20. — 8.5 t füt le en 11 1 — 3 0 gestürzt. Er hatte ein ehebrecherisches Verhältnis diesem Falle sicher aus achtbaren Motiven ge⸗ 1 1 1 Nr. 21. Gießen, den 21. Mai 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: a 2 Nedattionsschluß: Girchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeutsche Dornerztag Nachmittag 4 Uhr. 5 ˖ 165-31 it Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Darch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedstion unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen JInserate a2 nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0%% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Verbrecherische Staatserhaltende. Den konservativen Staats- und Ord⸗ nungsstützen ist ein schweres Unheil widerfahren. Einer, der früher zu ihnen gehörte und nachher antisemitischer Abgeordneter für den Wahlkreis Esschwege war, Hans Leuß, hat ein Büchlein herausgegeben, das aus dem Nachlaß des ver— storbenen Kreuzzeitungs⸗Redakteurs Hammer⸗ stein vieles Interessante veröffentlicht. Hammer⸗ steln und Leuß hatten beide ihre politische Tätigkeit mit dem Aufenthalt im Zuchthaus vertauschen müssen. Hammerstein, der Terro— risterer der Konservativen, ihr begabtester Journalist, hatte mit einem Gehalte von 30000 Mark als Chef-⸗Redakteur der„Kreuz⸗ zeitung“ und seinen sonstigen, nicht unerheblichen Einnahmen als preußischer Laudtagsabgeord⸗ neter ꝛc. sein Auskommen nicht finden können. Dem Schützer von deutscher Hausehre gegen die Sozialdemokratie hatte die freie Liebe zu viel Geld gekostet, so daß er zum Schaden des konservativen Parteiorgans auf unehrenhafte Weise Geld beschaffte, für die der Verlag auf⸗ kommen mußte, so daß die„Kreuzzeitung“ vor dem Bankerott stand und Hammerstein, der selbst von Bismarck und dem Kaiser als Macht anerkannte Parteiführer in das Zuchthaus wandern mußte. Der Gerichtsvollzieher be⸗ mächtigte sich seines Eigentums. Bei der Ver⸗ steigerung fand der Ersteher eines Schreibtisches den berühmten Scheiterhaufenbrief des Hofpredigers Stöcker, der in photographischer Nachbildung im„Vorwärts“ veröffentlicht wurde und Stöcker zum endgiltigen Scheiden aus der von ihm mitgeleiteten Partei zwang. In diesem Briefe riet der fromme und wahr⸗ heitsliebende Hofprediger, dem Kaiser indirekt seinen Gegensatz zu Bismarck zu zeigen, aber nicht gegen Bismarck zu polemisteren. Der„Vorwärts“ konnte damals auch aus einer Reihe anderer Briefe von und an Hammer stein blitzhelle Schlaglichter auf die Königstreue, die politische Charakterlosigkeit und die Gemein⸗ gefährlichkeit der konservativen Partei werfen. Die reiche Ausbeute an Material ließ den Glauben aufkommen, daß Hammerstein, der in wilder Flucht den deutschen Staub von den Pantoffeln geschüttelt hatte, seine Angelegenheit durchaus ungeordnet zurückgelassen und nichts in Sicherheit gebracht habe. Nun sieht man nach bald 10 Jahren, daß dem nicht so war, irgendwo hatte Frhr. v. Hammerstein interessante Briefschaften und Notizen verwahrt, die nun sein ehemaliger Schüler Leuß veröffentlichte. Auch Leuß wurde durch die allzufreie Liebe in den Abgrund mit dem Weibe seines besten Freundes. Er wollte sie retten und bezeugte bei Gericht, daß die Frau unschuldig sei. Der Meineid, in schworen, brachte ihn in's Zuchthaus. Nun veröffentlicht er die den Konservativen höchst unbequemen Reste des Hammerstein'schen Nach⸗ lasses. Aus der Fülle des Juteressanten mag einiges auch unseren Lesern vorgeführt werden. Hammerstein hat Leuß gegenüber geäußert: Was wollen Sie, es gibt kein anderes Mittel gegen die Sozialdemokratie, als daß man die Arbeiter provoziert und schießen läßt. Und derselbe Hammerstein hatte ein feines Mittel zur Provokation der Arbeiter ausgedacht, er wollte den preußischen Ministerpräftdenten Grafen Eulenburg zum Reichskanzler machen. Eulenburg wollte einfach das allgemeine Wahlrecht für eine Reihe von Jahren abhschaffen. Zu dem Gewaltstreich war er bereit, wenn alle maßgebenden Leiter der kon⸗ servativen Politik offen den Verfassungsbruch billigen würden. Hammerstein berief alle seine politischen Freunde zusammen, aber seine Be⸗ mühungen, daß diese offen Farbe bekennen, scheiterten und so blieb Deutschland von den schweren Erschütterungen eines Verfassungs⸗ bruchs glücklich befreit, dessen geistiger Leiter Freiherr von Hammerstein gewesen wäre. Die Konservativen sind über diese Enthüllung sehr aufgebracht, aber sie können die Ueberzeugung von der Richtigkeit dieser Feststellung nicht er⸗ schüttern. Interessant ist auch, daß Wilhelm II. den von Kaiser Friedrich weggejagten Minister des Innern von Puttkamer unseligen sozia⸗ listengesetzlichen Andenkens wieder in sein Amt einsetzen wollte. So willfährig der junge Kaiser den Konser⸗ vativen war, so ließ er sie doch auch sein über⸗ schäumendes Machtgefühl merken. Interessant ist in dieser Hinsicht der Brief, den der konser⸗ vative Parteiführer von Rauchhaupt an Frei⸗ herrn v. Hammerstein in der Aera Caprivi am 7. Oktober 1891 schrieb: „Mein lieber Freund! Ich freue mich, daß Sie in der letzten Wochenübersicht einmal die Trompete ziemlich deutlich gegen Caprivi blasen lassen. Ich halte den Mann für sehr kurzsichtig und eitel, zwei Eigenschaften, welche meist ge— paart sind. Dabei hat er offenbar keinen eigenen Willen gegen den Kaiser, welcher immer.. macht. Man muß darüber Bismarck selbst hören. Derselbe ließ mich in Kissingen zwei⸗ mal kommen, und ich hatte jedesmal eine drei⸗ stündige Unterredung mit ihm. Seine Kritik der jetzigen Regierung ist geradezu vernichtend, obwohl sich leider ein maßloser Haß gegen den Kaiser darin abspiegelt. Von Interesse wird es Ihnen sein, daß er mir erklärte, die„Kreuz⸗ zeitung“ sei die einzige anständige und selbst⸗ ständige Zeitung, welche man lesen könne. Ueber Helldorf, Bötticher, Herrfurth äußerte er sich in einer Weise, welche gar nicht wiederzugeben ist. Ich werde Ihnen einmal Gelegenheit geben, näheres mitzuteilen. Mit Helldorf habe ich jüngst auf dem Merseburger Feste eine sehr ernste Unterredung gehabt und ihm erklärt, daß ich nach seinem Verhalten bei der Landgemeindeordnung keine Politik mehr mit ihm machen könne. Denn nachdem ich und Heydebrand mit ihm und Manteuffel das bekannte Amendement Klinkow⸗ ström in wiederholten Konferenzen verbotenus festgestellt, habe es der einfache Anstand als Führer der Partei gefordert, daß er dafür gestimmt und nicht die konservative Partei des Abgeordnetenhauses dem liberalen Minister Herrfurth geopfert hätte. Manteuffel habe so gehandelt, er aber habe einfach zum Triumphe des Liberalismus über seine eigenen Freunde beigetragen... In Erfurt erhielt ich hierauf vom Kaiser, als ich mich bei ihm für den Orden bedankte, die Quittung. Se. Mazestät hatte... mir im barschen Tone nur zu antworten: „Aber nun merken Sie es sich: Summa lex est regis voluntas“(das höchste Geser ist des Königs Wille) und sich dann kurz herumdrehte. Damit nicht genug, der hohe Herr trat nach einigen Minuten an Erffa heran und sagte zu ihm:„Dem Rauchhaupt habe ich seinen Kopf gehörig eben gewaschen.“ Was soll man... sagen. Der erste Aus⸗ spruch ist der Widerhall des bekannten sie volo, sic jubeo, oder des bekannten Ausspruches in Düsseldorf, der letzte ein Beweis, daß.. ihm ein Dorn im Auge ist. Bismarck hat recht, wir gehen einer Katastrophe entgegen. Ob ich unter diesen Umständen meine Gesund⸗ heit wie seither im Dienste der Monarchte noch länger opfern werde, steht dahin. Ich bin fast mutlos an der Spitze der Partei, den Kampf gegen Torheit und Serviltsmus zu führen. Ich hielt mich für verpflichtet, Sie darauf vorzubereiten. Ihr sehr entmutigter v. Rauchhaupt.“ Die Punkte, durch welche einzelne sich auf den Kaiser beziehende Kraftstellen in diesem Briefe ersetzt sind, spielen in dem ganzen Buche eine große Rolle. Sie beweisen, daß der Briefwechsel der konservativen Heer⸗ führer, der„Stützen von Thron und Alkar“, von Majestätsbeleidigungen strotzte! Wenn die staatserhaltenden, gutgesinnten, königstreuen, für Sitte, Ordnung und Christen⸗ tum kämpfenden Herren sich über jede scharfe Kritik von Gesetzen und Regterungshandlungen entrüsten, dann kann man ihnen Rauchhaupts Urteil entgegenhalten. Er meint: Der ganze Parlamentarismus sei Humbug. Die Regierung benehme sich skandalös; auf die Beamten werde ein unerhörter Druck ausgeübt. Herr v. Rauch⸗ haupt spricht von einer„unglaublichen Kor⸗ rumpierung der konservativen Partei, welche doch zu einem guten Stück aus abhängigen Beamten besteht, welchen obendrein ein gut Stück Strebertum eigen ist“ Und dann wieder eifert er gegen Torheit und Servilismus und schreibt Briefe, deren Kraftstellen durch Punkte ersetzt werden müssen. Nun, ehe es noch möglich war, die Staats⸗ streichpläne zu verwirklichen, verfiel der Edle von Hammerstein, der Meister des politischen Intrigenspiels, wegen gemeiner Verbrechen dem Zuchthause. Damit wurde vielleicht das deutsche Volk vor einer Katastrophe bewahrt. Sollte aber der biedere Stöcker, der intimste Freund Hammersteins, gar nichts von diesen Dingen gewußt haben? Das ist kaum anzu⸗ nehmen! Jetzt steigt Hammersteins Schatten aus dem Grabe und versucht, die politischen Verbrechen, an denen Hammerstein Anteil hatte, dadurch zu sühnen, daß die Moral seiner Mitschuldigen aufs schlimmste und vernichtendste bloßgestellt wird. Zeigen die in dem Buche veröffentlichten Dokumente die Vorkämpfer des konservativen und monarchischen Prinzips auch nicht von einer neuen, so doch von einer so widerlichen Seite, daß man sich beim Lesen von den auf— steigenden Mißdüften solcher sitt lichen Fäulnis förmlich die Nase zuhalten muß! Die Herren Ehebrecher, Majestätsbeleidiger, Lebemänner und Scheinchristen, die sich in der konservativen Partei brüderlich zusammenge⸗ funden haben, werden trotz dieser fatalen Ent— hüllungen aus ihrer Hexenküche fortfahren, sich Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 21. über die vaterlandslose, die Grundlagen der Che, des Familienlebens und der christlichen Ordnung bedrohende Sozialdemokratie zu entrüsten. Aber man wird ihnen mit dem Hinweis auf die Zerrbilder„ritterlicher“ Ge⸗ sinnung, wie sie in dem Leußschen Buche ans Tageslicht gezogen werden, auf diese Gallerie öffentlich scharwenzelnder und heimlich zähne⸗ fletschender loyalen Patrioten Schweigen ge⸗ bieten können! ——— Gewerkschaftskongreß. In Köln a. Rh. tritt diesen Montag der fünfte Kongreß der deutschen Gewerkschaften im„Gürzenich“, einem der Stadt gehörenden Saalbau, zusammen. Er dürfte die allgemeine Aufmerksamkeit in weit höherem Maße auf sich ziehen, als seine Vorgänger. Die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren eine ungeahnte Entwickelung genommen. Die Zahl ihrer Mit⸗ glieder beträgt jetzt weit über eine Million, während sie noch auf dem letzten Kongresse in Stuttgart auf nur 733206 angegeben wurden und zur Zeit des ersten Kongresses in Halber⸗ stadt im Jahre 1892 gar nur 237023 zählten. Aber nicht nur die Zahl der Kämpfer ist be⸗ deutend gewachsen, guch ihre Waffen sind ent⸗ sprechend verbessert, der früher viel und oft zu beklagende Mangel an Mitteln, der die Tätig⸗ keit und Wirksamkeit sehr einschränkte, ist wenigstens einigermaßen abgestellt. Die Bei⸗ träge wurden erhöht und infolgedessen konnte mehr geleistet und auch ein respektabler Kassen⸗ bestand angelegt werden. Er betrug am Schlusse des Jahres 1903 beinahe 13 Millionen Mark und die Gesamteinnahme aller Gewerkschaften bezifferte sich auf 16 ½ Millionen. Welch' ein gewaltiger Fortschritt! Eine bedeutende Arbeit wird die Vertretung der Gewerkschaften zu bewältigen haben. Vor⸗ nehmlich sind es Fragen über zweckmäßige Organisation und Agitation, mit denen man sich beschäftigen wird. Das zeigen schon die Unterabteilungen im Rechenschaftsberichte der Generalkommission. Da ist u. a. vorgesehen: Allgemeine Agitation; Agitation unter den Arbeiterinnen; Agitation unter den fremdsprach⸗ lichen Arbeitern; Streikunterstützung und Streik⸗ statistik; Heimarbeit; Beseitigung des Kost⸗ und Logiszwanges beim Arbeitgeber. Außer diesen Punkten werden noch die Erörterungen über die Maifeier, den Generalstreik, Arbeits⸗ kammern viel Zeit in Anspruch nehmen. Der Kongreß wird sehr fleißig arbeiten müssen, wenn er seine Tagesordnung erledigen will! Wir wünschen seinen Arbeiten besten Fort⸗ gang. Mögen seine Beschlüsse getragen sein von dem Geiste der Solidaritat und Kampfes⸗ freude und der deutschen, der internationalen Arbeiterklasse zum Segen gereichen! Aus dem Reichstage. Bei dem Gerichsverfassungs⸗Gesetz, das den Reichstag am ersten Tage seines Wiederzusammentritts nach den Osterferien be⸗ schäftigte— wir haben bereits in der letzten Nummer kurz über die Verhandlungen berichtet — handelt es sich um ein Notgesetz. Es will durch Ueberweisung einer Anzahl bisher den Strafkammern vorbehaltener Fälle an die Schöffengerichte den Spielraum der Berufung erweitern und dadurch die Inanspruchnahme der Revision einschränken. Unter eifriger Assi⸗ stenz des Zentrums bemühte sich die Regierung, das Notgesetz auf diesen engbegrenzten Zweck zu beschränken. So bekämpfte der Reichsjustiz⸗ sekretär beinahe leidenschaftlich einen Antrag des Antisemiten Lattmann auf Gewährung von Tagegeldern an die Schöffen. Genosse Stadthagen schloß sich dem Antrage an, indem er darauf hinwies, daß die Verweigerung der Tagegelder an die Schöffen geradezu eine Prämie für Klassenjustiz bedeutet. Aber es half alles nichts: Regierung und Zentrum lehnten grundsätzlich alle über die Kommissions⸗ fassung hinausgehenden Anträge ab. Dagegen bewirkte die Schwänzerei der Junker und Zent⸗ rumsleute, daß ein höchst wichtiger, vom Gen. Stücklen begründeter Antrag unserer Fraktion auf Ueberweisung der Preß vergehen an die Schwurgerichte zur Annahme gelangte; bis zur dritten Lesung wird aber wohl die gewohnte reaktionäre Verschlechterungsmehrheit zusammengetrommelt sein und der Antrag ab⸗ gelehnt werden. Eine Reihe wetterer Anträge von unserer und von der freisinnigen Seite wurden für diese Lesung zurückgewiesen, weil sie angeblich nicht in den Rahmen dieses Gesetzes paßten. In der Donnerstags ⸗Sitzung gab es ein wenig Kolonialdebatte. Der Kolonialdirektor Stübel malte dem Reichstage prächtige Bilder von der Fruchtbarkeit Kameruns vor, um ihm die Uebernahme der Zinsgarantie für die weitaus größere Hälfte der zum Bau der Duallabahn nötigen Kapitalien schmackhaft zu machen. Die Abgg. Dr. Paasche und Dr. Arendt stießen mit gewohntem Biereifer in die Kolonialtrompete, während Erzberger vom Zentrum, der Antisemit Lattmann und der alte Konservative v. Richthofen immer bedenk⸗ licher gestimmt werden. Eine ätzende Kritik an der ganzen kapitalistischen Kolonialpolitik des Reiches übte Genosse Ledebour. Die Vorlage ging schließlich an die Budgetkommisston. — Dann kamen Wahlprüfungen an die Reihe. Unter Führung des Zentrumsmanns Wellstein fand sich eine Vergewaltigungsmehr⸗ heit zusammen, welche den eingehenden Dar⸗ legungen der Genossen Fischer⸗Berlin, Stadt⸗ hagen und Geyer sowie des Abg. v. Gerlach zum Trotz und ohne jede Rücksicht auf die vor⸗ gekommenen Wahlbeeinflussungen die Mandate der Ordnungsmänner Lehmann und Dirksen für gültig erklärte. Dagegen gelang es unsern Genossen, die Ungültigkeitserklärung der Wahl des Eberswalder Mathematikprofessors Pauli⸗ Oberbarnim mit der stattlichen Mehrheit von 123 gegen 67 Stimmen durchzusetzen, da im letzten Augenblick der größte Teil des Zentrums dem Junkergenossen Wellstein die Heeresfolge versagte. Bei der namentlichen Abstimmung über die Wahl des Freisinnigen Barbeck ergab sich Beschlußunfähigkeit. Am Freitag sollte die berühmte„Lex Heinze“ Auferstehung feiern. Der alte Heinze⸗ Kämpe Roeren vertrat mit hochmoralischem Eifer eine Petition der evangelischen Kreissynode Berlin III, welche sich gegen die„Schmutz⸗ literatur“ wendet. Herr Roeren sucht es so hinzustellen, als ob wirklich nur die unsittliche Literatur betroffen werden solle. Der junge Antisemit Lattmann aber war ehrlicher und unvorsichtiger und enthüllte namentlich den tiefen Haß, der die päpstlichen und luthertschen Dunkelmänner gegen den Simplizissimus erfüllt. Das köstliche Simplizissimusgedicht gegen den berühmten Sittlichkeitspfaffen Weber, zu dessen Vorlesung die Linke den Herrn Lattmann nötigte, erregte stürmische Heiterkeitsausbrüche, die durch die salbungs volle Entrüstung des antisemitischen Redners bis in's Ungemessene gesteigert wurden. Mit den Waffen des Humors und der Satire durchlöcherten dann die Genossen Heine und Stadthagen die defekte Rüstung der Heinze⸗ Kämpfer. Auch der Freisinnige Lenzmann fand einige gute Wendungen und selbst die Nationalliberalen weigerten sich, den Sittlich⸗ keitsrummel mitzumachen. Aber der rasende Moralsee wollte sein Opfer haben, und so wurde denn die Bittschrift der Zionswächter dem Reichskanzler als Lektüre empfohlen. Das 19 1 sich darauf bis Donnerstag den . Mai. Politische Rundschau. Gießen, den 18. Mai 1905. Wahlrechtsräuberei in Hamburg. Der Senat der Freien Stadt Hamburg hat der Bürgerschaft eine Vorlage betreffend A b⸗ änderung des Wahlrechts gemacht. Man will aus Angst vor der Sozialdemokratie das Wahlrecht in Hamburg nach dem Muster des preußischen und sächsischen Dreiklassensystems „reformieren“. Die Wählerschaft soll, um das Eindringen der Sozialdemokratie in die Bürger⸗ 1 schaft— das ist das Hamburger Parlament— zu verhüten, in drei Klassen eingeteilt werden. Die erste soll die Wähler mit einer Versteue⸗ rung von mehr als 6000 Mark, die zweite Klasse diejenigen von mehr als 3000 Mark, 7 die dritte Klasse alle übrigen wahlberechtigten Bürger umfassen. Außerdem soll die Verhält⸗ niswahl eingeführt werden. Natürlich ist die ganze Sache wieder so ausgeklügelt, daß die werde e Bürger rechtlos gemacht werden. Herrliche Worte— aber nutzlos. Auf dem kürzlich in München stattge⸗ fundenen Frauentage redete die Frau Pro⸗ fessor Krucken berg⸗ Kreuznach der bürger⸗ lichen Gesellschaft mit bewundernswerter Rück⸗ sichtslosigkeit ins Gewissen. Als man über die „Pflichten der Frau in der Not unserer Zeit“ verhandelte, sagte diese Rednerin:„.... Aber ist das, was unsere Gesellschaftskreise preisen, wirklich immer etwas Schönes, Erhabenes? Wie viel hohler Schein, wie viel Oberfläch⸗ lichkeit macht sich zwischen uns breit, krankhafte Sucht nach Neuerungen, Abwechselungen, sen⸗ sationellen Erregungen? Ist es wirklich der Schönheit zu Liebe, wenn wir unsere Tafel mit materiellen Genüssen überladen, wenn ein Festgeber den anderen zu übertreffen, den Luxus immer verschwenderischer zu steigern sucht? Reichtum und Besitz soll gezeigt werden, er gilt mehr als geistige und seelische Güte! Wie solch niedere Art von Geselligkeit demoralisterend wirken muß auch auf unsere ganze Umgebung, daran denken wir nicht! Wir übersehen, wie wir durch unser eigenes Leben Unzufriedenheit, Neid und Haß wecken bei solchen, die doch nur allein der blinde Zufall in Armut geboren werden ließ. Wir überhören das Grollen und Murren um uns herum, bis es in nächster Nähe ist, bis es zum gewaltigen Chore an⸗ schwillt! Wir haben es ja erst kurz im Ruhr⸗ gebtet erlebt. Und auch dann noch zögern wir, die Hand zur Verständigung zu reichen. Wir sträuben uns, unser eigenes Leben und das Sehnen jener großen Masse mit gleichem Maßstabe zu messen! Sicherlich sind wir ja alle zum Wohltun bereit. Wir veranstalten Bazare, Wohltätigkeits⸗Bälle usw., aber unser innerer Mensch hat mit solcher Art Wohltätig⸗ reit oft wenig zu tun. Geben wir nicht häufig einen Beitrag nur— gestehen wir uns das ehrlich ein—, um möglichst schnell den Ge— danken von den Bedürftigen wieder abwenden zu können? Wir lassen uns unsere Barmherzig⸗ keit, unser Wohltun, nur durch Vergnügungen abkaufen! Geld kommt freilich zusammen, aber unser Herz hat keinen Anteil daran. Zur Milderung der Klassengegensätze trägt diese Art von Wohltätigkeit keineswegs bet! Eine Zeit des Kampfes ist es. Macht und Besitz gilt in vielen Fällen vor Recht! Rücksichtslos sucht Jeder nur eigenen Vorteil!.... Wir Frauen dürfen uns nicht mehr abfinden lassen mit den Worten, daß es immer Ungerechtigkeit und Gewalttaten gegeben habe. Es genügt uns nicht, über Schlamm und Morust den Mantel christlicher Liebe zu decken. Wir müssen von Grund auf bessere und gesunde Zustände schaffen helfen und jedem Einzelnen im Volke Anteil geben an den Errungenschaften unserer Kultur! Wir müssen die sozialen Schäden unserer Tage an ihren Wurzeln zu bekämpfen suchen. Uns fehlte bisher die Einsicht in die Ursachen von Not und Armut; daß es Armut, Sünde, Ver⸗ brechen gäbe, erschien uns gleichsam als göttliche, unabwendbare Ordnung..... Dem Volke Mäßigkeit zu predigen, dabei selbst hinter dem gefüllten Becher sitzen, das ist Pharisäertum! Wenn wir nicht selber an uns enfangen, können wir vom Volke auch nichts Anderes verlangen... usw.“ Brausender Beifall rauschte durch den von Damen„hoher und höchster“ Stände dicht besetzten Saal———. Und sie gingen hin und taten— was sie vor⸗ dem getan. Die Kronprinzenhochzeit kostet der Stadt Berlin ein schönes Stück Geld. Vorige Woche ist der Oberbürgermeister Kirschner nach Straßburg zum Kaiser„befohlen“ worden, Nr. 21. Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite&. wo er über die Einzelheiten der geplanten Ein⸗ zugsfeierlichkeiten Bericht erstatten soll. Die Berliner Bevölkerung soll dem Kaiserhaus eine „Huldigung“ darbringen, über die Einzelheiten derselben erfährt aber das Volk nichts, die werden vielmehr im Kaiserhause beraten und angeordnet! Für Berlin gibts aber eine Ueber⸗ raschung— denn die Stadtverordneten-Ver⸗ sammlung hat in geheimer Sitzung nicht weniger als 150000 Mk. für Ausschmückung der Straßen bewilligt! Eine sehr kostspielige „Huldigung“! Man machte natürlich von oben herunter alle Anstrengungen, einen allgemeinen„Rummel“ zu Stande zu bringen. Die Arbeiter der Berliner Siemens⸗Schuckert Elektrizitätswerke gaben den Machern jedoch eine gehörige Lektion. Die Direktion der genannten Werke und der Allgem. Elektrizitätsgesellschaft kamen nämlich auf die grandiose Idee, ihre Arbeiter durch Plakate zur Spalierbildung einzuladen und ihnen für diesen patriotischen Dienst nicht nur den vollen Lohn, sondern auch 5 Mk. Extra⸗ vergütung zu versprechen. Der Erfolg war, daß sich 3— drei— Arbeiter(von den vielen Tausend dort beschäftigten) bereit erklärten. Das elegante Publikum zahlt gern hundert Mark und mehr für ein bequemes Fenster, Ar⸗ beiter, richtige Arbeiter, sind aber nicht einmal für Geld zu haben. Sie werden sich auch das Wort von den Elenden gemerkt haben! Hungerlöhne im Reichsdienste. Vor einigen Tagen verurteilte das Schwur⸗ gericht in Aachen den 31 jährigen Postboten Klönn wegen Unterschlagung von Mk. 2500 in elf Fällen zu 18 Monaten Gefängnis. Im Jahre 1897 wurde K. mit einem„Gehalt“ von einer Mark und 80 Pfennige pro Tag als Landbriefträger angestellt. Im Laufe der Zeit„stieg“ diese Einnahme auf Mk. 2.—. Mit 29 Jahren nahm er eine Frau. Vor Gericht wurde er als fähig, gewandt, beliebt und allgemein 72 175 bezeichnet. Doch das genügt für einen Landbrtiefträger nicht; er muß auch Hungerkünstler sein oder stehlen können, ohne gefaßt zu werden. Hier ist offen⸗ bar das Reich als Arbeitgeber Schuld daran, daß der Mann zum Verbrecher wurde. Ein preuß sches Landschul⸗Idyll. Der Hauptlehrer Landsrat zu Weilbach hielt eine Ziege und etwa zehn Hühner in einem Raum seiner Dienstwohnung, welcher sich unter dem Schulzimmer der Mädchen befindet. Nach⸗ dem sich auf eine Beschwerde der Lehrerin über die aufsteigenden Düfte der Kommunalarzt gut⸗ achtlich geäußert hatte, gab der Bürgermeister als Poltzeiverweser dem Hauptlehrer auf, die Tiere aus dem Raum zu entfernen, diesen gründlich zu reinigen und ihn nicht wieder als Stall zu benutzen. Die aufsteigenden Dünste, die von zwei Seiten durch die Fenster in den Unterrichtsraum der Mädchen eindrängen, wirkten gesundheitsschädigend. Zudem lasse die nur aus Lehm bestehende Decke des Stalls die Feuchtigkeit durch, wodurch die Luft im Schul⸗ zimmer noch mehr verschlechtert würde.— Nach vergeblichen Beschwerden beim Landrat und beim Regierungspräsidenten in Wiesbaden klagte der Hauptlehrer beim Ober⸗Verwaltungs⸗ gericht. Er machte geltend, daß in anderen Orten in Schulhäusern ähnliche Einrichtungen beständen. Von einer Gesundheitsschädigung könne nicht die Rede sein. Schlechte Gerüche und Feuchtigkeit kämen von der Latrine des Aborts her. Uebrigens sei die ländliche Be⸗ völkerung an Dunggerüche gewöhnt.— Der Regierungspräsident bestritt in seiner Antwort die Richtigkeit der Annahme des Klägers und meinte unter anderem, es möge ja sein, daß der Vorgänger des Klägers sogar Schweine in dem Stallraum gehalten habe, das entspräche aber nicht mehr den modernen hygienischen Anforderungen. In vorliegendem Falle werde auch von den Hühnern, von dem Mist, der auf den Hof gebracht sei, etwas auf die Treppe geschleppt; ebenso trügen die Kinder davon an den Schuhsohlen in die Schulräume und die Hühner drängen bei offener Tür gelegentlich auch da hinein und ließen dort Kot zurück. Das Oberverwaltungsgericht wies am 18. April die Klage des Hauptlehrers als unbe⸗ gründet ab. Der fragliche Raum im Schul⸗ 1 darf also nicht mehr als Stall benutzt werden. Vom gleichen Rechte. Neulich hatte sich vor der Strafkammer in Hirschberg(Schlesien) ein Arbeiter wegen einer Bagatelle(Nichtanmeldung einer Radfahrer⸗ versammlung) zu verantworten. Der Fall war so harmlos, daß selbst der Staatsanwalt nur das Mindest⸗Strafmaß von 15 Mk. Geldstrafe für ausreichend hielt; in der ersten Instanz war sogar Freisprechung erfolgt. Das Gericht er⸗ kannte jedoch auf 100 Mk. Geldstrafe. Zur Begründung dieses Urteils wurde, wie der „Bote aus dem Riesengebirge“ berichtet, folgendes ausgeführt: Was die Höhe der Strafe betrifft, so ist der Gerichtshof deshalb bedeutend über den Antrag des Staatsanwalts hinausgegangen, weil die Sozialdemokraten es mit großem Geschick verstünden, die Gesetze zu umgehen. Könne aber einmal ein Sozialdemo⸗ krat gefaßt werden, dann müßte er auch streng bestraft werden. Diese Begründung erscheint fast unglaublich, trotz allem, was wir schon bisher auf dem Gebiete der Rechtspflege in Deutschland erlebt haben. Damit wird ja geradezu ein besonderes Recht gegen Sozialdemokraten aufgestellt! Wer soll unter solchen Umständen noch Vertrauen in unsere Rechtspflege setzen? Der Saarprozeß in zweiter Auflage. Am Montag begann vor dem Landgerichte in Trier die Verhandlung gegen den gemaß⸗ regelten Bergmann Krämer, der angeklagt ist, die Grubenverwaltung durch Flugblätter beleidigt zu haben. Bekanntlich wurde die Sache vor läugerer Zeit von dem Saarbrückener Gerichte abgeurteilt, Krämer erhielt damals mehrere Monate Gefängnis. Auf die eingelegte Revision wurde das Urteil aufgehoben und an das Trierer Gericht verwiesen. Es sind etliche 150 Zeugen zu vernehmen, die ganze Verhand⸗ lung dürfte 10 Tage dauern. Die Verteidigung des Angeklagten führt Abg. Genosse Heine⸗ Berlin. Man scheint bei der diesmaligen Ver⸗ handlung sachlicher und unpartetischer als bei der ersten verfahren zu wollen; wenigstens stach die Behandlung des Angeklagten wohltuend ab gegen die ihm in Saarbrücken zuteil gewordene. Die gegenwärtige Direktion ist, obwohl Neben⸗ kläger, nicht anwesend, wohl weil der offen⸗ kundige Eindruck der ist, daß Hilger und seine Getreuen für eine verlorene Sache kämpfen. Strafaustalt Plötzensee. In Berlin begann am Montag zum zweiten Male der Prozeß gegen den„Vorwärts“ und die„Zeit am Montag“ wegen Enthüllungen über das Gefängnis in Plötzensee. Das letzt⸗ genannte Blatt brachte im vorigen Jahre einen Artikel, in dem die Behandlung der Ge⸗ fangenen in dieser Strafanstalt, die Gesund⸗ heitsverhäl tnisse und die Art der Dis⸗ ziplinarstrafen einer eingehenden Kritik unterzogen wurden. Vom„Vorwärts“ wurde dieser Artikel abgedruckt und deshalb muß Gen. Kaliski ebenfalls vor die Schranken. Dieser Umstand wurde dann benutzt, den Pro⸗ zeß„Kaliski und Genossen“ zu taufen und nach dem Buchstaben„K“ an die vierte Strafkammer zu bringen, die in politischen Prozessen auf harte Strafen zu erkennen pflegt.— In der Verhandlung mußte der Direktor von Plötzensee eine Reihe Behauptungen der Artikel als zu⸗ treffend anerkennen. Einen schönen Sieg haben unsere Wiener Parteigenossen bei der Gemeindewahl in dem Vororte Floridsdorf am vorigen Donnerstag erkämpft. Wie wir vor acht Tagen kurz mitteilten, wurde unser Gen. Schlinger mit 5418 Stimmen gegen den Antisemiten Wanke gewählt, der nur 3869 Stimmen aufbrachte. Und dies geschah, trotz- dem die antisemitische Lueger⸗ Sippe mit den verwerflichsten Mitteln arbeitete. Vor der Wahl kam es mehrfach zu Tumulten. Am Sonntag vorher war der Bürgermeister Lueger mit zahlreichen Anhängern nach Floridsdorf zu einer Versammlung hinausgefahren. Am Bahn. hof wurde er von den Sozialdemokraten mit Pfuirufen und Pfeifen empfangen. Die Polizei griff in bekannt geschickter Weise ein; erst nach argen Tumulten, wobei es verschiedene Ver⸗ wundete gab, trat Ruhe ein. Für den Wahltag selbst hatten die Christlichsozialen eine Menge bezahlter Agitatoren hinausgeschickt und diese mit Lederpeitschen und Ochsenziemern bewaffnet. Später kamen 300 Wiener Polizisten und einige Dutzend Gendarmen in den Ort, so daß eine Art Belagerungszustand existierte. Unsere Ge⸗ nossen waren aber von allen diesen christlich⸗ sozialen Vorbereitungen unterrichtet und hatten dafür gesorgt, daß ihnen und keinem Florids⸗ dorfer das Wahlrecht und die Wahlfreiheit verkümmert wurden. Und so erlitten die Anti⸗ semiten, die sich dort Christlich⸗Soziale nennen, eine empfindliche Niederlage. Russische Greuel. 2 Der„Fränk. Tagespost“ wurde ein Brief übermittelt, den ein Parteigenosse von einem Freunde in Warschau erhielt. Das Blatt giebt folgende Stellen daraus wieder: „Du wirst schon gelesen haben von unserer Maifeier. Ein prachtvoller Tag und sehr warm. Sämtliche Läden waren geschlossen. Keine Droschke, keine Straßenbahn, es war so still wie noch nie.... In der Stadt sah ich in allen Ecken die roten Fahnen winken. Es kamen Leute von allen Richtungen und sammelten sich. Sie durchzogen die Straßen mit Fahnen unter Gesang und froher Stimmung.... Das Militär schloß sie ein und schoß von allen Seiten. Meistens wurden Mädchen, Frauen und Kinder erschossen. Manche wurden furcht⸗ bar mißhandelt. Einer Dame wurde der Kopf gespalten. Mit Gewehrkolben schlugen die Soldaten selbst auf Kinder ein. Das ist nur das, was ich von der Ferne sah. In den Vorstädten war es noch schlimmer. Ich habe im Berliner Tageblatt gelesen, daß die Menge auf die Soldaten schoß. Das ist nicht wahr Gestern war Kirchenfeier für die Gefallenen. Am Schluß sangen die Studenten:„Noch ist Polen nicht verloren.“ Das Volk ist furchtbar empört. Es wird noch große Opfer geben. Mehrere Offiziere wurden in letzter Zeit umgebracht, was man natürlich bei Euch nicht erfährt. Kürzlich fand man einen auf einen Gartenzaum auf⸗ gespießt.... Gestern wurden zwei Poltzisten gelyncht. Sie waren jüdisch gekleidet mit langem Bart und langem Mantel. In einer polnischen Kirche hatten sie den Altar zerstört. Durch solche Taten will man die Christen auf die Juden hetzen. Die Beiden hat man aber erkannt...“ Von dem russisch⸗japanischen Kriege. Nach einer Meldung vom Mittwoch nimmt man an, daß die Japaner beabsichtigen, die russische Flotte südlich von Formosa in Kampf zu ver wickeln. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Der Verband der Trausport⸗ und Verkehrsarbeiter hielt vorige Woche in Frankfurt seine vierte Generalver⸗ sammlung ab. Der hierzu vom Vorstand erstattete Bericht erstreckt sich auf zwei Jahre und gibt eine Fülle interessanten Materials. Der Verband ist in der Berichtsperiode außer⸗ ordentlich gewachsen. Die Zahl der am Schluß der vorigen Berichtsperiode vorhandenen 106 örtlichen Verwaltungsstellen erhöhte sich so, daß schließlich jetzt Verwaltungsstellen an 191 Orten vorhanden sind, das ist eine Zunahme von 88 Verwaltungsstellen oder 83 Prozent. Die Ge⸗ samt⸗Mitgliederzahl stieg von 20 912 am 31. Dezember 1903 auf 40 405 am 31. Dezember 1904. Trotz des imponierenden Wachstums hat jedoch auch diese Organisation außerordent⸗ lich unter dem Wechsel der Mitglieder zu leiden. Während nämlich insgesamt seit Gründung des Zentral⸗Verbandes 100850 Mitglieder aufge- nommen wurden, gehören ihm gegenwärtig nur noch 39594= 36,8 Prozent an, sodaß also ein Gesamtabgang von 63,2 Prozent zu konsta⸗ tieren ist. Der Geschäftsbericht erkennt denn auch an, daß trotz der etwas günstigeren Stabilität in der letzten Geschäftsperiode die Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Abgangsziffer immer noch eine derartig hohe ist, daß von einem gesunden Verhältnis nicht gesprochen werden kann. Lohnkämpfe. In Göttingen endete der Maurer- und Zimmererstreik nach fünfwöchiger Dauer zu Gunsten der Arbeiter. — Die Hafenarbeiter in Swinemünde traten am Samstag wegen Lohndifferenzen in den Ausstand. Aussperrungen. Fünfzig Schneider⸗ eschäfte in Hamburg beschlossen am onntag ihre Schneidergesellen auszu⸗ sperren. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. Erwerbt die Staatsange⸗ hörigkeit! Nach dem Ergebnis der bis⸗ herigen Verhandlungen über die Wahlrechts⸗ vorlage muß man annehmen, daß die im Herbste vorzunehmenden Landtagswahlen noch nach dem bisherigen, indirekten Verfahren statt⸗ finden werden. Denn über die Beschlüsse der Kommission in der Ersten Kammer herrscht noch Dunkel; nach dem, was so durchgesickert ist, hätte die Kommission der Regierungsvorlage zugestimmt. Das wäre aber gleichbedeutend mit deren Scheitern, denn die Zweite Kammer lehnt die Vorlage bekanntlich ab. Wer jetzt noch das Wahlrecht nicht besitzt, weil er Nichthesse ist, der leite sofort Schritte ein zur Erwerbung der hessischen Staats⸗ angehörigkeit. Jeder kann wählen, wer vor Aufstellung der Liste Hesse geworden ist! Jeder Genosse sichere sich also sein poli⸗ tisches Recht, da er auch Pflichten erfüllen und Steuer zahlen muß! Es ist keine Zeit zu versäumen! Wegen der nötigen Formalitäten wende man sich an den Vorstaud des Kreis⸗ wahlvereins oder an unsere Redaktion. — Gefallener Ordnungsmann. Der Geheime Oberbergrat Prof. Chelius⸗Darm⸗ stadt ist wegen Sittlichkeitsver gehen am Dienstag in Büdingen verhaftet worden. Chelius bekleidete verschiedene wissenschaftliche Ehrenämter und erfreute sich allgemeiner Ach⸗ tung. Vorigen Herbst hielt er hier einen Vor⸗ trag über die Lahnkanalisation. — Zum Schneiderstreik. Noch immer dauert der Kampf im Schneidergewerbe fort und hat sich sogar auf weitere Städte ausgedehnt. Die Scharfmacher des Arbeitgeberverbandes in München wollen die Arbeiter zur Unterzeichnung eines Reverses zwingen, durch den letztere er⸗ klären sollen, daß sie jede vom Arbeitgeber zugewiesene Arbeit(also auch Streikarbeit) an⸗ fertigen. Das wurde selbstverständlich überall mit Entrüstung zurückgewiesen und es kam infolgedessen zu Aussperrungen in Mainz, Ham⸗ burg, München ꝛc.— Wie schon früher mit⸗ geteilt, haben die Gießener Schneider einen durchschnittlichen Jahreslohn von 9001000 Mark.„Davon kommen noch ca. 3—4 Prozent für Nähzutalen in Abzug. Daß bei einem derartigen Lohn und bei den heutigen Lebens⸗ mittelpreisen die Forderungen der Schneider vollko tamen berechtigt sind, bedarf keiner weiteren Worte. Folgende Tabelle zeigt die bisherigen und die geforderten Prelse: Bezeichnung Seither gefordert Von den der Arbeit bezahlt Arbeitgebern Mk. Mk. zugestand. Ml. Frack. 17.— 18.— 17.50 Gehrock 16.— 17.— 16.50 et,, 14.— 14.— 13.50 Sakko, einreihig 10.— 11.— 10.50 „— zbeireihig 11.— 12.— 11.50 Sommer-⸗Paletot 13.— 14.50 13.50 Winter⸗ 9 14— 16.— 14.50 ee 9.— 10.— 9.— Hosen: F 3.20 3.50 3.— Stiefelhose 3.50 4.— 3.50 Reithose. 3.50 4.50 3.50 Westen: Einreihig. 3.20 3.50 3.20 Zwelreihig 3.50 5 3.50 Stundenlohn—.30—.45—.30 Wie man sieht, handelt es sich meist um Aufbesserung von ein paar Pfennigen, die bei eee dem Preise eines Anzuges nicht in Betracht kommen. Ein Stundenlohn von ganzen 45 Pfg. wird verlangt! So viel bekommt doch fast jeder Erdarbeiter oder Tagelöhner. Ein Skandal ist es für die Gießener Schneider⸗ meister, daß sie einen wochenlangen Kampf um die paar Groschen heraufbeschworen haben! Wir meinen, es könnte auch die Stadtbehörde mal den Herren ins Gewissen reden, denn es wird von ihnen nichts Unbilliges verlangt, fast ausnahmslos sind sie bei dem Geschäfte zu reichen Leuten geworden, während die Arbeiter hungern! g Eine eigentümliche Rolle hat auch der Stadt⸗ vater Leib gespielt. Nachdem er früher sich mit seinen Leuten über die Löhne geeinigt und ihnen das Ehrenwort gegeben hatte, daß für ihn die Anordnungen des Arbeitgeberverbandes nicht maßgebend seien, kündigte er am Samgtag seinen Arbeitern! Da aber in seinem Geschäfte Kündigung ausgeschlossen ist, legten diese die Arbeit sofort nieder und bereuen es jetzt, den Zusagen des Herrn Leib Vertrauen geschenkt zu haben! 5 Selbstverständlich beschlossen die Streikenden in ihrer am Donnerstag stattgefundenen Per⸗ sammlung im Kampfe unter allen Umständen auszuharren. — Die Lederarbeiter(Handschuh⸗ macher, Portefeuiller ꝛc.) in Gießen werden zu einer am Montag, den 22. Mai bei Löb im Wiener Hof stattfindenden Versammlung hiermit eingeladen. Luntsch⸗Offenbach wird über Nutzen der Organisation reden. Alle Berufskollegen wollen zahlreich erscheinen! a — Volksbildungskonferenz in Gießen. Man schreibt uns: Bereits am 1. März und am 1. April hatten sich in Gießen Freunde des Volks⸗ bildungswesens und der Volkswohlfahrtspflege versammelt, um die Gründung von Volksbildungsvereinen, Volks⸗ bibliotheken usw. in der weiteren Umgegend von Gießen zu besprechen. Das Ergebnis der letzten Versammlung war der Entschluß einer Reihe von Herren, an ihren Wohnorten geeignete Schritte zur Verwirklichung der besprochenen Pläne zu unternehmen und in einer weiteren Versammlung über die Ergebnisse ihrer Bemühungen zu berichten. Diese Versammlung wird nächsten Samstag, den 20. Mai, nachmittags 4 Uhr, im Café Ebel in Gießen stattfinden. Besondere Behandlung wird in dieser Versammlung das Volksbibliothekswesen finden. Die Versammlung ist öffentlich und es werden hiermit alle Freunde der Volkswohlfahrtsbestrebungen und ins⸗ besondere des Volksbildungswesens zur Teilnahme ein⸗ geladen. Wer sich im Voraus über Zweck, Aufgaben und Methode der neueren Volksbildungsbewegung unter⸗ richten will, wolle aufklärende Druckschriften von der Geschäftsstelle des Rhein⸗Mainischen⸗Verbandes für Volks⸗ vorlesungen und verwandte Bestrebungen in Frank⸗ furt a. Main, an der Schmidtstube Nr. 7, verlangen. Eingesandt. An die Bauhilfsarbeiter in Gießen und Umgegend! Da unsere Kollegen in Dresden im Streik stehen, um sich bessere Lohn⸗ und Arbeitsbedin⸗ gungen zu erringen, haben die dortigen Unternehmer einen Agenten nach Frankfurt gesandt, um Bauhilfs⸗ arbeiter anzuwerben und somit die gerechten Forderungen der Kollegen abzuschlagen. Jedenfalls wirb dieser Herr auch unsere Gegend unsicher machen, falls er in Frank⸗ furt keine Arbeitswilligen bekommt. Kollegen, laßt Euch von diesem Agenten nicht ins Garn locken! Gebt ihm die richtige Antwort und sagt ihm:„Bewilligt die Forde⸗ rungen der Dresdener Kollegen, dann werdet ihr Arbeiter dort in Ueberfluß bekommen und braucht nicht nach Frankfurt oder gar nach Gießen zu kommen.“ J. A.: Rud. Loos. Aus dem Rreise gießen. — Heuchelheim. Diesen Sonntag, den 21. Mai, unternimmt der Arbeiter⸗Bildungs⸗ Verein bei günstiger Witterung einen Ausflug über Kinzenbach in den Wald. Wir machen unsere Mitglieder an dieser Stelle darauf auf⸗ merksam, und bitten sie nebst Familie an dem⸗ selben zahlreich teilzunehmen. Auch Freunde und Gönner des Vereins von Heuchelheim und Kinzenbach sind freundlichst eingeladen. Zu⸗ sammenkunft vor dem Dorf. Abmarsch 1 Uhr mit Musik. Die Gesangs⸗ und Turnabteilung wird für genügende Unterhaltung sorgen. „Auf laßt uns zieh'n durch Flur und Wald mit Sang und Klang!“ — In Großen⸗Buseck findet diesen Sonntag, den 21. Mai, eine Volks versam m⸗ —— — lung im Saale des Herrn Größer statt, der Genosse Beckmann über politische Tages⸗ fragen sprechen wird. a r. Beuern. Am Sonntag fand hier eine gut⸗ besuchte Bürgerversammlung statt, zwecks Erörterung der Eisenbahnfrage. Nachdem Bürgermeister Otto die Versammlung eröffnet hatte, berichteten mehrere von Alten⸗Buseck anwesende Kommissionsmitglieder über die bereits in dieser Sache angebahnten Verhandlungen in eingehender Weise und forderten die Anwesenden auf, 2 durch eine rege Debatte ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, damit in dieser Angelegenheit volle Klarheit geschaffen würde. Nach kurzer Auseinandersetzung, in der besonders von den anwesenden Vertretern aus Alten⸗ Buseck auf den materiellen Wert einer Bahn für ein sos von der Natur mit Reichtümern gesegnetes Dorf, wie Beuern, hingewiesen wurde, erklärten sich alle Anwesenden einstimmig für die Verwirklichung des Projekts. Eine hierauf gewählte siebengliedrige Kommission soll alsbald die nötigen Vorarbeiten beginnen und gemeinschaftlich mit den anderen Orten eine energische Agitation zu Gunsten des Planes entfalten.. r. Kommunales aus Watzenborn⸗Stein berg. In der letzten Gemeinderatssic ung wurde unter anderem wieder über die Loosholzfrage des Pfarrers verhandelt. Wie wir schon mehrmals an dieser Stelle berichtet haben, genießt hierbei der Pfarrer ein Vorrecht und dies zu beseitigen, muß die Aufgabe eines jeden gerecht Denkenden sein. Nach langem Hin und Her beschloß man endlich auf Antrag unserer Genossen, dem Herrn Pfarrer einen Teil des Holzes zu entziehen. Nur die Herren Schäfer und Burk wollten das Vorrecht weiter bestehen lassen. Letzterer erklärte:„Er gebe sich zu nichts her“. Bei der letzten Gemeinderatswahl, als er wieder gewählt sein wollte, versprach er für die Interessen der Gesamtheit eintreten zu wollen. Auch mancher Arbeiter hat auf das Versprechen bauend, für ihn gestimmt. Merkt's Euch, Ihr Arbeiter! Gebt diesen zweifelhaften Elementen in Zukunft zu verstehen, daß Ihr solche Leute als Gemeindevertreter nicht brauchen könnt! 4. Frühzeitige Wahlagitatton betreibt der gegenwärtige Landtagsabgeordnete für den Landkreis Gießen, Bürgermeister Leun von Großen⸗Linden. Er will offenbar sein Möglichstes tun, um sich das Mandat zu erhalten, zu dem er auf eine so eigentümliche Weise gekommen ist. Es sei nur daran erinnert, daß er vor der letzten Wahl seine Kandidatur in der Frankfurter „Kl. Presse“, die eine diesbezügliche Nachricht gebracht hatte, als ein„Unding“ ertlärte. Kurz darauf brachte er trotzdem durch verschiedene glückliche Mannöver seine Wahl zu Stande. Am Sonntag hielt er in Garben⸗ teich, wie man uns von dort schreibt, eine Versammlung ab, die jedoch nur mäßig besucht war. Er erzäh' te alles Mögliche aus dem Landtage, nur verschwieg er, daß er sich als ein schlimmer Volksfeind erwiesen und gegen das direkte Wahlrecht gestimmt hat! Freilich, unter diesem kann das Wahlglück weniger leicht korrigiert werden und darum geben manche Leute denm indirekten den Vorzug. Herr Leun scheint bestrebt zu N sein, bei seinen Versammlungen die Oeffentlichleit au zuschließen, er läßt sie wenige Stunden vorher bekannt machen, jedenfalls will er damit unbequeme Gegner fern halten. So wurde kürzlich in Großen⸗Buseck eine Ver⸗ 0 sammlung um 7 Uhr bekannt gemacht, die um 8 Uhr schon stattfand. Unsere Genossen werden schon die Tätigkeit Leuns im Landtage zu würdigen wissen und die Antwort nicht schuldig bleben. Im Uebrigen müssen ö sie immer auf dem Posten sein!„ Aus dem Rreise riedberg⸗Püdingen. k. Der Rhein⸗Mainverband für Volks⸗ bildung und die Antisemiten. Kaum hat die Sammlung einer Schillersbende für den Rhein⸗Main: verband zur Förderung von Volksbildung und Wohl⸗ 1 fahrt begonnen, da heißt es in der„Volkswacht“ schon: 1 „Schillerspende ohne Ende!“ die Herren Antisemiten 9 müssen diesen geistigen Fortschrittsbestrebungen gegenüber 11 recht nervös sein, wenn ihnen die eben beginnende Tätigkeit schon so„endlos“ vorkommt. Zwar, daß das Ziel. Verbreitung der Bildung bis in die entlegendsten Dörfer hinein, ohne Rücksicht auf Konfession und Partei, gut und erstrebenswert sei, das darf man natürlich nicht bestreiten, ohne sich lächerlich zu machen. Nun, und weshalb helfen denn die Herren nicht mit? Weshalb tragen nicht auch sie die Fülle ihres übersprudelnden Geistes in den Verband hinein? Die Mitarbeiterliste steht ihnen ja ebensogut offen, wie jedem andern! Wes⸗ halb benutzen nicht auch sie die Mittel des Verbandes ...———— 2 5 5 3 —. f.f.f..f.f——̃— im Dienste ihrer hoheitsvollen Ideale? Sie könnten sich ja um das Zustandekommen von Volksbibliotheken, oder Konzerten und ähnlichen, völlig neutralen Unter⸗ 1 nehmungen, auf ihre Art so verdient machen, wie andere. Es ist ja freilich Pech für sie, daß auch auf diesen geistigen Arbeitsgebiete— unbegreiflicherweise!— die 3 verd....„jüdischen Liberaldemokraten“ einmal wieder früher aufgestanden find, als sie. Wäre es aber da 11 nicht die feinste und zugleich wirksamste Art, die na 0 0 1 eee 2 Al. — an, 1 Lage, h. gul⸗ ortet ter Oith tete bon er über blühen den uuf, 5 ruck zu Kathe ung, in 3 Alten t ein so orf, wie wesend n . Eine alsbald schaftich on zu Stein⸗ de unter Pfarterz 1 Stelle Vorecht es jeden und Her sen, dem utziehen. Vorlecht gebe fich ahl, als für die . Auch nd, für pt diesen n, daß brauchen elbt det andkrelz en. Er Mandat he Weise er bor anlfurter gebracht brachte pet seine arbeu⸗ umlung erzih l wieg er, eden und t hat! ger leich cute dem trebt zu lelt aus belannt ger fert ine Ver, 1 8 Uh Hon die ssen und f müssen gell. Volks bn l. iu⸗Main⸗ 50 Pohl. 1 schon. siemitel gene Tötgt⸗ 4% u Dan lei 1 ic ui i, Weshalb ubelodeh ela 11 B56 lbb bun hn 1 li e u N — Nr. 21. Mitte! deutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. antisemitischer Auffassung bis jetzt noch verfehlte Richtung des Verbandes dadurch zu verbessern, daß man sel b st anders steuern hilft? Man bedenke doch nur, welche Rolle alsbald eine Hand voll antisemitischer Genies neben„natlonalsozlalen Schwachköpfen“ und sonstigen minderwertigen Mitgliedern des Verbands spielen müßten! Welch treffliches Vortragsthema wäre doch z. B. der Aufsatz aus derselben oben zitierten Volkswachtsnummer über„Schiller als Bauernbefreier!“ Mit stolzer Ver⸗ achtung darf in der Tat dessen Verfasser von den„Litte⸗ raten“ sprechen, die Schiller nur als Philosophen, Aesthetiker, Geschichtsschreiber, Dramatiker und ähnlich behandelt haben. Er füllt gewiß eine längst schwer empfundene Lücke aus, wenn er den Tell als„Triumph⸗ gesang auf den Freiheitskampf unterdrückter Bauern“ behandelt. Wie neu ist da schon die Erkenntnis, daß nicht Wallenstein, wie man bisher allgemein glaubte, sond ern daß das in der Charakteristik der Personen so sehr viel gröbere Volksstück„Tell“, Schillers„Hauptwerk“ ist. Wie ungezwungen macht sich der Name Bauernbund für die Schweizer Eidgenossenschaft. Wie schön gewählt,„zu Nutz und Frommen“ der bäuerlichen Leser sind die an⸗ geführten Stellen! Zwar braucht einer kein Bauer zu sein, um von Vaterlandsliebe und Einigkeit zu sprechen, um sein Eigentum und die Ehre seines Weibes zu ver⸗ teldigen. Aber man braucht ja nur vor jeden Namen den Titel„Bauer“ zu setzen, der Bauer Baumgarten erzählt, der Bauer Walter Fürst erzählt, der Bauer Stauffacher erzählt usw., so sieht jeder, daß Schiller seinen Tell natürlich nur in prophetischer Vorausahnung des Bundes der Landwirte geschrieben, und unter den Vögten niemand anders als die bösen Liberaldemokraten verstanden hat. Und daß in dem Stück wirklich des öfteren von„Ochsen“ und„Korn“ die Rede ist, wer könnte das leugnen? Der feine Unterschied zwischen„Frei“ und „Überaldemokratisch“ wird freilich nicht jedem„gesunden“ — Verzeihung, nicht jedem„schwachköpfigen“ Verstande einleuchten. Aber den feinfühligen Lesern der Volkswacht braucht es freilich nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Und so darf die Volkswacht es sich gestatten, in einem Atem das stolze Wort Stauffachers nachzusprechen:„Frei war der Bauer von uralters her“, und zugleich die liberaldemokratische Bestrebung zu bekämpfen, welche auch den einfachsten Bauern etwas teilnehmen lassen möchte an den höheren geistigen Gütern unseres Volkes. Schade nur, meine verehrten Herren Antisemiten, daß der Rhein⸗Mainverband auch ohne Ihre intellektuelle wie materielle Hülfe zu gedeihen verspricht. Es ist allerdings richtig, daß er nicht von der Luft leben kann. Zu unserem Troste aber ersehen wir— immer noch aus der gleichen Volkswachtnummer—, daß auch die herrlichen antisemitischen Ideeen diese gewöhnliche reale Grundlage nicht entbehren können, denn in einer Auf⸗ munterung„an eine Anzahl der Herren Agenten“, die „leider zu glauben scheinen, daß die deutsche Volkswacht kein Geld brauche“, werden diese säumigen Herren dar⸗ auf aufmerksam gemacht,„daß dem natürlich nicht so sei“, und sie werden gebeten,„die rückständigen Beträge gefl. umgehend einsenden zu wollen“. Also, meine ver⸗ ehrten Herren von der Volkswacht, gestatten Sie auch dem Rhein⸗Mainverband gütigst, daß er sein„Zoppen“ noch ein Weilchen fortsetzt. Der Bauer wird dann mit der Zeit ja schon einsehen, wer es ehrlicher mit ihm meint: Sie, die Sie ihn der weisen Führung der Herren Fideikommißbesitzer und Material⸗ wie Futterverteurer an⸗ vertrauen wolle, oder wir, die wir ihn gegen diese Ignteressenten auf die eigenen Füße stellen möchten. Arbeiterschaft mitzukämpfen und mitzuhelfen. Auf die Dauer ist vernünftige Einsicht doch stärker, als saftige Grobheiten, billige Verdächtigungen und schlechte Witze. Wir Sozialdemokraten schließen uns deshalb gern jeder Bestrebung an, welche vernünftige Einsicht fördern hilft. — Immer anständig. Das Hirschelblatt in Friedberg enthält folgende Briefkasten⸗Notiz: „Nattionalsoziale Mißgeburt, Marburg. Ihre sinn⸗ lose, lediglich in hundsgemeinen Schimpfworten sich äußernde Wut kann uns nur ehren. Da Sie übrigens soviel Geld für Porto an uns wenden, sollten Sie die Kosten einer Reise auch nicht scheuen, um uns hier einmal zu besuchen. Eine solide Hundspeitsche steht für Gelichter Ihrer Sorte stets bei uns bereit.“ Hiernach kann man den Bildungsgrad der antisemi⸗ tischen Führer beurteilen. Aus dem Odenwald. V. Maifeier in Michelstadt. Die von den Parteigenossen des Kreises Erbach am 7. Mai abge⸗ haltene Maifeier nahm einen würdigen Verlauf. Genosse Hasenzahl⸗Erbach als Festredner geißelte die russi⸗ schen Zustände in scharfer und treffender Weise und schilderte die im Odenwald herrschenden Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse und forderte auch die Frauen auf, weil sie unter den schlechten Lohnverhältnissen am meisten zu leiden haben, an dem großen ee e em Redner wurde stürmischer Beifall zuteil. Die Arbeiter⸗ gesangvereine von Höchst, Neustadt. Erbach, Michelstadt ow ie besonders der gemischte Chor Erbachs unter Lei⸗ tung seines tüchtigen Dirigenten Flach trugen viel zur Verschönerung der Feier bei. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Ueber die Tätigkeit des Drei⸗ klassenhauses will der Landtagsabg. für den Kreis Wetzlar am Sonntag, den 4. Juni im Hotel Kessel berichten. Etwas Gutes für das Volk wird der Herr Regierungsrat Stack⸗ mann von den Taten dieser famosen„Volks⸗ vertretung“ nicht berichten können. h. Zum Verdursten verurteilt! Das Amtsblatt berichtet:„In mehreren Orten unseres Kreises sind Brunnen polizeilich ge⸗ schlossen. An demselben ist ein Täfelchen an⸗ gebracht mit den Worten: Kein Trinkwasser! Es ist sehr zu raten, gegen diese Anordnung nicht zu verstoßen, da der Genuß derartigen Wassers Krankheiten nach sich ziehen wird, wie überhaupt das Wasser oft der Träger von Bak⸗ terien ist.“— Ja, sollen sich denn die Leute ohne Wasser behelfen! Pflicht der Gemeinde ist es für ordentliches Wasser zu sorgen. h. Die Maurer in Wetzlar befinden sich in einer Lohnbewegung und haben die Kündi⸗ gung eingereicht. Westerwald und Anterlahn. — In der Notiz in voriger Nummer über die christlich⸗soziale Versammlung in Langen aubach ist durch Weglassung des Wortes„ christlich⸗soziale“ ein Fehler entstanden. Der betreffende Satz muß richtig heißen:„Genosse Vetters ergriff das Wort, um die Angriffe auf die Sozialdemokratie zurückzuweisen und die angebliche christlich⸗soziale Arbeiterfreundlichkeit zu schildern.“ Hinzugefügt sei noch, daß Vetters auf das Verhalten Stöckers im Reichstage hinwies, der für das Sozialistengesetz(das der Referent verurteilte) und die Unterdrückung der Arbeiter stets eingetreten sei. Wir sind auch der Meinung, daß Stöcker von dem im Leitartikel besprochenen Wahlrechtsraub⸗ und Staats⸗ streich⸗Plänen des sauberen Hammerstein, dessen dicker Freund Stöcker war, Kenntnis gehabt hat.— In der Langenaubacher Versammlung betonte Vetters weiter, daß die christlich⸗soziale sogenannte Gewerkschaftsbewegung nur die Arbeiterbewegung zersplittere. Das erscheint beinahe als der Zweck der christlichen Gewerkschaften. Vielfach spielen deren Mitglieder Streikbrecher. Und der Verein in Langenaubach hat sich noch nie bemüht, die auf den dortigen Betrieben herrschenden Mißstände zu beseitigen Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. r. Auf die Flugblattverbreitung, welche Liesen Sonntag vorgenommen werden soll, sei nochmals aufmerksam gemacht. Es wird erwartet, daß sich unsere Parteifreunde recht zahlreich daran beteiligen und am Samstag das Material bei Jesberg in Empfang nehmen. O Zwei Sünder gegen die gewerblichen Schutzvorschriften hatten sich am Freitag vor der hiesigen Strafkammer zu verantworten. Ein Ziegelei⸗ besitzer aus Biedenkopf erhielt wegen fahrlässiger Körper⸗ verletzung 30 Mk. Geldstrafe, nachdem die Berufs penossen⸗ schaft ihm bereits 20 Mk. zudiktiert hatte. Der Unter⸗ nehmer hatte auf seiner Ziegelei die Lehmgrube nicht mit einem Schutzgeländer versehen, ein Arbeiter war in dieselbe gefallen und hatte si eine Verletzung zugezogen.— In dem Steinbruch der Hessischen Hartsteinwerke bei Friedensdorf wurden die Arbeiter länger als 10 Stunden beschäftigt, ferner waren die Schutzbestimmungen außer Acht gelassen. Der hiesige Betriebsleiter dieser Werke führte als Enischuldigung an, daß die Arbeiter nicht ständig mit Steinebrechen, sondern auch mit Schuttaufräumen und dergleichen beschäftigt würden. Die Strafkammer trat der Ansicht des Ge⸗ werbe⸗Inspektors bei, daß solche Arbeiten zu den Stein⸗ brucharbeiten gehören und verurteilte den Betriebsleiter zu 20 Mk. Geldstrafe. Ueber allzu große Härte der strafenden Gerechrigkeit können sich die beiden Unternehmer nicht beklagen. Sowohl in Ziegeleien wie in Stein⸗ brüchen sind in unserer Gegend die Arbeiter noch zu schlecht organisiert, um die Schutzvorschriften besser zur Geltung bringen zu können, sodaß es hier nur dem Eingreifen des Gewerbe-Inspektors zuzuschreiben war, daß den nachlässigen Unternehmern ein kleiner Rippenstoß versetzt wurde, um ihnen das Gesetz in Erinnerung zu bringen. O Wegen Vergehens gegen das Dynamit⸗ gesetz wurden ebenfalls am Freitag von der Straf⸗ kammer ein Unternehwer aus Rauschenberg und ein Arbeiter aus Günterod jeder zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Arbeiter hatte eine Dynamitpatrone zu Hause aufbewahrt, der Unternehmer hatte ohne polizei⸗ und Himmelsberg im Kresse Kirchhan Sprengungen vornehmen lassen. Heiligkeit des Eides. Der vor Kurzem vor dem Schwurgerichte in Hanau verhandelte große Meineidsprozeß gegen sieben Männer und Frauen aus der Gersfelder und Fuldaer Gegend wird noch ein Nachspiel haben. Der Hauptanführer dieser Meineidsgesellschaft, Landwirt Johann Rehm vom Hofe Diesgraben bei Maiersbach(Kreis Gersfeld), bezichtigt jetzt auch noch andere Personen des Meineids. In Folge dessen wurde u. A. der Spengler L. Brinkmann aus Poppen⸗ hausen auf Veranlassung der Staatsanwaltschaf verhaftet und in das Landgerichtsgefängnis nach Hanau gebracht. Wie diese frommen Bauern sich ehemals gegenseitig herausgeschworen haben, so legen ste sich jetzt gegenseitig hinein. Die Leute sind aber keine Sozialdemokraten, denen von verleumderischen Ordnungshelden vorgeworfen wird, sie nähmen es mit dem Eide nicht genau. Der Bankrott des Pfarres. In dem Konkursverfahren über das Ver⸗ mögen des im verflossenen Winter nach Unter. schlagung von Kirchengeldern geflüchteten katholischen Pfarrers Goldbach aus Hauswurz im Kreise Fulda soll jetzt eine Ab⸗ schlagsverteilung erfolgen. Dazu sind 4788 Mark verfügbar, zu berücksichtigen sind 45 957 Mark. Bei der Teilerei kommt also recht wenig heraus. Aber daran siad sicher die Sozialdemokraten nicht schuld. Alles geht doch nicht. Kürzlich wurde in Dresden gegen einen Betrüger namens Dornig verhandelt. Der gute Mann gab vor, aus menschlichen Exkre⸗ menten, aus dem Inhalte der Abortgruben — Spiritus— fabrizieren zu können. Er legte ein Laboratorium au und gründete eine Spiritus⸗Gesellschaft, System Dornig, obwohl das Kaiserliche Patentamt seine wiederholten Versuche, auf sein Fabrikat„Dorneol“ das Patent zu erhalten, zurückwies. Durch schwindel⸗ hafte Angaben über den Wert seiner„Erfindung“ täuschte er verschiedene Kaufleute derart, daß für Geschäftsanteile das Sechszigfache ge⸗ boten wurde, und belam von sechs Vertrauens⸗ seligen die Summe von 140000 Mk. in seinen Besitz. Dornig hatte sich jetzt wegen Betruges vor dem Landgericht zu verantworten. Nach der Aussage der Sachverständigen kann man nur 0,5 v. H. Alkohol aus Fäkalien gewinnen, während Dornig 6,7 v. H. erzielt haben will. Das Landgericht verurteilte ihn zu 2 Jahren Gefängnis und 1500 Mk. Geldstrafe und 5 Jahren Ehrenrechtsverlust.— Die Sucht nach mühelosem Gewinn läßt die Menschen doch auf den plumpesten Schwindel hereinfallen. Versammlungskalender. g Samstag, den 20. Mai. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Steinberg. Wahlverein. sammlung im Lokale„Zur Stadt Gießen“. tige Tagesordnung! Sonntag, den 21. Mai. Gießen. Oeffentliche Tabakarbeiter⸗ Versammlung, Nachmittags 3 Uhr bei Lö b (Wiener Hof). T.⸗O.: Die Lage der Tabakarbeiter; Vorstandswahl und Vorschiedenes. Großen⸗Buseck. Volksversammlung, Nach⸗ mittags 4 Uhr bei Wirt Größer. Montag, den 22. Mai. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr Versammlung bei Mis ler. Marburg. Maler, Weißbinder und Lackierer. Abends 6 Uhr öffentliche Versammlung bei Hil d⸗ mann. Samstag, den 27. Mai. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale D. Jesberg. Briefkasten. Mehrere Einsendungen mußten zurückgestellt werden. Wir bitten, die Zuschriften möglichst bis Abends 9 Uhr Ver⸗ Wich⸗ liche Genehmigung beim Wegebau zwischen Rauschenberg! Mittwoch an uns gelangen zu lassen. — — 1 — 8 ——— S 3 ——— — „ n — 2 3 Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Ar. 21. 5 50 Unterhaltungs-Cril. 6 ——ů— Boffnung. Es reden und träumen die Menschen viel Von bessern künftigen Tagen, Nach einem glücklichen, goldenen Siel Sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, Doch der Mensch hofft immer Verbesserung. Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, Sie umflattert den fröhlichen Knaben, Den Züngling locket ihr Sauberschein, Sie wird mit dem Greis nicht begraben; Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, Noch am Grabe pflanzt er— die Hoffnung auf. Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Toren, Im Berzen kündet es laut sich an: Su was besserm sind wir geboren; Und was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht. Fr. Schiller. Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller. 1.(Fortsetzung.) Unter den Liebhabern Hannchens war Robert, ein Jägerbursche des Försters. Früh⸗ zeitig merkte dieser den Vorteil, den die Frei⸗ gebigkeit seines Nebenbuhlers über ihn gewonnen hatte, und mit Scheelsucht forschte er nach den Quellen dieser Veränderung. Er zeigte sich fleißiger in der Sonne— dies war das Schild zu dem Wirtshause— sein lauerndes Auge, von Eifersucht und Neid geschärft, entdeckte ihm bald, woher dieses Geld floß. Nicht lange vorher war ein strenges Edikt gegen die Wild⸗ schützen erneuert worden, welches den Uebertreter zum Zuchthaus verdammte. Robert war unermüdet, die geheimen Gänge seines Feindes zu beschleichen; endlich gelang es ihm auch, den Unbesonnenen über der Tat zu ergreifen. Wolf wurde eingezogen, und nur mit Aufopferung seines ganzen kleinen Vermögens brachte er es dahin, die zuerkannte Strafe durch eine Geld⸗ buße abzuwenden. Robert trimphierte. Sein Nebenbuhler war aus dem Felde geschlagen und Hannchens Gunst für den Bettler verloren. Wolf kannte seinen Feind, und dieser Feind war der glückliche Besitzer seiner Johanne. Drückendes Gefühl des Mangels gesellte sich zu beleidigtem Stolze. Not und Eifersucht stürmen vereinigt auf seine Empfindlichkeit ein, der Hunger treibt ihn hinaus in die weite Welt, Rache und Leidenschaft halten ihn fest. Er wird zum zweiten Mal Wilddieb; aber Roberts verdoppelte Wachsamkeit über⸗ listet ihn zum zweiten Mal wieder. Jetzt er⸗ fährt er die ganze Schärfe des Gesetzes: denn er hat nichts mehr zu geben, und in wenigen Wochen wird er in das Zuchthaus der Residenz abgeliefert. Das Strafjahr war überstanden, seine Leiden⸗ schaft durch die Entfernung gewachsen und sein Trotz unter dem Gewicht des Unglücks gestiegen. Kaum erlangte er die Freiheit, 0 eilt er nach seinem Geburtsort, sich seiner Johanne zu zeigen. Er erscheint; man flieht ihn. Die dringende Not hat endlich seinen Hochmut ge⸗ beugt und seine Weichlichkeit überwunden— er bietet sich den Reichen des Orts an und will für den Taglohn dienen. Der Bauer zuckt über den schwachen Zärtling die Achsel, der derbe Knochenbau selnes handfesten Mitbe⸗ werbers sticht ihn bei diesem fühllosen Gönner aus. Er wagt einen letzten Versuch. Ein Amt ist noch ledig, der äußerste, verlorene Posten des ehrlichen Namens— er meldet sich zum Hirten des Städtchens, aber der Bauer will seine Schweine keinem Taugenichts anver⸗ trauen. In allen Entwürfen getäuscht, an allen Orten zurückgewiesen, wird er zum dritten Mal Wilddieb, und zum dritten Mal trifft ihn das Unglück, seinem wachsamen Feind in die Hände zu fallen. f Der doppelte Rückfall hatte seine Verschul⸗ dung erschwert. Die Richter sahen in das Buch der Gesetze, aber nicht einer in die Gemüts⸗ fassung des Beklagten. Das Mandat gegen die Wilddiebe bedurfte einer solennen und exem⸗ plarischen Genugtuung, und Wolf ward ver⸗ urteilt, das Zeichen des Galgens auf den Rücken gebrannt, drei Jahre auf der Festung zu ar⸗ beiten. Auch diese Periode verlief, und er ging von der Festung— aber ganz anders, als er dahin gekommen war. Hier fängt eine neue Epoche in seinem Leben an; man höre ihn selbst, wie er nachher gegen seinen geistlichen Beistand und vor Gericht bekannt hat.„Ich betrat die Festung“, sagte er,„als ein Verirrter und ver⸗ ließ sie als ein Lotterbube. Ich hatte noch etwas in der Welt gehabt, was mir teuer war, und mein Stolz krümmte sich unter der Schande. Wie ich auf die Festung gebracht war, sperrte man mich zu dreiundzwanzig Gefangenen ein, unter denen zwei Mörder und die übrigen alle berüchtigte Diebe und Vagabunden waren. Man verhöhnte mich, wenn ich von Gott sprach, und setzte mir zu, schändliche Lästerungen gegen den Erlöser zu sagen. Man sang mir Hurenlieder vor, die ich, ein liederlicher Bube nicht ohne Ekel und Entsetzen hörte; aber was ich ausüben sah, empörte meine Schamhaftigkeit noch mehr. Kein Tag verging, wo nicht irgend ein schänd⸗ licher Lebenslauf wiederholt, irgend ein schlimmer Anschlag geschmiedet ward. Anfangs floh ich dieses Volk und verkroch mich vor ihren Ge⸗ sprächen, so gut mir's möglich war; aber ich brauchte ein Geschöpf, und die Barbarei meiner Wächter hatte mir auch meinen Hund abge⸗ schlagen. Die Arbeit war hart und tyrannisch, mein Körper kränklich; ich brauchte Beistand, und wenn ichs aufrichtig sagen soll, ich brauchte Bedauerung, und diese mußte ich mit dem letzten Ueberreste meines Gewissens erkaufen. So gewöhnte ich mich endlich an das Abscheu⸗ lichste, und im letzten Vierteljahr hatte ich meine Lehrmeister übertroffen. „Von jetzt an lechzte ich nach dem Tag meiner Freiheit, wie ich nach Rache lechzte. Alle Menschen hatten mich beleidigt, denn alle waren besser und glücklicher als ich. Ich betrachtete mich als den Märtyrer des natürlichen Rechts und als ein Schlachtopfer der Gesetze. Zähne⸗ knirschend rieb ich meine Ketten, wenn die Sonne hinter meinem Festungsberg heraufkam; eine weite Aussicht ist zwiefache Hölle für einen Gefangenen. Der freie Zugwind, der durch die Luftlöcher meines Turmes pfiff, und die Schwalbe, die sich auf dem eisernen Stab meines Gitters niederließ, schienen mich mit ihrer Frei⸗ heit zu necken und machten mir meine Gefangen⸗ schaft desto gräßlicher. Damals gelobte ich unversöhnlichen, glühenden Haß allem, was dem Menschen gleicht, und was ich gelobte, hab ich redlich gehalten. „Mein erster Gedanke, sobald ich mich frei sah, war meine Vaterstadt. So wenig auch für meinen künftigen Unterhalt da zu hoffen war, so viel versprach sich mein Hunger nach Rache. Mein Herz klopfte wilder, als der Kirchturm von weitem aus dem Gehölze stieg. Es war nicht mehr das herzliche Wohlbehagen, wie ichs bei meiner ersten Wallfahrt empfunden hatte— das Andenken alles Ungemachs, aller Verfolg⸗ ungen, die ich dort einst erlitten hatte, erwachte mit einemmal aus einem schrecklichen Todes⸗ schlaf; alle Wunden bluteten wieder, alle Narben gingen auf. Ich verdoppelte meine Schritte, denn es erquickte mich im voraus, meine Feinde durch meinen plötzlichen Aublick in Schrecken zu setzen, und ich dürstete jetzt ebenso sehr nach neuer Erniedrigung, als ich ehemals davor ge⸗ zittert hatte. „Die Glocken läuteten zum Vesper, als ich mitten auf dem Markte stand. Die Gemeinde wimmelte zur Kirche. Man erkannte mich schnell; Jedermann, der mir aufstieß, trat scheu zurück. Ich hatte von jeher die kleinen Kinder sehr lieb gehabt, und auch jetzt übermannte michs un⸗ willkürlich, daß ich einem Knaben, der neben mir vorbei hüpfte, einen Groschen bot. Der Knabe sah mich einen Augenblick starr an und warf mir den Groschen ins Gesicht. Wäre mein Blut nur etwas ruhiger gewesen, so hätte ich mich erinnert, daß der Bart, den ich noch von der Festung mitbrachte, meine Gesichtszüge bis zum Gräßlichen entstellte— aber mein böses Herz hatte meine Vernunft angesteckt. Tränen, wie ich sie nie geweint hatte, liefen über meine Backen. „Der Knabe weiß nicht, wer ich bin, noch woher ich komme, sagte ich halblaut zu mir selbst, und doch meidet er mich, wie ein schänd⸗ liches Tier. Bin ich denn irgendwo auf der Stirne gezeichnet, oder habe ich aufgehört, einem Menschen ähnlich zu sehen, weil ich fühle, daß ich keinen mehr lieben kann? Die Verachtung dieses Knaben schmerzte mich bitterer, als drei⸗ jähriger Galtotendienst, denn ich hatte ihm Gutes getan und konnte ihn keines persönlichen Hasses beschuldigen. (Fortsetzung folgt.) In der großen Pause. Ein Maibild aus der Volksschule. „Prachtwetter heute, was?“ Lehrer Müller, von den Knaben kurz und bezeichnend„der Dicke“ genannt, stieß es in seiner lakonischen Weise hervor. Dann öffnete er das Fenster und ließ die frische, duftge⸗ schwängerte Mailuft in das Lehrerzimmer. Schwerfällig entwichen vor diesem munteren Zustrom die dicken bläulichen Schwaden des Zigarrenqualmes. „Richtiges Sozialdemokratenwetter!“ meinte der schöne Leo, Speziallehrer für Turnen und Gesang, mit einem Seitenlächeln auf Johann Schmidt. Die erwartete Wirkung blieb nicht aus. „Laßt doch die Leute,“ antwortete Schmidt, dessen intime Beziehungen zur Sozialdemokratie stillschweigend respektiert wurden,„ich wollte, ich könnte auch heute mit durch den Stadtpark wandern, anstatt die Jungens im Zaum zu halten.“ „Na, erlauben Sie mal, lieber Kollege, ganz abgesehen von den sonstigen Bestrebungen der Partei, die Maifeier ist doch eigentlich höherer Blödsinn.“ „Wenn Sie dadurch eher zu Ihrem Reserve⸗ offizierspatent kämen, so machten Sie sie wahr⸗ scheinlich auch mit.“ a Alle lachten. Leo's brennender Ehrgeiz, der erste Volksschullehrer-Reserveoffizier der Stadt zu werden, war bekannt und man gönnte ihm gern den kleinen Hieb. Leo fuhr auf:. „Lassen Sie doch Ihre schalen Späße, Schmidt, damit beweisen Sie noch nicht die Zweckmäßigkeit der Maifeier.“ „Das will ich auch gar nicht, lieber Vize⸗ feldwebel der Reserve. Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen. Na und Sie fühlen doch nichts, was?“ „Nein, Gott sei Dank, nicht. Was man überhaupt bei solcher Maifeier fühlen soll, ist mir verflucht schleierhaft.“ „Sehen Sie, Leo, und genau so schleierhaft ist mir, was für Gefühle Ihr Soldatenherz höher schlagen lassen. Aber was wollen wir uns über Gefühle streiten! A propos, sind Sie nicht Mitglied der Kommission für die Vor⸗ bereitung der neuen Gehaltsforderungen?“ „Ja. Aber was soll das?“ „Ach, ich meine nur so. Wie weit sind Sie übrigens damit? Sind Sie schon vorstellig geworden bei den diversen Stadträten?“ „Ja, wir waren bei dem Dezernenten und bei der Deputation und bei einigen maßgebenden Rednern im Plenum.“ „Na, und?“ Die Kollegen rückten näher. Gehaltsfragen fanden immer doppelte Aufmerksamkeit. „Viel ist nicht dabei herausgekommen. Achsel⸗ zucken, Vertröstungen, Ausflüchte.“ „Waren Sie auch bei dem Vorsttzenden der sozialdemokratischen Fraktion?“ Leo nahm entrüstet die Zigarre aus dem Mund. „Wo denken Sie hin!“ —.:.... — ͤ——‚— le. und i ffnete Iftge⸗ imer. teren des leinte und hann 9. midt, ratte yollte, tpalk m zu ganz der jherer serbe— wahr⸗ geiz, F der söunte paßt, t die Vize⸗ fühlt, fühlen man , it erhaft herd 1 wil 9 Sie Vor⸗ 0 Sie fell 1 5 genden fragen a u de 0 ell Nr. 21. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeuung. Seite 7. „Na, das wäre doch nicht so schlimm ge⸗ wesen. Es sind immerhin drei Stimmen.“ „Die stimmen auch so für unsere Forde— rungen.“ „Et, sehen Sie doch an, lieber Kollege, die stimmen auch so für unsere Forderungen? Woher wissen Sie das denn so genau?“ Leo blieb die Antwort schuldig und steckte statt dessen die Zigarre kokett in den linken Mundwinkel. „Jetzt habe ich Sie, lieber Vizefeldwebel, wo ich Sie haben wollte. Weil die Leute doch für uns stimmen, da brauchen Sie sie nicht aufzusuchen, da können Sie sogar über sie ulken und ihre Maifeter als höheren Blödsinn be⸗ zeichnen.“ „Aber, lieber Schmidt, was hat denn die Maifeier damit zu tun?“ „Weil sie ein ganz prägnanter Ausdruck der Gesinnung jener Partei ist. Die Partei fragt nicht, ob unter den Lehrern, für deren Gehaltsansprüche sie eintritt, Sozialdemokraten sind oder nicht. Selbst wenn sie wüßte, daß Leute, wie Sie, Kollege Leo, darunter sind, würde sie sich, glaube ich, dadurch nicht beein⸗ flussen lassen und doch für die Gehaltserhöhung eintreten. Sozialdemokraten sind eben Leute von Prinzipien——“ „Aber die Maifeier——“ „Die Maffeier ist ein wirkungsvolles Mittel zur Stärkung und Befestigung der Prinzipien dieser Partei, besonders des Gefühls der Zu⸗ sammengehörigkeit aller Unterdrückten und Schlechtentlohnten. Gehören Sie zu den Gut- entlohnten, Herr Kollege?“ Ein schriller Klingelton verkündete das Ende der Pause und enthob Leo der Antwort.... (E. Almsloh in der Frankf.„Volksstimme“.) Schillers Beerdigung. Schillers Bestattung ist unter sehr trüben, unwürdigen Verhältnissen vor sich gegangen. Schiller hatte am 29. April zum letztenmal das Theater besucht und war vom 30. an bettlägerig gewesen. Am 9. Mai hauchte er seine edle Seele aus. Die durch dies harte Geschick schwer betroffene Gattin war fassungs⸗ los. Sie hatte nicht nur den liebevollsten, reinsten und hochstrebenstden Mann, sondern auch den Ernährer verloren. Sie sah sich mit ihren Kindern der schweren Sorge und dem Mangel preisgegeben. Außer dem jungen Heinrich Voß, der den Kranken treu gepflegt hatte und jetzt den verlassenen Hinterbliebenen ebenso treu zur Seite stand, scheint sich niemand um die Leiche noch um die Insassen des Trauerhauses ge⸗ kümmert zu haben. Goethes Abneigung gegen die äußere Erscheinung des Todes ist bekannt. Wie immer, wenn ein ihm Nahestehender starb, war er krank und hütete das Zimmer. Der Herzog und der Hof waren in Weimar nicht anwesend. Wie gleichgültig sich die Bevölkerung und das„hochverehrte Publikum“ von Weimar gegenüber einem solchen Todesfalle verhielten, geht daraus hervor, daß am Todestage im Schauspielhause wie gewöhnlich Vorstellung sein sollte. Nur die energische Weigerung der Schauspielerin Jägemann⸗Heigendorf, an diesem Tage die Bühne zu betreten, verhinderte eine solch unbegreifliche Gefühllosigkeit. 8 Heinrich Voß hatte die traurige Pflicht zu übernehmen, den Sarg für den Verstorbenen zu bestellen. Er mußte dem Tischlermeister Eichenhauer, der gern etwas Besonderes liefern wollte, die größte Sparsamkeit anempfehlen. So wurde ein ganz gewöhnlicher Sarg für drei Taler und wenige Groschen hergestellt, um einen solchen Toten aufzunehmen! Die Nacht vom 11. auf den 12. Mat war für das Begräbnis festgesetzt. Die Träger dafür stellten damals die verschiedenen Zünfte der Reihenfolge nach. In dieser Nacht war die Schneiderzunft an der Reihe, die auch das Bahrtuch, mit den betreffenden Wahrzeichen geschmückt, zu liefern hatte. Nur dem Eingreifen des Bürgermeisters Schwabe am Abend des 11. Mai ist es zu verdanken, daß eine Anzahl rasch zusammen⸗ gerufener Schillerfreunde statt der Schneider die Bahre hinaustrugen. Auf dem Markte angekommen, wurde von den Trägern etwas angehalten, um zu wechseln. Zwei Fackeln spendeten das nötige Licht, zu spärlich noch, um eine eben aus der Seitenstraße tretende, tief in den Mantel gehüllte männliche Gestalt erkennen zu lassen. Sie folgte den Trägern in immer gleich weiter Entfernung nach dem Kirchhofe. Hier angelangt, traten diese zu dem geöffneten alten Kassengewölbe, einer großen, feuchten Totengruft. Mit Hilfe des harrenden Totengräbers wurde der Sarg zu den zehn bereits früher hier eingesenkten gestellt. Da wurde jene hohe männliche Gestalt an der Wand des Kirchhofs wieder sichtbar, und tiefer, lange verhaltener Schmerz wand sich schluchzend los. Später ist Wilhelm von Wolzogen, der Schwager Schillers, als jener einsame Leidtragende festgestellt worden. Conrad Ferdinand Meyer hat die für die Zeitgenossen Schillers so unwürdige Art der Beerdigung des großen Toten in einem kleinen Gedichtchen behandelt: Ein ärmlich düster brennend Fackelpaar, das Sturm Und Regen jeden Augenblick zu löschen droht. Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg Mit keinem Kranz, dem kargsten nicht, und kein Geleit! Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab. Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur, Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht, Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius wars. Schillerworte. Brotgelehrte. Wer hält den Fortgang nützlicher Revolu⸗ tionen im Reich des Wissens mehr auf als der Haufe der Brotgelehrten? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar. Sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, weil ste bei dem Schulsystem, das sie verteidigen, zugleich für ihr ganzes Dasein fechten. ** Immer strebe zum Ganzen und kannst du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes dich an. ** Verbunden werden auch die Schwachen mächtig. Allerlei. Kaiserbilder auf Bettkattun. Es ist erstaunlich, was nicht unsere Industrie alles auf den Markt bringt, um die Liebe und Anhänglichkeit an das„angestammte Herrscher⸗ haus“ wachzurufen und zu erhalten. Zahlreich sind die Objekte, die man mit den Bildnissen von„allverehrten“ Fürsten geschmückt, um auf die Weise dem patriotischen Empfinden, oder besser gesagt, der kapitalistischen Ausbeutung des letzteren Ausdruck zu geben. Einen starken Re⸗ kord in dieser Richtung— schreibt man der Frkftr. Volksstimme— hat in den letzten Tagen eine elsässische Textilfirma geschlagen, indem ste — Bettkattun in den Handel bringt, auf welchem die Brustbilder des deutschen Kaiserpaares mit einem frommen Wunsch darüber eingedruckt sind. Es gibt wohl kaum einen besseren Platz für solche Bilder; vermag der getreue Untertan zusehen, daß er ste immer hübsch an der Außen⸗ seite seines Bettes hält. Wenn sie nach der Innenseite und in Berührung mit gewissen Körperteilen kommen, könnte der Lohn für die königstreue Gesinnung am Ende gar eine— Majestätsbeleidigungsklage werden! Elne großartige Zerstreuung. Im Jahre 1822 schrieb der damalige Prinz, spätere Kaiser Wilhelm I., einen Brief an den General Witzleben, der u. a. folgendes enthielt: „... die schönen kriegerischen Aussichten sind verschwunden. Auch hat der König meine Bitte nicht sehr gnädig aufgenommen, warum weiß ich nicht, weil er mir die wenigen Worte nur schrieb: es gibt keinen Krieg. Wie mich das betroffen und erschüttert hat, können sie sich denken, denn meine Hoffnung hatte ich auf diese großartige Zerstreuung gelegt...“— Die Zerstreuung von Untertanenknochen ist ein altes fürstliches Vergnügen! Liebliche Liebestaten. Für Leute, die nicht wissen, was ste mit ihren Fleisch⸗, Gewüsc⸗, Käse⸗ ꝛc. Resten an⸗ fangen sollen, erteilt das„Haus wirtschaftliche Echo“ seinen Leserinnen eine Reihe von Rat⸗ schlägen, die darauf hinauslaufen, nichts um⸗ kommen zu lassen und jene Reste in neuer Form zum zweiten Male auf den Tisch zu bringen. Das Blatt fügt hinzu:„Ja, aber von diesen Resten werden womöglich wieder Reste übrig bleiben, was damit?“ Preisfrage! Das„Echo“ antwortet selbst:„Das gib den Armen, und du hast ein gutes Werk getan!“ Die Reste der Reste den Armen! Wie der Landmann alle Mahlzeitüberbleibsel seinen Schweinen vorwirft, so macht's die moderne christliche Gesellschaft mit ihren Opfern— von der hohen Politik und staatlichen„Armen⸗ fürsorge“ angefangen bis hinunter zur privaten „Mildtätigkeit“!! Wo ist die Scham?— Bei den Hunden. N Preßlakaien. Hör ich Lakaien loben Die Kirche und den Thron Und jeden, der nach oben Bewährt als Stütze schon; Hör ich Lakaien schmeicheln Der Menge Unve stand, Und sehe, wie sie streicheln Was Flitter bleibt und Tand: Dann nmeiß ich, daß die Edlen In ihres Herzens Grund Nicht anders können als wedeln Wie ein gemeiner Hund. Solch nord'scher Byzantiner Bellt nicht um schnöden Lohn, Er ist schon Hund und Diener Vereinigt in Person. Numoristisches. Protest. In einem Dorfe soll beim Bürgermelster eine Erbschaft geteilt werden. Während der Verhand⸗ lung entsteht Streit und bald ist eine Rauferei im Gange, in die man auch den Bürgermeister hineinzieht. „Laßt mich aus!“ ruft er—„Ich erb' ja gar nicht mit!“ Allerdings. Schutzmann:„Wie der Kerl ausschaut! Es ist eine wahre Schande, mit ihm zu gehen!“—„Na, mit dem Herrn Schutzmann zu gehen, is och keene Auszeichnung!“(Fl. Bl.) Literaris ches Georg Herwegh, dem im Oktober v. J. zu Liestal in der Schweiz ein ehernes Denkmal gesetzt wurde, hat mit der soeben in Max Hesses Volksbücherei erschienenen Neu-Ausgabe seiner weltberühmten„Ge⸗ dichte eines Lebendigen“, die seinerzeit in kaum zwei Jahren sechs Auflagen erlebten, nun auch ein literarisches Denkmal erhalten. Und mit vollem Recht! Noch heute, nach über 50 Jahren, wirkt Her⸗ weghs Poesie ebenso hinreißend wie damals, und ist auch die Zeit eine andere geworden, seine Gedichte dürfen heute noch mit vollem Recht die„Gedichte eines Lebendigen“ genannt werden! Was die Ausgabe besonders auszeichnet, ist, daß sie von dem Sohne des Dichters sorgfältig durchgesehen und mit ergänzenden Anmerkungen versehen worden ist. Außerdem aber ent⸗ hält sie eine literarisch wertvolle biographische Einleitung von Victor Fleury, der mit Georg Herwegh persönlich befreundet war und wie kein anderer dazu berufen er⸗ scheint, uns ein klares Bild von seinem Leben und Schaffen zu geben, sowie ein bisher unbekanntes, auf Kunstdruckpapier hergestelltes Bildnis und eine Hand⸗ schriftprobe des Dichters. Der Preis des mit großer und klarer Schrift gedruckten, hübsch ausgestatteten Bandes(broschiert 60 Pfg., gebunden Mk. 1.—), muß geradezu erstaunlich billig genannt werden; wir können seine Anschaffung nur bestens empfehlen.— Die Expe⸗ dition der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ nimmt Bestellungen auf das Werkchen entgegen. 7 8 Bemüht Parteifreunde! cnc ue nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! K 8 SSS K 1 + 4. 115 54 —— Sette 3. Mitteldeutsche Sonntas⸗geit ung. Nr. 21. eee 5 Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeltung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: a Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfo, komplett in 50 Heften. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe). Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Kurt Eisner Preis 20 Pfg.. 5 Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.] Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Die Voraussetzungen des Sozialismus die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ih rer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann Preis 20 Pfg. Achtung Schmiedel Samstag, 20. Mai, abends 8½ uhr Oeffentliche Schmiede-Versammlung im Lokale zum„Wiener Hof“ Johannesstraße 3. Tagesordnung: Zmeck und Ziele der Gewerkschaften. Redner: Kollege Ritter aus Karlsruhe. Die Ortsverwaltung. Rühle. Preis 30 Pfg. 2 Sozialdemokratisches Reichstagshandbu g. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen[schen Reiches und die Sozialdemokratie. à 20 Pfg. Gebunden 2 Mk. Von Gg. v. Vollmar. 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