10 8 en ti⸗ ld 19 ie 15 85 I 15 — 8 Nr. 38. Gießen, den 17. September 1905. 12. Jahrgang. 9 ————ů— 2—— — ͤ——— — 2 3 Redaktion: Rirchenplatz 11, Schloßgasse. — Mitteldeutsche Fonntags⸗Zeitung. Nedaktionsschluß Donuerttag Nachmittag 4 Ulber. Abounementspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Jena. Prolog zum Parteitag. Ein Jahrhundert kaum noch vorüber, Seit die Luft hier gebebt und gedröhnt, Seit im lodernden Schlachtenfieber Alt⸗Suropa gezuckt und gestöhnt. Fern von Westen kam es, das Neue, Kam wie wilde Gewitternacht, Brüllend stieg der korsische Ceue In die würgende Männerschlacht. Und er warf sie krachend zu Boden, Die Verteid'ger vergangener Seit, Schlug in Trümmer das Heer des Despoten, Sprengte es über die Lande weit, Scheute mit Schwertern vom jungen Lichte Alter Nebel Dünste und Flor, Siegreich stieg eine neue Geschichte Ueber Blut und Trümmern empor. Neue Heere seh' ich marschieren Wieder zu wogender Geisterschlacht, Neue Kämpfe sehe ich führen Gegen alte, verrottete Macht. Mit des Wissens schweren Geschützen, Mit der Wahrheit loderndem Brand Sehe ich neue Entscheidungen blitzen Ueber das deutsche Volk und Land. Ja, hier ist historischer Boden! Einmal ward hier die Welt schon frei, „Nieder mit den Despoten!“ ihr Roten, Sei auch heute das Feldgeschrei! Richtet kühn eure Kraft, eure ganze, Auf den lodernden Klassenstreit— Nur über siegreich eroberter Schanze Dämmert die neue, die bessere Seit! Ernst Klaar. (Aus dem„Südd. Postillon.“) Unser Parteiparlament. tritt diesen Sonntag in Jena zusammen. Der Name Jena hat in der Geschichte eine große Bedeutung. Vor 99 Jahren war es, als hier in der Schlacht bei Jena der preußische De⸗ spoten⸗ und Militärstaat von Napoleon in Trümmer geschlagen wurde. Durch die Niederlage Preußens bei Jena brach der alte, muffige Feudal⸗ und Junkerstaat zusammen und es erhielt der Absolutismus in Deutschland einen Schlag, von dem er sich nicht wieder er⸗ holte. Der Sohn der großen Revolution, wenn er auch später sich von den übrigen gekrönten Häuptern nicht unterschied, hier trat er auf als Bahnbrecher und Verfechter des Neuen und warf die alte Ordnung über den Haufen. Die Schlacht von Jena bedeutet für das deutsche Volk den Ausgangspunkt einer neuen Zeit, einer Zeit, in der das unterdrückte Volk mächtig, an seiner Befreiung arbeitete. Unser Volk hat keine Ursache, das Ereignis von Jena zu beflennen, wie es höfische Geschichts⸗ schreiber und unsere Staatserhaltenden und „Patrioten“ tun, im Gegenteil es kann mit Genug⸗ tuung an die Niederlage zurückdenken, im gleichen Sinne wie jetzt die russischen Freiheitskämpfer die Niederlage des zarischen Rußlands im In⸗ teresse des Volkes mit Freuden begrüßen. Unser diesjähriger Parteitag, der auf diesem Abe e Boden zusammentritt, hat die Oeffent⸗ ichkeit schon stark beschäftigt. Wohl bei keinem der fünfzehn seit dem Falle des Sozialistenge⸗ setzes abgehaltenen war dies in dem Maße der Fall. Seit Monaten schon werden die Ver⸗ handlungsgegenstände, die ihn beschäftigen sollen, in der Parteipresse ausgiebig und lebhaft er⸗ örtert und die Auseinandersetzungen nahmen oft eine heftige Form an, was die bürgerliche Presse veranlaßte ein zweites Dresden zu prophezeien. Besonders erfreulich sind diese Auseinander⸗ setzungen ja nicht. Es war auch unnötig, daß die„Leipziger Volkszeitung“, resp. Genosse Franz Mehring über die„Vorwärtsfrage“, das heißt über die gewiß ziemlich untergeordnete Frage, ob man dem Vorwärts den Charakter als Zentralorgan belassen solle und ob er seine Aufgabe als solches erfüllt hat, neun große Artikel schreiben. Was dazu zu sagen war, konnte nach unserer Meinung mit einem weit geringeren Aufwand von Worten und auch viel ruhiger gesagt werden. Kautsky hat in der„Neuen Zeit“ darüber ebenfalls lange Artikel veröffentlicht. Er und die Leip⸗ ziger Volkszeitung stellen sich im Gegensatz zu dem„Vorwärts“, den seine Redaktion, beson⸗ ders Kurt Eisner nicht im ökonomisch-prinzi⸗ piellen Sinne leite. Diese Preßdebatten— wir haben in unserem Blatte keinen Raum da⸗ zu, näher darauf einzugehen, haben es auch nicht für zweckmäßig gehalten— sind in der Parteipresse und in Versammlungen als „Literatengezänk“ bezeichnet worden und ver— schiedene Kreiskonferenzen verlangen vom Partei⸗ tage, diesen„ewigen und zum Teil persönlichen Zänkereien“ weniger schriftstellerisch tätigen Ge⸗ nossen ein Ende zu machen. Das wird nun aller⸗ dings nicht so ohne Weiteres angehen. Wir brauchen aber die Debatten auch gar nicht zu fürchten. Unsere Partet ist stets und muß stets für volle prinzipielle Klarheit sein, sie hat dem Geisteskampfe nie Fesseln angelegt und wird sich auch jetzt davor hüten, im In⸗ teresse der äußerlichen Einigkeit bedeutende Gegensätze, wenn solche in unseren Reihen vor⸗ handen wären, zu verklelstern und zu vertuschen. Klarheit in jeder Beziehung, nach außen und nach innen, das ist's, was unsere Partei vor⸗ wärts gebracht hat. Deshalb dürfen wir prinzipieller Ausein⸗ andersetzung und sachlicher Kritik nicht aus dem Wege gehen, es stünde uns auch schlecht an, wollten wir uns über den„Ton“, über etliche derbe Worte, die dabei gefallen sind, entrüsten. Diese schaden nicht, wenn ihre Urheber nur das Beste wollen. Und das muß man ohne weiteres von jedem Parteigenossen annehmen. Wenn wir das aber tun, dürfen wir um so weniger zaghaft in der Kritik der von ihm geäußerten Meinungen sein. Der gute Wille allein macht noch nicht den guten Parteigenossen, sagte neu⸗ lich unser Bremer Parteiblatt mit Recht, es kommt in erster Linie darauf an, was er will. Wenn sich die Betätigung seines Willens in einer falschen und parteischädlichen Richtung bewegt, so darf alle Brapheit und Biederkeit des betreffenden Genossen kein Hindernis sein, 1 deutlich und ungeschminkt die Wahrheit zu ägen. Prinzipielle Gegensätze liegen unserer Meinung nach nicht vor. Trotzdem geht es nicht an, die erwähnten Preßfehden einfach mit dem Worte„Literatengezänk“ abzutun. Bei allen Uebertreibungen hat die„Leipz. Volksztg.“ viele sachlich sehr wertvolle Ausführungen ge⸗ macht und manches wichtige Material beige- bracht, das beachtet und geprüft zu werden ver⸗ dient. Der Parteitag wird diese Prüfung vor⸗ nehmen und wird wohl zu unterscheiden wissen, was der Sache dient und was nicht. Jeden⸗ falls wird er aber auch dafür sorgen, daß ein „Krakehl“ nicht aufkommt. Er hat ja außerdem noch wichtige und große Aufgaben zu erfüllen. Außer der üblichen Ent⸗ gegennahme der Vorstands⸗ und Fraktionsbe⸗ richte hat er über ein neues Organisations⸗ statut zu beschließen, dessen Fertigstellung immerhin einige Schwierigkeiten machen und eraume Zeit in Anspruch nehmen wird. erner ist die wichtige Frage des politischen Massenstreiks zu erörtern. Hier handelt es sich darum, Klarheit zu schaffen über ein Kampf⸗ mittel, das unter Umständen auch unsere deutsche Partei einmal anzuwenden genötigt ist. Kurz, es fehlt nicht an Arbeit und der Parteitag wird sich seine Zeit nicht durch unnütze Literaten⸗ Debatten verzetteln lassen. So wird auch der Parteitag von Jena kein Jena der Partei werden, er wird vielmehr gute Arbeit leisten, wie seine Vorgänger einen Markstein in der Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie bedeuten und wir dürfen ihm deshalb mit frohen Erwartungen entgegensehen. Tätigkeit der Sozialdemo⸗ kratie im Reichstage. II. Die Militärvorlage. Schon im vorigen Jahre wurde eine neue Militär⸗ vorlage angekündigt; man erklärte jedoch, da die Finanz⸗ lage des Reiches nicht günstig sei. dieselbe zurückstellen zu wollen. Es wurde nur die Friedens präsenz auf ein Jahr verlängert. Nun ist aber die Finanzlage im laufenden Etatsjahr um kein Jota besser; allein weiter wie ein Jahr reichte die Geduld der Kriegsverwaltung nicht Die Militärvorlage forderte die Erhöhung der Friedenspräsenz um 10339 Mann. Die Durchführung dieser gesetzlichen Maßregel soll bis zum Jahre 1910 vollendet sein. Sie wird an ein⸗ maligen Ausgaben 100 ¼ Millionen Mark kosten, und an fortdauernden Ausgaben jährlich 16 Millionen Mark. Die Regierungsvorlage sagt zu ihrer Begründung das⸗ selbe, was wir bei jeder neuen Militärvorlage zu hören bereits gewohnt sind. Man kommt unwillkürlich zu der Anschauung, als habe man in der Reichsdruckerel die Stereotypleplatten für die Begründung aufbewahrt. Nun sind freilich seit der Militärvorlage von 1893 und heute doch Ereiguisse in der Weltgeschichte eingetreten, von denen man glauben sollte, sie wären auch für die Militär⸗ verwaltung nicht ungeschehen. Allein für die Militär⸗ verwaltung sind diese Ereignisse in Ostasien nicht von Bedeutung, daß sie ihr Pläne und Absichten beein⸗ flussen könnten. Auch was die Forderung der Kavallerie betrifft, läßt sie sich nicht irre machen. Sie sieht doch prächtig aus, solche Reiterattacke, sie ist zwar sehr kost⸗ spielig, allein man weiß, an welcher Stelle man diese Truppe so gern hat. Die Vorlage wurde, in Verbindung mit einer weiteren, die wohl auch noch als Pflaster auf die Wunde dienen sollte, nämlich mit der Vorlage über die gesetzliche Festlegung der zweijährigen Dienstzelt, zu⸗ sammen mit dem Etat beraten. Unser Fraktionsredner kritisierte scharf die Vorlage und zeigte, wie unbegründet die Motive der Vorlage seien. Er zeigte, wie durch die Ereignisse in Ostasien die französisch⸗russische Allianz vollständig ihre Bedeutung verloren habe. Er zitierte eine Anzahl militärischer Fachleute, die die Bedeutungs⸗ losigkeit der Kavollerie in modernen Krieg an der Hand von Tatsachen nachweisen. Dann ging er auf die Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 38. ungeheuere weitere finanzielle Belastung ein, die doch wieder auf die Schultern der Unbemittelten gelegt werden. Es ist wohl kaum nötig zu erklären, daß wir die Vorlage rundweg ablehnten. Und wie äußerte sich der Reichs⸗ tanzler zur Deckungsfrage? Das deutsche Volk könne sehr wohl die Lasten tragen, denn es gäbe jährlich 3 Milliarden für geistige Getränke aus. Jawohl! Die Arbeiter sind so unglaublich leichtfertig und trinken auch noch Bier. Wie wird die Arbeiter⸗ klasse und wie werden die kleinen Leute sich freuen über das„gute Herz“ des deutschen Reichskanzlers. Bei dem maßgebenden Einflusse des Reichskanzlers, im Bundes⸗ rate und bei der volksfeindlichen Haltung dieser Körper⸗ schaft selbst, weiß man schon, wer zahlen muß. Militäretat und Militärgericht. Die furchtbaren Soldatenmißhand lungen sind bei diesem Etat noch immer Gegenstand scharfer und schärfster Kritik von seiten unserer Fraktionsredner. Seit der Zeit, wo das sogenannte„öffentliche“ Militär⸗ gerichtsverfahren eingeführt ist, ist für uns wenigstens soviel erreicht. daß unsere Gegner uns keine Ueber⸗ treibung mehr vorwerfen können, wozu sie früher be⸗ kanntlich sofort bei der Hand waren. Das schandbare Dessauer Kriegsgerichtsurt eil fand, die Konservativen ausgenommen, allgemeine Verurteilung. Bei der Beratung des Militäretats war auch beachtens⸗ wert, wie von seiten der Agrarier die Kriegsverwaltung angefleht und gedrängt wird, auch ja ihren Bedarf von den deutschen Landwirten zu kaufen. Die Herren wissen wohl, weshalb ihr patriotisches Herz so warm für den Militarismus schlägt. Dabei muß natürlich die Kriegs⸗ verwaltung sehr hohe Preise zahlen, ob sie auch dem⸗ entsprechend bedient wird, darüber wissen wir nichts, das bleibt in der Familie. Marineetat. Hier setzt sich, was wir beim Militäretat bereits er⸗ fahren, konsequent die Mehraus gabe fort. Die fortdauernden Ausgaben betragen mehr— 6 Mil⸗ lionen Mark, und die einmaligen fast 13 Mil⸗ lionen. Ist der Militaris us zu Lande schon ein ebenso kostspieliges wie gefährliches Ding, so ist es der Marinismus in noch in weit höherem Maße. Die herrschende Klasse ist aber an der Erhaltung und der Fortentwickelung dieser Institutionen derart interesstert, daß, so lange sie die Herrschaft hat, an eine Besserung nicht zu denken ist. Bei der Beratung des Marineetats nahm die Be⸗ sprechung über das Treiben des Flottenvereins einen breiten Raum ein. Dieser angeblich„unpolitische“ Verein ist das treibende Element in der Flottenpolitik. Es gehören ihm alle regierenden Fürsten Deutschlands an, und wie der Kaiser dazu steht, weiß alle Welt. Trotzdem ist der Flottenverein„unpolitisch“, ein Privat- verein wie jeder andere auch, so meinte der Herr von Tirpitz, und er sei außerstande, in das Treiben dieses Vereins einzugreifen Es ist schon begreiflich, wenn der Herr Staatssekretär der Marine in dieses Wespennest nicht stechen will. Nach Ansicht der Herren vom Flotten⸗ verein haben wir überhaupt keine Flotte, sondern nur ein„Flottchen“. Der Flottenverein entwirft das Pro⸗ gramm, und man läßt der Regierung und Volkvertretung bestenfalls die Wahl, wie sie dieses Programm aus den Taschen des Volkes zur Durchführung bringen wollen. Dieses ganze gemein gefährliche Treiben wurde denn auch besonders gebührend von unserem Fraktions⸗ redner im Plenum gekennzeichnet. Kolonialetat. Dies dritte Glied in der Kette, reiht sich würdig den beiden vorhergehenden Etats an. Fortgesetzte Vermehrung der Ausgaben, aber die Aussichten auf Besserung rücken immer weiter in die Ferne. Aber wir haben nun ein⸗ mal die Kolonien, sagen die bürgerlichen Parteien, und nun müssen wir das Kreuz tragen. Ja, wenn nur diese die Lasten auf sich nehmen wollten! Der Ausgabeetat der Schutz⸗ gebiete stellt sich auf 91½ Millionen Mark, und nach Abrechuung der davon auf die mili⸗ tärischen Maßnahmen in Südwestafrika ent⸗ fallenden Beträge auf noch 45 Millionen. Der Aufstand in Südwestafrika kostet bis heute dem Lande schon eine gewaltige Summe, und noch ist das Ende nicht abzusehen. Der Reichsschatzsekretär stellte in seinem Exposee fest, daß sich bis jetzt die Bewilligungen und gestellten Forderungen auf 135 Millionen Mark belaufen. Nun sind aber dem Reichs⸗ tage noch vor Schluß der Session 110 Nach⸗ tragsetats zugegangen, die sich auf 76½ Mil⸗ lionen Mark belaufen. Da nun aber die Truppennachsendungen nicht abgeschlossen sind, so werden weitere Nachtragsetats folgen. Wenn man diese Summen verwenden würde für Ko⸗ lonisation im Reiche, da hätte man Provinzen mit sterilem Boden in blühende Gefilde ver⸗ wandeln können. In Südwestafrika sind es hinausgeworfene Gelder! Dazu noch der Tod und Krankheit blühender Menschenleben, Ver⸗ nichtung der Eingeborenen, die einzigen, die in jener Gegend Arbeit verrichten können. In dem Spezialetat für Ktautschau erscheint diesmal eine Forderung von über 14 Millionen Mark zum Ausbau der Befe st i⸗ gung. Diese famose Pachtung, für die man Pacht nicht zahlt, wurde uns immer lediglich als Handelshafen hingestellt, jetzt soll er befestigt werden. Sollten die Ereignisse in Ostasien und das Schicksal Port Arthurs wohl bei der Reichsregierung trübe Ausstchten für die Zukunft ihrer Pachtung wachgerufen haben? Dieses Kiautschau ist der berühmte„Platz an der Sonne“, der in Wirklichkeit sich so darstellt, daß das Geld der deutschen Steuerzahler dort schmilzt,— um sich in den Sand zu verlieren. Unser Fraktionsredner traf gewiß das richtige, wenn er sagte:„Wenn man die Millionen, die man bereits für Kiautschau hinausgeworfen hat, verwendet für die Provinz Brandenburg — dann hätte man die ahnden öden Sandflächen in blühende Gärten verwandeln können.“ Immer sonderbarer, ja geradezu empörend ist das Gebahren der Kolontalver⸗ waltung, und schon vor längerer Zeit hieß es, der Kolonialdirektor müsse gehen. Reichs amt des Innern. Zu diesem Titel des Etats äußert sich der Bericht ziemlich ausführlich. Er erwähnt zu⸗ erst die Annahme der sozial demokratischen Reso⸗ lution, welche Einbringung einer Novelle zur Gewerbeordnung verlangt, die die Arbeitsver⸗ hältnisse im Kohlen⸗Bergbau regeln soll. Die Annahme der Resolution erfolgte im An⸗ schluß an die Debatte über den Ber gar⸗ beiterstretk. Von unseren Rednern wurde rückhaltlos die Sache der Bergarbeiter und ihre ebenso bescheidenen wie notwendigen Forderungen verteidigt. Die Haltung am Regierungstisch war zuerst eher eine Ermutigung für die protzigen Zechenbesitzer und nicht irgendwie ein Entgegenkommen an die gerechte Sache der Bergarbeiter. Die Regierung hat sich denn auch gehütet, dem Reichstag auf Grund unserer Resolution eine Vorlage zu machen. Dazu war ihr der preußische Landtag der geeignete Platz, und das Zentrum wurde dadurch aus einer fatalen Situation befreit. Der Verlauf dieser Gesetzgebungsaktion im preußischen Land⸗ tag hat wieder mit großer Deutlichkeit gezeigt, — was hinter der Arbeiterfreundlichkeit des Zentrums steckt. Im Reichstag nehmen die Herren unsere Resolution mit an,— und im preußischen Landtag helfen sie ein Gesetz mit zustande bringen, das geradezu als ein Hohn für die Bergarbeiter bezeichnet werden muß. Unsere Fraktlonsredner hatten weiter bei den verschiedenen Titeln zum Etat recht viele Beschwerden und Klagen vorzubringen. Es sind meistens alte Klagen und Beschwerden, die daher stammen, daß der lahme Karren sozial⸗ politischer Gesetzgebung vollständig zusammen⸗ gebrochen ist. Wir hörten aus Tageszeitungen von einem Mißbrauch, der mit der Erwerbung der Invaliden⸗ und Altersrente sollte getrieben werden; man sprach von einer Sucht und förmlichen Jagd danach, sich in den Genuß dieser Renten zu setzen. Ach ja! sie sind auch so fett und auskömmlich, diese Renten. Die Sache soll so schlimm sein, daß die Versicherungsanstalten an den Ruin gebracht seten. Den untersuchenden Aerzten wurde ganz offen der Vorwurf gemacht, daß sie leicht⸗ fertig Berechtigungsatteste ausstellen. Von seiten unserer Fraktion wurde die Regierung über diese Angelegenheit interpelliert, und unser Redner zeigte an der Hand der Rechnungsab⸗ schlüsse der Verstcherungsanstalten, daß diese im Gegenteil recht erhebliche Ueberschüsse nachwiesen. Was der Bericht weiter noch zu den übrigen Etatstiteln sagt, davon werden wir noch in der nächsten Nummer einige Auszüge bringen. — Politische Rundschau. Gießen, den 14. September 1905. Woher kommen die Viehseuchen? Die werden natürlich vom Auslande einge⸗ schleppt, antworten die Agrarier und die Re⸗ gierung auf diese Frage. Deshalb hält der preuß. Landwirtschaftsminister v. Podbtelski ängstlich die Grenzen zu, damit die Gesundheit des nationalen Schweines nicht gefährdet werde. Nur schade, daß unsere heimischen Schweine längst verseucht sind, und zwar in einem sehr erheblichen Umfange. So ist im Jahre 1905 nicht ein einziger ein wand⸗ freier Fall einer Einschleppung von Schweineseuche und Schweinepest beobachtet worden; wohl aber waren in den letzten neun Monaten des Jahres 1903 in Deutschland selbst nicht weniger als 1300 bis 1500 Gehöfte dauernd verseucht. Was die am meisten in Betracht kommende Ostgrenze betrifft, so waren in den Bezirken Liegnitz und Bromberg 1,4 und 1,7 Prozent aller dort existierenden Schweine verseucht. Im Westen war der Pro⸗ zentsatz geringer. Ist es unterdessen besser ge⸗ worden? Durchaus nicht. Denn am 15. August dieses Jahres war der Stand der Schweine- seuche und Schweinepest in den östlichen Pro⸗ vinzen folgender: Es waren verseucht: auf die 1000 Regierungsbezirk Kreise Gemeinden Gemeinden Königsberg. 16 53 18 Gumbinnen. 11 27 7 Dai 8 24 19 Marienwerder. 14 121 54 Posen„„ 69 21 Bromberg 13 47 21 Bres lan 99 26 Liegnitz 94 37 Oppeln 11 22 8 Und da haben wir Furcht vor dem Aus- lande! Muß man noch in Betracht ziehen, daß nur ein Teil aller Seuchenfeststellungen zur Anzeige kommt, so daß in Wirklichkeit die Dinge viel schlimmer liegen. Und zwar nicht bloß im Osten, sondern auch im übrigen Deutschland. Mit der Seuchenfurcht wird eine l Heuchelei getrieben, die nichts anderes als Preistreiberei zum Zwecke hat. In Wirklichkeit sind die ausländischen Schweine gesünder als die„nationalen“ deutschen. Eutwickelungsgang einer Staats- und Ordnungsstütze. Wie man zum Angehörigen der besitzenden Klasse und damit zur festesten Stütze der be⸗ stehenden Ordnung wird, zeigt unser Hamburger Parteiblatt an dem Bordell wirt Hasselbacher in Altona. Dieser hat in wenigen Jahren durch seinen Bordellbetrieb, also durch gewerbs⸗ mäßige Kuppelei mit hoher staatlicher Genehmigung, soviel„Besitz erworben“, daß er sich am Rhein eine Villa für 400 000 Mark kaufen konnte. Hätte der würdige Herr Hassel⸗ bacher sich in Hamburg angestedelt und hier eine Villa erworben, so wäre er mit einem Male in die Reihe der„erstklassigen Bürger“ eingerückt, denn nach dem Wahl ⸗ rechtsideal des Senats wäre er ein„Klassen⸗ enosse“ der Bürger erster Klasse geworden und hätte den Bürgermeistern, Senatoren und son⸗ stigen Honoratioren die Hand als„Klassen⸗ genossen“ drücken können. Und gleichzeitig wäre er auch noch ein Wahlrechtskollege der Haus⸗ agrarier geworden; er hätte doppelte polltische Rechte erhalten, am Ende gar noch dreifache, wenn es ihm gelungen wäre, zum Notablen zu avancieren. Alle Vorzüge, die einen guten Bürger nach dem Maßstab des Senats aus⸗ zeichnen, wären ihm eigen: er wäre„besitzend“, „selbständig“,„durch Grundbesitz mit dem Staatswesen aufs engste verwachsen“,„haupt sächlichster Träger der Staatslasten infolge seiner Einkommensteuerleistung“,„natürliche Stütze des Staates⸗ und der bestehenden Ordnung“, kurz und gut ein„Musterbürger“. Wer es also zum„Musterbürger“ im Sinne der Wahlrechts⸗ vorlage des Senats bringen will, wer mit i 5 r 8. — 1 Nr. 38. Mitteldentsche Sonntags ⸗Zeitung. Seite&. „ersiklassigen“ politischen Vorrechten ausgestattet werden will, der werde Bordellwirt, gewerbs⸗ mäßiger Kuppler! Eine sozialdemokratische Landtagsmehrheit werden möglicherweise die vorige Woche in dem kleinen thüringer Staate Schwarzburg⸗ Rudolstadt stattgefundenen Landtagswahlen ergeben, über deren Ausfall bereits in unserer vorigen Nr. kurz Mitteilung gemacht wurde. Das kleine Landesparlament zählt 16 Abge⸗ ordnete, wovon bisher schon sieben Sozial⸗ demokraten waren. Auf diese Zahl brachten es unsere Genossen bei den Wahlen von 1899, bis dahin war unsere Partei nur durch ein einziges Mitglied, einen Knopfmacher aus Frankenhausen vertreten. Bei den Wahlen am 7. September haben wir bereits die Hälfte der Sitze end⸗ gültig gewonnen und sind an zwei Stichwahlen beteiligt. Fällt uns aus den Stichwahlen nur noch ein Mandat zu, so ist die rote Mehrheit fertig; eben deshalb wird wohl alles ohne Parteiunterschied mit Hochdruck zur Verhinde⸗ rung dieses entsetzlichen Ereignisses arbeiten. Die Entwicklung des Ländchens zur roten Hoch⸗ burg ist ein Muster der Dinge, wie sie überall kommen müssen. Die kleine und teuere Regie⸗ rung, die nicht mehr als 90000„Untertanen“ Seelen hat, erwies sich ebenso unfähig wie der lange Zeit dort herrschende kleinbürgerliche Fressinn, des Stillstandes in der Entwicklung des Ländchens Herr zu werden, den Preußen durch geflissentliches Uebersehen und Umgehen mit guten Eisenbahnverbindungen beförderte. Nur wo eine regsame Industrie mit geschickten Arbeiterhänden für Holz⸗, Glas- und Porzellan⸗ fabrikation sich rührte, war Fortschritt zu ver⸗ zeichnen; aber dort entwickelte sich gleichzeitig desto kräftiger die Soztaldemokratie, ebenso, wie dadurch der frühere„Freisinn“ bei den Bauern sofort in den Bund der Landwirte, in der In⸗ dustrie in nationalliberales Scharfmachertum umschlug. Unsinnige behördliche Hetzereien gegen unsere Partei, Vereins⸗ und Versammlungsver⸗ bote brachten sie aber nur immer mehr in die Höhe. Die sieben Arbeiter⸗Vertreter haben sich durch ihr schlicht⸗volkstümliches Wirken im Landtag die allgemeine Sympathie erworben. Auch wenn sie nicht die Mehrheit, sondern nur die Hälfte der Landtagssitze erhalten, sind sie die politische Hauptmacht im Ländchen geworden. Und dieser Erfolg wurde erreicht, trotzdem die vereinigten Bürgerlichen im Wahlkampfe alle Register zogen, alles in Bewegung setzten, gemein schimpften und verdächtigten, um die Sozial⸗ demokratie zu vernichten. Auch die Stimmen⸗ zahl wuchs sehr bedeutend: von 4048 im Jahre 1902 auf 5726, also haben wir 41 Prozent Zunahme zu verzeichnen. Die bürgerlichen Parteien haben zwar ebenfalls Stimmenzunahme, doch nur um 32 Prozent. Der Wahlausfall ist, schreibt unser Saalfelder Parteiblatt, als ein flammender Protest gegen die systematisch betriebene Aushunge⸗ rung des Volkes anzusehen. Die Kamerun⸗Spritztour. welche eine Anzahl deutscher Reichstagsabge⸗ ordneter auf Kosten der Hamburger Reederfirma Wörmann unternommen haben, um Kamerun und die westafrikanischen Kolonien zu„studieren“, ist schnell beendigt worden. Am Sonntag haben die Parlamentarier von Kamerun aus bereits die Rückreise angetreten. Man darf neugierig sein, was sie nun im Reichstage als Resultate ihres„Studiums“ verzapfen werden. Ge⸗ sehen können ste gar nichts haben. Wir ver⸗ denken es ihnen nicht, wenn sie keine Neigung hatten, nach den Kolonien zu gehen, die sich im Aufstande befinden, denn da ist die Ge⸗ schichte zu brenzlich. Von Parade zu Parade. Am Freitag erst hielt Wilhelm II. die große Parade bei Homburg ab und Montag fand schon wieder eine bei Coblenz statt. Zu diesen großen militärischen Schauspielen werden be⸗ kanntlich Truppen in großer Menge zusammen⸗ gezogen. Außerdem wallfahrten Massen von Kriegervereinlern, Ueberpatrioten, Neugierigen und Taschendieben an den Platz der welter⸗ schütternden Begebenheiten. Hunderte von Gen⸗ darmen, Schutzleuten und Geheimpolizisten aus allerlei Orten weilten in Koblenz, um die steile Höh' zu stchern, wo Fürsten steh'n. Aus Köln allein reisten 104 Schutzleute, steben Wacht⸗ meister und Polizeikommissare nach Koblenz. Die polizeiliche Fürsorge erstreckt sich bis hin⸗ unter nach Köln und Düsseldorf. In beiden Orten wurden Versammlungen verboten, in a der Anarchist Weidner aus Berlin reden wollte. Preußische Polizeistreiche. In Köln verhaftete am Montag nachmittag die Kriminalpolizei den ehemaligen Führer der holländischen Sozialdemokratie, jetzigen Anarchisten Domela Nieuwen⸗ huis, als er beabsichtigte, den Zug 3 Uhr 23 Minuten, der über Ehrenbreitstein nach dem Süden geht, zu benutzen. Nieuwenhuis wollte sich angeblich nach Marburg begeben.— Noch nicht einmal einen friedlichen Reisenden läßt die preußische Polizei in Ruhe. Fürchtet ste vielleicht, daß das harmlose Männchen in Coblenz oder Ehrenbreitstein ein Unglück an⸗ richten könnte, wo zur selben Zeit die bewaffnete Macht in zahllosen Regimentern beieinander war? Durch solche Polizeitaten wird Deutsch⸗ land nur dem Gespötte des Auslandes preis⸗ gegeben. Altenburgischer Sozialistentod. Was in Deutschland alles möglich ist, be⸗ weist folgende Begebenheit. Das Parteitags⸗ komitee in Jena hatte für die Teilnehmer am Parteitag einen Ausflug nach der malerisch im Saaletal gelegenen Leuchtenburg, der alten Trutzfeste geplant. Mit dem dort oben hausenden Wirt hatte man bereits ein Uebereinkommen betr. die Bewirtung der Delegierten getroffen und somit war alles in bester Ordnung. Nun ist aber die Leuchtenburg altenburgisches Staatseigentum und die Behörde hat dem Wirt verboten, den Delegier⸗ ten Speisen und Getränke zu ver⸗ abreichen und außerdem beauftragt, am ge⸗ nannten Tage die Burg geschlossen zu halten, damit nichts besichtigt werden kann. Ihr Vorgehen, das allenthalben in Deutschland stürmisch belacht werden dürfte, stützt die Behörde darauf, daß mit dem Wirt kontraktlich vereinbart ist, daß auf staatsfis⸗ kalischem Eigentum weder soztaldemokratische Versammlungen noch andere Veranstaltungen dieser Partei abgehalten werden dürfen.— Die altenburger Staatsweisen wollen also offenbar die Sozialdemokraten durch Hunger zu Grunde richten. Glücklicherweise ist das Herzogtum nicht so groß, daß einer drin verhungern kann, denn in einer knappen halben Stunde kann man von überall her über der Grenze sein und im „Ausland“ seinen Hunger stillen. Neues Kinderspielzeug. Orden gibt es zwar schon die schwere Menge— wie es schkeint, aber noch immer nicht genug. Es war noch eine Lücke vorhanden, die jetzt ausgefüllt werden soll. Ein Kolonial⸗ orden soll eingeführt werden. Er soll für militärische Verdienste in den Kolonien verliehen werden und mehrere Klassen umfassen. Die Entwürfe sollen schon in Ansarbeitung sein.— Als geeignetes Sinnbild wäre ein aufgespießter Herero zu empfehlen, der die Proklamation des „großen Generals“ in Händen hält, als Wahl⸗ spruch:„Für unser teures Geld“ und als Farbe des Bandes: gelb und grün, zur Erinnerung an den vielen Sand in Südwestafrika, an die zahlreichen Sektflaschen, mit denen die Straßen gepflastert werden, und an den Zustand, in den das deutsche Volk beim Anblick dieses Ordens verfallen wird. Die russische Revolution. Ueber die glückliche Flucht eines russischen Revolutionärs wurde der Leip⸗ ziger Volksztg. Mitteilung gemacht. Bei der Verfolgung der tapferen Kämpferschar des rebel⸗ lischen„Potemkin“ in Theodosta ist unter anderm der Genosse Feldmann von den Zarendienern ergriffen und in das Sebastopoler Militärge⸗ fängnis gebracht worden. Die Schergen wähnten ihre Opfer natürlich hinter den dicken Festungs⸗ mauern in völliger„Sicherheit“. Doch es kam anders. Eines schönen Tages, etwa vor 14 Tagen, war Genosse Feldmann zusammen mit seinem Befängnisaufseher und dem Wachtsol⸗ daten verschwunden! Umsonst eiferten die Be⸗ hörden, Gendarmen und Spitzel hinterher, um die Flüchtlinge zu ergreifen; alle drei befinden sich bereits außerhalb der Schußweite der za⸗ rischen„Justiz“ im Auslande. Wir wünschen der russischen Bruderpartei aufrichtig Glück zu diesem hervorragenden und wohlgelungenen Unternehmen. Gegen 75 Matrosen des Panzer⸗ schiffes„Georgi Pobjedonoszew“(von der Schwarze⸗Meer⸗Flotte), die sich in diesem Sommer dem meuternden„Potemkin“ auge⸗ schlossen hatten, wurde vor dem Militär-Marine⸗ Gericht in Sewastopol verhandelt. Nach zehn⸗ tägiger Verhandlung wurden drei Angeklagte zum Tode, neunzehn zu Zwangsarbeit, 33 zur Einreihung in die Arrestantenkompagnte verur⸗ teilt und 20 freigesprochen. Wahlsieg in Spanien. Am Sonntag haben die Wahlen der spanischen Deputierten stattgefunden, die natür⸗ lich eine Mehrheit für die Regierung ergaben. Gewählt sind 140 Ministerielle, 64 Konserva⸗ tive, 23 Republikaner, 6 Unabhängige ꝛc. Die Sozialdemokratie hat jedoch auch einen nicht unbedeutenden Erfolg zu verzeichnen. In Bil⸗ bao wurde Genosse Iglesias, der alte be⸗ kannte Führer der spanischen Sozialdemokratie gewählt. Wenn ein sozialistischer Wahlsteg trotz des Wahlrechts, der Wahlfälschung und des behördlichen Terrorismus möglich war, so ist das ein Beweis für den Fortschritt unserer Bewegung auch in Spanien. Pon Nah und Fern. Hessisches. — Der Mainzer Oberbürger⸗ meister Dr. Gaßner ist am Samstag Mittag nach längerem Kranksein gestorben. Sein Begräbnis fand auf städtische Kosten unter Teilnahme vieler Tausende statt und legte einen Beweis für die Beliebtheit ab, der er sich in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute. Gaßner war früher Staatsanwalt, diese Stellung be⸗ hagte ihm aber nicht. Vor 20 Jahren trat er in die Stadtverwaltung seiner Vaterstadt ein und im Jahre 1894 wurde er zum Bürger⸗ meister gewählt. Seine Gerechtigkeit und sein hohes sozialpolitisches Verständnis, das er als solcher bekundete, sichert ihm auch bei der Arbeiterschaft ein ehrendes Andenken. Vor Kur⸗ zem hielt er bei Einweihung des Mainzer Konsumvereins als Vertreter der Stadt eine Rede, in der er den Konsumverein ein Unternehmen nannte, das der Stadt zur Ehre gereiche. Er beglückwünschte die Ge⸗ nossenschaft im Namen der Stadt und schloß seine Ansprache mit den Worten: Möge ein glänzender Stern über diesem Hause stets leuchten und die Genossenschaft, von Er⸗ folgen zu Erfolgen schreitend, wachsen, blühen und gedeihen zum Wohle ihrer Mitglieder und zu Nutz und Ehre unserer Stadt Mainz!“— Männer wie Dr. Gaß⸗ ner sind in der heutigen Zeit sehr selten! — Herr Kammerpräsident Haas hat in seiner Eigenschaft als Generalanwalt des Reichsverbandes deutscher landwirtschaftlicher Genossenschaften an den Ehrenprästdenten des in Straßburg abgehaltenen deutschen landwirt⸗ Hacranen ien chaftstages folgendes Dank⸗ telegramm gerichtet: 5 1 i. E., den 20. Aug. „Seiner Durchlaucht dem Kaiserlichen Statt⸗ halter Fürsten zu Hohenlohe⸗Langenburg. Beim Scheiden aus Straßburg drängt es mich, Euer Durchlaucht namens des Genossen⸗ schaftstages für Hochdero in so reichem Maße uns erwiesenes gnädiges Wohl⸗ wollen nochmals den wärmsten Dank dar⸗ — Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Nr. 38. zubringen. Die Erinnerung daran wird in allen Kreisen des Reichsverbandes unvergänglich Tiefer kann sich der Präsident einer Volks vertretung kaum bücken. Gießener Angelegenheiten. — ueber die Behandlung der Kriegervereinler bei der„Katserparade“ macht einer von ihnen seinem gepreßten Herzen in einem„Eingesandt“ im Gießener Amtsblatte Luft. Der gute Patriot klagt da: „Daß diese Teilnehmer nach der Begrüßung und der Aufstellung ausgebrochen sind, kann man nur für eine Folge der Behandlungsweise während der Aufstellung halten. Durch die Ausdrücke„Zigarren aus dem Maul!“„Regenschirm weg, ich muß meinen guten Rock auch naß werden lassen“ usw., durch die Art und Weise, wie seitens eines Präsidialmitgliedes die Richtung in den Gliedern hergestellt werden sollte und durch Anschnauzen vor der Front hat es freilich nur humo⸗ ristische Antworten und Bravos gegeben, die alle Dis⸗ ziplin aufgelöst haben, so daß auch die Bemerkung des Kommandierenden:„Gediente Soldaten wollt ihr sein? eine Herde seid ihr!“ nichts mehr gut machte. Man sollte doch bei einer solchen Gelegenheit allen in den Reihen vertretenen Ständen Rechnung tragen.“ Wir wünschen allen Menschen Gutes. Diesen hurraschreienden Kriegervereinlern hätten wir aber gewünscht, daß ihnen irgend ein Stellvertreter Gottes bei der Paradeaufstellung gehörig Püffe und Rippenstöße verabfolgt hätte. Denn wenn Leute an der Drilleret, die drei Jahre lang an ihnen geübt wurde, noch nicht genug haben, sondern weite Reisen unternehmen, um mit angefaßtem Schirm durch aufgeweichte Felder Parademarsch zu machen, dann muß ihnen jeder Abkühlung ihres Ueber⸗Patriotismus wünschen, selbst dann, wenn gewisse„Wohltäter“ die Fahrt bezahlten und die Kriegervereins⸗Proleten dafür wenig oder gar keine Opfer zu bringen hatten. Uebrigens wäre zu diesen Wohltätig⸗ keitsakten noch manches zu sagen. Hier in Gießen haben, wie uns mitgeteilt wird, zwet Kommerzienräte die Fahrtkosten bestritten. Die⸗ selben Herren, die hier so sreigebig auftreten, würden sichisehr zugeknöpft zeigen, wenn etwa ihre Arbeiter wegen einer kleinen Erhöhung des Lohnes oder sonstiger Erleichterungen und Besse⸗ rungen im Arbeitsverhältnisse vorstellig würden. — Der Streik bei Schaffstädt dauert noch fort. Auf einen von den Arbeitern bei dem Gewerbegericht gestellten Antrag auf Ver⸗ handlungen vor diesem als Einigungsamt ging die Firma nicht ein,„weil ein Streik nicht bestehe“. Der wird ihr jedenfalls noch fühlbar werden. s — Rezitationen. Das Gewerkschafts⸗ kartell hat für diesen Winter mehrere Vorträge vorgesehen. Herr Schauspieler Walkotte, der hier ja bestens bekannt ist, wird im Oktober das„Nachtasyl“ von M. Gorkt zur Darstellung bringen. Ferner sind mit Frau Lina Leidl in Frankfurt Abmachungen wegen zweier Rezita⸗ ttonsabende getroffen.— Wir hören ferner, daß der Rhein⸗Mainische Verband für Volks⸗ vorlesungen diesen Winter mehrere populär⸗ wissenschaftliche Vorträge veranstalten wird. — Eine Bäckerversammlung, die am Mittwoch im„Wiener Hof“ abgehalten wurde, nahm nach einem Referat des Gauleiters Leidig⸗ Frankfurt eine Resolution an, in welcher gegen die verschiedenen Versuche des Bäcker⸗Arbeit⸗ geber⸗Verbandes„Germania“, die auf Beseiti⸗ gung oder Verschlechterung der Bundesrats⸗ verordnung vom 4. März 1896 betr. den Maximalarbeitstag in den Bäckereien hinzielen, protesttert wird. Es heißt darin u. a.: „Die Versammlung hält unbedingt fest an der in jener Verordnung festgesetzten Maximal- arbeitszeit und verwirft jeden Versuch, dieselbe in eine Minimalruhezeit umwandeln zu wollen. Sie ist der Ueberzeugung, daß die jetzt festge⸗ legte Höchstarbeitszeit von 12 resp. 13 Stunden täglich wegen ihrer langen Dauer und in An⸗ betracht der erhitzten, mehlstaubgeschwängerten Luft, in welcher die Bäcker regelmäßig des Nachts und in der Woche 7 Nächte arbeiten müssen, überaus schädigend auf Geist und Körper des Menschen wirken muß und dringend der Ver⸗ kürzung auf täglich höchstens 10 Stunden bedarf. Die Versammlung protestiert gegen die durch nichts bewiesene Behauptung der Bäckermeister, jene Verordnung sei schuld„an der Zerrüt⸗ tung des guten Einvernehmens zwischen Meister und Gesellen“. Solches gute Einvernehmen hat in Wirklichkeit nie bestanden, sondern es konnte der Oeffentlichkeit nur vorgegaukelt werden, so lange die Bäckereiarbeiter ohne starke gewerkschaftliche Organisation auch mit den schlechtesten Lohn ⸗ und Arbeitsbedingungen zu⸗ frieden sein mußten, was jetzt nicht mehr mög⸗ lich ist, da dieselben durch ihren Verband ver⸗ suchen und dabei auch bedeutende Erfolge zu verzeichnen haben, die Bäckereiverhältnisse für die Arbeiter erträglicher und für das konsumie⸗ rende Publikum die Sauberkeit bei der Brot⸗ bereitung gewährleistend zu gestalten, indem wir in unseren Lohnbewegungen darauf dringen, das veraltete System des Kost⸗ und Logis⸗ wesens im Hause des Meisters zu beseitigen und die sanitären Mißstände aus den Bäckereien auszurotten. Deshalb sind unsere Lohnkämpfe auch nicht unberechtigt, wie dort behauptet wird, sondern verdienen die größte Sympathie aller Brotkonsumenten.“ — Die Schulferien sind nun wieder zu Ende, Montag müssen unsere Kleinen wieder die Schulbank drücken. Sie haben diesmal kein gutes Wetter gehabt, während der größten Hälfte der vier Wochen war es kühl und reg⸗ nerisch. Man sollte die Ferien mehr in den Sommer hinein, wenigstens in den Monat August verlegen. Denn was haben die Kinder für Erholung, wenn sie ihre schulfreie Zeit im Zimmer zubriugen müssen? Und für die Eltern ist das auch keine Annehmlichkeit. Diese sollten daher von der Schulbehörde verlangen, daß die inter auf eine frühere Jahreszeit verlegt werden. — Wegen augegriffener Gesund⸗ heit wurde, wie aus Mainz berichtet wird, Herr Oberlehrer Professor Noack in den Ruhe⸗ stand versetzt. Noack war bekanntlich früher am Gießener Gymnasium. Er hatte den Abg. Dr. David mit dem Material über die Ver⸗ hältnisse im hiesigen Gymnastum versehen, das David im Landtage vorbrachte. Daß eine solche Tat die Gesundheit angreift, findet man in dem freien Hessen begreiflich. — Das Schwurgericht für Oberhessen tritt Montag, den 25. September zusammen. Aus dem Rreise gießen. n. Wieseck. Unser Genosse Philipp Junker vollendet am 16. September sein 63. Lebensjahr in voller Rüstigkeit. Seit mehr als 40 Jahren ist er als Zigarrenmacher in Gießen in der Fabrik Müller tätig. Er erfreut sich in Wieseck allgemeiner Beliebtheit, und hielt immer treu zu unserer Sache. Alle Genossen und Kollegen wünschen ihm, daß er noch recht oft seinen Geburtstag gesund und froh begehen möge. — In Trohe fand am Sonntag bei Wirt Seipp eine Parteiversammlung statt, die trotz des schlechten Wetters gut besucht war. Nachdem Wacker⸗Wieseck über die Landeskon⸗ ferenz Bericht erstattet hatte, hielt Gen. Vetters einen längeren Vortrag über„Wahlrechts⸗ fragen“. Seine Ausführungen, die besonders das Spiel der hessischen Rückschrittler mit der Wahlreform beleuchteten, wurden beifällig auf⸗ genommen. p. Eine Tabakarbeiter⸗Versammlung findet diesen Sonntag, den 17. September in Alten buseck im Saale des Gastwirts Becker statt. Genosse Her⸗ mann ⸗Wiesbaden wird über„die Lage der Tabak⸗ arbeiter und die Leistungen des Verbandes“ sprechen. Alle in der Tabakbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeite⸗ rinnen in Altenbuseck, Trohe und Rödgen werden zu dieser Versammlung ebenso freundlich wie dringend ein⸗ geladen. r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozialdemo⸗ kratische Wahlverein hielt am Samstag seine Mit⸗ gliederversammlung ab. Zunächst erstatteten die Dele⸗ gierten Haas, Häuser und Schmandt Bericht von der Kreiskonferenz. In der Diskussion wurden die Beschlüsse eingehend erörtert. Besonders wurde betont, daß die bessere Ausgestaltung unserer Presse einmal ernstlich in Angriff genommen werden müsse. Genosse Häuser betonte, daß in erster Linie für die bessere Verbreitung der Mitteldeulschen Sonntagszeitung von seiten der Ge⸗ nossen agitiert werden müßte. Er regte zu diesem Zwecke eine Hausagitation an, gebe es doch hier noch viele Arbeiter, welche das Arbeiterblatt noch nicht lesen. Weiter wurde bemängelt, daß in dem Bericht über die Kreiskonferenz in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. nicht die Stimmung, welche beim Punkt Parteitag auf der Kreis⸗ konferenz zum Ausdruck kam, erwähnt worden sei. Ferner wurde die bevorstehende Landtagswahl erörtert und beschlossen, bei Bekanntwerden des Wahltermins in die Agitation einzutreten. Unter Verschiedenem wurden noch die politischen Tagesfragen besprochen. Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen. — Die neue Bahnstrecke Windecken⸗ Stockheim, Zweiglinte der Nebenbahn Stock⸗ heim— Vilbel, wird voraussichtlich am 1. Oktober eröffnet werden. Der bereits aufgestellte Fahr⸗ plan sieht nach beiden Richtungen täglich 8 Personenzüge vor. * Zur Landtagswahl im Kreise Fried⸗ berg⸗Land haben die Landwirtsbündler den Landwirt Breidenbach in Dorheim als Kandidat aufgestellt. Man will also den Nationalliberalen Windecker, den die Bündler doch erst in den Landtag hineinbringen halfen, wieder herauswerfen. Unsere Partei wird den Schmerz darüber mit Würde zu tragen wissen. Aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach. * Die Sehnsucht der Alsfelder Stadt⸗ väter ist ein— Schießplatz für den Vogelsberg: In der„Frankftr. Ztg.“ war dieser Tage zu lesen: „Das Stadtverordnetenkollegium von Alsfeld in Oberhessen beschloß nach dem„Hanauer Anzeiger“ mit Rücksicht darauf, daß die Anlage eines Schieß ⸗ und Uebungsplatzes für das 18. Armeekorps in der Gemarkung Wermertshausen(Kreis Marburg) und Rüdings⸗ hausen(Kreis Gießen) wegen der Höhe der Kosten nicht zur Ausführung gelangen wird, das Generalkommando auf das Hochplateau des Vogelsberges aufmerk⸗ sam zu machen. Daselbst liegen keine Dörfer im Wege und der durchweg mit Wald bestandene Grund und Boden ist zumeist Eigentum des Staates.“ Damit glauben offenbar die Alsfelder etwas beson⸗ ders Kluges gemacht zu haben. Sie kalkulieren jeden⸗ falls, durch Anlage eines Schießplatzes auf dem Vogels⸗ berg wird sich ein reges Geschäftsleben entwickeln, Handel und Gewerbe zur Blüte gebracht und der Mittelstand „gehoben“ werden. Da geben sie sich einer Täuschung hin. Wenigstens merkt man davon in der Nähe anderer Schießplätze absolut nichts. Es ist schon viel gescheiter, die Vogelsberger behalten ihren Wald, als daß sie ihn für einen Schießplatz abholzen lassen. — Der Wahlverein Schotten hält Samstag, den 23. September abends 9 Uhr im Lokale des Herrn Müller eine Versamm⸗ lung ab. Auf der Tagesordnung steht Rech⸗ nungsablage, Neuwahl des Vorstandes und Bericht von der Kreiskonferenz. Zahlreiches Erscheinen ist erwünscht und Gäste sind will⸗ kommen. ch. Verunglückte Konsumverein⸗ töterei in Lauterbach. Am Sonntag vor acht Tagen wurde auf Anregung verschiedener Lauterbacher Arbeiter dort ein Konsumverein gegründet. Kaum hatten einige Wirte, die nebenbei Spezereihandel betreiben, von der beabsichtigten Gründung gehört und erfahren, daß die dortigen Brauerei⸗Arbeiter mit dieser Gründung in Verbindung ständen und Mit⸗ glieder seien, so beschlossen einige, kein Lauter⸗ bacher Bier mehr zu verzapfen, es sei denn, daß die betreffenden Arbeiter entlassen würden. Richtig kam auch kurz darauf eine Ladung „Gießener A'tien⸗Bräu“ in Lauterbach an. Ein Wirt fiel aber damit herein, denn seine Gäste, die meistens Arbeiter sind, ließen das Bier einfach ungetrunken. Voll Aerger darüber ließ der Wirt nun den Rest Aktienbräu weg⸗ laufen und hat auch kein solches Bier verzap 1. (Das war ganz recht gehandelt von den Ar⸗ deitern. Im übrigen raten wir aber, bei Gründung der Genossenschaft in jeder Beziehung die größtmögliche Vorstcht walten zu lassen, soll sie sich gedeihlich entwickeln, so muß sie nicht nur über einen tüchtigen Stamm zuverlässtger Mitglieder verfügen, sie muß auch geschäftlich mit größter Vorsicht geleitet werden. D. R.) Aus dem Rreise Wetzlar. h. Der Konsumperein Wetzlar hält diesen Sonntag im Hotel Kaltwasser seine —— 1 0. Ge. iesem not egen. die die erher und le noch . den. ock; tober sahr⸗ 0 8 ed den als den udler fen, den issen. . tabt⸗ berg; 1 ld in „ Ait ulld n det dings; u nicht mando ifmerl⸗ Wege Boben beson⸗ jeden, gogelb⸗ Handel telstand chung beret heiler, sse i bil 90 lh. fabi Rech 5 lll pesche 9 wil⸗ eil a0 bal sedenel 22 elt 7 Mr. 38. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. Generalversamm lung ab. Voraussichtlich wird ste verlaufen wie immer. Die Mitglieder, die sich zu mindestens neun Zehntel aus Ar⸗ beitern zusammensetzen, überlassen ganz und gar die Leitung der Genosseuschaft, den Fabrik⸗ besitzern, Direktoren c. Daß unter sucger Umständen kein gesunder genossenschaftlicher Geist einziehen kann, ist fast selbstverständlich. Aber die Teilnahmslosigkeit der Mitglieder ist so groß, daß man oft hören kann, wenn man zum Besuche der Generalversammlung auf⸗ fordert:„Ach, das hat ja doch keinen Zweck, die Herren machen ja doch, was sie wollen.“ Daher sind auch die Versammlungen von 20—30 Teilnehmern besucht, bei etwa 2000 Mitgliedern! Und deshalb ist es keine Seltenheit, daß sich die alte Leitung mit Hülfe rückgratfester Be⸗ amten immer selbst wieder wählt! Wie diese aber ihre Aufgabe auffaßt, beweist der Umstand, daß sie nie einen Finger krumm gemacht hat, um den schon seit Jahren geforderten Fisch⸗ bezug in die Wege zu leiten. Wie gut wäre es, wenn die Mitglieder bei den hohen Fleisch⸗ preisen billige Fische haben könnten! h. Die unschöne Rolle eines Streik⸗ brechers spielt der Arbeiter Emil Wagner von hier. Er ist trotz aller Abmahnungen seinen Bekannten bei der Firma Schaffstaedt in Gießen als Arbeitswilliger eingesprungen. Dieses nützliche Element trieb sich fast ein ganzes Jahr hier ohne Arbeit herum und fiel seinen Angehörigen zur Last, anstatt sich ernstlich nach Arbeit umzutun. Solcher Leute bedient stch die vornehme Firma als Herausreißer, während sie ihre langjährigen tüchtigen Arbeiter wegen bescheidenen Forderungen streiken läßt!(Beim Gießener Schneiderstreik behalf sich das Unter- nehmertum auch mit solchen Elementen, es hat aber damit schlechte Erfahrungen gemacht. D. R.) h. Böse Zustän de herrschen in Tkefen⸗ bach. Wenn nämlich der dort durchflleßende Bach bei etwas starkem Regen anschwillt, so läuft das Wasser munter durch Küche und Hausflur der anliegenden Wohuhäuser. Es wäre vor allen Dingen nötig, hier etwas für Regulierung zu tun und dadurch diese Miß⸗ stände zu beseitigen. Solche notwendige Dinge werden aber immer bis zum Nimmerleins⸗ lage aufgeschoben, da fehlt immer das Geld. Jeden Augenblick ließt man aber von Errich⸗ tung irgend eines Turmes oder Ausblickes mit hochklingenden Namen zur„Verschönerung“ der Umgegend von Braunfels ꝛc. k. Soztalisten bekämpfung in Krof⸗ dorf. Nach vieler Mühe, die sich verschiedene Leute in Krofdorf, besonders der Herr Pfarrer, damit gegeben haben, einen Vereln von Ordnungsleuten zu schaffen, ist es nun endlich dazu gekommen. Am Mittwoch Abend wurde in Ludwigs Wirtschaft ein„Bürgerverein“ gegründet und der Vorstand gewählt. Unter diesem harmlosen Namen denkt man Leute zu finden, die sich als Mit⸗ läufer im Kampfe gegen den„Umsturz“ gebrauchen lassen, was dem Krlegerverein und dem Pfarrer vorher nicht gelungen war. Manche haben vielleicht aus Geschäfts⸗ interessen mitgetan, andere wissen nicht recht was eigentlich los ist und so hat man ein paar Leute zusammenge⸗ trommelt. Als Vorsitzender wurde Herr Hahn mit 30 Stimmen, als Schriftführer Röhrsheim 25 und Moos als Kassterer mit 24 Stimmen gewählt. Für unsere Genossen muß diese Tätigkeit der Gegner ein Ansporn zu nachhaltiger Agltationsarbeit sein. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. — Stadtverordnetenwahlen. Die Agitation für die im November vorzunehmende Stadtverordnetenwahl scheint sich diesmal be⸗ sonders ruhig anzulassen. Während es bei den früheren 17 schon Monate lang vorher einen„Wahlkampf“ absetzte zwischen den ein⸗ zelnen Vereinen und Stammtischgesellschaften, hört man jetzt noch kein Wort. Selbst die Kandidatenfrage scheint schon bei den diversen gutgesinuten Vereinen gelöst zu sein, wenigstens lassen sie die Oeffentlichkeit nichts davon merken, ein Zeichen, daß alles in„Ordnung“ ist. Selbst der so b—rühmte und allein seligmachende „Bürgerverein“, der doch sonst bei den Wahlen schon lange Zeit vorher seine Kandidaten prä⸗ sentierte, auch er rührt sich nicht, oder will sich nicht rühren, bis die Arbeiter ihre Kandidaten bekannt gemacht haben, um gegebenenfalls dann Gegen⸗Kandidaten aus den einzelnen Berufen aufzustellen, um die Stimmen der Arbeiter zu fangen. Alle Marburger Vereine warten nämlich mit Schmerzen darauf, wer von den Arbeitern als Kandidat aufgestellt wird. Es zirkuliert schon das Gerücht, daß sämtliche hiesigen gutgesinnten Vereine gemeinschaftliche Kandidaten aufstellen wollen, um so einem„je⸗ den gerecht zu werden“. Dieses Manöver soll natürlich nichts anderes bedeuten, als daß man die Arbeiter abschrecken will, eigene Kandidaten aufzustellen. Auf diesen Leim werden wir na⸗ türlich nicht kriechen.— In der 3. Wähler⸗ klasse, und diese kommt für uns nur in Be⸗ tracht, scheiden zum 1. Jauuar aus: Rentier Dörr, Schrein ermstr. Fr. Bang und Schlosser⸗ meister Ferd. Laubscheer. Außerdem hat eine Ersatzwahl statt zufinden für Kreissekretär Voß, dessen Wahl für ungültig erklärt wurde.— In der 2. Wählerklasse scheiden aus: Bäcker⸗ meister Runckel, Buchbindermeister E. Schaaf, Möbelfabrikant A. Schäfer, Schlossermeister Seelinger(verstorben).— In der 1. Wähler⸗ klasse scheiden aus: Professor Weiß, Bauunter⸗ nehmer Reising und Kaufmaun Schwaner. Opfer der Arbeit. Einen grausigen Tod erlitt in einer Schreinerwerkstelle in Kassel ein junger Mann. Dieser war beschäftigt, einen Treibriemen über eine Holzscheibe zu legen. Dabei stürzte er herab und fiel gerade auf das Blatt einer großen im Gange befindlichen Kreissäge. Der Unglückliche wurde in der Mitte durchge⸗ schnitten. Selbstverständlich trat der Tod auf der Stelle ein.— In Essen stürzte am Samstag der Neubau des liberalen Reichstags⸗ kandidaten Niemeyer ein. Drei Arbeiter wurden dabei getötet und vier verletzt.— In Leipzig ereignete sich ebenfalls ein Bau⸗ unglück, wobei zwei Arbeiter getötet wurden. Unteroffizier als Zuhälter. Vom Kriegsgericht in Düsseldorf wurde am Samstag der Unteroffizier Meurer von der 4. Kompagnie des Infanterie⸗Regiments Nr. 53 in Kalk wegen Zuhälterei und wiederholter brutaler Mißhandlung einer Pro⸗ stituierten zu 4 Monaten Gefängnis und De⸗ gradation verurteilt. Der Gerichtsvorsitzende bezeichnete den Fall als einzigstehend im mili⸗ tärischen Gerichtsverfahren.— Allerdings ein schlechter„Volkserzieher“, als welche unsere 7 den Korporal angesehen wissen wollen. Patrioten in Verzweiflung. Ein beweglich Klagelied stimmt die„Thür. Landesztg.“ darüber an, daß es mit der Sedan⸗ feier nichts mehr ist:„Zu der Sedaufeier hat in der Stadt Gotha— wenigstens in der in⸗ neren Stadt— kein Mensch geflaggt! Dies in des Wortes ureigenster Bedeutung gesagt; selbst die Fahnenstöcke auf Schloß, Ministerium und Rathaus ragen leer in die Luft! Was bedeutet das? Will man den nationalen Fest⸗ tag hier fallen lassen, so habe man doch auch den Mut, die Feier in den Schulen einzustellen. Woher soll unserer jungen Generation die Be⸗ geisterung kommen, wenn sie draußen den Tag vollständig ignoriert steht!?“ Die Landtagswahlen in Sachsen finden in diesen Tagen statt. Zur Stunde liegen noch keine Nachrichten über den Ausfall der am Donnerstag erfolgten Wahlmännerwahlen der dritten Klasse vor. Nur aus Leipzig wird berichtet, daß die sozial⸗ demokratische Liste die absolute Mehrheit im dritten und fünften. Leipziger Kreise erzielte. Die Cholera in den Ostgebieten Deutschlands hat bis jetzt 66 Opfer gefordert. Im ganzen sind 183 Er⸗ krankungen amtlich festgestellt worden. Es kom⸗ men täglich noch zahlreiche Fälle vor. Der autisem. Reichstagsabg. Bruhn benahm sich im Ostseebade Ahlbeck so unanständig, daß er von dem Kapellmeister der Kurkapelle eohrfeigt wurde. Die Pücklerleute sind fas alle vom gleichen Kaliber. Kleine Mitteilungen. l Mord in Büdingen. Am Montag Abend erschoß ein Kanalarbeiter aus Worms in Büdingen einen dortigen Einwohner im Streite. Milchpantscher. Das Schöffengericht in Hanau kürzlich verurteilte die Frau des Oekonomen Stieb ing wegen Milchfälschung zu 100 Mk. Geldstr afe. Die Frau hatte der Milch, die sie einer Armenun ter⸗ stützungsempfängerin lieferte, 37 Prozent— mehr als ein Drittel!— Wasser zugesetzt. Der Amtsanw alt hatte vier Wochen Gefängnis beantragt. Der mitange⸗ klagte Ehemann wurde freigesprochen. Arbeiterbewegung. In dem Fürther Holzarbeiterstreik, an dem 1500 Arbeiter beteiligt sind, verhan⸗ delte das Gewerbegericht als Einigungsamt zwei Tage. Die Arbeiter haben ihre Forder⸗ ungen etwas ermäßigt, bestehen aber auf 54⸗ stündiger Wochenarbeitszeit und etwas erhöhten Lohnsätzen, während die Arbeitgeber nur 55¼ Stunden bei deu bisherigen Lohnsätzen zuge⸗ stehen wollen. Deshalb vertagte sich das Eini⸗ gungsamt.— Die Hanauer Silberar⸗ beiter verhandelten mit ihren Arbeitgebern wegen Regelung ihrer Arbeitsverhältuisse. Zwei große Silberfabriken bewilligten die Forderungen der Arbeiter.— Der Holzarbeiterstreik in Köln dauert fort. Die Christlichen schicken noch immer Streikbrecher dort hin. Partei-Nachrichten. Parteipresse. Die Elberfelder„Freie Presse“, die im letzten Jahre etwa 1000 Abonnenten gewonnen hat, wird vom 1. Januar an in eigener Druckerei her⸗ gestellt werden.— Die Druckerei der Magdeburgischen „Volksstimme“ wird am 1. Oktober in Partei⸗ eigentum übergehen. Der Neue Weltkalender ist— reichhaltig wie immer— erschlenen. Der Preis beträgt 40 Pfg. Be⸗ stellungen wollen die Parteigenossen baldigst an die Ex⸗ pedition der Mitteldeutschen Sonntagszektung machen. Berichterstattung vom Parteitag. Die Parteiorte, welche Versammlungen wünschen, in denen Bericht über den Parteitag gegeben werden soll, wollen sich rechtzeitig bei dem Kreisvereinsvorsitzenden Gg. Beck⸗ mann zu melden oder sich direkt an Gen. Vetters wenden. Wo es möglich ist, wolle man diese Versamm⸗ lungen auf Werktage verlegen. Von Sonntag, den 1. Oktober kann jeder Tag mit Ausnahme von Dienstag, (3.) gewählt werden. Zum Parteisekretär für Hessen hat das Landeskomitee den Genossen Dr. David gewählt, der dem Beschlusse der Landeskonferenz gemäß, am 1. Ok⸗ tober nach Offenbach übersiedeln wird. Bis dahin ist seine Adresse Mainz, Allcestr. 2. So sehr uns die Wahl Davids freut, fürchten wir doch, daß es ihm schwer werden wird, bei der ihm durch das Reichstags⸗ und Landtagsmandat auferlegten Arbeitslast die Masse der Kleinarbeit zu leisten, die man von einem Parteisekretär fordert. Darum müssen unsere Genossen im Lande ihn nach dieser Richtung hin kräftig unterstützen. Parteigenossen des Großherzogtums Hessen! Das Stenogramm über die Verhand⸗ lungen der Landeskonferenz in Alzey liegt jetzt vor. Es wird vorausst htlich ca. 200 Druckseiten un'fassen und einen Selbstkostenpreis von mindestens 50 Pfg. erheischen. Um nun festzustellen, wie hoch die Auflage sein muß, bitten wir uns bis zum 1. Oktober cr. mitzu⸗ teilen, wie viel Exemplare die einzelnen Kreise brauchen. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, Offenbach, Große Marktstraße 23. Versammlungskalender. Samstag, den 16. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Tabakarbeiter. Abends 6 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Lollar. Wahlverein. Abends 8 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. Zahlreich erscheinen! Briefkasten. Zuschriften für Nr. 39 und 40 ersuchen wir möglichst frühzeitig einsenden zu wollen. — — Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 38. Religion. In meinem Artikel über„Kirche und Reli⸗ gion“ hatte ich geschrieben, es möge wohl eine Sünde sein, keine Religion zu haben. Dazu machte die Redaktion die Anmerkung:„Wir können es nicht für eine Sünde halten, keine Religion zu haben.“ Das ist ein schroffer Gegensatz in Worten. Und doch weiß ich mich in der Sache mit der Redaklion böllig eins. Für die Anmerkung aber bin ich inso⸗ fern sehr dankbar, als sie die Anregung zu 11 Reihe wichtiger klärender Gedanken geben muß. Ich sehe ein, daß ich in jenem Zusammen⸗ hange das Wort„Religion“ überhaupt besser nicht gebraucht hätte. Es hat eben im Lauf der Zeit schon einen so verächtlichen Beige⸗ schmack von Formelkram und Glaubenszwang angenommen, es ist durch seine stete Verquickung mit der Kirche und allen ihren Fehlern so ent⸗ wertet worden, daß sich in jedem freien Denker schon bei dem bloßen Klang ein Widerwille regt. Es ist mit ihm wie mit noch manchem anderen Wort gegangen. Zum Beispiel sind Ausdrücke wie:„Kerl“,„Frauenzimmer“, „Dirne“ u. a. früher einmal ganz respektvolle Bezeichnungen gewesen. Dazu ist das Wort: „Religion“ auch noch ein Fremdwort, und Fremdwörter wendet man an stch schon gern da an, wo man etwas mehr Aeußerliches und Oberflächliches benennen will. Wir gebrauchen z. B. das Wort„Amüsieren“ bei weniger wichtigen Anlässen, wo uns das rechte deutsche Wort„Freuen“zu schade ist; so sagen„spazieren“, „logieren“,„ästimieren“,„loyal“,„Rage“, „Intelligenz“ u. a. weniger, als die entsprechen⸗ den deutschen Worte„wandern“,„wohnen“, achten“,„treu“„Wut“,„Geist“ u. a. Des⸗ gleichen kann man auch mit dem Wort„Reli⸗ gion“ den eigentlichen Wert des Menschen gar nicht packen. Wie nebensächlich und bedeutungs⸗ los erscheint z. B. in Lessings„Nathan“ die Religion der handelnden Personen gegen⸗ über ihrem sittlichen Verhalten! Und jeder unbefangene und vorurteilslose Denker wird diese Betonung des letzteren, diese Gleich- gültigkeit gegen erstere durchaus billigen. Ich hatte das Wort Religion, das aus dem Lateinischen stammt, im Zusammenhang meines Artikels in ei em anderen, tieferen Sinn ge⸗ braucht, als es gewöhnlich geschieht, in dem Sinn, den es hatte, ehe noch die Kirche und ihre„Väter“ es zu ihrem Monopol machten. Da bezeichnete es die ganze sittliche Stim⸗ mung des Menschen. Und so habe auch ich es verstanden: Als die ganze Art und Weise, wie wir die Aufgabe unseres Lebens zu lösen und die Zeit unseres flüchtigen Erdendaseins auszufüllen suchen. Es ist die Stimme des Gewissens, welche jedem Individuum eine be⸗ stimmte Stellung gegenüber der gesamten Welt und für alles Handeln gewisse Rücksichten auf die höchsten Interessen und Forderungen der Menschheit vorschreibt. Wenn die alten römischen Denker von einem„Menschen ohne Religion“ sprechen, so meinen sie damit geradezu einen gewissenlosen Menschen, während„religiöse“ Naturen eine sittlich gehobene Weltanschauung in sich tragen und ihren Mitmenschen gegenüber betätigen. Das aber ist wohl klar, daß wir in unseren Reihen beim Kampf um soziale Gerechtigkeit Leute der ersteren Art nicht gebrauchen können. Und an dieser Stelle läßt sich dann auch leicht erkennen, in wie fern alle diese allgemeinen Gedanken über Welt und Leben auch direkt praktische Bedeutung haben, sich in der täglichen Arbeit und Erfahrung geltend machen. Denn fragen wir uns einmal: Wer sind die treusten, zuverlässigsten und wirkungseifrigsten Genossen? Diejenigen, welche den Sozialismus als Erlösung der Menschheit so recht in seiner ganzen weltumändernden Größe erfaßt haben, welche ihr Herz an ihn gehängt haben und für seinen Fortschritt auch zu großen persönlichen Opfern, wo es sen muß, bereit sind. Und in diesem Sinne ist ja oft genug der Sozialismus direkt als Religion hin⸗ gestellt worden. Da sind mir grade eben zwei im Vorwärtsverlage erschienene Broschüren à 20 Pfg. zur Hand, da heißt es in der einen von Jos. Dietzgen(die Religion der Sozialdemo⸗ kratie):„Die Tendenzen der Sozialdemokratie enthalten den Stoff zu einer neuen Religion, welche nicht, wie alle bisherigen, nur mit dem Gemüte oder Herzen, sondern zugleich auch mit dem Kopf, dem Organ der Wifsenschaft erfaßt sein will.“ Die andere von Fr. Stampfer enthält den Ausspruch Liebknechts:„Ist im Sozialismus nicht die höchste Sittlichkeit: Selbst⸗ losigkeit, Aufopferung, Menschenliebe? Wenn wir unter dem Sozialistengesetz freudig das schwerste Opfer gebracht haben, uns die Familie und Existenz zerstören ließen, uns auf Jahre trennten von Frau und Kind, bloß um der Sache zu dienen, so war das auch Religion, aber nicht die Religion des Pfaffentums, son⸗ dern die Religion des Menschentums.“ Das ist also das Entscheidende, daß jemand die Sache über seine Person zu stellen vermag, daß jemand mitarbeitet an der Erfüllung der großen sittlichen Forderungen der Menschheit auch da, wo er selbst keinen direkten Gewinn, ja vielleicht sogar nur Schaden und Kränkungen davon tragen kann. Auf Leute aber, die zu einer solchen Aufopferung rein persönlicher Interessen nicht fähig sind, ist niemals fester Verlaß. Wer z. B. in unsere Partei einträte nur in der Hoffnung, da eine irgend wie führende Rolle spielen zu können, der würde natürlich alsbald wieder abfallen, sowie er tüchtigeren Genossen gegenüber seinen Ehrgeiz nicht befriedigt sähe. Ein anderer kommt viel⸗ leicht in der Meinung, daß wir ihm heute oder morgen schon in dieser oder jener Not helfen könnten. Wenn er dann aber sieht, daß auch wir nur mit Menschenkräften arbeiten, daß auch wir die alten Betriebe nicht gleich auf den Kopf stellen können, daß es erst noch viel Mühe, Kampf und materielle Opfer erfordern wird, ehe wir einen entscheidenden Einfluß erreichen können, da kehrt er uns enttäuscht den Rücken und spricht von Utopie und Illusionen. Nein solch e Leute sind keine Kräfte, solche Leute können uns keine große Dienste leisten. Wir brauchen charakterfeste Männer, denen es ernst ist um die Sach e, die stch durch persönliche Verstimmungen am großen Gedanken des Sozialismus nicht irre machen lassen und ihnen wird er dann bald auch alles und mehr sein, als anderen Menschen die sogenannte in kirch⸗ liche Formalitäten gepreßte„Religion“. Da werden keine Opfer des Verstandes gefordert, da wird die gesunde Natur nicht als sündhaft verketzert, und da wird demnach das Herz be⸗ friedigt von dem schönen Gefühl, einem meusch⸗ heitserlösenden Gedanken zu dienen, mitzuhelfen an einem Werk, für das uns Kinder und Kindeskinder einst noch Dank wissen werden, es ist das schöne Gefühl, nicht nur ein Geschöpf zu sein, wie ein Tier oder eine Pflanze, wo jedes für sich dahinlebt, sondern eine lebendige, tätige wirkliche Menschenpersönlichkeit, die die Spuren ihres Daseins sichtbar und bleibend in den Gang der Geschichte einprägt. Jeder, der auch nur einen Baustein zu dem Zukunftswerk des Sozialismus beisteuert, sichert sich damit sozusagen ein Stückchen Ewigkeit,„es wird die Spur von seinen Erdentagen“, wie es Göthes Faust als seine beste und höchste Weisheit aus⸗ spricht,„nicht in Aeonen untergehn!“ Jeder, der auch nur ein bißchen an den Erfolgen unserer Partei beteiligt war, der weiß, was es für eine Freude ist, sich so nützlich gemacht zu haben, diesem oder jenem Kameraden den ersten Anstoß gegeben, unsrer Zeitung einen neuen Leser, der Gewerkschaft ein neues Mitglied ge⸗ wonnen zu haben, und was dgl. Dinge mehr sind, die so gering sie einzeln scheinen, in ihrer Zu⸗ sammenwirkung doch schließlich allein die große Arbeiterpartei und mit ihr die Hoffnung und Garantie für eine bessere Zukunft geschaffen haben. Dieser Glaube und diese Arbeit vor allem an den höchsten Zielen der Menschen, das ist in Wahrheit Religion, das ist die Religion, die uns stolz machen darf, die uns das Recht gibt, unsre flammenden Anklagen gegen die heutige Gesellschaftsordnung, gegen die egoistische Spießbürgersattheit und gegen die lichtscheue Kirchengelehrtheit zu erheben. Im Namen dieser Reltgton des Menschentums geschieht es, wenn wir jene des Pfaffentums bekämpfen, für die das Wort „Religion“ nun freilich einen ganz anderen Sinn gewonnen hat. An Stelle des selbstlosen Verhältnisses des Menschen zu seinen Mit⸗ menschen drängte sich allmählich immer mehr das selbstsüchtige des Menschen 0 seinem Gott hervor; bei ihm gut angeschrieben zu sein, um für sich das ewige Leben zu ergattern, das war nun das höchste Ziel, für diefes Verhält⸗ nis suchte der Kirchenvater Augustin(um 400 n. Chr.) nach einem passenden Wort, und da⸗ für mußte dann schließlich das alte gute Wort Religion eintreten. Es nahm schließlich ganz die Bedeutung„Gottesdienst“ an, damit nun allerdings sofort den Ton vom Handeln für die Mitmenschen auf das Glauben an Gott ver⸗ legend und so tausende von ehrlichen, guten und klugen Männern als Ketzer verwerfend, die auch mit ihrem Atheismus oder Pantheismus jedenfalls mehr Wert für die Welt hatten, als tausende katechismustreuer Dummköpfe. Der so auf⸗ efaßten Religion gegenüber gilt allerdings das ort Bebels, daß wir ihr Feind sein müssen in jeder Form und gerade weil wir ihr Feind sind, weil wir sehen, wie hemmend und drückend ste unserer Bewegung entgegensteht, wie viel Tausende sie noch im Bann ihrer Jenseitsver⸗ heißungen und Jenseitsdrohungen und fern allen gesunden, idealen Diesseitsbestrebungen hält, gerade deshalb scheint es uns so wichtig, immer von neuem auch auf diese höchsten und wich⸗ tigsten Fragen des Menschendaseins ein ernstes Nachdenken zu richten. Es gibt für den Arbeiter eigentlich nur zwei Richtungen, in denen er seine Fracht betätigen kann, wenn er sie über⸗ haupt in den Dienst höherer Zwecke stellen will: Sozialismus oder Christentum! Wie ein denkender Mensch sich entscheiden wird, ist uns nicht zweifelhaft und ebendeswegen wollen wir das Denken über diese Dinge, über die Religion, ebenso zu fördern suchen, wie es die Kirche gerne zurückhält. Ich schließe des⸗ halb mit Bebels Einlettungsworten zu seiner Broschüre„Christentum und Sozialismus“ (Verlag des Vorwärts, 10 Pfg.): Täuscht aber nicht Alles, so beginnt das zwanzigste Jahrhundert wieder mit einem Kampfe gegen Kirchen und Dogmentum und gegen die Anmaßungen eines herrschsüchtigen Priestertums, das wieder seine Zeit gekommen glaubt, um dem Volk den Fuß auf den Nacken setzen zu können. Aber die immer weiter in die Massen dringenden Resultate der Naturwissenschaften und der Geschichtsschreibung und die Erkenntnis der ökonomischen Tatsachen, die allen religiösen Theorien Hohn sprechen, bereiten den Boden, auf dem ein neuer Kulturkampf entsteht, der jedoch von der Halbheit des bürgerlichen Kultur⸗ kampfes ebensoweit entfernt ist, als die bürger⸗ lichen Freiheits⸗ und Gleichheitsbestrebungen von den sozialistischen Zielen. K. Wbr. Anterhaltungs-Ceil. In der Zwickmühle. Erzählung von R. Schweichel. Der Pastor Köschke von Eulenried hatte den neuen Lehrer, der sick ihm zum Eintritt in das Amt vorstellte, mit einer durch Wohl⸗ wollen gemilderten Würde empfangen. Die offtzielle Einführung sollte erst ein par Tage später stattfinden, denn noch lärmte und tobte die dörfliche Jugend, welche Ruprecht Greiner zur frommen Sitte und Gottesfurcht— den unerschütterlichen Grundlagen des Staats— erziehen sollte, in der letzten Frist der Oster⸗ ferien. Nun stand er am Fenster seiner Giebel⸗ stube im Schulhause, und ein Strom von Lebens⸗ freudigkeit durchbrauste ihn. Seine blauen [Augen leuchteten, auf seinen blassen Wangen r P r — Nr. 38. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. lag ein leises Rot, und seine schmale Brust atmete in tiefen Zügen. Ein„freier Mann“ schaute er über das Dorf bis zu den blauen Bergen im Westen. Er konnte noch nicht lange zurückdenken, aber so weit er es konnte, war seine junge Seele unterdrückt, zusammengepreßt und geknetet worden. Von seinen Eltern hatte er kaum eine Vorstellung. Sie waren beide bald nacheinander an der Proletarierkrankheit gestorben, der Vater zuerst, der ein Steinmetz gewesen war, und dann hatte das städtische Krankenhaus Ruprecht in seinen wahrlich nicht weichen Schoß aufgenommen. Er war wie alle seine kleinen Unglücksgefährten genährt, gekleidet und dresstert worden; aber sein kleines Herz war hungrig geblieben durch all' die Tage und Jahre hindurch bis zu dieser Stunde. Was er auch gelernt hatte, erst in der Schule, dann im Seminar, die Liebe hatte er nicht kennen gelernt. Sein Fleiß, sein guter Kopf sowie seine körperliche Schwäche hatten es von ihm abgewendet, daß er nach setner Konfirmation zu einem Handwerksmeister in die Lehre getan oder irgendwo als Laufbursche untergestopft wurde. Die Waisenhausväter hatten in ihm den Ton erkannt, aus dem man einen Schul⸗ meister kneten konnte, und er war zu einem Schulmeister geknetet worden. Nun waren alle Bande, die ihn bisher zum Ersticken enge um⸗ schnürt hatten, gelöst. Die Not hatte ein Ende. Auf seinem jungen, blonden Haupte ruhte die Doppelkrone des wohlbestallten Lehrers und Organisten zu Eulenried, und vor ihm lag die ganze Welt offen. Wie schön diese war, hatte er nie geahnt. Im Flachlande geboren und groß geworden, hatte er noch nie ein Ge⸗ birge gesehen. Jetzt stieg der zackige Kamm eines solchen hoch vor ihm auf, Eulenried lag bereits in den Vorbergen, und dieser Anblick berauschte ihn vollends. Doch ach! wie hoch sich auch sein Entzücken schwang, sein Leib hatte trotz seines leichten Gewichts keine Schwingen. Das schnöde Ge⸗ fühl des Hungers gab Ruprecht Greiner der Erde wieder. Denn seit dem kärglichen und hastigen Frühstück am Morgen auf der über eine Stunde von dem Dorfe entfernten kleinen Eisenbahnstation hatte er nichts genossen. Und er war die Nacht über in einem Wagenabteil vierter Klasse, auf einem alten Koffer sitzend, gefahren und den ganzen Weg bis Eulenried zu Fuß gegangen. So tastete er denn die finstere, schmale Stiege, die unter seinen Tritten ächzte und stöhnte, als wollte ste ihr alters⸗ schwaches Dasein aufgeben, von der Giebelstube auf die Dorfgasse hinunter, um sich nach einem Raben umzusehen. Nicht lange, und er gewahrte unter zwei uralten Lindenbäumen eine Pferde⸗ krippe, die nur eben gebraucht schien— Hühner scharrten in dem verstreuten Häcksel auf der Erde— und über der offenen Haustür stand, durch die Wipfel verdunkelt:„Gasthaus zur Sonne“. Die geräumige, dämmerige Schankstube war von Gästen leer. Nur die Sonnenwirtin, Frau Firstmann, eine zur Fülle neigende, noch immer hübsche Frau, und ihre Tochter waren anwesend. Sie saßen jede an einem der Fenster, die Mutter strickend, das Mädchen nähend. Das Ticken einer Wanduhr allein war in der Stille ver⸗ nehmbar, die Ruprecht's Eintritt unterbrach. Das Mädchen legte ihre Nähterei ohne Hast aus der Hand und kam an den Tisch, an dem Ruprecht Platz genommen hatte, und fragte mit einer wohllautenden Stimme nach seinem Begehr. Ihre dunklen Augen, die wie Sonnen⸗ schein auf dem Wasser blitzten, verwirrten ihn derartig, daß er nicht gleich eine Antwort fand. „O, ich möchte nur etwas zu essen haben“, sagte er zag und wurde rot.„Ein Kälbernes könnten Sie haben“, schlug ste vor, und er:„Ach ja, ein Kälbernes!“ Auf ihren bräunlich ange⸗ hauchten, vollen Wangen vertiefte sich ein Grüb⸗ chen, während sie sich nach der Küche entfernte. Seine Augen folgten ihr wie verzaubert. Und was sie für eine schlanke, biegsame Gestalt hatte! Er konnte seine Augen nicht von der Tür wenden, hinter der sie verschwunden war. Die Stimme der Sonnenwirtin störte ihn auf.„Der Herr ist wohl der neue Schullehrer?“ fragte sie, rollte ihr Strickzeug zusammen und erhob sich. Als Ruprecht mit einem Ja ant⸗ wortete, fügte sie mitleidig hinzu:„Und noch so jung! Du lieber Gott, da werden Sie Ihre Not mit den wilden Rangen haben; auch mit den Mä deln, die ihnen nichts nachgeben.“ Greiner richtete seine Jünglingsgestalt grade auf und versicherte mit Selbstbewußtsein, daß er sich davor nicht fürchte. Sie ließ ihre dunklen Augen langsam über ihn hingleiten und meinte: „Ist recht. Seine Sach' muß Einer fest in der Hand halten.— Aber da bringt's Annerl das Essen. Lassen's sich gut schmecke!“ Sie setzte sich zu ihm. Denn sie hielt es als Wirtin für ihre Pflicht, den Gast zu unter⸗ halten, während er aß. Er aber dachte nur bei sich:„Also Annerl heißt sie, was für ein hübscher Name!“ und schielte nach dem Mädchen, das sich wieder zu seiner Arbeit an das Fenster gesetzt hatte. Ach, wenn doch das Annerl, das den hübschen Kopf, den die üppigen, kranzartig herumgelegten Flechten so reizend kleideten, auch am Tische gesessen hätte! Er hörte kaum auf das, was die Mutter erzählte, sondern zerbrach sich den Kopf darüber, wie er es anstellen sollte, um die Tochter mit in's Gespräch zu ziehen. Er war so schüchtern, so grenzenlos ungeschickt, daß die blasse Vorstellung, ste anreden zu sollen, ihm das Blut zu Kopfe trieb. Da bot ihm die Sonnenwirtin eine Anknüpfung, indem sie rief:„Annerl, der Herr Lehrer wird ein Bier mögen.“ Ehe dieser jedoch ein Mehr tun konnte, als aus tiefem Herzem ein freudiges:„Ach ja!“ auszustoßen, stand schon der schäumende Krug mit einem leisen:„Wohl bekomm's!“ von ihren kirschroten Lippen vor ihm. Er trank und trank, die leuchtenden Augen über den Krugrand hinweg auf sie gerichtet.„Na, Sie können's ordentlich,“ meinte die Wirtin, als er den Krug endlich hiasetzte. Die Tochter aber lief mit einem hellen Lachen davon. Ach, wie silbern ihm dasselbe bis in das Herz hinein⸗ klang. Zugleich aber schämte er sich und ward rot und verlegen. Er war doch Alles in der Welt, nur kein Trinker, nur um seine Verlegenheit 1 verbergen, lachte er auch. Da lachte auch ie Wirtin, und jetzt lachten alle drei. Als er aufgegessen und ausgetrunken hatte, mußte er wohl endlich gehen.„Besuchen Sie uns bald wieder,“ sagte die Wirtin und gab ihm die Hand. Da kam es wie eine Erleuchtung über ihn.„Ja,“ rief er, und stockend fügte er hinzu:„Ich möchte Sie noch etwas fragen. Von wegen des Essens, ich meine den Mittags⸗ tisch, da ich doch ein Junggeselle bin—“ „Ob ich Sie in die Kost nehmen will?“ Er nickte, warf einen Blick auf das Mädchen und stotterte:„Ja— aber—“ „Nun, ich will's schon so billig machen, daß Sie zufrieden sein sollen,“ lächelte die Frau. „Wir essen Punkt zwölf Uhr.“ Ruprecht Greiner ergriff ihre Rechte und schüttelte sie stürmisch. Auch Aeunchen gab ihre kleine, harte Hand mit einem kräftigen Drucke und sah ihn dabei mit ihren glänzenden Braunaugen freudig an. Glückselig stürmte er auf seinen langen Beinen davon. Ihr Bild begleitete ihn und ließ ihn lange nicht ein⸗ schlafen. Ihr hübsches Lachen klaug fort und fort in seine Ohren, und dazwischen ärgerte er sich über sein einfältiges Benehmen und schalt sich einen Tölpel, einen Esel. Wenn er wieder mit ihr zusammen kam, da wollte er ganz anders sein, und er überlegte, was er ihr alles sagen wollte, lauter schöne Dinge. (Fortsetzung folgt.) Die Mutter als Erzieherin. rent dic über den Nach⸗ ahmungstrieb deines Kindes! Du hast deinem Kinde die Spielsachen zurechtgelegt und wendest dich deiner Hausarbeit zu. Aber dein Kind bleibt nicht bei seinem Spielzeug. Es bleibt dir auf den Fersen, es wall gerade immer das tun, was du tust, es will mit dir ausklopfen, fegen, wischen, Kartoffel schälen, einholen, kochen. Und du wirst böse darüber: „So ein unzufriedenes Kind, da hat es die schöne Puppe und die schöne Puppenküche und den Baukasten; aber anstatt damit zu spielen, krabbelt es um mich herum und hält mich bei der Arbeit auf.“ Das ist gewiß nicht angenehm. denn du hast viel zu tun; aber der Schaden ist doch nur gering im Vergleich zu dem Schaden, den deine Unfreundlichkeit beim Kinde anrichtet. Daß es über die Schelte weint und trotzdem nicht bei seiner Puppe bleibt und du nun erst recht böse wirst, das ist noch nicht das Schlimmste. Wohl aber daß du einen herrlichen, schönen Trieb bei deinem Kinde, statt ihn durch Sonnen⸗ schein zu entwickeln, durch Kälte und Hagel ertötest. Das Kind spielt nicht, um zu spielen, wie du meinst, sondern das Kind arbeitet, in⸗ dem es spielt, es will durch sein Spiel ebenso nützliche Arbeit verrichten wie du durch deine Hausarbeit. Das Kind lernt also am meisten durch das Beispiel. Wenn es sieht, wie du tätig bist, so will es das gleiche tun, weil es instinktiv fühlt, daß das jetzt die nützlichste Arbeit ist. Darum sollst du dein Kind nicht durch Unfreundlichkeit und Gewalt davon ab⸗ halten, dir zu„helfen“, sondern du sollst diesen Tätigkeitsdrang des Kindes unterstützen. Gib deinem dreijährigen Töchterchen einen Wisch⸗ lappen und lasse es den Stuhl abwischen. Und dann sieh das eifrige Gesicht deines Kindes an, und wenn dann dir nicht das Herz aufgeht über den Eifer und über die Schaffensfreude, wie sie aus Miene und Haltung sprechen, dann bist du keine richtige Mutter. Wir Sozial⸗ demokraten sehen in der„Arbeit“ etwas Großes, Schönes. Sie ist die Erhalterin der Gesell⸗ schaft. Sie so schön und edel zu gestalten als nur möglich, das ist unser Ziel. Du kannst deinen Teil mit dazu beitragen, wenn du deinem Kinde Achtung vor der Arbeit beibringst. Nicht Achtung im bürgerlichen Sinne, nicht um es zum Arbeitssklaven zu erziehen, sondern im soztalistischen Siune, indem du an und bei der Arbeit den Geist und die sittlichen Tugenden in deinem Kinde entwickelst. So hat es Pesta⸗ lozzis Gertrud gemacht; sie ließ ihre Kinder spinnen, aber„ihre Seelen taglöhnern nicht“, denn Gertrud sitzt bei ihnen und hilft ihnen und erzählt ihnen dabei. Sie ist der gute Kamerad der Kinder und die Augen der Kinder strahlen.— h. sch. in der„Gleichheit“. Humoristisches. Ein Geschenk Rußlands. Rußland ist froh, denn ihm geschah, Was wohl ihm tut: es hat den Frieden. Aus Freuden über das, was ihm beschieden Schenkt andern es die Cholera. Im Manöver: General: Sind Sie der mutige Mann, der es wagte, die Linien des Feindes zu durchbrechen, um die Depesche zu überbringen. Im Kriege würden Sie erschossen worden sein! Ordonnanz: O— Herr General! Ich würde dann die Depesche nicht gebracht haben. Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka befindet sich jetzt Marktplatz 11 am Kriegerdenkmal. Beherzigens werte worte! Die Millionen Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes, und gerade sie sind es, welche dieser zu ihrer Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht ver⸗ leiht, über welche sie verfügt. Der Ar⸗ beiter, der statt eines Arbeiter⸗ blattes ein Organ der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geistigen Selbstmord, ein Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse. Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Nebels und die Presse wird das wirk⸗ samste Mittel der Befreiung sein. — wilhelm giebknecht. — Seite 3. Mitteldentsche Sanntagé⸗ Zeitung. Nr. 38. Konsum- Verein Giessen u. Umgegend. Unseren Mitgliedern zur gefl. Kenntnis, daß die vonfder General⸗ versammlung auf 50/ festgesetzte Rückvergütung von dem beim gemeinschaftlichen Einkauf Ersparten an nachfolgenden Tagen in unserer Verkaufsstelle ausgezahlt wird: Montag den 18., Dienstag den 19, Mittwochkden 20. Sept. Montag den 25., Dienstag den 26., Mittwoch den 27. Sept. jedesmal abends von 6⅛ bis 8½ Uhr. Bei der Empfangnahme der Rückvergütung müssen die Anteil⸗ schein⸗Karten vorgelegt werden. f Zugleich werden die Mitglieder darauf aufmerksam gemacht, daß die Liste zum gemeinsamen Kartoffelbezug in unserer Verkaufs⸗ stelle offen liegt und bitten wir, den Bedarf baldigst einzutragen, um den Einkauf erledigen zu können. Neueintritte können täglich in unserer Verkaufsstelle 31 Bahnhofstraße 31 erfolgen. Die Bezahlung des Eintrittsgeldes von 50 Pfg. berechtigt“ zur Entnahme von Waren. Die Rückvergütung richtet sich nach der Höhe des Warenumsatzes und wird gewährt, auch wenn der Geschäfts⸗ anteil noch nicht voll eingezahlt ist. Sonntag, den 17. und Montag, den 18. Septbr. Hirchweihfest zu Steinberg Gut besetzte Tanzmusik Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. 2 Zu recht zahlreichem Besuch laden ein die Wirte Joh. Gg. Schmandt Wwe. „Zum grünen Baum“. Georg Häuser XV. „Zur Krone“. %s 0s Ferd. Nennstiel Ciessen, Naochs ir. 7. Lager in sämtlichen Kasteumöbeln, poliert und lackiert Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Laus möbel Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- Ständ. Ausstattung Für Arbeiter und Landleute 3 empfehle mein reichhaltiges chuhwaren-Lager i Din gediegenen, soliden Oualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel Sowie alle sonstigen Schuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner, Gießen Marktstrasse 34. Edgar Borrmann, Giessen. 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