ei, „ ü. Wire N Uhr hot. 0 Ng. 10 ben 1 3 FCC ͥã AA AT FEC Nr. 43. Gießen, den 22. Oktober 1905. —. ——— 12. Jahrgang. Medaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Jonnt Mitteldeutsche Ugs⸗Jeitu Nedaktionsschtuß: Donnerstag Nachmittag& Uhr. 1 Abounementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbretrung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monaklich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt Des Volkes Wille sei Gesetz! Gewiß, wir haben Volks vertretungen, nicht nur im Deutschen Reiche, sondern in fast jedem einzelnen der deutschen Vaterländer. Diese Vertretungen, Landtage und wie sie sonst 1 mögen, sollen den Volkswillen zum usdruck bringen; die Politik, die Gesetzgebung in seinem Sinne beeinflussen. Aber abgesehen davon, daß infolge ungerechter Wahlgesetze und anderer hier nicht weiter zu erörternder Um⸗ stände der Wille des Volkesmehrheit in den Parlamenten nicht zum Ausdruck kommt, ihre Macht und ihr Einfluß ist außerdem sehr be⸗ schränkt. Den vom Volke gewählten Vertretern sleht auch in Hessen als Gegengewicht die Erste Kammer gegenüber, die sich aus den Stan⸗ desherren, den Vertretern des Großgrund⸗ besitzes, des Adels, des Großkapitals zusammen⸗ setzt. Hier findet die Reaktion ihren Stütz⸗ punkt; eine Handvoll Leute, Angehörtge der teilweise sogar landesfremden Adelskaste sind in der Lage, jeden politischen Fortschritt und jede Weiterentwickelung zu verhindern. Bei uns in Hessen zeigt sich die Erste Kammer gegenwärtig in besonderem Maße als volksfeindliches Element. Sie hat nicht nur die Wahlreform vereitelt, sie will auch das Gemeindesteuergesetz unter Führung des Herrn v. Heyl zu Falle bringen. Wir haben gewiß an beiden Gesetzen vieles auszusetzen, immerhin bedeuten sie einen Fortschritt. Die politische Situation hat sich nun, schreibt unser Mainzer Parteiblatt, derartig zugespitzt, daß es nur noch ein Entweder Oder zu geben scheint. Ent⸗ weder die hessische Volksvertretung und die Regierung unterwirft sich in allem dem Kapitalismus und liefert auch die Rechte der Volksvertretung aus— oder die Regierung räumt das Hemmnis allen Fortschritts endlich aus dem Wege, und das wäre die Besei⸗ tigung der Ersten Kammer. Diese Er⸗ kenntnis schafft sich auch in den Reihen der bürgerlichen Parteien allmählich Raum, und der soztaldemokratische Antrag auf Abschaf⸗ fung der Ersten Kammer findet in bürgerlichen Kreisen immer mehr Anklang. Insofern zeitigte die politische Krise also schon eine recht erfreu⸗ liche Erscheinung. Die Wahlrechtsvorlage darf als endgiltig gescheitert angesehen werden, während es die Regierung offenbar mit allen Mitteln unternehmen will, mit der Ersten Kammer einen Verzweiflungskampf um die Gemein de⸗ steuer⸗Reform zu führen. Auf letzteres läßt die Denkschrift schließen. die den Herrenhäuslern übermittelt wurde. Diese Denk⸗ schrift erließ die Nehmen nach ihrer Angabe deshalb,„weil diejenigen Ergänzungen und Er⸗ läuterungen zu der Begründung des Entwurfes und zue inzelnen seiner Bestimmungen, wie sie sie bereits im Finanzausschuß der Ersten Kammer kurz mündlich und in eingehender Darlegung schriftlich gegeben hat, in dem Ausschußbericht der Ersten Kammer in keiner Weise Würdigung gefunden hat.“— Frhr. v. Heyl ist bekannt⸗ lich Verfasser dieses„objektiven“ Berichts. Aber wenn auch— was sehr wahrscheinlich ist— die Regierung im Herrenhause nichts auszurichten vermag, so kann sie das Gesetz im nächsten Landtag sicher durchbringen. Der Artikel 5 der Verfassungsurkunde bestimmt nämlich: „Wird aber ein solches Gesetz auf dem nächsten Landtage von der Regierung den Stäuden wieder vorgelegt und wieder von der einen Kammer abgelehnt, von der anderen aber angenommen, so werden, wenn die Regierung es nicht vorzieht, den Vorschlag zurückzunehmen, die Stimmen für und wider die Annahme in den beiden Kͤammeru zusammen⸗ gezählt und es wird, nach der sich dann ergebenden Stimmenmehrheit, für oder gegen die Annahme entschieden. Da die Zweite Kammer 50, die Erste da⸗ gegen nur 35 Mitglieder zählt, so wäre die Niederlage der letzteren besiegelt. Bekanntlich ist es ja auch diese Durchzählung und die im Artikel 67 vorgesehene Durchstimmung bei der Budgetberatung, welche die Herren gerne be⸗ seitigen möchten. Sie haben ihre Zustimmung zum direkten Wahlrecht von der Beseitigung obiger Bestimmungen der Verfassung abhängig gemacht. Während also die eventuelle Ablehnung der Gemeindesteuervorlage seitens der Ersten Kammer eiue allzugroße Verzögerung in der Fertigstellung des Gesetzes nicht unbedingt dar⸗ stellt— vorausgesetzt natürlich, daß die Re⸗ gierung den Kampf mit den Pairs aufnimmt und die Vorlage wieder einbringt— so besteht hingegen voraussichtlich auf Jahre hinaus keine Möglichkeit, das direkte Wahlrecht zu erhalten. Die Wahl⸗ rechtsvorlage bedürfte nämlich, weil sie eine Verfassungsänderung in sich schließt, auch bei der Durchzählung der Stimmen beider Kammer einer Zweidrittel⸗Ma⸗ jorität. Da nun selbst in der Zweiten Kammer noch einige prinzipielle Gegner des direkten Wahlrechts sind und die Erste Kammer bei ihrer letzten Wahlrechtsaktion einstimmig war, so würde sich eine Zweidrittelmajorität schwerlich finden. Hier steht Herren ⸗ wille über Volkeswille, ja selbst über dem Willen der Regierung und des Landes⸗ fürsten. Feudalismus und Kapi⸗ talismus höhnen hier frech dem Verlangen des Volkes. Was ist hier zu tun? Dem Volke wird sein heiliges Recht vorenthalten von ca. drei Dutzend auf vergilbten„Rechten“ fußenden „Herren“; alle fortschrittlichen Gesetze scheitern an dem Widerstand dieser Privilegierten, oder können nur gegen deren Willen eingeführt werden! Das Staatswohl und das Volkswohl verlangt deshalb gebieterisch: dem frevelhaften volksverräterischen Spiel der Privilegierten ein für allemal ein Ende zu machen. Hin⸗ weg mit den Privilegien der Geburt, des Geldsacks und der Kirche, sie hemmen die fortschrittliche Entwickelung des Staates und gefährden das Gemeinwohl! * Unser Offenbacher Parteiblatt beschäf⸗ tigt sich in einem längeren Artikel„Was tun?“ mit der gegenwärtigen politischen Lage in Hessen und sagt zum Schluß:„Das Herr⸗ schaftsbegehren der Ersten Kammer, die frevel⸗ hafte Auflehnung gegen den Volkswillen, fordert zur Gegenaktion heraus. Bei der Landtags⸗ wahl mag das Volk abrechnen, mag klar und deutlich das Verdikt fällen. Am vernehm⸗ barsten durch Wahl sozialdemokra⸗ tischer Wahlmänner und Abgeord⸗ neten. Agitieren und organisteren, die Presse ver⸗ breiten, im Freundschaftskreise wirken, Ver⸗ sammlungen arrangieren, der Wahlmänner sich vergewissern, alles vorbereiten für den Tag der Wahl; solchergestalt den Volkswillen gegen den Herrenwillen stellen, der Regierung Rückhalt im Volke schaffen, sie und die zweite Kammer vorwärts treiben zur Auseinander- setzung mit der Herrenkammer; durch die Auf⸗ rüttelung, Organisterung der hesstschen Wähler⸗ schaft, durch die Weckung ihres Interesses für die Landespolitik, durch ihre Gewinnung zu Abonnenten der hesstschen sozialdemokratischen Presse und ihre stramme Einordnung in die Landesorganisation der hesstschen Sozialdemo⸗ kratie die Machtposition der Sozial⸗ demokratie stärken und so die Vorbe⸗ dingung schaffen für den stegreichen Ausgang der Aktton, die Beseitigung der Ersten Kammer fordert: das sind die Aufgaben, die jetzt geleistet werden müssen! Aeue Lasten für das Volk. 150 bis 180 Millionen Mark jäbr⸗ lich sollen durch die Reichsfinanzreform frisch aus den Taschen des deutschen Volkes heraus⸗ geholt werden. Die Ausschüsse des Bundes⸗ rats haben die erste Vesung der Vorlage bereits beendet und werden am 23. Oktober in die zweite Lesung eintreten. Es ist nach Mitteilungen Berliner Blätter eine Biersteuer, eine Branntwein⸗ steuer, eine Tabaksteuer und nebenbei auch eine kleine Erbschaftssteuer in Aussicht genommen, die letztere soll aber nur dann aufrecht erhalten werden, wenn die drei anderen vom Reichstag angenommen werden. Nach den Erfahrungen der letzten Monate ist übrigens anzunehmen, daß die Reichserbschafts⸗ steuer, die wichtigsten Erbschaften, nämlich die der direkten Linie unbesteuert lassen wird. Wäre dem nicht so, könnte der ganze Betrag von 150 bis 180 Millionen allein aus der Erbschaftssteuer, der Steuer der Reichen, her⸗ ausgeholt werden, wie das Beispiel England und Frankreichs beweist. Damit ist auch der Standpunkt, den die Sozialdemokratie im Reichstage einehmen wird, gegeben. Als die Vertreterin der besttzlosen Volksklassen wird sie die drei Steuern der Armen mit allergrößter Entschtebenheit bekämpfen und fordern, das die eine Steuer der Reichen, dem Vorbilde des Auslandes entsprechend, so ertragsreich gestalten wird, daß eine weitere Belastung der Massen mit neuen Verbrauchsabgaben nicht einzutreten braucht. Wird sie in diesem gerechten Kampf Bundes⸗ genossen finden? Wir sagen jetzt schon„Nein“, obwohl das Berliner Organ des Zentrums, die „Germania“, erst am letzten Sonntag eine steuerpolitische Betrachtung veröff eutlicht hat, die nach ihrem Hauptinhalt in jedem sozial⸗ demokratischen Blatt hätte stehen dürfen. Die 0 — l Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 43. „Germania“ weist darauf hin, daß die kapital⸗ kräftigen Klassen nur mit 91 Millionen der Stempelabgaben und Schaumweinsteuer die Lasten des Reichs tragen helfen, während die große Masse aufbringen müsse: durch Abgaben auf Branntwein, Bier, Salz und Zucker rund 3371 Millionen, durch Zölle anf Tabak, Petroleum, Kaffee, Brotgetre ide rund 304 Millionen, in Summa 641 Millionen, wodurch der Kopf der Bevölkerung mit 10,70 Mk. jährlich belastet sei.. Die„Germania“ hat sich ferner die Mühe genommen, die Haushaltungsbücher eines reichen Mannes mit einem Einkommen von 120 000 Mk. jährlich und eines Arbeiters mit 940 Mk. jährlichem Einkommen zu studieren. Daraus ergab sich, daß der Kapitalist 53,35 Mk., der Arbeiter 43,41 Mk. an indirekten Reichssteuern bezahlte. Der Arme war im Verhältnis zu seinem Einkommen für das Reich genau hundertmal so hoch besteuert wie der Reiche. Alle diese Tatsachen werden aber das Zentrum nicht davon abhalten, neue Verbrauchssteuern zu bewilligen, genau so gut, wie es die neuen Brotzölle angenommen hat. Erst das dema⸗ gogische Geschäft der Agitation besorgen und dann im entscheidenden Augenblick im Gegen⸗ satz zu allen schönen Redensarten handeln, das ist stets Zentrumstaktik gewesen. Die Sozialdemokratie wird also auch in dem e. Kampf gegen die Volksbelastung allein stehen.— Politische Nundschau. Gießen, den 19. Oktober 1905 Gegen die neue Tabaksteuer wendete sich ein Aufruf an die Tabak⸗ arbeiter Deutschlands, der von der Berliner Tabakarbeiter⸗Kommisston ausgeht, mit folgenden beachtenswerten Ausführungen:„Der gesamten Tabaksindnstrie droht eine neue Ge⸗ fahr, die aber doch genügend durch offiziöse Mitteilungen in Fachkreisen und Aeußerungen der verschiedensten Zeitungen erörtert worden ist. Der im Jahre 1903 zu Berlin stattge⸗ habte Kongreß der Tabakarbeiter Deutschlands zur Bekämpfung der Tabakfabrikatsteuer hat die unterzeichnete Kommisston beauftragt, bei etwaigen neuen Steuerprojekten sofort in Aktion zu treten. Diesem unseren Auftrage kommen wir hiermit nach, indem wir die Kollegen er⸗ suchen, allerorts auf dem Posten zu sein, um einer abermaligen Verschlechterung Euer Lebens⸗ haltung vorzubeugen. Seit ca. 40 Jahre sind der Tabakindustrie seitens der Regierung nur kurze Ruhepausen vergönnt worden. Wie unendlich schwer die Tabakarbeiter durch diese Maßnahmen gelitten haben, beweist der gegenwärtige Stand ihrer Lebenshaltung. Tatsache ist es, daß die Tabak⸗ arbeiter zu den schlechtentlohntesten Industriearbeitern Deutschlands gezählt werden müssen, und zwar in Folge der Steuerpolitik der Reichsregierung. Nachdem im Jahre 1878 das Sozialisten⸗ gesetz eingeführt wurde, inszenirte man die famose„Reform des deutschen Zolltarifs“. Durch diese„Reform“ wurde der Zoll auf Tabak von 24 Mark auf 85 Mark und die Steuer von 2 Mark auf 45 Mark pro Doppel⸗ zentner erhöht, nachdem Bismarck mit dem Monopol gedroht hatte. In Folge des rigo⸗ rosen Schlages wurden ca. 15,000 Tabakar⸗ beiter brotlos. 1880 legte Bismarck im Reichs⸗ tage sein Monopolprosekt vor, welches aber von demselben nach kurzer Beratung durch Re⸗ solution glatt abgelehnt wurde. Im Jahre 1891 brachten die Konservativen eine Resolution ein, welche verlangte, daß die Erhöhung des Zolles von 85 Mark auf 125 Mark und die Herabsetzung der Steuer anf inländischen Tabak von 45 Mark auf 24 Mark eingeführt werde. Im März 1892 wurde diese Resolution zum Antrag verdichtet, welcher aber abgelehnt wurde. Im Jahre 1893 kam die Alles zu vernichten drohende Tabakfabrikatsteuer, die den Berliner Kongreß der Tabakarbeiter Deutschlands zur Folge hatte. Am 26. Januar 1895 wurde abermals dem Reichstage ein ähn⸗ licher Tabakfabrikatsteuer⸗Entwurf und zwar in etwas abgeschwächter Form vorgelegt. Beide Entwürfe wurden abgelehnt, und zwar in Folge der intenstiven Agitation der Tabakinteressenten. Im Jahre 1902 äußerte Schatzsekretär v. Thiel⸗ mann im Reichstage u. A.: Sie werden nicht umhin können, neue Einnahmequellen zu be⸗ willigen, und zwar solche die zu Buch schlagen, und da ständen an erster Stelle Bier und Tabak. Trotz dieser Aeußerung erklärt einige Monate später in einer Sitzung der Zoll⸗ tarifkommission der Staatssekretär von Posa⸗ dowsky, daß die Regierung nicht daran denke, dem Reichstage eine Tabaksteuererhöhung vor⸗ zulegen. Seitdem sind drei Jahre in's Land gegangen, und wiederum stehen wir einer drohenden Ge⸗ fahr gegenüber, die wir bereits oben angedeutet haben; es gilt nun, derselben mit Mut und Kraft entgegenzutreten. Kollegen und Kolleginnen! Wir fordern jetzt von Euch, daß Ihr ungesäumt unserem Weckrufe Folge leistet und allerorts an die Arbeit geht. Keine Stadt, kein Dorf, wo Tabakarbeiter existieren, darf in der Agi⸗ tation zurückbleiben! Organisiert daher den Kampf! Wir schlagen Euch vor, auf folgender Basis zu organisieren: An jedem Orte sind durch öffentliche Versammlungen Kom⸗ misfionen einzusetzen, resp. zu wählen; diese Kommissionen haben sich zunächst zu konstituieren und zu beraten, in welchem Maße Mittel be⸗ schafft werden können, da zu jedem Kampf auch Munition gehört, also Geld. Von allen Orten, wo sich Kommisstonen gebildet haben, sind die Adressen der Obmänner der unterzeichneten Kommission mitzuteilen, welche auch bereit ist, über etwaige Anfragen Auskünfte zu erteilen.“ Dieser Aufruf muß auch von den Tabak⸗ arbeitern unseres Verbreitungsgebietes beachtet werden und es sollten sofort die nötigen Vor⸗ bereitungen zu lebhaftem Proteste gegen die neue Belastung getroffen werden. Die Adresse der Kommission ist: Wilh. Börner, Berlin, Ritterstraße 15. Der Reichskanzler und die Fleischnot. In Berlin trat der Deutsche Städte⸗ tag zusammen, auf dem die Bürgermeister vieler Großstädte anwesend waren. Man be⸗ schäftigte sich mit der Fleischnot und beschloß eine Abordnung en den Reichskanzler zu schicken und diesen um Maßnahmen zur Behebung des Notstandes zu ersuchen. Bülow erklärte sich zwar zum Empfange bereit, aber als kluger Mann baute er vor, daß ihm die Bürgermeister nicht unangenehm werden konnten. Er richtete ein Schreiben an den Städtetag, in dem er so ungefähr sagte, daß man ihm vom Halse bleiben solle. Er verschanzte sich hinter der „Rechtslage“, wonach die Anordnung oder Auf⸗ hebung von Maßnahmen zur Abwehr oder Unterdrückung von Viehseuchen gesetzmäßig den Landesregierungen obliege. Als Reichs⸗ kanzler habe er nur die Berechtigung, nötigen⸗ falls die Regierungen der beteiligten Bundes⸗ staaten zur Anordnung einheitlicher Durch⸗ führung der erforderlichen Maßregeln zu ber⸗ anlassen.— Rein buchstabenmäßig mag das zutreffen. Aber der Reichskanzler ist nicht bloß Reichskanzler, sondern auch preußischer Mini⸗ sterpräsident. Und als solcher konnte er bei sich einen Antrag auf Oeffnung der Grenzen stellen. Aber als Ministerprästdent will er erst das Ergebnis der Podbielskischen„Erhebungen“ abwarten. Daß hunderte von Stadtverwal⸗ tungen, welche in der Frage doch wohl auch ein Urteil haben, flehentlich um die Oeffnung der Grenzen bitten, um der Not der Bevölke⸗ rung Milderung zu verschaffen, rührt ihn nicht; Podbielskis ablehnende Haltung im Interesse der großen Schweinezüchter wiegt ihm schwerer, obwohl dessen fürwitzige Prophezeiungen sich als falsch erwiesen haben. So ist also nach Bülows Meinung„alles in Ordnung“ und das Volk kann sich den Hungerriemen gemüt⸗ lich enger schnallen. — Kleinbauern und Fleischnot. Bündlerische und antisemitische Agitatoren versuchen den Bauern weiß zu machen, daß von hohen Viehpreisen auch der kleine Bauer Nutzen habe. Daß dies nicht zutrifft, sondern von den hohen Viehpreisen nur die Großen profitieren, wissen die Kleinbauern sehr wohl und merken es noch mehr. So heißt es in einem Briefe, den der Bauerngutsbesitzer Por⸗ tel in Alt⸗Thymen im Kreise Templin an die „Fr. D. Presse“ richtet, folgendermaßen: „Dringend notwendig ist es, einmal gründ⸗ lich Umschau zu halten, ob wirklich der kleine Mann auf dem Lande, der etwas Acker hat, sowie der Kleinbauer Vorteile von den jetzigen hohen Fleischpreisen hat. Diese Leute sind fast ganz allein darauf angewiesen, die Schweine mit Kartoffeln zu mästen und die Kleie, Gersten⸗ schrot oder Maisschrot dazu zu kaufen. Die vorjährige Kartoffelmißernte sowie die hohen Futtermittelpreise brachten es ganz von selbst mit sich, daß die kleinen Leute, Kleinbauern ꝛc. die Schweinemast ganz oder teilweise aufgeben mußten. Die weniger wohlhabenden kleineren und größeren Landwirte waren durch die schlechte Ernte 1904 nicht in der Lage, das Vieh durchzufüttern; auch das Zukaufen von Futtermitteln war nur für den möglich, der über reichliches Betriebskapital ver⸗ fügte. Das Frühjahr 1905 sah viele leere Schweineställe beim kleinen Mann, Kleinbauern und bei dem pekuniär weniger günstig dastehen⸗ den Landwirt. Heute werden wir beim land⸗ wirtschaftlichen Arbeiter, Kleinbauern und weniger vermögenden Landwirt nach und nach sich langsam wieder anfüllende Schweine⸗ und Viehställe sehen und zu welchem kolossalen Preise der kleine Mann dem Großgrund⸗ besitzer die Ferkel abkaufen muß, ist ja bekannt, an Verkauf ist noch wenig oder gar nicht zu denlen. Hervorgehoben sei noch, daß die Fleischvorräte bei den durch das schlechte Jahr 1904 in Mitleidenschaft gezogenen kleinen Landleuten usw. so gering, wenn nicht schon ganz aufgezehrt sind, daß die ersten nur eintger⸗ maßen schlachtbaren Schweine zum Selbstbedarf dienen müssen.“ Diese Tatsachen beweisen, daß in erster Linie den reichen Großgrundbesitzern durch die hohen Fleischpreise die Taschen gefüllt werden und in zweiter Linie haben die wohlhabendsten Bauern den Vorteil. Dagegen die sogenannten kleinen Leute auf dem Lande, Kleinbauern oder die weniger vermögenden Landwirte haben keinen Vorteil, sondern in diesem Jahre Nachteil von den hohen Fleischpreisen. Frivoles Diplomatenspiel. Vor einigen Tagen schrieb ein Pariser Blatt, der„Matin“, im Frühjahr dieses Jahres habe der Krieg vor der Tür gestanden. England hätte sich verpflichtet, Frankreich im Kampfe gegen Deutschland zu unterstützen. Diese Ent⸗ hüllungen sollen von dem früheren französischen Minister des Aeußeren Delcassé ausgehen und den Tatsachen entsprechen. Daß die Ge⸗ fahr eines fürchterlichen europäischen Krieges damals bestand, bestätigt auch Jaures in seiner Humanité und wird auch noch von anderer Seite bestätigt. Daß es dazu nicht gekommen, ist hauptsächlich unseren französichen Partei⸗ genossen zu danken, die sofort gegen die aben⸗ keuerliche Politik Delcasses energisch Stellung nahmen. Andernfalls hätten sich die Völker zerfleischt und kaum wußte jemand warum! Das zeigt wieder, wie die Diplomatie mit dem Feuer spielt und weiter, daß die internationale Sozialdemokratie schon jetzt Erhalterin des Weltfriedens ist. Ministerschub in Preußen. Zwei preußische Minister sind fast zu gleicher Zeit aus dem Amte gegangen oder Peg ant worden. Und zwar der„lange Möller“, er Handelsminister und Justizminister Schön⸗ stedt. Vor vier Jahren wurde der west⸗ fälische Großindustrielle Möller— Besitzer einer Maschinenfabrik bei Brackwede, einer Gerberei und Teilhaber mehrerer anderer industriellen Unternehmungen— plötzlich Handelsminister, niemand wußte recht warum. Bei einem Fest⸗ FP — ——— e 3 Nr. 43. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3. mahl wurde ihm vom Kaiser zugerufen:„Sie ind mein Mann!“ und daraufhin erfolgte seine Berufung. Die Industrie-Kapitalisten jubelten damals, als einer der ihren, der das„durch Fleiß und Intelligenz emporgekommene Bürger⸗ tum“ darstellte, Minister wurde und sie setzten große Hoffnungen auf ihn, er sollte durch eine arbeiterfeindliche Gesetzgebung ihre Profite und ihre Macht erhöhen und sichern helfen. Doch Möller entsprach nicht ihren Erwartungen, so sehr er auch bemüht war, den Interessen seiner Berufsgenossen zu dienen. Man war auf allen Seiten mit ihm unzufrieden. Mit dem Ver⸗ staatlichungsprojekt der Hibernia hatte er be— sonders Pech und das führte schnell zu seinem Ende. Sein Nachfolger ist der Oberprästdent Westpreußens, Klemens Delbrück geworden. Wie gewöhnlich kommt nichts besseres nach. Einen Sieg des Polentums bedeutet zweifellos das Resultat der Reichstags⸗ Ersatzwahl von Kattowitz⸗Zabrze, das allge⸗ mein überraschte. Die berests in der vorigen Nummer angegebenen Stimmenzahlen haben sich durch die endglltigen Feststellungen nicht wesent⸗ lich verändert. Während man allgemein Stich- wahl erwartete, und besonders das Zentrum bestimmt hoffte, entweder mit dem Polen oder dem Sozialdemokraten in Stichwahl zu kommen und dann natürlich zu siegen, stegte statt dessen der Pole Korfanty im ersten Wahl⸗ gange mit 23 208 Stimmen, erhielt also fast 12000 Stimmen mehr als bei der Wahl von 1903. Dagegen büßte das Zentrum fast 11000 Stimmen ein(1903 hatte es 19 992, diesmal 9012), trotzdem es in dem polnischen Pfarrer Kapitza einen auch den Polen genehmen Kandi⸗ daten aufgestellt zu haben glaubte. Für den „nationalen“ Kandidaten Voltz, der 7610 Stim- men erhielt, haben nicht nur das Beamtentum und die Werksbesitzer alle Hebel in Bewegung gesetz', sondern sicher auch die den besitzenden Kreisen angehörenden Zentrumsleute. Unser Genosse NMorawski erhielt 4778 Stimmen, wir verloren also gegen 1903 über 5000. Dieser Rückgang ist nur aus den das polnische Volk Oberschlestens beschäftigenden nationalen Fragen und ihrer wirksamen Ausnützung durch den Radikalpolontsmus zu erklären. Natürlich tat auch die skrupellose Hetze Korfantys und seiner Helfer das ihre. Alles was an Ver— leumdungen und Lügen gegen die Sozialdemo⸗ kratie jemals vorgebracht worden ist, wurde von Korfanty und seinen Helfershelfern dies- mal ins Gefecht geführt, Und leider war die Sozial demokratte nicht in der Lage, diesen er⸗ bärmlichen Verläumdungsfeldzug durch ihre Agitatton erfolgreich durchkreuzen zu können. In dem ganzen riesigen Wahlkreise mit seinen 300,000 Bewohnern stand ein einziges, kaum 300 Personen fassendes Versammlungslokal der Sozialdemokratie zur Verfügung. Trotz des sozialdemokratischen Verlustes haben die Bürgerlichen zum Jubel keine Ver⸗ anlassung. Denn mindestens zwei Drittel der Stimmen Korfantys stammen von unzufriedenen, durch die Regierungspolitik aufs äußerste ge⸗ reizten Arbeitern, denen Morawski und Kor⸗ fanty gleich galt. Nachhaltige Agitationsar⸗ beit eri wird auch dort die Arbeiter- schaft zu besserer Erkenntnis und unsere Sache vorwärts bringen. Die Landtagswahlen in Baden finden diesen Donnerstag, den 19. Oktober statt. Unsere Parteigenossen haben in allen 73 Wahl- kreisen Kandidaten aufgestellt und wir dürfen erwarten, daß die sozialdemokratische Partet um einige Mann stärker als bisher in den neuen Landtag einziehen wird. Vielleicht können wir noch in dieser Nummer unter„Letzte Nach⸗ richten“ einige Resultate veröffentlichen. Die Wahlen sind diesmal von besonderer Bedeutung, es kommt hier zum ersten Male das direkte Wahlrecht zur Anwendung, das sich das badische Volk endlich erkämpfte. Bisher war unsere Partei sechs Mann stark imLandtage vertreten, ebensoviel hatten die Demo⸗ kraten, während die Nattonalliberalen über 25 und das Zentrum über 23 Mandate verfügte. Lösung der Union zwischen Schweden und Norwegen. Nunmehr ist die Trennung der beiden nordischen Staaten endglltig beschlossen und es handelt sich jetzt darum, daß jeder der beiden sich für sich einrichtek. In Schweden hat der Sonderausschuß des Reichstags ohne Be— gründung vorgeschlagen, daß die Reichsakte aufgehoben und die Regierung ermächtigt werde, Norwegen als selbstständigen Staat anzuer⸗ kennen. In Norwegen wird nun darüber zu entscheiden sein, wie die zukünftige Staatsform beschaffen sein solle, ob repub⸗ likanisch oder monarchisch. Von der norwegischen Soztaldemokratie wird entschieden die Volksabstimmung über diese Frage ge⸗ fordert und eine in letzter Woche in Christiania stattgehabte Versammlung beschloß, ein Komitee zur Ausarbeitung einer republikanischen Verfassung niederzusetzen. Es sind von anderer Seite aber auch Be— mühungen im Gange, einen schwedischen oder dänischen Prinzen zum König von Norwegen zu machen. Wenn die Norweger klug sind, lassen ste das bleiben, denn ein König ist stets ein kostspieliges Möbel. Revolution in Rußland. In Petersburg, wie in Moskau ist es in den letzten Tagen wieder zu förmlichen Straßen⸗ schlachten gekommen. Die Setzer in Petersburg traten in den Streik, infolgedessen konnten keine Zeitungen erscheinen. Verschiedene Zu⸗ sammenstöße zwischen Streikenden und Truppen fanden statt, wobei es viele Verwundete gab.— Der Führer der Liberalen in Moskau Fürst Trubetzkoi, starb plötzlich in Petersburg, wie es heißt, an Gift. Bei Ueberführung seiner Leiche nach dem Bahnhofe hieben Kosaken auf die die Leiche begleitende Menge ein. Viele wurden verwundet. Die revolutionäre Be⸗ wegung nimmt stets zu. Zu den hessischen dandtagswahlen. Angesichts der bevorstehenden Landtags— wahlen sst es dringend erforderlich, daß sich unsere Parteigenossen in Stadt und Land mit dem Wahlgesetz vertraut machen, damit von vornherein Irrtümer vermieden werden, die nachher nicht wieder gut zu machen sind. Wir stellen im nachfolgenden die wichtigsten Be— stimmungen über die Wahlen zum Landtag zu⸗ sammen und bitten unsere Leser, für die nötige Aufklärung in Bekanntenkreisen Sorge zu tragen. Genau wie bei der Reichstagswahl werden die Wählerlisten in die alle wahlberechtigten Männer eingetragen sind, zur allgemeinen Einsichtnahme auf den Bürgermeistereien ausgelegt. Die Auslegung findet nur an drei Tagen t tatt. g Wahlberechtigt ist und muß demnach in die Wählerlisten eingetragen werden jeder 25 Jahre alte Hesse, der seit dem 1. April 1905 irgend welche(Staats- und Kommunal—) Steuern zahlt. Zwei Wahlgänge sind bei der Landtagswahl erforderlich. Im ersten Wahlgang wählen die Urwähler die Wahlmänner; im zweiten Wahlgang, der etwa 8 Tage nach der Wahl wännerwahl statt⸗ findet, wählen die Wahlmänner den Abge⸗ ordneten. Zum Wahlmann kann jeder 25 Jahre alte Hesse gewählt werden, der mindestens 80 Mk. Normalsteuer⸗ kapital versteuert.(Dieser Steuerlelstung ge⸗ nügt, wer pro Ziel mindestens 2,10 Mk. direkte Staatssteuer bezahlt.) In der Wählerliste ist jeder Wähler, der als Wahlmann fungieren kann, besonders gekennzeichnet. Die Wahl der Wahlmänner erfolgt durch relattve Mehrheit, d. h. gewählt sind diejenigen, welche die meisten Stimmen er⸗ halten haben. Eine Ablehnung der Wahl zum Wahlmann findet nicht statt. Also man merke genau, es ist nicht wie bei der Reichstagswahl, eine absolute, sondern nur eine einfache Mehrheit nötig. Die Abgeorduetenwahl. Den gewahlten Wahlmännern muß min⸗ destens zwei Tage vor dem Tage der Wahl des Abgeordneten, eine schriftliche Einladung des Wahlkommissärs zugestellt werden. Es müssen wenigstens zwei Dritteile der Wahlmänner bei der Wahl der Abgeordneten abstimmen. Die drei ältesten Wahlmänner sind als Urkundspersonen bei der Wahlkommisston zu nehmen. Jeder Wahlmann beteuert durch Handge⸗ lübde, daß er nach eigener Ueberzeugung für 1 des Landes seine Stimme abgeben werde. Gewählt als Abgeordneter ist derjenige, welcher mehr Stimmen hat, als die Hälfte der Wahlmänner, welche abgestimmt haben. Ergibt sich bei der ersten Abstimmung eine absolute Majorität nicht, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen und derjenige als gewählt anzusehen, welcher die meisten Stimmen hat. Es findet also beim zweiten Wahlgang keine Stichwahl statt, wie bei den Wahlen zum Reichstag, es entscheidet vielmehr die ein⸗ fache Mehrheit. Stimmzettel. Sowohl die Wahl der Wahlmänner durch die Urwähler(erster Wahlgang) als auch die Wahl des Abgeordneten durch die Wahlmänner (zweiter Wahlgang) ist geheim, wie bei der Reichstagswahl. Die Abstimmung erfolgt durch weiße Stimm⸗ zettel, die zusammengelegt sein müssen. Bei den Wahlen der Wahlmänner müssen auf den Stimmzettel soviel Namen geschrieben oder gedruckt werden, als Wahlmänner zu wählen sind. Zettel die mehr Namen ent⸗ halten sind unguͤltig. —— Pon Nah und Lern. Hessisches. — Der Reichsbettel-Verbandgegen die Sozialdemokratie hat sich eine ver⸗ nichtende Blamage zugezogen. Diese famose unter Führung des Generals v. Liebert und eines Dr. Bovenschen stehende Organisation hat sich bekanntlich zur Aufgabe gestellt, die Sozialdemokratie mit Stumpf und Stiel aus⸗ zurotten, richtiger gesagt, totzuschwindeln und totzuschimpfen. Mit welchen Mitteln diese Gesellschaft arbeitet, hat sich schon bei verschiedenen Wahlen gezeigt. Ihre Agita⸗ toren— bezahlte und käufliche Subjekte—— leisteten im Schimpfen und Verleumden so Außergewöhnliches, daß sich sogar anständige Gegner der Sozialdemokratte darüber entrüsteten. Dabei verstchert der Sozialistentöter-Verband jeder bürgerlichen Partei, ob Zentrum oder Freisinn, ob antisemitisch oder judenfreundlich, daß er im Grunde dasselbe Ziel als sie ver— folge und deshalb könne jeder ihrer Ange— hörigen seine Groschen in nicht zu geringer Menge dem edlen Zwecke der Sozlalistentöterei zuführen. Da ist aber dem Sekretär ein böses Malheur passiert: er verwechselte die Bettel⸗Briefe, die er an einen Ultramon⸗ tanen in Aachen und an einen Pfaffen⸗ fresser geschrieben hatte! Und die Aus⸗ führungen, die den Zentrumsmann zum Ein- tritt in die heilige Gemeinschaft bewegen sollen, enthalten keineswegs den Nachweis, daß das Zentrum ein Interesse habe, die Bestrebungen des Reichsverbandes zu unterstützen, sondern genau das Umgekehrte steht darin. Das Formular, das man dem ultramontanuen Herrn zugeschickt hatte, war nicht für ihn, sondern umgekehrt für pfaffenfresserische Los⸗ von⸗Rom⸗Kämpfer bestimmt und enthielt das Versprechen, daß es demnächst, sobald man mit der Sozialdemokratie fertig sei, dem Zen ⸗ trum an den Kragen gehen solle. Natürlich lacht alle Welt über diese ungeheuere Blamage des Sozialistenfresser-Verbandes und die Ar- beiterschaft wird das ihrige tun, damit bei den — Seite 4. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 43. nächsten Reichstagswahlen diese Blamage eine vollständige werde.— Uebrigens will diese Ge⸗ sellschaft demnächst auch in Darmstadt eine Filiale errichten, wir werden also Gelegenheit haben, sie noch näher kennen zu lernen, was allerdings gar nicht nötig ist, denn man kennt ste gut genug.— Gegen unser Mainzer Parteiblatt hat, wie berichtet wird, der Sekretär des Verbandes, Dr. Bovenschen eine Belei⸗ digungsklage wegen eines Artikels angestrengt. Also scheinen die Herren in dem Punkte empfind⸗ licher zu sein, als in Bezug auf ihre Gesinnung. Gießener Angelegenheiten. — In der Stadtverordneten⸗ sitzung kam es am Donnerstag bei Punkt 10: Zahlungsunfähigkeit der Firma Jäger und Rumpf zu lebhaften Debatten. Stadtverord⸗ nete Gabriel gab in einigen Umrissen ein Bild von der, gelinde gesagt, liederlichen Buch⸗ und Geschäftsführung der Firma; eine Anzahl Leute verlieren ihr Geld, weil sie Vertrauen zu der Firma hatten, deren Ruf gut gewesen und durch die übertragenen großen Arbeiten noch befestigt worden sei. Auch seien in den Büchern Posten gefunden worden, die gegen einzelne Leute Ver⸗ dacht erregen könnten. Herr Schmal! sprach in ähnlichem Sinne, nur noch etwas deutlicher. Nun verlangten der Oberbürgermeister und die Stadtverordneten Kirch, Haubach und Krumm Vorlage des ganzen Materials. Für heute können wir nur soviel sagen, daß tatsächlich Verfehlungen vorzuliegen scheinen. Dabei möchten wir aber ausdrücklich betonen, daß es sich nur um Kleinigkeiten handelt. Wenn die Angelegenheit genügend geklärt ist, kommen wir darauf zurück.— Vergrößerung des Exer⸗ zierplatzes auf dem Trieb stand wieder auf der Tagesordnung. Darüber wurde noch nicht be⸗ schlossen, hoffentlich fallen die Stadtväter nicht um und geben noch Gelände dazu her, auf dem Platze kann ja ein ganzes Armeekorps exerzieren. — Ueber denstädtischen Fischmarkt, der zur Linderung der Fleischnot einzurichten beschlossen wurde, redete man in der Stadtver⸗ ordneten⸗Sitzung auch wieder herüber und hin⸗ über. Schließlich wurde eine Kommission ge⸗ wählt, von der man hofft, daß sie den Fisch⸗ markt baldmöglichst wieder umbringt. Erklär⸗ licherweise sind die Fischhändler von der Ein⸗ richtung des Marktes nicht besonders erbaut. Doch kann der Schaden, der ihnen dadurch zu⸗ gefügt wird, so bedeutend nicht sein. Man darf übrigens den Einfluß derartiger Notbehelfe nicht überschätzen. Jedenfalls wäre es bedeutend mehr wert, das Oktrol auf Fleisch zu beseitigen. Daß sich die Stadt Mühe gibt, durch solche Maßnahmen einzugreifen ist ja anzuerkennen. Freitag früh wurde zum ersten Male verkauft. Es herrschte sehr starker Andrang, viele Frauen kehrten wieder um, ohne etwas bekommen zu haben. Der Preis war diese Woche aus ver⸗ schiedenen Gründen(Stürme auf der See, starke Nachfrage ꝛc.) ziemlich hoch. — Walkotte⸗ Rezitation. Der bei uns bestens bekannte Rezitator E. Walkotte wird nächsten Donnerstag, 26. Oktober im Saale des Lenz'schen Felsenkellers Maxim Gorkb's„Nachtasyl“ zum Vortrag bringen. Der junge, rasch berühmt gewordene russische Dichter zeigt uns in diesem Stück das Leben in den unkersten Schichten des russischen Proletariats. Herr Walkotte wird, wie immer das Stück in künstlerischer Weise zum Vortrag bringen. — Gute Fortschritte hat die Gießener Verwaltungsstelle des Metallarbeiter⸗Verbandes im letzten Vierteljahr gemacht. In diesem Zeit⸗ raum sind nicht weniger als 113 Mitglieder eingetreten, so daß die Mitgliederzahl abzüglich der Abgereisten ꝛc. 359 betrug. Ausgetreten ist nur 1 Mitglied, ausgeschlossen mußten 6 werden und 5 kamen zum Militär. weist einschließlich der Streikrechnung 2417,20 Mark in Einnahme auf, während sich die Ausgabe auf 2334,99 Mk. beläuft. Nur 300 Mark wurden von der Hauptkasse als Zuschuß zu den Streikkosten benötigt, die im Ganzen 1293 Mk. betrugen. Für Reise⸗ und Umzugs⸗ Unterstützung wurden 350 Mk. ausgegeben. Auch bei andern Gewerkschaften in Gießen ist ein recht erfreuliches Anwachsen der Mitgliederzahl zu Die Abrechnung verzeichnen. Es wäre sehr zu wünschen, daß alle Gewerkschafts⸗Mitglieder auch Abonnenten der Mittel deutschen Sonntags⸗Zeitung und Mit⸗ glied des Wahlvereins würden! — Fest der Schneider. Der Schneider⸗ verband Gießen hält Samstag, den 28. ds. Mts. sein 17. Stiftungsfest im Saale des Café Leib ab. Hoffentlich finden sich dazu nicht nur die Berufsgenossen selber zahlreich ein, sondern auch die Mitglieder der andern Gewerk⸗ schaften. Allerdings fällt das Fest insofern etwas ungünstig, als acht Tage vorher das der „Eintracht“ abgehalten wird. Doch bekanntlich sind bei den geselligen Veranstaltungen unserer Gewerkschaften die Aufwendungen für die Teil⸗ nehmer so mäßig, daß selbst dann das Haus⸗ haltungsbüdget eines Arbeiters kaum in's Schwanken gerät, wenn er beide Feste besucht. — Im Gießener Stadttheater wird diesen Freitag unseres verstorbenen Genossen Rosenow's Komödie „Kater Lampe“ aufgeführt und jedenfalls nächste Woche wiederholt. Wer von unseren Lesern sich das lustige Stück ansieht, wird es nicht bereuen. Aus dem Rreise gießen. Zu den Landtagswahlen! Parteigenossen! Es ist nunmehr an der Zeit, die nötigen Vorbereit⸗ ungen für die Landtagswahlen zu treffen. Vor allem müssen über die aufzustellenden Wahlmänner Beschlüsse gefaßt werden. Als Wahlmänner können nur solche Wähler aufgestellt werden, die mindestens 2,10 Mk. direkte Staatssteuer pro Ziel bezahlen. Aus Watzenborn⸗Steinberg. Das Loos⸗ holz des Pfarrers war vor kurzem Gegenstand einer Verhandlung vor dem Kreisausschuß. Unsere Gemeinde befitzt eine Loosholzberechtigung aus dem Schiffenberger Dominialwald. Im Jahre 1815 kam auch ein Vertrag zu Stande zwischen der damaligen Oberforstbehörde und der Gemeinde Watzenborn⸗Steinberg, wonach jeder Orts⸗ bürger ein halbes Klafter Holz erhielt. Im Jahre 1850 fand eine neue Regelung statt, die Zahl der Loosholz berechtigten Bürger wurde damals auf 300 festgesetzt. Diese beiden Verträge sind noch vorhanden. Aber seit langer Zeit erhalten nur 299 Bürger dieses Holz und der Pfarrer erhielt 2 Loose, trotzdem in beiden ge⸗ nannten Verträgen keine derartige Bestimmung enthalten ist. Schon mehrmals hat der Gemeinderat auf Antrag unserer Genossen den Versuch gemacht, den Pfarrer den anderen Bürgern gleichzustellen, so erst vor 3 Jahren. Damals hätte eine arme Witwe das andere Loos erhalten, aber der Pfarrer offenbarte sein christliches Herz dadurch. daß er auf seinem Vorrechte bestand und besagte Frau ging noch ein Jahr leer aus. Im Mai dieses Jahres faßte nun der Gemeinderat den Beschluß, dem Pfarrer nicht mehr Holz zu verabfolgen als jedem Bürger. Da⸗ gegen erhob er Einspruch und berichtete unter anderem an das Kreisamt: es sei bedauerlich, daß der Gemeinderat dem Antrag zugestimmt habe, welcher von sozial⸗ demokratischer Seite gestellt set. Letzteres geschah wohl aus dem Grunde, um die Behörde gegen unsere Genossen scharf zu machen, was diese natürlich sehr kalt läßt, sie lassen sich dadurch nicht im Geringsten Furcht einjagen. Am 16. Sept. kam nun die Angelegenheit vor dem Kreis ausschuß zur Verhandlung. Als Vertreter der Gemeinde waren anwesend der Bürgermeister Hirz und die Gemeinderatsmitglieder Pfaff und Haas. Sämtliche alte Akten wurden verlesen und aus einigen, die sich am Kreigamt befanden, von denen aber keine Abschrift im Gemeindebesitz ist, ging hervor, daß 300 Bürger bezugsberechtigt seien und nicht 299 und der Pfarrer doppelt. Der Bürgermeister bestätigte, daß aus den Akten der Gemeinde nirgends ein Vorrecht des Pfarrers hervorgehe; der Gemeinderat habe, gestützt darauf, diesen Beschluß gefaßt. Haas und Pfaff erklärten, ihrer Auf⸗ fassung nach sei es ein Unrecht, wenn die Bürger nicht gleichmäßig behandelt würden und der Pfarrer mehr bekäme als die anderen, während gegenwärtig noch 150 Bürger leer ausgingen. Außerdem brauche der Pfarrer das Holz nicht, sondern verkaufe es zum Teil als Werk⸗ holz, um einen höheren Preis zu erzielen. Während der Verhandlung lief ein Schreiben des Pfarrers ein, worin er sein Fernbleiben von der Verhandlung ent⸗ schuldigt, obendrein aber noch eine Entschädigung ver⸗ langt, weil die Gemeinde sein entzogenenes Holz habe heimfahren und im Freien sitzen lassen. Bürgermeister Hirz erklärte demgegenüber, daß das Holz nicht minder⸗ wertig sein könne, denn es sei rechtzeitig gespalten worden. Nach kurzer Beratung verkündete der Kre⸗sausschuß sein Urteil zu Gunsten des Pfarrers. Er hat also„Recht“. Die große Mehrheit uuserer Gemeindeangehörigen ist allerdings anderer Anficht. Sie meint, es würde einem Diener Christi besser anstehen, wenn er weniger auf sein formales„Recht“ pochte, namentlich, da andere ärmere Leute darunter leiden. Die Ansprüche, die er in seinem Privatinteresse an die Gemeinde stellt, be⸗ laufen sich auf einige Hundert Mark. Die Ortsein⸗ wohner wünschten daher, daß er etwas mehr von Be⸗ scheidenheit merken ließe, welche christliche Haupttugend ihm in hohem Maße eigen ist. r. In Steinber 9 findet Samstag, den 21. Oktober, abends ½9 Uhr eine öffent⸗ liche Versammlung im Saale grünen Baum“ statt, in der Gen. Vetters⸗ Gießen über der. Parteitag in Jena sprechen wird. Diese Tagesordnung bietet eine Fülle des Interessanten, weshalb die Partei⸗ freunde für recht guten Besuch der Versamm⸗ lung bemüht sein und auch die Frauen mit⸗ bringen wollen. Aus dem Lr eise Wetzlar. h. Einem schrecklichen Unglücks⸗ falle fielen in der Nacht vom Samstag zum Sonntag unser Genosse Schuhmacher Heinrich Heberling und seine Frau zum Opfer. Beide wurden durch ausströmendes Gas ge⸗ tötet. Im Hause des Schreinermeisters Stroh, Rosengasse 8 machte sich am Sonntag früh Gas⸗ geruch bemerkbar, obwohl im Hause selbst gar keine Gasleitung liegt. Der Hausbesttzer schickte trotzdem nach der Gasanstalt, damit die Sache untersucht werde. Unterdes fiel es auf, daß in der im ersten Stock gelegenen Heberling'schen Wohnung sich noch nichts regte und es stieg deshalb jemand auf eine Leiter und sah zum Fenster hinein. Er sah Heberling etwas zur Seite geneigt, anscheinend leblos auf dem Bette sitzen. Sofort brach man die Tür auf und fand beide Ehegatten, die Frau im Bette liegend, tot vor. Trotz der sofort durch den herbei⸗ geholten Arzt Dr. Belgard angestellten Wieder⸗ belebungsversuche war es nicht möglich, die Verunglückten in's Leben zurückzurufen.— In Heberling verliert unsere Partei ein eifriges und opferwilliges Mitglied. Er fehlte selten bei Versammlungen und sonstigen Parteiver⸗ anstaltungen. Die Wetzlarer Parteigenossen, die sich zahlreich an der am Dienstag Nach⸗ mittag erfolgten Beerdigung beteiligten, werden ihm ein gutes Andenken bewahren. Zu dem beklagenswerten Unglück set noch bemerkt, daß sich bei der Nachgrabung ein Bruch der Röhrenleitung, die dicht am Hause hinläuft ergab. Das Rohr sperrte ziemlich weit auseinander und Gas muß in großer Menge entströmt sein, das jedenfalls durch die durchlässigen Grundmauern in das Haus drang und an den Wänden emporstieg. Merk⸗ würdigerweise war es in die Wohuung des Erdgeschosses nicht eingedrungen, während die Kiuder der im zweiten Stock wohnenden Familie schon Gas eingeatmet hatten und sich erbrechen mußten. Das Unglück hätte leicht noch mehr Opfer hinwegraffen können. In der Rosengasse soll, wie uns mitgeteilt wird, die Gasleitung sich in einem nicht besonders gutem Zustande befinden. Mißfällig wurde bemerkt, daß bei der Beerdigung kein Vertreter der Stadtver⸗ waltung,— die doch bis zu einem gewissen Grade verantwortlich gemacht werden muß— anwesend war. Es handelt sich ja allerdings nur um arme Schuhmachersleute, dazu auch noch um einen Sozlaldemokraten! h. Viehseuchen werden nach Darstellung agrarischer Agitatoren bekanntlich vom Aus⸗ lan dee eingeschleppt und darum müssen auch „im Interesse der Seuchenverhütung und der Volksgesundheit“ die Grenzen gesperrt und darf kein ausländisches Vieh hereingelassen werden. Aber in einer einzigen Nummer des Wetz⸗ larer Amtsblattes(Nr. 273) werden nicht weniger als sechs Fälle von Viehseuchen und die deshalb angeordnete Gehöftsperre amtlich bekannt gegeben. Da ist Rotlaufseuche in Oberquembach, Bollnbach, Langgöns und Gladenbach, die Schafräude in Hochelheim und der Rauschbrand in Utphe ausge⸗ brochen. Und fast täglich liest man derartige Bekann'machungen. Diese Seuchen sind doch sicher nicht vom Auslande eingeschleppt; trotz⸗ dem darf keine Vieheinfuhr stattfinden, weil sonst die Viehpreise nicht nach Herzens⸗ lust in die Höhe getrieben werden können. Dieser Tage wurde übrigens im bayrischen Land⸗ „aum E die kin Be end den t; um Ts: eine tel⸗ im- mlt Kö. zum rich fer. gk coh, Jag gat icke Nr. 43. Mitteldeutsche Sonntags Zeitung. — Seite 5. tage sestgesrellt, daß seit Jahren nicht ein einziges krankes Stück Vieh aus Oesterreich nach München gekommen sei. * Mit der Druckerei Imgardt beschäf⸗ tigte sich vor kurzem eine Buchdrucker⸗Versammlung in Gießen. Schon anfangs dieses Jahres, heißt es in einem Bericht des„Korrespondent“, wurde genannte Firma wegen Nichtachtung ber tariflichen Bestimmungen aus dem Tarifverzeichnisse gestrichen; nur auf ihr Bitten und das Versprechen hin, für die Zukunft den Tarif voll und ganz zur Einführung zu bringen, wurde die Streichung rückgängig.„Den älteren Setzern wird längeres Ar⸗ beiten vorgeschrieben(speziell den Maschinensetzern), und „Rausschmeißen“ angedroht, wenn ste wagen, die tarif⸗ lichen Bestimmungen einzuhalten. Ein Kollege(Redak⸗ teur), welcher es unterlassen hatte, vorher Erkundigungen einzuziehen, verließ nach sehr kurzer Tätigkeit die gast⸗ liche Stätte, und der häufige Wechsel des Personals ist wohl darauf zurückzuführen, daß Herr J. fortgesetzt billigere und willigere Arbeitskräfte sucht. In sanitärer Beziehung ist auch hier noch vieles zu verbessern. Eine am 27. September in Wetzlar abgehaltene Versammlung (im Beisein des Bezirksvorstandes) beschloß einstimmig, die Streichung der Firma Imgardt aus dem Tarif⸗ verzeichnisse zu beantragen.“ Imgardt ist Besitzer und Redakteur des„unpar⸗ teiischen“ Wetzlarer„General Anzeigers“, eines Blattes, das jeder Verdächtigung und Beschimpfung der Sozial⸗ demokratie Raum gibt. Einmal vor längerer Zeit er⸗ laubte sich das Blättchen eine Schwindeluotiz über die Arbeitsverhältnisse in der Vorwärts⸗Druckerei nachzu⸗ drucken. Wir sagten damals schon, daß die Blätter vom Schlage des Wetzlarer vor ihrer Türe kehren sollten. Die Buchdrucker in Wetzlar würden froh sein, wenn sie nur zu einem Viertel so günstige Arbeitsbedingungen hätten als im Vorwärts. Wie recht wir hatten, be⸗ weist obiger Bericht. Jedenfalls wird nun die Druckerei Imgardt aus dem Tarifverzeichnisse ausgeschlossen. Uebrigens hat das Blättchen das Zeitliche ge⸗ segnet, wie wir erfuhren, nachdem obiges schon ge- setzt war. Am Montag stellte Herr Imgardt seinen paar Abonnenten statt einer Zutung nur das einseitig bedruckte Titelblatt zu, auf dem die Ankündigung zu lesen war, daß Herr Imgardt„um den erhöhten An⸗ forderungen an seine Druckerei ꝛc. in jeder Weise gerecht werden zu können“ das Erscheinen seines Blattes e i n⸗ stel le. So hat das edle„unpartetische“ Organ ein unrühmliches, längst verdientes Ende gefunden. k. Die Gemeindewahltu Krofdorf, die am Donnerstag, den 26. Oktober stattfindet, hat diesmal den ganzen Ort in eine nicht ge⸗ ringe Aufregung gebracht. Seit Wochen schon wird die Agitation von allen Seiten mit einer Energie betrieben, wie man es früher bei solchen Wahlen nie erlebte. Zur Bekämpfung der Sozialdemokratie hat sich ein„Bürgerverein“ gebildet, den Pfarrer, Schullehrer, Postverwalter 2c. ins Leben riefen oder doch begünstigen. Von der Seite wird mit Mitteln gegen unsere Genossen gearbeitet, wie man sie nur von den be⸗ rüchtigten Agitatoren des Reichs verbandes gegen die Sozialdemokratie gewohnt ist. Die unglaub⸗ lichsten Lügen werden aufgetischt. So erschien in der Sonntagsnummer des Wetzl. Anzeigers eine Notiz aus Krofdorf, in der u. a. hieß: „Die bürgerlichen Parteien.. stehen im Kampfe mit der Sozialdemokratie, um der Mehr heit derselben im Gemeinderat ein Ende zu machen. War man schon lange mit den Beschlüssen desselben nicht einverstanden, so wirkte ein Beschluß dieses Gemeinderats, das Läuten der Glocken morgens, mittags und abends zu beseitigen, wie ein Funke im Pulberfaß. Der 26. Oktober wird nun ent⸗ scheiden, ob im sozialistischen oder im bürgerlichen Sinne weiter gearbeitet werden soll.“ Von alledem, was da hier behauptet wird (das Gießener Amtsblatt druckte es auch nach D. R.) ist noch nicht der hundertste Teil wahr. Leider haben unsere Geuossen im Gemeinderat nicht die Mehrheit, sondern nur einen einzigen Vertreter darin. Das von dem Läuten der Glocken ist ebenso das Gegenteil der Wahrheit. Niemals hat der Gemeinderat einen solchen Beschluß gefaßt. Richtig ist nur, daß beschlossen wurde, daß vom 1. März des nächsten Jahres ab der Gehalt des Küsters nicht mehr im Etat aufgeführt werden soll aus dem sehr einfachen Grunde, weil nicht die politische, sondern die Kirchen⸗Gemeinde den Küster zu bezahlen hat. Wer dem Wetzlarer Amtsblatte obiges Zeug geschrieben hat, wollte ihm entweder absichtlich einen Bären aufbinden, oder besitzt keine blasse Ahnung von den Krofdorfer Verhältnissen. y. Ueber Heldentaten eines Krofdorfer Ordnungsmannes wird dort viel gesprochen. Der Be⸗ treffende, der sich in der Agitation für den„Bürgerver⸗ ein“ und gegen die Sozialdemokratie hervortat, sch lug am Montag Abend seine Ehefrau dermaßen, daß diese laut um Hilfe rief und bei Nachbarsleuten Schutz suchen mußte. Nun kommt ja schließlich überall mal eine Differenz vor; so hätte der Mann aber seinen Krieger⸗ sinn und Kampfesmut nicht zu zeigen brauchen. Zur Gemeindewahl in Krofdorf⸗ Gleiberg. Gemeindewähler! Donnerstag, den 26. Oktober finden in unserer Gemeinde die Wahlen zur Gemeindevertretung statt. Arbeiter und Bauern! Zeigt hierbet, daß Euch die Wohlfahrt des Gemeinwesens am Herzen liegt und sorgt dafür, daß nur solche Leute gewählt werden, von denen sich zuversichtlich erwarten läßt, daß sie uneigennützig und ohne Rücksicht auf einzelne„maßgebende“ Personen ihr Amt im Interesse aller Gemeinde⸗Mitglieder be⸗ tätigen. Haltet die schwarze Vettern⸗Gesell⸗ schaft, die sich in der ersten und zweiten Klasse aufgestellt hat aus dem Gemeinderat fern! Bekundet durch Euere Abstimmung, daß die verlogene, auf Täuschung der Wähler berech⸗ nete Agitation, wie sie von gewisser Seite be⸗ trieben wurde, hier ihre Wirkung verfehlt und wählt keinen vom schwarzen Peter⸗Verein auf⸗ gestellten Kandidaten! Wählt vielmehr in dritter Klasse die vom Krofdorf-Gleiberger sozialdemokratischen Wahlverein aufgestellten Kandidaten: Georg Schaum von Krofdorf und Wilhelm Winter von Gleiberg. In erster und zweiter Klasse stimmt nicht für die vom sog. Bürgerverein aufgestellten Leute! Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. In der Parteiversammlung am Samstag erstattete Genosse Härtling Bericht über den Jenaer Parteitag. In längeren Ausführungen besprach er die einzelnen Tagesordnungspunkte und gab zum Schlusse seiner Meinung dahin Ausdruck, daß wir mit dem Ver⸗ lauf des Parteitages wohl zufrieden sein könnten. Die so sehnlich von unseren Gegnern erhoffte Spaltung der Partei ist wieder nicht eingetreten, das ärgert natürlich unsere Gegner nicht wenig und besonders machte auch die„Hessische Landesztg.“ ihrem Mißbehagen in giftigen Artikeln Luft. Das ist ja bei dem„national⸗sozialen“ Blatte nichts neues, fast scheint es, als wäre dasselbe bei Max Lorenz oder beim Reichsverband gegen die Sozialdemokratie abonniert. Doch solche Ergüsse lassen uns kalt. Mehrere Diskusstonsredner meinten mit Recht, je mehr die Gegner schimpfen, um so richtiger sind un⸗ sere Beschlüsse. Eine Resolution, die sich mit den Be⸗ schlüssen des Parteitages einverstanden erklärt, fand einstimmige Annahme.— Weiter wurde noch beschlossen, die sogenannte„lose Organisation“ aufzulösen, alle Ge⸗ nossen sollen sich dem Wahlverein anschließen. Auf die Gemeindevertreter⸗Konferenz in Frankfurt wird Genosse Fischer delegiert. Schließlich gab der Vertrauens⸗ mann bekannt, daß demnächst im ganzen Wahlkreis eine Kalenderverteilung stattfindet, an der sich alle Genossen beteiligen sollen. „Die Weber“. Das so benannte Schau⸗ spiel des schlesischen Dichters Gerhardt Haupt mann wird der bekannte Rezitator Emil Walkotte am Montag(23.) im Saale des Café Quentin zum Vortrag bringen. Wie vielen unsern Lesern bekannt, schildert das Stück den schlesischen Weberaufstand von 1844, der als der soziale Vorläufer der 48 er Revolution gelten darf. Die Not, das Elend und der Hunger der von den Fabrikanten rücksichtslos ausgebeuteten Weber wird uns vor Augen geführt; aber auch die Unklarheit der damaligen Arbeiterschaft, die vom Hunger geplagt und vom Zorn über⸗ wältigt die Wohnung des Fabrikanten Dreißiger er hieß in Wirklichkeit Zwanziger) stürmt und 0 ihrer Not und der Ausbentung ein Ende zu machen sucht. Das Drama entstand 1890. Seine Aufführung wurde früher vielfach ver⸗ boten. Wir zweifeln nicht daran, daß Herr Walkotte es wirksam zum Vortrag bringen wird und es—— 15— niemand diese Dar⸗ bietung entgehen lassen. h. Soßtalbemokratischer Wahl⸗ verein. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß in der am Sonnabend, den 28. Oktober statt⸗ findenden Monatsversammlung Genosse Dr. R. Michels einen Vortrag über die„Unent⸗ geltlichkeit der Rechtspflege“ halten wird. Ferner steht auf der Tagesordnung: Abrechnung des Kassterers, Jahresbericht, Kan⸗ didaten⸗Aufstellung zur Stadtverordnetenwahl und Vorstandswahl. Angesichts der reichhaltigen und wichtigen Tagesordnung ist es Pflicht jedes einzelnen Genosseu, für zahlreichen und pünktlichen Besuch dieser Versamm⸗ lung Sorge zu tragen. Gäste willkommen! rere Arbeiterbewegung. Der Streik in der Berliner Elektro⸗ Industrie ist wieder beigelegt. Die Arbeiter haben gewiß keinen Erfolg davon getragen— das war ja von vornherein ausgeschloffen, da sie sich in der Notwehr befanden— aber immer⸗ hin kann auch von keiner„vernichtenden“ Nieder⸗ lage gesprochen werden, wie das die bürgerliche Presse tut. Im Gegenteil werden die Arbeiter aus diesem Kampfe die nötigen Lehren ziehen. Auch die Unternehmer! Bereits ist die Allg. Elektr.⸗Gesellschaft aus dem Scharfmacher⸗Ver⸗ bande ausgetreten.— Einegroße Aussper⸗ rung hat der Verband der sächsisch⸗thüringischen Webereien auf den 23. Oktober beschlossen. Es kommen viele Tausend Arbeiter in Betracht. Par tei-Nachrichten. Friedrich Harm, einer der ältesten Vorkämpfer unserer Partei, früher Reichstagsabgeordneter für Elber⸗ feld ist dort Ende voriger Woche gestorben. Harm war 1844 in Holstein geboren und hatte sich schon an⸗ fangs der sechziger Jahre dem Allg. deutschen Arbeiter⸗ verein angeschlossen. Ende der Sechziger kam ec nach dem Wuppertal, wo er dann bald Bevollmächtigter der dortigen Mitgliedschaft des Allgemeinen deutschen Arbeiter⸗ vereins wurde, Seit jener Zeit stand Harm in den vordersten Reihen der Kämpfer. Der treue und mutige Kämpfer wurde 1884 als Kandidat für die Reichstags⸗ wahl aufgestellt und wurde auch gewählt. Vierzehn Jahre hat er das Wuppertal im Reichstag vertreten, In seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter regte er an, den zur Uebung einberufenen Landwehrleuten und Reservisten Entschädigung zu zahlen und hatte den Er⸗ folg, daß diese Anregung Gesetz wurde. 1898 bat er seine Genossen, ihn von der Tätigkeit im Reichstage zu entbinden. Als Agitator blieb er was er gewesen war, eifrig und uneigennützig. So wirkte er bis 1903. Nun setzte ein schweres Nieren⸗ und Herzleiden seiner Tätig⸗ keit ein Ziel. Jetzt hat ihn der Tod erlöst. Ehre seinem Andenken! Versammlungskalender. Samstag, den 21. Oktober. Hausen. Arbeiter⸗Verein. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Wallbott. T. ⸗Ord.: Landtagswahl und Bürgermeisterwahl. Mitglieds⸗ bücher mitbringen! Sonntag, den 22. Oktober. Beuern. Volksversammlung nachm. 4 Uhr bei Wirt C. Diedrich zur„Germania“ T.⸗Ord.: Politische Pflichten und Rechte. Ref. Diehl⸗Gießen. Samstag, den 28. Oktober. Lauterb ich. Sozialdemokrat. Wahlverein Abends 8½ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Wegen wichtiger T.⸗Ord. zahlreich erscheinen! * 3 Letzte Nachrichten. Landtagswahlen in Bade n. Nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten sind 41 Abgeordnete gewählt und zwar: 17 Zentrum, 15 Nationalliberale, 5 Sozialdemokraten, 3 Demokraten und 1 Bündler. Sozialdemo⸗ kraten wurden gewählt: in Mannheim: Leh⸗ mann, Süßkind und Kramer; in Pforz⸗ heim: Eichhorn, in Offenburg: Geck. Außerdem sind unsere Genossen an 13 Stich⸗ wahlen beteiligt. — Viktor Adler in den Reichsrat ge⸗ wählt. In einer Ersatzwahl im Kreise Reich en⸗ berg in Böhmen wurde der bedeutendste Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Dr. V. Adler mit 26 000 Stimmen in den Reichsrat gewählt. Den Bezirk vertrat vorher bereits der Gen. Hannich, der wegen Krankheit das Mandat niederlegen mußte. —— Briefkasten. H. H.⸗Büdeshm. Sie wenden sich mit der Frage am besten an unser Landessekretariat: Dr. David, Offenbach, Bahnhofstr. 39.— Düdelshm. Ihre Zuschrift hätte in dieser Form keine Aufnahme finden können. Es müssen immer bestimmte Tat sachen angegeben werden, die jederzeit unter Beweis gestellt werden können. ———— — Seite 6. Mitteldeu che Sountags⸗Zeitung⸗ Nr. 43. Von Nah und Lern. Schweinerei in der Bäckerei. Wieder hatte sich ein Bäckermeister vor Ge⸗ richt zu verantworten, der in höchst gewissen⸗ loser Weise die Gesundheit seiner Kundschaft gefährdete. Dieser Musterbäcker war Füser in Rauxel, den die Strafkammer in Dort⸗ mund zu sechs Wochen Gefängnis ver⸗ urteilte. In Füsers Bäckerei herrschten schänd⸗ liche Zustände. In einem großen Fasse be⸗ wuhrte Füser alte, zum Teil verschimmelte Brot⸗ reste auf. Im Wasser aufgeweicht, ließ er die festen Bestandteile zerreiben und mengte dann die ganze Flüssigkeit, auf der sich in der Regel eine schimmelige Haut bildete, dem frisch anzu⸗ machenden Teig bei. In der Backstube herrschte unbeschreibliche Unsauberkeit. Die Mäuse spa⸗ zierten rudelweise in den Schubladen herum. Gewöhnlich hielt Füser es nicht einmal der Mühe wert, sich die Hände zu reinigen, wenn er die Pferde geputzt oder sich die Nase gereinigt hatte! Das Gericht ordnete an, daß das Urteil zweimal auf Kosten des Bäckers veröffentlicht wird. — Noch tollere Schweinereien hatte sich der Bäckermeister Lohr in München zu schulden kommen lassen. Er wurde zu vier Mo⸗ naten Gefängnis und drei Jahren Ehr⸗ verlust verurteilt, außerdem wurde die Publi⸗ kation des Urteils angeordnet. Sozialdemokratie überall. Im goldenen Turmkuopf des Rat⸗ hauses zu Leipzig, das vor kurzem mit großem Pomp und unter Verschwendung von 50000 Mk. eingeweiht wurde, befindet sich neben andern Dokumenten eins, das die Väter dieser schönen Stadt wenig amüsieren dürfte. Es lautet: „Zum ersten Male seit der Wiederauf⸗ richtung des Deutschen Reiches ist bei der Reichstagswahl am 25. Juni 1903 der Wahlkreis Leipzig⸗Stadt den bürgerlichen Parteien entrissen worden.“ Der„Vorwärts“, dem die Mitteilung über diese Urkunde zugegangen ist, bemerkt dazu ganz richtig: Das ist das beste am neuen Leip⸗ ziger Rathaus, denn diese Urkunde wird ein dauernder Beweis für die wahre Stimmung der Bevölkerung sein, auch wenn der Glanz aller Feierlichkeiten längst verblaßt ist. Ein Bild aus dem Mittelalter wurde vor dem Reichsgericht aufgerollt. Wegen Störung einer Beerdigung sind am 21. Nov. v. J. vom Landgericht Freiberg i. S. der Schlosser Greif, der Arbeiter Grohmann und sechs andere Angeklagte zu Strafe verurteilt worden. In dem Dorfe S. wurde am 8. August v, J. auf dem evangelischen Friedhofe der Arbeiter Grohmann(ein Bruder des Ange⸗ klagten) beerdigt. Weil G. sich das Leben ge⸗ nommen hatte, durfte er nur nach 6 Uhr abends beerdigt werden, auch mußten statt der Tücher Stricke zum Hinablassen des Sarges benutzt werden. Der Geistliche war ohne Ornat erschienen und verlas nach dem Vaterunser ein Gebet, das sich gegen den sündhaften Selbst⸗ mord wendete. Diese eigenartige Befolgung des christlichen Wortes: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! kränkte den Bruder und seinen Freund, beide gingen murrend vom Grabe weg. Sie behalten auch ihre Strafe, 50 das Reichsgericht hat die Revision ver⸗ worfen. Literarisches“ „ Das Elend des Strafvollzuges“. Unter diesem Titel ist im Verlage der Buchhandlung Vorwärts eine Broschüre aus der Feder unseres Genossen Gra d⸗ nauer erschienen. In Anknüpfung an das Ergebnis des„Plötzensee⸗Prozesses“ behandelt der Verfasser einige der wichtigsten Fragen des Strafvollzuges. Es sind dargestellt: Das Strafrecht der besitzenden Klassen.— Aus der Geschichte des Strafvollzuges.— Der Straf⸗ vollzug der Rache.— Die Ersolglosigkeit des Straf⸗ vollzugs.— Die Disziplinarstrafen.— Krankheit und Krankenfürsorge.— Geisteskranke und Minderwertige] im Strafvollzuge.— Neue Wege. Die Probleme des Strasvollzugs sind in neuerer Zeit auf die politische Tagesordnung gestellt und dürfen nicht wieder von ihr verschwinden. Die Verbesferung der unseligen Zustände, die im Strafvollzug herrschen, zu finden ist die Aufgabe der hier vorliegenden Schrift. Der Preis für die 6 Bogen starke Broschllre be⸗ trägt Mk. 1,20, eine auf billigerem Papier hergestellte Ausgabe kostet 50 Pfg. Die Schrift kann von jeder Parteibuchhandlung bezogen werden. „Alkoholfrage und Arbeiterklasse“ von Dr. R. Fröhlich. Dieses Heft der„Arbeiter Gesundheits⸗ Bibliothek“ ist soeben in dritter Auflage erschienen. Der Verfasser war zurzeit mitten auf einer Agitationstour in Deutschland, als er, nachdem er in mehreren Ver⸗ sammlungen über das obige Thema gesprochen hatte, als lästiger Ausländer ausgewiesen wurde. In der Broschüre sagt er nun den deutschen Arbeitern, was er ihnen mündlich nicht mehr sagen konnte. Die Broschüre kostet 20 Pfg. und ist bei unserer Expedition zu haben. L Nüchstenliebe. Müden Schrittes ging Paul Schröder seiner Wohnung zu. Das Haupt auf die Brust ge⸗ neigt, stieg er die vier Treppen der großen Mietskaserne empor, bis er vor der Tür seiner Wohnung stehen blieb. Er klingelte. Seine Frau öffnete, und als sie einen Blick in das müde traurige Gesicht ihres Gatten geworfen hatte, drückte ste mit einem tiefen Seufzer die Tür ins Schloß und folgte ihrem Manne in das bescheidene Wohnzimmer. Stumm legte Schröder Hut und Stock ab und ging zu dem Bettchen, in dem sein kleines Töchterchen mit fieberglühendem Gesichtchen lag und jetzt dem Vater die heißen Händchen ent⸗ gegenstreckte. In bitterem Schmerz verzogen sich die Züge des Mannes, als er sich über sein Kind neigte. Da lag es krank vor ihm, und er, er konnte nicht helfen, ja nicht einmal Linderung bringen, denn unerbittlich hatte die Not die Schwelle dieses früher so traulichen Heims überschritten. Zwei schwere Tränen rollten über seine bleichen Wangen. Er mußte sich abwenden, denn er konnte den herzzereißen⸗ den Anblick nicht ertragen. Schwer ließ er sich auf einen Stuhl fallen und vergrub stöhnend das Gesicht in den Händen.——— Wie glücklich war er bis vor einem Jahr gewesen! Und dann war plötzlich das Unglück gekommen.— Er mußte zu einer Waffenübung einrücken. Das war an sich zwar nicht so schlimm, aber bis vor kurzem im Ausland tätig, hatte er es versäumt, sich wie vorge⸗ schrieben zu melden, und so unfreiwillig eine Uebung versäumt. Dafür harrte seiner nun harte Strafe.— Er hatte damals im Ausland weniger aus Leichtsinn, als vielmehr aus Furcht, seine gute Stelle zu verlieren, falls er einrücken mußte, die Meldung unterlassen, und dafür war er nun der rächenden Nemesis verfallen. So blieb er denn nun fast drei Monate fern von den Seinen. Natürlich hatte er auch seinen Posten verloren, den man so lange nicht unbe⸗ setzt lassen konnte. Gebrochen an Leib und Seele kam Schröder wieder zu seiner Familie. Rastlos begann er nun eine neue Tätigkeit zu suchen, aber so viele Bewerbungsschreiben er auch versenden mochte, das Resultat blieb doch immer ein negatives. So wartete er und schrieb von neuem. Er mußte doch für Frau und Kind sorgen, deren Ernährer er war.— Schließlich versuchte er es mit persönlichen Vorstellungen, aber er erntete nur bedauerliches Achselzucken und oft auch herbe Demütigungen. So ging es nun schon seit Wochen. Die Ersparnisse waren aufgezehrt, der Pfandleiher mußte aushelfen, sollte nicht der bleiche Hunger, dieser furchtbarer Gast, die Schröderschen Wohnung überschreiten. Ein Stück nach dem andern wanderte ins Leihhaus. Zuerst die Schmucksachen, dann die Garderobestücke und so fort, bis nichts mehr da war. Das Leben ist in der Stadt ja so teuer!— Und noch immer hat Schröder keine Beschäftigung gefunden. Und langsam kam die Not.— Schröder wandte sich an Vereine seines Faches und an Mitmenschen, die reich mit Glücksgütern ge⸗ segnet waren. Er wollte, er mußte ja für die Seinen Nahrung beschaffen und die Miete be⸗ zahlen, denn der Hausbesitzer wartet nicht und das Aeußerste wenigstens wollte Schröder verhüten. Er erinnerte sich eines Wortes, von dem die ganze Welt widerhallt: des in allen Tonarten ort e Wortes„Nächstenliebe“. Ueberall rte von allerlei Wohltätigkeitsakten. Hatte er keinen Anspruch auf so etwas? Ist er mit Familie nicht ebenso existenzberechtigt, wie tausend und aber tausend andere? Die Vereine und reichen Stiftungen, die für seine Fachgenossen und daher auch für ihn ins: Leben gerufen waren, teilten Schröder mit, daß zu ihrem tiefsten Bedauern ein Punkt in den Satzungen in diesem Falle eine günstige Er⸗ ledigung nicht zulasse. Also man ließ eines toten geschriebenen Wortes wegen eine ganze, unschuldig ins Elend geratene Familie unbe⸗ rücksichtigt!!— und die Reichen, an die sich Schröder gewendet hatte? Entweder kam auf die dringende Bitte um Hilfe, diesen Verzweif⸗ lungsschrei eines Unglücklichen gar keine Ant⸗ wort, oder es war zum größten Bedauern nicht möglich, zu helfen. 5 Eigentümlich! Fortwährend brachten die Blätter spaltenlange Lobesartikel über irgend eine Speude dieser hochherzigen, edlen Wohl⸗ täter, und für ihn war nichts übrig! Wo war die„Nächstenliebe“?— Ja, Schröder kannte eben die Welt nicht, sonst hätte er gewußt, daß solche kleine Werke der Wohltätigkeit, um welche er bat, doch nicht in die Oeffentlichkeit ge⸗ drungen wären und daß infolgedessen die Presse auch keine Lobeshymne hätte anstimmen können, die die einzelnen Namen mit einem Glorien⸗ schein umgeben hätte. N i Wo blieb nur da die„Nächstenliebe“, die von Kanzel und Katheder der Menschheit schon von Jugend an gepredigt wird? Eine ganze Familie war doch in ärgster Not und Be⸗ drängnis, es waren ja doch auch Menschen, allerdings arme.— Schröder verzweifelte. Der Gedanke an seine Familie allein hielt ihn aufrecht, sonst wäre er unter dem furchtbaren Druck der Ver⸗ hältnisse zusammengebrochen. Woher Geld nehmen, um seine Familie ernähren zu können? Sollte er zum Verbrecher werden? Hätte er doch bloß seine Kenntnisse, seine Arbeitskraft verwerten können, aber es gab ihm ja niemand Gelegenheit dazu. Täglich ging er trotz aller traurigen Er⸗ fahrungen auf die Suche, täglich kam er trau⸗ riger und entmutigter nach Hause. Alles ver⸗ gebens! Schon stand die Familie Schröder bor dem Schrecklichen, das überhaupt noch kommen konnte, vor der Exmisstion. Was sollte, was konnte er noch tun? Die Reichen hatten ihm nicht geholfen, woher konnte ihm jetzt noch Hilfe kommen? Und zu all dem Schrecklichen kam noch die Krankheit seines innigstgeltebten Kindes, an dem er mit jeder Faser seines . hing. uch heute war er wieder von solch einem traurigen Gang nach Hause zurückgekehrt und das Herz drohte ihm zu brechen, wenn er daran dachte, daß er noch an demselben Tag mit seiner Frau und seinem Kind auf die Straße gesetzt werden sollte, denn trotz intenstystem Nachdenkens wußte er keinen Ausweg, um dem Hauseigen⸗ tümer die rückständige Miete zahlen zu können Er hätte aufschreien mögen, in bitterem Weh. Von keiner Seite sah er Hilfe kommen! Es duldete ihn nicht länger in seiner Woh⸗ nung, er konnte den Anblick seines kranken Kindes und seiner weinenden Gattin nicht länger ertragen und er machte sich von neuem auf den Weg. Planlos irrte er in den Straßen umher. Er konnte niemand ansehen, denn der Anblick glücklicher, wohlhabender Menschen bereitete ihm physischen Schmerz. Woher sollte ihm Hilfe er von Werken dieser Nächstenliebe, seiner —— ——— ͤ̃ä ite lche ge esse en, el⸗ die Hol ze he⸗ el, out er. eld en er caft and Cl⸗ au⸗ ver⸗ ber 'och lte, ten loch cen ell les lein und ran ler feht feu ell⸗ 10 h. I len ficht nel l. 0 10 1 Nr. 43. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. kommen? Kein rettender Ausweg aus diesem furchtbaren Labyrinth des Elends zeigte sich ihm. Weiter und weiter schritt er, Verzweiflung in der Brust. So kam er auf eine der Brücken, die den Fluß überspannten. Er schob den Hut zurück und erhoffte von dem scharfen Wind Kühlung für seine brennende Stirn. Mechanisch beugte er sich über das Geländer und starrte hinunter in die rauschend dahin⸗ etlenden Fluten. Je länger er auf die schwarze Wasserfläche da unten hinsah, desto eigentüm⸗ licher ward ihm zu Mute. Er glaubte Stimmen aus dem Rauschen des Wassers herauszuhören, die ihn riefen! Da unten auf dem kühlen Grund hätte er endlich Ruhe, keine Sorge würde da mehr an seinem armen, zermarterten Hirn nagen. O, nur Ruhe! Ruhe!— Tiefer neigte er sich herab, um das Gemurmel besser verstehen zu können. Schon hatte er das Vorgefühl des Friedens— da— einen kleinen Ruck nach vorn— und wie Elektrizität ging es durch seinen Körper. Sein Weib, seine Kinder! Dieser Gedanke verlieh ihm über⸗ menschliche Kraft und er vermochte sich mit den Fußspitzen und Knieen am Geländer festzuhalten. Nach Anspannung des letzten Restes von Kraft gelang es ihm, sich zurück auf die Brücke zu retten. Hier brach er zusammen. Doch nur wenige Minuten lag er da, dann richtete er stch auf, sein Entschluß stand fest. Wie kleinlich, wie feige kam er sich vor? Er wollte sich durch ein plötzlichen Tod Ruhe holen und sein Weib, seine Kinder im Unglück lassen, dem Verderben, allen Qualen, die Hunger und Not mit sich bringen, allein überlassen! Nimmermehr. Also den Kampf mit den Scheußlichkeiten des herr⸗ schenden Unrechts aufzunehmen. Aber wie? Das Verbrechen verabscheute er auch jetzt noch, er will nicht Räuber und Mörder werden wie Karl Moor, auch betteln will er nicht. Er will offen und frei sein natürliches Recht fordern, er will Arbeit und Existenzmittel verlangen. Nicht von Privaten, nein von der Gesellschaft, vom Staat, deren Beamten wir ja auch alle gemeinsam er⸗ holten müssen, will er sie fordern.— Des Morgens steht er vor dem städtischen Oberhaupt. Ein Lakat, der ihn zurückhalten will, wird einfach beiseite gestoßen. „Was würden Sie tun,“ fragte er das städtische Oberhaupt,„wenn Sie vom Unglück verfolgt, wenn Sie trotz allem ehrlichen Willen keine Arbeit finden könnten, wenn Sie mit Weib und Kindern wochenlang hungern müßten, wenn Sie ein totkrankes Kind hätten, wenn Sie jeden Augenblick vom Hauswirt auf die Straße gesetzt werden könnten. Was würden Sie tun?“ Der Stadtgewaltige sah den kühnen Sprecher sprachlos an, doch dieser wiederholte mit ver⸗ stärkter Stimme:„Was würden Sie tun? Bitte antworten Sie mir!“ Dem Stadtoberhaupt wur de unheimlich zu Mute, es lag etwas Bezwingendes in dem Auf⸗ treten dieses Mannes.„Was würden Sie tun? erscholl es von neuem! „Ich werde Ihre Sache untersuchen lassen.“ „Wenn mein Kind unter der Erde und ich mit meiner Frau auf der Straße liegen.“ „Aber ich mutz doch erst wissen— ich kenne Sie ja nicht.“ „Ja, Sie kennen nur die reichen Leute. Ist es die Pflicht der Obrigkeit die Leute verhungern, verderben, sterben zu lassen. Ist das Gemein⸗ wesen nicht dafür da, daß den unglücklichen Gemeindegliedern geholfen wird, dann ist es wert, daß es zugrunde geht— so schnell wie möglich.“ Bet diesen Worten richtete der Aermste einen durchbohrenden Blick auf das Stadtoberhaupt. „Ich werde die Erledigung ihrer Sache be— schleunigen lassen.“ „Nicht von der Stelle gehe ich, bis ich weiß, daß ich Hülfe bekomme.“ Schröder erlangte sein Recht, ihm wurde von der Stadt Arbeit angewiesen und einen Gutschein erhielt er, der ihm das Notwendigste garantierte. Und die Moral aus der Geschicht? Wie hier der Einzelne, statt aus Feigheit über Bord springend, sich mutvoll sein Recht erkämpfte, so müssen es alle Unterdrückten machen. Und da die heutige Gesellschaft nicht allen Leidenden helfen kann, so müssen diese zusammenhalten und gemeinsam mit Energie und Tatkraft den Kampf für eine andere, eine bessere Gesellschaftsordnung führen, die allen ihren Gliedern ein men schenwürdiges Dasein zu garantieren fähig ist. 5 Splitter. Oft ist die Heiligkeit, Womit sich kleine Seelen bläh'n, Bloß Mangel an Gelegenheit, Die Fehler and'rer zu begehen. Pfeffel. Die Einsicht in das Mögliche und; Unmög⸗ liche ist es, die den Helden vom Abenteurer scheidet. Theodor Mommsen. So viel mag der wirklich Tüchtige immer vor Augen haben: sich um der Gunst des Tages willen abzuhetzen, bringt keinen Vorteil für morgen und übermorgen. Goethe * Nicht daß der Mensch atme, daß er froh atme, darauf kommt es an. Börne. —— Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka „befindet sich jetzt Marktplatz I Ermahnung. Rittmeister:„Wen ich heute in der Vorinstruktion frage, springt auf, steht stramm, reißt's Maul auf und antwortet laut und deutlich. Was is ganz schnuppe, und wenn's Bibel⸗ verse sind!“(Simpl.) Zutreffend.„Kinder vertragt euch doch! Friede ernährt— Unfriede verzehrt.“ Schwieger⸗ sohn(Rechtsanwalt):„Mama, ich bin ganz der gegenteiligen Meinung.“(Megg. Bl.) Der sächsische Landtag. Sie saßen lange Zeit allein im Saale, Recht unter sich bei reichbesetztem Mahle, Verteilten Braten unter sich und Fisch. Ein Brosam fiel dem Volk von ihrem Tisch. So war es gut und schön die langen Jahre, Das Recht, es war wie jede andre Ware, Wer es bezahlte, hatte es— das Recht— Und war ein Herr— Der Arme blieb ein Knecht. Das Volt stand harrend vor verschlossnen Türen, Die drinnen saßen, ließen sich nicht rühren, Sie waren satt und lächelten dazu, Der Lärm von außen störte nicht die Ruh. Ein Armer überschreitet jetzt die Schwelle. Die andern fahren auf, denn Tageshelle Dringt hinter diesem Einen in den Saal Und stört die Freude am gedeckten Mahl. (Peter Schlemihl im Simpllcissimus.) — Giessener Bazar! — Neu eingetroffen— Bringe mein Salon zum eier des 33. 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