rere/ den t. den 1 ar; eins 5. 1 ann del adler . vol zuche frei. pribat Ko. rl 2 ee — e — ——— —— Nr. 13. Gießen, den 26. März 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. N r Mitteldeuts che untags⸗ Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch bie Expedition umer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼⁰8% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die 5 gespalt. Bei mindester s Sozialdemokratische Pflichten. Die Zahl derjenigen, welche den öffentlichen Dingen, den politischen und wirtschaftlichen Fragen mit absoluter Gleichgültigkeit gegen⸗ überstehen, ist zwar heute auch noch eine sehr große, doch sie hat sich in der letzten Zeit ent⸗ schieden vermindert. Es gehört schließlich auch nicht allzupsel dazu, um zu der Einsicht zu gelangen, daß eine dauernde Besserung der Lage des Einzelnen nur durch Hebung der Lage der Gesamtheit erreicht werden kann und daß die Gestaltung der Dinge in Staat und Gemeinde sehr wesentlich die Verhältnisse des Einzelnen beeinflußt. Daher muß der Einzelne darauf bedacht sein, diese Dinge so gestalten zu helfen, wie es im Interesse der Gesamtwohlfahrt not⸗ wendig ist. Es kann aber einer vom besten Willen beseelt und von den richtigsten Anschau⸗ ungen durchdrungen sein, er steht als Einzelner ohnwächtig da, er wird gar keinen oder nur geringen Einfluß auf die Entwickelung und Gestaltung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ausüben können. Seine Anschau⸗ ungen und Grundsätze müssen Gemeingut Vieler, aller der unter den heutigen Verhältnissen Leidenden werden, er muß für seine Ideen, für die Idee der Arbeiterklasse agitieren. Und die wirksamste Agitation wird durch die Presse, durch die Zeitung bewirkt. Die bürgerlichen Blätter dienen ausschließlich kapitalistischen Zwecken. Von Kapitalisten gegründet soll eine bürgerliche Zeitung zunächst diesen Kapftalisten Profit abwerfen. Das ist ihre Hauptaufgabe, ihr zu⸗ liebe pfeift ein bürgerliches Blatt, wenn es sein muß, auf Prinzipien jeder Art und nennt heute schwarz, was es gestern noch als weiß ver- kündet hat. Da aber der Weizen aller Kapitalisten, auch der der Zeitungskapitalisten, nur in der kapita⸗ listischen Gesellschaftsordnung gedeihen kann, so ist die bürgerliche Presse einmütig in dem Be⸗ streben der Aufrechterhaltung der privatkupita⸗ listischen Grundlage der heutigen Gesellschafts⸗ ordnung. Weichen die bürgerlichen Zeitungen in Aeußerlichkeiten und in Nebensächlichkeiten auch von einander ab, so sind ste stch in dieser Hauptsache doch alle einig. Die sozialdemokratischen Zei⸗ tungen dienen ausschlteßlich politisch⸗prinzi⸗ piellen Zwecken. Von Arbeitern für Arbeiter gegründet, machen sie die äußeren geschäftlichen Gebräuche nur insoweit mit, als die vorläufig noch nicht überwundenen juristischen und sozialen Gesetze des kapitalistischen Klassenstaats dieses erfordern. Aber die geschäftliche Seite ist für die sozialdemokratische Presse nicht die Haupt⸗ sache, und niemals weicht ein sozialdemokratisches Blatt irgend einem Geschäftchen zuliebe auch nur um Haaresbreite von seinen politischen Prin⸗ zipien ab. Die sozialdemokratische Zeitung 15 5 daher in jedes Arbeiterhaus. Nur sie bietet dem aufgeklärten Arbeiter, dem Angehörigen der besitzlosen Klasse, den politischen And sonstigen Stoff in der Auswahl, Zusammen⸗ stellung und Beurteilung, wie es seinen Interessen entspricht. Nur sie ist den Arbeitern in ihren Kämpfen politischer und gewerkschaftlicher Natur die allzeit hilfsbereite und unerschrockene Helferin. Auf allen Gebieten, in der Politik, in der Sozial⸗ politik, in den kommunalen Angelegenheiten ver⸗ tritt nur sie die Interessen der besitzlosen Klasse. Leider wissen noch nicht alle Arbeiter diese hohe Bedeutung der Arbeiterpresse zu würdigen. Täten sie es, so hätte das Arbeiterblatt größeren Einfluß, und es könnte äußerlich und innerlich noch mehr bieten, als es heute der Fall ist. Darum sollen alle Arbeiter, besonders aber die organisierten bemüht sein, ihrem Organ soviel Leser als möglich zuzuführen. Jeder neue Leser ist ein neuer Kämpfer. Wer sein Partei⸗ blatt liest und unterstützt, nützt sich selbst und der großen Sache, der er dient. Darum muß er jetzt, bei dem bevorstehenden Quartalswechsel es für seine vor nehmste Pflicht halten, seinem Blatte neue Leser zuzuführen und unablässig zu wirken für das einzige sozialdemokratische für di Oberhessens und der Nachbarbezirke ür die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Aus dem Keichstage. Am Mitwoch begann der Reichstag mit der zweiten Beratung des Etats des Reichs⸗ kanzlers.“ Dabei kam es wieder zu lebhaften Redekämpfen zwischen unsern Genossen und dem Reichskanzler. Selbstverständlich ließen es sich unsere Genossen nicht nehmen, die Russen⸗ wirtschaft im Deutschen Reiche gehörig zu kriti⸗ sieren. Am ersten Tage geschah dies bereits durch Vollmar, der die von der sozialdemo⸗ kratischen Fraktion beantragte Rosolutionen be⸗ gründete. Diese verlangen einen Gesetzentwurf, in dem die politische und budgetrechtliche Ver⸗ antwortung des Reichskanzlers festgesetzt wird; ferner Kündigung der Auslieferungsver⸗ träge Preußens und Bayerns mit Rußland, weiter einen Gesetzentwurf, der die Aufhebung der polizeilichen Aufenthaltsbeschrän⸗ kungen ausspricht. Vollmar wandte sich in einer ausgezeichneten Rede gegen die Unter⸗ würfigkeit, mit der die deutsche Reichsregierung den Wünschen Rußlands entgegenkommt. Jeden⸗ falls sei es heute, wo Rußland weder als Feind besonders gefährlich, noch als Freund zu schätzen sei, an der Zeit, diese für Deutschland geradezu entehrenden Verträge zu kündigen. Graf Bülow ging der Beantwortung dieser Frage aus dem Wege und beschränkte sich darauf, der Sozial⸗ demokratie das sie ehrende Motiv der Russen⸗ feindschaft vorzuwerfen, ohne auch nur mit einem Worte erkennen zu lassen, daß er es weiß, daß sich diese Feindschaft nicht gegen das russtsche Volk, sondern gegen den russischen Despotismus richtet. Die weitere Debatte brachte noch eine komische Rede des Antisemiten Re⸗ ventlow, der in unseren Kolonien die Misch⸗ rassen mit„Feuer und Schwert“ ausrotten und den intimen Verkehr zwischen Männlein und Weiblein reglementieren will. Die Sozialdemokratie glaubt er durch Gründung einer großen„nationalen“ Partei, wofür er auch den Grafen Bülow zu interessieren ver⸗ suchte, auf den Aussterbeetat zu setzen. Viel Glück dazu! Bei der Fortsetzung der Debatte am Donners⸗ tag ergriff Bebel als erster Redner das Wort. Mit dem ihm trotz seiner 65 Jahre auszeich⸗ * In der vorigen Nummer war irrtümlich gesagt: dritte Lesung des Etats. nenden jugendlichen Feuer griff er die deutsche Russenpolitik an. Den Antisemiten fertigte er wie folgt ab: Graf Reventlow hat seine Angriffe gegen meine Partei gestern mit einem solchen Uebermaß des Selbst⸗ gefühls vorgetragen, daß ich schon deswegen nicht bereit bin, ausführlich darauf einzugehen. Ich hätte aber nicht geglaubt, daß im deutschen Reichstag Angriffe so kindlicher Art unternommen werden könnten. Graf Reventlow verlangte, daß die Vermischung zwischen Deutschen und Eingeborenen in unsern Kolonien mit Feuer und Schwert ausgerottet werde. Vielleicht denkt er bei seiner antisemitischen Gesinnung ebenso über die Vermischung von Juden und Germanen. Dagegen hätten wir insofern nichts einzuwenden, als dadurch eine ganze Reihe Edelster dee Nation beseitigt würden. Dann wandte er sich den Ausführungen des Reichskanzlers vom Tage vorher zu und sagte dem Grafen Bülow unter anderem Die Ausführungen des Herrn Reichskanzlers gegen meinen Parteifreund v. Vollmar ließen jede Erklärung vermissen, ob und aus welchen Gründen der Herr Reichs⸗ kanzler die Auslieferungsverträge von 1885 billigt. Mein Parteifreund v. Vollmar hat nicht nur behauptet, sondern auch bewiesen, daß die Politik Deutschlands gegenüber Rußland schon in Bismarckschen Zeiten eine unwürdige war. Herr v. Mittnacht, auf den sich mein Parteigenosse berufen konnte, stand jahrelang in intimstem Umgang mit dem Fürsten Bismarck und hat es erzählt, wie sehr der Reichskanzler selbst damals unsere unwürdige Stellung empfunden hat. Die traurige Rolle, die beim Königsberger Prozeß sowohl der preußische Justizminister, wie die Anklage⸗ behörde, wie der Gerichtshof gespielt hat, scheint den leitenden Stellen der Staatsregierung noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein. Ein solcher Freund⸗ schaftsdienst gegen den Nachbarstaat ist in keinem andern Lande der Welt bekannt geworden, aber die Herren von der Regierung traten einer nach dem andern hier auf die Tribüne und verteidigten den Prozeß. Im Abge⸗ ordnetenhaus mußte der Justizminister erklären, daß er in mehrfacher Hinsicht sich habe täuschen lassen, daß der russische Generalkonsul ihm drei verschiedene Ueber⸗ setzungen geliefert habe und daß alle drei falsch waren. Aber nicht die Staatsanwaltschaft und nicht die Richter haben diese Versehen aufgedeckt, sondern die Verteidiger. Wären diese weniger geschickt gewesen, so wäre ein schreck⸗ licher Justizmord geschehen. Dee Justizminister verteidigte die Versehen damit, daß der betreffende Referent gerade im Begriff gewesen wäre, eine Relse anzutreten und das Gutachten nur so in aller Eile habe machen können. Also mit dem Koffer in der Hand wird über die Frei⸗ heit vieler Menschen entschieden. Ist eine solche Gleich⸗ gültigkeit und Lieder lichkeit der preußischen Regierung möglich? Selbst ein Zentrumsabgeordneter vom preuß schen Abgeordnetenhaus, ein Richter, hat sein Befremden darüber ausgesprochen. Wie können die Richter, das Volk, vor dem Justizminister noch Respekt haben, wenn er in so schwerer Weise das Recht beugt. Wenn man in Preußen noch etwas auf Reputation hält, so muß ein solcher Minister fort von seinem Platz. Aber auch die russische Regierung muß ersucht werden, daß sie ihren Generalkonsul, welcher Fälschungen begangen hat, abruft. Die russische Regierung aber hat die deutsche während dieses Prozesses geradezu verhöhnt und hat ihr nur ganz langsam und zögernd die nötige Rechtshilfe gegeben. Wenn mich jemals etwas im Verhalten der russischen Behörde gefreut hat, so war es das. Auch im Falle des Fräulein Berson, wo der preußische Polizeiminister nichts weniger als gentleman like Bettgeheimnisse vor dem Parlament aus⸗ kramte, hat die preußische Regierung vergeblich auf eine Antwort Rußlands auf ihre vielen Telegramme gewartet. Was würde Herr von Hammerstein sagen, wenn wir hier die Bettgeheimnisse der Hohenzollern oder etwa die seiner eigenen Familie auskramten. Da stimmt ja auch manches mit den von ihm vertretenen kitung. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 13. Anschauungen nicht überein. Man wendet ein, daß die Annahme unserer Resolution, die dieses immerwährende schmachvolle Sichbeugen vor Rußland moralisch verurteilt, doch keinen Erfolg haben werde. Aber wir können nicht gegenüber Tatsachen schweigen, die Deutschland der ganzen Welt gegenüber bloßstellen. Wir hoffen, daß wir nicht oft mehr in die Lage kommen werden, diese Anklage hier zu erheben, schon deshalb, weil wir er⸗ warten, daß dem heutigen Rußland bald ein neues Rußland folgen wird, in dem auch die russische Bevölke⸗ rung endlich imstande sein wird, sich als Menschen zu fühlen. Der Reichskanzler suchte in gewohnter Weise bei den wuchtigen Angriffen Bebels vor⸗ beizutänzeln, indem er sich dabei wieder als weitsichtigen, ruhig abwägenden Diplomaten feierte. Nur die sozialistische Presse hetze gegen Rußland und will zu einem Kriege treiben. Bülow enthüllte dabei das große Geheimnis, daß die Sozialdemokratie die bestehende Ord⸗ nung in Rußland umzustürzen wünsche. Zwischen⸗ rufe von Seite unserer Genossen quittierten über die geradezu komische Bezeichnung der russischen Zustände als Ordnung! Nach einer trefflichen Rede unseres Genossen Heine, der die Reso⸗ lution über die Verantwortlichkeit des Reichs⸗ kanzlers begründete und eingehend darlegte, wie eine solche gesetzlich festgelegt sein müsse, wenn von einer verfassungsmäßigen Budgetbewilli⸗ gung die Rede sein solle, zeigte Stadthagen, wie die von den Sozialdemokraten geforderte Beseitigung der Auslieferungsverträge nichts verlangt als daß Deutschland vom Barbaren. recht zum Recht der gesitteten Nation übergehen soll. An einer großen Reihe skandalöser Aus⸗ weisungen von Arbeitern, Männern und Frauen, legte er dar, wie weit Deutschland jetzt von einem Fremdenrechte, das einer Kulturnation würdig sei, entfernt ist, während es anderseits von Spitzeln aller Art wimmle. Das Zentrum machte gegenüber dieser Forderung durch den Mund des Herrn Gröber faule Ausreden. Immer wenn das Zentrum helfen soll, irgend ein Unrecht zu beseitigen, das die Regierung beizubehalten wünscht, versagt es. Als seine Wahlparole verkündet es aber nach wie vor: „Für Wahrheit, Freiheit und Recht!“ Bei der Weiterberatung am Freitag schilderte Genosse Haase⸗Königsberg die Miß⸗ stände auf dem Gebiete des Auswanderungs⸗ wesens und brachte eine große Anzahl empören⸗ der Fälle vor, bei denen die russischen Aus⸗ wanderer den an Erpressung streifenden Ge⸗ schäftspraktiken der Agenten Ballins, des Direk⸗ tors der Hamburg- Amerika ⸗Linie ausgeliefert worden waren. Zum großen Ergötzen des ganzen Reichstags erzählte Haase, wie einer der Auswanderer, dem so übel mitgespielt wurde, sich schließlich als Vertreter des„Vor⸗ wärts“ entpuppte, der dann die skandalöse Be⸗ handlung der armen russischen Flüchtlinge in die Oeffentlichkeit brachte. Die Auswanderer wurden geradezu russisch behandelt. Haase verlangte vom Reichskanzler, daß er diesen un⸗ würdigen Zustand beseitige! Bülow aber blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen und rührte sich nicht. Aus der Mitte unserer Fraktion erscholl nun der Ruf: Und dazu schweigt die Regierung? Eine andere Stimme antwortete mit wohlangebrachter Geringschätzung:„Was soll sie denn dazu sagen?“ Sie sagte auch nichts und ebensowenig die andern Parteien. In der weiteren Debatte kam das preußische Anstedelungsgesetz in den Ostmarken zur Be⸗ sprechung, das Haase als unklug und un⸗ gerecht verurteilte. Bei dieser Gelegenheit gab der Reichskanzler seine merkwürdige Ansicht über die 48 er Revolution zum Besten und er erklärte, damals seien„die Berliner„sehr töricht gewesen“ Revolution zu machen, aber sie seien— und das ist ihre Entschuldigung — bon Polen angeführt worden—„angeführt im doppelten Sinne des Wortes.“ Graf Bülow nimmt also den Spott Heinrich Heine's ernst, wenn er die Spießbürger verhöhnt: Ausländer, Fremde sind's zumeist, Die unter uns gesäet den Geist Der Rebellion— dergleichen Sünder, Gottlob, sind selten Landeskinder!“— Samstag kam der Kolonialetat zur Beratung, bei welchem unsere Redner Südekum und Ledebour, sowie einige bürgerliche Abgeordnete Beschwerden gegen die in den Kolonien verschiedentlich betriebene kapi⸗ talistische Ausbeutung vorbrachten. Die Militärvorlage stand am Mon⸗ tag auf der Tagesordnung und der Reichstag apportierte wie ein getreuer Pudel die gewünschte Heeresvermehrung. Die Regierung hat hierbei einen Handelskniff gebraucht, wie ihn sonst nur galtzische Handelsjuden gegenüber ruthenischen Bauern wagen können; sie hat sich 1893 eine bare Heeresbermehrung durch den Verkauf des Artikels„Zweijährige Dienstzeit“ erstanden, hat aber das Eigentumsrecht an dem Handelsartikel sich gewahrt, und verkauft ihn nun noch einmal, indem sie ihn sich mit einer neuen Herresvermehrung bezahlen läßt. Natürlich haben sich die bürgerlichen Parteien auf den Handel eingelassen und so ging am Montag die Regierungsforderung glatt durch. Während früher noch bürgerliche Parlamentarier sich mit aller Entschiedenheit gegen Festsetzung der Friedenspräsenzstärke auf mehrere Jahre wehrten, weil ein solches„Septennat“ eine Beeinträchtigung der Reichstagsrechte bedeutet, war es diesmal nur ein Sozialist, unser Genosse Bebel, der die Ehre des bürgerlichen Parla⸗ mentarismus rettete und durch eine glänzende Rede zeigte, daß noch nicht der ganze Reichstag dem Moloch⸗Militarismus zu Füßen liegt. Die Vorlage, welche die zweijährige Dienstzeit gesetzlich festlegt, aber für Ka⸗ vallerie und reitende Feldartillerie die drei⸗ jährige Dienstzeit beibehält, wurde gleichfalls angenommen. Die Mehrheit warf unsere von den Genossen Dr. Südekum und Singer trefflich begründeten Verbesserungsanträge auf Beseitigung der Ausnahmen von der zwei⸗ jährigen Dienstzeit, sowie namentlich des Ein⸗ jährigfreiwilligen⸗Privilegs, unter den Tisch. Die Soldatenschindereien, waren am Dienstag Gegenstand der Debatte. Grad⸗ nauer führte dazu unter Anführung zahlreicher Beispiele aus, daß die Scheußlichkeiten noch immer sehr zahlreich vorkommen und leider in vielen Fällen nur gelinde bestraft würden, während für kleinste Vergehen Untergebener gegen Vorgesetzte ungeheuerlichste Strafen ver⸗ häugt werden. Es könne nur eine volkstüm⸗ liche Ausgestaltung des Militärstrafgesetzbuches, der Prozeßordnung ꝛc. Besserung bringen. Da⸗ rauf mit der Sozialdemokratie hinzuwirken hätten aber die bürgerlichen Parteien versäumt. Die Debatte darüber ging am Mittwoch weiter. Politische Rundschau. Gießen, den 23. März 1905. Für die südwestafrikanischen Sandwüsten wachsen die Forderungen immer weiter an. Der neue Nachtragsetat von 27 Millionen wird in den nächsten Tagen an den Reichstag ge⸗ langen. Während nun schon ein Ergänzungs⸗ etat zum Haushalt von 1905 in Vorbereitung ist, der nach Ostern zur Verteilung kommen soll, verlautet schon jetzt, daß außerdem dem Reichs⸗ tage vor Schluß der Sesston nochein weiterer Nachtragsetat zugehen soll, da sich die Ausgaben für das Schutzgebiet immer fortsetzen. Unterdessen sind die Summen, die nachgefordert werden, genauer bekannt geworden, es sind uicht weniger als rund 61 Millionen Mark! Damit sind aber die Ausgaben noch nicht ab⸗ geschlossen, es werden vielmehr noch weitere nachfolgen und so kann man mit Sicherheit die Gesamtausgaben für den glorreichen süd⸗ westafrikanischen Feldzug auf 300 Millionen Mark einschätzen. Als Bebel bei der ersten Forderung für den Hererokrieg die Befürchtung aussprach, daß die Geschichte 50 Millionen kosten könnte, wurde er ausgelacht! Jetzt ist beinahe schon das Sechsfache verpulbert! Es ist eine sehr lange Rechnung, die dem deut⸗ schen Michel für das herrliche Südwestafrika überreicht wird!— General v. Trotha scheint die Geschichte in Südafrika auch gründlich satt zu haben. Er hat den Wunsch um Abberufung geäußert. 5 Hüben wie drüben. Geuosse Bebel hat folgenden Brief an den 1 französischen Genossen Jaures gerichtet, den dieser in seinem Blatte veröffentlicht: Lieber Genosse Jaures! Sie haben mir eine gute Stunde bereitet, indem Sie mir die Artikel des Temps und des Gaulois sandten, in denen man mich Ihnen als ein Muster von einem Patrioten gegenüberstellt, um Sie in den Augen Ihrer Landsleute zu brandmarken. Aber nicht nur mir haben diese Artikel Vergnügen bereitet, sondern sicherlich auch unseren Ministern, die so gesehen haben können, welch ausgezeichnete Stütze ihres Staatssystems der Temps und der Gaulois in mir erkennen. Unsre Feinde sind wirklich komisch. In Deutschland werden Sie und Ihre Freunde uns unausgesetzt als Muster vorgehalten und in Frankreich werden wir Ihnen als Exempel des Patriotismus empfohlen. Der Gaulois und der Temps können sich beruhigen. Seitdem die Sozial⸗ demokratie im deutschen Reichstag vertreten ist, d. ft. seit 38 Jahren, hat sie nie ein Militär⸗ budget, nie ein Marinebudget bewilligt und stets das Gesamtbudget abgelehnt und zwar aus folgenden drei Gründen: 1. Weil wir kein Vertrauen zu den Vertretern des jetzigen Staates haben, die die Arbeiter wie Bürger zweiter Klasse behandeln. 2. Weil wir das System, das unsrer Milttärorganisierung zugrunde liegt, als antidemokratisch und volksfeindlich verdam⸗ men. 3. Weil die finanziellen Mittel, mit denen das Deutsche Reich die Ausgaben für die Armee und die Marine deckt, namentlich von den Zöllen und indirekten Steuern auf den Konsum der arbeitenden Klasse gedeckt werden, und deshalb ebeaso ungerecht wie er⸗ drückend sind. Ueberdies hat der deutsche Kaiser wiederholt den Soldaten ge⸗ predigt, stie müßten bereit sein, auf seinen Befehl auf ihre Mutter, auf thren Vater zu schießen. Wir wären also Elende, wenn wir mit unsrer Zustimmung ein derartiges System unterstützten. Ich freue mich, lieber Genosse Jaures, daß Sie durch Ihre Artikel in der Humanité den Gegnern die ge⸗ bührende Antwort gegeben haben. Das wird aber nichts nützen. Wenn unsre Widersacher einmal aufhörten, zu lügen und zu verleumden, so würden sie mit ihrem Latein zu Ende sein und die letzte Stunde ihrer Herrschaft hätte da geschlagen.“ f Bedeutende Lohnerhöhungen für— Minister. In Preußen, wo für Eisenbahn⸗ und andere Staatsarbeiter die niedrigsten Löhne gezahlt werden, wo man besondere Maßnahmen für erforderlich erachtet, dafür zu sorgen, daß die Löhne der Streckenarbeiter so niedrig bleiben, wie die der Landarbeiter, haben die Minister eine große Gehaltsaufbesserung durchgesetzt, ohne daß ste in Streik einzutreten brauchten. 36 000 Mark bezogen sie bisher, 14000 Mark sollen sie mehr erhalten, sodaß sie nun 50000 Mark beziehen werden; außerdem sind auch ihre Penstonsbezüge erhöht worden. Das preußische Dreiklassen⸗ Parlament hat auch die Minister⸗ zulagen ohne Sträuben bewilligt. Nur der Freisinnige Wiemer wagte einige schüchterne Einwendungen, sonst war man von der Notlage der Minister und der Notwendigkeit der Zulagen überzeugt. Wenn einmal Staatsarbeiter um Lohnzulage nachsuchen werden, wird man die preußischen Dreiklassenmänner voraussichtlich viel zugeknöpfter finden. Schiller konfisziert! Und zwar im Schillerjahr und in seinem Vaterlande! Am 18. März wurden in Berlin wie alljährlich von Seiten der Arbeiter zahl⸗ reiche Kränze auf den Gräbern der März⸗ gefallenen niedergelegt. Wiederum fielen Schlei⸗ fen mit Widmungen der Polizeischeere zum 4 Opfer. Unter anderem auch die Schleife eines von den Arbeitern einer Fabrik gestifteten Kranzes, auf welcher zu lesen stand: Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden 1 Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben. . c — . T r r e u. den den elne tikel enen nem den Aber gen tern, nete Und unde den als rden mug ps zial⸗ tär⸗ und war kein sates eiter tem, iegt, am⸗ mit lich deckt men bel, iter tel, ark 000 ihre iche ster⸗ del elle lage agel I die tlic Nr. 13. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite&. Diese Widmung ist ein wörtliches Zitat aus Schillers„Wilhelm Tell“. Und dies wurde konfisziert! In der Hauptstadt des Deut⸗ schen Reiches, stebenundfünfzig Jahre nach der bürgerlichen Revolution, hundert Jahre nach Schillers Tode! Acht Wochen vor dem großen preußisch⸗deutschen Schillerbegeisterungsrummel! Die Schleife wird dereinst im Museum zu sehen sein. Die Geschichte aber soll auch davon zu erzählen wissen, wie die deutsche Arbeiterschaft Schiller zu ehren wußte, den die königlich preußische Staatspolizei im Schillerjahre kon⸗ fiszierte! Nahrungsmittel werden vernichtet! Durch die Presse ging kürzlich nachstehende Notiz, die Bände spricht:„Heringe als Dünger! In Apen rade und der Außen⸗ förde sind in diesen Tagen so ungewöhnlich viele Heringe gefangen worden, daß sich für die Ware keine Abnehmer mehr fanden. Schließ⸗ lich kaufte ein Gärtnereibesitzer aus Flensburg etwa 25 große Kisten zu je 20 Pfennig, um die Heringe als Dünger zu verwenden. Auch im Binnenlande sind in letzter Zeit so viele Heringe auf den Markt gekommen, daß sie stellenweise auch nicht untergebracht werden konnten und den Abdeckereien überwiesen werden mußten.“ Millionen Arbeiterfamilien leiden an ständiger Unterernährung, Hunderttausende Bergarbeiter im Ruhrgebiet hatten in den letzten Wochen Mangel am Notwendigsten. Das Meer spendet dabei so viel Lebensmittel, daß sie als— Dünger verwendet werden. Es lebe die kapitalistische„Kultur“! Die revolntionäre Bewegung in Rußland. Kosakische Bestialitäten scheußlichster Art wurden Ende vortger Woche aus Lodz berichtet. In der Fabrik Poznanski standen Frauen und Knaben auf dem Fabrikhof. Der Fabrikdirektor ließ das Zugangstor vom Hof zu den Sälen schließen und Notpfeifen ertönen. Bereitgehaltene betrunkene Kosaken stürzten sichauf die Frauen und Kinder, traten sie zu Boden und schlugen ste mit Knuten. Die Tore wurden geschlossen. Eine Flucht war unmöglich, denn vor den Leuten waren Kosaken und im Rücken befand sich ein tiefer Teich. 64 Personen wurden durch Pferde zertreten, 14 davon sind gestorben. Zahlreiche Frauen und Kinder wurden in den Teich getrieben, sechs sind er⸗ trunken. Unter den Verwundeten und Getöteten überwiegen die Frauen. Jedenfalls als Ant⸗ wort auf diese Metzeleien erfolgte andern Tags eine Explosion in der Portierloge der Fabrik. Der Direktor wurde gerettet, weil er später als gewöhnlich kam. Der Portier Jakob Paplak wurde in Stücke gerissen. Abends 6 Uhr er⸗ dolchten Arbeiter drei Geheimpolizisten. In vielen Fabriken in Lodz ist der Ausstand wieder ausgebrochen, ebenso wurde in vielen Zuckerfabriken Polens der Streik erneuert.— Ferner wurde aus Sosnowiee berichtet, daß noch 17 von den bei der Katharinenhütte ge⸗ töteten und verwundeten Arbeitern fehlen. Es ist festgestellt, daß diese siebzehn, darunter vier schwerberwundete, beraubt und von den Soldaten in die Fabriköfen, zum Teil noch lebend, geworfen wurden. In den Oefen sind versengte Körperteile ge⸗ funden worden. Ein neues Attentat wurde am Montag gegen den Gouverneur von Wiboy(Finn⸗ land) ausgeübt. Ein 25 jähriger Mann ver⸗ wundete den Gouverneur durch drei Revolver⸗ schüsse lebensgefährlich. Im Kaukasus⸗Gebiet greifen die Bauern⸗ unruhen immer mehr um sich. Der geisteskranke Zar. Vor einigen Tagen schrieb ein Berliner bürgerliches Blatt:„Von jeher hat des Zaren geistige und körperliche Konstitution nicht für besonders stark und widerstandskräftig gegolten, unter der niederdrückenden Wucht der auf ihn einstürmenden trübseligen Ereignisse ist sie völltg zusammengebrochen. Der Zar ist schwer krank. Die„Schlesische Ztg.“ erhält aus erster Hand eine Schilderung, die ein erschreckendes Bild von dem dermaligen Zustande des Beherrschers aller Reußen zeichnet. Der Zar sitzt slunden⸗ lang wie geistesabwesend da, nimmt kaum etwas zu sich und klagt beständig über Kopfweh. Die Minister mit ihren üblichen Vorträgen sind ihm ganz gleichgültig geworden. Als Fürst Chilkow wegen seiner sibirischen Reise ihm Bericht erstatten und zu verschiedenen Projekten die Genehmigung er⸗ langen wollte, schrie ihn der Kaiser nach einigem Anhören an:„Hören Sie auf mit diesen dummen Sachen!“ Ja, wenn sich die„dummen Sachen“ so mit einer Handbewegung beiseite schieben ließen! Aber sie werden im Gegenteil immer zudring⸗ licher, und immer empfindlicher macht sich ihre Macht geltend— vernichtende Schläge auf dem Kriegsschaupletz und gleichzeitig zunehmende Verwirrung im Innern, völlige Erschütterung der e Ordnung und der Regierungs⸗ gewalt.“ Auch ein großer Teil der übrigen„Ordnungs“⸗ presse brachte die Nachricht von der Verblödung des Zaren. Es wird daher wohl damit seine Richtigkeit haben. Kleine politische Nachrichten. Der preußische Minister v. Hammerstein ist am Montag Nachmittag ganz plötzlich gestorben. Er ist, wie es heißt, einem Herzleiden erlegen. 1901 begann er seine Ministerlaufbahn, in der er sich stets als williger Bedienter der Junker erwies. Alle seine Taten waren vom Geiste der preußischen Polizei und der junkerlichen Reaktion durchdrungen. Das preußische Volk wird dem Manne keine Träne nachweinen.— Sein Nachfolger wird der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, v. Bethmann⸗Hollweg. Das ist ein neuer Name— das System bleibt, möge sein Träger heißen wie immer er wolle.— Wegen„Meuterei“ ver⸗ hängte das Krlegsgericht in Würzburg gegen drei Reservisten die ungeheuerliche Strafe von 4 Jahren und 3 Monaten Gefängnis. Die Leute hatten im Manöver aus Uebermut ein paar Steine nach einem Unteroffizier geworfen! Der russische Zusammenbruch. Nach der furchtbaren Niederlage des russischen Heeres bet Mukden zog es sich nord⸗ wärts nach Tiel ing zurück, wohin es die Japaner energisch verfolgten. Hier wurde die Niederlage vollends besiegelt, die Armee Kuro⸗ patkins zersprengt, zum großen Teil vernichtet. Tieling wurde von den Japanern besetzt, viele Vorräte, Artillerie und Munition fielen den Siegern in die Hände. Große Mengen Proviant und Futter wurden von den Russen verbrannt. Kuropatkin wurde seines Amtes als Oberbefehlshaber enthoben. An seiner Stelle wurde General Linewitsch zum Leiter der militärischen Operationen ernannt, Oberstkom⸗ mandierender soll der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch werden. Ob dieser mehr Erfolge erzielen wird? Das erscheint mindestens zweifelhaft. Die schauerliche Niederlage hätte ein anderer auch nicht verhindert. Es ist viel⸗ mehr das korrupte System des Zarismus, was in den Steppen und den Tälern der Mandschurei kläglich zusammengebrochen ist, in einer Art und Ausdehnung zusammengebrochen, daß es davon kein Erheben mehr gibt. Zum Frieden scheint man in den maß⸗ gebenden russischen Kreisen trotz der vernichtenden Schläge noch nicht geneigt zu sein. Der Krieg soll„bis zu einem durchschlagenden Erfolge“ fortgesetzt werden, lautet der Be⸗ schluß der Zarenregierung, wie durch eine Petersburger Meldung von anfangs der Woche verbreitet wurde. Die Zeit bis zu einem durch⸗ schlagenden Erfolge dürfte aber den Russen noch sehr lang werden, denn dazu ist jetzt weniger Aus ficht als je vorhanden. Für die Russen kann die Fortsetzung des Krieges nur weitere Verluste bringen und dem Volke werden neue, ungeheure Blutopfer auferlegt. Außerdem ge⸗ staltet sich bie Lage auch finanziell für die Russen schwierig. Die französischen Banken haben es abgelehnt, die neue russische Anleihe unterzubringen und auch der Chef des Londoner Rothschild⸗Hauses hat sich ablehnend ausgesprochen und offen erklärt, daß es schwer abzusehen sei, wo Rußland, außer in Frankreich, noch Geld zur Fortsetzung des Krieges auf⸗ treiben könne. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Der Dank der Bergarbeiter. Kürzlich veröffentlichte der Vorstand des Bergarbeiter⸗ verbandes eine Bekanntmachung, in der er ersuchte, die Sammlungen zu schließen. Er sprach dabei folgende Dankesworte aus:„In keinem Streik, der jemals geführt wurde, sind die Unterstützungsgelder in so reichlichem Maße geflossen wie bei unserm Streik. Wir müssen gestehen, daß sie unsere Erwartungen weit über⸗ troffen haben. Es muß offen anerkannt werden, daß es vor allem die arme soztaldemo⸗ kratische und freigewerkschaftlich organtisierte Arbeiterschaft Deutsch⸗ lands gewesen ist, die den Löwenanteil der Gelder aufgebracht hat. Aber auch von allen anderen Berufsklassen, dem Bürgertum, Ge⸗ schäftsleuten, den ausländischen organisterten Arbeitern, namentlich von den englischen Bergarbeitern, sind viele und reichliche Gaben geflossen. Wir sind folglich allen, namentlich der organisierten in⸗ und ausländi⸗ schen Arbeiterschaft zu ganz besonderem Dank verpflichtet, nicht minder der sozialdemokratischen Partei und einzelnen Vereinen, den Vorständen der freien Gewerkschaften, der Gewerkschafts⸗ kartelle, sowie den Redaktionen der sozialdemo⸗ kratischen und einiger liberaler Zeitungen und sprechen hiermit diesen im Namen aller Berg⸗ leute unseren herzlichsten Dank aus.“ Aus den Gewerkschaften. Nicht bloß die großen Verbände haben in der letzten Zeit ihren Mitgliederstand beträchtlich erhöht, sondern auch die kleinen zentralisierten Gewerkschaften haben nicht unerheblich zugenommen. So er⸗ höhte der Schmledever band seine Mitglieder⸗ zahl im Jahre 1904 von 9571 auf 13 806, das heißt um 4235. Sein Kassenbestand stieg von 46 355,80 auf 62 185,51.— Der Zi m⸗ mererverband verfügte am Schlusse des Jahres 1904 über ein Gesamtvermögen von 706 735,41 Mk. gegen 558 096 Mk. am Jahres⸗ schluß 1903. Seine Mitoliederzahl stieg im genannten Jahre von 27265 auf 37043. Also um fast zehntausend!— Auch der Stein⸗ setzerverband gewann 1390 Mitglieder, brachte es im Ganzen auf 6425. Das Ver⸗ bandsvermögen fiel um einige Tausende, weil bedeutende Summen an Unterstützung ausgezahlt wurden. Lohnkämpfe. In Wiesbaden sind die Zimmerleute in eine Lohnbewegung einge⸗ treten. Sie fordern einen Mindestlohn von 50 Pfg. pr. Stunde.— Die Schreiner in Wiesbaden haben mit dem Vorstande des Arbeitgeberverbandes eine Vereinbarung dahin abgeschlossen, daß vom 1. April an 9½stündige Arbeitszeit und 8 prozentige Lohnerhöhung ge⸗ währt werde. Vom 1. März 1907 an wird die 9stündige Arbeitszeit eingeführt und eine weitere 7prozentige Erhöhung der gegenwärtigen Arbeitslöhne erfolgen. Pon Rah und Lern. Gießener Angelegenheiten. sp. Die Märzfeier der Gießener Arbeiterschaft wurde am Sonntag im Verein mit den Wieseckern im Saale des „Gambrinus“ in Wieseck begangen. Der Saal war voll besetzt. Der Arbeiter⸗Gesang⸗ verein„Eintracht“, unter Direktion des Herrn Bauer, trug zur Eröffnung einige Freiheitschöre vor, die allgemeinen Beifall ernteten. Genosse Dr. Quarck⸗Frankfurt ergriff darauf das Wort, um in einstündigen gediegenem Vortrage die Bedeutung der März⸗Ereignisse von 1848 zu schildern. Er legte zunächst die Ursachen jener Bewegung dar, wies darauf hin, wie durch die Revolution von 1789 die Vorherr⸗ I——— e eee e— 0 1 2 C eee A Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 13. schaft des Adels und der Geistlichkeit gebrochen wurde und sich das Bürgertum nunmehr frei entfalten konnte. Nachdem es aber zur Herr⸗ schaft gelangt, wandte es gessen die Arbeiter⸗ klasse, die sich auf eigene Füße zu stellen be⸗ gann, dieselben Unterdrückungsmaßregeln an, durch die es vorher vom Adel geknebelt worden war. Das Emporkommen und die Macht des Bürgertums war in der Entwickelung der Produktionsverhältnisse begründet. In den 30er und 40er Jahren dehnte sich die Industrie mehr und mehr aus, es entstanden Großbetriebe. Handel und Verkehr entwickelte sich in demselben Maße und die mittelalterlichen Zollschranken, die Kleinstaaterei, trat hindernd der Weiter⸗ entwickelung in den Weg. Diese Verhältnisse machten die Revolution: man brauchte Zoll⸗ und Vereinsfreihelt, Freizügigkeit ꝛc. und mußte sich diese Forderungen erkämpfen. Redner schilderte dann die hauptsächlichsten Begeben⸗ heiten von 1848 mit Klarheit und historischer Treue. Dabei hob er besonders hervor, welchen Anteil Oberhessen an der revolutionären Bewegung nahm, das man als die Wiege der Revolution bezeichnen könne. Hter in Gießen stritten die Studenten im Verein mit den Demokraten und Arbeitern für die Freiheit, während heute nach 60 Jahren die Studenten um Sonderrechte, die sogenannte„akade⸗ mische Freiheit“ sich streiten. Im weiteren Verlauf seiner Rede erinnerte Quarck an die Berliner Straßenkämpfe vom 18. März, nach deren für das Volk stegreichen Ausgang der König gezwungen wurde, die Leichen der Frei⸗ heitskämpfer zu grüßen; ferner an die Flucht des„Prinzen von Preußen“, des nachmaligen „Heldenkaisers“, nach England, wobei der da⸗ malige Zar Nikolaus seine schützende Hand über ihn hielt, der damals jedenfalls nicht glaubte, daß auch einmal im Osten der Tag käme, an dem das geknebelte Volk gegen seine Unterdrücker aufsteht. Redner wies dann hin auf die Bestialitäten der russischen Willkürherr⸗ schaft, deren Beseitigung jeder Kulturmensch wünschen müsse. Wenn es eine Vergeltung gäbe, so wäre die herrschende Clique in Ruß⸗ land längst ausgerottet. Wie brutal wird dort alles niedergehalten, wie entsetzlich das Volk mit Folter, Verbannung, Mißhandlung gequält! Und mit diesen Regiment sympathistere die deutsche Reichsregterung! Zum Schluß brachte Quarck noch ein Gedicht aus dem Friedberger „Volk boten“ aus dem Jahre 1848 zur Ver⸗ lesung. Er wies dann noch hin auf die heutige „Freiheit“, die sogar in Hessen derart sei, daß uns noch Lolkale zu unsern Versammlungen vorenthalten würden. Demgegenüber sei fester Zusammenschluß nötig, nur durch Einigkeit und Aufklärung könnten wir die polttische Macht erringen. Donnernder Beifall dankte dem Genossen Quarck für seine Ausführungen. Der Gesangverein Eintracht unterhielt die An⸗ wesenden noch mit einigen Vorträgen und ruhig und würdig, wie es sich gehört, verlief unsere Märzfeier. „— Für den Theaterbau wurde in der Stadtverordnetensitzung am Donnerstag das ungefähre Programm festgelegt und beschlossen, ein Preisausschreiben zu erlassen. Es werden 3000 Mk. für drei Preise bewilligt. — Ueber die Bedeutung der Konsum⸗ genossenschaften sprach im„Einhorn“ in einer vom Konsumverein Gießen einberufenen Versammlung Herr Prof. Staudinger⸗Darmstadt. Leider war die Versammlung nur schwach besucht; die Mitglieder sollten doch bei derartigen Veranstaltungen besser am Platze sein. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden ergriff Herr Staudinger das Wort, um zunächst auf die großartige Entwickelung der englischen Kon sumgenossenschaften hinzuweisen. Aus kleinen An⸗ fängen haben die besitzlosen Arbeiter ihre Konsumvereine zu ganz gewaltiger Größe gebracht. Sie sind teilweise zur Eigenproduktion übergegangen, verfügen über Schiffe, Teeplantagen, Getreidemühlen c. Sie kaufen ihre Waren in riesigen Quantitäten nur bei den Fabrikanten ein, die auch die Bedingungen der Gewerkschaften er⸗ füllen und sie zahlen bar ihre Einkäufe, der Fabrikant braucht wegen der Bezahlung nicht zu bangen. In der heutigen Produktionswelse arbeitet der Arbeiter bloß für den Profit anderer. Der Kohlengräber gräbt nicht Kohle, daß wir uns wärmen können, sondern damit die Aktien der Grubenbesitzer steigen! Redner setzte aus⸗ einander, wie die armen Weber in Rochdale(sprich: Rotschdehl) in England mit Energie und Ausdauer ihre Konsumorganisation für sich zum großen Nutzen ausge⸗ stalteten. Der Konsument wahrt bei uns heute zu wenig sein Interesse als solcher. Es nützt oft den Arbeitern gar nichts, wenn sie durch einen Streik ein paar Pfennige mehr Lohn erkämpfen, sie müssen dafür desto höhere Preise für ihre Lebensbedürfnisse zahlen. Das wird viel zu wenig beachtet. Die Zahl der Händler hat in der letzten Zeit ganz unverhältnismäßig zugenommen und sie alle müssen von den Konsumenten ernährt werden. Prof. Bier mer in Gießen sagt in einer seiner neueren Schriften:„Es fehlt den Konsumenten an der nötigen Schneid, sich gegen die maßlose Ausbeutung der Händler zu wehren.“ Biermer spricht sich im Weiteren sehr entschieden für die Konsumvereine aus. Man könne es den Konsumenten nicht übel nehmen, sage er, wenn fie sich durch Zusammenschluß zu helfen suchten. Redner führt weiter aus, daß es nicht wahr sei, daß der Kaufmann durch den Konsumverein geschädigt werde, im Gegenteil werde eher eine Regelung und größere Solidität im Geschäftsleben herbeigeführt. Er weist noch weiter auf die bedeutenden Erfolge des Hamburger Konsum⸗ vereins hin, der bereits dazu übergegangen sei, Woh n⸗ häuser für seine Mitglieder zu errichten. An zahl⸗ reichen Beispielen weist Redner noch weiter den großen allgemeinen Nutzen der Konsumvereine nach und zum Schluß fordert er die Frauen auf, zu beherzigen, daß der Konsumverein ihr eigenes Geschäft sei, zu dessen Gedeihen sie zu ihrem eigenen Vorteil beitragen müßten. Die Ausführungen wurden sehr beifällig aufgenommen. — Hieran schloß sich ein kurzer Bericht der Verwaltung des Konsumvereins über die erste Hälfte des laufenden Geschäftsjahres, das bisher, wie schon früher mitgeteilt, ein in jeder Beziehung günstiges Ergebnis brachte. — Zur Lohnbewegung der Schnei⸗ der wird uns folgendes mitgeteilt. In Gießen wird in fast sämtlichen Geschäften auf Akkord (auf Stück) gearbeitet. Von einer geregelten Arbeitszeit ist eigentlich keine Rede. In der sogenannten Saison muß stets Ueberzeitarbeit geleistet werden, oft genug werden sogar die Nachtstunden zu Hülfe genommen, bei den ver⸗ heirateten Schneidern werden die Frauen zur Beihilfe herangezogen. Trotz diefer langen Arbeitszeit ist der Verdienst eines tüchtigen Schneiders nicht höher als 9001000 Mk. im Jahre zu bemessen. Angestchts dessen wird jedermann die Forderung einer 10 prozentigen Lohnerhöhung, wie sie der von den Gehülfen eingereichte Tarif darstellt, als berechtigt aner⸗ kennen müssen. Die Unternehmer können dies auch ganz gut bewilligen, eine Weigerung kann nicht anders als Starrköpfigleit angesehen werden. Verschiedene Geschäfte(und gerade jüdische) haben den alten Tarif ganz von selbst verbessert, weil ste einsahen, daß die Gehülfen mit dem bisherigen Verdienste bei den heutigen Kosten der Lebenshaltung nicht auskommen können. Andere Arbeitgeber und zwar gerade solche, die als Gehülfe ihre Forderungen zu stellen wußten, zeigen sich einsichtslos und arbeiterfeindlich. So erklärte Herr Schich, daß er seine ganze Arbeit auf Konfektion in Mainz bei Scheuer& Plaut machen lassen wolle. Was wird aber dazu die Kundschaft sagen, die doch Maßarbeit bezahlen muß, aber dann Konfektion, also minderwertige Ar⸗ beit geliefert bekommt? Uebrigens muß doch noch immer leidlich etwas herausspringen. Es kam öfters vor, daß Zuschneider, die 3000 Mk. Gehalt bezogen, sich selbständig machten, doch jedenfalls nicht, um weniger zu verdienen! Berücksichtigen muß man ferner, daß die Schneidergehülfen 3—5 Prozent ihres Lohnes für Nähutenstlien ausgeben müssen. Sollten die Arbeitgeber den durchaus berechtigten Forde⸗ rungen gegenüber kein Entgegenkommen zeigen, so sehen sich die Schneidergehülfen gezwungen, die Arbeit niederzulegen. — Sechzig Jahre. Am Sonntag feierte unser Genosse Orbig seinen 60. Geburtstag. Er war der Erste, der hier in Gießen für unsere Sache eintrat, die seitdem hier ebenso wie anderwärts bedeutende Fortschritte gemacht hat. Vom Gesangverein„Eintracht“ wurde dem Genossen Orbig ein Ständchen gebracht und von vielen andern Seiten erhielt er zahl⸗ reiche Glückwünsche. Aus dem Rreise gießen. r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozial⸗ demokratische Wahlverein hielt am Samstag eine gut wickler der Firma Moosdorf& Hochhäusler nur 10 M. 4 besuchte öffentliche Versammlung ab. In derselben sprach Genosse Häuser über die Ereignisse vom 18. März 1848. Redner schilderte, mit welchen Mitteln damals die preußische und die übrigen Regierungen, die berech⸗ tigten Forderungen des Volkes niederzuhalten suchten. Die Freiheitskämpfer, welche am 18. März 1848 auf den Barrikaden in Berlin ihr Blut für die Rechte des Volkes verspritzt haben, müßten wir in Ehren halten. Redner widmete noch zum Schluß den um ihre Frei⸗ heit kämpfenden russischen Revolutionären warme Worte der Anerkennung. Die Versammlung ehrte das Andenken der Märzgefallenen und der Opfer des 22. Januar in Petersburg durch Erheben von den Sitzen. — In Leihgestern wurde bei der Bürger⸗ meister wahl Joh. Heß 24. gewählt. 1 Eingesandt. Wohl jedem aufmerksamen Beobachter, der die Dorf⸗ bewohner kennt und der weiß, wie sie leben und woran es ihnen mangelt, werden die großen Schwierigkeiten aufgefallen sein, rechtzeitig und billig alle Heil⸗ mittel den Kranken zu beschaffen. Ich sehe ganz von den Medikamenten ab; schon hier ergeben sich täglich arge Verdrießlichkeiten: eine Hausapotheke“) findet sich selten in einem Dorfe, und selbst, wenn dieses sehr nahe einer Stadt liegt, wie z. B. Mieseck, haben die Bewohner in dringenden Fällen, die ja oft vor⸗ kommen, unter der notwendigen Verzögerung sehr zu leiden. Ich erinnere nur an die schleunige Beschaffung schmerz⸗ und blutstillender Mittel, falls der Arzt zu⸗ fälligerweise nicht sofort den Kranken aufsuchen kann oder falls der Erstere eine längerdauernde Anwendung solcher Mittel für notwendig hält. Der für die Kranken ideale Zustand wäre natürlich der, daß jedes einer eigenen Apotheke entbehrende Dorf wenigstens eine Haus⸗ apotheke besäße; die Voraussetzung dafür aber müßte dann sein, daß jedes Dorf seinen eigenen Arzt hätte. Das ist aber wirtschaftlich unmöglich, denn fast jeder Dorfarzt muß aus Gründen den Existenzmöglichkeit mehrere Ortschaften besuchen, ganz abgesehen von den zahlreichen Stadtärzten, die zugleich Landpraxis treiben. So notwendig diese Zersplitterung der ärztlichen Arbeits⸗ kraft ist und so unmöglich(aus wirtschastlichen Gründen) es andererseits ist, jedem Dorfe seine eigene Apotheke bezw. Hausapotheke zu geben—: die physikalischen Heilmittel(z. B. kleine, billige Dampfapparate), Wannen und Aehnliches) können sehr wohl in jedem Dorfe zentralisiert werden, d. h. jedem Bewohner der Ortschaft wäre es möglich, schnell und ohne Anstrengung, dabet sehr billig im Dorfe selbst alles das sich zu beschaffen, was für ihn auf ärztliche Anordnung zur Wiederherstellung seiner Gesundheit bezw. zur Be⸗ wahrung vor Krankheit notwendig ist. Ein Beispiel beweist hier viel. So habe ich es in Magdeburg⸗Buckau (Stadtteil von Magdeburg, zirka 35000 Einwohner, meist Arbeiter) vor einigen Jahren erlebt, daß Kranke für wenige Pfennige sich Wannen und Aehnliches von dem auch zu diesem Zwecke gegründ ten Verein liehen, da diese Heilmittel sonst zu kostspielig zur An⸗ schaffung sind und der Zeitverlust zur Benutzung der⸗ selben außerhalb der Wohnung zu groß ist. Diese überaus bequeme Maßregel ließe sich auch in den hiesigen Dörfern durchführen: wenn sich jeder erwachsene Dorfbewohner z. B. mit 10 Pfennige (Wie oft wird soviel für nutzloses Zeug ausgegeben!) beteiligte, so käme bei 1000 Personen bereits die nette Summe von 100 Mk. heraus. Mit diesem Gelde ließe sich schon sehr viel erreichen: Fußwannen, Wärmflaschen, Binden usw. könnten angeschafft und(wie z. B. in Magdeburg⸗Buckau für zirka 1 bis 2 Pfg.!) auf eine gewisse Zeit verliehen werden. Dadurch würden auch die Krankenkassen erheblich entlastet werden. Denn wenn auch zugegeben werden muß, daß viele Kranke nur in Anstalten(Badeanstalten, Krankenhäuser) mit ge⸗ höriger Sorgfalt behandelt werden können, so bleibt doch das große Heer derjenigen übrig, die schon mit kleinen Hilfsmitteln recht oft ihre Beschwerden lindern können, ohne erst den oft beschwerlichen Weg zur Krankenkasse machen, ja ohne überhaupt die Kasse in Anspruch nehmen zu müssen. Damit würde in immer breitere Volksschichten der Sinn für die Pflege des kranken Körpers getragen werden, ein Ziel, würdig unseres auch auf medizinischem Gebiete rastlos vorwärts schreitenden Jahrhunderts! H. Arndt, prakt. Arzt. Aus dem Odenwald. 2. Die Märzfeier in Erbach nahm einen sehr schönen Verlauf. Etwa 250 Personen hatten sich trotz des schlechten Wetters eingefunden und war der Saal im Gasthaus„Zur Sonne“ bis auf den letzten Platz gefüllt. Genosse Ha senz ahl⸗Erbach eröffnete die Feier ) d. h. der Arzt des Dorfes darf sel bst gewisse Heilmittel herstellen und abgeben, was sonst nur dem Apotheker erlaubt ist. 0 z. B. kostet ein transportabler Dampfent⸗ 2 88 S—————95—˖ e — W ——— 13. — brach malz rech. cen. 8 auf e dez alten. drel⸗ Wotte senlen ar in rger⸗ Dors⸗ bran kiten Heil J bon aglich 10 scht u die bor⸗ * 10 fung t zu⸗ kaun dung 1 53 — PFAFF T r 1 reiches Erscheinen aus. Nr. 13. Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Sonntag im Lokale Feußer in Gleiberg ver⸗ trifft aber hier nicht zu, denn der Betreffende und sprach den Anwesenden seinen Dank für ihr zahl⸗ Sodann schilderte Spar r⸗ Darmstadt die Verhältnisse des Jahres 1848 in an⸗ schaulicher und treffender Weise, besonders das Verhalten des damaligen Königs von Preußen Friedrich Wilhelm IV. kennzeichnend. Weiter gedachte Redner unserer gefallenen Arbeitsbrüder in Rußland, die als Märtyrer der Frei⸗ heit gelitten und gekämpft haben. Sparr erntete für seine vortrefflichen Ausführungen lebhasten Beifall. Auch der gemischte Chor und der Gesangverein„Vorwärts“ ernteten für ihre vortrefflichen gesanglichen Leistungen wohlverdiente Anerkennung. In dankenswerter Weise hatte sich die„Turngesellschaft Erbach“ bereit erklärt, durch Stellen von Pyramiden zur Verschönerung der Feier beizutragen und wurde denselben wohlverdientes Lob gezollt. Das Andenken an die Toten von 1848 und vom 22. Januar 1905 wurde durch Erheben von den Sitzen geehrt, womit die Feier einen würdigen Ab⸗ schluß fand. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Die Märzfeter begingen die Partei⸗ gen ossen des Wetzlarer Kreises durch eine am anstaltete Versammlung. Diese war aus Wetzlar sowohl, wie auch aus Gleiberg⸗Krofdorf, Launs⸗ bach, Kinzenbach und anderen Orten der Um⸗ gebung gut besucht. Genosse Dittmann⸗ Frankfurt hielt einen mit Beifall aufgenommenen Vortrag über„Revolutionen einst und jetzt“. Die Versammlung nahm einstimmig eine Reso⸗ lution an, die der Märzkämpfer von 1848 und der Kommunekämpfer von 1871 dankbar gedenkt und im Weiteren den Revolutionären in Ruß⸗ land Sympathien ausspricht. Zur Unterstützung der Opfer des Zarismus wurde am Schlusse der Versammlung eine Tellersammlung veran⸗ staltet.“ Die Versammlung beschloß ferner die Gründung eines Parteivereins für den Reichs⸗ tagswahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen. Vom Kreis⸗ vertrauensmann Fauth wurden die Statuten vorgelegt und erläutert, die von der Ver⸗ sammlung unverändert angenommen wurden. Der Verein hat seinen Sitz in Wetzlar, Genosse Fauth wurde zum Vorsitzenden gewählt, der auch Anmeldungen entgegen nimmt. Der Monatsbeitrag beträgt 20 Pfennig. Hoffent⸗ lich schließen sich die Arbeiter und Partei⸗ genossen im Kreise der nun endlich zu Stande gekommenen Orgauisation in großer Zahl an. Vorwärts! laute die Parole! n. Drückeberger. In der letzten Orts⸗ krankenkassen⸗Versammlung stellte sich heraus, daß ein Arbeitgeber(Druckereibesitzer) schon seit Neujahr Leute beschäftigt, ohne sie in die Kasse angemeldet zu haben. Es kann ja vorkommen, daß ein Arbeitgeber aus Vergeßlichkeit die An⸗ meldung unterläßt, dann wird man ihm dies nicht gleich als Verbrechen anrechnen. Das ist schon deswegen bestraft und außer dem ist er Vorstandsmitglied der Kasse. Als solches müßte er seine Verpflichtungen doch wohl kennen und es damit etwas genauer nehmen. Ueberhaupt geht schon aus dem starten Wechsel seines Arbeitspersonals hervor, daß die Arbeitsver⸗ hältnisse in seinem Betriebe sehr zu wünschen übrig lassen. Sein Blättchen schimpft stets über die Sozialdemokratie, der Herr sollte erst in seinem Betriebe Ordnung schaffen! h. Gut Essen und Trinken scheint der Haupt⸗ grundsatz des„Wetzlarer Flottenvereins“ zu sein, er * Mk. 14.20 wurden bei uns eingeliefert und weiter befördert. D. R. hält alle Nase lang ein gemeinschaftliches Abendessen, das Gedeck zu 2 Mk., ab. Damit könnens die Herren wohl aushalten. Ordentlich gegessen ist immer noch gescheiter als die sonstigen Flottentollheiten. h. Die Grundstücke des Handschuhfabrikanten und früheren Stadtverordneten Oskar Dietrich sind bei der Zwangsversteigerung für 14830 Mk. vom Vor⸗ schußverein erworben worden. Wenn wir nicht irren, hatte der Verein 60000 Mk. Hypotheken⸗Forderung darauf. * Eine Schreinerversammlung findet Sonntag, den 26. März, nachmittags 2 Uhr, im „Klostergarten“ statt. Westerwald und Antersahn. * Nationalliberale„Wiedergeburt“. Im Kreise Dillenburg⸗ Herborn haben bekanntlich die Nationalliberalen bei der letzten Wahl eine empfindliche Schlappe erlitten. Diese Tatsache mit Schadenfreude zu verzeichnen, haben wir allerdings keine Veranlassung, denn was nach kam, war wirklich nichts Besseres. Wir erwähnen diesen Umstand nur, weil er die Leute von der Partei Drehscheibe veranlaßte, Maßnahmen zur Wiedergeburt des Kreises zu ergreifen und ihr Partei⸗ schild blank zu putzen. Mit dieser schwer zu lösenden Aufgabe betrauten sie einen hoffnungsvollen jungen Maun, den sie als wohldotierten Parteisekretarius nach Herborn setzten. Von hier aus unternimmt Ellegard Leis ner — so heißt der Prophet— nun seine Kreuzzüge und wird nicht eher ruhen, bis er den letzten Wähler des Kreises zum Nattonalliberalismus bekehrt haben wird. Gelingt's nicht bis zur nächsten Wahl, dann vielleicht später.— Am Sonntag machte er den Versuch, die Wähler von Allendorf und Langenaubach in die Geheimnisse des natlonalliberalen Programms ein⸗ zuweihen. Daß der Versuch völlig mißglückte, dafür konnte Ellegard Leisner jedenfalls nichts, er gab sich redliche Mühe, die Zuhörer in einen„patriotischen“ Taumel zu versetzen und ihnen seine politischen Waren mit der Beredsamkeit eines Berliner Handlungsreisenden anzupreisen. Trotzdem fand er keine Abnehmer; das Publikum kennt sie eben als alte Ladenhüter. Uebrigens war es dem anwesenden Genossen Vetters ⸗Gießen ein Leichtes, ihre Minderwertigkeit schlagend nachzuweisen. Vetters beleuchtete den„Patriotismus“ der Besigenden, Ludwigshafen wurde am Samstag der ledige 24 die wohl bei jeder Gelegenheit Hurra schreien, aber für das Vaterland keine Opfer bringen wollen, zeigte, wie durch die Zollpolitik demjenigen, der wenig hat, noch das Wenige genommen und in die Taschen der Reichen geführt wird, legte die Verderblichkeit des Militarismus, die Unsinnigkeit der Flotten⸗ und Kolonialpolitik dar, wies nach, daß die Nationalliberalen stets die Interessen der Kapitalisten zu vertreten, aber die Rechte des Volkes zu verkümmern bestrebt waren. Die Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In seiner Erwiderung mußte Leisner selbst zugeben, Gießen. Sozialdem. Wahlvcrein. daß vieles richtig sei, was V. gesagt hatte. Dann gerlet er aber in patriotische Extase und intonierte mit Gießen. Holzarbeiter seinen drei oder vier Begleitern das schöne Lied: „Deutschland, Deutschland über alles“, saunen der Kinder Israel fielen zwar die Mauern Von den Po⸗ Jericho's, aber der fünfstimmige Gesang der Nattonal⸗ liberalen war auf die Versammlung gänzlich wirkungs⸗ los. Umsomehr, als die Sänger im zweiten Vers bei⸗ So ging das Konzert unter Gelächter zu Ende. Lelsner sollte sich einen Leierkasten mit auf die Agitation nehmen!— In Langen aubach erlebte Herr L. einen gleichen Reinfall. Hier wies ihm noch Genosse Trott⸗Haiger verschiedene Unrichtigkeiten nach.— Das Resultat der natlonalli beralen Agitationsreise war, daß eine Anzahl Mitglieder für den tischen Qahlverein gewonnen wurden.— Im„Her⸗ borner Tageblatt“ brachte Leisner einen Bericht über die Versammlungen. Wenn er selber glaubt, was er da geschrieben hat, beneiden wir ihn um seinen starken Glauben. Hundetollwut ist im Westerwald und Lahnbezirke in der letzten Zeit mehrfach vorgekommen. Vor kurzem wurde ein junger soztaldemokra- nahe stecken blieben, weil sie den Text nicht kannten. N Gießen. Herr Mann in Villmar von einem tollwutverdach⸗ tigen Hunde gebissen. Trotzdem er sich sofort nach Berlin begab, starb en dort an der Toll⸗ wut. Bei Verletzungen durch Hunde muß stets für sofortige ärztliche Hilfe gesorgt werden. Aus dem Rreise Marhurg⸗Nirchhain. r. Die Stadtverordneten beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung u. a. mit der Anstellung eines dritten Vollziehungsbeamten, welche Frage eine längere Diskusstion hervorrief. Stadtverordneter Engel stellte bei dieser Gelegenheit den Antrag, die untersten Steuer⸗ stufen von 660— 900 Mk. nicht zu erheben und so den dritten Vollziehungsbeamten zu sparen. Der Oberbürger⸗ meister wollte allerdings von dem Antrage nichts wissen, sondern meinte, wenn die hier in Betracht kommenden Steuerpflichtigen abends ihre Schoppen trinken, müßten sie auch ihre Steuern bezahlen können. Doch wurde der Engel'sche Antrag angenommen und einer Kommission überwiesen. Ebenso ward die Austellung eines dritten Vollziehungsbeamten beschlossen. Es ist wohl anzunehmen, daß das Interesse, welches die Arbeiterschaft in letzter Zeit den städtischen Angelegenheiten zuwendet, auch mit⸗ gewirkt hat, daß dieser Beschluß zustande gekommen ist. r. In der Parteiversammlung am Samstag, die einen recht guten Besuch aufwies, hielt Genosse Ed. Krumm ⸗Gießen einen sehr lehrreichen und inter⸗ essanten Vortrag über die März⸗Revolution. Die Aus⸗ führungen wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. — Im Weiteren war die diesjährige Maifeier Gegen⸗ stand der Beratung. Die Meinungen hierüber gingen etwas auseinander. Während von einer Seite gewünscht wurde, die Maifeier mit der Schillerfeier zu verbinden, Fortsetzung siehe Seite 6. Kleine Mitteilungen. k Vom braven Mann. Der zwischen Aschaffen⸗ burg und Miltenberg stationierte Bahnwärter Burk wollte ein Kind vom Bahngeleise retten. Dabei wurde er vom Zuge überfahren und getötet, das Kind jedoch gerettet. *. Tod durch Alkohol vergiftung. In Jahre alte Fabrikarbeiter Oechsner in seiner Wohnung tot aufgefunden. Der ärztliche Befund ergab: Alkohol; vergiftung. Oechsner hatte sich abends vorher unmäßig betrunken. „ In Löhnberg stürzte der 13 jährige Sohn des Bürgermeisters Schmidt in der Scheune von der Leiter und verletzte sich lebensgefährlich. Versammlungs kalender, Samstag, den 25. März. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Nachmittags 6/ Uhr öffentliche Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Heuchelheim. Arbetterbildungsverein. Abends ½9 Uhr Versammlung im Lokale August Rinn. Turnabteilung vollzählig erscheigen. Sonntag. den 26. März. Freie Turnerschaft. Abends 8 Uhr gesellige Zusammenkunft bei Wirt Miß ler, Brand⸗ gasse. 0 Gießen. Verband der Fabrik-, Land⸗ und Hilfsarbeiter. Morgens 10 Uhr Versamm⸗ lung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Delegiertenwahl zum Gewerkschaftskongreß. 2. Verschiedenes. Mitglieds⸗ buch mitbringen. Steinberg. Sängerabteilung des Wahlvereins. Nachmittags 3 Uhr Singstunde im„Grünen Baum“. Samstag, den 1. April. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Gasttirt Kutz er. Briefkasten. Einsendungen aus Gießen, Marburg, Oden⸗ hausen, Wetzlar ꝛc. zurückgestellt. Ferd. Nennstiel Giessen, NMochsti. 8. Lager in sämtlichen Kasteumöbeln, poliert und Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Lemm bel eigener Anfertigung Uebernahme voll- i ständ. Ausstattung. sucht Georg Dahmer, Spengler —4 ausgesuchte Gänsefedern aten ale JV teen Federn u Daunen, Pfund 2.— M. prima Halbdaunen, ganz weiß, sehr zart, 2.75 M. Gerissene Federn halb⸗ weiß, sehr weich u. daunig, 2.50 M., weiß 3.— M, hochprimd 3.50 M. Daunen 4.50 u. 5.50 M. Vorstehend habe nur die gangbarst. Sort. mein. großen Lagers aufgeführt. Ich lege keinen Wert auf große Reklame, liefere aber als größte Spezialfirma in Oderorpch, wo die Gänsemast zu Hause iscabsolut reell u. äußerft lackiert Spaten Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 1128 Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Nasenmäher Waagen und Gewichte Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Petroleum⸗ u. Gaskocher Fleischhack- u. Reibemasch. Dr. Kleins Fleischsaftpresse Pferdeschoner angen, Vogelkäfige Messerputzmaschinen Lehrling Neuenweg 42. Nüchenmöbel preiswerr. Jede Ware ist gereinigt Stachelzaundraht, Spezialität: Otto Krohn, Alt-ftestz(Oderbruch) Betten und Preislistef Betten extra. Stehleitern Polstermöbel Einen Schlafstelle mit Kaffee zu haben bei Wasserkrüge Packkör be kaufen Beuuer K Krumm Kessler Tiefenweg 19, I. ——..——— ———— —— — .——— ö ö 0 * 1 — . c 2 — N — — —ů 2 9 2— —— e P Seite 6. Mitteldeutsche Sountoas⸗Zeitung. (Fortsetzung von Seite 5.) war die Mehrzahl gegen eine gemeinsame Feier. Be⸗ schlossen wurde, am Sonntag, den 30. April, einen Familienausflug zu veranstalten, und am 1. Mai abends eine Festversammlung. Die Schillerfeter dagegen soll erst Mitte Mai abgehalten werden.— Der Vertrauens⸗ mann teilt im Weiteren noch mit, daß in nächster Zeit ein Flugblatt zur Verteilung kommen soll, wozu sich die Parteigenossen recht zahlreich zur Verfügung stellen wollen. Ferner ermahnte er, für größtmöglichste Ver⸗ breitung unserer Parteipresse, der„Mitteld. Sonntags⸗ Zeitung“ und der Frankfurter„Volksstimme“ Sorge zu tragen und ebenso für die ganze sozialistische Literatur. Jeder Genosse solle sein Wissen soviel als moglich zu bereichern suchen.— Die am 25. März und 29. April fälligen Wahlvereinsversammlungen fallen aus, dafür findet eine solche am 15. April statt. O Unserer Polizeiverwaltung hat, wie in der Sitzung der Stadtverordneten vom Montag er⸗ wähnt wurde, die Universität Dank dafür abgestattet, daß die Studierenden nur mit geringen Geldstrafen von 3—5 Mk. bestraft werden und nur in Einzelfällen darüber hinausgegangen wird. Unseres Erachtens ist dieser Dank für den Empfänger ebenso wenig eine Ehre wie für den Spender. O Eine Wertzuwachssteuer soll von einem Stadtverordneten demnächst beantragt werden. Hoffent⸗ lich wird dieselbe nicht zu niedrig bemessen werden. Es ist nur schade, daß sie nicht schon einige 10—20 Jahren bestanden hat, denn die Stadtkasse würde aus den Millionenprofiten im Biegenviertel und im Südviertel ganz schöne Einnahmen erzielt haben. * Vom Fortbildungs verein. Zu der Notiz unter dieser Ueberschrift in voriger Nummer erhalten wir folgende Zuschrift: In der Nummer 12 dieser Zeitung befindet sich eine Notiz über den Marburger Fortbildungsverein, welche den wirklichen Tatsachen nicht in allen Punkten entspricht. Der Verein treibt überhaupt keine Politik. Es wird kein Neueintretender nach seiner reli⸗ gtösen oder politischen Ansicht gefragt. Die Hauptsache ist, daß er sich innerhalb des Vereins anständig betrage. Daß der Verein sich bei„allen möglichen patriotischen Kundgebungen“ beteilige, war vielen Mitgliedern über⸗ raschend zu hören. Der Einsender entsinnt sich nur zwei derartige Kundgebungen miterlebt zu haben, trotz⸗ dem er dem Verein seit mehr als 30 Jahren angehört, desgleichen mit wenig Unterbrechung auch dem Vorstande Diese patriotischen Kundgebungen, wo der Verein offiziell beteiligt war, fanden statt bei Empfang des Kronprinzen, spätern Kaiser Friedrich III. im Jahre 1883 und beim 90 jährigen Geburtstag Wilhelms I. Wenn Ihr Ge⸗ währsmann allerdings die diversen Turner⸗, Sänger⸗, Schützen⸗, Ochsen⸗ und Kriegerfeste für patriotische Kund⸗ gebungen ansteht, ja, dann hätte der Verein oft gesündigt, trotzdem seit Jahren die Beteiligung der Mitglieder so ziemlich auf den Nullpunkt angekommen ist. Weil der Verein sich ernstere Aufgaben zum Ziel gesteckt hat, grade deshalb wird er nur von wenig jungen Leuten gewürdigt. Seit Jahren feiert der Verein nur sein Stiftungsfest und Weihnachten, dieses mit Damen. Beim Stiftungs⸗ fest ist es allerdings wieder Sitte, nachdem es längere Zeit nicht der Fall war, ein Kaiserhoch auszubringen. Ob dasselbe notwendig ist, möchte ich bezweifeln, denn der Verein steht vollständig unabhängig da gegenüber der Stadt und den Staatsbehörden. Bekäme er von dieser Seite Unterstützung, er könnte wohl mehr leisten, aber der derzeitige Vorstand wünscht vollständige Unab⸗ hängigkeit jeder Behörde gegenüber. Daß sich diese Herren trotzdem des Vereins liebevoll annehmen möchten, wissen Sie vielleicht noch von einem Vorfall im vorigen Jahre, der ja auch in Ihrer Zeitung besprochen wurde. Ich glaube auch nicht, daß die in der Notiz be⸗ rührten Angelegenheiten der Grund find, warum z. Zt. so wenig Arbeiter dem Verein angehören. Warum soll es nicht möglich sein, die beanstandeten Punkte abzu⸗ ändern, wenn eine genügende Anzahl Mitglieder sich dagegen erklären. Wenn die Arbeiter abseits stehen. so können sie doch nicht hoffen, andere Zustände herbeizu⸗ führen; nur durch Mitarbeit im Verein wäre etwas zu erreichen. Ein großer Teil der jungen Leute, welche dem Verein angehören, benützen nur die Bibliothek, im Uebrigen schwärmen sie für möglichst gründliche Bier⸗ vertilgung in sogenannten Geselligkeitsvereinen, tragen auf der Kneipe bunte Mützen, Bänder ꝛc. Das gibt den Nachwuchs für die zukünftigen Philister. Nur ein kleiner Teil benutzt das Lesezimmer. Also nicht abseits stehen sondern mitarbeiten! r. In Roth hatten sich neulich eine Anzahl Stein⸗ arbeiter, darunter etwa 20 aus Ockershausen, zu einer Versammlung eingefunden. Jedenfalls um zu verhindern, daß sich einer dem Verbande anschließe, hatte sich auch der Schullehrer eingefunden. Doch er ergriff das Wort nach dem Vortrage des Referenten nicht, er sah wohl ein, daß dessen Ausführungen nichts entgegenzusetzen war. Erst nach der Versammlung be⸗ schwerte er sich, daß er auch nur 1600 Wet. Einkommen habe. Er war allerdings sehr überrascht, als ihm von cinigen Arbeitern gesagt wurde, daß sie kaum die Hälfte davon verdienten. Der Mann hat jedenfalls die Schilde⸗ rungen ernst genommen, die oft bürgerliche Blätter von dem„üppigen“ Leben der Arbeiter entwerfen.— Dem Verbande der Steinarbeiter traten eine Anzahl Berufs⸗ kollegen aus Roth, Ockershausen und anderen Orten der Umgebung bei. O Nette Submisstonsblüten kamen bei einer dieser Tage in Neustadt(Kreis Kirchhain) stattgefunde⸗ nen Vergebung von Arbeiten zur Herstellung einer neuen Wasserleitung zum Vorschein. Die Angebote bewegten sich bei einzelnen Losen zwischen rund 1000 und 4000 Mark, sowie zwischen 2200 und 6800 Mark. Was für Löhne mögen da wohl die Mindestfordernden den Arbeitern zugedacht haben! — Die Leiche des vor etwa 8 Wochen verschwun⸗ denen Dienstmädchens Kath. Rock aus Ebsdorf wurde am Sonntag Vormittag in der Lahu aufgefunden. Aus dem Gerichtssaal. Das Darmstädter Schwurgericht ver⸗ urteilte am Samstag nach dreitägiger Verhand⸗ lung den Kaufmann Faulhaber aus Seligen⸗ stadt wegen vorsätzlicher Drandstiftung zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust. — Wegen Beleidigung des Reichstagsabgeord⸗ neten Becker⸗ Sprendlingen wurde ein Arbeiter von der Darmstädter Strafkammer zu der harten Sirafe von dret Monaten Gefäng⸗ uis verurteilt. Er hatte in der Trunkenheit im Bahnzug eine allerdings höchst ungehörige Bemerkung über Herrn Becker gemacht, die diesem von Bekannten hinterbracht wurde. Skandalprozeß Ackermann in Dresden. Gegen den Ratsassessor Dr. Acker mann, Sohn des verstorbenen konservativen Hofrats und Kammerpräsidenten wurde Donnerstag voriger Woche wegen Vergehen gegen§ 175 d. Str. Ges.⸗Buchs vor der Dresdener Straf⸗ kammer verhandelt. Ackermann wurde zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten. Wegen Erpressung erhielten: Reisender Wallmann⸗ Berlin 2 Jahre 1 Monat, Kellner Dupke⸗Berlin 2½ Jahre und Hausdiener Rogahn⸗ Berlin 1 Jahr 3 Monate Gefängnis, jeder auch mit Ausnahme Dr. Ackermanns 5 Jahren Ehren⸗ rechts verlust. Ein starkes Stück. Von einer heiklen Affaire berichten Berliner Blätter aus Oberschöneweide. Dort wurde vor etwa fünf Monaten das 22jährige Dienst⸗ mädchen Elise Kode, das bei einem Bürger in Oberschöneweide in Dienst war, von einem Knaben entbunden. Der Vater des Kindes konnte nicht ermittelt werden. Bet einem Wort⸗ wechsel, der wegen der Vaterschaft des Kleinen kürzlich entstand, platzte die Kode damit heraus, daß der Vater ihres Kindes— der 13jährige Sohn ihres Arbeitsherrn sei. Dies kam zur Anzeige, und die Untersuchung führte zur Ver⸗ haftung der K. 8 . 1 Weitklaffend öffnet sich des Meeres Schlund Und Riesenschiffe sind ihm nur ein Bissen, Vulkane donnern aus der Erde Grund Und Regimenter hat ein Schlag zerrissen— Nie träumte sich die tollste Phantasie Der Vorwelt je, was unsere Seit geboren— Und hat der Krieg an Grausamkeit verloren d Mich dünkt, er ist so scheußlich wie noch nie! Schon währt ein Jahr im Osten jener Kampf— Kein Kampf mehr, ein Gemetzel ohnegleichen! Sum Himmel raucht in Wolken ekler Dampf Aus Hekatomben von zerriss'nen Leichen. Ein wüster Blutrausch hält sie dort im Bann, Statt nach der Kriegskunst wohlerdachten Regeln, Serfleischen sie mit Zähnen sich und Nägeln Und viehisch Wüten ist von Mann zu Mann! Wo ist der Fortschritt in des Fechtens Kunst d Verdreifacht nur sind Wunden, Haß und Leiden! Noch baden sie in wilder Wollust Brunst Ihr Bajonett in Menscheneingeweiden! Sie schleudern mit der Faust den Feuerball, Sich selber sinnlos samt dem Feind vernichtend, Sie mauern, Leichen hoch auf Leichen schichtend, Aus toten Brüdern kunstreich ihren Wall! Kein Mitleid mehr, kein ritterlich Gefecht, Kein Vorzug trennt den Menschen mehr vom Tiger, Die feigste Negertücke wird zum Recht, Wie schlechte Spreu verbrauchen sie die Krieger! Bis Freund und Feind erschöpft am Boden liegt, Von roter Lebenswelle überflutet, Wird fortgewürgt— und wer zuletzt verblutet, Nicht wer der bessre Held ist, hat gesiegt! Und wird Wir Ebenbilder Gottes hören Stumpf Tag um Tag von neuer Gpfer Sahl, Nicht fähig mehr, uns flammend zu emporen, Uns ekelt nur— uns ekelt nicht einmal! Wir ziehen unsre Rechnung kühlgesinnt Bloß aus dem Unheil in des Gstens Fernen, Bemüht, recht viel für jene Seit zu lernen, Da hier die Völkerschlächterei beginnt! (F. v. O in der„Jugend“) Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 25 Fortsetzung. „Ach, da bist Du ja,“ begrüßte das blonde Bäckertöchterlein aufatmend den Vetter Lebrecht. „Ja, da bin ich,“ rief dieser, indem er seinen zerknüllten, weichen Hut, den er sehr verwegen zu tragen pflegte, achtlos auf den nächsten Stuhl schleuderte und seinen Schnurr⸗ hart in die Höhe drehte. Seitdem er die Lehr⸗ jahre überstanden, hatte er sich Schnurr⸗ und Knebelbart wachsen lassen, so daß er in seinen Sonntagskleidern wohl für einen jungen Kunst⸗ 5 5 gehalten werden konnte.„Was ist denn o8 2“ Da schüttete ihm Rosalie ihr Herz aus, und er lachte unbändig. Die Mutter war unzufrieden und das blonde Röschen zürnte:„Anstatt Mitleid mit mir zu haben, lacht er wie ein dummer Junge. Ist das Deine Freundschaft?“ Er warf erst der Einen, dann der Anderen einen schlauen Blick zu und versetzte, indem er sich das braune Haar aus der Stirne strich: „Nu, ein Unglück ist die Sache doch gerade nicht. Man geht in die Oper, in's Konzert und Schauspiel, liest aus der Leihbibliothek die die Bilder an und liest, was die Kritiker über 17 C N SS neuesten Romane, guckt sich in der Ausstellung 1 8 Anterhaltungs-Cril. 0 Kultur! „Einst wird der Krieg veredelt durch Kultur“— So las ich einst, den Ort hab' ich vergessen— Er wird zuletzt ein eisern Schachspiel nur, Drin feine Geister ihre Kräfte messen! Und ob die Meisterschaft im Töten stieg Su Höhen auch, vor denen wir erschauern,— So las ich—„desto kürzer wird es dauern Und desto minder blutig wird der Krieg!“ Nun hat die Mordgier Wunder ausgedacht: Wir senden über Meilen unser Feuer, Dor dessen Wut ein Berg in Staub zerkracht; Pfeilschnell durchbraust das Danzerungeheuer Die See, das tausendfach Verderben sät. Wir zielen kaum noch auf der Feinde Glieder, Wie reife Schwaden mähen wir sie nieder— Ein Kind regiert das zierliche Gerät. alles Das in den Zeitungen schreiben; nachher kann man über alles sprechen, daß es sich nur so gewaschen hat. Wozu sind denn die Rezen⸗ senten da, als daß sie den Leuten das Bildungs⸗ futter vorschneiden? Man hat bloß wieder⸗ zukäuen. Das ist Alles, und Du hast ja hübsche, gesunde Zähne, Röschen.“ Dieses bewies bei seinem Lachen, das es wirklich hübsche, blendend weiße Zähne hätte. Die Mutter wiegte jedoch bedenklich den Kopf. „Wenn das Alles wäre!“ seufzte sie.„Aber damit wird der Vater nicht zufrieden sein. Klavierspielen und ein bißchen Französisch oder Englisch schwatzen muß ein gebildetes Mädchen doch auch können.“ „Nu, das wird der Rosa den Kopf nicht kosten,“ tröstete Otto.„Aber das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen! Rosa muß das Radeln erlernen.“ „Gott steh' bei mir,“ entrüstete sich die Meisterin. Die Tochter aber rief fröhlich: 1 1 eln, en! nd, zer, er! e . r en l⸗ en f. Ul die er ger r il er⸗ he, e. ff. hel i. hel el ct 5 die 9 ooo Nr. 13. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Seite 7. „Ach, das ist prächtig. Das wünsch' ich schon längst. Ja, der Papa muß mir ein Rad an⸗ schaffen.“ „Und ich lehre Dich fahren,“ warf sich Leb⸗ recht in die Brust,„und halte meine Hand schützend über Dir auf unseren Ausflügen.“ „Kannst Du denn radeln und hast Du ein Rad?“ fragte die Kousine mit erstaunten Augen. „Ein Rad? ja, auf Teilzahlung, versteht sich.“ „Und das erzählst Du erst jetzt? O, Du hinterlistiger Mensch!“ „Meine liebe Rosalie,“ begann er pathetisch und deklamierte:„Es bildet ein Talent sich in der Stille.“ ö Sie klatschte jubelnd in die Hände und ihre blauen Augen strahlten. Otto umfaßte sie und tanzte mit ihr in der Stube umher. „O, ihr Kindsköpfe! Ihr Kindsköpfe!“ lachte Frau Karoline. „Nanu, seid ihr verrückt?“ So rief mit seiner Fettstimme Meister Adersen, der, aus der Kneipe heimgekehrt, in der Stubentür stand. „Ich unterricht' die Rosa im Walzen, das gehört ja zur Bildung,“ antwortete Otto un⸗ verfroren, indem er das Mädchen losließ. „Und das Radeln erst recht,“ fiel die Koustne heiter ein.„Ja, Vater, Du mußt mir ein Rad schenken, bitte, bitte!“ Rücksichtslos stürzte sie sich in die Atmosphäre von Tabaks⸗ und Bier⸗ geruch, die der Vater um sich verbreitete, um⸗ armte ihn von der Seite, da sein Bauch einen Frontangriff nicht gut möglich machte, und küßte ihm die aufgepolsterte Wange.„Ach, bitte, bitte, Papa!“ Wie sie schmeicheln konnte! Der Vater schob sie bei Seite, indem er einen mißtrauischen Blick auf seinen Neffen warf. Er war nie sicher, ob dieser es mit dem, was er sagte, ernst meinte oder ihn foppen wollte.„Gelbschnabel!“ gurgelte er. „Danke, Onkel! Aber das Verdienst wird immer verkannt; das ist eine alte Geschichte. Dir ergeht es auch nicht besser, Onkel. Warum sonst bist Du nicht längst Stadtverordneter und 1755 im Reichstag?— Na, gute Nacht alle⸗ amt.“ Meister Adersen machte ein verblüfftes Gesicht, und erst als die Tür hinter dem Neffen in's Schloß fiel, erhob er gewohnheitsmäßig den kurzen plumpen Zeigenfinger, an dem ein mächtiger Siegelring stak, um ihn Otto zum Abschiede hinzuhalten. III. Hut, wie die beiden Fahrräder, welche von Otto Lebrecht und seiner Kousine gelenkt wurden, an dem herrlichen Frühlingssonntag über den Kurfürstendamm dem Grunewald entgegen⸗ zischten. Wie ein Jockey bei dem Wettrennen auf dem Hals des Pferdes, so lag Otto gebückt auf der Lenkstange seines Rades und zappelte mit den Füßen. Rosalie saß aufrecht und wie triumphierend auf ihrem Fahrzeug, und ihr rundes Gesicht lachte und blühte wie der junge Frühlingstag selbst. Feierte sie doch auch einen Sieg über den Widerstand der Mutter und hatte mit deren Beistand den Vater bewogen, ihr zum Weihnachtsfeste ein Rad zu schenken. In Bezug auf die 0 war es fest geblieben, und das Töchterchen erholte sich auf dem Rade von ihren Studien. Zu dem Geldschrank in der Wohnstube hatte sich ein Pianino gesellt, auf dem ein älteres Fräulein sie unterrichtete. Freilich nur mit kümmerlichem Erfolge; denn es gebrach Rosa an musikalischem Gehör und das fleißige Ueben machte nur ihre Finger gelenkiger. Den geistigen Acker pflügte ein Hausgenosse, ein Privatlehrer, der schon seit mehreren Jahren in dem dritten Stock des Bäckerhauses wohnte. Der Mann war ein Witwer und hörte auf den Namen Häsekin. Er war schon lange kein Jüngling mehr, und wenn nicht etwas Anderes, so hatten Stuben⸗ luft und Gelehrtheit seinen Schädel derart poltert, daß man selbst mit einem Mikroskop kein Härchen zu entdecken vermochte. Einige Unterrichtsstunden und Korrekturen für einen Buchdrucker fristeten sein Dasein. Wie es mit seinem Wissen stand, darüber zu urteilen war Meister Adersen sicherlich der Letzte. Das Herz seiner Schülerin gewann er aber im Fluge durch seine unermüdliche Geduld und seine himmlische Sanftmut. Dte Letztere, gepaart mit einem Zuge von Traurigkeit, die sich in dem Gesichte ausprägten, hatten schon lange Rosalien's Teil⸗ nahme mit dem alten Herrn erregt, bevor er es unternahm, das Mädchen in die Geheimnisse der Geographie, Geschichte, Literatur und franzö⸗ sischen Sprache einzuführen. Nun, an gesundem Menschenverstande und auch an Mutterwitz gebrach es ihr nicht; ihre Neigungen aber waren von frühauf auf das Praktische gerichtet. Wenn sie trotzdem einige Fortschritte machte, so geschah es aus Liebe zu dem alten Herrn Häsekin und weil sie aus Pflichtgefühl fleißig war. Ihr Vater ging unterdessen umher, als brütete er wie ein Hamlet über Sein oder Nicht⸗ sein. Als königstreuer Mann, als den er sich fühlte, hatte bisher wohl in seiner verschwiegenen Brust die Erwartung geschlummert, daß er eines Morgens als Hofbäcker aufwachen könnte. Nun hatte die Aeußerung seines Neffen in ihm gleich dem Gruße der Hexen in Macbeth einen un⸗ gemessenen Ehrgeiz entzündet. Ja, warum sollte er zunächst nicht wenigstens Stadtverordneter werden? Fühlte er doch das Zeug in sich, für alles Alte, wenn es auch schlecht war, fest zu stehen wie eine Säule, das Bessere nieder⸗ zustimmen und auf jeden Wink von Oben zum Kotau geschickt! Und er begann sich auf seine höhere Laufbahn vorzubereiten, indem er seinem Stammtisch im Prinzregenten allmälig untreu wurde und dafür zum Frühschoppen in ein Weinhaus ging. Wann irgend wo, so mußte er hier im Verkehr mit den feineren Gästen feine Manieren und feine Sprache lernen. Seinen breiten ostpreußischen Dialekt, an dem ihn zu seinem geheimen Aerger Jeder erkannte, sowie er den Mund auftat, wurde er freilich nicht los. Dafür stopfte er sich den Kopf mit Fremdworten voll und die Beharrlichkeit, mit der er dieselben falsch anwendete, hatte fast etwas Rührendes, da er von den Schnitzern keine blasse Ahnung hatte. Er war darin groß, wie in Allem. Und dann zu Hause sein Bericht über das, was er bet dem Frühschoppen gehört hatte, die feinen und vornehmen Leute, mit denen er dort ver⸗ kehrte, die er alle bei Namen nannte, die Alle seine Freunden waren und ihn nie anders an⸗ redeten als„lieber Adersen“. Er selbst war aber auch ungeheuer nobel gegen sie und in seinem Geldschrank lagen etliche Scheine, welche die Unterschriften seiner vornehmen Freunde trugen. Davon sprach er jedoch nie. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Die Mutter als Erzieherin. Du sollst nicht prügeln! Küte dich, proletarische Mutter, vor der Freundschaft mit Stock und Rute! Sie sind keine echten Freunde; sie gaukeln dir im Augenblick des Zornes und der Aufregung einen Erfolg vor, der sich später als ein schlimmer Schaden erweist. Wohl kann ich es begreifen, wenn eine abgehetzte, müde Arbeiterfrau im Stocke das letzte Mittel sieht, um ihre fünf, sechs Kinder in Zucht zu halten. Ste weiß es nicht besser, sie selbst ist nicht anders erzogen worden. In ihren Bekannten kreisen wird es ebenso gemacht. Und eine gehörige Portion Prügel schafft vorübergehend Ruhe in der kleinen unruhigen Oppositionsgarde der Kinder. Aber nur vorübergehend! Der Stock überzeugt nicht das Kind, er bezwingt es nur, er vergewaltigt es. Im Kinde steckt viel Freiheitsdrang. Wir sollen uns dessen freuen, wir sollen darauf bedacht sein, dieses Freiheits⸗ und Oppositionsgefühl richtig zu leiten. Das heißt nicht, daß dem Kinde alles und jedes erlaubt sein soll. Das Kind soll sich schon in der Familie daran gewöhnen, die im Interesse aller Familienmitglieder aufge⸗ stellten Hausgesetze zu achten und zu beachten. Aber nicht durch barbarische Prügel gewöhnen wir das Kind an den Respekt vor dem Allge⸗ meinwohl. Es gibt andere Mittel, die für die Dauer wirksamer sind als die Prügelstrafe, und die nicht die gefährlichen Nebenwirkungen der Prügelstrafe haben. Durch die Prügel erziehen wir unsere Kinder zur Knechtseligkeit. Wer als Kind den Stock fürchten gelernt hat, wird auch als Erwachsener den Stock fürchten, sei es der Büttel der Polizei oder der Korporal⸗ stock oder die Hungerpeitsche des Kapitalisten. Wem als Kind die Würde vor sich selbst her⸗ ausgeprügelt worden ist, der dient später der herrschenden Klasse als würdeloses Objekt, der schändet sich selbst, indem er sich zu Arbeits⸗ willigendiensten und ähnlichen Unwürdigkeiten hergibt. Wir aber wollen aus unseren Kindern selbstbewußte, aufrechte Charaktere machen. Wir wolleu, daß sie keine Furcht vor Menschen haben. Wir wollen, daß sie kämpfen für Frei⸗ heit und Menschenwürde. Darum fort mit Rute und Stock. (h. sch. in der Frauen-Beilage der„Gleichheit“.) Splitter. Wen das Wort nicht schlägt, den schlägt auch der Stock nicht. Socrates. * * * Eins doch weiß ich, und dies Eine Gibt mir Kraft und Zubversicht: Keine Nacht war noch so dunkel, Der nicht obgestegt das Licht, Keines Winters Eis so feste, Daß der Lenz es nicht durchhieb, Keines Kerkers Wand so ewig, Daß die Zeit ste nicht zerrieb. Anastastus Grün. Humoristisches In der Religionsstunde. Schulinspektor: „Warum versteckte sich Saul, als man ihn zum Könige gewählt hatte?“ Lange sitzt die kleine Schaar stumm da, bis endlich der Sohn eines Gastwirts antwortet: „Er war bange, er sollte wat utgeben.“ Ein Ausnahmefall. Gegen einen freireli⸗ giösen Geistlichen war die Anklage wegen Gottes⸗ lästerung erhoben worden. Bei dem ersten Verhör, das er zu bestehen hatte, wurde seine Verhaftung verfügt, und ein alter Gerichtsdiener hatte den Auftrag, den Verbrecher vom Gerichtsgebäude nach dem Gefängnis zu bringen. Dem alten Manne mochte der junge an⸗ ständige Mensch leid tun, er sagte daher zu ihm:„Hier habe ich zwar Schließzeug und könnte Ste fesseln, aber ich will Sie ungeschlossen durch die Stadt transportieren. Hoffentlich machen Sie keinen Fluchtversuch!“— Der Verhaftete erklärte darauf, daß er die Folgen für sein Tun auf sich nehme, denn er habe nur die Wahrheit verkündet und denke gar nicht daran, jetzt feige zu fliehen. Darauf fragte der Beamte erstaunt:„Ja, weshalb sind Sie denn eigentlich angeklagt?“—„Wegen sogenannter Gotteslästerung“, erwiderte der Geistliche.—„Sooo, wegen Gotteslästerung?“ sagte der Gerichtsdiener gedehnt und fügte dann noch hinzu:„Wie ich hörte, daß Sie Prediger seien, habe ich selbstverständlich geglaubt, daß Sie wegen Sittlichkeitsverbrechens angeklagt sind.“ (Aus dem Simplizissimus.) Litterarisches. Die Schiller Märznummer ist soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erschienen, Sie umfaßt 16 Seiten und ist auf Illustrationsdruckpapier hergestellt. Das Titelbild ist eine Reproduktion von Danneckers Schillerbüste. Außerdem enthält die Nummer Bilder von Personen und Oertlichkeiten, mit denen Schiller in Berührung gekommen ist, Handschriftsproben, zwei Porträts Schillers, seine Totenmaske und Titel⸗ blätter. Ferner findet sich in ihr der von den Bilder⸗ büchern der bürgerlichen Literaturgeschichte vielfach unter⸗ schlagene Bürgerbrief der französischeu Revolution in Facsimilewiedergabe. Textlich beginnt das Heft mit einem Lebensabriß des Dichters aus der Feder Friedrich Stampfers. Lilly Braun entwirft eine Charak⸗ teristik der bedeutendsten Frau, die in Schillers Schicksal eine Rolle spielt, der Charlotte von Kalb, und zeichnet in dieser Charakteristik zugleich das Verhältnis Schillers zu den Frauen. Ueber Schillers Ideal smus schreibt Kurt Eisner, Schillers Mission auf dem Theater stellt John Schikowski dar. Was Schiller in der Schule ist und was er für sie bedeuten könnte, erörtert Edu ar d David. Endlich gibt Molkenbuhr als alter Lassal⸗ leaner eine lebendige Schilderung von dem Einfluß, den Schiller in den Entstehungsjahren der deutschen Sozial⸗ demokratie als Prophet der Freiheit und des Idealismus auf das Erwachen der Arbeiterschaft ausgeübt hat. Diese Schillernummer ist für 20 Pfg. in der Expedition der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ zu haben. — ——— e — ————ünĩ FV⅛e. Seite 3. Mitteldeutsche Snuntaas⸗Jeituna. No, 13. neee eee, Eröffnung der Abteilung für Putz ür Frühjahr und Sommer- Unser stetig sich vergrössernder Kundenkreis veranlasst uns, unsere bisherige grosse Auswahl in einfachen und eleganten, guarnierten und ungarnierten „% Damen- und Mädchen-Hüten sowie in Blumen, Bändern, Chiffons, Agraffen etc. bedeutend zu vergrössern Die Besichtigung unserer Hüte etc. ist ohne Kaufzwang gerne gestattet. Richard Loewenthal& Co., Giessen, Bahnhofstr. 1. 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