90. 10 et: 103 zen ler⸗ ung esse en wen 0 ung l- * 2 * 2 4 —5 — * 9 Nr. 9. Gießen, den 26. Februar 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. ugs⸗ Zeitung. Abonnements preis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austrä Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellung en 1 Jnserate a ger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreirung. Die 5 gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½5% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe Bei mindestens 50%% Rabatt. Agrar⸗ und Industriestaat. Der Reichskanzler Hohenlohe nannte Deutsch⸗ land gelegentlich einmal zum großen Verdruß der Agrarier einen Industriestaat. Heute sprechen die Regierungsvertreter von Deutschland als von einem Agrar- und Industriestaat. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob der eine oder der andere Ausdruck richtig ist. Ein Industriestaat im Sinne Englands ist Deutsch⸗ land keinesfalls, denn dazu ist die Schichte der landwirtschaftlichen Bevölkerung viel zu breit. Worauf es bei dem ganzen Streite, der mit den erwähnten Schlagworten geführt wird, ankommt, ist die Frage: muß bei den heutigen Berhälttnissen die deutsche Wirtschaftspolltik mehr d je industriellen oder die agrarlschen In⸗ teressen fördern? Und diese Frage findet sehr leicht ihre Beantwortung dadurch, daß man die Art und Weise, wie der Bebölkerungs⸗ zuwachs des deutschen Reiches existenzfähig ge⸗ macht wird, in den Mittelpunkt der Erörle⸗ rung zieht. Deutschland vermehrt sich jedes Jahr um ca. 900,000 Menschen. Für sie muß Nahrungsspielraum geschaffen werden. Wäre die Landwirtschaft im stande, jedes Jahr einem solchen Zuwachs an Menschen eine Existenz zu gewährleisten, so könnte man vielleicht die zoll⸗ politische Fürsorge der Regierung für die Landwirtschaft einigermaßen verstehen. Aber es steht fest, daß die Landwirtschaft nicht in der Lage ist, den Bevölkerungszuwachs in sich dufzunehmen. Zugegeben soll werden, daß zur Beseitigung der Leutenot vielleicht ein bis zwei Jahrgänge des Zuwachses von der Landwirt⸗ haft ernährt werden könnten. Aber darüber inaus ist die deutsche Landwirtschaft mit Menschen vollständig gesättigt. Ja die wahr⸗ sheinliche Weiterentwicklung ist die, daß in der Zukunft infolge von vermehrter Anwendung der Maschinenarbeit an menschlicher Arbeits⸗ raft noch Ersparnisse zu machen sind. Die Fntvölkerung des platten Landes, der steigende zuzug nach den industriellen Zentren und Groß⸗ füdten ist der beste Beweis, wie unmöglich zurzeit ine steigende Anstedelung in den rein ländlichen Iizirken ist. Gewiß braucht es nicht immer J zu bleiben, aber augenblicklich haben wir ut der Tatsache zu rechnen, daß in absehbarer it keine wesentliche Aenderung in dem Gang keser Entwickelung eintreten wird. Die 900,000 Nenschen, die jährlich dem deutschen Reiche zu⸗ nachsen, müssen aber mit Arbeit und Verdienst kwasehen werden, um leben zu können. Wird fi sie nicht Nahrungsspielraum geschaffen, so sürde ein überaus starker Export von Menschen eltreten müssen, wie dies in verschiedenen gahrzehnten des vorigen Jahrhunderts der l war, in denen die deutsche Industrie in ten ersten Anfängen begriffen war, und die Uindwirtschaft auch schon kein Auskommen für he vermehrte Bevölkerung bot. Wollen wir ne massenhafte Auswanderung, so müssen Hewerbe, Handel und Verkehr für den Be⸗ herungszuwachs eine Existenzmöglichkeit scoffen. Dies kann auf zweierlei Weise ge⸗ chen: entweder macht man den inländischen Mörkt aufnahmekräftiger, als er hente ist, so aß beträchtlich mehr gewerbliche Erzeugnisse sossumiert werden, oder man sorgt für eine a 0 n. Vergrößerung oder Vermehrung des auslän⸗ dischen Absatzes, wodurch die Zahl der in der Industrie beschäftigten Personen beträchtlich wachsen kann. Bei der heutigen Wirtschafts⸗ politit ist an ein Beschreiten ersteren Weges leider noch nicht zu denken. Die Lage der Landwirtschaft, die Organi⸗ sation der gewerblichen Erzeugung, sowie die heutige Art der Güterverteilung lassen es aus⸗ geschlossen erscheinen, daß eine Steigerung des inländischen Massenkonsums in einem Grade eintreten könnte, der schon in einer nahen Zu⸗ kunft die Lösung der Frage des Bevölkerungs⸗ zuwachses bringen würde. Es bleibt daher für die diesmalige Periode der Handelsverträge in der Hauptsache nur der zweite Weg offen; das heißt, Deutschland muß seinen gewerblichen Export von Jahr zu Jahr steigern, um dem größten Teil seines jährlichen Bebölkerungs⸗ zuwachses eine Existenz zu bieten. Der Teil des Bevölkerungszuwachses, der direkt für den Export arbeitet, verstärkt gleichzeitig auch den Konsum des Insaudmarktes, da der industrielle Arbeiter durchschnittlich mehr verbraucht als der Arbeiter in der Landwirtschaft. Je gün⸗ stiger wir also exportieren können, je besser die am Export beteiligten Arbeiter gestellt werden, desto stärker wächst gleichzeitig auch der inlän⸗ dische Konsum, so daß ein gewinnbringender Export direkt und indirekt die Möglichkeit schafft, der anwachsenden Bevölkerung Nahrungs⸗ spielraum zu gewähren. Der Konsum der landwirtschaftlichen Be⸗ völkerung fällt viel zu stark ins Gewicht, um Deutschland als einen reinen Industriestaat ansprechen zu können. Der günstige Einfluß einer guten Ernte und befriedigender Getreide⸗ preise zeigte sich z. B. in den Jahren 1902 und 1903, wo der Mehrertrag aus der Ernte gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1899 bis 1902 auf zirka 356 Millionen Mark zu schätzen war. Im Jahre 1902 war die Mehr⸗ einnahme gegen 1901 noch erheblicher. Man kann sich lebhaft vorstellen, daß eine solche Mehreinnahme auch zu vermehrten Ausgaben veranlaßt. Nicht nur der persönliche Konsum gestaltet sich besser, es werden vor allem auch Neuanschaffungen für den Betrieb gemacht. Die Intensität des Konsums war nach der guten Ernte des Jahres 1902 um so erheblicher als nach der unerfreulichen Ernte des Jahres 1901 eiue starke Einschnürung des Konsums eingetreten war. Die Besserung bes gewerblichen Beschäftig⸗ ungsgrades seit Herbst 1902 stand in ziemlich direktem ursächlichen Zusammenhang mit dem Ernteausfall des nämlichen Jahres. Ebenso dürfte die besonders in die Augen fallende Er⸗ holung gegen Ende des Jahres 1903 wieder durch die gute Ernte mit verursacht worden sein. Die Tatsache, daß die Bevölkerungsziffer, die von der Landwirtschaft beschäftigt und er⸗ nährt werden kann, keiner beträchtlichen Steige⸗ rung fähig ist, und die von dem Ausfall der Ernte bedingten Konsumschwankungen sehr stark ins Gewicht fallen, ergibt als notwendige wirtschaftspolitische Aufgabe Deutschlands eine gesunde Steigerung des industriellen Exportes, durch den zurzeit allein die Exi⸗ stenz des Bevölkerungszuwachses Deutschlands gewährleistet wird. Diese Notwendigkeit be⸗ dingt aber vor allem die Berücksichtigung der Interessen der Exportindustrie. Und gerade diese Interessen werden durch die neuen Handels⸗ verträge geschädigt. Ein Akt gerechter Polksjufliz Am Freitag Nachmittag verbreitete der Tele⸗ graph die Nachricht, daß der Großfürst Sergtus, ein Onkel des russischen Kaisers in Moskau durch eine Bombe hinge richtet worden sei. Er kam in seiner Equipage vom Nikolausplatze über den Senatsplatz, als ein Schlitten mit zwei Männern ihm entgegenkam. Am Justizpalast ließ der Schlitten die Equi⸗ page vorbeifahren. In diesem Augenblick wurde eine Bombe unter die Equtpage geschleudert. Die Explosion war so heftig, daß alle Fenster⸗ scheiben im Justizpalast zersplitterten. Dez Wagen wurde völlig zertrümmert. Der Groß⸗ fürst war sofort tot. Der Kopf und die, Beine waren vom Rumpfe getrennt, die Kleider zerrissen. Die Nachricht von der Hinrichtung dieses Menschen ist in Deutschla nd allgemein mit Genugtuung aufgenommen worden. Auch in bürgerlichen Blättern wird der Befriedigung darüber unverhohlen Ausdruck gegeben und zwar oft mit einer Schärfe des Tons, die der soztal⸗ demokratischen Presse gleichkommt. Ihm wurde die Hauptschuld an den zahllosen Verbrechen zugeschrieben, die an dem russischen Volke in der letzten Zeit verübt worden sind. Er besaß großen Einfluß und ihm wird es zugeschrieben, daß am 22. Januar die wehrlosen, um ihr Menschenrecht flehenden Arbeiter von der Sol⸗ dateska niedergeknallt wurden. In ihm häuften sich alle Verbrechen des Absolutismus. Er war das Haupt der brutalsten Reaktion, galt als der Berater und Anstifter aller Verbrechen des Zarismus. Hugo Ganz schreibt über ihn in seinem Buch über Rußland:„Das arge Gegen⸗ stück bildet Großfürst Sergius, der General⸗ gouverneur von Moskau, der Schwager und Onkel des Zaren. Was über seine persönliche Lebensführung ganz öffentlich erzählt wird, entzieht sich der Wiedergabe. Auf die Passtonen des Großfürsten Sergius kommt man aber darum gern zu sprechen, weil ste mit seiner sonstigen Frömmelei in so schreiendem Wider⸗ spruch stehen. Von ihm wird unbestritten be⸗ hauptet, daß er ein böser belasteter Mensch sei, dessen Wonne die Qual anderer bilde.“ Zu dem, was man sich über den Unhold erzählt, gehört die Behauptung, daß er seine Gewalt mißbraucht, um sich zwangsweise Kinder für seine Gelüste zuführen zu lassen; er komman⸗ dierte Schulrektoren, ihm die Opfer seiner Be⸗ gierden zur Verfügung zu stellen. Als Generalgouverneur von Moskau hat der Hingerichtete lange Jahre hindurch ein rücksichtsloses, gewalttätiges Regiment geführt. Mlt außerordentlichen Vollmachten ausgerüstet und jeder Kontrolle enthoben, konnte er unge⸗ stört das Ziel verfolgen, das er sich gesteckt hatte: die zweite russische Residenzstadt zu einer Hochburg des Selbstherrschertums zu machen. Er herrschte dort unumschräukt und achtete weder Gesetze noch Erlasse des Zaren.„Für ihn existierten keine Minister und keine höhere Staatsbehörden. Er schreckte nicht zurück, wenn es galt, Privatvermögen zu seinen Gunsten zu exproprtieren und verfügte über die Großindu⸗ Seite 2. striellen Moskaus, als wären sie seine Leib⸗ eigenen. Seiner Umgebung und seinen Unter⸗ geordneten gegenüber war er roh und brutal wie ein Stallknecht. Die letzten Tage seiner Herrschaft zeichneten sich dadurch aus, daß er das rote Kreuz oder besser die unglücklichen russischen Soldaten um viele Millionen bestohlen hatte. So kann man die Hinrichtung als Vergel⸗ tung für die scheußlichen Verbrechen auffassen, welche dieser Bluthund persönlich auf dem Gewissen hat und die er durch seine Schergen und Mitverbrecher ausführen ließ. An ihm ist ein gerechtes und sogar mildes Urteil voll⸗ streckt worden. Mögen Heuchler und Pharisäer Krokodilstränen vergießen, um das durchlauch⸗ tigste Blut, das da vergossen wurde, wir sagen ruhig mit Sasonow, der den Mordbuben Plehwe getötet: Bedauerlich ist nur, daß der schuldlose Kutscher sein Leben einbüßen mußte. Ein per⸗ verser Unmensch, der Männer und Frauen peitschen läßt, hat kein anderes Recht als das, zertreten zu werden wie Ungeziefer. Wie die deutsche Sozialdemokratie, verwirft auch die russische den politischen Mord. Das ist oft genug klar und deutlich ausge⸗ sprochen worden. Nicht die Beseitigung einzelner Menschen führt zum Ziele, zur Befreiung der Arbeiterklasse, sondern die sozialistische Aufklä⸗ rung der Massen. Das weiß jeder denkende Arbeiter. Der Zustand der Rechtlosigkeit in Rußland macht aber solche Taten erklärlich, sie sind notwendige Folgen des Blutregiments, Akte der einfachen Notwehr. Die Revolution in Rußland. Aus Warschau werden Massenhin richtungen gemeldet. Auf Anordnung des Gouverneurs Tschertkow seien 150 Arbeiterführer am Donnerstag an eine Mauer gestellt und durch mehrere Salven einer Militärabteilung getötet worden, ohne daß vorher ein Richterspruch gegen sie ergangen wäre. Gegen die Urheber solcher Massenmorde ist doch die grimmigste Notwehr erlaubt! Aufruhr im Kaukasus. Die Völkerstämme des ganzen Kaukasus⸗ gebietes sollen sich gegen Rußland in Rebell ion befinden. Das Militär sei zerstreut. In Baku, der Petroleumstadt, fordere der Kampf entsetzl ich viele Opfer, die Straßen seien mit Haufen von Leichen angefüllt. Ueber das Moskauer Attentat wurden noch folgende Einzelheiten berichtet: Der Großfürst Sergius fuhr kurz nach 3 Uhr aus dem Museum für Geschichte im geschlossenen Wagen nach dem Kreml zurück, wo er seit dem Ausbruch der Unruhen gewohnt hatte. Geheim⸗ polizisten folgten ihm in zwei Droschken nach. Der Kutscher fuhr sehr schnell, wie es seine Gewohnheit war, da der Großfürst, der immer Furcht hatte, auf der Straße ermordet zu werden, ihm den Auftrag gegeben hatte, mit 10 Schnelligkeit durch die Stadt zu fahren. Is sein Wagen das Micholski⸗Tor passterte, kam ein luxuriös ausgestatteter Schlitten von einem trabenden Pferde gezogen, von der ent⸗ ande Richtung. Auf dem Schlitten aßen drei Männer: ein Kutscher und zwei Insassen. Der Kutscher trug das gewöhnliche Kostüm eines Droschkenkutschers und die beiden Insassen waren ziemlich sckäbig gekleidet. Eine kurze Strecke, bevor der Schlitten dem Wagen des Großfürsten begegnete, blieb er stehen, und zwar genau in dem Augenblick, als der Wagen des Großfürsten bei ihrem Schlitten vorbeifahren wollte. Einer der Männer zog eine Bombe, die er unter dem Pelzmantel versteckt hatte, und warf sie kühl und bedacht in der Richtung des großfürstlichen Wagens. Die Bombe war gut gezielt und explodierte sofort. Die Kraft der Explosion war ungeheuer. Dichter Rauch verhüllte die Szene des entsetz⸗ lichen Vorganges. Als der Rauch verging, merkte man, daß der Wagen in hunderte Stücke zerrissen war. Es war nichts übrig Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. eblieben als die Stangen und die beiden orderräder. Die Leiche des Sergius war fürchterlich zerstückelt. Teile des Kopfes, ein Arm und ein Bein wurden gefunden, während die übrigen Teile seines Leichnams derart mit den Trümmern des Wagens und den Fetzen seiner Kleider vermengt waren, daß sie nicht auseinander zu trennen waren. Der Kopf war vollständig zerschmettert, und nur Teilchen des Gehirns waren auf dem Pflaster zu finden; ste wurden von einer Frau gesammelt und dem Polizeikommissar übergeben. Durch die Exploston wurden 64 Fenster des Justizpalastes zertrümmert. Die Bergung der Leichenteile nahm eine geraume Zeit in Anspruch. Der Hauptmann der Kremlwache leitete diese Arbeik, welche dadurch erschwert wurde, daß von einzelnen Trümmern des zerschellten Wagens Muskelstücke und Knochensplitter losgelöst wer⸗ den mußten. Die Schädeldecke wurde notdürftig zusammengestellt. Der Kutscher wurde einige Meter weit ge⸗ schleudert und fiel auf das Trottolr; er starb einige Minuten später unter entsetzlichen Leiden. Die Pferde des Wagens waren durchgegangen und zogen die beiden Vorderräder mit, bis sie gegen eine Mauer, 2 Kilometer von dem Tatort entfernt, stießen. Russische Greueltaten. Von furchtbaren Bluttaten der zarischen Schergen wurde dem„Vorw.“ aus Mohil ew am Dniepr berichtet. Wir entnehmen diesen Schilderungen, die unserm Zentralorgan durch Privatbriefe mitgeteilt wurden, nur das Folgende. Vom 5. Februar wird berichtet: Bei uns in Mohilew ist das mittelalterliche Foltersystem wieder eingeführt worden. Nach den Peters⸗ burger Ereignissen brachen hier einige kleine Streiks aus, und Donnerstag am 2. Februar sollte eine Demonstration stattftnden. Sie blieb aber aus, da in allen Höfen Militär versteckt war. An diesem Tage begann die Orgie der Polizeibestlalität. Ohne jedweden Anlaß wur⸗ den friedliche Passanten von der Straße her nach der Polizeiwache geschleppt und dort in der barbarischsten Weise zu⸗ gerichtet. Kalt und absichtlich wurden den Unglücklichen Arme und Beine ge⸗ brochen. Am Freitag und am Sonnabend wurden zirka 100 Personen auf diese Weise zu Krüppeln gemacht. Die Folterprozedur ging folgendermaßen vor sich. Man brachte erst die unglücklichen Opfer zum Polizeileutnant und dort wurden ihre Namen notiert. Dann begegnete ihnen an der Treppe eine Gruppe Polizisten, welche sie bis zur Bewußtlosigkeit schlugen; nachdem man die Opfer halb zu Tode geprügelt hatte, warf man sie die Treppe hinunter, wo ste von einer anderen Gruppe Polizisten empfangen wurden, welche mit blankem Säbel auf ste einhieb. Endlich lieferte man ste den im Hofe postierten Soldaten aus, welche mit ihren Gewehren den Unglückseligen die Augen aus⸗ stachen, Arme, Beine und die Finger an der Hand brachen. Ein unbeschreibliches Stöhnen und Schreien war auf der ganzen Straße zu hören. Aber es war unmöglich, ihnen zu helfen. Zwei Aerzte wandten sich an den Polizeimeister, aber derselbe schrie ste mit den Worten an:„Ich kenne Euch, Ihr seid alle Demokraten. Man sollte Euch tüchtig durchbläuen. Jetzt ist, Gott sei Dank, andere Zeit. Swiatopolk ist nicht mehr Minister!“ Einige junge Mädchen wurden in schimpf⸗ lichster Weise behandelt, einige wurden fist zu Tode gepeitscht. Eine ohne Bewußtsein Daliegende warf man den Hunden vor. Einige Opfer liegen bereits in der Todes⸗ agonie. Die übrigen sind alle Krüppel. Und in einem andern dem Vorwärts zur Verfügung gestellten Briefe, der diese Scheuß⸗ lichkeiten bestätigt, heißt es:„Seit der Berufung Trepows und der damit signalisterten Rückkehr zur rohesten Reaktion ist der friedliche Bürger unserer Gouvernementsstadt mit einem Schlage außer Schutz und Gesetze gestellt worden, Männer aller Stände, die harmlosesten, werden ohne irgend einen Grund und ohne die mindeste Veranlassung und Verantwortlichkeit vom nied⸗ rigsten Poltzisten öffentlich geschlagen. Die Polizei ist immun. Gerichtliche Klagen sind zwecklos; in solchen Fällen wird der Spieß gegen den Kläger gedreht. Am vorigen Sonn abend erwartete man Protestdemonstratione und die Polizei ging eifrig ans Werk. In Scharen arretierte sie Arbeiter und Arbeiterinnen dul die so viehisch geschlagen wurden, daß Re man es in den nicht sehr fern gelegenen Häusern an vor dem flehentlichen Hilferufen und e Gestöhne der Gemarterten nicht aus. I halten konnte. Viele Leute, die sich auf ie n der Straße angesammelt hatten, standen hilflos dn da und weinten. Am anderen Tage kam eine 1 Demonstration doch zustande, an der die Jugend 6 der Lehranstalten, des Gymnastums und der de Realschule teilnahmen. Was die Polizei hier⸗( bei für Heldentaten verübte, spottet jeder Be⸗ gt schreibung. Ein Realschüler, der nur ein Bein Jo hat, wurde geschlagen und durch die Straße 0 eschleift, weil er nicht schnell genug mit den a. Poltziten mitlaufen konnte. Ein anderer, den J die Polizei selbst keiner Schuld zeiht, wurde der mit Säbeln auf den Kopf geschlagen, daß er au erst heute aus der Gefahr heraus ist. Ein 1 Arbeiter ist im Krankenhaus am anderen Tage i estorben. Wird einer auf der Straße arretter 0 85 kommt er auch gleich um seine ganze Bar⸗ a1 schaft. Ein Arbeiter, der kurz nach der De⸗ li monstration in der Arbeitsschürze nach d N Tagesmühe mit einem Sümmchen von 3 Rube de 75 Kopeken nach Hause zurückkehrte, wurde v 19 einem Poltzisten aufgehalten und etwa ei 9. halbe Stunde lang blau geschlagen und dann 9 mit leeren Taschen entlassen. 1 90 Die Polizei sieht die ganze Bevölkerung als 0 ihre tatsächlichen Sklaven an und der geringste 0 Polizist vermag im Handumdrehen eine ihm 1 mißfällige Person zugrunde zu richten. 5 N Leben, Hab und Gut, unsere Ehre ist in den 0 Händen des Poltzisten. In der Stadt herrscht 1 eine wahre Panik. Wer aus dem Hause geht,. ist nicht sicher, daß er glücklich zurückkehrt.“ Es wird noch hinzugefügt, daß diese Schilde⸗ dit 115 noch weit hinter der Wirklichkeit zurück⸗ n. bleiben. Zweifellos hat man es hier mit Tat- erg sachen zu kun; ähnliche Bestialitäten der russi?⸗ in schen Polizel⸗Hallunken wurden früher schnn V. öfters berichtet. Man muß sich nur wundern, llt daß die Bevölkerung nicht zur Selbsthilfe greift und die entmenschten Henkersknechte einfach wie tolle Hunde niederschießt! i 11 Zar Nikolaus wird kindisch. 0 Unserm Zentralorgan wurde von einer gut S unterrichteten Persönlichkeit aus Petersburg di geschrieben:„Der Kaiser ist in einem üblen 9 Zustande. Die Minister beklagen sich, daß er 1 immer mehr dem zufälligen Einflusse unbe- 6 kannter Menschen zum Opfer fällt: immer tt mehr weint er und betet er. Der Eisen bahnminister Fürst Chilkoff erscheint vor ihm, dein er hört kaum den Vortrag des Ministers zu die und in der Mitte unterbricht er ihn:„Haben ba Sie den Neugeborenen gesehen?“ Der 80 Minister wird ins Kinderzimmer geführt. Um das ganze Bett des Kindes herum hänge kleine Heiligenbilder. In die Hand d 1 Süuglings wirr ein Bildchen des heilige Serafim von Saroff hineingelegt. Der e al staunte Minister erhält mit Respekt das Heili 100 tum aus der Hand des Säuglings und 5 weg, ohne den Vortrag beendet zu haben. f Den Vorträgen der Minister hört er kaum zu, l er hat aber Zeit genug, um jetzt sowie in den ge früheren Jahren den Kaiserinnen lange alte 0 historische Materialien vorzulesen.“ Und ein 0 solcher Mann bestimmt über das Schicksal von I Milltonen Menschen! 9 e e eee ene Politische Rundschau. Gießen, den 23. Februar 1905.% 0 Der Reichstag hat nach der ersten Lesung der Handelsvertri einige Tage Pause gemacht. Montag wurden UI die Handelsverträge in zwester Lesung„berate und fast ohne Debatte angenommen. 0 fubeln e von d eile dann ng alk rlngste ie ihn. Unsa in den herrsch e geht l. child zurit it Tab T rufe r schuh under e gef ach III J. er gu ersbul 1 üble daß“ e Ulle imme 1 Ei ar ihn ters Habe 0 70 D. ll. 1 häng“ und eilig 50 0 5 Hel LN 2 2 e ee — Nr. 9. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite&. kam Arbeitskammern zur Beratung, auf den wir noch später zurückkommen werden. Immer neue Panzerkähne! Noch ehe das Flottengesetz vom Jahre 1900 vollständig durchgeführt ist, tritt die deutsche Reichsregierung mit neuen Flottenforderungen an das deutsche Volk heran. Die erst beharr⸗ lich abgeleugnete, später andeutungsweise ange⸗ kündigte Kreuzer vorlage ist am vorigen Mittwoch in der Budgetkommisston des deutschen Reichstags durch eine Rede des Marinesekretärs v. Tirpitz in greifbare Nähe gerückt worden. Nach der Erklärung des Martnesekretärs soll im Herbst des nächsten Jahres eine neue Flotten vor⸗ lage eingebracht werden, die mindestens sechs große Kreuzer und sieben Torpedo⸗ bootsdivisionen, voraussichtlich aber auch noch außerdem sieben kleine Kreuzer fordern wird. Hier handelt es sich um eine Wiederherstellung der Flotten vorlage von 1900. Diese hatte u. a. auch den Bau von sechs großen Auslandskreuzern in Aussicht genommen; das Zentrum handelte diese Forderung der Regierung ab und diese verzichtete auch feierlich darauf. Aber schon am 6. Januar 1902 erließ der damals noch nicht geadelte Tirpitz jenen berühmten, vom Vorwärts veröffentlichten Geheimerlaß, aus dem hervorging, daß die Budgetkommisston im Jahre 1900 von der Regierung in der aller⸗ gröbsten Weise getäuscht worden war. Dem Reichstage waren die wirklichen Kosten der Flottenvorlage verschwiegen worden, sonst würde er, wie es in dem Tirpitz ⸗Erlaß hieß, dieselbe nicht angenommen haben. Nun wird dreist gefordert, worauf man, um die Vorlage in den Hafen zu bringen, vor vier Jahren verzichtet hat. Und die Geschichte ist nicht billig. Die Kreuzer allein erfordern die Summe von 150 Millionen Mark. Dazu kommen noch die sieben Torpedoboots⸗ divisionen, so daß sich eine Gesamtausgabe von mehreren hundert Millionen Mark ergibt. Ob es die Mehrheitsparteien und be⸗ sonders das Zentrum wagen werden, dem Volke nach dem Zollraub auch diese fürchter⸗ lichen Lasten aufzuerlegen? Einen erfreulichen Wahlerfolg erzielten unsere Genossen in Straßburg bei der dort am Sonntag stattgefundenen Ge⸗ meinderats⸗Stichwahl. Es wurden 6 Sozialdemokraten und 1 Liberaler gewählt, so daß bei der Ersatzwahl überhaupt 8 unserer Parteigenossen und zwei Bürgerliche gewählt wurden. Wir haben einen Gewinn von drei Sitzen zu verzeichnen. Der Gemeinderat setzt sich jetzt zusammen aus 16 Sozialisten, 13 Liberalen, 3 Demokraten, 3 Klerikalen und einem Vertreter der Mittelstandspartei. Für die nächste Wahl ist begründete Aussicht vor⸗ handen, daß unsere Genossen die Mehrheit in der Gemeindevertretung erlangen. Von Friedensverhandlungen zwischen Rußland und Japan ist in den letzten Tagen viel die Rede. Offtziell werden solche allerdings noch nicht geführt, sondern es wird vorläufig nur durch Mittelspersonen sondiert. Daß Rußland bei seinen heillosen inneren Zu⸗ ständen den Frieden herbeisehnt, ist sehr erklär⸗ lich. Als Friedensbedingungen Japans werden genannt: Rückgabe der ganzen Mandschurei an China; Oberherrschaft Japans über Korea; Abtretung der Halbinsel Liautung und der Insel Sachalin an Japan. Die famose„Hullkommission“, das inter⸗ nationale Schiedsgericht zur Untersuchung des berühmten Angriffs der russischen Flotte auf die englischen Fischerboote, hat nach monate⸗ langer Beratung erkannt, daß„Admiral Ro⸗ schestwenski berechtigterweise glauben konnte, seinem Geschwader drohe Gefahr. Er durfte demnach handeln, wie geschehen.“ Da hört doch wirklich alles auf! Kleine politische Nachrichten. In Wien siegte am Samstag bei den Wahlen zum Gehilfenausschuß der Wiener Handlungsgehilfen die ——*— 1 ein Gesetzentwurf unserer Partei über sozialdemokratische Liste mit 7226 gegen 1905 Stimmen, welche auf die vereinigten Deutsch⸗nationalen und Christlich⸗Sozialen entfielen. Die Entrüstungskomödie, welche die Ordnungsleute im hessischen Landtage vorige Woche gegen unsern Genossen David aufführten, spielte in der„gutgesiunten“ Presse des Landes noch tagelang fort. Und wie die Helden im Landtage unsern Genossen vorwarfen, Beschwerden ohne genügende Juformation vor⸗ gebracht, sich zum Sprachrohr eines Intriganten gemacht zu haben, so fiel das bürgerliche Preß⸗ gelichter mit Schmähungen und Verdächtigungen über die Sozialdemokratie im allgemeinen und David im besonderen her. Die Affaire wurde mit Pauken und Trompeten als eine gewaltige „Niederlage der Sozialdemokratie“ der Welt verkündet. Was war nun eigentlich los? Wir haben in voriger Nummer nur kurz darüber berichten können, es erscheint jedoch aus ver⸗ schiedenen Gründen angebracht, etwas näher darauf einzugehen. Den Ausgangspunkt der großen Redeschlacht bildeten die Beschwerden, die Dr. David gegen die Leitung des Gießener Gymnastiums richtete. Ankgüpfend an einen vor einigen Jahren dort stattgefundenen Beleidigungsprozeß gegen einen Gießener Arzt, der ähnliche Be⸗ schwerden gegen den Direktor zum Ausdruck gebracht hatte und deswegen verurteilt worden war, erklärte David, daß inzwischen neue Klagen laut geworden seien über die beleidigende Art, wie Direktor Schädel seine Lehrer behandele. Man habe ihm aus bester Quelle berichtet, daß es dort häufig zu sehr schlimmen Auftritten zwischen Direktor und Lehrern gekommen sei und daß infolgedessen bei den letzteren jedes Vertrauen an die Objektivität des Direktors geschwunden sei. Auch die Disziplin lasse in den höheren Klassen alles zu wünschen übrig. Es sei im Interesse der Schule, der Lehrer und der Eltern notwendig, daß Aufklärung und Abhilfe geschaffen werde. Er(Redner) wolle noch kein Urteil aussprechen, bevor nicht beide Teile gehört seien. Seine Ausführungen hätten den Zweck, eine amtliche Untersuchung über diese Verhältuisse zu veranlassen. David bewegte sich mit diesem Vorgehen durchaus im Rahmen seiner parlamentarischen Rechte und Pflichten. Eine der vornehmsten Aufgaben des Parlaments ist es, die Regierung auf Miß⸗ stände, die sich an irgend einer Stelle des Staats, und Verwaltungsorganismus geltend machen, und den Abgeordneten zur Kenntuis kommen, aufmerksam zu machen und dadurch ihre Beseitigung zu erzwingen. Auch im Landtage sind derartige Kritiken der Dienst⸗ führung irgend eines Beamten seither durchaus keine Seltenheit gewesen. Der Regterungsvertreter, Oberschulrat Nod⸗ nagel, beschränkte sich in seiner ersten Antwort darauf, daß die seinerzeit von dem Gießener Arzt Dr. Klein ausgegangenen Beschwerden als unbegründet gerichtlich erwiesen worden seien. Die Regierung halte darum auch diese neuen Anklagen, die sich auf jene Beschwerden stützten, für vollkommen hinfällig und weise die Angriffe gegen den Direktor Schädel zurück. Diese Antwort, die von der falschen Vor⸗ aussetzung ausging, daß die Juformationsquelle unseres Genossen der Fall Klein und sein Nach⸗ spiel seti, gab nun dem Zentrumsabgeordneten v. Brentano Anlaß zu Angriffen gröbsten Stiles gegen den Abgeordneten David, dem er vorwarf, einen hochgestellten Beamten, der sich nicht wehren könne, in der schwersten Weise beleidigt zu haben, auf grund einer ungeprüften und ganz unzureichenden Information. Sofort nach Beendigung dieser schönen Rede lief der Zentrumsmann dann bei den Nationalliberalen und Bauernbündlern herum, um ste zu veran⸗ lassen, in dieselbe Kerbe zu hauen und so die ganze Sache zu einer großen politischen Aktion„aller politischen Parteien“ gegen die Sozialdemokratie zu machen. Wie auf Kom⸗ mando folgten der nationalliberale Abgeordnete Hetdenreich und der Bauernbündler Köhler dieser genialen Idee, wobei der letztere sich nicht einmal durch die Erinnerung an seine famose Kindesmordaffare davon abhalten ließ, dem Genossen Dr. David den guten Rat zu geben, sich besser zu informieren. Nachdem die Angelegenheit, die an sich gar keinen politischen Anstrich hatte, und von David in durchaus sachlicher Weise ver⸗ treten worden war, durch dieses Vorgehen des Zentrums und seiner Gefolgschaft den nötigen sensattonellen Aufputz erhalten und auf das parteipolitische Geleise geschoben worden war, hielt nun auch die Regierung den Augenblick für günstig, gegen die Sozialdemokratie loszu⸗ ziehen. Ministerialrat Eisenhuth löste diese Aufgabe mit bewundernswertem Geschick, indem er es so hinstellte, als ob die sozialdemokrati⸗ schen Abgeordneten stch fortgesetzt zum Wort⸗ führer persönlicher Krakehler und Intriganten machten. Diese Art, die Sache aufs politische Gebiet hinüber zu spielen, um dadurch das sachliche Urteil zu beeinfluffen, bezeichnete David treffend mit dem Ausdruck„Demagogenkniff.“ Schon die Tatsache, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten alle anonymen, rein persönliche Zwecke verfolgenden Einsendungen ignorieren und sich nur dann einer Beschwerde annehmen, wenn sie sachlich begründet und von öffentlichem Interesse ist, hätte den Regierungs⸗ vertreter abhalten müssen, in dieser Weise vor⸗ zugehen. Mit Bezug aber auf seine Informa⸗ tions quelle erklärte er, daß ste über den Ver⸗ dacht einer Mystifikation erhaben sei, daß ferner von einer unlauteren Absicht seines Gewährsmannes keine Rede sein könne, daß demselben auch politische Absichten vollkommen fern lägen, und daß diese Infor⸗ mutionsquelle auf nahe Beziehungen zu den unmittelbar unter den Verhältnissen leidenden Personen zurückführe. David erklärte sich ferner bereit, dem Seni⸗ oren⸗Ausschuß der Parteien Einblick in sein Quellenmaterial zu gewähren, wenn ihm ehren⸗ wörtlich strengste Diskretion zugesichert werde. Wiederholt verlangte er amtliche Untersuchung. Man hätte meinen sollen, damit wäre allen erhobenen Vorwürfen die Spitze abgebrochen und rein sachlicher Austragung der Sache wieder freie Bahn geschaffen gewesen. Aber weit gefehlt! Die große politische Aktion mußte doch programmmäßig durchgeführt werden. So ritt denn auch noch der Zentrumsführer Schmitt in die Arena, um seine Lanze gegen den roten Lindwurm zu zersplittern. Molthan sagte auch ein Sprüchlein her von der„Nieder⸗ lage“ der Soztaldemokratie, auch der Abgeordnete Windecker pflückte sich einige Lorbeeren in diesem staatserhaltenden Kampfe, der für die Sozial⸗ demokraten so„üble Folgen“ habe; eine Er⸗ wartung, die freilich der Abg. Wolf grausam zerstörte mit der Bemerkung, daß seiner Mei⸗ nung nach die Bevölkerung den Sozial⸗ demokraten das Lob spenden würde, daß sie den Mut habe, den Mund aufzutun. Die Freude an dieser Campagne wurde den von„sittlicher Entrüstung“ schäumenden Kämpen freilich durch die wiederholten Ausführungen der Abgg. Adelung, David und Ulrich gründlich versalzen. Am schlimmsten fuhr der edle Herr v. Brentano di Tremezzo neben hin. Die von Ulrich konstatierte Tatsache, daß die Inszenie⸗ rung der ganzen Entrüstungskomödie von ihm ausgehe, die Heidenreich'schen und Köhler'schen Erklärungen bestellte Arbeit gewesen sei, setzte ihn dermaßen in Wut, daß er dem Abg. Ulrich „Lüge“ zurief, ein Zuruf, der ihm nicht nur einen Ordnungsruf einbrachte, sondern auch Ulrich veranlaßte, ihm so gründlich die Wahr⸗ heit zu sagen, daß der edle Herr seine Besinnung so weit verlor, sich durch seine Wutausbrüche einen zweiten Ordnungsruf zuzuziehen. Hochinteressant und ganz gegen den Wunsch der schwarzen Herren gestaltete sich der letzte Akt des ganzen Schauspiels. Dr. Gutfleisch, der Vertreter von Gießen hatte einige Bemerk ungen zu der Sache gemacht, aus denen die Herren die Folgerung zogen, er wisse„keine Silbe“ von der ganzen Angelegenheit.(Wir hatten diese Erklärung Gutfleischs in voriger Nummer ebenfalls nach den Berichten erwähnt.) Auf weitere Bemerkungen Davids erklärte Herr — e FFF S ——— ——. — W 8— ä 5 8 — 1 Seite 4. Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung. Nr. 9. Gutfleisch jedoch, daß auch ihm Klagen über die erwähnten Mißstände zu Ohren gekommen seien, daß man sich sogar im Kreise der Gießener Stadtverordneten darüber unterhalte und er mit dem Oberbürgermeister darüber gesprochen habe. Mit dem Versuch, die Sache so hinzu⸗ stellen, als ob man in Gießen entgegengesetzt der Behauptung des Abg. Dr. David von der Sache nichts wisse, war es also nichts und Dr. David hatte die Genugtuung, daß seine diesbezüglichen Angaben in einwandfreiester Form von einem nichtsozialdemokratischen Mit⸗ glied des Hauses selbst bestätigt wurden.— Gar so leicht bringt man die böse Sozial demo⸗ kratie doch nicht zur Strecke! Pon Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Der„Fall Schädel“ in der Zweiten Kammer gab dem„Gieß. Anzeiger“ Veran⸗ 1 ganze Fuhren pournalistischen Unrats auf die Sozialdemokratie und den Abg. David abzuladen. Wir haben auf die Art hingewiesen, wie das Amtsblatt die Affäre auszuschlachten bemüht ist. Sein Darmstädter Berichterstatter geht dabei mit schamlosen Fälschungen zu Werke. In dem Berichte über die Land⸗ tagsverhandlungen ist die ganze Rechtfertigung Davids unterdrückt, und nur die unwahre Behauptung der Regierung über dessen angeb⸗ liche Quelle wiedergegeben. So wird die öffent⸗ liche Meinung getäuscht. Wir haben oben eingehend die Sache dargelegt und unsere Leser können daraus ersehen, daß es mit der„Nieder⸗ lage“ und„Blamage“, die sich die Soziuldemo⸗ kratie, von der die„Ordnungsblätter“ fabeln, nichts ist. Ueberhaupt ist es ein Unsinn, hier von einer sozialdemokratischen Angelegenheit zu reden. Das ist sie einfach nicht und unser Genosse David hat schon in der Kammer da⸗ gegen protestiert, daß sie auf den parteipolitischen Karren geladen werden soll. Das haben aber die bürgerlichen Parteien und die Regierung etan und die Sache zu einer politischen Sen⸗ ationsaffäre aufgeputzt, um der Sozialdemo⸗ kratie eins 1 Es macht sich ja so wunderschön, sich siüttlich über die„verruchte“ Sozialdemokratie zu entrüsten, der nichts heilig ist! Doch die bürgerlichen Parteien und ihre Presse haben einen gehörigen Klapps aufs Maul bekommen. Die„Darmstädter Ztg.“ berichtete nämlich, daß„ein Oberlehrer des Gymnastums zu Gießen der Schulabteilung angezeigt hat, daß die gegen den Direktor Schädel erhobenen Beschuldigungen indirekt von ihm stammen. Er habe schon vor längerer Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten einem ihm verwandtschaftlich nahe⸗ stehenden Arzte Mitteilungen gemacht, die dieser ohne Vorwissen und gegen seine, des Ober— lehrers, Absicht, dem Abg. Dr. David zur Verfügung gestellt habe.“ Direktor Schädel habe darauf eine Disziplinaruntersuch⸗ ung gegen sich selbst beautragt.— Somit wäre also erreicht, was Abg. David erreichen wollte, nämlich eine unparteiische Untersuchung und Abstellung der etwa vorhandenen Mißstände. Darum hat er übrigens schon im vorigen Jahre privatim die Regierung ersucht, ohne daß etwas geschehen wäre. Genosse David hat da⸗ mit nichts weiter als seine Pflicht als Ab⸗ geordneter getan; seine Quellen und die Beweg⸗ gründe zu seinem Vorgehen wuren burchaus lautere, sein Gewährsmann ist vollkommen einwandfrei und steht dem polttischen Leben fern. Das wüste Geschimpfe der Amtsblatt⸗ presse richtet sich also von selbst. Ein Bauern⸗ bündler in der Kammer und ihm nach der Berichterstatter des„Gieß. Anzeigers“ beklagte, daß die Debatte über diese Geschichle der Kammer einen Tag und somit dem Lande Geld gekostet 2 50 Ei, ste sind doch sonst nicht so! Wollten e doch immer so rechnen! Bei tausend Gelegen- 1 1 55 sie sparen können; wie viel Tage ind beispielsweise schon mit der Wahlrechts⸗ vorlage vertrödelt worden, die längst erle⸗ digt sein konnte! Wo sich's aber um die In⸗ teressen der Besitzenden und ihren Vorteil handelt, wird nicht nach den Kosten gefragt. Heuchlergesellschaft!- 5 — Höchst unanständig benahmen sich am Sonntag Studenten, die im Kaiserhof eine Kneiperei abhielten. Einer derselben trat, nur mit Hemd und Unterhosen bekleidet, auf den Balkon heraus, verführte einen Heidenspektakel und rief die gemeinsten Worte herunter. Und das geschah zwischen 12 und 1 Uhr nachts! Poltzet war leider nicht in der Nähe, sonst würde sie wohl dem wüsten Treiben ein Ende gemacht haben, denn es wird ja sogar den Schulkindern eingeschärft, bei ihren Spielen auf der Straße— am Tage!.— keinen Lärm zu machen. — Das Gießener Gewerkschafts⸗ kartell wählte in seiner am vorigen Freitag stattgefundenen Sitzung den bisherigen Vorstand wieder, A. Bock als Vorsitzenden, H. Baum als Kassterer, als Bibliothekare Krausch, Homeyer und Pfund. Außerdem wurden Schreiber und Widera als Mitglieder zu dem Ausschuß für Volksvorlesungen gewählt. Getadelt wurde, daß eine ganze Anzahl Delegierten fehlten; nächstens sollen die Namen der Säumigen ver⸗ öffenthicht werden. Die nächste Sitzung wurde auf den 14. März festgesetzt. — Ein Eisenbahnunfall ereignete sich am Samstag früh auf der Fuldaer Strecke in der Nähe des Siechenhauses. Eine Anzahl Wagen eines Güterzuges, die sich losgehängt hatten, prallten auf den andern Teil auf und gingen in Trümmer. Menschen sind glücklicher⸗ weise nicht verunglückt. — Plötzlicher Tod. Im Volksbade verstarb am Donnerstag früh die Frau des Reichstagsabgeordneten Becker⸗ Sprendlingen an einem Gehirnschlage. Die Frau hlelt sich hier bei Verwandten auf. Aus dem RAreise gießen. — Die Geburtstagsfeier des Bürger⸗ meisters von Großen⸗Linden und das, was wir darüber in voriger Nummer zu sagen uns erlaubten, hat uns eine im Pückler⸗Stil gehaltene Schimpf⸗Salve des Hirschelblattes in Friedberg eingetragen. Darüber regen wir uns nicht auf. Wüstes Schimpfen ist dem vom Junkerbund ausgehaltenen Organ zur Gewohnheit geworden und macht überhaupt den ganzen Inhalt dieses Papieres aus. In der Sache selbst sei noch bemerkt: Die Feier des 70⸗- oder 60 jährigen Geburts⸗ tages eines Mannes oder des 25⸗- oder 50 jährigen Dienst⸗ oder sonstigen Jubiläums mit solchem Aufwande, wie es hier geschah, läßt man sich noch gefallen. Außergewöhnlich ist aber eine solche Feier zum 50. Geburtstage. Und wenn Herr Leun so anspruchs⸗ los ist, wie ihn Hirschels Blatt hinstellt, so mußte er den Rummel ablehnen, Lächerlicher Personenkultus ist es und nichts anderes, das kommt auch in den lob⸗ hudelnden von uns vorausgesagten Zeitungsberichten zum Vorschein. Uebrigens hat nicht Hirschel selbst die„Anspruchslosigkeit“ Leun's kennen gelernt? Er könnte darüber ja ein Kapitel schreiben mit der Ueber⸗ schrift:„Wie Leun zu einem Landtagsmandat kam.“ 8. In Heuchelheim feierte der Arbeiterbildungs⸗ verein am Samstag sein Winterfest, das den besten Verlauf nahm. Aug. Rinn's geräumiger Saal war bis auf den letzten Platz besetzt und für Unterhaltung sorgte ein reichhaltiges Programm. Die einzelnen Nummern desselben, die theatralischen Darbietungen, sowie die Vorträge der Gesangsabteilung unter der be⸗ währten Leitung ihres Dirigenten Gernandt fanden reichen Beifall. Besonders verdienen die geradezu groß⸗ artigen Leistungen der Turnabteilung des Vereins her⸗ vorgehoben zu werden. Erst am frühen Morgen endete die schöne Feier. J. Trohe. Unser Arbeiter⸗Gesangverein feiert Sonntag, den 5. März sein 1. Stift ungsfest im Saale des Gastwirts Ph. Seipp. Es beginnt nachmittags um 4 Uhr und besteht in Konzert, Gesang, Deklamatlonen und Tanz. Von den Genossen unserer Nachbarorte wird erwartet, daß sie sich recht za hlreich zu unserm ersten Feste einfinden, um mit uns eintge vergnügte Stunden zu verleben. Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. Ueber die Wahl Dr. Wallaus als Reichs⸗ tagsabgeordneter für Alsfeld⸗Lauterbach hatte am 15. Februar die Wahlprüfungskommission des Reichstags zu befinden. Gegen die Wahl ist bekanntlich von den Antisemiten Protest erhoben worden, der sich hauptsäch⸗ lich auf die von amtlicher Seite betriebene Wahl⸗ beeinflussung stützt. Ueber die Verhandlung vor der Kommisston wird dem„Offenb. Abendbl.“ geschrieben, daß die Kommisston zunächst die Protestangabe, nach der viele Bürgermeister einen Wahlaufruf für Dr. Wallan, unter Beifügung ihres Amtstitels, unterzeichnet haben, für unerheblich erachtete. Dem hatte Abg. Geyer (Soz.) in der Debatte entsch eden widersprochen und aus⸗ geführt, welche Funktionen auch die hessischen Bürger⸗ meister zu erfüllen hätten; er bezeichnete ihren Einfluß als einen um so wirksameren, weil sie auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählt werden. Uebrigens gebe man ja den hessischen Bürgermelstern die Wahl⸗ beeinflussung völlig frei, wenn man sie nach den Aus⸗ führungen des Abg. Lucas als nichtamtliche Personen betrachte. Für erheblich wurde aber die Angabe erklärt, daß der Kreisamtmann Werner auf die Anfrage des Vor⸗ standes des Kriegervereins zu Langenhain, ob eine vom Kaiser dem Verein geschenkte Fahnenschleife am 16. August überreicht werden könnte, antwortete:„Dies könne geschehen unter der Voraussetzung, daß der Kriegerverein Dr. Wallau wähle.“ Ebenso entschied die Kommission über den Fall im Kreise Lauterbach, wo der Kreisschulinspektor Andres die Lehrer seines Kreises versammelte und sie ermahnte, für Dr. Wallau zu stimmen. Als noch bedeutsamere Parteinahme hielt die Kom⸗ misston die im Protest behauptete Tätigkeit des Kreis⸗ rates, Herrn Schönfeld aus Schotten, der in den Versammlungen, die Dr. Wallau im Kreise Schotten abgehalten hat, für Dr. Wallau öffentlich agttierte. Zwar hielten die nationalliberalen und konservativen Mitglieder der Kommission auch diese Angabe nicht für genügend substanttiert, aber die Mehrheit erklärte die positive Behauptung des Protestes für erheblich, die, wenn sie er wiesen, in Verbindung mit den vorher bezeichneten Fällen die Majorität der Stimmen für Wallau beseitigen und die Wahl ungültig ma chen würde. Schließlich vertagte die Kommisston die endgültige Entscheidung über die Wahl Wallaus, weil noch die neueren Gesetze zur Feststellung des amtlichen Charakters der hessischen Bürgermeister durchgesehen werden sollen. Alle Verstöße zusammengenommen müssen aber zur Un⸗ gültigkeitserklärung des Wallau'schen Mandats führen. Im übrigen ist zu gunsten des Dr. Wallau gear⸗ beitet worden, wie in dem Gießener, andern hessischen Kreisen für andre gutgesinnte Kandidaten auch. Darauf haben wir schon öfters hingewiesen. Polizeidiener, Nacht⸗ wächter, Bürgermeister, Kreisamtmann und Kreisrat haben sich in den Dienst der„guten Sache“ gestellt, Und außer den Lehrern gehörten zu denjenigen, denen besonders gut„zugeredet“ worden ist, natürlich die Kriegervereinler.— Bekanntlich ward Herr Dr. Wallau gegen den Antisemiten Bindewald gewählt. Wallau er⸗ hielt im ersten Wahlgange 5642, Bindewald 5472, unser Genosse Dr. Michels 1084 Stimmen. Die Ent⸗ scheidung lag und liegt auch in Zukunft bei unsern Genossen. Da Herr Wallau inzwischen zu dem Bunde der Landwirte hinübergewechselt ist, seinem antisemitischen Gegenkandidaten Bindewald also gar nichts mehr vor⸗ aus hat, so dürfte es bei zukünftigen Wahlen für unsere Genossen kaum ein„kleineres Uebel“ geben, sobald nur zwischen den Herren Binde wald und Wallau zu ent⸗ scheiden wäre. 0 Aus dem Rreise Wetzlar. h. Kein Kaufmannsgericht in Wetzlar Die Hand elskam mer hat abermals die Bedürfnisfrage für Errichtung eines Kaufmannsgerichtes für den Kreis Wetzlar verneint. Daß für die Herren, die in der Handelskammer sitzen, ein Bedürfnis nicht besteht, glauben wir gerne. Desto mehr aber für die Ange⸗ stellten. h. Der Christlich⸗Soziale Behrens hat am Samstag in Nauborn und am Montag in Burg⸗ solms Agitatlonsversammlungen abgehalten. In letz⸗ terem Orte trat ihm unser Gen. Diener⸗Frankfurt entgegen. Dessen Ausführungen wurden mit großem Beif all aufgenommen, Herr Behrens fand aber sast gar keine Zustimmung. Auffällig war das Verhalten der Burgsolmser zu ihrem Seelenhirten. Dieser saß nebst seinem Bruder allein an einem Tisch. Trotzdem Platz⸗ mangel war und aufgefordert wurde, daß die Leute fich an den Tisch des Pfarrers setzen sollten, machte niemand davon Gebrauch. Das Verhältnis zwischen Hirt und Heerde scheint also nicht besonders innig zu sein. Die Ernte des Stöckerjüngers dürfte im ganzen recht mager ausfallen.— In Nauborn war die Versammlung in das Zimmer des Bürgermelsters einberufen, fand aber dann in einer Wirtschaft statt. Die Strafkammer hatte am Mittwoch den Fall mit der Revolverschießerei vom November vorigen Jahres, der ein Menschenleben zum Opfer fiel, abzu⸗ urteilen. Angeklagt war der Eymnastast Och. Amend, Sohn des Besitzers der Lahnmühle der fahrlässigen Tötung. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, der mitangeklagte Knecht, den Herr Amend nachher ent⸗ ließ, freigesprochen. Wle wir schon früher betonten, wäre es Sache des Vaters des Schülers gewesen, diesen Inte, Rom⸗ rei 95 er in holten terte, aliben t für e die „die, yorhet 1 füt chen üllige h die alters ollen. F Un. hren. gear⸗ schen rauf acht⸗ Arat stellt, denen 9 die gallau u er⸗ 472, Ent⸗ ern Bunde chen kor⸗ insere nur ent⸗ glar' rage gttelß de in esleht/ Auge⸗ hat urg let⸗ lfu when gar 15 gebst ga e sch uud ee n Ole 1 9 i abel 0 del erigel ahh Ehn unh. 0 — n Nr. 9. Mitteideutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. etwas besser zu beaufsichtigen und ihm die Spielerei mit Schußwaffen zu untersagen. Westerwald und Anterlahn. * Eine Kreiskonferenz findet am Sonntag 26. Februar, für den Wahlkreis Limb urg⸗Diez in Niedershausen bei Weilburg statt. Damit ver⸗ bunden ist eine öffentliche Versammlung. Die Tages⸗ ordnung lantet: 1. Kassenbericht; 2. Bericht der Ver⸗ trauensleute; 3. Referat des Genossen Habicht über den Bergarbeiterstreik. * Herr Direktor Vahlensieck von der Grube „Konstanze“ in Langenaubach hat uns wegen der Ver⸗ öffentlichungen über den genannten Betrieb verklagt. Ob er damit klug getan hat, wird ja die Gerichts ver⸗ handlung erweisen. Seine Behauptung aber, daß in sozialdemokratischen Betrieben 13½ stündige Arbeitszeit „massenhaft üblich“ sei, hat er bis heute noch nicht bewiesen. Vielleicht tut er's im Termin. Wie der Prozeß aber immer ausgehen mag— besser wäre jedenfalls, Herr V. sorgte für gute Arbeitsverhältnisse in seinem Betriebe. t. Ch ristlich- soziale Verdrehungskunst. Bekanntlich leisten die Christlich⸗Sozialen in Sozialisten⸗ Beschimpfung alles Mögliche, weil sie sachlich nichts gegen uns vorbringen können. Mit Vorliebe werden immer die einzelnen Genossen angepöbelt. So schrieb das Herborner Schleifsteinchen Dr. Burckhardt's kürzlich über Adolf Hoffmann⸗Berlin Folgendes:„Es betrat die Zehn Gebote⸗Hoffmann(Soz.) die Rednertribüne, um seine Jungfernrede zu halten. Sie war auch danach. Der Clown des Reichstags.“ Bekanntlich hat Genosse Bebel unter allseitiger Zustimmung den Oberantisemitrich Liebermann von Sonneberg, der zur Zeit das schwierige Amt, als Burckhardts politischer Vormund bekleidet, als Reichsclown bezeichnet. Dr. B. suchte nun wahrschein⸗ lich noch einen Gegen⸗Vor mund, für den er offenbar Herrn Hoffmann ausersehen hat. Der wird sich aber für die zweifelhafte Ehre bedanken.— Anders als das Herborner Schimpfblättchen beurteilt im Zentral⸗ organ der Christlich⸗ Sozialen, dem„Volk“, Adolf Stein das Auftreten Hoffmanns. Dieser schreibt unter anderem:„Der Genosse mit dem großen graumelierten Struwelpeterkopf... hielt seine Jungfernrede. Lang aber nicht langweilig, oft mußten auch die herzhaft lachen, die eigentlich gar nicht wollten. Dabei kommt . auch manche überwältigende Pointe heraus, wenn man so viel Mutterwitz besitzt—— Herr Burckhardt muß natürlich alles, was von der Sozialdemotratie kommt, herunterreißen, um sich desto mehr zu beweihräuchern. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. r. Die Marburger Innungsleute treiben in Bezug auf das Krankenkassenwesen eine recht nette Politik, die zum Schaden der Arbeiter aus⸗ schlagen muß. Man versucht durch Gründung von Innungskrankenkassen die Ortskrankenkasse zu sprengen, oder wenigstens„trocken“ zu setzen. Den Anfang machten die Bäcker, die seit 1. Januar eine Innungskranken⸗ kasse errichtet haben, doch können die Erfahrungen, welche die Herren damit in der kurzen Zeit gemacht haben, die andern Handwerksmeister kaum zur Nacheiferung anreizen. Es ist ja auch selbstverständlich, daß eine Krankenkasse, der im Ganzen 45 Gesellen, 56 Lehrlinge und 23 Brödchenträgerinnen angehören, nichts leisten kann. Aber die Herren haben nun einmal den Stolz, alles nach ihren Willen zu regieren, auch die Krankenkasse und kümmern sich wenig darum, ob die Versicherten Nutzen oder Schaden davon haben. Die Schreiner- und die Metzgerinnung wollen auch noch Kassen errichten und die Beamtenvereinigung will eine solche für Dienstboten schaffen. Was den Arbeitern durch eine solche Zersplitte⸗ rung für Schaden zugefügt wird, darüber denken die Wenigsten nach. Jeder vernünftige Mensch muß aber einsehen, daß solche Kassen absolut leistungsunfähig sind. Gerade auf diesem Gebiete kann eine Organisation desto mehr leisten, je größer sie ist. Sache der Arbeiter muß es daher sein, gegen die Gründung von Innungskassen entschieden Widerspruch zu erheben, sobald in irgend einem Berufe eine solche gegründet werden soll und alles zu tun, um ihre Rechte zu erhalten, die ihnen in der Ortskranlenkasse zustehen. O Indirekte Steuern sind Steuern, welche die große Masse des Volkes belasten, wobei die Un⸗ kenntnis über die Steuerlast das drückende derselben im Volke nicht einmal so recht zum Bewußtsein kommt. Der Staat hat auf viele Leben sbedürfnisse der großen Masse schon ungeheuere Steuern gelegt und hinterher kommen dann noch die Kommunen, um noch mehr Steuern davon zu erheben. Unser städtischer Haushaltsetat weist an Einnahmen aus indirekten Steuern die schöne Summe von 88780 Mk. auf, also per Kopf der Be⸗ völkerung ca. 4,50 Mk., davon kommen vom Brannt⸗ wein 11800 Mk., vom Bier 16800 Mk., und vom Fleisch 33 700 Mk. Da durch diese indirekten Steuern die Lebensmittel immer mehr verteuert werden, so wird 1 namentlich der Fleischgenuß im Haushalt des Arbeiters immer seltener und der Arbeiter sinkt immer mehr zur Familie der„Pflanzenfresser“ herab, dessen Haupt⸗ nahrungsmittel Kartoffeln und Brot sind. O„Volksbad“ nennt der städtische Haushalts⸗ etat etwas schönfärberisch eine Stelle der Lahn, die im Sommer zum Baden frei gegeben ist und wirft dazu die ungeheuere Summe von 65 Mk. aus. Dabei ist die betreffende Stelle als Badeplatz die denkbar schlechteste. Die Stadtverordneten⸗Versammlung würde sich bei der demnächstigen Etatsberatung ein Verdienst erwerben, wenn sie darauf dränge, daß entweder dieser Badeplatz besser ausgestaltet werde, oder die städtische Badeanstalt wenigstens an bestimmten Stunden völlig unentgeltlich benutzt werden könnte. 6 1 Ip einer Holzarbeiter⸗Versammlung am Montag sprach Gen. Vetters⸗Gießen über die Lage der Holzarbeiter. Diese sei in den letzten Jahren eher schlechter als besser geworden. Den Preissteige⸗ rungen der notwendigsten Lebensmittel sei keine Besserung der Löhne gefolgt. Meistens seien daran die Arbeiter selbst schuld, weil sie nicht auf Besserung hingewirkt und ihre Organisationen nicht vervollkommnet haben. Letzteres müsse unbedingt geschehen, sonst sei nichts zu erringen, denn die Arbeitgeber sind in der Zwangsinnung zu⸗ sammengeschlossen und wahren ihre Interessen.— In der Diskusston wurden besonders die jämmerlichen Lohnverhältnisse besprochen. Löhne von 15 16 Mk. werden hler noch pr. Woche für verheiratete Leute ge⸗ zahlt! Dies könne nicht so weiter gehen, hier müsse unbedingt Wandel geschaffen werden. In geheimer Ab⸗ stimmung wurde darauf mit allen gegen 2 Stimmen beschlossen, folgende Forderungen an die hiesigen Schreiner⸗ meister zu stellen: 1. Erhöhung der Stunden⸗ und Akkordlöhne um 10 Prozent; 2. Ueberstunden sollen möglichst vermieden und mit 15 Pfg. Aufschlag pr. Stunde bezahlt werden; 3. Abschaffung von Kost und Logis beim Meister; 4. Samstags 9 stündige Arbeitszeit. — Durch diese bescheidenen Forderungen, deren Be⸗ willigung von den Schreinermeistern erwartet wird, hoffen die Marburger Schreiner wenigstens eine kleine Besse⸗ rung ihrer Lage zu erreichen. r. Wahlverein. In der am Samstag(25.) bei Jesberg stattfindenden Versammlung steht als erster Punkt ein Vortrag des Gen. Habicht-Frankfurt über Generalstreik auf der Tagesordnung. Ferner soll Neu⸗ wahl eines Schriftführers vorgenommen und über die Schillerfeier verhandelt werden. Die Parteigenossen wollen recht zahlreich erscheinen. O Wehrda, unser Nachbardorf, dürfte der mit Kommunalsteuern am reichsten gesegnete Ort unseres Kreises sein, denn nicht weniger als 250 Prozent der Staatssteuer werden dort erhoben, also mehr als das doppelte wie in Marburg. Als bei der letzten Reichs⸗ tagswahl die sozialdemokratischen Stimmen in erfreulicher Weise stiegen, soll von einflußreicher Seite die Aeuße⸗ rung gefallen sein, daß die Arbeiter dies noch zu fühlen bekämen. Es ist nun natürlich nicht festzustellen, ob ein Zusammenhang besteht zwischen dieser Aeußerung und der Tatsache, daß nicht nur in Wehrda, sondern auch in Cappel, Ockershausen und anderen Orten, die Arbeiter aufs schärfste zur Steuer herangezogen worden find, während gutsituierte Bauern, deren Ein⸗ kommen nicht so leicht festzustellen ist, wie das der Arbeiter, bedeutend weniger Steuern zu zahlen haben. Für die Arbeiter in unseren Nachbardörfern Cappel, Ockershausen, Wehrda, Marbach, Cölbe usw. ergibt sich daraus die Lehre, sich mehr mit ihren Gemeindeange⸗ legenheiten zu befassen. Ste müssen schon jetzt sich ge⸗ eignete Leute aus ihrer Mitte aussuchen, welche sie beit der nächstjährigen Wahl in den Gemeinderat wählen. Ein Erfolg ist in diesen Dörfern für die dritte Wähler⸗ klasse unbedingt sicher. Das ist die beste Antwort für die hohen Gemeindelasten, deren Ertrag den Arbeitern am wenigsten zu Gute kommt. In Kirchhain ist in der Nacht von Freitag auf Samstag ein 64 jähriger Handwerksbursche, der in der„Herberge zur Heimat“ wegen Trunkenheit in christ⸗ licher Weise hinausgewiesen und dann im Wachtlokal untergebracht wurde, von den Nachtwächtern tot aufge⸗ funden worden. Es wird Herzschlag infolge Alkohol⸗ vergiftung vermutet. Der Mann war erst kürzlich aus der Arbeiterkolonie Ulrichstein entlassen worden. Bei der Ernährung, die dem armen Teufel zu teil geworden sein mag, wird's zur Vergiftung nicht viel gebraucht haben. Im Grunde ist doch die heutige„Ordnung“ daran schuld, daß der 64 jährige Greis sein unstetes Leben im Wachtlokal endete. Pfäffische Sünder. Dompropst Mal zy von Worms wurde am Dienstag Abend durch die dortige Gen⸗ darmerte ins Mainzer Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Malzy ist eines Stttliqkeits⸗ verbrechens beschuldigt.— Gegen den 32 Jahre alten katholischen Pfarrer Korn brust die Untersuchunge haft wegen Sitt 11 chketts⸗ verbrechens verhängt und ein Streckbrief erlassen worden. Ein Amtsblatt⸗Redakteur und zwar Herr Hans Rößler vom„Oschatzer Gemeinnützigen“ ist in Untersuchungshaft ge⸗ nommen worden, weil er widerrechtlich den Titel eines Doktors der Rechte führte. Außerdem soll ihm Betrug und Urkundenfälschung zur Last gelegt werden. Rößler spielte namentlich in konservativen Bezirksvereinen eine Rolle. Dem Majestätsbeleidigungsparag raphen ist in Lübeck durch einen schuftigen Denun⸗ zianten wieder ein Opfer zugeführt worden, oder eigentlich deren zwei. Im Juni 1900, als der Kaiser gelegentlich der Einweihung des Elbe⸗Trave⸗Kanals in Lübeck war, soll ein Arbeiter eine den Kaiser beleidigende Aeußerung gemacht haben. Als nun im vorigen Sommer eine Feindschaft zwischen diesem Arbeiter und einem anderen, der die angebliche Aeußerung gehört hatte, entstand, erfolgte die Denunziation durch den letzteren. Die Verhandlung vor der Strafkammer hatte das Ergebnis, daß der Angeklagte zu vier Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt und ein dritter Arbeiter wegen Verdachts des Meineids verhaftet wurde. Wenn je ein Fall, so beweist dieser, wie notwendig die Be⸗ seltigung des Majestätsbeleidigungs⸗Para⸗ graphen ist. Ein Kulturwerk naht sich seiner Vollendung: der Durchstich des Simplontunnels wird in diesen Tagen erfolgen. Wieder ein Zuchthausurteil. Vom Kriegsgericht in Saarburg wurden wegen sogenannten„Aufruhrs“ zwei Soldaten zu je fünf Jahren Zuchthaus und zwei zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Partei-Nachrichten. August Bebel hatte am Mittwoch seinen 65. Geburtstag. Möge unser bewährter Vorkämpfer noch recht viele Jahre mit gleicher Frische wie bisher für die Sache des arbeitenden Volkes wirken! Die Sozialdemokratie Badens hielt am Sonntag in Offenburg ihren Parteitag ab, der von 77 Delegierten aus 55 Orten besucht war. Den Vorsitz führte Abg. Dreesbach. Nach dem Geschäfts⸗ bericht beträgt die Zahl der organisterten Parteimitglieder 7400, was eine Zunahme von 2000 bedeutet. In Baden gibts über 1000 sozialdemokratische Gemeinde⸗ vertreter und 5 Bürgermeister. Fast einstimmig wurde die Errichtung eines Parteisekretartiats beschlossen, für das Abgeordneter Eichhorn vorgeschlagen wurde, Versammlungskalender. Samstag, den 25. Februar, Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag. den 26. Februar. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 Uhr Zusammenkunft bei Dreher(im Pfau). Für die streikenden Bergarbeiter gingen folgende Beträge ein: Bei der Expedition der Mitteld. Sonntags Zeitung: Typographia Gießen(2. Rate) Mk. 27,20. Gesammelt in der Versammlung der freiwilligen Feuerwehr Lollar 10,.—. Bei Fauth in Wetzlar; Liste 1609, 3,80(St.⸗ Krofdorf); L. 1611 muß 26,50 heißen, nicht 25,50 wie in Nr. 8 d. M. S.⸗Z. angegeben. Um baldige Rücksendung der übrigen Listen wird gebeten. Briefkasten. L. P.⸗Stfubg. In Hessen brauchen weder Ver⸗ eine noch Versammlungen angemeldet zu werden. Ein Vereinsgesetz existiert nicht und das Gesetz über das Versammlungsrecht vom 16. III. 1848 besagt kurz und bündig:„Das Recht der Versammlungen zur Beratung über allgemeine politische oder Privatinteressen kann frei ausgeübt werden.“ Und Sie sehen, es geht bei uns ebenso gut, als in andern Bundesstaaten, wo immer ein Polizist dabei sitzen muß, wenn ein halbes Dutzend Leute sich über irgend eine Sache beraten will. Dabei aus Berglicht an der Mosel, der flachlig ist, ist spart Hessen noch einige Beamten. Seite 6. Mitteldentsche Ponntags⸗Zeitung. Nr. 9. abet Von Nah und Fern.) Professor Abbes Vermächtnis. Bald nachdem Professor Ernst Abbe in Jena gestorben war, wußte die bürgerliche Presse zu berichten, daß er„nahezu eine Million Mark zur Förderung künstlerischer und wissen⸗ schaftlicher Anstalten Thüringens hinterlassen habe.“ Diese Nachricht erweckte den Auschein, als ob Abbe noch am Ende seiner Tage über ein fürstliches Vermögen verfügte, von dem er einen Teil für gemeinnützige Zwecke aussetzte. Dem ist aber nicht so. Professor Abbe hat sein Privatvermögen in die Karl Zeiß⸗Stiftung umgewandelt und, wie der Stiftungskommissar bei der Trauerfeier für Abbe in seiner Ge⸗ dächtnisrede sagte, sich an seinem Lebensabend mit einem bescheidenen Beamtengehalt begnügt, während er über Millionen frei verfügen konnte, wenn er weniger Selbstentsagung bewiesen hätte. Es dürfte indessen angebracht sein, einige Zahlen darüber anzugeben, was Professor Abbe direkt und durch die Karl Zeiß⸗Stiftung für wissenschaftliche und gemeinnützige Zwecke auf⸗ gewendet hat. Nach zuverlässiger Auskunft handelt es sich dabei um mehrere Millionen Mark. Der größte Teil entfällt auf die Förderung wissenschaftlicher Zwecke, speziell die Universität Jena, die Abbe nicht nur die Errichtung neuer Lehrstühle und die Durchführung einer Besol⸗ dungsreform, sondern auch mehrere Justitute und schließlich auch das neue Universttätsge⸗ bäude verdankt. Denn ohne die Karl⸗Zeiß⸗ Stiftung hätte das letztgenannte Projekt auf viele Jahre hinaus praktische Gestalt nicht ge⸗ wonnen. Für Zwecke gemeinnütziger Art, von denen besonders die Stadt Jena und die Nachbargemeinde Wenigenjena den Vorteil haben, wurden 3,3 Millionen Mark aufgewendet. Rechnet man zu diesen Summen noch die jährlich sich wiederholenden außerordentlichen Wohlfahrts⸗ ausgaben für die Angestellten der optischen Werkstätte von Karl Zeiß, so gewinnt man ein ungefähres Bild von der Hochherzigkeit dieses Mannes. Zensuren. Ein Kapitel aus der Schule von H. G. „Anerkennung fordern wir,“ sagt der Apostel Paulus. Anerkennung in irgendwelcher Form für unsere Leistungen. Lobt uns die Krttik, so werden wir vergnügt und unsere Arbeit fördert um so besser; erhalten wir eine gute Zensur, dann wird die Schaffensfreudigkeit verdoppelt und bloß allzu viel Lob macht leger und hochmütig. Das geht den Erwachsenen wie den Kindern so. Ich denke heute nur an die Schulzensuren, die so vieler Eltern Freude, so vieler Eltern Traurigkeit sind, je nachdem dieselben ausfallen. Die Zensuren sind aber auch unserer Kinder wichtigstes Augenmerk, denn Anerkennung heischen gerade sie in erster Linie, und leichten und frohen Herzens trabt der Knabe mit guten Zensuren heimwärts, während mit beklommenem Gemüt das Kind, das schlechte Zensuren erhalten hat, nach Hause schleicht.„Wehe, wenn du mir schlechte Zen⸗ suren nach Hause bringst,“— hat der, Vater ge⸗ sagt—,„ich haue dich, daß..“— wir können uns den Rest denken. Umgekehrt bei guten Zensuren, wo es dann Belohnungen und Liebkosungen allerhand gibt. Indessen gibt es nicht Trügerisches als Zensuren, wie wenig glaubhaft dies auch mauchem Vater, mancher Mutter erscheinen mag. Zensuren sind in der Tat weder objektiv noch subjektiv ein wirklicher Maßstah für das Können und die Fähigkeiten der Schüler, vor allem jedoch beweisen sie nicht, was sie für manchen beweisen sollen: ein absolutes Krite⸗ riun der Psyche(richtige Beurteilung der 0 und des Charakters des Kindes zu sein. In objektiver sachlicher Hinsicht sind Zen⸗ suren, wenn selbst wahr und zutreffend, nie ein Maßstab für die Leistung, weil die letztere selbst von verschiedenen Personen ganz verschieden be⸗ urteilt werden kann. Was ist eine schöne Schrift, was ein gutes Gedächtnis? Aber natürlich, lautet die Antwort, was; einmal als Erwachsene benehmen und frei allen schön und gut scheint; besonders aber muß das der Lehrer und das Lehrerkol⸗ legium wissen. Und dann die gemeindliche oder staatliche Anforderung: der Schullehrplan, das pädagogische... Hier gehen die Meinungen indessen schon weit auseinander. Schule und Haus zunächst stimmen schon über gut und häßlich, schön und weniger schön nicht überein. Dann stimmten auch die Meinungen von Schule und Haus über die einzelnen Lehrgegen⸗ stände oft nicht überein. Ich erinnere hier nur an den religiösen Memo rierstoff und das mechanische Auswendiglernen von Feldherrn⸗, Fürsten⸗Geburtstagen⸗ und Schlacht⸗ namen— welche greuliche Verwüstung und Ueberlastung des weichen, noch breiigen Kinder⸗ gehirns. Wenn man das Denken abzieht vom grünen Baum, vom Blau des Himmels und des Kindes Gehirn in einer Schattenwelt herum⸗ quält, in welcher nur Fürsten⸗ und Feldherren⸗ namen und Gott Vater, Herr Jesus, der Nächste und hundert andere Begriffe herumexerziert werden, dann ist die Zensur 1, die das Kind für solche Leistungen empfängt, mehr Testi⸗ monium paupertatis, ein Armutszeugnis, statt einer guten Zensurnote. Was sachlich nützlich ist, unterscheidet oft das Kind, indem es nur mit Widerwärtigkeit an das Auswendiglernen herantritt, und damit iustinktiv gegen den Stoff protestiert. Ebenso auch beim Rechnen, wo es gegen die Methode, d. i. die Art und Weise, wie das Rechnen erfolgen soll, der Ansatz usw. instinktmäßig protestiert. Da genügt es nicht, daß das Exempel überhaupt gerechnet ist, also richtig und mit der geforderten Schnelligkeit, nein, da kommt Flachsmann als Erzieher und fordert pedantisch, daß solches in der geforderten Weise geschehen müsse. Andernfalls verdient sich das Kind die Zensur 3 oder 7 wegen Un⸗ Aae und Widerspenstigkeit. In der olksschule regiert obendrein noch der Bakel, die Prügelstrafe. Der Stock aber ist das barbarischste Mittel zur Erziehung von Ord⸗ nung und Gehorsam. Doch auch subjektiv sind Zensuren für die Anlagen und das Können des Kindes nicht viel beweisend, und die beste Bekräftigung sind die zahlreichen Beispiele, daß die berühmtesten Leute mit schlechten Zensuren von der Schule abgegangen sind. Dasselbe läßt sich von der Volksschule wie von den sogenannten Hochschulen sagen. Und es ist klar, daß sich gerade die denkenden und lebhaftesten Kinder von der Schablone abgezogen fühlen, daß gerade die tüchtigsten Menschen ihren Geist nicht in spa⸗ nische Stiefel einschnüren lassen, während umge⸗ kehrt Monsieur Jedermann und Madame Durchschnitt sich am ehesten an das Seil ge⸗ wöhnen, das man um sie herumgelegt hat. So werden Hühner apoplektisch gemacht, (in eine Art Starrkrampf versetzt) indem ste mit der Hand auf einen Tisch niederdrückt und von ihrem Auge weg einen Kreidestrich zieht, von dem die Tiere dann annehmen, daß sie damit angebunden sind und liegen bleiben. Das Seil ist die Schablone, die alle Eigenbe⸗ wegung und Willensfreiheit hindert, dagegen den Drill und die Disziplin fördert. Aber die Disziplin! Da sind wir ja beim Thema. Disziplin muß sein, mag auch die Welt darüber zugrunde gehen! Gewiß! Aber die Disziplin, die freiwillig ist, nicht die der sklavischen und pedantischen Unterordnung. Eine durch Hunger und Schläge erzwungene Disziplin ist tot, ist schematisch.„Wo man ihn hinschubst, hat man ihn!“ heißt die Formel für derlei Disziplin und daß gerade beim Militär diese Disziplin das Selbst im Menschen tötet, ja ihn sogar in den wirklichen Tod treibt, das erleben wir bekanntlich alle Tage. Nein, je selbsttätiger im Urteil das Kind ist, um so weniger fügt es sich in die Schablone, und da die Schule durchaus nicht, wie viele glauben, das Fundament für das Leben ist, so beweisen auch in subfjektiver Hinsicht Zen. suren nicht eben viel. Da Kinder noch unfrei sind, fremdem Willen unterstehen, so vermag noch niemand zu sagen, wie sie sich schließzlich entwickeln werden, denn das Leben erzieht, nicht die Schule! Die Schule vermag lediglich formale Elemente für die Entwick⸗ lung zu geben; sie ist nur ein beschränkter Kreis mit ein für allemal gegebener Schablone. Das Leben hingegen ist das weite, ungeheuere Feld der Tatsachen und Erfahrungen, welche millionenfach auf uns einwirken, sich durchdringen, umschlingen u. s. f., so daß das Wort des Dichters zutrifft: Es bildet ein Talent sich in der Stille, Doch ein Charakter nur im Strom der Welt. (Schluß folgt.) z Vaterlandslose Gesellen“. Hebt wieder einer gegen euch die Hand, Und spricht, ihr Armen habt kein Vaterland, So steht doch auf und fragt ihn einmal frei, Was unser Deutschland für die Reichen sei! Ist es das Land, das er mit Arbeit schmückt, Des Ehre ihn erfreut, des Leid ihn drückt? Ist es das Land, das er im Verzen liebt, Für das er duldet und für das er gibt d Ist es die Heimat, seines Volkes Nerd d Das Land der Brüder, die er treulich ehrt d Ja, steh doch einer auf und frag ihn frei, Ob so dem Reichen unser Oeutschland sei! Und nicht das Land, in dem er Schätze rafft? Und nicht das Volk, das mühsam für ihn schafft d Nicht deutsch, nicht Heimat, nur ein Fetzen Welt, So feil, wie alles, um sein schnödes Geld! Peter Schlemihl im„Simplic.“ Dae Sieben e. Von K. H. Diefenbach. „Bleibt mir mit Eurer Gerechtigkeit Gottes vom Leib', Herr Pfarrer! Das ist keine Ge⸗ rechtigkeit! Nein, ein für allemal, das ist Un⸗ recht. Der Philipp Kohl hat fünfzehn Kühe, vier Pferde und so und so viele Schweine im Stall— Kinder aber hat er keine. Ich habe keine Kühe, keine Pferde, auch keine Schweine — aber Kinder, Kinder, Kinder!— Wenn ich Herrgott wär'!“ sagte der Johann Rothtann zum Pfarrer, als er sein sechstes Kind aumeldete. er Pfarrer hat darauf den Blick nach oben gewandt und gesagt:„Lieber Mann, Gottes Ratschluß ist unerforschlich, Kinder sind des Hauses Segen, denn wo viele Kinder, da viele Gebete.“ „Betet sich was, Herr Pfarrer! Herrgott, nehmt mir's nicht übel, aber ich bin suchsteufels⸗ wild. Weshalb müssen auch wir Armen eins nach dem anderen kriegen? Wer kann denn das Brot all' herbeischaffen? Wenn ste nur noch einen Tausender mit auf die Welt brächten, dann ließ ich mir's eher gefallen. Aber so!“ „Mann, Mann, Ihr versündigt Euch!“ warnte der Pfarrer.— Ein halbes Jahr später dachte Rothtann an diese Unterredung. Der Pfarrer hatte recht gehabt, er hatte sich versündigt, Gott strafte ihn, denn sein Eheweib lebte schon wieder in guter Hoffnung. „In Gottes Namen, Johann,“ sagte die Marte, als sie ihm diese Offenbarung machte. „Man kann's halt nicht ändern. Hab' auch gemeint, das Fritzchen sollte das Letzte sein. Ach Gott, die vielen Kartoffeln, die wir essen müssen!“ „Rechne einmal nach, wie das werden soll,“ entgegnete Johann.„Jetzt liegen wir zu dritt in einem Bett, und die Kleinen liegen gar zu fünft. Drei oben und zwet unten. o soll denn das Siebente hin? Es ist kein Platz da, Marie, es ist kein Platz da!“ „Aber ich kann's doch nicht ändern,“ greinte die Frau. ö l Wo=D Ser r — —— .. Nr. 9. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7. „Ja, so ist es, greinen könnt ihr Weibsleut', aber bedenken könnt ihr nichts. Wo nehme ich denn die Taufpaten her? Unsere Verwandtschaft ist aufgebraucht, unsere Bekanntschaft auch. Soll ich gar den Dürgermeister und den Hof⸗ bauer um die Gevatterschaft ansprechen? Kreuz⸗ element! das ist eine windige Geschicht'! Ich tu' nicht mehr mit,“ schalt der Mann.- „O, du mein Gott, was du für ein Mensch bist! Wenn's nur ein Mädchen wird.“ „Wie— was? Ein Mädchen! Für was hab' ich denn sechs Buben, wenn nicht auch das Siebente ein Bub sein soll? Sieben Buben, da hebt den siebenten der Herzog, und es gibt ein ordentlich Stück Geld. Frau mach' mir leine Geschichten, es muß ein Bube sein.“ Frau Marie hat darauf die Achseln gezuckt, als ob ste hätt' sagen wollen:„Wie's kommt, so kommt's.“ „Natürlich, euch Weibsleut' ist ja alles einerlei, was fragt ihr darnach. Aber wir Männer! Da, sieh' dir doch'mal die zer⸗ schundenen Knochen an! Woher hab' ich denn meine steifen Beine? Wer ist denn Schuld daran, daß ich's im Kreuz hab', wie ein alter Mülleresel? Wie's Vieh muß unsereiner schaffen, wenn er rechtschaffen seinen Trabanten die Mäuler mit Brot und Kartoffeln stopfen will. Himmeldonnerwetter!“ fluchte der Mann. „Johann, Johann, das viele Fluchen! Und schnupfen tust du auch, hat der———“ „So, der Pfarrer hat's gesagt! Natürlich, der kann ja das Zeug nicht ausstehen. Der ist gegen jed' Vergnügen. Deshalb wird aber doch geschnupft. Die einzige Freud', die man noch auf der Welt hat,“ versetzte der Mann und zog ein blaues Dütchen aus der Tasche. Zu einer Schnupftabaksdose hatte er es noch nicht gebracht. Als er eben die Finger in die„Schweinerei“, wie der Pfarrer Berthold Schwarz den Schnupf⸗ tabak nannte, tunkte, trat der Polizeidiener ein. Nachdem derselbe sich ebenfalls mit einer Prise versehen, sagte er:„Rothtann, du sollst einmal zum Schultheiß kommen.“ „Von wegen was denn?“ fragte Rothtann. „Genau kann ich dir das nicht sagen,“ er⸗ klärte der Polizeidiener,„aber mir schwant so was. Du hast doch ein Gesuch gemacht um Unterstützung durch die Gemeindekasse. Des⸗ wegen wird's wohl sein.“ Rothtann senkte ein wenig den Kopf.„Die Eingabe hab' ich freilich gemacht, aber du kannst mir's glauben, ich hab's nicht gern getan. Wenn man sechs lebende Jungen hat und Aussicht auf das Siebente vorhanden ist— und man hat außer seinen zwei Händen nichts, dann könnt's passieren, daß einem das Häuschen verkauft würde, weil man nicht mehr imstande ist, achtzehn Gulden jährlich für Hypothekzinsen aufzubringen. Wenn ich nur die aus der Ge⸗ meinvekasse haben könnte ein paar Jahre lang, bis die Kinder aus dem Dreck sind.“ Der Mann des Gesetzes nickte.„Glaub' dir's schon, und es wäre keinem lieber, wie mir, wenn dir das Gesuch bewilligt würde. Man weiß ja, wie du schaffst.“—— Der Schultheiß hieß Rothtann niedersetzen, als dieser erschien. Ein Weilchen noch blätterte das Ortsoberhaupt in einem Schriftstück, dann nahm er die Hornbrille von der Nase und sagte: „Rothtann, Ihr habt ein Gesuch eingereicht. Heut' war es vor dem Gemein erat.“ „Und der?“ fragte der Mann gespannt. „Ihr wollt mit achtzehn Gulden jährlich unterstützt sein. Der Gemeinderat hat das Gesuch nicht bewilligt,“ erklärte der Schultheiß. Rothtann stand auf und griff nach seiner Mütze. „Dann mag's gehen, wie Gott will,“ sagte er.„Wenn mir das Häuschen verkauft wird — ich kann's nicht halten.“ „Gemach, setzt Euch ein bißchen, Rothtann“, versetzte der Schultheiß und zog den Bittsteller am Kutel auf den Stuhl nieder.„Wir haben Eure Sache reichlich besprochen, aber wir kounten zu keinem andern Beschluß kommen. In Dingskirchen gibts eine ganze Anzahl armer Männer, die genau in Euren Schuhen stehen. Wenn die auch gekommen wären! Ihr müßt einsehen, daß das die Gemeinde nicht fertig gebracht hätte. Ich muß Euch aber auch etwas im Vertrauen sagen, lieber Rothtann: ganz unschuldig seid Ihr an Eurer Lage nicht.“ „Wie so?“ fragte der Mann. „Wie so?“ wiederholte der Schultheiß.„Ihr . e Kinder, und das Siebente kommt 4 155 „Dafür kann ich nichts. Wie haben halt das Glück. Da müßt Ihr Euch an unseren Herrgott wenden,“ rief Rothtann. Der Schultheiß aber klopfte ihm auf die Schulter und sagte:„Nein, an Euch muß ich mich wenden. Ich hab' nur zwei Kinder und bin ein reicher Mann. Aber merkt's Euch, ich könnte auch ihrer sechs und noch mehr haben. Versteht Ihr? So viel man ernähren kann, mehr nicht.“ Rothtann lachte bitter. ich nicht sein.“ Darauf lachte der Schultheiß. Und dann neigte er sich zu dem gesegneten Familienvater und flüsterte ihm etwas in's Ohr.„Habt Ihr verstanden?“ fragte er. Rothtann kratzte sich am Kinn.„Woher hätt' ich das wissen können? Das hättet Ihr mir früher sagen sollen. Jetzt ist's halt ge⸗ schehen.“ „Für kommende Fälle,“ erklärte der Schult heiß.„Ich muß Euch aber noch etwas mit⸗ teilen, von dem der Gemeinderat gesprochen hat. Nächstens wird einer der Nachtwächter⸗ posten frei. Er bringt dreißig Gulden jährlich ein. Wollt Ihr den Posten nicht vielleicht übernehmen? Wir dachten, dann wär' Euch geholfen, auch ohne daß man Euren Kindern später den Vorwurf machen könnt: Ihr seid aus der Gemeindekasse ernährt worden.“ Der Bittsteller dachte einige Augenblicke nach. „Ich schaffe von morgens, wann's hell wird, bis in die dunkle Nacht. Ich schaffe mehr wie ein Gaul. Ob ich da auch noch nachts auf der Gasse herumgehen kann?! Es ist ein bißchen viel von einem Menschen verlangt,“ meinte er. „Ich weiß, daß Ihr Eure liebe Not habt,“ sagte der Schultheiß.„Aber was ist sonst zu machen? Ich glaube, Ihr könnt die Nachtwache ruhig annehmen. Es sind ja jetzt zwei Nacht⸗ wächter da. Der eine bleibt bis zwölf Uhr auf den Gassen und der andere von zwölf bis vier Uhr. Im Sommer nur bis drei Uhr. Meint Ihr nicht, daß Ihr das fertig bringt?“ „Ich will mir's bis morgen überlegen,“ antwortete Rothtann,„morgen sag' ich Euch Bescheid“— „So heilig kann (Schluß solgt.) Allerlei. Terpentin gegen Jufluenza. Als die Influenza, so schreibt man der in Unterhallau erscheinenden„Klettgauer Ztg.“, 1890 in ganz Europa grassterte, blieb auch unsere Gemeinde(Madretsch) nicht von dieser heimtückischen Krankheit verschont. Hierbei konnten folgende interessante Beobachtungen ge⸗ macht werden. In der Nähe meines Eta⸗ blifsements befanden sich vier Fabriken, drei derselben waren Uhrenufabriken, die vierte eine Uhrengehäusefabrik. Von den Arbestern der erstgenannten drei Fabriken erkrankten viele, und eine nicht geringe Anzahl starb. In der Uhrgehäusenfabrik dagegen kamen gar keine Erkrankungen vor. Das war mir ein Rätsel, und ich versuchte, der Sache auf den Grund zu kommen. Ich kam bei meinen Nachforsch⸗ ungen auf folgendes: Beim Drehen der Metalle in der Uhrengehäusefabrik wird Terpentin ver⸗ wendet, dieses erwärmt sich hierbei und ver⸗ dunstet, die Arbeiter atmen die mit Terpentin erfüllte Luft ein, und dieses muß vor An⸗ stekung durch Jufluenza schützen. Seit jener Zeit wird immer in der besreffenden Fabrik Terpentin auf dem Ofen verdampft, und ist auch nie ein einziger Iunfluenzafall vorgekommen. Daß in den Wohnungen diese Vorbeugungsmaß⸗ regel mit Erfolg angewendet wird, ist bekannt, ebenso, daß das Einatmen von Wasserdampf mit Terpentindunst auf angegriffene Luftwege löseud einwirkt. Ueber den Alkoholgenuß der Kinder spricht sich der bekannte Berliner Pspychiater Professor Dr. Ziehen, Direktor der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten, in seiner jüngst in zweiter Auflage erschienenen Broschüre„Ueber den Einfluß des Alkohols auf das Nervensystem“ wie folgt aus:„Das kindliche Nervensystem ist für die nachteiligen Wirkungen des Alkohols unendlich viel empfindlicher. Kinder bis zum 15. Lebensjahre sollen überhaupt keinen Alkohol in keiner Form und bei keiner Gelegenheit erhalten. Es ist geradezu ein Ver⸗ brechen— ich kann den Ausdruck nicht mildern —, wenn Kindern täglich ein bestimmtes Alkohol⸗ quantum verabfolgt wird. Wie ganz anders das kindliche Nervensystem auf Alkohol reagiert, können Sie schon daraus ersehen, daß ein mit dem Delirium tremens fast genau überein- stimmendes Krankheitsbild bei Kindern schon nach einmaligem stärkeren Alkoholgenuß auf⸗ treten kann, während das Delirium tremens Erwachsener nur auf dem Boden des chronischen Alkoholtsmus vorkommt. Auch die Tatsache, daß der Rausch im Kindesalter sehr häufig von Konvulstonen begleitet ist und nicht selten tötlich endet, gehört hierher. Dabei schweige ich ganz von den extremen, übrigens auch nicht gar so selteuen Fällen, wo Kindern in den ersten Lebensjahren von gewissenlosen Eltern oder Dienstmädchen Branntwein in irgend einer Form zur Milch zugesetzt wird, um sie zu be⸗ ruhigen. Ich könnte Ihnen mehr als einen Fall mit allen Einzelheiten und den sehr schweren Folgeerscheinungen mitteilen. Es mutet den Sachverständigen geradezu lächerlich an, wenn er beobachtet, wie dieselben Eltern, welche über eine Zigarre im Munde des 12 jährigen Jungen in die größte Entrüstung geraten, dem⸗ selben Jungen täglich sein Bier vorsetzen. Ich will gewiß nicht das Rauchen der Kinder be⸗ fürworten, aber ich möchte Sie nux daran er⸗ innern, daß das kindliche Nervensystem unter dem gewohnheitsmäßigen Genuß selbst kleiner Alkoholdosen jedenfalls ganz ebenso sehr, wenn nicht noch viel mehr leidet. Nach meiner Er⸗ fahrung bereitet zahlreichen Nerven- und Geistes⸗ krankheiten, welche in der Pubertät auftreten, der gewohnheitsmäßige Alkoholgenuß im Kindes⸗ alter den Boden vor.“ Von den gewaltigen Kräften, die erforderlich sind, um die großen transat⸗ lantischen Riesendampfer über den Ozean zu bewegen, gewinnt man erst eine richtige Vor- stellung, wenn man hört, daß die Maschinen der drei bekannten Schnelldampfer: Kaiser Wilhelm II., Kronprinz Wilhelm und Kaiser Wilhelm der Große des norddeutschen Leoyd in Bremen zusammen nicht weniger als 107,000 Pferdekräfte entwickeln. Der Kaiser Wilhelm I. allein verfügt über 43 bis 46,000 Pferbekräfte, die auf einer Reise von und nach Newyork un- unterbrochen tätig sind. Die Bedeutung dieser riesigen Maschinenleistungen tritt noch mehr hervor, wenn mau sich vergegenwärtigt, daß die gesamte Kavallerie von Preußen, Sachsen, Württemberg und Bayern nur 66,000 Pferde ins Feld zu stellen vermag. Humoristisches. Kindermund. Der kleine Kurt hat öfters Ge⸗ legenheit, Augenzeuge von ehelichen Szenen seiner Eltern zu sein, bei denen sich das Familienoberhaupt meist in der Defensive befindet. Eines Tapes zupft er die Mutter am Kleide und fragt:„Sag', Mama, wenn ein Mann immer sehr brav ist— muß er bann auch heiraten?“ Im russischen Generalstab.„Erzelleng, eben kommt die Meldung, daß wenigstens in der Papier- Industrie die Arbeit zum Teil wieder aufgenommen wurde. Sollen nun erst die Helligenbilder fertig⸗ gestellt werden oder die Schuhe für die Mandschurel⸗ Armee?“(Ult.) 7 Bemüht Parteifreunde! coc ses nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Gueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! — Mitteldentsche Sonntags⸗geitung. No.„ Hessisches. Aus dem Landtage. Bei der Fortsetzung der Etatsberatung gab es am Donnerstag voriger Woche eine inter⸗ essante Schuldebatte in der Zweiten Kammer. Unser Genosse Dr. David ver⸗ focht bei dem Kapitel„Höheres Schulwesen“ mit Sachkenntnis und Energie die Forderung auf Zulassung der Volksschullehrer zum Uni⸗ versitätsstudium, sowie die Idee der Einheits⸗ schule. David konnte sich hierbei auf einen Beschluß des Lehrertages in Königsberg stützen, der diese Forderungen als erstrebenswert be⸗ zeichnete. Die Einheitsschule sei in Hessen sehr gut möglich, man solle wenigstens zunächst eine solche für die ersten vier Schuljahre schaffen.— Von einer Weiterentwickelung unseres Schul⸗ wesens wollten aber die Zentrümler, National⸗ liberalen und Regierungsvertreter nichts wissen. bezeichnende Geständuts, daß der Schul ko m⸗ promiß, den die Nationalliberalen mit den Konservativen und Ultramontanen im preußischen Abgeordnetenhaus abgeschlossen haben, und der ein schmähliches Preisgeben der alten liberalen Forderung der Simultanschule bedeutet, im Vergleich zu den heutigen Zuständen ein— Fortschritt sei! Erfreut unterstrichen das die Zentrumsleute mit einem Sehr richtig! Diese schul⸗reaktionäre Seelenharmonie wurde alsbald vom Genossen Dr. David festgenagelt und gebührend gewürdigt. Ein Teil der Na⸗ tionalliberalen aber war durch dieses offene Geständnis ihres Parteigängers so erschrocken, daß ste ihn nötigten, nachträglich zu erklären, er habe nur für sich persönlich gesprochen, was aber so ungeschickt ausfiel, daß das ganze Haus in stürmische Heiterkeit ausbrach.— Herr Leun stellte die Forderung auf Freigabe der Nach⸗ mittage in den ländlichen Schulen während der solchen Forderung mag der Vertreter für Gießen ⸗ Land in rückständigen Kreisen Anklang finden, wem aber die geistige und kulturelle Aus⸗ und Weiterbildung des Volkes am Herzen Itegt, wird ihr nie zustimmen können. Sie läuft darauf hinaus, die Kinder der kleinen Laute und Arbeiter in Unwissenheit zu erhalten.— Freitag wurden die weiteren Kapitel des Etats bis Kap. 87 erledigt. Dienstag und Mittwoch folgt die Beratung des Justizetats. Hier⸗ bet verlangte die Regierung Schaffung zweier neuer Gerichts ratsstellen am Oberlandesgericht. Dies wurde jedoch abgelehnt. Briefkasten. Zur Beachtung! Zuschriften betreffend Zeitungs⸗ oder Bücherbestellungen, sowie Geldsendungen wolle man nur an die Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung adressieren; alle auf den Inhalt des Blattes Im weiteren Verlaufe der Debatte machte der Sommermonate. Die Regierung erklärte jedoch, bezüglichen Zuschriften jedoch an die Redaktion der Nationalliberale Windecker Friedberg das darauf nicht eingehen zu können. Mit einer Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung, Kirchenplatz 11, richten Antenstehende Zahlen sind nicht etwa aus der 2 C ˖ 6 2 I Freie Turnerschaft Gießen. LAC u f. LA AAA Samstag, den 4. März, abends 8 Uhr im Saale „Lonys Bierkeller“, Schanzenstraße: 4 9 f gegriffen, sondern sind ein f K 2 1 4 4 ö 1 f uszug ais dern Inventar Kappensitzungm. Miaskenkränzchen f welches zum Zweck der Steuerveranlagung aufgenommen. mit großen humoristischen Ueberraschungen.. g Es sollen unbedingt verkauft werden: Dazu ladet alle Narren und Närrinnen ein 1 2 15. 1277 70 1 e, von Mk. 9 an, Das Komitee. 1 eee„ A Schwerste Buxkin-Anzüge ie 7 7 1 Kammgarn⸗ und Pique⸗Anzüge e Konfirm andenstiefe! 2 1 a 650 Paletots, 1 1 und Cap es: N 8.50 in jeder Preislage und reichster Auswahl, sowie g. 5 u. Double⸗Paletots mit Futter u. 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