tretung 18 satte elten. — npress Stahl. . actiert 0 U zbel öbel lat: Nr. 8. Gießen, den 19. Februar 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche MNebaftionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Ugs⸗Zeitung. Abounemeutspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38 ½%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. udt des Bergarbeiterstreils. Wie in der letzten Nummer noch kurz mit⸗ eteilt wurde, beschloß die am Donnerstag in ssen abgehaltene HWelegierten Konferenz die Wiederaufnahme der Arbeit mit 162 gegen 5 Stimmen. Der Beschluß wurde erst nach vielstündiger, eingehender Beratung gefaßt, nachdem die Führer aller Organisationen der Bergleute, sowie auch Abg. Robert Schmidt von der Generalkommission für Aufhebung des Streiks eingetreten waren. Daß den Delegierten diese Entscheldung nicht leicht gefallen ist, läßt sich wohl denten. In diesem einzig in der Geschichte dastehenden, musterhaft durchgeführten Kampfe den Sieg einer Handvoll Geldsäcke zu überlassen, ging vielen wider den Strich, aber schließlich lagen die Dinge so, daß kein anderer Ausweg möglich war. Die von den Delegierten angenommene Resolution begründete den Ab⸗ bruch des Kampfes mit folgenden Sätzen: „In der Erwägung, daß der Herrenstandpunkt des Vereins für bergbauliche Interessen durch diesen Kampf in nächster Zeit noch nicht gebrochen werden kann und die Berg werksbesitzer nach wie vor Verhandlungen mit der Siebenerkommission ablehnen; ferner in der Erwägung, daß durch das Weiterführen des Kampfes das gesamte Wirtschaftsleben einer uner⸗ meßlichen Erschütterung ausgesetzt ist, glauben wir an die Opferwilligkeit der Bergarbeiter sowie der gesamten Bergarbeiterschaft keine höheren An⸗ forderungen stellen zu dürfen.“ Weiter wird auf die Zusage der Regierung betreffend Reform der Berggesetzgebung hinge⸗ wiesen, durch welche die hauptsächlichsten Miß⸗ stände beseitigt werden sollen. „Sollten die Versprechen“, heißt es weiter, „die der Bergarbeiterschaft während des Kampfes seitens der Staatsregierung gegeben wurden, nicht erfüllt werden, so behält sich die Berg⸗ arbeiterschaft vor, so einmütig, wie sie diesen Kampf geführt hat, aufs neue diesen Kampfplatz zu betreten, um die Erfüllung der berechtigten Forderungen zu erzwingen. Die Bergarbeiter verpflichten sich, die Stärkung ihrer Organisation energisch zu betreiben, um jederzeit für einen neuen Kampf gerüstet zu sein.“ Nicht von allen Arbeitern wurde dem Be— schlusse der Delegierten zugestimmt, im Gegen⸗ teil, schon in der vor dem Konferenzlokale an⸗ gesammelten Menge streikender Bergleute ver⸗ ursachte sein Bekanntwerden einen Stur m der Entrüstung. Heftige Rufe, wie„Ver⸗ rat!“„Die Kommission ist bestochen!“ wurden gegen die Siebenerkommission laut. Gleich nachdem der Bescheid der Konferenz gefaßt war, fuhr ein mit Flugblättern beladener Wagen vor, der von der erregten Menge förmlich ge— stürmt wurde. Die Flugblätter wurden zu 3 von der erbitterten Menge zerrissen. erschiedene Versammlungen erklärten sich am Abend für Fortsetzung des Streiks, die meisten jedoch und besonders eine große Versammlung in Bochum stimmten der Delegtertenkonferenz zu und beschlossen Wiederaufnahme der Arbeit. Es ist durchaus erklärlich, daß es einige Verwirrung gab. Die Massen, welche so fest im Kampfe standen, konnten sich nicht sofort von der Richtigkeit des Beschlusses ihrer Ver— trauensleute überzeugen und es dauerte einige geboten war. Mußte ja jedem die Unmöglichkeit einleuchten, die Riesensummen für Unterstützung — 2 Millionen Mark jede Woche!— auf⸗ zubringen. Ferner wird eine große Zahl anderer Arbeiter in Mitleidenschaft gezogen, zur Arbeits- lostgkeit verurteilt und jeder Tag vermehrt die Zahl der Arbeitswilligen. So endet der Riesenkampf, in dem hundert⸗ tausende Arbeiter, unterstützt von ihren Klassen⸗ genossen in allen Kulturländern, begleitet von den Sympathien der Mehrheit des Bürgertums, einem Häuflein Kapitalisten gegenüberstanden, mit dem Triumph der letzteren. Die Parole der Grubenbarone, lieber hundert Millionen zu verlieren, als den Arbeitern das winzigste Entgegenkommen zu zeigen, erwies sich als mächtiger wie die Solidarität der Arbeiter, mächtiger wie die entrüstete öffentliche Meinung, selbst mächtiger wie die Regierung des Klassen⸗ staates, die gern den vollen, marktschreierischen Erfolg des Grubenkapitals verhindert hätte, wenn ihr auch selbstverständlich wenig genug an den Forderungen der Arbeiter lag. Das Kohlensyndikat spoitet ihrer. Es duldet keine Herren über sich und zwingt nicht nur die Grubensklaven in sein Joch, sondern auch die Organe des modernen Staates. Aber in der alles überragenden Stellung des Kohlensyndikats ist auch zugleich sein wundester Punkt enthalten. Nur ihr verdanken es die Bergarbeiter, wenn sie in der Mahnung zur Wiederaufnahme der Arbeit den Hinweis auf die Novelle zum preußischen Berggesetz finden, die den Arbeitern Abstellung der gröb⸗ lichsten Mißstände verspricht. Es muß sich ja allerdings erst zeigen, was dabei herauskommt, wir gestehen, daß unser Vertrauen zu den in Betracht kommenden Faktoren und besonders dem Dreiklassenhause das denkbar geringste ist. Wichtiger aber ist der Eindruck, den der Sieg des Grubenkapitals auf die öffentliche Meinung und vor allem auf die Arbeiterschaft machen muß. Hier kehrt sich die Niederlage der Bergarbeiter in einen Sieg der moder⸗— nen Arbeiterbewegung, in einen Sieg des Sozialismus um. Was braucht es nach solchem Beispiel gemeinschädlicher Kapitalisten⸗ macht noch für großer Ueberredungskünste, um die Nichtkapitalisten zur Sozialdewokratie zu bekehren? Die Saat, die die Grubenkapitalisten ausgestreut, reift bald der Ernte entgegen, und heute schon darf die Sozialdemokratie ihrer Freude Ausdruck geben über den Segen, der in ihre Scheunen hinein wächst. In einem Teile unserer Parteipresse wird der schnelle und unvermittelte Abbruch des Kampfes als ein Fehler erklärt, der die Nieder⸗ lage der Arbeiter zur Folge gehabt habe. Die Leitung des alten Verbandes habe zu viel Rücksicht auf die Christlichen um der Einigkeit willen genommen. Es wird später noch Ge⸗ legenheit zur Kritik an den Maßnahmen der Streikleitung geben. Für jetzt muß unsere Aufgabe sein, so viel in unsern Kräften steht, für die Unterstützung der Opfer des Kampfes zu sorgen! Zu den hessischen Gemeindeordnungs⸗Entwürfen, Tage, bis überall die Erkenntnis durchdrang, daß für den Augenblick die Aufgabe des Kampfes welche die Regierung vor Kurzem an den Landtag gelangen ließ, erschien in unserm Frankfurter Parteiblatt ein Artikel, der an den neuen Bestimmungen Kritik übt, besonders soweit sie das Bürgerrecht und das Wahl⸗ recht betreffen. Wir entnehmen dem C. H. gezeichneten Artikel folgende Ausführungen: Im Kommunalprogramm heißt es: Bildung des Wahlkörpers nach den Grundsätzen der Einwohnergemeinde; Aufhebung aller Besitz⸗ privilegien; Bildung der Gemeindevertretung durch allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlen. Wie steht es nun zur Zeit in Hessen mit dem Bürger⸗ und Wahlrecht aus, und welche Aenderungen und Fortschritte bringen die neuen Entwürfe? Die geltenden Gesetze unterscheiden eine Ortsgemeinde im weiteren Sinne, die aus allen Einwohnern der Gemeinde oder Orts⸗ markung besteht, und eine Gemeinde in engerem Sinne, die von den Ortsbürgern gebildet wird. Das Ortsbürgerrecht ist früher in Hessen, wie überall in Deutschland auf den Gebieten des Wahlrechts, der Heimatsverhältnisse, des Ge⸗ werbebetriebes und der Niederlassung entschei⸗ dend gewesen. Es war Voraussetzung und Be⸗ dingung für die Ausübung des ganzen Kom⸗ plexes der bürgerlichen Rechte. Im Laufe der wirtschaftlichen Entwickelung hat es mit der Durchführung der Freizügigkeit, der Gewerbe⸗ freiheit, der Einführung des armenrechtlichen Unterstützungswohnsitzes den größten Teil seines Inhaltes verloren und begreift zur Zeit das Recht in sich, an dem Ertrag, den Nutzungen oder der Substanz des Gemeindevermögens insoweit direkt Anteil zu nehmen, als dies durch die Gesetze gestattet ist, und das aktlbe und passive Gemeindewahlrecht. Das heutige Ortsbürgerrecht ist daher etwas im Grunde total Anderes, als das alte, doch hat es einen charaktertstischen Zug des letzteren darin bewahrt, daß ein Erwerb in erster Linie durch die ehe— liche Geburt stattfindet. Vermöge der Geburt ist nämlich jeder großjährige eheliche Hesse be⸗ rechtigt, dort Ortsbürger zu werden, wo sein Vater das Ortsbürgerrecht besitzt oder bei seinem Tode besaß. Er braucht nur bei dem Bürger- meister eine Erklärung abzugeben, daß er sein Recht in Anspruch nehmen wolle und den Ein⸗ trag in die Bürgerreglster zu verlangen. Erst an zweiter Stelle steht der Erwerb des Ortsbürgerrechts durch Aufnahme. Voraus⸗ setzungen sind Großjährigkeit und hessische Staatsangehörigkeit. Doch kann die Aufnahme verweigert werden, wenn der Nachsuchende entweder den Ruf einer guten sittlichen Auf⸗ führung nicht hat oder„nach menschlichem Er- messen sich rechtlich zu ernähren“ nicht im Stande ist. Das sind sehr dehubare Bestimmungen, die zu zahlreichen Chikanen Anlaß geben können. Ihre Anwendung liegt in den Händen des Gemeinderats; auf Grund seines Beschlusses erteilt oder verweigert der Bürgermeister die Aufnahme. Gegen die Verweigerung ist die Beschwerde an den Kreisausschuß gegeben. Neben diesen Ortsbürgern, die das aktive und passive Wahlrecht besitzen, falls sie in der Gemeinde wohnen, über 25 Jahre alt und gemeindesteuerpflichtig sind, steht eine weitere Klasse von Ortseinwohnern, denen gleichfalls die Stimmberechtigung und Wahlfähigkeit zu⸗ kommt. Es sind dies alle männlichen Ein⸗ wohner, welche die deutsche Reichsangehörigkeit gesitzen und seit zwei Jahren ihren Uater— .————. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. Nr. 3. stützunge wohnsitz in der Gemeinde erworben haben. Voraussetzung ist, wie bei den Orts⸗ bürgern, ein höheres Alter als 25 Jahre und Gemeindesteuerpflicht. Die beiden Entwürfe der Städteordnung und der Landgemeindeordnung stellen eine eigen⸗ tümliche Mischung aus Grundsätzen der Ein⸗ wohnergemeinde und der Bürgergemeinde dar und beweisen, daß die wirtschaftliche Entwicke⸗ lung auch in Hessen schon längst über die letztere hinaus getrieben hat. Da das Bürger- recht außer dem Wahlrecht und dem Rechte der Teilnahme an den Gemeindenutzungen allen weiteren Inhalt verloren hat, unterscheidet es sich von dem Rechte der befähigten Einwohner nur durch das Recht auf Allmendgenuß. Nun sind seit Erlaß der hessischen Gemeindegesetze mehrere Jahrzehnte verflossen, in denen die Beweglichkeit der Bevölkerung ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat. Es wäre daher an der Zett, ihre sozialen Ergebnisse auch rechtlich festzulegen und den Grundsatz der Ein wohner⸗ gemeinde, den man bei Abänderung der Landgemeindeordnung wie einen Keil in die alte Ortsbürgergemeinde hineingetrieben hat, vollständig durchzuführen und auf feiner Grundlage ein einheitliches neues Ein⸗ wohnerrecht zu schaffen. Die Ausübung des Wahlrechts(die Regelung des Allmendge⸗ nusses könnte für sich erfolgen) hätte allen Reichsangehörigen zuzustehen, die seit mehr als einem Jahre in der Gemeinde wohnen und das 25. Lebensjahr überschritten haben, wenn man nicht einfach Großjährigkeit verlangen will. Alle die Bestimmungen aber, die darauf hinauslaufen, die Teilnahme der Arbeiterschaft als des beweglichsten Teiles der Bevölkerung zu erschweren, wie die Bindung an eine mehr als vierjährige Aufenthaltsdauer, der Nach⸗ weis des guten Rufs und der Fähigkeit, in rechtmäßiger Weise für seinen Unterhalt zu sorgen, die Erhebung von Einzugsgebühren usw. wäre auf jeden Fall zu streichen. Die Wall der Vertretungskörper ist eine allgemeine gleiche, geheime und direkte. Doch wird sie beschränkt durch die Bestimmung, daß die Hälfte der Vertreter aus dem höchst be⸗ steuerten Drittel der zu den Körperschaften wählbaren Personen genommen sein muß. Mit der Aufhebung dieser Bestimmung wäre die Einführung des Proporzes, mindestens in den Städten, und größerer Schutz des Wahlver⸗ fahrens gegen Beeinflussungen durch Einführung der reichsgesetzlichen Bestimmungen betreffend die Isolierzelle zu fordern. Politische Rundschau. Gießen, den 16. Februar 1905. Es bleibt beim Wahlrechtsraub in Sachsen. Aus sächsischen Landtagskreisen wird der „Köln. Zto.“ mitgeteilt, daß die Absicht, eine wesentliche Aenderung des sächsischen Landtags⸗ wahlrechts vorzunehmen, aufgegeben worden sei. Vor einiger Zeit hieß es nämlich einmal, daß man das Dreiklassenwahlrecht so ummodeln wolle, datz die Arbeiter eine, wenn auch ganz ungenügende Vertretung erlangen könnten. Durch das Dreiklassenwahlsystem haben sich die Konservativen die unbestritteue Macht in die Hände gespielt, auch die Nationalliberalen aus dem Landtage hinausgeworfen und es läßt sich denken, daß sie ihren Raub nicht so leicht aus den Händen geben. Es wird aber auch noch der Tag kommen, an dem das Volk dieser Gesellschaft den Marsch bläst. Dem Verdienste seine Krone. Der ehemalige Vizegouverneur von Kamerun, Assessor Wehlan, der wegen seiner an den Eingeborenen begangenen unmenschlichen Grau⸗ samkeiten vor einigen Jahren vom Dienste ge⸗ jagt und bestraft wurde, hatte sich bald nach seiner Dienstentlassung in Berlin als Rechts⸗ anwalt niedergelassen. Jetzt ist der Held der Nilpferdpeitsche zum Notar ernannt worden und hat damit zahlreiche Kollegen, die lange vor ihm an der Reihe waren, übersprungen. Wieder ein Beweis dafür, wie der preußische Staat das Verdienst seiner Kulturträger zu belohnen weiß. Vielleicht gibts noch ein hüb⸗ sches Pöstchen für den berüchtigten Hänge⸗Peters? GErsatzwahl im Wahlkreise Hof. An Stelle des berühmten Nationalliberalen Münch⸗Ferber, der wegen einer unsauberen Geschäftsaffaire politisch unmöglich geworden war und infolgedessen sein Mandat niederlegte, hat am Dien tag im Wahlkreis Hof(Bayern) eine Ersatzwahl stattgefunden. Diese hatte folgendes Ergebnis: Unser Genosse Geißler⸗ Hof erhielt 10164, der Freistnnige Goller 11080 und der Bauernbündler Metzger 3080 Stimmen. Es muß also Stichwahl zwischen Geißler und Goller stattfinden. Unsere Stimmen⸗ zahl ist fast auf derselben Höhe wie bei der allgemeinen Wahl geblieben, die Gegner jedoch haben insgesamt reschlich 2000 Stimmen mehr aufgebracht. Die Wahlbeteiligung war eine sehr lebhafte, es erschienen 80 Prozent der Wahlberechtigten an der Urne. Für die Stich⸗ wahl sind unsere Aussichten demnach nicht günstig. Ein außerordentlich lebhafter Wahlkampf ging dieser Wahl voraus und besonders der Bund der Landwirte machte riesige Anstren⸗ gungen, um das Mandat für seinen Kandidaten Metzger zu erobern. Ein ganzer Stab bünd⸗ lerischer Redner begleitete ihn, um das zu sagen, was dieser brave Agrarier nicht zu sagen ver⸗ steht. In Hof erlitt der Bund am Montag allerdings einen furchtbaren Reinfall. Er hatte nach dem„Colosseum“, dem größten Saal der Stadt, eine öffentliche Versammlung mit Dis⸗ kussion einberufen und als Redner den Reichs⸗ tagsabgeordneten Liebermann v. Sonnen⸗ berg angekündigt. Sofort verbreiteten unsere Genossen einen Zettel folgenden Inhalts: „„Ihr Otterngezücht“ nannte der an⸗ tisemitische Reichstagsabgeordnete Liebermann v. Sonnenberg, der heute Abend in Pfaffs „Colosseum“ spricht, die Vertreter der Sozial⸗ demokratie im Reichstage. Arbeiter Hofs! Zeigt dem Manne, daß es auch in Hof Otterngezücht gibt!“ Fast 2000 Menschen stauten sich am Abend vor dem verschlossenen Lokal, und als endlich geöffnet wurde, war der Saal und Gallerie im Moment besetzt, so daß Hunderte, die später kamen, wieder umkehren mußten. Plötzlich wurden am Geländer der Gallerie große Zettel angeklebt, die gekreuzt eine Mistgabel und einen Dreschflegel zeigten und in fetten Lettern die Aufschrift trugen: Die geistigen Waffen der Antisemiten. Liebermann kam nicht, dafür waren vier Bundesredner erschienen. Unsern Genossen wollte man gütigst 10 Minuten Redezeit geben. Dagegen protestierte die ganze Versammlung nachdrücklichst und es gab Lärm, so daß die Bündler von Abhaltung der Ver⸗ sammlung absahen und sich drückten. Dann erschienen die Roßweiner Sänger im Saale, und lustig und fröhlich blieb das„Otterngezücht“ noch bis Mitternacht beisammen. So endete die erste agrarische Aktion großen Stils. Gemeindenachwahlen. In Frankfurt mußte eine Nachwahl zur Stadtverordneten⸗Versammlung im Ostenb vor⸗ genommen werden, in demselben Bezirk, in dem der freistnnige Rechtsanwalt Geiger bei den allgemeinen Wahlen unterlegen war. Im ersten Wahlgange wurde kein endgültiges Resultat erzielt, es kam zur Stichwahl zwischen den Kandidaten der Demokraten und Freisinnigen und den„Mittelständlern“. Unter den letzteren befand sich auch der Tapezierermeister Ohlen⸗ schlager, der beim letzten Reichstagswahl ⸗ kampfe den Antisemiten im Wetzlarer Kreise agitieren half— allerdings mit durchaus nega⸗ tivem Erfolge. Die Frankfurter Mittelständler stellen überhaupt einen klerikal⸗zünftlerisch⸗anti⸗ semitischen Mischmasch dar. Für die am Mon ⸗ tag stattgefundene Stichwahl, bei der unsere Genossen ausschlaggebend waren, war von unserer Seite empfohlen worden, für zwei Demokraten und einen Mittelständler einzutreten. Diese Parole scheint ein Teil unserer Wähler nicht befolgt zu haben, es kamen z wei Mittel⸗ ständler und ein Demokrat durch. Das mag 9 ee zu bedauern sein, aber die Freifinnigen und Demokraten haben diese Haltung unserer Ge. nossen mit verschuldet. Der herausgewählte Freisinnsmann Geiger hat in der vorigen Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung sich in einer Art gegen unsern Genossen Quarck betragen, daß 1 von seiner Unterstützung gar keine Rede sein konnte.— Ohlenschlager plumpste ebenfalls durch. 1 In Straßburg i. Els. fanden am Sonn⸗ tag für 10 Gemeinderatsmandate Ersatzwahlen in 7 Bezirken statt. Aber nur drei Bezirke brachten ein definitives Resultat; es wurde ein Liberaler und zwei Sozialdemokraten 5 In den übrigen Bezirken stehen unsere andidaten in aussichtsvoller Stichwahl. Unsere Stimmenzahl hat gegen die letzte Wahl erheb⸗ lich zugenommen. Wegen„Wahlfälschung“ war der Reichstagsabgeordnete Genosse Herz⸗ feld zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden. Dieses Vergehen sollte darin bestehen, daß Herzfeld bei der Reichstagswahl in Rostock, wo er ebenfalls Wohnung hatte, bei der Haupt⸗ wahl gestimmt und später sich auch an der Stichwahl in Berlin beteiligt hatte. Das Er⸗ kenntnis des Landgerichts focht Herzfeld mit dem Rechtsmittel der Revision an und er konnte sich zur Begründung derselben auf ein früheres Reichsgerichtserkenntnis stützen. Bevor jedoch Herzfeld's Revision zur Verhandlung gelangte, fiel in einer ähnlichen Sache eine neue Entscheidung, welche der früheren direkt entgegengesetzt war. Und dieser schloß sich das Reichsgericht an und verwarf die Reviston. In der Begründung wird gesagt: Sowohl der Wortlaut, als die Entstehungsgeschichte des Wahlgesetzes sage, daß der Wähler nur an einem Orte wählen dürfe. Die Haupt⸗ und Stichwahl seien auch keine verschiedenen Wahl⸗ handlungen.§ 7 des Wahlgesetzes sage aus⸗ drücklich, daß nur an einem Orte gewählt werden dürfe. Durch seine Teilnahme an der Stichwahl in Berlin habe Herzfeld das Ergebnis, wie der erste Richter festgestellt habe, wissentlich und mit vollem Bewußtsein gefälscht. Die Kosten fallen zur Hälfte der Staatskasse und zur Hälfte dem Angeklagten zur Last. Der Staatsanwalt hatte gegen das Urteil deswegen Reviston eingelegt gehabt, weil das Berliner Landgericht Herzfeld wegen seiner Teilnahme an der Hauptwahl in Rostock freigesprochen hatte. Ebristlich⸗sozialer Kinderschutz. Was für eine Sorte Sozialpolitik es ist, welche die Stöckerleute treiben, geht aus einer Resolution hervor, die kürzlich der christlich⸗ soziale Verein in Laubach beschlossen hat und die im Gießener Amtsblatt abgedruckt wurde. Die Resolution verlangt, daß in dem zu er⸗ wartenden Gesetz über die Kinderarbeit in der Land wirtschaft folgende Gesichtspunkte gewahrt werden sollten: 1. Das Gesetz muß von der Ueberzeugung ausgehen, daß die Kinderarbeit für die Land wirtschaft, 7! namentlich für bäuerliche Betriebe, sowie für das Haus 4 unentbehrlich ist. 2. Ebenso muß das Gesetz von der Ueberzeugung ausgehen, daß die Arbeit auch für das Kind unent⸗ behrlich ist, indem sie ein wichtiges Erziehungs⸗ mittel ist und sich lohne, daß sie von klein auf 1 geübt wird, daß Lust und Liebe sowie Kenntnis der land⸗ wirtschaftlichen Kinderarbeit die schon bestehende Land⸗ flucht hemmen würde. 3. Das Gesetz muß unterscheiden zwischen eignen und fremden Kindern und am besten sich auf die gegen Lohn beschäftigten Kinder beschränken. Mindestens muß es den Eltern in der Beschäftigung der eigenen Kinder den weiteren Spielraum lassen. 6. Für Beschäftigung während der Ferien muß, größerer Spielraum gewährt werden. 7. Das Gesetz muß sich hüten, tief in die Ver⸗ hältnisse der Landwirtschaft einzugreifen, da sie eine Erschütterung durchaus nicht vertragen kann, es hat sich vielmehr auf wirklich nötige Schutzmaßregeln zu beschränken. 9. Die Schule werde mit der Kontrolle über die Durch führung des Gesetzes verschont und ihre Mitwirkung darauf beschränkt, daß sie das Recht auf Antragstellung des Verbots der Beschäftigung für ein Kind hat, wenn sie besondere üble Folgen derselben wahrnimmt. —— 2 — EEE* 3 „(—. 6“UU EU.... ———— 225 1 rr, e. p e 3 — er bor lung eine irelt ston. der des an und Jahl⸗ aus⸗ ühlt der le, lich Die und Der ehen liner chen Nr. 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite g. Wir meinen, der Herr Pfarrer Nebel und sein christlich⸗sozialer Verein hätten ihre christ⸗ lichen Ansichten über Kinderschutz viel kürzer in dem Satze zusammenfassen können:„Die Beschäftigung von Kindern jeden Alters darf in der vandwirtschaftuneingeschränkt stattfinden.“ Angesichts dessen, daß vor nicht langer Zeit gerade von einem oberhessischen Geistlichen auf die schweren Schäden der Kinderarbeit auf dem Lande und besonders des Hütekinderwesens ein⸗ dringlich hingewiesen wurde, erscheint das soziale Verständnis der Laubacher Christlich⸗Sozialen, ihre Kinder⸗ und Arbeiterfreundlichkeit in ganz besonderem Lichte. In Rußland bemühen sich die zarischen Henkersknechte ver⸗ geblich durch die bekannten kosakischen Mittel, mit Knute, Säbel und Flinte die Ordnung wieder herzustellen. Sie können aber die revo⸗ lutionäre Bewegung nicht mehr unterdrücken. Im russisch⸗polnischen Industriebezirk streikten vorige Woche etwa 120000 Mann. Verschtedentlich hat wiederum die Soldateska auf Wehrlose ge⸗ schossen und viele getötet. In Warschau wurden 57 Streikende erschossen und auf den Friedhöfen in Lodz wurden 144 Personen beerdigt, die bei den letzten Unruhen umge⸗ kommen sind. Kleine politische Nachrichten. Der gothaische Landtag erklärte die Wahl unseres Genossen W. Bock wegen for⸗ meller Fehler für ungültig.— Bei einer Nach⸗ wahl zur französischen Deputiertenkammer wurde in Roanne(Dep. Loire) der Sozialist Auge gewählt. Aus dem Reichstage. Die Handelsverträge, jene staatskünstlerischen Werke, die bestimmt sind, den Agrariern auf Kosten der arbeitenden und besitzlosen Bevölkerung die Taschen zu füllen, kamen am Donnerstag im Reichstage zur Ver⸗ handlung. Es war das ein sogenannter„großer Tag“, das Haus gut besetzt, die Tribünen über⸗ füllt, Bundesrat stark vertreten. Die Zollwucherer sehen sich am Ziele ihrer Wünsche, es naht ihr Erntetag. Man erinnert sich der Zolltarif. kämpfe vor zwei Jahren, wo die Zollmehrheit durch Rechtsbruch und Vergewaltigung den Zoll⸗Raubzug ausführte. Das Zentrum, die ausschlaggebende Partei des Reichstags und des Zollwuchers, eröffnete mit dem Abg. Herold die Debatte. Und es war schließlich auch nur recht und billig, daß es als seinen ersten Redner einen der Hauptmatadore der Geschäftsordnungs⸗ vergewaltigung, den Miturheber der Anträge Aichbichler, Kardorff und Gröber vorschickte. Herrn Herolds Rede zerfiel in drei Teile. Im ersten Teile pries er den Generaltarif, dessen Hauptherold er gewesen. Im zweiten Teil nahm er dem Zirkus Busch die agrarischen Klagen über den— ungenügenden Zollschutz der landwirtschaftlichen Produkte vorveg. Im dritten Teile versteckte er unter der Forderung der Kommissionsberatung die Zustimmung des Zentrums zu den neuen Verträgen. Nach Herrn Herold ergriff Genosse Bern⸗ stein das Wort. Seine Feststellung, daß der neue Tarif unter Bruch der Geschäftsordnung zustande gekommen ist, erregte den Zorn des Prästdenten der Vergewaltigungsmehrheit. Mit ebenso scharfer Sachlichkeit wie Schärfe betonte unser Fraktionsredner die beiden gleich unheil⸗ vollen Folgen der neuen Verträge mit ihren Zollerhöhungen: sie werden durch Erschwerung der landwirtschaftlichen Einfuhr die Lebensmittel verteuern und durch Erschwerung der industriellen Ausfuhr die Arbeitsgelegenheit mindern und die Löhne senken. Posadowsky, der sofort nach Bernstein das Wort ergriff, gab die Schädigung der Industrie durch den Zolltarif selbsiverständlich nicht zu— er mußte ja sein eigenes Werk verteidigen. Dabei machte er das festzuhaltende Geständnis, daß die Fabrikarbeit die Arbeiter noch mehr verelendet als die Landarbeit, trotz deren schlechten Löhnen. Bei der Rekrutterung hat es sich herausgestellt, erklärte Posadowsky, daß die Beschäftigung in den Fabriken ungünstig auf die Wehrkraft einwirkt. Das müssen sich die Arbeiter merken! In seinen weiteren Aus⸗ führungen suchte er durch wortreiche Tiraden über die Bedeutung und die„Not“ der Land⸗ wirtschaft die Schwächen seines Standpunktes zu verdecken. Schließlich hielt der Geheimrat Wermut eine lange Rede zur Verteidigung der Zöllneret, an der er mitschuldig ist. Am Freitag sprach der konservative Ga m p zuerst, der behaͤbige Großgrundbesitzer aus Hinterpommern, der sein so oft ausgebotenes Rittergut noch immer nicht an Abgeordnete der Linken verschenkt hat. Er hegt die gegründete Hoffnung, daß Ausführungsbestimmungen und Viehsperren dafür sorgen werden, den Profit der Agrarier noch mehr zu steigern. Darauf kam der Freisiunnige Gothein an die Reihe, der mit außerordentlicher Entschiedenheit und Schärfe gegen den Zollwucher zu Felde zog. Daß seine Ausführungen saßen, quittierte das wiehernde Wutgebrüll und gezwungene Hohn⸗ elächter, mit dem die Rechte zu Dutzenden von alen den freistnnigen Redner unterbrach. Legte er doch gar zu nachdrücklich seine Finger auf die wundeste Stelle des Agrariertums, auf den klaffenden Gegensatz von Groß⸗ und Klein⸗ grundbesitz. Graf Posadowsky und sein Direktor Wermut antworteten ihm, doch konnten sie die Argumente Gotheins nicht entkräften. Die Debatte über die Handelsverträge nahm noch den Samstag, Montag und Dienstag in Anspruch. Als erster Redner am Samstag trat der frühere Rechtsanwalt und Sozial⸗ demokrat, jetzige Gutsbesitzer und antisemitische Agrarier Graf Reventlow auf, der seine an sich langweilige Rede mit einem Dutzend„Witzen“ aus dem Liebermannschen Arsenale ausstattete. Das wiehernde Gelächter der Junker bewies, daß der holsteinische Graf den Geschmack seiner Standesgenossen kennt.— Im Gegensatz zu dem mit den Verträgen unzufriedenen Ueber⸗ agrarier Reventlow ist sein Freund Zimmer⸗ mann von der benachbarten Bruhn⸗Fraktion „voll und ganz“ mit ihnen einverstanden: nur daß künftighin die jüdischen Handlungsreisenden in Rußland besser behandelt werden sollen, will ihm gar nicht in den antisemitischen Sinn. Dem bayrischen Zentrumsmanne Speck gegenüber, der sich in einer langen Rede dar⸗ über beschwerte, daß Bayern und Süddeutsch⸗ land bei dem agrarischen Fischzug zu kurz ge⸗ kommen sei, gestand der bayrische Minister Feilitzsch zu, daß die agrarischen Zölle durchweg um 50 Proz., die Pferdezölle sogar um 188 Proz. gestiegen sind. Darauf ergriff unser Genosse Singer das Wort, der in sehr ausführlicher, oft von dem Beifall unserer Genossen unterbrochener Rede, die Handels. besser: Mißhandelsverträge zer- pflückte. Singer bemerkte, daß die Regierung, die sich auf diese Verträge etwas einbilde, speziell den russischen Vertrag nicht zu Stande gebracht haben würde, wenn nicht Japan als unfrei⸗ williger Bundesgenosse des Reichskanzlers auf dem Plane erschienen wäre. Daher auch wohl die Ordensverleihung an den General Nogi! — Mit der Erklärung, daß unsre Fraktion einmütig gegen die neuen Verträge stimmen werde, schloß Genosse Singer seine Ausführungen. Herr v. Rheinbaben, der preußische Finanzminister, sagte am Montag vor schwach besuchtem Hause seine Meinung über die Han⸗ delsverträge. Natürlich stimmt seine Meinung mit derjenigen der Junker vollkommen überein. Der Finanzminister hatte sich aber noch eine extra geistreiche Beweisführung zurechtgelegt: Die Kleinbauern verkaufen zwar selbst kein Getreide, aber sie haben doch ein In⸗ teresse daran, daß die Großgrundbesitzer ihr Getreide teuer verkaufen, weil diese ihnen sonst durch Kartoffelbau Konkurrenz machen. Kaum hatte der Finanzminister dieses Geisteskind zur Welt gebracht, als er es, ein grausamer Vater, mit eigener Hand abschlachtete: er behauptete nämlich weiter, daß die Getreidezölle ketne Steigerung der Getreidepreise bewirkten. [Die ganze Beweisführung erinnerte au jene Frau, die einen geliehenen Krug zerbrochen zu⸗ rückgab und, darob verklagt, erklärte: sie habe erstens den Krug nicht geliehen, sie habe ihn zweitens unzerbrochen zurückgegeben und drittens sei er schon zerbrochen gewesen.— Anders be⸗ trachtete jedoch der Nationalliberale Beumer die Sache, er klagte als Vertreter der Kohlen⸗ und Eisenkapitalisten beweglich über die Schädi⸗ gungen, welche der Industrie durch die Verträge zugefügt würden. Die betrübten Lohgeber der schutzzöllnerischen Industrie müssen zu ihrem Bedauern erkennen, daß ihnen die Felle weg⸗ geschwommen sind, nachdem sie den Agrariern geholfen haben, ihre Felle ins Trockene zu bringen. Die Sache wäre zum Lachen, wenn nicht wieder das Proletariat der Hauptleid⸗ tragende wäre. Die übrigen Reden boten nichts Bemerkenswertes. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Für den 5. deutschen Gewerkschafts⸗ kongreß, der in Köln a. Rh. im Mal statt⸗ findet, hat die dortige Stadtvertretung, ent⸗ sprechend dem Antrag ihrer zuständigen Depu⸗ tation, die Ueberlassung des Gürzenich, eines städtischen Saalbaues, beschlossen. Der Verband der Bäcker und Berufs- genossen Deutschlands kann auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurückblicken, wohl auf das erfolg⸗ reichste seit seinem Bestehen, wie der Vorstands⸗ bericht bemerkt. Die Mitgliederzahl beträgt jetzt 9706, sie hat sich im Berichtsjahre um 3644 vermehrt! Sie könute noch bedeutend größer sein, wenn nicht Tausende von Fahnen⸗ flüchtigen und Restanten vorhanden gewesen wären. In 40 der größten Genossenschafts⸗ Betrieben ist der Bäckertarif anerkannt worden und Aufgabe der nächsten Zeit wird es sein, auch noch in den übrigen 130 Betrieben den Tarif zur Anerkennung und Durchführung zu bringen, eine Aufgabe, die dadurch erschwert wird, daß in vielen Konsumbäckereien Südwest⸗ deutschlands und Thüringens die Bäckergehilfen sich noch vom Verbande fernhalten.— Auch sonst sind noch manche Verbesserungen, Lohn- erhöhungen und Verkürzung der Arbeitszeit erkämpft worden. Lohnkämpfe. Die Weißbinder, Maler und Lackierer in Darmstadt stehen zwecks Aufstellung eines neuen Lohntarifs mit ihren Arbeitgebern in Unterhandlung.— Der Streik in der Segeltuchweberei Winkler u. Co. in Kassel, der schon 8 Wochen währt, dauert noch fort. Bon Nah und Lern. Hessisches. Aus dem Landtage. Bei der Fortsetzung der Etatsberatung am Donnerstag verlangt Hirschel eine gründ⸗ liche Revision des Stempeltarifs, die Klavier- steuer solle man beseitigen, dagegen die Auto⸗ mobile, welche bald zur Landplage werden, mit 100 Mk. besteuern. Baldiger Regelung bedürfe ferner die Wohnungsfrage der Beamten und die Kreisblattfrage. Man könne die Kreis⸗ blätter in zwei Kategorien einteilen, in die⸗ jenigen, in welchen der„Stumpfsinn“ vor⸗ herrscht und in diejenigen, welche in„Bosheit“ über sind. Redner beschwert sich— natürlich— noch über die„übertriebene Sozial- politik“, die den Kindern leichte abendliche Tätigkeit verbiete, während man sie in Varietés spät abends die schwierigsten und gefährlichsten Kunststücke ausführen lasse. Der nationalliberale Rechtsanwalt Windecker aus Friedberg be⸗ grüßt den Zolltarif mit Freuden. Daß dieser Herr auch bei teueren Lebensmitteln nicht zu hungern braucht, glauben wir gerne. Unser Genosse Adelung brachte die Ge⸗ sinnungsriecherei der Kreisämter wieder zur Sprache. In einem Nachbarorte von Mainz habe man einer Gewerkschaft die Abhaltung eines Tanz⸗ vergnügens verboten, es aber dem Turuperein gestattet, da er nach dem Berichte des Bürger⸗ * r 1 a a E 5 1 1 3 3 5 8* Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 3. meisters„politisch“ gut gesinnt sei. Man solle vor dem Gesetz doch alle Korporationen gleichstellen. Erfreulich sei es, daß man all⸗ seitig die Mißstände bei den Amtsblättern beklage. Nur die Nattoualliberalen seien bisher noch nicht dafür eingetreten, aus wohlerwogenen Gründen! Es sei ein sehr gangbarer Weg zur Aenderung dieser Mißverhältutsse zu finden. Der Abg. Hirschel habe wohl die Toleranzrede des Abg. Schmitt gutgeheißen, sei aber schließ⸗ lich in denselben Fehler verfallen und habe auf die Juden gehetzt. Wenn man aus dem Namen Katz allein, der als Redakteur der Hülfe zeichne, Schlüsse ziehen wolle, könne man ähnliche Schlüsse aus den Namen Bähr, Wolf und Hirschel usw. ziehen. Der Ton in Hirschels Blatt, der vom Internationalen Vagabunden (Sozialisten)⸗Kongreß in Amster dam usw. spreche, gebe ihm nicht das Recht, allzuviel zu verlangen. Nach einigen Bemerkungen des Zentrumsmannes Brentano und des Ministerialrates Braun wird die Generaldebatte geschlossen und sofort in die Einzelberatung eingetreten. Dieselbe wird Frei⸗ tag bei Kapitel 13: Landstände, fortgesetzt. Hierbei wird von einer ganzen Anzahl Abge⸗ ordneter Freikarten für Eisenbahnfahrten im ganzen Lande verlangt. Von der Regierung wird dazu bemerkt, daß man in der Frage in Berlin auf Schwierigkeiten stoße, hoffentlich sei es aber möglich, einen praktischen Ausweg zu finden. Bei Kap. 20: Rheinschiffahrt fragt Abg. Adelung die Regierung, welche Stellung sie zu den Schiffahrtsabgaben ein⸗ nehme, der Staatssekretär habe Erklärungen abgegeben, die sehr bedenklich lauteten. Staats⸗ rat Krug erklärt darauf, daß man gegen jede Belastung der Rheinschiffahrt eintrete und nicht darauf eingehen werde, daß irgend welche Rechte geschmälert werden. Beim Kapitel der allge⸗ meinen Verwaltungskosten geht Ulrich auf die vielen Mißstände ein, welche durch die oft un⸗ erschwinglich hohen Kosten bei den Kreisämtern entstehen; bei Bagatellen gäbe es oft eine ganze Anzahl von Terminen und es sei nötig, den Behörden einmal einen energischen Ruck beizu⸗ bringen, damtt man besser spare. Sehr häufig werden Wagen benutzt nach Orten mit Etsen⸗ bahnstationen; als Entschuldigung werde dann die schlechte Zugverbindung usw. angeführt, so⸗ daß man abends nicht mehr zurück, oder keine 2 Termine abhalten könne usw. Eine Kontrolle dieser Angaben sei ja nicht möglich und wollte er auch deshalb nicht für Streichung des Postens stimmen, er werde von jetzt ab ein scharfes Auge auf alle derartige Chatsenfahrten haben, sich jeden Einzelfall merken und bei Mißständen die Sache unter Nennung der Namen im Land⸗ tage zur Sprache bringen.— Ju der weiteren Debatte bringt Genosse Berthold die vielen Milttärverbote zur Sprache, die eine Un⸗ gerechtigkeit bedeuten. In Darmstadt seien 8 kleine Wirte, 1 Zigarren⸗ und 1 Buchhändler ausgeschlossen, ähnlich sei es in Offenbach, Mainz usw., während man in Württemberg und Bayern kein derartiges Verbot habe und sich doch ganz gut vertrage. Die Einzelberatung des Etats wird am Dienstag(14. Febr.) fortgesetzt. Genosse Ulrich verlangt beim Kapitel Kirche n⸗ und Religionsgemeinschaften Trennung von Kirche und Staat. Beim Etat der höheren Schulen nimmt Genosse Dr. David Veranlassung, die Zustände am Gießener Gymnasium einer scharfen Kritik zu unterziehen. Der Direktor Dr. Schädel sei nicht die geeignete Persön⸗ lichkeit zum Leiter einer derartigen Anstalt. Er vertrage sich nicht mit dem Lehrerkollegium und in den oberen Klassen des Gymnasiums reiße durch die Schuld des Direktors immer größere Disziplinlosigkeit ein. Dr. David ver⸗ langt eine Untersuchung der Zustände. Dann interpelltert der Redner die Regierung, wie es mit der früher angeregten Streichung der Staatsmittel für die Vorschulen, mit der Aus⸗ dehnung der Studienberechtigung und der Ein⸗ führung des Reform⸗Gyu'nastums stehe. Geh. Overschulrat Nodnagel führt das Vorgehen gegen den Direktor Schädel auf einen persön⸗ lichen Streit zurück, den dieser vor einigen Jahren mit einem Gießener Arzte hatte. Die Affäre sei damals untersucht worden und es habe sich die völlige Rechtfertigung Schädels ergeben. Die Behauptungen Dr. Davids seien durchaus unbegründet. Aehnlich spricht sich Ministertalrat Eisenhuth aus. Heiden⸗ reich und Köhler tadeln ebenfalls das Ver⸗ halten Dr. Davids und Brentano bemerkt, daß ein Abgeordneter sich über Beschwerden, die er erheben wolle, vorher genau unterrichten müsse. David hält alle seine Behauptungen vollkommen aufrecht. Er habe nur eine Klar⸗ stellung der Angelegenheit herbeiführen wollen. Seine Informationen seien durchaus zuverlässig. Die Regierung möge das Lehrerkollegium in der Affaire vernehmen. Herr Köhler hat sich also auch bemüßigt gefühlt, dem Gen. David Vorhaltungen zu machen.— Ihn hätte in diesem Falle Schweigen entschieden besser gestanden. Er hat wohl die Eberstädter Kindesmord⸗Affaire schon vergessen? Gießener Angelegenheiten. — Mit der Gießener Gymnasium⸗ angelegenheit(siehe unter„Landtag“) beschäftigte sich der Landtag noch in seiner ganzen Mittwoche⸗Sitzung. Oberschulrat Nodnagel erklärte, daß lediglich die er⸗ wähnte Schmähschrift die Grundlage für die Beschuldigungen Davids gebildet habe. Daß kleine Reibereien zwischen Direktor Schädel und der Lehrerschaft stattfanden gebe er zu. Er erwarte, daß Dr. David entweder seine Anschuldigungen zurücknehme, oder den strikten Beweis der Wahr⸗ heit dafür erbringen werde. Ulrich begreift nicht, warum die Herren von der Regierung so sehr in Entrüstung gerieten. David habe nichts gegen die Persönlichkeit Direktor Schädels ge⸗ äußert, sondern nur gegen dessen Amtsführung. Der Direktor set wohl hochgradig nervös, und das wäre ja für ihn kein Vorwurf. Zum Schluß meinte Ulrich, die Zustände in Gießen könnten nicht so bleiben. Es habe sogar schon ein Ober⸗ lehrer eine Nervenheilanstalt aufsuchen müssen. Wenn die Regierung jetzt eine amtliche Unter⸗ suchung ablehne, müsse das Haus eine solche ver⸗ langen. Im Laufe seinex Rede geriet Ulrich heftig mit dem Zentrumsmann Brentano zusammen. Dieser„gebildete“ Mann rief Ulrich zu:„Sie lügen!“ und er schimpfte weiter, trotzdem er zur Ordnung gerufen wurde. Gutfleisch erklärte, ihm sei als Vertreter Gießens nichts von den er⸗ örterten Vorgängen bekannt geworden. Wir gestehen, daß wir uns hier in genau der gleichen Lage befinden, als der Abgeordnete von Gießen, die Angelegenheit ist uns bisher unbe⸗ kannt, wie den Gießener Parteigenossen überhaupt. Wir sind aber der Ueberzeugung, wenn ein so ruhiger und besonnener Mann wie Dr. David eine Sache vorbringt, so ist sie doch nicht aus den Fingern gesogen, sondern er wird seine guten Gründe haben. Im schlimmsten Falle wäre er von seinen Gewährsleuten falsch unterrichtet worden. Deshalb brauchten aber die Regierungs⸗ leute, sowte die Brentano, Heidenreich und Kon⸗ sorten nicht in der Weise, wie sie es getan über David herzufallen. Schofel wie immer, wenn den Sozialdemo⸗ kraten etwas angehängt werden kann, ist die Haltung des Gießener Amtsblattes in dieser Affaire. Dasselbe Blatt, das jederzeit bereit war und ist, die verlogensten Dinge— in vielen Fällen bewußtermaßen— gegen unsere Partei zu ver⸗ breiten, bezeichnet den Abg. David als„von Parteiwegen absichtlich unvorsichtigen Men⸗ schen.“ Natürlich, wer Mißstände aus„besseren“ Kreisen zur Sprache bringt, der wird von der „gutgesinnten“ Presse von vornherein verdächtigt und abgeschlachtet, ehe noch die Sache untersucht und klargelegt ist. Der Anzeiger druckt auch die Zuschrift eines ungenannten Ehrenmannes ab, der die Dummdreistigkeit besitzt, den Gen. Bebel in die Sache hineinzuziehen. Der Biedermann wirft Bebel vor, daß er auf„haltlosen Klatsch dressiert“ sei. Was gibt dem Menschen das Recht zu diesem Anwurf? Bebel hat was er je vor⸗ brachte, noch stets beweisen können. Allerdings, wenn einmal irgend etwas Nebensächliches nicht aufs Haar stimmte, vollführten die bürgerlichen Partefen und Blätter einen Lärm, als handele es sich um die Haupt sache. Diese Anrempelei Bebels läßt schon die„Gewissenhaftigkeit“ des Anzeiger⸗Briefschreibers im schönsten Lichte er⸗ scheinen. Ergötzlich ist im Landtage die Zentrums- und liberalen Brüder sich entrüsten zu sehen über die Angriffe gegen Herrn Schädel. Gerade die bei⸗ den Parteien, die jahraus, jahrein beinahe sports⸗ mäßig das Verleumden, Beschimpfen, Beleidigen von Sozialdemokraten betreiben, heucheln Ent⸗ rüstung über den Genossen David; ste gleichen den Füchsen, die den Hühnern Tugend predigen! — Kommunale Festsetzung deir Lebensmittelpreise. Als hier in Gießen vor einigen Jahren das Oktroi auf Mehl und Backwaren infolge eines Antrages unserer Genossen in der Stadtvertretung beseitigt wurde, haben sich die Bäckermeister nicht bewogen gefunden, mit dem Brotpreise herabzugehen. Einige der Herren bezeichneten mit ungenierter Offenheit die Abschaffung des Oktrois als ein Geschenk an sie(die Bäcker), sie nahmen die Schenkung auch mit freundlichem Schmunzeln entgegen und strichen den dadurch ersparten Betrag ganz ruhig ein. Diese Tatsache ist später mehrfach als Argument für das Oktroi verwendet worden. In Stuttgart, wo kürzlich die Beseitigung des Fleisch⸗Oktrois beschlossen wurde, wußte man sich besser zu helfen. Dort wurde zwischen der Stadt und der Metzger⸗ Innung ein Vertrag mit fünfjähriger Dauer abgeschlossen, wonach die Metzger⸗Innung an⸗ läßlich der Aufhebung des Fleisch⸗Oktrois sich verpflichtet, den Fleischpreis am 1. April um 3 Pfg. pro Pfund zu ermäßigen, während weiterhin die Festsetzung des Fleischpreises durch eine gemeinsame Kommission erfolgen soll. Dagegen verzichtet die Stadt für die Dauer des Vertrages auf die Errichtung einer Ge⸗ meinde⸗Metzgerei. Das Vorgehen der Gemeinde⸗ behörden ist gewiß zu billigen, wenn uns auch der Verzicht auf Errichtung einer Gemeinde⸗ Metzgerei als zu weit gegangen erscheint. — Für die Bergarbeiter haben ver⸗ schiedene Stadtvertretungen Summen zur Unter⸗ stützung bewilligt. Mainz 5000 Mk., Darmstadt 2000 Mk., Frankfurt 15000 Mk., Mülhausen i. E., Hanau ꝛc. Wir halten es in diesem Falle allerdings für Pflicht der Städte, dem Gesamt⸗ Interesse gegenüber, dem kämpfenden Arbeiter⸗ heere beizusteuern. Unsere Genossen im Gießener Stadtparlament sollten ebenfalls den Antrag stellen einen Betrag für die Bergarbeiter zu be⸗ willigen. — Im Wahl verein erstattete der Vor⸗ stand in der Generalversammlung am Sonntag den Geschäfts⸗ und Kassenbericht für das II. Halbjahr 1904. Demselben ist zu entnehmen, daß die Mitgliederzahl eine wenn auch nur ge⸗ ringe Steigerung aufzuweisen hat. Die finan⸗ ziellen Verhältnisse haben sich günstig entwickelt. Die Einnahme betrug 365,37 Mk., die Ausgabe 321,04 Mk., es verbleibt somit ein Kassenbestand von 44,33. Der Vorstand wurde wiedergewählt, bis auf den Kassterer Petersen, der ablehnte. An seine Stelle tritt Genosse Fien. Beschlossen wurde noch in Bälde eine Frauenversammlung abzuhalten. —„Das Schulkind“ betitelt sich das 6. Heft der von der Buchhandlung Vorwärts herausgegebenen Arbeiter⸗Gesundheits⸗ Bibliothek, das kürzlich erschienen ist und Dr. R. Silberstein zum Verfasser hat. In diesem Hefte kommt die Gesundheitspflege in der Schule und im Hause, die Pflege der Sinnesorgane; Sprachgebrechen, Wirbel. säulenverkrümmungen und deren Verhütung zur Erörterung, eingehend werden die ansteckenden 5 Kinderkrankheiten und im Anschluß daran die Frage der Absonderung und Wiederzulassung erkrankter Schulkinder und der Desinfektion, 8 sowie die Pockenimpfung behandelt und zum Schluß der Hygiene des Geistes gedacht. rung aus und wird überall da, wo es aufmerk⸗ sam gelesen und seine Lehren befolgt werden, Aufklärung und Nutzen bringen. In den früheren Heften dieser Bibliothek wurden behandelt: 1. Heft: Die erste Hilfe bei Unglücksfällen; Auch dieses Heft zeichnet sich durch leichtflüssige und flotte Darstellung und Hinweise auf die besonn;: deren Verhältnisse in der arbeitenden Bevölke- .. ͤ QA.% CAA]! des e er⸗ * und die e hel oltz. digen Ent⸗ eschen en! der in auf kages eeitigt Vogen fhen. lerter 8 ein u die inzeln arten de ist rot izlich lossen Dort ger Dauer 9 an b sich il um hrend durch soll. Dauer Ge⸗ einde⸗ auch elnde⸗ n ber⸗ Inter⸗ stadt len i. Falle esamt⸗ heiter⸗ eßener Intrag zu he · Vol⸗ pnntag 8 II. ihmen, ur ge⸗ inau⸗ 11 iögabe tand wählt, lehnte. hlossen lung ch das bi 0 eits⸗ N ö 5 t ——— 8 Nr. 38. Mittel deutsche Sountaos⸗geitung. Seite 5. 2. Heft: Das erste Lebensjahr; 3. Heft: Zur Gesundheitspflege des Nervensystems; 4. Heft: Der Achtstundentag, eine gesundheitliche Forde⸗ rung; 5. Heft: Alkoholfrage und Arbeiterklasse. Jedes Heft kostet 20 Pfennig und ist durch die Expedition unseres Blattes zu beziehen. Wir empfehlen diese lehrreichen Heftchen unsern Lesern zur Anschaffung. f — Der Gießener Lesehalle⸗Verein hält Freitag, den 24. Februar, abends 8 Uhr, seine ordentliche Mitgliederversammlung im Café Ebel ab. Die Tagesordnung ist aus dem Inserat ersichtlich. — Der Raubmörder Hudde hat ein⸗ gestanden, den Pfarrer Thöbes in Heldenbergen ermordet zu hoben. Nachdem in Köln festgestellt und durch Zeugen bestätigt wurde, daß Hudde es war, der die Uhr des Pfarrers in Köln versetzte, verdichtete sich das Beweismaterial immer mehr. Die Schwurgerichts⸗ verhandlung gegen ihn dürfte wie verlautet, erst im Juli stattfinden. Aus dem Preise gießen. ch. Wieseck. Im Wahlverein wurden in der Versammlung am Samstag die Geschäfts⸗ und Kassenberichte erstattet. Letzterer zeigte ein recht erfreu⸗ liches Bild. Die Einnahmen und Ausgaben überstiegen die aller vorhergegangenen Jahre; die Einnahmen betrugen Mk. 454,95, die Ausgaben Mk. 406,27 gegen voriges Jahr mit Mk. 325,26 Eennahme und Mk. 332,57 Aus gabe. Unter den Ausgaben befinden sich: ein Betrag von Mk. 214,03 für die Kreiskasse, Mk. 32 für Unter⸗ stützung Kranker, Mk. 26,80 für Parteizwecke, Mk. 10,— für Agitation und Mk. 17,— für Kommunalwahlen. Ferner wurden noch für sonstige Vereinszwecke und Litteratur Mk. 115,44 verwendet. Von der Unter⸗ stützungskasse wurden außerdem noch für ein verstorbenes Mitglied Mk. 10 und an Sterbegeld für zwei Ehefrauen von Mitgliedern je Mk. 20 ausgezahlt. Nachdem die Kontrolleure die Richtigkeit der Abrechnung bestätigt und für richtig befunden hatten, wurde unserm altbewährten Kassserer Körber Entlastung erteilt.— Die nächste Versammlung soll am 18. März mit einem Vortrag über die Bedeutung des 18. März und die jüngsten politischen Ereignisse abgehalten werden.— Der Wahl⸗ verein und Arbeitergesangverein Sängerkranz halten am 7, März gemeinsam einen Ball ab und werden die Mitglieder jetzt schon darauf aufmerksam gemacht. 1 Wieseck. Dem Guten müssen alle Dinge zum Besten dienen. Bei der Sammlung für die Berg⸗ arbeiter bekamen die Sammler oft recht törichte Bemerkungen zu hören. Als neulich Wiesecker Arbeiter für den Bergarbeiterstreik sammelten, legten sich auch die Liste einem bekannten und„berühmten“ Maurer- meister vor. Der lehnte jedoch eine Gabe ab und bedachte die Bergarbeiter und überhaupt die Arbeiter im Allgemeinen mit allerhand Liebens würdigkeiten. Da erinnerten sich die Arbeiter, daß ihnen der Herr Maurer⸗ meister noch seit 18 9 8 einen Betrag schuldig war, sie forderten denselben ein und spendeten einen Teil davon den Bergleuten. Das war recht. Herrn S. könnte aber etwas mehr Bescheidenheit nichts schaden. s. In Annerod fand am 4. Februar eine gut besuchte Pflasterer⸗Versammlung statt, in welcher unser Kollege A. Frickel aus Klein⸗Krotzenburg über die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung sprach. Er beschästigte sich eingehend mit den Verhältnissen in unserm Berufe und betonte die Pflicht aller auf Besserungen hinzuwirken. Seine sehr belfällig auf⸗ genommenen Ausführungen hatten zur Folge, daß eine Filiale des Pflasterer⸗Verbandes für Annerod gegrün det wurde, der sich hoffentlich sämtliche hier wohnenden Pflasterer anschließen. r. Mit dem Bahnprojekt Gießen ⸗Beuern beschäftigte sich am Samstag eine Versammlung in Altenbuseck. Lange vor ihrem Beginn war das Wilhelm Rabenau'sche Lokal dicht besetzt. Gegen ½¼9 Uhr eröffnete Herr Bürgermeister Körber die Versammlung und erteilte Herrn Beigeordneten Rau das Wort, der in kurzen Zügen die Vorteile darlegte, welche für die in Betracht kommenden Orte von der Verwirklichung des Projekts zu erwarten seien und erläuterte die bereits gepflogenen Verhandlungen. Dem Referat folgte eine recht rege Diskussion, wobei sich eine seltene Einmütig⸗ keit in der Beurteilung der Sache zeigte. Eine zum Schluß eingebrachte Resolution, welche die Angelegen⸗ heit durch energische Schritte gefördert wissen will, wurde einstimmig an enommen. Zwecks einen plan⸗ mäßigen Verfolgung der ganzen Angelegenheit wurde eine, aus allen Berufsschichten zusammengesetzte sieben⸗ gliedrige Kommission gewählt. Die Zusammensetzung der Kommisston läßt eine rege Tätigkeit auf diesem Gebiete erwarten. r. Der Großherzog von Großen⸗Linden. In der Zeit der Jubelfeiern, wo jedes unbedeutende Ereignis zu großem Festestrubel Veranlassung geben muß, will das Oberhaupt von Großen⸗Linden, Herr Bürgermeister und Landtagsabgeordneter Leun auch verbrecher, lassen es sich die Behörden keine Mühe ver⸗ nicht zurück bleiben. Zu seinem 50. Geburtstage hatten 1 drießen, um durch den bekannten preußischen Terrorismus seine Freunde am Donnerstag einen Fackelzug und Festkommers in der Turnhalle arrangiert, wo Herr Leun für das Verdienst, daß er 50 Jahre alt geworden ist, sich anhochen ließ. Eine Gießener Kneip⸗Gesellschaft überreichte ihm sogar ein„Diplom“. Dabei passierte übrigens ein Unglück. Als einer der Gießener das Ding an ein Fenster aufhängen wollte, stürzte ein Fensterflügel herunter und verletzte den Betreffenden schwer am Kopfe. Zwei andere Personen wurden leichter verletzt. Wie wir hören, erhielt Herr Leun von seinem Kollegen Köhler-Langsdorf, dem Grafen Pückler und dem Schah von Persien Begrüßungstelegramme. Das Schönste wird aber noch kommen: in den„gut⸗ gesinnten“ Blättern wird aus Großen ⸗Linden zu lesen sein: Welcher Beliebtheit sich unser allverehrter Bürger⸗ meister erfreut, bewies der großartige Fackelzug ꝛc. ꝛc. Heil, Heil! ö — Tabakarbeiter⸗Versammlung, Die in voriger Nr. auf Sonntag, den 18. Februar für Heuchelheim angekündigte Tabakarbeiter⸗Versammlung findet erst am 5. März nachmittags 3 Uhr im Lokale August Rinn statt. Eine weitere Versammlung soll am Abend desselben Tages in Wieseck, voraus⸗ sichtlich im Ziegler'schen Lokale abgehalten werden. — Lollar. Der Metallarbeiter ⸗Ver⸗ band feiert Samstag, den 25. d. Mts. sein Winter⸗ fest im Saale zum Schwanen. Das Fest, bestehend in Konzert, Gesang, Vorträgen, Deklamationen ꝛc. be⸗ ginnt abends 8 Uhr. Hoffentlich beteiligen sich nicht nur die Metallarbeiter, sondern auch Genossen aus andern Berufen recht zahlreich an der Veranstaltung. Aus dem Nreise Wetzlar. * Herr Franz Behrens, der christlich⸗soziale Agitator und zukünftiger Reichstags landidat für den Wahlkreis Wetzlar, hielt am Sonntag in Wißmar eine Agitationsversammlung ab. Mit dem erzielten„Erfolge“ dürfte er jedoch kaum zufrieden sein. Die Versammlung war gut besucht, es mögen etwa 140— 160 Personen anwesend gewesen sein. Zwar darüber sprach Herr B. weniger und die Zuhörer werden nach seinem Vortrage über die Bestrebungen der Stöckerpartei genau so klug als vorher gewesen sein. Den größten Teil des Vortrags nahm der Bergarbeiter⸗ streik in Anspruch. Das ist ja erklärlich; Behrens machte darüber auch Ausführungen, denen wir im All⸗ gemeinen von unserm Standpunkte aus zustimmen können. Zum Schluß erklärte es Herr Behrens als das Streben der Christlich⸗Sozialen, in Staat und Gesellschaft die Grundsätze des Christentums zur Anerkennung zu bringen. Nur 3 oder 4 Leute bekundeten Beifall. Genosse Vetters, der hierauf das Wort ergriff— es waren zehn(ö) Minuten Redezeit angekündigt— hielt Herrn B. vor, daß er doch nicht gesagt habe, was die Christlich⸗Sozialen wollten. Darum wolle er es nach⸗ holen und darauf hinweisen, daß jene für die Lebens⸗ mittelverteuerung durch Zölle, für die kostspielige und nutzlose Kolonialpolitik und Beseitigung des Reichstags⸗ wahlrechts eintreten. Christlich seien doch diese Be⸗ strebungen sicher nicht. Genosse Beckmann bemerkte, daß Behrens sein« Reden je nach Zusammensetzung der Versammlung einrichte, hier bei Arbeitern habe er es vermieden, gegen die Sozialdemokratie loszuziehen, wie das sonst seine Gewohnheit sei. Stöcker habe s. Zt. für das Ssozialisteugesetz gestimmt und wenn dieser Mann im Reichstage das Wort ergreife, schimpfe er auf die Sozialdemokratie und verdächtige sie. Die christlichen Gewerkschaften stören die Einheitlichkeit der Arbeiter⸗ bewegung und wirken im Interesse des Unternehmertums. Behrens selbst habe in seiner eigenen Gewerkschaft der⸗ artig zersplitternd gewirkt und außerdem die Geschäfte als Vorsitzender der Gärtner⸗Organisation unordentlich geführt. Letzteres bestritt Herr B. und erklärte die diesbezüglichen Zeltungsmeldungen als unwahr. Vetters und Beckmann antworteten nochmals und fanden mit ihren Ausführungen beifällige Zustimmung der Versamm⸗ lung, die einen Erfolg der Sozialdemokratie bedeutet. Westerwasd und Anterlahn. n. Versammlung in Niedershausen. Am Samstag sprach hier Genosse Krumm-⸗Gießen über: „Die Sozialdemokratie und ihre Gegner“. Redner präzisierte eingehend unsere Stellung, namentlich zu den agrarischen Parteien Ziffernmäßig wies er nach, daß die in dem neuen Zolltarif enthaltenen Zollerhöhungen landwirtschaftlicher Produkte nur dem Großgrundbesitzer zu Gute kämen, während dem Kleinbauern schon im Voraus etwaige Vorteile durch die verminderte Kaufkraft der industriellen Bevölkerung, erhöhte Preise der Syn⸗ dikatsbrüder im Inlande, Verteuerung der Futterartikel und anderer Verbrauchsgegenstände, wegstibiezt wer⸗ den. Ebenso sprach unser Redner über die beinahe komischen Versuche, den Wahlverein hier in Nieders⸗ hausen zu ruinieren. Als seien die Organisierten Staats⸗ den Arbeitern ihre gesetzlich gewährte Vereins- und Versammlungsfreiheit zu nehmen. Noch schärfer geißelte Krumm das Lumpengesindel von Denunzianten, die die Arbeitgeber den Organisierten auf den Hals zu hetzen versuchen, meistens ohne Erfolg, da auch die an⸗ ständigen Unternehmer für diese traurigen Menschen nur Verachtung hegen. Wir hoffen, daß die Versammlung die Organisation stärken und die Verbreitung der„Mittel⸗ deutschen Sonntags Zeitung“ und der„Frankfurter Volksstimme“ fördern wird. Wir fordern auch nochmals die Genossen auf, nur in den Lokalen zu verkehren, die uns zu Versammlungen zur Verfügung stehen. Aus dem Rreise Marburg-Nirchbain. r. Die Stadtverordneten ⸗Versamm⸗ lung beschäftigte sich in ihrer Sitzung am Mittwoch mit der Errichtung eines Volksbades. Professor Dr. Bonhoff trat lebhaft für die Schaffung eins solchen ein. Eine solche Einrichtung sei in Marburg unbedingt nötig. Man beschloß vorläufig einem Badeanstalts⸗ besitzer unentgeltlich das Wasser für die von Orts⸗ krankenkassenmitgliedern benutzten Bäder zu liefern, r. Polizei⸗Scherereien. Mit der allmählichen Erstarkung der Gewerkschaftsbewegung in Marburg be⸗ ginnt ihr auch die Polizei eine größere Aufmerksamkeit zu schenken und das Leben sauer zu machen. Im vorigen Jahre kam auf einmal das Verbot des Plakatanklebens und jetzt verbietet man das Sammeln zum Bergarbeiter⸗ streik. Noch nie vorher hat jemand, so oft für streikende oder ausgesperrte Arbeiter gesammelt wurde, etwas da⸗ gegen eingewendet, jetzt auf einmal haben drei Genossen deswegen Strafbefehle erhalten. Mögen sich unsere Ge⸗ nossen dadurch nicht beirren lassen, sondern weiter ihren Groschen zur Unterstützung der Bergleute geben und so⸗ viel sie können, sammeln.(Anmerkung der Red. Nach einer Entscheidung des Kammergerichts vom 20. Mai 1901 fällt unter den Begriff„öffentliche Kollekte“ nur das Ein sammeln von Haus zu Haus. Für solche muß nach verschiedenen Polizeiverordnungen die Genehmigung Behrens sprach etwa/ Stunden über das Thema: Was wollen die Christlich Sozialen? des Oberpräsidenten eingeholt werden, die, wenn es sich um Unterstützung Streikender handelt, wohl schwerlich gegeben würde. Das Sammeln in der Werkstelle oder am Wirtshaustisch, überhaupt in einem geschlossenen Personenkreise, ist nach der erwähnten Entscheidung keine öffentliche Kollekte. Unsere Freunde wollen dies beachten und nicht etwa von Haus zu Haus gehen.) r. Sprechstunden des Gewerbe⸗Inspekto⸗ rats. Die Gewerbe⸗Aufsichtsbeamten zu Cassel haben, was auch für die Marburger Arbeiterschaft zu wissen nötig ist, bestimmte Sprechstunden für Arbeitgeber und Arbeit nehmer eingerichtet und wie folgt festgesetzt: 1. der Regierungs⸗ und Geberberat zu Cassel(Regierungs⸗ gebäude, erster Stock, Zimmer 23) an jedem Samstag von 1112 ¼ Uhr; 2. der Gewerbeinspektor zu Cassel (Bureau Emilienstr. 1) an jedem 1. und 3. Sonntag im Monat. vormittags von 8—9½¼ Uhr und Sams⸗ tags vormittags von 9—12 Uhr.— Die Gewerk⸗ schaftskommission nimmt etwaige Beschwerden zur Weiter⸗ beförderung entgegen. i Eine gemeinnützige Baugesellschaft, die den Zweck verfolgt, Kleinfamiltenhäuser zu bauen, soll nach der„Oberh. Ztg.“ hier in der Bildung be⸗ griffen sein. Für Arbeiter sind die Wohnungsverhältnisse sehr reformbedürftig. Verschwunden. Seit dem 22. Januar wird das Dienstmädchen Kath. Rock aus Ebsdorf, das in Marburg in Stelle war, vermißt und konnte trotz aller Nachforschungen nicht ausfindig gemacht werden. Die Polizei hat für sichere Auskunft eine Belohnung von 50 Mk. ausgesetzt. Aus dem Gerichtssaale. Eine harte Strafe verhängte die Gießener Strafkammer am 7. Februar über den Kranken⸗ wärter Ewald aus Momart i. O., der zuletzt in der psychtatrischen Klinik in Gießen in Stel⸗ lung war. Wegen Verleitung zum Mein⸗ eid erhielt der bisher unbestrafte 22 jährige Angeklagte 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus und 5 Jahre Verlust der Ehrenrechte. Er hatte einen früheren Kollegen zu bestimmen versucht, in einem gegen Ewald gerichteten Alimentationsprozesse zu beschwören, das er in fraglicher Zeit ebenfalls mit der Klägerin verkehrt habe. Ewald wollte sich damit der Zahlung von Alimenten entziehen, welche die Klägerin von ihm als Vater ihres Kindes be⸗ anspruchte. * Liebenswürdiger Gatte. Die Strafkammer in Heidelberg verurteilte den Hauptlehrer Welde wegen fortgesetzter Mißhandlung seiner Ehefrau zu einem Jahr Gefängnis. W. wurde sofort verhaftet ——— Seite 6. Mitteldent sche Sonutags⸗ Zeitung. Von Nah und Fern. Empfindlicher Polizeikommissar. Genosse Thiel⸗Kassel sollte in einer Volks versammlung in Lippstadt den überwachenden Beamten durch die Worte:„Wenn Sie, Herr Kommissar, nach 11 Uhr keine Zeit mehr haben, so können Sie unsertwegen gezen, wir können auch ohne Sie die Versammlung weiterführen“ beleidigt haben und er wurde deswegen von dem Schöffengericht Lippstadt zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Auf die von Thiel ein⸗ gelegte Berufung erkannte die Strafkammer in Paderborn auf 100 Mk. Geldstrafe. Wie leicht kann doch so ein Beamter„beleidigt“ werden! Eine„Gotteslästerung“. Wegen eines solchen Verbrechens hatte sich der Genosse Unverzagt aus Braunschweig vor der Strafkammer in Hildesheim zu verantworten. Er hatte bei dem Begräbnis des durch Unfall zu Tode gekommenen Maschi⸗ nenschlossers Hühnerjäger am offenen Grabe einen Kranz mit roter Schleife niedergelegt und einige Worte gesprochen. Er hob dabei hervor, daß sich der Verstorbene trotz seiner Gottgläubig⸗ keit der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen hätte.„In diesen Farben“, so hatte er, auf die Schleife zeigend, bemerkt,„protestieren wir gegen den mangelnden Schutz für Leben und Gesundheit der Arbeiter.“ Das Gericht ver⸗ urteilte den Angeklagten auf Grund des§S 360 des Strafgesetzbuches wegen groben Unfugs zu Mk. 50 Geldstrafe. Wo in der Handlung des Angeklagten der„grobe Unfug“ liegen soll, muß für jeden, der nicht Rechtsgelehrter ist, schleier⸗ haft bleiben. Pfarrer⸗Irrgang. Aus Göttingen wird der„Frankftr. Ztg.“ berichtet, daß der Pastor Irrgang aus Sierers⸗ hausen kürzlich verschwunden, nachdem man ihn vom Amte suspendiert hatte. Wie sich jetzt herausstellt, ist die Veranlassung hierzu in sittlichen Verfehlungen zu suchen. Pastor Irrgang, der verheiratet und Vater mehrerer Kinder ist, hatte sich für eine Dorfschöne mehr interessiert, wie nötig war. Die Sache kam heraus, als das Mädchen im Herbst v. J. heiratete und schon nach drei Monaten Mutter wurde, was eingestandenermaßen nicht auf das Konto des Ehemanns, sondern auf dasjenige des Herrn Pastors zu schreiben war. Um nicht von den Sierersghäusern mißhandelt zu werden, mußte der Herr Pastor schleunigst verduften. — Der verheiratete Pastor Köhler in Er⸗ furt ist„wegen sittlicher Verfehlungen“ vom Amte suspendiert worden. Ehetragöõdie erstklassiger Meuschen. In München schoß am Montag Abend in der Friedrichstraße 29 Freiherr von Romann auf seine Gattin 5 Revolverschüsse ab, ohne sie jedoch ernstlich zu verletzen. Hierauf tötete er sich selbst durch mehrere Schüsse in den Kopf. Eheliche Zerwürfnisse sollen das Motiv der Tat sein. —— Friedrich Wilhelm Kritzsche. In einem Alter von fast achzig Jahren ist am 5. Februar in Philadelphia ein Mann ge⸗ storben, der von seinen Jünglingsjahren bis zur Schwelle des Greisenalters in der deutschen Arbeiterbewegung tätig gewesen ist und sich mannigfache Verdienste um sie erworben hat. Er stand in der Blüte seiner männlichen Kraft, als er im Jahre 1881 nach Amerika aus⸗ wanderte, nicht lange vor den Reichstagswahlen dieses Jahres, in denen die entscheidende Probe auf das Sozialistengeses gemacht werden sollte, und es sind ihm damals nicht Vorwürfe er⸗ spart geblieben, daß er von den Rechten des Veteranen zu frühen Gebrauch gemacht habe. Ob mit Recht oder Unrecht, das wissen wir nicht; auf jeden Fall geziemt es sich, im Augen⸗ blick seines Todes nur dessen zu gedenken, was er für die deutsche Arbeiterklasse geleistet hat. Fritzsche war ein selbstgemachter Mann in ganz anderem Sinne freilich, als die Bour⸗ geoiste dies Wort zu gebrauchen pflegt. Er war 1825 in Leipzig geboren, in den tiefsten Tiefen des Proletariats; ein halbes Jahr Armenschule, das war alles, was ihm die beste der Welten für den Kampf ums Dasein mitgab. Als Zigarrenarbeiter begab er sich früh auf die Wanderschaft; der Drang nach Erkenntnis, den alles Elend seiner Kindheit in ihm nicht hatte ersticken können, trieb ihn bald über die Grenzen der Schweiz, die in den vierziger Jahren für Handwerksburschen und Studenten verbotenes Land war. Fast wäre Fritzsche kurz vorm Hafen noch gescheitert; am Weihnachtsabend, als er auf einem Schleichweg nach Basel zu gelangen hoffte, wurde er von einem Schnee⸗ sturm überrascht, dem er, hungernd und spärlich bekleidet, erlegen wäre, wenn ihn einige Schicksalsgenossen nicht noch rechtzeitig ge⸗ funden hätten. Einer der Handwerksburschen, die den jungen Fritzsche damals gerade noch vor dem Tode des Erfrierens retteten, war ein Anhänger Weitlings. Von ihm erhielt Fritzsche die erste Kunde des Kommunismus und ging denn auch selbst nach Zürich, um unmittelbar aus der Quelle zu schöpfen. Ueber seinen Verkehr mit Werting hat er nichts Näheres veröffent⸗ licht, und vielleicht hatte er auch nichts Wissens⸗ wertes darüber zu sagen; zur Zeit seines Züricher Aufenthaltes war Weitling schon sehr in die Prophetenrolle hineingeraten und wird sich um seinen jungen Bewunderer kaum viel gekümmert haben. Auch war Fritzsche weit mehr auf die Praxis angelegt als auf die Theorie, und für Weitlings Utopie wird er schwerlich ein tieferes Interesse gehabt haben. Indessen für die revolutionäre Praxis kam Fritzsche in der Schweiz ebenfalls in die richtige Schmiede; nach seinem Aufepthalt in Zürich fand er Arbeit in einer kleinen Zigarrenfabrik, die Jean Philipp Becker in Biel eingerichtet hatte. So hat sich Fritzsche auch an die revolu⸗ tionäre Praxis gehalten, als ihn das Jahr 1848 wieder in Deutschland fand; er kämpfte erst als Freischärler in Schleswig⸗Holstein und dann auf den Dresdener Barrikaden in den Maitagen des folgenden Jahres. Dafür wurde er ein Jahr in Untersuchungshaft gehalten und danach ohne Sang und Klang entlassen. Das Jahrzehnt der Reaktion verlebte er in Leipzig, wo er sich mit Vahlteich zusammenfand, der ebenfalls von Weitling kam, aber stets in viel höherem Grade Weitlingianer gewesen und ge⸗ blieben ist als Fritzsche. Beide widersetzten sich gemeinsam den Bestrebungen der Leipziger Bourgeoisie,„ihre“ Arbeiter so ohne alles Federlesens in ihr Schlepptau zu nehmen; sie verhandelten aber auch im November 1862 im Hause Unruhs über das Zusammengehen von Bourgeoiste und Proletariat im preußischen Verfassungskonflikt, jedoch dank der hinter⸗ haltigen Politik der Fortschrittler ohne Erfolg. Für den Augenblick wären sie diesen Kniffen und Pfiffen vielleicht erlegen, wenn das Leip⸗ ziger Zentralkomitee, dessen treibende Kraft sie waren, nicht den rettenden Entschluß gefaßt hätte, sich an Lassalle zu wenden. Doch war Fritzsche persönlich nicht zugegen, als Dammer und Vahlteich, die Vorsitzenden des Zentral⸗ komitees, die endgültige Abmachung mit Lassalle trafen. Dammer wurde danach Bevollmächtigter des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins für Leipzig, während Vahlteich als Vereinssekretär nach Berlin übersiedelte. Doch lag die Leipziger Agitation hauptsächlich in den praktischen Händen Fritzsches. Zu Lassalles Lebzeiten trat er wenig hervor, und es ist auffallend, daß er auch nicht in den Vorstand des Vereins ge⸗ wählt wurde, worauf er nach seiner bisherigen Tätigkeit in der Arbeiterbewegung allen An⸗ spruch gehabt hätte. Möglich, daß er, ebenso wie Vahlteich, an Lassalles Person und Politik manches auszusetzen gehabt hat, und mindestens in einem sehr wichtigen Punkt stimmte er nicht mit ihm überein. Aber dann ist es nur um so mehr zu loben, daß Fritzsche nicht daran dachte, seine größere oder geringere Unzu⸗ friedenheit mit Lassalle an die große Glocke zu hängen, sondern sich in aller Stille bemühte, praktisch auszuführen, was nach seiner An⸗ .— 9 sicht von Lassalle mit Unrecht unterlassen worden war. Wir meinen die gewerkschaftliche Organi⸗ sation der deutschen Arbeiterbewegung. Für sie ist Fritzsche innerhalb der deutschen Sozial⸗ demokratie der erste praktische Bahnbrecher ge⸗ wesen; er begann schon Ende 1865 mit der Gründung des Tabakarbeitervereins, der als sein Organ den„Botschafter“ heraus⸗ gab. Fritzsches Verdienste find in dieser Be⸗ ziehung niemals genügend anerkannt worden, namentlich nicht, solange die Legende bestand — die von Bringmann in seiner trefflichen Geschichte der Zimmererbewegung mit großem Nachdruck und Erfolg bekämpft wird—, daß nämlich die Lassalleaner sich überhaupt gegen die Gründung von Gewerkschaften grundsätzlich ablehnend verhalten hätten. Der Lassallea⸗ nismus ist auch in dieser Beziehung besser ge⸗ wesen als der Ruf, den er allzu lange genossen hat; so nahe Lassalles Agitation die Unter⸗ schätzung der Gewerkschaften legte, so ist doch diese Gefahr von den Lassalleanern bald genug erkannt und vermieden worden; es ist sicherlich eine so bemerkenswerte wie erhebende Tatsache, daß ein Fehlschuß, den ein Mann von Lassalles genialer Begabung und kolossalem Wissen ge⸗ macht hatte, alsbald von einem Arbeiter be⸗ richtigt wurde, dessen geistiges Rüstzeug in einem halbjährigen Besuch der Armenschule er⸗ worben worden war. Als dann Schweizer in sein Diktatorspielen geriet und dadurch auch die gewerkschaftlichen Interessen empfindlich gefährdete, trennte sich Fritzsche von ihm, blieb jedoch den Lassalleanern treu, ohne sich je in hervorragender Weise an den gegenseitigen Auseinandersetzungen zu be⸗ teiligen. Der Gothaer Einigungskongreß er⸗ klärte dann auf seinen Antrag die gewerk⸗ schaftliche Organisation der Arbeiterklasse für notwendig. Doch war die günstige Zeit für einen Aufschwung der Gewerkschaften im Jahre 1875 vorbei, während der politische Kampf, den Fritzsche niemals vernachlässigt hatte, um so schärfer herandrängte. Im Jahre 1877 eroberte er den vierten Berliner Wahlkreis, den er in den Attentatswahlen des nächsten Jahres behauptete. Er gehörte nach dem Erlaß des Sozialistengesetzes zu dem ersten Schub der Berliner Ausgewiesenen, wurde, als er gleich⸗ wohl zur nächsten Session des Reichstags nach Berlin kam, in einen Bannbruchprozeß zu ver⸗ wickeln gesucht, nahm am Kongreß in Wyden teil und sammelte auf einer Agtitationsreise, die er gemeinsam mit Viereck in die Vereinigten Staaten unternahm 13 000 Mk. für die Reichs⸗ tagswahlen von 1881. Doch an diesen Wahlen selbst beteiligte er sich nicht mehr, und er hat dann nur von ferne her die große Bewegung wachsen und wachsen sehen, die frühe in ihrer historischen Bedeutung erkannt und mit rüstiger Kraft ge⸗ fördert zu haben sein Ruhm und sein Ver dienst bleibt.(Neue Zeit.) e eee Anterhaltungs-Ceil. ——— 2 Tief in der Erde Schoß. Tief in der Erde Schoß Schlagen wir Kohle los, Fern von der Sonne erquickendem Licht, Ach, wie unendlich lang dauert die Schicht!— Tief in der Erde Schoß Elend ist unser Cos. Tief in der Erde Schoß Kauern wir nackt und bloß, Schwingen die Baue, gebadet im Schweiß— Wie ist die Luft doch so dumpfig und heiß d Tief in der Erde Schoß Trifft uns des Todes Stoß. 1 Tief in der Erde Schoß Gehet das Unrecht bloß, Frißt an des Volkes gesündestem Stamm * !— —— 00 o( ., e r Nr. 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeunug. Seite 7. Wie an den Stützen des Hauses der Schwamm.— Tief in der Erde Schoß Seigt sich die Nabsucht bloß. Tief in der Erde Schoß Dröhnet ein wild Getos: „Lange waren wir hungernde Knechte, Laßt uns erneuern die alten Rechte!“— Tief in der Erde Schoß Dröhnet ein wild Getos. Tief aus der Erde Schoß Steiget ein Riese groß. Ueber das Unrecht mit wuchtigem Tritt Schreitet zermalmend sein mächtiger Schritt.— Tief aus des Volkes Schoß Steiget der Zukunft Cos. Robert Seidel. Der Gottlose. Eine Dingskircher Geschichte von K. H. Diefenbach. — (Schluß.) Begegnete dieses Weib eines Tages dem Kaspar. Schon von weitem fing sie an zu pusten und zu schnauben, und als sie in un⸗ mittelbare Nähe des Burschen angekommen war, winkte sie sich ein paar auf der Straße spielende Kinder herbei und rief denselben zu, indem sie mit ihren dürren Fingern nach Kaspar deutete: „Seht, Kinderchen, da kommt der Antichrist. Geht ihm aus dem Weg!“ Der junge Man wollte, angeekelt von dem häßlichen Weibsbild, einen kleinen Bogen be⸗ schreibend an ihr vorübergehen. Dieser jedoch war das nicht nach dem Sinne. Sie sprang ihm in den Weg und spie aus:„Schäm dich, du goltvergessener Mensch. Was für Reden führst du gegen Gott und die Kirche! Und gar nicht hinein gehst du in die Kirche; hast dich leicht gar dem Teufel ver⸗ schrieben— siehst mir grad' darnach aus. . du mein wärst, Bübchen, ich wollte Sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Geh' deiner Wege, alte Bosheit“, rief ihr Kaspar zu und wollte sie beiseite schieben. „Was, ich eine alte Bosheit!“ geiferte die Plaudertasche und hing sich an den Zipfel seines Rockes fest.„Ich bin eine Christin, und du bist ein Heide. Ich lasse dich nicht eher als bis du deine gottlosen Lehren widerrufst.“ Dem jungen Manne, der zuerst die Sache von der humoristischer Seite aufgefaßt hatte, fing dieselbe nun an unangenehm zu werden. „Zum Donner, laß mich los, alte Hexe!“ schrie er. Ein paar Burschen, die von ferne der Szene zusahen, lachten und riefen:„Hurra, hoch die alte Babett! Feste druff, Babett!“ Und wirklich— wie eine wütende Katze, also versuchte die Alte jetzt ihre schmutzigen Fingernägel in das Gesicht des Burschen zu dringen. Da stieß dieser, bis zum äußersten gereizt, sie gegen die Brust. Die Plaudertasche torkelte zurück und schlug mit dem Kopf gegen die scharf vorspringende Ecke eines Hauses. „Der Antichrist hat mich umgebracht“, schrie sie gellend, dann krümmte sie ihren hagern Leib nach rechis und einmal nach links, rollte ihn wie eine Kugel zusammen und streckte sich endlich der Länge nach auf die Gasse. Darauf lag ste still. Kaspar sprang hinzu.„Um Gottes willen, sie stirbt. Das hab' ich nicht gewollt“ rief er und hob den Kopf der Verunglückten hoch. „Beruhig' dich, Lieber“, meinte der Flick⸗ schuster, der ebenfalls den Vorfall mit angesehen und mit den andern herbeigesprungen kam. „So was stirbt nicht so leicht.“ Trotzdem— die Plaudertasche war tot. Sie hatte sich die mürbe Schädeldecke zer⸗ trümmert. Ein Aufruhr ohnegleichen entstand ob dieser Begebenheit in Dingskirchen. Ihr„kreuzige, kreuzige“ ließen die Pharisäer ertönen, und man rief nach der Obrigkeit. Kaspar wurde ver⸗ haftet, und nach halbjähriger Untersuchungshaft gab's eine großartige Schwurgerichtssitzung. Die Staatsanwaltschaft wollte zuerst einen Mord aus der Sache drechseln; sie besann sich jedoch noch zeitig eines Bessern und begnügte sich mit einer Anklage wegen Totschlag. Halb Dingskirchen wurde als Zeugen vernommen. Niemand wußte zwar dem 1 1 etwas Schlechtes nachzusagen; viele aber traten scharf gegen ihn auf, indem sie vorbrachten, der An⸗ geklagte set einer, der aller Religion, Ordnung, fc und Anstand in's Gesicht zu schlagen uchte. Ein heftiger Krieg entspann sich in dem Gerichtssaal, und zuletzt war es weniger die Unfallangelegenheit mit der Plaudertasche, um die es sich drehte, als vielmehr das Wesen und Treiben Kaspars und die von ihm vertretenen Ansichten. Denn was die erstere anlangte, so war bald bewiesen, daß Kaspar nicht böswillig den Tod des alten Weibes herbeigeführt, sondern sich der Keifenden nur erwehrt hatte, wie man sich etwa eines lästigen Insekts oder Reptils erwehrt. Die Geschworenen bejahten die Frage nach Körperverletzung mit tödlichem Ausgang unter Zubilligung mildernder Umstände. So endete die Verhandlung mit der Ver⸗ urteilung Kaspars in eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten.—— In Dingskirchen trat sofort eine heftige Agitation gegen jede Reformation in's Leben. Man hatte nun ein Beispiel, wohin es mit dem kommt, der in keine Kirche geht. Die Agitation führte zum Siege: die Kopfhängerei gedieh zusehends, und das Wort Christi:„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ wurde gänzlich zu Schanden gemacht. Allerlei. Ludwig XVI. an Nikolaus II. In den Städten Rußlands zirkuliert fol⸗ gendes Hohnblättchen: An Seine Majestät den Selbstherrscher aller Reußen! Lieber Bruder! Ich sehe die Situation, in der Du Dich befindest, und da ich feststellen kann, daß sie eine große Aehnlichkeit mit jener hat, in der ich mich in Frankreich jetzt genau vor 112 Jahren befand, habe ich mich entschlossen, Dir einige Weisungen und Ratschläge zu geben. Versuche es gar nicht, nach Peterhof oder Gatschina zu fliehen, denn wenn es nötig sein sollte, wird man Dich von dort holen, wie man mich aus Versailles holte. Die Festung Petropawlowsk erinnert gewissermaßen an meine Bastille, und es ist mir, als sähe ich die Mauern bersten. Gott, an den ich glaubte, mehr vielleicht als Du, lieber Bruder, ist eine Persönlichkeit, die in ähnlichen Fällen einen im Stiche läßt. Auf ihn ist kein Verlaß. Nirgends könntest Du wohl so sicher sein wie in Tokio. Alle Russen zusammen⸗ genommen könnten Dich von dort nicht herholen! Bei der verzwickten Lage, in welcher Du Dich befindest, würde es mich nicht wundern, wenn Du Deinen Kopf verlörest, wie auch ich meinen am Konkordiaplatz in der Nähe des heutigen Obelisken verlor.“ So schreib ich Dir denn, um Dir einige Ratschläge eines Mannes zu geben, der in der Sache Erfahrungen hat. Auf Wiedersehen Ludwig XVI. * Ludwig XVI. König von Frankreich wurde be⸗ kanntlich am 21. Januar 1793 in Paris hingerich tet. Splitter. Anerkennung braucht jedermann. Alle Eigen⸗ schaften können durch tote Gleichgiltigkeit der Umgebung zugrunde gerichtet werden. Immermann. * 4* Die Hoffnungsfreudigkeit im Anstreben eines Ziels, das Ringen nach diesem Ziel: darin liegt das Glück des Lebens. v. Schubert⸗Solderu. Humoristisches. Neutralität. Dem Häuptling der Zechenbesitzer und dem Anführer der Bergleute wird nach Beendigung des Streils der Orden pour le mérite verliehen. 1 die Wohn ungsfrage, Die Streikenden beim Arbeitgeber.„Was will denn das Gesindel?“—„Wir möchten nur bei Ihnen lernen, Here Geheimrat, wie man das macht, wenn man den ganzen Tag nicht arbeitet.“ Litterarisches. Die Buchhandlung Vorwärts hat in der letzten Zeit eine Anzahl neuer Schriften herausgegeben, auf die wir unsere Leser empfehlend aufmerksam machen. Wir heben die folgenden besonders hervor: Der Klassenkampf im Ruhrgebiet. Diese Broschüre behandelt in einer Einleitung die Bedeutung dieses Kampfes als Klassenkampf, die besonderen Anlässe des Streiks und seinen Verlauf, das Leben des Berg⸗ mannes und schließlich die parlamentarischen Aktionen, die er hervorgerufen, sowie die Stellung der Regierung und der Parteien zu dem Streik und den Forderungen der Streikenden. Wenn auch vorläufig der Kampf beendet ist, so ist doch die Broschüre ein geschichtliches Dokument und für alle Arbeiter von hoher Wichtigkeit. Der Preis beträgt 20 Pfennig. Eine Agitationsausgabe, die nur an Vertrauensleute, Vereine ꝛc. abgegeben wird, kostet: 100 Exemplare 9 Mk., 500 Exemplare 40 Mk. Der Reinertrag ist für die Unterstützung der Bergleute bestimmt. Der Geheimbund des Zaren. Ueber Rußland und seine völkermordende Politik bieten die Verhandlungen des Königsberger Prozesses ein reiches Material, durch das urkundlich der Beweis erbracht wird von dem schauerlichen Einfluß, den diese Politik auch auf Deutsch⸗ land ausübt. Die Verhandlungen dieses Prozesses liegen nunmehr vollständig vor. Der Herausgeber des Buches hat das umfangreiche Aktenmaterial benutzt, um den Beweis für die fortschreitende Russifizierung Deutschlands auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu erbringen. Auf diese Gefahr kann die öffentliche Meinung nicht oft und nicht eindringlich genug aufmerksam gemacht werden. Das Buch kostet gebunden 3 Mk. Das Werk kann auch in Heften à 20 Pfennig bezogen werden. Attentate und Sozialdemokratie von Aug. Bebel, nach einer am 2. November 1898 gehaltenen Rede. Bebel hielt diese Rede, als die Scharfmacher nach dem Attentat des Italieners Lucchenis auf die Kalserin von Oesterreich versuchten, gegen die Sozial⸗ demokratie Aus nahmegesetze zu veranlassen. Bebel wendet sich scharf gegen die Propaganda der Tat, indem er nachweist, daß diese die Arbeiterbewegung nur schädigen könne. Preis 15 Pfennig. Anarchismus und Sozialdemokratie von G. Plechanow, eine allgemeinverständliche Widerlegung der anarchistischen Theorte und Praxis. Plechanow, von dem der Staatsanwalt im Königsberger Prozeß behauptet hat, er sei Terrorist, bringt den Nachweis von der Undurchführbarkeit anarchistischer Theorien, wie sie von Stirner bis Bakunin und bis auf ihre Epigonen: Makay und Krapotkin gelehrt sind. Der Preis für die Broschüre ist 40 Pfennig. Stadthagens Arbeiterrecht ist jetzt bis zum Heft 17 erschienen. Dieses Buch ist ein unentbehylicher Führer durch alle Gebiete des Arbeiterrechts und ein billiger und zuverlässiger Arbeiteranwalt im Hause. Es ist komplett in 28 Heften A 20 Pfennig. Auf das Protokoll des preußischen Partei⸗ tags sei ebenfalls nochmals aufmerksam gemacht. Die Verhandlungen über die dort erörterten Gegenstände: die Schulfrage, das Kontraktbruchgesetz, das Wahlrecht sind aus⸗ führlich im Protokoll wiedergegeben. Zur Massenagitation werden die einzelnen Verhandlungsgegenstände in besonderen Broschüren abgegeben, die an Vertrauens⸗ leute, Agitationskomitees zu billigen Preisen abgegeben werden. Ein neues Sozialistisches Theaterstück ist unter dem Titel:„Achtung, Bombe“, Schwank von Ludwig Lessen erschienen. Folgende; ist der un⸗ gefähre Inhalt: Irgend eine Gemeinde im lieben deutschen Vater⸗ land hat ein neues Milglied in den Gemeinderat zu wählen. Auf beiden Seiten— im Ordnungslager und bei den Sozialdemokraten ist tüchtig„gewühlt“ worden. Nun soll sich's entscheiden, wer den Sieg davon! trägt. Schon sind die Honoratioren des Ortes sieges sicher im Wahllokal versammelt, da bringt der Gemeindediener ein Paket, eine angebliche„Bombe“ angeschleppt. Er erzählt eine Mordsgeschichte, wie er zu dem Paket, das niemand öffnen will, gekommen sei. Durch den ganzen Ort ist wie ein Lauffeuer das Gerücht von der Bombe im Wahllokal geflogen; kein Bürgerlicher wagt daher das Lokal zu betreten, so daß der Sozialdemokrat ein⸗ stimmig gewählt wird. Zum Schluß enthüllt sich der harmlose Inhalt der Bombe. Der Schwank ist reich an komischen Figuren, die Handlung spannend und wird vielen eine frohe Stunde bereiten. Einzelne Exemplare kosten 1 Mark. Das Aufführungsrecht ist an die Ab⸗ nahme von 11 Rollenexemplare geknüpft, die 5,50 Mark kosten. Das Verzeichnis der in der Sammlung er⸗ schienenen Theaterstücke wird auf Wunsch gratis versandt. Sämtliche Schriften sind in der Expedition der „Mitteldenischen Sonntags⸗Zeitung“ zu haben. . 754 ————— Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Jeituna. 1 Ne. 4. Arbeiter, Parteigenossen! Trotzdem der Bergarbeiterstreik aufgehoben ist, tut Unterstützung dringend not. Gerade jetzt ist die Not am größten, da die erste Lohnzahlung erst in drei bis vier Wochen erfolgt. Es ist daher unsere Pflicht, helfend einzugreifen, setzt die Sammlungen fort und gebt, was ihr könnt! Partei-KUachriichten. An die Parteigenossen des Großherzogtums Hessen! In Ausführung des Beschlusses der letzten Landes⸗ konferenz beabsichtigt das Landes⸗Komitee einen Referenten⸗Nachweis zu errichten. Zu diesem Zwecke ersuchen wir die Kreis⸗ organisationen bezw. Vertrauensmänner uns umgehend mitzuteilen, welche Genossen ihres Kreises bereit sind, sich als Redner dem Landes⸗Komitee zur Verfügung zu stellen. Offenbach, 15. Februar 1905. Das Landes-⸗Komitee. C. Ulrich. Versammlungskalender. Freitag, den 17. Februar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 18. Februar, Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 6½ Uhr Versamwlung bei Orbig. Montag, den 20. Januar. Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Or big. Für die streikenden Bergarbei ter gingen folgende B träge ein: Bei der Redaktion der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung: Häbel, Jung und Schütz in Hof zus. Mk. 2,50; E. Flick, Oberroßbach 0,50; Wieseck, Holzhauer⸗Guthaben v. 1898 Mk. 7,.—. Bei der Expedition der Mitteld. Sonntags Zeitung: Genossen in Sandbach(Odenwald) Mk. 9.70; Koch und Geist Bisses 11,—; Mahlverein Alsfeld, Liste 1, 17,60; Lützel⸗Wiebelsbach(Odenw.) 4,15; Typographia Gießen 50,.—; Brauer(2. Rate) 30,—; Großen⸗Buseck(Kappen⸗ klub) 6,40; C. Dörr 12,05; D.—,50; H. M. 1,—; Sp, 1,—; R. F. Leihgestern 10,—; Brauer(3. Rate) 30.—; Wirtschaft Becker Hirzenhain 3,35. Bei dem Gewerkschaftskartel: Gießen, Liste 5, 5,20; L. 6, 15,60; L. 23, 23,60; L 37 8,60; L. 54, 11,70; L. 58, 14,60; Maler und Lackierer(R.) 3,.—; Lollar, L. 44, 45, 46 31,70; Gleiberg, L. 0768, 0769 30,90; Großen⸗Buseck, L 33,—,30; L. 34, 7,20; Heuchelheim, L. 41, 25,60; L. 42, 30,60; Kartenspiel ber N. Nin 2,—; Lk 56, 6,40; Buchdrucker Fulda, L. 26, 21,75; Rödgen bei Gießen, L, 67, 11,15; Großen⸗Linden, L. 75, 5,—(A. W.): Watzenborn, L. 76, 5,30(J. S.); Stein⸗ berg, General⸗Versammlung des Konsum⸗Vereins, L. 79, gesammelt durch K. H. 9,35; Soz.⸗Wahlverein Stein⸗ berg 7,.—; Gesang⸗Verein Eintracht Gießen 25,.—; Gießen, L. 25, 4,20; L. 61, 5,40; L. 62, 5,45; L. 77, 14,10; Dachdecker, L. 76. 20,60; Lollar, L. 81, 83, 88, 89, 90, 92, zus. 89,95; Wieseck, L. 15, 8,28 L. 19, 11,40; L. 72, 14,75; L. 73, 0. Bei Fauth in Wetzlar; Liste 0754, 10,70(R.); 8. 0759, 9,40(Sch. u. St.); L. 0770, 44.37(F., darunter 13,37 von einer Tellersammlung bei K., 5,50 D., 5,— H., 2,— Sch., 2,.— R.); L. 1611, 25,50(G.); L. 0766. 1.—(Nachtrag); L. 0765, 15,85(St.); L. 0760, 2,50(K.); L. 0769, 20.90(H.⸗Launsbach); L. 0782, 4,50(W.); L. 1610, 5,—; L. 1613, 2,50(H.). 175 das Gewerkschaftskartell Frankfurt abgesandt Mark Fünfter nass. Wahlkreis. Bei L. Trott. Haiger: Liste 21(Rehe), 22,50; L. 22(Niederscheld), 13,10; L. 27(Langenaubach), 5,40. Summa Mk. 41,—. Bitte um baldige Rücksendung der übrigen Listen. Weitere stehen zur Verfügung. L. Trott. Unbestellbare Geldsendung! Von Gießen wurden am 10. Februar Mk. 4,— an die Siebener⸗ kommission in Altenessen gesandt. Zur Aushändigung von Geldsendungen kennt aber die Post eine solche Adresse nicht. Der unbekannte Absender soll erklären, an wen 900 15 ausgehändigt werden soll, an Effert oder wen on Deutscher Metallarbeiter⸗Verband Verwaltungsstelle Lollar. Samstag, den 25. Februar im Saale„zum Schwauen““ N MWinter fest ue bestehend in Konzert, Gesang, Humoristischen Vorträgen etc. Anfang: 3 Uhr abends. Aufang: 3 Uhr abends. Eintritt: Damen 20 Pfg., Herren 30 Pfg. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Edgar Borrmann, Giessen Eisen handlung Neustadt 11 2 2 T Telephon 298 empfiehlt: Herde und Oefen— Landwirtschaftl. Geräte Fruchtpressen— Keltern— Bohnenschneider Petroleum⸗, Spiritus⸗ u. Gaskocher Wasch⸗, Wring⸗ u. Mangelmaschinen Dezimal⸗. und Wirtschafts⸗Waagen Fleischhack⸗, Reib⸗ u. 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