tler nde * der ler von iche em · ikat 1 J Mer. 30. 5 .. Gießen, den 23. Juli 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Jbonnt Mitteldeutsche Ugs⸗Jeitu Nebaktionsschluß: Deuverztag Nachmittag 4 Uhr. U l. 2 Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Bestellungen Juserate Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K, 5107)] 33¼% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die Standesherren in Hessen. Die hessische Wahlreform scheiterte zuletzt an dem Widerstande der Ersten Kammer, der Vertretung der Standesherren, der feudalen Großgrundbesitzer. Für ihre Zustimmung zur Einführung des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts verlangte ste unter Führung des Wormser Lederkögigs eine Erweiterung ihres Budgetrechts, was eine Stärkung des Feuda⸗ lismus bedeutet. Dem konnte die Regierung nicht zustimmen, weil auch die Zweite Kammer ihre Zustimmung dazu nicht gegeben hätte und somit fiel die Vorlage in's Wasser. Die hessischen Edelsten waren also bestrebt, ihre Vorrechte noch zu vermehren, ihre Macht zu vergrößern, wobei sie merkwürdigerweise noch ein Gießener Professor unterstützte. Aehnliches wie in Hessen können wir auch in andern süddeutschen Bundesstaaten beobachten. Einer volkstümlicheren modernen Gestaltung der Verfassung leisten die adeligen Herren Widerstand und es stehen überall, wenn man die Verhältnisse im Allgemeinen nimmt, das durch die Zweite Kammer repräsentierte Bürgertum — so rückschrittlich dieses auch teilweise sein mag— und die Regierungen den trotzigen Standes⸗ herren gegenüber. Es zeigt sich, daß der alte totgeglaubte Feudalismus noch eine große Macht besitzt und diese Macht ist nicht nur polltischer sondern noch mehr wirtschaftlicher Natur und für die Bundesstaaten, für die Allgemeinheit so verhängnisvoll, daß sich eine nähere Betrachtung lohnt. Sehen wir uns mal in unserm Hessen⸗ ländchen ein wenig nach dieser Richtung um! In unserm kleinen rund eine Million Ein⸗ wohner zählenden Lande finden wir folgende ehemals reichsunmittelbaren Hochadeligen in der Ersten Kammer: die verschiedenen Grafen und Fürsten von Yenburg, die verschiedenen Grafen und Fürsten von Solms, die verschiedenen Grafen und Fürsten von Leiningen, die ver⸗ schiedenen Grafen von Erbach, die Fürsten von Löweustein, die Grafen von Schlitz usw. Zu diesen Urfeudalen kommen noch die ehemaltg selbständigen Gerichtsherren, die an Machtvoll⸗ kommenheit den Reichsunmittel baren kaum nach⸗ standen, darunter sind die Freiherren Riedesel 5 Eisenvach, die Schenke zu Schweinsberg und ie Freiherren von Nordeck zur Rabenau durch besonders umfangreiche Besitztümer ausgezeichnet. Im linksrheinischen Hessen hat allerdings Napoleon I. mit den Feudalherren so radikal aufgeräumt, daß dort kein einziger mehr zu finden ist, im rechtsrheinischen Hessen dagegen teilen die Standesherren das ganze Land in kleine Zaunkönigreiche und zwar so gründlich, daß für Staat, Bauern und Bürgertum nur noch wertlose Brosamen übrig bleiben. So um⸗ faßt der Besitz der Freiherrn v. Riedesel fast den ganzen Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. In diesem Kreise waren die Bauern noch bis zum Jahre 1848 den Freiherren frohnpflichtig und heute noch nennt das Landvolk diesen Feudal⸗ herrn kurzweg die Herrschaft. In der Tat ist denn auch die Herrschaft der Riedesel über ihre Bauern fast unumschränkt. Fast sämtliche Wälder, Flußläufe, Weiden, Acker, Wiesen, Flachsfelder und Brachländereien des Wahl⸗ kreises sind Eigentum der Freiherren. Nur dann und wann befindet sich ein armseliges Wäldchen im Gemeinde⸗, ein steiniger Acker im Privatbesitz. Der Bauer— und er ist meist ein armseliger Kleinbauer— ist also nur der Pächter der Freiherren und muß, um den Pachtschilling für seine Parzelle aufzutreiben, sich den Winter hindurch fleißig auf die Haus⸗ industrie— Leinenweberei— legen, wenn er sich überhaupt auf seinem Zwerghofe halten will. Er frohndet also eigentlich noch genau in demselben Maße wie in der Feudalzeit und die sogenannte Herrschaft erhebt noch in dem⸗ selben Maße wie damals den Zehnten als Abgabe. Der ganze Wahlkreis ist tributpflichtig. Ein kompliziertes Beamtensystem mit einem Kammerdirektor an der Spitze bildet ihre Regierung und die gnädigen Herren, wie das Volk die Barone nennt, halten noch ebenso prunkvoll Hof wie in der Rokokozeit. Noch schärfer tritt der höfische Charakter in den Residenzen der Ysnburger und der Erbacher hervor. Der Fürst von YMenburg⸗ Büdingen z. B. hat ein fast den ganzen Kreis umfassendes Besitztum, wo ihm jede Krume Ackerland, jeder Stein, jeder Baum, jeder Wassertropfen eigentümlich gehört. Er hat einen großen Beamtenstaat, einen glänzenden Hofhalt, ernennt Hoflieferanten, Hofprediger usw., schlägt als Protektor des Eymnasiums die Lehrer vor, ist Patron und Bestaller sämtlicher Pfarreien seines Reiches, kurz, er ist, soweit seine Marken reichen, ein Zar im kleinen. Und schwer sind die Steuern, die ihm die Bauern für die gepachtete Scholle zu entrichten haben. Noch mächtiger ist der Graf von Erbach, der von seinen Bauern allgemein„der Herr“ genannt wird. Er hat seine Besitzung so abgerundet, daß er im Kreise Erbach der einzige Grund⸗ besitzer ist. In seiner Residenz und an seinem Hofe herrscht eine Kriecherei, eine Liebdienerei und ein so abstoßender Byzantinismus, wie man ihn kaum in Potsdam finden dürfte. Seine Allmacht innerhalb des Ländchens geht so weit, daß die Wirte nur das vom Grafen gebraute Bler verschenken dürfen. So sitzt im rechtsrheinischen Hessen ein Blutegel an dem anderen. Und allesamt saugen sie so kräftig, daß es mit dem Volks⸗ wohlstand eher rückwärts als vorwärts geht, und was der Herr noch übrig läßt, der länd⸗ liche Wucherjude schluckt. Daß sich unter diesen Verhältnissen die Wucherer ansammeln mußten, wie die Geier über dem Aas, liegt auf der Hand; aber der Wucher ist nur die Folge, nicht Ursache des Elends. Nicht der Jude ist dort der Blutsauger, sondern der adlige Grund⸗ herr. Der Graf von Schlitz, der an Macht und Reichtum dem Erbacher kaum nachsteht, geht darin sogar so weit, daß er seine Land— arbeiter mit Blechmarken auszahlt, die, worauf wir schon öfters hingewiesen haben, von den ebenfalls vollständig vom Grafen abhängigen Geschäftsleuten gegen Lebensmittel und Ge⸗ brauchsgegenstände eingelöst werden. Er ist also in seinem Lande auch der Münzherr und hat dadurch dieses Verfahren eine Grenzsperre geschaffen, um die ihn Podbielski beneiden könnte. In diesen kleinen Zaraten ist die russische Wirtschaft so vollkommen durchgeführt, daß sogar die amtlich inszenierten Judenhetzen nicht fehlen. Um nämlich den Groll der Kleinbauern von den eigentlichen Ursachen ihres Elends ab⸗ zulenken, wurde der Antisemitismus von den Beamten der Feudalherren begünstigt, ja gerade⸗ zu künstlich gezüchtet. Und die Bauern sind oft genug auch so dumm gewesen, gegen die Juden zu wüten und zu toben, die gräflichen und fürstlichen Vampyre dagegen als die ihnen angestammten Herren, als die ihnen von Gott gesetzten Obrigkeiten zu beweihräuchern. Es gibt also in Hessen trotz der verhältnis⸗ mäßig freien Verfassung, trotz des leidlichen Liberalismus der rechtmäßigen Regierung eine ungesetzliche aber tatsächliche Duodeztyrannei, die auch die freieste Verfassung illusorisch macht. Es sind nicht die scheinbar veralteten politischen Privilegien der Standesherren, die diesen das Rückgrat stärken zu ihrer trotzigen Auflehnung gegen die Regierung und die Volksvertretung, sondern es ist ihre ungeheuere aus ihrem materiellen Besitze entspringende wirtschaft⸗ liche Allmacht in ihren umfangreichen Herr⸗ schaften. Hier an die Wurzel ihrer Macht muß die Axt gelegt werden und das einzige Mittel, das die Frohnbauern der geistigen und ökonomischen Tyrannei ihrer Frohnherren ent⸗ ziehen kann, ist die sozialistische Aufkärung, die hier und da auch unter der zurückgebliebenen Bevölkerung dieser absoluten Zaunkönige bereits eingesetzt hat und die zu fördern unsere Auf⸗ gabe sein muß! Sozialdemokratie und Zentrum. Die Landtagswahlen in Bayern, bei denen die Sozialdemokratie mit dem Zentrum Hand in Hand gegangen ist, fordern einmal wieder Betrachtungen über das Verhältnis dieser beiden groen Parteien heraus. Es soll sich dabei nicht um eine Einmischung in die von dem bayrischen Genossen befolgte, aus der Ferne nicht so ohne Weiteres zu beurteilende Taktik handeln, sondern vielmehr um ein paar grundsätzliche Bemerkungen. Zwei Gesichts⸗ punkte waren bekanntlich für dieses Zusammen⸗ gehen maßgebend. Einmal galt es eine Mehr⸗ heit in den Landtag zu schicken, die zuversicht⸗ lich für die Wahlreform zu haben ist. Die bunt zusammengewürfelten liberalen Parteien mit ihren schroffen inneren Gegensätzen lassen bekanntlich auch in dieser Frage noch immer berechtigten Zweifel zu. Zweitens wurde die Ansicht geäußert, man müsse dem Zentrum einmal Gelegenheit geben, mit seiner Politik praktisch zu experimentieren, um deren ganze Unzulänglichkeit modernen Verhältnissen gegen⸗ über recht ans Licht treten zu lassen. Ueber⸗ lassen wir die Verantwortung für diesen Versuch den bayrischen Genossen und wünschen wir ihnen allen Erfolg, den sie sich davon versprechen. Wir aber möchten doch von unserem allgemein betrachtenden Standpunkte aus vor allem das eine recht kräftig hervorheben, daß es sich bei diesem Zusammengehen nur um ein vorüber⸗ gehendes Bündnis zu einem ganz bestimmten Zweck handeln kann, und daß dadurch gar nichts an dem grundlegenden Gegensatz beider Parteien geändert werden kann. Schon gleich nach den Wahlen wurden in den Blättern beider Parteien Meinungen dahingehend aus⸗ gesprochen. Wir, die moderne Partei, den Blick mutig vom althergebrachten gelöst und in die Zukunft gerichtet, Verfechter des energisch aufs diesseits angewandten Humanitätsgedankens 5 85 9 KKH ³oWwW]MQMQQ.—— 8—— 5 0 —— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 30. haben innerlich mit jenen romantischen Mittel⸗ alters⸗Verklärern und Jenseits⸗Vertröstern ab⸗ solut nichts gemein. Während die letzteren den Staat auch heute noch völlig in den Dienst der metaphysischen Spekulationen eines Augustinus oder Thomas von Aquino“) stellen möchten, kann unser Ziel niemals ein anderes sein, als das, welches unsere französischen Genossen unter Jaures Führung haben erkämpfen helfen: die reinliche Scheidung zwischen kirch⸗ lichen und staatlichen Interessen. Wir würden uns jedenfalls schönstens dafür bedanken, daß die Bülow'sche Politik dem Papste jetzt in Deutschland etwa die Stütze darzubieten versuchte, die er in Frankreich ver⸗ loren hat. Dieser prinzipielle Gegensatz aber ist so einschneidend, daß wir auch einzelnen praktischen Fragen gegenüber nicht allzuoft und nicht allzuweit mit dem Zentrum zusammen marschieren können.(Gewiß nicht! D. Red.) Nehmen wir selbst einmal die für Bayern ent⸗ scheidende Wahlrechtsfrage. Gewiß, in Bayern selbst ist das Zentrum eben für direkte, allge⸗ meine Wahl. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Nirgendwo sonst hat die katholische Geistlichkeit solch' beherrschenden Einfluß auf eine so große Zahl harmloser Gemüter. Wie aber steht es z. B. in Württemberg, wo einer zeitgemäßen Verfassungsänderung in demokra⸗ tischem Sinne gerade vom Zentrum aus alle möglichen Hemmnisse in den Weg gelegt werden? Das Zentrum ist nur da ehrlich demokratisch, wo es die Mehrheit für sich hat, wo also die Demokratie zur Grundlage seiner Macht dienen kann. Seine demokratische Gesinnung gerät aber sofort ins Wanken, wo es mit andern Mehrheiten zu rechnen hat. Da sind ihm auch ganz andere Mittel genehm, wenn es seine Macht damit behaupten kann. Für den Zent⸗ rumsanhänger sind eben die politischen Fragen neben der Kirche durchaus keine letzten und höchsten Ziele, keine prinzipiellen Fragen, son⸗ dern vielmehr nur Mittel, die man so oder so anwendet, je nachdem man ste für einen viel höheren Zweck, das ist die Herrschaft seiner Kirche, gebrauchen kann, demokratisch hier, aristokratisch dort, monarchisch heute, republi⸗ kanisch morgen. Wie sich die Klerikalen mit ihrer großen Majorität iu bayrischen Landtage benehmen werden, ist wirklich äußerst interessant. Werden sie jetzt, ihren schönen Worten ent⸗ sprechend, sofort die Wahlreform durchführen, und auf Grundlage des neuen Wahlrechts um⸗ gehend die Neuwahlen ausschreiben? Wie wird ihnen dieser Versuch bekommen? Oder werden sie nach berühmten Mustern die Neuordnung möglichst hinauszuzögern und zu verklausulieren suchen? Wie wenig ihnen die Wahlrechtsfrage au sich wirklich eine Haupt⸗ und Herzensfrage ist, dafür möchten wir eine Stelle aus ihrem Organ, dem„bayrischen Kurier“ hier anführen: „Der Wahlausfall in Bayern hat hoch⸗ politische Bedeutung für ganz Deutschland. Er war eine Kraftprobe des absterbenden Kulturkämpfertums. Hätte dieses auch nur kleine Erfolge errungen, so wäre damit eine höchst gefährliche Zeit für die deutschen Katho⸗ liken angebrochen. Die Lust zu einem neuen Kulturkampf würde sehr gewachsen sein. Aber die bayrischen Katholiken wußten auch, was auf dem Spiele stand. Sie sind die treuen Wächter der Katholtken Deutschlands gewesen.“ Also, der Triumph des Katholizismus über seine Gegner, das war der ganze Zweck ihres Vorgehens! Aus der Maske des Wahlrechts⸗ vertetdigers schaut der nach der politischen Macht strebende Klerikale heraus! Ob man ihm zu ähnlichen Vorstößen wohl noch oft die Hand bieten wird? 5 K. Wbr. Wir halten die Befürchtungen des Genossen Wbr. für unbegründet. Daß die Sozialdemo⸗ kratie sich niemals mit dem reaktionären Zent⸗ ) Metaphysische Spekulationen= Grübeleien über das Jenseits. Der Kirchenvater Augustinus starb 480 n. Chr., der Kirchengelehrte Thomas von Aquino 1274. Ihr Ideal war der sogenannte„Gottesstaat“, ein Staat, der ganz nach den Wünschen und Interessen der Kirche und der Geistlichkeit eingerichtet, die Menschen vor allem für die„ewige Seligkeit“ zu retten hatte. Daher auch die Ketzergerichte und Ketzerverbrennungen. rum verbünden kann, darin stimmen wir ihm vollkommen bei und darüber ist sich die ganze Partei einig. Es war in dem bahrischen Falle allein der Prinzipienverrat des Liberalismus, welcher unsere Genossen zu dem taktischen Zusammengehen mit dem Zentrum zwang. Und wenn die liberalen Blätter jetzt über die „Unnatur“ des sogenannten Bündnssses jammern, so stellen sie damit nur die Erbärmlichkeit des Liberalismus an den Pranger, der die Wahl⸗ reform vereitelte und so zum Wahlrechts räuber wurde. Unsere Parole aber mußte sein: Nieder mit den Wahlrechtsräubern! Und dieser mußten wir folgen, so unsympathisch uns das Zentrum ist. r Agrarpolitik und Massenhunger. Noch macht sich die auspowernde Wucht des agrarischen Lebens mittelwuchers nicht gel⸗ tend, die mit der Inkrafttretung des Zolltarifs resp. der Handelsverträge die Taschen der Ar⸗ beiter umwenden wird, gleichwohl bekommen sie jetzt schon einen Vorgeschmack von dieser ausraubenden Hungerkur durch die unerhörte Steigerung der Fleischpreise. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß bei diesen hohen Preisen Fleisch zu einem Luxusartikel für die Arbeiter wird. Und daran ist nur die agrarische Politik der Reichsregierung schuld, die den Wünschen der agrarischen habsüchtigen Schreier entsprechend die Grenzsperre für Schlachtvieh bestehen läßt, obgleich die Fleisch⸗ not immer größer wird. Seit Jahren heulen diese Schreihälse über die angeblichen Gefahren, die bei unbehinderter Einfuhr über den inländischen Viehbestand kommen müßte, durch die Einschleppung von Viehseuchen. Die Uebertreibung dieser Gefahr ist oftmals von Sachverständigen, ja selbst vom Regierungstisch gelegentlich nachgewiesen, da⸗ gegen auf die schmutzige Wirtschaft in ostelbischen Bezirken hingewiesen worden, die den Ausbruch von Viehseuchen fördere. Aber die Grenzsperre vermindert die Einfuhr, überhaupt den Auftrieb von Schlachtvieh, und hat darum eine Steige⸗ rung der Vieh⸗ resp. Fleischpreise zur Folge; das ist für die Agrarier die Hauptsache, denn die hohen Viehpreise steigern das Einkommen der junkerlichen, hungerleiderischen Großgrund⸗ besitzer. Von allen Seiten müßte darum auf die Regierung eingewirkt werden, daß ste die Auf⸗ hebung der Grenzsperre verfügt. Daß sie jetzt die Hauptursache der schier unerschwinglichen Fleischpreise ist, wird unter anderem beweis⸗ kräftig erklärt durch ein Gutachten des Offen⸗ bacher Schlachthofdirektors, der auf Ansuchen des Offenbacher Abendblattes sich folgender⸗ maßen über die Ursachen der Fleischnot äußerte: „Die Viehpreise sind gegenwärtig in Deutsch⸗ land sehr hoch, jedenfalls höher als im Jahre der Fleischnot 1902. Die Metzger greifen ja in solchen Fällen stets zur Selbsthilfe, indem sie auch die Fleischpreise erhöhen. Diese Er⸗ höhung der Fleischpreise wird aber auf die Dauer nicht verfangen, denn der jetzige hohe Detailpreis für Fleisch steht im schreienden Gegensatz zu den Erwerbsverhältnissen der arbeitenden Klassen. Der hohe Detailpreis erklärt sich aber aus den hohen Preisen für Schlachtvieh; von einem Verdienst kann bei den Metzgern unter diesen Umständen kaum die Rede sein, jedenfalls ist er gegenwärtig sehr gering. Wenn die Metzger aber behaupten, sie müßten noch Geld darauf legen, so scheint mir das doch etwas zu viel gesagt. Die Ursachen für die ständige Steigerung der Fleischpreise müssen in den wechselnden Erträgnissen der Ernteergebnisse des Deutschen Reiches gesucht werden. Bald wächst nicht genug Futter und man muß Vieh verkaufen; bald hat man für das gewachsene Futter nicht Vieh genug und muß aufzüchten, in ersterem Falle haben wir dann niedrigere, im letzteren Falle höhere Viehpreise. Wenn in den früheren Jahren der Einfluß einer ungünstigen Ernte auf die Vieh- und Fleischpreise nicht so in Erscheinung getreten ist, so muß der Grund darin gesucht werden, daß das Ausland alsdann mit seinem Produk⸗ tionzüberschuß eintreten konnte. Es konnte Vieh und Fleisch nach Deutschland einführen, sobald eben die Konjunktur günstig war, und zog sich wieder zurück, sobald die Viehzucht⸗ verhältnisse in Deutschland sich wieder günstiger gestalteten. Als indessen von der Regierung den agra⸗ rischen Bestrebungen Rechnung getragen wurde und durch Sperrung der Grenzen gegen die Vieheinfuhr sowie durch die Einfuhrvorschriften gegen das ausländische Fleisch die Einfuhr⸗ menge von Vieh und Fleisch heruntergedrückt wurde, konnte das Ausland nicht mehr aus⸗ helfen; und nunmehr müssen die Verbraucher die Konsequenzen dieser Politik tragen.“ Nach einigen Betrachtungen über die Zweck⸗ mäßigkeit einer verbesserten Viehzüchtung in Deutschland und Erörterungen über lokale Verhältnisse in Offenbach heißt es dann in dem Gutachten weiter:„Deutschland wird weder jetzt noch in Zukunft in der Lage sein, den für seine große industrielle Bevölkerung erforderlichen Fleischbedarf aus eignen Mitteln zu decken. Wenn die Vieh⸗ und Fleischpreise so weiter steigen, dann wird sich die Regierung doch ver⸗ anlaßt sehen, die Grenzen für die Einfuhr von Schlachtvieh zu öffnen, selbstverständlich unter Anwendung der nötigen Schutzmaßregeln, damit nach Deutschland keine Viehseuchen eingeschleppt werden können. Der beste Schutz in dieser Hinsicht ist die möglichst baldige Abschlachtung des Auslandsvieh in besonderen Schlachthäusern. .. Die Regierung kann unter den bestehenden Verhältnissen unmöglich die Grenzsperre aufrecht erhalten. Nur dadurch, daß ste sich solche Viehproduktionsgebiete dienstbar macht, welche verhältnismäßig billiges Schlachtvieh liefern können, kann die immer weiter auf⸗ tretende Fleischteu rung bekämpft und die dar⸗ aus resultierende Unterernährung der deutschen Bebölkerung vermieden werden.“ Dieses gewiß unpartetlische Gutachten be⸗ stätigt die absichtliche, der Liebesgabenpolitik für die Agrarier entsprechende Aufrechterhalung der Grenzsperre, deren Aufhebung schon seit längerer Zeit auch von den Korporationen der Fleischer in vielen Städten verlangt wird. Neuerdings hat nun die Regierung einige Geheimräte zu einer Untersuchung an die öst⸗ lichen Grenzen des Reiches entsandt, die dort über die Möglichkeit einer Beseitigung oder Ein⸗ schränkung der Grenzsperre befinden sollen. Be⸗ kanntlich schleppen sich solche Untersuchungen und Beratungen der Herren vom grünen Tisch un⸗ endlich hin, und in der Regel kommt dabei nur heraus, was die Regierung wünscht. Inzwischen aber wirkt die Fleischnot fort, die für die Ar⸗ beiter eine immer mehr um stch greifende Unter⸗ ernährung, also eine Kraftminderung bedeutet, die der gesamten Warenproduktion nachteilig ist. Spürt die arbeitende Klasse in diesem Falle schon die Schädlichkeit der Wirtschaftspolitik der Regierung, so wird sie nach der Inkrafttretung des neuen Zolltarifs, der alle Lebensmittel im Preise steigern muß, die ganze Arbeiterfreundlich⸗ keit dieser Politik noch deutlicher verspüren. Möglicherweise wird dann der Massenhunger dem agrarischen Regime ein Ende bereiten. (Tab.⸗Arb.) Politische Nundschau. Gießen, den 20. Juli 1905. Fleischer, Fleischnot und Agrarier. Die„Deutsche Tageszeitung“, das Organ des Bundes der Landwirte, steht sich veranlaßt, einen„Mahnruf an das deutsche Fleischer⸗ gewerbe“ zu erlassen, dessen offenstchtlicher Zweck es ist, den Riß zu verkleistern, der zwischen dem Agrariertum und der sogenannten „Mittelstandsbewegung“ infolge der gegenwärtig herrschenden Fleischnot entstanden ist. Die Berliner Fleischerinnung hat sich genötigt ge⸗ sehen, den Zorn ihrer Kundschaft dadurch von sich abzulenken, daß sie zu ihnen ein offenes Wort über die agrarische Mißwirtschaft und die willkürliche Grenzsperre sagte. Auf der andern Seite hat die agrarische Presse dem en he⸗ der er her 9e ort n .. Nr. 30. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite&. ere einzureden versucht, daß nur die Fleischer schuld an den hohen Fleischpreisen trügen. Jetzt redet die„Deutsche Tageszeitung“ den Fleischern gut zu, sie sollten mit den Vieh⸗ züchtern„rückhaltlos“ zusammenstehen in der wirklich gemeinsamen Vertretung des Grund⸗ satzes„Leben und leben lassen“. Das heißt mit andern Worten, man will über den Fleisch⸗ wucher der Fleischer herzhaft beide Augen zu⸗ drücken, wenn die Fleischer künftig über den Viehwucher der Viehzüchter kein Wort mehr verlieren wollen. Eine ganz ähnliche Differenz besteht bekannt⸗ lich zwischen den Bäckern und den Getreide⸗ produzenten. Hier hat nun schon das Wahl⸗ Abe des Bundes der Landwirte längst die glückliche Lösung gefunden, auf deren Boden sich beide Stände wieder zusammenfinden können. Es erklärt nämlich treu und bieder, daß an hohen Brotpreisen niemand anders schuld trüge als die— hohen Löhne der Bäckergesellen. Und nach dem gleichen Schema macht der dicke Oertel in seinem Bündlerblatte jetzt die hohen Löhne der Metzgergesellen für die jetzigen hohen Fleischpreise verantwortlich. Das elendeste Wahlsystem. Bei den letzten preußischen Landtags⸗ wahlen hatte unsere Partei im Ganzen 10600 Wahlmänner durchgebracht. Die Gesamtzahl der preußischen Wahlmänner betrug 124 900. Da unsere Partei sich zum ersten Mal in mehreren Wahlkreisen— bei weitem nicht in allen— beteiligte, so scheint uns das Resultat der Wahl ein recht erfreuliches zu sein.— Die amtliche Statistik über die Landtagswahlen ist zwar immer noch nicht erschienen, die Angaben über die Wahlmännerzahl findet sich aber in dem soeben erschienenen Sessionsbericht 1904/05 des preußischen Abgeordnetenhauses. Es ist bekannt, daß diese 10600 Wahlmänner nicht einmal einen Abgeordneten wählen konnten. Und doch nennt man das preußische Abgeord⸗ netenhaus eine„Volksvertretung“! Der Pokerminister. In Bückeburg wurde vorige Woche vor dem Schwurgericht gegen den Kellner Meyer wegen Meineid verhandelt. Dieser Prozeß war aus Vorgängen entstanden, die sich in der „besten“ Gesellschaft des Residenzstädtchens Oldenburg abgespielt hatten und in denen der Justizminister des Landes, der Mann, der über Recht und Gerechtigkeit im Oldenburger Lande zu wachen hat, in höchst zweifelhaftem Lichte erschien. Die Oldenburger„Gesellschaft“— wenigstens ein Teil derselben— sucht mangels besseren Zeitvertreibs im Zivilkasino in ver⸗ botenen Glücksspielen„Anregung“ und Unter⸗ haltung. Dabei gings nicht immer ganz glimpflich ab. Man weiß, daß ein Hauptmann sich wegen der Spielverluste das Leben genommen hat. Man weiß, daß die„vornehmsten“ Kreise der Stadt sich in den verschwiegenen Räumen zu⸗ sammenfanden, und die Geldumsätze keine ge⸗ ringen waren. Auch der Justizminister Franz Ruhstrat war von der Partie. Diese Dinge brachte der Oldenburger„Residenzbote“ in die Oeffentlichkeit und wies dabei auf die merk⸗ würdige Tatsache hin, daß hohe und höchste Justizbeamte dem Glücksspiel fröhnen, während das Strafgesetz, das sie zu handhaben berufen sind, dieses Glücksspiel mit Strafe bedroht! Ruhstrat, der Justizminister, hat gegen den „Residenzboten“ mehrfach Strafantrag gestellt und Oldenburger Richter und Staatsan wälte, von denen mehrere an dem Spiele sel bst be⸗ tetligt gewesen, haben die unbequemen Kritiker zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Herr Ruhstrat aber hat als Zeuge ausgesagt, er habe lediglich vor langen Jahren— Ende der achtziger oder Anfang der neunziger Jahre— sich gelegentlich am Glücksspiel beteiligt. Seit er Sberstaatsunwalt geworden, habe er nicht mehr„hazardiert“, nur„gepokert“ und das Gericht sah Pokern im Gegensatz zur allge⸗ meinen Ansicht, nicht für Gl ksspiel an. Die Kellner, die Ruhstrat im Zivilkasino be⸗ dienten, wußten aber, daß dies die Unwahr⸗ heit war. Der Kellner Meyer meldete sich bei dem Verteidiger des angeklagten Redakteurs Biermann und sagte als Zeuge aus, was er wußte. Des Ministers Etd gilt aber mehr, als des Kellners, letzterem wurde der Prozeß gemacht. Jetzt hat ihn jedoch das S hwurgericht freigesprochen, nachdem er lange steben Monate in Untersuchungshaft gesessen! Der Freispruch Meyers bedeutet aber soviel, daß die Beschworenen der Ansicht sind, daß nicht der Kellner, sondern der Minister einen Meineid geschworen hat. Trotzdem steht letzterer noch an der Spitze der oldenburgischen . und denkt nicht daran, einfach zu gehen! Reichstags ⸗Ersatzwahlen. Im Wahlkreise Oberbarnim hat am 13. Juli Ersatzwahl wegen Ungiltigkeitserklärung der Wahl des freikonservatlven Professors Pauli stattgefunden. Wie die Wahl im Juni 1903, so stand auch die jetzige unter dem Zeichen der unerhörtesten Wahlbeeinflussungen. Die Krieger⸗ vereine und der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie bildeten den Vorspann bei der konservativen Wahlmache. Für den konservativen Professor Pauli wurden gezählt 6268, für Bruns(Soz.) 6319, und für Koll⸗ mann(Frs. Vp.) 3532 Stimmen. Pauli hatte 1903 im ersten Wahlgang 6829 Stimmen, der sozialdemokratische Kandidat Bruns 7202, der Kandidat der Freisinnigen Volkspartei Hermuth 2904 Stimmen erhalten. In der Stichwahl stegte dann Pauli mit 9450 Stimmen gegen Bruns, auf den 8357 Stimmen entfielen.— In Fürth⸗Erlangen findet die Ersatzwahl am 20. Jult statt. Dort stehen sich der Liberale Barbeck, dessen Mandat für ungültig erklärt wurde, und unser Genosse Segitz gegenüber. In Essen ist die Wahl auf den 19. September festgesetzt. Von der russischen Revolution. Mit dem Kaiser Nikolaus ist seine Sippe höchst unzufrieden, wie eine russische Korrespondenz aus guter Quelle erfährt. Speziell seine Mutter soll auf seine zeitweilige Zurück⸗ ziehung von den Regierungsgeschäften hinarbeiten. Es würde nicht viel Ueberredungskunst dazu gehören, Nikolaus zu dem zeitweiligen Verzicht zu bestimmen. Er hat, abgesehen von Stunden, in denen er plötzlich Anwandlungen eines ent⸗ schlossenen Autokraten bekommt, selbst das Bewußtsein, daß er seiner Augabe nicht gewachsen ist, und seiner Gemahlin gegen⸗ über hätte er häufig allen Ernstes den Wunsch ausgesprochen, die Rolle des Zaren mit der eines Klostervorstehers zu vertauschen. Seine eigene Familie hätte ihn vielleicht schon längst bei Seite geschafft, wenn ste sich auf einen Nachfolger einigen könnte. Damit läßt sich wohl auch die Meldung über ein geplantes Dynamit⸗Attentat in Ver⸗ bindung bringen, das auf den Zaren in dem Schloß Illinskoje bei Moskau, wohin er sich begeben wollte, ausgeführt werden sollte. Unter den kaiserlichen Gemächern entdeckte man einen geheimen unterirdischen Gang, in dem sich eine große Menge Dynamit befand, um das Schloß in die Luft zu sprengen. Offiziere wollen Henkersdienste nicht mehr leisten. In Warschau kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen dem litauischen Garde⸗ regiment und Kosaken. Danach habe das litauische Regiment durch elne Deputation von acht Offizieren erklärt, daß es auf Auf⸗ ständige nicht mehr feuern werde, wo⸗ rauf diese Offiziere zum Tode verurteilt wurden. Das Regiment weigerte sich die Strafe zu vollziehen. Kosaken hätten die Offiziere getötet, seien aber gleich vom Regiment niedergemacht worden. Sogar Kosaken meutern! Aus Lodz wurde berichtet, daß auf dem Wege von dort nach Zgierz unter einer Kosakenabteilung von 200 Mann eine Meuterei ausgebrochen sei. 60 Mann weigerten sich, das ihnen gebotene Mittag- essen anzunehmen, da es zu schlecht sei. In Warschau wurden eine Anzahl Offiziere, die sich geweigert hatten, auf das Volk schießen zu lassen, erschossen. Welche Bestialitäten von den russischen Henkersknechten ausgeübt werden, geht aus einem vom 8. Juli aus Odessa datierten Briefe hervor, der in der Presse veröffentlicht wurde. Es heißt darin: Die Tage, da die gesamte Ein wohnerschaft Odessas die zaristischen Schrecken hat über sich ergehen lassen, sind nun vorüber, aber unsere Stadt befindet sich noch immer im Kriegs⸗ zustande. Aeußerlich ist nichts zu merken, aber in den Poltzeirevieren spielen sich Tragödien ab, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fallen. Selbst die kühnste Phantasie dürfte sich das Bacchanal der brutalsten Mißhandlungen wehr⸗ loser Jünglinge und Mädchen kaum ausmalen. Auf den Polizeiwachen schlägt man nicht, son⸗ dern prügelt zu Tode, begießt die Geprügelten mit kaltem Wasser und prügelt weiter: selbst dann noch, wenn die Opfer unter den Schlägen der Säbel und Nagaikas zusammenbrechen. Alle Nachrichten über die Greuel, die ich Ihnen mitteile, sind aus erster Quelle. Viele Gefangene werden von den Bestien verwundet, zu Krüppeln ver⸗ unstaltet, vergewaltigt. Gestern brachte man nach dem jüdischen Krankenhause zwei Mädchen, die in barbarischer Weise vergewaltigt waren. Besonders grausam ist die Exekution gegen Arbeiter und Halbwüchsige, die auf den Barrikaden gekämpft haben. Entweder werden ste auf den Wachen zu Krüppeln gemacht oder einfach totgeschlagen und heimlich auf den Friedhof gebracht. Selbst die der Polizei ergebenen Dworniks der in der Nähe von den Polizeirevieren gelegenen Häuser erzählen, daß sie weder essen noch schlafen können, so sehr werden sie vom Geschrei und Gejammer der Gemarterten gequält. Vom russisch⸗japanischen Kriege. Die Japaner haben die Insel Sachalin zum Teil besetzt. Die russischen Streitkräfte auf dieser rauhen unwirtlichen Insel sollen nur 7500 Mann betragen, die den 14000 Japanern keinen ernsthaften Widerstand entgegenstellen können. Die Japaner landeten in Korsakowsk vollständiges Material für eine 125 Meilen lange Feldbahn und 3000 Kulis. Von Ruß⸗ land wurde Sachalin bisher als Strafkolonie für schwere Verbrecher benutzt. Die Insel umfaßt zirka 63600 Quadratkilometer, hat also etwa ein Neuntel der Größe des deutschen Reiches. Die Einwohnerzahl beträgt noch keine 20000. Wladiwostok ist jetzt vollkommen einge⸗ schlossen, nachdem die Japaner eine Armee im Norden der Festung gelandet haben.— Die im Hafen von Port Arthur gesunkenen russischen Schiffe haben die Japaner größtenteils wieder flott gemacht. Von Nah und Lern. Hessisches. — Wenn Sozialdemokraten die Mehrheit in der Gemeinde⸗Vertre⸗ tung haben, sorgen sie selbstverständlich auch dafür, daß die Arbeits verhältnisse der in städti⸗ schen Betrieben beschäftigten Arbeiter verbessert werden und sind vor allem bestrebt den acht⸗ stündigen Arbeitstag einzuführen. In dieser Richtung arbeiten auch unsere Genossen in Offenbach. Die dortige Stadtvertretung beschloß einstimmig, vom 15. Juli ab ver⸗ suchsweise auf ein Jahr dieneunstündige Arbeitszeit einzuführen. Voraussetzung soll dabet sein, daß der bisher für zehnstündige Arbeitszeit gezahlte Lohn weitergezahlt werde. Eln Schritt nach vorwärts ist hiermit getan, möge er durch eine sachgemäße und verständige Handhabung der Betriebsleitungen wie durch eine richtige Würdigung der interessierten Arbeiter so aus⸗ fallen, daß ihm bald weitere folgen können. Gießener Angelegenheiten. — Zum Fall Schädel. Auf den offenen Brief, den vor einiger Zeit Genosse Dr. David an den Geh. Oberschulrat Nod nagel richtete, hat dieser mit einer längeren Darlegung in der 5 . 1 1 5 1 4 6 5 I ů ͤů ͤ ͤ F Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 30. „Darmstadter Zeitung“ geantwortet. Er gibt darin zu, daß er sich bezüglich des Schriftstückes, auf das er seine Ausführungen in der Kammer gründete, geirrt habe. Doch hätten sich prak⸗ tische Folgen aus diesem Irrtum nicht. Genosse David nimmt Akt von dieser Richtig⸗ stellung und folgert aus der Erklärung Nod⸗ nagels: Nach dem eigenen Zugeständnis des Herrn Nodnagel ist also jetzt die von ihm in der Kammersitzung vom 15. Februar abgegebene Erklärung, daß das Gießener Lehrerkollegium es ablehne, irgend etwas von den gegen den Direktor vorgebrachten Beschwerden für berechtigt zu halten, falsch. Das Lehrerkollegium hat also niemals eire solche Erklärung abgegeben. Der scheinbare Widerspruch gegen die mir von Anfang an gewordene Juformation über die wahre Meinung der Mehrheit des Lehrerkolle⸗ giums ist damit aus dem Wege geräumt. Die Richtigkeit meiner Information wird natürlich nicht im geringsten durch die Meinung des Herrn Dr. Schädel über die Meinung der in Betracht kommenden Oberlehrer erschüttert. Herrn Schädels Urteil hätte auch für die Re⸗ gierung in diesem Fall in keinem Stadium der Angelegenheit als objektiv einwandfreie Infor⸗ mation gelten dürfen. Zum mindesten hätte man sofort eine ergänzende Erklärung von seiten der Lehrer einholen sollen. Professor Stamm selbst hat aber auch nachträglich in unzweideutigster Form bekundet, daß er die Nodnagel'sche Erklärung in der Kammer für unvereinbar mit der von ihm erteilten Auskunft halte. Die Tatsache, daß Herr Prof. Sramm am 10. März ds. Js. Herrn Nodnagel ersucht hat, ihm in Gegenwart des Lehrerkollegiums zu bestätigen, daß er ihm seinerzeit die Wahrheit nicht verschwiegen, son⸗ dern ihn darüber richtig informiert habe, daß jene Beschwerden bei aller Uebertreibung in der Form sich doch inhaltlich mit den Ansichten und Stimmungen des Lehrerkollegiums deckten, wird von Herrn Nodnagel nicht bestritten. Sie allein genügt, um alle anders gerichteten Kon⸗ struktionen über den Haufen zu werfen.“ Der Verlauf der ganzen Affaire zeigt also, daß Genosse David mit seinem Vorgehen voll⸗ kommen im Rechte war. Die Ordnungspresse überhäufte ihn aber mit einer Flut von Schmähungen und Verdächtigungen. Zum Bei⸗ spiel trieb's der Darmstädter Korrespondet des Gießener Anzeigers ziemlich toll. Und der An⸗F zeiger hat zwar die lange Erklärung des Herrn Nodnagel gebracht, von Davids Antwort haben wir aber darin noch nichts gesehen. — Amtsblatt⸗Schwindel. Der „Gießener Anzeiger“ übt noch immer seine alte Gewohnheit, über die Sozialdemokratie aller⸗ hand Fabeln zu verbreiten. So war in der Nummer vom 15. Juli zu lesen: „Für das Proportionalwahlrecht schwärmt die Sozialdemokratie nur da, wo sie von diesem Wahl⸗ system für sich Erfolge erhoffen kann. Wo jedoch die Sozialisten in der Mehrheit sind, da wollen sie von der Verhältniswahl nichts wissen.“ Das ist das genaue Gegenteil der Wahr⸗ heit. In einer ganzen Reihe Städte hat unsere Partei sich um die Einführung des Proportional⸗ wahlrechtes für die Gewerbe⸗Gerichtswahlen bemüht, obwohl wir in der Mehrheit waren und alle Sitze leicht erobern konnten, so in Mainz, Frankfurt und vielen andern Orten. In Frankfurt führten unsere Genossen schon vor Jahren die Verhältniswahl zur General⸗ versammlung der Ortskrankenkasse ein, wo sie die Mehrheit hatten. Dagegen wurde fast nir⸗ gends das Proportionalwahlrecht eingeführt, wo die Christlichen in der Mehrheit waren. Was also das Amtsblatt da dreist und gottes⸗ fuͤrchtig behauptet, ist eine grobe Unwahrheit. Eine bewußte sogar, denn es müssen ihm die von uns angeführten Tatsachen bekannt sein und wenn es seine Behauptung damit beweisen will, daß in Düsseldorf die sozial⸗ demokratischen Gewerbegerichtsbeisitzer bei irgend welchen Abteilungswahlen den Christlichen keine Vertretung eingeräumt hatten, so können wir diese Geschichte, vorausgesetzt, daß sie überhaupt richtig ist, durchaus nicht als einen Beweis für des Anzeigers verdächtigende Behauptung an⸗ erkennen. Wir wüßten überhaupt nicht, was Gewerbegerichtsbeisitzer für wichtige Unterabtei⸗ lungen zu wählen hätten. Die Sozialdemokratie handelt stets gemäs ihres Programms, sie ist keine Drehscheibenpartei, wie die National⸗ liberalen und ihre Verwandten. — Das kluge Amtsblatt. Tolles Zeug verzapfte der„Gieß. Anz.“ zu den bay⸗ rischen Landtagswahlen. Die Sozial⸗ demokratie wäre fürchterlich hereingefallen, vom Zentrum übertölpelt worden, hätte„moralisch alles verloren.“ Wie schlimm für uns! Hätte doch die bayrische Parteileitung erst bei dem Gießener Anzeiger um Rat gefragt. Vier Tage vor dem Erscheinen des die bayrische Sozial⸗ demokratie verhöhnenden Artikels schrieb er aller⸗ dings selber, daß unsere Partei profitiert habe! Das meinen wir auch; unsere Stimmenzahl ist überall gewachsen. Geschlagen, vernichtet und blamiert sind nur die Gesinnungsverwandten des Anzeigers, die„Liberalen“, die bei den Wahlreform⸗Verhandlungen eine so überaus traurige und volksfeindliche Rolle spielten. — Sozialdemokratische Phanthasie oder Amtsblatt⸗Unwissenheit? Genosse Dr. David hat kürzlich einen Artikel über Königstreue veröffentlicht, in dem er u. a. sagt, daß Geldsack, Thron und Altar sich einander stützen. Diese durchaus richtige Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse nennt der Gießener Anzeiger „sozialdemokratische Phantaste“ und fügt hinzu:„Was sagt der Geldsack des Herrn Paul Singer dazu?“ Damit glaubt das Amtsblatt eine geistreiche Bemerkung gemacht zu haben. Die Richtigkeit der Ansicht Davids, die auch die unsere ist, steht für jeden die Verhältnisse unbefangen beurteilenden Menschen fest. Der liberale Bürger⸗ meister von Zittau hat kürzlich das Interesse des Kapitals an der Monarchie unverblümt zugegeben. Unser Genosse Singer bekämpft seit 40 Jahren den Kapitalismus, hat für seine Ueberzeugung für die Sache des Volkes in selbstloser Weise gearbeitet und große Opfer gebracht. Er besitzt jedenfalls viel mehr Idealismus als ein Amtsblattredakteur! Der„Witz“ des Anzeigers ist also ein schofler Anwurf und eine Dumheit obendrein. — Ueber den Gewerkschaftskongreß spricht am Miltwoch den 26. Juli Genosse Stadtv. Hüttmann⸗Frankfurt in einer all⸗ gemeinen Gewerkschaftsversammlung im Café Leib. Um auch den auswärts wohnenden Arbeitern es zu ermöglichen an der Versamm⸗ lung teilzunehmen, beginnt diese bereits um steben Uhr abends. Jedes Gewerkschafts⸗ mitglied sei zur Stelle und agitiere für guten Besuch der Versammlung! Der Referent ist in Gießen bereits als guter Redner bekannt. — Sommerfest. Diesen Sonntag(23.) begehen die hiesigen Holzarbeiter ihr Sommerfest auf der Pulvermühle. Alle Kollegen in Gießen und Umgebung sind dazu eingeladen und selbstverständlich sind auch andere Berufs- angehörige willkommen. Man beteilige sich zahl⸗ reich! Im Uebrigen sei auf das Inserat ver⸗ wiesen. — Eine Fabrikordnung, die eher einer Zuchthaus ordnung gleicht, hat sich Schreinermeister E. Müller, Schillerstraße, nicht gescheut seinen Ar⸗ beitern vorzulegen. Wir werden das Machwerk, in dem Müller von seiner Person wie ein regierender Fürst im Plural spricht(von uns eingestellte Leute ec.) in nächster Nummer ein wenig beleuchten. Ob die Arbeiter das Ding unterschreiben? — Das Feuerwehrfest am Sonntag wurde durch das Unwetter, das am Sonntag über unsere Gegend niederging und verschiedentlich nicht geringen Schaden anrichtete, sehr geschädigt. Auch viele andere Feste hatten natürlich darunter zu leiden. Viele Krieg erfeste fanden statt und das ruft natürlich den Zorn des Himmels hervor, — Im Freibad ertrank am Montag Abend der Arbeiter Schaumburger. Er hat jedenfalls einen Schlaganfall erlitten. Aus dem Areise gießen. k. Zu den Landtagswahlen brachte. dieser Tage der„Gieß. Anzeiger“ einen Artikel, in dem er u. a. bemerkte, daß sich unsere Partei„auf den Gießener Landkreis verspitze.“ Nicht bloß das. Der Kreis ge⸗ hört von Gott und Rechtswegen der Sozialdemokratie und wenn er infolge des vertrakten sudirekten Wahl⸗ rechts einem Gegner zufällt, so sitzt dieser zu Unrecht im Landtage. Wenn es dem Anzeiger ernst wäre mit dem direkten Wahlrecht, für das er immer eintritt, dürfte er die Wiederwahl Leuns gar nicht befürworten. — Zwei Versamm lungen fanden am Sonntag in Lindenstruth und Reiskirchen statt. Genosse Vetters sprach über die wichtigsten politischen Vorkomm⸗ nisse und Ereignisse aus der jüngsten Zeit. Starker Besuch war allerdings nicht zu verzeichnen, wie das ja jetzt bel dieser Jahreszeit, wo Sonntags überall Feste und Kirchwelhen abgehalten werden, erllärlich ist. Unsere Genossen in Reiskirchen haben jetzt 34 Mitglieder im Vereine und hoffen in nächster Zeit noch auf weitere Zunahme. Vorsitzender ist Karl Spaar, Kassterer Joh. Klees, Schriftführer K. Balzer. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen. Rommelhausen. Sonntag, den 23. d. Mts. finden zwei große öffentliche Volksversammlungen statt, Die erste um 2½ Uhr in Rommelhausen, die zweite um 61½ Uhr in Oberau. In beiden Versammlungen wird Gen. Busold aus Friedberg referiren über die Tages⸗ ordnung:„Wohin führt unsere Zollpolitik“. Die Leser der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. in den Nachbargemeinden werden hierdurch auf die Versammlungen aufmerksam gemacht. Ein zahlreiches Erscheinen ist erwünscht.— Die Bürgermeisterwahl in Rommelhausen soll, wie ver⸗ lautet, am 29. Juli vorgenommen werden. Allen organi⸗ sterten Arbeitern hier im Orte ist bei dieser Wahl zu empfehlen, ihre Stimmen für den seitherigen Bürgermeister Wolff abzugeben. Derselbe hat den Interessen der Arbeiter in den letzten Jahren nie im Wege gestanden. Bei politischen Wahlen, wie z. B. Reichstagswahlen bleibt er dem politischen Kampfe fern und verhält sich voll⸗ ständig unparteiisch, Ferner führt er eine sparsame Gemeindeverwaltung und ist nicht zu haben für Bewilli⸗ gung von Geldern aus der Gemeindekasse für patrio⸗ tischen Festlichkeiten usw. wie dieses leider noch in vielen Gemeinden der Fall ist. Er weiß die sauer verdienten Groschen der Gemeindesteuerzahler besser anzulegen. Die Wahl findet voraussichtlich auf einen Samstagnachmittag statt und ist daher nochmals zu empfehlen, daß alle Arbeiter an der Wahlurne erscheinen, um ihre Stimme dem bewährten Bürgermeister Wolff zu geben. z. Beim Kriegerfest in Lindheim am ver⸗ gangenen Sonntag kam es unter Mitgliedern eines Vereins zu einer blutigen Prügelei. Das gehört bei Krieger⸗ festen beinahe mit zum Programm. Es ist eigentlich auch ganz richtig, wenn die Leute ihre Kriegstüchtigkeit und ihren Kampfesmut an sich selber erproben. Wem solche altdeutsche oder richtiger hunnische Sitten nicht behagen, der muß sich anderwärts Vergnügen suchen. Aus dem Nreise Alsfesd-Cauter bach. t. In Alsfeld schreitet die Gewerkschaftsbewegung zwar langsam aber doch stetig vorwärts. Daß sie schon ziemlich Wurzel gefaßt, bewies die am Sonntag im Stadtpark stattgefundene Gewerkschaftsversammlung, die von etwa 100 Personeu ans allen Berufen besucht war. Hüttmann⸗Frankfurt sprach über die gegen⸗ wärtigen Kämpfe zwischen Arbeiterschaft und Unternehmer⸗ tum. Der Arbeiter habe ein Recht mitzuwirken an der Festsetzung der Arbeitsbedingungen Um dieses Recht sich zu wahren oder zu erkämpfen müsse er sich organisieren und zwar dauernd, nicht nur vorübergehend! Terschowitz schilderte in der Diskusston die örtlichen Verhältnisse. In einzelnen Geschäften herrschten fast russische Zustände, viel fehle nicht, daß die Arbeiter geprügelt würden. Weiter wies er darauf hin, daß noch 13— 14 stündige Arbeitszeit herrsche und kennzeichnete die Mißstände, die sich aus dem Kost⸗ und Logiszwang ergeben. Schließlich kam es noch zu lebhaften Aus⸗ einandersetzungen mit einigen Christlichen. Hüttmann bemühte sich, die Differenzen auszugleichen. Im Allge⸗ meinen geht unsere Bewegung vorwärts und es ist auch die höchste Zeit dazu. Aus dem Rreise Wezlar. h. Ein merkwürdiges Verhalten zeigte kürzlich der den Dombau leitende Regierungsbaumeister Hehl. Als der von uns neulich mitgeteilte Unglücks⸗ fall, durch den ein Maurer schwer verletzt wurde, sich ereignet hatte, legte Herr Hehl den andern Arbeitern ein Schriftstück zur Unterschrift vor, womit sie erklärk hätten, daß der erwähnte Unfall durch Selbstverschulden entstanden sei. Das lehnten die Arbeiter mit vollem Rechte ab. Was kann denn der Arbeiter dafür, wenn von oben ein Stein herabstürzt und ihn beinahe tot⸗ schlägt? Was übrigens der Herr Baumeister damit bezwecken wollte, ist nicht recht erfindlich, Wollte er damit etwa den Nachweis liefern, daß unter seiner Leitung alles in Ordnung ist, die nötigen Schutzmaß⸗ regeln getroffen find und daß sich die Arbeiter nur aus lauter Mutwillen Steine auf den Kopf fallen lassen? Oder sollte der arme Verunglückte um die Unfallrente gebracht werden? Jedenfalls tun die Arbeiter gut, wenn sie nie etwas unterschreiben, sondern nur vor Gericht ihr Zeugnis ablegen. — Achtung, Steinarbeiter! Diesen Sonntag, den 23. Juli, findet nachmittags 4 Uhr eine Besprechung der in den Marmorwerken Dykerhoff und Neumann be⸗ schäftigten Steinarbeitern statt. Zum ersten Punkte spricht Gauleiter Hermann-Frankfurt über: Die 5 un⸗ let 1 este sere tere eret * its. lutt, um wird ges Leger den Kam ber⸗ gant⸗ z eister halter Bel blelbt boll⸗ came willi⸗ atrio⸗ vlelen enten „Die littag ; alle imme ber⸗ ereins kleger⸗ entlich tigkeit Wem licht hen. . gung aß se euntag mlung, besucht gegen⸗ jehmer⸗ len all dleseß er fich gehend! lichen u fast Ithelter „ daß achuete zwang u Ab- mon Alge it auc . zeigte meiste glu de/ scbeitell f 15 schulde e ahe lot⸗ 1 0 Bolle el ar seller gubuab⸗ un en lasten! lente fle . een Nr. 30. Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitnug. Seite 5. Berufsgefahren der Steinarbeiter; an zweiter Stelle wird über bie Frage: Sind unsere Arbeitsverhältnisse verbesser ungsbedürftig? beraten werden. Alle in dem Betriebe beschäftigten Arbeiter wie Steinmetzen, Schleifer, Säger und Hofarbeiter bitten wir dringend in der Versammlung zu erscheinen. Mehrere Kollegen. * Zu Pfarrer Zimmermanns Meineids⸗ prozeß. Wir haben in der letzten Nummer den Aus⸗ gang des Prozesses mitgeteilt, der am 10. Juli vor dem Koblenzer Schwurgericht gegen den Pfarrer Zimmer⸗ mann aus Bacharach a. Rh. verhandelt wurde und mit Freisprechung des Pfarrers von der Anklage des Mein⸗ eids endete. Verschiedene Gründe nötigen uns, auf den Fall, den wir sonst nicht viel Beachtung geschenkt haben würden, näher einzugehen und den Sachverhalt darzu—⸗ legen. Pfarrer Zimmermann sollte den Meineid in einem Beleidigungsprozesse geleistet haben, der im vorigen Jahre gegen die Eheleute Hänsel in Bacharach vor der Koblenzer Strafkamwer durchgeführt wurde. Z. hatte gegen die damaligen Angeklagten Strafantrag wegen verleumderischer Beleidigung gestellt und zwar auf Drängen seines Schwiegervaters, weil man in ganz Bacharach von einer Affaire sprach, in welcher der Pfarrer eine Rolle spielte. Mit der Familie Hänsel stand er in freyndschastlichem Verkehr, besorgte allerlei Geschäfte für sie ꝛc. Dadurch kam er oft in die Hänsel'sche Wohnung. Frau Hänsel erzählte nun eines Tages, wie die Frankf. Ztg. berichtet, zwei andern Frauen, der Pfarrer Z habe sie in ihrer Wohnung besucht, das anwesende Mädchen hinausgeschickt, den Fenstervorhang zugezogen, dann habe er die Frau am Arm gefaßt und sie neben sich aufs Sofa hingezogen, einen Kuß gegeben, ihr unter die Röcke gefaßt und eine unsittliche Zumutung gemacht. Sie sei dann aufgesprungen und habe sich gegen die Angriffe des Z. gewehrt. Merkwürdigerweise hat die Frau ihrem Ehemann von diesem unsittlichen Angriff nicht eher Mitteilung gemacht, als b's die ganze Ge— schichte in Bacharach so herumgekommen war, daß sich sogar die Konfirmanden darüber unterhielten. Zwei hochangesehene Herren aus Bacharach hatten nun eine Unterredung mit Z.; dieser machte ein Zugest ändnis, aus dem entnommen wurde, daß die Frau H. zu ihrer Aussage berechtigt war. Trotzdem stellse er später gegen einen dieser Herren und die Hänsels Strafantrag wegen Beleidigung und Erpressung, denn Hänsel hatte den Vorfall zu Geldentnahmen von dem Pfarrer benutzt. Die Angeklagten wurden freigesprochen, obwohl Z. eidlich den Angriff auf Frau Häusel in Abrede stellte. In dem Urteile hieß es, daß die Strafkammer den Bekundungen des Pfarrers den Glauben versagen müsse und die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die Dar— stellung der Frau Häusel in den wesentlichen Punkten auf Wahrheit beruht. Zimmermann habe eine bewußt falsche Aus sage gemacht, in der Erwartung, seiner bestimmten eidlichen Versicherung werde mehr Gewicht und Glauben beigemessen werden, als der uneidlichen Angabe der Angeklagten Frau Häusel. Daraufhin wurde das Verfahren wegen Meineld gegen den Pfarrer eingeleitet. In der Schwurgerichtsverhandlung wurde das Zeugnis der Frau Hänsel wesentlich erschüttert. Zwei andere Frauen sagten aus, daß die Zeit, zu welcher nach den früheren Angaben der Frau Hänsel sich der Vorfall mit dem Pfarrer abgespielt haben soll, sich nicht mit ihren späteren diesbezüglichen Angaben decke. Später hatten sie auch ein Schriftstück unterschrieben, in dem sie das gegen den Pfarrer Behauptete widerriefen. Der Staatsanwalt hielt die Hänsels nicht für glaubwürdig genug, um einen Mann von der Stellung des Ange⸗ klagten ins Zuchthaus zu bringen. Allerdings sei das Verhalten Zimmermanns mehr als eigentümlich. Er habe Mangel an Würde, an Ehrgefühl und Mut gezeigt, wie es ein anständiger Mensch nicht tun darf. Wie ein Schusbube habe er bei den Zeugen Wasum und Steigerwald zuerst alles geleugnet und erst zugegeben, als ihm Zeugen gegenübergestellt werden sollten. Wenn der Mann nicht schuldbewußt gewesen, dann sei eine solche Denkungsart unter jeder Kritik!— Dies der Sachverhalt. Herr Zimmermann war früher Pfarrer in Ober⸗ quernbach im Kreise Wetzlar. Er verlangte in einer Zuschrift an uns, daß wir den Ausgang des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens mitteilen und bedauern, ihm in einer früheren Notiz Unrecht getan zu haben. Seine 17 jährige Amtstätigkeit in hiesiger Gegend sei der Fürsorge des arbeitenden Standes gewidmet gewesen, und gerade daraus sei ihm manche Feindseligkeit von anderer Seite erwachsen.— Wir sagten schon, daß unsere frühere Mitteilungen auf das Gerichtserkenntnis gegründet waren, wir haben also keine Veranlassung, etwas zu bedauern. Höchstens wäre zu bedauern, daß seine Unschuld nach dem Verlauf des Prozesses durchaus nicht so sonnenklar erscheint. Von seiner Fürsorge für Arbeiter ist uns nichts bekannt. Wohl aber wissen wir, daß er einmal einem unserer Flugblattverteller das Blatt zerriß und den Mann aus dem Dorfe hinausjagen wollte. Trotzdem, wir haben kein Interesse daran, die Sünden des Herrn Z. und anderer Gegner breitzutreten. Wenn unsere Parteipresse von solchen Fällen Notiz aammt, so sind die„Ordnungs leute selber schuld. Welches Geschrei erheben sie, wenn ein bekannter Sozial⸗ demokrat sich das Geringste zu schulden kommen läßt! Ohne jeden Grund werden unsere Genossen persönlich verunglimpft und verdächtigt. Dem alten Singer wird von pfäffischer Seite heute noch vorgeworfen und zur Last gelegt, was vor 20 Jahren ein anderer gesagt hat. Kann man es dann uns verdenken, wenn wir die Sünder der Sozialistenvernichter festnageln? Darum bessert Euch! h. Parteipresse! Alle Parteigenossen und Ge⸗ werkschaftsmitglieder wollen bei dem Monatswechsel sich recht lebhaft für Gewinnung neuer Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonntags⸗-Zeitung bemühen! Wer die Frankfurter„Volksstimme“ zu abonnieren wünscht, wende sich an: W. Zahn, Lahnstr. 28 II. h. Die Typhusepidemie in Erda, welche man schon für erloschen glaubte, ist wieder von neuem aufgetreten und hat mehrere Opfer gefordert, in den letzten Tagen sind drei junge Mädchen gestorben. Das find jedenfalls Zeichen dafür, daß es in gesundheitlicher Beziehung in Erda noch immer schlimm bestellt ist, trotz aller behördlichen Maßregeln. Die Wohnungs⸗ und Wasserverhältnisse sind eben auf dem Lande vielfach schlecht und es ist infolgedessen trotz der berühmten Landluft ungesunder als in der Stadt. Früher laten die Landgemeinden überhaupt niemals etwas für Besse⸗ rung der Gesundheitsverhältnisse und jetzt auch noch wenig. Für solche gemeinnützige Dinge ist niemals Geld da, für Kriegervereinsfeste und Kriegerdenkmäler wird immer bewilligt. — Niedergang der Innungs bewegung. Die am Sonntag in Limburg abgehaltene General⸗ versammlung der Buchdrucker-Zwangsinnung für den Regierungsbezirk Wiesbaden beschloß mit 30 gegen 8 Stimmen die Innung aufzulösen. So verschwindet eine nach der andern jener Organisationen, von denen das Handwerk— oder sagen wir lieber rückständige Handwerker— Rettung erwarteten. Aus dem Nreise Marburg-Nirchhain. * Zu dem Eingesandt des Genossen Rösler in voriger Nummer schreibt Genosse Dr. Michels: „Genosse Rösler protestiert in der letzten Nummer gegen eine Aeußerung, die ich in meinem in der letzten Marburger Wahlvereinsversammlung gehaltenen Vortrag über Marokko getan habe. Aus der Art seines Protestes ersehe ich zu meinem Bedauern, daß er so fest„geschlafen“ hat, daß es ihm sogar entgangen ist, in welchem Zu⸗ sammenhang ich die betr. Aeußerung getan habe. Es ist mir natürlich nicht eingefallen, ganz allgemein be⸗ haupten zu wollen, daß unsere Parte schliefe(die Wahlen der letzten Zeit möchte ich an Genossen Röslers Stelle allerdings nicht zum Beweis des Gegenteils auführen), sondern ich habe lediglich bemerkt, daß sie in der Marokkofrage erst von auswärtigen Genossen aus dem Schlafe gerüttelt werden mußte, ehe sie sich über⸗ haupt bewegte. Diese Behauptung sowie die von der Selbsteinladung Jaurxès nach Berlin muß ich allerdings aufrecht erhalten. Doch ist hier wohl nicht der Ort, auf diese Dinge näher einzugehen. Im Uebrigen möchte ich doch noch feststellen, daß aus der gutbesuchten Versammlung, die meiner Marokko⸗ rede beiwohnte, trotz der ausdrücklichen Aufforderung des Versammlungsleiters zur Diskussion, keinerlei Wider⸗ spruch erfolgte. Auch von Seiten des anwesenden Genossen Rösler nicht. Es wäre aber meines Er⸗ achtens höchst bedauerlich, wenn die Sitte in unserer Partei einreißen sollte, statt die Diskussion in der Ver⸗ sammlung zu pflegen, einen— nicht einmal persönliche Dinge betreffenden—„Protest“ in der nächsten Zeitungs⸗ Nummer loszulassen. Robert Michels.“ Ein Gewerbegericht wäre in Marburg eine absolut notwendige Einrichtung. Das zeigt wieder ein Prozeß, den ein Maurer wegen Schadenersatz gegen seinen Unternehmer wegen kündigungsloser Entlassung anstrengte. Obwohl der Unternehmer von dem Schöffen⸗ gerichte zur Zahlung verurteilt wurde, wies das Land⸗ gericht auf die eingelegte Berufung hin die Klage ab. Möglicherweise hat das Wort„Streikführer“, das der Beklagte in Bezug auf den Kläger brauchte, zu diesem Ausgang mit beigetragen. Der Prozeß hat fast/ Jahre gedauert. Eine Gewerkschaftsversammlung findet Samstag, den 22. Juli, abends 9 Uhr im Restaurant Hildemann statt. Genosse Weidner ⸗Frankfurt. wird über den Gewerkschaftskongreß sprechen. Für recht zahl⸗ reichen Besuch zu sorgen, muß jeder für seine Pflicht halten. Gewerkschaftsfest. Bisher hatten die Ge⸗ werkschaften bei ihren Festen noch immer Glück mit dem Wetter. Diesmal hatten sie aber entschiedenes Pech, das am Sonntag abgehaltene Gewerkschaftsfest ist gründlich„zu Wasser“ geworden. Es hatte sich bereits eine ganze Menge Menschen auf dem Festplatze einge⸗ funden, als sich ein halbes Dutzend Gewitter über unsern Häuptern entlud und alles in die Flucht schlug. Um den Schaden wieder gut zu machen, veranstaltet die Gewerkschaftskommission diesen Sonntag nachmittags 4 Ühe im Garten restaurant Hildmann eine Nachfeier. Dabei sollen die Kindergeschenke verteilt und die zurückgestellten Programmnummern abgewickelt werden. Aussperrungen verhängt das Unternehmertum zahllose über die deutschen Arbeiter. Kaum sind die Differenzen in der bayrischen Metallindustrie und den Werften an der Weser beigelegt, so sperren die Bau⸗ unternehmer Westfalens wieder ihre Arbeiter aus und begehen dabei schlimmsten Kontraktbruch. Der Bürgermeister von Essen, Zweigert, will jedoch klagend gegen das kontraktbrüchige Unternehmertum vorgehen und den ausgesperrten Arbeitern Beschäftigung verschaffen. Ein seltenes und mutiges Stadtoberhaupt! Die erste Arbeitersekretärin. Fräulein Helene Grünberg aus Berlin, die vom Gewerkschaftskartell als Arbeitersekretärin beim Arbeitersekretariat Nürnberg gewählt wurde, hat dieser Tage ihr Amt angetreten. Letzte Nachrichten. Bei der Reichstags⸗Ersatzwahl in Fürth, die am Donnerstag stattfand, soll nach der Frkftr. Ztg. der Sieg des Freisinnigen Barbeck gesichert sein.(Bei den Hauptwahlen 1903 erhielt unser Genosse Segitz 12031, die gesamten Gegner 14302 Stimmen. In der Stichwahl siegte Barbeck mit 15 503 gegen 13 553 soztaldemokratlsche Stimmen.) Partei-Nachrichten An die Parteigenossen von Wieseck, Rödgen, Trohe und Alten⸗Buseck. In Aus⸗ führung des Beschlusses der vorjährigen Bezirkskonferenz beruft der Unterzeichnete die diesjährige Konferenz auf Sonntag, den 30. Juli 1905, nachmittags 3 Uhr nach Rödgen in das Lokal Bal ser ein. Tagesordnung: 1. Die Landeskonferenz in Alzey eventl. Wahl eines Delegierten. 2. Anträge zur Landes⸗ konferenz. 3. Verschiedenes. Wir machen darauf aufmerksam, daß von jedem Ort drei Delegierte stimmberechtigt sind. Um zahlreichen Besuch ersucht Der Vorstand des Volksvereins Alten-Buseck. Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen. Sonntag, den 30. Juli, nachmittags 3½ Uhr Parteiversammluug im Lokale„Wiener Hof“ (Löb) in Gießen. Tagesordnung: Das neue Orga⸗ nisationsstatut; Parteitag in Jena; Parteiangelegenheiten unseres Wahlkreises. Nur Mitglteder haben Zutritt. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Die Generalversammlung des Kreiswahlvereins wird hiermit auf Sonntag, den 30. Juli d. J., vormittags präzis 10 Uhr, nach Helden⸗ bergen bei Gastwirt Schneider einberufen. Die Filialen werden ersucht, die Delegiertenwahlen nach§ 13 des Statuts vorzunehmen. Etwaige An⸗ träge sind bis spätestens den 2 5. Juli an den Kreis⸗ vorstand einzureichen. Mit Partei⸗Gruß Der Vorstand. J. A. Gustav Kühn. Versammlungskalender. Samstag, den 22. Juli. Alten⸗Buseck. Volksverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Becker. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Von ½7 Uhr ab kann über die Beitragserhöhung abgestimmt werden.— Metallarbeiter. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Orbig. Schotten. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Müller. Wieseck. Tabak⸗Arbeiter. sammlung bei Wacker. Briefkasten. Schuleinweihung in W. Die Zuschrift wurde uns übermittelt. Alles gut und schön, aber es fehlt der Name des Ensenders! Anonymes findet nie Beachtung.— tz.⸗Rmlhsn. Besten Dank! Wir sehen Ihrer weiteren Betätigung mit Vergnügen entgegen.— Wtzir. Das sollen die Leute doch ganz ruhig den Gießener Buchdruckern und Parteigenossen überlassen, die wissen schon, was sie zu tun haben. Abends 9 Uhr Ver⸗ „— ß(—»»%ð5 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 30. Von Nah und Fern. Hungerlöhne im Reichsdienst. Vor dem Schwurgericht in Osnabrück hatte sich vor kurzem ein Landbriefträger wegen Unterschlagung zu verantworten. Der Glück⸗ liche bezog den horrenden Tagelohn von 1.80 Mk., wovon noch 20. Pfg. an jedem Tage für die Kleiderkasse abgezogen wurden. Als er mit diesen 1.60 Mk. nicht auskam, vergriff er sich an amtlichen Geldern und wurde jetzt vom Schwurgericht zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Der Verteidiger bemerkte in seinem Plaidoyer:„Man solle es kaum glauben, daß das Deutsche Reich seine vereidigten Angestellten so kümmerlich besoldet, daß sie mehr an den Schuhsohlen ablaufen, als ihnen übrig bleibt, wenn sie ihr Essen bezahlt haben!“ Diese Kritik ist noch viel zu milde. Der Gemaßregelte beim Rettungswerke. Zum Unglück auf der Zeche„Borussia“ wird unserm Frankfurter Parteiorgan folgende Episode mitgeteilt:„Als am Montag nachmittag die totbringenden Dämpfe dicht aus dem Un⸗ glücksschacht„Borussia“ emporstiegen, und die eigne Belegschaft meist erschöpft von der Ret⸗ tungsarbeit ausfuhr, erging an die Umher⸗ stehenden der Ruf:„Freiwillige Rettungs⸗ mannschaften vor!“ Da trat als einer der ersten der Bergmann Hansmann aus Eichlinghofen aus der Reihe und fuhr in den Schacht ein, um die noch vermißten 40 Kame⸗ raden bergen zu helfen. Hansmann beteiligte sich hervorragend von 1 Uhr nachmittags bis fast 11 Uhr nachts an dem kameradschaftlichen Liebeswerk, drang bis wenige Meter zu der Brandstelle vor, leider versperrten aber nun die Brandgase den todesmutigen Rettungs⸗ mannschaften ganz den Weg. Sie mußten um⸗ kehren und kamen total erschöpft, teilweise halb bewußtlos, zum Tage zurück. Hier stand ein Beamter und notierte die Namen. Es entspann sich folgendes Gespräch:„Wie heißen Sie?“ „Heinrich Hansmann!“„Auf welcher Zeche arbeiten Sie?“„Auf keiner Zeche, ich bin wegen des Streiks gemaßregelt!“ Verlegene Gesichter. Hansmann ist nämlich das Mitglied der Siebener⸗Kommission, Vor⸗ standsmitglied, einer der bekauntesten Führer des Bergarbeiterverbandes und ein führender Parteigenosse. Er lief vergeblich von einer Zeche zur andern; überall steht er auf der schwarzen Liste! Und dieser Mann, gehetzt vom humanen“ Kapital, setzt sein Leben aufs Spiel, fährt zur Rettung der„Borussta“- Opfer ein— und steht hernach wieder als Opfer des kapita⸗ listischen Terrorismus auf der Straße!— Christliche„Erziebung“. Unglaubliche Zustände in der städti⸗ schen Kinderbesserungsanstalt in Dres⸗ den bringt eine Eingabe des dortigen„Vereins der Kinderfreunde“ der Stadtverwaltung zur Kenntnis. Es heißt in diesem Schriftstück: „Der Direktor faßte die Anstalt als strenge Strafanstalt auf und machte aus dieser Auf⸗ fassung kein Hehl. Es waren nicht allein die ihre Vergehen abbüßenden, in Einzelhaft unter⸗ gebrachten, bereits strafmündigen Gefangenen, denen er jedes Recht auf Erbarmen absprach, sondern auch Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren, die sich zur Erziehung und Besserung dort befanden, denen er jede Freude, ja, die geringste Zerstreuung auch in den Freiviertel⸗ stunden verwehrte.„Der Direktor zeigte uns die kleinen offenstehenden Schränkchen der Knaben und tadelte den Aufseher, weil er kleine aufgelesene Holzstückchen nicht fortgenommen, mit denen die Kinder spielten, wobei er aus⸗ drücklich hervorhob, daß der Aufenthalt in der Anstalt durchaus nichts Erfreuliches haben bürfe.“ Von empörender Härte und Unbarm⸗ herzigkeit zeugten dabei die Strafen: bis zu preißig Stockschlägen vor versammelter Klasse bei Knaben und Mädchen.“ Soll das etwa„christliche Liebe“ sein? Man denke: Kindern von 7—14 Jahren wird jede kleine Freude verwehrt! Jedem fühlenden Menschen krampft sich das Herz zusammen, wenn er von einer derartigen lieblosen Behand⸗ lung hört. Auf diese Art erzieht man doch keine freien, lebensfrohen Menschen, sondern heimtückische Verbrecher. So wird aber in den Muckeranstalten meistens verfahren. Entgleiste Diener Gottes. Die Strafkammer in Stettin verurteilte den evangelischen Pfarrer Stempel aus Tempelburg wegen Sittlichkeitsverbrechen zu 9 Monaten Gefängnis.— Der Untersuchungs⸗ richter bei dem Landgericht Koblenz erläßt gegen den 45 jährigen katholischen Pfarrer Rudolf Riesen einen Steckbrief wegen Sittlichkeits⸗ verbrechens mit dem Exsuchen, ihn zu verhaften und in das nächste Gefängnis abzultefern.— Ferner wird der Kasseler Allg. Ztg. aus Fulda berichtet, daß der in einem Nachbarorte statio⸗ nierte katholische Pfarrer Klüppel seine Haus⸗ hälterin Fräulein Faust verleitet habe, einen Meineid zu schwören. Die Haushälterin wurde deshalb verhaftet. Den Anlaß zu der Angelegenheit, um derentwillen der Pfarrer die Haushälterin zum Meineid verleitete, gab ein Pferdekauf mit einem Fuldaer Pferdemetzger. In der frommen Fuldaer Dizzese brannte erst kürzlich der„Seelsorger“ Goldbach von Hans⸗ wurz mit 24000 Mk. Kirchengeldern und sciner Haushälterin durch. * Teures Hoch. Die Strafkammer in Sieg⸗ burg verurteilte kürzlich den Bergmann Wilh. Janzen zu 3 Monaten Gefängnis, weil er in der katho⸗ lischen Kirche„Hoch Bebel“ gerufen hatte. Hätte er lieber ein Kaiserhoch gebrüllt, das hätte ihn vielleicht das allgemeine Ehrenzeichen eingebracht! 5 f— 8 Cril. G 9 2 Der Pfarrer als Wettermacher. In einem ungarischen Dorfe war vor zwei Monaten der alte Pfarrer gestorben; zahlreiche Kandidaten hatten schon ihre Probepredigten ge⸗ halten, aber die Gemeinde hatte keinen angestellt, da keiner die von ihr gestellten Bedingungen zu erfüllen sich bereit erklären konnte. Die Bauern hatten nämlich verlangt, daß der Pfarrer sich dafür verbürgen sollte, daß seine Gebete um Sonnenschein oder Regen, je nachdem die Ge⸗ meinde ersteres oder letzteres verlange, vom lieben Herrgott auch erhört würden, denn sagten sie, was nützt uns ein Pfarrer, dessen Gebete nicht erhört werden!. Endlich meldete sich eines Tages ein neuer Probekandidat. Die Probepredigt war zu all⸗ gemeiner Zufriedenheit ausgefallen. Die etwas in freier Richtung gehaltene Rede des jungen Geistlichen war ganz nach dem Sinne der Dorf⸗ bewohner. Nichtsdestoweniger befragte man ihn bei dem darauffolgenden Festmahle, das beim größten Gutsbesitzer des Dorfes, Paksy, abge⸗ halten wurde, ob er auch um die Bedingungen der Wähler wüßte. Zu allgemeiner Ueberraschung erklärte der Kandidat, daß, wenn die geehrten Wähler sonst kein Bedenken hegten, er für diese eine leichte Bedingung einzustehen sich verpflichte. So wurde er denn gewählt. Es war zu Anfang des Sommers an einem Sonntag, gerade eine Woche nach der Installation, als man schon in aller Frühe an der Tür des neugebackenen Pfarrers anklopfte. Es stellte sich eine kleine Deputation, mit dem Gutsbesitzer Herrn Paksy an der Spitze, ein, und ersuchte den Pfarrer, da doch die ganze Woche hindurch die Sonne geschie en, für den nächstfolgenden Tag einen erfrischenden Regen beim himmlischen Vater gütigst bewirken zu wollen. Dabei wurde der Angeredete scharf ins Auge gefaßt, ob sich doch nicht eine kleine Verlegenheit in seinem Gesicht zeigen würde. Dieser jedoch zeigte die allerunbefangenste Miene der Welt. Er fragte nur im gelassenen Tone, ob, da es, wie bekannt, verschiedene Arten von Regen gabe, man ein anhaltendes Gewiller wünsche, ob es in Strömen gießen solle oder ob den Herrschaften mit einem stillen Regen mehr gedient wäre.. Herr Paksy und seine Begleiter starrten einen Augenblick sprachlos auf den Sprecher. Es wurde ihnen etwas unheimlich zu Mute und ste stellten sich im Stillen die Frage, ob ste am Ende ihre Kanzel— statt dieselbe, wie es sich ziemt, mit einem gottesfürchtigen Geistlichen zu besetzen— nicht etwa an einen modernen Hexen⸗ meister vergeben hätten. Laut aber entschieden sie sich für einen stillen a Regen und verabschiedeten sich eiligst. Der junge Pfarrer begleitete seine Gäste bis in den Hausflur. Dann rief er ihnen plötzlich nach: „Pardon, meine Herren! Gestatten Ste mir noch eine Frage!“ Und als sich diese unwillig umgewendet: „Es ist ja nur der lieben Ordnung halber. Ich bin nämlich nicht sicher, daß Sie mit dem stillen Regen auch den Wunsch meiner gesamten Wähler— wee ich weiß, sind es ihrer 654— ausgesprochen haben.“ Die löbliche Deputation riß die Augen weit auf. Nein, das hatten sie nicht getan. Man hatte es auch garnicht für nötig erachtet, sie nach ihrem Wunsche zu befragen, und es für genügend befunden, wenn der Geistliche mit seinem Gebet dem Willen der Ersten des Dorfes eutspräche. 5 Der junge Pfarrer aber war einer anderen Ansicht. Er meinte, da er doch sein Gehalt von allen Wählern bezöge, so wäre es auch seine Pflicht, den Wünschen aller gerecht zu werden, um so mehr, weil es vor dem himm⸗ lichen Vater keinen Größeren und keinen Ge⸗ ringeren gäbe. Dann aber fügte er sofort in beschwichtigendem Tone hinzu, er hege keinen Zweifel, daß diese„Kleinigkeit“ in kürzester Zeit geordnet sein würde und daß er hoffe— da es noch bis zum Gottesdienste ein paar Stunden währe—, den nötigen Bescheid noch zur rechten Zeit zu erhalten. Die Herxen müssen jedoch wahrscheinlich einer anderen Ansicht gewesen sein, denn ste verließen nun mit hängenden Köpfen und langen Ge⸗ sichtern die Pfarre. Der erwartete Bescheid aber war dem jungen Pfarrer nicht zugeschickt worden und als er zur üblichen Zeit die Kirche betreten wollte, fand er dieselbe vollständig leer. Bald aber klärte sich die Sache auf. Das ganze Dorf war nämlich in dem der Kirche gegenüberliegenden geräumigen Hofe des Paksy versammelt, und die Laute der in hohem Ton geführten Diskussion klangen bis zu ihm herüber. 5 Eine kräftige Tenorstimme rief gerade: „Was, morgen soll's regnen, wo mein Heu zerstreut auf dem Felde liegt? Das würde ich mir aber ernstlich verbeten haben!“ Ein anderer Opponierender schrie: „Ich fordere die ganze Woche hindurch an⸗ halteude Dürre!“ Und in dem Tone ging es weiter fort. Der Geistliche kehrte mit einem eigentüm⸗ lichen Lächeln in sein Haus zurück. Nach einer Weile hielt er es aber doch für angezeigt, sich nach seiner christlichen Heerde umzusehen. Am Himmel schien die klare Sonne, im Hofe des Paksy war aber mittlerweile das Gewitter losgebrochen. Die lieben Leute be⸗ fanden sich nämlich in einer regelrechten Prügelei. Es regnete von allen Seiten tüchtige Hiebe und die Blitze dazu lieferten die blau geschlagenen Augen. Es hatten sich drei Parteien gebildet. Die eine war für stillen Regen, die zweite für Ströme und die dritte für anhaltende Dürre. Nicht ohne Belustigung hatte der junge Pfarrer eine Weile stumm der in ihrer Art urkomischen Szene zugesehen, dann aber schwang er sich auf einen in der Mitte des Hofes stehenden Felsblock und bat mit dröhnender Stimme um ein paar Augenblicke der Ruhe, die ihm nach kurzem Widerstreben auch gewährt wurden. Hierauf hielt der junge Pfarrer— dem es 5 8 Nr. 30. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seile 7. 2 nicht an Rednertalent fehlte— an das Volk] Verweis. Vor Allem aber begriffen sie, daß im Stalle ein. Während sich der eine Stier das Futter en eine Predigt über die Unvernunft der Menschen, sie mit ihrer unmöglichen Bedingung von dem ausgezeichnet schmecken ließ, wurde der andere mmer 5 und wie es selbst dem allmächtigen Vater schlauen jungen Pfarrer überlistet worden waren.] unruhiger. Der endlich gerufene Tierarzt überschaute 15 schwer fallen dürfte, bei der Regelung der Doch weit davon entfernt, ihm hierüber zu alsbald die Situatton. Er zog rasch dem Ochsen den m Weltordnung und der Naturgesetze einem jeden zürnen, reichten sich nun— mit einem unter⸗ 15 8 e e e en eee 0 Anzelnen, oft verdrehten Kopfe gerecht zu werden. drückten Kichern— die vorher feindseligen W 1 11 9 Operation kostet z Er schloß damit, daß er, da er nach dem Parteien der Sonne und des Gewitters freund⸗ Die Schlachtenlenter. 5 5 ba b. Vorgefallenen eine Vereinbarung aller Wünsche schaftlich die Hände und erklärten, sich nicht ist denn heute das Neueste aus Deutschland?“ Ab in kaum für möglich halte, an die verehrten christe weiter in die Rechte und Anordnungen des tant:„Jetzt tauschen Deutschland und Amerika ihre en lichen Brüder die Frage stelle, ob diese es nicht himmlischen Vaters mischen zu wollen. Professoren aus.“ v. Trotha:„Teufel, wenn man nur 0 für klüger erachten würden, den nutzlosen Ihrem Geistlichen aber gaben sie einstimmig nicht jemand auf die Idee kommt, mich gegen Linewitsch Streit aufzugeben und die Bestimmung über Gehaltserhöhung, priesen ihn als einen Welt- auszutauschen.“ 5 alle Dinge, demnach auch über das Wetter, weisen und taten mit ihm sehr stolz. Preisfrage. In Halle wurde Genosse Kunert zu j. wie vorher, so auch fernerhin der Allweisheit— 3 Monaten Gefängnis verurtellt, weil er nicht nach⸗ 1 Gottes anzuvertrauen. Humoristisches weisen konnte, daß al le deutschen Soldaten im China⸗ Die Bauern, die sonst nicht auf den Kopf Schnell geholfen. Aus Klein⸗Steinheim a en 1 1005 e e gefallen waren, verstanden sehr wohl den Sinn wird berichtet: Der Gastuirt und Bauer E. stellte nach diesen geforderten Beweis erbracht bätte e 705 . der Rede und den für sie in ihr enthaltenen! schwerer Feldarbeit die beiden Zugochsen zur Fütterung(Südd. Postillon.) mn Ae 9 1 Deutscher Holzarbeiter-Verbhand 3 N 4 5 Sonntag, den 23. Juli, nachmittags 3 Uhr: 2. ; 3 erstklassi 1 5 Fahrräder, e en de Fabrik an Private und Händler N Sommer-Fest von Mk. 65.— an. el 2 22* 8 i nuf der Pulvermühle Tubehörteile, ze ven Ich 2 ca. 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