FE. e 10“. * .— UkÄ— 1 2 — 2 Nr. 47. Gießen, den 19. November 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. onnt Mitteldeutsche 9-31 Redaktionsschluß: Donnerztag Nachmittag 4 Uhr itung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen JInserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 505% Rabatt. Bei mindestenz Um's Wahlrecht. Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, In dem wir siegen. Nun wohlan! Nicht predigen wir Haß den Reichen, Nur gleiches Recht für Jedermann. Am 5. Dezember soll der preußische Land⸗ tag zusammentreten, das Parlament des elen⸗ desten Wahlsystems der Welt. Auf seiner Tagesordnung steht die konfesstonelle Schule. In halb Europa marschiert die Revolution; im Süden Deutsch lands erobert sich die Idee des allgemeinen, gleichen und direkten Wahl⸗ rechts schrittweise den Boden. Allüberall, hier in wilden Stürmen, dort im Rahmen der ge⸗ setzlichen Ordnung, beginnen sich die Völker auf den Bahnen der Freiheit zu höheren Zielen emporzuheben. Von allen Regierungen der Welt ist die preußische die allereinzigste, die in solcher Zeit den Schritt nach rückwärts wagt. In Rußland ist durch den Sturz Pobjedonos⸗ zew's die Herrschaft der Duchowenstwo, der russischen Klerisei, gebrochen. In Frankreich vollzieht sich die Trennung des Staates von der Kirche. Inzwischen aber sind die Pobje⸗ donoszew's Preußens desto eifriger am Werle, den Staat noch fester an die Kirche zu ketten, den Lehrer noch tiefer unter die Oberherrschaft der Geistlichen zu bringen, die Kinder der Armen vollends in einer engherzigen Lehre auf⸗ zuerziehen, an die die Eltern der Reichen, ob⸗ wohl ste heuchlerisch das Knie vor ihr beugen, längst nicht mehr glauben. Selbst das katho⸗ lich⸗klerikale Oestereich besitzt sett den sechziger Jahren eine allgemeine Volksschule, in der außerhalb der eigentlichen Religionsstunden die Trennung der Kinder nach Konfessionen streng verpönt ist. Doch was kümmert sich Preußen um Ruß⸗ land und Frankreich, um Oesterreich, um Bayern — es bewahrt seine nationale Eigentümlichkeit. Heißt es hier freies Wahlrecht, dort konfessions⸗ lose Schule, so proklamiert man in Preußen die konfesstonelle Schule durch das Dreiklassenwahlrecht. Ueber das geistige Schicksal von Millionen Arbeiterkindern soll entschieden werden von einem Parlament er Großgrundbesitzer, der Unternehmer, der Kommerzienräte und der geistlichen Herren, von einem Parlament, in dem auch kein ein⸗ iger Vertreter der arbeitenden Klasse sitzt! Es liegt eine ungeheure Aufreizung in diesem Gedanken, wie immer man sich zu den religtösen Fragen der Zeit stellen mag. Ist es nicht stets die Kirche ge⸗ wesen, die die Kinder für sich forderte unter dem Vorwande, daß es so der Wille der Eltern sei. Gegen die unkirchliche Staatsschule, ja gegen den staatlichen Schulzwang überhaupt, haben die Vertreter aller Kirchen immer mit der Behauptung operiert, daß solche Art staat⸗ licher Erziehung die Kinder von ihren Eltern reiße und das göttliche Recht der Eltern an 37 0 Kinder beeinträchtige. Kann sich aber die Kirche mit Hilfe der staatlichen Gewalt und eines Parlaments der Reichen der Kinder bemächtigen, so wird der alte Text gleich um⸗ gelesen! Vom Recht der Eltern an ihren Kin⸗ dern wird man in den Debatten des preußischen Landtages kein Wort lesen, wenn nicht die Forderung dieses Rechts von draußen her mit Donnerstienme ertönen wird. Es wär von dringendem Interesse, einmal statistisch festzustellen, wieviele von den Herren, die über das Schicksal der preußischen Volks⸗ schule entscheiden sollen, sich für ihre eigenen Kinder mit dieser Volksschule begnügen wollen. Es erwächst ihnen kein Vorwurf daraus, wenn sie es nicht tun; denn es ist menschlich nur selbstverständlich, daß sie bestrebt sind, ihren eigenen Kindern alle Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Aber empörend ist es, daß diese Väter, die ihre eigenen Kinder zu Hause unter⸗ richten lassen, sie an die Gymnasten und die Universitäten schicken, sich zu politischen Vor⸗ mündern aufwerfen über die Kinder der Armut, die sie in die Kirchenschule sperren und mit geistigen Bettelsuppen abspeisen wollen! Die Arbeiter Preußens würden deshalb ihre Pflicht gegen ihre eigenen Kinder gröblich vernachlässigen, wenn sie nicht alle ihre Kräfte aufbieten würden, um das Recht an ihren Kindern zu erobern, das ihnen die bürgerliche Gesellschaft vorenthält. Dieses Recht können aber die Arbeiter nicht anders erobern, als dadurch, daß ste den Einfluß auf die Staatsgewalt zu erringen suchen, der thnen zusteht. Sie können den Kampf gegen die Konfessionsschule, den Kampf gegen die geistige Knebelung ihrer Kinder nicht anders führen, denn als einen Kampf um das all⸗ gemeine, gleiche und direkte Land- tagswahlrecht. Was können die herrschenden Klassen Preußens den Arbeitern antworten, wenn ste jetzt und unter den gegenwärtigen Umständen vor ste hintreten und das gleiche Wahlrecht fordern. Haben doch diese herrschende Klassen selbst, indem ste sich auf die Volksschule stürzten, dafür gesorgt, daß der Kampf um das gleiche Wahlrecht zu einem Kampfe um das einfachste, natürlichste Menschenrecht geworden ist, um ein » göttliches Recht“ sogar, wie die Priester sagen. Was können sie den Arbeitern sagen, wenn diese ihnen zurufen:„Wir wollen dabei sein, wenn über das Wohl ünd Wehe beraten wird des Besten, des Heiligsten, das wir besitzen, um Tas Wohl und Wehe unserer eigenen Kinder! Das Bürgerliche Gesetzbuch fordert von uns die Erfüllung unserer Elternpflichten, deren Verletzung das Gesetz mit Recht bestraft, deren Vernachlässtgung die gesellschaftliche Meinung mit Recht ächtet. Wohlan denn, wir erfüllen unsere Elternpflicht, indem wir Ein⸗ spruch dagegen erheben, daß die Entscheidung über die Kinder des Volkes uns, dem Volke, entrissen wird. Im Namen unserer höchsten Pflichten fordern wir das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht!“ Die Arbeiter Preußens werden die unbe⸗ zwingliche sittliche Position, die ihnen ihre Gegner im Wahlrechtskampfe verschafft haben, auszunützen wissen. Jetzt, wenn jemals, ist für sie die Zeit gekommen, sich des Rufes zu er⸗ innern, den Ferdinand Lassalle an sie ergehen ließ:„Organisieren Sie sich zu dem Zwecke einer gesetzlichen und friedlichen, aber unablässigen Agitation für die Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen Ländern. Pflanzen Sie diesen Ruf fort in jede Werkstatt, in jedes Dorf, in jede here Mögen die städtischen Arbeiter ihre öhere Einsicht und Bildung auf die ländlichen Arbeiter überströmen lassen. Debattieren Sie überall, täglich, unablässig, unaufhörlich die Notwendigkeit des allgemeinen und direkten Wahlrechts. Je mehr das Echo Ihrer Stimme millionenfach widerhallt, desto unwiderstehlicher wird der Druck derselben sein.... Blicken Sie nicht nach rechts, noch links, seien Sie taub für Alles, was nicht allgemeines und direktes Wahl⸗ recht heißt oder damit in Zusammenhang steht und dazu führen kann. Dies ist das Zeichen, das Sie aufpflanzen müssen. Dies ist das Zeichen, in dem Sie siegen werden! Es gibt kein anderes für Sie!“ * Unsere sächsischen Parteigenossen ver⸗ anstalten diesen Samstag und Sonntag Massen⸗ versammlungen im ganzen Lande, um dadurch für das allgemeine Wahlrecht zu demonstrieren. In dem Aufruf, den das Zentralagitations⸗ komitee dieserhalb veröffentlicht, heißt es unter anderem: „Es besteht kein Zweifel für uns, daß die sächsische Regierung an dem gegenwärtigen Zu⸗ stand der Rechtlostgkeit des sächsischen Volkes 1 will. Und auch die Zusammensetzung es Landtages ist eine derartige, daß von ihr das sächsische Volk nichts zu erwarten hat. Die Auserwählten des Dreiklassenwahl⸗Systems wollen um keinen Preis ihr Vorrecht aufgeben. Um so mehr muß das sächsische Volk auf dem Posten sein und jede sich bietende Gelegenheit benutzen, dafür zu propagieren, daß an die Stelle des Unrechts das Recht gesetzt wird... Soll des Volkes Willen das oberste Gesetz sein, dann muß in jedem Staatswesen auch die volle und wahre Demokratie herrschen! Sollen Freiheit und Wohlergehen dem Volke werden, dann müssen Privilegien und Vorrechte fallen.. Darum müssen wir laut und vornehmlich unsere Stimmen erheben und der herrschenden Klasse Sachsens zurufen: Wir wollen als Staatsbürger, Steuerzahler und Vaterlandsverteidiger nicht länger mehr für Menschen minderen Rechts angesehen werden; wir können nicht dulden, daß wenige Bevorrechtete über uns herrschen und uns die Gesetze diktieren; wir wollen als Kulturträger, als Produzenten aller Werte, die die Menschheit zu ihrer Erhaltung bedarf, als Erzeuger aller Reichtümer und als Förderer der edelsten Bestrebungen auch mit⸗ raten und mittaten an der Gesetzgebung.“ * Zur Zeit, da diese Zeilen in Druck gehen, ist der Ausfall der hessischen Wahlmännerwahlen noch nicht zu übersehen. Aber hoffentlich erhebt hierbei auch das hessische Volk den Ruf nach dem allgemeinen Wahlrecht in verstärktem Maße. Und auch in unserem Lande mit seinen in politischer Beziehung vielfach schwerfälligen Bewohnern wird es die Aufgabe unserer Partei sein, dafür zu sorgen, daß die Wahlrechtsfrage nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet, bis die Forderungen erfüllt sind, die wir nach dieser Richtung hin stellen müssen. Revolution in Rustland. Nach dem, was an Nachrichten über die revolutionäre Bewegung in Rußland zu uns herüber gelangt, kann kein Zweifel mehr da⸗ 8 — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 47. rüber sein, daß die Revolution nicht eher ruhen wird, bis die Willkürherrschaft des Zarentums beseitigt ist. Es gibt kein Halten, keinen Still⸗ stand mehr, nicht lange mehr und das russische Volk wird die jahrhunderte lange Knechtschaft abgeschüttelt haben. Durch keine Versprechungen des geriebenen Ministers Witte wird sich die Revolution von ihrem Ziele ablenken und das Volk wird sich auch durch keine noch so scheuß⸗ lichen Greueltaten der zarischen Polizei und des von ihnen aufgehetzten und angeführten Pöbels abschrecken lassen. Und was in letzterer eee in den letzten Tagen in Odessa, Kiew, Moskau und anderen Orten geleistet wurde, übersteigt alle Vorstellung. Aus den zahlreichen am Anfange der Woche eingelaufenen Berichten sei nur der folgende aus Odessa wieder gegeben. Ein junges deutsches Mädchen schrieb ihren Angehörigen am 3. November fol gendes: „Am Dienstag früh kam die Nachricht von dem Erlaß der Konstitution, der wir anfangs keinen Glauben schenken wollten, bis die Telegramme verteilt wurden. Auf den Straßen herrschte eine unglaubliche Freude, fremde Leute umarmten sich, von den Tram⸗ ways schrieen die Leute Hurra und schwenkten mit Mützen und Tüchern, kurz, alles war auf den Straßen und äußerte seine Freude. Am Nachmittag ging ich mit Papa aus, wir trafen die Studenten und zogen von einer Mani⸗ festantengruppe zur anderen, hörten die Mar⸗ seillaise; Du hättest die Aufzüge sehen sollen. Alles hatte rote Bänder im Knopf⸗ loch, rote Fahnen wurden getragen. Kränze mit roten Bändern und freiheitlichen Aufschriften wurden auf Droschken aufgepflanzt, durch die Stadt getragen. Ich kann Dir all das nicht beschreiben. Die Polizei war abgesetzt und die Studenten wollten die Ordnung aufrechterhalten. Das war am Dienstag. Am Mittwoch veränderte sich das fröhliche Bild in ein ebenso trauriges. Heute Freitag überleben wir den dritten schrecklichen Tag. Nämlich Strolche, von der erzürnten Polizei aufgehetzt und von verkleideten Schutz⸗ leuten angeführt, durchziehen horden⸗ weise die Stadt, plündern und rauben. Am Mittwoch früh zog so eine Horde mit dem Bild des Kaisers und der Kaiserin durch die Stadt und schlug alle Scheiben der Geschäfte (die keine Rollladen haben) ein. So zogen diese Leute durch die ganze Stadt, und alle flüchteten sich nach Hause.——— Wir sehen, ähnlich wie während der Potemkin⸗Tage, be⸗ ladene Hafenarbeiter, die niemand aufhält, aus dem sehr einfachen Grunde, weil niemand zum Schutz des Publikums da ist, die Polizei raubt mit und die Soldaten schauen zu oder rauben mit. In die Kasernen schleppen die Soldaten ganze Ladungen ge⸗ stohlener Waren.(Dies von Augenzeugen.) In den Straßen gehen Strolche mit 3 bis 4 Hüten auf dem Kopfe und einen Zylinder oben auf. Frauen tragen Seidendecken, Schirme, Kasserolen, kurz, ich kann Dir gar nicht alles beschreiben. Sämtliche jüdische Geschäfte auf der Preobraschenskaja und jüdischen Straßen usw. sollen vollkommen ausgeraubt sein, eben⸗ 1 25 Magazin Rabinowitsch auf der Pusch⸗ 8 9. Donnerstag steigerte sich die Gefahr dahin, daß das einziehende Militär, von dem die schutzlosen Bürger Hilfe und Schutz erwarteten, an den einbrechenden Strolchen vorbeizog und sie durchaus nicht hinderte, sondern die Ge⸗ wehrmaschinen gegen diejenigen Häuser richtet, aus denen das Publikum zum Selbstschutz einige Schüsse abgegeben hatte. Heute zogen etwa 500 Strolche um unsere Ecke, doch vier Soldaten, die von sämtlichen Be⸗ wohnern bezahlt werden und die uns jetzt be⸗ schützen, gaben ein paar Salven ab und im Moment war der ganze Haufen fort: man steht, wie wenig man braucht, um die Leute auseinanderzujagen, und man sieht auch, daß absolut nichts getan wird.“— Militär⸗Aufruhr in Kronstadt. In dem Hauptbollwerk Petersburgs, der See⸗ festung Kronstadt am finnischen Meerbusen rebellierten 25000 Soldaten. 150 Matrosen, die in Petersburg verhaftet worden waren, überwältigten auf der Fahrt dorthin die Be⸗ wachungsmannschaften und völlig in Gewalt der Aufrührer, lief der Dampfer unter roter Flagge in Kronstadt ein. Soldaten und Matrosen versammelten sich in dichten Scharen, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Dann ver⸗ einigten sich alle zur Erhebung gegen die Be⸗ amten und Offiziere des Zaren, und zwei Stunden später war Stadt und Festung Kron⸗ stadt völlig in ihrem Besitz.— Die Soldaten machten mit den Matrosen gemeinschaftliche Sache. Das Petersburger Dragoner⸗ regiment, das zu den Elitetruppen gehört, ergab sich ohne Kampf den Auf⸗ rührern. Das Lanzenreiterregiment ist in einem furchtbaren Kampfe fast ganz aufgerieben worden. In Petersburg erschien die erste sozialdemokratische Zeitung unter dem Titel: „Nowaja Shisn“(Neues Leben). Das von dem Blatte entwickelte Programm lehnt sich an das der deutschen Sozialdemokratie an. Ein anderes revolutionäres Arbeiterblatt soll in den nächsten Tagen erscheinen. Der Polizeihauptmann in Sosnowice sprach sich dahin aus, daß preußisches Militär zur Bekämpfung des Volkes herbet⸗ geholt werden würde. Was mag den Mann zu seiner Drohung berechtigen? 5 Politische Rundschau. Gießen, den 16. November 1905. Zur Fleischnot. Die Folgen der unerhörten Fleisch⸗ teuerung zeigen sich in dem gesteigerten Konsum von Pferde⸗ und Hundefleisch. So wurden im Chemnitzer Schlachthofe, wie die„Sächs. Arb.⸗Ztg.“ berichtet, im Monat Oktober 90 Pferde und 69 Hunde auf dem Schlachthofe geschlachtet, das sind gegen deu gleichen Monat des Vorjahres 19 Pferde und 40 Hunde mehr. Dabei ist zu bedenken, daß auch das Pferdefleisch und Hundefleisch teuerer geworden ist. Ferner erscheinen in der Statistik auch die Hunde nicht, die nicht auf dem Schlachthofe, sondern im ge⸗ heimen ihr Leben lassen müssen, um als Fleischnahrung auf dem Tisch der Armen zu erscheinen. Auch werden von den Aermsten Katzen um die Ecke auf den Tisch gebracht. Das kennt die Statistik nicht, ist aber offenes Geheimnis. Im Oktober 1905 wurden auch 418 Kälber, 13 Ziegen und 288 Schweine weniger, dagegen 92 Rinder und 526 Schafe mehr geschlachtet als im gleichen Monat des Vorjahres. Ferner wurden 11,107,25 Kilogramm Fleisch weniger von auswärts eingeführt als im Oktober 1904. Kaiserreden. In Anwesenheit des jungen Königs von Spanten hielt Wilhelm II. bei der Vereidigung der Garde⸗Rekruten am 7. November eine Rede, deren Text erst jetzt veröffentlicht wird. Welche Instanzen dieser Text passieren mußte, bevor er Zeitungen zugestellt wurde, ist nicht bekannt. So wie die Rede veröffentlicht wird, enthält sie im allgemeinen nichts, was sie unter den Kundgebungen des deutschen Kaisers be⸗ sonders auffällig machen würde. Interessant, wenn auch nicht aus dem Rahmen des Ge⸗ wohnten herausfallend, ist eigentlich nur ein Satz der Ansprache, welcher lautet: „Ihr seit durch den Eid, den Ihr auge⸗ sichts dieser glorreichen Feldzeichen abgelegt habt, mein geworden.“ Mein geworden! Also Sache, Eigen⸗ tum mit dem der Bestitzer nach Belieben ver⸗ fährt. Dem jungen Spanier mag diese Be⸗ tonung des persönlichen Herrscherrechts merk⸗ würdig vorgekommen sein. Denn im spanischen Volke bestehen starke republikanische Neigungen und es ist gewohnt, den König im besten Falle als den verfassungsmäßigen Vertreter der Ge⸗ samtnation.— Im Ueberigen würde mancher Deutsche noch manches über das Kaiserwort zu bemerken haben, doch der Kluge hält den Mund g auf gewisse Paragraphen im Straf⸗ etzbuch. Militär⸗Justiz. Ein Schreckensurteil fällte das Koblenzer Kriegsgericht. Es verurteilte die Musketiere Nettersheim und Sturm wegen Teilnahme an einem militärischen „Aufruhr“, ersteren zu sechs Jahren und einer Woche Gefängnis sowie Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Sturm zu fünf Jahren Zuchthaus, Entfernung aus dem 1085 und fünf Jahren Ehrverlust. Die Angeklagten hatten sich in Zivilkleidern aus ihrem Quartier im September vorigen Jahres in Ellern bei Rheinböllen entfernt, durch das Feuster einer Wirtschaft, in der sich ein Unteroffizier befand, mit einem Steinkrug ge⸗ worfen und außerdem mit einem Stück Holz nach dem Unteroffizier geschlagen. Die Ange⸗ klagten befanden sich elf Monaten in Unter⸗ suchungshaft; diese Zeit wird nicht auf die Strafen gerechnet.— Und wegen solch einer 82 ringfügigen Sache, die im allerhöchsten falle mit ein paar Tagen Haft genugsam ge⸗ sühnt wäre, müssen deutsche Vaterlandsvertei⸗ diger sieben und acht Jahre hinter Kerkernmauern zubringen, um dann, wenn sie diese Schreckensjahre überhaupt überstehen, als sieche und bürgerlich tote Menschen in die deutsche„Kultur“ zurückzukehren. Gibt es etwas Entsetzlicheres, als eine solche Kultur? Ferner fällte das Kriegsgericht der 1. Marine⸗Inspektion in Kiel ein fürchterliches Urteil gegen mehrere Marine⸗Soldaten die zu⸗ sammen nicht weniger als 12 Jahre 8 Monate Zuchthaus und 10 Jahre Gefängnis erhielten. Es handelt sich um Tätlichkeiten gegen Vorgesetzte, die das Kriegs⸗ gericht als militärischen„Aufruhr“ ansah. Die Verurteilten haben sich ja in der Trunkenheit zu schweren Ausschreitungen hinreißen lassen, aber Betrunkenheit sehen die Militärgerichte nicht als strafmildernd an. Der Tatbestand ist kurz folgender: An einem Septemberabend saßen in einer Wirtschaft in Gaarden der Oberheizer Loest, die Heizer Ehmke und Wannenberg und der erst an demselben Nachmittage zum Maschinisten⸗ maat beförderte Oberheizer Pelikan. An einem anderen Tische hatten die Maschinistenmaate Windgassen, Holstein und Espay Platz ge⸗ nommen, an einem dritten Tische saß der Ein⸗ jährig⸗Freiwillige Watrin vom 1. Seebataillon, der sich mit der Tochter des Wirtes unterhielt. Die vier Heizer machten sich über den Ein⸗ jährigen lustig und hiel en Stichelreden auf ihn. Als er einmal austritt, folgten sie ihm ihn die Bedürfnisanstalt, wo Loest ihn rücklings niederriß, schlug und Füßen trat, so daß er das Bewußtsein verlor. Ehmke unterstützte den Loest bei diesem Beginnen. Die drei Maschinisten⸗ maate, die gleichfalls in die Bedürfnisanstalt nachgefolgt waren, befreiten den Einjährigen von seinen Peinigern, brachten ihn ins Haus und ließen ihn durch ein Fenster enfliehen. Später stichelten die Heizer auch über die Maaten und auf der Straße kam es zwischen den Parteien zur Prügelei. Das Kriegsgericht verurteilte Zoe st und Emke wegen des Ueber⸗ falls auf den Einjährigen und als Rädels⸗ führer in dem„militärischen Aufruhr“ zu 6 Jahren und 3 Monaten resp. 6 Jahren und 5 Monaten Zuchthaus. Wannenberg er⸗ hielt 5 Jahre 1 Tag Gefängnis und der Maschinistenmaat Pelikan wegen Beihilfe gleich⸗ falls 5 Jahre 1 Tag Gefängnis und De⸗ gradation. So bedauerlich an und für sich die Aus⸗ schreitungen der Verurteilten sein mögen, die grausame Strafe steht auch nicht annähernd im Verhältnis dazu. Derartige Bluturteile er⸗ weisen aufs neue, wie dringend notwendig eine Revision des Militärstrafgesetzes und der Mili⸗ tärprozeßordnung ist. Die Ersatzwahl in Eisenach hat für unsere Partei ein sehr erfreuliches Re⸗ sultat gebracht. Unsere Stimmenzahl ist seit 1903 um über 800 gestiegen, eine ver⸗ u. — kund ten⸗ 1 hen. 5 chen 0 5 el 1 6 und el⸗ der elch lub „die 1 (l tlut fil elt hel⸗ UTC Nr. 47. ——ä—ẽö ę———ö t— Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. hältnismäßig erhebliche Zunahme. Nach dem amtlich festgestellten Ergebnis erhielt unser Genosse Leber 6858(1903: 6018), Schack Antis.) 4045, Flex(natl.) 2780, Kühner(freis.) 698 und Müller(Ztr.) 1014 Stimmen. Die Stichwahl zwischen Leber und Schack findet diesen Freitag statt. Wenn die Freisinnigen für unseren Genossen stimmen, muß er stegen. Sie haben zwar die Parole ausgegeben nicht für den Antisemiten einzutreten, aber man kann darauf nicht viel geben. Und deshalb ist das wahrscheinliche Resultat die Wahl des Antise⸗ mitrichs. 800 Millionen für neue Panzerkähne. Die kommende Flottenvorlage, der Reichsmarine⸗Etat und die Denkschrift zu letz⸗ terem sind dem Bundesrat vorgelegt worden. Es verlautet aber noch nichts Bestimmtes da⸗ rüber, wann der Bundesrat sich in dieser Angelegenheit schlüssig machen wird. Nach dem aber, was außeramtlich bekannt geworden ist und auch der Wirklichkeit entsprechen wird, sollen dte neuen Ergänzungen zum Flottengesetz von 1900 nicht weniger als 800 Millionen Mark insgesamt ausmachen, die von der Re⸗ gierung in der bevorstehenden Reichstagssesston gefordert werden. Nach einer ziemlich zutreff⸗ enden Berechnung werden sich die von offtziöser Seite zugestandenen Kosten der ihrer Qualität nach gesteigerten Flotte gegenüber den Voran⸗ schlägen nach dem Flottengesetz in den Jahren 1906 bis 1912 wie folgt herausstellen: nach dem Flotten⸗ nach den gesetz 1900 Neuforderungen Mehr 1906... 215 Millionen 250 Millionen 35 Millionen 1997221 10 270 11 49 55 1909 227 10 285 10 58 15 1909%, 233 1 300 5 67 5 1910/3. 239 5 310 15 71 7 1911. 239 15 315 7 76 8 1912. 241 420 79 Die Summe der Mehrkosten während der Jahre von 1906 bis 1912 beläuft sich also auf 435 Mill. Mark; von 1913 tritt vielleicht ein „Beharrungszustand“ der Mehrkosten auf durch⸗ schnittlich 70 Mill. Mk. ein. Bis zum Ausbau der Flotte 1917 würde dies 350 Mill. Mark ausmachen, die Gesamtmehrkosten bis zum Jahre 1917 sich also auf 785 bis 800 Mill. belaufen. Gemeindewahlsieg in Berlin. Berlin hatte am 8. November Stadtverord⸗ netenwahlen und es hat sich gehalten, wie man es von ihm erwarten durfte. Von den 16 Sitzen, die neu zu besetzen waren, hat die Sozialdemokratie bisher 8 innegehabt; ste hat 3 neue dazu erobert und kommt in 4 weiteren iu die Stichwahl. Dafür hat der Freisinn von seinen 8 Mandaten nur ein einziges in der Hauptwahl zu erobern vermocht. Die beiden Parteien, die einander bisher wie 1 zu 1 gegen- überstanden, verhalten sich aber jetzt zueinander wie 1 zu 11. Die regierende Partei hat von der Masse der Berliner Bevölkerung ein ver⸗ nichtendes Mißtrauensvotum erhalten. Von 110,904 Wahlberechtigten haben sich an der Wahl(öffentliche Abstimmung!) nur 40,112 Wähler beteiligt, von denen aber haben 30,441 sozialdemokratisch gestimmt. Vor sechs Jahren beteiligten sich 33 Prozent der eingeschriebenen Wähler, diesmal 37 Prozent. Die Stimmen⸗ zahl der Sozialdemokratie erhöhte sich von 18,508 auf, wie schon gesagt, 30,441. Da⸗ gegen schmolz der regierende Freisinn von 12,128 auf 8938 Stimmen zusammen. Vor sechs Jahren hatte also die Sozialdemokratie erst anderhalbmal soviel Stimmen wie der Freistnn, diesmal hat sie dreiundeindrittelmal soviel. Auch die Mittelstandsparteiler sind trotz allem Geschrei völlig auf den Hund ge⸗ kommen: von 2906 Stimmen, die vor sechs Jahren auf sie entfielen, behaupteten sie nur wentger als die Hälfte, nämlich 1343 Stimmen. Die dritte Wählerklasse gehört in Berlin der Sozial demokratie! Gemeindewahlen. In Barmen erhielten unsere Genossen 4362 bis 4549 Stimmen, 1000 mehr als bei der letzten Wahl. Die absolute Majorität von 5308 Stimmen erreichte kein Kandidat. Unsere Genossen kämpfen um alle vier Mandate der dritten Abteilung in der Stichwahl. In Fürstenwalde stieg unsere Stimmenzahl von 160 auf 381. Ein Mandat ftel uns nicht zu.— In Swinemünde eroberten unsere Genossen alle drei Mandate der dritten Klasse. In Guben stieg die Zahl der für die Sozial⸗ demokratie abgegeben Stimmen von 203 bei der vorigen Wahl auf 377 diesmal.— Die Reichs⸗ treuen in Mansfeld haben versagt; ihr Kandidat erhielt nur 15 Stimmen gegen 90, die der Kandidat der Arbeiterschaft erhielt.— Drei Genossen und ein Bürgerlicher vertreten für die nächsten 6 Jahre die dritte Abteilung im Elbinger Rathaus.— Einen Genossen brachten wir bei der Wahl in Merseburg in die Stichwahl.— 600 Stimmen Zuwachs erzielten wir in Krefel d.— Zum ersten Mal ziehen in das Stadtparlament in Jüter⸗ bog Sozialdemokraten ein. Bei den stattge⸗ fundenen Stadtverordnetenwahlen erhielten die Sozialdemokraten 71 Stimmen, während es die Gegner auf 61 brachten. Politische Inkonsequenz hat die Mehrheit der guten Norweger be⸗ kundet. Sie haben bekanntlich ihren ange⸗ stammten schwedischen König ohne Kündigung entlassen und man glaubte, daß sie nunmehr die Republik in ihrem Lande proklamieren würden. Doch das taten sie nicht, die Volks⸗ abstimmung am Sonntag entschied vielmehr mit 219143 Stimmen für Monarchie und nur 57591 erklärten sich für Republik. Also wird ein dänischer Prinz norwegischer König. Zu sagen wird er als solcher allerdings nicht viel haben; er unterscheidet sich von einem republi⸗ kanischen Prästdenten schließlich nur dadurch, daß er mehr Gehalt bezieht. Das sagte auch die jetzige Regierung in ihrer Proklomation vom 2. November sehr deutlich. Es komme weniger auf die Frage an, ob das Staatsober⸗ haupt König oder Prästdent set, als darauf, ob die Verfassung liberal sei. Und bezüglich der Verfassung konnte jene Proklamation behaupten, daß sie die liberalste der Welt ist, daß keine Republik ihren Bürgern größere Freiheiten bietet. Ein Kongreß der französischen Sozial ⸗ demokratie hat vorige Woche in Chalon stattgefunden. Ueber den Verlauf dieser Tagung schrieb der Genosse Professor Edgar Milhaud unserm Frankfurter Parteiblatte:„Es waren schwere Arbeitstage, die Tage von Chalon. Doch kehrten wir auch voll Vertrauen in die Zukunft mit dem Glauben an die bevorstehenden Siege von dort zurück, glücklich über den guten Verlauf des Kongresses, zufrieden über die gefaßten Beschlüsse. Eine Anzahl von Genossen— die Gues⸗ disten— stellten den Antrag, daß der Kongreß hinter verschlossenen Türen tagen möge; aber der Kongrez sprach sich mit großer Mehrheit für die volle Oeffentlichkeit aus. Und Alle, die an dem Kongreß teilnahmen, alle Partei⸗ mitglieder können sich zu diesem Beschluß be⸗ glückwünschen: denn es zeigte sich, daß in der Partei die größte Einigkeit herrschte, trotz der einzelnen Verschiedenheiten der Nüancen in der Richtung. Die Vertreter der bürgerlichen Presse waren Zeugen einer herzlichen Brüder⸗ lichkeit zwischen den Männern, die sich vor einem Jahre noch, als ste verschiedenen Organisationen angehörten, in der heftigsten Weise bekämpften. Und konnten sie das Vorhandensein verschiedener Richtungen in taktischer Hinsicht feststellen, so mußten sie doch auch sehen, daß diese Richtungen sich viel weniger als früher gegenseitig anklagten, daß eine große Annäherung zwischen den Ein⸗ zelnen stattgefunden hatte und daß über die Grundideen und das Ziel die vollste Ein⸗ stimmigkeit herrschte. Zwei wichtige Fragen standen auf der Tages⸗ ordnung: der Achtstundentag und die Taktik bei den Kammerwahlen im Jahre 1906. Seit dem vorjährigen Gewerk⸗ schaftskongreß in Bourges steht die Frage des Achtstundentags im Vordergrund der Aktlon der französtschen Gewerkschaften. Die General- kommission der französischen Gewerkschaften hat eine äußerst rege, im Sinne des Acht⸗ stundentages gehaltene Agitation entfaltet, die im Mai 1906 in einer großen Demonstration zum ersten Male öffentlichen, einheitlichen Aus⸗ druck erhalten soll. Die Partei hat sich durch die vom Parteitag gefaßte Resolution rückhalt⸗ los dieser Bewegung angeschlossen. Dadurch erhält sie eine wesentliche Verstärkung, und die Bande zwischen den Gewerkschaften und der Partei werden enger geknüpft.“ In Uebrigen trat bei Verhandlungen und Beschlußfassungen über die Resolutiouen be⸗ treffend die Wahltaktik und die Forderung sozialer Reformen zu tage, daß die Einigkeit in der französischen Sozialdemokratie wächst und erstarkt. Und das ist sehr erfreulich. Kleine politische Nachrichten. Maßregelung von Reserveoffizieren Aus Baden wurde kürzlich berichtet, daß seitens einiger Bezirkskommandos gegen einige Offiziere des Beur⸗ laubtenstandes, die für die Wahl des sozlaldem okratischen Kandidaten agitiert hatten, dienstlich eingeschritten werden solle. Der„Hängepeters“, eine der schlimmsten Kolontalbestien, soll, wie berichtet wird, wieder in Reichs⸗ dienst genommen werden. Damit wäre allerdings den deutschen Kulturbestrebungen in Afrika wieder mal ein schönes Zeugnis ausgestellt. Nichtsiegers Heimkehr, General v. Trotha kehrt aus Südwestafrika heim, ohne daß es ihm gelungen wäre, den Aufstand zu dämpfen und geordnete Zustände in der Kolonie zu schaffen. Dem deutschen Volke kostet der Feldzug Riesensummen und Tausenden von Menschen, Negern und Deutschen, das Leben. Schweizer Nationalratswahlen. Am Sonntag fanden die letzten Stichwahlen zum National⸗ rat statt. In Genf siegte die konservative Liste mit starker Mehrheit. In Luzern unterlag die katholisch⸗ konservativ⸗sozialistische Vereinigung mit geringer Mehr heit gegen die Radikalen. In Tessin wurde der anti⸗ militaristische Kandidat der äußersten Linken Manzon gewählt, ein Gegenkandidat war nicht aufgestellt. Drei Sozialisten wurden in den Gemeinde⸗ rat von Madrid gewählt, darunter der alte Pablo Iglesias. Soziales. Aussperrung der sächsischen und thüringischen Textilarbeiter! Das Unter⸗ nehmertum der Texttlindustrie in Sachsen und Thüringen hat seine Drohungen wahr gemacht. Alle Weberei⸗, Färberet⸗ und Appreturbetriebe sind geschlossen worden. 36 500 Arbeiter und Arbeiterinnen sind brotlos. In den größeren in Betracht kommenden Orten sind ausgesperrt(runde Zahlen): Gera 5000, Greiz 5000, Meerane 2500, Glauchau 1500, Reichenbach 1500, Netzschkau 1500. In den übrigen Orten konnten die annähernden Zahlen noch nicht festgestellt werden. Im ge⸗ samten Aussperrungsgebiet finden diese Woche Arbeiterversammlungen statt, um weiteres zu beschließen. Mit diefer erneuten Schließung der Betriebe wird nun die Situatton erst wirk⸗ lich ernst werden und die Befürchtung, daß sich der Kampf viele Wochen hinziehen kann, ist jetzt vollständig berechtigt. Die den Streik⸗ brechern von Seiten des Verbandes der Textil⸗ unternehmer versprochene Unterstützung ist nur ein neuer Trick, um Arbeitswillige heranzulotsen, was aber schwerlich etwas helfen wird. Der Arbeitswilligenschutz steht jetzt wieder gerade wie in Crimmitschau in voller Blüte. In Greiz z. B. verbietet man den Streikenden auf einmal, sonst allgemein gangbare Wege zu gehen, man versucht, die Streikposten von den Straßen zu vertreiben und notiert diesel ben, ohne daß sie sich etwas zu schulden haben kommen lassen. Die Bergarbeiterbewegung in Schle⸗ sien und Sach sen dehnt sich aus und auch im Ruhrgebiet gärt es wieder gewaltig. Gegen 200 Arbeitervertreter und Vertrauensleute der sächstschen Bergarbeiter im Zwickauer wie im Lugau⸗Oelsnitzer Revier beschlossen einstimmig, in eine Lohn bewegung zu treten.— Auf der„Wildenstein⸗Segen“⸗ Grube der Gewerkschaft Giesches Erben in ——— — Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 47. Schöppinitz traten am 13. November einige hundert Bergleute in den Ausstand. An dem⸗ selben Tage trat auch die Belegschaft des Kronprinz“ ⸗Schachtes in Myslowitz, der eben⸗ falls tesches Erben gehört, in den Streik. Die Landtagswahl. In Gießen⸗Land haben wir eine Schlacht verloren, daran ist nichts zu beschöͤnigen. Das indirekte Wahlrecht hat dem Bündler⸗Kandidaten nochmals in den Landtag verholfen. Ein Kreis, dessen Wähler in übergroßer Mehrzahl Arbeiter und Kleinbauern ösind, welch' letztere sich in keiner besseren wirtschaftlichen Lage als die Arbeiter befinden, schickt einen Mann in den Landtag, der zur Partei der Lebens mittelverteurer gehört, gegen das direkte Wahlrecht stimmte und im Uebrigen die rüͤckständigste Politik unterstützt. Und wir müssen sagen, ein Teil der Arbester ist selbst daran schuld. Einige Bürgermeister kamen Leun dadurch zu Hilfe, daß sie die Wahlzeit so festsetzten, daß die Arbeiter einen halben Tag versaͤumen mußten, wenn sie zur Wahl gehen wollten. Unsere Genossen sollten sich diese Herren merken, bis wieder einmal Bürgermeisterwahl ist und dann ihnen die Quittung geben! Wir haben nur 14 Wahlmänner durchgebracht, die Gegner deren 27. Das Wahlergebnis aus den einzelnen Orten ist folgendes: Vetters Seun Stimmen Wahl⸗ Stimmen Wahl⸗ männer männer Allendorf a d. L. 0 0 64 1 Alten⸗Buseck 115 2 76 0 Annerod 88 0 38 1 Daubringen mit Heibertshausen 54 0 58 1 Garbenteich 58 0 80 1 Großen⸗Buseck 90 0 155 8 Großen⸗Linden 00 0 159 3 Hausen 36 0 50 1 Heuchelheim 204 1 208 8 Klein⸗Linden 82 0 87 8 Lang⸗Gons 88 0 194 3 Leihgestern 104 2 2 0 Lollar 80 8 54 0 Mainzlar 0 0 54 3 Oppenrod 0 0 10 1 Roͤdgen mit Trohe 76 1 38 0 Ruttershausen mit Kirchberg 0 0 81 1 Staufenberg mit Friedelhausen 37 0 51 1 Watzenborn⸗ Steinberg 148 0 184 8 Wieseck 279 5 138 0 1379 14 1733 27 Am schlechtesten haben Großen⸗Buseck und Watzen⸗ born⸗Steinberg abgeschnitten, wo wir sogar unsere Stimmenzahl von vor 6 Jahren nicht erreichten. Es müssen dort eine Masse Arbeiter nicht zur Wahl ge⸗ gangen sein. In mehreren andern Orten unterlagen unsere Wahlmänner mit nur ganz wenigen Stimmen Minderheit. In Heuchelheim standen fich beide Listen fast gleich, die Gegner zählten 208, wir 204 Stimmen und da Streichungen vorgekommen waren, fiel uns ein Wahlmann zu. Ebenso betrug der Unterschied in Dau⸗ bringen nur 4 Stimmen, in Annerod 5, auch in Staufen⸗ berg war die Differenz nur klein. Tüchtig haben aber die Wiesecker gearbeitet. Die Leun'schen glaubten auch hier durch ihre hinterhältige Polutk Eroberungen zu machen, sind aber damit glänzend abgeblitzt. Unsere Lollarer Freunde erfochten auch einen schönen Sieg.— Aus diesem Wahlkampfe müssen wir aber im Allge meinen die Lehre ziehen, daß der Ausbau unserer Organisation unumgänglich notwendig ist. Die Wahlresultate aus dem übrigen Hessen lauten für uns nicht ungünstig, obwohl einige Kreise uns noch nicht zufielen, die wir zu erobern hofften. In Vilbel blieb Busold nur mit ein oder zwei Wahlmännern in der Minderheit. In Bad Nauheim wurde der Heylot Windecker hinausgeworfen, was zu begrüßen ist, selbst wenn ein Bauernbündler an seine Stelle tritt. Glän⸗ zend siegte jedoch Genosse Dr. Fulda über den be⸗ rühmten Nat onalliberalen Dr. Becker⸗Sprendlingen im Wahlkreise Isendurg. Unsere Partei brachte dort 46 Wahlmänner auf, die Nationalliberalen nur ganze 71 — In Pfungstadt siegte unsere Partei. Genosse Naab wurde an Stelle Haas, des bisherigen Kammer⸗ präsidenten gewählt.— Groß Gerau wählte fast sämtliche Wahlmänner für unsern Genossen Berthold. — Mainz⸗Land, das wir zu erobern hofften, be⸗ hauptete das Zentrum nochmals. So haben wir unsere beiden Sitze behauptet und ein Mandat dazu gewonnen. — Bei der Wahlagitation kommt es bei unserer Partei bekanntlich nicht nur auf die Eroberung eines Mandates an, sondern es wird ein Hauptaugenmerk auf die Auf⸗ klärung der Wählerschaft über die Grund⸗ sätze und Forderungen der Sozialdemokratie gelegt. Dieser Zweck wurde natürlich auch bei unseren, während der Landtagswahl abge⸗ haltenen Versammlungen nicht aus den Augen verloren. Und jeder aufmerksame Zuhörer wird in unseren Versammlungen etwas gelernt haben. Da werden die Dinge und Fragen, um die es sich dreht, klar dargelegt und nach jeder Richtung hin beleuchtet; an den ver⸗ schiedenen Gesetzen und Gesetzesvorschlägen ge⸗ zeigt, welche Wirkung ste auf das Land haben müssen, inwiefern sie die Interessen der werk⸗ tätigen Bevölkerung beeinflussen. Für jeden, der sich um politische Dinge bekümmert, sind deshalb auch unsere Versammlungen interessant und bieten reiche Anregung. Das traf auf alle von uns während der Wahlkampagne abge⸗ haltene Versammlungen zu, die auch alle mit nur zwei Ausnahmen recht gut besucht waren. Die Ausführung unserer Redner wurden auch überall mit Interesse verfolgt. Wie gotts⸗ jämmerlich stand es in dieser Beziehung in den zwei Versammlungen, die Leun abhielt! Nichts von größeren Gesichtspunkten, kein Jota von irgend einem Programm, die erbärmlichsten Dinge brachte der Mann vor. Bei einer nur einigermaßen kritischen Wählerschaft hätte er sich damit einfach unmöglich gemacht, wäre ausgelacht worden! Daß er trotzdem gewählt wurde, kann man mit als einen Beweis für die unglaubliche Anspruchslosigkeit seiner Wähler ansehen.— Am Samstag waren von unserer Seite n in Staufenberg, Wieseck und Annerod einberufen. In ersterem Orte fanden die Ausführungen des Genossen Dr. Michels, der in humorvoller Weise die„Standesherren“ charakteristerte, stürmischen Beifall.— In Wieseck sprach Gen. Ulrich, der vor überfüllter Versammlung die verderbliche und volksfeindliche Politik der Bauernbündler kennzeichnete und verschiedene Vorwürfe zurückwies, die Leun in seinen ge⸗ heimen Zusammenkünften gegen unsere Partei erhoben h tte. Leun, der zur Versammlung brieflich eingeladen war, hatte es feigerweise vorgezogen, nicht zu erscheinen.— Sehr zahl⸗ reich war auch die Versammlung in Annerod besucht, wo Vetters über unser Landtagspro⸗ gramm sprach. Seine Ausführungen fanden all⸗ seitige Zustimmung.— Am Sonntag sprach Quarck⸗Frankfurt in Daubringen und abends in Watzenborn, Ulrich nachmittags in Steinberg und Vetters in Alten- buseck. Alle diese Versammlungen waren 1 besucht und nahmen den besten Verlauf.— ontag war Versammlung in Langgöns. Diese Versammlung war ebenfalls zahlreich be⸗ sucht; etwa ein Drittel der Anwesenden waren Gegner, welche mehrmals das Referat des Genossen Vetters unterbrachen. In der Dis⸗ kusston suchte Herr Weil, ein Auhänger Leuns mit den gleichen Dingen Vetters ent⸗ gegenzutreten, mit denen Leun selber krebsen ging. Herr Weil gestand später selber ein, daß er von Leun informiert worden sei. Von Vetters wurde er schlagend widerlegt. Herr Weil machte auch unseren Genossen im Land⸗ tage einen die Diäten betreffenden Antrag zum Vorwurf, den diese angeblich 1897 gestellt haben sollten. Wir werden nachscklagen und diesen Antrag in der nächsten Nummer im Wortlaut abdrucken.— Herr Leun hatte am gleichen Abend in Lollar Versammlung. Seine dortige Rede bewegte sich in demselben Geleise wie seine übrigen. Genosse Beckmann ergriff mehrmals das Wort und beleuchtete treffend und sachlich die von Leun beliebte Art der Agitation und wies die völlige Haltlosigkeit dessen, was Leun vorgebracht, nach. Besonders kennzeichnete Beckmann gebührend die zwei⸗ deutige Stellungsnahme Leuns zur Wahlrechts⸗ frage und sagte ihm mit Recht, daß er sich daran wie die Katze um den heißen Brei her- umdrücke. Die Versammlung nahm Beckmanns Erwiderungen sehr beifällig auf. Bemerkt muß noch werden, das sich in Leuns Begleitung einige Leute aus Großenlinden befanden, deren lärmendes Betragen allgemeinen Unwillen er⸗ regte.— Am Dienstag trat Beckmann Herrn Leun in Großenbuseck mit gleichem Er⸗ folge entgegen. . Daß das Gießener Amtsblatt über den Wahlausfall ungeheuern Jubel an⸗ stimmen würde, ließ sich denken. Hatte das edle Blättchen doch schon in der Wahlbewegung selbst alles nur mögliche an Beschimpfung un⸗ serer Partei geleistet. Das dümmste und un⸗ geheuerlichste Zeug, was man einem Amtsblatte nur immer zutrauen kann, verzapfte der„An⸗ zeiger“. Er suchte den Spießern damit Angst ein⸗ zujagen, daß er mit Wichtigkeit meldete, daß in Watzenborn ein Genosse unsere Partei als republikanisch bezeichnet habe. Donnerwetter! etwas— neues! Seit den drei Jahrzehnten, die unsere Partei besteht, hat sie aus ihrer republikanischen Gesinnung nie einen Hehl ge⸗ macht und es stets national⸗miserablen Sold⸗ schreibern überlassen, vor den Fuͤrsten aller Grade im Staube zu winseln. Ueberhaupt scheint der Anzeiger⸗Mensch nicht wenig Angst zu haben dafür, daß sich das deutsche Volk an dem Vorgehen des russischen ein Beispiel neh⸗ men würde. Und allerdings, die Zeiten ändern sich schnell. Auch bei uns kann eintreten, was man noch vor kurzem vicht für möglich gehalten hätte. Unsere deutschen Parteigenossen sind aller⸗ dings außerordentlich gutmütig. Sehr viele von ihnen bezahlen noch die gemeinen Pöbeleien und verlogenen Anwürfe, die das Amtsblatt gegen sie und ihre Partei richtet. Wäre nur der zehnte Teil dessen wahr, was der Anzeiger kürzlich über soztaldemokratischen, Terrorismus“ schwindelte, dann würde das Schandblatt in Arbeiterkreisen nicht einen einzigen Abnehmer finden, dann müßten sich die Setzer weigern, den Mist jenes Schmierfinken zu setzen! Mit geradezu unglaublicher Unverfrorenheit bezeichnet es der Anzeiger als Lüge, daß Leun gegen das direkte Wahlrecht gestimmt habe. Und diese feststehende Tatsache wird von Leun selbst zugegeben! Die Sozialdemolraten müßten solche Dummköpfe sein, wie gewisse andere Leute, wenn ste, nachdem der Versicherung Leuns, für die Wahlreform einzutreten, trauen wollten.— Nun, lassen wir das Reptil speien! Die So⸗ zialdemokratie wird doch zum Siege gelangen, früher oder später! Non Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Eine Reptil⸗Leistung. In recht dummer und plumper Weise versuchte dieser Tage der„Gieß. Anzeiger“ eine Notiz unseres Offenbacher Parteiblattes zu verhöhnen. Diese Notiz lautete: „Lämmerspiel, 7. November. 20 Jahre be⸗ steht hier bereits die sozialdemokratische Parteiorgani⸗ sation. Durch eine würdige Feier wurde am Sonntag dies geschichtliche Ereignis begangen.“ Man sieht, eine ganz einfache und schlichte Mitteilung. Das Amtsblatt nennt jedoch die Feier selbst— das soll ein„Witz“ sein— ein „welterschuͤtterndes historisches Ereignis“ und schmiert weiter dazu: „Zur richtigen Kennzeichnung dieser phrasen⸗ haften Selbstbeweihräucherung der Sozialdemo⸗ kratie genügt wohl die Mitteilung, daß Laͤmmer spiel ein Dorf von 650 Einwohnern ist. Aller⸗ dings besitzt es den Vorzug, zu den rötesten Dörfern des gesegneten Rodgau zu gehören.“ Nun, wir halten das allerdings für einen Vorzug für das Dorf. Und weiter sehen wir die Gründung der Parteiorganisation vor 20 Jahren tatsächlich als geschichtliches Ereignis von gar nicht N Bedeutung an. Da be⸗ finden wir uns in Üebereinstimmung mit einem elehrten und sehr angesehenen Manne. Jo⸗ 5 Jakoby war es, der einstens sagte:„Für den zukünftigen Kulturhistoriker wird die Grün⸗ dung des kleinsten Arbeitervereins von größerer Bedeutung sein, als der Schlachtag von Sa, dowa.“ So denkt natürlich der„Anzeiger nicht. Für ihn ist wichtiger zu melden, wie dies oder jenes Fürstlein täglich seine Zeit tot⸗ schlägt. Da berichtet er getreulich, wann und wie es zu essen, trinken und schlafen„geruhte und viel fehlte nicht, würde er noch erzählen, wann, wo und wie die hohe Person auch andere menschliche Bedürfnisse verrichtete. bt lche lte, für So⸗ u, echt tset led sese zanl⸗ tag iche die eln r —— Nr. 47. —. ⁰·¹ 1—— Mitteldeutsche Sountagsgeitung. Seite 5. — — Firma Jäger& Rumpf. Nun ist doch über das Vermögen des Inhabers der Hanauer Baufirma Jäger& Rumpf Architekten Heinrich Usener das Konkurs verfahren er⸗ öffnet worden. Die Gläubiger waren früher geneigt, auf das Angebot Useners, 25 Prozent im Vergleichswege zu zahlen, einzugehen, weil ja beim Konkurs noch viel weniger übrig bleibt. Durch den Konkurs werden eine Anzahl Gießener Geschäftsleute ganz empfindlich geschädigt. Die Buchführung der hiesigen Filiale der Firma war außerordentlich lüderlich. — Der städtische Fischmarkt erfreut sich stets verhältnismäßig lebhaften Zuspruchs. Vorigen Freitag wurden 16 Zentner Fische verkauft und auch diese Woche blieb von dem leichen Quantum nichts mehr übrig. Die Preise stellten sich ziemlich niedrig; Bratschell⸗ fische z. B. kostete das Pfund 14 Pfg. Die Preise der übrigen Sorten bewegten sich zwischen 20 und 26 Pfg. — An die Arbeit! Nächsten Sonntag, den 26. November, soll im Kreise Gießen unser Landkalender verteilt werden. Wer von unsern Genossen nur irgend kann, muß sich zu der Partetarbeit zur Verfügung stellen. Je mehr Kräfte, desto schneller ist die Arbeit getan. Man wolle sich zur Einteilung bei Orbig zur Verfügung stellen. — Ein schwerer Unglücksfall er⸗ eignete sich in der Maschinenfabrik Heyligenstaedt. Zwei Arbeiter wurden durch glühendes Eisen erheblich verbrannt. Aus dem Rreise gießen. — InlLindenstruth findet gemäß dem am 15. Oktober gefaßten Beschlusse die Mit⸗ glieder⸗Versammlung des Arbeitervereins jeden ersten Sonntag im Monat nachm. 3 ¼ Uhr bei Wirt Peter Zinkam statt. k. Stelle zum Schutt abladen. Der famose Reichsverband zum Totlügen der Sozialdemokratie hat, soviel wir übersehen, in ganz Oberhessen nur ein Blättchen für Ab⸗ lagerung sei es journalistischen Mistes n Den„Vogelsberger Boten“ in Gedern. Das Blättchen entspricht allerdings in geistiger Beziehung dem Reichsverband. Das heißt, sein Inhalt il trostlos borniert und tölpelhaft zu⸗ sammengestoppelt. Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. b. Die Alsfelder Genossen wollen sich zur Kalender verteilung diesen Sonntag recht zahl⸗ reich zur Verfügung stellen. Je mehr bei derartiger Parteiarbeit antreten, desto leichter ist die Arbeit für den einzelnen und desto rascher ist sie erledigt. Die Einteilung der Touren erfolgt Samstag Abend 9 Uhr beim Kreis vertra uensmann Eder. Aus dem RNreise Wetzlar. h. Die erste Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahl vereins, die am Sonntag in Wetzlar stattfand und gut besucht war, nahm zunächst den Geschäfts⸗ und Kassenbericht entgegen, gegen den Einwendungen nicht gemacht wurden. Die von den Revisoren beantragte Entlastung wurde genehmigt. Gen. Fauth erstattete den Bericht vom Jenaer Parteitag, welcher belfällig aufgenommen wurde. In der darauf⸗ folgenden Diskussion wurde hauptsächlich der Massen⸗ streir erörtert, wobei von den ländlichen Genossen die Anscht vertreten wurde, daß ihrer zum Zweck des po⸗ litischen Massenstreiks noch zu wenig gewerkschaftlich organisiert seien, während hier in Wetzlar das Gegen⸗ teil der Fall ist, da noch viele geworkschaftlich organisierte Arbeiter der politischen Bewegung teilnahmszlos getzen⸗ überstehen. Anschließend daran erfolgte der Bericht von der Gemeindevertreter⸗Konferenz, den Genosse Winter⸗ Gleiberg erstattete. Hierauf sprach man noch über den am 26. November stattfindenden außerordentlichen Pro⸗ vinztallandtag. Der Vorfttzende konstattert, daß unser Kreis bei der letzten Einteilung der Bezirke gar nicht mit aufgeführt ist; des weiteren erläuterte er den Ent⸗ wurf des Organisationsstatuts für die Landes organisa⸗ tion. Von der Versammlung wurde nur der Paragraph betr. Verwendung der Beiträge beanstandet und den zu wählenden Delegierten entsprechende Weisung erteilt. Zu Delegierten wurden die Genossen Fauth⸗Wetzlar und Mandler⸗Kinzenbach gewählt; als Ersatzmänner die Ge⸗ nossen Krombach⸗Krofdorf und Pfaff⸗Odenhausen. Der letzte Punkt betraf die Reichstagskandidatur. Hierzu nahm die Versommlung einen Antrag an, des Inhalts, daß einem bekannten Frankfurter Genossen, welcher in hiesiger Gegend in guter Fühlung mit der Arbeiterschaft steht, die Kandidatur unseres Wahlkreises anzutragen sei. Zum Schlusse wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt; außerdem wurde beschlosseu, die nächste Generalversammlung in Krofdorf abzuhalten. x. Wenn man„hoch“ kommt. Aus Krofdorf schreibt man uns: An ein be⸗ kanntes Sprüchwort erinnert das Verhalten des Werkführers Bender in der hiesigen Gail'schen Fabrik. Seit Jahren klagen die Arbeiterinnen über die ungehörige Behandlung, die sie von dem Manne zu erdulden haben. Kürzlich kontrollierte Werkführer Dauberts⸗ häuser die Arbeit meiner Frau, als Bender dazu kam und sofort 2 Formen Wickel aus⸗ schled, sich sogar die Frechheit erlaubte, nach meiner Frau zu schlagen! Solches Betragen verdient gewiß öffentlich gekennzeichnet zu werden. h. Ein Bergarbeiter⸗Aus stand droht in zwei 157 Fürsten v. Braunfels gehörigen Gruben auszu⸗ echen. Westerwald und Anterlahn. t. Die Stadtverordneten wahl in Haiger fand am Mittwoch statt. In der 3. Klasse wurden 121 Stimmen abgegeben, wovon unser Genosse Louis Trott 39 erhielt. Gewählt wurde mit 68 Stimmen der seitherige Stadtverordnete Berns. 14 Stimmen waren zersplittert. Um den verhaßten Sozialdemokraten niederzustimmen, hielt, wie jetzt überall, der ganze Ord⸗ nungsbrei zusam men. Auch die Christlich⸗Sozialen zogen ihren Kandidaten zurück und stimmten für Berns, sodaß wir sagen können, die 39 Stimmen für unsern Genossen, der im vorigen Jahre bei einer Ersatzwahl nur 20 Stimmen erhielt, find reine Arbeiterstimmen. Uebrigens dürfte die Wahl angefochten werden, weil sich der Herr Bürgermeister nicht geniert hat, im Wahllokal jeden Wähler zu fragen, ob er den Bäcker oder den Bier⸗ brauer wähle. Darin liegt eine Beeinflussung. In der 1. und 2. Klasse wurden natürlich lauter„Ordnungs⸗ stützen“ gewählt. ** Tollwut. In Münchhausen(illkreis) sind fünf Rinder an Tollwut eingegangen. Es hat sich herausgestellt, daß vor einiger Zeit zwei Hunde des Hirten plötzlich verendeten. Drei Personen die mit 1 zu tun hatten, sind nach Berlin zur Impfung gereist. Aus dem Nreise Marburg⸗RAirchhain. Die Stadtverorbnetenwahl hat uns noch nicht den Sieg gebracht, den einige Genossen erhofften. Trotzdem die Mehrheit unserer Genossen nicht erwartete, einen Kandidaten durchzubringen, hat das Wahlresultat doch manchen enttäuscht. Denn da unsere Partei als einzige mit einm klaren Programm auftrat und Ver⸗ sammlungen mit freier Diskussion abhielt, glaubten viele von uns an einen besseren Erfolg.— Gegen wen hatten wir aber auch alles zu kämpfen! Im Gegen⸗ satz zu früheren Wahlen hatten sich fast sämtliche Ver⸗ eine und Gesellschaften auf eine Kandidatenliste ver⸗ einigt, wie es ja von uns bereits früher mitgeteilt wurde. Außer unserer Partei ging nur der Beamten⸗ verein mit eigenen Kandidaten vor. Sein Auserkorener war der Oberpostschaffner und„Dichter“ Ph. Krone⸗ mann. In ihm glaubten die Professoren, Landgerichts⸗ räte ꝛc. einen geeigneten Vertreter gefunden zu haben. Er hat's auch zur Stichwahl gebracht und im Falle seiner Wahl können die Verhandlungen manchmal „poetisch“ werden. Den größten Erfolg haben die ver⸗ einigten Vereine davon getragen. Und zwar vereinigten sich der Bürgerverein, sämtliche Innungen, der Gast⸗ wirteverein, der Gewerbeverein und viele andere einfluß⸗ reiche Bürger Marburgs. So war es natürlich kein Wunder, daß diese Liste siegen mußte, da diese Vereine zusammen/ aller Wähler ausmachen. Zwei ihrer Kandidaten, Dietrich und Klee, sind bereits gewählt, während die anderen zwei in die Stichwahl mit der Beamtenliste kommen. Daß bei sämtlichen Vereinen die Parole war:„Gegen die Sozialdemokratie“, das ver⸗ steht sich von selbst. Im Uebrigen kann unsere Partei, die zum ersten Male und ohne jeden Kompromiß in die Wahlbe wegung ging, mit dem Resultat zufrieden sein. Wer die Mar⸗ burger Verhältnisse kennt, weiß, was es bedeutet, öffent⸗ lich seine Stimme für die Sozialdemokratie abzugeben. Mit Argusaugen wurden diejenigen beobachtet, die voll⸗ ständig„rot“ wählten, und so mancher Genosse wird der Wahl sern geblieben sein, um Schädigung in ge⸗ schäftlicher Beziehung zu vermeiden. Wir müßten aber die Erziehunsg unserer Wählerschaft für unsere Auf⸗ gabe erachten, dann können wir auch dieser Hemmnisse spotten. Das Wahlresultat ist folgendes: Die Vereinigte Liste: Gastwirt Dietrich 355, Kupferschmied Klee 311, Dr. Maurmann 247, Oberpostschaffner Kronemann 206, Schreiner Bang 185, Schlosser Laubscheer 246, Metzger Keppler 216 Stimmen. Die sozialdemokratische Liste: Schuhmacher Posern 125, Dr. Michels 112, Schrift⸗ setzer Fischer 106, Hilfsarbeiter Steets 98 Stimmen. Letzterer sowie Keppler und Laubscheer waren als Er⸗ satzmänner aufgestellt.— Bei der letzten Wahl, wo wir mit einer gemischten Liste auftraten, erhielten wir nur 68—97 Stimmen, haben also diesmal mit einer reinen Liste bedeutend besser abgeschnitten.— In der zweiten Abteilung wurden gewählt: Buchbinder Schaaf, Bäcker Runkel, Möbelfabrikant Schäfer und Schreiner Bang. Zur Stadtverordnetenwahl⸗Agitation hielten unsere Genossen am Freitag eine Wähler ver⸗ sammlung bei Jesberg ab, in der Genosse Die mer⸗ Frankfurt über die Frage sprach: Was will die Sozial⸗ demokrat ie auf dem Rathause? Sein interessanter und lehrreicher Vortrag wurde von der gut besuchten Ver⸗ sammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In der sich daran anschließenden Diskussion wurden von unseren Kandidaten besonders die Marburger Verhält⸗ nisse besprochen. Wie sehr die Versammlung mit den Ausführungen unserer Kandidaten einverstanden war, das bewies die lebhafte Zustimmung am Schlusse ihrer Reden. Für die nötige Heiterkeit sorgte ein Herr Weiß⸗ bindermeister Blaufuß, welcher versuchte, die Stadtväter in Schutz zu nehmen.„Wenn die Stadt sich auch noch um die Fleischnot bekümmern sollte, dann hätte sie viel zu tun,“ meinte u. A. der biedere Handwerks meister. Ihm und einem nationalsozialen Redner antwortete in ausgiebiger Weise Genosse Dr. Michels und der Referent in seinem Schlußwort. * Ortskrankenkasse. Die am Mitwoch stattgesundene Generalversammlung der Ortskrankenkasse war jo stark besucht, daß die Aula der alten Realschule sich zu klein erwies. Herr Professor Hildebrand hielt seinen angekündigten Vortrag über ansteckende Krankheiten, der besonders für die Arbeiter sehr lehrreich war und mit großem Beifall aufgenommen wurde.— Aus dem Jahresberichte, den der Vorsitzende Engel gab, ging hervor, daß die Kasse in diesem Jahre finanziell nicht besonders gut abschneidet. Als Vertreter zur Generalversammlung wurden die von der Gewerkschafts⸗ kommission aufgestellten Vertreter gewählt. In den Vorstand wurd en die Gen. Weber und Strüber delegiert. Sechs Wochen Gefängnis fr einen Kuß Der auf einer Ackerwirtschaft bei Mannheim bedienstet gewesene Knecht Heinrich Essenwein aus Sennfeld gab in einer Scheune einem vierzehnjährigen Mädchen gegen dessen Willen einen herzhaften Kuß. Der Dienstherr, der in diesem Augenblicke hinzukam, erstattete Anzeige. Gegen den Attentäter wurde Anklage wegen Beleidigung des Mädchens erhoben. Die dritte Strafkammer in Mannheim verurteilte jetzt den Angeklagten für seine„Liebenswürdigkeit“ zu sechs Wochen Gefängnis.— Wegen eines ähnlichen„Attentates“ erhielt in Darmstadt ein junger Mann 10 Tage Gefängnis. Ueber die Sittlichkeit auf dem Lande äußerte sich in einer Schwurgerichtsverhandlung der Vorsitzende des Gerichtshofes in Greifs⸗ wald, Geh. Justizrat Budde. Ein Arbeiter, der bereits wegen Sittlichkeitsverbrechen mit 5 Jahre Zuchthaus bestraft ist, hatte sich wegen des gleichen Verbrechens zu verantworten. Er wurde schuldig befunden und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei der Urteilsbegrün⸗ dung erklärte der Vorsitzende des Gerichtshofes, Geh. Justizrat Budde, daß es für den Ge⸗ richtshof strafmildernd in Betracht gekommen sei, daß die sexuel le(geschlechtliche) Moral auf dem Lande weit niedriger stehe als in der Stadt. Die Geschworenen, meist Landwirte, gerieten über diese Begründung in Erregung und erklärten durch ihren Obmann, Herrn v. Behr. Fritzow, daß stie sich verletzt fühlten. Der Vorsitzende gab darauf die noch- malige Erklärung ab, daß nach seiner Erfahrung die Sittlichkeit und Schamhaftigkeit auf dem Lande bedeutend tiefer stehe als in der Stadt. In der ländlichen Umgegend hat diese Erklärung viel böses Blut gemacht. Versammlungskalender. Samstag, den 18. November. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 8 Nr. 47. Elternhaus und Schule. r. Es war etwas später als sonst geworden, als der Vater von der Arbeit nach Hause kam. Er hatte wieder Ueberstunden machen sollen und war deswegen mit dem Werkmeister in Differenzen geraten. Man merkte ihm die Verstimmung schon an, als er in die Stube trat. Schweigend wusch er sich und schweigend setzte er sich zu Tische. Nach einer Weile end⸗ lich herichtete er der Mutter in wenig Worten was vorgefallen war. Dann setzte er seine kurze Pfeife in Brand, griff zur Volkszeitung und vertiefte sich in deren Lektüre. Die Mutter holte den Strickstrumpf herbei und ließ die Nadeln geschäftig zwischen den Fingern klap⸗ pern, von Zeit zu Zeit einen liebevollen Blick auf das noch immer verdrossene Gestcht des Vaters werfend. Die andere Seite des Tisches nahm der Zwölfjährige ein, der sich mit seinen Schularbeiten plagte. Es herrschte bedrücktes Schweigen im Zimmer. Nur die Uhr machte ihr Ticktack. Der Vater las und las.... aber was er las, das erheiterte sein Gesicht immer mehr auf, das vertrieb immer deutlicher die Wolken des Un⸗ muts von seinen Zügen. Schließlich, als er die ganze Seite bis zu Ende gelesen hatte, legte er das Blatt beiseite, lehnte sich tief auf⸗ atmend in das Sofa zurück und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Das ist ja eine wunderbare Geschichte!“ „Was denn?“ fiel die Mutter ein. „Ja, ja, es wird Tag, es dämmert, es ist nicht mehr zu halten“... und indem er auf⸗ stand, um die Pfeife, die ausgegangen war, neu mit Feuer zu versorgen...„das sind ja wahre Prachtkerle, die Schullehrer da in Bremen.“ „Was nur“, drängte die Mutter,„davon weiß ich ja noch gar nichts.“ Da erzählte nun der Vater, während Freude und Begeisterung sich auf seinem Gestcht malte, von dem tapferen Vorstoß der Bremer Lehrer- schaft gegen den mittelalterlichen Religions⸗ ballast und die geistmörderische Bibelqual in der Schule.“) „Das ist ein gutes Zeichen“, so schloß er, „das erhebt einem Herz und Sinn.“— Die Mutter nickte befriedigt und der Zwölfjährige hörte mit offenem Munde zu. * Ein paar Tage darauf. Der Morgen ist trübe und regnerisch; im Schulzimmer will es gar nicht hell werden. Einer von den Tagen, an denen die Köpfe so wüst, die Gehirne so müde, die Glieder so bleiern sind. Und an einem solchen Tage früh von acht bis neun Religion— entsetzlich! Der Lehrer gähnt und schüttelt sich vor Widerwillen, die Kinder geht eiu ödes Grauen an— doch Zähne zusammen, es hilft alles nichts! Der Mensch muß sich zu helfen wissen: Wozu sind die zehn Gebote da? Also sagen wir zunächst die zehn Ge⸗ bote auf. Der Letzte beginnt. Dann der nächste. Und so fort. Der Apparat funk⸗ tioniert von selbst. Inzwischen haben die oben in der Klasse Sitzenden Zeit genug, nach Herzens⸗ lust zu schlummern und zu träumen. Einer von ihnen kennt seit ein paar Tagen nur einen Traum: in Bremen zu sein, dort in die Schule zu gehen, keinen Religionsunterricht mehr zu haben, keine Gebote, Sprüche, Liederverse, keinen Abraham, Isaak und Jakob mehr.... ach, eine göttliche Schule muß das sein. Mit allen Farben und Herrlichkeiten malt seine schwel⸗ gende Phantaste sich diesen Glückszustand aus, bis plötzlich Scheltworte und Geschrei das schöne Bild zerstören.„Faulpelze“ schreit der Lehrer und schlägt wutenbrannt auf die armen Schächer der letzten Bankreihe los, weil sie so gottlos sind, das erste und zweite Gebot nicht ohne Anstoß aufsagen zu können. Der gute Luther, er hatte gewiß keine Ahnung davon gehabt, daß sein Katechismus so vorzüglich Kindern um die Ohren geschlagen werden kann. *) Die Lehrer in Bremen stellten vor kurzem den ausführlich begründeten Antrag an die bremische Re⸗ gierung, fortan den Religionsunterricht von den Schul⸗ Lehrplänen zu streichen. Das Geheul verstummt schließlich wieder, das Aufsagen wird fortgesetzt— und das Träu⸗ men auch. Da hält es der kleine Verehrer der Bremer Lehrerschaft nicht länger mehr aus, er muß seinen Nachbar in sein kostbares Geheimnis ziehen.„Du“, stößt er ihn an,„weißt du schon... in Bremen wollen die Lehrer den Religionsunterricht abschaffen...“ „Was gibt's da zu flüstern“, schreit der Lehrer und springt in die Höhe. Beide fahren erschrocken zusammen. „Was habt ihr euch zu erzählen?“ und schon steht der Gefürchtete mit drohender Hal⸗ tung vor ihnen. Keiner rührt sich. „Heraus mit der Sprache— oder...“ Nach langem Zögern gesteht der eine, sein Nachbar habe gesagt... die Bremer Lehrer. wollten... die Religion aus der Schule raus⸗ schmeißen. „Woher weißt du denn das?“ fragte der Lehrer erregt den andern. „Mein Vater hat das gesagt.“ „So?“— uud ein Blick unsäglichen Hohns trifft den armen Burschen.—„Das könnte dir wohl so passen?— Aber dir werde ich das Schwatzen austreiben.— Hand heraus!“ Und mit dem Rohrstocke zieht der treffliche Pädagoge dem armen Kerl, der die Zähne fest zusammenbeißt, fünf wohlgezählte, wie Feuer brennende Hiebe über die schmale, zarte Hand. Dann ruft er ihm mit höhnendem Lächeln zu: „Nun bedanke dich schön bei deinem Vater für die Hiebe, die du gekriegt hast.“ Und im Zurückgehen nach dem Katheder knurrt er halblaut iu den Bart:„Rote Ge⸗ sellschaft!“ Dann setzt er sich wieder in Posttur: „Nun der Nächste. Das vierte Gebot. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ 2 77 Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. Erstes Kapitel. „Auf morgen also, Fräuleinchen, auf morgen,“ sagte der Krämer Taubermann, während er ein zwanzigjähriges Mädchen aus der Türe ließ, deren Toilette eine Zusammen⸗ setzung von Nettigkeit und Altertum lieferte, was für eine andere, leider nicht sehr seltene Zusammenstellung— die von Armut und Bildung— zeugte. Die Zwanzigjährige machte noch eine letzte Verbeugung, sicher die fünfte, nachdem sie Taubermanns Wohnzimmer ver⸗ lassen hatte, und entfernte sich mit eiligen Schritten, während der Krämer noch einige Augenblicke auf der Schwelle stehen blieb. Denn obgleich es seine Frau nicht gerne sah, daß er sich in seinem Geschäftsanzuge öffentlich zeigte, ist doch die lebhafte Straße zu ver⸗ führerisch für Jemand, der den ganzen Tag in seinem Geschäft sitzt. Und besonders mußte sie es für Taubermann sein, der nach den Grüßen der Vorübergehenden zu urteilen, Jedermann kannte. In wenigen Augenblicken brachte er alle möglichen Arten des Grüßens an, von der ehrerbietigen Verbeugung bis zum gnädigen Kopfnicken und bei Reich und Arm, Alt und Jung schien er eine Popularität zu besttzen, die Niemand so leicht in der Oeffentlichkeit ihm streitig machen konnte. Und doch war Taubermann nur Krämer und Colonialwarenhändler, und sein Haus stand in einer wenig vornehmen Gegend der Stadt, aber dies Haus bildete solch einen Contrast mit den angrenzenden Wohnungen, daß man den hohen breiten Giebel weithin ragen sah. Das riesige Schild, welches Namen und Ge⸗ schäft verkündigte, war wirklich nicht nötig, um Käufer anzulocken. Käufer anzulocken lag kauft hatte. übrigens auch durchaus nicht in der Gewohn⸗ heit und Absicht Taubermanns. Er war über alle Konkurrenz erhaben. Ohne daß er irgend etwas tat, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, kamen sowohl die Dienstmädchen aus den aristokratischen Stadtgegenden, wie die Hausmütter aus den abgelegenen Straßen, um ihre Einkäufe bei ihm zu machen. Seine ein⸗ marinierten Häringe und Gänseleberpasteten fanden eben so gute Käufer, wie seine weißen, Bohnen und sein Pfeffer, und— dies gereichte ihm zur Ehre— die fünf Pfennige für Vogel⸗ samen waren ihm eben so willkommen, wie die Bezahlungen des Monatsbuches aus vornehmen Häusern. Es war keinen Augenblick Ruhe am Ladentische, und, wie die Nachbarschaft sich derb ausdrückte, das Geld wurde in Säcken hinein⸗ getragen. Ueberdies wußte man, daß er Häuser besaß und Land und Anteile an Schiffen und daß er in Oel und Korn spekulterte, kurzum, daß sein Laden in der Breitenstraße durchaus nicht die einzige Sehne auf seinem Bogen war und daß der Krämer, wenn er nur wollte, manchen seiner vornehmen Kunden in den Schatten stellen konnte. Aber das war Taubermanns Bestreben nicht. Er viel zu einfach, oder besser gesagt, zu stolz, um nicht lieber der Krämer Taubermann, einer der ersten Ladenbesttzer der Stadt zu sein, als sich in einen Kreis zu begeben, worin er doch kein Ansehn genossen hätte. Und überdies lag ihm sein Geschäft viel zu sehr am Herzen. Es war für ihn nicht nur die Quelle seiner Exi⸗ stenz, sondern auch der Mittelpunkt seines Tuns und Denkens, der Zweck seines Lebens, seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zu⸗ kunft, seine Tätigkeit und seine Erholung, sein Stolz und seine Freude. Taubermann und der Kolonialwarenhändler waren in ihm unzer⸗ trennlich, und man konnte sich weder diesen ohne das Geschäft, noch das Geschäft ohne ihn vorstellen. Daß er sich zur Ruhe setzen und von einer Rente leben sollte, war eben so un⸗ denkbar, wie die Vorstellung, daß der Laden einem Anderem gehören könne. Nein wie dieser, mit seinen langen breiten Ladentischen prunkte, dies ist das rechte Wort, und der Eigentümer darin mit seiner Mütze, die ein wenig schief über dem blühenden gutmütigen Gesichte saß, und dem roten Taschentuche in dem halbzugeknöpften Rocke, so mußte es bleiben für die Zukunft, wie es für das gegenwärtige Geschlecht bestand und früher bestanden hatte, seitdem Tauber⸗ manns Großvater das erste Pund Mehl ver⸗ wenig Veränderungen erfahren haben, im innern war es sehr von dem Zustande verschieden, in welchem es sich zur Zeit Taubermanns des Ersten befand. Wir sprechen nicht von dem Inhalte des eisernen Geldschrankes, der ein Meisterstück der Pariser Weltausstellung war, aber wir überschreiten mit Taubermann, der auf die freundliche Bitte seiner Frau endlich hineinging, die Schwelle des Salons, wo man die Besucherin, die wir vorhin fortgehen sahen, empfangen hatte. „Wozu stehst du auf der Straße, Otto?“ sagte seine Gattin etwas verstimmt;„wenn wir ausgehen wollen, hast du niemals Zeit, aber dazu hast du immer Zeit, dich an der Tür⸗ Aan von den Vorübergehenden angaffen zu assen.“ Es war nämlich ein steter Verdruß für Frau Taubermann, daß ihr Gatte für wichtige Angelegenheiten, wie Spaziergänge, Besuche und dergleichen niemals Zeit hatte, obgleich er sich die Häfte des Tages mit Dingen beschäf⸗ tigte, die sie für höchst überflüssig hielt. Taubermann gab keine Antwort, er setzte sich auf das Sopha nieder, wischte sich einmal über seine Stirne, legte daun seine Arme auf seine Knie, und wendete seine ganze Aufmerk- samkeit seiner Mütze zu, die er in seinen Hän⸗ den herumdrehte. „Das wird dem Sopha auch wohl tun,“ fuhr Fran Taubermann fort,„daß du dich Tec Rock, der voll Mehl ist, darauf etzest.“: „Ja, Schatz, ich bin nicht Schuld daran, hast du das junge Mädchen hier empfangen a 95 Von außen mochte das Geschäft . ee e r r K 2 Nr. 47. ——— Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 7. „Du denkst wohl, ich soll Besuche im Wohn⸗ zimmer empfangen?“ „Besuche? Eine Gouvernante!“ „Ich war nicht so rasch entschlossen, diese Gouvernante zu nehmen, und wenn du nicht so gedrängt hättest, würde meine Wahl gewiß nicht auf sie gefallen sein.“ (Fortsetzung folgt.) Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. KRaminka befindet sich jetzt Marktplatz 11 Individuum.—„Sie kommen gerade 2 Minuten zu spät“, entgegnete der einsame Wanderer,„der andere Herr, der dort hinten läuft, hat meine Uhr.“ Aus der Instruktionsstunde.„Also, Rekrut Huber, was ist der Soldat?“—„Herr Unteroffizier, der Soldat ißt alles, was er kriegt!“(Igd.) Ganz dasselbe! In einer mitteldeutschen Garnisonsstadt ist vom Regimentskommando der Befehl gekommen, daß sich die Herren Offiziere beim Exerzieren nicht mehr der üblichen Schimpfworte bedienen sollen. Der Hauptmann und Kompagniechef X. macht seinen Leuten den Regimentsbefehl in folgender Weise bekannt: „Kerls, nach höherem Befehl soll ich Euch nicht mehr mit Schimpfworten traktieren. Ich werde also in Zu⸗ kunft nicht mehr zu Euch sagen:„Ihr Dreckbauern“, sondern„Ihr biederen oberhessischen Landleute“, Das ist aber dasselbe, als wenn ich sage:„Ihr Dreck⸗ bauern“.“(Igd.) So stand er täglich sehnend in Gedanken, Bis daß er schwach in seinem Kopfe wurd, Und einrangierte bei den Geisteskranken; 's war 57, nach des Herrn Geburt. Lebt' er noch heute— frag' ich mich im stillem, Was sagte wohl mei' guter Friedrich Willem? Jetzt bricht die Freiheit dort durch alle Schleusen, Und Rußlands Krone scheint mir ziemlich mies, Hingegen strahlt sie heller jetzt in Preußen; Dies Land wird jetzt das Fürsten paradies. Das hätte noch mei' guter Friedrich Willem Erleben sollen— sag' ich mir im stillem. (Peter Schlemihl im Stmpl.) Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, am Kriegerdenkmal. Wenn in Berlin der gute Friedrich Willem Humoristisches. Zu spät.„Wie viel Uhr ist es jetzt?“ fragt das Und sah Rußland und Preußen. Nach 48 an dem Fenster stand nach Osnen, seufzte er im stillem Und sagte leise: Ja, dort liegt ein Land. Dort liegt ein Land, viel schöner noch als Preußen, Dort kann man wicklich noch Monarche heißen. Rittergasse 17, sind zu beziehen: Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. ruppige, plötzlich aus dem Dunkel der Allee auftauchende Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges GIESSEN I Lindenplatz 1. Wasserkrüge Packkörbe kaufen Benner& Krumm. Täglich frischen Obstkuchen und Kaffeegebäck L. Müller Bree 4 EL 5 Carl Müller 4 Glessen, Plockstrasse 12. 5 4 empfiehlt sein reichhaltiges Lager in: 4 Kinderwagen Blumentische 4 Sportwagen Reisekörbe Leiterwagen Waschkörbe Kinderstühle Marktkörbe Sessel Markttaschen Alle Arten Bürsten u. Besen, Haus n. Küchengeräte zu billigen Preisen. * R ö C. F. Schwarz Sohne (Inh.: Heinrich Moller) Reichhaltiges Lager in: Herren., Knaben⸗ und Arbeitskleidern Stolle im Nusschuin.„ Anfertigung nach mass. Feste Preise! Streng reelle Bedienung! 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