4— rr,. 2E . el. elt⸗ 15 von agel das FJonltags⸗Jeitu —— Nr. 26. Gießen, den 25. Juni 1905. 12. Jahrgang Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Dounesstag Nachmittag 4 Uhr. 10 Abonnements preis: Die Mitteldeutsche Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Bestellungen JInserate 2 Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½½⸗%½H und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Als unseren Hauptfeind im wirtschaftlichen und polttischen Befreiungs⸗ kampfe bezeichnete schon vor langer Zeit Jakob Audorf in seinem„Lied der deuschen Arbeiter“ den„Unverstand der Massen“. Und das Wort ist wahr und richtig. Daß heute noch eine Handvoll Kapitalisten das ganze werktätige Volk ausbeuten, sich auf dessen Kosten Reich⸗ tümer aufhäufen, es schließlich auch noch politisch bevormunden, unterdrücken können, daran ist lediglich die Rückständigkeit, Ein⸗ sichtslosigkeit und der geistige Tiefstand eines roßen Teils der Arbeiter schuld. Ohne dieses Bleigewicht an den Füßen wäre unsere Be⸗ wegung, die die Wohlfahrtaller Menschen zum Ziele hat, schon jetzt viel weiter vor⸗ geschritten. Aufklärung über die poli⸗ schen und wirtschaftlichen Dinge, Erkennt⸗ nis ihrer eigenen Lage, das ist es, was der Arbeiterschaft, der befitzlosen Klasse not tut! Wo kaun sie sich aber diese Aufklärung und Erkenntnis verschaffen? 0 g und allein in der sozial⸗ kr Presse! Das Arheiterblatt selbst zu lesen, für seine weiteste Verbreitung zu sorgen, ihm im Hause jedes Angehörigen des werktätigen und minderbemittelten Volkes Eingang zu ver⸗ schaffen— das ist unabweisbare Pflicht jedes Parteifreundes nicht nur, sondern jedes denkenden Arbeiters! Wie oft wird aber diese Pflicht versäumt! Tausende Arbeiter— nicht wenig organisierte darunter— halten die volksverdummenden arbeiterfeindlichen Klatsch⸗ und Schundblätter, die täglich unsere Partei und ihre Anhänger beschimpfen und verdächtigen. Sie binden sich damit selbst die Ruten, mit denen ste hence werden, be⸗ gehen Verrat an ihrer eigenen Klasse! Wann ist je ein bürgerliches Blatt für Arbeiteriateressen eingetreten? Diese Organe ind bloß Mittel zum Geldverdienen für ihre Besitzer. Wo noch immer die Arbeiter und Unterdrückten für eine Besserung ihrer Lage kämpften, hat ste nur die soztialdemo⸗ kratische Presse unterstützt. Das müssen sich besonders die Gewerkschaftsmit ⸗ lieder merken und in erster Linie in ihren Reihen für Weiterverbreitung des Arbeiterblattes Sorge tragen. Wer mit hilft, unserer Presse mehr Leser zuzuführen, trägt damit unsere Ideen, Grund⸗ sätze und Forderungen in das Volk, erhöht den Einfluß der Arbeiterklasse, nützt sich und den Interessen seiner Familie! Lasse sich deshalb jeder angelegen sein, zum 1. Juli der „Nitteldeutschen g. e die monatlich nur 25 Pfg. kostet mindestens einen Abonnenten zu gewinnen! Volksschule und Universität. Von K. Wbr. 1M Seit zum Entsetzen des preußischen Mini⸗ steriums der Königsberger Lehrertag im vorigen Jahre die Universitätsbildung für den Volks⸗ schullehrer als Zielforderung aufgestellt hat, ist diese große Frage nicht mehr aus dem Gebiete des Nachdenkens und der Erörterung ver⸗ schwunden und wird, wie alle derartige Kultur⸗ aufgaben der Zukunft, nicht daraus verschwinden bis zu ihrer endgültigen Lösung. Denn daß der heutige Zustand mit seiner künstlich ge⸗ machten Einteilung in Menschen I. und II. Klasse, wobei letzteren, wohl um sie dummer und„zu⸗ friedener“ zu erhalten, schon wegen des Zufalls ihrer Geburt nur ein Mindermaß von Bildung ängstlich gestattet wird, daß dieser Zustand allem feudal⸗konservativen Philistertum zum Trotz, kein ewiger und endgültiger zu sein braucht, und nicht sein darf, ist jedem vorurteilslosen Denken gewiß. Gar schroff aber steht da die preußische Lehrerschaft mit ihren fortschrittlichen Wünschen der vorgesetzten Behörde gegenüber, von der sie nun sogar durch den„Schulkompromiß“ einen Bruch und Rückschritt in der seitherigen Entwicklung zu befürchten hat. Als neulich das Denkmal für den früheren fortschrittlichen Schulminister Falk enthüllt wurde, konnte dieser Gegensatz durch alles äußerlich gebotene Zeremoniell gegenüber Herrn Studt nicht ganz verdeckt werden. In Hessen ist ein solcher Rückschritt, nach der kürzlich erfolgten Mainzer Kund⸗ gebung zu urteilen, zum Glück eben nicht zu befürchten. Aber den Königsberger Wünschen steht man doch auch hier nicht nur zweifel nd (was seine Berechtigung hätte), sondern ohne jede Absicht ernster Ueberlegung einfach ab⸗ lehnend gegenüber. Es muß deshalb auch hier unsere Aufgabe bleiben, der satten und bequemen Freude am gewohnten Zustande gegenüber das Streben und die Lust zu höheren Idealen wach⸗ zuhalten. Es gibt Wahrheiten, und vor allem gerade sittliche Wahrheiten, die bis zum Ueberdruß häufig wiederholt werden, die aber von ihrer ewigen Gültigkeit darum noch nicht das Geringste einbüßen. Zu ihnen gehört der Gedanke der Menschenrechte. Welche gewaltige Rolle hat er in der Geschichte gespielt! In der griechischen Philosophenschule der Stoa“ geboren überwand er die Sklaverei des Altertums und Jahrhunderte später lieferte er noch den Vorkämpfern gegen die Leibeigenschaft ein gut Teil ihrer Waffen, er begleitete die Aus⸗ wanderer des 17. und 18. Jahrhunderts in die neue Welt nach Amerika um ihnen dort ihre Staaten aufbauen zu helfen, und er bereitete in der alten Heimat kurz danach einem der frivolsten und kurzsichtigsten Regierungssysteme aller Zeiten in der großen franz ö 1 schen Revolution ein gräßliches Ende. Sollte nun in unsern Tagen die so oft erhobene Losung der fortschreitenden Menschheit verstummen müssen? Gibt es da etwa keine Mißstände mehr, gegen die sie als Waffe zu brauchen wäre? Oder müßte ste unter dem Titel „Utopie“ jetzt plötzlich zum alten Eisen wandern? Ich denke nein! Solange es noch lebende und strebende Menschheit auf Erden gibt, wird sie auch jenen großen Gedanken als Leitstern auf den uferlosen Fluten des Daseins im Auge behalten. Ja, sie muß das, wenn sie überhaupt vorwärts zu kommen und nicht planlos sich treiben zu lassen denkt. Der Gedanke der Menschenrechte ist es, der über die Schranken der nationalen Interessen hinaus zum Dol⸗ * Stoa, Säulenhalle in Athen, in der der Philo⸗ soph Zeno lehrte. Seine Schüler, die Stoiker betrach⸗ teten Tugend als das höchste Gut. Stoizis mus: Gleichgültigkeit gegen äußere Eindrücke Unerschütter⸗ lichkeit. metscher alles allgemein menschlichen Wüuschens und Könnens wird, er ist es, der im fort⸗ schrettenden Verfeinerungs⸗ und Arbeitsteilungs⸗ prozeß der Kultur die zum Leben doch wieder erforderliche Einheitlichkeit und Gerechtigkeit in den menschlichen Existenzverhältnissen fest⸗ zuhalten oder herzustellen sucht. Und wie die Religion schon an jeden einzelnen das Ansinnen stellt, seinen Lebenslauf über die Erfolge oder Mißerfolge des Augenblicks hinaus nach ewigen Sternen zu steuern, so dürfen nicht nur, sondern sol len sogar die Bestrebungen ganzer Klassen von Menschen, um mit Spinoza zu reden, erst recht, im Hinblick auf die Ewigkeit betrachtet werden. 8 ist also nur das gute Recht der Volksschullehrer, sich auf die„Menschen⸗ rechte“ zu berufen, wenn ste alle Kindererziehung auf einer 1 e Grundlage aufgebaut wünschen, und man stellt seiner eignen Bildung rade kein glänzendes Zeugnis aus, wenn man solchen idealen, d. 1 geistig weitschauenden Gestchtspunkten gegenüber immer gleich mit dem Vorwurf„Phrasen bei der Hand ist, wie es auch im vorliegenden Falle vielfach geschehen ist. Ernster zu nehmen ist dagegen natürlich die Betonung der„praktischen Schwierig⸗ keiten“. Aber auch da ist eins vornherein zu sagen: Diese Praxis, so wie das Wort meistens verstanden wird, als der jeweils gegebene zur Gewohnheit gewordene Zustand hat schließlich allen neuen Ideen und Fortschritten, selbst solchen, die uns heute selbstverständlich scheinen, wie z. B. der Aufhebung der Sklaverei, einmal im Wege gestanden. Wenn hinter jenen Ideen nur die Macht der gerechten Vernunft stand, so sind sie schon der größten praktischen Bedenken Herr geworden. Und wo ste es nicht wurden, da blieben die traurigen Folgen nicht aus. Dafür ein Beispiel: Die alte römische Republik hat mit ihrer großenteils von Selbstsucht dik⸗ tierten Scheu vor gründlichen Reformen über die Gracchen, diese„idealen Schwärmer“ trium⸗ phiert. Aber sie hat das Volk dadurch nur in den Abgrund der Revolution gestürzt, aus dem es sich erschöpft in die politische Gleich⸗ gültigkeit rettete, um durch ste zu grunde zu gehen. So wenig wir also einerseits all dem Be⸗ denken mit denen uns die„Männer der Praxis“ entgegengetreten, unser Ohr verschließen, eben⸗ sowenig dürfen wir doch andrerseits die Worte der großen Idealweiser der Menschheit, die zu⸗ gleich die Stimme des Gewissens in uns bilden sollten, ganz übertönen lassen. Die Gedanken eines Kant, die Humanitätsideale unsrer Klas⸗ stker, die sich, wenn man so will, auch durchaus in die Formen, der christlichen Ethik fügen, daß kein Mensch nur als Mittel zum Zweck für andere da sei, auch nicht für den Staat, daß jede Persönlichkeit einen ewigen Wert für sich repräsentiere, daß deshalb nach Möglichkeit einer jeden die Freiheit zu vollster Entfaltung ihrer guten Anlagen gegeben werden müsse, daß darin die höchsten und wichtigsten Auf⸗ gaben der Menschheit liegen, all diese Gedanken stnd mit einem Hinweis auch auf noch so un⸗ geheure praktische Schwierigkeiten niemals end⸗ gültig erledigt. Und wenn auch freilich wir selbst diese letzten Ziele zu erleben nicht hoffen dürfen, so sind wir damit doch keineswegs der Pflicht entbunden, sie zur Richtschnur unseres Schaffens zu machen. Ohne ste sind ja wohl so ein paar Flickereien für den Augenblick Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Ar. 26. möglich. Aber die Früchte der Kultur, die wir genießen, sind nicht aus solchen kurzlebigen Saaten hervorgewachsen. Die großen Geister, deren Namen wir in schönen Reden zu feiern pflegen, haben stets den forschenden Blick weit über die eignen kurzen Tage hinausgehen lassen. Die„praktische Vernunft“ im Sinne Kants hat ebenso ein Recht gehört zu werden, wie die „praktische Vernunft“ im Sinne des Heut⸗ aufmorgenpolitikers. Das von der Zukunft Geforderte und das in der Gegenwart Gegebene, das Rationale und das Empirische (das auf Vernunft und das auf Erfahrung Gegründete), beides muß geprüpft werden.„Ein der Chemie ähnliches Verfahren der Scheidung des Empirischen vom Rationalen“, heißt es bei Kant,„kann... teils der Verirrung einer noch rohen ungeübten Beurteilung.... teils den Genteschwingen, vorbeugen durch welche geträumte Schätze versprochen und wahre ver⸗ schleudert werden“. (Schluß des Artikels nächste Nr.) Politische Rundschau. SGießen, den 22. Juni 1905. Die Reichsschulden. Eine Darstellung der Finanzen des Reiches bringt das neueste Vierteljahresheft zur Statistik des Deutschen Reiches. Die Ausgaben von Reichs⸗ und Bundes staaten im Jahre 1904 sind nach den Voranschlägen auf 6795 Mil⸗ lionen Mark festgesetzt, die Einnahmen auf 6781 Millionen Mark, also ein Minderbetrag von 14 Millionen. Die fundierten Staats⸗ schulden beziffern sich zu Beginn des Rechnungs⸗ jahres 1904 für die Bundesstaaten auf 11,8 56, für das Neich auf 3023 Millionen Mark, die schwebenden Schulden betragen insgesamt 127 Millionen Mark; sie entfallen in der Hauptsache auf das Reich(80 Mil⸗ lionen Mark) und Hamburg(32 Millionen Mark).— Für Verzinsung der Reichs⸗ schulden müssen bekanntlich jährlich über 100 Millionen Mark aufgebracht werden. Warum a die Besitzenden für die Monarchie sind. Vor Kurzem besuchte der König von Sachsen die Lausitz. Der Oberbürgermeister von Zittau, Dr. Oertel sagte ihm in seiner Ansprache Folgendes:„Die Bürgerschaft weiß, daß sie bei allen sozialen Kämpfen und Wirren, denen sie ausgesetzt ist, in einem kraftvollen Träger der Krone ihre festeste Stütze() und ihren sichersten Hort(1) findet. Unser eigenes Interesse() müßte uns dazu bestimmen, fest und treu zu Ew. Majestät zu stehen, wenn uns nicht schon Ehre und Pflicht und unser Herz dazu drängte. Wir bitten daher() unsere Huldigung gnädigst entgegen⸗ zunehmen usw.“ Die sozialen Kämpfe— das sind natürlich die Streiks, die Kämpfe zwi⸗ schen Besitzenden und Besitzlosen. Und weil die Bürgerschaft— das ist hier natürlich die besitzende Bürgerschaft— weiß, daß der König in allen diesen Kämpfen der sicherste Hort ist, deshalb gebietet es das eigene Iyteresse dieser Bürgerschaft, dem König zu huldigen. Das ist die monarchtsche Gesinnung im benga⸗ lischen Lichte monarchischer Selbstcharakteristik! Deutsche Offiziere im Solde der Kapitalisten. Gutgesinnte Blätter berichten:„Eine Stif⸗ tung von zehn Millionen Mark soll na der„Zukunft“ auf Veranlassung des Fürsten Henckel von Donnersmark zu dem Zwecke errichtet werden, um durch den Kaiser Zulagen an Offiziere zu ge⸗ währen. Der Fürst hat, wie die genannte Wochenschrift behauptet, im Einvernehmen mit dem Reichsbankpräsidenten Dr. Koch eine Reihe großer Bankfirmen und wohlhabende Männer zusammenberufen und ihnen den Vorschlag dazu gemacht.“— Das kann ja nett werden. Nun fehlt bloß noch, daß die Kohlenbarone und Krautjunker die Armee bezahlen und sie dann unter Oberbefehl des Bergbaulichen Vereins stellen! Der Fürst Henckel von Donnersmark ist bekanntlich nichts, denn er hat 250 Million im Vermögen. Wilhelm II. pumpt nicht. Das halbamtliche Organ der Reichsregierung, die„Nord. Allg. Ztg.“ sah sich neulich ver⸗ anlaßt, den Kaiser wegen seiner Privat⸗ wirtschaft zu verteidigen. Das Blatt er⸗ klärte an hervorragender Stelle: „Am Schluß eines vielfachen Unrechtig⸗ keiten enthaltenden Artikels überdas Vermögen und den Haushalt des Deutschen Kaisers stellt der„Daily Expreß“ die Behauptung auf, der Kaiser sei zur Deckung der auf ihm lastenden Ausgaben genötigt gewesen, von einigen seiner Untertanen Geld zu leihen; er habe niemals von preußischen Adeligen Geld geliehen, aber von großen Magnaten des Kaufmannstandes und Industriemillionären. Die Erzählung trägt den Stempel bos⸗ hafter und frecher Erfindung deutlich zur Schau. Wir sind aber auch zu der ausdrücklichen Feststellung ermächtigt, daß der Kaiser niemals auch nur einen Pfennig geborgt hat.“ Warum sich die Norddeutsche so heftig und entrüstet gegen die Angaben des englischen Blattes wendet, ist nicht recht verständlich. Ob Wilhelm II. Schulden hat und bei wem, ist doch seine Privatsache und geht die Oeffentlich⸗ keit wenig oder gar nichts an. Bei sechzehn Millionen jährlichem Gehalt, die der Kaiser bezieht, braucht doch auch schließlich niemand zu pumpen. Die Entrüstungs⸗Erklärung des Regierungsblattes scheint danach nur den Zweck zu haben, die Erzählung des englischen Blattes der größeren Oeffentlichkeit mitzuteilen. Parlamentswahlen in Hollaud. Am 16. Juni, dem Jahrestage des Deutschen Dreimillionen⸗Sieges, fanden in Holland die Hauptwahlen zur zweiten Kammer statt. In der bisherigen hatten die Klerikalen die Mehr⸗ heit und der Ministerprästdent Kuyper ist ein reaktionärer Mucker, der sich selbst bei der frömmelnden holländischen Bourgeoiste verhaßt gemacht hat. Dies brachten die Wahlen auch zum Ausdruck: es wurden zwar 44 Regierungs⸗ kandidaten gewählt und nur 16 Freistnnige, doch es müssen 40 Stichwahlen stattfinden, die meist für die Klerikalen ungünstig stehen.— Unsere Partei hat bei den Hauptwahlen keinen Kandidaten durchgebracht, steht aber in 9 Stich⸗ wahlen. Auch bei der Wahl von 1901 wurden die 6 sozialdemokratischen Kandidaten erst in der Stichwahl gewählt. Doch die sozialdemo⸗ kratiscen Stimmen sind von 38 279 auf 65743 gestiegen. Also kann man mit 9 5 von einem Erfolge unserer Partei reden. Der russische Zusammenbruch tritt immer mehr in Erscheinung. Sogar die Offiziere sagen dem Zarismus den Gehorsam auf. Am 15. Juni versammelten sich Kraßnoje⸗ Sselo einige Hundert Offiziere und erklärten, daß sie nicht weiter die Rolle von Polizei⸗ soldaten spielen könnten, die ihnen vor einigen Monaten aufgedrungen worden sei. Die Rolle trenne sie vollständig von der Gesellschaft, der gegenüber sie eine Art Henker rolle hätten.— General Rehbinder, das Werkzeug des Großfürsten Wladimir, jagte sie auseinander. Einer Semstwo⸗Deputation erklärte Niko⸗ laus, daß er eine Nationalversammlung ein⸗ berufen werde. Wer glaubts? Großartige Demonstrationen fanden in Lodz am Mittwoch statt. Fünf am Sonntag bei den Zusammenstößen mit der Polizei Getötete wurden beerdigt und etwa 50000 Personen mit roten Fahnen nahmen an dem Leichenzuge teil. Die Polizei wagte nicht einzuschreiten. Russisch⸗japanischer Krieg. Aus der Mandschurei wird wiederum ein bedeutender japanischer Sieg gemeldet. Ende voriger Woche, am 16. Juni griffen die eine der reichsten Personen Deutschlands, die 10 Millionen machen ihm (Besteuerung des Kapital⸗ Japaner die russische Stellung bei Liaoyang⸗ 1 wopin an und nahm sie nach heftigem Kampfe ein. Russtsche Kavallerie, die sich nördlich zurückzog, wurde von dem linken Flügel der japanischen Abteilung beschossen; schließlich wurde der Feind mit schweren Verlusten in großer Verwirrung zurückgeworfen. Nach den Aussagen der Gefangenen war Liao⸗ hangwopin von 5000 Mann Kavallerie, 20 Ge⸗ schützen und einem Teil der Armee des Generals Mischtschenko besetzt. Die Russen, die anschei⸗ nend von einer Panik ergriffen waren, ließen Vorräte und Kleidungsstücke im Stich. Die Verluste der Russen in der letzten großen Seeschlacht werden auf 7000 bis 9000 Mann geschätzt, abgesehen von den Ge⸗ fangenen. Von der 15000 Köpfe betragenden Gesamtbemannung sind nur etwa 10002000 Mann entkommen. Die japanischen Ver⸗ luste betragen 113 getötete und 424 ver⸗ wundete Offiziere und Mannschaften, insgesamt also 537. Die Verluste sind also geringer als ursprünglich angenommen worden war. Ueber die Greuel auf dem russtschen Schlachtschiffe„Orel“ während der Seeschlacht in der Koreastraße wurde einem italienischen Korrespondenten in Tokio vom Kapitän des Schiffes mitgeteilt:„An Bord des„Orel“ waren 900 Mann, wovon bereits 300 Mann tot oder verwundet waren. Das Verdeck war vollständig aufgerissen. Es war unmöglich, den Verwundeten zu helfen. Das Blut floß langsam über den Boden und vermischte sich mit dem Kohlenstaub, der das ganze Schiff bedeckte. Die Klagen und Hilfeschreie der Ver⸗ wundeten deprimierten die Herzen der Seeleute. Da wurde Befehl gegeben, das Verdeck frei zu halten und die Verwundeten über Bord zu werfen. So wurden 150 von ihnen eine Beute des Meeres. Die Leichtverwun⸗ deten leisteten diesem Befehl verzweifelten Wiederstand und klammerten sich an Taue und Wände an, um Barmherzigkeit flehend. Schwerverwundeten wälzten sich in ihrem Blute vom Platze, um ihrem Schicksale zu entgehen. Wir warfen sie jedoch ins Meer.“— Das ist russische christliche Barmherzigkeit! Die Gemeindesteuer-Reform in Hessen. 12 Nachdem wir die Vorlage der Regierung im Allgemeinen behandelt und gezeigt haben, daß sie nicht den Anforderungen entspricht, die wir an eine gesunde Steuergesetzgebung stellen, wollen wir uns zum Schluß noch etwas ein⸗ gehender mit der Frage der Heranziehung der Kapitalvermögen zur Besteuerung, und der des Schuldenabzugs, beschäftigen. Die Stellung der Regierung zur Heran⸗ ziehung des Kapital vermögens zur Gemeinde⸗ steuer kam am besten in dem Entwurf derselben, der den Gemeindevertretungen und den Handels⸗ kammern zur Begutachtung vorlag, zur Geltung. In diesem Entwurf war eine völlig gleiche Ulit dem Grundbesitz⸗ und Gewerbebetriebs⸗ vermögen vorgesehen. Und zur Begründung dieser gleichmäßigen Besteuerung wurde damals auf Seite 12, nachdem die Bedenken gegen die Heranziehung der Kapitalrenten zur Gemeinde⸗ steuer vollauf gewürdigt worden waren, wört⸗ lich gesagt: „Allein abgesehen davon, daß ein Versuch der Be⸗ seitigung der besonderen Besteuerung des Kapitalbver⸗ mögens aus der Gemeindebesteuerung kaum besondere Aussicht auf Erfolg haben wird, spricht doch auch manches gegen einen solchen. Zunächst erhebt schließlich auch gerade der Rentner besondere Ansprüche an die Gemeinde: er wird insbesondere bei der Wahl seines Wohnsitzes auf viele Annehmlichkeiten Wert legen, die ein andrer kaum genießen kann, und für welche die Gemeinden deshalb gerade mit Rücksicht auf die Rentner besondere Aufwendungen machen müssen; die Anpreisung der in allen größeren Städten bestehenden Verkehrsvereine reden in dieser Beziehung eine deutliche Sprache. Dazu kommt, daß, wenn Grundbesitz und Gewerbebetrieb mit einer Bruttovermögenssteuer betroffen werden, das Fehlen Die .———. ̃ einer gleichen Steuer für das Kapitalvermögen zweifellos — 22 2—— er er mt als Ar. 26. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite a. allgemein als eine nicht voll gerechtfertigte Lücke em pfunden werden würde. Kommt man so dazu, die besondere Besteuerung des Kapitalvermögens auch in Zukunft für die Gemeinde⸗ besteuerung beizubehalten, so bietet die Beantwortung der Frage, ob dies in der Form der Besteuerung der Rente oder deren Quelle, also des Kapitals selbst erfolgen soll, keine Schwierigkeit. Sachlich ist beides nicht be⸗ sonders verschieden.“ So argumentiert die Regierung im Früh⸗ jahr 1904. Und im Herbst desselben Jahres, als die Handelskammern und Gemeindever⸗ tretungen ihre Gutachten abgegeben, setzte ste die Steuerquote für Kapitalvermögen auf die Hälfte herab und sagte zur Begründung ihres neuen Standpunktes im allgemeinen auf Seite 33 und 34 wörtlich: „Gegen die besondere Heranziehung der Kapitalrente zur Aufbringung der Gemeindebedürfnisse hatte die Be⸗ gründung zu dem Entwurf des dermaligen Gemeinde⸗ umlagengesetzes.... insbesondere eingewendet, daß die Gemeinde für den Kapitalrentner besondere Auf⸗ wendungen nicht zu machen habe, demnach von ihm auch keine besonderen Gegenleistungen verlangen könne, außer⸗ dem aber auch, daß andere Staaten und insbesondere Preußen, eine besondere Besteuerung der Kapitalrente nicht kennen. Beide Kammern der Stände haben sich indes durch diese Gründe nicht abhalten lassen, die Kapitalrentensteuer in das Gemeindeumlagegesetz wieder einzufügen, und die Regierung hat sich schließlich damit einverstanden erklärt. Das Gewicht jener Gründe darf nun auch heute nicht verkannt werden; insbesondere er⸗ scheint die Schonung der Rentner.... im Interesse der auf Fremdenzuzug angewiesenen, durch die Kon⸗ kurrenz der teilweise in steuerlicher Hinsicht ohnehin er⸗ heblich günstigere Verhältnisse bietenden benachbarten preußischen Kommunen aber stark bedrängten Städte umsomehr angebracht, als schon das Vermögenssteuer⸗ gesetz mit dem wichtigsten seitherigen Vorrecht der Kapitalrentner aufgeräumt und deren steuerliche Lage damit erheblich verschlechtert hat.“ Wir enthalten uas hier jeder Kritik des in den beiden Begründungen Gesagten und über⸗ lassen es unseren Lesern, sich ihr Urteil darüber selbst zu bilden. Und nun zu der Frage des Schulden⸗ abzug s. Wir stehen auf dem Boden des Schulden⸗ abzugs sowohl beim Grundbesitz⸗, wie beim Gewerbetrieb⸗ und dem Kapitalvermögen, weil dies eine Forderung der Gerechtigkeit ist und erade für die kleinen Leute in Stadt und Land die höchste Bedeutung hat. Der Gesamtwert des im Großherzogtum zur Vermögenssteuer veranlagte Vermögen be⸗ läuft sich auf 4,832,885,412 Mark. Der Kapitalwert der darauf lastenden und nach dem Vermögenssteuergesetz abzugsberechtigten Schul⸗ den und Lasten beläuft sich auf 665,665,702 Mk. sodaß ein Netto⸗Vermögen von 4,167, 219,710 Mk. vorhanden ist. Dieses Netto⸗Vermögen sollte im allgemeinen auch zur Besteuerung für die Gemeinden heran⸗ gezogen werden und ausschlaggebend sein und nur in ganz besonders gelagerten Aus⸗ nahmefällen dürfte den Gemeinden die Möglichkeit gegeben sein, nach jenen Grundsätzen, die für sie erforderlichen Steuern zu erheben, die in der Regierungsvorlage als Norm vor⸗ gesehen sind. Betrachten wir uns die Vermögensverhält⸗ nisse des Landes doch einmal etwas genauer. Die Schulden und Lasten, die auf dem rauhen Vermögen des Landes ruhen, belaufen sich auf 13,19 Prozent; es bleiben somit als gerecht belastet von den nahezu Fünf⸗ tausend⸗ Millionen Mark betragenden Gesamtlandesvermögen 86,21 Prozent übrig. Diese müßten zur Beurteilung der prinzipiellen Forderung des Schuldenabzugs als Einheit angesehen werden. Nun wird man uns darauf wohl erwidern, das geht wohl fürs ganze Land, allein für die einzelnen Gemeinden sei das nicht angängig. Darauf haben wir zu entgegnen, daß das mit den entsprechenden Einschränkungen, die für jede Gemeinde durch deren besondere Verhält⸗ nisse geboten sind und unter Würdigung der von uns als Ausnahmebestimmung zugelassenen anderen Norm auch für jede einzelne Gemeinde geht, denn die größte Verschuldung weisen die f Stadt und nicht die Landgemeinden auf, und! Schulden und Nachteil durch die Besteuerung, in den Städten wäre ein Ausgleich etwaiger Unebenheiten mit den erwähnten Bestimmungen sehr leicht zu erreichen. Doch sehen wir uns die Verschuldungen im Lande etwas mehr im einzelnen an. Es er⸗ giebt sich dabei, daß die rein ländlischen bezw. nahezu rein ländlichen Bezirke am wenigsten, daß dagegen die Städte und die unter dem Einfluß der Stadt stehenden Bezirke am meisten belastet sind. Die 33 Steuerkommissariate des Landes ergeben wie schon gesagt, eine Schulden⸗ entlastung des rauhen Vermögens von 13,79 Prozent. Das Steuerkommissariat Mainz I, d. i. im wesentlichen die Stadt Mainz, marschiert an der Spitze und hat eine Belastung von 22,65 Prozent, Offenbach hat eine solche von 21,77, Gießen eine solche von 19,98, Darmstadt I eine solche von 18,53 und Worms eine solche von 14,99 Prozent; sie haben somit alle eine über den Landesdurch⸗ schnitt hinausgehende Belastung zu tragen. Von den ländlichen Steuerkommissariaten hat nur das von Langen mit einer Belastung von 15,55 Prozent, eine über den Landesdurchschnitt hinausgehende Schuldenbelastung zu verzeichnen, während alle anderen Steuerkommissariate eine geringere Belastung aufweisen. Die geringste Belastung hat Wörrstadt mit nur 2,72 Prozent, und dann folgt Grün⸗ berg mit 4,26, Homberg mit 4,38, Büdingen mit 4,57, Dieburg mit 6,46 usw. bis Fried⸗ berg mit 12,51 Prozent Schuldenbelastung. Dieses Bild der Verschuldung beweist, das gerade die städtische und unter dem wirtschaft⸗ lichen Einfluß der Städte stehende Land⸗ bevölkerung am stärksten verschuldet ist, die Landbevölkerung dagegen weniger. Damtt ist nun aber auch bewiesen, daß gerade die kleinen Leute in den Städten und ihrer Umgebung am meisten unter dem Verbot des Schuldenabzugs zu leiden haben würden. Nun steht aber weiter fest, daß auch wiederum gerade die Städte es am leichtesten haben, die lLeistungsfähigeren Steuer⸗ pflichtigen zur Tragung des durch den Schulden⸗ abzug entstehenden Ausfall heranzuziehen. Es steht somit für uns fest, daß auch die tatsächlichen Verhältnisse unserer Gemeinden im allgemeinen den Schuldenabzug zulassen; es gilt also nur, den Mut zu haben, die Reichen und Reichsten entsprechend ihrem Können zur Tragung der Lasten der Gemeinden heranzuziehen. Hessisches. Landtag. Am Donnerstag voriger Woche trat die Zweite Kammer, wie wir in letzter Nummer bereits kurz erwähnt, in die Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die Gemeinde⸗ steuern ein. Staatsminister Rothe be⸗ merkte zur Empfehlung der Vorlage, daß ihr eine weitgehende Berücksichtigung der Leistungs⸗ fähigkeit zugrunde gelegt, und wäre die Re⸗ gierung zu der Ueberzeugung gelangt, daß dieses System auf eine einfachere und leichtere Grundlage gestellt sei, als das bisherige.— Der Nattonal⸗ liberale Möllinger steht in der Vorlage eine Verbesserung des bisherigen Zustandes. Genosse Ulrich führt aus: Was ich an der Regierungsvorlage auszu⸗ setzen habe, ist in den wenigen Worten gesagt, daß ich ein Gegner des Verbots des Schulden⸗ abzugs bin. Es ist ein Doppelprinzip, was wir in der Gemeindesteuer beibehalten wollen, es ist einerseits das Prinzip der Leistungs⸗ fähigkeit, andrerseits das Prinzip der Gegen- leistung. Das Prinzip der Leistungsfähigkeit wird durchbrochen, besonders durch den Artikel 11. Kein Mensch wird es verstehen, daß die Schulden versteuert werden, da dadurch die schuldenfreien Leute entlastet werden. Die kleinen Leute, die ihr Einkommen nur aus ihrer persönlichen Tätigkeit, ihrer Arbeitskraft, ziehen, sind nicht in der Lage, etwaige Schulden abzustoßen, sie müssen sie nicht uur verzinsen, sondern auch noch versteuern. Anders ist es bei denen, die Kapitalvermögen besitzen. Haben diese noch werden sie die Schulden bezahlen. Es sollten bei der Steuerreform die Leistungsfähigen mehr herangezogen werden. Es wäre leicht möglich, gestützt auf die Grundsätze der Staatssteuer, durch Zuschläge auf fundiertes Einkommen das Prinzip der Leistungsfähigkeit in der Gemeindesteuer durchzuführen. Ich wünsche nicht, daß das im Gewerbebetrieb, im Grundbesitz steckende Vermögen, sondern das daraus gezogene Einkommen versteuert wird. Ich stehe auf dem Standpunkt der Wertzuwachssteuer und bin enschieden gegen eine Besteuerung der Konsumvereine. Die höchste Verschuldung haben die Städte, die Landbevölkerung ist bedeutend weniger ver⸗ schuldet. Angesichts dieses sollten wir nicht von dem bei der Staatssteuer festgelegten Prinzip abgehen, daß die Schulden abgezogen werden dürfen. Wenn die Personen mit großem Ein⸗ kommen nicht so zur Steuer herangezogen werden, entsteht erst recht Verbitterung in den Gemeinden. Der arme Schuldner muß es doch deutlicher fühlen, daß er mehr Steuern zahlen muß, als sein reicher Gläubiger. Ich muß darauf be⸗ stehen, daß das die Apschauungen der Mehr⸗ zahl unserer Steuerzahler sind. Ich habe noch einige Bemerkungen über die Kritik, die der Entwurf erfahren hat, zu machen, besonders über die Kritik, die in der ersten Kammer durch den Freiherrn von Heyl ein⸗ gesetzt hat. Was ich zur Sprache bringen muß, ist, daß diese Vorlage benutzt wurde scharf zu machen gegen das Staatssteuersystem. Herr von Heyl hat Gelegenheit genommen, gegen den Finanzminister scharf zu machen. Daß der Herr auch gegen mich scharf zu machen versuchte, ist mir egal, die Leute wissen, auf welchem Stand⸗ punkt ich stehe. Heyl hielt es fur notwendig zu erklären, daß durch die Stellungnahme des Finanzministers das monarchische Gefühl ge⸗ litten() habe. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß das monarchische Gefühl mit der Be⸗ steuerung nichts zu tun hat. Der Herr hat eine Abfuhr erhalten, wie er sie nicht besser erhalten konnte. Ich will noch feststellen, daß die Regierungsvorlage immerhin noch eine Verbesserung gegenüber den dermaligen Zu⸗ ständen darstellt, daß aber der eingeschlagene Weg noch ein sehr holperiger ist. Mein Grund⸗ prinzip ist: Entlastung der Armen und Belastung der Leistungsfähigen. Die Debatte wird am Freitag fortgesetzt und es ergreift zuerst der Zentrumsmann Molthan das Wort, der erklärt, trotz ver⸗ schiedener Bedenken mit seinen Freunden für die Vorlage stimmen zu wollen. Er erkennt an, daß das Prinzip der Leistungsfähigkeit gerechter ist, als das der Leistung und Gegenleistung. Der Nationalliberale Windecker von Friedberg erklärt sich mit dem Verbot des Schuldenabzugs einverstanden. Weiter spricht er für die Besteuerung der Konsum⸗ vereine mit offenen Verkaufsstellen. Redner versucht, seinen Parteifreund Heyl gegen die Ulrichschen Angriff ein Schutz zu nehmen. Nicht der Abg. Heyl untergräbt das monarchische Bewußtsein, sondern die Sozialdemokraten. „Wenn die monarchisch Gesinnten zusammen⸗ halten, wird die Herrlichkeit der Drei⸗Millionen⸗ Partei bald zu Ende sein“, ruft er pathetisch unter dem Gelächter unserer Genossen aus. Finanzminister Gnauth wendet sich gegen die Ausführungen Ulrichs, der sich mit seinen Forderungen im Widerspruch befinde. Es müsse an dem Grundsatz der Leistung und Gegen⸗ leistung festgehalten werden. Bis jetzt habe noch kein deutscher Staat den Schritt gewagt, den wir durch diese Vorlage machen. Der Abg. Ulrich ist tiefer in der Materie des Gesetzes eingedrungen, als der Berichterstatter der Minder⸗ heit, der Abg. Schönberger, der beantragt, die Regierungsvorlage in ihrer jetzigen Fassung ab⸗ zulehnen. Als Abschlagszahlung könne man das Gesetz vom Standpunkt des Abg. Schön⸗ berger als auch vom Standpunkt des Abg. Ulrich hinnehmen. Die Gemeindesteuerreform ist viel undankbarer und schwerer, wie die Staatssteuerreform. Sie würden dem Lande einen Dienst erweisen, wenn sie die Anträge des Ausschusses annehmen wollten. — Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Im Gegensatz zu seinem Fraktionsgenossen Windecker wendet sich der Nationalliberale Schönberger gegen das Verbot des Schuldenabzugs, weil die kleinen Leute hiervon am härtesten betroffen würden. Die Steuer⸗ erhebung müsse in Staat und Gemeinde eine feste Grundlage haben. In längeren Ausfüh⸗ rungen legt er seinen ablehnenden Standpunkt dar und polemistert gegen den Finanzminister und den Abg. Molthan. Bei der weiteren Beratung am Dienstag erklärt, Hirschel, daß den Bauernbündlern der Gedanke des Abg. Schönberger, die Ge⸗ meindesteuer durch einfache Zuschläge zur Staatssteuer zu erheben, am age et sei. Bei den Schwierigkeiten, die aber dieser Idee im Hause gemacht werden würden, wollten sie nicht darauf bestehen. In der weiteren Kritik des Entwurfes wünscht er die Rechts⸗ anwälte in die Gewerbesteuer einzubeziehen. Die Landwirtschaft dürfe aber durch die Ge⸗ werbesteuer nicht stärker belastet werden als früher. Selbstverständlich. Wenn Herr Hirschel das nicht 0 hätte, wäre er ja kein Bauernvertreter. Ministertalrat Becker be⸗ merkt, daß man das landwirtschaftliche Betriebs⸗ kapital zur Gewerbesteuer heranziehe, bedeute keinen neuen Schritt. Finanzminister Guauth erklärt darauf, er sehe es als seine bedeutendste und nächste Aufgabe an, zu prüfen, in wieweit für die Auf⸗ bringung der Kreisumlagen ein neuer Maßstab gefunden werden könne, durch den die Gemeinden Erleichterungen erführen. Dies sei seiner Ueberzeugung nach ein dringendes Bedürfnis. 5 Am Mittwoch kommt es bei der Fortsetzung der Debatte über den Gemeindesteuer⸗Entwurf wieder zu längerer Erörterung zwischen Abg. Ulrich und Ministerialrat Becker über das Prinzip von Leistung und Gegenleistung. — Die Erste Kammer beschäftigte sich am Mittwoch mit der Wahlrechtsvorlage und dem damit verbundenen Initiativ⸗Antrag auf Erweiterung ihres eigenen Budget⸗ rechtes. Staatsminister Rothe erklärte, daß die Regierung die Verbindung dieses An⸗ trages mit der Wahlrechtsvorlage, überhaupt eine Aenderung der Verfassung im Sinne jenes Antrages für sehr bedauerlich halte. In der Debatte zog der Wormser Lederkönig Heyl wieder gegen die Wahlreform los und er sowie verschiedene andere der Bevorrechteten brachten die nichtigsten Gründe dagegen vor. Die Landtagswahlen in Hessen finden bekanntlich in diesem Herbste statt. Ganz sicher nach dem bisherigen in di⸗ rekten Wahlsystem, unter dem der Wille des Volkes nicht zum Ausdruck kommt, Moge⸗ leien aller Art möglich find. Unter diesem System sind Leute zu dem wichtigsten Amte eines Volksvertreters gelangt, die von der Mehrheit der Wähler abgelehnt wurden. Die hessische Wahlreform kommt nicht u Stande. Sie wird scheitern in der Haupt⸗ fache an dem bösen Willen der Privilegierten⸗ Kammer, scheitern in erster Linie an dem Widerstand des einflußreichen Wormser Leder⸗ gewaltigen Frhr. v. Heyl. Dem hessischen Volke wird das direkte Wahlrecht verweigert, von Männern, deren gesetzgeberische Tätigkeit nicht getragen ist vom Vertrauen des Volkes, sondern die bedingt ist durch die Größe der ihres Geld⸗ beutels oder die Vorrechte der Geburt. Die richtige Antwort auf diese standesherrliche Anmaßung erteilte die Sozialdemokratie im heffischen Landtag, indem ste folgenden Antrag einbrachte: „Wir beantragen unter Hinweis auf den Initiativantrag von 21 Mitgliedern der Ersten Kammer(Beilage 135) betreffend Erweiterung des verfassungsmäßigen Einflusses derselben, die Zweite Kammer wolle beschließen, die Großh. Regierung zu ersuchen, den Ständen alsbald eine Vorlage auf Aenderung der Verfassungs⸗ und Wahlrechtsbestimmungen im Sinne der Beseitigung der Ersten Unter dem indirekten Wahlsystem hat unsere Partei mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Diese dürfen uns jedoch nicht ab⸗ halten energisch in den Wahlkampf einzugreifen und es gilt, schon jetzt für den Kampf im Spätjahr zu rüsten. Vor allem müssen unsere Parteifreunde, die Nichthessen sind, sofort Schritte zur Erlang⸗ ung der hessischen Staatsangehörig⸗ Leit un! In Oberhessen finden in folgenden Wahlkreisen Neuwahlen statt: Wahlbezirk Namen der bisher. Abgeordneten 1. Wahlbezirk(Vilbel). Ullmann(stl.) 2.„(Friedberg⸗Bad⸗Nauheim) Windecker(ntl.) 4. 0(Gungen⸗Lich) Köhler(Brubdlr.) 5. 195(Gießen⸗Land) Leun(Brubbdlr.) 165 1(Homberg ⸗Ulrichstein) Brauer(Brubdlr.) 8. 1(Alsfeld⸗Ulrichstein. Korell(Brubdlr.) 12. 5(Nidda⸗Ortenberg)„ Erk(Brubdlr.) 13. 0(Altenstadt⸗Büdingen) Bähr(Brubdlr.) — Die Gewerbegerichtswahl in Mainz, die am Freitag zum erstenmale nach den Grundsätzen der Verhältniswahl stattfand, brachte den freien Gewerkschaften den Sieg. Zwar ist die Steigerung der Stimmen⸗ zahl nur unbedeutend— sie stieg von 2649 im Jahre 1903 auf 2708 in diesem Jahre— doch muß dabei berücksichtigt werden, daß eine große Zahl städtische Arbeiter, welche früher anstandslos wählen durften, diesmal nicht zu⸗ gelassen wurden, weil sie nicht als gewerb⸗ liche Arbeiter angesehen wurden. Die christ⸗ lichen Arbeiter brachten es auf 390 Stimmen. Das ist gegen die letzte Wahl eine Abnahme von 95 Stimmen. Auf der Arbeitgeber⸗ seite erhielt die Liste des Gewerkschafts⸗ kartells 28 Stimmen, die gegnerische 212. Als Beisitzer sind demnach gewählt: von den Ar⸗ beitnehmern 23 Kandidaten des Gewerkschafts⸗ kartells und 3„EChristliche“; von den Arbeit⸗ gebern: 23 Kandidaten der vereinigten Unter⸗ nehmergruppen und 3 Kandidaten des Gewerk⸗ schaftskartells. b Gießener Angelegenheiten. Agrarische Ansichten über Lohnzahlung in Blechmarken. Wir haben vor einiger Zeit das Gebahren der gräf⸗ lichen Gutsverwaltung in Schlitz beleuchtet, die ihre Arbeiter nicht mit Reichsmünzen, wie sich das gehört, sondern mit Blechmarken aus⸗ bezahlt. Dies verwerfliche und die Arbeiter schwer schädigende System wird von Herren Professor Gisevius⸗Gießen, den Oekonomte⸗ räten Schlenke, Leithiger und Schade sowie dem Landtagsabg. Brauer in einer Erwiderung auf einen Aufsatz, den Dr. Eugen Katz gegen sie richtete, folgender⸗ maßen verteidigt: „Jedem Landwirt ist es bekannt, daß es — 3. B. bei Akkordarbeiten— Arbeitsgetegen⸗ heiten gibt, bei denen viele einzelne Arbeiter läglich zu entlohnen und zu verzeichnen sind, und daß es in solchen Fällen notwendig ist, den Leuten täglich Zeichen für die geleistete Arbeit einzuhändigen, welqse dann wöchent⸗ lich oder zu sonst vereinbarten Terminen oder jederzeit beliebig in barem Gelde ein⸗ gelöst werden. Diese Zeichen werden ent⸗ weder nach der Menge der geleisteten Arbeit oder nach dem verdienten Tagelohn täglich abends gegeben. Die Einrichtung ist darum überall, im Osten wie im Westen, not⸗ wendig, weil kein Landwirt im Stande ist, in seiner Umgebung so viel Scheide⸗ münzen aufzutreiben, daß er damit die Ar⸗ beiter täglich in vielen kleinen Beträgen ent⸗ löhnen könnte. Es ist auch den Arbeit⸗ nehmern sicher viel lieber, wenn sie täglich für den von ihnen verdienten Lohn Zeichen ausgehändigt erhalten, als wenn ihre Arbeitstage nur täglich aufgeschrieben werden; in der Wirkung sind sich beide Methoden gleich, weil die Zahlungen doch an der Guts⸗ kasse bei beiden Verfahren zu den bestimmten gleichen Terminen erfolgen.“ Im Weiteren behaupten die genannten Kammer zu machen.“ Herren noch, daß bei Lohnzahlung nach der Schlitzer Art von„Trucksystem“ keine Rede sein könne. Es sei eine Unterstellung falscher Motive, wenn der Verwaltung die Absicht zu⸗ geschoben werde, mit dem„verhältnismäßig verschwindenden Lohnbetrage“ andere Geschäfte machen zu wollen.— Es ist eine zu starke Zumutung, die Gründe ernst zu nehmen, welche die Herren hier zur Verteidigung der Blechmarken⸗Zahlung anführen. Hat man je etwas tolleres gehört als dies, daß kein Land⸗ wirt im Stande sei, soviel Scheidemünzen aufzutreiben, um den Betrag auszuzahlen, der wenige Zeilen weiter als verhältnismäßig verschwindende bezeichnet wird! Was und zwanzigmal mehr Arbeitern anfangen? Gewiß handelt es sich hier um Trucksystem schlimmster Art, durch das der Arbeiter em⸗ pfindlich geschädigt wird, das dem Butsbesitzer aber nicht geringe Vorteile bringt. Und warum foll in diesem Falle die Gesetzvorschrift, daß die Arbeitslöhne baar in Reichswährung aus⸗ zuzahlen sind, für den gräflichen Gewerbe⸗ treibenden und Bierbrauereibesitzer nicht gelten? Vielleicht interesstert sich der Gewerbeinspektor einmal eingehender für die Sache und bringt den Grafen Görtz auf Grund des§ 146 J der Gewerbeordnung zur Anzeige. — Der Konsumverein Gießen und Umgegend hat in seinem jetzt zu Ende gehenden. vierten Geschäftsjahre eine recht erfreuliche Entwickelung zu verzeichnen. Die Zahl der Mitglieder stieg um 93 und beträgt gegenwärtig 265. In den drei ersten Geschäftsjahren betrug der Mitgliederzugang 52, 57 und 42. Der Warenumsatz im letzten Jahre stieg ebenfalls bedeutend und zwar um 300%. i — Eine Konferenz hielten die Tabakarbeiter von Gießen und Umgebung am Sonntag im Wiener Hof ab. Es waren Vertreter aus folgenden Orten anwesend: Burkhartsfelden, Garbenteich, Gleiberg, Krof⸗ dorf, Launsbach, Leihgestern, Heuchelheim, Wieseck und Gießen. Das Referat hatte Gen. Hermann⸗Wiesbaden übernommen, der in/ stündigem Vortrage auf die Erfolge des Tabak⸗Arbeiter⸗Verbandes hinwies und die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisation im all⸗ gemeinen darlegte. Die Aussprache ergab Ueberein⸗ stimmung der Anwesenden mit den Ausführungen des Referenten, die sämtlich dem Verbande beitraten und versprachen, für weitere Förderung desselben eintreten zu wollen. — Raubmörder Hud de hatte gegen das vom Schwurgericht Gießen über ihn ver⸗ hängte Todesurteil Reviston eingelegt. Diese ist vom Reichsgericht als begründet erachtet worden, weil formale Verstöße vorlägen. — Die„Krachen burg“ in den Neuen Bäuen wird jetzt endlich abgebrochen. Es war die höchste Zeit; lange genug hat die alte Ba⸗ racke der Stadt zum Hohn dagestanden. Aus dem Rreise gießen. — Unser drittes Kreisfest findet, wie genügend bekannt sein dürfte, diesen Sonntag in Staufenberg statt. Hoffentlich beteiligen sich unsere Parteifreunde im Kreise und den bietet doch diese Veranstaltung fast die einzige Gelegenheit im Jahre, wo die Genossen der einzelnen Orte zusammenkommen und ein paar freudige Stunden mit einander verleben können. Und wenn uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, so wird das Fest einen gleich guten Verlauf wie seine Vorgänger nehmen— dafür sorgt ja schon jeder Teilnehmer! Was übrigens das Wetter betrifft, so dürfen uns ein paar Tropfen Regen nicht genteren. Das Fest kann nicht verschoben werden; die Vorbereitungen sind auch so getroffen, daß die Besucher auch bei Regenwetter gute Unterkunft finden.— Die Festrede wird an Stelle des Genossen David, der eine Versammlung in Baden übernehmen mußte, Gen. Stadtverord⸗ neter Krumm halten.— Von Gießen geht ein Extrazug punkt 1 Uhr mittags nach werden. Lollar 8/ Uhr. Fahrpreis: Rückfahrkarte III. Kl. 35 Pfg. Kinder frei. ist aus dem Inserat ersichtlich. sollten dann andere Unternehmungen mit zehn benachbarten Bezirken recht zahlreich daran; Lollar ab, es muß also frühzeitig gerüstet Abends erfolgt die Abfahrt von Alles Weitere 05 7 * 0 7 3 * 1 5 U 5 15 4 2 1 — r . de er l ig e , der je Id zen n 510 08 1 2 em m her um paß U8⸗ be⸗ 1 tor gt der and den sche der tig rug Der alls iter jener ten of⸗ und aden dle dle all⸗ lein⸗ des relen cell bel⸗ diese chtet euen N 1 1 5 e ——— —— R Nr. 26. Mittel deutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. — Wieseck. Die Parreigenossen, welche sich am Kreis feste beteiligen wollen, werden ersucht Sonntag bis spätestens 12 Uhr mittags sich im Vereinslokale einzufinden. Die Abfahrt per Wagen ist auf/ 1 Uhr festgesetzt. Lollar. Die Parteigenossen und Kollegen wollen sich am Sonntag punkt halb 1 Uhr im Lokal zum Schwanen einfinden, da wir uns den mit Extrazug kom nenden Vereinen anzuschließen blabsichtigen. Die Vorstände des Wahlvereins und des Metallarbeiter⸗Verbandes. — Gefangene als unfreiwillige Ar⸗ beitswillige. In Butzbach waren, wie wir in letzter Nummer berichteten, Gefangene der dortigen Strafanstalt zu Streikarbeit am Elektrizilätswerk, wo die Maurer in den Aus⸗ stand getreten waren, kommandiert worden. Nachdem die Streikleitung bei der Bürger⸗ meisterei in Butzbach sowie bei der Direktion des Zellengefängnisses vergeblich Einspruch er⸗ hoben hatte, beschwerten ste sich durch den Abg. Ulrich bei dem Ministerium, das am Dienstag die Zurückziehung der Sträflinge ver⸗ fügt hat. Es wäre auch noch schöner gewesen, wenn man zugelassen hätte, daß sich Staats⸗ anstalten dem Unternehmertum als Herausreißer zur Verfügung stellen und auf diese Weise den Arbeitern in den Rücken fallen, die bemüht find, ihre Lage zu verbessern. Damit, daß die Direktion des Gefängnisses Streikbrecher ab⸗ kommandierte, bekundete ste recht geringe sozial⸗ politische Einsicht. Es sollte ihr bekannt sein, daß die meisten Vergehen und Verbrechen in der Notlage des besitzlosen Volkes ihre Ursache haben. Wenn sie nun die Bestrebungen zur Besserung bekämpft, so fördert sie damit in⸗ direkt das Wachstum der Verbrechen, die sie auszurotten berufen ist!— Hoffentlich endet nun der Streik recht bald mit einem Siege der Maurer, die jetzt dort mit einem Stundenlohn von nur 32 Pfennig abgespeist werden. r. Christliche Nächstenliebe in Theorie und Praxis. Am Freitag voriger Woche wurde in Grüningen der Arbeiter H. Hubler in seiner Sand⸗ grube durch herabstürzende Erdmassen verschüttet, was seinen sofortigen Tod zur Folge hatte. Nachdem am Samstag die Untersuchung durch den Kreisarzt erfolgt war, ordnete derselbe die sofortige Beerdigung an. Die Angehörigen des Verunglückten gingen zu dem Pfarrer und baten ihn, die Beerdigung vornehmen zu wollen. Der Herr Pfarrer erklärte jedoch auf mehrmaliges Er⸗ suchen, er hätte keine Zeit, er hätte Geschäfte in Gießen die er verrichten wolle. Er ging dann auch morgens um 9 Uhr fort, und kam dann vor 6 Uhr nachmittags nicht wieder. Die Beerdigung war um 1 Uhr ohne Begleitung eines Geistlichen erfolgt. Obwohl der so jäh um sein Leben gekommene Hubler in mora⸗ lischer Beziehung kein ganz einwandfreies Leben geführt hat, was bei manchem, so auch hier auf die sozialen Verhältnisse zurückzuführen ist, so glauben wir aber doch nicht, daß der Pfarrer das Verhalten rechtfertigen kann, das er hier den Angehörigen gegenüber gezeigt hat. Denn:„wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf ihn“. Dieser Fall zeigt wieder so recht, wie es mit der christlichen Nächstenliebe bestellt ist, auch bei Leuten, die sie predigen.— Bei dieser Gelegenheit sei an einem anderen Fall erinnert, der sich voriges Jahr in Augsburg abspielte. Dort hatte sich der Major von Bennot an Schulkindern schwer sittlich vergangen und er schoß sich eine Kugel durch den Kopf, um dem Strafrichter zu entgehen. Trotzdem hielt der Geistliche dem Verbrecher eine schöne Grabrede, in der er u. a. bemerkte, der Tote habe sich„aus Sehnsucht nach dem himmlichen Jenseits“ selber dorthin befördert. Man sieht, die Fälle sind halt verschieden. Aber dem Dümmsten muß es schließlich klar werden, auf wessen Seite die Hüter der göttlichen Weltordnung stehen. Steinberg. Die Genossen, welche sich am Kreisfeste in Steafenberg beteiligen wollen sich Sonntag vor⸗ mittags 11 Uhr im Lokale zur Wilhelmshöhe ver⸗ sammeln. Abmarsch Punkt 11 ¼ Uhr nach Station Schiffenberg. Abfahrt mit dem Zuge 11 Uhr 40 Min. Auch die Genossen von Watzenborn wollen recht zahlreich zur Stelle sein. Ab Gießen fahren wir mit dem Extrazug nach Lollar, der punkt 1 Uhr abgeht. * Richtigstellung. In Nummer 11 unseres Blattes brachten wir eine Notiz mit dem Stichwort: „Menig rücksichtsvoll“. Darin war von dem Arzte Herrn Dr. Nikolay in Leidhecken gesagt, daß er eine Forderung gegen einen seiner Kunden eingeklagt habe, nachdem er diesem kaum die Rechnung eingesandt hätte und dadurch dem unbemittelten Manne Gerichts⸗ kosten in der Höhe von 20 Mark verursacht habe. Wie uns von Seiten des Arztes mitgeteilt wird, ist der Betreffende vorher aufgefordert worden, die Schuld wenigstens anzuerkennen, dann würde Klage nicht erhoben worden sein. Da der Schuldner dies nicht tat, konnte Herr Dr. Nikolay allerdings zu der Auf⸗ fassung kommen, daß, wie dies schon öfters vorgekommen ist, der Schuldner nicht zahlen wollte. Es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als zu klagen und es kann ihm wegen seines Vorgehens kein Vorwurf treffen. Eingesandt aus Wieseck. In unserer Gemeinde wurde am 8. Juni der Bau einer neuen Schule im Submissionswege vergeben. Für sämtliche Arbeiten waren Offerten von Wieseck eingegangen, außer für die Steinhauer⸗ und Dachdeckerarbeit. Trotzdem sind fast alle Arbeiten nach Auswärts vergeben worden, ein hiesiger Maurermeister erhielt nur deshalb den Zu⸗ schlag, weil er die 2% Unterschied gegen den aus⸗ wärtigen Bewerber gleich nachließ. Im Voranschlag waren die Preise so angesetzt, daß ein Abgebot kaum noch möglich war. Die ganze Differenz zwischen den hiesigen und auswärtigen Angeboten betrug etwa 700 Mk.; es wäre gewiß zu einer Einigung gekommen, wenn man mit den hiesigen Unternehmern unterhandelt hätte. Die Gemeindevertretung hätte meines Erachtens mehr Rücksicht auf die hiestgen Geschäftsleute und Steuerzahler nehmen sollen. Wären diese Ar⸗ beiten hier ausgeführt worden, so hätten eine ganze An⸗ zahl Arbeiter lohnende Beschäftigung gehabt, so wir das Geld nach auswärts getragen! 15 Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen. — Das Urteil in dem Prozeß gegen drei Röd⸗ gener Einwohner und den Redakteur der„Mitteld. Sonn⸗ tags⸗Ztg.“ Gen. Vetters lautete bezüglich des letzteren und der Frau Hensel auf Freisprechung, gegen Stock auf 75 Mk., Kluge auf 50 Mk. Geldstrafe. Der Staatsanwalt hatte gegen diese beiden 3 Monate Ge⸗ fängnis beantragt. Wir kommen auf die Sache noch eingehender zurück. d. In Sachen der Vilbeler Gemeinderäte fand am Freitag vor dem Kretsausschuß in Friedberg Verhandlung statt.(Der von uns neulich angegebene Termin war unrichtig. D. R.) Unsere Genossen im Vilbeler Gemeinderat waren bekanntlich nicht in der Gemeinderatssitzung erschienen, weil diese vom Bürger⸗ meister auf Beschluß der anderen Mitglieder auf 5 Uhr nachmittags festgesetzt wurde. Mit Recht entschuldigten sie ihr Fernbleiben mit geschäftlicher Verhinderung, da sie sämtlich in Frankfurt beschäftigt sind. Auf Strafandrohung des Kreisamts wiesen unsere G' nossen darauf hin, daß sie als Lohnarbeiter ihre Entlassung riskieren müßten, wenn sie ihre Arbeitsstelle verließen, um zu der festgesetzten Zeit in der Sitzung erscheinen zu können. Hierauf reichte der Bürgermeister auf Ver⸗ anlassung des Kreisrates Klage bei dem Kreisausschuß ein. Genosse Busold⸗Friedberg hatte die Vertretung der Beklagten übernommen. Er betonte, daß zu dring⸗ lichen Sitzungen die Leute stets erschienen seien. Ihre Weigerung sei hinreichend begründet. Früher waren die Sitzungen auf halb 9 Uhr festgesetzt und nach 8 40 der Land⸗Gem.⸗Ordn. gelte dies ein für allemal. Es hätte dabei bleiben müssen. Die übrigen Mitglieder hatten keinen Grun) um diese Zeit fernzubleiben. Der Kreisausschuß erkannte auf 5 M. Strafe. Die Sache wird noch weitere Instanzen beschäftigen. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Der Maurerstreik ist am Mittwoch nach 3 wöchiger Dauer beendet und die Arbeit am Donnerstag wieder aufgenommen. Ergebnis dieser Lohnbewegung ist ein anerkennenswerter Erfolg für die Arbeiter. Sie forderten 103 stündige Arbeitszeit und einen Stundenlohn von 40 Pfg., Regelung der Ueberstunden, Ab⸗ schluß eines Tarifvertrages ꝛc. Nach den jetzt getroffenen Vereinbarungen beträgt der Stunden⸗ lohn ab jetzt: 36 Pfg., ab 1. September d. J. 37, 1. März 1906 38 und vom 1. März 1907 40 Pfg. Es war dies der erste größere Streik, den Wetzlar gesehen hat und sein Erfolg sollte für die gesamte Wetzlarer Arbeiterschaft ein Ansporn sein, sich mehr für ihre Organisation und die Arbeiterbewegung überhaupt zu in⸗ teressieren. Den Wetzlarern speziell wäre dies sehr zu empfehlen. Denn in diesem Falle zeigten sich die„Bauern“, die Arbeiter vom Lande als die besseren und pflichtbewußten, während die in Wetzlar wohnenden, besonders Kriegerbereinler, die unschöne Rolle der Arbeitswilligen übernahmen. Darin gefiel sich besonders der Maurer Neuhaus, während sein Kollege Sattler als Streikbrecher-Agent fungierte und Arbeitswillige von auswärts herbeizuziehen sich bemühte. Daß solche Leute nun auch die Vorteile mit genießen, die andere erkämpfen, möchte man fast bedauern. n. Schwierige Agitationsarbert. Wie über⸗ all, so hat auch in Wetzlar die gewerkschaftliche Agitaton ganz gute Fortschritte gemacht. Den Arbeitern in allen Berufen dämmert nach und nach die Erkenntncs. Auch den Schmieden, die bisher der Arbeiterbewegung noch größtenteils fremd gegenüberstanden. Sie zu gewinnen ist aber nicht leicht, trotzdem die Arbeitsverhältnisse bei ihnen zum Teil sehr schlechte sind. Kürzlich besuchten zwei Schmiede ihren bei Schwan jr. beschäftigten Kol⸗ legen, um ihn über die Bestrebungen des Verbandes zu unterrichten. Der Herr Meister hatte aber das Gespräch belauscht, erwartete sie an der Haustüre und überschüt⸗ tete sie mit einer Flut von Schmähungen,„Lumpen“ und ähnliche Titulaturen schallten ihnen noch nach, als sie fast außer Hörweite waren. Mit der Bildung ists also bei diesem Herrn nicht weit her. Wenigstens sollte er aber seinen Gesellen einen anständigen Lohn bezahlen und ihn nicht für ganze 5 Mark die Woche sich von früh bis spät abrackern lassen. Das ist zu wenig, selbst wenn er ihm Schundliteratur zum Lesen zur Ver⸗ fügung stellt, damit er abends nicht aus dem Hause geht. h. Zur Beteiligung an dem Kreis⸗ fest in Stuufenberg benutzen die Wetzlarer Parteigenossen und Gewerkschafts mitglieder den Zug 153 mittags nach Lollar über Kinzenbach. Es wird recht zahlreiches und pünktliches Er⸗ scheinen erwartet. Um er wetterte Fahrgelegen⸗ heit wurde ersucht. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. h. Sozialdemokrat. Wahl verein. Den Mit⸗ gliedern diene zur Nachricht, daß die nächste Monats⸗ versammlung umständehalber 14 Tage später, am 8. Juli, stattfindet. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vor⸗ trag des Genossen Dr. R. Michels über Marokko. Pflicht jedes Genossen ist es, für recht zahlreichen Be⸗ such dieser Versammlung Sorge zu tragen. h. Holzarbeiter⸗Lersammlung. Am Sams⸗ tag, 1. Juli findet abends 9 Uhr im Jesbergschen Lokal eine öffentliche Versammlung statt. Es wird darin über die Verhandlungen des 5. deutschen Gewerk⸗ schaftskongresses berichtet werden. Zahlreicher Besuch ist deshalb dringend erwünscht. Bluttat eines Lehrers. In Wiesenfel d, dem Hugenottendörfchen im Kreise Frankenberg hatte der noch jugend⸗ liche Lehrer Menge! ein Verhältnis mit der erst vorige Ostern aus der Schule entlassenen Tochter des Landwirtes Kinkel. Am dritten Pfingsttage brachte der Lehrer das Mädchen ohne Wissen der Eltern nach Marburg in Stellung, mußte es jedoch, da die ersteren es verlangten, wieder zurückholen. Am Samstag Abend kam er mit dem Mädchen in Roda, wo sein Vater ebenfalls Lehrer ist, wieder an. Sein Vater und Bruder wollten das Mädchen nach Wiesenfeld zurückzubringen. Anscheinend damit zufrieden, wollte er nur dem Madchen die Hand zum Abschied reichen; in diesem Augenblick stach er ihm einen Dolch in's Herz. sodaß das Mädchen leblos zu Bode sank, Mengel wurde am andern Morgen verhaftet und Montag ins Marburger Untersuch ingsge⸗ fängnis gebracht. Versammlungskalender. Samstag, den 24. Juni. Friedberg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Vec⸗ sammlung bei Ihl, Bismarckstr. Vortrag über „Arbeitgeberverbände und ihre Kampfesweise“. Ref.: Vetters⸗Gießen. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Orbig. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale zur„Wetterau“. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Zusammen⸗ kunft bei Wacker. Montag, den 26. Juni. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 ö Uhr Monatsverfammlung bei Wagner, Solmserhof, Dienstag, den 27. Juni. Gießen. Maler und Weißbinder, Nachmittags % 5 Uhr Versammlung bei Löb Wiener Hof). Ref.: Koll. Zimmermann. Briefkasten. 3.⸗Wtzlr. Sie dürfen schon etwas haushäl terischer mit dem Papier umgehen; Ihr Brief wog das doppelte dessen, was er bei 10 Pfg. Frankierung wiegen darf. Betr. die Wohnungsverhältnisse mußten wir zurückstellen⸗ r.-Stbg. Wir mußten die andere Sache nochmals zurück⸗ stellen, es schadet ja auch in diefem Falle weiter nichts. 1 S e a a 2 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 3 Krankenhaus am Friedrichshain, wo er noch Die Alte nickt dli 6 d von Uah und Fern. enha F chsh Während e e freundlich lächeind dem Die Unsitte Petroleum zum Feueranzünden zu benutzen oder gar ins Feuer zu gießen hat schon hunderte von Opfer gefordert. In Lorch a. Rh. ver⸗ unglückten dabei zwei Geschwister. Die Pe⸗ troleumskanne explodierte, die Geschwister standen in Flammen und starben beide an den erlittenen Brandwunden noch an demselben Abend.— Auf gleiche Weise kam die 60 jährige Bäckerfrau Lilienfeld in Rückingen bei Hanau ums Leben. Auch sie wollte das Herdfeuer mit Petroleum anfachen, wobei die Kanne explodierte. Bald nach ihrer Verbringung ins Krankenhaus starb die Frau an den erlittenen Brandwunden. Verkrachte agrarische Genossenschaften. Der Zusammenbruch des Pyritzer Land⸗ wirtschaftlichen Ein⸗ und Verkaufsvereins ist von dem derzeitigen Vorsitzenden, dem antise⸗ mitischen Reichstagsabgeordneten Krösell, auf dem vorige Woche in Stettin stattgehab ten Verbandstag der Pommerschen landwirtschaft⸗ lichen Genossenschaften zur Sprache gebracht worden. Er schilderte die schlechte Wirtschaft der früheren Geschäftsleitung. Es sei nie⸗ mals Inventur aufgenommen worden, es hätte sich ergeben, daß 70000 Zentner Weizenspurlos verschwunden seien, das man kein Lagerbuch geführt habe und dergleichen mehr. Zu allem Ueberfluß habe man nun eine neue Genossenschaft ge⸗ gründet, wahrlich nur, um den Kleinbauern zu zeigen, daß sie ohne die großen nichts ver⸗ mögen. Dieser neuen Genossenschaft gehören 17 größere Besttzer an, die dem alten Verein insgesamt 200 000 Mark schuldeten; die Grün⸗ dung sei erfolgt, um eine„neue Pumpe“ auf⸗ zumachen. astor Bethke aus Groß⸗Mellen kündigte als unvermeidliche Folge der Kün⸗ digung des Kredits durch die Landesgenossen⸗ schaftskasse schon an, daß durch den Konkurs wahrlich„50 bis 60 Bauern ohne Hab und Gut von ihrem Hof werden gehen müssen“.— Darüber schweigen die agra⸗ rischen Blätter, die sich nicht genug entrüsten können, wenn in sogenannten sozialdemokratischen Konsumyereinen mal eine Unregelmäßigkeit vor⸗ kommt. 70,000 Zentner Weizen verschwinden machen, ist jedenfalls eine ganz neite Leistung. Ins Gefängnis mit den Armen. In Stettin wurde der arbeitslose Kutscher Schellin wegen versuchten Diebstahls unter Zubilligung mildernder Umstände zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sch. wollte, um den Hunger seiner Kinder zu stillen, aus einer Backstube einige Nahrungs⸗ mittel entwenden, wurde aber dabet erwischt. Auf drei Monate wanderte er nun ins Gefäng⸗ nis und seine Familie leidet währenddem die bitterste Not.— Im April hat die 45 Jahre alte Arbeiterin Anna Golle in Augsburg bei dem Bachmannschen Neubau in der Wertach⸗ vorstadt ein paar Stückchen Bauholz im Werte von 20 Pfennig mitgenommen. „Im Namen des Königs“ wurde sie vom Land⸗ gericht Augsburg zu 3 Monaten Gefäng⸗ nis verurteilt. Also von Rechts wegen! Verhungert ist in Berlin inmitten des Prunkes und Jubels anläßlich der kronprinzlichen Hochzeit der 68 Jahre alte Bildhauergeselle Thumer. Thumer wohnte bis vor kurzem in der Koppen⸗ straße und hatte dort 44,50 Mk. Mietsschulden. In der ersten Juniwoche kam er mit seinem wenigen Hausrat und abgetragenen Kleidungs⸗ stücken nach der Rüdersdorferstraße Nr. 12 und mietete ein leeres Zimmer für 15 Mk. Er bekannte dem Hausverwalter, daß er bei seinem früheren Wirt Schulden habe, weil er krank und arbeitsunfähig gewesen sei, glaubte aber, daß er jetzt bezahlen könne, weil er kleine Aus⸗ besserungsarbeiten habe. Der Verwalter nahm ihn aus Bamherzigkeit auf. Als er den alten Mann am Montag Vormittag anmelden wollte, pan er ihn, nur mit dem Hemde bekleidet, auf em Fußboden liegen. Ein Arzt ließ ihm Milch einflößen und brachte ihn dann nach dem am Abend desselben Tages starb. also in Berlin, der Stadt der vielen Kirchen, Hundertausende für den Prunk weniger Stunden ausgegeben werden, gibt es Leute, die in einem kahlen Winkel buchstäblich Hungers sterben. Die reichsten Leute der Welt. Kürzlich starb in Paris der Baron Roth⸗ schild, Mitglied der bekannten Geldfürsten⸗ familie und Chef des Pariser Bankhauses gleichen Namens. Sein Tod gab einer fran⸗ zösischen Zeitung Gelegenheit, eine Aufstellung der reichsten Leute zu machen, die heute leben bezw. noch bis vor kurzer Zeit gelebt haben. Natürlich ist nur eine ungefähre Schätzung aller Reichtümer möglich, es handelt sich aber bei dieser Statistik um Personen, in deren Ver⸗ mögen ein paar Milliönchen schon keine Rolle mehr spielen— man rundet eben ab. Nach der französischen Aufstellung ist der reichste Mann der Welt Mr. J. Beit in Kimberley mit 2500 Millionen Frank, denn Li⸗Hung⸗Tschang in China, der ebensoviel hatte, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Mr. J. B. Robinson in Afrika kommt dann als zweiter mit 2000 Mil⸗ lionen, als dritter der Newyorker Rockefeller mit 1250 Millionen, und dann die Herren Waldorf Astor und der russische Fürst Demidow mit„nur“ 1000 Millionen. Andrew Carnegie in Pittsburg hat 625 Millionen und Herr Vanderbilt noch 125 weniger. Arm müssen sich dagegen Lord Rothschild, Jakob Astor, Pierpont Morgan und der Herzog von West⸗ minster mit 375 Millionen vorkommen, und wo bleibt Jakob Rothschild in Paris mit 340 Millionen, Mendelsohn in Berlin mit 310. Ganz spät erst in die Liste kommen mit ihren 125 Millionen ein Cecil Rhodes, Thomas Linion und dann noch einige andere Millionäre, die bisher für wirklich reich galten, da man die— reicheren nicht gegenüberstellte. Neersen . 2 Die freien Denker.) Die Denker sind der Menschheit Lichtgestalten, Sie weisen den Geschlechtern ihre Bahn, Mit starker Hand sie eine Fackel halten, Su leuchten allen Suchenden voran. Vor ihrem Cichtglanz nächt'ge Schatten schwinden, Vor ihrem Anruf jeder Spuk verweht, Es scheucht ihr Nauch gleich frischen Morgenwinden Das Nebelmeer, das vor der Sonne steht. Sie spotten über Macht und äußre Ehren, Und über den, der heiß sich um sie müht, Sie können allen ird'schen Glanz entbehren, Berauscht von dem, was ihre Brust durchglüht. Sie wissen, daß der Wahn die Menschen kettet, Daß nur das Licht der Wahrheit kann befrei'n, Daß treu die Menschheit in die Zukunft rettet, Das Werk der Geisteshelden nur allein. Daß einst erbleicht der Ruhm der Schlachtenlenker, Jed' Siegeslied im Seitenstrom verhallt, Doch daß die Menschheit segnet ihre Denker, So lang sie kämpfend durch die Seiten wallt. ) Aus Neue Gedichte von Artur Pfungst. Berlin, Ferd. Dümmlers Verlag. Die ungläubige Margareth. Humoreske von Ernsr Freihaupt. Ich saß im schattigen Garten des Dorfwirts⸗ hauses. Der Wirt leistete mir Gesellschaft. Dieweil wir so plauderten, humpelte auf der Straße ein altes Weiblein vorüber. Ihre zwei Beine konnten den vornübergebeugten Körper nicht mehr im Gleichgewicht halten; so mußte der Krückstock in ihrer runzeligen Rechten den dritten Stützpunkt schaffen, damit der gebrechliche Körper nicht umfalle. „Ho, die ungläubige Margareth!“ begrüßt der Wirt das Weiblein. Wirte zu. War's bloßer Spott oder hatte dieser Spitz⸗ name einen tieferen Grund? Ich sah den Wirt fragend an. „Ja, ja, s ist wirklich so, bester Herr, die Margareth glaubt an keinen Gott. Fragt sie nur selber!“ Alte Leute sind gewöhnlich fromm und gar alte Weiber. Daß dieses alte Mütterchen Atheistin sei, das schien mir merkwürdig. Ich fragte die Alte, ob es war sei, daß sie an keinen Gott glaube. „Wohl, wohl, lieber Herr,“ sagte die Alte lächelnd.„Ich glaub' an nichts, an gar nichts. Mein Lebtag nicht!“— damit humpeltke ste fort. „Und so redet die Margareth schon seit vierzig Jahren,“ sagte der Wirt.„Und selbst bei Ge⸗ richt hat sie's einmal dem Richter ins Gesicht esagt. Ste war als Zeugin vorgeladen und ätt' sollen beeidet werden.„Ich geb' kein' Eid ab,“ sagte da die Margareth. Der Richter, dem das wohl noch nicht vorgekommen sein mag, fragte sie erstaunt, warum.—„Ich glaub' an kein' Gott, und so wär' ein Eid bei mir doch ein' unnötige Sach'“, meinte trocken die Mar⸗ gareth.“ Ich deutete nach dem Kopfe:„Sie ist wohl nicht recht beinand'?“ „O, die Margareth ist ganz gescheit,“ be⸗ teuerte der Wirt,“ und sie hat gar nicht so un⸗ recht. Ist Niemand im Dorf, der ihr nicht Recht gäbe, und selbst der Herr Pfarrer weiß nichts darauf zu sagen, wenn man die Red' auf die Margareth bringt.“ Bücher konnten dieser Alten ihren Gott nicht genommen haben; wer weiß, hat sie außer dem Gebetbuch und dem Kalender jemals ein Buch in den Händen gehabt. Bloße Lust am Lästern sprach nicht aus ihrem Gehaben. Die Sache begann mich zu interessieren. „Sie hat wohl recht viel Widerwärtiges erlebt und viel Not und Unglück durchgemacht, daß sie den Glauben an Gott verlor,“ meinte ich. „Aber nein, gar nicht,“ lachte der Wirt, „nicht mehr hat sie erlebt, als was jeder von uns zu tragen hat. In mancher Hinsicht vielleicht sogar noch viel weniger, als andere. Ist sie eh nicht verheiratet gewesen, hat nie Kinder gehabt...“ „Wie, die Alte ist ledig geblieben?“ unter⸗ brach ich den Wirt. „Ja, freilich, eine alte Jungfer ist sie heißt das,“ fügte der Wirt lächelnd hinzu,„wenn man ihr eine Viertelstunde in ihrem Leben verzeiht.“ „Eben diese Viertelstunde, in der sie damals den Glauben an Gott verloren hat.“ „Ihr kennt die Geschichte?“ fragte ich. „Ei, freilich kenne ich sie! Jeder Mensch im Dorfe weiß es, auf welche Weise die Mar⸗ gareth ungläubig wurde. Sie selbst hat ja die Geschichte oft genug erzählt.“ „Dann lagt die Geschichte hören!“ Und der Wirt begann: „Vor vierzig Jahren war die Margareth auf einem Bauernhof als Magd im Dienste. Sie war damals ein junges frisches sauberes Ding. Auf demselben Hofe war ein Knecht Namens Martin, ein kerniger Bursche, wie aus einem Eichenstamm ausgeschnitten. Es war keine Dirne im Orte, die nicht auf Martin ein Auge geworfen hätte, so manche warf auf ihn wohl auch alle zwei. Wenn er in der Nähe war, da hatte die eine etwas an den Haaren zu richten, die andere am Busentuch zu nesteln, die dritte an der Schürze zu lupfen, die vierte am Schuhband zu knüpfen, kurz jede hatte etwas zu tun, um Martin's Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Martin aber kümmerte sich um die meisten nicht viel. Nur auf eine hatte er's besonders abgesehen. Gerade diese eine aber gab ihm kein rechtes Gehör. Was er auch der Anna schöntat und wie er auch um sie warb— wenn er sie so recht stürmisch seiner Liebe versicherte, so lachte sie, daß es nur so schallte. Und wurde er gar zudringlich, 11 machte ste wohl eine (Handbewegung, die ihm das Verlangen nahm, diese Hand in Schwung zu bringen. N eee e de 5 S —— = 0 „ ö , e a * e „ L L „ Nr. 26. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung. Seite 7. Doch Ausdauer hat schon manchen Sieg errungen, und Martin war ausdauernd. Eines Tages war Margareth auf dem Dach— boden über der Tenne, um das Getreide umzu⸗ schaufeln. Während sie eine kleine Pause in der Arbeit machte, um auszuruhen, hörte sie das Scheunentor öffnen und wieder schließen. Sie verhielt sich still. Da vernahm sie unter sich zweier Leute Stimmen, eine männliche und eine weibliche. Neugierig sind wir ja Alle, und so legte sich Margareth auf den Boden und guckte durch eine Fuge zwischen den Brettern hinunter. Im Halbdunkel bemerkte sie Martin, der seinen Arm um Anna gelegt hatte und ihr liebend in's Auge sah. f Und Martin sprach auf Anna ein:„Annerl, goldige Dirn, siehst Du denn nicht, wie gern ich Dich hab'? Ist's denn möglich, daß Dein Herz so ruhig bleibt, wo meines wie mit tausend Hämmern mir die Brust zersprengt? Annerl, schau, ein Wort und ich bin der glück⸗ lichste Mensch, oder ein anderes Wort, und ich werf' mein Leben in den Mühlbach!“ Margareth wurde es auf dem Dachboden oben ganz warm um's Herz. Anna lehnte ihren Kopf an Martin's breite Brust:„Schau, Mertin, so redet Ihr Männer ja immer, wenn Ihr ein Mädel in's Unglück stürzen wollt. Heut' sprichst Du so zu mir, morgen zu einer Anderen.“ Da hob Martin die dret Finger seiner rechten Hand gen Himmel.„Gott soll mich strafen!“ rief er, daß es feierlich durch die Tenne hallte.„Gott soll mich strafen, wenn ich eine außer Dir gern hab' und wenn ich Dir Anng's Stelle wäre... Sie verscheuchte rasch die sündhaften Gedanken. Unten aber wurde es stiller und stiller. Man hörte Anna schluchzen. Margareth wollte sich erheben. Da fiel ihr ein, daß dies Lärm gemacht und ihre Anwesenheit verraten hätte. Sie durfte sich also nicht rühren. Und ste konnte sich auch nicht. Wie wenn eine unsichtbare Hand sie niedergehalten hätte, so drückte es ihren Kopf nieder und ihr Gesicht an die Bretter. Nicht einmal die Augen ver⸗ mochte ste zu schließen. Und doch wollte sie gar nicht hinuntersehen, wollte es nicht sehen, wie. Es war schon dunkel, als das Pärchen die Tenne verließ und Margareth die Leiter vom Dachboden herunterstieg. Diese Nacht hatte Margareth sehr schlecht geschlafen.“ (Fortsetzung folgt.) Literarisches „Religion ist Privatsache! Erläuterungen zu Punkt 6 des Erfurter Programms.“ So betitelt sich eine vom Genossen Fr. Stampfer ver⸗ faßte Broschüre, die soeben im Verlag der Buchhandlung Vorwärts erschienen ist. Die Schrift behandelt in drei Abschnitten Fragen der allgemeinen Weltanschauung, der Sittenlehre und der Politik. In dem ersten dieser Ab⸗ schnitte kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, daß die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion keine andere als die der Wissenschaft sein könne. Eine Religion, die der Wissenschaft die freie Forschung und die praktische Anwendung gewonnener Erkenntnisse verwehren wolle, sei auch Gegnerin der Sozialdemokral ie und müsse als solche bekämpft werden.— Der zweite und daß der gehorsame Sohn der Kirche darum nicht Sozialdemokrat sein darf, weil er auch kein Christ im Sinne der evangelischen Kirche sein kann.— Im dritten Abschnitt rechnet der Verfasser zunächst mit den Gegnern ab, die den Satz:„Religion ist Privatsache“ verwerfen, weil der Staat nach„christlichen Grundsätzen“ regiert werden müsse, indem er zeigt, daß solche einheitliche Grundsätze einer christlichen Politik überhaupt nicht existieren. Eine Kirche, die von ihrem Beruf überzeugt und von ehrlichen Absichten erfüllt sei, könne mit einem staatlichen Zustande, der der Forderung des sozialdemo⸗ kratischen Programms entspreche, völlig zufrieden sein. Die Broschüre kostet nur 20 Pfennig und ist in der Buchhandlung der„Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung“ zu haben. Humoristisches Im Kriegerverein.„Als ehemaliger Milltär⸗ angehöriger haben Sie in mir den Vorgesetzten zu respektieren. Ich bin Leutnant der Reserve.“—„Und t bin Metzgermoaster in Landsturm, da kinna Sie mir auf'n Buckel naufsteig'n.“ Verdächtige Entrüstung.„Entschuldigen Sie, wo ist denn das Obdachlosenasyl?“—„Weiß ich nicht, Sie Esel! Können Sie mir das nicht ansehen, daß ich das nicht wissen kann.“ rar- Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeltung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. 1 6 5 1ů Abschnitt dient im Wesentlichen dem Nachweise, daß Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ jemals sollte untreu werden! i christliche und sozialdemokratische Sittenlehre zwar nicht trier. Wöchentlich ein Heft à. 10 Pfg. Margareth zuckte zusammen. Sie benetdete identisch, aber doch einander noch näher verwandt sind, Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Anna ganz ernstlich. Wenn sie da unten an! als die Lehre des Evangeliums der Praxis der Kirche, Rühle. Preis 30 Pfg. A r D snohhüte von l. Joh. Fr. Schaaf, Neligtein Offeriere: 1 feu! Giessener Fahrradversand-Geschäf vollständig complette Rder von Mk. 71 an. Pneumatiecmäntel von Mk. 4 an. Luftschläuche von Mk. 3 an. Huüßhren Filzhüte mützen Stets grösste Auswahl oll, Bfamm tl. 44 4 4 C. F. Schwarz Sohn (Inh.: heinrich Möller) Reichhaltiges Lager in: Herren, Knaben⸗ und Arbeitskleidern Stokfe im Ausschnitt. Feste Preise! * Anfertigung nach Mass. Streng reelle Bedienung! Marktstrasse und Ecke Wettergasse. S 4 Marktstrasse 18. aller Art Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Edgar Borrmann, Giessen. Neustadt 11 8 2 Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. 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