15 e e e e 2 deuhel 1, K. 4.— Wetter U. Ge. t- un Nr. 12. Gießen, den 19. März 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: N 2 9 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgast⸗ Mitteld eutsche Donnerstag Nacht 4 Uhr. N N 5 N 1 8 1 Abonnemeutspreis: Bestellung n 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbrrirung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unser Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38 /% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Eispalast. Ihr alle, mein ich, habt gehört Bon jenem seltnen Eispalast! Auf der gefrornen Newaflut Aufstarrte der gefrorne Glast! Dem Willen einer Kaiserin, Der Laune dienend einer Frau, Scholl' über Scholle stand er da, Gediegen Eis der ganze Bau! Um seine blanken Sensterreih'n, Um seine Giebel pfiff es kalt! Doch innen hat ihn Frühlingsweh'n Und hat ihn Blumenhauch durchwallt! Allüberall, wohin man schritt, Musik und Girandolenglanz Und durch der Säle bunte Flucht Bewegte wirbelnd sich der Tanz! Also, bis in den März hinein, War seine Herrlichkeit zu schau'n; Voch auch in Rußland kommt der Lenz Und auch der Newa Blöcke tau'n! Jui, wie beim ersten Sturm aus Süd Der ganze schimmernde Noloß Hohl in sich selbst zusammensank Und häuptlings in die Fluten schoß! Die Fluten jauchzten auf! Ja, die der Frost in Banden schlug, Die gestern eine Hofburg noch Und eines Hofes Unsinn trug, Die es noch gestern schweigend litt, Daß man ihr auflud Pomp und Staat, Daß eine üpp'ge Kaiserin Hoffärtig sie mit Füßen trat:— Dieselbe Newa jauchzt' empor! Abwärts mit brausendem Erguß, Abwärts durch Schnee und Schollenwerk Schob sich und drängte sich der Fluß! Vie letzten Spuren seiner Schmach Malmt' er und knirscht' er kurz und klein— Und strömte groß und ruhig dann Ins ewig freie Meer hinein! Die ihr der Völker heil'ge Flut Abdämmtet von der Freiheit Meer:— Ausmündend bald, der Newa gleich, Braust sie und jubelt sie einher! Den Winterfrost der Tyrannei Stolz vom Genicke schüttelt sie Und schlingt hinab, den lang' sie trug, Den Sispalast der Despotie! Noch schwelgt ihr in dem Blitzenden Und tut in eurem Dünkel trau'n! Als käme nun und nie der Lenz, Als würd' es nun und nimmer tau'n l Doch mählich steigt die Sonne schon, Und weich erhebt sich schon ein Weh'n; Die Decke tropft, der Boden schwimmt— O, schlüpfrig und gefährlich Geh'n! Ihr aber wollt verschlungen sein! Da steht ihr und kapituliert Lang erst mit jeder Scholle noch, Ob sie— von neuem nicht gefriert! Umsonst ihr Herrn! Kein Nalten mehr! Ihr sprecht den Cenz zum Winter nicht! Und hat das Eis einmal gekracht, So glaubt mir, daß es bald auch bricht! Dann aber heißt es wiederum:— Abwärts mit brausendem Erguß, Abwärts durch Schnee und Schollenwerk Drängt sich und macht sich Bahn der Fluß! Die letzten Spuren seiner Schmach Malmt er und knirscht er kurz und klein— Und flutet groß und ruhig dann In's ewig freie Meer hinein! Märzentage! Wo immer in diesem Jahre Sozialdemokraten die Märzfeier begehen, wird der Hinweis auf die russische Freiheits⸗Bewegung nicht fehlen, die sich vor unsern Augen abspielt. Das Riesen⸗ reich der Willkürherrschaft erzittert in seinen Grundfesten, hilflos sehen seine despotischen und beutegierigen Gewalthaber den Bau wanken, den ste für die Ewigkeit errichtet wähnten, der sich aber jetzt als durchaus morsch und bau⸗ fallig erweist. Unter den vernichtenden Schlägen des tapferen Feindes— einer früher verachteten und verspöttelten Nation— bricht das zarische Knutenreich elend zusammen. Und jeder Schlag, der es dem Untergange näher bringt, wird von dem größten Teile des russischen Volkes mit Freuden begrüßt. Die wahren russischen Patrioten wünschen und bejubeln den Sieg des auswärtigen Feindes, weil sie mit Recht in seinem Siege ihren eigenen Sieg über blutige Tyrannei, ihre Befreiung erblicken! März, Frühling wird selbst in dem Lande des ewigen Winters! Es erfüllt sich, was in dem nebenstehenden Gedichte der Freiheitsdichter Ferdinand Freil e grath mit prophetischem Geiste vor vielen Jahren voraussagte. In einer politischen Fabel des englischen Dichters Thomas Moore, die Freiligrath jedenfalls zu diesem Gedichte als Grundlage benutzte, wird geschildert, wie eine russische Kaiserin sich auf der gefrorenen Newa ein prachtvolles Schloß aus Eis errichten ließ und wie die Herrlichkeit infolge der plötzlich eingetretenen milden Witte⸗ rung jäh zusammenbrach. Unsere deutschen Spießbürgerseelen und Ordnungsleute verurteilen und beschimpfen so⸗ gar die russischen Freiheitskämpfer, die ihr Gut und Blut für die höchsten Menschenrechte ein⸗ setzen und hingeben. Doch, wir wollen nicht ungerecht sein, es mag wohl viele unter dem Bürgertume geben, die die Beseitigung der Selbstherrschaft Väterchens wünschen und für die revolutionäre Bewegung etwas wie Sym⸗ pathie empfinden. Das tun ste aber nur als Zuschauer aus der Ferne. Dieselben Leute, welche vielleicht über die Hinrichtung des Sergius ihrer Genugtuung Ausdruck gaben, haben kein Wort der Entrüstung für die Russenschmach in Deutschland gehabt, nicht mit einem Worte die Schergendienste mißbilligt, welche die deutsche Regierung dem Zarismus leistete! Kein Protest kommt auch von jener Seite, wenn die sozial⸗ demokratische Arbeiterschaft bei ihrem Bemühen um Herbeiführung besserer, menschenwürdiger Zustände gequält und drangsaliert wird. Aber die Sozialdemokratie kämpft allein noch für die bürgerliche Freiheit. Das Bürgertum hat kein Interesse mehr für die Freiheitsideale, für die seine Vorfahren erglühten und kämpften, es hat sich auf dem Geldsacke zur Ruhe gesetzt und jeder ist ein Hetzer, Aufwiegler und vater⸗ landsloser Geselle, der es in dieser Ruhe stört und die Geldsacks⸗Vorrechte nicht anerkennt. Das Bürgertum von 1848 war noch aus etwas anderem Holze geschnitzt als das heutige. Vor uns liegt eia Band des„Frankfurter Journals“ von 1848. Das war ein gutgesinntes, ein Ordnungsblatt. Später wurde es national⸗ liberales Parteiorgan und daran ging es selbst⸗ verständlich zu Grunde. Seit einigen Jahren ist es von der Bildfläche verschwunden. In der Nummer vom 24. März 1848 ist eine Korrespondenz„aus verlässiger Hand“ abge⸗ druckt. Der Bürger schreibt da vom 20. März aus Berlin: „Der Samstag(18.) war ein schrecklicher Tag, den ich nie vergessen werde, und auch noch gestern war man in Angst und Todes⸗ gefahr... Niemand war seines Lebens sicher. Die Soldaten schossen in die Häuser; ganze Straßen haben keine einzige Fensterscheibe mehr. Die Bürger retteten sich auf die Böden und Dächer, um die Soldaten mit Steinen zu traktieren, worauf diese in die Häuser und Stuben eindrangen und niederschossen, wen sie dort vorfanden. Niemand soll mehr auf die Berliner schimpfen; ich war Zeuge, mit welchem Mute und welcher Lebensgefahr sie sich verteidigten, und, oft nur mit Stöcken bewaffnet, der Soldateska gegenüberstanden. Gestern Nachmittag hing es an einem Haar, und der König hätte sich, wie Louis Philipp, flüchten müssen. Die Bürger trugen die Leichen der Gefallenen, meist Jünglinge, unbe⸗ deckt, mit den klaffenden Todeswunden, und geschmückt mit Myrten und Fahnen, unter Choralgesang vor das Schloß des Königs. Dort angekommen, riefen sie so lange, bis er endlich mit der Königin erschien, und zwar mit der Mütze auf dem Haupte. Da erscholl es von allen Seiten:„Mütze herunter!“ Diesem Verlangen wurde sofort entsprochen. Die Erbitterung des Volkes war furchtbar, und wäre der König auf der Straße gewesen, so hätte man Alles befürchten müssen. Der König entschuldigte sich jetzt: aus einem„Miß⸗ verständuisse“ wäre geschossen worden;— ein schönes Mißverständnis, das vier⸗ undzwanzig Stunden währte! Die Soldaten wären noch nicht gestern Früh abge⸗ zogen, hätte das Volk nicht den kommandierenden General Möllendorf gefangen, und indem sie ihm eine geladene Pistose auf die Brust setzten, gezwungen, an den König zu schreiben, er möge das Militär zurückziehen lassen. Zugleich wurde dem Köntg bei Uebersendung des Blattes gesagt, daß, wenn noch ein Schuß falle, würde der General augenblicklich erschossen werden, einstweilen würde er als Geißel behalten. Das wirkte; sonst wäre wohl noch Alles, wie es gewesen. Das Militär zog gestern früh 11 Uhr ab, verfolgt von dem Hohngeschrei der Menge. Das Vertrauen des Volkes zum preußischen Königshause ist be⸗ deutend geschwächt. Hunderte von Menschen sind gefallen; Hunderte sollen noch an den Wunden darniederliegen. Und warum? Weil vom Könige nicht gleich gewährt wurde, was das Volk verlangt; weil er, als die Bürger in aller Ehrerbietung dringender wurden, die Soldaten, nicht nur die Regimenter von Berlin, sondern auch die von Potsdam, Frankfurt und Stettin, einrücken ließ, und auf das Volk— das un bewaffnete, das eigne Volk— schießen ließ. Das Militär verfuhr, als bombardierte es die Russen und eine fremde Stadt. Vor dem Schlosse standen, ebenso in den Straßen, Kanonen, die Häuser und Menschen zertrümmerten. Es ist gar nicht zu berechnen, wieviel Soldaten in Berlin waren; es waren Legionen!“ Dann wird wetter berichtet, daß viele feingekleidete und gebildete Männer beim Barrikadenbau mithalfen.„Auch die Aermeren 0 ö ö — ————— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 12. undz Armen, als: Arbeiter und Handwerksleure betrugen sich anständig und waren von den besten Gesinnungen für das allgemeine Wohl beseelt. Kein Diebstahl fiel vor, keinen Be⸗ trunkenen sah man.“ Wie oft sind später die Revolutionäre von den byzantinischen Ge⸗ schichtsfälschern als Raubgesindel hingestellt worden, in den Volksschulbüchern geschieht das heute noch! 0 Unsere vor den Fürsten ersterbenden Patrioten werden entsetzt sein über den bürgerlichen und jedenfalls den besten Kreisen angehörenden Berichterstatter des Frankfurter Journals, wenn er weiter schreibt:„Der Prinz von Preußen(der nachmalige„Heldenkaiser Di. R.), welcher den Befehl zum Schießen gegeben haben soll, hat- sich aus Berlin entfernt; das Volk nahm sein Hotel in Besitz, pflanzte die schwarz⸗rot⸗goldene Fahne auf dasselbe und erklärte es zum National, eigentum.“(Nebenbei bemerkt hat der„Held auf seiner Flucht nach England außerordentlich wenig Mut gezeigt.) Mit Begeisterung wird in dem erwähnten Zeitungsblatte von der Revo⸗ lution und dem Sieg des Volkes gesprochen und der Bericht schließt:„Die Berliner Bürger sind ein tüchtiges und braves Volk! Noch in späteren Jahrhunderten wird die Geschichte anerkennend ihrer edenken.“ 5 f Heute feiert aber nur das Proletariat das Angedenken jener Freiheitskämpfer. Das Bürger⸗ tum kriecht im Staube vor den Fürstenthronen, schweifwedelnd, ordenslüstern und verlangt nur von den Machthabern, daß sie die kapitalistische Plusmacherei schützen und stützen. Es schämt sich seiner Vorfahren, die seiner Klasse Befreiung kämpften. 5 505 wir unter der sozialen Revolution verstehen, für die wir eintreten, ist schon oft in diesem Blatte dargelegt worden: Beseitigung des Kapitalismus und der Klassenherrschaft als der Quelle alles Uebels, was die Menschheit bedrückt. Zur Erreichung dieses Zieles sind Flinten, Säbel und Barrikaden weniger tauglich. Dazu bedarf es vielmehr der Aufklärung des Volkes, Weckung des Klassenbewußtseins und der umfassenden Organisation der Arbeiter. Politische Rundschau. Gießen, den 16. März 1905. Im Reichstage wurde in der vergangenen Woche noch immer über den Etat des Reichsamts des Innern verhandelt. Das ist ein äußerst umfangreicher Etatstitel, unter dem beinahe alles Mögliche fällt: Handwerkerfragen, Arbeiterversicherung, Fabrikinspektion, Gesundheitswesen und so weiter! Aus den Debatten der letzten Tage war eine Rede Scheidemanus bemerkenswert, in der er dem freisinnigen Arzte Mugdan, der so viel von sozialdewokratischem„Terrorismus“ in den Ortskrankenkassen faselte, gehörig die Meinung sagte. Am Mittwoch begann die dritte Lesung des Etats. Unser Genosse Voll⸗ mar bekämpfte bei dieser Gelegenheit entschieden die Russenpolitik der Reichsregierung. Die Wahlkreiseinteilung. Schon oft ist in unserer Parteipresse auf die ungleiche Größe der Reichstagswahlkreise hin⸗ gewiesen worden. Nach der Reichsverfassung soll auf 100 000 Einwohner ein Abgeordneter entfallen. Im Laufe der 35 Jahre jedoch, die seit Gründung des deutschen Reiches verflossen sind, hat sich das Verhältnis infolge der Be⸗ völkerungszunahme bedeutend verschoben. Jetzt gibt es Kreise, die 15— 20 mal so viel Ein⸗ wohner zählen als andere. Berlin VI z. B. hatte bei der letzten Wahl allein 165000 Wahl⸗ berechtigte zu verzeichnen! Es ist klar, daß diese Verschiedenheiten eine Ungerechtigkeit dar⸗ stellen, sie machen das gleiche Wahlrecht illu⸗ sorisch, die Wähler solcher Riesenwahlkreise haben tatsächlich minderes Recht als die⸗ jenigen solcher Kreise, in denen der Abgeordnete mit 4— 5000 Stimmen gewählt wird. Am Mittwoch beichaftigte sich der dreichstag, wie schon öfter, mit der Frage der Wahlkreis⸗ einteilung, deren Regelung von den Freisinnigen und Polen beantragt war. Abg. Kopsch, welcher den freisinnigen Antrag begründete, stellte die Gerechtigkeit in den Vordergrund seiner Ausführungen; nur sollte der Brave seinen Freunden ebenfalls Gerechtigkeit predigen, denn wo diese die Macht haben, fehlt es oft recht sehr daran! Rechtsfragen sind eben Macht⸗ fragen, wie Lassalle nicht müde wurde, den tauben Ohren der Kopschen Großväter zu predigen. Die Junker auf der Rechten und ihr ungeadelter Anhang pfeifen auf die Gerechtig⸗ keit und fühlen sich bet der jetztigen Ungerechtig⸗ keit sehr wohl, die ihnen gestattet, zu wahren Rudeln das Haus am Königsplatz zu bevölkern. Der alte Freiherr von Richthofen, der Land⸗ junker Gamp und der Landmetzger Hilpert sagten es jeder nach seiner Art mit ziemlicher Unverfrorenheit. Das Tollste leistete sich der ritualmordgläubige Antisemiterich Böckler. Dieser Unternehmer der Pückler⸗Schaustellungen, der sich bei anderer Gelegenheit für ein neues Sozialistengesetz und gegen das Reichstags⸗ wahlrecht aussprach, entblödete sich nicht, das Berliner Zuhältertum als Argument für die politische Entrechtung der Großstädte anzuführen. Genosse Ledebour ließ ihm dafür die gebüh⸗ rende Züchtigung zuteil werden, wie auch den übrigen Zutreibern der Junker und denen von der Partei Drehschelbe, die sich hier wieder einmal ganz besonders kläglich und volksfeind⸗ lich benahmen. Kläglich war auch das Ab⸗ stimmungsresultat: es wurde abgelehnt, die e zur Berücksichtigung zu über⸗ weisen! Folgen der Zollpolitik. Auswanderung der deutschen Industrie als Folge der Zollpolitik, welche zu Gunsten der Agrarter alle anderen Interessen opfert, ist von Keunern der Verhältnisse vor⸗ ausgesagt worden. Doch die Verteidiger des Zollwuchers erklärten alle diese Hinweise als Schwarzseherei. Kaum sind aber die Handels⸗ verträge vom Reichstag beschlossen worden, so tritt auch schon die Wahrscheinlichkeit hervor, daß eine Verlegung deutscher Fabriken ins Ausland in größerem Maßstabe stattfindet. Schon jetzt ladet das Zentralkomitee zur Be⸗ förderung der Erwerbstätigkeit der böhmischen Erzgebirgsbewohner in einem Rundschreiben zur Gründung von Filialfabriken im böhmischen Erzgebirge, also auf österreichischem Boden ein. Dieses Komitee behandelt die teilweise Aus⸗ wanderung der deutschen Industrie als etwas Feststehendes und empfiehlt das im deutschen Sprachgebiet gelegene Erzgebirge als besonders zur Gründung von Filialfabriken geeignet. Der Aae Anfang des Rundschreibens autet: „Nachdem mit 1. Jannar 1906 der neu abgeschlossene Zoll- und Handesvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich in Wirksamkeit tritt und hierdurch einzelne industrielle Posttionen namhaften Erhöhungen unterworfen sind, so dürfte eine starke Einwanderung reichs⸗ deutscher Industrien nach Oesterreich 2 Errichtung von Zweigfabriken zu erwarten eins Aber was kümmert die Flucht einer Industrie eine Regierung, die in den Händen der Junker ist? Mag dem Nationalvermögen Deutschlands auch der größte Verlust drohen, das macht nichts, wenn nur die Agrarier sich die Taschen füllen können. Heidnische Vorbilber. In der Ausprache, die er am Mittwoch in Wilhelmshaven an die Marinerekruten hielt, rühmte Wilhelm II.,„die über alles gehende Vaterlandsliebe, Opferfreudigkeit und Tapfer⸗ keit“ der in Ostasien miteinander ringenden Gegner,„namentlich der Japaner“ und sprach die Hoffnung aus, daß sich auch die jungen Rekruten an diesem Beispiel erbauen und ihm gegebenenfalls nacheifern würden. Die Meinung, daß nur ein Christ ein guter Soldat sein könne, scheint der Kaiser demnach endgiltig aufgegeben zu haben. Frei⸗ lich unterscheioet sich seine Auffassung immer noch in einem Punkte von einer weitverbreiteten Meinung, die an den Vorgängen in Ostasien in keiner Beziehung irgend ein erbauliches Bei⸗ sptel finden kann. Die beste Hoffnung, die uns angesichts der furchtbaren Kriegsereignisse bleibt, ist doch die, daß die wahrhaft christliche brüderliche Liebe der arbeitenden Völker zu einander, wie sie von der Sozialdemokratie gepflegt wird, jeden kriegerischen Zusammenstoß bald unmöglich machen wird. Wie die Dinge in Europa stehen, ist auch wenig Aussicht vor⸗ handen, daß die Wilhelmshavener Rekruten Gelegenheit finden könnten, dem Beispiel der Japaner nachzueifern. Und schließlich bleibt zu hoffen, daß keine mißtrauische Arbeiterpresse den Vergleich mit Japan, dem man allgemein kriegerische und eroberungslustige Tendenzen nachsagt, dahin mißdeuten werde, als wollte Deutschland jene Politik treiben, die man Japan zuschreibt. Patriotismus der Besitzenden. In der Budgetkommission des Reichstags war am Donnerstag das Privilegium des Einjährigen⸗Dienstes Gegenstand der Verhandlung. Die bürgerlichen Herren hatten da einen recht unangenehmen Tag. Die Sozial- demokraten hatten nämlich den patriotischen Beschluß gefaßt, auch einmal etwas für die Verstärkung der Friedenspräsenzstärke des Heeres zu tun. Sie waren bereit, einige zehn⸗ tausend junger Leute um ein Jahr länger als bisher in den glorreichen Dienst der Fahne zu stellen. Sie verlangten nämlich die Abschaffung des Bourgeois privilegs der einjährig⸗ freiwilligen Dienstzeit. Das paßte den Herren natürlich nicht. Mit dem Kriegsminister er⸗ klärten fast alle bürgerlichen Kommissions⸗ mitglieder, das ginge nicht ohne Weiteres, die „Frage set noch nicht spruchreif“, kurz, jeder hatte eine andere Ausrede. Und schließlich wurde der patriotische Antrag der Sozial⸗ demokraten abgelehnt, ganz glatt abgelehnt; nur ein süddeutscher Volksparteiler und ein Antisemit sagten sich:„Macht nichts!“ und stimmten dafür. So geht es der Sozialdemokratie, wenn sie einmal den Spieß umdreht, wenn sie„der Wehrkraft des Vaterlandes Opfer bringt“. Es ist ein Glück und eine Ehre, dem Vaterlande dienen zu dürfen, aber dieses Glück und diese Ehre sind desto besser, je kürzer sie genossen werden. Wenn der Bauernkerl und der Arbeiterlümmel zwei Jahre lang ihrem bürgerlichen Beruf entzogen sind— was schadet es! Aber daß die beliebten Söhne hochwohl⸗ geborener Herren und ditto Damen für zwei Jahre der Aktivität in ihrem Korps entzogen werden, das ist ein ganz unmöglicher Gedanke! Die Genossen Bebel und Sudekum, die mit soviel Eifer und Geschick die Interessen der Armee gegen den Kriegsminister und fast sämt⸗ liche bürgerlichen Parteien vertraten, werden freilich über ihren Mißerfolg schwerlich ver⸗ wundert sein. Schließlich haben sie das getan, was ihnen die bürgerlichen Herren vorgemacht haben: sie waren patriotisch auf fremder Leute Kosten. Diese fremden Leute waren so gescheit, sich für den patriotischen Eifer höflichst zu be⸗ danken. So hat man im kleinen das Schau⸗ spiel erlebt, das im großen zu erwarten ist, wenn einmal die Frage der Erbschaftssteuer auf der Tagesordnung des Reichstages stehen wird. Der wahre Patriotismus besteht immer darin, die anderen für das Vaterland dienen und zahlen zu lassen, man fühlt sich wunder⸗ bar gehoben, wenn man dabei zusieht. Kommt aber an einen selber die Reihe, dann gibt es soviele Erwägungen, die anzustellen, soviel Vor⸗ fragen, die zu prüfen, und soviele Bedenken, die zu beseitigen sind, daß man gar nicht dazu kommt.— Wann wird endlich das Volk so klug und so wahrhaft patriotisch werden, wie es jene glücklichen Väter sind, deren Söhne „das Einjährige“ haben!— Aus der Ferienkolonie. Ueber welche Engelsgeduld der Deutsche als Soldat verfügt, verfügen muß, dafür geben folgende Vorkommnisse Beispiele. Der Ge⸗ See =— D Nr. 12. Mitteldeutsche Sonntaas⸗geitung. Seite&. freite und Rekrutenerzieher Fischer von der zweiten Kompagnie des in Plauen in Sachsen stehenden Infanterieregiments befahl eines Tages als Stubenältester ganz widerrechtlich den Rekruten das Lederzeug zu putzen. Einer dieser jungen Leute war gerade damit beschäftigt, seine Wäsche einzupacken und einige Zeilen dazu zu schreiben. Wetl er damit nicht sofort aufhörte, bekam er vom Gefreiten den Befehl, die Stiefel der sämtlichen sechs Anwesenden zu schmieren und die Schäfte zu wichsen. Er wurde von dem Gefreiten gezwungen das in Rumpfbengestellung am stark geheizten Ofen zu tun. Der Rekrut mußte einein⸗ halb Stunden in dieser Stellung verharren; auch ließ der Gefreite zweimal während dieser Zeit Feuerung nachlegen; Wasser durfte auf Befehl des Gefreiten dem Rekruten nicht ver⸗ abreicht werden. Als dieser am Ofen genug gequält war, mußte er sich auf Befehl des Gefreiten in drei Minuten feldmarschmäßtg an⸗ ziehen. Das ging diesem Rekrutenerzieher aber nicht schnell genug, und nun befahl er auch den anderen Rekruten sich in gleicher Weise anzu⸗ ziehen. Beim Hinausgehen sagte er ihnen, sie sollten sich bei ihrem Kameraden„abfinden“. Der Rekrut mußte sich nach dieser„Abfindung“ krank melden, drei Tage das Bett hüten und war acht Tage vom Dienst befreit. Sein „Erzieher“ erhielt jedoch sechs Wochen und drei Tage Gefängnis.— Die„alten Leute“ beim Militär nehmen sich bekanntlich immer heraus— manchmal unter Billigung der Vorgesetzten— die Rekruten zu„erziehen“ resp. zu mißhandeln. Diese Un⸗ sitte nahm kürzlich in Kiel für die Rekruten⸗ peiniger eine böse Wendung. Einige ältere Leute, darunter ein Oberheizer, beabsichtigten, abends nach Zapfenstreich einige Matrosen⸗ rekruten, insbesondere einen, durch Schläge zur Folgsamkeit gegen die alten Leute zu erziehen. Kurz vor Ausführung des Aktes erfuhren die Rekruten davon. Mit Feuerhaken, Kohlen⸗ schaufel und sonstigem Geschirr erwarteten sie kampfbereit die Angreifer. Sowie die alten Leute auf dem Plane erschienen und den einen Matrosen angriffen, begann der allgemeine Kampf. Auf den Lärm eilten Unterofftziere herbei und brachten die im Dunkeln Kämpfenden auseinander. Es zeigte sich nun, daß der Ober⸗ heizer schwer verletzt worden war. Ein Auge war ihm ausgestochen, das Nasenbein gespalten und vom linken Oberarm die Mus⸗ kulatur durch einen Stich förmlich abgetrennt worden. Gegen die Betelligten ist nun Unter⸗ suchung eingeleitet worden.— Man sollte es nicht für möglich halten, daß die alten Soldaten sich zu solchen Roheiten gegen ihre eigenen Kameraden hergeben. Ein antisemitischer Soldatenschin⸗ der stand am Montag in der Person des Unter⸗ offiziers Schmidt vom Fußartillerie⸗Regt. in Mainz vor dem Frankfurter Oberkriegsgericht. Unter dessen raffinierten Quälereien hatte be⸗ sonders der Rekrut Kaplowiß viel zu leiden, weil er ein Jude war. Ihn nannte Schmidt nicht anders wie Itzig oder Dreckjud und mißhandelte ihn außerdem bei jeder Gelegenheit fürchterlich. Zahllos sind die Schindereien, die ihm zur Last gelegt werden. Das Mainzer Kriegsgericht hatte ihn zu 1 Jahr Gefängnis und Degradation verurteilt. Auf Berufung erkannte das Oberkriege gericht auf nur 8 Monate und Degradation. Mit dem Militärboykott hat man in dem gelobten Lande Sachseu keine guten Erfahrungen gemacht, nicht das erreicht, was man damit erreichen wollte. Die Saal- besitzer haben sich wiederholt beschwerdeführend an die Militärbehörde gewandt und schließlich kam diese selbst zu der Einsicht, daß diese Zu⸗ stände unhaltbar sind. Nach vielem Hin und Her hat das Armeekommando verfügt, daß an dem Tage, an dem eine sozialdemokratische Versammlung in einem Lokale stattfindet, mindestens eine Stunde vor dem Beginn ein Plakat an den Saaleingängen und an den Eingäugen zu den Nebenräumen durch den Lokalinhaber angebracht werden und so lange hängen bleiben muß, bis an diesem Tage das Lokal geschlossen wird. Das Plakat hat in deutlich lesbarer Schrift die Worte:„Versammlung! Heute für Militär verboten!“ zu ent⸗ halten. Ein Lokalinhaber, der sich diesen Ver⸗ pflichtungen nicht unterwirst, soll danu aller⸗ dings die Verhängung des dauernden Militär⸗ verbotes zu gewärtigen, haben. Der Sünder gegen den Kriegerverein. Der Vorstand des Militärvereins Vogel⸗ gesang⸗Ufer(Berlin) hat eins seiner Mitglieder mit folgendem Schreiben beglückt: „Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß Sie nach§ 13 der Satzungen des Vereins aus dem Verein ausgestoßen sind. Gründe Sie find bei der Kaisergeburtstagsfeier nicht in Unniform erschienen. Sie sind beim Kaiser Toast nicht aufgestanden wird also angenommen daß Sie Sozialdemokratisch gesonnen find. Sie haben in angetrunkenen Zustand die Feier nicht ver⸗ schönern helfen sondern im Gegenteil. Auch haben die Aufforderung des Vorstand nicht folge geleistet. Da solche Mitglieder nur Zwiespalt und uneinigkeit im Ver⸗ ein ansporren so haben wir zu obigen 8 geschritten. Der Vorstand i. V.: Gustav Bracht Schriftführer.“ Der Mann hat auch viel gesündigt. Er ist in angetrunkenem Zustande gewesen und hat trotzdem das Fest nicht verschönern helfen. Der Mann wird nun wissen, was sich gehört. Hoffentlich macht sich der schneidige Militär⸗ vereins bevollmächtigte auch noch mit den Regeln der deutschen Sprache und der Orthographie etwas vertraut, dann ist allen geholfen und die Kriegervereinsästhetik gerettet. Ein Antisemiterich. Der ehemals bekannte Antisemitenhäuptling Rechtsanwalt Hertwig⸗Charlottenburg wurde vorige Woche auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet und in das Moa⸗ biter Untersuchungsgefängnis gebracht. Er stand erst kürzlich wegen Unterschlagung vor Gericht und wurde zu vier Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Inzwischen waren weitere Anzeigen wegen Unterschlagung ihm an⸗ vertrauter Gelder eingelaufen. Kleine politische Nachrichten. Der Zentrumsabgeordnete Lindner, Vertreter des bayrischen Reichstags⸗Wahlkreises Kaufbeueru, ist gestorben. Sein Wahlkreis ist eine sichere Zentrums⸗ domäne. Die russische Niederlage von Mukden ist eine so vollständige, daß fast von einer Vernichtung der Armee Kuropatkins gesprochen werden kann. Mit jeder Nachricht, die vom Kriegsschauplatze kommt, stellt sich das Unheil, die Verwirrung, die über das Zarenheer hereingebrochen ist, größer dar. Völliger Zusammenbruch, hoffnungsloser Unter⸗ gang! Die Russen fliehen in wilder Auflösung. Mit knapper Not scheint Kuropatkin der Ge⸗ fangennahme entgangen zu sein; denn er meldete vom Montag: Seit Nachmittag vollzieht sich der sehr gefährliche Rückzug, der besonders schwierig ist für die von der Mandarinenstraße entfernten Korps. Die Japaner bedrohten unsere Truppen, aber dank der äußersten An⸗ strengungen stud unsere Armeen außer Gefahr. Der Feind beschoß die Rückzugslinie von Ost und West. Die Mandarinenstraße wurde vom Osten von zwei Orten bei Tavan und Poukse beschossen. Eine englische Meldung vom gleichen Tage besagte, daß die Armee des Generals Bilderling, die bis zuletzt die Deckung des Rückzuges der Hauptarmee durchführte, nördlich von Mukden die Waffen gestreckt habe. General Mischischenko soll von japanischer Kavallerie in der Nähe von Tjelin gefangen genommen worden sein. Und ähnlich wurde aus japanischer Quelle berichtet:„Der größte Teil von Kaul bars' und Bilderlings Armeen ist nördlich von Mukden eingeschlossen. Die Versuche zum Durchbruch werden immer aussichtsloser. Teilkorps des russischen linken Flügels sind hinter Fuschun abgeschnitten. Große abgespren gte Abteilungen sind munitionslos und nahrungslos. Bisher wurden 50 000 Gefangene gemacht, meist halbverhungert, barfuß und zerlumpt. Ueber hundert Feld⸗ geschütze und einige achtzig schwere Geschütze wurden erbeutet. Selbst von russischer Seite wird zugegeben, daß der Verlust der Russen sich auf 150000 Mann beziffert. So hoch wird der russische Verlust noch nicht einmal von den Japanern angegeben; aus dem Lager Kurokis wird von 100000 Mann gesprochen, darunter 50 60000 Gefangenen. Enorme Mengen Munition und Vorräte fielen in die Hände der Japaner. Die japanischen Verluste übersteigen nicht diejenigen der früheren großen Schlachten, Kurokis Armee hat nicht mehr als 5000 Tote und Verwundete. Der russische Kriegsrat hat beschlossen, noch zwei weitere Armeekorps mobil zu machen. Doch das hat jetzt keine Bedeutung mehr, für Rußland ist nichts mehr zu holen, die Niederlage ist endgültig. Das Beste wäre, möglichst sofort Frieden zu schließen. Das 72 5 sollte der Massenschlächterei ein Ziel etzen. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. ur Frage der gewerkschaftlichen Reentralitat schreibt die„Metallarbeiter⸗ Zeitung“, anknüpfend an die Erörterungen über die Begleiterscheinungen des Bergarbeiter. streiks in einem Teil der Partei- und Gewerk⸗ schaftspresse:„Wir konstatieren, daß es eine rein parteipolitische Neutralität der wirtschaft⸗ lichen Vereinigungen auf der ganzen Linie nicht gibt und daß alles gegenteilige Gerede entweder Irrtum oder Selbsttäuschung oder Schwindel ist. Von den wirtschaftlichen Ar⸗ beitervereinigungen haben einzig die freien Ge⸗ werkschaften insofern reine Neutralität, als sie unterschiedslos und bedingungslos alle Arbeiter als Mitglieder aufnehmen. Politisch und partei⸗ politisch neutral können die wirtschaftlichen Vereinigungen, auch die der Arbetter, gar nicht sein, weil Politik kein Gegensatz zur Wirtschaft ist, vielmehr ihr Spiegel ist, und weil die politischen Parteien nichts anderes sind als die Vertretungen bestimmter wirtschaftlicher Inter⸗ essen gegenüber der Gesetzgebung und öffentlichen Verwaltung. Für die Arbeiter ist diese Inter⸗ essenvertretung die sozialdemokratische Partei, weil sie die Arbeiterpartei ist und weil sie daher nur Arbeiterpolitik treibt. Es hat daher nicht die Arbeiterschaft mit der Sozialdemokratie zu brechen, denn dadurch würde sie sich ja selbst aufgeben, sondern jene Arbeiter, die heute noch nicht auf dieser Seite stehen, haben ihr Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien zu lösen, die in der Hauptsache andere Interessen als Arbeiterinteressen vertreten, und sich der sozialdemokratischen Arbeiterpartei an⸗ zuschließen. Bei klarer Erkenntnis der Dinge und ehrlicher konsequenter Betätigung ergibt sich dieser Weg von selbst.“— Diese Dar⸗ legungen müssen wir als zutreffend anerkennen. Einen Bergarbeitertag für Preußen hat die Siebener⸗Kommission auf den 28. März nach Berlin(Gewerkschaftshaus) einberufen, um Stellung zu der Berggesetzreform zu nehmen. Als vorläufige Tagesordnung ist festgesetzt: Berggesetzgebung im Allgemeinen, Zechenstilllegung, Schichtzeit, Arbeiterausschüsse, Grubenkoutrolle, Wagennullen, Strafwesen, Frauen⸗ und Kinderarbeit, Knappschaftswesen, Normal- Arbeitsordnung. Zu jedem Punkte sind Referenten bestimmt. Lohnkämpfe. Die Former in Solingen sind in Differenzen mit den Gießereibesitern geraten und ein großer Teil hat bereits die Arbeit niedergelegt. Zuzug aller Spezialitäten von Formern muß unbedingt ferngehalten werden. — In Frankfurt haben die Tapezierer gezündigt.— In Magdeburg streiken die Tischler. Von Nah und Fern. Hessisches. Im Landtage kam am Freitag die in der letzten Nummer von uns erwähnte Inter⸗ 1 1 N e 1 4 7 der Fall sei. Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 12. pellation unserer Genossen Adelung und David über die Ungiltigkeitserklärung der Wahl Zucco⸗Cuccagna's als Stadt⸗ verordneter in Mainz zur Verhandlung. Staats- minister Rothe erklärte, daß die Regierung eine Beantwortung der Interpellation ablehne, da sie der Ansicht sei, daß der Provinzial⸗ ausschuß zu Recht entschieden habe. Abg. Adelung begründete seine Interpellation in eingehender Weise und erklärte, daß man hier nach zweierlet Maß gemessen habe. Der ultra- montane Abg. Dr. Schmitt erklärte die Inter⸗ pellation für die größte politische Verirrung, die in der Kammer vorgekommen sei, und der nationalliberale Abg. Windecker faselte sogar von Kabinetsjustiz. Abg. Ulrich betonte, daß man den Zweck der Anfrage im Volke wohl verstehen werde und durch juristische Spitz⸗ findigkeiten sei hieran nichts zu ändern. Es stehe fest, daß eine gesetzwidrige Auslegung stattgefunden habe, insbesondere, da der Pro⸗ vinzialausschuß in Gießen in entgegengesetztem Sinne entschieden habe. Die Kammer ging darauf zur Tagesordnung über. Gießener Angelegenheiten. — Die Theater⸗Saalbaufrage war in der Stadtverordnetensitzung am Freitag (10. März) Hauptgegenstand der Beratung. Das Komitee hat der Stadt die von ihm zu⸗ sammengebrachte Summe überwiesen. Dieselbe hat schon die stattliche Höhe von zirka 340000 Mk. erreicht, die Sammlungen sollen jedoch noch weiter fortgesetzt werden. Das sei ein außer⸗ ordentlich glänzendes Ergebnis, meint Herr Oberbürgermeister Mecum und wohl noch nie⸗ mals sei in Deutschland bei einer ähnlichen Gelegenheit ein solches erzielt worden. Allein der Betrag reiche noch nicht, der Theaterbau allein werde etwa 450000 Mk. kosten. Es sei wahrscheinlich, daß diese Summe ganz aufge⸗ bracht würde und dann hätte die Stadt kaum höhere Zuschüsse zu leisten als dies jetzt schon Nach einer längeren Debatte wird dem Antrage der Finanzdeputation, das Geschenk des Komitees anzunehmen, zugestimmt und den Zeichnern der Dank ausgesprochen. Es wird dann ein Theaterbau in Aussicht genommen. Man erörtert im Weiteren das aufzustellende Programm und stimmt in dieser Beziehung der vor einiger Zeit von einer Ver⸗ sammlung. des Bürgervereins auf Antrag des Herrn Prof. Sommer beschlossenen Resolution zu. Noch im Laufe dieses Jahres soll mit dem Bau begonnen werden, den man bis zum Sommer 1907 zu vollenden hofft. Für Er⸗ ledigung der Vorarbeiten wird eine Kommission gewählt, der außer den Stadtverordneten Hau⸗ bach, Heyligenstädt und Heichelheim noch die Herren Landgerichtsdirektor Bücking, Professor Rien und Bauunternehmer Winn angehören ollen. N Man muß allerdings anerkennen: die frei⸗ willigen Spenden sind reichlich geflossen. Hier handelt es sich aber auch um eine Sache, an der die vermögenderen Leute besonders interessiert sind. Sonst wäre wohl nicht eine so große Opferwilligkeit zu verzeichnen gewesen. Daß 3. B. für den Bergarbeiterstreik aus den Kreisen des hiesigen Bürgertums etwas geleistet worden sei, haben wir nicht gehört. Aufwendungen von Seiten der Stadt für einen Saalbau hielten wir übrigens für besser angebracht, als z. B. für das alte Schloß. ee, — Die Märzfeier der Gießener Ge⸗ nossen findet nicht, wie in voriger Nummer angekündigt war, in Lonys Bierkeller statt, sondern Sonntag Nachmittag ½4 Uhr im Saale des Genossen Wacker in Wieseck. Dr. Quarck⸗Frankfurt wird über die März⸗ Ereignisse von 1848 sprechen. Unsere Gießener Parteifreunde werden ersucht, zahlreich zu er⸗ scheinen, ebenso natürlich die Wiesecker. Wenn sich das Wetter einigermaßen frühlingsmäßig anläßt, so ist ja für die Gießener beste Gelegen⸗ heit für den ersten diesjährigen Familien⸗Aus⸗ flug gegeben.— Der Saal„Lonhs Bierkeller“, in dem die Märzfeier erst abgehalten werden sollte, war, wie sich später herausgestellt hat, bereits vorher anderweit vermietet. Daß der Wirt den Saal verweigert hätte, wie in der Wahlvereimsversammlung angenommen wurde, hat sich als unzutreffend erwiesen. — Die Gießener Maurer halten nächsten Samstag, den 25. März, im„Wiener Hof“ eine allgemeine Versammlung ab. Diese wird sich mit dem Verhalten mehrerer hiesiger Bauunternehmer befassen, welche versuchen, die im Vorjahre zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern getroffenen Vereinbarungen zu durchbrechen. In dem im November abge⸗ schlossenen Vertrage wurden bekanntlich die Mindestlöhne derart festgesetzt, daß vom 1. Jan. 1905 38 Pfg. und vom 1. Jan. 1906 40 Pfg. pro Stunde gezahlt werden sollen. Diese Be⸗ stimmungen, welche regelnd und ordnend auf das Arbeitsverhältnis einwirken, fanden die Zustimmung beider Teile und sollten bis zum 30. April 1908 Gültigkeit haben. Es war ja nicht sehr viel, was die Arbeiter erreichten, aber es bedeutete immerhin eine Besserung der Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen im Maurergewerbe. Trotzdem halten nun verschiedene Unternehmer den Vertrag nicht ein, sondern speisen die Ar⸗ beiter mit geringeren Löhnen ab. Ein Flug⸗ blatt, das unter den Maurern zur Verteilung gelangte, setzt den Sachverhalt eingehend aus⸗ einander und fordert sie mit Recht auf, fest zusammen zu halten, energisch für den Verband zu agitieren und die geringen Opfer nicht zu scheuen, die gebracht werden müssen, wenn man eine Besserung der Lage erreichen wolle. — In der Lohnbewegung der Schneider dürfte es vorausstchtlich zu ernsteren Kämpfen kommen und unsere in voriger Nr. ausgesprochene Hoffnung auf gütliche Beilegung sich nicht erfüllen. Am Dienstag Abend fand eine außerordentlich stark besuchte Schneider⸗ versammlung statt, in der mitgeteilt wurde, daß der von den Gehülfen eingereichte Tarif, der im Vergleich zu den bisher gezahlten Löhnen nur sehr geringe Aufbesserungen aufwies, von den Arbeitgebern abgelehnt wurde, verschiedent⸗ lich waren sogar die Preise von den Arbeit⸗ gebern noch niedriger als bisher angesetzt worden. Daß darauf nicht eingegaugen werden konute, ist ohne Weiteres klar und die Versammlung beschloß daher einstimmig, daß Mittwoch früh gekündigt werden sollte. In Ausführung dieses Beschlusses haben denn auch 80—90 Schneider ihre Kündigung eingereicht. Alle hier beschäftigten Schneider gehören mit nur vereinzelten Ausnahmen dem Verbande an. Im„Gieß. Anz.“ wird in einer Notiz gesagt, daß in den hiesigen„Konfektionsgeschäften“ ge⸗ kündigt worden sei. Das ist unrichtig. Kon⸗ fektionsgeschäfte gibts hier gar nicht, es kommen nur Maßgeschäfte in Betracht.— Bewilligt hat bisher nur das Geschäft von Fischer in der Schulstraße. ck. Weißbinder⸗Versammlung. In der am 11. März im Lokale„Wiener Hof“ stattgefundenen Weißbinder⸗, Maler⸗ und Anstreicher⸗Versammlung, die von mehr als 40 Berufsangehörigen besucht war, sprach an Stelle des verhinderten Kollegen Zimmermann Kollege Knauf⸗Frankfurt über die Lohn⸗ und Arbeits⸗ verhältnisse im Gewerbe in Gießen und unsere Stellung dazu. Er wußte den Anwesenden den Nutzen und die Vorteile einer guten Organisation vor Augen zu führen, und betonte, daß nur vereint eine Besserung hier am Orte zu erringen sei, und der letzte Mann in die Or⸗ ganisation gehöre. Nach eröffneter Diskussion, an der sich verschiedene Kollegen beteiligten, wurde den Aus⸗ führungen des Referenten zugestimmt und zur Ergänzung noch vielfache Mißstände angeführt. Die Löhne wurden durchweg als sehr geringe bezeichnet. Beklagt wurde ferner, daß noch viele Berufsangehörige der Organisation gleichgültig gegenüber stehen. Eine Anzahl traten bei. — Vortrag des Herrn Prof. Stau⸗ dinger. Der Konsumverein Gießen und Umgegend veranstaltet die allgemeine Versamm⸗ lung, die schon neulich in unserem Blatte an⸗ gekündigt war, am Mittwoch, den 22. März im Saale„Zum Einhorn“. In derselben wird Herr Prof. Staudinger⸗Darmstadt einen Vortrag über das Konsumgenossenschafts⸗ wesen halten. Herr Staudinger hat in Gießen schon öfters Vorträge gehalten und steht mit seiner formvollendeten, eindrucksvollen Vortrags⸗ weise in bester Erinnerung. Zu der Versamm⸗ lung hat jedermann Zutritt. Es wird ferner ein kurzer Bericht der Verwaltung des Konsum⸗ vereins über das letzte halbe Geschäftsjahr ge⸗ 2.—— 5 ——————— 5— Falscheids. berger Rechtsanwalt Seyd gegen den früheren Direktor der Molkereigenossenschaft in Niederwöllstadt, Drauth, geben werden. Zahlreicher Besuch wird daher besonders von den Konsumvereins mitgliedern erwartet. f — Den Aufsatz„Ueber das falsche Scham⸗ gefühl“, in dieser und der vorigen Nummer, empfehlen wir unsern Lesern und Leserinnen zur besondern Beachtung. Dabei sei bemerkt, daß der Verfasser desselben nicht zu unserer Partei gehört. Doch sind in dem Artikel die auch von uns in dieser Beziehung vertretenen Anschauungen in vorzüglicher Weise entwickelt. Aus dem Rreise gießen. d. Der Wiesecker Gemeinderat scheint die Gemeindeangehörigen nach verschiedenen Grundsätzen zu behandeln. Für die Benutzung des Leichenwagens bei der Beerdigung des kurz nach Weihnachten in der Gießener Klinik verstorbenen Schreiners Wolf sollen jetzt noch 4 Mk. 80 Pfg. gefordert werden, wie der Gemeinderat beschlossen hat. diese Forderung erhoben werden kann, da doch die Beerdigungen in Wieseck von der Gemeinde unentgeltlich ausgeführt werden und für den Leichenwagen niemals etwas bezahlt wurde. Die übrigen bei der Beerdigung Wolfs erwachsenen Kosten hat der Wiesecker Wahlverein und der Holzarbeiterverband bereitwillig und freiwillig übernommen, um ihrem Mitgliede ein anständiges Be⸗ gräbnis zu bereiten. Wem will man aber nun nach⸗ träglich die Rechnung für den Leichenwagen präsentieren? Es ist doch schließlich niemand da, der zur Zahlung verpflichtet wäre. Jedenfalls wäre Aufklärung darüber am Platze, warum in diesem Falle anders wie sonst verfahren wird, — In Rödgen sprach am Sonntag Genosse Vetters⸗Gießen über:„Politische Tagesfragen“ in gut besuchter Versammlung. Er wies hen auf die Kriegs⸗ greuel und die Massenschlächtereien in Ostasien, die so recht den Wahnsinn der Völkerkriege vor Augen führten. Auch die Zwecklosigkeit der Flottenpolitik könne an mehreren Beispielen aus diesem Kriege nachgewiesen werden. Weiter kam der Redner auf die inneren Zu⸗ stände Rußlands zu sprechen, das stets Stützpunkt der Reaktion gewesen set. Die deutsche Regierung unter⸗ stütze aber die russische Politik und hindere damit die Befreiungsbestrebungen der unter der Knutenherrschaft seufzenden Völker. Redner kam dann auf den Berg⸗ arbeiterkampf zu sprechen, dessen Ursache er darlegte. Zu den hesstschen Angelegenheiten übergehend, kritisterte er das Verhalten der Landtagsmehrheit, die die Ent⸗ scheidung über das Landtagswahlgesetz nun schon jahre⸗ lang hinausgezogen habe. Viele Abgeordnete seien ver⸗ kappte Feinde des direkten Wahlrechts, das fast jeder Staatsbürger eingeführt wissen wolle. müsse sich aber diese Herren merken, die zum Volks⸗ vertreter ungeeignet seien. Zum Schluß besprach Redner noch die wesentlichsten Bestimmungen des neuen Land? gemeindeordnungs⸗ Entwurfes. — Tabakarbeiter⸗Versammlungen l finden, worauf nochmals aufmerksam gemacht ser, diesen Sonntag, 19. März in Heuchelheim im Lokale Aug. Rinn, nachmittags ½ 4 Uhr, und in Wieseck im Lokale Ziegler abends 8 Uhr statt.— Ferner ist eine solche auf Donnerstag, den 23. März, abends in Steinberg im Saale„zum prünen Baum“ anberaumt. In letzterer wird Genosse Deichmann⸗Bremen sprechen. Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen. Das Volk — Ein Prozeß, der ein Nachspiel zu dem 1899 erfolgten Zusammenbruche der Niederwöllstädter Molkerei⸗ genossenschaft darstellt, spielte sich am Dienstag vor der Gießener Strafkammer ab. Angeklogt war der Spengler⸗ meister Kürschner aus Niederwöllstadt wegen fahrlässigen Er sollte in einem Prozesse, den der Fried⸗ Seyd's früherem Mandanten, hatte, unwahre Aussagen gemacht und sie beschworen haben. Der Angeklagte wurde freigesprochen. jedoch wieder eingestellt worden. anhängigen Sache zu veranlassen, also zu bestechen. Als später Seyd von Drauth erfuhr, daß dieser den Betrag in sein Kassenbuch eingetragen habe, hätte er ausgerufen? „Mensch, wir fliegen ja alle beide ins Loch, verbrennen Seyd Trotz eindringlicher Ermahnungen des Vorsitzenden, der den beiden Zeugen Sie das Buch!“ Das habe er auch getan. bestritt diese Angaben durchaus. Das Interesse der bis Abends 8 Uhr andauernden Verhandlung drehte sich weniger un den Angeklagten, als vielmehr um den als Zeuge auf: tretenden Rechtsanwalt Seyd. Von diesem sagte nämlich der Zeuge Drauth aus: Kurz nach dem Zusammenbruch der Molkereigenossenschaft(1899) war gegen ihn(Drauth) ein Verfahren wegen Unterschlagung eingeleitet, später Seyd, dem er die Verteidigung übertragen hatte, verlangte von ihm drei⸗ tausend Mark und erhielt sie auch, um damit, wie Seyd gesagt habe, den Staatsanwalt und noch einige Justizpersonen zur Niederschlagung der gegen Drauth Man begreift nicht, wie 1 ä— —''. 7. 12. — haher sedern cham⸗ ume, nen erkt, Userer el de etenen sckelt, nt die hen z 8 bei in det pollen de der 0 wie ch die geltlich siemals digung berein elwilig ed Be⸗ uach ttletenk gahlung darüber le sonst Genosse iu gut Kriegs⸗ die so führten. ine an sewiesen en Zu⸗ nlt det unter⸗ mit die rschast Berg⸗ te. Zu siisterte e Eul⸗ 1Johre⸗ en ber⸗ st jedet J Voll Volks⸗ Redner 1 Land⸗ ingen „ diesen Oulale Ziese. Ferne ends in udn. rechen. en. u 1899 sollerel⸗ bor det pengler⸗ täten, 1 Heid, Ohrektol, Drauth, lubsagel Igel beds 5 ger 0 e alle 15 nubuch „ ie 8 dee 65 2 r — — 7 1 Nr. 12. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. erklarte, daß unbedingt etner von ihnen einen wissent lichen Meineld leiste und ihnen reichlich Bedenkzeit ließ, beharrten Beide auf ihren sich direkt widersprechen⸗ den Aussagen und beschworen sie. Möglicherweise zieht die Sache noch weitere Folgen nach sich. Von Interesse ist es noch, daß Seyd seinem früheren Klient n Drauth eine Hypothek von 60 000 Mark beschaffte, wofür er nicht weniger als 537 Mark Kosten verrechnete! Diese Praktiken riefen in dem meist von Juristen besetzten Zuhörerraume bedenkliches Kopsschütteln hervor. Aus dem Odenwald. 2. Märzfeier in Erbach i. Q. In der am Samstog im Lokale zur Sonne stattgefundenen Partei⸗ versammlung wurde beschlossen, eine Märzfeier am Sonntag, den 19. März, von abends 8 Uhr ab im gleichen Lokale abzuhalten. Dazu hat Genosse Sparr⸗ Darmstadt das Referat übernommen, das er„Gedenket der Märzgefallenen“ betitelt hat. Der Arbeitergesang⸗ verein„Vorwärts“ hat sich bereit erklärt, die Feler durch Gesangsvorträge verschönern zu helfen. Wir er⸗ suchen die Parteigenossen von Erbach und Umgegend für einen recht guten Besuch der Feier zu wirken. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Versammlung in Gleiberg. Wir machen nochmals auf die am Sonntag im Saale des Herrn Feußer in Gleiberg stattfindende Volksversammlung aufmerksam und ersuchen die Parteifreunde, recht zahl⸗ reich zu erscheinen. Das gilt besonders auch für die Wetzlarer. Die Versammlung ist als Märzfeier gedacht, Dittmann⸗Frankfurt wird über:„Revolutionen einst und jetzt“ sprechen. Im Weiteren soll aber in dieser Versammlung endlich die Gründung einer Partei⸗ organisation für unsern Wahlkreis kommen. Die ist bekanntlich schon sehr lange in Vorbereitung, nun ist aber alles soweit geregelt, daß es nur noch eines Be⸗ schlusses über die Statuten, die vorliegen, bedarf. h. Ein„städtischer Wahl verein“ hat sich in Wetzlar gebildet. Nach den Statuten will er sich be⸗ sonders mit den städtischen Angelegenheiten und Wahlen befassen. Weiter heißt es in 8 1:„Die Erörterung allgemeiner politischer Fragen bleibt ausgeschlossen, unter der Maßgabe jedoch, daß der Verein sich von vornherein auf den Boden der bestehenden Staats- und Gesell⸗ schaftsordnung stellt.“ Mit andern Worten heißt das: politisch find wir nicht, aber reaktionär— genau wie die„unparleiischen“ Blätter. So fest gedenkt man an der heutigen Staatsordnung zu halten, daß sogar bei Aufstellung der Stadtverordneten⸗Kandidaten in der Versammlung die einzelnen Klassen gesondert abstimmen sollen, damit die geheiligten Klassenunterschiede hübsch gewahrt bleiben. Vom Zahlen scheinen die Herren vom provisorischen Vorstand auch keine Freunde zu sein, denn sie haben den jährlichen Beitrag auf ganze 50 Pfennig festgesetzt. Westerwasd und AUnterlahn. V. Eine Parteikonferenz für den 4. nass. Wahlkreis fand am Sonntag in Niedershausen statt. Auf der Tagesordnung stand der Kassen- und Situationsbericht vom letzten Jahre. Der Kassenbericht veczeichnete an Einnahme 276.25 Mark, Ausgabe 224.63 Mark und Kassenbestand 51.62 Mark. Genosse Noin berichtet über die allgemeine Bewegung. Im Wanzen fanden 11 von uns veranstaltete öffentliche Versammlungen statt; leider standen uns dazu nur im Amt Weilburg passende Lokale zur Verfügung. In dem übrigen, dem größten Teile des Wahlkreises, konnte die Agitation nur durch Verbreitung von Schriften betrieben werden. In der Diskussion wurden die Verhöltnisse in den ländlichen Gemeindevertretungen und anderen öffent⸗ lichen Körperschaften besonders scharf aufs Korn ge⸗ nommen, und die Genossen ernstlich ermahnt, von ihren öffentlichen Rechten den weitgehendsten Gebrauch zu machen.— Zur nächsten Provinzialkonferenz wurden die Genossen Zimmermann⸗Niedershausen und Noin⸗ Odersbach als Delegierte gewählt. Dann wurde noch beschlossen, im Monat Mai eine Schillerfeier zu ver⸗ anstalten. * Die Beleidigungsklage des Herrn Direktor Vahlensieck von der Grube „Constanze“ bei Langenaubach gegen den Genossen Vetter s⸗Gießen als verantwort⸗ lichen Redakteur der„Mittel deutschen Sonntags- Zeitung“ wurde am Freitag vor dem Schöffen ⸗ gerichte in Gießen verhandelt. Die Klage richtet sich gegen mehrere in der Mitteld. Sonntags⸗ Zeitung(Nr. 52 1904, Nr. 1, 2 und 4 1905) veröffentlichte Artikel, die sich mit den Zuständen auf der Grube beschäftigen. Nach längerer Verhandlung schlossen die Parteien folgenden Vergleich: „Der Angellagte erklärt: daß es nicht in seiner Ab⸗ sicht gelegen habe, den Privatkläger zu beleidigen und daß, nach der in der heutigen Verhandlung gegebenen eie Auftlarung er zu der Meinung gelangt ist, daß den Arbeitern für Dynamit in der Tat nur der Einkaufs. preis vom Privatkläger in Rechnung gesetzt worden ist, demnach keine Rede davon sein kann, daß dieselben durch Mehrberechnung an ihrem Lohn geprellt worden seien und ferner, daß nach der von dem Herrn Bürgermeister von Langenaubach im heutigen Termin(10. März 1905) abgegebenen Erklärung der bestandene Verdacht der Ge⸗ meinde, es seien ihr unrichtige Gewichtsangaben gemacht worden, sich als nicht begründet erwiesen habe. Der Angeklagte erklärt ferner, daß die vorerwähnt gebrachten Angaben auf unrichtigen Informationen seines Gewährsmannes beruhten und daß er bedauert, infolge dieser unrichtigen Informationen die unrichtigen Angaben veröffentlicht zu haben. Der Angeklagte verpflichtet sich, die vorstehende Er⸗ klärung in der nächsten Nummer der Mitteldeutschen SonntagsZeitung an geeigneter Stelle bekannt zu machen. Angeklagter übernimmt die Kosten des Verfahrens, einschließlich der dem Privatkläger erwachsenen notwen⸗ digen Auslagen. Vorgelesen und genehmigt. gez. Gebhardt, Geh. Justizrat. Für die Abschrift: Bühner, Aktuar. Dazu möchten wir kurz bemerken, daß wir den Vorwurf des Betrugs nicht erhoben haben und nicht erheben wollten. Unsere tat⸗ sächlichen Behauptungen haben sich als richtig herausgestellt. Uebrigens wollen wir selbstverständlich niemand beleidigen, sondern find nur bestrebt, durch unsere Krittk bestehende Mißstände beseitigen zu helfen. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. 1. In der letzten Sitzung der Stadtver⸗ ordneten wünschten einige Herren, daß die Sitzungen abends 6 Uhr beginnen möchten und alle 14 Tage eine abgehalten werden sollte. Dies wurde jedoch ab⸗ gelehnt und es bleibt bei dem bisherigen Sitzungsbeginn 5 Uhr nachmittags. Ein späterer Beginn wäre insofern für die Arbeiter besser gewesen, als sie dann hier und da die Möglichkeit gehabt hätten, der Sitzung als Zu⸗ hörer beizuwohnen. Dies war wohl auch ein Grund mit für die Ablehnung.— Im weiteren Verlaufe der Sitzung wird eine Mitteilung des Landratsamts zur Kenntnis gebracht, in welcher die Anlage eines Bürger⸗ steigs zwischen der Schützenpfuhlbrücke und dem Süd⸗ bahnhofe verlangt wird, mit Rücksicht auf die bevor⸗ stehende Eröffnung der Bahn Marburg ⸗Dreihausen. Der Sache stellen sich Schwlerigkeiten entgegen, weil ver⸗ schiedene Anlieger sich weigern, das nötige Gelände her⸗ zugeben. Die Sache wird deshalb an die Baukommisston zurückverwiesen. Schade wäre es, wenn die vielen Bäume beseitigt würden, die der Straße einen besonderen Reiz geben.— Die Löhne der Holzmacher in den städtischen Waldungen müssen so niedrig sein, daß sich kein Holzmacher mehr findet. Es wurde daher beschlossen, etwas zuzulegen.— Des Weiteren hatte der Minister verfügt, daß die überfüllten Klassen der gewerblichen Fortbildungsschule geteilt werden sollten. Einer dem⸗ entsprechenden Vorlage wurde zugestimmt. r. Vom Fortbildungsverein. Ein Mitglied des Marburger Fortbildungsverein teilt uns folgendes mit der Bitte um Veröffentlichung mit: Eine auffällige Erscheinung in den letzten Jahren im Fortbildungs verein ist die, daß sich die Marburger Arbeiterschaft fast gar⸗ nicht um den Verein kümwert. Erkundigt man sich nach dem Grunde, so erhält man regelmäßig zur Antwort, daß der Verein ein Fortbildungsverein im wahren Sinne nicht mehr set. Bei allen möglichen patriotischen Kund⸗ gebungen wirke er mit, auf seinen Festen geht's nicht ohne verschiedene Kaiserhochs ab, um die„gute Gesinnung“ zu bekunden. Dadurch drückt er sich den Stempel einer bestimmten politischen Richtung auf, was für einen solchen Verein stets nachteilig wirkt, weil es immer einen Teil der Mitglieder abstoßen wird. Deshalb bleiben auch die Arbeiter dem Verein fern, obwohl sie seine Einrichtungen zu schätzen wissen. Ohne Zweifel würden sie sofort bereit sein, den Verein durch zahlreichen Beitritt zu unterstützen, wenn eine Aenderung im Sinne der hier geübten Kritik eintreten würde. . Auf die Parteiversammlung(März⸗ feler) im Jesberg'schen Lokale, Samstag, den 18. März, set nochmals aufmerksam gemacht. Zahlreicher Besuch wird erwartet. r. Der Arbeiter⸗Gesangverein„Eintracht“ in Marburg begeht diesen Sonntag, den 19. März, sein Fastnachtskränzchen im Restaurant Hildemann, wozu Gäste willkommen sind. Für gute Unterhaltung ist gesorgt. Anfang abends 8 Uhr. r. Vorsicht muß gegenüber Arbeitsangeboten empfohlen werden, die von Seiten des Arbeitgebervereins in Altena(Westphalen) im Inseratenteile hiesiger Zeitungen gemacht werden. Für dortige Fabriken werden männliche, weibliche und jugendliche Arbeiter gesucht. Wie auf Anfrage von dort mitgeteilt wird, sind die Verhaltnisse so wenig verlockend, daß den Arbeitern nicht geraten werden kann auf jene Angebote einzugehen. Aus dem Gerichtssaale. „Zum goldenen Engel“ in Fried⸗ berg. Der Wirt dieses Gasthauses mit dem schönen Namen hatte sich am Freitag vor der Gießener Strafkammer zu verantworten. Er hatte Frankfurter„Damen“ Aufnahme gewährt, die in seinem Gasthause ihr horizontales Ge⸗ werbe frei ausübten. Davon wollte der Wirt nichts gewußt haben, doch glaubt das Gericht seiner Angabe nicht und verurteilt ihn wegen Kuppelei zu vier Monaten Gefängnis.— Aus Haß hatte die 24jährige Arbeiterin Reuß von Erbach i. O. gegen eine Mit⸗ arbeiterin ausgesagt und beschworen, die Mit⸗ arbeiterin habe eine dritte Arbeiterin mit einem Topf auf den Kopf geschlagen, obwohl sie von dem Vorfall gar nichts gesehen hatte. Vor dem Schwurgericht in Darmstadt gestand sie die falsche Zeugenaussage ein und wurde zur Mindeststrafe von 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. — Dasselbe Gericht verurteilte den Fabrik⸗ arbeiter Vehmeter zu sechs Jahren Zucht⸗ haus, weil er eine polnische Arbeiterin, die seine Liebeswerbungen abgelehnt hatte, über⸗ fallen und mit Messerstichen furchtbar zugerichtet hatte, daß sie in Lebens gesahr schwebte. Versammlungskalender. Samstag, den 18. März. Gießen. Holzarbeiter. Nachmittags 6 ⅛ Uhr öffentliche Versammlung bet Löb(Wiener Hof). — Metallarbeiter. Abends 8 Uhr Ver⸗ sammlung bet Orbig. g Steinberg. Wahlvezein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Lokale zur„Stadt Gießen“. T.⸗O.: 1. Der 18. März; 2. Verschiedenes. Die Genossen von Watzenborn sind eingeladen. Zahlreich er⸗ scheinen! Montag, den 20. März. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Or big. Dienstag, den 21. März. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Abends 9 Uhr Für die streikenden Bergarbeiter gingen noch folgende Beträge ein: Bei dem Gewerkschaftskartell: Buchdrucker(2. Rate) Mk. 24,10; Liste 31(Glaser) 8,60; L.—,50; L. 54 , 40; L. 56 6,60; L. 69 2,50; L. 80—,80; L. 98—,30. Bel A. Fauth in Wetzlar; Liste 0778 Mk, 4,20 (R.); L. 1612 14,90(F.), darunter Extrabeitrug von den organisierten Schneidern 7,20. Dem Inhaber der Liste Nr. 0758 ist diese angeblich verloren gegangen, ohne daß etwas darauf gezeichnet war. Er wird hiermit aufgefordert, dies mit Namens⸗ unterschrift zu beschelnigen, andernfalls müssen wir seinen Namen in der M. S.⸗Ztg. veröffentlichen. Briefkasten. r.⸗Stog. Wir müssen die Aufnahme der Einsen⸗ dung ablehnen. Sie ist zu persönlich gehalten und durchaus nicht von allgemeinem Interesse. Der Maun würde sich ja wer weiß was einbilden, wenn wir ihm solche Beachtung schenkten. Lassen Sie das räudige Schaaf laufen. Geschäftliches. Das Erscheinen neuer Kartoffeln auf dem Familien⸗ tisch oder der Gasthofslafel ist jedesmal ein Ereignis, dem entsprechende Würdigung entgegen gebracht wird. — Sie findet ihren Ausdruck in der während der Monate Junt und Juli oft gehörten Frage:„Haben Sie schon neue Kartoffeln gegessen?“— Daher halten Landwirte und Feldbesitzer, denen es um den schönen, durch Frühkartoffeln zu erzielenden Gewinn zu tun ist, schon jetzt Umschau nach einer Saatkartoffel, die neben großer Ertragsfähigkeit, lieblichem Geschmack und guter Bekömmlichkeit auch Garantie für baldige Reife bietet. Alle diese Eigenschaften vereinigen sich in hervorragendem Maße in der von der Firma Rudolf Büchner in Erfurt angebotenen Frühkartoffel„Erstling“ „Erstling“ ist sehr widerstandsfähig gegen Nässe, gelb⸗ fleischig, mehlig und liefert schon vor Mitte Juni schöne große Knollen von seltenem Wohlgeschmack bei außerordentlich hohem Quantum. Der Versand von „Erstling“ hat begonnen. Die Bestellungen werden der Reihenfolge der Eingänge nach effektuiert. — — 7 — — — —— Seite 6. Mitteldentsche Sonutaas⸗Zeitung. Nr. 12. von Nah und Lern. Durch einen Gerüsteinsturz am Neubau des Landeshauses in Wies baden wurden am Freitag zwei Männer getötet, die zu derselben Zeit vorüber gingen. Die Erschlagenen sind der Rentner Petz und Post⸗ sekretär Chelius a. D. Zum Glück wurde auf dem offenbar schlecht gebauten Gerüst nicht gearbeitet, soust wäre das Unglück noch viel größer. Gebrochene Ordnungsstützen. Die Strafkammer in Memmingen Gayern) verurteilte den früheren katholischen Pfarrer Küble von Illereichen wegen eines Sittlichkeitsverbrechens an einer Minderjährigen, eines Amtsverbrechens, eines Betrugs und einer Unterschlagung zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust. Küble hat mehrere Tausend Mark Kirchenstiftungsgelder veruntreut. — In Glatz wurde der frühere Amtsanwalt und Rittmeister der Landwehr Ernst Müller aus Charlottenburg wegen Betrugs, verübt im vergangenen Sommer im Badeort Kudowa, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.— Rechts⸗ anwalt Carthaus, der vor kurzem von Duis⸗ burg nach Münster verzog, wurde auf Veran⸗ lassung der Duisburger Staatsanwaltschaft wegen großer Unterschlagungen von Mündelgeldern verhaftet. Ueber das falsche Schamgefühl. Eine zeitgemäße Betrachtung, zugleich ein Mahnwort an die Arbeiter und deren Familien. (Fortsetzung aus voriger Nr.) Geschichtlich steht diesbezüglich Folgendes fest: Bekanntlich betrachteten die Völker des Altertums: die Aegypter, Juden, Phoenicler, vor allem die Griechen und Römer, die Ge⸗ schlechtsorgane des Menschen als eine ganz natürliche und höchstwichtige Einrichtung im Bau des menschlichen Körpers. Erst das aske⸗ tische Christentum führte darin eine plötzliche Aenderung herbei: die Fleischeslust nicht nur, sondern der gesamte Körper des Menschen wurde als etwas Sündhaftes angesehen im Gegensatz zu Geist und Seele; diese beiden, so wurde gelehrt, werden nur dann der höchsten Gnade Gottes teilhaftig, wenn sie alle Fesseln der körperlichen Lebensbetät'gung von sich abgestreift haben. Im Wandel der Jahrhunderte hat sich diese Auffassung zwar erheblich geändert, aber gerade auf dem geschlechtlichen Gebiete findet sie auch heute noch zahlreiche Anhänger. Der spezielle Beweggrund dafür ist der,„daß der Mißbrauch der geschlechtlichen Werkzeuge und ihrer Betätigung(Ausschweifungen und dadurch Krankheiten) mit ihrer ursprünglichen Be⸗ stimmung(Fortpflanzung lebensfrischer Generationen) verwechselt wird. Und diese unnatürliche und deshalb widerliche Anschauung kommt, wie schon zwei Jahrtausende zuvor, daher, daß wir noch nicht gelernt haben, uns liebevoll in die Natur, d. h. in das Wahre der Dinge zu verfenken, weil sie uns schon frühzeitig verdeckt wird! Wie barbarisch, aber auch wie lächerlich! Denn, um wieder zu unserem engeren Beispiel zurückzukehren, die Geschlechtsteile sind nun einmal keineswegs bloße Dekorationsstücke am und im menschlichen Körper; sie sind im Gegenteil höchst lebens⸗ wichtige Organe, deren ungeheure Bedeutung in der Schaffung neuer Lebewesen liegt. Und dieser große Wert wird schon dem gewöhn⸗ lichsten Menschen deutlich, wenn jene Teile entweder selbst erkranken oder indirekt unter anderen Krankheiten zu leiden haben. Schon frühzeitig ändern sie mächtig die gesamte körper⸗ liche und geistige Beschaffenheit des Einzelnen; sie sind es, mit deren Veränderung im Entwickelungsalter eine enorme Steigerung der gesamten Lebens⸗ betätigung Platz greift. Und diese wichtigen Organe der Kinder verbirgt man ängstlich vor den Augen der anderen Kleinen! Darum: Ehrfurcht vor der Nacktheit, denn der menschliche Körper, nicht sein Kleid, ist das vollkommenste Gebilde im ge⸗ samten Tierreiche. Wie aber gewinnen wir diese Ehrfurcht? Dann, wenn die Eltern selbst durchdrungen sind von der hohen Bestimmung des menschlichen Körpers, wenn sie diesen als ein herrliches Werk im weiten Reiche der Natur betrachten“); erst dann werden sie reinen Sinnes auch die Betrachtung der Geschlechtsgegend ihren Kindern nicht mehr vorenthalten. 8 Sodann muß auf diesem wichtigen Gebiete die Schule so früh wie möglich eingreifen: der modernen Gesundheitslehre(Hygiene) ist ein breiter Raum im Unterricht zu gewähren, eine schon längst von Vielen aufgestellte Forde⸗ rung. Innerhalb dieser Disziplin(Unterrichts⸗ gegenstand) hat die Jugend, wie sich aus dem Vorhergehenden ergibt, durchaus ein Recht auf völlige Aufklärung, besonders auch in geschlechtlicher Beziehung. Mit Zweifeln und Kopfschütteln ist da nichts zu machen; Schaden kann eine richtige Aufklärung der schon im Elternhause darauf hin vor⸗ bereiteten Jugend nie und nimmer bringen. Mucker und Heuchler nehmen natürlich Anstoß daran, denn sie sind schon stttlich(und oft genug auch körperlich) ange⸗ fault, sonst könnte ja die einfache Betrachtung der edelsten Teile des menschlichen Körpers nicht schon ihr Mißfallen und ihren Zorn erregen! „Wahrheit schon den Kindern früh⸗ zeitig bringen“, so muß endlich einmal die Devise lauten! Das schließt selbstverständlich eine durchaus getreue Naturbeschreibung im Unterricht in sich. Denn mit Natur⸗ wissenschaft kann man die jungen Kinder noch nicht beschweren. Wohl aber ist man im Stande, die Geschlechtsteile und ihre Bedeutung ohne die viel gefürchtete„Unstttlichkeit“ sehr bequem den Kindern dadurch deutlich zu machen, daß man sie, wie andere Dinge, dem Verständnis der Kleinen entsprechend, betrachten lehrt: Tiere, Pflanzen, Wald, Feld, Luft und Wasser und tausend andere Dinge der Natur bieten zahlreiche Beispiele gerade für dieses so sehr mit schlüpfrigem Behagen gefürchtete Gebiet. Hand in Hand mit den Lehrern müssen die Eltern der Kinder gehen; sie überliefern dem Lehrer nur dann ein recht brauchbares Menschen material, wenn sie ihre Sprößlinge vor falscher Fragestellung an die Natur be⸗ wahren; mit beiden Augen hell hineinschauen in deren Wunderwerk, das allein schafft gesunde Kraft. Hierbei ist die Gewöhnung alles; gerade sie läßt irgend eine sinnliche Neigung beim einfachen Betrachten des nackten Körpers gar nicht erst aufkommen. Darum: Ar⸗ beiter, Frauen und Kinder! Schämt Euch nicht 179 0 Körpers, denn ihr habt keinen Grund azu. Und wenn Euch die Natur recht vertraut und teuer geworden ist, dann werdet auch Ihr nicht mehr achtlos an den erhabenen künstleri⸗ schen Nachbildungen des nackten Menschenleibes vorübergehen; dann werdet Ihr mit Inbrunst empfinden, daß die griechischen Künstler wie Rafael Sanzio, Lionardo da Vinzi, Tizian, Rubens, Böcklin und viele die neueren: Andere Ewiges geleistet haben, denn die griechischen Künstler bildeten als erste in un⸗ übertroffener Meisterschaft den menschlichen Körper in allen seinen Formen nach, und bei den späteren Künstlern brachte erst die Dar⸗ 91755 des Nackten ihre Phantasie zu höchster üte. And eine noch weitere Perspektive eröffnet sich dem aufmerksamen Betrachter; ste ist die gedankliche Fortsetzung zu dem anfangs Gesagten. Denn während ich dort behauptete, geistige, sittliche und künstlerische Angelegenheiten hätten an sich keinerlei Beziehung zu dem Streben nach höherer sozialer Stellung, nach besserem wirtschaftlichen Fortkommen, erweitere ich diesen Satz jetzt dahin: Gerade die innige Bekannt⸗ schaft mit der Allmutter Natur gibt unserem Leben, gibt unserer Arbeit einen steten Ansporn ) Dazu gehört, daß sie sich tief und liebevoll auch in die Natur ihrer eigenen Kinder versenken und sie zu verstehen suchen. zur Vervollkommnung; um diese zu erreichen, dazu bedarf es aber einer immer stärkeren Ausbreitung wahrhaft freiheitlicher Ein⸗ richtungen; denn der alte Satz bewahrheitet sich auch hier: Eine gesteigerte, geistig⸗ künstlerische Produktivität ist nur auf dem Wege besserer, soztaler Lebensstellung der Gesamtheit erreichbar. Möge deshalb der vorliegende Aufsatz ein Weckruf für alle diejenigen sein, die noch im Banne des falschen Schamgefühls befangen, die Zeichen der neuen Zeit geistig⸗ sittlichen Edeltums nicht kennen. Hier ist der Platz, auf welchem die Arbeiterschaft von innen her⸗ aus sich selbst aller elenden Geistesfesseln ent⸗ ledigen kann; hier kann sie erfolgreich, ein leuchtendes Beispiel gebend, mit aufrichten helfen die schönen, leider noch gar zu geringen Ban⸗ steine zum Tempel einer tapfer fortschreitenden, freiheitlichen Kultur. —— L Im März. Und wieder ließ zerfließen Die Sonne Eis und Schnee Im Hauch des Märzen sprießen Nun wieder Gras und Klee. Die warmen Winde wehen Nun wärmend durch die Flur Su frohem Auferstehen Geweckt ist die Natur. Den Sieg schon im Gefilde Der Stürmer März gewann, Verjagt nun ist der Wilde, Der Winter, der Tyrann. Frei ziehen nun die Quellen, Frei sproßt nun Feld und Wald, Es regt an allen Stellen Sich Leben mannigfalt. And wieder schwellt ein Schlagen Voll Wut des Volkes Herz, 6 Ein Hauch ans fernen Tagen, Ein Hauch vom großen März. Von jenem Märzgebraufe, Das neue Seit verhieß Und aus so manchem Hause Stickluft und Moder blies.— Des Volkes Kinder wallen Su stillen Gräbern hin: Die einst im März gefallen Ehrt dankbar Volkessinn. Sehntausende für einen, Der damals sank im Tod! Die Streiter nun sich einen Um ihres Banners Rot. Der März mit frischem Kranze Schmückt treu der Hügel Grün, Und rings im Sonnenglanze, Welch Sprießen, welch ein Blühn! Alfred Riedel. Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 15 Seinen Als Rosalie sechzehn Lenze zählte, hielt Meister Adersen mit seinem Gespons eines Abends eine vertrauliche Zwiesprach in der ehelichen Schlafkammer. Er wollte nicht, daß das Kind noch länger die Kunden in dem Laden bediente. Es kämen seit einiger Zeit allerhand Leute in den Laden, die wohl nach etwas Anderem Verlangen trügen als nach seinen Kuchen. „Freilich, ein hübsches Mädel ist ste geworden,“ gab Frau Karoline mit heimlichem Stolze zu. „Aber ich bin ja immer dabei oder passe von der Stube aus durch das Fenster auf.“ „Du „Eben darum,“ orakelte der Gatte. solltest Dir jetzt auch mehr Ruh' gönnen, Alte; wir haben's ja bazu. Wir stellen vom Ersten 1 * ——ů 1 1 10 1 3 Ia — = 2 — . Nr. 12. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeiung. Seite 7. an ein Ladenfraulein ein. Aufpassen taunst Du ja auch auf die und wirst's von der Stube aus.“ „Und das Kind? Was soll's nachher in der vielen freien Zeit anstellen? Denn die Wirtschaft lasse ich mir nicht aus der Hand nehmen.“ Der Meister schwieg und schnaufte eine Weile, als sammelte er seine Kräfte.„Na, die wird ja wohl eines Tages heiraten. Hübsch ist ja die Mamsell. Aber ein Handwerker kriegt ste nicht. Hand weg vom Kuchen! Dazu ist sie mir zu schad'. Und darum soll sie ihre Zeit jetzt dazu anwenden, um Bildung zu lernen.“ Seiner Frau blieb der Atem aus vor Staunen.„Aber wir können unser Kind jetzt doch nicht noch'mal in die Schule schicken,“ ernannte sich Frau Karoline endlich. „Ist auch nicht nötig. Es gibt schon Lehrer, so Hungerleider, welche das Geschäft für fünfzig Pfennige die Stunde besorgen.“ „Ich versteh's nicht, wozu das sein soll,“ meinte die Gattin.„Wir sind ja selbst un⸗ gebildete Leute.“ „Wir brauchen's auch nicht,“ belehrte er sie. „Wir haben's Geld, und wer reich ist, der ist auch gebildet.“ „Aber,“ wandte die Meisterin ein,„aber „Just darum,“ gab er abermals zur Ant⸗ wort.„Und nanu wollen wir schlafen.“ Damit drehte er sich der Wand zu und begann einige Minuten später wie eine Orgel zu schnarchen. Seine Frau lag noch lange wach und »grübelte über den Widerspruch in den Worten ihres Mannes. Die Bildung blieb auf der Bahn ihrer Gedanken der Stein des Anstoßes. Ein wackerer Handwerker wäre ihr der liebste Schwiegersohn gewesen. Aber das hatte ja noch lange Zeit. Mit dem Heiraten vielleicht; aber nicht mit der Bildung. Rosalie war kaum minder be⸗ troffen, als die Mutter, wie sie von den hoch⸗ fliegenden Plänen des Vaters erfuhr. Wenn jetzt nur ihr Freund und Vetter, Otto Lebrecht, sich hätte blicken lassen! Wenn er vielleicht auch keinen Rat wußte, so konnte man mit ihm sich doch das Herz leichter reden. Und siehe! Als ob ihr Verlangen in die Ferne gewirkt hätte, so stellte er sich noch an demselben Abend ein. Meister Adersen war zum Glück nicht zu Hause. Schon seit Jahren war er Stammgast in der Bierhalle zum Prinzregenten, wohin er sich jeden Abend, mit Ausnahme des Sonntags, um 6 Uhr begab und regelmäßig um 8 Uhr in den Schoß der Familie zurückkehrte. Humoristisches. Ein Ausweg. Schulze: Der arme Pückler! Juden dreschen darf er nicht, Getreide dreschen mag er nicht— und nun wird ihm in den Versammlungen auch noch das Zungen dreschen verboten! Müller: So mag er in den Kneipen Skat dreschen, wenn durchaus gedroschen werden muß! Das verbietet ihm niemand. Ein räudiges Schaf. A.: Warum isteldenn der Gendarm Gutmann von seinem Posten geflogen? Das war doch ein ganz pflichttreuer. humaner Beamter. — B.: Ja— das ist's eben! Zu human war er! Denken Sie nur— der Kerl hat während des ganzen Ruhrstreiks nicht einen einzigen Arbeiter arretiert oder zur Anzeige gebracht!— A.: So eine Kanaille! Ja — da konnte er freilich nicht mehr bleiben! (Südd. Postill.) Litterarisches. Die Hohenzollern⸗Legende. Unter diesem Titel erscheint bei der Buchhandlung Vorwärts in Berlin demnächst ein neues Lieferungswerk. Das Werk bringt Kulturbilder aus der preußischen Geschichte vom 12. bis 20. Jahrhundert mit ovielen Illustrationen. Es erscheint in 50 Lieferungen, Heft 1 gelangt am 1. April zur unser Kind kriegt doch einmal von uns Alles, (Fortsetzung folgt.) was wir haben. 5 Ausgabe. Bestellungen können schon jetzt bei den Partei⸗ buchhandlungen gemacht werden. —— Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 D T Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Petroleum⸗ u. Gaskocher Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Fleischhack- u. Reibemasch. Rasenmäher Waagen und Gewichte Dr. Kleins Fleischsaftpresse Stehleitern Messerputzmaschinen Pferdeschoner Ferd. Nennstiel Ciessen, Mauchs lu. 8. Lager in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert und lackiert Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Letu• Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung. 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Interessenten, besonders Frauen, sind freundlichst eingeladen Der Vorstand. Sozialdemokratische Partei Gießen Sountag, den 19. März, nachmittags 4 Ahr im Saale des Gamb inus(B. Wacker) in Wieseck. % März⸗Feier s Vortrag des Genossen Dr. Quarck⸗Frankfurt über: Die März⸗ Revolution von 1.43. Gesangsvorträge des Gesang⸗Vereins „Eintracht“ ⸗Gießen, Deklamationen. Wir ersuchen die Gießener und Wiesecker Parteifreunde sich 1 recht zahlreich einzufinden. Der Vorstand des Wahlvereins. MARRU RG! MARBURUI Samstag, den 18. März abends 9 Uhr: Oeffentliche Parteiversammlung im Jesberg'schen Lokale Wehrdaerweg 2. Tages⸗Orduung: 1. Der 13. März(Referent: Genosse Krumm ⸗Gießen.) 2. Verschiedenes. Zahlreichen und pünktlichen Besuch erwartet Der Vertrauensmann es Heuchelheim Gutgehende Wirtschaft ist zu verkaufen oder zu ver⸗ Tagesordnung: pachten. Schriftliche Angebote 4 2 3 6 0 125 1 95 1 2 die 7 Epe ition atte 22 tklassig, di- Soοοοοοοο Od, Fabrik an Private und Händler von Mk. 65.— an. 1 ausgesuchte 2 1 Hansckedern ed Lubehoörteile, a Federn u. Daunen, Pfund 2.— M. brima Halbdaunen, ganz weiß, sehr ca Mk. 4.—, Luftschläuche 155 he w lea Federn 5155 von Mk. 2.80 an. eich de daunig, 2. auch an frem- weiß 3.— M,, hoch ˖ 5 Daunen 4.50 u. ah. ien Repara uren dem Fabrikat habe nur dle gangbarst. Sort. mein. Sendungen per Nachnahme werden prompt ausgeführt und K inner⸗ halb 6 Wochen umgetauscht Tie Herren Wleberperkdufer Hundert andere Artikel. werden gebeten, möglichst von 10—12 Uhr vorm. und H. Mö lle: 4—6 Uhr nachm. zu erschein. prompt und billigst. roßen L. keinen Wert anf aloße Refa, Katalog gratis und franko. keinen Wert auf große Reklame, liefexe aber als größte Spezialfirma Ober hessischer Kleider-Bazar Marburg a. L. 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