n. B erer ee eee — * . 3 1 * Nr. 39. Gießen, den 24. September 1905. 12. Jahrgang. Nedaktion: Elochenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 5 gs⸗Jeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Austräger frei ins Haus geliefert monatlich Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Bestellungen 1 Jnuserate Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. 25 Pfennig. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(B.⸗Z. K. 5107) 33/%% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50e Rabatt. Bei mindestens Der Jenaer Parteitag. Fast alle unsere bisherigen fünfzehn Partei- parlamente, die seit dem Falle des Sozialisten gesetzes abgehalten wurden, tagten in Groß⸗ städten. Als diesjährigen Tagungsort wählte man das reizend an der Saale gelegene thüringische Kleinstädtchen Jena und damit ist sicher kein Mißgriff gemacht worden. Die rings bon Bergen eingeschlossene Stadt macht auf jeden Besucher an sich schon den freundlichsten Eindruck und das entgegenkommende Wesen der Bevölkerung trägt dazu nicht wenig bei, daß der Fremde sich hier sehr bald heimisch und wohl fühlt. Unsere Parteifreunde haben auch für gute Unterkunft der Abgesandten der deutschen Sozialdemokratie gesorgt, man hört in dieser Beziehung keine Klagen. Dazu kommt, daß das Lokal, in welchem der Parteitag unterge⸗ bracht ist, nichts zu wünschen übrig läßt. Noch nie stand dazu ein so schöner und geräumiger Saal zur Verfügung, als das„Volkshaus“ in Jena. Dieser prächtige Bau gehört der Karl Zeiß⸗Stiftung. Er wurde erst vor wenigen Jahren vollendet und das Hauptverdienst an diesem Werke gebührt dem im vorigen Jahre verstorbenen Leiter der Zeiß'schen(optischen) Fabrikwerke, dem rühmlichst bekannten Professor Abbe. Das Porträt dieses edlen und tüch⸗ tigen Mannes, dem die Arbeiterschaft des ge⸗ nannten Betriebes bedeutende Besserungen ihrer Arbeitsverhältnisse zu verdanken hat, der auch unserer Partet nahe stand und sie mit seinen reichen Mitteln unterstützte und förderte, ist auch auf der Bühne des Saales neben den Büsten von Marx, Lassalle, Engels und Lieb⸗ knecht aufgestellt. Seinem Wirken widmeten bei der Eröffnung des Parteitags sowohl der Vertreter der Jenaer Genossen, wie auch Bebel warme Worte der Anerkennung. Am Eingange des Volkshauses sind zwei hohe Obelisken errichtet, deren Füllungen mit rotem Tuch überspannt und die durch eine Girlande verbunden sind. Von herab winkt eine rote Fahne dem Eintretenden„Will⸗ kommen“ zu. In der Nacht zum Sonntag wurde diese Dekoration mit einer Säure be⸗ gossen und zum Teil beschädigt, es war jedoch möglich, den Schaden wieder auszubessern, so daß von den Spuren des Bubenstreiches nur noch wenig sichtbar war.— Im Saale selbst ist die Dekoration so maßvoll angewandt, daß das eigenartige, vornehm einfache Gepräge des mächtigen Saales vollständig erhalten blieb. Im Saale selbst stehen an den Seiten nur einige Blattpflanzen, während die Tische mit roten Blumensträußen geschmückt sind. Eine rößere Dekoration zeigt nur die Bühne. Ihre ölbung umspannt eine Draperie, auf der die Parteitagsorte mit der Jahreszahl und das Karl Marxsche Wort:„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ mit leuchtenden Buchstaben eingezeichnet sind. Am Sonntag Abend war der etwa 2000 Personen fassende Saal lange vor der Er⸗ öffnungsstunde dicht besetzt. Die Teilnehmer⸗ zahl ist eine weit größere als in früheren Jahren; einschließlich der Reichstagsabgeord⸗ neten sind über 300 Delegierte anwesend, außer⸗ dem viele ausländische Gäste. In Massen waren die Parteigenossen aus Jena und Um⸗ gebung herbeigeströmt. Punkt sieben Uhr be⸗ trat ein starker Sängerchor die Bühne, der ein eigens für den Parteitag gedichtetes Begrüßungs⸗ lied in exakter Weise zum Vortrag brachte. Darauf ergriff Veber⸗Jena das Wort und hieß die Delegierten herzlich willkommen. Er freue sich, den Parteitag in diesem schönen Saale begrüßen zu können. Aber obwohl dieser den Parteigenossen zur Verfügung stehe, sei in Jena der Klassenkampf nicht weniger heftig ge⸗ wesen als in anderen Orten. Wenn die Ar⸗ beiterbewegung in Jena trotzdem erfreulich vor⸗ wärts gegangen sel, so sei das die Folge stets obwaltender Einigkeit zwischen den beiden großen Armeen der Arbeiterbewegung, der politischen Partei und den Gewerkschaften.(Bravo.) Das Volkshaus verdanke Jena dem erst kürz⸗ lich verstorbenen Professor Abbe, den jetzt nach seinem Tode Viele für sich reklamieren, der aber im Leben nichts mit jenen Leuten gemein hatte, die die heutige Ordnung für richtig halten und daran nichts ändern wollen, daß auf der einen Seite der Reichtum, auf der anderen der Massenarmut stetig wächst. Abbe sei kein eingeschriebenes Mitglied der Partei gewesen, aber jedesmal habe er mit den Arbeitern gegen jedes Unrecht und jede Unterdrückung Schulter an Schulter gestanden und die Arbeiter, falls ste einmal dem Erlahmen nahe waren, zu neuem Vorgehen angespornt. Reduer erinnert an die Kämpfe Abbes und der Jenenser Arbeiterschaft gegen das Mini⸗ sterium v. Wurmb, das jede Versammlungs⸗ freiheit unterdrückte und sogar Versammlungen mit dem harmlosen Thema„Wie der Großvater die Großmutter nahm“(Große Heiterkeit) un⸗ möglich machte. Er erinnerte an die letzten Wahlkämpfe und den Verrat der National- sozialen, die dem nationalliberalen Agrarter und Fleischverteuerer Lehmann zum Siege ver⸗ holfen haben, und ging dann auf die Geschichte der Partei in Jena ein. Die Gegner erhofften vom diesjährigen Parteitag ein Jena für die Sozialdemokratie. Der Parteitag werde diese Hoffnungen zu Schanden machen und, wenn auch Differenzen hier und da beständen, doch Beschlüsse fafen, die die Partei durch neue Kämpfe zu neuen Siegen führen würden. Mit lebhaftem Beifall wurden Lebers Worte aufgenommen. Darauf erschten, stürmisch be⸗ grüßt, der greise August Bebel am Redner⸗ pult. Nachdem er den Jenaer Genossen für den freundlichen Empfang namens der Partei⸗ leitung gedankt, fährt er fort: Allerdings hat hier die Partei erst in den letzten Jah ren an Boden gewonnen. Aber schon vor 36 Jahren habe ich hier auf Einladung einiger Freunde, vor allem des Dr. Sy und Professor Abbe, vor einer erlauchten Versammlung von lauter Professoren, Doktoren und Studenten eine Rede gehalten. Ich habe mir Mühe gegeben, sie möglichst gut zu halten, aber ich glaube nicht, daß ich uns damals hier neue Anhänger geworben habe. Auf vielen Reisen hierher habe ich dann noch den Mann näher kennen gelernt, dem mein Vorredner soeben Worte der wärmsten Anerkennung gewidmet hat. Ich habe den trefflichen Mann kennen gelernt als Mensch, als Parteimann, und vor allem auch als Mann der Wissenschaft, in der er ein erster Stern seines Faches war. Aber wenn auch nicht auf parteihistorischem Boden, so stehen wir doch hier auf historischem Boden. Hier wurde vor fast 100 Jahren der preußische Staat, der seit der Zeit Friedrichs des Großen ganz in der Gewalt des Junkertums war, zertrümmert und zer⸗ schlagen. Als am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstädt das alte Preußen in Stücke zerschlagen war, da zeigte sich das preußische Junkertum in seiner ganzen Feigheit und Erbärmlichkeit, da übergab es widerstandslos alle Festungen, kroch in der feigsten, elendesten Weise vor Napoleon zu Kreuze. Wie schnell vergaß nach 1815 das Königtum diese Lehre! Bald war das Junkertum wieder im Besitze der vollen Macht und mißbrauchte sie nach Junkerart auf Kosten des Volkes. Das Bürgertum zeigte sich 1848/49 wie nach 1871 unfähig, die günstigsten Situationen für sich auszunutzen. Jetzt macht es selbst die Lebensmittel⸗ verteuerung, den ganzen Zollwucher mit; denn es sieht jetzt im Junkertum seinen letzten Hort, seine letzte Stütze. Als wir auf dem letzten Parteitage zusammen waren, wütete noch im fernen Osten der Krieg. Unaufhörlich hat seitdem das russische Knutenregiment, ein Regiment, wie es schmachvoller und schandbarer nie bestanden hat, Schläge erhalten, ist das große russische Kaiserreich, vor dem die deutsche Regierung wie ein Schuhputzer auf den Knieen gerutscht, von dem kleinen Japan schmählich geschlagen worden. Das sind folgen⸗ schwere Ereignisse. Endlich ist auch der Osten der Welt der modernen Kultur erschlossen worden; er ist bereit, eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Welt zu spielen. Nun war freilich durch seine Niederlagen Ruß⸗ land das Schiedsrichteramt in Europa genommen, das es durch den Krieg von 1870/71 gewonnen hatte. Mochte es auch unseren Genossen in Rußland, den In⸗ tellektuellen und der gesamten revolutionären Bevölkerung, noch nicht gelingen, Rußland im einen halbwegs modernen Kulturstaat umzuwandeln, so war Rußland jedenfalls, wie Preußen nach Jena, gezwungen, neue Bahnen zu wandeln. Aber diese für uns so günstige Situation ist durch das unglaubliche Ungeschick unserer Staatsmänner in ihr Gegenteil verkehrt worden. Die Kraft des alten Zweibundes war nach den füngsten Kriegsereignissen auf unabsehbare Jahre zum mindestens latent. Da hat man es verstanden, durch einen Schlag das bessere Verhältnis mit Frankreich zu vernichten und England zur Bundes⸗ genossenschaft mit Frankreich geradezu zu zwingen. Das ist die famose Folge unserer Marokkopolitik, der Reise nach Tanger, der Drohungen und Anfragen an den Generalstab, ob er gerüstet sei, die genügten, in Frank⸗ reich den Glauben an die Gefahr eines Ueberfalles all⸗ gemein zu machen, mochte auch Deutschland keineswegs ernsthaft zum Kriege entschlossen sein. Jedenfalls haben diese Vorkommnulsse gezeigt, wie das Geschick der Völker noch an Zwirnsfäden hängt, wie trotz aller Demokrati⸗ sierung der Sitten die Herrschenden noch immer glauben, despotisch über das Geschick der Völker entscheiden zu können. Dabei wird im Innern die Reaktion immer mächtiger und unverschämter. Ueber die Fleischnot, von der Millionen und Abermillionen in ihrem Lebens⸗ nerv getroffen werden, wird von der Ministerstelle aus in der schnoddrigsten und frivolsten Weise gehöhnt und gespottet. In Hamburg und Lübeck wird den Arbeitern das Wahlrecht geraubt, die Machenschaften gegen das Reichs⸗ tagswahlrecht sind im vollen Gange. Wir sind nicht über den Berg, wir stehen erst vor ihm. Darum müssen wir immer mehr die Masse des Proletariats in unsere Reihen hineinziehen, um für alle kommenden Kämpfe gerüstet zu sein. Das wird als leitender Gedanke auch unsern Parteitag beherrschen. Wer auf ein Jena unserer Partei gehofft hat, hat als Narr gehofft. Wohl sind unter uns Gegensatze in wichtigen Fragen vorhanden, aber wir können die Kämpfe in einer Form führen, die nicht immer größere Ver⸗ wirrung und Unruhe unter den Parteigenossen stiftet. Die Differenzen können und sollen nicht ausgeschieden werden. aber wir brauchen den Streit uicht zum Gau⸗ dium für unsere Feinde und Gegner zu führen. (Sehr wahr!) Wir hoffen mit größter Bestimmtheit, daß dieser Parteitag der Welt zeigen wird, daß sich die deutsche Sozialdemokratie ihrer historischen Mission voll bewußt Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 39. ist. In diesem Sinne erkläre ich den 16. Parteitag für eröffnet.(Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Hierauf folgte die Konstituierung des Partei⸗ tags. Zu Vorsitzenden wurden Singer und Leber⸗Jena bestimmt. Es erfolgte dann die Wahl der Schriftführer und der Mandats⸗ prüfungskommission und weiter die endgiltige Festsetzung der Tagesordnung. Letztere wird so belassen, wie ste der Parteivorstand vorge⸗ schlagen hat, nur wird auf Antrag Singers der Punkt„Organisation“ als erster gesetzt, worauf dann erst die Berichte des Vorstandes und der Fraktion folgen. Die Vorversammlung war damit zu Ende. Leber teilt noch mit, daß für Mittwoch Nachmittag ein Ausflug nach der Leuchtenburg geplant gewesen sei. Die Alten⸗ burger Regierung hat jedoch den Wirt der Leuchtenburg dahin instruiert, daß er die Dele⸗ gierten weder bewirten, noch ihnen etwas zeigen dürfe.(Große Heiterkeit.) Jedenfalls glaubt die Altenburger Regierung, daß sie dadurch am allerbesten die Auserwählten des Proletariats aus der Welt schaffen kann. Redner schlägt deshalb einen Ausflug nach Dornburg vor. Singer: Die altenburgische Regierung hat wahrscheinlich das dringende Bedürfnis gefühlt, sich einen Lacherfolg zu sichern. Das ist ihr auf das glänzendste gelungen(Lebhafte Zu⸗ stimmung), und ich glaube, es wird wohl jeder in diesem Saal und in der Partei den Vorfall mit Heiterkeit entgegennehmen. Wie wir von der Regterung— und das kann uns freuen— gefürchtet werden, beweist, daß sie uns am liebsten dem Hungertode überliefern möchte. Nun dieser heitere Zwischenfall wird uns unsere Laune nicht stören. Ich glaube im Gegenteil, dem altenburgischen Ministerium für die frohen Minuten, die es durch seinen Erlaß Tausenden und Hunderttausenden deutscher Arbeiter be⸗ reitet hat, unsern Dank aussprechen müssen. Ein 9 9 0 über den Ausflug wird vorläufig nicht gefaßt. l Montag früh beginnt nach den Begrüßungs⸗ reden der ausländischen Gäste die Beratung des Organisationsstätuts. Referent ist v. Vollmar. Seine Ausführungen nehmen den ganzen Vormittag in Anspruch. Aus seinen Darlegungen sei nun Folgendes hervorgehoben: Er müsse lange reden, denn es solle mehr bekannt werden, als was in dem gedruckten Bericht stehe. Er dankt für die vorzügliche Mitarbeit der gesamten Partei am neuen Statut, die gezeigt habe, daß die Genossen an ihnen wichtig erscheinenden Fragen auch tatkräftig mit⸗ zuarbeiten wissen. Zu§ 2 liegen Anträge vor, bei den Ausschluß⸗ gründen das Wort„ehrloser Handlung“ zu definieren. Vollmar gibt zu, daß diesem Antrag ein richtiges Ge⸗ fühl zu grunde liege; gewiß sei das Urteil darüber, ob eine Handlung ehrlos sei, nicht immer leicht, man werde jeden Einzelfall ruhig prüfen müssen. Eine Erweiterung der Ausschlußgründe sei verschiedentlich beantragt, z. B. für den Fall wissentlich falscher Anschuldigung gegen einen Parteigenossen oder für den Fall treulosen Ver⸗ haltens im Lohnkampfe. Doch müsse hierbei wie schon jetzt auch in Zukunft entschieden werden, ob eine gro be Verletzung der Parteigrundsätze vorläge oder nicht. Man könne auch nicht jeden ausschließen, der„gegen die Beschlüsse des Parteitages“ handle. Denn mit dem⸗ selben Recht müßten auch die ausgeschlossen werden, die gegen den Beschluß ihrer Organisation gehandelt oder den Pflichten gegen die Organisation einmal nicht nach⸗ gekommen seien. Das führe zur Splitterrichterei und Verketzerungssucht. Neben der straffen Disziplin sei die Sozialdemokratie doch auch die Partei der Freiheit. Grundlegend sei§S 7, mit dem die bisherige lose Organisation verlassen und der Wahl verein zur Grundlage der Organisation gemacht werde. Wider⸗ spruch dagegen habe nur Schaumburg⸗Lippe erhoben, hingegen fänden viele Stimmen die Vorschriften noch nicht zwingend genug. Von diesen Wahlvereinen sollen die Ortsvereine nur Sektionen sein, nicht sie das Primäre, und der Wahlverein nur ihr Zusammenschluß. Die§§ 10—13 enthalten die wichtigsten Neu⸗ erungen in der Organisation. Die Gegen⸗ sätze in der Kommission zeigten sich erfreulicher Weise viel weniger groß als sonst in früheren Parteitagsde⸗ batten, es machte sich allgemein ein Entgegenkommen und Streben nach Verständigung geltend. So nahm man einstimmig die Landes⸗ und Bezirksorganisation an, wobei jedoch zu bemerken ist, daß die Bezirke nichts Festes, nichts Formales sein sollen, ja, wo dies empfehlens⸗ wert erscheint, selbst mit den Landesverbänden zusammen⸗ fallen können. Natürlich ist all das nur möglich, wo die gesetzlichen Voraussetzungen bestehen, aber dort sank⸗ tioniert das neue Statut meist auch nur, was tatsäch⸗ lich schon geworden ist. Deshalb gehen die Anträge auf Streich ung der Landesorganisation von irrigen Voraussetzungen aus; die Bezirks⸗ und Landesverbände sollen durchaus in der Lage sein, selbständige lokale und territoriale politische Arbeit zu leisten. Einen wöchent⸗ lichen Beitrag für ganz Deutschland für Stadt und Land festzusetzen war nicht möglich. Nach§ 11 sollen die Vertrauen spersonen erhalten bleiben. Das hat sehr lebhaft Widerspruch gefunden. Wir haben aber Rückficht auf die zurückge⸗ bliebenen Landesteile genommen. In der Regel sollen die Vorstands mitglieder des Wahlvereins Vertrauensmänner sein. Jedenfalls kann keine Rede davon sein, daß die Vertrauensmänner„Prokuratoren des Vorstands“ gegen Bezirks⸗ und Landesorganisation sein sollen. Das neue Institut der weiblichen Ver⸗ trauenspersonen ist auch da den Frauen gegeben worden, wo die Frauen vereinsrechtlich gleichberechtigt sind. Die Wahl dieser weiblichen Vertrauenspersonen ist nicht fakultativ gelassen, sondern strikt vorgeschrieben worden. Damit komme ich zu den Bestimmungen der Partei⸗ tage. Als wir im Jahre 1890 das Delegationsrecht zum Parteitag überhaupt eingeschränkt hatten, haben wir uns angesichts der überwiegenden Bedeutung der Wahl⸗ organisation der unsinnigen und ungerechten Wahlkreis⸗ einteilung gefügt. Daher das Streben nach einer proportionalen Vertretung gemäß der Zahl der Organi⸗ sterten oder der abgegebenen Stimmen. Doch stellen sich all den gemachten Vorschlägen hierfür große Hinder⸗ nisse entgegen.— Der Referent erläutert diese eingehend bei allen gemachten Vorschlägen. Viele Erörterungen hat das Vertretungsrecht der Reichstags abgeordneten hervorgerufen. Man hat diese Fragen benutzt, um Stimmung gegen die parlamentarische Vertretung über⸗ haupt zu machen, sie als„formlose Masse“,„bunt⸗ scheckige Gesellschaft“ hinzustellen, die ihren„illegitimen Einfluß“ auf„parteischädliche“ Weise geltend zu machen drohe. Glauben Sie nicht, daß ich solcher Schreiberei Bedeutung beilege, noch viel weniger, daß ich mich darüber aufrege oder entrüste. Aber es zeigt doch, wie die Urheber solcher Anwürfe mit den offenbarsten, greif⸗ barsten Tatsachen umspringen. Jeder weiß doch genau, daß die Kandidaten für das höchste Vertrauensamt von den zuständigen Organisationen aufgestellt werden, mindestens unter denselben Kautelen wie bei der Wahl der Delegierten.(Sehr wahr.) Jedenfalls hat die Kommission sich fast einstimmig für die Aufrecht⸗ erhaltung des bisherigen Zustandes entschieden. Sie sieht es mehr als eine Pflicht, denn als ein Recht der Abgeordneten an, auf dem Parteitag zu erscheinen. Lebhafte Diskusston hat dann noch die Bestimmung hervorgerufen, daß der Vorstand bei der Aufstellung der Reichstagskandidaten in Streitfällen entscheiden soll. Doch soll von dieser Bestimmung möglichst wenig Ge⸗ brauch gemacht werden. Nun liegt von den Berlinern noch der Antrag vor, den„Vorwärts“ zum reinen Lokalorgan zu machen. In der Kommission, in der doch Berlin auch vertreten war, hat man davon nichts gehört. Wenn aber in einer Bremer Versammlung jüngst geglaubt wurde, dadurch würden die Reibungsflächen beseitigt werden und unleidliche Zeitungspolemiken aufhören, so bewundere ich den Fonds von Vertrauensseligkeit in Bre nen, kann sie aber in keiner Weise teilen.— Im ganzen, glaube ich, hat die Kommission das Richtige getroffen und eine gute Grundlage für Ihre Beratungen getroffen. Unebenheiten wird die Beratung und später die Praxis zu glätten verstehen. Mit Auer, der 1900 in Mainz Referent über die letzte Aenderung der Organisation war, kann ich schließen:„Uebertreiben Sie den Wert der geschriebenen Formeln nicht. Nicht auf die Buch⸗ staben der einzelnen Paragraphen kommt es an, sondern auf den Geist, der die Gesamtheit durchweht und die Bewegung durchflutet.“ Die Diskussion erstreckte sich auf den ganzen Nachmittag. Es ist selbstverständlich an dieser Stelle unmöglich, auf alle die vorge⸗ brachten Ausführungen, Anregungen und An⸗ träge einzugehen. Nur einiges, das uns am wichtigsten scheint, sei besonders erwähnt. Ulrich führte aus: Organisationen kann man nicht durch Paragraphen schaffen. Wir können nur den Stempel auf das Gewordene drücken. Je schwächer die Bewegung, desto stärker war stets der Drang nach Zentraltsation. Aber heute ist die Zeit der straffen Zentralisation, die wir in den 60er und 70er Jahren noch hatten, end⸗ gültig vorbei. Auch Preußen hinkt jetzt den füd⸗ und mitteldeutschen Staaten in der Schaffung von Landesorganisationen nach. Uns hat eben die Beteiligung an den Landtags- und Gemeindewahlen schon früher dazu getrieben, Landesorganisattonen zu schaffen. Das sind jetzt lebensfähige Glieder, die auch im Statut zu ihrem Recht kommen werden, wenn wir die Bestimmungen über Abführung des Geldes und Berichterstattung an den Vorstand etwas anders fassen.— Ueber die Höhe des Beitrages will ich nur das eine sagen: Setzen Sie einen einheitlichen Minimalbefttrag fest, damit wir eine gefüllte Kriegskasse bekommen. Politische Rundschau. Gießen, den 21. September 1905. Zollkrieg ist der„Segen“, der naturgemäß der Schu tz⸗ zollpolfttk entspringt. Oder richtiger ge⸗ sagt, diese Politik ist die moderne Form der Handelskriege, die in früheren Jahrhunderten in blutigen Land⸗ und Seeschlachten ausge⸗ fochten wurden. Das Deutsche Reich liegt seit dem Anfang der achtziger Jahre mit allen industriell und landwirtschaftlich wichtigen Ländern diesseits und jenseits des Ozeans im latenten Zollkriege. So auch vornehmlich mit den Vereinigten Staaten von Nord⸗ amerika. Der amerikanische Konsul in Düssel⸗ dorf Peter Lieber, der sich besuchsweise in den Vereinigten Staaten aufhält, erklärte neulich Blättermeldungen aus Indianapolis zu⸗ folge, daß Deutschland mit seinem neu em Zolltarif eine Zollmauer gegen Amerika errichtet habe, die nicht zu über⸗ steigen sein werde. Der Konsul sagte, die deutschen Fabrikanten seien durch den prohi⸗ bitiven Zolltarif der Vereinigten Staaten so schikantert worden, daß zu erwarten ge⸗ wesen wäre, daß ste zu Vergeltungsmaßnahmen greifen würden. Die deutsche Tarifmauer werde so hoch sein, daß jeder amerikanische Wettbe⸗ werb auf deutschen Märkten unmöglich sein werde. Das ist ganz im Sinne unserer Schutzzoll⸗ fanatiker gesprochen. Da tut man hoch ent⸗ rüstet über den prohtbitiven Zolltarif der Amerikaner und schreit nach„Vergeltungs⸗ maßnahmen“. Es wäre besser, man er⸗ innert sich der Tatsache, daß hauptsächlich die deutsche Schutzzollpolitik es war, die die Amerikaner veranlaßte, dieselbe Politik gegen Deutschland anzuwenden. Offen hatten schon gegen Ende der siebziger Jahre unsere Agrarier, das preußische Junkertum an der Spitze, Getreide⸗, Fleisch⸗ und Vieh⸗ zölle gefordert zu dem ebenso offen ausge⸗ sprochenen Zweck, die amerikanische Einfuhr zu erschweren und zu verhindern. Damit, daß die Reichsregierung auf diese Politik einging(1879) und die reaktionäre Majorität des Reichstages sie noch über die Forderungen der Regierung hinaus sanktionierte unter Annahme eines sogenaunten„Ordnungszolles“ von 1 Mk. per 100 Kilogramm Weizen und Roggen war der Beginn des Zollkrieges mit den Vereinigten Staaten gegeben. Er verschärfte sich notwendig in demselben Maße, wie die unheilvolle Politik ihre weitere Ausgestaltung erfuhr. Amerika erklärte: Erschwert und verhindert uns die deutsche Schutzzollpolitik, Getreide und Fleisch nach Deutschland einzuführen, so treten wir mit Schutzzöllen der Einfuhr deutscher In⸗ dustrieprodukte entgegen. Die Wirkungen dieser Repressalien auf die deutsche Industrie waren so schlimm, daß die deutsche Regierung unter Caprivi sich genötigt sah, das System der agrarischen Schutzzölle zu durchbrechen, um eine Milderung der Repressalien des Aus⸗ landes herbeizuführen. Vor drei Jahren hat man dann wieder die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. In diesem Kriege wird Deutsch⸗ land nicht über Amerika stegen, denn dieses kann, indem es sich auf dem Gebiete der In⸗ dustrie immer selbständiger und unabhängiger macht, auf den Bezug deutscher Industriepro⸗ dukte verzichten, während es im übrigen auf dem Weltmarkt eine immer sichere Position gewinnt. Immer etwas Neues beim deutschen Heere. Jedenfalls zur Steigerung der Kriegstüchtig⸗ keit des Heeres wurde neulich die Braunfärbung der Säbelscheiden bei berittenen Truppen und —— d 18 8 en t, l. . Nr. 39. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite&. Offtztieren eingeführt. Diese hat sich jedoch wenig bewährk. Die Stellen, an denen die Scheide durch Pferdeschweiß oder öftere Reibun angegriffen wurde, verloren bald die dur Oxydierung hergestellte braune Farbe und wurden wieder blank. Es ist nun, wie die„Neue mil.⸗pol. Korrespondenz“ erfährt, beabsichtigt, eine andere Art der Färbung zu er⸗ proben, inzwischen soll die vernickelte oder blankgeputzte Säbelscheide beibehalten werden, von den Offizieren aber— auch nach endgültiger Einführung der stumpffarbigen Scheiden— zur Parade, zum Gesellschafts⸗ und Straßenanzuge weitergetragen werden.— Wäre es nicht klüger gewesen, vorher zu erproben, ob sich die Neu⸗ erung bewährt oder nicht? Denn die Geschichte kostet doch ein leidliches Stückchen Geld! Aber nur immer darauf los, wir habens ja dazu! Die sächsischen Landtagswahlen haben das Ergebnis gehabt, das alle Genossen vorausgesehen haben und wie es unter dem schändlichen Dreiklassensystem kaum anders aus⸗ fallen kann. Keiner unserer Genossen wurde gewählt, obwohl die für unsere Wahlmänner abgegebenen Stimmen ganz bedeutend zuge⸗ nommen haben. Die Nationalltberalen, die an dem Wahlrechtsraub mitschuldig sind, und infolge des Dreiklassenwahlrechts fast sämtlich von den Konservativen verdrängt wurden, wollten bei dieser Wahl wieder Gebiet erobern. Ihr„An⸗ sturm“ ist aber so gut wie gescheitert, sie be⸗ kommen höchstens zwei Kreise. Es ist ja auch im Grunde völlig gleichgültig, ob ein national⸗ miserabler oder konservativer Reaktionär im Landtage sitzt. Daß wir keine Mandate er⸗ obern würden, wußten ja auch unsere sächsischen Genossen vorher. Wenn sie sich trotzdem mit Energie an dem Wahlkampf eee so ge⸗ schah es, um dem Volke die Schänbdlichkeit der Wahlrechtsräuberei zu zeigen und darzutun, wie sich die Geldsacksvertretung am Volke versün⸗ digt. Und das erkennen mit der Zeit auch die nicht direkt zu uns gehörigen Kreise des säch⸗ sischen Volkes, die aber mit zu den Entrechteten gehören. Die Folge dieser Erkenntnis wird eine weitere Steigerung der sozialdemokratischen Reichstagswahlstimmen sein. Der Wahlkampf in Essen ist von den bürgerlichen Parteien und vor allem von den„christlichen“ Stöckerleuten in einer Weise geführt worden wie es wohl noch nie, selbst zu sozialistengesetzlicher Zeit da war. Was es gekostet hat, schrieb man dem Vorwärts, die Wirte in den Landorten zur Vermietung ihrer Lokale zu bewegen, ist unbeschreiblich. Polizei, Geistlichkeit und Unternehmerschaft be⸗ drohten die Saalinhaber mit Schädigung, wenn ste den„Roten“ die Säle vermieteten. Die großen städtischen Säle in Essen stehen allen Parteien, nur nicht uns zur Verfügung. Diskussion gibt es nicht, also können die„christ⸗ lich⸗sozialen“,„nationalen“ und ultramontanen Wanderredner das Blaue vom Himmel herab⸗ schwindelu, eine Korrektur kann nicht vorge⸗ nommen werden in der Versammlung; die ein⸗ geseiften Wähler gehen in dem Glauben an die „Verworfenheit“ der Sozialdemokratie nach Hause. Auf dem Lande sind vorzüglich die Kapläne in fieberhafter Tätigkeit. Bis in die Nacht hinein laufen sie von Haus zu Haus, um sich der Arbeiterstimmen„im Namen der Religton“ zu versichern. Der Wahlkreis ist sozusagen überschwemmt mit sozialistentötenden Rednern. Das Zen⸗ trum hat seine ersten Kräfte herangezogen: Bachem, Trimborn, Roeren und den ganzen Stab der Kapläne aus der M.⸗Gladbacher Zentrale. Die besoldeten Sekretäre der chr tst⸗ lichen Gewerkvereine sind fast alle in der Zentrumsagttation tätig und fordern schlechthin die christlichen Gewerkvereinler auf, nur für das Zentrum zu stimmen! Ein drastischer Beweis für die—„Neutralität“ der christlichen Ge⸗ werkvereine. Wer hier den„Ton“ angibt, charakterisierte der„nationale“ Kandidat Nie⸗ meyer, indem er aussprach:„Herr Hankamer (der Redakteur der ultramontanen„Essener Volkszeitung“) hat sich den Vorzug gestchert, von allen Blättern und Personen, die bisher in den Wahlkampf eingegriffen, den Wahlkampf am unlautersten, unwahrhaftigsten, persön⸗ lichsten und gehässigsten geführt zu haben.“ Dieses Zeugnis erhellt die Situation. Das Zentrums blatt bleibt sich selbst getreu, indem es nicht eine einzige ungen ung seiner beispiellos wüsten Beschimpfungen und Ver⸗ leumdungen brachte, sondern stets neue Schmutz⸗ kübel ausschüttet. Die gegnerischen Flugblätter und Reden wimmeln von gröbsten Entstellungen und direkten Lügen. Hundertmal kann unser h die von den Gegnern gefälschten ttate aus Reden und Schriften unserer be⸗ kanntesten Parteigenossen richtig stellen, am nächsten Tage werden dieselben Zitate frech, „fromm“, dreist doch wieder benutzt. Am ruppigsten führt sich der auch in unserer Gegend sehr unvorteilhaft bekannte Stöcker⸗ jüngling Franz Behrens auf, der jetzt Sekretär der christlichen Bergleute im Ruhr- revier ist. In einer Versammlung der„Natio⸗ nalen“, die im Evangelischen Vereinshaus in Essen kürzlich stattfand, hatte er sich mit einem starken geschlossenen Trupp seiner Anhänger be⸗ geben. Es entspann stch eine richtige Wahl, schlacht“! Der Anlaß ist gleichgültig, genug, bald entstand ein fürchterlicher, wüster Spektakel! Mit Stöcken, Regenschirmen, Stühlen und Biergläsern schlugen und stießen die„Nationalen“ und„Christlich⸗sozialen“ auf⸗ einander los! Die rüdesten Schimpfworte, wie Lump, Lügner, Spitzbube, Gauner, Hallunke schwirrten durch die Luft, das Ge⸗ töse war unbeschreiblich. Der evangelische Pfarrer Hasse, der von evangelischen Ar⸗ beitern und Bürgern aufs ärgste beschimpft wurde, mußte über die Bühne flüchten, sonst hätte er Schläge bekommen! Behrens war„mitten mang“, ein„christlich⸗sozialer“ Schreinermeister schlug wie ein Wilder um sich, so daß Stühle und Tische flogen. Die Polizei machte dem national⸗christlich⸗sozialen Skandal ein Ende.„Ein Schlachten war es, keine Schlacht zu nennen!! Das war die würdigste Einleitung der Agitationstour des Herrn Hofpredigers a. D. Stöcker, die am Tage nach dieser Schlägerei begann. Eine solche Schlägerversammlung hat Essen noch nicht er⸗ lebt. Selbst„bessere Bürger“ sagen, da ginge es in den Versammlungen der vielverlästerten „Roten“ doch anständig her. In der Tat verliefen alle unsere Versammlungen ruhig, obwohl wir die einzige Partei sind, die den Gegnern freie Diskussion gewährt.— Wenn unter solchen Umständen, bei einer solchen Kampfesweise der Gegner unsere Stimmenzahl um einige Tausend gegen die Wahl von 1903 zurückbleibt, so ist das wahrlich kein Wunder. Sieg in Essen! Das Resultat der am Dienstag stattgefun⸗ denen Ersatzwahl in Essen bedeutet für die deutsche Sozialdemokratie einen großartigen Erfolg, von dem alle Genossen mit Genug⸗ tuung Kenntnis nehmen werden. Angesichts der ganzen Umstände, die die Wahl begleiteten und oben geschildert sind, so wie angesichts der riesigen, ja fast unnatürlichen Stimmenzunahme, die wir bei der letzten Wahl in diesem Kreise zu verzeichnen hatten, konnte man bei der dies⸗ maligen Wahl mit einem Rückgang von einigen Tausend Stimmen rechnen. Im Jahre 1903 brachten die Parteien folgende Stimmenzahlen auf: Zentrum: 35 157; Soztaldemokraten: 22 773; Nationalliberale: 20819; Polen: 1589. In der Stichwahl stegte der Zentrumsmann mit 39016 gegen 32632 sozialdemokratische Stimmen. Am Dienstag erhielten: Genosse Gewehr 28500, Giesberts(Ztr.) 35 500, An(liberal) 17 800, Behrens(stöcke⸗ risch) 3200 und der Pole 1700 Stimmen. Die Sozialdemokratie hat also 6000 Stimmen zugenommen! Wahr⸗ lich ein glänzendes Resultat! Kläglich hat da⸗ gegen die Stöckerei abgeschnitten. Trotz der riestgsten, skrupellos betriebenen Agitation brachte Behrens nur ganze 3000 Stimmen auf! Das beweist, daß alle Schnodderigkeit bei der Agi⸗ tation nichts nützt und beweist ferner, wie albern das Gerede vom„Rückgang“ der Sozialdemo⸗ kratie ist. Auch das Zentrum machte keine Fortschritte, obwohl am Sonntag 200 Kapläne auf den Kreis losgelassen wurden!— Der Parteitag in Jena begrüßte die Bekanntgabe des Resultats durch Singer mit stürmischem Jubel. Soldatenschinderei im Großen betrieb der Unteroffizier Than von dem „Königin Augusta“-Regiment, gegen den vor⸗ letzte Woche vor dem Kriegsgericht der 2. Garde⸗ diviston in Berlin verhandelt wurde. Nicht weniger als 345 Fälle von Mißhand⸗ lungen Untergebener und 106 Fälle des Mißbrauchs der Dtenstgewalt legte die Anklage dem Unteroffizier zur Last. Am 19. Juli unternahm der Rekrut Jaspers von der 9. Kompanie abends auf der Mann⸗ schaftsstube einen Selbstmordversuch. Er schoß sich mit seinem Dienstgewehr eine Platz⸗ patrone ins Gesicht. Unterhalb des Auges drang das Geschoß ein. Der Rekrut wurde nach dem Garnisonlazarett in Tempelhof ge⸗ bracht, wo er längere Zeit hindurch zwischen Tod und Leben schwebte. Jetzt ist die Lebensgefahr beseitigt, doch ist das Gesicht Jaspers durch die Wirkung des Schusses dauernd entstellt. Es wurden sofort eingehende Unter⸗ suchungen nach der Ursache des Selbstmordver⸗ suches angestellt und ermittelt, daß der Rekrut häufig von seinem Vorgesetzten, dem Uunter⸗ offizter Than, mißhandelt worden war. Auch am Abend des fraglichen Tages hatte der Unteroffizier Jaspers auf seine Stube be⸗ stellt. Der Rekrut glaubte wohl, er solle wieder 0 Kab werden, und griff zur Waffe gegen ich selbst. Noch heute liegt er im Lazarett. Auch die übrigen Leute seiner Korporalschaft hatte der Angeklagte fortgesetzt geschlagen, gestoßen u. s. w. Die Mißhandlungen wurden fast stets im Dienst ausgeführt. Durch die Untersuchung wurden 345 Fälle festgestellt. Außerdem stellte es sich jetzt heraus, daß der Unteroffizier sich in 106 Fällen des Mißbrauchs der Dienstgewalt an den Untergebenen schuldig gemacht habe; er hatte sich von seinen Leuten Gelder im Betrag von 5 Pfg. bis zu 6 Mk.„geliehen“. Vor dem Richter gab der Angeklagte die Mißhandlungen zu. Er will dieselbe aber nie⸗ mals ohne Veranlassung begangen haben. Immer hatten kleinere dienstliche Verfehlungen bei den Geschlagenen vorgelegen. Einen be⸗ sonders schweren Fall bestritt der Angeklagte. Als der Rekrut Mobers, der neben Jaspers am meisten unter dem Vorgesetzten zu leiden hatte, einmal besonders schwer mißhandelt worden war, wollte er sich krank melden. Than hielt ihn durch Mißbrauch der Dlenstgewalt von der Meldung ab. Als Entschuldigung gab der Unterofftzier an, er leide an ner vöser Ueberreizung und sei stets von dem Ehr⸗ geiz beseelt gewesen, seine Korporalschaft zu der möglichst besten in der Kompanie zu machen. Nach etwa stebenstündiger Verhandlung bean⸗ tragte der Vertreter der Anklage zwei Jahre Gefängnis und Degradation. Das Gertcht be⸗ urteilte gemäß den Ausführungen des Ver⸗ teidigers die Mißhandlungen nicht als Einzel⸗ fälle, sondern als eine fortgesetzte Handlung. Auch zog es die von der Verteidigung vorge⸗ brachten Milderungsgründe in Betracht, anderer- seits aber erkannte es nicht an, daß der Angeklagte durch seine Handlungsweise dem Regiment schwer geschadet und dem Unterofftzier⸗ korps Schande bereitet habe. Das Urteil lautete auf 1½ Jahre Gefängnis und auf Degradation.— So lange noch solche Urteils⸗ begründungen gegeben werden, kann man sicher sein, daß die schmählichen Soldatenmißhand⸗ lungen keln Ende nehmen. 7 Bemüht Parteifreunde! cc e nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitulg 2 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 39. Von Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Wer macht das Gießener„un⸗ parteiische“ Blatt? Von Herrn Albin Klein, dem Verleger und Redakteur der „Gießener Neuesten Nachrichten“ erhielten wir folgende Zuschrift: i „Sie brachten in Ihrer letzten Nummer eine Notiz, wonach Sie behaupten meine Zeitung resp. deren Inhalt stamme aus Berlin einer sog. Zeitungs⸗„Fabrik;“ auch hätte ich keinen Einfluß auf die Redaktion resp. den Inhalt meiner Zeitung. Es ist dies eine grobe Un⸗ wahrheit, denn es steht mir resp. meinem Lokal⸗Redakteur in meiner Vertretung vollständig frei, was wir in der Zeitung veröffentlichen oder nicht. Sie können unseren ganzen Betrieb besichtigen, wobei ich Ihnen beweisen würde, daß die„G. N. N.“ redigiert werden. Wohl aber gehen wir mit den Intenstonen unseres Berl iner Redaktion s⸗Bureaus— das an allen hohen Verwaltungsbehörden Berlins gute Beziehungen hat — einig.“ Wir können demgegenüber nur erklären, daß wir das in der betreffenden Notiz Gesagte vollkommen aufrecht erhalten. Es ist ein starkes Stück— wir wollen das un⸗ höflische Wort Unverfrorenheit nicht ge⸗ brauchen— wenn Herr Klein unsere DBe⸗ hauptungen als grobe Unwahrheit bezeichnet. Wir haben gesagt, daß das Blatt des Herrn Klein zum großen Teil in einer Berliner Fabrik hergestellt werde und daß auf diesen Teil der Redakteur keinen Einfluß habe. Und dies ist Tatsache. Eine Aenderung dieses Teiles würde große technische Schwierig⸗ keiten veranlassen, deuen Herr Klein aus sehr begreiflichen Gründen aus dem Wege gehen wird. Allerdings kann er veröffentlichen was er will, er könnte auch das Fabrikmaterial wegwerfen, das tut er aber nicht, denn neuer Satz kostet doch Geld. Uns gab der unstnnige Artikel vom„Sozialmoloch“ Veranlassung, auf diese Zeitungsmache hinzuweisen und den Ar⸗ beitern zu zeigen, was für volks⸗und arbeiter⸗ feindliches Zeug unter„unabhängiger“ und „unparteiischer“ Flagge verzapft wird. Wenn sich Herr Klein damit noch einverstanden erklärt, so tut uns das leid, wir hätten ihn etwas höher eingeschätzt. Er wird aber doch nicht zumuten, daß wir seine Renommisterei mit dem „Berliner Redaktions⸗Bureau“ samt den guten Beziehungen ernst nehmen. Das kann bei uns blos Heiterkeit erregen. Unsere Parteifreunde, alle Arbeiter sollten auch hieraus wieder die Mahnung schöpfen, für die Ausbreitung ihrer Presse, der sozialdemokratischen Arbeiterpresse stets zu tun, was in ihren Kräften steht. Besonders jetzt, wo es dem Winter zu geht, jetzt werbt tapfer Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonn⸗ tagszeitung! — Der Streik bei Schaffstädt ist, wie wir hören, unter für die Arbeiter an⸗ nehmbaren Bedingungen beigelegt. Auf diese selbst kommen wir noch zurück. ph. m. An die Maschinisten und Heizer in Gießen und Umgegend! Am Samstag, den 16. d. Mts. wurde hier eine Versammlung abgehalten, aber leider war ste so schlecht besucht, daß ich nicht begreife, wann die Kollegen einmal zur Erkenntnis kommen wollen. Die Maschinisten und Heizer verdienen ihr Geld wahrlich nicht im Schlafe; wenn man aber den Versammlungsbesuch hier in Gießen betrachtet, sollte man glauben, es gebe gar keine Mißstände. In Wirklichkeit ist's anders. Sind das vielleicht keine Mißstände, wenn man bei den teueren Verhältnissen Kollegen mit 16 Mk. Wockenlohn abspeist? Und was wird sonst noch alles verlangt! Kollegen, be⸗ denkt, daß wir keinem Vergnügungsverein, son⸗ dern einer Kampforganisation angehören und für Verbesserung unserer Lage, sowie der ge⸗ samten Arbeiterschaft Deutschlands arbeiten müssen. Deshalb organistert Euch und erscheint in den Versammlungen, damit Ihr mithelfen könnt zum besten des Verbands und vor allen Dingen zur Verbesserung Eurer Lage! Die nächste Versammlung findet am 1. Oktober, nachmittags 4 Uhr im„Wiener Hof“ statt. Aus dem Rreise gießen. — Die Kriegervereine nehmen jetzt, da die Reservisten entlassen worden sind, die Zeit wahr, Mitglieder zu werben. Jeder nur halbwegs verständige Arbeiter kennt das Wesen dieser Vereine und ihre Feindschaft gegen die Bestrebuagen der Arbeiterschaft, jeder muß des⸗ halb seine Freunde, Bekannten und Mitarbeiter, soweit sie jetzt wieder„in's Zivil“ zurückgekehrt sind, darüber aufklären und dahin wirken, daß sie diesen arbeiterfeindlichen Vereinigungen fern⸗ bleiben. Schon von der Truppe aus wird ja ein gelinder Zwang ausgeübt, um die jungen Leute zum Beitritt zu den Krieger vereinen zu bewegen. Das Statut der„Hassia“ wird schon gleich in den Militärpaß eingeklebt, so daß nicht wenige unter den Leuten den Beitritt zum Kriegerverein als mtlitärisches Gebot auffassen. Unsere Freunde müssen ihren zur Reserve ent⸗ lassenen Bekannten klarmachen, daß sie durch den Beitritt zum Kriegerverein die Sache der Arbeiter, ihre eigene Sache schädigen und unserm Befreiungskampfe, dem Streben nach Verbesse⸗ rung der Lage der Arbeiter Schwierigkeiten in den Weg türmen. Man sollte auch meinen, sie müßten von dem Kommißdrill gerade genug haben und keine Lust nach Fortsetzung desselben im Kriegerverein verspüren. Daß dieser Drill aber im Kriegervereine weiter getrieben wird, dafür lieferten die Vorfälle bei der Homburger „Kaiserparade“ einen Beweis. Und einen weiteren ein Vorkommnis, das sich dieser Tage in Britz bei Berlin zur Belustigung der Zuschauer ab⸗ spielte. Dort gab der Veteranenverein einem Mitgliede das Grabgeleite. Auf der sehr be⸗ lebten Chaussee befahl der„Höchstkomman⸗ dierende“, seines Zeichens Seifenfabrikant, der Gewehrsektion, vor die Musik zu treten, da ge⸗ schah etwas Unerhörtes: die„Kameraden“ weigerten sich, dem Befehl nachzukommen! Sie wollten es nicht, weil sie früher nie vor der Musik marschiert waren, und alles noch so laute und barsche Kommandieren des„Oberbefehls⸗ habers“ nutzte nichts, die widerhaarigen Kame⸗ raden unter dem Gewehr behielten ihre Plätze im Trauerkondukt bei. Aber die Strafe sollte nicht ausbleiben. Als die Beerdigung vorüber war und der Kriegerverein unter lustigen Weisen vom Friedhof zurückmarschierte, brachte plötzlich wiederum auf der Chausseestraße ein lautes, donnerndes„Bataillon halt!“ des kommandierenden Herrn die alten Landwehrleute und Veteranen zum Stehen; das ganze wurde in zwei Glieder geteilt, der Anführer trat zwischen ste, und nun erfolgte vor versammelter Mann⸗ schaft und in Auwesenheit eines zahlreichen Publikums eine furchtbare Strafpredigt an die rebellischen„Kameraden“, so)' daß die Zu⸗ schauer sich vor Lachen schüttelten. Dabei fuchtelte der zürnende Kommandeur mit dem blanken Degen den Gehorsamsverweigerern so dicht vor dem Gesicht herum, daß sie Angst um ihre Nasenspitzen bekamen. Es ist ihnen aber ganz recht geschehen; denn Strafe muß sein!— So müssen sich bejahrte Männer bütteln lassen! Aber es schadet ihnen eigentlich nicht, warum gehen sie in die Kriechervereine! — Alten⸗Buseck. Hier fand am Sonn⸗ tag eine Tabakarbeiter⸗ und Arbeiterinnen⸗Ver⸗ sammlung statt, welche leider nicht so gut besucht war, als wie man es hätte erwarten sollen. Kollege Hermann⸗Wiesbaden referierte über die Lage der Tabakarbeiter, schilderte die traurige Lage der in dieser Branche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen und mahnte zum Eintritt in den Verband. Einige Aufnahmen fanden statt, und es soll in nächster Zeit wieder eine Ver⸗ sammlung stattfinden, in der dann hoffentlich eine Zahlstelle gegründet wird. Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen. — Ueber den Mord in Büdingen, den wir in voriger Nummer nur kurz erwähnten, sei noch folgendes nachgetragen: Der Mörder ist der Erdarbeiter Gottlob Bauer aus Worms und sein Opfer der Fuhrunternehmer Wilh. Bieber. Bauer war mit dem Zuge von Geln⸗ hausen am Montag Nachmittag angekommen, wie verlautet, lediglich in der Absicht, diese Tat auszuführen. In einer Wirtschaft in der Schloß⸗ gasse traf der Unmensch, nachdem er zuvor in einer anderen Wirtschaft nach dem ihm jeden⸗ falls bekannten Fuhrmann Bieber gefragt hatte, denselben an. Ohne daß ein Wortwechsel statt⸗ El uz verließ Bieber, nachdem er sein Glas ier ausgetrunken, die Wirtschaft, ihm folgte der Mörder und gab in der Nähe des Hoftores zwei Schüsse auf ihn ab, worauf Bieber sofort zusammenstürzte. Auf dem Transportwege nach seiner Wohnung gab der Bedauerns werte seinen Geist auf. Nach vollbrachter Tat soll der Mörder ganz gemütlich eine Strecke weiter⸗ gegangen sein, als ob gar nichts passtert sei; dann aber habe er eiligen Schrittes den Weg nach dem Bahnhofe eingeschlagen, in dessen Nähe er auch kurze Zeit darauf vom Gen⸗ darmen Reeg festgenommen und zunächst in das Polizeigefängnis eingeliefert wurde. Der dem Mordbube abgenommene Revolver war noch mit vier scharfen Patronen geladen. Die Sektion der Leiche, sowie die Konfrontierung des Mörders mit seinem Opfer hat am Diens⸗ tag Nachmittag in der städtischen Turnhalle stattgefunden. Der Mörder trug bei dem Hin⸗ und Rücktransport, dem ebenfalls wieder eine große Menschenmenge beiwohnte, ein recht freches Benehmen zur Schau. Der Familie des auf so tragische Weise aus dem Leben Geschiedenen wird seitens der Bevölkerung die größte Teil⸗ nahme entgegengebracht. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Bei der Bäckerei wird immerhin noch etwas verdient. Das beweist der Bericht des Konsumvereins Wetzlar, in welchem ein Ueberschuß von 11754 Mk. von der Bäckerei des Vereins aufgeführt ist. Dieser Ueberschuß könnte noch bedeutend größer sein, wenn die Bäckerei mit mehr Energie betrieben und für ihren weiteren Ausbau und Umsatz mehr gesorgt würde. Aber die Konsumvereinsleitung mag offenbar für diesen Ausbau nichts tun. Sie fürchtet Erfolge, weil die Bäckermeister längst mit scheelen Augen auf die Konkurrenz des Konsumvereins blicken, dessen Leiter ja auch als gute Ordnungsleute die„Hebung des Miitelstandes“ propagieren und natürlich finden die Bäckermeister, daß die Betätigung jener Herren als Konsumvereins⸗Verwaltung eigent⸗ lich mit dem Reden von der Mittelstandshebung in Widerspruch steht. Das Handwerk aber, richtiger gesagt, rückständige Handwerker, erblicken bekanntlich in den Konsumvereinen den„Ruin des Mittelstandes“ und es ist wohl möglich, daß diese Anschauungen selbst in der Leitung des Wetzlarer Konsumvereins vertreten sind. Ist das aber der Fall, so beweist dieser Um⸗ stand, daß die Leitung des Konsumvereins eigentlich gar nicht auf dem genossenschaftlichen Standpunkt steht, was ja auch nach der ganzen wirtschaftlichen Stellung der dabei in Betracht kommenden Männer kaum anzunehmen ist. Die Mitglieder des Vereins sollten deshalb dafür sorgen, daß die Leitung des Vereins in Hände kommt, die, getragen von dem genossenschaft⸗ lichen Gedanken, sich die Förderung der Ge⸗ nossenschaft zum Nutzen ihrer Mitgliedschaft angelegen sein lassen. Vielleicht davon später einmal mehr.— Für jetzt möchten wir nur angesichts des schönen Ueberschusses, daß man auch daran denken sollte, die Arbeitsverhältnisse der Arbeiter in der Konsumbäckerei ein wenig zu verbessern. h. Die erste Frauenversamm⸗ lung in Wetzlar fand am Freitag in Göth's Garten statt. Genossin Kähler⸗Dresden sprach über Arbeit slöhne und Lebens⸗ mittelpreise. Wenn das Amtsblatt hämisch bemerkt, das nur ca. 30 Frauen an⸗ wesend gewesen wären, so ist das erstens nicht wahr; es waren mindestens 4050. Wenn aber auch nur 30 dagewesen wären, so war das für Wetzlar viel und bedeutet einen nicht geringen Erfolg. Der Gesamtbesuch war ein großartiger, der geräumige Saal war dicht gefüllt, die Zahl der Besucher ist mit 450— 500 nicht zu hoch geschätzt. Frau Kähler ent⸗ ledigte sich ihrer Aufgabe in vorzüglicher Weise. Sie verstand es, den Anwesenden die heutigen Mißverhältnisse so klar und so verständlich vor Augen zu führen, daß jeder Mann und jede e Teil⸗ imerhin Bericht em ein Bäckerei erschuß enn die ind für gesorgt 0 mag . Sie eister kuren ter ja ing des finden jene elgent⸗ hebung f aber blicken e öglic, Leitung n fd. ser Un Abereln astlicen ganzen Betracht st. Ae. 0 dafl Hände der jeoschat 1 spitel bir nun onaut sse del nig dn un, 01 ö en on, . ust 5 Naesben ben, 1 . eee 1 Nr. 39. Mittel deutsche Sonutags⸗Zeitnng. Seite 5. Frau es begriffen haben muß. Ihre Aus⸗ führungen wurden lautlos, mit größter Auf⸗ merksamkeit verfolgt und werden gewiß nicht ohne Eindruck bleiben. Durch stürmischen Bei⸗ fall bekundete die Versammlung ihr Einver⸗ ständnis. Das Organ für Kriegervereinsfest⸗ reden, der Wetzlarer Anzeiger nämlich, suchte durch törichte Bemerkungen das, was die Red⸗ nerin vorgebracht, als falsch hinzustellen. Es wird aber trotzdem mit der Tatsache sich ab⸗ finden müssen, daß auch die Frauenwelt mehr und mehr die Bestrebungen und Grundsätze des Sozialismus begreift und sich zu ihnen bekennt. Es geht eben überall bei uns vorwärts, da nützt kein Totschweigen und kein Fälschen der Amtsblätter und ihrer Soldschreiber. * Vollmachten bei Gemeindewahlen. Das Verfahren, welches hinsichtlich des Erforderns schrift⸗ licher Vollmachten für Personen geübt wird, die Frauen in der Ausübung des Stimmrechts bei Gemeindewahlen usw. vertreten, ist ein verschtedenartiges, indem in einer Anzahl von Kreisen regelmäßig, in anderen Kreisen nur in besonderen Fällen, in noch anderen niemals die Bei⸗ bringung einer förmlichen schriftlichen Vollmacht für den Vertreter verlangt wird. Da ferner bei der Ausstellung förmlicher Vollmachten Stempelkosten entstehen und die stimmberechtigten Frauen sich in Folge dessen vielfach der Ausübung ihres Rechts enthalten, haben die Minister der Finanzen und des Innern die beteiligten Behörden veranlaßt, daß diese im Allgemeinen und vorbehaltlich besonderer Einzelfälle, die etwa ein entgegengesetztes Verfahren nach besonderen Vorschriften oder aus tat⸗ sächlichen Gründen erheischen, von der Forde rung der Beibringung förmlicher schriftlicher Vollmachten, die stempelpflichtig sein würden, a b⸗ sehen und sich damit begnügen, daß ihnen die Stell⸗ vertreter von den Vertretern in anderer Form schriftlich oder mündlich anf zweifelsfreie Weise bezeichnet werden. Unseres Erachtens wird damit dem Unfug, der heute schon mit den Frauenvollmachten getrieben wird, noch mehr Tür und Tor geöffnet. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Der Arbeiter⸗Gesangverein„Eintracht“ begeht diesen Sonntag Abends 7 Uhr im Casé Quentin sein 5. Stiftungsfest. Da das Programm, welches aus dem Inserat ersichtlich, ein sehr gutes und vollkommenes ist, so ist zu erwarten, daß sich die Arbeiterschaft recht zahlreich an diesem Fest beteiligen wird. Ist es doch der Gesangverein, welcher bei jeder Gelegenheit ein⸗ springen muß und es auch gerne tut, wenn es gilt, Arbeiterfeste zu feiern. Umsomehr werden die Arbeiter ihn auch diesesmal unterstützen, um dem Feste durch ihren Besuch das Gelingen zu sichern. Gestorben ist in Wehrda der Genosse Heinrich Ritterbusch an Kehlkopfschwindsucht. 18 Jahre war er als Schreiner bei der Firma Wilhelm Weishaupt beschäftigt. Er hinterläßt eine Frau und kleine Kinder. Ehre seinem Andenken! O Wegen Beleidigung einer Reserve⸗Offiziers⸗ gattin wurden vorige Woche zwei Halbweltdamen vom Schöffengericht zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die beiden Mädchen glaubten in der von auswärts gekommenen, hier ihren zu einer Uebung einberufenen Mann besuchenden Frau einr Konkurrentin vor sich zu haben und belegten dieselbe mit Schimpfworten, welche ihnen die hohe Strafe einbrachten. O Die Kreisbahn ist jetzt auch auf der Reststrecke bis Dreihausen in Betrieb gesetzt worden. Die Bahn⸗ verwaltung scheint die Bahnstrecke mehr als Ausflugs⸗ Bummelbahn denn als ein dem Verkehr dienendes Ob⸗ jekt anzusehen. Der Fahrplan ist wenigstens daraufhin eingerichtet und findet in Interessentenkreisen wenig Zu⸗ stimmung. Zur Ermordung des Genossen Kasprzak, welche die russischen Bluthunde in Warschau verübten, sei noch mitgeteilt, daß unser Partei⸗ vorstand den Reichskanzler telegraphisch er⸗ suchte, bei der russischen Regierung unver⸗ züglich das Verlangen zu stellen, die Voll⸗ streckung des Urteils aus zusetzen und dem Verurteilten die ihm zustehenden Rechtsmittel zugängig zu machen. 5 Der Warschauer Gouverneur hatte nämlich, gestützt auf den in Warschau Daa Kriegs⸗ zustand, die Absendung der Kassationsklage an die oberste Gerichtsinstanz gegen das Urteil in Sachen Kasprzak nicht zugelassen und das Todesurteil bestätigt. Zu diesem Vorgehen wurden die genannten Parteigenossen geführt durch folgende Er⸗ wägungen: Kasprzak ist deutscher Reichs⸗ bürger, und das Deutsche Reich ist ver. pflichtet, darüber zu wachen, daß Deutsche im Auslande nach den Gesetzen des Landes ab⸗ geurteilt werden, in das ste sich begeben haben. Ein Deutscher darf im Ausland nicht ge⸗ setzwidrig behandelt werden. Das Deutsche Reich übernimmt für seine Angehörigen im Auslande insoweit Schutz, als es die An⸗ wendung der Gesetze verlangen muß, in deren Voraussetzung sich die Personen in das Aus⸗ land begeben haben. Für einen deutschen Millionär z. B., der in Rußland gesetzwidrig zum Verluste seines Vermögens verurteilt würde, müßte und würde Deutschland eintreten. Genau so muß die deutsche Regierung dafür sorgen, daß gegenüber Deutschen in Rußland das russische Recht zur Geltung kommt. Noch ehe aber der Reichskanzler Antwort auf das Telegramm geben oder das Er⸗ suchen der fünf Abgeordneten erfüllen konnte, traf die Nachricht ein, daß Kasprzak bereits hingerichtet worden sei. Die Bestien des Zaren werden der Meinung sein, daß damit der„Fall erledigt“ sei; vielleicht denkt auch Fürst Bülow so. Sie werden sich aber täuschen. Unsere Genossen werden den Fall im Reichs⸗ tag zur Sprache bringen. Unser Genosse Kasprzak starb wie ein Held. Er lehnte den geistlichen Zuspruch ab. Die 1½ jährige Kerkerhaft, die er durchgemacht hat, hatte ihn körperlich gebrochen. Er sah aus wie ein Mann von mehr als 60 Jahren, obwohl er erst 46 zählte. Als er seinen letzten Gang antreten sollte, richtete er sich hoch auf und schritt klaren Auges in ruhiger und kühner Haltung zum Hinrichtungsplatz, der von Militär und Gendarmen umgeben war; beim Besteigen des Galgens stolperte der Verurteilte. Als ihm der Henker den Sack über den Kopf stülpte, rief Kasprzak mit vernehmlicher Stimme:„Es lebe die Revolution!“ Dann ergab er sich ruhig in sein Schicksal. Der General⸗ gouverneur, Generalleutnant Skalon, hatte nicht nur dem Verteidiger Kasprzaks, sondern auch dessen Frau und Sohn den Zutritt zu ihm verwehrt; es wurde ihm nicht gestattet, von seinen Angehörigen Abschied zu nehmen. Möge sein Blut und das aller Opfer des russischen Freiheitskampfes auf die Häupter der Verbrechersippe kommen, die jetzt das russische Volk knechtet und meuchelt. Kleine Mitteilungen. * Der„Reichsanzeiger“ meldet: Vom 20.9. bis 21.9. mittags wurden in Preußen vierzehn cholera⸗ verdächtige Erkrankungen, darunter drei Todesfälle an Cholera amtlich neugemeldet. Von den Neuerkrankungen kommen auf die Kreise Dirschau eine, Marienburg drei, Graudenz drei(ein Arbeiter, zwei Kinder), Marienwerder zwei(ein Fischer, ein Mädchen), Niederbarnim eine(der Sohn eines Schiffsmaschinisten an der Woltersdorfer Schleuse), Züllichau⸗Schwiebus zwei(Bergmannskinder), Filehne eine(ein Arbeiter) und Gnesen eine. Die Gesamtzahl der Cholerafälle beträgt bis jetzt 227 Erkrankungen, wovon 78 tödlich endigten. — Eine Statistik des Gesamtschadens, der durch das Erdbeben in Süditalien verursacht wurde, weist folgendes aus: Von den 413 Gemeinden, welche die drei Provinzen Catanzaro, Cosenza und Reggio zu⸗ sammen zählen, wurden 212 betroffen. Als Gesamt⸗ zahl der Toten wurde bisher konstatiert 592, als Zahl der Verwundeten 2255. Was die einzelnen Provinzen betrifft, so ist am meisten Catanzaro geschädigt. Von 152 Gesamt gemeinden sind 88 beschädigt, 20 vollstän⸗ dig zerstört; Tote 546, Verwundete 2055. In der Provinz Cosenza find 71 von 155 Gemeinden beschädigt und 10 völlig zerstört; Tote 46, Verwundete 200. In der Provinz Reggio sind von 106 Gemeinden 52 leicht beschädigt; keine Menschenopfer. — Unter dem Verdachte, den seit dem 30. Juli vermißten und kürzlich mit einer Schußwunde im Kopfe verscharrt aufgefundenen Engländer ermordet zu haben, wurden in Heidelberg ein Hausknecht und ein Wirt ver⸗ haftet. — Eugen Richter, der nun schon alt gewordene Führer der Freisinnigen, soll nach Zeitungsnachrichten demnächst sein Reichstagsmandat für Hagen⸗Schwelm niederlegen wollen. Ein Augenübel, das nicht behoben werden kann, soll ihn zu diesem Entschluß veranlaßt haben. Im Reichstag war er schon sein mehr als Jahresfrist nicht mehr erschienen, ———— Arbeiterbewegung. Die Brauer in Hanau haben nunmehr ihre Tarifbewegung zum Abschluß gebracht. Der Tarif wurde von den Brauereien ange⸗ nommen und erhält rückwirkende Kraft bis 1. Juli ds. Jahres. Die Firmen Siemens u. Halske, Siemens⸗ Schuckert und die Allgemeine Elektrizitätsge⸗ sellschaft in Berlin teilten am Mittwoch ihren Arbeitern mit, sie würden, wenn die Streikenden nicht bis Donnerstag Mittag erklärten, daß sie die Arbeit Freitag früh sämtlich wieder auf⸗ nehmen, die betreffenden Werke Donnerstag Abend schließen. Die streikenden Arbeiter des Wernerwerkes und Oberspree verweigerten die verlangte Erklärung, sodaß Donnerstag Abend die Schließung der betreffenden Werke zu er⸗ warten ist, bei welcher 8000 Arbeiter in Frage kommen würden. Letzte Nachrichten. Zarenknechte. Ein neues Königsberg scheint bevorzustehen: Unter der Ueberschrift, die dieser Meldung vor⸗ steht, hat die Breslauer„Volkswacht“ in ihrer Dienstag⸗Nummer die Haltung der deutschen Regierung zum Falle des Genossen Kasprzak einer scharfen Kritik unterzogen. Darauf wurde in den Geschäftsräumen des Blattes sowie in der Wohnung des verantwortlichen Redakteurs, des Genossen Robert Albert, Haussuchung ge⸗ halten und die Nummer beschlagnahmt. Es soll in dem Artikel eine Majestätsbeleidigung des Fürsten Bülow enthalten sein. Vom Kaiser ist in dem Artikel mit keinem Wort die Rede, wohl aber von Friedrich II. und Friedrich Wilhelm IV. Kommt es zu einer Verhandlung vor Ge⸗ richt, so wäre hier abermals Gelegenheit, rus⸗ sische Rechtszustände in ordentlicher Gerichts⸗ verhandlung vor aller Welt zu beleuchten. Eine Niederlage in Südwest⸗Afrika: Kapstabt, 20. September.(Meldung des„Reuterschen Bureaus“.) Amtlich wird bekannt gemacht: Während der Verfolgung Witbois durch General von Trotha entkam Witboi den vereinigten Abteilungen und griff einen langen deutschen Konvot in der Nachhut bei Keetmanshoop an. Die Begleitmannschaft wurde überrascht und fast völlig niedergemacht. In die Hände des Feindes fielen tausend Stück Vieh, 122 Wagen, darunter einige mit Munition beladen, und eine Anzahl Gewehre. An hiesiger maßgebender Stelle liegt, wie „W. T. B.“ das diese Meldung verbreitet, dazu bemerkt, eine Bestätigung dieser Meldung nicht vor. DSS ee p p ů ů Partei-Uachrichten. Die Frankfurter Parteidruckerei erzielte im vergangenen Jahre 18000 Mk. Reingewinn nach reich⸗ lichen Abschreibungen. Von dem Reingewinn wurden 2000 M. dem Provinzial⸗Agitationskomitee und 1000 M. dem Arbeitersekretariat überwiesen. An die Parteigenossen von Garbenteich und Hausen. Die auf Sonntag, den 3. September an beraumte Versammlung konnte aus verschiedenen Umstän den nicht stattfinden. Deshalb berufen unterzeichnete Vorstände eine Versammlung auf Sonntag, den 24. September nachm ittags halb 4 Uhr in das Lokal des Peter Becker „Zum kühlen Grund“ in Garbenteich ein mit der Tagesordnung: Berichterstattung von der Landeskon⸗ ferenz in Alzey. Referent: K. Häuser⸗Steinberg. a Parteigenossen! In der Erwartung, daß Ihr für guten Besuch dieser Versammlung Sorge tragt, zeichnet mit Parteigruß der Vorstand des Arbetterbildung svereins Garbenteich und des Wahlvereins Hausen. Versammlungskalender. Samstag, den 23. September. Gießen. Sozialdem, Wahlverein. Abends Versammlung bei Orbig. 9 Uhr 2 9 1—7 —— Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 39 Von Nah und Lern. Der geohrfeigte Antisemitrich. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Bruhn, der, wie in der letzten Nummer kurz erwähnt, im Ostseebade Ahlbeck sich rüpelhaft benahm und deswegen von dem Kapellmeister der Kurkapelle ein paar hinter die Ohren be⸗ kam, wollte diese Tatsache in dem Berliner Tageblatt abstreiten. Er erklärte dort, daß der Kapellmeister die Bestrebungen der Sozial⸗ demokratie verteidigt habe,„worauf ich (Bruhn) ihn in Rücksicht auf seine Stellung auf das Unzulässige seiner Handlungsweise auf⸗ merksam machte, woraufhin derselbe mich tätlich angriff. Ich bin ihm übrigens daraufhin nichts schuldig geblieben“. Das ist ja noch schöner. Mit dem Hinweis auf den Brotkorb hat Bruhn einen andern Menschen in seiner Gesinnung knechten wollen. Da hätte er die Prügel reichlich verdient.— Der Kapellmeister antwortete aber auf die Berichtigung Bruhns folgendes:„Ich habe den Herrn nur seiner unflätigen Ausdrücke wegen, die er gegen mich und die Fran Bade⸗ direktor richtete, gezüchtigt.(Die Redewendung des Herru Bruhn können wir nicht einmal an⸗ deutungsweise mitteilen. Die Red.) Sämtliche Damen und Herren, die die Bemerkung des Herrn Reichstagsabgeordneten gehört, standen sofort auf und gingen, wohl der beste Beweis, wie anständig denkende Menschen über die Aus⸗ drücke des Herrn dachten. Lange voran ging folgender Vorfall: Scherzweise sagte ich, daß ich Sozialdemokrat sei; da erklärte Herr Bruhn, jeder Sozialdemokrat sei ein Lump, und ich sei dann auch einer. Jetzt merkte ich, daß es nicht mehr Scherz war und erklärte ausdrücklich, daß ich nur scherzweise gesprochen, aber in der Tat von guter patriotischer Gesinnung bin.“— Nach dieser durchaus glaubhaften Darstellung hat der Herr Abgeordnete die Ohrfeigen redlich verdient. Sein Benehmen entspricht ganz dem Ton, wie er in der antisemitischen Presse üblich ist und beispielsweise in dem Friedberger Blatte des Herrn Hirschel zum Ausdruck kommt. Das revolutionäre Hoch. Das Schöffengericht in Berlin hatte den Genossen Metzke, weil er die Maifeier⸗Ver⸗ sammlung seiner Kollegen mit einem Hoch auf die internationale revolutionäre Sozial demo⸗ cratie schloß, zu der horrenden Strafe von einer Woche Haft verurteilt. Das Gericht hatte im Ausbringen des Hochs auf die revolutionäre Sozialdemokratie groben Unfug erblickt, obgleich selbstverständlich nichts geschehen war, was man nach dem Sprachgebrauch als groben Unfug ansehen könnte. Ja selbst die juristischen Vor⸗ aussetzungen des groben Unfugs lagen nicht vor. Das stellte die Strafkammer, die auf Metzkes Berufung am Donnerstag sich mit der Ange⸗ legenheit befaßte, ausdrücklich fest. Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts muß, wenn grober Unfug vorliegen soll, die öffentliche Ord⸗ nung entweder verletzt sein oder es muß wenig⸗ stens die Gefahr bestehen, daß sie verletzt werde. Weder das eine noch das andere war aber, wie das Berufungsgericht feststellte, im vorliegenden Falle geschehen. Metzke wurde deshalb frei⸗ gesprochen. Wieder brav geworden. Wie bürgerliche Blätter kürzlich berichteten, hat das Berliner studentische Korps Normannia seinem früheren Alten Herrn Viereck das Band zurückgegeben. Es war ihm seinerzeit entzogen worden, als er offen zur Sozialdemo⸗ kratie übertrat und zeitweilig in der Partei eine Führerrolle spielte. Dasselbe geschah dam als seitens der Teutonia in Marburg, von der Viereck jetzt ebenfalls wieder aufgenom men ist. Viereck war anfangs der achtziger Jahre Redak⸗ teur der„Südd. Post“ in München und sozial⸗ demokratischer Reichstagsabgeordneter für Leip⸗ zig⸗Land. Vom St. Gallener Kongreß erhielt er ein Mißtrauensvotum, weil er nicht gewagt hatte, die Einladung zu dem Kongreß zu unter⸗ zeichnen. Daraufhin sagte er sich von der Partei los und lebt in New⸗ York, wo er im„Patrio⸗ tismus“ macht. Dort hat er sich nun auch dem Alten⸗Herren⸗S. C. angeschlossen.— Wir gönnen dem Viereck seine Korpsbänder und den Korps ihren Viereck. Der Minister als Spielsachverständiger. In München beantragte kürzlich ein wegen Duldung verbotenen Glücksspieles in Anklage⸗ zustand versetzter Restaurateur den Minister Ruh⸗ strat in Oldenburg als Sachverständigen zu ver⸗ nehmen. Interessant ist folgende Erklärung des Rechtsanwalts, der die bei dem Spiel ertappten Personen vertritt.„Das Strafgesetzbuch gilt für alle Teile des Deutschen Reiches, also auch für Oldenburg. Meine Klienten haben in der Tat gepokert und„Lustige Sieben“ gespielt, aber erst fünf Tage nach der Spielgerichtsverhandlung in Oldenburg, als ihnen durch diese öffentliche Gerichtsverhandlung aus dem Munde des olden⸗ burgischen Justizministers, der doch Rechtskun⸗ diger und früherer Staatsanwalt ist, bekannt wurde, daß das Pokern kein verbotenes Glücks⸗ spiel sei.“— Das kommt davon! Kaiserlich österreichische Sonnenfinsternis. Die Wiener„Arbeiterzeitung⸗ teilte kürzlich folgendes hübsche Stücklein mit: Die Abteilung 2 der Betriebs direktion der österreichischen Nord⸗ bahn, deren Chef der Regierungsrat Z. Kuttig v. Domberg ist, hat an alle Exekutivorgane des Verkehrsdienstes am 29. August einen tele⸗ graphischen Zirkularerlaß gerichtet, der; zu den besten Schildbürgerstücken gehört, die schon seit langem vorgekommen sind. Herr Kuttig verfügte nämlich in diesem authentischen Schriftstück anläßlich der Sonnenfinsternis vom 30. August, daß die Beleuchtung aller Züge, Stationsplätze, Perrons und Warteräume in der Zeit von ungefähr 1 Uhr bis 3 Uhr 30 Minuten Nachmittags zu er⸗ folgen habe, und daß auch für den Bedarfsfall die Beleuchtung der Handsignale vor⸗ zunehmen sei. Noch nie hat man so herzlich bei der Nordbahn gelacht, wie beim Erscheinen dieser Verfügung. Tätigkeit der Sozialdemo⸗ kratie im Reichstage. III. (Schluß.) Etat des Reichs justizamts. Der für die deutsche Justiz so blamable und schimpf⸗ liche Königsberger Prozeß im Dienste Ruß⸗ lands wurde noch einmal besprochen. Es wurde der Nachweis geführt, daß der Prozeß in formal,juristischer Beziehung in einer Weise geführt worden ist, die wohl ein Vergleich mit russischen Verhältnissen möglich macht, aber nicht in einem Lande vorkommen sollte, das Anspruch erhebt auf geordnete Rechtspflege. Am Regierungs⸗ tisch schwieg man sich gegenüber den Vorwürfen aus. Es war auch wohl das einzige Mögliche, was der Staatssekretär von Nieberding tun konnte. Und wenn heute eine amtliche Verfügung ergangen ist, die dahin geht, daß man bei solchen Anlässen keine Uebersetzungen von auswärtigen Konsulaten einholen soll, so gibt man den schmählichen Reinfall amtlich zu. Es wurde weiter der Nachweis geführt, daß nur zwischen Ländern ein Gegenseitigkeitsverhältnis bestehen kann, in welchen die Zu⸗ stände gleich sind. Die Regierungen müssen in der Lage sein, die gesetzlichen Verhältnisse des anderen Landes kontrollieren zu können. Diese Voraussetzungen treffen auf Rußland nicht zu, es fehlt in Rußland an jeder geordneten und gesicherten Rechtspflege. Wie es bei uns mit der Rechtspflege und der Justiz aussieht, das wurde von unserem Redner in seinen Ausführungen vortrefflich dargelegt. Klassenfjustiz! Diese Beweisführung, daß wir eine solche haben, und daß sie immer stärker in die Erscheinung tritt und treten muß, lieferte unser Redner dadurch, daß er eine nicht geringe Anzahl von Gerichtsurteilen, doch bei weitem nicht alle derartigen, einfach zur Verlesung brachte. Diese einfache Gegenüberstellung zeigte zur Evidenz, wie es mit dem Recht und der Rechtsprechung bei uns bestellt ist. Auch die Redner der bürgerlichen Parteien konnten gegenüber dem Tatsachenmaterial nicht streiten. Freilich hüten sie sich, offen von Klassenjustiz zu sprechen, allein sie selbst meinen, es könnte dazu kommen, wenn es so weiter ginge. Es wird aber so weiter gehen und wird schlimmer werden! Der Klassen⸗ kampf wird immer schärfer, die Richter sind aber auch nur Menschen und werden in Mitleidenschaft gezogen. Das arbeitende Volk kann nur durch ein Mittel wieder um Vertrauen zur Rechtspflege gebracht werden, wenn die sozialdemokratische Programmforderuug erfüllt wird: Rechtsprechung durch vom Volke erwählte Richter. Neichskanzler und Reichskanzlei. Uuser Fraktionsredner forderte vom Reichs⸗ kanzler Antwort und Aufklärung über die Haltung der Neutralität der Reichsre⸗ Rieu im Kriege 1 Japan und uß land. Ferner kam er auf das Abhängig⸗ keitsverhältnis Deutschlands von Rußland zu sprechen; im besonderen auf die Auslieferungs⸗ verträge, welche im Jahre 1885 zwischen Preußen und Bayern einerseits und Rußland andererseits abgeschlossen worden sind und sich noch in Kraft befinden. Diese Verträge, so führte er aus, hätten sowohl ihres materiellen Inhalts wegen, als wegen der Gründe, aus denen ste abge⸗ schlossen worden sind, die schärfste Kritik heraus⸗ gefordert. Gegenüber dieser Kritik hat sich weder in der Wissenschaft noch in der Politik irgend eine Verteidigung gefunden. Eine Tat⸗ sache, die sich einfach daraus erklärt, daß diese Verträge allen bisherigen Grundsätzen des Völkerrechts ins Gesicht schlagen. Unser Redner forderte, daß die Verträge mit Rußland bal digst gekündigt werden, um das Deutsche Reich nicht weiter in den Augen der gesitteten Welt bloß⸗ zustellen. Bismarck sprach das geflügelte Wort aus:„Wir Deutsche fürchten Gott, soust nichts auf dieser Welt“. Der Zar ist doch aber auch auf der Welt und ihm gegenüber ist man ängstlich bemüht, jeden Wunsch zu erfüllen, so daß selbst die nationalliberale„Kölnische Ztg.“ das Verhalten der Regierung als ein Wett⸗ kriechen vor Rußland bezeichnet. N Was hatte denn nun der Reichskanzler auf all die schweren Vorwürfe und Anklagen zu erwidern? Zu unserem Antrage hatte er nichts zu sagen und zu den weiteren Anklagen meinte er: unser Redner„habe offenbar den Zweck verfolgt, der auswärtigen Politik Bis⸗ marcks Mängel und Fehler vorzuwerfen.“ Aber gewiß hat unser Genosse das getan, und zwar unter Beibringung von geschichtlichen Beweisen und Tatsachenmaterial. 5 Auch die Behandlung der Aus⸗ wanderer aus Rußland und Polen seitens Ballin und Konsorten wurde von der Fraktion zur Sprache gebracht. Die Regierungsvertreter machten sich auch hier die Sache sehr einfach, indem sie erklärten:„Die Kontrollstationen sind lediglich in sanitärem Interesse errichtet.“ Um das zu glauben muß man freilich noch mehr wie gutgläubig sein. Ballin, Wiegand und ihre Helfershelfer werden sich freuen, über sanitäre Maßregeln, die ihnen so schön— die Kassen füllen helfen. Auf die weiteren Darlegungen des Berichts werden wir noch späler Gelegenheit finden ein⸗ zugehen. . Anterhaltungs-Ceil. In der Zwickmühle. Erzählung von R. Schweichel. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen holte Ruprecht sich von dem Küster den Kirchenschlüssel, wobet er gleich die Frau des heiligen Mannes für seine Auf⸗ wartung gewann. Seine Brust war voll Frühlings⸗ sonnenschein, wie die Welt außer ihm, und bald strömte ihn die kleine Orgel in vollen Tönen aus. Selbstschöpferisch war er nicht. Er spielte daher einen Choral nach dem anderen und legte in sie hinein, was in ihm war. Ohne sich dessen bewußt zu sein, war's eine geistliche Mustk zu sehr weltlichen Gefühlen.— Als er, es war noch nicht zwölf Uhr, in die„Sonne“ kam, deckte das Annerl eben in einer Ecke den Mittagstisch. An einem anderen Tische waren ein paar Bauern beim Bier in Streit geraten und konnten aus dem Zank nicht 1 ihren Weibern nach Haus finden. Schön Aennchen 1 1 r I 1 . 1 I U 10 1 er 5 . r 50 er le 10 . II 1 0 6 0 len . fe 1 he l, U fel. fel fel el Nr. 39. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. nickte dem Gaste vertraulich zu, und hätte es ihn nicht gefragt, wie er die erste Nacht in Eulenried geschlafen habe, so würde er das erste Wort trotz seiner guten Vorsätze nicht ge⸗ funden haben. Sie hatte wohl schon bemerkt, wie blöde und ungeschickt er war, und so schob sie ihn sachte weiter. Ob er in der Nacht etwas Schönes getraͤumt habe? Das sollte er stch merken, denn es würde wahr. Da bäumte der Schulmeister in ihm auf. Daß sei Aberglaube und Torheit, daran zu glauben.„Nu, wer kann das wissen?“ antwortete sie mit einem leichten Zucken der runden Schultern.„Es mag Einer doch gar zu gern hinter den Vor— hang gucken. Und wenn der Traum nachher auch nicht Wahrheit wird, was tut's? Wenn Einer nur weiß, was er will.“ „Und das wissen Sie, Fräulein Anna?“ fragte er mit einem tiefen Blick. „Ich sollt's halt meinen,“ lachte sie ein wenig verlegen und lief nach der Küche, aus der eben die Sonnenwirtin mit hochrotem Ge⸗ sicht von dem Herdfeuer in die Stube kam. „Eher zu früh gesattelt als zu spät,“ sagte sie und gab dem Lehrer die Hand. Darauf wandte ste sich zu den Bauern:„Nu, Herrschaft, zaukt Ihr Euch noch immer? Eure Frauen schauen schon längst nach Euch aus. Denn das Mittag- essen brennt an oder wird kalt.“ Der Aeltere von ihnen sah nach der Stuben⸗ uhr und rief: Kreuzi und Türken, schon Zwölf vorüber! Zahlen! Aber aus und tot ist die Sach noch lange nit. Ich hab' Recht und werd's beweisen! „Na, dann ist's noch so!“ höhnten die beiden Anderen; aber alle Drei zahlten, standen auf und gingen. „Man hat seine Plag' jetzt, wo nach dem Tod meines Mannes— Gott hab' ihn selig— die ganze Last der Wirtschaft auf mir ruht,“ seufzte die Sonnenwirtin. Das Annerl trug eine gewaltige große Schüssel herein und die Mutter sagte, indem sie vorlegte:„Jetzt aber, Herr Lehrer, das sag' ich Ihnen, wenn Sie nicht rechtschaffen zulange, nachher ist's aus mit unserer Freundschaft. Ste schauen ja aus wie das gekreuzigte Leiden Christi. Sie müssen tüchtig esse.“ Nun, der Appetit Greiner's befriedigte ste. Er selbst gewann dabei allmählich mehr Zuver⸗ sicht dem Weiblichen gegenüber. Die Frauen lockten ihn aus sich heraus, er mußte ihnen von seiner Wasen au den erzählen, und das Mitleid, das er dabei in dem hübschen leicht gebräunten Gesicht des Mädchens las, verursachte ihm ein gar wohliges Gefühl. Es muß doch schön sein, eine Schwester zu haben, dachte er, als er nach dem Essen durch das Dorf schlenderte, um sich mit der neuen Heimat bekannt zu machen; der kann man alles anvertrauen, Die sonnig über den Bäumen und Häusern aufragenden Berggipfel lockten ihn zu sich. Er kam an einen Bach, über den eine schmale Brücke führte. Wie er die Anschüttung zu ihr hinaufstieg, stutzte er, denn auf der anderen Seite tauchten gleichzeitig eine männ⸗ liche und eine weibliche Gestalt auf. Er er- kannte den Pastor Köschke, blieb stehen und lüpfte den Hut. Der Pastor, dem sein Bäuch⸗ lein ein Stück voraus war, machte nur mit der fleischigen Rechten eine Bewegung gegen seinen Hut.„Guten Tag, mein Lieber! Ist recht, daß Sie sich in Gottes schöner Natur ergehen; das giebt Arbeitsfreudigkeit.“ Damit blieb er mit seiner Begleiterin bei Greiner stehen. Diese mochte des Lebens Mai schon eine Weile hinter sich haben, und ihre jungfräulichen Reize begannen einzutrocknen. Es lag etwas Verdrießliches in ihrem langen schmalen Gesicht, aus dem zwei blasse Augen den Lehrer scharf musterten, ohne es zu ver⸗ bergen. Er fühlte es und wurde rot. Der eistliche Herr fuhr fort:„Ich habe heut' Morgen hr Orgelspiel belauscht, ha! ha! ha! Recht brav, recht brav! Fahren Ste nur fort, fleißig zu üben; darin steckt Zukunft.“ Seine fahl⸗ blonde Begleiterin räusperte sich, und Köschke rief:„Da will ich Sie denn auch gleich mit meinem Töchterchen Amalie bekannt machen, die Freude meines Alters, mein einziges Kind, das ich noch im Hause habe.“ Ruprecht riß den Hut vom Kopfe, indem er eine linkische Verbeugung machte. Fräulein Amalie nickte kaum, aber sie spitzte die schmalen, blutleeren Lippen zu einem süßen Lächeln. Der Vater fragte:„Aber warum bleiben wir in der Sonne stehen? Kommen Sie mit, Greiner, wenn Sie nichts Anderes zu tun haben. Mutter wird schon mit dem Kaffee auf uns warten.“ Sie setzten sich in Bewegung, Ruprecht auf der linken Seite des Pfarrers, aber stets einen halben Schritt hinter ihm zurück. Die ihnen begegneten Dorfinsassen grüßten, und Pfarrer Köschke dankte allen leutselig.„O, Papa wird so geliebt von seiner Gemeinde,“ sagte die Tochter und fügte mit einem schwärmerischen Blick hin- zu:„Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nur Geistlicher geworden sein.“ Der junge Schulmeister wäre gern entschlüpft. Es war ihm so schrecklich bange, als ob er zum Gericht geschleppt würde. Aber es gab kein Entrinnen, und die Frau Pfarrer wartete in der Tat schon mit dem Kaffee. Sie war anfangs über den unerwarteten Gast kaum weniger befangen als seser selbst, der nur auf der Kante des Stuhles zu sitzen wagte. Es war eine bläßliche Frau mit verschüchterten Mienen, die bei allem was sie sprach, den Gatten ansah, um zu erforschen, ob er ihre Rede auch billigte. Er saß bequem in einem Lehnstuhl, ließ es sich schmecken und begann dann dicke Rauchwolken aus einer langen Pfeife zu ziehen, die ihm Amalie inzwischen gestopft und an deren Tabak sie mit einem scherz— haften Knix einen Fidibus hielt. Die Rauch⸗ wolken wehrte ste mit den beiden Händen von sich ab, hustete und rief:„Ach, dieses Rauchen ist schrecklich, aber was vertragen wir Frauen nicht aus Liebe?“ Der Papa lachte aus vollem Halse hinter seinen Wolken.„Hörten Sie, Greiner, Sie dürfen es sich nie angewöhnen. Nun, Sie lieben die Blumen wohl mehr? Jedenfalls sind Sie auch Botaniker?“ Ruprecht bejahte und Amalie rief:„Ach, wie reizend!“ und schlug mit kindlicher Fröhlichkeit die Hände zusammen.„Ja, wieso denn?“ fragte die Mutter verwundert, erhielt jedoch keine Antwort, und der Pastor sagte:„Meine Tochter ist eine vorzügliche Kennerin der Flora unserer Land⸗ schaft. Sie könnten keine bessere Führerin als sie auf Ihren botanischen Ausflügen finden.“ Die Tochter schlug bescheiden die Augen nieder, der Vater aber rief:„Potz Tausend, man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Sie sind ja nach Schluß der Nachmittagsschule fref, üteber Greiner. Nun also!“ Ruprecht schaute in kläglicher Verlegenheit drein. Amalie lächelte ihm jedoch Mut zu und schüttelte seine Hand auf's Kräftigste, als gelte es, irgend einem feindlichen Geschicke Trotz zu bieten.„Ach, noch mehr trockene Blumen,“ seufzte die Mutter, ohne daß die Ihrigen darauf achteten. Ruprecht Greiner fühlte sich von all' der Freundlichkeit und Herzlichkeit wie von Sturz— wellen überschüttet. Erst als die Tür des Pfarr— hauses hinter ihm zufiel, konnte er wieder auf— tauchen und Luft schöpfen. (Fortsetzung folgt.) Hund und Arbeiter. von Heinrich Kleukens. Es ist Abend. Ich liege im Fenster und schaue in den prachtvollen Garten meines Nach⸗ barn hinab. Ruhe.— Nur die Bäume flüstern. In der Klematis umrankten Laube Tellerge⸗ klirr. Nun ein Geheul von einem getretenen Hund. Leises Sprechen..... Fast wider Willen spitze ich die Ohren und lausche:„Mußt nicht Anna, ein Tier hat doch auch Gefühle.“ „Du solltest mal lieber eine Karte an den N schreiben, damit er den Köter ab⸗ olt.“ „Aber Frauchen, das kann doch dein Ernst nicht sein,— Nero dem Schinder über⸗ geben...— 21— Aber nein, das wäre un⸗ dankbar, das wäre roh. Bedenke, Anna, 17 Jahre haben wir ihn schon, 17 Jahre hat er treu unser Haus bewacht und mir auf der 0 d Dienste geleistet, die ich nimmer ver⸗ gessen...“ „Das hat er, aber für das Gewesene gibt der Jude nichts. Bedenke nur, heute morgen kam ein Bettler in den Vorgarten, meinst du, daß er auch nur einen Ton don sich gab? und was wollen wir mit einem solchen Hunde? Füttern für nichts?“ „Du bist hart und herzlos!“ Dieselbe Stimme leiser, wie seufzend:„Ja, ja, Undank ist der Welt!“ Dann zärtlich und schmeichelnd:„Komm Nero, komm mein Jung- ecken.— Hast gehört, was Muttern sagte? Aber beruhige dich: so lange ich leb', soll dir kein Haar gekrümmt werden. Du hast ja dein Gnadenbrot redlich verdient.“ Schweigen und Tellergeklirr.... Es öffnet sich die Hintertüre des Hauses, heraus tritt ein haubengeschmücktes Dienst⸗ mädchen, welches mit schnellen Schritten zur Laube geht und in derselben verschwindet. „Ein Arbeiter wünscht den Herrn zu sprechen.“ „Mich?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Was ist denn das wieder für'n Kerl.“ „Derselbe, der gestern abend da war.“ „Ah, der alte Frerking. Sagen Sie ihm nur, ich wär nicht da.“ „Ja— aber ich habe schon gesagt, daß der gnädtge Herr da seien.“ „Dummes Ding— na dann sagen ihm meinetwegen, Sie hätten sich geirrt, ich wäre doch vor kurzem fortgegangen. Verstanden?“ 1 Das Mädchen verläßt die Laube und geht ins Haus. „—— Wie dumm und frech doch diese Menschen sind.— Läuft sich fast die Beine aus, um wieder bei mir in Arbeit zu treten. Beruft und stützt sich darauf, daß er fast 30 Jahre in meiner Fabrik gearbeitet hat, grad als wenn ich Schuld sei, daß die Zeit so schnell aht „Warum hast du ihn denn entlassen 2“ „Warum? War schon zu alt, zu alt, konnte nicht mehr leisten, was junge Leute spielend machen können. Man kann doch nicht verlangen, daß ich ihn bis an sein Ende durch— füttere? Humoristisches. Vererbung.„Wissen Sie, Hochwürden, die Llebe und Verehrung für die heilige Kirche llegt mir eben schon im Blute. Meine Mutter war ja Pfarrers⸗ köchin.“(Simpl.) ——— Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. MKaminka befindet sich jetzt Marktplatz 11 am Kriegerdenkmal. Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeltung Gießen, Rittergasse 17, sind, zu beziehen: Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. 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