hel el 01 gung oll ung 9 5 f 1 7 0 8 5 1 1 1 Nr. 51. 2. Gießen, den 17. Dezember 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kurchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 108JZeitu Nedaktiensschluß: Donnerdtag Nachmittag 4 Uhr. . Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weitefte Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die Etatsdebatte im Reichstage. Mit der Beratung des Reichshaushaltsetats ist diesmal zugleich diejenige der Steuer⸗sowie auch der Flottenvorlage verbunden. Die letztere fordert bekanntlich wieder ungeheuere Opfer. Der Marinismus ist unersättlich, in seinen gefräßigen Rachen wandern ungezählte Millionen, die wieder dem arbeitenden Volke abgepreßt werden sollen, denn darauf läuft auch die viel- berühmte„Finanzreform“ hinaus, mit der man das deutsche Volk beglücken will. Man scheert sich nicht darum, daß die große Volks mehrheit mit einem wirtschaftlichen Elend zu kämpfen at, das für Millionen trotz ihres rastlosen leißes täglich e e wird, daß das Mißverhältuis zwischen Arbeitslöhnen und Lebensmittelpreisen täglich größer wird und zur Unterernährung der arbeitenden Bevölkerung führen muß. Und daraus müssen sich die schlimmsten Zustände für das gesamte Volk entwickeln! Die Regierung spricht aller⸗ dings in der Begründung der Vorlage davon, man müsse auf allen Seiten Opfer bringen, sowohl„bei den besitzenden Klassen, wie bei der großen Masse des Volkes!“— Man gesteht es wenigstens zu, daß die Masse belastet wird. Aber den oberen Zehntausend tut die Erbschaftssteuer ganz gewiß nicht so weh, wie den Proletariern der verteuerte Tabak, das verteuerte Bier und die verteuerte Fahrkarte vierter Klasse. Kämpft aber der Arbeiter für Lohnerhöhung, so hat er bei Massenstreiks gleich die Staats⸗ macht gegen sich, während die Unternehmer mit Aussperrungen vorgehen. Die„Patrioten“ haben ihre Freude an den mächtigen Schiffen und die Großkaufmannschaft hofft mit denselben 1010 den Engländern den Welthandel zu ent⸗ reißen. Aber die Flottenpolitik, diese stolze Reichs⸗ medaille, hat ihre Kehrseite. Mögen die Flotten noch so großartig aussehen— eine solche Politik kann niemals zum Heil des Ganzen ausschlagen, wenn das Volk zu gleicher Zeit durch Steuern und Zölle auf seine notwendigsten Lebens⸗ und Genußmittel zur Unter⸗ ernährung verurteilt ist. Vergebens wird man sich abmühen, diesem Volke eine Begeisterung einzuflößen, die dem begüterten Patrioten bei reichbesetzter Tafel sehr leicht aufsteigt, die aber bei einem knur⸗ renden Magen vollkommen ausbleibt. Eine Politik, die sich auf ein solches Mißverhältnis stützen muß, hat nach allen historischen Erfah⸗ rungen keine Zukunft und muß mit den bittersten Enttäuschungen, mit den traurigsten Erfahrungen enden. Ein Volk ist nur dann stark, wenn sein Körper auch innerlich vollkommen gesund ist, und wenn er dies sein und bleiben soll, darf er nicht an Unterernährung leiden. Diese ungeheuren Forderungen für die un⸗ sinnige Weltpolitik 158 1 10 der Reichskanzler zu begründen. Er beklagte die Finanzklemme, die trotz tollster Pumpwirtschaft— das Reich hat 3½ Milliarden Schulden— eingetreten ist. Es geht also nicht ohne neue Steuern iu der Höhe von einer Viertelmilliarde, die dem Volke Unter möglichster Schonung der Besttzenden ab⸗ . werden soll. Bülow suchte den olksvertretern die Forderung mundgerecht zu machen, indem er mit„nationalen“ Phrasen f nicht sparte und die Annahme der neuen Steuern für eine„patriotische Tat“ erklärte. Neichs⸗ schatzsekretär Stengel empfahl dann seine Steuervorschläge noch in einer langen, mit vielen Zahlen gespickten Rede.— Der Zent⸗ rumsmann Fritzen markierte hierauf die Stellung seiner Partei. Sie wird die Flotten⸗ vorlage„mit Wohlwollen“ prüfen und dann natürlich auch die Steuern bewilligen. So gehts bei den Schwarzen ja immer. Erst hängen ste sich ein„volksfreundliches“ Mäntelchen um und wettern in ihrer Presse gegen neue Volksbelastung, was von ihren rückständigen Anhängern für ernst genommen wird. Kommt's aber zum Treffen, dann besinnen sie sich sehr schnell darauf, daß sie Vertreter der besitzenden Klasse sind und pfeifen auf die Volksinteressen. Nachdem der biedere Fritzen auf den neuen Zentrums⸗Umfall vorbereitet hatte, stellte er etliche auf die auswärtige Politik bezügliche Fragen. Bülow antwortete sofort auf die, wie es schien, bestellten Fragen. Er werde sich nicht in die Wirren Rußlands einmischen, aber ein Uebergreifen nach Deutschland nicht dulden. Im Marokko⸗Konflikt trage England und Frankreich die Schuld. Deutsckland sei friedlich wie ein Lämmchen, aber gewisse Nationen seien ihm neidisch und mißgünstig gesinnt. Als ob nicht eine ganze Anzahl Reden von gewissen Stellen, Drohungen mit der gepanzerten Faust und die Agitation unserer Flottenfexe, das Ausland im höchsten Maße relzen und die be⸗ rühmte Weltpolitik zu gefährlichen Reibungen führen müßte! Am Donnerstag, dem zweiten Tage der Etatsdebatte redete zunächst der Marinestaats⸗ sekretär Tirpitz für die Flottenvermehrung. Seine Rede war im Grunde genommen nur eine teilweise Reproduktion einiger Abschnitte der Denkschrift zur Flottenvorlage. Sie be⸗ stand aus einer Darlegung der Seeinteressen des Handels und der Industrie, und versuchte damit die Verstärkung der Flotte zu recht⸗ fertigen. Nach ihm kam Bebel zum Wort. Seinen Ausführungen wendete sich sofort die allgemeine Aufmerksamkeit zu. Er begann mit einer Kritik der gänzlich unverständlichen, rücksichtslosen Heimschickung des Reichstags im Frühjahr, zu einer Zeit als die Marokkofrage spukte, und knüpfte daran einen scharfen Protest gegen die Behandlung, wie sie dem Reichstage bel jener Gelegenheit zu teil geworden ist. Zugleich übte er scharfe Kritik an der so spät erfolgten Ein⸗ berufung, wobei er in Aussicht stellte, daß die sozialdemokratische Fraktion keinerlei Rücksicht werde walten lassen in bezug auf die Fertig⸗ stellung des Etats, daß vielmehr ihre Redner sagen werden, was sie zu sagen für notwendig halten, wenn denn auch der Etat nicht recht⸗ zeitig fertiggestellt werden sollte. Die Verant workung dafür treffe einzig und allein die Re⸗ gierung. Dann rollte Bebel die ganze Ma⸗ rokkofrage auf und äuzerte sein Bedauern, daß der Reichskanzler gerade da geschwiegen habe, wo es anfing, interessant zu werden. Er wies auf die Kriegsgefahr hin, in die uns staatsmän⸗ nisches Unverständnis versetzt, und nahm unter dem Murren und Knurren der Rechten für das Volk das Recht in Anspruch, zu wissen, was hinter den Kulissen der Diplomatie vorgeht. Das Volk habe zu steuern und zu bluten, wenn durch diplomatisches Ungeschick ein Krieg her⸗ aufbeschworen werde. Die Masse des arbeitenden Volkes in Deutschland sowohl als in Frank⸗ reich und England sei friedfertig gesonnen und namentlich das klassenbewußte Proletartat wolle unter allen Umständen den Frieden gesichert wissen. Bebel ging alsbald dazu über, den ganzen Blödsinn der Kolonial⸗ und Welt; politik, wie sie jetzt betrieben wird, zu charakteriesieren, wobei er nachwies, daß da⸗ durch Mißtrauen im Auslande erzeugt und kriegerische Verwicklungen heraufbeschworen werden. Er schloß diesen Teil seiner Rede mit einer ernsten Mahnung an den verantwortlichen Leiter der Regierungsgeschäfte, die Stimmung weiter Volkskreise in dieser Beziehung nicht un⸗ berücksichtigt zu lassen. Hierauf ging der Redner auf die Handels⸗ interessen des Deutschen Reiches ein, an den statistischen Zahlen nachweisend, daß bezügllch der Schifffahrt England mit seinen Kolonien obenan steht, im übrigen aber Handelsinteressen zum weitaus überwiegenden Teile mit euro⸗ päischen Staaten in Frage kommen, wo all⸗ überall der Schutz, den die Flotte für den Handel bilden soll, absolut außer Frage steht, ebenso wie mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika die in dritter Linie stehen. Bei all diesen Handelsinteressen sei die Verwendung der Kriegsmarine gänzlich ausgeschlossen, des⸗ gleichen mit den meisten Staaten Südamerikas. Dann wandte sich unser Genosse den schönen Steuervorlagen zu und zerzauste ste in unbarm⸗ herziger Weise. Er wies nach, daß man wieder die große Masse der Nichtbesitzenden besonders zu schröpfen gedenkt. „Es heißt, der Luxus der Reichen trage, wenn be⸗ steuert, nichts ein— ganz recht; nicht der Lupus, son⸗ dern Einkommen, Vermögen, Erbschaft der Reichen soll man besteuern. Die Quittungs⸗ steuer wird wirken wie eine rohe Kopfsteuer; sie be⸗ lastet den kleinen Geschäftsmann mit demselben Betrage wie den großen Bankler, den Börstaner, der Hundert⸗ tausende verdient. Die erhöhte Taba k⸗ und Zig a⸗ rettensteuer wird tausende von Arbeitrrn brotlos machen. Wir sind für keine derartige Steuern! Da⸗ gegen könnte die Erbschaftssteuer so ausgebaut werden, daß sie den ganzen Fehlbedarf decken würde. Aber man kennt ja die Abneigung der herrschenden, der besitzenden Klassen gegen das Zahlen. Aus Patrio⸗ tismus zahlt keiner Steuern, bemerkte der Reichskanzler sehr richtig. England hat in den letzten drei Jahren durchschnittlich 353 Millionen aus der Erb⸗ schaftssteuer eingenommen; zur Zeit des Burenkrieges hat England sogar in einem Jahre über 1 100 Mil⸗ lionen Mark an direkten Steuern— Erbschafts⸗ und Einkommensteuer— eingenommen. Damit ver⸗ gleiche man das, was das deutsche Bürgertum an direk⸗ ten Steuern aufbringt! Aber Ste(nach rechts) wollen eben nicht, daß die Besitzenden die Kosten für Heer und Marine tragen; die Masse soll zahlen, wie sie dlenen muß; meldet sie daun ihre Ansprüche an, daun wird das Wort von der Kompottschüssel geprägt. Es helßt ja, daß wieder etwas Kompott für die Arbeiter in Ge⸗ stalt der Anerkennung der Berufsvereine serviert werden soll. Die Vorlage wird so ausfallen, daß wir mit bestem Willen nicht dafür werden stimmen können. Ge⸗ hetzt und gewühlt wird gegen die soziale Gesetzgebung, die den besitzenden Klassen angeblich unerschwingliche Lasten auferlegt; die Lebenshaltung der deutschen Ar⸗ beiter, von denen 60 Proz. unter 18 Mk. Woche nlohn beziehen, wird durch die agrarische Llebesgaben⸗, Zoll⸗ 0 U l. 0 8 9 0 dritten Tage(Samstag) die Debatte. Seite 2. Mitteldeutsche Sonytags⸗Zeitung. Nr. 51. und Sperrenpolitil immer tiefer herabgedrückt; die neuen Handelsverträge treiben zahlreiche deutsche In⸗ dustrielle über die Grenzen und berauben so zahlreiche Proletarier der Arbeitsgelegenheit. Und den ausgepo⸗ werten, herabgedrückten Arbeitern will man jetzt auch die politischen Rechte nehmen: sehen Sie nach Lübeck, nach Hamburg, wo Wahlverschlechterungen im Gange sind, die man anderswo gern nachahmen möchte. Und ist es nicht ein schlimmes Schauspiel, daß 1600 000 preußische Wähler unvertreten in dem preußischen Dreiklassenhause bleiben, in diesem Parla⸗ mente, das aus einem so elenden Wahlrechte hervor⸗ geht, wie es selbst Rußland sich nicht gefallen lassen würde. Aber der deutsche Arbeiter hat es satt, sich noch fürderhen als Staatsbürger zweiter Klasse behandeln zu lassen. Wenn der Arbeiter kein Vaterland hat, d as er lieben kann, so wird er sich beden⸗ ken, ob er kommenden Falles das Vaterland verteldigen soll. Sie haben keine Ahnung von der Erbitterung, die sich unter den Arbeitern angesammelt hat, die sich als politische Hel ten fühlen. Ihre Politik ist es, die die Massen aufreizt und längst zum Ausbruch geführt hätte, wenn wir nicht bremsen würden. Die Verhältnisse sind krank und Sie tragen die Schuld daran!“ Nachdem Bebel unter stürmischem Beifall unserer Parteigenossen geendet, ergriff der preußische Finanzminister Rhein baben das Wort, um darzulegen, daß der Arbeiter in Deutschland sich in einer geradezu beneidens⸗ werten Lage befinde und ein Leben führe wie Gott in Frankreich. Ferner stellte er die mehr als kühne Behauptung auf, daß die Regierung bestrebt sei, die Nichtbesitzenden zu entlasten!! Wer das glaubt ist nicht nur unter die gut⸗ sondern unter die Blind gläubigen zu rechnen! Auf den Minister folgte der Konservative v. Richt⸗ hofen, der unter dem Gewieher der Junker Knüppel und Dreschflegel gegen die Sozial⸗ demokratie angewende w ssen wollte. Der Liberale Bassermann eröffnete am Was er sagte, war nicht von besonderer Bedeutung. Auch nicht, daß er sich gegen die Tabak- und und die Fahrkartensteuer aussprach, denn die Nationalliberalen werden doch sämtlich über den Stock springen.— Der gefürstete Reichs ⸗ kanzler, der nun wieder das Wort nahm, stimmte zunächst einen Lobgesang auf die ver— krachte Kolonialpolitik an. Er stellte sich, als ob er glaubte, daß unsere berühmten Kolonien dem Reiche später noch mal etwas einbringen könnten. Im Ernste wird er das ebensowenig glauben, als wir. Daun feierte Bülow seine Heldentaten in der Marokkopolitik, die ihm nicht einmal mehr die Frankfurter Zeitung glaubt und zum Schluß kam dann die patrio⸗ tische Pauke gegen Bebel.— Bülow will sich von der Sozialdemokratie seine Kreise nicht stören lassen; sie betreibe keine auswärtige Politik, ste wisse vorläufig nicht einmal, was nationale auswärtige Politik sei. Nach Bülows Ansicht hat„das gesamte deutsche Volk“ unbe⸗ sehen für seine Dummheiten aufzukommen, die er auf dem Gebiete der auswärligen Politik gemacht hat oder noch machen wird. Wer daran zweifelt, darf es nur unter dem Schutze der parlamentarischen Immunttät tun, sonst verfällt er wegen Landesverrats dem Staats- anwalt. Dann folgte noch ein Säbelgerassel gegen„die Plünderung und den Massenmord“ den die Sozialdemokratie plane, und den er vereiteln würde. Begreiflicherweise begleitete die Junkersippe nebst den übrigen Geldsacksvertretern die Scharf—⸗ machereien und patriotischen Phrasen des obersten Reichsbeamten mit einem Freudengeheul. Die dem arbeitenden Volke gezeigte Mißachtung wird anders wirken, als Bülow und seine Junker⸗ genossen glauben; das Volk wird sich seine Rechte zu erkämpfen wissen und nicht ruhen, bis es das Joch der Ausbeuter und Unterdrücker abgeschüttelt hat. Bebel wird natürlich dem Reichskanzler die Antwort nicht schuldig bleiben. — Was sonst noch von den Rednern der kleineren Fraktionen, Freistnnigen, Polen ꝛc. gesagt wurde, bot nicht viel des Interessanten und wir brauchen deshalb nicht weiter darauf einzugehen, wir könnten es uns schenken, selbst wenn wir den Platz dazu hätten. Es versteht sich nebenbet, daß die„Ordnungs““ presse Bülows Rede als ausgesuchte Weisheit anpreist und über Bebel mit den gewohnten Beschimpfungen herfällt. Das beweist nur, wie immer: daß Bebel die Wahrheit sagte. Wenn die Gegner schimpfen, befinden wir uns auf dem richtigen Wege! Politische Rundschau. Gießen, den 14. Dezember 1905. Sozialismus und Patriotismus. Am Freitag hat Genosse Jaurss in der französischen Deputiertenkammer eine Rede ge⸗ halten, in der er sich über die Stellung der fran⸗ zösischen Sozialdemokratie zu den wichtigsten Fragen der auswärtigen Politik aussprach und dabei über die Haltung der deutschen Sozialdemo⸗ kratie unter anderem folgendes sagte: Das Ziel der Sozlalisten sel, den Zu⸗ sammenhalt und die Tätigkeit der Pro⸗ letarier aller Länder zu fördern, um den Krieg zu vermeiden und eine systematische Schiedsgerichtspolitik herbeiführen. Redner erinnert an die Reise deutschen Kaisers, die den Prolog zu dem europä⸗ ischen Drama gewesen sei, das eine Ver⸗ mehrung der Rüstungen, Deutsch⸗ lands, Englands und Frankreichs herbeiführen werde. Die Arbeiterklasse werde erdrückt von so viel Lasten und suche natürlich die Gefahr zu beseitigen. Das Proletariat wolle dem Kapital und der Autokratte ihr Zepter und ihre erdrückende Macht entreißen. Was Deutschland anbetreffe so, entspreche die Macht seines Proletariats nicht seiner Zahl. Jedesmal aber, wenn das Leben Europas in Gefahr gewesen set, habe der deutsche So⸗ zialismus für den Frieden gekämpft. Jaures bespricht sodann die Politik der deut⸗ schen Sozialisten, die mehr und mehr zu einem Stadium der Propaganda und der Tätigkeit übergehe. Auf dem Kongreß in Jena habe man zum ersten Male von einem allgemeinen Ausstande gesprochen; in Dresden hätten die Arbeiter zum ersten Male in den Straßen das allgemeine Stimmrecht verlangt. Das ist, fährt Jaures fort, ein Hauch, der durch ganz Europa weht: Von jezt an organi- stert sich das Proletariat von einem Ende Europas bis zum anderen, von Peters⸗ burg und Moskau bis London über Berlin und will eine Garantie für den Frieden werden. Wie groß auch die Schwierigkeiten zurzeit noch sein mögen, ich hoffe mit Ihnen allen, daß der Friede erhalten bleiben möge.“ Bebel wies im Reichstage darauf hin, daß man ihn in Frankreich oft als einen deutschen Patrioten, den sich die französischen Sozialisten zum Vorbild nehmen sollten, hinstelle; umge⸗ kehrt werden uns deutschen Sozialdemokraten Jaures und seine Freunde als Muster empfohlen. Wie wenig Berechtigung für das eine wie für das andere vorliegt, beweisen die Reden, die Bebel und Jaurès in diesen Tagen gehalten haben. Wohl lieben auch die Soztaldemotraten ihr Vaterland, aber nicht lieben sie das Vater⸗ land von heute, das Vaterland der Reichen; sie sind nicht blöde Hurrapatrioten, die geringschätzig auf die anderen Nationen herabschauen; nicht stellen sie nach alten über⸗ lebten Begriffen das Vaterland über die Partei. Sondern die Partei mit ihren großen Zielen, die Partei, die die Arbeiter aller Länder zum gemeinsamen Kampf gegen den internationalen Kulturhemmer Kapftalismus umschlingt, sie ist uns das erste und größte, dem wir dienen. „Luxus“ der Arbeiter. Gegen den angeblichen„Fuxus der Ar⸗ better“ zu eifern, bringt bie„Deutsche Volks⸗ wirtschaftliche Korrespondenz“ fertig. Es sei eine unverschämte Hetze der Sozialdemokratie, sagt das Blatt, den Arbeitern einzureden, daß durch die Bler⸗ und Tabaksteuer der Konsum der Nichtbesitzenden belastet; werde. Warum trinke denn der Arbeiter„bayrisches“ Bier, warum rauche er Zigarren 2! Freilich, das „gesunde billige Braunbier“ und die„Tabak⸗ elfe seten heute abgetane Genüsse“.— Es ist allerliebst, bemerkt der Vorwärts dazu, eine konservative Korrespondenz so gegen den Lurus der Arbeiter wettern zu hören! Wenn die Herren doch einmal in ihren eigenen Reihen spartanische(einfache) Sitten einführen wolltenk Wenn sie doch erst einmal die junkerlichen Sprößlinge in den Garderegimentern und den feudalen studentischen Korps an das gesunde Braunbier und das billige uckermärklsche Kraut gewöhnen wollten! g Uebrigens ist ja auch der edle vaterländische Tabak keineswegs steuerfrei! Da der ein⸗ heimische Rauchtabak mit 45 Mk. pro Doppel⸗ zentner besteuert ist, muß der Proletarier für das Pfund Tabak 22 ½ Pf. steuern. Ist der Tabak mit ausländischem Tabak gemischt, so erhöht sich die Steuerlast noch beträchtlich, da der importierte Tabak mit 180 Mk. pro Doppel⸗ zentuer besteuert ist! Ja[sogar das„gesunde Braunbier“ soll durch die neut Biersteuer ver⸗ teuert werden! An die Tabakarbeiter Deutschlands richtet die Zentralkommisston der Tabakarbeiter Deutschlands einen erneuten Aufruf, dem wir folgende Sätze entnehmen: Die Vorlage der Reichsregierung über die Tabaksteuer ist dem Deutschen Reichstag zuge⸗ gangen. Jetzt wird es Ernst und zwar fürchter⸗ lich Ernst, denn die Vorlage hat die schlimm⸗ sten Befürchtungen weit, weit übertroffen. Diese Vorlage bedeutet nichts weniger als den Unter⸗ gang der gesamten Kleinbetriebe in der Zigarren⸗ und Zigarettenindustrie. Viele, viele Zehntausende von bisher schon schlecht genährten, weil schlecht entlohnten Ar⸗ beitern werden bei Annahme dieser Vorlage dem Elend, der Arbeitslosigkeit überliefert, auf die Landstraße gestoßen. Rechnet die Regierung doch schon selbst mit einem gewaltigen Rückgang der Industrie. In der Zigarrettenbranche, wo sie selbst den jähr⸗ lichen Verbrauch gegenwärtig auf 4½ Milltar⸗ den schätzt, und die Reineinnahme nach der jetzigen Vorlage 1112 Millionen betragen würde, stellt die Regierung nur 5 Millionen in den Etat ein. Das ist doch wohl ein Argu⸗ ment gegen die Regierungspläne, wie es über⸗ zeugender nicht von dem schärfsten Gegner der Tabaksteuer⸗Erhöhung vorgebracht werden kann. Der Rückgang des Konsums, an der Hand der Begründung der Regierungsvorlage, würde die billige Zigarette, die 5 Pfennig⸗Zigarre ganz verdräugen und durch diesen Mindestkonsum eine Brotlosmachung von über 80,000 Arbeitern bedeuten! Die Wirkung eines solchen Experimentes muß entsetzlich sein. 80,000 Arbeiter der Not preis⸗ geben. Angesichts der unerschwinglichen Fleisch⸗ preise, angesichts des in etlichen Wochen ein⸗ tretenden Zolltarifs wird dem deutschen Tabak⸗ arbeiter ein solches Weihnachtsgeschenk unter den Christbaum gelegt! f Tabakarbeiter allerorts, aller Branchen! Jetzt ist es die höchste Zeit, sich gegen diese Vorlage zur Wehr zu setzen, allerort, wo dieses bis jetzt nicht geschehen, Versammlungen einzu⸗ berufen, dort Kommisstonen zu wählen, die Aufbringung von Geldmitteln vorzunehmen, die Agitation in die entlegensten Orte zu tragen, die Lässigen und Gleichgültigen aufzurütteln, ihnen die Gefahr klar zu machen, welche die ganze Industrie bedroht. Jetzt, wo die Steuervorlage erschienen, haben die Tabakarbeiter durch ihre Kommisstonenz an den Reichstagsabgeordneten ihres Kreises, an die Abgeordneten aller Parteien heranzutreten, ste zu fragen, wie sie sich dieser Vorlage gegenüber verhalten, wie ste ihr Mandat als „Volksvertreter“ auszuüben gedenken. Dieses Herantreten an die einzelnen Abgeordneten, leichviel welcher Partei, hat in 1893 sehr gute rfolge gezeitigt; die Abwehr der damaligen Steuervorlagen von 1894 bis 1895 ist zum aun Teil diesem Vorgehen mit zu verdanken gewesen. Kollegen Deutschlands! Ans Werk, beruft Versammlungen ein, sammelt Geldmittel, tretet ein in die Agitation gegen die volksmörderische Vorlage der Regterung! — 2 2— J f. ̃.. 51. eine Urus 5 ehen tent ichen den unde kraut dich eln el, für t der , 0 5. unde ber⸗ —— L Nr. 51. ——— N] Mitteldentsche Sounaas⸗Zeitung“ Seite 8. Militärische Schreckensjustiz. Von einer solchen kann man wirklich sprechen angesichts der zahlreichen Urteile, die in der letzten Zeit von Militärgerichten gefällt wurden. Vor kurzem war vom Oberkriegsgerichte in Ratibor in Schlesien ein Soldat zu fünf Jahren 6 Monaten Zuchthaus ver⸗ urteilt worden, gegen den die Vorinstanz eben⸗ soviel Gefängnis erkannt hatte. Und für was diese furchtbare Strafe? Ein Unteroffizier, der auf einem dortigen Platze einen Soldaten wegen einer unpassenden Antwort verhaftete, war beim Verlassen des Platzes von drei anderen Sol⸗ daten von hinten angefallen, wobei es dem Arrestanten gelungen war, in dem allgemeinen Wirrwar zu entkommen. Von den drei An⸗ greifern konnte nur einer ermittelt werden und dieser wurde vom Oberkriegsgericht zu der an⸗ gegebenen Strafe verurteilt. Der Verurteilte hatte hierauf Revlston beim Reichsmilitärge⸗ richt eingelegt, die Erfolg hatte. Die Sache wurde an das Oberkriegsgericht zurückverwiesen. Diesmal wurde nur fünf Jahre vier Monate Gefängnis erkannt, wovon vier Monate auf die erlittene Untersuchungshaft angerechnet wurden. Ein anderes fast unglaubliches Urteil wurde gegen den Gefreiten Elgert vom Infanterte⸗ Regiment Nr. 68 in Koblenz gefällt. Dieser geriet eines Morgens mit dem Unteroffizier Winter im Schloß⸗Cafe in Wortwechsel, wobei es auf der Straße zu Tätlichkeiten kam. Ob⸗ gleich in der Verhandlung vor dem Koblenzer Kriegsgericht festgestellt wurde, daß Elgert von dem Unteroffizier Winter an⸗ gegriffen worden war, fand das Ge⸗ richt, daß dennoch„ein tätlicher Angriff mittels gefährlichen Werkzeuges“ vorliege, da Elgert den Unteroffier mit einem Regenschirm() ge⸗ schlagen habe. Das Gericht erkannte auf eine Mindeststrafe von 2 Jahren Gefängnis! Der Vorwärts⸗Konflikt ist nunmehr als erledigt zu betrachten. Schon vorige Woche faßte die Reichstagsfraktion einen Beschluß, in dem die Angelegenheit für erledigt erklärt wird. Auch der Abgeordnete Genosse Gradnauer, einer der ausgeschiedenen Re⸗ dakteure, erklärte, daß die Angriffe, die von ihnen gegen den Parteivorstand und die Preß⸗ kommission in einer vor Kurzem bei Birk in München erschienenen Broschüre erhoben würden, nicht mehr aufrecht erhalten werden könnten und daß auch sie(die Redakteure) den Wunsch hätten, daß dieser unleidliche Zwischenfall aus der Welt geschafft werde. Somit wäre eine Affaire vorüber, die inso⸗ fern der Partei Schaden gebracht hat und noch bringt, als sie von den Gegnern wacker gegen uns ausgenützt wurde. Und die Geschichte konnte sehr leicht vermieden werden. Die größte Schuld liegt ganz zweifellos auf Seiten der ausgeschiedenen Redakteure. Sie hatten nicht das Recht, das Zentralorgan dazu zu benutzen, ihre persönlichen Angelegenheiten in der Weise, wie sie es getan, breitzutreten und sen⸗ sationell aufzuputzen. Sie haben dabei einen bedenklichen Maugel an Disziplin bekundet. Hoffentlich wird die Parteieinigkeit nicht mehr in dieser Weise gestört! Die gegenseitigen Vor⸗ würfe und Angriffe werden bon den Gegnern mit Behagen ausgeschlachtet. Unsere Partei steht vor großen Aufgaben, zu deren Durch⸗ führung sie alle Kräfte zusammenfassen muß. Das sollten unsere Literaten in erster Linte beachten! Für eine kaiserliche Liebhaberei, die den Reichssteuerzahlern schon 700000 Mk. gekostet hat und den elsaß⸗lothringischen Steuer⸗ zahlern ebensoviel, sollen nochmals 850000 Mk. aufgewendet werden. Es handelt sich um die seinerzeit vielerörterte sogenannte Wiederher⸗ stellung der Hohkönigsburg im Elsaß. Die Burg wurde bekanntlich gelegentlich der Auf⸗ hebung des Diktaturparagraphen dem Kaiser geschenkt und es tauchte dann das Projelt auf, sie ausbauen zu lassen. Dafür waren 1400000 Mark in Aussicht genommen und in 5 Jahren sollte der Bau vollendet werden. Die 5 Jahre sind demnächst um und das bewilligte Geld geht zu Ende, aber der Bau ist noch nicht fertig; es sollen vielmehr noch 3½ Jahre Ba nzeit und 850000 Mk. erforderlich sein, die man abermals zu gleichen Teilen auf das Reich und Elsaß⸗ Lothringen zu verteilen gedenkt. Die Treunung von Staat und Kirche ist nunmehr in Frankreich durchgeführt. Der Senat nahm kürzlich die diesbezügliche Vorlage in ihrer Gesamtheit mit 179 gegen 103 Stimmen. Von der republikanischen Presse wird dieses Ergebnis mit Genugtuung begrüßt. Ste erklärt, die Republik müsse dem Senat und seinem Prästdenten dankbar sein, für die energische und ruhige Art, mit der die Erör⸗ terung dleses bedeutsamen Gesetzes durchgeführt worden sei. Der 5. Dezember 1905 sei ein geschichtliches Datum allerersten Ranges in der Entwicklung der französischen Demokratie. Nunmehr gehört der Wählerschaft das Wort, welche die im nächsten Mai stattfindenden Kammerwahlen dieses Gesetz besiegeln werde. Den Pfaffenblättern dagegen liegt das Gesetz schwer im Magen und sie erklären seine An⸗ nahme für einen schweren Fehler des Parla⸗ mentes.— Durch das Gesetz werden zunächst 8 Millionen Franks am Kultusbudget erspart, 0 verteilt werden ollen. Kleine politische Nachrichten. Bei der Gemeinderatswahl in Stuttgart wurden bel starker Wahlbeteiligung sämtliche acht von der mit den Sozialdemokraten verbündeten Volkspartei aufgest ten Kandidaten gewählt. Davon gehören vier der Sozialdemokratie, drei der Volkspartei an, ein Kandidat war ein parteiloser Liberaler. Zwei Antisemiten führer verklagten sich vor dem Dresdener Gericht. Und zwar der ber—ühmte Stadtverordnete und ehemalige Reichstags⸗ abgeordnete Baumeister Hartwig und der Stadtver⸗ ordnetenvorsteher Häckel. Letzterer war früher Rechtsbei⸗ stand Hartwigs und beide waren dicke Freunde. Der Klage lag eine anrüchige Geschichte über Zuwendung städtischer Kohlenlieferungen an einen Stadtverordneten zu grunde. Häckel hatte u. a. mit Bezug auf Hartwig, weil dieser die Kohlengeschichte in die Oeffentlichkeit gebracht hat, gesagt, er sehe ein, früher einen Un würdigen ver⸗ teidigt zu haben. Das Gericht verurteilte Hartwig zu 300 Mk. Geldstrafe, Häckel wurde freigesprochen.— Der Prozeß ist eine Begleiterscheinung des Zusammen⸗ bruchs der antisemitischen Stadtwirtschaft in Dresden. So ziales. Aus den Gewerkschaften. Der Fach⸗ verein der Diamantarbeiter in Hanau hat beschlossen, am 1. Januar 1906 zum Deutschen Metallarbeiterverband überzutreten. — Die Mitgliederzahl des Verbandes der Tapezierer betrug am Schlusse des dritten Quartals 6739. Das Verbandsvermögen be⸗ trug zu gleicher Zeit 87 660,14 Mk.— Der Verband der Vergolder hat in einer soeben stattgefundenen Urabstimmung mit 1019 gegen 368 Stimmen den Uebertritt zum Deut⸗ schen Holzarbeiterverbande beschlossen. Die Zahl der Mitglieder beträgt nach der letzten Abrechnung 1845, wovon 1396 sich an der Urabstimmung beteiligten. Der Kassen⸗ bestand der Hauptkasse betrug am Schlusse des dritten Quartals 25 153,10 Mk— Die Mlit⸗ gliederzahl des Brauer verbandes betrug am Schlusse des dritten Quartals 11817. Die Wertlosigkeit der christlichen Gewerkschaften sehen deren eigene Angehörige allmählich ein.„Der Arbeiterbund“, das Organ des nordelbischen Verbandes chrlstlicher Arbeiter vereine, schrieb kürzlich zu diesem Thema: „Wir haben keine Idee, für die wir kämpfen! Wir nennen uns christliche Vereine: welch, ein Hohn! Was hat unsere Sache mit dem Christentum, mit Christo zu tun! Wir sind von Christo durch eine tiefe Kluft geschieden von dem— rein menschlich betrachtet —-Welten⸗ und Himmelsstürmer, der Welthaß und Tod verachtete, dem Idealisten, den seine Verwandten für irrsinnig hielten, dem Vor⸗ kämpfer für Recht und Freihett, gegen alle verrotteten Einrichtungen und Rechte. Wir nennen uns Arbeitervereine, als wenn wir's wären! Wir sind gemischt aus Nicht⸗ arbeitern und Arbeitern. Und die Führer sind nicht Arbeiter, sondern Arbeit⸗ geber, Lehrer und Pastoren usw.,— in den Einzelvereinen wie im Gesamtverband. Wir glauben sozial zu wirken; ich habe ntr⸗ gends etwas gespürt! Hülfskassen, Vorträge usw., die tun's nicht, Vergnügungen auch nicht. Sozialtsmus tritt an den einzelnen greifbar und faßbar nur in der Form von Sozialpolitik heran, und diese hat nur Sinn und Kraft als politisch gefärbte Sozialpolitik. Wir mögen uns Vereine nennen— und auch das sind einzelne unserer Vereine kaum noch—, soziale, christliche, nationale Arbeitervereine im tieferen Sinne sind wir nicht, und wo der tiefere Sinn fehlt, da ist es nicht weit zum Unsinn, zur Phrase, da fehlt die schöpfertsche Kraft, da fehlt die Existenzberechtigung!— Was unseren Vereinen not tut?— Wieder- geburt im neuen Geist!— im wahrhaft sozialen Geist! Sonst möge man unsere Vereine lieber sprengen; sie schaden mehr, als sie nützen. Sind ste doch schon in ganz Deutsch⸗ land ein Gegenstand des Schmerzes für unsere Freunde, ein Gegenstand des Gespöttes für unsere Nichtfreunde, ein Gegenstand der Ver⸗ achtung für unsere Gegner!“ Der Mann hat soweit nicht Unrecht. Wir meinen nur, daß auch keine Aussicht auf eine„Wiedergeburt“ vorhanden ist. Fünfundzwanzig Prozent Dividende hat die Generalversam lung der Hannoverschen Maschinen⸗ bauanstalt A.⸗G., vorm. Egestorf, ihren Aktionären zu⸗ gesprochen. Die Direktion teilte ferner mit, daß sie seit Abfassung des Geschäftsberichts zu dem bei Schluß des Jahres vorhandenen Arbeitsquantum für etwa 5 000 000 Mark neue Aufträge hinzubekommen habe, so daß das Gesamtquantum die Ziffer von 13 000 000 Mk. über⸗ steigt. Diese Aktionäre gehören auch zu den„notlei⸗ denden Kapltalisten“, die die winzige Lohnforderung einer Hand voll Arbeiter nicht bewilligten, sondern statt dessen zu einer Massenaussperrung griffen. Pon Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Die törichte Sozialdemokratie und der kluge Reptilredakteur. In seiner Montagsnummer gab der„Gießener Anz.“ folgende Weisheit zum Besten: „Wie töricht die Sozialdemokratie zur Zeit operiert, bewies die Veranstaltung von Massen⸗ kund gebungen in Sachsen, die sich allerdings am letzten Sonntag nicht wiederholt haben, und der Versuch der Rosa Luxemburg, bie russische Bewegung als vorbildlich für die deutsche Arbeiterschaft hinzustellen. Es ist durchaus zu billigen, daß in den sächs. Großstädten das Militär an den arbeitslosen Sonntagen in den Kasernen konsig⸗ niert bleibt, zur Begegnung etwaiger Unruhen. Der sozialdemokratische Radikalts⸗ mus ist wohl das allerungeeignetste Mittel, um der Arbeiterschaft neue Rechte zu verschaffen. Er ist ein Spiel mit dem Feuer und dient nur dazu, das Bürgertum in einen immer stärkeren Gegensatz zu der Emanzipationsbewegung des vierten Standes zu bringen.“ Nun, besondere Sympathie für die Eman⸗ zipationsbewegung des vierten Standes hat wohl unser deutsches Vürgertum niemals empfunden noch gezeigt. Für eine Bundes⸗ genossenschaft, die Säbel und Flinte gegen das für sein gutes Recht kämpfendes Volk anzu⸗ wenden empfiehlt, wie es der„liberale Anz.“ tut, müßte sich die Sozialdemokratie bestens bedanken. Sie ist vielmehr so„töricht“, sich auf sich allein zu verlassen und sie wird das Wahlrecht erkämpfen auch gegen das Bürger⸗ tum. Sie weiß, was sie für Mittel anzu⸗ wenden hat und braucht den„klugen“ Rat des kosakischen Amtsblattes nicht, nach dessen Lob und Zustimmung sie nicht geizt. — Die volle Kompottschüssel. Vor einiger Zeit ging eine Mitteilung durch die Presse, nach welcher Wilhelm II. zum Reichs⸗ kanzler Bülow geäußert haben sollte:„Die Kompottschüssel des Arbeiters sei ———— N 1 0 N — Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 51. nun voll.“ Das heißt mit anderen Worten, die Gesetzgebung habe nun für die Arbeiter genug getan, sie können zufrieden sein, sie schwimmen im Fette. Auf die Anfrage eines Redakteurs hat damals Bülow erklärt, daß der Kaiser nie etwas derartiges zu ihm geäußert habe. Dagegen hielt Maximillian Harden, der Herausgeber der„Zukunft“ seine frühere Behauptung, daß das Wort wirklich gefallen sei, aufrecht. Ob nun das Wort gefallen ist oder nicht, soll uns weiter nicht interessteren. Tatsache ist jedenfalls, daß im ganzen Reiche danach gehandelt wird. Völliger Still⸗ stand der viel berühmten„Arbeiterfürsorge.“ Das muß jeder zugeben, der die Dinge unbe⸗ fangen prüft. Und außerdem weiß doch jeder nur einigermaßen mit den Verhältnissen Ver⸗ traute, wie die Lage der arbeitenden Bevölke⸗ rung in Wirklichkeit ist. Gerade jetzt, bei Teuerung aller Lebensmittel ist es dem Ar⸗ beiter kaum möglich, das Nötigste für seine Familie herbeizuschaffen. In vielen Familien kommt die ganze Woche kein Stückchen Fleisch auf den Tisch, es ist bei den heutigen Fleisch⸗ preisen einfach nicht möglich. Auch die Butter⸗ preise siud in diesem Jahre bedeutend höher als je vorher. Das Pfund kostete in den letzten Wochen 1.25—1.30, in früheren Jahren bezahlte man 90 Pfg. bis 1 Mk. Cier kosten 9— 10 Pfg. das Stück; hat ein Arbetter etwa kränkliche oder schwächliche Kinder, so ist es ihm gar nicht möglich ihnen Eier zu geben, so oft es der Arzt auch verordnet. Sogar die Kar⸗ toffeln waren in diesem Jahre teurer als sonst. Kurz, es reicht der karge Lohn auf keiner Ecke. Das wissen die Arbeiterfrauen am besten und es sind in letzter Zeit wiederholt lebhafte Klagen von solchen in unserer Parteipresse, wie auch in anderen Blättern veröffentlicht worden. Um so unsinniger ist es, wenn im„Gieß. Anz.“ vor einiger Zeit in Anknüpfung an das Wort von der Kompottschüssel es so hingestellt wurde, als habe das Bürgertum und der Staat so unendlich viel für die Arbeiter getan, daß diese nichts zu klagen hätten, zufriedenzustellen seien ste trotzdem nicht. Die Leute, die die Verhält⸗ nisse nicht kennen, sollten mal genötigt sein, ein Vierteljahr eine Arbeiterexistenz zu führen, sie würden bald zu anderen Ansichten kommen. — Brauereibesitzer und Tabak⸗ fabrikanten halten Versammlungen und Konferenzen ab, um gegen die geplante Be⸗ lastung ihrer Gewerbe durch die neuen Steuern auf Vier und Tabak zu protestieren. Vor kurzem fand hier eine Versammlung ober⸗ hessischer Brauereibesttzer statt, die eine Resolution beschloß, in der es unter anderem heißt:„Die in der Vorlage enthaltenen Steuersätze würden, falls sie Gesetz werden, entweder eine wesent⸗ liche Verteuerung des Bieres oder eine Quali⸗ tätsminderung zur Folge haben. Die Ver⸗ sammlung protestiert dagegen, daß das Brau⸗ gewerbe, welches schon schwer getroffen wird, durch den neuen Zolltarif und die Handels⸗ verträge, jetzt nun schon wiederum durch eine Steuererhöhung stark beunruhigt wird. Die Versammlung erwartet von der Volks⸗Ver⸗ tretung, daß diese die Vorlage der Reichs⸗ regierung ablehnt.“— In einem neulichen (eingesandten) Artikel des„Gleß. Anz.“ wurde gesagt, man möge sich an Herrn Heyligen⸗ städt wenden, damit er mit seinen Parteifreunden gegen die neuen Steuern stimme. Wir meinen, da verlangen die Herren Wasser vom Bims⸗ stein. Heyligenstädt soll als Flottenpatriot und Zöllner gegen neue indirekte Steuern und Zölle stimmen? Da hätten die Herren vom„Tubaksfreisinn“ und andere sich eben bei der Wahl vorsehen sollen. Es schadet ihnen eigentlich nichts, wenn sie jetzt die Folgen der junkerlich⸗natlonalliberalen Politik zu spüren bekommen. Jetzt winseln sie wie junge Hunde, sie wählten aber wie die Kälber.(Protestversamm⸗ lung in Heuchelheim stehe Inserat in der Beilage.) p. Eine Konferenz der Former von Gießen, Lollar und Wetzlar fand am Sonn⸗ tag bei Orbig statt, um eine Aussprache und Verständigung über die Lohn⸗ und Akkordver⸗ hältnisse herbeizuführen, besoud ers aber die in den Gießereibetrieben herrschenden Mißstände zu besprechen und Mutel zu ihrer Abhilfe zu treffen. Daß da mitunter recht krasse Zustände herrschen, lehrten die Ausführungen einzelner Kollegen und es wäre dringend geboten, das Material zu sichten und in der Presse zu ver⸗ öffentlichen. Da man die Notwendigkeit und den großen Nutzen für die Organisation die in solchen gemeinsamen Zusammenkünfte liegt einsah, beschloß man, alle Vierteljahr eine allgemeine Metallarbeiter⸗Versammlung der drei Orte ab⸗ zuhalten und eine Kommisston zu bestimmen, welche in diesen Versammlungen über die her⸗ vorgetretenen Mißstände berichten soll. Mit Freuden ist dieser Zusammenschluß zu begrüßen. Wenn die beiden anderen Verwaltungsstellen dem Beispiele Gießens folgen und einen wöchentlichen Lokalzuschlag erheben würden, wäre die Möglichkeit gegeben in absehbarer Zeit einen Geschäftsführer anstellen zu können. — Der Konsumverein für Gießen und Umgegend hat seit 1. Dez. seine zweite Verkaufsstelle in seinem eigenen Hause am Asterweg eröffnet. Für die Mitglieder in dem nördlichen Stadtteile bedeutet das eine will⸗ kommene Erleichterung, und der neue Laden hat lebhaften Verkehr aufzuweisen. Der Laden⸗ raum wie das ganze Gebäude ist sauber her⸗ gerichtet worden, wofür erhebliche Aufwendungen notwendig waren. Doch dürften diese durch den Mitgliederzuwachs, der seitdem zu ver⸗ zeichnen ist, bald wieder ausgeglichen sein. — Boykott der Wehmutter. Der „Gieß. Anz.“ bringt folgende Schauermär: „Wie sehr der Grimm über den Ausfall der Landtagswahl bei den„Genossen“ in Watzen⸗ born ist, zeigt folgendes Vorkommnis: Neu⸗ lich kam die Frau eines„Roten“ in die Wochen. Da der Mann der Steinberger Hebamme nicht „rot“ gewählt haben soll, so hat sich die Wöchnerin die Hebamme in Watzenborn holen lassen mit der Aeußerung:„Die Steinberger Hebamme soll dem Bürger⸗Leun von Großen⸗ Linden ein Kind bringen.“ Ob das wahr ist, wissen wir nicht. Wenn aber ja, so können wir der Frau das gar nicht übel nehmen, sie hat nur dasselbe getan, was die Gegner seit langem praktizieren; das . die Kriegervereine und auch die Amts⸗ ätter. Aus dem Kreise gießen. r. Leihgestern. Von einem jähen Tode wurde unser treuer und allezeit pflicht⸗ bewußter Parteigenosse Joh. Gg. Eiff ereilt. Als er am Mittwoch Nachmittag in seiner Sandgrube, die er neben seinem Ackerbau noch betrieb, arbeitete, wurde er von herabstürzenden Erdmassen verschüttet, so daß erznur noch als Leiche hervorgezogen werden konnte. Er stand im Alter von etwa 50 Jahren und hinter⸗ läßt eine Witwe und eine verheiratete Tochter. Eiff war für unsere Partei jederzeit tätig, so⸗ viel in seinen Kräften stand. Bei der letzten Landtagswahl fungierte er als Wahlmann für unsere Partei und es hätte ihm große Freude gemacht, wenn er zu unserem Siege hätte beitragen können. Ehre seinem An⸗ denken! 1 h. Großen⸗Linden. Der hier kürzlich ge⸗ gründete Arbeiter⸗ Bildungsverein macht erfreuliche Fort⸗ schritte, er zählt jetzt bereits 30 Mitglieder. Die Gegner suchen ihm Schwierigkeiten zu machen und Herr Leun soll, wie wir hören, uns die Lokale zu Versammlungen abtreiben wollen. Das wird aber nicht gelingen. Wir werden etwaige Schwierigkeiten zu überwinden wissen. Vorwärts muß bei uns die Losung sein. f. Hausen. Bei der ae eee wahl am Samstag wurde der bisherige Bürgermeister Müller mit 83 Stimmen wieder⸗ gewählt. Sonst gab es bei solchen Wahlen immer einen schweren Kampf, wobei die zWirtschaftspolitit eine Hauptrolle spielte. Auch diesmal hätten gewisse Herren uns gerne einen andern Kandidaten aufgeschwätzt, doch unsere Parteigenossen traten alle für Müller ein und jene ließen mit süß⸗sauerer Mine geschehen, was ste nicht ändern konnten. Aus dem Nreise Iriedberg⸗Püdingen. W. Antisemitische Stegesfeter mit Keilere i. Um den„Sieg“ des Bünd⸗ lers Breidenbach im Wahlbezirk Friedberg⸗ Nauheim zu feiern, hatten die Hirschel und Konsorten auf den 2. Dezember ein großes Siegesfest in Oberwöllstadt arrangiert. Das ist natürlich Wahlbier in anderer Form, anstatt es wie früher vor der Wahl oder am Wahltage selbst gegeben wird, giebt man es einige Zeit nach der Wahl. Für diese Zwecke soll der neue Abgeordnete einige Tausend Mark im Falle seiner Wahl bereitge⸗ stellt haben. Bereits bei der Wahl am 24. November sind von den Wahlmännern in Bad Nauheim 68, nach anderer Aussage mehr als 100 Flafchen Sekt getrunken worden, ohne das Andere. Für die Oberwöllstädter Siegesfeier machte das Bündlerblatt schon vorher erheblichen Lärm, es kündigte an, daß nicht blos Hirschel und Breidenbach, sondern auch Bürger meister Gondolf⸗Oberwöllstadt, Altbürgermeister Kling⸗ Bruchenbrücken, Landwirt Moscherosch⸗Nieder⸗ wöllstadt u. A. anwesend sein würden. Es fehlte blos noch, daß es hieß: lauter schwer⸗ reiche Leute, die etwas bezahlen können. Aber das konnte man stch ja auch denken. Auch die zwei Gesangvereine Liederkranz und Germanta wirkten mit, letztere sagte aber erst zu, nachdem ihm der Bürgermeister wiederholt darum ersucht hatte. Nun wurde getrunken und Hoch geschrieen. Aber nicht lange dauerte die Festesfreude, und da die Worte Kampf und Sieg die Parole bildeten und ein leibhaftiger Hauptmann(oder davongejagter Feldwebel), wenn auch ohne Uniform, zugegen war, so mußte auch gekämpft werden. Innerhalb kurzer Zeit spielte das Messer und andere bekannte Waffen eine Rolle; der tapfere teutsche Haupt⸗ mann Wolf mit seinem Schnerrbein aber fing an zu laufen, und die Hirschel und Breiden⸗ bach hinterdrein, die Kämpfer zurücklassend. Von diesen trugen einige erhebliche Wunden davon, der jugendliche Peter Kuhn wurde be⸗ deutend am Auge verletzt. So feiern die an⸗ tisemischen Patrioten Feste! 3 Das Hirschelblatt in Friedberg bemerkt gegen die„N. Friedberger Ztg.“, die eine Schilderung der Prügelei gebracht hatte:„Augen⸗ zeugen bedauerten, daß ste nicht einen gewissen freistnnigen Zektungsschreiber so mitten darunter drin gehabt hätten, damit er die Sache„aus eigner Er⸗ fahrung“ noch besser hätte schildern können.“ Wenn die Pücklerleute etwa so„kämpfen“ wollen, kann's ihnen aber passieren, daß auch sie mal einen gehörigen Klapps auf den Rüssel bekommen. Am Ende wäre ihnen eine derartige Lektion ganz dienlich.— Das Blatt sucht sich im Uebrigen höchst plump aus der Affäre zu ziehen. Es erklärt, sein Berichterstatter habe vor Ausbruch der„Meinungsverschiedenheit“ das Lokal verlassen, deshalb wisse es nichts über den Ausgang. Wirklich köstlich! Hirschel weiß von nischt. Wir hätten die großmäulichen Phrasendrescher von der„Volkswacht“ mal hören wollen, wenn die Kellerei bei der Sozial⸗ demokratie stattgefunden hätte! Was bei den Bauernbündler„Meinungsverschiedenheiten“ wäre bei uns zum mindesten Roheit gewesen. Die Pücklerleute sind nicht nur im Aufschneiden, sondern auch im Heucheh n groß. Aus dem Nreise Wetzlar. * Ordnungsblätter über die Arbeiter⸗ organisation. Das„Weilburger Tageblatt“ ver⸗ zapfte neulich folgenden Unfinn und der„Wetzl. Anz.“ druckte ihn schleunigst nach: „Die Streik⸗Kasse des sozialdemokratischen Bochum er Bergarbeiterverbandes scheint Geld nötig zu haben, da Agitatoren dieses Verbandes sich bemühen, Bergleute des hiesigen Reviers zum Beitritte zu bewegen. Die Agitation hat jedoch wenig Erfolg, da die hiesigen Berg⸗ leute wissen, daß durch jeden Streik im Kohlenbergbau der Eisensteinbergbau an der Lahn geschädigt wird, weil ohne Kohlen und Kols kein Eisen aus Eisenstein geschmolzen werden kann und daß daher jeder Groschen Beitrittsgeld, der von hier in die Kasse des Bochumer Bergarbeiterverbandes fließt, einen Nagel zum Sarge des hiesigen Bergbaues bildet.“ Wie doch die Kapltalisten⸗ und Uunternehmerblätter um das Wohl und die Groschen der Arbeiter besorgt sind! Sie selber und ihre Klassengenossen nehmen aber die Arbeitergroschen mit Vorliebe, je mehr, desto besser! Darum sehen sie es auch nicht gern, wenn die Arbeiter N 5ʃ. — berg. U und großes giert. derer Vall giebt Fir eilige keitge⸗ m 24. u Bad r als e das kofeier llicen zuschel melster flüug⸗ kieder⸗ 6 chwer⸗ Aber uz und r erst derholt runken allerte f und aftiger vebeh, ar, ö kurzer kannte Haupt⸗ aber Lelden⸗ assend. zunden de be⸗ ie an⸗ merkt e eine Augen⸗ issen 105 9a L Er⸗ en.“ upfen; b an Rüssel Tarlige t sich ite zu T habe enhett chte hirschl ullchel mal So al hel del heel tuesel. lden, beitet “ bel⸗ . Anz Bochum 7 0 0 hel, gerclelt en. ga 1257 1 ul l Gosch bun 1 Hul aabllln eu 0 5 beet! Abe 8 Nr. 51. — 3—— Mitteldeutsche Sonntags geitung. Seite 5. für thre eigenen Interessen einen Groschen auf⸗ wenden.— Uebrigens täuscht sich der für die Interessen der Grubenkapitalisten schreibende Verfasser obiger Notiz. Die Organisat on der Bergleute macht in unserer Gegend recht erfreuliche Fortschritte, weil die Bergleute immer mehr einsehen lernen, was ihnen der Verband nützt. Es gelang ihnen schon, verschiedene Mißstände zu be⸗ seitigen und haben auch hier und da schon eine kleine Aufbesserung ihrer jämmerlichen Löhne erzielt. Und gegen Prellereien, die sich sonst die Bergleute bei Fest⸗ setzung der Gedinge vielfach gefallen lassen mußten, können sie sich auch besser schützen. Es war die höchste Zeit, daß die Eisensteinbergleute aus ihrem Schlafe er⸗ wachten und in die Reihen der kämpfenden Arbeiter eintraten. Sie werden sich von ihrem Verbande nicht abbringen lassen, so sehr sich auch gewisse Bergräte be⸗ mühen.— Was das Geld brauchen betrifft, so gehts noch leidlich bei dem Verbande. Er könnte das Weil⸗ burger mitsamt dem Wetzlarer Kreisblatt und alles, was drum und dran hängt, aufkaufen, ohne merkliche Veränderung seiner Finanzen. *„‚Unparteiische“ Blätter. Kürzlich wurde in Frankfurt ein Beleidigungsprozeß gegen den Redakteur der„Volksstimme“, Genossen Quint, ver⸗ handelt, den der Verleger der Irkftr.„Neuesten Nach⸗ richten“, Spandel, angestrengt hatte. Dieses Blatt verspricht seinen Abonnenten resp. deren Hinter⸗ bliebenen 500 Mark im Falle tödlichen Unfalles. Im Anschluß an einen Fall in Burgsolms, wo einer Witwe diese Summe nicht bezahlt worden war, hatte die Volks⸗ stimme von Versicherungsschwindel gesprochen. Die Ver⸗ handlung gestaltete sich zu einer Blamage für das„un⸗ partelische“ Blatt. Obwohl Quint zu einer Geldstrafe von 100 Mk. verurteilt wurde, erklärte das Gericht in seinem Urteil, daß Spandel seine Versicherungsprämien nicht aus„Humanität“ eingerichtet habe, sondern um Abonnenten zu fangen. Ob das besonders schön ser, möge dahingestellt bleiben, die Bezeichnung Versicherungsschwindel ginge aber nach Ansicht des Ge⸗ richts zu weit.— Der Arbeiter soll die sozialdemo⸗ kratische Presse lesen! h. Ueber Hans Sachs und Wilhelm Busch hielt am Freitag Herr Dr. Strecker aus Bad Nauheim einen von der Lesevereinigung veran⸗ stalteten Vortrag im Schützengarten. An den Vortrag über Hans Sachs schloß sich die Aufführung eines seiner lustigen„Fastnachtsspiele“:„Die diebischen Bauern von Fünfing“, das von Mitgliedern des Dürer⸗Bundes ge⸗ spielt wurde. Es fand verdienten Belfall Nach Schilde⸗ rung von Busch's Lebensgang wurden Proben seines Humors und seiner Kunst vorgeführt. Die von einem sehr guten Apparat vorgeführten Lichtbilder von„Plisch und Plum“ und„Haarbeutel“ erregten allgemeine Heiter⸗ keit. Der Vortragende, wie die übrigen Mitwirkenden ernteten lebhaften Beifall.— Der Vortrag war außer ⸗ ordentlich stark besucht. Die Lesevereinigung bemüht sich überhaupt, das Beste zu bieten und volksbildend zu wirken. Man sicht deshalb nicht recht ein, weshalb ein neuer„Verein für Volke bildung“ gegründet werden soll, in dem die Herren Kalser ꝛc. eine Rolle spielen wollen. Denen wird die wahre Volksbildung kaum sehr am Herzen liegen. 5 h. Tödlicher Unfall. Auf der Georgshütte in Burgsolms wurde am Montag vor 8 Tagen der Platz⸗ meister Jung getödtet. Es wurde ihm beim Rangieren der Brustkorb eingedrückt. Die Georgshütte gebört eben⸗ falls den Buderuswerken, wo in letzter Zeit außerordentlich zahlreiche Unfälle zu verzeichnen Und, an. Aus dem Nreise Marhurg⸗Kirchhain. O In unserem Reichstags wahlkreise sind die Parteien eifrig beschäftigt. sich auf die nächste Wahl zu rüsten und Herr v. Gerlach dürste es schwer werden, das einzige national⸗soz. Mandat zu behaupten. Anfang Dezember waren in Frankenberg die Vertrauensmänner des Bundes der Brot⸗ und Flelschverteuerer versammelt und erkärten sich für die Kandidatur des Herrn Dr. Böhme, der vor einiger Zeit in unserem Wahlkreise bereits Ver⸗ sammlungen abhielt und darin erklärte, Antisemit Liebermann'scher Richtung zu sein, der Wirtschaftlichen Vereinigung anzugehören und seine Kandidatur eine — Mutelstandskandidatur nannte. Die anwesenden Kon⸗ servativen unter Führung des Bürgermeisters Dertz aus Frankenberg gaben dieser Kandidatur ihre Zustimmung. Ob die Marburger Leitung der Konservativen mit diesem hinterwäldlerischen Elngriff in ihre Rechte sich zufrieden gibt, bleibt abzuwarten. Bis jetzt haben die Marburger Konservativen es als ihr heiligstes Recht betrachtet, selbst den Durchfallskandidaten zu bestimmen; wenn sie diesem Beschlusse beitreten sollten, so würden sie sich damit selbst zur Bedeutungslosigkeit verdammen. Die mittelstands⸗ antisemitisch⸗bündlerisch⸗konservative Kandidatur de“ Herrn Böhme dürfte dem nächsten Wahlkan pfe einen Charakter geben, wie man ihn bis jetzt hier nicht gewohnt. Eine Diskusslon, wie man ste, wenn auch in beschränklem Maße, vor der letzten Wahl selbst bei den Konservatlven be⸗ wllligte, kennt Herr Böhme nicht, wie ja überhaupt die Liebermannschen Bündler die ausgeprägtesten und un⸗ verschämtesten Vertreter des Agrar⸗Kapitalismus sind. Gerlach beginnt bereits sich seiner Haut zu wehren. Am Freitag sprach er hier in Marburg in einer nur schwach besuchten Versammluug über die neuen Steuerprojekte. Obschon diese Versammlung von unserer Seite nicht be⸗ sucht war, berichtet die hiesige konservative„Oberh. Ztg.“ in ihrer Mistgabel Manier doch von„roten Genossen“, die H. v. G. Beifall zollten. Auch die Stöckerianer ar⸗ beiten still aber rührig für den nächsten Wahlkampf. Aus all diesen Anstrengungen der Gegner sollten unsere Ge⸗ nossen die Lehre ziehen, auch ihrerseits allen Eifer zu betätigen, damit wir für die nächste Wahl gerüstet da⸗ stehen. Und da es für uns nur sehr schwer ist, Lokale zur Abhaltung von Versammlungen zu erhalten, sollten unsere Genossen es sich um so mehr angelegen sein lassen, unsere Partetpresse zu verbreiten. Nicht darüber sollte man in unserer Versammlung Worte verlieren, ob das nationalsoziale oder das konservative Organ sich für einen Arbeiter besser eigne— keines von beiden sollte vom Arbeiter unterstützt werden, nur die sozialdemokratische Presse sollte bei Arbeltern zu finden sein. Vor allen Dingen aber sollten die Genossen darauf wirken, daß in den Nachbardörfern beim bevorstehenden Quartals wechsel recht viele Abonnenten für die„Mitteld. Sountags⸗Ztg.“ gewonnen werden. Für die Arbeiter auf dem Lande, deren Zeit und Lesebedürfnis nicht sehr groß ist, ist die „Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ am besten geeignet. Darum, auf, Genossen, an die Arbeit für die nächste Wahl, sorgt für Aufklärung in den dunkelsten Wukein unseres Wahl⸗ kreises, auf zur Verbreitung der sozlalistischen Grundsätze Von der Wertzuwachs steue r. In verschiedenen Sitzungen der Marburger Stadtverordneten wurde über die Einführung der Wertzuwachssteuer in Marburg gesprochen. Jedoch immer wieder beschloß man, nochmals„Erhebungen“ anzustellen. Die Er⸗ hebungen werden nach alter Stadtväterbrauch so lange angestellt, bis die Hauptgrundstücke, bei der schon eine ziemliche hohe Steuer bezahlt werden müßte, verkauft find. Wie gesagt, so geschehen. In der letzten Woche wurde das gesamte Gebäude im Südviertel, welches dem Rentier Littmann und dem Fabrikanten Niederehe gehörte, an die Bauunternehmer Wick und Weishaupt verkauft. Wäre die Wertzuwachs⸗ steuer eingeführt gewesen, so hätte die Stadt eine hübsche Summe eingenommen. So aber floß der ganze Ge⸗ winn in die Taschen zweier Leute, die es gar nicht so nötig brauchen. Die Stadt hat jetzt das Nachsehen. Wenn wird wohl endlich die Wertzuwachssteuer einge⸗ führt werden?? Zu demselben Gegenstand wird noch von unserem O' Korrespondenten geschrieben: In der Stadtverordneten⸗ Sitzung vom Dienstag wurde die Summe, welche dem Stadtsäckel entgangen ist, auf 20-30 000 Mk. angegeben. Ein Stadtverordneter wollte seine Zustimmung zur Er⸗ höhung der Hundesteuer von 10 auf 15 Mk. nur von der vorherigen Erledigung der Wertzuwachssteuer abhängig machen. Trotz vieler Anzapfun gen erfolgte vom Magistrat keine Antwort. Er gab dadurch zu erkennen, daß ihm dieses Steuerprojekt nicht sympathisch ist. Und warum sollte es auch anders sein? Magistratsmitglieder ver⸗ äußern selbst Grundstücke und sind Angehörige einer Klasse, die in der Grundstücksverteuerung einen leichten und angenehmen Erwerb findet, aber dafür Steuern zahlen— brrr! Eine schwere Gasexploston ereignete sich am vorigen Freitag im Gymnastum. Als der dort an⸗ gestellte Hausbursche und Heizer morgens ½8 Uhr mit einer Laterne den unteren Raum betrat, explodierte das dort angesammelte Gas und richtete eine fürchterliche Verheerung an. Es wurden nicht nur sämtliche Türen und Fenster demoliert, sondern auch eine massive Stein⸗ wand des Gebäudes herausgedrückt. Leider ging auch ein Menschenleben dabei zu Grunde. Der Hausbursche wurde fürchterlich zugerichtet. Es wurde ihm der Kopf und Leib aufgerissen und der ganze Körper verbrannt, so daß er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Unter überaus zahlreicher Beteiligung der Marburger Bevölke⸗ rung wurde er am Sonntag zu Grobe getragen. Wem trifft nun aber die Schuld an diesem furchtbaren Un⸗ glück? Schon um ½¼6 Uhr morgens bemerkten Passanten den starken Gasgeruch am Gymnasium. Ein uns als zuverlässig bekannter Mann meldete dies auch sofort einem diensttuenden Schutzmann mit dem Bemerken, daß, wenn das Gymnasium mit Licht betreten würde, unbe⸗ dingt eine Epploston entstehen müsse. Anstatt dies sofort der Gasanstalt mitzuteilen, hat sich der Schutzmann nicht weiter um die Sache gekümmert. Drei politische Versammlungen wurden vorige Woche in Marburg abgehalten. Am Mittwoch sprach in einer nationalliberalen Versammlung ein Amts⸗ richter über die badischen Landtagswahlen. Freitag hielt„unser“ Reichstagsabgeordneter Gerlach zum ersten Mal seit der Wahl eine Versammlung ab, die von seinen Anhängern nicht besonders gut besucht war.— Weiter fand eine vom soz.⸗dem. Wahlverein einberufene Volks⸗ versammlung statt, in der besonders die Genossen vom Lande stark vertreten waren. Genosse Quint⸗Frankfurt sprach über die Fleischnot. Unter lebhaftem Beifalle kritisierte der Redner die Haltung des Zentrums und nahm sich den General⸗Schweinezüchter Podbielski gehö rig vor. Nachdem der Redner in ausgezeichneten Ausfüh⸗ rungen die verderblichen Schädigungen des am 1. März in Kraft tretenden Zolltarifs brandmarkte, ferner die offiziellen Worte, eine Fleischnot gäbe es nicht, energisch zurückwies, ermahnte er die Versammelten, vor allen Dingen dahin zu wirken, daß die gewerkschaftlichen und politischen Organisatlonen gestärkt und die sozlaldemo⸗ kratische Presse verbreitet werde. Eine Anzahl Genossen traten dem Wahlverein bei. Versammlungs kalender. Samstag, 16. Dezember. Gießen. Holzarbeiter. Abends 1½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Tgs.⸗Ord. Der Massenstreik und die Etatsdebatten im Reichstage. Ref. Vetters. Garbenteich. Arbeiter-Bildungs⸗Vere in. Abends 8/ Uhr Versammlung bei Peter Becker. Zahlreich erscheinen! Großen⸗Linden. Arbeiter⸗Bildungsvere in. Abends 1/9 Uhr Versammlung bei Wirt Johs. Weigand. Zahlreich erscheiuen 1 Alsfeld. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Stadtpark“. Sonntag, den 17. Dezember. Heuchelheim. Arbeiterbildan gsverein. Abends 8 Uhr Versammwlung bei Wirt Lud w ig Germer. Zahlceich und pünktlich erscheinen! Montag, den 18. Dezember. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten. Nach Wetzlar. Civis, Ihre Zuschrift„Ein psychologisches Rätsel“ ist für unseren weiteren Leserkreis nicht von Interesse. Sie müßten schon die Sache in anderer Form verarbeiten.— N.⸗N. Das Gedicht wollen wir ungedruckt lassen. Erstens ist von Dicht⸗ kunst gar zu wenig an ihm zu spüren, zweitens nehmen wir anonyme Einsendungen grundsätzlich nicht auf. Zuschriften aus Schotten Wetzlar u. a. zurückgestellt. Hierzu eine Beilage. —— Gute und in grosser Aus wah nster zu beacCchten. billige Schuhwaren finden Sie bei 1 5 Marktstraße 2 5 SSS wettergasse. Sitte meine Schaufe . ²—— 7 5 3 n Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 51. Seite 6. wohlauf! Den Kämpfern um Wahlrecht und Schule in Preußen gewidmet. Es geht eine Welle, es hebt sich ein Wind, Die Segel sie knattern und schwellen, Wohlauf denn, für Kinder und Vindeskind Ins Ruder gelegt Euch, Gesellen! Und drohen auch Schiffe, gewaltige, ring Die Bahn zu versperren den Booten, Geschaut nicht nach rechts, geschaut nichtnach links! Brecht durch! Sonst seid ihr Heloten! Was rauschen die Wogen, was rinnt in der Cuftd Was zittert von Lande zu Lande p Die Toten, sie graben dem Leben die Gruft, Die Sklaven, sie hüten die Bande. Doch über die freie, lebendige Welt Da fuhr es aus Höhen und Gründen. Drum vorwärts, und dorthin das Steuer gestellt, Wo die Feuer der Freiheit sich zünden! Und wollt ihr die Kinder des neuen Geschlechts Erlösen vom faulen Geflunker, Stopft Wachs in die Ohren euch vor dem Gekrächz Der Pfaffen und Jobber und Junker! Und wollt die Gestade der Sehnsucht ihr schau'n Wo die Säulen der Menschlichkeit ragen, So greift in die Ruder, mit kühnem Vertrau'n— Und die Wellen, sie werden euch tragen. NVovemberbußtag 1905. Karl Renckell. 5 Schillers geistige Entwicklung. Dr. R. Strecker. (Fortsetzung.) Sowie Schiller endlich einmal etwas Muße und Sorglosigkeit genießt, da wendet er auch sofort seine ganze Arbeitskraft an die beiden großen Lieblings interessen, Philosophie und Ge⸗ schichte. Er studiert den„Abfall der Nieder⸗ lande“, und aus Gesprächen mit Körner gehen die„Philosophischen Briefe“ hervor. Und innerhalb dieses Weltreichs seiner allgemeinen Interessen erschloß sich ihm damals auch erst der volle Reichtum derjenigen Provinz, deren unerschöpfliche Goldgrube der Schönheit ihm so vielfach Rahmen und Kleid der höchsten Ideen wurde: Er versenkte sich in die Geisteswelt und in die Phantastegebilde der Griechen und Römer. Im März 1787 erschienen die„Götter Griechen⸗ lands“, Lektüre des Homer und Euripides schloß sich an. Eine Zusammenfassung all der inneren Errungenschaften, die ihm dieser glück⸗ lichere und deshalb auch fruchtbarere Lebens- abschnitt gebracht hat, ist sein gedankenschweres Gedicht„Die Künstler“. Nach diesem gibt die Kunst, die das Gefühl des Menschen bildet, ihm auch die Freude am Guten, die mehr wert ist, als der Zwang des Gesetzes: „Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich ö gesträubt, Eh' noch ein Solon das Gesetz geschrieben, Das matte Blüten langsam treibt.“ Sie gibt ihm auch die Freude an dem har⸗ monischen Zusammenwirken der Weltgesetze, die er infolgedessen immer tiefer zu erfassen sich bemüht: „Nur durch das Morgentor des Schönen Drangst Du in der Erkenntnis Land.“ So braucht sich die Kuust nicht mit dem ersten „Sklavenplatz“ hinter Wisseuschaft und Gesetz zu begnügen, sondern ste ist gerade die eigent⸗ liche Erzieherin, sowohl des Einzelnen, wie der Gesamtheit. Ein kühner Gedanke, der aber durchaus auch einiger praktischer Beachtung wert scheint. Die entscheidende sozial wichtige Bedeutung der Kunst für die Ausbreitung des Empfindens und damit für gegenseitiges Ver⸗ ständuis für die ethische Fortentwicklung der Menschheit tritt gerade in modernen Kunstrich⸗ tungen sowohl wie Aesthetiken(Bücher über die Wissenschaft des Schönen) immer klarer ins Licht. Und auch die Erziehung des Einzelnen darf ohne Schaden den ungeheuer wichtigen Faktor des menschlichen Fühlens nicht unbe⸗ rücksichtigt lassen, das nur durch künstliche Ein⸗ drücke entwickelt werden kann und das allein den Menschen dazu bringt, aus freiem Antriebe („aus freier Liebe“, nach einem Lessingschen Wort) das Gute zu tun und die Wahrheit zu suchen. Eine, in diesem Sinne freie Sittlichkeit aber wäre eine höhere Stufe der wenschlichen Entwicklung, als Gehorsam aus Furcht und Arbeit aus Zwang. Aus di ser Anschauung heraus ist die Mahnung gesprochen, in der Schillers ganzer Stolz auf seinen eigenen, tief⸗ empfundenen Dichterberuf wiederklingt: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie! f Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben.“ In dieser hoheitsvollen, ernsten Auffassung von den Aufgaben seiner Kunst konnte Schiller nur bestärkt werden, wenn er sich in den fol⸗ genden Jahren in die Werke seines großen phi⸗ losophischen Zeitgenossen Kant vertiefte. Hier stehen wir an dem bedeutsamsten Abschnitt seiner geistigen Entwicklung, am Eingange in die Zeit seiner klassischen Meisterschaft, gekennzeichnet auch durch zwei äußere Ereignisse: der eine war der Eintritt in einen Beruf, dessen An⸗ forderungen ihm allerdings manchmal lästig wurden, der ihm aber wenigstens einigermaßen gesicherte materielle Existenz bot; durch Goethes Vermittlung erhielt er Ende 1788 eine Pro- fessur der Geschichte in Jena. Das andere Er⸗ eignis war der Abschluß seines glücklichen Ehe⸗ bundes mit Charlotte von Lengefeld. Beides war von segensvollster Wirkung auf sein Ge⸗ müt, wenngleich es auch jetzt an Sorgen durch⸗ aus nicht fehlte und vor allem der furchtbar traurige Kampf begann, dem er nur allzu früh erliegen sollte, der Kampf mit der Krankheit, mit der heimtückischen Lungenschwindsucht. (Schluß folgt.) — 2 — Anterhaltungs-Ceil. E Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. 5(Fortsetzung.) 5 Nach und nach trat jedoch die Natur in ihre Rechte und die Beamtenfrau räumte der Mutter das Feld. Nachdem sie noch eine Weile über die Stellung bei Taubermanns gesprochen hatten und Werner zum fünf und zwanzigsten Male versichert hatte, daß seine Tochter ausgezeichnet untergebracht sei, nachdem auch Malvine alles aufgeboten hatte, um die Mutter mit der An⸗ gelegenheit zu versöhnen, kam der Gedanke an die Trennung wieder oben auf und wenn es auch nur geschah, um die letzten Stunden nicht zu verbittern, so ließen ste doch die Schatten⸗ seiten unberührt, um nur in der Erinnerung und in der Hoffnung auf die Zukunst zu leben. Man vergaß nun den Hausherrn und den Bäcker, um sich der vielen merkwürdigen Tage zu erinnern, welche in der Geschichte einer jeden Familie zu finden sind. Geburts⸗ und Festtage, alte Bekanntschaften und wichtige Vorfälle, Stunden der Betrübnis und Augenblicke des Genusses passterten Revue, abwechselnd mit Bil⸗ dern der Zukunft, welche die Hoffnung färbte, deren Umrisse aber etwas unbestimmt waren. Frau Werner schwelgte in dem Gedanken, daß nun der erste Schritt zur Verbesserung der Lage getan sei und sie dachte bereits an den zweiten an die Carriere ihres Sohnes Franz, womit sie sich nun beschäftigen wollte. Malvine spiegelte sich vor, daß auch die Familie des Krämers ihr als Uebergang zu den Kreisen dienen könne, nach denen sie strebte: sie hoffte auch dort mit Männern in Berührung zu kommen, die ihr zu ihrem Zwecke behilflich sein konnten und ste sah bereits das Ende der fünf Jahre heran⸗ brechen und ein neues Leben für sie beginnen. Für Franz war die Stellung, die seine Schwe⸗ ster erhalten hatte, die Gewißheit, daß alles Suchen und Warten ein Ende hat und auch für ihn mußte— wer weiß wie rasch und un⸗ erwartet— eine Aussicht sich eröffnen. Die jüngeren Kinder waren lebhaft und aufgeregt, wie Kinder es immer sind, wenn etwas be⸗ sonderes vorfällt. Freude war es freilich nicht, denn Malvine war ihnen eine zweite Mutter und der Gedanke, daß sie fortging zu Fremden, sollte sie noch manche Träne vergleßen lassen, namentlich wenn es später wurde und sie müde und schläfrig waren. Selbst Werner verlor etwas von seiner Maschinenhaftigkeit, aber trotz alledem stand er endlich auf, um wieder nach seinem Bureau zu gehen, wobei er in die Tasche faßte, in welcher er seine Zigarren zu bewahren pflegte, aber die Zigarren waren schon längst zu den Sonntagsvergnügungen gezählt worden. An diesem Tag erlaubte er sich allerdings den uußergewöhnlichen Genuß einer Zigarre und die Kinder durften Malvine zu Ehren am Abend etwas länger aufbleiben, wobei Frau Werner sie mit warmer Milch traktierte. Und als die Familie nun so in stiller, obgleich durchaus nicht ungemischter Freude um den altmodischen Tisch saß und die altmodische Lampe ihren dämmrigen Schein auf die acht Gesichter warf, auf denen wohl Sorge und Müdigkeit, aber nicht Kummer und Krankheit zu lesen waren, und als dann Franz mit seiner Milch einen Toast ausbrachte und der alte grämliche Werner seiner Frau einen Kuß gab, daß die Jungen darüber in die Hände klatschten— da fühlte sich die Familie keineswegs unglücklich. Was an ihren Glücke fehlte war Geld; aber für alles Geld der Welt konnten tausend andere das nicht kaufen, was die Familie Werner be⸗ saß. Der alte Beamte war an diesem Abend ein reicher Mann und die Kinder erinnerten sich noch lange Zeit an die vergnügten Stunden, auf welche eine ruhige Nacht folgte, die den Glücklichen und Unglücklichen ihre Träume schenkte, aber auch wieder einem Tage weichen mußte, dessen Wirklichkeit die Träume Lügen straft und Glück und Unglück mit neuer Kraft empfinden läßt. Zweites Kapitel. Die vierhundert vier und vierzig blauen Steine des Hofes, nach welchem Werners Bureau hinauslag, glühten in der Julihitze; das Unkraut, das zwischen ihren Fugen auf⸗ schoß, hing welk zur Seite; die Wände glänzten in blendendem Weiß, alle Fensterläden waren hermetisch geschlossen und das Wasser in den Karaffen war überall lau. Herr Morsen hatte ein glänzendes gelbes Sommerjäckchen an, dessen Falten anzeigten, daß es ganz neu war; Wer⸗ ner hatte seinen zerrissenen Bureaurock ausge⸗ zogen, aber ihn so gelegt, daß er ihn beim ersten Zeichen vom Eintreten irgend eines anderen wieder anziehen konnte. Beide Herren hatten ihre entsprechenden Plätze eingenommen und saßen vor ihren Schriftstücken, deren Zu⸗ fluß selbst nicht durch die Julihitze gehemmt wurde, aber weder Werner noch Morsen be⸗ eilten sich besonders mit ihren Erledigungen. „Ah, dieses dritte Quartal,“ sagte Morsen, indem er seine Feder niederlegte,„dieses dritte Quartal müßte der Hitze wegen doppelt bezahlt werden.“ f „Ja, ja,“ brummte Werner,„es gehört 1 dazu, vom ersten Quartal bis zum etzten.“ Morsen entgegnete nur durch einen Laut, der eben so gut für Zustimmung, als Ab- wehrung gelten konnte, denn Morsen legte Ge⸗ wicht darauf, selbst in den Augen seines Zimmer- genossen ein vornehmer Mann zu sein. „Sie haben keine Kinder,“ sagte Werner, „darum—“ „Glücklicherweise!“ entgegnete Morsen; aber gleich darauf summte er auf gar nicht fröh⸗ liche Weise den Anfang eines Liedchens, als wollte er dadurch einen aufsteigenden Gedanken vertreiben. Werner seufzte und glättete mit seinem Nagel das grüne Band an einer Mappe. 1 kosten Geld, Herr Morsen, schreck⸗ viel.“ Morsen blickte nach den 444 blauen Steinen. Er fühlte, daß er kein Sachverständiger war, aber er konnte doch von einigen Erfahrungen sprechen. Jahre lang war er in mehreren Familien der Freund des Hauses gewesen und hatte dort Kinder groß werden sehen. Als er e 1 eme Nr. 51. —.]7—i. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Seite 7. ein junger Mann war, hieß man ihn überall willkommen; er war die Zerstreuung für die Väter, eine Erinnerung an jüngere Tage für die Mütter, das Ideal der vierzehn und fünf⸗ zehnjährigen Söhne und Töchter und ein Christ⸗ fest⸗ und Geburtstagsfreund für die Kinder. Aber die Väter bekamen mehr Sorgen und hatten weniger Zeit, und schlossen sich an andere Freunde an, die mit ihnen in gleichen Verhält⸗ nilssen waren; die Mütter verloren die Anhäng⸗ lichkeit an frühere Zeit und fanden die fort⸗ währende Anwesenheit eines Fremden im häus⸗ lichen Kreise etwas lästig, die vierzehn⸗ und fünfzehnjährigen waren älter geworden und frugen nicht viel nach der Gesellschaft des Herrn Morsen, der sie als Kinder gekannt hatte, und er seinerseits hatte das Geschick verloren mit den Nachwachsenden so zu verkehren, wie er es in seinem fünfundzwanzigsten Jahre tat. Da⸗ durch war Morsen nach und nach aus der Mode gekommen und wenn man von Kindern sprack, „Kinder kosten viel Geld und eine Haus⸗ haltung auch,“ fuhr Werner fort, während er seine Bemühung, das grüne Band glatt zu streichen, fortsetzte, eine Bemühung, die eben so wenig Hoffnung auf Erfolg hatte, als der Ver⸗ such seine Finanzen zu regeln. Morsen fuhr fort nach den blauen Steinen zu blicken; wenn er aufmerksam nachdachte, konnte er sich bei jedem Steine an eine frühere Bekanntschaft erinnern, die er in den letzten Jahren verloren hatte. Morsens Phantaste war jedoch kaum stark genug, um so etwas auszuführen, er hätte sonst noch weiter gehen und seine Unterhaltung mit dem vertrockneten Unkraut vergleichen können. Aber das Un⸗ kraut sah er nicht, und die Steine sah er auch nicht; er sah und hörte nur sich selbst, ohne auf das zu achten, was sein Zimmergenosse sagte. Dieser setzte seinen Monolog fort und variierte sein Klagelied, während er fortfuhr das grüne Band zu glätten. Splitter. Rot. Rot ist die Liebe, rot ist die Lust, Rot ist das Leben in wogender Brust. Rot glüht der Himmel in Abendpracht, Rot er am Morgen die Menschen anlacht. Rot weht das Banner der Gleichheit empor, Rot ist die Farbe, die ich erkor. Der Liebe, der Freiheit, der Brüderlichkeit Sei ewig das flammende Rot geweiht. Hasenele ver, Vassende Weihnachtsgeschenke findet jedermann in großer Auswahl und in allen Preislagen in dem Uhren⸗, Gold⸗ und Silberwarengeschäft von D. Kaminka Markiplatz 11, am Kriegerdenkmal. — A erinnerten er sich nur der guten Tage aus früherer Zeit. Reparaturen— Gravierungen— Garantie. Streng reelle und prompte Bedienung. (Fortsetzung folgt.) ———— Danksagung. i Bei der Beerdigung meiner lieben unvergess- lichen Frau sind mir zahlreiche Beweise innigsten Beileides zugegangen. Ich spreche allen Freunden und Bekannten auf diesem Wege meinen herz- lichen Dank aus. 5 Marburg, 12. Dezember 1905. Aulgasse 4. Hermann Posern Schuhmachermeister. Irische, Dauerbrand⸗, Amerikaner, Regulierheiz⸗, Koch⸗, Wopewell⸗ und Darmstädter Oefen in diversen Fabrikaten. Ofenschirme. Ofenvorsetzer. Virdampfschalen. Feuergeräteständer. Kohlenfüller. Kohlenkasten. Kohlenlöffel. Stocheisen. Ascheeimer. Mülleimer. Wasch⸗„Wring⸗ und Mangelmaschinen. Dezimal-, Tafel⸗ und Wirtschaftswagen. 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Willst Du in den Tagen, da der große Kampf zwischen den„Höchsten“ und den „Niedrigsten“ zu neuen Flammen empor— lodert, täglich der Stimme der Wahrheit lauschen, oder der Stimme der Lüge? Wer wagt es in Deutschland nach oben— hin die Wahrheit zu sagen? Wer beugt sich nicht vor Unternehmern, nicht vor reichen Herren, nicht vor Ministern, nicht vor Grafen? Wer sagt den Richtern ohne Zaudern, ob sie Recht oder Unrecht ge— sprochen haben? Wer schützt die Söhne des Volkes vor Mißhandlungen beim Militär? Wer steht dem Arbeiter in jedem Lohnkampfe fest zur Seite? Wer überwacht die heimlichen Kniffe und Schliche der Spekulanten und Unternehmer? Wer stellt die Fleischverteurer, die Wohnungs⸗ wucherer, die Lebensmittelfälscher unbarm⸗ herzig an den Pranger? Wer schützt in dieser Welt des Unrechts den Schwachen vor dem Starken, den Gutmütigen vor den Hinterlistigen, den Redlichen vor dem Spitzbuben? N Arbeiter, wir fragen Dich: Ists nicht die sozialdemokratische Zeitung, die Dir beisteht in Deinen sehweren Kämpfen? Ernste Zeiten stehen vor der Tür! Der Kampf gegen die Verteurer des Fleisches, des Brotes, der Kampf gegen die Zinsgeier wird täglich schärfer. Kein Arbeiter darf in so ernsten Zeiten der bürgerlichen Presse seine Unterstützung geben! Wer die Wahrheit hören will, der halte das Arbeiterblatt! Arbeiter! Freunde! Rüttelt die Lauen auf! Weckt die Gleiech⸗ giltigen! Werbet zum Siege des Volkes über seine gewissenlosen Unterdrücker und Beherrscher, werbet für Euer wichtiges Kampfmittel, werbet für Euere Zeitung! — Revolution in Nustland. Minister Witte, der als„Retter Ruß⸗ lands“ begrüßte, aber bisher erfolglose Poli- tiker der halben Maßregeln, setzt immer noch seine Hoffnung darauf, daß sich das Bürgertum gegen die Arbeiterklasse wende und so die Re⸗ volution ersticke. Nun mag es zwar dem Bürgertum, besonders dem Großbürgertum, keineswegs am Willen zur Gegenrevolutton fehlen; aber es mangelt ihm der Mut! Die Revolutionäre werden auch auf dem Posten sein und sich das bisher Erkämpfte nicht ent⸗ reißen lassen! Der Telegraphisten⸗ und Post⸗ beamten⸗Streik in Petersburg und anderen Orten dauert noch an. Er währt schon fast 14 Tage und macht sich autzerordent⸗ lich fühlbar. Es laufen infolgedessen keine Telegramme aus Rußland ein. Nur die Kabel, die ausländischen Gesellschaften gehören, werden bedient, es kann also nur von Küstenplätzen aus telegraphiert werden. Ueber die Meuterei der Mand⸗ schurei⸗Armee wurde aus Tolio berichtet: Die Kavallerie des Generals Madarilow drang Nachts in Charb in ein, zündete die Kaserne an und tötete etwa 300 aus dieser flüchtende Meuterer. Schließlich wurden Madarilows Truppen von Meuterern umringt, wobet viele getötet wurden. Inzwischen breiteten sich die Flammen über die ganze Stadt aus. General Linewitsch empfiehlt die schleunige Rück⸗ berufung der Armee, da sonst Militär⸗Re⸗ volten im fernen Osten unvermeidlich seien. Der General Sacharow in Kiew wurde von dem Schlosser Woroschnikow er⸗ schossen. Dieser als Frau verkleidet, und sich taubstumm stellend, übergab dem General eine Bittschrift. wobei er vier Schüsse auf ihn abfeuerte. Man hatte den Mörder verhaftet, doch befreiten ihn schon in der ersten Nacht die Revolulionäre und brachten ihn über die Grenze. g Von Nah und Fern. Blamierter Ober ⸗Polizist. Unser Mainzer Parteiblatt erzählte neu⸗ lich folgendes niedliche Stückchen. Im Bahn⸗ hofshotel in Mainz fand sich ein Pärchen ein, das den Bedürfnissen des Weinhandels bereits sich sehr entgegenkommend gezeigt hatte. Nach einigem Aufenthalt begehrte der Herr, der Unt⸗ form trug, für sich und seine Frau ein Zimmer, wohin sich die Beiden verfügten. Dem Hotelier kamen später Bedenken, ob die Beiden es je mit einem Standesbeamten zu tun hatten. Er ging an die Zimmertür und ersuchte das Paar sein Hotel zu verlassen. Natürlich sollten sie nun auch ihre Rechnung bezahlen. Ob der Ausweisung machte der Herr großen Spektakel, aber zum Rechnungzahlen hatte er kein Geld. Der Hotelier war kurz angebunden, er schloß den Mann ins Zimmer und holte zwei Schutz⸗ leute. Unterdessen bezahlte das Frauenzimmer die Rechnung. Die Schutzleute kamen; es machte ihnen jedenfalls innerlich Vergnügen, in Ausübung ihres Amtes zwei Mitmenschen eine Freude zu berauben, die das Schicksal ihnen zselbst so kärglich zumißt. Doch, was war das? Als die beiden Sicherheitswächter den unsformierten Herrn erblickten, vergaßen sie ihren Auftrag, sie legten grüßend die Hand an ihren Helm— und zogen sich diskret zurück. Der Mann war ihr eigener Vorgesetzter, der neue Bezirks⸗ kommissär Schneider vom sechsten Pollzeibezirk....!—— Von hier ging der Kommissär mit seiner„Frau“ in ein Nachbar⸗ hotel, wo er sich als„Offtzier aus Göttingen“ bezeichnete, während er im Bahnhofhotel ein „Polizeikommissär aus Darmstadt“ gewesen war. Im Hotelzimmer scheinen im aber doch Bedenken gekommen zu sein, denn er kam wieder heruter und erklärte, seine„Nichte“ am anderen Morgen abholen zu wollen. Jetzt war es schon nicht mehr seine Frau.— Dieser unüber⸗ treffliche Sittenhüter wurde neueren Nachrichten zufolge seines Amtes enthoben. Verurteilter Konsumverelns⸗Geschäftslelter. Vor dem Schwurgerichte in Leipzig wurde 10 Tage lang gegen den Geschäftsführer des Konsum vereins Leipzig⸗Conne⸗ witz, Bock, verhandelt, welcher der Untreue, des betrügerischen Bankrotts und der Bilanz ⸗ verschleierung an eklagt war. Wie seinerzeit auch in unserem Blatte mitgeteilt wurde, mußte der genannte Konsumverein liquidieren, weil die Metzgerei mit bedeutenden Verlusten ge⸗ arbeitet hatte. Diesen Umstaud hatte Bock durch Manipulationen bei Aufstellung der Bilanz zu verdecken gesucht. Schließlich am aber die Sache an den Tag und es stellte sich heraus, das eigentlich das Geschäft gar keine lleberschüsse machte, obwohl den Mitgliedern 9 Prozent Dividende ausgezahlt worden waren. Der Plagwitzer Konsumverein griff ein, um den vollständigen Zusammenbruch aufzuhalten und so wurden die Mitglieder vor größerem Schaden bewahrt. Von Seiten des Aufsichts⸗ rates war auch nicht die nötige Kontrolle aus⸗ geübt worden. Bock wurde unter Zubilligung mildernder Umstände zu einem Jahre zwei Monaten Gefängnis verurteilt.— Jeder Arbeiter⸗Konsumverein sollte sich die Conne⸗ witzer Vorkommnisse zur Lehre dienen lassen, stets für gründliche Kontrolle sorgen und auch nur solchen Leuten die leitenden Stellen über⸗ tragen, welche nicht bloß über die nötigen Kenntnisse verfügen, sondern auch in jeder Beziehung gewissenhaft sind.— Natürlich schlachtet die bürgerliche Presse den Fall gehörig aus; und auch die„Frankfurter Zeitung“ durchsetzte ihren Bericht mit gehässigen Bemerk⸗ ungen, die sich gegen die von Arbeitern geleiteten Unternehmungen im Allgemeinen richten.— Gewiß ist dieser Fall höchst bedauerlich, aber er steht unter den Hunderten von Arbeiter⸗ Konsumvereinen vereinzelt da. In bürgerlichen Betrieben kommen solche und noch schlimmere Dinge viel häufiger vor; die Kasseler Treber⸗ trocknung, die Sandenbanken ꝛc. sind Beispiele. Uebrigens erkannte das Gericht, daß Bock nicht aus unlauteren Motiven gehandelt habe. PP f Partei-Kachrichten. Das neue Organisationsstatut nebst dem Parteiprogramm ist mit der vorigen Nummer allen Abonnenten der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung zuge⸗ stellt worden. Wir empfehlen unsern Lesern, sich dasselbe gut aufzubewahren. Wer etwa noch keins bekommen haben sollte, wolle Nachlieferung bei dem Spediteur oder der Expedition verlangen. Eine Revolutionszeitung. Zun Jahres⸗ wechsel erschelnt im Vorwärts⸗Verlage eine reich illu⸗ strierte Zeitung unter dem Titel 1649— 1789— 1905, die im Anschluß au die welterschütternden Ereignisse in Rußland die größten Revolutionen behandelt, welche die Weltgeschichte gesehen hat. Das sind die englische Revolution des Jahres 1649 und die französische des Jahres 1789. So wesentlich auch die Revolutionen dieser früheren Jahrhunderte in ihren Ursachen und in ihren Zielen abweichen von der des Jahres 1905, so ist die russische Revolution doch erst ermöglicht worden durch ihre blutigen Vorgänger. Auch heute noch ist die Zahl derjenigen groß, die in den Revolutionen die Re⸗ sultate der Agitation einzelner böswilliger Persouen sehen, während sie tatsächlich überall da eintreten, wo ein gesellschaftliches Bedürfnis sie zur zwingenden Not⸗ wenigkeit macht. Die illustrierte Zeitung soll die Er⸗ kenntnis der Ursachen und den Verlauf der gesellschaft⸗ lichen Erschütterunzen durch Wort und Bild verbreiten helfen. Die Ausstattung wird sehr reichhaltig. Illu⸗ strationen aus der Zeit jener Kämpfe werden deu Text beleben und vecanschaulichen.— Die Zeitung wird 16 Seiten stark, der Preis beträgt 20 Pfg. für die Nummer. Bestellungen werden an unsere Expedition erbeten. Nahrung und Ernährung. Unter diesem Titel erschien soeben im Verlage der Buchhandlung Vor⸗ wärts das 8. Heft der Arbeiter-⸗Gesundheits⸗Bibliothek. Es handelt von Essen und Trinken, also von einem für Arbeiter sehr wichtigen Kapitel. Bei ungenügendem Er⸗ satz des durch die Arbeit verbrauchten Körpermaterials geht der Ernährungszustand und damit die Arbeitskraft zurück. Ist es daher schon in normalen Zelten für den Arbeiter von der größten Wichtigkeit, über den Nähr⸗ wert einzelner Nahrungsmittel, ihre Zusammensetzung und zweckmäßige Zubereitung, über die Gesetze der Ernährung und des Stoffwechsels, über den Ausgabe- und Ein⸗ nahme⸗Etat, den„Haushalt des Körpers“ aufgeklärt zu werden, so wird dieses Erkenntnis unabweisbar in der Zeit der Fleischnot und der allgemeinen Preissteigerung aller Lebensmittel. Mit dem allzu knapp bemessenen Lohn gilt es nach Möglichkeit auszukommen, sich selbst und die Familie noch allenfalls ausrelchend zu ernähren. Da muß man wissen, in welchem Verhältnis sich die einzelnen Nahrungsstoffe und Nahrungsmittel einander vertreten und ersetzen können. Diese Kenntnis und Ein⸗ führung zu vermitteln, ist die Aufgabe der vorliegenden Broschüre, welche durch eine farbige Tafel über den Nährwert der wichtigsten Nahrungs⸗ mittel uoch einen besonderen Wert erhält. Die Broschüre, in allen Partei⸗Buchhandlungen echältlich, kostet 20 Pfg. 8 5 Bemüht Parteifreunde! cu ez nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! —— 2——* Seite 10. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 51. Warenhaus 4. Goldschmidt? Schulstrasse 6 25 GIESSEN* Schulstrasse 6 Grosse 2 85 4. 2 2 Welnnachtsausstelung. 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