EEK — — — 1 ten en ten „ I ttag ug * Nr. 25. Gießen, den 18. Juni 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 105-31 Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abonnemeutspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(B.⸗Z.⸗K. 5107) 33 ¼%% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt Parteigenossen Hessens! Die bevorstehenden Landtagswahlen finden, das ist außer allem Zweifel, in bisheriger — 885 d. h. auf Grund des alten Wahlgesetzes att. Die Genossen der Kreise, in denen eine Neuwahl stattfindet, sind deshalb verpflichtet, unverzüglich an die Aufstellung von Wahl⸗ männern heranzutreten. Zwecks der Agitation für die Wahlen sollen nun vom Landes⸗Komitee Versammlungen ab⸗ gehalten werden, in denen Genosse Dr. David über die Bedeutung der Wahl sprechen wird. Wir fordern deshalb alle Kreisvorstände auf, uns umgehend mitzuteilen, wie viel Versammlungen sie wünschen und wann sie dieselben abhalten möchten. Offenbach, 14. Juni 1905. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, Große Marktstraße 23. Weltgeschichte, Weltgericht! Nun ist der toͤnerne Koloß wirklich gefallen, das mächtige Rußland liegt gedemütigt am Boden vor dem fernen, kleinen Japan. Ein⸗ sichtsvolle Köpfe hatten das ja schon längst vorausgesagt. Aber gar viele ließen sich doch noch von dem äußeren Umfange des Landes, von der bloßen Zahl seiner Bewohner, von den großen Worten seiner Regierung täuschen. Besonders diejenigen Kreise unseres Volkes waren solcher Täuschung gern zugänglich, die in ihren innersten Gesinnungen und Neigungen dem russischen Knutensystem nicht ganz fremd sind und in seiner Niederlage daher selbst einen Schlag mitempfangen haben. Nun ist der Beweis für die Ohnmacht des veralteten, müh⸗ sam zusammengeflickten und zusammengehaltenen Zarenstaates unwiderleglich erbracht. Ein neues Beispiel von kaum geringerer Bedeutung als etwa der Zusammenbruch des römischen Kaiser⸗ reiches vor den Germanen ist für die Lehre geliefert, daß eine Regierung ohne Rückhalt bei ihrem Volke eigentlich überhaupt keinen zuver⸗ lässigen Halt mehr hat. Sie hängt förmlich in der Luft. Den Rückhalt am Volke aber findet sie nur, wenn dieses an ihr interessiert ist, an ihren Aufgaben mitarbeitet und an ihrer Verantwortung mitträgt. Die Gleichgültigkeit oder gar der Gegensatz des Volkes gegenüber den äußeren Schicksalen seines Staates(die natürliche Folgeerscheinung seiner politischen Minderberechtigung oder völligen Rechtlosigkeit) muß stets den Ruin nach sich ziehen. Alles noch so energische, auch von unsern Junkern immer wieder empfohlene, gewaltsame Diszi⸗ plinieren der Massen, kann den Mangel an innerer Teilnahme niemals ersetzen, kann positive nationale Kraft niemals erzeugen. Wenig wird es der russischen Regierung auch helfen, wenn sie die eine von ihr unterworfene Nation gegen die andere ausspielt, um die ihr feindliche Gesamtstimmung im Lande zu teilen und zu lähmen, wenn sie, von tscherkessischen Soldaten ihre russischen Arbeiter niederknallen, von Kurden, Tartaren und Georgtiern ihre armeni⸗ schen Untertanen erwürgen läßt. Mag auch im Augenblick die Stoßkraft der Revolution dadurch gemindert werden, für die Zukunft wird sich dieses Aufreißen nationaler Gegensätze um so bittrer rächen. Es zeigt sich dabet über⸗ haupt die Ungesundheit einer staatlichen Orga⸗ nisation, die auf gewaltsam künstlicher Zusam⸗ menkoppelung oder Unterdrückung verschiedener Nationalitäten aufgebaut ist. Oesterreich und auch das deutsche Reich könnten manches aus diesen Verhältnissen lernen, zu denen auch Nor⸗ wegens Trennung von Schweden einen inter⸗ essanten Beitrag liefert. Es ließen sich ferner darüber Studien machen, wie auch der Vorspann kirchlich religiöser Vorstellungen und Gefühle einen politisch völlig verfahrenen Karren nicht aus dem Schlamm zu ziehen im Stande sind. Weder die Innehaltung aller alten frommen Förmlichkeiten seitens des bittgehendes Volkes, noch der Priesterrock seines Führers haben den Eingang zum Zarenpalast erschließen können, und die vor den blutigen Schlachten so viel geküßten Heiligen werden durch die grausamen Niederlagen schwerlich an Kredit gewonnen haben. Der Zusammenbruch dieses Staates und dieses Systems kann als Zusammenbruch menschenunwürdiger Regierungsweise nur mit Freude begrüßt werden, und so ist es natürlich genug, daß der Sieges jubel der Japaner ein lautes Echo in unzähligen Herzen auch anderer Völker erweckt hat, in den Herzen Aller, die für den Fortschritt der Menschheit im Ganzen noch eines warmen Gefühles fähig sind. Einen prächtigen Ausdruck hat diese tiefbegründete Mitfreude in einem Gedicht der Münchener „Jugend“ gefunden: Die letzten Schiffe, die Du— Zar!— gesendet, Noch an den Feind, die letzten blauen Jungen! Nun hat auch sie die Meeresschlacht verschlungen— Sie haben Dein Verderben nicht gewendet! Es geht zu Ende. Nein, es ist geendet. Und weißt Du auch, weshalb er Dich bezwungen? Weil jung sein Reich ist, freiheit⸗, kraftdurchdrungen, Deins aber alt und morsch und blutgeschändet. Laß Deine Schiffe, Zar, die nun zerschlagen, Laß Deine matten Heiligen Dir sagen. Was Du noch nicht begreifst: Dich schlägt die Zeit! Fortschritt und Freiheit ihre Sturmkolonne! Das Reich des Finstern weicht dem Reich der Sonne! Ein Weltgericht— doch Weltgerechtigkeit! (A. De Nora.) In der Tat, alle die großen leuchtenden Ideale der Menschheit, sie blitzen, von heißer Sehnsucht entzündet, aus den schwarzen Wolken dieses grauenhaften Massenmordes in Ostasten einmal wieder kräftiger denn je hervor. Man muß schon recht stumpfsinnig sein, um nicht zu fühlen, daß es in diesem blutigen Ringen sich, mit Schiller zu sprechen, um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit handelt. Zunächst in Rußland selbst, wo die Masse der körperlich oder geistig wirklich Arbeitenden es sich nicht länger gefallen lassen wird, von einer brutalen, frivolen Genießerklique bei Seite gedrückt, ausgenützt, mißachtet zu werden. Mit Recht hat unser Genosse David im Reichstage seiner Zeit an Schillers„Tell“ erinnert: „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last— greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hangen, unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst. Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, Wo Mensch den Menschen gegenübersteht— Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben!“ Und Sergius oder Geßler, was ist der Unter⸗ schied? Höchstens der, daß Geßler nicht sein elgnes Volk zu chikanieren und zu unter⸗ drücken hatte! Ob aber dieser Unterschied z u Gunsten des Russen spricht? Eine zweite Forderung einfachster Berechtig⸗ keitsliebe ist die gegenseitige Achtung und An⸗ erkennung der Nationen. Mit welchem Rechte aber hat sich Rußland in der Mandschurei auf chinesischem Boden festgesetzt? Mit welchem Rechte hat es seine Fühler von da nach Korea ausgestreckt? Mit welchem Rechte schimpft es auf das„perfide“ Japan, da es sich in Port Arthur doch kaum gegen jemand anders rüstete, als gegen dieses? Und der übliche Entschuldi⸗ gungsgrund derartiger Eroberungszüge, ein „ zivilisiertes“ Volk habe die Aufgabe, ein tiefer⸗ stehendes mit seiner„Kultur“ zu beglücken, der paßt wahrhaftig auf das Verhältnis von Ruß⸗ land zu Japan noch hundert mal schlechter, als auf andere derartige brutale Unternehmungen. Wer angesichts dieses Krieges noch von„natio⸗ nalen Pflichten“ des russischen Volkes gegenüber seiner jetzigen Regierung spricht, die Fortsetzung dieser entsetzlichen Menschenschlächterei noch als „nationale Tat“ anerkennen möchte, den erinnern wir an Goethe(Gespräche mit Eckermann), für den„nur Kultur oder Barbarei eine Frage von Bedeutung“ war. Er meint:„Es ist mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden stie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz ver⸗ schwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet“. Dieser schöne Gedanke wird seine Richtigkeit auch da behalten, wo Nationen verschiedenen Rassen angehören, und gerade in dieser Beziehung eröffnet ebenfalls der Sieg der Japaner einen wohltuenden Aus⸗ blick in die Zukunft. Gerade eben beginnt unter den„zivilisterten“ Europäern allenthalben die Partei der rohen Rassenpolitiker zu wachsen, die feinerer Geistes⸗ und Gemütsbildung bar, allen stttlichen Rückstchten zum Trotz jede Ge⸗ waltpolitik gelten läßt, die im Interesse der „Höherentwicklung“ einer Rasse(natürlich ist das immer ihre eigene) gegen andre ange⸗ wandt wird. Ja, sie bieten sogar alle wissen⸗ schaftlichen Gründe und Scheingründe auf, um von vornherein die„Minderwertigkeit“ andrer Rassen zu beweisen. Was die schwarze Rasse, die Neger anlangt, so hat unser Genosse Hertz in den„Sozialist. Monatsheften“(Febr. 1905) die Unmöglichkeit solcher Verleumdung vortreff⸗ lich dargetan. Die Japaner aber werden fortan eines solchen Advokaten gar nicht mehr bedürfen. Mag auch bei ihnen natürlich die höchste Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht sein), das ) Es schmeckt so ganz nach europäischem Byzan⸗ tinismus, wenn z. B. Admiral Togo seinen Sieg noch in erster Linie der„Tugend des Mikado“(Kaiser von Japan) zuschreibt. e Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 25. haben sie mindestens soeben bewiesen, daß ihre Aussichten auf kulturelle Hebung besser sind, als die vieler„weißer“ Nationen. Und wen sollte es nicht freuen, daß der Glaube an die Menschheit auf diese Weise wieder einen rechten Anhalt und Aufschwung bekommt? Wir gönnen den engherzigen Rassenfanatikern diese praktische Widerlegung herzlichst. Mag selbst für die weiße Rasse in der gelben nun eine Konkurrenz erwachsen, mag es zu allerhand Schwierigkeiten kommen: Wir dürfen doch überzeugt sein, daß wir auch dort wirklich„Menschen“ vor uns haben, daß unsre Ideale auch dort Boden finden werden, daß man auch dort den höchsten Zielen der Menschenwürde und der Gerechtigkeit nach⸗ streben wird. Ja, wir sind diesem Idealbilde der Mensch⸗ heit, das in allen Jahrhunderten in den Köpfen der edelsten Denker gelebt hat, das in allen großen Epochen der Geschichte der Leitstern menschlichen Sinnens und Handelns war, wir sind ihm wieder um merkliche Schritte näher gerückt. Mit jubelnder Freude dürfen wir es begrüßen. Willkommen heißen wir das junge rege Völkchen. Da im fernen Osten, willkommen in der Reihe der Kulturvölker! Willkommen seid uns, die ihr so manche erkünstelte Schranke zwischen Mensch und Mensch, so manches ver⸗ altete Vorurteil durchbrochen habt. Keine kleinere Tat habt ihr geleistet, als Her mann der Cherusker, der seine deutsche Heimat vor den Ketten der römischen Despotie bewahrte. Durch⸗ brochen habt ihr die Schranken eines dünkel⸗ haften Kirchenchristentums, dem ihr bewiesen habt, daß geistige und moralische Qualitäten auch in ganz andern äußern Förmlichkeiten der Gottesverehrung gedeihen können. Und wenn ein Lessing wieder auferstehen könnte lach, wie gönnte man das den„Gözen“ unsrer Tage h, er würde sich gewiß nicht lange besinnen, auch für euch noch einen jener Ringe fertigen zu lassen, von denen sein„weiser Nathan“ zählt“). Und auch euch würde sein„be⸗ scheidener Richter“ mit der edeln weitherzigen Mahnung entlassen: „Es eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun Mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf!“ Fern aber liegt es uns, mit dieser herzlichen Anteilnahme am japanischen Siege irgend eine Spur der Schadenfreude mit dem russischen Volk verbinden zu wollen. Im Gegenteil, wir empfinden auch sein Schicksal durchaus mit, und, wir möchten ihm wie uns zum Troste sagen: Nicht das russische Volk, sondern sein jeder bessern Humanität spottendes Regierungs⸗ system ist der Geschlagene dieses Krieges. Möchte unsern Brüdern jenseits der Ostgrenze diese furchtbare Niederlage ähnlich heilsame Fortschritte bringen, wie sie uns die schweren Zeiten von 1806 und 1807 gebracht haben. Vom einzelnen Menschen sagt man wohl, daß er erst durch Schaden klug werde. Leider, leider trifft das auch von den Regierungen nur allzuerst zu. Sie lernen aus der Geschichte vergangner Zeiten so wenig, wie der Einzelne aus Erfahrungen andrer. Erst wenn's ihnen selbst an den Kragen geht, kommt ihnen die nötige Entschlosseuheit zum Bessermachen. Recht oft zu spät! ) In Lessings„Nathan der Weise“ wird dieser, ein Jude, von Sultan Saladin gefragt, welche von den 3 Religionen, Judentum, Christentum oder Islam, die beste sei. Er erzählt statt der Antwort von einem Vater dreier Söhne, der einen kostbaren Ring hatte mit der Eigenschaft sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Da er nicht wußte, welchem der 3 Söhne er dies Kleinod vermachen solle, ließ er 2 ähnliche Ringe machen, die vom ersten nicht zu unterscheiden waren. Der Richter, zu dem sie nun gingen, um das Zeugnis für die Echtheit des einen Ringes zu bekommen, ließ die Frage unentschieden und gab ihnen obigen Rat. So sollten anch die Vertreter verschiedener Religionen, statt sich gegenseitig zu schmähen, sich lieber gegenseitig in guten Handlungen zu übertreffen suchen.— Der Ihr armen unglücklichen Tausende aber, die ihr die unschuldigen unwilligen Opfer dieser entsetzlichen Kriegspolitik wurdet, ihr bedauerns⸗ werten, schmerzüberschütteten Hinterbliebenen, euer Blut und eure Tränen mögen über die kommen, die solch ungeheure Verantwortung sich freventlich übernehmen zu können einbildeten! Möchtet ihr doch zu Me rtyrern werden des schönen Glaubens an einen ewigen Frieden auf Erden! Möchte, wie jedes Martyrium, so auch das eurige zu kraftvollster Förderung des idealen Zieles einen starken Anteil liefern. So seid ihr, deren geistige und körperlichen Kräfte da so grausam verschwendet worden sind, doch nicht ganz zwecklos für die eigentlichen Aufgaben des Menschengeschlechts gewesen! Die aber, die auch durch all diese neuen ungeheueren Greuel nicht von dem armseligen Standpunkte des Philisters loskommen, daß es„immer so bleihen müsse, wie eben“, daß der ewige Friede nichts weiter, als„sentimentale Phantaste“ sein könne, denen möchten wir noch ein Wort aus Herders Humanitätsbriefen in's Stammbuch setzen.(Merkwürdig, was man iu unsern„Klasstkern“ doch alles für Gedanken findet! Noch merkwürdiger aber, daß man in unseren Schulen und gebildeten Häusern von 10 1 Gedanken so gar wenig spürt!) Herder agt da: „Der Krieg, wo er nicht erzwungene Selbst⸗ verteidigung, sondern ein toller Angriff auf eine ruhige benachbarte Natton ist, ist ein un⸗ menschliches, ärger als tierisches Beginnen, in. dem er nicht nur der Nation, die er angreift, unschuldiger Weise Mord und Verwüstung droht, sondern auch die Nation, die ihn führt, ebenso unverdient als schrecklich hinopfert. Kann es einen abscheulichern Anblick für ein höheres Menschenheere, die unbeleidigt einander morden? Und das Gefolge des Krieges, schrecklicher als er selbst, sind Krankheiten, Lazarette, Hunger, Pest, Raub, Gewalttat, Verödung der Länder, Verwilderung der Gemüter, Zerstörung der Familien, Verderb der Sitten auf lange Ge⸗ schlechter. Alle edeln Menschen sollten diese Gesinnung mit warmem Menschengefühl aus⸗ breiten, Väter und Mütter ihre Erfahrungen darüber den Kindern einflößen, damit das fürchterliche Wort Krieg, das man so leicht ausspricht, den Menschen nicht nur verhaßt werde, sondern daß man es mit gleichem Schauder, als den Veitstanz, Pest, Hungersnot, Erdbeben, den schwarzen Tod zu nennen oder zu schreiben kaum wage!“ K. Wbr. Die Gemeindesteuer-Neform in Hessen. IV. Aus den offiziellen Darstellungen der Grund⸗ sätze der Grund- und Gewerbesteuer geht deren Rückständigkeit mit einer Deutlichkeit hervor, die nichts zu wünschen übrig läßt, sodaß das Streben, beide, nachdem sie für die Staats⸗ steuer beseitigt wurden, auch für die Gemeinde⸗ besteuerung zu beseitigen, vollauf gerechtfertigt erscheint. Man frägt sich deshalb mit Recht, warum die Regierung trotz dieser Auffassung vom Wesen der Realsteuern wieder auf eine andere Art der Realsteuern zugriff und nicht einfach an einen passenden Ausbau der Gemeinde⸗ steuern im Anschluß an die Staatssteuerveran⸗ lagung gegriffen hat. Die Antwort darauf finden wir in dem schon erwähnten Streben der Regierung, die Steuern, die nach dem Prinzip der Leistungs⸗ fähigkeit der einzelnen Steuerzahler bemessen werden, für die Staatskasse zu reservieren und auszubauen. Um die Bedeutung dieses Strebens richtig würdigen zu können, müssen wir uns doch die Belastungsverhältnisse unserer Gemeinden etwas näher ansehen. Dabei tritt uns denn in recht bedenklicher Weise vor die Augen, daß die Lasten der Gemeinden von Jahr zu Jahr erheblich steigen und daß der weitaus größte Teil dieser Buddhismus der Japaner kann in der Reihe der Welt⸗ religlonen heute auch recht wohl mitgezählt werden. Steigerung eigentlich notwendig wird für Auf⸗ Wesen geben, als zwei einander gegenüberstehende Da sind zunächst die ins Ungeahnte steigenden Lasten für die Schulen und für das Armen⸗ wesen, sowie die Lasten für die sozialpolitischen Verpflichtungen der Gemeinden; sie wachsen alle in einer Weise, daß das Emporschnellen der Gemeinde⸗Umlagen gar nicht zu verwundern ist und unsere Forderung der Uebernahme der Schul⸗ und Armenlasten auf den Staat immer gerechtfertigter wird— denn sowohl bei den Schul als auch bei den Armenlasten geschieht die steigende Belastung der Gemeinden zu Gunsten der Staatslasten. i Die Belastung der fünf größten Städte des Landes seit 1901 stellt sich in Prozenten der Staatssteuer ohne Berücksichtigung der Ein⸗ nahmen aus dem Oktroi usw. wie folgt dar: in Darmstadt Mainz Gießen Worms Offenbach 1901 80,972 Proz. 91,8 99,85 89,277 82,093 1902 89 00 91,353 104,822 1903 88,2„ 91,9 114 95,299 122,174 1904 88,2„ 918 114 95,305 119,726 Und bei den 995 Kommunen des Landes schwanken die Gemeindesteuern von völliger Steuerfreiheit bis zu einer Belastung von 256,178 Prozent der Staatssteuer; 8 Gemeinden sind so glücklich, keine Gemeindesteuern erheben zu müssen; die 9. Gemeinde beginnt den Reigen der Gemeindesteuererhebung mit einem Satz von 11,193 Prozent der Staatssteuer. Bei einzelnen Gemeinden sind ganz außer⸗ ordentliche Steigerungen der Lasten in wenigen Jahren eingetreten und zwar stets dann, wenn außerordentliche Anforderungen für Schule, Armenwesen, Kanal- und Straßenbauten gestellt wurden, die erfüllt werden mußten, sollte die 875— nicht stagnieren oder gar rückwärts gehen. Dabei ist die Zahl der Steuerpflichtigen und ⸗Fähigen in einer Gemeinde so eng begrenzt, daß häufig genug der Wegzug oder der Bankerott eines einzigen Steuerzahlers für die übrigen eine Erhöhung der Belastung um mehrere Prozente zur Folge hat. Dieses recht empfind⸗ liche Uebel kann nur gemildert bezw. beseitigt werden, wenn die erwähnten Lasten ganz vom Staat übernommen oder wenn den Gemeinden aus der Staatskasse zu jenen Lasten Zuschüsse geleistet wer⸗ den, die den Verpflichtungen einiger⸗ maßen entsprechen. Heute ist das nicht nur nicht der Fall, sondern heute werden den Gemeinden durch Staats gesetz fort und fort neue Aufgaben, die alle Geld kosten, gestellt, ohne daß gefragt wird, können die Gemeinden diese Verpflichtungen auch erfüllen. Würde aber der Staat diese ihm zukommenden Verpflichtungen übernehmen, so würden sich die Gemeindelasten erheblich reduzieren, und eine gerechtere und gleichmäßigere Verteilung derselben auf die leistungsfähigen Schultern möglich sein. Die Gemeinden in Hessen sind aber nicht etwa allein überlastet durch die Staatsaufgaben; in Preußen ist es ebenso der Fall. Frankfurt a. M. zahlt 175,00 Prozent der Staatssteuer pro Kopf, Wiesbaden 195,67, Mülheim a. Rh. 326,56 und Oberhausen gar 562,09 Prozent. Diese Zustände sind auf die Dauer unmöglich zu halten und die Staaten müssen daran denken, den Gemeinden jenen Teil der Lasten abzunehmen, die ste eigentlich zu tragen verpflichtet sind. Ziehen wir nun das Fazit unserer Betrach⸗ tungen, so ergibt sich, daß wir anerkennen müssen und auch anerzannt haben, daß der vorliegende Gesetzentwurf einen Fortschritt gegen⸗ über der dermalen gültigen Steuergesetzgebung darstellt. Allein dieser Fortschritt ist unge⸗ nügend, er kann uns nicht befriedigen. Wir fordern die Beseitigung des Verbots des Schuldenabzugs sowohl bei Grund-, Ge⸗ werbe⸗ und Kapitalvermögen; wir nehmen damit diesen Steuern den Charakter der Realsteuern und stellen ste auf den Boden des Prinzips der Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen. Wir verlangen die Heranziehung des Wertzuwachses und der Erbgänge zu den Gemeindesteuern und gaben, welche von rechtswegen als Staats⸗ aufgaben angesehen werden müssen. eine Berechnung der Steuern in der Form, daß die Einkommen aus der persönlichen, 3 —.—— — —— 8 — 7 e T—— rr reer PPP TTT — gen lese nel, lich gere gen cht en; M. f 06 lich ken, fell, el. der gel ung ge N ell. 1 init lern del Vir 0 id ul, r.„. 7 ——̃̃——— — —— Nr. 25. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite. geistigen oder körperlichen Tätigkeit der Steuer⸗ pflichtigen(Arbeitseinkommen) in dem bisher üblich gewesenen Verhältnis zu den Realsteuern beibehalten wird, daß dagegen die fundierten Einkommen aus Grundbesitz⸗, Gewerbebetrieb⸗ und Kapital⸗Netto vermögen durch besondere, den Bedürfnissen der einzelnen Gemeinden ent⸗ sprechend progresstv zu gestaltende Zuschläge herangezogen werden. Für jene Ausnahmefälle, bei denen weder Einkommen, noch Grund., Betriebs⸗ oder Kapi⸗ talvermögen steuerlich zu treffen wäre, müßte allerdings von diesen Grundsätzen abgewichen werden können; es könnte dies geschehen, und zwar in entsprechend veränderter Form, analog den Bestimmungen, die die Regierung im vor⸗ liegenden Entwurf vorgesehen hat. Politische Rundschau. Gießen, den 15. Juni 1905. Junker, das ist was anderes! Wie sehr die Polttik von den besitzenden Klassen als Dirne beschränktester Standesin⸗ teressen mißbraucht wird, das beweist die Kreuz⸗ zeitung an einem mehr ergötzlichen als ärger⸗ lichen Beispiel. Die Kölnische Volkszeitung, der wohl bei dem Gedanken an einen Finanzreform⸗ konflikt ein wenig schwül wird und die das lebhafte Bedürfnis hat, sachte von der Reichs⸗ erbschaftssteuer abzurücken, hat, wohl ohne was Rechtes dabei zu denken, etwas von einer „Reichsumsatzsteuer“ geschwatzt, die von einem Umsatze in der Landwirtschaft, in der Industrie und im Handel erhoben werden soll, sofern er den Jahresbetrag von 300,000 Mark übersteigt. Die Kreuzzeitung nimmt diesen Steuerulk ernst genug, um schon für die Taschen der Notleidenden mit mehr als 300,000 Mark Jahresumsatz zu zittern. Die Warenhaus⸗ steuer freilich, die sei ihr immer sehr sym⸗ pathisch gewesen.„Der Grund, für diese unsere Haltung“, schreibt ste,„lag darin, daß wir in den Warenhäusern eine unerfreuliche Erscheinung unseres wirtschaftlichen Lebens erblicken. Aber vom Großbetrieb können wir das nicht ohne weiteres sagen. Dieser bildet in der Land⸗ wirtschast(), in der Industrie und im Handel einen wichtigen Faktor unseres wirt⸗ schaftlichen Lebens, der heute nicht mehr ent⸗ behrt werden kann.“ Merkst du was? Wenn Samuel Löwen⸗ stein für 300,00 Mark jährlich Bänder verkauft, dann ist Samuel Löwenstein„eine uner⸗ freuliche Erscheinung unseres wirt⸗ schaftlichen Lebens.“ Wenn aber der Fürst von Löwenstein für 300,000 Mark Holz, Ge⸗ treide, Butter, Eier, Bier und Schnaps ver⸗ kauft, so ist er„ein wichtiger Faktor unseres wirtschaftlichen Lebens.“ Mit der Hetze gegen Samuel Löwenstein gewinnt man die kleinen Leute, denen man die lächerliche Idee einredet, man könne die großen Konkurrenten mit dem Steverknüttel totschlagen. Das ist staats⸗ erhaltende Tätigkeit. Aber Arbeiter und Bauern auf den großen Umsatz des Fürsten von Löwenstein aufmerksam machen, heißt Auf⸗ hetzung, Umsturz und Rebellion. Ein Lügen ⸗Engel. Vorige Woche wurde in Esse n ein Prozeß verhandelt, der eine schwere Niederlage der Kohlenkapttalisten und ihrer politischen Ver⸗ tretung bedeutet. Bergmeister Engel, ein Hauptvertreter des Scharfmachertums im Ruhr⸗ kohlengebiete, ließ einen Beleidigungsprozeß gegen den Redakteur Vallen vom(bürgerlichen) „Allgem. Beobachter“ in Essen anstrengen. In einer Broschüre, die Engel während des Berg⸗ arbeiterstreiks herausgab, behauptete er u. a., daß die sozialdemokratischen Knappschaftsver⸗ treter ihre Instruktionen vom Parteivor⸗ stand in Berlin holten, und daß die sozial⸗ demokratische Mißwirtschaft schuld an der Pleite der Münchener Ortskrankenkasse sei und ähn⸗ lichen Schwindel mehr. Mit diesem Schwindel beschäftigte sich der Beobachter in einem Artikel, der zur Beleidigungsklage führte. Nur wegen formeller Beleidigung wurde Vallen zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt, während dem Bergmeister Engel in dem Urteil gesagt wurde, daß er bei Abfassung seiner Broschüre höch st leichtfertig zu Werke gegangen sei, deutsch gesagt, außerordentlich dreist geschwindelt habe! Der Plötzensee⸗Prozeß nahm ein überraschendes Ende. Der Straf⸗ antrag wurde zurückgezogen, nachdem die angeklagten Redakteure erklärten, daß sie mit Veröffentlichung der inkriminterten Artikel nur die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Mißstände im Strafvollzug richten und keineswegs die Beamten und Gefängnisärzte beleidigen wollten. Auf diese Angelegenheit wird noch zurückzu⸗ kommen sein. Zwei militärische Zuchthausurteile sind in den letzten Tagen wiederum gefällt worden. In Bromberg verurteilte das Kriegsgericht die Kanoniere Voth und Well⸗ ner wegen militärischen Aufruhrs, tätlichen Angriffs auf Vorgesetzte, Gehorsamsverweige⸗ rung ꝛc., ersteren zu 6 Jahren Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heer, letzteren zu 5 Jahren Gefängnis. Die Soldaten haben auf dem Marsche in einem Dorfgasthause einem Sergeanten, der ihnen das Schnaps⸗ trinken verbot und sie aus dem Lokal wies, den Gehorsam verweigert und zuletzt sich tätlich vergangen. Verletzt wurde der Sergeant dabei nicht. Es handelte sich hier um einen einfachen Wirtshauskrakehl; im„zivilen“ Leben wären die beiden Krakehler mit ein paar Tagen Haft weggekommen. Das andere Zuchthausurteil fällte das Kriegsgericht in Landau über einen Pionier vom 2. bayr. Pionierbataillion. Dieser hatte im trunkenen Zustande bei der letzten Schiller⸗ feier einem Unteroffizier seiner Kompagnie einen Stoß vor die Brust versetzt und ihn mit dem dort üblichen Schimpfnamen Scherenschleifer belegt. Das Urteil lautete auf drei Jahre Zuchthaus. Solche unerhörte Urteile machen eine Reform des Mtlitär⸗Strafrechts zur unbedingten Not⸗ wendigkeit. Für Peitschenhiebe— Mittelarrest! Ein anderes Urteil als die oben mitgeteilten fällte dagegen das Kriegsgericht der 6. Diviston in Trier gegen men Unteroffizier des 161. Infanterie⸗ Regiments. Dieser Stellvertreter Gottes hatte einem Soldaten zehn Hiebe mit einer Klopfpeitsche versetzt, um ihn „in ein schnelleres Tempo“ bet der Ausführung eines Befehls zu bringen. Das Gericht ver⸗ 5 5 den Unterofftzier zu 15 Tagen Mittel⸗ arre Reichstags⸗Ersatzwahlen finden in den nächsten Wochen eine ganze Anzahl statt. Für unsere Partei kommen besonders drei in Betracht und zwar die in Oberbarnim, Fürth und Essen. Im letzteren Kreise hatten wir bei der letzten Wahl eine ganz gewaltige Stimmenzunahme zu verzeichnen: von 4400 auf 22 700! Trotzdem ist es natürlich sehr fraglich, ob wir diesen Kreis erobern; die Gegner waren bei der letzten Wahl fast doppelt so stark. Die Gegner suchen die Arbeiterwähler durch Aufstellung„arbeiter⸗ freundlicher“ Kandidaturen zu ködern. Das Zentrum stellt den Arbeitersekretär Gisberts, die National⸗ liberalen Rechtsanwalt Niemeyer und die Stöckerleute den„berühmten“ Franz Behrens auf.— Kandidat unserer Partei ist Wilh. Gewehr⸗Elberfeld.— Den Fürther Kreis, den die Liberalen vor zwei Jahren durch ungeheuerliche Wahlbeeinflussungen an sich brachten, hoffen unsere Genossen wieder zurück zuerobern. Die Wahl findet am 20. Juli statt; unser Kandidat ist der frühere Abg. Segitz.— Für Oberbarnim ist der Wahltermin auf den 13. Juli festgesetzt. Unsererseits kandidiert dort Bruns ⸗Berlin. Sozialdemokratische Wahlerfolge. Einen glänzenden Sieg erkämpften unsere Parteigenossen im württembergischen Landtags⸗ wahlkreise Eßlingen. Dort fand am letzten Mittwoch eiue Ersatzwahl zum Landtage statt, bei der unser Genosse Reichstagsabgeord⸗ neter Schlegel mit 4544 Stimmen gegen 3235 der gesamten bürgerlichen Parteien ge⸗ wählt wurde. Mit Schlegel zieht der siebente Sozialdemokrat in den württembergischen Land⸗ tag ein.— Auch bei den Stadtverordneten⸗ wahlen in Pforzheim hatten unsere Partei⸗ genossen eine bedeutenden Erfolg. Die sozial⸗ demokratische Liste siegte mit 2097 gegen 916 Stimmen. So stehen der kleinen Schlappe, die wir im Kretse Hameln⸗Springe erlitten haben, schon wieder zwei recht erfreuliche Ge⸗ winne gegenüber. Es geht doch vorwärts! Ein entlassener König. Schweden und Norwegen sind bekannt⸗ lich durch eine„Union“ mit einander verbunden. König Oskar von Schweden„herrscht“ auch über Norwegen. Dies Verhältnis bekamen die Norweger überdrüssig, sie machten daher „Revolution“, kündigten dem König die Stelle und der norwegische Landtag hat dem Mini⸗ sterium die Regierungsgewalt übertragen. Von bürgerlicher Seite plant man die Einsetzung eines neuen Königs für Norwegen; dem wider⸗ sprechen aber die Sozialdemokraten, welche die Republik wollen. Die schwedische und norwegische Sozialdemokratie wechselten Sympathie⸗Tele⸗ gramme. Griechenland's Ministerpräsident erstochen. Am Dienstag Nachmittag wurde in Athen der fast 80 jährige Ministerprästdent Delyannis in dem Augenblicke, als er am Parlaments- gebäude seinen Wagen verließ, erstochen. Sein Tod trat bald darauf ein. Der Atten⸗ täter wurde verhaftet. Es soll ein gewerbs⸗ mäßiger Spieler sein, der sich an dem Minister wegen Verbots der Spielhäuser rächen wollte. Friedensverhandlungen zwischen Japan und Rußland anzubahnen geben sich andere Mächte Mühe und besonders der amerikanische Prästdent Roosevelt ist in dieser Richtung tätig. Aus den spalten⸗ langen Telegrammen über diese Aktion kann man auf eine baldige Zusammenkunft der beiderseitigen Bevollmächtigten schließen.— Rußland hat den Frieden allerdings sehr nötig. Die weiteren Fortschritte der Revolution und den endgiltige Zusammenbruch des Zarismus wird aber auch der Friedensschluß nicht auf⸗ halten.— Aus der Mandschurei wird weiteres Vorrücken der Japaner berichtet. Von Nah und Fern. Hessisches. — Die Zweite Kammer des Landtags trat am Mittwoch wieder zusammen und be⸗ schäftigte sich mit der Beratung des Gesetzent⸗ wurfs über die Errichtung und Leitung von technischen privaten Unterrichtsanstalten. Durch die Vorlage werden diese Institute der obligatorischen staatlichen Kontrolle unter⸗ stellt. Herr Köhler⸗Langsdorf beklagte bei dieser Gelegenheit das angebliche Ueberhandnehmen des— angeblich jüdischen— Ausländertums in den deutschen technischen Unterrichtsanstalten. Auch der Antisemit Wolf tutete in dasselbe Horn. Nachdem Ministerialrat Braun und einige Redner aus dem Hause für die Vorlage gesprochen haben, tritt Genosse Dr. David dem Abg. Köhler und seinen Behauptungen über das Ausländertum entschieden entgegen. Die Ausländer gäben im Gegenteil mit ihrem ernsten wissenschaftlichen Streben und ihrer nüchternen Lebenshaltung geradezu ein vorbild⸗ liches Beispiel. Wenn man von einem unan⸗ genehmen und lästigen Ausländertum in Hessen reden wolle, so könne man das mit vollem Recht nur dann tun, wenn es sich um die Besuche des Zaren handle. Wegen dieser durchaus treffenden Bemerkung wurde David später zur Ordnung gerufen. Der Zeutrums⸗ mann b. Brentano— selbst Abkömmling eines Ausländers— machte sich die Köhler'schen Weisheiten zu eigen und erklärte die Ausfüh⸗ rungen Davids als„beleidigend“ für das deutsche Studententum. Zwischen ihm und David kommt es darüber und über die revolu⸗ Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 25. Seite 4. Hionären Vorgänge in Rußland zu scharfen Auseinandersetzungen. David legt dar, daß die Gefahr der ausländischen Konkurrenz nicht so sehr durch den Besuch ausländischer Stu⸗ denten an deutschen Hochschulen, als vielmehr durch die unglückselige deutsche Schulpolitik gefördert werde. Herr Hirschel erwähnt den Fall der russischen Studentin Berson und will damit die angebliche Unmoral der russischen Studenten beweisen. Ulrich warnt Herrn Hirschel, derartige Dinge zu verallgemeinern, sonst würde er ähnliche Gepflogenheiten anderer Leute, sogar gewisser hessischer Volks vertreter zur Sprache bringen.— Damit endete die Debatte, in welcher wieder einmal der ganze bürgerliche Mischmasch gegen die Sozialdemo⸗ kratie zu Felde zog. Die Vorlage wurde an⸗ genommen. Am Donnerstag wird nach Erledigung kleinerer Vorlagen in die Beratung der Ge⸗ meindesteuerreform eingetreten. Staats⸗ minister Rothe empfiehlt die Vorlage, welche das Gemeindesteuerwesen in ein einfaches und gerechtes System bringe.— Ulrich betont in längeren Ausführungen, daß der Entwurf die Minderbemittelten gegenüber den Kapitalkräf⸗ tigen un verhältnismäßig stark belastet. Immerhin bedeute der Entwurf einen Fortschritt gegen den bisherigen Zustand. — Was der Staat für die Volks- schule tut. Wie neuerdings festgestellt wurde, verausgabt der hessische Staat pro Jahr für inen Volksschüler.. 13,25 Mk. Gymnasiasten. 86,00„ Hochschultechniker.. 145,00„ Gietzener Studenten 854,00„ Aehnlich liegt das Verhältnis auch in den andern deutschen Staaten. Für die Ausbildung der Söhnchen der Reichen wird aus Staats⸗ mitteln das 10 bis 50 fache dessen aufgewendet, was ihm das Proletarierkind kostet. Gießener Angelegenheiten. — Bessere Wohnungen! Die Gesell⸗ schaft für Bodenreform, Ortsgruppe Gießen, nimmt in nächster Zeit eine Wohnungsauf⸗ nahme vor. Es soll statistisches Material über die Preisverhältnisse der Mietswohnungen in Gießen beschafft werden und bitten wir unsere Parteifreunde, die zur Aufnahme er⸗ scheinenden Herren durch bereitwillig e Auskunft unterstützen zu wollen. Niemand braucht zu befürchten, daß irgend welcher Mißbrauch mit den Aufnahmen getrieben wird, es handelt sich lediglich um Beschaffung von Material um auch in Gießen energisch an die Schaffung besserer Wohnräume gehen zu können. — Wirtschaftspolitische Weis⸗ heiten merkwürdiger Art verzapft Hirschels Antisemitenblättchen. Es gibt als Antwort auf unsere Notiz in der vorletzten Nummer, wo wir seinen Kohl über den Schneiderstreik fest⸗ nagelten folgendes von sich: „Der größte Teil der Gießener Schneider⸗ meister hat sich durch Fleiß und Sparsamkeit emporgearbeitet aus geringen Verhältnissen und es mag sich jetzt mancher Gehilfe an die Brust klopfen und sich sagen, du hättest es bei einigem gutem Willen gerade so weit bringen können, das heißt, wenn sie sich auf sich selbst verlassen hätten, aber auf sich selbst kann sich kein Sozial⸗ demokrat verlassen, da soll immer einer dem andern helfen, da verläßt man sich auf die Ge⸗ meinde und die Kassen. Die ganze Sozial⸗ demokratie lebt bloß auf Kosten der andern Stände. Wenn die andern Stände nicht sorgen für Arbeit und Absatz im Ausland, dann hätlen die Sozzen nichts zu reißen und zu beißen. In dem Augenblick, wo einmal die Sozzen aus sich selbst heraus ohne bürgerliche Beihülfe etwas zu Wege bringen sollen, kracht ihr ganzes Schwindelgebäude zusammen. Bis jetzt schneiden sie nur aus anderer Leute Leder die Riemen. Wenn morgen nur einmal auf 8 Tage die Gießener Fabriken die Bude zumachen, wird's den betörten Arbeitern der Umgegend klar werden, wenn ste überhaupt sich wollten belehren lassen, wie sie von den sozialdemokratischen Propheten genas⸗ führt werden.“ gesellen: hättet ihr nicht soviel„Blaue“ gemacht, dann wäret ihr auch soweit, wle die Herren Leib, Stamm und andere! Jeder von euch könnte jetzt ein gutes Geschäft haben und sich vor die Ladentür stellen, wer dann die Arbeit machte, brauchte euch ja nicht zu kümmern. Wir raten ernstlich, von der Gemeinde die Mittel zur Gründung einer Produktivgenossen⸗ schaft zu fordern und eine solche baldigst zu eröffnen, dann werden die Schneider hoffentlich vor den antisemitischen Agrartern, die so gut durch Wucherzölle für Arbeit und Absatz im Ausland sorgen, Gnade finden. Weniger werden allerdings die Gießener Fabrikanten den anti⸗ semitischen Ratschlägen folgen. Ste dürften sich schwerlich dazu verstehen, ihre Buden zu schließen und ste wissen auch warum. Im übrigen sollte Herr Hirschel dafür sorgen, daß sein Blättchen nicht gar so polizeiwidrig dummes Zeug zum Besten gibt, sonst entzieht ihm schließ⸗ lich selbst der Junkerbund die Unterstützung und dann„kracht sein ganzes Schwindelgebäude zu⸗ sammen“! i — Zum„Fall Schäde!“ wird berichtet, daß die so laut angekündigte Disziplinarunter⸗ suchung gegen Professor Noack für diesen recht glimpflich abgelaufen ist. Er wurde lediglich mit einem Verweise bestraft und zwar wegen seiner Beschwerde über die Art der Darlegungen des Regierungsvertreters in der Zweiten Kammer. Also war Davids Vorgehen, über das sich die Amtstanten und die bürgerlichen Landboten so entrüsteten, wohl begründet und berechtigt. — Milchpantscheret. Verschiedenen biederen Landleuten wurde neulich die Milch konfisziert, weil ste ste zu sehr verlängert hatten. Wir wünschen diesen Braven, die den Leuten Wasser statt Milch für gutes Geld verkauften, ganz exemplarische Strafen. — Eine Tabakarbeiter⸗Versamm⸗ lung findet diesen Sonntag, den 18. Junt, nachmittags 2 Uhr, im Lokale„Zum Wiener Hof“ statt. Hermann⸗ Wiesbaden wird über die Frage sprechen:„Wie wehren sich die Ar⸗ beiter in der Tabakindustrie gegen die wiederum drohenden Zollerhöhungen auf Tabak und die dadurch bedingte weitere Herabsetzung ihrer Löhne?“ Alle Tabakarbeiter und Arbeiterinnen Gießens und Umgebung sind zu dieser Ver⸗ sammlung eingeladen. — Zigarettenraucher sollten keine Dresdener Zigaretten kaufen, weil die dortigen Fabriken die Ar⸗ beiterinnen, die dem Tabakarbeiter⸗Verbande angehören, ausgesperrt haben. — Der Arbeiter-Turnerbund, die Organi⸗ sation der freien Turner Deutschlands und Oesterreichs, veröffentlicht eben seinen Jahresbericht für 1904, das 12. Geschäftsjahr des Bundes. Die Vereine haben danach mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, z. B. Abtreiben der Turnlokale und Turnhallen, Verbot des Mitturnens der Lehrlinge und Schüler, Maßregelungen der Mitglieder usw. Trotzdem hat sich der Bund, be⸗ sonders seit dem 1903 in Kassel stattgefundenen Turn⸗ tag, gut entwickelt; der Bund hat damals einen Ge⸗ schästsführer mit dem Sitz in Leipzig angestellt. Dort wird auch die im 13. Jahrgange erscheinende Arbeiter⸗ Turnerzeitung gedruckt, deren Auflage jetzt 41,000 beträgt. Der Bund umfaßt in 14 Kreisen und dem Bezirk Pommern insgesamt 828 Vereine mit 65,673 Mitgliedern und Zöglingen und 5760 Schülern. Gegen das Vorjahr ein Mehr von 91 Vereinen, 8620 Mit⸗ gliedern und Zöglingen und 1130 Schülern. Im Interesse einer wirklich freien Turnbewegung ist nur zu wünschen, daß die Arbeiter sich möglichst zahlreich den Arbeiter⸗Turnvereinen anschließen. In Gießen ist das die„Freie Turnerschaft“. Aus dem Nreise gießen. — Das Kreisfest soll unsern Partei⸗ freunden in der weiteren Umgebung die Ge⸗ legenheit bieten zusammenzukommen und ein paar fröhliche Stunden mit einander zu ver⸗ leben. Es findet, wie bekannt, nächsten Sonn⸗ tag in dem schön gelegenen Staufenberg statt und die Parteigenossen allerorts wollen für recht zahlreiche Beteiligung sorgen. Die ae wird voraussichtlich Gen. Dr. David alten. — Gefangene zu Streikbrecher⸗ arbeit kommmandiert! Die beim Umbau des Elektrizitätswerks in Butzbach beschäftigten Maurer, etwa 15 Mann, legten am Samstag wegen Lohndifferenzen die Arbeit nieder. Am Na, seht ihr nun, ihr lüderlichen Schneider⸗ Mittwoch machte man die überraschende Wahr⸗ nehmung, daß an Stelle der Streikenden ebensoviele— Gefangene der Butzbacher Strafanstalt arbeiteten. Wie uns zuverlässig mitgeteilt wird, will das Zellengefängnis sso lange Gefangene zur Verfügung stellen, als die Maurer sich im Ausstand befinden. Das sind ja wieder mal neue Praktiken zum Schutze der Kapitalisten! Die Maurer sollten sich sofort beim Ministerium beschweren. 2 Der Volksverein in Alten⸗Buseck weihte am Himmelfahrtstage unter zahlreicher Beteiligung seine neue Fahne ein. Der geräumige Garten der Wirtschaft Becker war überfüllt. Durch mehrere schöne Liedervor⸗ träge sorgte der Gesangverein„Germania“ fur die nötige Stimmung; ihm sei an dieser Stelle nochmals herzlich Dank gesagt. Auch von Auswärts waren zahlreiche Freunde erschienen, die an unserm Feste herzlichen An⸗ teil nahmen und es wohl alle befriedigt verließen.— Die neue Fahne entspricht durchaus den Ansprüchen, die man in der Preislage stellen kann und wir können der Firma Schulze in Gießen unsere vollste Zufrieden⸗ heit aussprechen. Aus dem Nereise Iriedberg⸗Büdingen. * Aus einer ländlichen Gemeinde verwal⸗ tung. Am Donnerstag und Samstag voriger Woche wurde vor dem Schöffengerichte in Bad Nauheim ein Prozeß verhandelt. der viel des Interessanten bot und vor allem zeigte, wie es in manchen Landorten mit der Gemeindeverwaltung bestellt ist. Wegen Beleidigung des Polizeidieners und Flurschützen Fink in Rödgen bei Nauheim hatten sich der Redakteur Vetter s⸗Gießen, Weißbinder Stock, Schuhmacher Kluge und Frau Hensel aus Rödgen zu verantworten. Gegen die Angeklagten wurde bereits im Juli vorigen Jahres ver⸗ handelt, die Sache wurde damals aber ausgesetzt, weil auf Antrag der Verteidigung gegen den Polizeidiener Fink Untersuchung wegen Meineids eingeleitet wurde, weil er als Zeuge in der vorjährigen Verhandlung unter Eid Aussagen gemacht hatte, die als wissentlich unwahr erschienen. Vom Landgericht Gießen wurde je⸗ doch die Erhebung der Anklage abgelehnt. Ausgangs⸗ punkt der gegen die Genannten erhobenen Anklage bildete eine am 13. März v. Is. in Rödgen stattgefundene Versammlung, in welcher von verschiedenen Rednern behauptet wurde, daß sich Fink wiederholt an fremden Eigentum vergriffen habe, und in einer Resolution wurde das Kreisamt aufgefordert, daß es gegen Fink einschreiten solle. Ein kurzer Bericht über diese Versammlung er⸗ schien in der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“, worauf gegen deu Redakteur und später gegen die drei Rödgener Ein⸗ wohner, die als Zeugen Wesentliches hätten bekunden können, Anklage erhoben wurde. Mehr als zwei Dutzend Zeugen kamen zur Vernehmung. Mehrere bekunden, daß die Gemeindeverwaltung in Rödgen sehr im Argen liege. Der Bürgermeister, ein 70 jähriger Greis, kann seinem Posten nicht gerecht werden, die Protokollierung der Gemeinderatsbeschlüsse ist mangelhaft, kurz, es fehlt in der Verwaltung an allen Ecken. Unter solchen Um⸗ ständen fühlt sich der Polizeidiener als wirklicher Dorf⸗ regent, niemand weist ihn in die Grenzen seiner Befug⸗ nisse, er vertraut auf den Schutz von oben. Andere Zeugen bezeichneten Fink als tüchtigen Beamten.— Herr Staatsanwalt Dr. Hetz el⸗Gießen, als Vertreter der Anklage, stellte Fink als ein wahres Muster eines Beamten und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Ausfluß der Gehässigkeit und Rachsucht hin. Er wandte sogar ein Zitat aus Wallenstein auf ihn an:„Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“! Schließlich beantragte er gegen Kluge und Stock je 3 Monate, gegen Frau Hensel 6 Wochen Gefängnis. In Bezug auf Vetters sei nach dem Preßgesetz Verjährung eingetreten, hier beantrage er Freisprechung. Nach einer ausgezeich⸗ neten Verteidigungsrede des Herrn Rechtsanwalts Kauf⸗ mann⸗Gießen, der Freisprechung für alle Angeklagten beantragt, setzt das Gericht die Urteilsverkündigung auf den 17. Juni fest. Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach. dt. Ju Alsfeld beginnen die Gewerkschaften in der letzten Zeit endlich etwas mehr Fuß zu fassen. Das ist auch sehr notwendig, denn die Arbeitsverhältnisse lassen hier außerordentlich viel zu wünschen übrig. Niedrige Löhne in allen Berufszweigen bei sehr langer Arbeitszeit. Natürlich sind diese Zustände durch die Alsfelder Arbeiter mitverschuldet, weil sie selten oder nie Versuche zur Besserung gemacht haben. Erft jetzt wendet man der gewerkschaftlichen Organisation mehr Aufmerksamkeit zu und diese zeigt auch eine ganz leidliche Entwickelung. Die Zahlstelle der Holzarbeiter z. B. zählt jetzt über 40 Mitglieder.— In der Versammlung am 28. Mai, in welcher Fromann⸗-⸗Höchst sprach, traten wieder eine Anzahl Kollegen dem Verbande bei. Diese Versammlung war übrigens erfreulich stark besucht und die Ausführungen des genannten Redners, der 1 0 — — ten ssel. use big. e die oder Jet geht liche 1 lung ach bei. fut e eee Nr. 25. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. besonders auf die Verteuerung der Lebensmittel durch die Zölle und die dadurch bedingte Verschlechterung der Lebenshaltung für die Arbeiter hinwies, fanden lebhaften Beifall. Im Weiteren tadelte Terschowetz, daß ver⸗ schiedene Parteigenossen noch nicht zu ihrer Gewerkschaft gehörten und dadurch doch ihre eigene Sache schädigten. Er schilderte ferner die Arbeitsverhältnisse in Alsfeld. In der Möbelfabrik wird gegenwärtig nicht weniger als 13 Stunden gearbeitet, für die Ueberstunden wird aber kein Pfennig Zuschlag bezahlt. Angesichts dieser Dinge mü sse sich die Arbeiterschaft fest zusammenschließen und es dürften besonders auch die älteren Kollegen nicht fehlen!(Wegen Raummangel erscheint dieser Bericht verspätet. D. R.) Aus dem Nreise Wetzlar. h. Bedeutende Aufwendungen für die höhere Stadtschule haben die Stadtver⸗ ordneten vorige Woche beschlossen. Nun wird zwar lein vernünftiger Mensch etwas dagegen sagen, wenn eine Gemeinde bestrebt ist, das Schulwesen zu fördern. Hier handelt es sich aber wieder um eine bedeutende Leistung aus dem allgemeinen Steuersäckel zu Gunsten der Besitzenden. Es kommen in der höheren Stadtschule auf einen Lehrer nur 22— 24 Schüler, trotzdem wird die Anstellung eines neuen Lehrers beschlossen! Dagegen muß sich in der Volks⸗ schule ein Lehrer mit beinahe 80 Kindern ab⸗ plagen, hier hat man es mit einer Verbesserung nicht so eilig. In weiten Kreisen der Wetzlarer Bebölkerung haben die Beschlüsse tiefe Erregung hervorgerufen und man hört vielfach mißfällige Bemerkungen über die Stadtverordneten. h. Ein ehemaliger Ordnungshüter, der Gendarm a. D. Glaus wurde am Mitt⸗ woch von der Strafkammer wegen Körperver⸗ letzung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und viel hätte nicht gefehlt, so wäre nach§ 224 des Str.⸗Ges.⸗Buchs auf Zuchthaus erkanut worden. In der Verhandlung waren die Zuhörer in großer Anzahl erschienen und es kann wohl gesagt werden, daß diesem Menschen die über ihn verhängte Strafe allgemein gegönnt wird. Denn schon während seiner Dlenstzeit hat er sich vielfach Brutalitäten zu schulden kommen lassen, Leute mißhaͤndelt ꝛc., ohne daß ihn der Arm des Strafrichters erreicht hätte, was ja Gendarmen gegenüber immer seine Schwierigkeiten hat. Hier hatte sich Glaus wegen einer außerordentlich rohen Tat zu ver⸗ antworten. Er wohnte bei dem Dachdecker⸗ meister Kottmann, mit dem er, wie wir schon in Nr. 18 berichteten, in Differenzen geraten war, weshalb ihm Kottmann die Wohnung gekündigt hatte. Als nun am 6. April der Hausbesitzer neuen Mietern die Wohnung zeigen wollte, kam es zwischen beiden zu einem Wort⸗ wechsel, in dessen Verlauf Glaus den Kott⸗ mann mit einem dicken kantigen Knüppel über den Kopf schlug, daß er sofort zusammenbrach und eine klaffende Wunde über dem linken Auge davon trug, dessen Sehkraft durch 855 as Schlag bedeutend geschwächt wurde. Gericht erklärte in der Urteilsbegründung, daß die Tat ein Racheakt des Angeklagten gegen den Verletzten sei, von Notwehr, in der sich der Angeklagte nach den Ausführungen seines Verteidigers, Rechtsanwalt Kaufmann⸗Gießen, befunden haben will, könne keine Rede sein. Deshalb sei nach dem Antrage des Staatsan⸗ im Jahre 1907 in Wetzlar abzuhalten hat der Handwerkerverein beschlossen und seinen Vorftand mit den Vorarbeiten be⸗ traut. In der gleichen Versammlung wurde beschlossen, einen Kursus im Holzbeizen für Schreiner und Drechsler walts erkannt worden. h. Eine Gewerbe⸗Ausstellung einzurichten. Westerwald und Antersahn. t. Landrat und Stadtgemeinde. Metzger, die Fleisch in bedeutender Menge ausführen, Auch die Landgemeinden des Amtes der Niederlassung eines zweiten gewesen wäre. Hachenburg waren an Zu dem schon früher berichteten Zwiste zwischen dem Landrat Büchting und der Stodt Hachenburg erfahren wir noch des Näheren: Als nach der Pensionierung des früheren Kreistierarztes auf Wunsch des Landrats Büchting trotz der Gegenbestrebungen Hachenburgs, Marienberg zum Sitz des neuen Kreistierarztes bestimmt wurde, sah sich Hachenburg genötigt, selbst einen Tierarzt anzustellen, da ein Laie als Fleischbeschauer nicht nur von Nachteil für die Fleisch essende Bevölkerung, sondern auch für die Tierarztes imteressiert und bildeten daher einen Tierarzt— verband, der dem Hachenburger Tierarzt ebenfalls ein Fixum zu gewähren beschloß. Die nach Ausschreibung der Stelle eingegangenen Bewerbungsschreiben wurden von Seiten der Stadt dem Herren Landrat Büchting vorgelegt, da Hachenburg unter 10 000 Einwohner und keinen Schlachthof besitzt, somit die Fleischbeschau dem Landrat in Marienberg unterstellt ist. Die Wahl des Mag istrates fiel auf den Tierarzt D. aus Köln a. Rh, dessen Zeugnisse ihn besonders für das Amt des Schlacht⸗ vieh⸗ und Fleischbeschauers geeignet erscheinen ließen. Als auch die von Seiten der Stadt eingezogenen Er⸗ kundigungen vollständig befrie digten, richtete die Stadt an Herrn Landrat Büchting die Bitte, dem gewählten Stadttierarzt die Fleischbeschau in Hachenburg zu über⸗ tragen. Wie Herr Landrat Büchting einem Magistrats⸗ mitgliede erklärte, hätte er sehr wohl den Stadttierarzt sofort zum Fleischbeschauer ernennen können. Er tat es jedoch nicht, wie er selbst gesprächswelse geäußert haben will, deswegen, weil die Stadt Hachenburg selbständig gehandelt habe. Erst als nach endlosen vergeblichen Verhandlungen der Magistrat sich beschwerdeführend an den Herrn Regierungspräsidenten zu wenden drohte, wurde dem Stadttierarzt die Fleischbeschau übertragen. Der mit dem Landrat eng llirte Vorstand des Tierarzt⸗ verbandes besch loß jedoch, obgleich der Stadttierarzt von der Landbevölkerung auch als tüchtiger Praktiker gerühmt wurde, und obgleich Herr D. in den ersten Wochen ohne hierzu verpflichtet zu sein, nur die niedrigsten Vertrags⸗ honorare liquidierte, denselben nicht als Verbandstierarzt anzustellen. Man ruhte nicht, bis endlich ein Tierarzt, dem selbst in seinem Geburts- und bisherigen Wohnorte wor den sind, als Verbandstierarzt und, was die Haupt⸗ sache war, als Konkurrent des Stadttierarztes gefunden. Dies em dritten Tierarzt übertrug nun Landrat Büchting, der selbst die Ansicht ausgesprochen, daß nur schwer zwei Tierärzte in dem Bezirke ihr Auskommen finden würden, sofort den Vertrauensposten als Tierarzt der Kreisviehversicherung und wohl ohne erst weitere Er⸗ kundigungen einzuziehen, die Hälfte der Fleischbeschau, wodurch natürlich, da auf diese Weise keiner der beiden Tierärzte genügendes Auskommen hat, die Beseltigung der Stadtt ierärzte erstrebt werden soll. Landrat Büchting bezeichnete denn auch selbst im Gespräche mit dem Stadt⸗ tierarzt, diesen als das„unglückliche Opfer der Ver⸗ hältnisse“, d. h. deutlicher, seine Abneigung gegen die Stadt Hachenburg. Für die teilweise Entziehung der Fleischbeschau kann der Herr Landrat als Grund nur die Anstellung aller Fleischbeschauer„auf Widerruf“ angeben. Dann wie eine Anfrage bei den Metzgern in Hachenburg ergab, liegt gegen den Stadttierarzt nicht die geringste Beschwerde vor. Nach Auffassung des Landrats kann er jederzeit, wenn es ihm so gefällt, auch in diesem Falle einen„jahrelang bewährten“ Fleisch⸗ beschauer durch einen„unerfahrenen“ ersetzen. Der ein⸗ zige Zweck der ganzen Sache ist eben, Hachenburg zu demütigen. Wie wir hören, ist jedoch die Stadt ent⸗ schlossen, die nötigen Schritte zu tun, um solcher un⸗ erhörten Landrätlichen Willkür zu begegnen. Leben wir denn in Rußland? Aus dem Nreise Marburg⸗Kirchhain. Ein journalistisches Klopffechter⸗ stückchen leistet sich die konservative„Oberhessische Zeitung“ mit ihrem Bericht über eine Versammlung des Antisemiten Dr. Böhme. Unter anderem schreibt das Blatt über diese„Radauversammlung“: es waren„sozial⸗ demokratische Hilfstruppen, namentlich aus Ockers⸗ hausen“ herbeigezogen,„um den bereits sehr unbequem gewordenen Gegner mit Waffen des Geistes, als da sind höhnische Zurufe, Unterbrechungen, Lärm und sonstige Störungen zu bekämpfen.... Man brauchte nur die mit stieren Hassesblicke den Redner anschauenden Augen, die hämischen Mienen zu sehen, die Redensarten zu hören, um sich zu sagen, daß bei derartigen Gesellen alle Liebes⸗ müh umsonst ist, ihre Gedanken und politischen Ansichten in vernünftige Bahnen lenken zu wollen.„Genossen“ dieser Art— und so sind die meisten— wollen gar nicht belehrt sein, wollen auch gar tein Entgegenkommen, ste sind stolz darauf, Feinde, Todfeinde des»sich am Arbeiterschweiße mästenden Kapitalismus“ zu sein“ usw. Nachdem das konservative Aemterorgan sich mit solchen Ausführungen auf einen wahren Zuhälterton herunter⸗ geschwungen, war denn auch der Rückzug, den es an⸗ treten mußte, ein dementsprechender, Aus Ockershausen war nur ein Einwohner in der Versammlung anwesend und dieser verwahrte sich dagegen, die Versammlung gestört zu haben. Die„sozialdemokratischen Hilfstruppen“ schrumpften nunmehr zusammen auf einen Marburger „Genossen“, der früher in Ockershausen gewohnt habe. Wir wollen nun nicht näher untersuchen, ob dieser eine Versammlungsbesucher wirklich ein Parteigenosse ist und der Versammlungsleiter wirklich so gutmütig gewesen ist, die Störungen eines einzelnen zu einer„Radauversamm⸗ lung“ auswachsen zu lassen, wir müssen es aber als eine unehrliche, dem obigen Tone allerdings voll⸗ ständig angepaßte Kampfesweise bezeichnen, eine ganze Laien als Fleischbeschauer von der Regierung vorgezogen Parsei für das Verhalten eines einzelnen verantwortlich zu machen. Es dürfte auch der Redaktion der„Oberh. Ztg.“ nicht unbekannt sein, daß hervorragende Konser— vative meineidig geworden und das Zuchthaus geziert haben; es ist aber deshalb noch niemanden eingefallen, die Konservativen als Meineidige und Zuchthäusler zu bezeichnen. O Eine Beleidigungsklage, die einige in⸗ teressante Momente bietet, kam am Freitag vor der Marburger Strafkammer zur Verhandlung. Zwei Ein⸗ wohner aus Frankenberg hatten den dortigen Bürger⸗ meistee u. a. in einem Schreiben an die Regierung Verletzung der Amtepflicht und schikanöse Behandlung von mißliebigen Personen nachgesagt, ferner dem Stadt⸗ baumeister, daß er sich städtisches Eigentum aneignet und städtische Arbeiter in eigenem Dienste Ar beiten habe ver⸗ richten lassen. Die Angeklagten konnten den Beweis für ihre Behauptungen nicht erbringen, denn die Zeugen versagten vollständig, sie wurden aber unter Zubillig ung des§ 193(Wahrung berechtigter Interessen) freige⸗ sprochen. Einige Sätze aus dem freisprechenden Urteil mögen hier wiedergegeben werden: Leute, welche öffent⸗ liche Aemter bekleiden, müssen sich eine Kritik gefallen lassen; es sei das Recht jedes Staatsbür gers, auch eingebildete Mißstände zur Sprache zu bringen; nach Lage der Sache und wie die Verhandlung gezeigt, hätten die Angeklagten glauben können, die von ihnen verbreiteten Gerüchte seien wirklich wahr. Die Freige⸗ sprochenen wurden aber vor weiterer Verbreitung gewarnt. Wir haben es bis jetzt noch nicht erlebt, daß ein sozial⸗ demokrati scher Redakteur unter solch vernünftigen Gründen freigespro chen worden wäre. Kann ein solcher den Wahrheitsbeweis nicht bis zum Tipferl überm i erbringen, so wird er verurteilt, und selbst wenn er dies kann, er⸗ folgt gewöhnlich noch Verurteilung aus formellen Gründen. W. Die städtischen Arbeiter, denen neulich in der Stadtverordneten⸗Sitzung 2 Pfg. pro Stunde mehr bewilligt worden sind, werden herausgefunden haben, daß man auf dem Stadtbauamt der von den Bauhilfs⸗ arbeitern eingereichten Lohnforderung Beachtung geschenkt hat und daß dieses dazu beitragen wird, sich dieser Organisation anzuschließen. Es ist zwar noch nicht viel, aber doch immer etwas. Ueberhaupt für die Kanalputzer, die bis jetzt nur 27 Pfg. erhalten und für die sie 50 Pfg. pro Stunde gefordert, ist es viel zu wenig. Wenn ein solcher Kollege ein paar Jahre diese Arbeit geleistet hat, ist er fertig mit seiner Gesundheit und sinkt als Schwindsuchtskandidat in's frühe Grab. Und in den Kohlengeschäften sieht es noch schlimmer aus. Dort erhalten die Kollegen 2,30 bis 2,40 Mk. pro Tag. In einem derselben hatten die Kollegen 2,30 Mk., da hat der humane Mitinhaber 10 Pfg. pro Tag den Lohn erhöht, aber— die Kollegen müssen dafür eine Stunde länger schaffen. Das nennt man dann für die Arbeiter sorgen. Es würde auch dort besser stehen, wenn sie sich organisierten, sei es nun in dem Hülfs⸗ oder Transportarbeiterverband. Der Tiefbauunternehmer Schneider hat seine aus 70 Köpfen bestehende Arbeiterschaft in verschiedene Klassen eingeteilt, in Gute, Mindergute und Nichtgenügende. Er hat den zwei Erstgenannten sage und schreibe 1 Pfg. pro Stunde zugesetzt. Jetzt können sie fett werden. Wenn die dort beschäftigten Arbeiter nur nicht im Fett ersticken!(Verspätet.) Ueber 30 000 Bauarbeiter ausgesperrt. hat das Unternehmertum in Rheinland und Westfalen. Die Kapftalisten verlangen von den Arbeitern Austritt aus der Organisation. Die Arbeiter werden dieser Unverschämthett zu be— gegnen wissen. (Weiteres Nah und Fern 6. Selte.) Versammlungskalender. Samstag, den 17. Juni. Gießen. Sozlaldem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 18. Juni. Reiskirchen. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Biermann. Lindenstruth. Nachmittags 2 Uhr Zusammenkunft der Genossen in der Wirtschaft„Zur Traube“. Briefkasten. r.⸗Stbg. Wir besprechen die Sache in nächster Nummer ausführlich.— H.⸗Daubrgn. Nochmals zurückgestellt.— Streikbrecher⸗Album nächste Nr. e r Derr Bemüht Parteifreunde! eic nah nach besten Kräften für die immer weitere ——— J Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 25. Von Nah und Lern. Beim Kriegervereins⸗Ausflug. Ueber rohe Ausschreitungen und Schlägereien bei Kriegerfesten mußte schon oft berichtet werden, es ist fast sprichwörtlich geworden, daß es zum Schluß solcher Patriotenfeste„Knüppel“ gibt. Besonders roh benahmen st) aber kürzlich die Mitglieder des Militärvereins Petersthal bei Heidelberg, die am Sonntag vor den Feier- tagen einen Ausflug nach Hirschhorn im Odenwald unternommen hatten. Dieser Aus⸗ flug nahm ein Ende mit Schrecken. Wie das Erbacher Kreisblatt berichtet, waren die meisten Krieger betrunken, als sie in Hirschhorn in das Gasthaus„zum Engel“ einzogen. Hier ent⸗ wickelte sich denn auch eine regelrechte Schlägerei. Bei dieser erhielt der Besitzer, Herr Bürger⸗ meister Zipp, ein 76 jähriger, ehrwürdiger Mann, der Ruhe gebot, von einem rohen Patron mit einem Stock zwei wuchtige Schläge auf den Kopf, so daß die Hirnschale zertrümmert wurde und von den Aerzten die Splitter entfernt werden mußten. Als die rohe Tat bekannt wurde, geriet das ganze Städtchen in die größte Aufregung, was leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß Herr Bürgermeister Zipp bereits sein 27. Dienstjahr als Bürgermeister vollendete und sich der ungeteilten Sympathte der gesamten Einwohnerschaft erfreut. Da der Täter nicht unzweifelhaft festgestellt werden konnte, verhaftete die Polizet die vier Hauptverdächtigen und lieferte sie in das Amtsgerichtsgefängnis ein. Der Zustand des Herrn Bürgermeisters ist sehr bedenklich. Die Petersthaler haben sich übrigens auch sonst im höchsten Grade unge⸗ bührlich benommen. Auf der Straße äußerte der Präsident des Vereins, er wolle den blinden Hessen einmal zeigen, was er mit seinem Verein leisten könne!! Er würde acht seiner besten Leute antreten und das Nest zusammen⸗ schlagen lassen. Wenn das nicht aus⸗ reiche, gingen sie nach Eberbach und würden das Gleiche tun. Auch von Seiten der „Damen“, die mit bei dem Ausflug waren, wurde eine Haltung gezeigt, welche jeder Beschreibung spottet.— Als Haupt⸗ übeltäter wurde der 32 jährige Wäscher Franz Wickert aus Petersthal verhaftet. Außer dem Bürgermeister, dessen Befinden sich nach neueren Nachrichten gebessert hat, sind noch viele andere Personen in der Kriegerschlacht ver⸗ wundet worden.— Von der kriegervereinlichen Bildung werden die Hirschhorner einen netten Begriff bekommen haben! Besonderer Markt für„bessere Damen“. Das höchste von Unverschämtheit leisteten die„besseren“ Damen in dem Städtchen Ehingen a. D.(Württemberg), indem sie an die Stadtverwaltung den Antrag stellten, „daß der Markt eine Stunde bloß für höhere Frauen“ reserviert bleiben solle, und erst wenn diese ihre Einkäufe besorgt haben, solle auch das niedere Volk der Geschäfts⸗ und Arbeiter⸗ weiber samt den Händlern in die Räumlich⸗ keiten des Marktes zugel assen werden. Lotterielose und Lotteriegewinne. Die noch weitverbreitete Hoffnung auf große Gewinne in der Lotterie bringt dem Staate schöne Batzen Geld ein als Steuer auf die Hoffnungsfreudigkeit. Daß von hunderttausend Losen überhaupt nur einige Hundert mit größeren und gar nur einige Dutzend mit großen Gewinnen gezogen werden, ist zwar bekannt, mindert aber vie Spielwut nicht; denn trotz aller Fehlschläge ist jeder überzeugt, daß er das nächste Mal sicherlich zu den wenigen Auserwählten gehören wird. Und ist's das nächste Mal wieder nichts, dann sicher bei der übernächsten Ziehung. In Deutschland gab es bis vor kurzem sieben Lotterten, die preußische, die sächstsche, die braunschweigische, die hessisch⸗thüringische, die Hamburger, die Lübecker und die Mecklen⸗ burger Lotterie. Die beiden letztgenannten werden in Zukunft mit der preußischen vereinigt werden, vielleicht geschieht dasselbe auch mit ber hessisch⸗thüringischen. In den ein⸗ zelnen Lotterien stellten sich nun die für die Lose eingezahlten Summen zu deu au die Spieler gezahlten Gewinnen wie folgt: Eingezahlt Ausgezahlt Mark Mark Proz. Sächsische Lotterie 23,250,000 16,073,500= 69,13 Preußische„ 40,880,000 28,176,253= 68,92 Braunschw.„ 12,960,000 8,721,000= 67,30 Hessisch⸗Thür.„ 15,456,000 10,100,057= 65,40 Hamburgische„ 14,029,600 9,081,380= 64,75 Lübeckische„ 4,292,000 2,100,460= 63,81 Mecklenburg.„ 7,608,000 4,564,800= 60,00 Summa 117,475,600 78,826,450— 67,10 Die vorstehende Summe stellt den Betrag der Ausspielung für ein halbes Jahr dar. Für ein ganzes Jahr ergibt sich also die geradezu ungeheure Summe von 234,951,200 Mk., die in den Staatslotterien angelegt wird. Hiervon gelangen 157,652,900 Mk. in die Hände der Spieler zurück. Von dem Reste— rund 76,3 Mill. Mk.— entfallen 39,16 Mill. Mk. auf den Reichsstempel, während 37,14 Mill. Mark auf die unternehmenden Staaten und die Kollekteure kommen. Man steht also, das Lotteriespiel ist ein recht einträgliches Geschäft— für den Staat, und eine freiwillige Dummheitssteuer für die Spieler. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Der Verband der deutschen Buch⸗ drucker versandte dieser Tage seinen Bericht über das Jahr 1904, welcher wieder ein er⸗ freuliches Bild von der Wirksamkeit dieser Organisation gibt. Die Zahl der Mitglieder ist in diesem Jahre um 3238 gestiegen und betrug am Jahresschlusse 40 580. Die Jahres⸗ einnahme betrug einschließlich der 120 579 Mk. Zinsen des beinahe 3/ Milltonen betragenden Vermögens 2262 808 Mark, die Ausgabe 1834 829 Mk., der Ueberschuß also 427979 Mk. Von den Ausgaben beanspruchten: die Reise⸗ unterstützung 193 627 Mk., Arbeitslosen⸗Unter⸗ stützung 514401 Mk., Maßregelungs⸗Unter⸗ stützung 36 573 Mk., Umzugskosten 18556 Mk., Kranken⸗Unterstützung 674736 Mk., Invaliden⸗ Unterstützung 191509 Mark, Begräbnisgeld 40 415 Mk., Rechtsschutz 586 Mk. Die Gesamt⸗ zahl der Arbeitslosentage betrug 792813, der Krankentage 507811. Durchschnittlich waren 2172 Mitglieder= 5,57 Prozent das ganze Jahr arbeitslos und 1391 Mitglieder= 3,31 Prozent krank. Auf jedes Mitglied kamen 21 Tage Arbeitslosigkeit und 13 Tage Krankheit. — Der Ueberschuß des vergangenen Jahres zeigt, daß die Zeit des wirtschaftlichen Nieder⸗ ganges für das Buchdruckgewerbe den Höhe⸗ punkt überschritten hat, denn in den Jahren 1901 und 1902 konnte nur durch die Zinsen des enormen Vermögens ein Defizit vermieden werden, und der Vorstand sieht sich deshalb auch veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß die im Juni in Dresden stattfindende General⸗ versammlung eine Erhöhung der Leistungen nur unter gleichzeitiger Beitragserhöhung vor⸗ nehmen könne. Der Bericht erwähnt auch den Rückgang der Streikbrecherorganisation„Guten⸗ bergbund“, die in zwölf Jahren noch nicht so⸗ viel Mitglieder hat, als der Verband in einem Jahre zugenommen. Er bezeichnet das Ver⸗ hältnis zu der übrigen organisterten Arbeiter- schaft als ein befriedigendes. Während mit Genugtuung die Fortschritte auf dem Gebiete der Tariforganisatton konstatiert werden konnten, mußte aber auch eine Gauvorsteher⸗Konferenz einberufen werden, da sich„im Gau Berlin ein Herd totaler Disziplinlosigkeit entwickelte, für dessen Entstehung lediglich der Berliner Gau⸗ vorstand verantwortlich zu machen war.“ Die Dresdener Generalversammlung wird sich wohl auch mit dieser Angelegenheit befassen. Das Organ des Verbandes, der„Correspondent“ hat eine Auflage von 27000. leber die vielfach angegriffene Haltung des Blattes äußert sich der Bericht:„Können wir auch konstatieren, daß unser Organ durch seinen gediegenen In⸗ halt, namentlich seine umfassende Gewerk⸗ schaftsübersicht, sich der Beachtung der Arbeiter- presse im Allgemeinen erfreut, so finden wird audererseits in den Reihen der Mitglieder eine Beurteilung der Tätigkeit und Aufgaben der Redaktion, wie man sie in den Reihen der der Presse doch nicht so fernstehenden Buchdrucker als ausgeschlossen erwarten sollte.“— Fast zu gleicher Zett erschien der Bericht des Gauvorstandes Frankfurt⸗Hessen des Buchdruckerverbandes. Auch hier wird über erfreuliche Fortschritte berichtet. Im Bezirk Frankfurt stieg die Zahl der Mitglieder von 1019 auf 1105, im Bezirk Gießen von 107 auf 125, im Bezirk Marburg von 58 auf 66, im ganzen Gau von 1660 auf 1787, doch stehen noch mehr als 500 Gehilfen im Gau der Orga⸗ nisation fern. Das Vermögen der Gau⸗ und Bezirkskassen stieg von 28 000 auf 30 000 Mk. Mit dem Hinweis auf die nächstjährige Tarif⸗ revision ermahnt der Bericht zur Einigkeit und Disziplin, eine Mahnung, die gegenüber der regen Tätigkeit der Unternehmer dieses Gewerbes sehr am Platze ist. Ein Stöckerscher Gewerkschaftsführer. Herr Ellerkamp, der Vorsitzende des christ⸗ lichen Gewerkvereins der Ziegler, hat Gel der unterschlagen, die für die streikenden Bergleute bestimmt waren und, um die Sache zu verdecken, eine Quittung gefälscht. Unser Bochumer Parteiblatt, das anscheinend vom Verbandsbureau unterrichtet worden ist, schreibt darüber: „Herrn Ellerkamp, einer Leuchte der Christ⸗ lichen, wurde in Lage der Betrag von 195,35 Mk., welcher zumeist von Partei⸗ genossen aufgebracht wurde, übergeben, um diesen an den Hauptkassterer Paul Horn abzuliefern. Herr Ellerkamp aber. die spärlichen Streikunterstützungsgelder der Christlichen erhöhen zu müssen, indem er nicht zum Hauptkassierer ging, wie man ihm auftrug, sondern zu dem Vorsitzenden des christlichen Gewerkschaftskartells, Schneider Sandmeyer, und diesem 160 Mk., nicht 195,35 Mk. ablieferte. Nun erklärt Eller⸗ kamp aber, an das christliche Ausschußmitglied Bogermann 195,35 Mk. am 27. Januar in einer Rate abgeltefert zu haben. Da nun Ellerkamp eine Quittung von 195,35 Mk. in einer Rate, geleistet am 27. Januar, auf⸗ weist, so behaupten wir, daß diese Quittung gefälscht ist und Ellerkamp einen Teil der Streikgelder für sich verwandt hat.“ In Lage im Lippe'schen, der Heimat der Ziegler, hat eine öffentliche Versammlung getagt, die sich mit dem Fehltritt Ellerkamps befaßte. Die Sache wird natürlich weiter verfolgt. Ellerkamp trat verschiedentlich als Stöckerscher Agitator auf und hatte, wenn wir nicht irren, auf dem Parteitage der christlich⸗sozialen Partei in Wetzlar ein Referat. G 1 Anterhaltungs-Ceil. 5 Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller. (Schluß.) Das Laster hatte seinen Unterricht an dem Unglücklichen vollendet; sein natürlicher, guter Verstand stegte endsich über die traurige Täusch⸗ ung. Jetzt fühlte er, wie tief er gefallen war, ruhigere Schwermut trat an die Stelle knirschender Verzweiflung. Er wünschte mit Tränen die Vergangenheit zurück; jetzt wußte er gewiß, daß er sie ganz anders wiederholen würde. Er fing an zu hoffen, daß er noch rechtschaffen werden dürfe, weil er bei sich empfand, daß er es könne. Auf dem höchsten Gipfel seiner Verschlimmerung war er dem Guten näher, als er vielleicht vor seinem ersten Fehltritt gewesen war. Um eben diese Zeit war der siebenjährige Krieg ausgebrochen und die Werbungen gingen stark. Der Unglückliche schöpfte Hoffnung von tesem Umstand uad schrieb einen Brief an ,/ ——1 2 1 1 = A= A o r 3 n PPP 3 E — Nr. 25. Mitteldentsche Sountags⸗Zenung. Seite 7. seinen Landesherrn, den ich auszugsweise hier einrücke: „Wenn Ihre fürstliche Huld sich nicht ekelt, bis zu mir herunterzusteigen, wenn Verbrecher meiner Art nicht außerhalb Ihrer Erbarmung liegen, so gönnen Sie mir Gehör durchlauchtigster Oberherr! Ich bin Mörder und Dieb, das Gesetz verdammt mich zum Tode, die Gerichte suchen mich auf— und ich biete mich an, mich freiwillig zu stellen. Aber ich bringe zugleich eine seltsame Bitte vor Ihren Thron. Ich ver⸗ abscheue mein Leben und fürchte den Tod nicht, aber schrecklich ist mirs zu sterben, ohne gelebt zu haben. Ich möchte leben, um einen Teil des Vergangenen gut zu machen; ich möchte leben, um den Staat zu versöhnen, den ich beleidigt habe. Meine Hinrichtung wird ein Beispiel sein für die Welt, aber kein Ersatz meiner Taten. Ich hasse das Laster und sehne mich feurig nach Rechtschaffenheit und Tugend. Ich habe Fähigkeiten gezeigt, meinem Vater⸗ lande furchtbar zu werben; ich hoffe, daß mir noch einige übrig geblieben sind, ihm zu nützen. „Ich weiß, daß ich etwas Unerhörtes begehre. Mein Leben ist verwirkt, mir steht es nicht an, mit der Gerechtigkeit Unterhandlung zu pflegen. Aber ich erscheine nicht in Ketten und Banden vor Ihnen— noch bin ich frei— und meine Furcht hat den kleinsten Anteil an meiner Bitte. „Es ist Gnade, um was ich flehe. Einen Anspruch auf Gerechtigkeit, wenn ich auch einen hätte, wage ich nicht mehr geltend zu machen. — Doch an etwas darf ich meinen Richter er⸗ innern. Die Zeitrechnung meiner Verbrechen fängt mit dem Urteilsspruch an, der mich auf immer um meine Ehre brachte. Wäre mir damals die Billigkeit minder versagt worden, so würde ich jetzt vielleicht keiner Gnade be⸗ dürfen. N „Lassen Sie Gnade für Recht ergehen, mein Fürst! Wenn es in Ihrer fürstlichen Macht steht, das Gesetz für mich zu erbitten, so schenken Sie mir das Leben. Es soll Ihrem Dienste von nun an gewidmet sein. Wenn Sie es können, so lassen Sie mich Ihren gnädigsten Willen aus öffentlichen Blättern vernehmen, und ich werde mich auf Ihr fürstliches Wort in der Hauptstadt stellen. Haben Sie es anders mit mir beschlossen, so tue denn die Gerechtigkeit dann das ihrige, ich muß das Meinige tun.“ Diese Bittschrift blieb ohne Antwort, wie auch eine zweite und dritte, worin der Suppli⸗ kant um eine Reiterstelle im Dienste des Fürsten bat. Seine Hoffnung zu einem Pardon erlosch gänzlich, er faßte also den Entschluß, aus dem Lande zu fliehen und im Dienste des Königs von Preußen als ein braver Soldat zu sterben. Er entwischte glücklich seiner Bande und trat diese Reise an. Der Weg führte ihn durch eine kleine Landstadt, wo er übernachten wollte. Kurze Zeit vorher waren durch das ganze Land geschärftere Mandate zu strenger Unter⸗ suchung der Reisenden ergangen, weil der Landesherr, ein Reichsfürst, im Kriege Partei genommen hatte. Einen solchen Befehl hatte auch der Torschreiber dieses Städtchens, der auf einer Bank vor dem Schlage saß, als der Sonnenwirt geritten kam. Der Aufzug dieses Mannes hatte etwas Possierliches, und zugleich etwas Schreckliches und Wildes. Der hagere Klepper, den er ritt, und die burleske Wahl. seiner Kleidungsstücke, wobei wahrscheinlich weniger sein Geschmack, als die Chronologie seiner Entwendungen zu Rat gezogen war, kon⸗ trastierte seltsam genug mit einem Gesicht, worauf so viele wütende Affekte, gleich den verstümmelten Leichen auf einem Wahlplatz verbreitet lagen. Der Torschreiber stutzte beim Anblick dieses seltsamen Wanderers. Er war am Schlagbaum grau geworden, und eine vierzigjährige Amts⸗ führung hatte in ihm einen unfehlbaren Phy⸗ stognon'en aller Landstreicher erzogen. Der Falkenblick dieses Spürers verfehlte auch hier seinen Mann nicht. Er sperrte sogleich das Stadttor und forderte dem Reiter den Paß ab, indem er sich seines Zügels versicherte. Wolf war auf alle Fälle dieser Art vorbereitet und führte auch wirklich einen Paß bei sich, den er unlängst von einem geplünderten Kaufmann erbeutet hatte. Aber dieses einzelne Zeugnis war nicht genug, eine vierzigjahrige Observanz umzustoßen und das Orakel am Schlagbaum zu einem Widerruf zu bewegen. Der Tor⸗ schreiber glaubte seinen Augen mehr, als diesem Papiere, und Wolf war genötigt, ihm nach dem Amtshause zu folgen. Der Oberamtmann des Ortes untersuchte den Paß und erklärte ihn für richtig. Er war ein starker Anbeter der Neuigkeit und liebte besonders, bei einer Bouteille über die Zeitung zu plaudern. Der Paß sagte ihm, daß der Besitzer geradeswegs aus den feindlichen Ländern käme, wo der Schauplatz des Krieges war. Er hoffte Privatnachrichten aus dem Fremden herauszulocken und schickte einen Sekretär mit dem Paß zurück, ihn auf eine Flasche Wein einzuladen. Unterdessen hält der Sonnenwirt vor dem Amthaus; das lächerliche Schauspiel hat den Janhagel des Städtchens schaarenweise um ihn her versammelt. Man murmelte sich in die Ohren, deutete wechselweise auf das Roß und den Reiter; der Mutwille des Pöbels steigt endlich bis zu einem lauten Tumult. Un⸗ glücklicherweise war das Pferd, worauf jetzt alles mit Fingern wies, ein geraubtes; er bil⸗ dete sich ein, das Pferd sei in Steckbriefen be⸗ schrieben und erkannt. Die unerwartete Gast⸗ freundlichkeit des Oberamtmanns vollendet seinen Verdacht. Jetzt hält ers für ausgemacht, daß die Betrügerei seines Passes verraten, und diese Einladung nur die Schlinge sei, ihn lebendig und ohne Widersetzung zu fangen. Böses Ge⸗ wissen macht ihn zum Dummkopf, er gibt seinem Pferde die Sporen und rennt davon, ohne Ant⸗ wort zu geben. Diese plötzliche Flucht ist die Losung zum Aufstand. „Ein Spitzbube!“ ruft Alles, und Alles stürzt hinter ihm her. Dem Reiter gilt es um Leben und Tod, er hat schon den Vorsprung, seine Verfolger keuchen atemlos nach, er ist seiner Rettung nahe— aber eine schwere Hand drückt unsichtbar gegen ihn, die Uhr seines Schicksals ist abgelaufen die unerbittliche Nemests hält ihren Schuldner an. Die Gasse, der er sich anvertraute, endigt in einem Sack, er muß rückwärts gegen seine Verfolger umwenden. Der Lärm dieser Begebenheit hat unterdessen das ganze Städchen in Aufruhr gebracht, Haufen sammeln sich zu Haufen, alle Gassen sind ge⸗ sperrt, ein Heer von Feinden kömmt im An⸗ marsch gegen ihn her. Er zeigt eine Pistole, das Volk weicht, er will sich mit Macht einen Weg durchs Gedränge bahnen.„Dieser Schuß“, ruft er,„soll dem Tollkühnen, der mich halten will“— Die Furcht gebietet eine allgemeine Pause— ein beherzter Schlossergeselle endlich fällt ihm von hinten her in den Arm und faßt den Finger, womit der Rasende eben losdrücken will, und drückt ihn aus dem Gelenke. Die Pistole fällt, der wehrlose Mann wird vom Pferde herabgerissen und im Triumphe nach dem Amtshause zurück geschleppt. „Wer seid ihr?“ frägt der Richter mit ziemlich brutalem Ton. „Ein Mann, der entschlossen ist, auf keine Frage zu antworten, bis man sie höflicher ein⸗ richtet“. „Wer sind Sie?“ „Für was ich mich ausgab. Ich habe ganz Deutschland durchreist und die Unverschämtheit nirgends, als hier, zu Hause gefunden.“ „Ihre schnelle Flucht macht sie sehr ver⸗ dächtig. Warum flohen Sie?“ „Weil ichs müde war, der Spott Ihres Pöbels zu sein.“ „Sie drohten, Feuer zu geben.“ „Meine Pistole war nicht geladen.“ Man untersuchte das Gewehr, es war keine Kugel darin. „Warum führen Sie heimliche Waffen bei sich?“ „Weil ich Sachen von Wert bei mir trage, und weil man mich vor einem gewissen Sonnen⸗ wirt gewarnt hat, der in diesen Gegenden streifen soll.“ „Ihre Antworten beweisen sehr viel für Ihre Dreistigkeit, aber nichts für Ihre gute Sache. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen, ob Sie mir die Wahrheit eutoecken wollen.“ „Ich werde bet meiner Aussage bleiben.“ „Man führe ihn nach dem Turm!“ „Nach dem Turm?— Herr Oberamtmann, ich hoffe, es gibt noch Gerechtigkeit in diesem Lande. Ich werde Genugtuung fordern.“ „Ich werde sie Ihnen geben, sobald Sie gerechtfertigt sind.“ Den Morgen darauf überlegte der Oberamt⸗ mann, der Fremde möchte doch wohl unschuldig sein; die befehlshaberische Sprache würde nichts über seinen Starrsinn vermögen, es wäre viel⸗ leicht besser getan, ihm unt Anstand und Mäßigung zu begegnen. Er versammelte die Geschworenen des Orts und ließ den Gefangenen vorführen. „Verzeihen Sie es der ersten Aufwallung, mein Herr, wenn ich Sie gestern etwas hart anließ.“ „Sehr gern, wenn Sie mich so fassen.“ „Unsere Gesetze sind strenge, und ihre Be⸗ gebenheit machte Lärm. Ich kann Sie nicht frei geben, ohne meine Pflicht zu verletzen. Der Schein ist gegen Sie. Ich wünschte, Sie sagten mir etwas, wodurch er widerlegt werden könnte.“ „Wenn ich nun nichts wüßte?“ „So muß ich den Vorfall an die Regierung berichten, und Sie bleiben so lang in fester Verwahrung.“ „Und dann?“ „Dann laufen Sie Gefahr, als ein Land⸗ streicher über die Grenze gepeitscht zu werden, oder, wenns gnädig geht, unter die Werber zu fallen.“ Er schwieg einige Minuten und schien einen heftigen Kampf zu kämpfen; dann drehte er sich rasch zu dem Richter. „Kann ich auf eine Viertelstunde mit Ihnen allein sein?“ Die Geschworenen sahen sich zweideutig an, entfernten sich aber auf einen gebietenden Wink ihres Herrn. „Nun was verlangen Sie?“ „Ihr gestriges Betragen, Herr Oberamts⸗ mann, hätte mich nimmermehr zu einem Ge⸗ ständnis gebracht, denn ich trotze der Gewalt. Die Bescheidenheit, womit sie mich heute be⸗ handeln, hat mir Vertrauen und Achtung gegen Ste gegeben. Ich glaube, daß Sie ein edler Mann sind.“ „Was haben Sie mir zu sagen?“ „Ich sehe, daß Sie ein edler Mann sind. Ich habe mir längst einen Mann gewünscht, wie Sie. Erlauben Sie mir Ihre rechte Hand.“ „Wo will das hinaus?“ „Dieser Kopf ist grau und ehrwürdig. Sie sind lang in der Welt gewesen— haben der Leiden wohl viele gehabt— nicht wahr? und sind menschlicher worden?“ „Mein Herr— Wozu soll das?“ „Sie stehen noch einen Schritt von der Ewigkeit, bald— bald brauchen sie Barm⸗ herzigkeit bei Gott. Sie werden ste Menschen nicht versagen—— Ahnen ste nichts? Mit wem glauben Sie, daß Sie reden?“ „Was ist das?— Sie erschrecken mich.“ „Ahnen Sie noch nicht— Schreiben Sie es Ihrem Fürsten, wie Sie mich fanden, und daß ich selbst aus freier Wahl mein Verräter war— daß ihm Gott einmal gnädig sein werde, wie er jetzt mir es sein wird— Bitten Sie für mich, alter Mann, und lassen Sie dann auf Ihren Bericht eine Träne fallen: ich bin der Sonnenwirt.“ Humorislisches Gebet der russischen Untertanen.„Gott erhalte den General Trepow, den Großfürsten Sergius hat er bereits erhalten.“ Die Erbtante. Eben ist die Trauung vollzogen. Das neuvermählte Paar fällt sich in die Arme. Die junge Gattin flüstert dem Ehemann glückstrahlend zu: „Mein lieber Otto, nun bin ich ganz Dein! Dein Glück ist mein Glück, Dein Schmerz mein Schmerz und—“ „Deine Tante meine Tante!“ fügt der zärtliche Ehe⸗ mann hinzu. Kalajew). „Mörder!“ sagen die Zarenknechte; „Held!“ die Freien des Westens; „Heiliger!“ die Kämpfer der russischen Revolutiou. („Südd. Postill.“) ) Der den Großfürsten Serglus tötete. . r 8 — ——- 2 —— 2 — —— —.——— —————— Mitteldeutsche Sonntas⸗Keitung. Nr. 25. Sonntag, den 25. Juni in Staufenberg: 2 Grosses Kreis-Fest Eintriit 2 Pfennig. Konzert, Gesangsvorträge mehrerer Arbeiter⸗Gesangvereine, turnerisehe Aufführungen, Kinderspiele, Preisschießen und Tanz. Abends 6 Unr: Auffahrt zweier Luftballons. Festrede gehalten vom Reichstagsabgeordneten Dr. David. Empfang der Vereine von 12—½ 2 Uhr.— Aufstellung des Festzuges um 2 Uhr. Alle Parteigenossen u. 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