil er einem Studenten mehrere Stöße ins Gesicht versetzt haben sollte. Der Student war nachts gegen 2 Uhr besoffen auf dem Markte umhergefallen, hatte den Schutzmann beleidigt, wobei dieser dem Betrunkenen einige Stöße versetzte. Der als Zeuge vernommene Polizeiverwalter bekundete bei dieser Gelegenheit, daß bei den vielen vorkommenden Verstößen nur in ganz beson⸗ deren Fällen gegen die Studenten Anklage erhoben wurde, Bei dieser zarten Rücksichtnahme auf betrunkene Studenten war die Verurteilung des Schutzmanns nicht verwunderlich, und die Schutzleute werden in Zukunft in ihrem eigenen Interesse gut tun, die im Nebenberufe studierenden jungen Radaubrüder noch vorsichtiger zu behandeln. Sollte aber doch einmal ein Schutzmann das Bedürfnis fühlen, etwas scharf zuzufassen, so möge er sich Arbeiter dazu aussuchen, eine Verurteilung hat er dann nicht zu befürchten. O Im„Volksbad“ trat Ende voriger Woche ein Junge beim Baden in eine im Wasser liegende Scherbe und mußte sich infolge der Verletzung in die Klinik be⸗ geben. Sollte der Unfall weitere Folgen nach sich ziehen, so wäre es in diesem Falle zu empfehlen, die Stadt haftpflichtig zu machen, da bei der gänzlichen Verwahr⸗ losung des„Volksbades“ die Stadt die Verantwortung für solche Unfälle trägt. Vielleicht trägt dieser Unfall auch dazu bei, daß die Stadtverwaltung für Instand⸗ haltung des„Volksbades“ etwas besser sorgt. Blüten deutscher Rechtspflege. Das Schöffengericht in Köhn verhandelte folgende beiden Sachen: 1. Zur Zeit des Srreiks der Kölner Fuhrleute hatte ein Ausständiger einen Ark eitswilligen„Streikbrecher“ und„Wanzen⸗ komiker“ genannt. Das Gericht verurteilte den Ausständigen zu sieben Tagen Gefängnis. — 2. Der Vorarbeiter Strauch hatte einer ihm unterstellten polnischen Arbeiterin, weil ste angeb⸗ lich die Arbeit nicht richtig machte, wie der⸗ holt ins Genick gestoßen und ihr den Arm derart gepreßt, daß er schwarzblau verfärbt war und sie tagelang nicht arbeiten konnte. Das Gericht erkannte gegen den Vorarbeiter auf sechs Mark Geldstrafe. Furcht vor der roten Schleife. In Linden bei Hannover wurde am Samstag ein Dachdecker beerdigt, der bei einem Sturz vom Dache sein Leben eingebüßt hatte. Da der Verstorbene Mitglied des sozlaldemo— kratischen Wahlvereins war, hatte letzterer selbst⸗ verständlich einen Kranz mit roter Schleife gestiftet. Als nun zur Beerdigung der katholische Geistliche und der Küster erschienen, verlangten diese, daß die rote Schleife entfernt werde, widrigenfalls sie selbst nicht bei der Beerdigung amtieren würden. Als der Träger des Kranzes indessen das Ansiunen ablehnte, gingen der Geistliche und der Küster tatsächlich ihres Weges. — Es ging also auch ohne den geistlichen Beistand und jedenfalls wird der Tote ohne den Pfaffensegen ebenso friedlich unter der Erde schlummern als mit ihm. Den pfäffischen An⸗ maßungen sollte immer mit solcher Entschiedenheit entgegengetreten werden. Für die russischen Freiheitskämpfer sind bei dem Parteivorstand in Berlin bisher rund 60000 Mark eingegangen. Den weitaus größten Teil davon haben die stets opferwilligen Parteigenossen von Berlin und Umgebung aufgebracht, Von Frankfurt sind 1000, Darmstadt 125, Offenbach 200 Mark eingegangea. Es sollte dafür Sorge getragen werden, daß auch aus unserer Gegend etwas für die kämpfenden Russen geleistet wird. Versammlungskalender. Samstag, den 26. August. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale„Zur Wilhelmshöhe“. T.⸗O: 1. Berichterstattung von der Landeskonfe⸗ renz. 2. Kreiskonferenz. Die Genossen von Watzenborn werden ersucht, zu dieser Versamm⸗ lung zahlreich zu erscheinen. Montag, den 28. August. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Orbig. Mittwoch, den 30. August. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8/ Uhr Mitgliederversammlung bei Wirt Dreher(„Zum Pfau“), Neustadt. Abends 9 Uhr Seite 6. unde D nes. Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung. 8 21 Nr. 35. ———— Ueber die Lage der Bauern in der Wetterau wird unserem Frankfurter Partei blatte von einem Kenner der Verhältnisse geschrieben: Wer in diesen Tagen einmal Gelegenheit hatte, mit der Bahn von Gießen rach Frank⸗ furt zu fahren und seine Blicke über die Felder der fruchtbaren Wetterau schweifen ließ, der mußte unwillkürlich Betrachtungen anstellen, wie Vieles sich doch in der Praxis ganz anders ausnimmt, als in der agrarischen Theorie. Auf den ersten Blick fällt die riesige Zahl der Fruchthaufen auf, die man sieht. Noch vor wenigen Jahren sahen diese Fruchtäcker ganz anders aus. Damals hatte jeder Fruchthaufen etwa 8 schwere Garben, so schwer, daß ein erwachsener Mensch daran zu heben hatte. Heute bestehen die Haufen aus einer Menge kleiner Garben, die statt mit dem von altersher ge⸗ bräuchlichen Strohseile mit Hanfgarnbindfaden, sogenannter Kordel, zusammengebunden sind. Woher der Umschwung? Solange der Bauer mit der Sense und dem sogenannten Reff die Frucht abmachen und mit Bindstecken und Stroh- seil binden mußte, solange der Ertrag des Ackers nach Fuder berechnet wurde(1 Fuder= 60 Garben) und auch das Dreschen nach Fuder berechnet wurde, solange wurden die Garben so groß wie möglich gemacht. Heute dagegen spielt ein anderer Faktor mit, die Maschine. So früher die sogenannten Sachsengänger des Morgens, wenn der Tag graute, in Scharen ausrückten, um bis zur Dunkelheit Frucht abzu⸗ machen, da rückt heute die Maschine aus, die zugleich mit Selbstbinder versehen ist. Diese Maschine ist es, welche die kleinen Garben bindet. Jeder einigermaßen gut situirte Bauer hat heute seine Maschinen für alle möglichen Zwecke. In jedem größeren Ort sitzen heute Vertreter von Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen. Und die größeren unter ihnen unterhalten zugleich Monteure, welche auf den Dörfern herumgehen und Maschinen repariren. Hier hat stch ein vollständig neuer Erwerbszweig gebildet. Und woher kommt es, daß heute die Maschine so sehr zur Anwendung in unserer Gegend ge⸗ kommen ist? Innerhalb der letzten 15 bis 20 Jahre sind die Felder fast aller Gemeinden der Wetterau bereinigt worden, das heißt: die Felder wurden entwässert(drainirt), die oft in den einzelnen Gemarkungsteilen weit zerstreut liegenden Aecker wurden jedem einzelnen Bauer zusammengelegt, sodaß er statt früher 20, 30 oder mehr Flächen jetzt nur 5, 6, 7 hat, die aber desto größer sind. Manchmal allerdings zum Schaden des Kleinen. Die Raine wurden geschleift, die Hecken und Buschkaden beseitigt und mit ihnen oft auch die nützlichen, Insekten fressenden Singvögel. Die Hohlwege wurden zugeschüttet, und durch diese Arbeiten brach⸗ liegendes, bisher unbenutztes Gelände benutzbar gemacht. Es wurde alles getan, was Vorbe⸗ dingung zu einer rationellen Bodenwirtschaft ist, Damit war aber auch die Vorbedingung erfüllt, die den Gebrauch der Maschine und deren gewinnbringende Benutzung möglich macht. Und so sehen wir aber auch, daß die Maschine eine ganz bedeutende Ausbreitung erlangt hat. Nicht zum wenigsten ist dieser Umschwung ge⸗ kommen durch die Förderung, welche die hesstsche Regierung im Vereine mit der Volks⸗ vertretung der Landwirtschaft hat angedeihen Uissen. Aber nicht allein das. Auch vom Staate unterstützte landwirtschaftliche Winter⸗ und Obstbau⸗Schulen in Friedberg und Alsfeld stehen den Landwirten zur Verfügung, andere sind in der Bildung begriffen. Diese werden stark frequentirt, und jeder nur einigermaßen vermögende Bauer schickt seinen Sohn dorthin. Staatlich besoldete Wanderlehrer gehen hinaus, um den Landwirten Vorträge zu halten über Obstbau, Viehzucht, Düngeversuche usw. Oft werden mit diesen Vorträgen Grattsver⸗ loosungen von Obstbäumen verbunden, um ste anregender zu machen und die Bauern zu ver⸗ anlassen, recht viele zu pflanzen. Dadurch ist es soweit gekommen, daß heute fast kein Fleckchen Erde unbenutzbar daltegt. Und trotzdem sehen wir, daß der Preis des Obstes nicht niedriger, sondern mi: jedem Jahre höher wird, obwohl die Erträgnisse aus dem Obstbau für die Landwirtschaft größer werden. Hand in Hand mit diesen Fortschritten gingen die Fortschritten in der Viehzucht. Dieser ist die größtmögliche Unterstützung zu Teil geworden. In der ganzen Wetterau wird heute fast nur noch Simmentaler Rindvieh ge⸗ züchtet. Demgemäß sind auch die Erträgnisse ganz bedeutend größere geworden. Diese werden noch vergrößert durch eine Reihe Molkereige⸗ nossenschaften. Noch vor 10 Jahren konnte man in jedem Dorfe von jedem Bauern einen sogenannten Handkäse, der in jedem landwirt⸗ schaftlichen Betrieb selbst hergestellt wurde, kaufen, desgleichen Eier und Butter. Heute dagegen müssen die Bauern dergleichen, wenn sie es brauchen, in vielen Fällen selbst kaufen. Die kleinen Händler, welche früher wöchentlich zweimal mit ihrem Hundewagen auf die Dörfer kamen und Eier, Butter, Käse usw. abholten, um sie in den Städten wieder abzu⸗ setzen, gehören heute der Vergangenheit an. Heute bringen die Bauern ihre Produkte in für sie viel vorteilhafterer Weise auf den Markt. Der Preis der Butter ist dadurch innerhalb der letzten 10 Jahre um mindestens 20 Pro⸗ zent gestiegen. Desgleichen der Preis für Eier um 50 Prozent. Auch die Schweinezucht hat in der Wetterau ganz bedeutende Fortschritte zu ver⸗ zeichnen, und durch den⸗dauernd hohen Preis erzielen die Züchter eine ganz bedeutenden Nutzen. Mit einem Wort: unsere Wetterauer Landwirtschaft hat innerhalb der Periode der niedrigen Zölle ganz bedeutende Fortschritte zu verzeichnen gehabt und die Einnahmen der Bauern haben sich entsprechend gesteigert. Das kommt auch in der Lebensweise unserer Bauern zum Ausdruck. Jeder, der es nur halbwegs kann, hat heute seinen Federwagen, um Sonn⸗ tags ausfahren. Die größeren Bauern fahren alle mit Landauern, und die Fälle, wo ein Wetterauer Bauer seine Hochzeit im größten Friedberger Hotel feiert unter Mitwirkung von Militärmustk, sind durchaus nicht selten. Eben⸗ so haben die größeren Bauern der Wetterau ein landwirtschaftliches Kasino gebildet. In kurzen Zwischenräumen kommen sie in demselben Hotel zusammen und arrangiren dort bei Wein und Mustk frohe Zechgelage mit Tanz. Der steigende Wohlstand dieser Bauern dokumentirt sich aber auch darin, daß die Ar⸗ beiter, die auf den Dörfer wohnen und sich dort ein Häuschen bauen wollen, in den weitaus meisten Fällen ihre Kapitalien von den Bauern entnehmen. Diese Bauern erreichen damit zweierlei: einmal haben sie einen immer bereiten Arbeiter resp. Arbeiterin, wenn ste einen solchen brauchen, und zweitens sichern stie sich oder ihresgleichen bet Gemeindewahlen ein festen Stamm von Stimmen. Und so kann man es auch begreifen, daß bei solchen Wahlen oft die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben, wie das Sprichwort sagt, das heißt, daß die dümmsten, aber reichsten und oft verhaßtesten Bauern die meisten Stimmen bekommen. Daß dieses Abhängigkeitsverhältnis auch bei Reichs⸗ und Landtagswahlen mißbraucht wird, läßt sich denken. Die Fälle, wo derartig von einem Bauer beliehene Leute nach Wahlen von ihrem Eigentum kamen, weil man sie im Verdacht hatte, daß ste anders gewählt hätten, als ihr Kapitalist verlangte, sind durchaus nicht selten. Typisch für diesen Fall ist das durch den Wahlkrawall bekannt gewordene Dorf Burg⸗ gräfenrode, dessen Bürgermeister eine Reihe von Einwohnern beliehen hat und der nach der letzten Wahl gleich zwei Einwohner auf Rück⸗ zahlung der geliehenen Kapitalien verklagt hat. Nun soll nicht behauptet werden, daß das vorhin Gesagte in Bezug auf Lebenshaltung, Einkommen usw. auf alle Bauern der Wetterau zutrifft. Das ist keineswegs des Fall. Ihre Zahl ist größer im Zentrum und Südwesten und nimmt gegen deu Vogelsberg und die Aus⸗ läufer vom Taunus mehr und mehr ab. Aber auch dort, wo sie in größerer Zahl vorhanden sind, trifft man Dörfer, in denen die Hälfte und oft noch mehr so wenig Grund und Boden besitzen, daß sie absolut nicht mitkonkurriren könnnen. In demselben Maße, wie sich die besser gestellten Bauern die Fortschritte der Technik, der Viehzucht und des Schulwesens usw. zu Nutzen gemacht haben und dadurch Vorteile erzielen, in demselben Maße geht der kleine Bauer mehr und mehr zurück. Er kann keine großen Flächen bei der Bereinigung der Felder zusammenbekommen, da sein Bestitz nicht ausreicht; er kann sich keine große Vieh⸗ haltung anlegen, da ihm das Futter nicht aus⸗ reicht. Er kann seinen Sohn weder auf die Real⸗ schule noch auf die landwirtschaftliche Schule schicken. Bei jedem, auch dem kleinsten Anlaß merkt er die Ueberlegenheit seines besser gestellten besitzenderen Konkurrenten. Während bei den jetzigen teueren Fletschpreisen der besser situirte Bauer die Mehraus gabe beim Einkauf von Fleisch immerhin noch durch gelegentlichen Ver⸗ kauf eines Stückes Vieh ausgleichen kann, ist der kleine Bauer in dieser Zeit zur vollständigen Enthaltsamkeit verdammt. Wohl hat auch er jetzt nach und in der Ernte seine größten Ein⸗ nahmen; aber eine Reihe von Lieferanten, Hypothekengläubigern usw. warten schon auf den Tag, an dem das bißchen Frucht auf den Wagen des Händlers kommt. Da bleibt in der Regel nichts mehr übrig und er wartet weiter auf die Rüben⸗ und Kartoffelernte. Dtese Bauern sind in den meisten Fällen schlechter gestellt, als die in diesem Orte wohnenden Arbeiter. Auch der Mehrertrag durch Zölle kann da nicht mehr helfen. Teuere Frucht⸗ und Brodpreise üben auf die Lebenshaltung dieser Bauern genau dieselbe Wirkung aus, wie auf die besitzlosen Arbeiter. Sie dienen nur dazu, das Heer derer, die sich von der Landwirtschaft ab⸗ und der industriellen Tätigkeit zuwenden, zu ver⸗ mehren. Auch die am 1. September d. J. in Aussicht genommene Erhöhung der Milch- preise bleibt für die kleinen Bauern ohne jede Bedeutung, da sie nicht die geringste Mehrein⸗ nahme dadurch bekommen. Nur die größeren Bauern haben den Vorteil davon. Die Uner⸗ sättlichkeit dieser mittleren und großen Bauern wird mit jedem Tage größer. Hier muß mit der Agitation und Aufklärung eingesetzt werden. Das ist um so leichter mög⸗ lich, als eine Reihe von Dörfern in der Wetterau ausschließlich oder in der Mehrzahl von kleinen Bauern bewohnt werden. Nur auf diese Dörfer müssen wir in erster Linie gehen. Zwei Fliegen können wir da mit einer Klappe schlagen. Erstens können wir diese Bevölkerung für uns ge⸗ winnen und zweitens die Jugend derselben, die in den meisten Fällen gezwungen ist, als Lohn⸗ arbeiter, Maurer, Weißbinder usw. in die um⸗ liegenden Städte zu gehen. Diesen kleinen Bauern müssen wir zeigen, welche Hülfsmittel ihren besitzenden Brüdern zur Verfügung stehen, wie nur deren Söhne die höheren Schulen be⸗ suchen, wie diese die Maschinen ausnutzen können, wie diese bei den Prämtirungen in der Regel Diejenigen sind, deren Ochsen die schönsten Hörner haben, wie nur diese an teueren Fleisch⸗ und Fruchtpreisen Nutzen haben, während sie jetzt schon darben müssen, obwohl der Zolltarif noch nicht Gesetz ist. a 5 Die Zahl jener kleinen Bauern, die in jenen Dörfern für uns zu gewinnen sind, im Verein mit den Arbeitern, wird genügen, um auch die reiche und fruchtbare Wetterau für die Sozital⸗ demokratie zu erobern. Dafür bürgt uns das Inktafttreien des neuen Zolltarifes und seine Wirkung auf die kleinen Bauern. 2 Auf dem Holzweg. Humoreske von Viktor Lenz. 3) Forstobung. Dieselbe Post, mit welcher das landrätliche Schreiben nach Dingsdahausen gekommen war, rr 1 l Nr. 35. Mitteldentsche Sonntags⸗ genung. Seite 7. hatte noch eine zweite nicht minder wichtige Bot⸗ schaft in's Städtchen gebracht: ein kleines rosa Briefchen an Fräulein Walli Wansterl, die jüngste Tochter des Herrn Bürgermeisters. Die Familie des Herrn Wansterl bestand aus Gattin Und drei Töchtern, Nelli, Polli und Walli, die mit körperlichen Reizen nicht gerade allzu reich ausgestattet waren, aber doch immerhin noch Anziehungskraft genug besaßen, um auf Neu⸗ linge im Liebesspiele oder Spekulanten auf die bürgermeisterliche Gunst des Herrn Papas einen gewissen Eindruck zu machen. Seit etwa sechs Jahren erschien das holde Kleeblatt bei allen Sedanfeiern, Erntefesten und sonstigen öffentlichen Lustbarkeiten der Umgegend, bei denen man die Anwesenheit heiratsfähiger junger Männer im Alter von zwanzig bis stebzig Jahren erwarten konnte. Aber obwohl die jungen Damen in ihrem Geschmack durchaus nicht heikel waren, hatte sich doch für sie bisher nichts„Ernsthaftes“ finden wollen. Da waren sie aber neulichst bei einem Waldfest in Flins⸗ dorf gewesen, und hier hatte sich ihnen das Glück ganz besonders günstig erwiesen. Ihre Freundin Clara Müller, die Tochter des Gutspächters von Flinsdorf, welche die Einladung an sie hatte ergehen lassen, besaß einen Bruder, der Theologie studierte, und dieser wiederum hatte zwei Freunde, einen Bahnassistenten und einen jungen Feldmesser, die sich in Gemeinschaft mit den Studenten, bei dem Waldfeste eingefunden hatten. Und da hatte es sich denn ganz von selbst gemacht, daß aus den drei jungen Leuten und den drei Bürgermeisterstöchtern sich drei Pärchen bildeten, zu denen sich Clara Müller mit ihrem Bräutigam, einem Tierarzt, als viertes Pärchen gesellte. Es war der glücklichste Tag, den Nellt, Polli und Wallti in ihrem jungfräulichen Dasein ver⸗ lebt hatten, und voll der süßesten Hoffnungen waren sie damals mit der Bahn von Flinsdorf über Dummenfelde nach Dingsdahausen zurück⸗ gekehrt. Der Umstand, daß die Frau Mama sich an dem Ausfluge nicht beteiligt hatte, war noch ganz besonders geeignet gewesen, den Reiz des herrlichen Tages zu erhöhen, und die drei Grazien hatten sich denn auch das Wort gegeben, über die wichtigsten Ereignisse des Tages den Eltern gegenüber vorläufig unberbrüchliches Stillschweigen zu bewahren. „Wird er schreiben?“ fragte sich im Laufe der nächsten vierzehn Tage so manches Mal die blonde Nelli und dachte dabei in bangen Zweifeln an ihren kleinen Assistenten. „Wird er schreiben?“ fragte sie auch die braunzöpfige Polli, die es auf den Feldmesser mit den schönen gelben Glacehandschuhen und 50 echt modernen spitzen Lackstiefel abgesehen atte. „Wird er schreiben?“ fragte sich ebenso die schwarzlocktge Walli, die ihr Herz an den jungen Studiosus mit dem flotten Schnurrbärtchen verloren hatte. Und siehe da, er schrieb, der Studiosus nämlich— und was schrieb er! „Triumph! Triumph!“ rief Walli den vor Neid und Aufregung zitternden Schwestern zu, nachdem sie den Briefträger glücklich auf der Treppe abgefangen hatte—„ste kommen!“ Ja, sie kamen wirklich— am nächsten Sonntag, gegen neun Uhr des Morgens, wollten sie sich in der etwa zehn Minuten von Dings⸗ dahausen entfernten„Waldschenke“ einfinden, und sie baten die Damen, ihnen wenn möglich, auf halbem Wege zur Waldschenke entgegenzu⸗ kommen, damit sie, wie es höchst poetisch in dem Briefchen hieß,„gemeinsam die letzten Blümchen des scheidenden Sommers pflücken und zum uuvergänglichen Kranze der Freundschaft winden könnten.“ Dann wollten sie sich dem geehrten Elterupaare vorstellen, dann die Predigt hören, dann... doch das würde sich ja Alles finden. Die Reise wollten sie bis Dummenfelde mit dem Frühzug, von da zu Fuß auf der Landstraße zurücklegen. Am Nachmittag sollte dann auch noch Clara Müller und der Tierarzt nach⸗ kommen. War das ein Jauchzen und Lachen, ein Um⸗ armen und Küssen unter den drei glücklichen Mädchen! Bald hatten sie einen Plan aus- geheckt, wie sie es anstellen wollten, um so früh ohne Aufsehen in die Waldschenke hinauszuge⸗ langen, denn für die Eltern sollte die Ange⸗ legenheit bis zum letzten Augeblick ein Ge⸗ heimnis sein. „Selbstverständlich bleiben sie zu Tisch,“ ent⸗ schied Nelli, welche die Küche unter sich hatte, „ich werde für alle Fälle ein halbes Dutzend Rebhühner bestellen.“ 188 Die beiden Schwestern waren natürlich der⸗ selben Meinung, ste wollten sogar noch einen Rehrücken hinzufügen. Jede von ihnen suchte sich mit dem Aufgebot ihrer ganzen Phantaste die Ereignisse des Sonntags im Voraus aus⸗ zumalen, und die glückliche Walli mußte den Brief des Studenten für je eine Nacht an die beiden Schwestern ausleihen, doch erlaubte sie nur, daß sie unter's Kopfkissen und nicht etwa gar auf's Herz tene Herr Wansterl hatte alle Vorbereitungen getroffen, um die„Feinde der Gesellschaft“ am nächsten Sonntag dem verabredeten Plane ge⸗ mäß nach Gebühr zu empfangen. Schon am nächsten Sonnabend Abend hatte man den schlaueren der beiden Stadtsergeanten, Biskup mit Namen in Zivilkleider gesteckt und als Kundschafter nach Dummenfelde gesandt. Man erwartete nämlich, daß die Männner der roten Fahne entweder am Sonnabend mit dem letzten oder am Sonntag mit dem ersten Zuge von Leuchtenburg ankommen würden, und Biskup sollte nun auf dem Bahnhofe zu Dummenfelde, auf welchem nach Dingsdahausen umgestiegen wurde, alle verdächtigen Persönlichkeiten be⸗ obachteten und die für ein erfolgreiches Vor⸗ gehen erforderlichen Schritte tun. Auch in Dingsdahausen war ein wohl⸗ organisirter Kundschafterdienst eingerichtet worden. Kandidat Weißkohl hatte sich für den Sonntag vom Kirchendienst freigemacht, nur ein paar Armentaufen hatte er am Nachmittag vorzunehmen. Die nötigen„Kerntruppen“ hatten der Apotheker und der Kandidat mit Leichtigkeit zusammengetrommelt; man brauchte nicht einmal auf das liebenswürdige Anerbieten des Gutsbesitzers zurückzugreifen. Der Kirchen⸗ vorstand, der Kriegerverein, der Kegelklub, sie alle hatten Freiwillige gestellt. Die Bewaff⸗ nung bestand aus Knüppeln, alten Säbeln, Stockdegen, sogar einen Revolver hatte man aufgetrieben, und der Apotheker hatte„für alle Fälle“ ein Viertelpfund Arsenik in die Tasche gesteckt. Man glaubte es getrost mit einem Dutzend von Feinden aufnehmen zu können. Am Sonntag Morgen erschienen der Bürger⸗ meister, der Apotheker und der Kandidat Weiß⸗ kohl bereits um 6¼ Uhr, zum ersten ankom⸗ menden Zuge, auf dem Bahnhof des Städtchens. Fünf Minuten später war auch der Doktor da — die übrigen Stützen der Gesellschaft zogen es vor, sich die Entwicklung der Dinge aus der Ferne anzusehen. Das Gros der Angriffs- truppe wartete im Hinterhalt. Niemand stieg aus als ein paar alte Weiber, welche Butter und Eier zur Stadt brachten. Dagegen über⸗ gab der Zugführer dem Herrn Bürgermeister ein in aller Eile mit Bleistift geschriebenes Bulletin fred Inhalts: „Sind eben angekommen. Nur drei Mann. Gehen von Dummfelde zu Fuß auf der Chaussee bis Waldschenke, wollen dort um 9 Uhr Je⸗ manden treffen. Tragen jeder etwas Rundes, in weißes Papier gepackt, sehen sonst ganz fein aus. Ich gehe ihnen zu Fuß nach. Gehorsamst Biskup, Stadtsergant.“ 5 „Tragen etwas Rundes in weißes Papier gepackt,“ wiederholte mechanisch der Bürger⸗ meister, nachdem er den Zettel mit Mühe ent⸗ ziffert hatte. 8 „Dynamit!“ riefen wie aus einem Munde der Doktor, der Kandidat und der Apotheker, und ihre Gesichter wurden so weiß wie das Blatt Papier, das der Bürgermeister in der. Hand hielt. Dynamit! Schrecklicher Gedanke! „Ja, was machen wir da?“ fragte der Bürgermeister, der ganz entsetzt und ratlos war wie die Anderen. 5 Die Kehlen waren ihnen wie zugeschnürt. Sie traten in die Bahnhofsrestaurafion und tranken Jeder ein paar Kognaks. Endlich lösten sich ihre Zungen ein wenig, und der Doktor wagte zuerst zu reden. (Schluß folgt.) Allerlei. Der Wert des Kommas. Ein Schulinspektor erschien bei dem Bürger⸗ meister einer kleinen Stadt und bat diesen, ihn auf einer Inspektionstour durch die Schulen zu begleiten. Der Bürgermeister war schlechter Laune, und, während er in das andere Zimmer trat, um sich zum Ausgehen bereit zu machen, hörte der Schulinspektor ihn vor sich hinbrum⸗ men:„Möchte wissen, was der Esel schon wieder will!“ Der Inspektor sagte nichts, sondern wartete den geeigneten Moment ab und begab sich mit dem Bürgermeister auf die Tour. In der ersten Schule wünschte er die Fortschritte der Schüler in der Interpunktion zu sehen. „Wir fragen nicht viel nach dem Komma und sonstigen Kleinigkeiten,“ brummte der Bürger— meister. Der Schulinspektor schickte einen Knaben an die Wandtafel und befahl ihm zu schreiben: „Der Bürgermeiste von Ritzebüttel sagt, der Inspektor ist ein Esel.“ Dann befahl er dem Schüler, das Komma zu versetzen, indem er es hinter das Ritzebüttel setzen solle und ein zweites nach dem Wort Inspektor, worauf der Knabe schrieb:„Der Bürgermeister von Ritzebüttel, sagt der Inspektor, ist ein Esel.“ Wahrschein⸗ lich änderte der Bürgermeister hierauf seine Ansicht über den Wert des Kommas und solcher Kleinigkeiten. Der Priester im Sprichwort. Ein italienisches Parteiblatt veröffentlicht eine Blütenlese von italienischen Sprichwörtern über die Geistlichen. Einige mögen hier Platz finden. Die Sizilianer sagen: Der Pfarrer hat einen langen Arm zum Nehmen und einen kurzen zum Geben. Die Toskaner: Priester, Mönche, Nonnen und Hühner sind nie satt. Ein genuesisches Sprichwort lautet: Vater Nimm ist in der Sakristei, Vater Gieb ist nirgends zu finden. Die Piemontesen: Wer tut, was der Priester sagt, kommt in den Himmel, wer tut, was der Priester tut, fährt in die Hölle.— Wenn der Priester sagt: lasset uns beten, hat er schon drei Lire im Sack, heißt es bei den Venezianern. In Verona sagt man: Von Pfaffenhaß, Mönchsdummheit und Nonnen⸗ klatsch— bewahre uns, o Herr! Am schärfsten und beißendsten ist ein Sprichwort der Man⸗ tuaner: Die Priester kochen ihre Suppe mit den Flammen des Fegfeuers. Splitter. Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrößert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an deren Umgang wir Geschmack haben. A. Fauerbach. * * Sprich nie Böses von einen Menschen, wenn du es nicht gewiß weißt, und wenn du es gewiß weißt, so frage dich: warum erzähle ich es. Lavater. Humoristisches. Er kann Deutsch. Ein Pole, der in der Fremde gewesen, kam wieder heim zu seinen Landsleuten. Er verfügte über einen nach seiner Meinung reichen deutschen Wortschatz, den er unausgesetzt zum besten gibt. In der Hauptsache bestand er aus: Schweinekerl, Drecksau, Horn⸗ ochs, Mistvieh usw. Ein zufällig anwesender Deutscher fragte den Polen, wo er Deutsch gelernt habe, worauf dieser stolz erwidert: „Bei die deutsche Militär.“(Wahr. Jak.) St. Bureaukratius bei Spremberg. Stimme aus den Trümmern:„Mann! Erbarmen Sie sich! Hilfe! Hilfe!“— Bahnbeamter:„Ich muß erst nach Hause, meine vorschriftsmäßige Dienstmütze auf⸗ setzen, sonst komme ich selbst unter die Räder!“(Jand.) Tröstung. Ein ausgesperter Arbeiter klagte dem Herrn Pfarrer seine Not. Keinen Verdienst und dabei sechs Kinder.„Murren Sie nicht über die starke Familie“ erwiderte der Seelsorger,„es ist ein Trost, Genossen im Unglück zu haben.“(Wahr. Jat.) — —— — ——„ Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeituna. Nr. 35. Konsum- Verein Giessen u. Umgegend E. G. m. beschr. H. Bilanz am 30. Juni 1905. Aktiva:. 8 Passiva: 4 Kassenbestand Anteil der Mitglieder 5188.50 bar 138.63 Reservefond 705.65 Gewerbebk. 10368.53 Spezial⸗Reservefond 58.52 Wechselgeld 30.— 10537.16[Guthaben d. Lieferanten) 5068.33 Anteil bei der Groß⸗ Noch zu zahl. Unkosten 86.28 einkaufsgesellschaft 500.— Kautionen⸗Konto 500.— Warenvorrat 3918.14 Nichterhob. ge 75 nventar n. 10% Absch. 857.“„ 1 8 Ausstinde l sch 668.16(Reingewinn 4827.98 Emballage 0 16530.46 16530. 46 Mitgliederzahl am 1. Juli 1904. 272 ausgeschieden 28 eingetreten 99 93 Mitgliederzahl am 30. Jun 1905 8365 Die Haftsumme beträgt 10980.— Mk. Gießen, im August 1905. Für den Vorstan d: 5 Michael Kessler, Geschäftsführer. Paul Niewisch, Kassierer. Für den Aufsichtsrat: Karl Orbig, Vorsitzender. Sountag den 3. September 1905, nachmitt. 3 Uhr: General⸗Versammlung im„Gambrinus“(Albold), Kirchstraße 11. Tagesordnung:) Geschäftsbericht. 2) Kassenbericht, Re⸗ visionsbericht, Genehmigung der Jahresrechnung. 3) Verteilung des durch gemeinsamen Einkauf Ersparten. 4) Erwerb von Grund⸗ stücken. 5) Ergänzungswahl des Aufsichtsrates. 6) Etwaige Anträge. Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert, daß die Mitglieder zahlreich erscheinen. Der Vorstand. Sonntag, 27. und Montag, 28. August: Kirchweihfest zu ala wozu ergebenst einladen die Wirte: Lud. Bierau M. z. Schwanen Fr. Weinrich M. z. Traube Edgar Borrmann, Giessen. Neustadt 11222 D Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus- und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. Geräte Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Rasenmäher Waagen und Gewichte Stehleitern Messerputzmaschinen Herde und Oefen Petroleum⸗ u. Gaskocher Fleischhack- u. Reibemasch. Dr. Kleins Fleischsaftpresse Pferdeschoner 086880 9000008 — 6 4 2 8 2 5 — 6 2 2 8 2 2 2 — von. 3 3. Joh- Fr. 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