16. — 0 sag, i. fade nmz 5 in frem. sabkat anko. fabrik 8 2 8 1 Kurl Sermer, Heuncnefneim 10 5 n — — errrreri areeuswewes n Nee 32 Nr. 17. Gießen, den 23. April 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: KArthenplatz 11. Schloßgasse. Sonntags⸗Jeitu Mitteldeutsche Nebdaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnements preis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗icung. Die 5 gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½% und bet mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Nuferstanden! fluferstanden Sind wir lange schon zum Licht! Frohn und Zwang hielt uns in Banden, Doch sie binden länger nicht! Unsere Fesseln schmelzen, sinken Dor der Freiheit heilgem Strahl, Wie der Frühlingssonne Blinken Schmilzt den letßten Schnee zu Tal! Huferstehen! fluferstehen! Frũhling rauscht durch Schilf und Dorn Und wir schreiten aus und säen Unserer Jukunft Samenkorn. Tiefe Furchen sind gerissen Mit der Pflugschar scharf und breit,— Und der Pflug ist unser Wissen, Und es pflügt der Geist der Zeit! ö g ö fie, die ihr fern uns steht! ö Fühlt ihr's nicht, wie's aller Landen Schwellend sich im Frühlingswind— Der Arbeit Osterlied. Nuferstanden! fuferstanden Rings von Frühlingsstürmen weht? Unsichtbare Fahnen bauschen Und ein Brausen und ein Rauschen Durch die braunen Zweige rinnt. Huferstehen! fuferstehen! Schaut: Die Erde ist erhellt, und es wird in Blüte stehen Bald die ganze, weite Welt! Unser Samenkorn wird tragen Reiche Frucht im reifen Kleid, Wenn einst wird die Stunde schlagen Für der Hirbeit Erntezeit! — Frühlingsfeier. Ostern wurde, wie feststeht, schon lange vor Christus von den Völkern unserer Zone gefeiert. Man beging es wahrscheinlich als das Fest der wiedererwachenden Natur, man feierte den Eintritt des Zeitpunktes, wo die Natur sich anschickt, mehr Wärme und damit Nahrung zu spenden. Dem Naturfeste legten vielleicht auch schon die Priester der vorchrist⸗ lichen Religionen eine religiöse Bedeutung unter. Das Christentum aber gab und zwar ziemlich spät(im 4. Jahrhundert nach Christus) dem Osterfeste den Charakter einer Feier der Auf⸗ erstehung des Gottessohnes, der durch seinen Opfertod die Menschheit erlöst habe. Nachdem die alten Deutschen dem Christentum gewonnen waren, nahm das Osterfest vielfach heidnische Bräuche an, wie sie die Germanen zur Ehrung ihrer Göttin Ostara übten. Die Feier der Auferstehung des Gottessohnes war durchweht von der Freude über den Sieg des Frühlings, der endgültig die Macht des Winters und des Eises zerbrochen. In unserer Zeit, die den religiösen Dingen gleichgültiger gegenübersteht. hat das Osterfest mehr und mehr wieder den Charakter einer Naturfeier angenommen. Namentlich der Städter, den der Winter in das Weichbild der Stadt gebannt, feiert zu Ostern die Auferstehung aus des Winters Banden,„aus der Straßen quetschender Enge“, um mit Weib und Kind trotz aller Unbill ber Witterung seinen ersten Frühlingsausflung zu unternehmen. Schon Goethe hat in seinem vielzitierten Osterspazier⸗ gang diese Ostererlösung des modernen Menschen wundervoll geschildert. 5 So sehen wir, daß der Naturmythos über die priesterliche Deutung den Sieg davon⸗ getragen hat. Freilich ist die Naturfeier des modernen Menschen doch eine wesentlich andere, als die des unkultivierten Menschen, der der Frühlingsgottheit Opfer darbrachte. Unser Naturgefüsl hat sich vertieft, unsere Oster⸗ andacht ist eine inbrünstigere, aber wir stehen der Natur ganz anders gegenüber als der frühere Mensch, der nur dumpfe, dunkle Schauer der Ehrfurcht oder ungestümes Lustempfinden kannte. Die Natur ist uns kein Buch mit sieben Siegeln mehr, wir vermögen ihre Runen zu entziffern, wir haben ihre Kräfte gebändigt und in den Dienst der Kultur geschirrt. Freilich wissen wir gerade deshalb nur zu genau, daß der Menschheit noch unendlich mehr zu tun übrig bleibt, als sie bisher schon geleistet hat. Gerade weil wir dem Schicksal der Natur, der Gottheit nicht mehr in stummer, tatenloser Ergebung gegenüberstehen, nicht mehr die Lose hinnehmen zu müssen glauben, wie ste fallen, hat sich der Horizont unseres Schicksals er⸗ weitert, sehen wir uns vor die Lösung von Aufgaben gestellt, an die frühere Generationen der Menschheit kaum zu denken wagen konnten. Der christliche Ostermythos vermag den modernen Menschen nur wenig zu befriedigen. So sympathisch und rührend die Gestalt des um der Menschenerlösung willen sich selbst opfernden Gottes ist,— wir wissen heute: Die Menschheit ist noch nicht erlöst, sie kann auch durch kein so edles Opfer erlöst werden, sie muß sich selbst erlösen! Jeder einzelne muß sich innerlich selbst erlösen in ernstem Erlösungsdrange, in strenger Selbsterziehung. Aber diese Selbsterlösaug des Indiyduums erlöst noch lange nicht die Menschheit als Ganzes. Die Menschheiterlösung kann nur ein sozialer Akt sein, eine kollektive Wiedergeburt, die auch kein Dritter zu vollbringen vermag, sondern einzig die um ihre Erlösung ringende Mensch⸗ heft selbst. Und diese Erlösung kann auch nicht erfolgen durch ein Opfer, durch die Preis⸗ gabe phystscher Glückseligkeit, durch weltflüchtige Selbstzerfleischung, sondern durch weltbejahenden, zukunftsfreudigen Kampf. Und es erfordert schließlich mehr Idealismus, trotz mancher Enttäuschungen und Widerwärtigkeiten in diesem Kampfe auszuharren, als überempfindlich vor den Beschwerden dieses Kampfes zurückzuschrecken und sich resigniert in das Innere zurückzuziehen. Der heidnische Osterjubel ist dem moder nen Kämpfer darum ebenso fremd wie der christliche Osterjubel. Wir sind dem Kindheitsalter der Menschheit zu sehr entwachsen, um uns der Freude des Augenblicks in trunkener Selbst⸗ vergessenheit hinzugeben. Wir genießen die Osterfreude, das Erwachen der allernährenden Natur voller Hingabe, aber wir sammeln in solchen Stunden wohliger Daseinsfreude neue Kräfte für den großen, erlösenden Menschheits⸗ kampf, als dessen Soldaten wir uns in stolzer Bescheidenheit fühlen. Patriotische Anmaßung und patriotische Märchen. In einer der letzten Reichstagssttzungen hat der Abgeordnete Dr. Wallau, der liberal⸗bündlerische Deputierte für Alsfeld⸗ Lauterbach, in einer Polendebatte die Be⸗ hauptung aufgestellt, das deutsche Reich handle noch sehr anständig und vornehm, wenn es die mit polnischen Adressen versehenen Briefschaften seiner polnischen Untertanen überhaupt befördere. Dieser Standpunkt, den, mehr oder weniger scharf, alle bürgerlichen Parteien des Reichstages vertreten— schreibt Gen. Dr. Michels in der „Frkftr. Volksstimme“— ist uns kein neuer. Er setzt eine Meinungsart voraus, wie sie von Seiten unserer herrschenden Klassen ja auch den Dänen in Nordschleswig und den Franzosen in Loth⸗ ringen gegenüber genügend zum Ausdruck ge⸗ bracht wird: die zum deutschen Reiche gehörigen fremdsprachlichen Elemente sind nur geduldete. Sie haben Pflichten— so z. B. dürfen sie sich für Gott, König und Vaterland totschteßen lassen. Von Rechten aber haben sie nur eines: ihre Sprache und ihr Volkstum zu Gunsten der regierenden Teutoburger Wäldlinge aufzugeben. Die logischen Folgen dieser Denk⸗ ungsart sind die Polenpolitik, der Hakatismus, die Dänenausweisungen, die Hintansetzung El⸗ saß⸗Vothringens, kurz die zwangsweise Germani⸗ sierung aller in Deutschland lebenden Nicht⸗ deutschen. Nun drängt sich uns die Frage auf: haben die fremden Nationen, die Polen, Dänen und Franzosen, die durch die Wandlungen der dy⸗ nastischen Räuber⸗Geschichte nun einmal in die Grenzen des deutschen Reiches hineingepfercht worden sind, denn wirklich kein Recht auf ihren Boden, ihre Sprache, ihre Kultur, kurz ihr Volkstum? Die sozialdemokratische Arbeiterschaft hat eine sehr einfache Lösung bereit für alle diese „nationalen Fragen“. Sie erkennt jedem Volks⸗ stamm ohne Weiteres im vollsten Umfange das Recht auf die Selbstbestimmung zu. Dieses ist ihr oberstes Gesetz völkischer Moral. Jedes Volk, und sei es noch so klein, hat das Recht, nach eigenem Ermessen über sich zu verfügen, Seite 2. Witteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. in allen Fragen, über seine Staatsverfassung sowohl, wie über seine Wirtschaft, wie über seine Nationalität. Haben wir aber erst einmal diesen Standpunkt gewonnen, so lernen wir auch die patriotischen Märchen in ihrer wahren Gestalt kennen: der der Lächerlichkeit und Un⸗ moral. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, erhellt es sonnenklar, daß zum Beispiel die jüngere und die jüngste Geschichte Deutschlands auf dem Gebiete der Völkerkonflikte ihrem innersten Wesen nach nicht etwa, wie die Pa⸗ trioten, ihrer Auffassung vom Wesen des Vater⸗ landes entsprechend, annehmen, eine über alle Begriffe glorreiche, sondern eine im höchsten Grade traurige war. Unter diesem Gesichts⸗ winkel betrachtet, wird zugegeben werden müssen, daß wir eine ethisch nicht zu rechtfertigende Handlung begangen haben, als wir(d. h. eine unserer damaligen Regierungen, für die wir heute allerdings nur noch insofern verantwortlich gemacht werden können, als wir sie noch nach⸗ träglich bejubeln und bekräftigen) uns einstens einen Teil Polens aneigneten. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, werden wir uns klar, daß wir unser eigenes gerechtes Nationalgefühl entweiht und entehrt haben, als wir nach vielen mißglückten Versuchen im Jahre des Heils 1864 von Neuem ausrückten, unsere unter dänischem Joche seufzenden deutschen Stammes⸗ brüder in Schleswig⸗Holstein zu befreien und mit den dänischen Kreisen Hadersleben und. Flensburg in der Tasche wieder zurückkehrten, also: vom Drucke befreiten, durch neue Unter⸗ drückung, das Unrecht nicht beseitigten, sondern nur aus einem dänischen in ein deutsches um⸗ wandelten, die schlimmste Verhöhnung, die der Nationalismus, der im Namen eines Prinzips ausgezogen ist, sich je zugefügt hat! Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, sehen wir, daß, als er im Jahre 1866 die Deutsch⸗Oesterreicher gewaltsam aus dem Reiche und der Gemein⸗ schaft ihrer Kulturbrüder ausstieß, der bis⸗ märckisch⸗hohenzollernsche Patriotismus nicht etwa national, sondern direkt antinational ge⸗ handelt und seine eigene Nattonalität verstüm⸗ melt hat. Unter diesem Gesichtswinkel endlich betrachtet, werden wir auch mit Ingrimm ge⸗ wahr, daß wir selbst in dem Augenblicke, als wir unseren nationalen Einheitsstaat begrün⸗ deten, durch die Wegnahme Elsaß⸗Lothringens jenes innerste Prinzip der Menschenwürde ver⸗ letzt haben, das da befiehlt, jedem Volksstamm unter allen Umständen das Recht der freien Willensäußerung und bedingungslosen Selbst⸗ bestimmung zu wahren. Fremde Gebietsteile wider ihren Willen zwangsweise festzuhalten, verstößt immer gegen den wahren nationalen Stolz. Weit entfernt, wie Gedankenlosigkeit und Größenwahn so oft annehmen, ein Titel des Ruhmes zu sein, liegt in der Tatsache, ein Volk niederzuhalten, ein Grund tiefer Scham für das unterdrückende Volk. Das deutsche Volk, welches auf sich hält, muß bei dem Gedanken vor Scham ver⸗ gehen, daß sich innerhalb seiner Landespfähle Millionen von Mußdeutschen befinden, die nicht freies Moralgesetz, sondern äußerer— physischer und materieller Zwang dazu bewegt, Deutsche zu sein. Muß deutsche: welche Be⸗ schimpfung deutschen Namens. Daher wird der wahrhaft national empfindende Deutsche die Polen, Dänen usw. nicht zu germanisieren, d. h. ihrer Kultur und Sprache verlustig zu machen suchen, sondern er wird ihre Beslreh ungen nach völkischer Unabhängigkeit für ebenso berechtigt halten, wie die einstigen Freiheits⸗ kämpfer des eigenen Volkes. Die Arbeiterschaft aber weiß es nur zu gut, daß die nationale Unterdrückung nichts weiter ift, als eine Frucht vom Baume des kapita⸗ listischen Herrschaftsgelüstes. Sie läßt sich durch patriotische Phrasen nicht mehr täuschen. —— ˖ r Politische Rundschau. Gießen, den 20. April 1905. Folgen der Zollpolitik. Aus Sachsen wird mitgeteilt, daß die Firma Gutberlet, Prägeanstalt für Papp⸗ verzierungen, Reklameartikel, Spielwaren ꝛc., in Gemeinschaft mit der Firma Oskar Breuer die Fabrikation ihrer Erzeugnisse für Oester⸗ reich⸗Ungarn nach Aussig in Böhmen ver⸗ legt. In einem Schreiben an den Verband sächstscher Industrieller bezeichnet die Firma den ungünsttigen Handels vertrag mit Oester⸗ reich⸗Ungarn als Beweggrund dieser Geschäfts⸗ verlegung. Verteuerung des Fleisches. Um mehr als die Hälfte sind die Preise des Schweinefleisches seit dem Vorjahr in die Höhe gegangen. Die Befürchtung, daß auch während der Monate März und April die Schweinepreise nicht zurückgehen, sondern weiter anziehen würden, hat sich fast in allen Gegenden Deutschlands verwirklicht. In der Regel bringt der Monat März einen Rückgang der Schweinepreise, da der Auftrieb an den Märkten wieder im Steigen begriffen ist. Im laufenden Jahre bleibt aber der Auftrieb sowohl im März als auch im April hinter dem Vor⸗ jahre zurück. Die geringere Zufuhr dürfte darauf zurückzuführen sein, daß infolge der ungünstigen Kartoffelernte die Zucht von Schweinen einigermaßen beeinträchtigt worden ist. Auch ist zu berücksichtigen, daß die Ver⸗ sorgung des deutschen Marktes mit ausländischen Schweinen sowie die Einfuhr von Schweinefleisch ering sind. Die Einfuhr ist zwar eine Kleinig⸗ eit größer als im Jahre 1904, bleibt aber hinter den Einfuhrziffern des Jahres 1903 bedeutend zurück. Der Import von Schweinen in den beiden ersten Monaten des laufenden Jahres stellte sich auf 11933 Stück gegen 14820 Stück im entsprechenden Zeitraum des Jahres 1903! Die Einfuhr von Schweinefleisch, Schweineschinken und Schweinespeck betrug in den beiden ersten Monaten des laufenden Jahres 20 424 dz gegen 51993 im Jahre 19031 Das ungenügende Angebot begünstigte also eine 1 5 recht merkliche Steigerung der Schweine⸗ reise. g Die niedrigsten Notierungen bewegten sich im Vorjahre zwischen 34 und 50 Mk., im April des laufenden Jahres dagegen zwischen 56 und 63 Mk. Die beiden niedrigsten Notierungen weichen um 22 Mk. pro 50 kg ab, so daß sich allein schon beim lebenden Tier ein Preisaufschlag von 22 Pfg. pro Pfund gegenüber dem Vorjahre ergibt. Aus dieser Steigerung der Schlachtviehpreise erklärt sich die Verteuerung des Schweinefleisches im Detailhandel. Und leider ist das Ende der Teuerung nicht abzusehen. Dank an die Sozialdemokratie für ihr Verhalten zu der Kolonialpolitik wird in der von Dr. Förster und Pastor Müller herausgegebenen Zeitschrift:„Die deutschen Kolonien“ ausgesprochen. Es heißt dort über die letzten Kolonial debatten im Reichstage: „Die Soztaldemokratie nimmt als einzige der Parteien, die noch grundsätz ⸗ lich gegen jede Kolonialpolitik ist, eine eigen⸗ artige Stellung ein. Sie hat sich auf alle Fälle durch ihr wohlwollendes Be⸗ streben, Mißstände beseitigen zu helfen, unseren aufrichtigen Dank verdient, den wir hiermit unumwunden aus⸗ sprechen. Das wird zwar den Jesuiten⸗ und Sozialistenfressern ein Greuel sein, ihnen diene zur Antwort, daß wir Kolonialpolitiker sind und jedem Gerechtigkeit wider⸗ fahren lassen, der uns hilft, den Teufel aus den Kolonien zu treiben, um uns kurz und verständlich auszudrücken.“ Die Sozialdemokratie darf diese Anerkennung um so getroster registrieren, als sie von einer Seite kommt, die zwar in prinzipieller politischer Hinsicht eine der unseren diametral entgegen⸗ gesetzte Haltung einnimmt, die sich aber so⸗ wohl von unserer Kolonialbureaukratie wie von dem bereicherungswütigen Kolonialabenteuertum 85 weit entfernt hält. Leider sind diese be⸗ onnen anständigen Elemente in jeder Kolontal⸗ politik stets als unbequeme Idealisten an die Wand gedrückt worden. Bei unserer deutschen hen wird es ihnen nicht anders ergehen. Agrarierhäuptling gegen Großherzog. Der dicke, bei der letzten Wahl aus dem Reichs⸗ tag hinausgewählte Bündlerführer Oertel denunziert in seiner Deutschen Tageszeitung den Großherzog von 115 als Zerstörer der Mo⸗ narchie. Oertel führt lebhaft Klage über das „gefährliche Spiel“, das in Hessen Großherzog und Regierung angeblich betreiben. Der hessische Finanzminister Gnauth hat bekanntlich die Ausführungen unseres Genossen Ulrich als „ein gesundes Gegengift“ gegen das La⸗ mento der wohlhabendsten Klassen über drückende Steuerlast bezeichnet und der Großherzog hat. diesem Minister erneut volles Pertrauen aus⸗ gesprochen. Der Vorgang, meint der agrarische Held, sei geeignet,„in den Kreisen der ruhigen staatserhaltenden Bürgerschaft Bedenken und vielleicht sogar Verwirrung anzurichten.“ Herr Oertel schildert alsdann die Gefährlichkeit der Sozialdemokratie, mit der es eine Aussöhnung nicht geben kann, und bietet sich und die Seinen als zuverlässigste Monarchisten an:„Wer, wie wir, unbedingt auf dem Boden der Monarchie steht, wer die monarchische Verfassung nicht nur für notwendig, sondern für die beste und ge⸗ deihlichste hält, der hat die unabweisbare Pflicht, auf diese Gefahr hinzuweisen.“— Der„Vor⸗ wärts“ bemerkt dazu: Leider ist der Eifer der „Deutschen Tageszeitung“ des Herrn Oertel. für jenes Wort unvergessen, daß die Bauern vor den Thronen nicht Halt machen würden, wenn nicht genug Zollerhöhung gewährt würde. Jetzt behauptet das bünd⸗ lerische Blatt in allzu aufgetragener Phari⸗ säerei seinen„unbedingten“ Monarchismus, um desto eifriger gegen einen Monarchen vor⸗ zugehen, welcher sich erdreistet, die wider⸗ wärtigen Klagen der Wohlhabenden über drück⸗ ende Steuerlast ein wenig zurückzuweisen. So versucht das Agrariertum jede freiere Regung der Throninsassen zu lästern und zu bedrohen. Man vermag daraus zu schließen, wohin der Monarchismus der„D. T.“ geraten würde, wenn ein Fürst gründlichen Schutz der Arbeiter⸗ dachten vor Junkergewalt durchzusetzen ge⸗ ächte. Kapitalistische„Entbehrungslöhne“. Die Anilin⸗ und Sodafabrik bringt für das Jahr 1904 aus 10,8 78,73 2 Mark Gewinn 24. Prozent Dividende zur Verteilung.— Die Zellstofffabrik Waldhof hat für das ab⸗ gelaufene Geschäftsjahr einen Reingewinn von 3,2 97/3 48.40 Mark zu verzeichnen, woraus nach hohen Abschreibungen 15 Prozent Dividende verteilt werden.— Ferner machte der Norddeutsche Lloyd in Bremen im letzten Jahre einen Ueberschuß von beinahe zwanzig Millionen Mark.— Und die Jute⸗Spinnerei und Weberei in Bremen brachte Prozent Dividende zur Verteilung. Diese Gesellschaft überwies jedoch dem Arbeiter⸗ fonds 90000 Mk. Damit will man natürlich die Hungerlöhne, durch die man den Arbeitern. erst die 90000 Mk. abpreßte, übertünchen. Ueberall stecken die Aktionäre fette Dividende ein, die Arbeiter können aber schuften und hungern. Wertzuwachs⸗Steuer. Die Besteuerung des Grundbesfitzes nach dem gemeinen Wert ist am Donnerstag von der Berliner Stadtverordnetenversamm⸗ lung beschlossen worden. Mit dem Gedanken dieser Besteuerung hat ein Teil der in der Versammlung sitzenden Hausagrarier sich noch nicht befreunden können. Für sie hatte im Februar Herr Wallach den Antrag gestellt, wenigstens für die bebauten Grundstücke die bisherige Besteuerung nach dem Nutzertrag beizubehalten. er angenommen worden wäre, der Grundstücks⸗ spekulation ein kleines Hintertürchen geöffnet. Aber Herr Wallach unterlag; gegen den An⸗ 4 8 trag stimmten 54 Stadtverordnete, für ihn eine immer noch ganz stattliche Minderheit— 44 Stadtverordnete. Grundstücke nach dem gemeinen Wert wurde dann mit der ansehnlichen Stimmenzahl von 4 71 gegen nur 26 beschlossen und ein Zusatz⸗ Dieser Vorschlag hätte, wenn Die Besteuerung aller 4 dus iche gen Und Herr der zug inen Wie chi nur ge⸗ lich, Vor⸗ der eertel ern chen ung ünd⸗ hari⸗ „ um bor⸗ sder⸗ rück S0 gung hen. der rde, eiter ge 6. das 1 24 z ab⸗ bol raus ent jachte U im inahe 9 die 'achte lung. eiter⸗ irlich eitern ichen. dende und dell 1 det n U anken, Nr. 17. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite&. antrag angenommen, die unbebauten Grund⸗ stücke mit einem höheren Prozentsatz des Wertes heranzuziehen. Die Wandlung der Anschauungen im Berliner roten Hause, die dieser Beschluß bedeutet, war in der Debatte von unserem Genossen Singer als ein beachtenswerter Fortschritt bezeichnet und mit Genugtuung begrüßt worden. Herr Wallach hatte im Februar in der stundenlangen Rede, mit der er seinen Antrag verteidigte, dem Magistrat vorgeworfen, daß er bezüglich der Besteuerung nach dem gemeinen Wert umgefallen sei. Singer erklärte nun, über diesen endlichen Umfall könne man sich nur freuen, und es sei zu wünschen, daß die Mehrheit der Versamm⸗ lung— nachfalle; was dann auch geschah. Oberbürgermeister Kirschner meinte dazu, man habe andere Gemeinden mit der Einfüh⸗ rung dieses Besteuerungssystems vorangehen lassen, um erst zu sehen, ob es sich bewähre. Berlin brauche nicht in jeder Sache an der Spitze zu marschieren, es müsse vor⸗ sichtiger und langsamer sein als andere Ge⸗ meinden.— So sagen eben auch viele andere Gemeindeverwaltungen, selbst solche, in denen Fortschrutler und Freisinnige das Heft in der Hand haben. Keine will den ersten Schritt nach vorwärts tun und somit bleibt alles beim Alten. Zu dem Kapitel„Wertzuwachs“ liefert übrigens das Städtchen Allenstein in Ostpreußen einen interessanten Beitrag. Seitdem feststeht, daß Allenstein zum Regterungssitz erkoren ist, steigen in dem Städtchen die Mietspreise in rascher Skala. Wie von dort berichtet wird, mußte ein Beamter, dem eine Wohnung für 1200 Mark angeboten ward, eine Steigerung des Mietspreises auf 1950 Mark innerhalb 8 Tagen über sich ergehen lassen. Auch viele andere Inhaber größerer Wohnungen müssen die Genugtuung, Allenstein zum Regierungssitz 1 100 zu sehen, mit höheren Mitetspreisen zahlen. Im„roten Königreich“, in Sachsen nämlich, hält unsere Partei nächste Woche in Leipzig ihren Landesparteitag ab. Nach dem kürzlich veröffentlichten Bericht der Landesparteileitung haben sich die Parteiver⸗ hältnisse gegen das Vorjahr insofern gebessert, als die sozialdem. Parteivereine einen nicht unerheblichen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen haben. Von verschiedenen Seiten wurde wiederum beantragt, sich an den Landtagswahlen nicht mehr zu beteiligen. Diese Anträge haben jedoch keinerlei Aussicht auf Annahme; die übergroße Mehrheit der Parteigenossen hält vielmehr die Wahlbeteiligung auch unter dem Dreiklassenwahlrecht für unbedingt notwendig und in diesem Sinne wird die Landeskonferenz auch entscheiden. Die Trennung von Staat und Kirche dürfte in Frankreich in absehbarer Zeit durchgeführt sein. Die Deputiertenkammer hat den entscheidenden Artikel 2 des betreffenden Gesetzes, der die Trennung von Staat und Kirche ausspricht, mit 336 gegen 236 Stimmen angenommen. In diesem Artikel ist fest⸗ gelegt, daß die Republik keinen Kult anerkennt und keine Gewähr oder Unterstützungen für irgend einen Kult zahlt. Streik der Eisenbahner in Italien. Am Samstag sind fast sämtliche italienische Eisenbahner in den Ausstand getreten, weil die Regierung ein Gesetz in der Kammer eingebracht hat, das die Eisenbahnangestellten rechtlos macht. Die bürgerlichen Abgeordneten sind natürlich weit entfernt davon, für die Rechte der Eisen⸗ bahner einzutreten, das tun nur die Sozialisten. Es läßt sich noch nicht übersehen, zu welchem Ausgange der Kampf führen wird. Revolution in Rußland. Gegen den unbekannten und tapferen Revo⸗ iutionär, welcher sein Vaterland und die Mensch⸗ heit von dem großfürstlichen Scheusal Sergius befreite, wurde am Dienstag von dem Senat in Moskau das Todesurteil ausgesprochen. Der Verurteilte soll Koltajew heißen, er verweigerte Auskunft über seine persönlichen Verhältnisse. Die Verhandlung wurde geheim eführt. Ob der Verurteilte der wirkliche Täter st, dürfte noch fraglich sein; früher wurde schon einmal berichtet, er sei entkommen und das wäre immerhin möglich. Kleine politische Nachrichten. Erledigtes Reichstagsmandat. Der natio⸗ nalliberale Abg. Faller, Vertreter des Wahlkreises Donaueschingen, ist gestorben. Er siegte in der Stich⸗ wahl mit knapper Mehrheit gegen das Zentrum. Unsere Partei brachte in der Hauptwahl 2189 Stimmen auf. — Sozialdemokratischer Wahlsieg. Im steier⸗ märkischen ländlichen Wahlkreise Bruck⸗Loeben siegte am Samstag bei einer Nachwahl Genosse Resel über seinen klerikalen Gegner. Nussisch⸗japanischer Krieg. Zu der erwarteten Seeschlacht ist es bisher noch nicht gekommen. Die baltische Flotte soll sich noch in den französischen Ge⸗ wässern des südchinesischen Meeres aufhalten, während Japans Admiral Togo an der Insel Formosa den russischen Sieger über die Herings⸗ flotte erwartet. Auf die weiteren Bewegungen der feindlichen Flotten ist natürlich alle Welt gespannt. 8 Aus der Mandschurei wurdelvon einigen Gefechten berichtet, in denen die Russen Erfolge gehabt haben wollen. Pon Nah und Lern. Hessisches. — Ortsbürgernutzungen. Die letzte Nummer der„Kommunalen Praxis“ enthält einen recht interessanten Artikel über die Vor⸗ teile, welche die sogenaunten„Ortsbürger“ noch in manchen Gemeinden des Großherzogtums genießen. Ein Sonderausschuß der zweiten Kammer der Stände Hessens beschäftigt sich jetzt mit der Schaffung eines neuen Gemeindesteuer⸗ gesetzes für das Land. Bei dieser Gelegenheit hat die Regierung den Ausschußmitgliedern eine tabellarische Zusammenstellung über die zurzeit noch giltigen Allmendverhältnisse zuge⸗ stellt, die in mehr als einer Richtung von In⸗ teresse ist. Leider hat diese Tabelle lediglich die Ge⸗ meinde nutzungen zum Gegenstand der Er⸗ örterung gemacht, so daß wir nur erfahren, wie groß der Nutzen der Ortsbürger am Ge⸗ meindeeigentum ist, während nicht angegeben ist, welche Nutzungen die Leute aus Staats⸗ beziehungsweise Privatwaldungen an Streu, Losholz ꝛc. ꝛc. zu beziehen berechtigt sind. Nach dieser allgemeinen Feststellung bleibt aber auch in der gegebenen Beschränkung immer noch viel Interessantes übrig. Es gibt im ganzen Lande mit 994 Ge⸗ meinden, 465 Gemeinden, die derartige Nutz⸗ ungen von Gemeindeeigentum haben, die aber nur den Ortsbürgern zugute kommen, während die übrigen Einwohner nichts davon haben. Zunächst ist der reine Wert des Los⸗ holzes festgesetzt. Dieser beläuft sich auf 609,382 Mark 39 Pfg.; darauf folgt der reine Wert der Allmend⸗(Gelände) nutzung— dieser be⸗ läuft sich auf 558,757 Mk. 13 Pfg., und schließlich sind noch Bauholz⸗, Lostorf⸗ und Waldstreu usw. Nutzungen mit 133,102 Mk. 3 Pfg. be⸗ wertet, so daß zusammen pro Jahr 1,301,241 Mark 55 Pfg. derartige Nutzungen vorhanden sind, an denen die nicht ortsbürgerlichen keinen Anteil haben. Wie hoch diese besondere Ausnutzung von Gemeindeeigentum durch die Ortsbürger prozen⸗ tual in die Erscheinung tritt, läßt sich nur im einzelnen bei jeder Gemeinde feststellen, im Ver⸗ gleich des Nutzens zur allgemeinen Gemeinde⸗ belastung durch Steuern. Im allgemeinen er⸗ gibt sich, daß diese Ortsbürgernutzungen in Prozenten der Umlagen bei den 465 hessischen Gemeinden zwischen 0,05 und 439,11 Prozent schwanken. Solange nun eine Gemeinde nur aus Ortsbürgern zusammengesetzt ist, kommen diese! Die Nutzungen auch allen Einwohnern der Gemeinde zugute; allein wieviel Gemeinden giebt es denn noch, die sich derartiger stabiler Verhältnisse erfreuen? Eine keineswegs erschöpfende Prüfung der Verhältnisse der in Frage kommenden 465 Ge⸗ meinden ergiebt, daß etwa kaum ein Dutzend in der Situation ist, lediglich Ortsbürger als Einwohner zu haben. Das bedeutet, daß die Gemeindenutzungen immer mehr den Charakter einer ungerechten Begünstigung der ansässigen Bevölkerung zum Nachteil der fluktuierenden Massen der Arbeiter annehmen. Es werden die ärmsten Glieder einer Gemeinde zur Erleichterung der Steuerlasten der wohl⸗ habenden, reichen und reichsten Glieder belastet. Und diese ungerechte Verteilung der Gemeinde⸗ lasten macht sich mit der weiteren Entwicklung 7900 Wirtschaftsverhältnisse immer schärfer geltend. Wir müfssen deshalb, wollen wir diese Un⸗ gerechtigkeit beseitigen, darauf dringen, daß die Ortsbürgernutzungen zugunsten der Ge⸗ meindekassen alaährlich in Geld um⸗ dür und damit die Schultern der nichtorts⸗ ürgerlichen Einwohner entlastet werden. Daß das eine schwere Aufgabe ist, liegt auf der Hand, denn die in den Gemeinden herrschenden Besitzenden sind in der Regel auch die Hauptnutznießer der Gemeinde⸗Allmende, so daß deren Verwendung zugunsten der Ge⸗ samtgemeinde für sie gleichbedeutend ist mit einer persönlichen Benachteiligung. Unter diesen Umständen ist natürlich nicht daran zu denken, daß in den erwähnten Gemeinden in absehbarer Zeit mit den Ortsbürgernutzungen aufgeräumt werden wird. Erst wenn es der Sozial demo⸗ kratie gelungen sein wird, in ihnen den Ein⸗ fluß der Ortsbürger zu brechen und an deren Stelle Gemeinderäte zu wählen, die auf dem Boden des sozialdemokratischen Progamms stehen, wird dies möglich sein; denn erst von dieser Zeit an ist daran zu denken, daß an Stelle der ortsbürgerlichen Gemeindeverwaltung die reine Einwohnergemeinde⸗Verwaltung tritt, die mit unerbittlicher Konsequenz mit allen Ueberbleibseln der alten Allmend⸗Bestimmungen aufräumen muß. — Land⸗ und Reichstagsabge⸗ ordneter Genosse Cramer will sein Landtagsmandat niederlegen. Cramer ist be⸗ kanntlich außerdem noch Stadtverordneter in Darmstadt und es ist sehr begreiflich, wenn er sich wegen Arbeitsüberbürdung zum Rücktritt genötigt sieht. Trotzdem ist das sehr bedauer⸗ lich, denn unsere Partei in Hessen hat an ge⸗ eigneten Landtagskandidaten wahrlich keinen Ueberfluß und es kann daher eine tüchtige Kraft wie Cramer nicht leicht entbehrt werden. An seine Stelle soll, wie unser Mainzer Partei⸗ blatt bemerkt, Gen. Rechtsanwalt Dr. Ful d a⸗ Darmstadt aufgestellt werden. Das ärgert aber den Antisemitenhäuptling Hirschel, der in seinem Friedberger Blättchen folgendermaßen belfert: 1 Sozzen läßt es, wie es scheint, nicht schlafen, daß dem Hessischen Landtag keine Juden angehören und ste wollen in dieser Beziehung Wandel schaffen. Hoffent⸗ lich wird ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Wie man hört, soll der Reichstagsabg. Dr. Becker von Sprendlingen, das zu dem Wahlkreis gehört, die Ab⸗ sicht haben, zu kandidieren und es ist zu hoffen, daß der den Dr. Fulda zur Strecke bringt,— an unserer Hülfe soll es nicht fehlen.“ Die Hülfe der zwei Dutzend Bündler in dem Isenburger Wahlkreise wird dem Sprend⸗ linger Doktor wohl nicht viel helfen. — Die hessischen Eisenbahnen. Das Großherzogtum Hessen besaß im Jahre 1904 insgesamt 1178,70 Kilometer Eisenbahnen, von denen sich 1098,33 Kilometer auf hessischem Gebiet befanden. 789,84 Kilometer waren Hauptbahnen und 388,86 Kilometer Neben⸗ bahnen. Dazu kamen noch 285,78 Kilometer nicht dem hessischen Staat gehörige Bahnen, sodaß insgesamt 1384,13 Kilometer Bahnen vorhanden waren. Das Gesamtanlagekapttal vermehrte sich im letzten Jahre von 289,252,265 Mark auf 297,612,768 Mark und die Eisen⸗ e beliefen sich auf 283,767,797 Mark. eineinnahme aus den Eisenbahnen(An⸗ NK N 2 „ a r 5 eee 1 2 e ee e ee S r Seite 4. Mittel deutsche Sountags⸗Zoitung. Nr. 17 teil an Ue berschuß der Gemeinschafts verwaltung, abzüglich der öffentlichen Abgaben) betrug im Rechnungsjahr 1903—04 12,276,337 Mark, was für das Gesamtanlagekapital eine Ver⸗ zinsung von 4,18 Proz. ergibt, während das Schuldkapital eine Verzinsung von 4,39 Proz. zu verzeichnen hatte. Gießener Angelegenheiten. Arbeiter, Genossen! Küstet zum 1. Mai! Am 1. Mai demonstrieren wir: Für den Achtstundentag! Für gesetzlichen Arbeiterschutz! Für den Völkerfrieden! Gegen den Militarismus! Gegen die kapitalistische Ausbeutung! Gegen die Tyrannei in jeder Form! — Fröhliche Ostern wünschen wir allen unsern Lesern und Parteifreunden von Herzen. Das Osterfest hat für viele Arbeiter, die Familie haben, größere Bedeutung als die beiden anderen großen Feste. Es ist die Zeit des Schuljahr⸗Beginns und viele Arbeiterkinder verlassen die Schule und treten ins„feindliche Leben“ hinaus oder treten erst in die Schule ein, im einen wie im andern Falle erwachsen den Eltern vermehrte Sorgen. Glücklich die Eltern, denen es gelang, ihre Kinder zu tüch⸗ tigen und brauchbaren Mitgliedern der mensch⸗ lichen Gesellschaft heranzubilden, das gerade für Arbeitereltern infolge unserer ganzen Ver⸗ hältnisse nicht leicht ist. Darum müssen wir stets bemüht sein, an der Besserung derselben mitzuarbeiten. Das dürfen wir auch an den Feiertagen nicht vergessen, vor allen Dingen uns die Agitation für die Parteipresse angelegen sein lassen! Werbe darum jeder einen Abonnenten für die„Mitteldeutsche Sonn⸗ tagszeitung!“ — Einen schönen Osterhasen be⸗ scherten die Agrarier den Gießnern, indem ste den Milchpreis plötzlich um zwei Pfg. pr. Liter erhöhten. Dazu lag unseres Erachtens gar eine Veranlassung vor; die Kosten der Viehhaltung find in der letzten Zeit nicht gestiegen. Durch eine derartige Preis- steigerung werden besonders kinderreiche Familien belastet, für viele dürfte sie eine Mehrausgabe von 20—30 Mk. jährlich ausmachen. Den Vorteil haben aber die Großagrarier; dem Besitzer der Winneröder Höfe und Herrn Bichler als Besitzer der Hardt bringt ver höhere Milch⸗ preis eine jährliche Mehreinnahme von mehreren tausend Mark. Will der Arbeiter aber einige Pfennige mehr Lohn haben, so schimpfen gerade cuch die agrarischen Blätter über„Streikfieber“, Begehrlichkeit und so weiter. . Konzentration des Kapitals. Die Aktienbrauerei ist von Herrn Bichler aufgekauft worden und wie wir hörten, soll auch der Betrieb von Friedel& Asprion in seinen Besitz übergehen. So fließt das Kapital in immer wenigere Hände zusammen, es bilden sich Rtesenbetriebe, und es wird be⸗ stätigt, was im sozialdemokrattschen Programm als notwendige Entwickelung der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnet wird. — Im Schneiderstreik ist eine Aenderung der Sttuation nicht eingetreten. Wie wir schon in letzter Nr. bemerkten, sind die Unternehmer bemüht, ihre Arbeit außerhalb unterzubringen, was ihnen aber nur selten ge⸗ lingt. Streikbrecher sind so gut wie gar keine vorhanden, weder von hier noch weniger von auswärts. Was an Arbeitskräften vorhanden ist, fällt nicht ins Gewicht. Ein solches„nütz⸗ liches Element“ hat sich in Wetlar gefunden. Jahn heißt der Brave und ist selbstverständlich Krie gervereinler. Die meiste Zeit war er in Wetzlar mit Flicken und Kleiderreinigen be⸗ schäftigt, jetzt ist er aber für Gießen gut genug. Mögen die Arbetter nur tapfer festhalten, so muß ihnen der Sieg zufallen. 1 5 Weißbinderbersammlung. In der am Samstag im Orbig'schen Lokale stattgefundenen Weiß⸗ binder⸗, Maler⸗ und Lackierer⸗Versammlung sprach Koll. Zimmermann⸗Frankfurt über die Beschlüsse der Hamburger General⸗Versammlung und ihre Bedeutung für die Organisation. Vor Eintritt der Tagesordnung ehrten die Anwesenden den vor Kurzem in Wiesbaden verstorbenen Kollegen Gerhold durch Erheben von ihren Plätzen. Redner gab in kurzen Zügen ein Bild der Verbandstagsverhandlungen und ging auf die wich⸗ tigsten Beratungsgegenstände näher ein. So soll zu⸗ künftig mehr für Agitation, Unterstützung von Streiks, sowie bei Krankheits⸗ und Sterbefällen aufgewendet werden. Das trage auch dazu bei, den starken Wechsel in der Mitgliedschaft einigermaßen zu begegnen; allein im verflossenen Jahre seien 10000 Kollegen aufgenommen worden, die der Organisatton erhalten bleiben müßten. Zur Entfaltung wirksamerer Agitation önd in 12 Be⸗ zürken Bezirksbeamte angestellt worden. Selbstverständlich werde die Hauptkasse dadurch stärker belastet und sei nicht ausgeschlossen, daß eine geringe Erhöhung des Beitrags eintritt. Man war nun der Meinung, daß, wo ein Wille, auch ein Weg sei und diese paar Pfennige geopfert werden müßten. Besprochen wurde noch, ge⸗ legentlich eine Vertrauensmänner⸗Versammlung abzuhalten und mit einer nochmaligen Hausagitation zu beginnen, um wieder alle der Vereinigung noch fernstehenden Kollegen zu gewinnen. Einige erklärten ihren Beitritt. — Beim Gewerbegericht sind viel⸗ fach Arbeiter, welche Klage erheben wollten, vom Gerichtsschreiber abgewiesen worden. weil nach dessen Anstcht die Klage aussichtslos sei. Wie uns mitgeteilt wurde, kam es sogar vor, daß erst von dem Arbeitgeber, gegen den die Klage gerichtet war, Auskunft eingeholt wurde und daraufhin die Abweisung erfolgte, ohne daß der Vorsitzende überhaupt in die Lage gekommen wäre, die Rechtslage zu prüfen. Darüber zu befinden ist nicht Sache des Ge⸗ richtsschreibers. Dieser hat einfach nur die Klage aufzunehmen und die weitere Entscheidung dem Gericht zu überlassen. Arbeitern, die ge⸗ nötigt sind, das Gewerbegericht in Anspruch nehmen zu müssen, raten wir, sich nicht ab⸗ schicken zu lassen, wenn sie überzeugt sind, daß ihre Klage begründet ist. Vor längerer Zeit wurde uns auch vom Wetzlarer Gewerbegericht ein ähnlicher Fall mitgeteilt. Wenn die Herren Gerichtsschreiber die Streitsachen entscheiden, sind ja Vorsitzende und Beisitzer überflüssig! — Arbeitsruhe am 1. Mai. Während sonst im Allgemeinen die Beteiligung an der Maifeier durch Ruhenlassen der Arbeit am 1. Mai von Jahr zu Jahr zunimmt, haben die Arbeiter in Gießen bisher davon abgesehen zu feiern, aus leicht er⸗lärlichen Gründen. In diesem Jahre fällt der erste Mai wieder auf einen Wochentag und eine Anzahl Arbeiter sind übereingekommen, den Tag durch Arbeits ruhe zu begehen. Ueber eine Versammlung am Vor⸗ mittag ist jedoch noch kein Beschluß gefaßt. — Die Mainummer des„Wahren Jakob“ weist einen außerordentlich reichen Inhalt auf und wir können ihre Anschaffung jedem empfehlen. Die 14 Seiten starke Nummer kostet 10 Pfg. Aus dem Rreise gießen. n. Die Maifeier in Wieseck findet, wie früher bereits bemerkt, Sonntag über acht Tage(30. April) im„Gambrinus“ bei Wacker statt. In der Versammlung nachmittags wird Gen. Vetters sprechen. — Bei den Gemeindevertreter⸗Wahlen müssen unsere Genossen in Bezug auf Auswahl der Kandidaten stets mit der nötigen Vorsicht zu Werke gehen. Es kam schon öfters vor, daß sich Leute, nach⸗ dem sie von unsern Genossen in die Gemeindevertretung gewählt waren, sich dieses Vertrauens nicht würdig zeigten, deren Verhalten als Gemeinderat alles andere, nur nicht sozialdemokratisch war. Von verschiedenen Orten unseres Verbreitungsbezirkes sind uns darüber schon Klagen zugegangen. In Steinberg z. B. kam es vor, daß ein von unsern Genossen gewählter Gemeinde⸗ vertreter unsere Partei geradezu verriet und zu den Gegnern überschwenkte. Ein solcher Mensch ist natürlich niemals Sozialdemokrat gewesen und man hat sich bei seiner Wahl schwer getäuscht. Auf dem nassauischen Parteitage in Frankfurt wurden ähnliche Klagen geführt und von verschiedenen Rednern darauf hingewiesen, daß man nur bewährte, tüchtige Parteileute zu Gemeinde⸗ vertretern aufstellen und wenn keine geeigneten vorhanden, lieber von der Wahlbeteiligung Abstand nehmen solle. — Vor Kurzem beschloß auch der sozlaldemokratische Verein in Einsiedel in Sachsen, drei Gemeindevertreter nicht mehr als sozialdemokratische Vertreter zu be⸗ trachten, weil sie für die Bewilligung von Gemeinde⸗ mitteln zum Empfange des Königs gestimmt hatten. Ihren Rücktritt vom Mandate genehmigte der Gemeinderatw nicht. Selbstverständlich wird durch solche Vorfommnsss die Partei empfindlich geschädigt, weshalb man sich die Kandidaten genau ansehen soll. 5 Aus dem Nreise Wetzlar. h. Ihre Maifeier begehen die Wetzlarer Gewerk⸗ schaften durch eine Versam lung am Montag, den 1. Mai abends im Lokale Kyrmse. Gen. Kru m m⸗ Gießen wird über die Bedeutung des 1. Mai sprechen. * Das entrüstete Reptil. Das Wetzlarer Amtsblatt druckt unsere Notiz„Bismarck⸗Anbetung“ aus voriger Nummer ab und bemerkt dazu: „Es genügt wohl, das vorstehende elende Mach⸗ werk niedriger zu hängen, um in den Augen aller anständigen Leute die bodenlose Gemeinheit einer Gesinnung genügend zu kennzeichnen, die vor einer solchen Besudelung eines großen Toten nicht zurück⸗ schreckt.“ 8 Das ist Amtsblatt⸗Anstand. Unsern Darlegungen kann es nichts entgegensetzen, weil sie auf Wahrheit beruhen, darum muß es in rudeger Weise schimpfen. Den eisenstirnigen Kanzler als Halbgo.t hinzustellen, gehört allerbings zu den Aufgaben der Amtsbratrpresse, denn Bismarck war ja der Vater der Reptilien, die er aus dea berühmten Welfenfonds gut fütterte. Ueber die Qualität dieser würdigen„Patrioten“ war er sich jedoch klar, erklärte er doch selbst:„Anständige Leute schreiben nicht für mich.“ Was übrigens in unserer Notiz gegen Bismarck gesagt war, muß als harmlos bezeichnet werden, es ist noch nicht das Tausendstel dessen, was man ihm mit vollem Recht vorwerfen kann. Für das Scszialistengesetz allein, das er über die deut⸗ schen Arbeiter verhängte und durch das Tausende ehr⸗ liche, brave Leute auf das Schändlichste drangsallert, verfolgt und in's Elend gestürzt wurden, hätte er zehn⸗ fach die Todesstrafe verdient, ganz abgesehen von dem Emser Depeschen⸗Schwindel, dessen Folgen Hundert⸗ tausenden im französischen Kriege das Leben kostete. Diese Taten schafft keine Lobhudelei und Beweihräuche⸗ rung der Götzendiener aus der Welt. Selbst das nationalliberale Leipziger Tageblatt schrieb kürzlich, daß der Byzantinismus so um sich gefressen habe, daß eine Gegenströmung nicht ausbleiben könne. Im Uebrigen hat der Anzeiger durch Abdruck unserer Notiz seinen Lesern wenigstens einmal etwas Vernünftiges geboten, 900 all' den Kriegervereinsfestreden und sonstigem blöden eug. h. Zum Bau einer Nebenbahn von Wetzlar nach Butzbach, die schon längst gefordert wurde, hat das hessische Staatsministerium dem Bürgermeister von Wetzlar die Erlaubnis erteilt, Vermessungen und Vor⸗ arbeiten auf hessischem Gebiete vornehmen zu lassen. Das bedeutet hoffentlich einen Schritt nach vorwärts in dieser Angelegenheit. J. Kriegervereins⸗ Agitation wurde bei der Kontrollversammlung in Rodheim von Seiten des Majors sehr lebhaft betrieben. Jeder Krieger vereinler muß bei der Kontrollversammlung mit Abzeichen er⸗ scheinen, außerdem ließ er aber die Nicht⸗Kriegervereinler extra den Hut hochheben, zählte sie und erklärte, daß er zum Herbst wieder feststellen werde, wieviel dem Krieg ervereine beigetreten seien. Eine derartige Agitation gehört entschieden nicht zu den Befugnissen des Kontroll⸗ offiziers; wir finden es ungehörig, wenn von dieser Seite die Leute beeinflußt werden, irgend einem Vereine beizutreten. Verständige Arbeiter wissen, was sie zu tun haben, sie wollen von jenen arbeiterfeindlichen Ge⸗ bilden nichts wissen.— Am Abend der Kontrollver⸗ sammlung schlugen sich die Krieger aus Krumbach die Köpfe blutig, wie das zur Feier dieses Tages auch an andern Orten geschah. Westerwald und Anterlahn. t. Landrätlicher Uebereifer. Zwischen der Stadt Hachenburg und dem Landrat des Kreises Marienberg, Büchting, besteht ein gespanntes Ver⸗ hältnis, von dem man nicht weiß, wie es entstanden ist. Darunter hat die Stadt aber zu leiden. Kürzlich be⸗ schloß die Stadtverwaltung, an Stelle des verstorbenen Kreis⸗Tierarztes Emmel, einen Stadt⸗Tierarzt anzustellen. Die Stadt garantierte dem Tierarzt unter Anrechnung der Einkünfte aus der Fleisch⸗ und Trichinen⸗Beschau ein Einkommen von 3600 Mk. Der engagierte Tierarzt trat am 1. März seine Stellung an und da seine Papiere einwandfrei waren, dachte man, der Landrat würde sein Gesuch um Uebertragung der Fleischbeschau sofort ge⸗ nehmigen. Umsomehr, da von Hachenburger Metzgern eine Menge Fleischwaren nach den großen Städten ver⸗ sandt werden und diese ohne den tierärztlichen Stempel nicht die Freizügigkeit besitzen. Die Stadt hatte also ein großes Interesse daran, daß die Fleischbeschau aus den Händen des Laien⸗Beschauers auf den Tierarzt über⸗ tragen würde. Der Trichinenbeschauer wohnt sogar 8 Kilometer entfernt. Trotz wiederholter Vorstellungen und Gesuche seltens des Magistrats wurde die Sache nicht erledigt, bis der Magistrat beschloß, durch eine Deputation beim Regierungspräfidenten vorstellig zu erden. Just am Tage, als die Deputation ä 55 S 17 nnisse dee wert: 2 uu m ihn. artet ung Nach⸗ aller einer einer urüd⸗ ingen heit pfen, ielen, prisse, die er Ueber r ssch Leute useret mmlos dstel kann, deut⸗ ehr⸗ aller, ichn dem udert⸗ ostele. üuche⸗ das daß g elne brigen seinen boten, öden zehlar t das pon Vor⸗ lassen. wärtz ei det dez teinlet i et⸗ telnler „daß dem kation uitoll⸗ bieset gertine sie zu f Ge⸗ ollber⸗ h die ich an Kr. 17. Mitteidentsche Sountags⸗ Zeitung. Er ile 5. wollte, kam die Zusage, daß die Fleischbeschau dem Stadt⸗Tierarzt übertragen sei. Der Stadtkasse find aus dieser landrätlichen Fürsorge zirka 300 Mk. Schaden erwachsen. So werden im Oberwesterwaldkreise öffent⸗ liche Interessen gefördert. * Vergiftung durch Konserven. In Lim⸗ burg kostete ein Dienstmädchen von Büch senerbsen, die etwas verdächtig aussahen und zog sich dadurch eine schwere Vergiftung zu. Die Erbsen werden in Gießen amtlich untersucht. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. r. Zur Maifeier findet Montag, den 1. Mai eine Versammlung bei Jesberg statt, in der ein noch zu bestimmender Genosse aus Frankfurt sprechen wird. O Gegen das Fürsorgesetz hatte sich ein hlesiges Arbeiter- Ehepaar, dem wegen einer Gefängnis⸗ strafe die Erziehung seiner jetzt 17 Jahre alten Tochter entzogen worden war, vergangen und stand deshalb am Dienstag vor der Strafkammer. Das Mädchen war hier im Elisabethhause erzogen und in der Gegend von Melsungen in Dienst gegeben, wegen schlechter Behand⸗ lung jedoch entlauren. Die Dienstherrin hatte dem Mädchen auch die Gefängnisstrafe seiner Eltern vor⸗ geworfen. Lieber wolle es sich umbringen, als wieder in den Dienst zurückkehren, hatte es zu seinen Eltern gesagt. Die Dienstherren bekundete vor Gericht, das Mädchen gut behandelt zu haben. Da die Eltern den jetzigen Aufenthalt des Mädchens nicht angaben, wurde der Mann zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, die Frau freigesprochen. Das Fürsorgegesetz hat sich hier als ein Mittel erwiesen, Dienstherrschaften, die nach ihrer eigenen Ansicht ihre Mädchen gut behandeln, billiges Dienstpersonal zu beschaffen. Aus dem Gerichts saal. Wegen Verleitung zum Meineid verurteilte die Gießener Strafkammer am Dienstag den Arbeiter Faitz aus Gießen zu 2 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust. Er hatte seine Mutter veranlaßt, bei dem von dieser geleisteten Offenbarungseide den Besitz von 1200 Mk. zu verschweigen. Deswegen wurde die alte Frau vom letzten Schwurgericht zu 1 ½ Jahre Zuchthaus bestraft. Und das alles wegen 100 Mk., um die sie ihren eigenen Schwiegersohn bringen wollte.— Am gleichen Tage verurteilte die Strafkammer 3 junge Burschen aus Klein⸗Linden zu 9, 7 und 6 Monaten Gefängnis, weil sie zwei junge Leute aus Großen⸗Linden abends überfallen und roh mißhandelt hatten.— Ein umfangsreicher Meineidsprozeß spielt sich vorige Woche vor der Strafkammer in Hanau ab. Füuf Männer und drei Frauen, meist aus Unter⸗ altenweiher in der Rhön hatten sich wegen Meineids zu verantworten. Schachtmeister Müglich erhielt acht Jahre Zuchthaus, Landwirt Rehm sieben Jahre, Bauer Müglich 6/ Jahre, Metzger Hohmann 3 ¼ Jahre, Witwe Monika Weber und deren Tochter Josefa 1 Jahre Zuchthaus. Der Staatsanwalt bemerkte u. a. in seinem Plaidoyer: Frauen, die heute hin⸗ gingen und einen Meineid leisteten, morgen den Rosenkranz beteten und beichten und übermorgen wieder einen falschen Schwur ableisteten, verdienten kein Mit⸗ leid.— Einer der Angeklagten hatte s. Zt. nach einer Gerichtsverhandlung geäußert:„Uns Rhönern kann keiner etwas wollen, wenn einer in der Klemme sitzt, schwören wir ihn heraus!“ — Ein Bürgermeister aus dem Fuldaischen, Herr Gutermuth aus Dalherda, war so neugierig, seine Nase in die Briefe anderer Leute zu stecken. Er war nämlich zugleich Postagent und hatte die Briefe, von denen er glaubte, daß ste etwas Interessantes für ihn enthielten, einfach geöffnet. Die Strafkammer 4 Fulda diktierte ihm 3 Monate Gefäng⸗ nis zu. Opfer der Arbeit. Durch eine furchtbare Kesselerploston, die sich am Dienstag früh in der chemischen Fabrik von Oehler in Offenbach ereignete, wurden 5 Arbeiter schwer verletzt. Einer davon dürfte kaum mit dem Leben davon kommen. Es war eine Retorte mit stedendem Oel ge- platzt. Das ganze Dach wurde durch die Exploston abgehoben und fortgeschleudert sowie sämtliche Fenster zertrümmert. Heiteres von der Kontrollversammlung. Aus Hagen wird unserem Elberfelder Parteiorgan berichtet: Man ist ja vieles gewöhnt auf den Kontrollversammlungen: Kriegsartikel, Vernichtung des Drachen Sozialismus(Politik wird ja da nicht getrieben!) usw. Auch letzte Woche erregte ein Zwischenfall viele Heiterkeit. Kommt da ein Mann zu spät. Natürlich wird der furchtbar angehaucht und es entspinnt sich folgender Dialog:„Warum kommen Sie zu spät?“„Es war mir nicht möglich, eher zu kommen.“„So? Was sind Sie denn 2,„Ich bin Kriminalbeamter, wir haben heute Morgen einen Dieb verhaftet, deshalb—“„Ach was, Dieb verhaftet, verhaften Sie Ihre Diebe, wenn Sie Zeit haben.“ Tableau. Es geht doch nichts über den alles überthronen⸗ den Militarismus. n Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Die Tapezierer in Darmstadt befinden sich im Ausstande.— In der Darmstädter Möbelfabrik waren auch die Schreiner in den Ausstand getreten, die Arbeit wurde jedoch am Dienstag wieder auf⸗ genommen.— In Köln hat sich ein heftiger Kampf im Brauereigewerbe entwickelt, der zur Verhängung des Boykotts über eine Anzahl Brauereien führte, weil diese beschlossen, alle organisierten Arbeiter zu entlassen. Das christliche Gewerkschaftskartell erklärte, sich dem Boykott nicht anschließen zu können. Also treten auch in diesem Falle die Christlichen wieder als Helfer des Unternehmertums auf. — Die Kölner Anstreicher⸗Meister faßten den übermütigen Beschluß, am 1. September alle der Organisation angehörigen Arbeiter aus zusperren.— In Dresden traten die Bäcker in den Ausstand.— Die Brauer in Düsseldorf stellten ebenfalls die Arbeit ein infolge der Aussperrungsdrohung der Brauereibesitzer. d Drei Gewerkschaften hielten vorige Woche ihre Verbandstage ab. Die Maurer tagten in Braunschweig, in Leipzig die Bauhilfsar⸗ beiter und die Zimmerer in Dresden. Die genannten Verbände haben, wie aus den Ve⸗ richten der Verbandsleitungen hervorgeht, eine recht erfreuliche Entwickelung zu verzeichnen. Besonders der Maurerverband, der jetzt etwa 140 000 Mitglieder zählt. Par tei-Uachrichten. Heinrich Oehme, einer unserae ältesten Partei⸗ genossen, ist am Sonntag in Nürnberg plötzlich am Herzschlag gestorben. Dort war er Redakteur an der „Fränkischen Tagespost“. Er ist 67 Jahre alt geworden, hat beinahe die ganze Entwicklung der Sozialdemokratie mitgemacht und war an den verschiedenen Parteiorten hervorragend agitatorisch tätig. Ende der sechziger Jahre kam er in Dresden zur Partei und machte sich ihr so⸗ fort durch seine populäre Rednergabe in hohem Maße nützlich. Vor und während des Sozialistengesetzes war er in verschiedenen Städten Deutschlands als Agitator, Redakteur 2c. tätig, bis er 1889 nach Nürnberg kam, um an Stelle Schönlanks die Redaktion der Arbelter⸗ chronik zu übernehmen. Als dies Blatt mit Ablauf des Sozlalistengesetzes einging, trat Oehme in die Redaktion der„Tagespost“ ein.— Seine Leiche wurde nach Offenbach zur Feuerbestattung überführt. Unsere Parteipresse. Die sozlaldemokratische Partei verfügt jetzt über 55 täglich erscheinende Blätter. Wöchentlich zweimal erscheinen noch 2, wöchentlich ein⸗ mal 5 Blätter. Die ziemlich große Liste der dreimal wöchentlich erschienenen Organe ist jetzt gänzlich ver⸗ schwunden, sie alle sind zuf Tageszeitungen umgewandelt worden. Ein erfreuliches Zeichen der Entwickelung unserer Partei und ihrer Organe. Versammlungskalender. Samstag, den 22. April. Gießen. Sozlaldem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag. Samstag, den 29, April. Gießen. Holzarbeiterverband. Abends 6 Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof). Der zweite Provinzialparteitag für Hessen⸗Nassau fand am Sonntag im großen Saale des Gewerkschafts⸗ hauses in Frankfurt statt. Er hatte einen sehr zahlreichen Besuch aufzuweisen, es waren mit Einschluß der Reichstagsabgeordneten und ⸗Kandidaten 136 Teil⸗ nehmer anwesend. Zur Begrüßung trug der Arbeiter⸗ gesangverein„Union“ ein prächtiges Lied vor. Dar⸗ auf erstattete Genosse Dittmann⸗ Frankfurt den Bericht des engeren Agitationskomitees, der übrigens gedruckt vorliegt. Danach gehören 11 Wahlkreise zu dem Bezirk. Leider wurden die ausgegebenen Fragebogen nicht mit der wünschenswerten Pünktlichkeit und Genauigkeit be⸗ antwortet. Die Agitation litt vielfach unter dem Mangel an Sälen. Das ist häufig die Schuld der Partei⸗ genossen. Wenn sie mit Ernst und Energie auf die Saalinhaber einwirkten, würden diese sehr oft auch ihre Säle uns hergeben, Auch die Verbreitung der Partei⸗ literatur läßt viel zu wünschen übrig. Namentlich das wissenschaftliche Organ unserer Partei, die Neue Zeit, sollte mehr gelesen werden. Im Weiteren weist der Bericht auf die Geringfügigkeit der Finanzen hin, die dem Komitee zur Verfügung standen. Mit 2700 Mk. für die elf Wahlkreise konnte keine nennenswerte Agitation entfaltet werden. Deshalb wurde die Anstellung eines Parteisekretärs für den Bezirk bei dem Parteivorstande beantragt, der nach anfänglichem Zögern auch darauf einging. Als Sekretär wurde Genosse Rudolph⸗ Stuttgart gewählt. Das Verhältnis der Zahl der ab⸗ gegebenen Stimmen zu derjenigen der Organisations⸗ Angehörigen in den einzelnen Wahlkreisen kommt in folgender Tabelle zum Ausdruck: Wähler⸗ Organisierte stimmen Genossen am 1903 1. Jan. 1905 Höchst⸗Usfingen 14230 1253 Wiesbaden⸗Biebrich 10865 937 Montabaur⸗St. Goarshausen 1028 73 Die ng, 59 Dillenburg⸗Herborn 1312 21 Frankfurt a. M. 20178 2326 Hanau⸗Gelnhausen 15470 2272 Wetzlar⸗Altenkirchen 3106 30 Marburg⸗ Kirchhain 1490 137 Aschaffenbug 3672 336 Lohr 1 1028 76 Gesamtzahl 74374 7510 In den 8 ersten der genannten Kreise haben sich unsere Genossen auch mit Erfolg an den Gemeindewahlen beteiligt; die Gesamtzahl unserer Gemeindevertreter be⸗ trägt zur Zeit 121. Der Bericht weist darauf hin, daß es sich mit dem Steigen der Zahl unserer Gemeinde⸗ vertreter immer mehr als notwendig erweise, denselben für ihr Verhalten in den Gemeindekörperschaften eine Richtschnur zu geben. Manchem Gewählten fehlt es, nicht zum Wenigsten in Folge der mangelhaften Bildung, die der heutige Staat den Arbeitern zu Tell werden läßt, an der nötigen theoretischen Schulung, um in Gemeindefragen stets und sicher den rechten Standpunkt zu finden. Jeder parteigenössische Gemeindevertreter sollte die„Kommunale Prapis“ lesen, die in jeder Nummer reichhaltiges und lehrreiches Material für Ge⸗ meindevertreter enthält. An dem Bericht schloß sich zu⸗ nächst eine sehr lebhafte Debatte über die Wahl des Genossen Rudolph als Parteisekretär. Dagegen hatten die Hanauer, die eine sehr zahlreiche Vertretung geschickt hatten, Protest erhoben. Nach allgemeiner Aussprache darüber, und nachdem Genosse Dittmann die gegen ihn wegen seines angeblich unkorrekten Verhaltens ge⸗ richteten Angriffe zurückgewiesen hatte, beschloß der Parteitag Uebergang zur Tagesordnung. Hierauf folgen die Berichte der einzelnen Kreise. Zuerst berichtet Meter für Frankfurt, wo ja die Partei⸗ verhältnisse erfreuliche genannt werden können. Alle anderen Kreise jedoch, besonders Montabaur, Limburg, Dillenburg und Lohr klagen über Schwierigkeiten der Agitation und bitten um kräftige Unterstützung durch die Provinzorganisation.— Genosse Hüttmann Frankfurt referiert hierauf über „Agitation und Organisatton“. Er weist auf Montag, den 24. April, nachm./ 4 Uhr: im Lokale zum„Wiener Hof“ Johannesstr. 3 Oeffentliche Versammlung Transport- Hilfs- u. ftädtischen Arbeiter. Tagesordnung:„Welche Vorteile bietet uns der Verband der Transportarbeiter? Redner: R. Habicht⸗Frankfurt. Der Einberufer. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 17. eine Reihe Mißstände hin, mit denen wir bet der Agi⸗ tation in den Landbezirken bisher zu kämpfen hatten. Doch auch von unserer Seite wären vielfach Fehler gemacht worden, die zukünftig vermieden werden müßten. Wir hätten uns fast nur auf die Agitation während der Reichstagswahl beschränkt, das sei entschieden zu wenig. Wir müssen mehr regelmäßige Fühlung mit den Arbeitern auf dem Lande unterhalten. Denn hier in Nassan ist ein großes Gebiet leicht zu erobern. Das Land liefert zu Tausenden die Arbeiter für die Städte, und diese Arbeiter müssen wir während der Saison belehren und für uns gewinnen. Ich stehe nicht an, zu sagen, daß die Parteiorganisation die Pflicht hat, mit den Gewerkschaften Hand in Hand zu gehen. Denn durch die gewerkschaftliche Kleinarbeit können wir leicht Einfluß auf die Arbeiter gewinnen. In Frankfurt sind 3. B. 2500 Arbeiter politisch, und 20 000 gewerkschaft⸗ lich organisiert. An dieser mangelhaften politischen Organisation sind nicht, wie man so gerne sagt, die Gewerkschaftssührer schuld. Leiter tragen eine Schuld; sie müssen versuchen, mehr Einfluß auf die Arbeiter zu gewinnen. Wenn wir erfolgreich agitieren wollen, dann müssen wir die Mittel vermehren, d. h., die Beiträge erhöhen. Die, welche dagegen sind und einen Abfall vieler Genossen befürchten, sehen meines Erachtens meist zu schwarz. Die Gewerk⸗ schaften haben bis jetzt bei Beitragserhöhungen keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wir müssen dahin streben, nicht immer von der Parteikuh in Berlin Milch zu beziehen, nein, wir müssen uns selbständig zu machen suchen. Selbständigkeit stärkt die Kraft und Kraft gibt Mut!. In der Diskussion wird im Allgemeinen den Aus⸗ führungen Hüttmanns zugestimmt. Von Hoch⸗Hanau wird die Abschaffung des engeren Komitees beantragt. Gegen diesen von den Hanauern unterstützten Antrag wenden sich die weisten weiteren Redner mit großer Entschied enheit und er wird denn auch mit großer Mehr⸗ heit abgelehnt. Dagegen wird ein weiterer Antrag, das Agitationskomitee wolle dem nächsten Parteitag ein neues Organisationsstatut vorlegen, angenommen. Das Komitee wird darauf wiedergewählt, nur tritt an Stelle Althaus der Sekretär Rudolph. Zum nächsten Tagesordnungspunkte:„Die Land⸗ gemeindeordnung für Hessen⸗Nassau“ referiert Hoch⸗Hanau. Er weist auf die so zahlreichen und vielgestaltigen Bestimmungen in der Landgemeindeordnung hin, in denen sich nicht leicht jemand zurechtfinde. Da sei es in erster Linie notwendig, daß ein allgemein verständlicher Führer herausgegeben werde, der die ein⸗ zelnen gesetzlichen Bestimmungen erläutere. Besonders wären die Gemeindewahlen und das Wahlrecht zu be⸗ handeln, ferner die Vorbereitung zur Wahl, die An⸗ meldung zur Bürgerliste, die Einschätzung, die Einsicht in die Wählerlisten, das Ruhen des Bürgerrechts nach Offenliegen der Listen, die Steuerleistung bei und vor Aufliegen der Wählerlisten usw. Weiter die Art und Weise des Wahlrechts, zu welcher Zeit die Wahl statt⸗ finden kann usw. Dann kommt bei der Wahl selbst ein wichtiges Kapitel: die Vertretung der Minderjährigen und Witwen. Denn gerade damit wird ein großer Unfug getrieben. Es sollte ferner sobald nur möglich, eine Gemeindevertreter⸗Konferenz einberufen werden, in der die Grundsätze unserer Gemeindepolitik erörtert würden. Redner stellt daher folgenden Antrag: Der Parteitag wolle beschließen: a) die Agitations⸗ kommission zu beauftragen 1. einen Führer durch die Landgemeindeordnung für die Provinz Hessen⸗Nassau herauszugeben, 2. eine Konferenz der sozialdemokratischen Gemeindevertreter in der Provinz Hessen⸗Nassau einzu⸗ berufen; b) den einzelnen Parteiorten zu empfehlen, für ihre sozlaldemokratischen Gemeindevertreter die„Kommunale Praxis“ zu halten. Diese Anträge werden nach kurzer Diskussion a n⸗ genommen. 1 Der letzte Punkt der Tagesordnung:„Die preußisch⸗ süddeutsche Eisenbahngemeinschaft“ konnte leider wegen der vorgerückten Zeit nicht mit der erforder⸗ lichen Gründlichkeit beraten werden. Lehmann⸗ Mannheim, der Kandidat des Wahlkreises Wiesbaden, referierte darüber. Er bespricht die Zustände im heutigen Eisenbahnwesen. Die süddeutschen Staaten müfssen sich vor Preußen ducken, das keineswegs in wünschens werter Weise die gesunde Entwickelung der Verkehrsmittel fördere. Vor Allem ist es die Ueberschußwirtschaft, die nicht scharf genug gerügt werden kann. Ebenso wie Preußen sich dagegen stemmt, das Vereins wesen reichsgesetzlich zu regeln, ebenso sträubt es sich auch gegen reichsgesetzliche Regelung des Verkehrswesens.— Die Zustände find einfach unhaltbar geworden, die Frage steht zur Ent⸗ scheidung und wir müssen Stellung nehmen. Redner schlägt eine längere Resolution vor, die zur Annahme gelangt und in der die Ueberführung des Eisenbahn⸗ wesens in die Reichsverwaltung gefordert wird. Nach einer kurzen Schlußansprache schließt Maier den Partei⸗ tag mit dem Wunsche, daß die Beratungen zur Förde⸗ rung unserer Bewegung im Bezirke beitragen möge. ——ͤ—— Nein, auch die politischen 77 1 Unterhaltungs- CTri 1 3—— 2 Oster⸗zoffnung. LCachend junge Frühlingssonnen, Leise Lenzesglocken läuten— Was soll Licht und Schall bedeuten p Daß der Herr der Gruft entronnen d 7 Ja, ein Heiland ist erstanden! „König Lenz“ ist er geheißen. Alle Sungen laut ihn preisen In den frisch erblühten Landen. Aber jener große Künder, Der einst dunkle Grüfte sprengte, Ungestüm zum Lichte drängte, Zu befrein der Erde Sünder— O, er schläft noch immer, immer Unter toten, kalten Steinen, Seine Treuen um ihn weinen, Harrend auf des Tebens Schimmer. Täglich neu ans Kreuz geschlagen, Wird er, täglich neu begraben Von den Satten, die was haben— Heute, wie in jenen Tagen. Nur die Armen stehn und hoffen, Techzen auf sein wiederkommen— Sehnsuchtsvoll und angstbeklommen, Sehn sie doch die Sukunft offen. Durch die Nerzen braust ein Wehen, Wie an jenem Ostertage— Schweigen wird einst alle Klage, Wenn die Völker auferstehen! Und es wächst die Hoffnung größer Auf die neue Osterfeier, Auf den künft' gen Weltbefreier, Auf den wirklichen Erlöser! (Südd. Postillon.) Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. (Fortsetzung.) „Ja, ich höre den Unkenruf; der Sohn ver⸗ leugnet seinen Vater,“ sagte der Alte traurig. „Ihm war's zu eng in dem kleinen Ort, in 6. dem wir damals lebten, und da ist er fort⸗ gelaufen. Ich hatte immer noch gehofft, daß er eines Tages wiederkommen würde, fetzt ist er für mich tot.“ Er ließ sich wie gebrochen auf den Stuhl fallen. „Armer, armer Vater,“ sagte mit dem herz⸗ lichsten Mitgefühl Rosalie, die nur Augen für ihren Lehrer gehabt hatte, und legte ihm ihre Hand sanft auf die Schulter. Der Herr Baron war unterdessen aus dem Zimmer vberschwunden; er hatte sich rückwärts konzentriert. Meister Adersen war ihm so schnell, als er es vermochte, in den Laden nachgeeilt. Aber der Herr Baron befand sich bereits auf der Straße, die er hinunterschritt, ohne sich umzublicken, und der Meister hatte von der Schwelle aus das Nachsehen. V Baron Isidor ließ sich in dem Weinhause, in dem Meister Adersen seinen Frühschoppen zu trinken pflegte, nicht mehr sehen. Auch aus seiner Privatwohnung war er verschwunden. Die kostbare Einrichtung auf Pump und eine Menge unbezahlter Rechnungen waren die ein⸗ zigen Spuren seines Erdenwallens. Meister Adersen schnaufte die sittlichste Entrüstung über den Schwindler, der ihn beinahe zum Schwieger⸗ vater eines Talmibarons gemacht hätte. Sein innerer Grimm über das eingestürzte Karten⸗ haus war so stark, daß der Name Unkenstein's nicht mehr von den Seinigen vor ihm genannt werden durfte. Ja er ging so weit, daß er dem alten Häsekin nicht nur die Unterrichts⸗ stunden, sondern auch die Wohnung kündigte. Und es war nicht der einzige saure Apfel, der ihm den Geschmack an dem selbstgebackenen Brote und Kuchen verdarb. Denn die Bäcker⸗ gesellen gaben keine Ruhe, nachdem sie sich organisiert hatten, und eines Tages las er in der Zeitung die Verfügung, durch welche Die Lehrlingsfrage geordnet und ae e 4 mit der Revision auch der Bäckereien beauftragt Dem Meister Adersen glitt die pom. wurden. pöse Meerschaumspitze, aus der er eben rauchte, aus dem Munde auf die Erde und zerbrach. Wütend zertrat er sie vollends mit seinem Elephantenfuße.„Was,“ schrie er,„ich, ein gelernter Bäcker, soll mein Handwerk nicht mehr treiben, wie ich will unb diese Kerls sollen mir hineinschnüffeln können, wann sie wollen? Da soll die ganze Bäckerei der Teufel holen! Ich schmeiß' den ganzen Krempel hin!“ Seine Frau tat Alles, was in ihren Kräften 0 stand, um ihn von diesem Vorsatz zurückzubringen, und die Verschwiegenheit der ehelichen Bett⸗ kammer wurde lieb manch' harten Kampfes. Vergebens! Er blieb um so störrischer, als ihn die Furcht stachelte, daß die Gesellen auch ihre weiteren Forderungen durchdrücken und die Meister unterkriegen könnten! Das war nicht mehr schön. Also raus aus der Bude! Gesichter von dem unabhängigen, sorgenfreien, bequemen Leben des Rentners begannen ihn zu umschweben, und obgleich er nie einen Sinn für die schöne Natur gehabt hatte, so sah er sich dennoch im Geiste jetzt als Eigentümer einer hübschen Villa, in Schlafrock und Pantoffeln, die Zigarre im Munde, auf der Veranda sitzen, zwischen Blumen⸗ beeten und unter grünen Bäumen herumspazieren. Also frisch an's Werk! Kraft des Zaubere, den sein Geldschrank barg, erwachte er eines Morgens als Eigentümer eines kleinen schmucken Land⸗ hauses in der Kolonie Grunewald und der Konditorgehülfe, der schon viele Jahre in seinen Diensten stand, kaufte seine Bäckerei. An einem sehr klaren, aber noch recht kühlen Tage des Wonnemondes— der Flieder begann eben schüchtern zu blühen— bezog der Rentier Herr Gustav Adersen seine Villa, die er auf den Namen seiner Frau„Villa Karoline“ um⸗ getauft hatte. Ueber der Haustür prangte in einem Rahmen von Laubgewinden eine weiße Leinewand, auf der in großen bunten Buch⸗ staben zu lesen war!„Willkommen!“ Die Tafel hatte auf der Landstraße vor dem Gitter eine tümer, Frau und Tochter vorfuhr. Letzteren nickten den Kleinen lachend zu; der 9 Kinderschaar versammelt, welche lustig Hurra 1 rief, als der Wagen mit dem gewichtigen Eigen⸗ Die beiden Gatte und Vater aber berührte nur flüchtig den Hutrand, als ob er Serenissimus selber wäre. Mit derselben unnahbaren Würde starrte er die Inschrift an und grunzte nur, als seine Frau 5„Du, Alter, das hat der Otto uns zu Liebe gemacht!“ Otto Lebrecht hatte sein Röschen jubelnd 5 umarmt, als der Baron von Unkenstein plötzlie von der Bildfläche weggewischt war. Sie hatten die Mutter mit Bitten bestürmt, ihre Herzens⸗ sache nun vor den Vater zu bringen. Schnob der Vater doch fortwährend Wut wie ein Eber. Und dann kam die Hetze mit dem Kauf der Villa, dem Verkauf der Bäckerei und dem Umzuge. Die Liebenden wappneten sich notgedrungen mit Geduld. Otto arbeitete unter⸗ Die Mutter aber konnte nur zur Geduld ermahnen. dessen fleißig; sein preisgekröntes Tabaksplakat, das im Farbendrucke an vielen Fenstern von Zigarrenläden prangte, hatte andere Aufträge ahnlicher Art zur Folge gehabt. Außerdem zeichnete und malte er heraldische Bestien und anderes Getier und Gevögel, sowie Blumen in der steifen, verzerrten Welse, welche man heute stilvoll nennt, und er zeichnete wirkliche Kari⸗ katuren und Burlesken für die Witzblätter der ö Sozialdemokratie. Den Pinsel und das Hemd des Anstreichers warf er über alle Zäune. Der Onkel betrachtete Dasjenige, was ihm gelegentlich der Neffe von seinen Arbeiten vorlegte, mit den Augen des Bhotiers, oder es wirkte auf ihn wie das rote Tuch auf den Stier. b Schon der erste Abend in der Villa bot der Mutter Gelegenheit, endlich ein Wort für die Liebenden einzulegen. wen ee gewisser⸗ maßen symbolisch von dem Landhause Besitz, indem er einen Revolver schwersten Kalibers an die Wand neben seinem Bette aufhing; geladen ö ö ö ö war deselbe nicht. Da meinte die Frau:„Aber, Alter, wenn's so unsicher im Grunewald ist, da — 11 . U. — de 9 etre auftrag e pot. daucht, brach, seinen 0, ein k nich 5 pollen vollen holen! after ingen, Bett. ampfes. als ihn ich ihre ud die ir nicht eicher quemen heben, schöne loch im u Villa, arre im lumen. azteren. 1e, den korgens Land- nd der n seinen t kühlen begann Rentier er auf le“ um gte in e welße n Buch⸗ ie Tafel ter eine Hurra n Eigen- e helden zu; der flüchtig 5 selber e startte l feine er Otto jubelnb blötli 1 hatten herzen H. Di mahnen, ut wie it delt 1 cten sit te untel⸗ plalal ern bol Auftal uberden ien un Amen i an heul e Kal“ iter del 0 8 Hel .. 9 eutld 11 dal f ihn I ihm aus voller Ueberzeugung bei. Nr. 17. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Seite 7. wär's doch besser, daß wir anstatt des Dinges da, daß Du nie losschießen wirst, einen jungen, kräftigen Menschen in's Haus nähmen.“ Er sah seine Frau nur fragend an und ste fuhr sort:„Ich denk an den Otto. Und wenn du etwa meinst, daß sich das von wegen unsrer Tochter nicht schickt, nun, ich will's Dir nur sagen, wenn Du noch nichts gemerkt haben solltest: die beiden sind schon längst miteinander einig. Und das Haus ist ja groß genug, daß das junge Paar bei uns wohnen kann.“ Ihr Mann stieß ein gurgelndes Lachen aus, dann rief er:„Denkst Du, ich bin blind? Na ga, das Goldfischchen zu erschnappen, das könnte dem Jungen schon gefallen, dem Hungerleider, dem Habenichts. Aber daraus wird nichts, das sag' ich Dir ein⸗ für allemal.“ „Und ich sage Dir, daß mein Neffe kein Hungerleider ist,“ ereiferte sich Frau Karoline ein wenig.„Er verdient durch seine Arbeiten schon jetzt so viel, daß er unsere Nachhülfe kaum braucht. Er ist ein ordentlicher Mensch und wenn Dir an dem Glücke unseres Kindes was liegt, dann mußt du ja und Amen sagen.“ „Und ich sag' noch einmal: niemals!“ „Niemals ist kein Grund, Alter. Du willst Dir wohl wieder einen Baron als Schwieger⸗ sohn suchen? Na, ich denke: einmal blamtert ist genug für's ganze Leben.“ „Ist mir immer noch lieber, als die Rosalie einem Sozialdemokraten zu geben,“ schnob er. „Ja, Du machst lieber vor einem Adeligen Bücklinge oder vor einem Geldsack, als daß Du einem ehrlichen Arbeiter die Hand drückst. Und ich möchte wohl wissen, was aus Dir geworden wäre, wenn ich damals, als Du um mich warbst, so gedacht hätte, wie Du heute?“ Ihr Mann wurde bleich und starr, dann setzte er sich hin, sah vor sich auf den Fußboden und seufzte. Die Pille war zu kräftig für ihn. Er tat ihr leid und ste bereute. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und bat:„Sei wieder gut, Gustav. Ich hätte das nicht sagen sollen.“ Er wiegte eine Weile den schweren Kopf, dann sah er seine Frau von unten auf an und sagte:„Aber ich habe mit dem Deintgen ge⸗ wirtschaftet, so daß wir heute schwer reiche Leute sind. Und jetzt laß uns schlafen gehen.“ „Ja, das hast Du,“ pflichtete seine Frau „Gehen wir zu Bett! Nur Das will ich noch sagen, daß der Otto kein Verschwender ist und daß er unser Kind auf den Händen tragen wird.“ (Schluß folgt.) Allerlei. Schnecken und Mäuse. An eine weniger bekannte Aufzeichnung Lessings wird in der„Neuen Freien Presse“ erinnert. Das kleine, aber vielsagende, in „Dialogform gehaltene Fragment trägt die Ueberschrift:„Gespräch über Mönche und Soldaten“ und lautet: „Muß man nicht erschrecken,.“ beginnt A, „wenn man bedenkt, daß wir mehr Mönche haben als Soldaten?“ „Du willst sagen,“ erwidert B,„daß es mehr Soldaten als Mönche gibt.“ A:„Nein, nein, mehr Mönche als Soldaten.“ B:„Erschrecken? Warum nicht ebensowohl erschrecken, daß es weit mehr Soldaten gibt als Mönche. In dem und jenem Lande von Europa magst du recht haben. Aber in Europa überhaupt? Wenn der Landmann seine Saaten von Schnecken und Mäusen vernichtet sieht: Was ist ihm da das Schreckliche? Daß der Schnecken mehr sind als der Mäuse? Oder daß es der Schnecken oder der Mäuse so viele gibt 2“ A:„Das verstehe ich nicht.“ B:„Weil du nicht verstehen willst. Was sind denn Soldaten?“ A:„Soldaten sind Beschützer des Staates.“ B:„Und Mönche sind Schützer der Kirche.“ A:„Mit eurer Kirche!“ B:„Mit eurem Staate!“ A:„Träumst du! Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt!“ B:„Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem Leben verheißt!“ A:„Verheißt!“ B:„Gimpel!“ Humoristisches Die Weltanschauung des Frosches.„Was brauche ich das Weltmeer zu sehen?!“ rief der Frosch. „Ich bin vollständig davon überzeugt, daß es keinen Vergleich mit meinem Sumpfe aushält!“ Beamten⸗ Standpunkt. Kanzletrat: Sollte man es für möglich halten? In Chemnitz hat ein Post⸗ sekretär, der vierzig Jahre im Staatsdienste steht, einen Orden zurückgewiesen! Geheimrat: Hm, hm! Der Mann kann nicht normal sein! Den sollte man auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen! Litterarisches. Von Stadthagens Arbeiterrecht sind nun⸗ mehr die letzten Hefte erschienen. Ueber das Werk, das jedem Arbeiter nicht nur, sondern überhaupt jedem Menschen, der sich über die Gewerbeordnung, die Ver⸗ sicherungsgesetze ꝛc. unterrichten will, zur Anschaffung empfohlen werden kann, schreibt Rechtsanwalt Haase in Königsberg in der„Neuen Zeit“: „Das Arbeiterrecht“ Stadthagens liegt seit kurzem in vierter Auflage vor— ein ausgezeichnetes Werk von wissenschaftlichem Werte und praktischer Brauchbarkeit. Die meisterhafte Beherrschung und Zusammenfassung des in vielen Gesetzen zerstreuten Materials; das scharfe und tiefe Eindringen in alle Fragen des Arbeiterrechts; die klare, leichtverständliche Darstellung, die doch keineswegs den wissenschaftlichen Charakter preisgibt, bilden die großen Vorzüge des Stadthagenschen Werkes, die in dieser Auflage ebenso wie in den früheren Auflagen her⸗ vortreten. In allen Teilen der neuen Auflage offenbart sich das umfassende und tiefe Wissen des Verfassers, sein selbständiges Urteil, der auf die Arbeit verwendete groß e Fleiß. Das„Arbeiterrecht“ ist geradezu eine Fundgrube der Belehrung für den Gewerberichter und den Arbeiter⸗ eee Aber auch den rechtsuchenden Arbeitern, die einen Rechtsanwalt oder Arbeitersekretär nicht zu Rate ziehen können, leistet es vortreffliche Dienste, namentlich durch die Fülle von Beispielen und Formularen, welche die Anwendung der Rechtssätze im Verkehr mit den Behörden veranschaulichen und die praktische Brauchbarkeit des Buches sehr erhöhen. Zu beziehen in Heften à 20 Pfg. in der Expeditlon der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung. Landarbeiter in Mecklenburg. Unter diesem Titel ist soeben von der Buchhandlung„Vorwärts“ in Berlin eine Broschüre des Genossen J. Herzfeld, Reichstagsabgeordneter, herausgegeben. Es ist ein er⸗ schütterndes Bild, das der Verfasser vor uns aufrollt. Fast völlig rechtlos ist der größte Teil der Einwohner dieses Feudalstaates seinen skrupellosen Ausbeutern über⸗ antwortet. Herzfeld zeigt die Ursachen dieser wirtschaft⸗ lichen und politischen Knechtung, und er weist den Landarbeitern den Weg, auf dem allein sie Befreiung erhoffen dürfen. Die Broschüre kostet 50 Pfennig; sie ist in allen Parteibuchhandlungen zu haben. 60 EZ Ein Tag! 3* vor der Konfirmation finden Sie noch 100 de Konfirmanden⸗Anzüge in allen Farben und Macharten à Stück in Buckskin Lubehörteile, Mantel von von Mk. 7.— an. Ebenso Stiefel, Stiefeletten, Hüte, Hemden zk. it. Hochzeitsanzüge für Stadt U. Land. Duisburger Fahrradfabrik eat, Freue 4 14 Ee ene ae. Anzüge vom schwersten Buckskin, dunkel, hell, Mk. 10.— Mammgarn⸗Berren⸗Anzüge, blau, braun und schwarz, Mk. 13.50. Mein Lager in Hosen, Westen⸗, Jünglings ·„Knaben⸗ u. Kinder⸗Anzügen, Ueberziehern, Kirchen⸗Röcken, Buckskin ꝛc. ꝛc. steht nunäbertroffen da. Scheuen Sie die Reisekosten nicht, Sie bekommen das Beste und Billigste. 42 f nicht zu jung, per 15. Mal h. Möller, Marburg oder 1. Juni gegen hohen zum Oberhess. 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