er se en. I el. 12 lag von agen Das Nr. 29. Gießen, den 16. Juli 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Aurchenplaß 17 Schloßgasse Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. buntags⸗Zeitung .. Abounementspreis: Bestellungen 2 Juserate 2 Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼5% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt Landes-Konferenz der Sozialdemokraten Hessens Samstag, 19, Sonntag, 20. Aug. 1905 in Alzey im Saalbau. Vorläufige Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. 2. Rechnungsablage. 3. Der Parteitag in Jena und die Organisation der Partei. 4. Tätigkeit des Landtags und die bevorstehenden Land⸗ tags wahlen. 5. Einlaufende Anträge. 6. Wahl des Landes⸗Komitees. 7. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz. Parteigenossen! Wählt die Delegierten, damit die Landes⸗Konferenz zahlreich beschickt und die Wichtig⸗ keit der Tagesordnung erfordert die eingehendste Dis⸗ kussion derselben. Tretet unverzüglich in dieselbe ein! Etwaige Anträge find an den Genossen Ulrich einzu⸗ senden. Die Deleglerten müssen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare erhalten die Genossen ebenfalls durch den Gevossen Ulrich. Die Delegierten, welche auf Nachtquartier und Miteagessen rechnen, sind dringend gebeten, dies dem Genossen Jakob Korell spätestens bis zum 12. August mitzuteilen. Das Landes⸗Komitee: C. Ulrich, rb, Große Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. DD..t..8ʃ.8.,ʃä r Die internationale Sozialdemokratie für den Frieden. Eine imposante Kundgebung für den Weltfrieden haben unsere Berliner Partei⸗ genossen am Sonntag veranstaltet. Aller⸗ dings war es ihnen nicht vergönnt, den für diese Versammlung in Aussicht genommenen Redner, den französischen Abgeordneten und hochgebildeten Sozialisten Jean Jaurès zu hören, denn wie in voriger Nummer bereits kurz mitgeteilt, hatte der Reichskanzler Fürst Bülow dem Genossen Jaures das Auftreten in Berlin untersagt. Durch eine feierliche Note an den deutschen Botschafter in Paris ließ er ihn ersuchen, von seiner Reise nach Berlin Abstand zu nehmen. In dem Erlasse Bülows werden Jaures allerhand Schmeicheleien gesagt und versucht, ihn in Gegensatz zu den deutschen Sozialdemokraten zu bringen. Unter anderem sagt Bülow:„Ich schätze Herrn Jaurèes als Redner; ich achte seine Anschau⸗ ungen in der auswärtigen Politik und stim me nicht selten mit ihnen überein“. Wenn das der Fall ist, fragt man sich, warum er dann Jaureès in Berlin nicht reden ließ, er hätte doch demnach Jaures Auftreten in Berlin wünschen, ihn als eifrigen und wirkungs⸗ vollen Wortführer der Idee des Weltfriedens, den zu erhalten angeblich die vornehmste Sorge unserer Regierungsleute und besonders des Reichskanzlers selbst ist, willkommen heißen, mit offenen Armen empfangen müssen! Es war aber die Angst vor der Sozialdemokratie, welche dem Reichs⸗ kanzler diesen Schwabenstreich begehen ließ, durch den er sich vor aller Welt blamierte. Denn, daß dies wirklich der Fall ist, daß mit dem Verbot das Gegenteil dessen, was es be⸗ zwecken sollte, erreicht, daß Fürst Bülow der Sozialdemokratie einen gewaltigen Triumph durch den Versuch, ihn zu spalten, bekämpfen können, verschaffte, geben selbst regierungsfreundliche Blätter, wie die„Köln. Ztg.“ zu. Was war die Wirkung dieser„diplomatlschen“ Aktion? Die Kundgebung der Berliner Sozial- demokratie erhielt dadurch eine solche Bedeutung, wie sie ohne das Verbot niemals erlangt hätte. Tausende und abertausende strömten bereits von frühem Vormittag an nach dem Versamm⸗ lungslokal. Etwa 100 Pressevertreter aller Länder und Parteien hatten sich dazu einge⸗ funden, um der imposanten Protestversammlung beizuwohnen und die schneidigen Kritiken, welche Genosse Richard Fischer den deutschen Diplo⸗ matenkünsten und der Polizeiweisheit angedeihen ließ, in alle Welt zu berichten. Außerdem hatte aber auch der„Vorwärts“ die ungehaltene Rede Jaurèes im Wortlaute veröffentlicht und die ganze Parteipresse folgt seinem Beisplele. So lesen Millionen, was sonst nur einige Tausende gehört hätten. Und sie lesen es mit besonderer Aufmerksamkeit, denn vor diesen Worten hatte der deutsche Reichskanzler Fürst Bülow so viel Furcht, daß er ihretwegen eine große diplomatische Haupt⸗ und Staatsdumm⸗ heit inszenierte. Jaures lehnte selbstverständlich die wider⸗ wärtigen Lobhudeleien, mit denen er im Bülow⸗ Briefe angesungen wird, deutlich und entschieden ab. Er tat es schon gleich, nachdem ihm das Redeverbot bekannt geworden war, in seinem Pariser Blatte, der„Humanité“, mit folgenden Worten: „Das Verbot der Berliner Versammlung ist ein An⸗ zeichen der wachsenden Macht des Sozia⸗ lis mus. Es beliebte Bülow, meinen Takt und meine Mäßigung anzuerkennen. Desto deutlicher gibt er die Beunruhigung der Faktoren kund, welche sich die„starken“ nennen; und doch handelt es sich in meinem Falle nicht um einen beabsichtigten direkten Angriff gegen Ein⸗ richtungen des deutschen Reiches, sondern um Bekräf⸗ tigung der Friedensidee, welche auch dle deutsche Regierung auf ihr Programm geschrieben hat. Aber man will keine Diplomatie der Völker. Darin erblickt man eine Berufsstörung der bee j e h⸗ enden kapitalistischen und feudalen Diplomatie.“ Viel derber aber noch wies unser französischer Genosse die komischen Anbiederungsversuche der preußisch⸗deutschen Regierung in dem Be⸗ grüßungstelegramm zurück, das er an die Versammlung gerichtet hatte und das unter stürmischem Beifall zur Verlesung gelangte. Es lautet in der Uebersetzung: „Genossen! Ich bin mit ganzem Herzen mitten unter euch in dieser Versammlung, um mit euch die Einig⸗ keit zwischen dem deutschen und französi⸗ schen Proletariat zu bekräftigen. Die gemeinsame Arbeit wird den Weltfrieden durch die Eroberung der sozialen Gerechtigkeit und der politischen Freiheit sichern. Nichts kann uns trennen: nicht chauvinistische Vor⸗ urteile, nicht Redeverbote der Regierungen, noch auch die plumpen Künste diplomatischer Lobhu⸗ deleien. Wir sind alle eins, sind alle ein und dieselben. Wir haben den gleichen Willen, das gleiche Empfinden. Wird einer von uns geschlagen, so wird der andere mitgetroffen, und wird einer von uns gelobt, so wird der andere mitgelobt. Es ist eine abgebrauchte Taktik der herrschenden Klassen aller Länder, den Sozialisten daheim die So⸗ zialisten draußen gegenüberzustellen. Tatsächlich aber ist dies eine Huldigung mehr vor der Kraft des inter⸗ nationalen Sozialismus, den die Rezierungen nur noch und ein Grund mehr für uns alle, uns zu dem Gedanken der einen und unteilbaren internationalen Sozialdemokratie zu be⸗ kennen. Jean Jaurss.“ Also Jaurés reicht denjenigen die Hand zum unzertrennlichen Bunde, die sein Lobpreiser Bülow beschimpfte und mit denen er den fran⸗ zöstschen Genossen in Gegensatz bringen wollte! Schlimmer kann ein„Diplomat“ kaum auf den Sand gesetzt werden! Die Versammlung er⸗ widerte Jaures Grüße durch ein von Ber nstein vorgeschlagenes Danktelegramm, in welchem dem französischen Proletariat Sympathie und Solidarität ausgedrückt wird. Richard Fischers Rede war eine vernichtende Kritik des preußischen Polizeigeistes. Er begann, indem er die Jämmerlichkeit der Reichspolitik folgendermaßen kennzeichnete: „Genossen! Ein großer Redner sollte hier sprechen, der durch seine eminente agitatorische Begabung und durch die Macht seiner unvergleichlichen Beredsamkelt einen großen Einfluß auf die Politik seines Vaterlandes und auf die internationale Politik des klassenbewußten Proletariats ausübt. Ueber große Dinge sollte er sprechen, über Völkerfrieden und Gerechtig⸗ keit. Und nun steht ein kleiner Redner vor Ihnen und über eine kleinliche Sache muß er sprechen, über die geistige Armseligkeit und politische Rückständigkeit preußisch⸗deutscher Polizeipolitik. Eine Kundgebung des festen, des unbeugsamen Willens des Proletariats, den internationalen Frieden auch gegen die Bestrebungen der herrschenden Klassen aufrechtzuer⸗ halten, sollte diese Versammlung sein. Und nun müssen wir uns dagegen verwahren, daß im 20. Jahrhundert mit brutaler Polizelfa u st einem Mann wie Jaures der Maulkorb aufgedrückt worden ist. Nun müssen wir das deutsche Proletariat aufrufen zu einem Protest, daß die deutsche Arbeiterklasse nicht Teil hat an der Blamage, mit der sich Bülow vor Europa bloßgestellt hat. O, wie armselig müssen die Grundlagen der Regierung sein, daß sie von einer Friedensdemon⸗ stration die Stärkung der„staatsfeindlichen“ Bestrebungen der Sozialdemokratie fürchtet!“ Die Rede war von stürmischem Beifall be⸗ gleitet und das zum Schluß ausgebrachte Hoch auf die internationale Sozialdemokratie war die Bestätigung der moralischen Niederlage der deutschen Regierungskunst! * Unser K. W.⸗Mitarbeiter sendet uns zu dieser Affaire folgenden Artikel: „Das Fiasko der sozialdemokratischen Friedensaktion.“ So überschreibt die Darmstädter Zeitung mit unverkennbarer Schadenfreude ihren Leit⸗ artikel vom 7. Juli über den Fall Jaurés. Natürlich hat nach ihrer Meinung Bülow daran recht getan, als er unserm französtschen Genossen die beabsichtigte Rede für den Frieden in Berlin verbot. Elnmal sprechen dafür die„patriotischen“ Blätter Frankreichs, welche das Bülow'sche Verbot als einen Beweis echter Vaterlandsliebe loben. Das sind die klerikalen Chauvinisten⸗ blätter, die im Hetzen gegen Deutschland, im Warmhalten des Reva chegedankens einen Hauptzweck ihres Daseins erblicken. Ist es nicht ein„Stück nationaler Charakter⸗ losigkeit“, sich auf die Seite dieser Laudes⸗ feinde zu stellen, bloß, weil man diesmal ihre Worte gegen die„böse“ Sozialdemokratie ver⸗ werten kann? Aber natürlich uns, der„ent⸗ ——— r — ̃— ũ MV——— 3 5 5 * ——— 535 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. arteten Menschenrasse“, gegenüber hören selbst alle nationalen Rücksichten auf.. Der zweite Beifallsgrund, den die Darm⸗ städterin für Bülow hat, ist der, daß er eine Kontrollierung der Diplomatie durch die Sozial⸗ demokratie mit seinem Verbot ein für alle Male abzulehnen sich entschlossen zeigt. Natürlich! was braucht auch die weise Diplomatie der Kontrolle! Vor Allem diejenige Partei hat doch kein Recht, in der auswärtigen Politik mitzusprechen, deren Urteile sich durch eine un⸗ angenehme Selbständigkeit auszuzeichnen pflegen. Daß zu dieser Partei der größte Bruchteil gerade des schaffenden deutschen Volkes gehört, ist für diese Politiker ganz nebensächlich. Als drittes wird dann in phllisterhafter Selbstgenügsamkeit betont, die Regierung brauche nicht zuzulassen, daß fremdländische Sozial⸗ demokraten bei uns für die deutsche Sozial- demokratie„Reklame machen“, denn das „sollte ja doch der eigentliche Zweck der Uebung fein“. Allerdings sollte die Versammlung so gut wie jede andere auch wieder neue Anhänger für unsere Ideale zu gewinnen suchen, sollte die Herzen einmal wieder erwärmen für Ziele, die über den engen Alltagsgesichtskreis konser⸗ vativen Spießbürgertums weit hinaus liegen, sollte Gedanken aussprechen, die über die ängstlich behüteten und immer wieder künstlich verschärften Grenzen der Nationen hinüber den Menschen mit dem Menschen verbinden. Die trivialen Ausdrücke, die die Darmstädterin dafür gebraucht, zeigen eben nur ihre eigene Boshaftigkeit und Verständnislosigkeit uns gegenüber. Da sind fast die Gründe besser, die Fürst Bülow in seinem Erlaß an den deutschen Botschafter in Paris angibt. Wenn er darin auch unserm Genossen Jaurès die Tür vor der Nase zuriegelt und auf diese billige Weise das herbeiführt, was die Darmstädterin so schief als„Fiasko“ bezeichnet, so erkennt er doch andererseits die hohe geistige Bedeutung des französischen Sozialistenführers an, und daß er überhaupt ihn einer feierlichen offiziellen Note würdigt, zeigt ebenfalls, wie sehr er ihn als Macht zu respektieren genötigt ist. Diese Anerkennung des französischen Sozialismus geschieht freilich auf Kosten des deutschen, auf den einige plumpe Steinwürfe in der Note abzielen. Die deutsche Sozialdemokratie heißt es da, sei zu„rückständig“ und„staats⸗ feindlich“ gegenüber der praktischeren und patriotischeren Richtung, die Jaures in Frank⸗ reich vertrete. Sollte nun nicht eigentlich Fürst Bülow, wenn er auch nur einigermaßen er⸗ zieherisches Talent besäße— was freilich von einem liebenswürdigen Diplomaten, der sich mit Augenblickserfolgen zu begnügen pflegt, durchaus nicht erforderlich scheint— sollte er nun nicht eigentlich erst recht den Vertreter einer von ihm so anerkannten Richtung zu uns sprechen lassen, um durch das gute Beispiel auf unsere„Rückständigkeit“ zu wirken? Oder glaubt der Fürst, das seine Abweisung Jaures' und der Steinwurf gegen uns die von ihm l freundlichere Stimmung rascher er⸗ zie Aber nun zum Hauptpunkt, zu unserer Rückständigkeit und Staatsfeindlich⸗ keit! Wenn zwei sich feind sind, muß immer die Schuld da nur auf der einen Seite liegen? Daß wir dem Staate, den Herr von Bülow vertritt, feindlich gegenüber stehen, das können wir nicht leugnen. Ob aber die französischen Sozialisten in unsern Verhältnissen auch „patriotischer“ wären? Man vergleiche doch einmal mit unserer klerikalen Schulkompromiß⸗ politik, zu der Herr von Bülow in Frankreichs schwärzesten Blättern gratuliert bekommt, die große Bewegung in Frankreich, die kühn ent⸗ schlossen den längst notwendigen Schnitt zwischen Staat und Kirche endlich auszuführen wagte, die ihn nur deshalb ausführen konnte, weil sie dem modernen Geist des Sozialismus einen viel kräftigeren und gerechteren Einfluß gönnt, als bei uns zu Lande denkbar wäre! Dazu der große Gegensatz zwischen Republik und Monarchie! Jeder Staat hat die Par⸗ teien, die er verdient. Und Rußland hut deshalb die blutige Revolution. Will Herr von Bülow etwa auch dort die Schuld der von ihm sogenannten„Rückständigteit“ nur bei den russischen Sozial isten suchen? Wir erinnern an ein altes Geschichtchen von dem Mann, der einen Balken im Auge hatte! Die Reichskanzlernote wird vor Allem der Spieß⸗ bürger im„unabhängigen Amtsblatt“ mit wonnigem Behagen und mit erleichtertem Ge⸗ wissen lesen, und konstatieren, daß nicht er und sein Freund Bülow, sondern die böse Sozialdemokratie an„Rückständigkeit“ leiden. Befriedigt und ungestört bleibt er in satter Bequemlichkeit sitzen und überläßt es erst Ge⸗ schlechtern, die lange nach ihm kommen, die eigentliche kulturgeschichtliche Bedeutung seiner 15 und unsrer Bewegung aus Büchern zu ernen. ö In ganz ähnlichen Gedankengängen bewegt sich die würdevolle Antwort Jaures' in seiner Zeitung„Humanité“(Menschlichkeit): Die Note des Reichskanzlers beweise die immer größer werdende nationale und internationale Bedeu⸗ tung des Sozialismus. Durch alle Höflichkeit der Form hindurch fühle man die innere Be⸗ unruhigung gegenüber dem Sozialismus grade bei derfenigen Regierung, die sich so stark glaubt. Alles Hin⸗ und Herschwanken in Berlin endigte schließlich im reaktionären Anarchismus(wir könnten etwa„rückständige Willkür“ über⸗ setzen). In Deutschland dehne sich ebenso wie jn Frankreich der Instinkt der reaktionären Parkeien gegen die internationale Sozialdemo⸗ kratie aus(der staatserhaltende Ordnungs⸗ parteienbreil). Unsrer Bewegung könne diese Erscheinung nur neue Anhänger gewinnen. „Der deutsche Reichskanzler verschließt mir die deutschen Volksversammlungen, nicht weil ich ein Bürger Frankreichs, sondern weil ich ein Kampfgenosse der deutschen Sozialdemokratie bin, und deshalb kann dieser Zwischenfall das Werk des Friedens nicht stören, das sich zwischen beiden Ländern vollzieht und an dem die Soztalisten mitarbeiten trotz aller „tückstüändigen“ Plactexeie n. Der internationale Sozialismus kennt keinen kindi⸗ schen Aerger, er ist seines Werkes und seiner Zukunft sicher!“ * Badische Nachäffer Bülows. Ein internationales Fest der Sozial⸗ demokratie fand am Sonntag in Konstanz am Bodensee statt. Diese Zusammenkunft ge⸗ staltete sich zu einer wahren Massenkundgebung. Zehntausende von Besuchern aus Baden, Bayern und Württemberg, aus der Schweiz und Vorarlberg, auch viele Russen bewegten sich in den festlich geschmückten Straßen. Die Behörden hatten durch ein großes Gen⸗ darmerieaufgebot und dadurch, daß sie das Militär in der Kaserne konsigniert hielten, sowie endlich dadurch, daß jeder Soldat zwanzig scharfe Patronen aus⸗ faßte, ihrer Angst beredten Ausdruck gegeben. Morgens um 5 Uhr erschien die Polizei beim Obmann Genossen Krohn mit einem Erlaß des Bezirksamtes, daß das badische Mini⸗ stertum allen ausländischen Sozial⸗ demokraten zu sprechen verbiete. Be⸗ gründet wurde diese Blamage mit der„Gefahr der Erörterung der ausländischen Politik der deutschen Regierung“. Der Bezirksamtsvorsteher forderte die schriftliche Verpflichtung der Ausländer, das Verbot achten zu wollen. Natürlich lehnten die ausländischen Genossen diese Zumutung ab, worauf ihnen der Beamte unbedingt das Sprechen verbot. Mittags fand ein Festzug statt, dann hielt Bebel die Festrede, in der er auch mit der badischen Regierung scharf abrechuete und das Verbot als eine Lächerlichkeit brandmarkte, die aber zugleich jeden empören müsse. Es scheine ihm, daß das badische Ministerium auf Bülow's Lorbeeren neidisch geworden sei wegen des Rede⸗ Verbots für Jaurss. Jaurées Handlungsweise war so edel, vernünftig und menschlich geartet, wie sie nur sein kann. Sie war doppelt edel von dem Vertreter einer Nation, die dem Ver⸗ halten Deutschlands gegenüber oft Klage zu führen Anlaß hatte. Man hätte diesem Manne nicht nur die Tore, sondern auch die Arme n K. Whr. öffnen sollen, der als Vertreter Frankreichs kommt, um Frieden und Eintracht zu stiften. Der Erlaß Bülow's zeigt so recht, was seine humanitäre Gesinnung für eine Bedeutung hat. Bebels Rede war mit stürmischen Kundgebungen der Menschenmenge begleitet und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Jetzt erschallten brausende Rufe: Auf nach der Schweiz! Das Wort wurde zur Tat, in endlosem Zuge, der Tausende von Teilnehmern zählte, ging's über die Schweizer Grenze, wo Greulich, Dr. Adler⸗Wien, sowie der Italiener Todeschini in scharfer Rede den Poltzeigeist der deutschen Regierung und die preußische Spitzel wirtschaft in der Schweiz kritisierten. Dann erfolgte der Rückmarsch nach Baden. Nach der Rückkehr nach Konstanz wollte Bebel abermals zu den Versammelten sprechen, doch wurde dies ver⸗ boten,„da eine neue Versammlung nicht an⸗ gemeldet war“. Die Versammelten zerstreuten sich hierauf ohne weiteren Zwischenfall. Der badische Polizeiminister arbeitet nach den Heften des Blamage⸗Bülow, vielleicht hat auch er das Gefühl, daß die deutsche auswärtige Politik unter aller Kritik ist. Wie lächerlich sich diese siebengescheiten Herren mit ihren Poltzeikunststücken vor dem ganzen Auslande machen, begreifen sie offenbar nicht. Desto besser wird es das Volk begreifen! Nationale Charakterlosigkeit. General Trotha, der Führer der deutschen Truppen in Südwestafrika, soll Prä⸗ mien af die Köpfe finde; Anführer gesetzt haben. Der„Vorwärts“ kritisterte dies Verfahren als nicht ritterlich. Daraufhin wirft ihm die Darmstädter Zeitung den Vorwurf der„nationalen Charakterlosigkeit“ an den Kopf. Ihr sind die Hottentottenführer natürlich gar nichts anderes, als„Mörder und Mordbrenner“. Daß sie gegen den fremden Eindringling für ihr Land, ihr Leben, ihre Freiheit kämpfen, ein Gesichtspunkt, der selbst von den Misstonaren Deutsch⸗Südwestafrikas energisch betont worden ist, daß die Praktiken der deutschen Händler und der deutschen Ver⸗ waltung dem Ideal der Humanität und Ge⸗ rechtigkeit vielleicht auch nicht in allen Punkten entsprochen haben, daß man auch in einem Streitfall sich selbst und nicht bloß immer den Gegner zu kritisteren braucht, das sind Ideen⸗ gebiete, in denen die gute Darmstädterin recht wenig zu Hause ist.„Man sollte meinen,“ schreibt ste, die„Erhaltung so vieler Menschen namentlich unsrer Landsleute, sei mehr wert, als das weniger Mörder und Mordbrenner.“ Welch' rührend naives Bekenntnis zu der sonst so pathetisch bekämpften„Jesuitenmoral“, daß, der Zweck die Mittel heiligt. Wenn man übrigens so ängstlich mit Menschenleben ist, weshalb hat man sie denn da überhaupt erst auf's Spiel gesetzt? Das lag doch immerhin von Anfang an im Bereich der Möglichkeit, daß sich die Hereros und Hottentotten ihren besten Besitz nicht ganz gutwillig würden nehmen lassen. Und dann— wie viel Menschenleben und Menschenglück ließe sich auf dem Wege einer etwas energischeren vor der Macht des Mammons weniger ängstlichen sozialen Gesetz⸗ gebung, oder durch Kampf gegen die Lebens⸗ mittelberteuerung im heimischen deutschen Lande selbst bewahren? Wo steht denn da die Darm- städter Zeitung? Der„Vorwärts“ schrieb:„Der ritterliche Soldat soll auch einen gewandten Feind mit den Waffen zu bestegen und nicht durch An⸗ werben von Verrätern und Mördern im eignen Lager unschädlich zu machen suchen“. Ist da⸗ mit etwa ein Urteil über alle einzelnen Mit⸗ glieder der kämpfenden Truppen ausgesprochen? Ist es nicht eine„Verdrehung der Tatsachen“, eine allgemeine„Verleumdung“ aus dieser Kritik zu machen, die sich nur gegen eine ganz bestimmte Maßnahme des einen Generals richtet? Und die Darstellung, als ob uns das Urteil über die geographischen Größenverhältnisse in Afrika oder das Herz für die fürchterlichen Strapazen der armen Opfer unsrer Kolonial⸗ — 29. — Lechs isten. feine hat. ungen mit f die allten eizl Jug, ling's „ Dr. chin ichen schaft te der ikkehr den N ber⸗ t an- leuten lach t hat ärtige herlich ihren, lande Desto . ischen Prä⸗ icher värts“ letlich. eitung igkeit“ führer er und emden „hte selbst afrikas aktiken Ver⸗ d Ge⸗ unkten einem ler den Ideen⸗ i recht einen,“ schen pelt, ennet.“ r sonst 1 daß 1 man el. is, al merhin lichkeit, 1 ihren nehmen enleben Wege cht des Gesetz⸗ geben. N Lande Darn Nr. 29. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. politik abginge, dürfte auch nicht unbedingt beweisbar sein. Wie süßlich sentimental aber klingt der Satz:„Es handelt sich für den General Trotha nicht darum, die militärischen Führer in seine Gewalt zu bekommen, sondern die Häuptlinge, welche nicht dulden, daß ihr armes Volk den Kampf aufgibt und zu friedlicher Tätigkeit zu⸗ rückkehrt“. Welches Mitleid plötzlich mit dem „armen Volk“, dem man Land und Freiheit vorher zu nehmen sich nicht scheute. Wie naiv, die Fortdauer des Krieges ein paar Einzelnen zur Last zu legen, ganz das Schema, nach dem man bei uns daheim eine große kulturhistorische Bewegung wie die Sozialdemokratie sich zu erklären beliebt. Hätte nicht mit demselben Rechte auch Varus einst einen Preis auf den Kopf Hermanns des Cheruskers setzen dürfen? Und was würde die Darmstädterin sagen, wenn man denselben Grund für das Vorgehen der russischen Revolution gegen die kleine höfische Kriegspartei auführen wollte? Tausend Ein⸗ wände hätte sie, natürlich! Vor allem das „nationale Interesse“. Denn, daß es stttliche Ziele gibt, die über dieses hinaus weisen, daß die Nationen selbst sich unter ethische Gesetze zu beugen haben, so gut, wie die Einzelpersön⸗ lichkeiten, das sind Gedanken, die man von „philosophischen Lehrstühlen“, aber nicht von einer„opportunistischen Regierung“ erwarten kann.(Nordd. Allg. Ztg.) Das„nationale Interesse“ ist der Moloch, dem jedes Opfer gebracht werden darf, der Zweck, der jedes Mittel heiligt! Nationaljesuiten!(Staudinger). Und wie vielen ist dabei das nationale Interesse fast völlig bewußt oder unbewußt, mit dem allerpersönlichsten identisch! Die Darmstädterin meint dann weiter, ma könne kaum annehmen, der Verfasser des Vor⸗ wärtsartikels„schreibe aus persönlicher Ueber⸗ zeugung“. Es sei bedauerlich, daß er den Lesern seines Blattes„eine solche geistige Kost“ vorsetzen könne. Es wird von„Volksverführern“ gesprochen, die„von der Lüge und Verhetzung leben“, von„einer entarteten Menschenrasse, die die eignen Landeskinder beschimpft“, es macht sich die Sehnsucht bemerkbar nach„einem Mittel, die Sozialdemokratie zu hindern, unsre tapfern Söhne, unsre deutschen Soldaten und Offiziere, um die uns die ganze Welt beneidet, mit Schmutz zu bewerfen!“ Welche übertriebene Idealisterung nach der einen, welch' gehässige Verzerrung nach der andern Seite! Wir möchten einen Satz der„gerechten“ Darmstädterin mit ein paar kleinen notwendigen Aenderungen dankend zurückgeben:„Es ist be⸗ dauerlich, daß Leute, die vom Redaktionstisch ihre Giftpfeile gegen die Vorkämpfer der modernen Humanitätsbewegung aussenden, nicht gezwungen werden können, einmal selbst mit ihren Landeskindern das unsäglich armselige, eintönige Leben zu teilen, etwa bei mangel- hafter Ernährung unter steter Lebensgefahr lebendig begraben in einem Kohlenbergwerk zu arbeiten, 10—12 Stunden bei 30 Celstus in 40 em hohen Gängen auf dem Bauche liegend, grob behandelt und chikaniert von den Organen der Grubenverwaltung, mit der Aussicht auf ein recht bescheidenes Lebensalter oder auf eine nicht grade behagliche Altersversorgung! In das Leben, meine hochzuverehrenden Herrn Redakteure von„nationalem Charakter“ möchte ich den einen oder andern von ihnen stecken können, Ihnen dann die Reden konservativer Vertreter in Herren⸗ oder Abgeordnetenhaus zu lesen geben dürfen,— ich möchte wetten, daß Sie mit dem Vorwurf„nationaler Charak⸗ terlosigkeit“ nicht mehr so gar einseitig frei⸗ gebig sein würden! K. W. Politische Rundschau. Gießen, den 13. Juli 1905. Die Zehnmillionen⸗Bettelei für Offiziere. Fürst Heuckel von Donnersmarck, ein millionenreicher Großgrundbesitzer, hat bekannt⸗ lich eine Finanz⸗Aktion zur Unterstützung von Offizieren in die Wege geleitet. Im Verein mit einer Reihe Banken will er zehn Milli⸗ onen Mark zu einem Fonds zusammenbringen, aus welchem die Offiziere Zulagen für„standes⸗ gemäßes“ Leben erhalten sollen. Wie die Frankfurter Zeitung mitteilte, ist der Fonds zum größten Teil schon zusammengebracht und soll dem Kaiser am Tage der silbernen Hoch⸗ zeit mit einer vielleicht etwas anders formn⸗ lierten Zweckbestimmung zur freien Verfügung überreicht werden. Fürst Donnersmarck machte in der Kreuzzeitung für seinen Bettelfonds Reklame. Er berief sich auf den Grafen Walder⸗ see, der ihm gegenüber wiederholt geklagt habe, daß die Söhne alter Offiziere und Staats⸗ beamten bedenklich in der Armee abnehmen, was seinen natürlichen Grund darin habe, daß den penstonierten Offizteren und Staatsbeamten, welche den altpreußischen Geist, der allmählich auch in der ganzen deutschen Armee sich ein⸗ bürgere, fortzupflanzen berufen seien, die Mitte! fehlten, um bei der allgemeinen Wertsteigerung und der verhältnismäßigen Beschränktheit ihrer Mittel, ihre Söhne in die Offizierslaufbahn eintreten zu lassen.— So wird also der wider⸗ liche Bettel begründet. Möchte doch die be⸗ sitzende Klasse die ganze Armee aus ihrer Tasche bezahlen! Ueber die Marokkofrage gab der franz. Ministerpräsident Rou vier in der Kammer die zwischen Deutschland und Frankreich erfolgten Vereinbarungen bekannt, und betonte zum Schluß unter dem Beifall des Hauses, daß damit das Einvernehmen böllig hergestellt sei. Eine Konferenz wird noch stattfinden, in der die einzelnen Punkte geregelt werden sollen. Die bayrischen Landtagswahlen. Am Montag haben die Wahlmännerwahlen für den bayrischen Landtag stattgefunden, doch ist ihr Gesamtresultat bis zur Stunde noch nicht zu übersehen. Sie wurden nach dem alten indirekten Wahlrecht vorgenommen, weil ja auch in Bayern eine Wahlreform nicht zu Stande kam infolge des Verhaltens der„Libe⸗ ralen.“ Dadurch war unsere Partei genötigt, vor allem dafür zu sorgen, daß eine Zwei⸗ drittel⸗Mehrheit für das direkte Wahl⸗ recht in den Landtag einzieht. Und da das Zentrum für die Wahlreform eintrat, haben unsere Genossen es unterstützt, wo ein Erfolg für unsere Partei ausgeschlossen war. Das Ziel ist denn auch erreicht worden. Denn soviel steht sicher fest, daß die Zweidrittel⸗Mehrheit vorhanden ist. Einen schmerzlichen Verlust haben wir zu verzeichnen: Nürnberg, das seit 1893 sozialdemokratisch vertreten war, ging an den liberalen Mischmasch verloren. Die Liberalen erhalten die Mehrheit der Wahl⸗ männer, obwohl sie nur 13000 Stimmen aufbrachten, während die Sozialdemokratie 21000 erhielt! Solche verrückte Resultate zeitigt das indirekte Wahl, recht“ mit der von dem freisinnigen Nürnberger Magistrat partetisch zu Gunsten der Liberalen zurechtgetüftelten Wahl⸗ bezirkseinteilung! Diese war nämlich so einge⸗ richtet, daß in vielen Bezirken, in denen wir unterliegen mußten, 6 bis 7 Wahlmänner zu wählen waren, während unsre sicheren Bezirke nur drei oder vier Wahlmänner wählen dürfen. Die sozialdemokratische Wählerschaft in den Bezirken der inneren Stadt ist teilweise erheblich zurückgegangen, weil viele frühere Wohnhäuser in Geschäftslokale umgewandelt wurden und die Arbeiter, die dort wohnten, vielfach in die Vorstädte hinausgezogen sind, wo es uns nicht an Wählern fehlt.— Nach einer vorläufigen Berechnung dürften die Parteien im zukünftigen Landtage in folgender Stärke erscheinen: Zentrum 102(18 mehr als bisher); So⸗ zialdemokraten 10(1 weniger); Bauern⸗ bündler 12(7 weniger); Liberale 34(10 weniger) und ein Demokrat. Deutsche Sireikjustiz. In der vom Genossen Hch. Braun heraus⸗ gegebenen„Neuen Gesellschaft“ werden folgende Gerichtsurteile und Tatsachen aus der neuesten Zeit angeführt: Ein Streikender sagt zu einem Arbeits⸗ willigen:„Wenn Du Geld brauchst, kriegst Du welches aus dem Verbande.“— Das ist eine Beleidigung und wird mit fünf Tagen Ge⸗ fängnis bestraft. „Wir werden Dich schon kriegen“(nämlich in den Verband), ist eine Drohung mit einem Uebel und kostet 1 Woche Gefängnis. „Euch(den Streikbrechern) kommt der Teufel auf den Kopf“— drei Monate Gefängnis! „Klebt Marken, sonst melden wir das dem Vertrauensmann“— drei Wochen bis ein Monat Gefängnis. „Das ist auch einer davon, betrachtet ihn Euch!“— Nötigung, 14 Tage Gefängnts. „Streikbrecher!“— Drei Wochen Ge⸗ fängnis. „Wir werden uns auf der Versammlung mit Dir beschäftigen“— drei Monate Ge⸗ fängnis. „Wir werden Dich bei den Schweinsohren kriegen“— ein Monat Gefängnis. „Pfui“(und Ausspeten) ein Monat Ge⸗ fängnis. „Streikbrecher, Speichellecken“— z wei Monate Gefängnis. „Macht, daß Ihr fortkommt, sonst schieße ich“(und Klappern mit dem Deckel der Schnupf⸗ tabaksdose)— drei Monate Gefängnis. Ein Arbeitswilliger nennt einen Streikenden „Lumpen“ und erhält dafür eine Ohrfeige. Der Amtsanwalt beantragt gegen den Attentäter fünf Monate Gefängnis. Mit dem Aus⸗ druck Lumpen sei niemand beleidigt worden, da man Besttzlose gemeinhin als Lumpen be⸗ zeichne— Urteil sechs Wochen Gefängnis. Das Herrenhaus des preußischen Landtages beschloß am 28. Juni die königliche Staats⸗ regierung zu ersuchen, sobald als möglich und mit allem Nachdrucke Maßregeln zu ergreifen, welche geeignet sind, den Arbeitswilligen den⸗ jenigen Schutz zuteil werden zu lassen, auf welchen sie einen berechtigten Anspruch haben. Opfer der Bergarbeit. Die Zahl der Menschenleben, die bei den Bergwerksbetrieben das Jahr über zu grunde gehen, ist auch jetzt noch eine sehr bedeutende, trotzdem die fortgeschrittene Technik Mittel genug zur Sicherung der tief unter der Erde Arbei⸗ tenden an die Hand gibt. Das profitgierige Kapital fragt aber nichts nach Menschenopfern; die vorhandenen Mittel zum Schutze des Lebens der Arbeiter werden ungenügend oder auch gar nicht angewendet.— Erst in voriger Woche gingen auf der Zeche„Holland“ bei Bochum 6 Bergleute elend zu grunde, die bei einem infolge Exploston ausgebrochenen Grubenbrand erstickten. Und am Montag kam schon wieder die Nachricht von einem schrecklichen Grubenunglück, das sich auf der Zeche „Borussia“ bei Dortmund ereignete. Dort geriet ebenfalls infolge einer Lampenexplosion die ganze Zeche in Bran d. Von der Morgen⸗ schicht befanden sich 287 Mann in der Grube. 248 Bergleute konnten sich retten; alle andern 39 sind erstickt. Die Toten müssen von den Rettungsmannschaften unter der Erde/ Stunden weit in einem engen Stollen getragen und dann auf dem Rücken durch den engen Luftschacht zutage gebracht werden. Es ver⸗ gehen infolgedessen Tage, bevor Leichen heraus- geschafft werden können. Bis Mittwoch Abend waren noch keine geborgen! Die amtliche Mut⸗ maßung, daß vielleicht noch Leute am Leben sind, dürfte sich kaum als zutreffend erweisen.— Im Jahre 1904 kamen im deutschen Bergbau nicht weniger als 9879 schwere und tödliche Unfälle vor! Die russische Revolution. Das revolutionäre Kriegsschiff„Potemkin“ hat sich am Sonntag den Rumäniern im Hafen von Constanza(Köstendsche) ergeben. Die Besatzung des Schiffes wurde von der zahlreichen Bevölkerung, die den Kai belagerte, freudig begrüßt. Auf dem Schiff waren 200 Matrosen sozialistischer Gesinn⸗ ung, die sich für die Uebergabe des„Potemkin“ erklärten, unter der Bedingung, daß das Schiff nach der Gewährung einer Verfassung Rußland zurückgegeben würde. Das Kommando des r ä————-—.——ͤ—j————— 3————————— Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 29. Schiffes wurde rumänischen Offizieren übergeben. Der Matrose Matuschenko, wahrscheinlich der eistige Urheber der ganzen Bewegung, war für Fortführung des Kampfes, die Mehrheit dagegen. Er unterwarf sich dem Beschluß der Mehrheit. Die Offiziere des„Potemkin“, die gezwungen denselben führten, werden eine ent⸗ sprechende Erklärung dem dortigen russischen Konsul abgeben. Die rumänische Regierung erklärte offiziell, daß sie unter keinen Um⸗ ständen die Matrosen des„Potemkin“ der russischen Regierung ausliefern würde. Die Mannschaften des„Knjäs Potemkin“ werden als Deserteure behandelt. Da zwischen Ruß⸗ land und Rumänien für solche kein Ausliefe⸗ rungsvertrag besteht, hat Rumänien keine Ver⸗ anlassung, die Mannschaft auszuliefern. Die Mehrzahl der„Meuterer“ wird nach Amerika auswandern. Der Moskauer Stadthauptmann, Graf Schuwalow, wurde am Dienstag von einem einfach gekleideten Manne erschossen, der mt mehreren andern als Bittsteller im Amtszimmer des Stadthauptmanns erschienen war. Der Täter feuerte aus einem Revolver mehrere Schüsse aus nächster Nähe auf den Grafen ab, der nach einer Stunde starb. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — In der Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag kamen Dinge von besonderer Wichtigkeit nicht zur Verhandlung. Hervorzu⸗ 1 55 ist ein Beschluß, wonach die Stein⸗ rüche im Stadtwalde nach Ablauf der Pachtzeit nicht weiter verpachtet, sondern in städtischen Betrieb genommen werden sollen. Die Angelegenheit wird im Anschluß an eine Vergebung von Pflasterstein⸗Lieferung ver⸗ handelt. Der Oberbürgermeister begründet diesen Antrag der Baukommission mit dem Hinweis darauf, daß die Stadt bedeutende Mengen Steine und Deckmatertal brauche, so daß der Betrieb sicher rentieren werde. Mit der Sand⸗ grube habe man auch günstige Erfahrungen gemacht. Mehrere Staotverordnete sprechen sich dagegen aus, doch wird dem Antrag der Bau⸗ kommission schließlich zugestimmt. Auf die vorgebrachten Bedenken, daß sich dann die An⸗ fe eines Fuhrparks notwendig machen würde, bemerkt der Oberbürgermeister, daß man ohnedies um die Anschaffung eines solchen nicht herumkomme.— Der Preis des Sandes aus der städtischen Sandgrube wird auf 2 Mark pr. cbm. ab Lagerplatz und 3.50 Mk. Lieferung auf Bauplatz festgesetzt.— Ueber Anbringung von Lüftungsklappen in der Stadtmädchen⸗ schule entspinnt sich eine lange Debatte. Stadt⸗ verordnete Jann bezeichnete diese Klappen als höchst gesundheitsschädlich. Von Haberkorn und andern wird jedoch ausgeführt, daß es so schlimm nicht sei und es wird im Sinne des Antrags beschlossen.— Auf dem neuen Fried⸗ hofe will der Oberbürgermeister eine Teich- anlage im Vorhof der Kapelle angelegt wissen, damit ein klein wenig Leben dorthin komme. Stadtverordneter Kirch will dort kein Wasser haben, er liebt sich die unbedingte Ruh'. Die Sache wird vertagt.— Für das Feuer⸗ wehrfest wird Gas, Wasser und Elektrizität umsonst geliefert. Hoffentlich finden die Ar⸗ beiter das gleiche Entgegenkommen, wenn sie mal ein 5 0 Fest abhalten. — ohnungs⸗Aufnahme. Wie schon kürzlich mitgeteilt, veranstaltet die hiesige Ortsgruppe der Bodenreformer eine Erhebung über die Wohnungsverhältnisse in Gießen. Zu diesem Zwecke werden Fragebogen ausgegeben, die von freiwilligen Helfern(Studenten, Ge⸗ werkschaftsmigliedern) ausgetragen und auch ausgefüllt werden.— Zur Besprechung dieses Vorhabens fand am Samstag eine Versamm⸗ lung in Lonys Bierkeller statt, in welcher Genosse Krumm den Zweck einer solchen Aufnahme darlegte. Er führte aus, daß, wenn man in einer Sache auf soztalem Gebiete etwas tun wolle, dann müsse man durch statistische Feststellungen die Grundlagen schaffen. Die Wohnungsfrage stehe fast noch über der Lohn⸗ frage und gerade ste sei vou der Arbetter— Bewegung vernachlässtgt worden. Auch hier in Gießen sind die Wohnungsverhältnisse teil⸗ weise sehr schlechte, er brauche nur auf ver⸗ schiedene Gassen hinzuweisen. Die Stadtver⸗ waltung müsse stets gegen den Grundstücks⸗ wucher auf dem Posten sein, denn er bilde eine Gefahr für die Allgemeinheit und habe das Wohnungselend mitverschuldet. Der Grund und Boden werde in der raffiniertesten Weise ausgeschlachtet. Infolgedessen fehle Luft und Licht nicht nur in den Wohnungen, sondern auch freie Plätze und Anlagen werden beschnitten. Letztere sind hier schon an verschiedenen Stellen verschandelt worden. Unter den heutigen Ver⸗ hältnissen leiden die Arbeiter mit Kindern am meisten. Die Kinder kommen in stttliche und moralische Gefahr durch die heutigen Wohnungs⸗ ustände. Besserung sei nur zu erwarten, wenn tese Schäden offen dargelegt würden und daran müsse jeder mithelfen. Herr Dr. med. Arndt führte dann sehr eingehend aus, welche Forde⸗ rungen man in der Wohnungsfrage vom e Standpunkt aus stellen müsse. n die beiden Referate schloß sich eine lange Diskussion, auf deren Einzelheiten wir jedoch nicht eingehen können. Es meldeten sich eine Anzahl zur Mithilfe bei der Aufnahme.— An die Wohnungsinhaber ergeht die Bitte, den mit der Erhebung Beauftragten alle nötigen Aus⸗ künfte zu erteilen. — Eine Bismarcksäule will die hiesige Studentenschaft auf dem Hardtberge errichten. Das hat auch die Menschheit am allernötigsten gebraucht! Was sollten auch die Jünger der Wissenschaft anders treiben... 2 — Auf dem Braunsteinbergwerk ereignete sich am Samstag ein schweres Un⸗ glück. Die Steiger Becker, Appel und der Vorarbeiter Häuser wollten einen Schacht befahren, der längere Zeit außer Betrieb war. Dabei riß das Förderseil und die drei Leute stürzten in die Tiefe. Sie zogen sich alle drei schwere Verletzungen, besonders Beinbrüche zu und wurden nach der Klinik gebracht. Dabet zeigte sich der Mißstand, daß auf dem Werke nicht einmal eine ordentliche Tragbahre oder Krankenwagen vorhanden ist, was in einem fonte Betriebe doch unbedingt der Fall sein ollte. Aus dem Rreise gießen. * Herr Pfarrer Beckel in Grüningen schickt uns nochmals eine Berichtigung, in der er erklärt: 1. Es ist un wahr, daß der Neffe des Verunglückten H. Hubler„bereits an dessen Todestag im Pfarrhaus vorgesprochen habe.“ Niemand weiß im Pfarrhaus etwas davon. 2. Die der Frau des Pfarrers in den Mund ge⸗ legte Aeußerung,„der Pfarrer komme erst um 6 Uhr zurück,“ ist un wahr. Die Frau des Pfarrers wußte ganz genau von dessen Rückkehr um 2 Uhr und hat dementsprechend den betr. Angehörigen am Sams⸗ tag Morgen bedeutet. Es liegt in diesem Falle durchaus kein Mißverständnis vor. Wir müssen es unserem Gewährsmann überlassen, sich dazu zu äußern. — In Lindenstruth wurde am Samstag vor acht Tagen ein Arbeiterverein gegründet, dem so⸗ fort eine Anzahl Mitglieder beitraten. Bei der Vor⸗ standswahl wurde Ludwig Eckhardt zum Vorsitzenden, Heinrich Deines zum Kassierer und Joh. Schild zum Schriftführer gewählt. Hoffentlich gelingt es dem Vor⸗ stande recht bald, die meisten dortigen Arbeiter durch unablässige Aufklärungsarbeit unserer Organisatlon zu⸗ zuführen, damit sich diese zum Nutzen unserer Sache kräftig entwickele! Selbstverständlich müssen alle Mit⸗ glieder den Vorstand dabei nachdrücklichst unterstützen! — In Garbenteich wurde ebenfalls ein Wahlverein gegründet, der sich ganz vor⸗ trefflich entwickelt. Doch gibt der Wirt zum „grünen Baum“, mo die Arbeiter bisher ver⸗ kehrten, sein Lokal nicht her. Die Garbenteicher Arbeiter werden sich zu helfen wissen. Sie müssen ja nicht gerade bei diesem Wirte ihre Groschen verzehren!— Samgtag,(15.) Zusammenkunft im„Kühlen Grund“. Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen. n. Ein Gewerbegericht für Friedberg zu errichten, hat die Stadtvertretung schon längst beschlossen. Das Statut hat auch kurz darauf die Genehmigung des Ministerlums gefunden und ist von der Bürger meisterei veröffentlicht worden. Ordnung bis auf die Wahl der Betsitzer, Woran mag es liegen, daß diese nicht angeordnet wird? Es wäre wirklich an der Zeit, damit endlich die hier sehr notwendige Einrichtung in Funktion treten könnte. J. Der Arbeiter⸗Gesang verein„Vorwärts“ feiert diesen Sonntag, den 16. Juli, sein Stiftungs⸗ und Sommerfest im Garten der„Concordia“ bei Ihl. Nachmittags geht ein Festzug durch die Stadt von der Burg aus nach dem Festplatze. Es wird auf recht zahlreiche Beteiligung der Arbeiterschaft Friedbergs so⸗ wohl an dem Festzuge, wie an der Veranstaltung über⸗ haupt gerechnet. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Eine Partetversammlung für den Wahl⸗ kreis Wetzlar⸗Altenkirchen findet Sonntag, den 30. Juli nachmittags 3½ Uhr im Lokale„Wiener Hof“ in Gießen statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Das neue Organisationsstatut; 2. Parteitag in Jena; 3. Par⸗ teiangelegenheiten unseres Wahlkreises; 4. Verschiedenes. Die Parteigenossen des Kreises wollen dazu recht zahl⸗ reich erscheinen. — Die Bürgerliste für Wetzlar und Nieder⸗ girmes liegt vom 15. bis 30. Juli auf dem Rathause Zimmer Nr. 2 zur Einsicht auf. Für jeden Einwohner ist es von großem Werte, sich zu vergewissern, daß sein Name in dieser Liste eingetragen ist. Wer nicht in der Liste steht, kann bei einer Gemeindewahl nicht wählen. Einwendungen gegen die Richtigkeit der Liste müssen sofort bei dem Bürgermeister erhoben werden. h. Eine Bergarbeiter⸗Versamm⸗ lung fand am Sonntag im„Klosbergergarten“ statt. Der Kassierer des Bergarbeiter-Ver⸗ bandes, Paul Horn aus Bochum, fand mit seinen Ausführungen über den Nutzen der Organisation und seiner Schilderung des großen Bergarbeiterstreiks bet den 300— 400 Erschienenen starken Beifall. Herr Schlott von den Buderus⸗Werken hatte sich auch eingefunden und es hieß, er werde dem Referenten entgegen⸗ treten. Es meldete sich aber, trotz wiederholter Aufforderung, niemand zum Wort. Jedenfalls hatten die Ausführungen Horns den Herrn überzeugt und er wird hoffentlich in Zukunft es nicht mehr verbieten, wenn wieder einmal für streikende Bergarbeiter gesammelt werden soll. 183 Bergleute ließen sich aufnehmen und es gehören jetzt etwa 400 dem Verbande an. Ein sehr erfreultcher Fortschritt! 0 * Herr Pfarrer Zimmermann in Bacharach welcher früher im Wetzlarer Kreise amtierte, hatte sich an Montag vor dem Schwurgericht in Koblenz wegen Meineids zu verantworten. Die Geschworenen ver⸗ neinten jedoch die Schuldfrage, worauf Freisprechung erfolgte.— Herr Zimmermann ersucht uns in einer Zuschrift, daß wir nach diesem Ausgang erklären sollen, wir hätten ihm in einer in Nr. 50 v. Js. gebrachten Notiz Unrecht getan und bedauerten dies. Eine solche Erklärung können wir nicht abgeben. Wir wünschen gewiß Herrn Zimmermann Glück zu seiner Freisprechung — denn wir wünschen selbstverständlich auch keinem politischen Gegner das Zuchthaus— aber was wir damals in der Notiz sagten, war dem Urteile des Koblenzer Gerichts entnommen und nicht, wie Herr Z. meint, aus ihm feindlichen Hetzartikeln. Wir werden in nächster Nummer etwas eingehender darauf zurück⸗ kommen. 8. In Krofdorf ist diesen Sonntag Kriegerfest. Jeder halbwegs aufgeklärte Arbeiter kennt die mords⸗ patriotischen Tendenzen, welche die Kriegervereine ver⸗ folgen und wie feindlich sie sich gegenüber der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung verhalten und so den Kampf der Arbeiterschaft um bessere Existenzbe⸗ dingungen erschweren, Darum lassen verständige Arbeiter die Leute unter sich. Das ist auch schon deshalb zu empfehlen. weil es auf solchen Festen erfahrungsgemäß häufig sehr kriegerisch zugeht. Am Sonntag gab es z. B. auf dem Kriegerfest in Dillhausen eine große Schlägerei. Vier Burschen wurden durch Stiche schwer verletzt, darunter einer so bedeutend, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. J. In vielen Landgemeinden sind keine Totengräber angestellt, sondern es müssen die Nach⸗ barn ꝛc. des Verstorbenen das Grab herrichten. Das führt, wie schon vor einiger Zeit einmal in der Mitteld. S.⸗Ztg. dargelegt wurde, vielfach zu Mißhelligkeiten. So ging's kürzlich einen Arbeiter aus Felling s⸗ hausen, dem sein Arbeitgeber heftige Vorwürfe machte, weil er einen halben Arbeitstag wegen der Totengräberarbeit versäumt hatte. Es wäre doch viel vernünftiger, wenn die Gemeinden für solche Arbeiten jemand anstellen würden. Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain. — In der Wahlvereinsversammlung am Samstag sprach Genosse Dr. Michels über„Marokko“. Es ware also soweit ales in .—— Nr. 29. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. ähnliches mehr. Nachdem er zunächst eine drastische Schilderung der heutigen Diplomaten gegeben hatte, welche, niemals aus anderen als altadeligen Kreisen stammend, in gesell⸗ schaftlicher und sportlicher Beziehung meist größere Fähigkeiten aufweisen als in geistiger, entwickelte er in kurzen Zügen die wolitische Lage Europas während der letzten Jahrzehnte. 1 Dem Dreibund von Mitteleuropa, Deutschland, Oesterreich, Itaken, stand der Zweibund Frankreichs mit Rußland gegenüber, während England lange Jahre hindurch völlig issltert war. In der letzten Zeit jedoch gestalteten sich die franko⸗englischen Beziehungen immer herzlicher, bis zu dem Abschluß eines Schieds⸗ gerichtsvertrages und jenen berühmten marolkanischen Abmachungen, laut deren Frankreich auf alle ägyptischen Ansprüche verzichtet, dafür aber in Marokko, wo die un sicheren Zustände einen Eingriff von Seiten der europälschen Mächte pravoziert haben, völlig freie Hand erhielt. Auch Spanien schloß sich dieser Abmachung an. — In Deutschland regte sich damals kein Mensch über dieses Ereignis auf, aur der antisemitische Hetzgraf Reventlow interpellierte im Reichstag den Grafen Bülow wegen seiner Stellungnahme in dieser Frage, ohne jedoch bei irgend einer anderen Partet Anklang zu finden. Graf Bülow selbst erklärte, daß alles in bester Ordnung sei, und so galt denn die Sache als abgemacht, bis plötzlich in diesem Frühjahr der deutsche Kaiser den Sultan von Marokko mit seinem Besuche beehrte und in Tanger eine heftige Rede gegen die französische Ein⸗ mischung in die marokkanischen Angelegenheiten hielt. Damit war plötzlich über Nacht die marokkanische Frage in die Welt gesetzt. Nun ertönten in den bürgerlichen Blättern Klagen über Klagen, daß die deutschen Interessen in Marokko nicht genügend gewahrt seien, daß Deutsch⸗ land von Frankreich in seiner Würde gekränkt sei und Ausfuhr nach Marokko auch nicht einmal durch Frank⸗ reich bedroht worden war. So, führte Redner weiter aus, wäre das deutsche Volk und mit ihm die deutsche Arbeiterschaft um ein Haar in einen Krieg ge⸗ stürzt worden, ohne auch nur zu wissen, für welche „heiligsten Güter der Nation“ sie eigentlich in den Kaiapf zögen! Zum Schluß kommt Genosse Michels noch auf das Verhalten der Sozialdemokratie in der Marokko⸗ frage zu sprechen und gibt seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß, während die französischen Arbeiter, z. B. in Limoges, große Demonstrationen für Erhaltung des Friedens veranstaltet hätten, die deutsche Partei sich nicht im Geringsten um die ganze Marokkofrage gekümmert habe. Auch Jaurés sei nicht von den deutschen Genossen zu einer Fahrt nach Berlin aufge⸗ fordert worden, sondern habe sich vielmehr selber ein⸗ geladen. Unter lebhaftem Beifall verurteilte Redner das Verbalten Bülows gegenüber dem Genossen Jaurès. — Es set dringend nötig, daß die sozialdemokratische Partet unseren Herren Diplomaten etwas besser auf die Finger sähe, um solchen ernsten Verwicklungen künftighin schneller vorzubeugen, nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch aus rein egoist schen, da ein derartiger Krieg die gesamte Arbeiterbewegung auf Jahre hinaus lahm legen würde.— Eine Diskussion schloß sich an den Vortrag nicht. Nachdem mehrere Mitglieder auf⸗ genommen, ermahnte der Vorsitzende die Parteigenossen, vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß unsere Partei⸗ zeitungen, Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung und Frank⸗ furter Volksstimme immer mehr im Kreise verbreitet würden. Scharf bekämpft müsse dagegen die Schund⸗ literatur werden, um deren Absatz sich jetzt Agenten bemühen. Man solle den„Freien Stunden“ als einer billigen und guten Romanbibliothek mehr Eingang Trotz aller Aufregung aber, und trotz des Ernstes, den die Situation zeitweilig hatte, weiß; bis heutzutage noch imer kein Mensch, warum es sich eigentlich handelt, da die eine einzige Million deutsche zu verschaffen juchen. Versammlung. — Eingesandt. Genosse Dr. Michels hat in der letzten Versammlung im Wahlverein in seinem Vortrage doch einige allzu kühne Behauptungen aufge⸗ stellt. So machte er unserer Partei den Vorwurf, daß erst Genosse Jaures aus Paris sich selbst einladen mußte(nach Zeitungsberichten ist er aber von den Berliner Genossen eingeladen worden), um die deutsche Sozialdemokratie aus ührem Schlaf aufzurütteln. Ob Gen. Dr. Michels bisher auch geschlafen hat, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls aber hat die deutsche Sozlaldemokratie bis heute ihre auferlegten Pflichten treu und redlich erfüllt. Das zeigen uns zur Genüge die Erfolge bet verschiedenen Wahlen usw. usw. Daß auch die Sozialdemokratie des Kreises Marburg nicht geschlafen hat, das zeigen auch unsere Erfolge. Der Wahlverein wächst von Versammlung zu Versammlung und ebenso die Gewerkschaften. Rösler. — Eine Auskunftsstelle für Rechts schutzsachen hat die Gewerkschafts⸗ kommission zu errichten beschlossen. Geeignete Genossen, die gewillt sind diese Stelle zu über⸗ nehmen, möchten sich bis zum 20. Juli beim Vorfitzenden der Gewerkschaftskommission melden. Warnung! Streikbrecher werden in der hiesigen„Hess. Landeszeitung“ nach Düsseldorf gesucht bon dem Schreinermeister Max Werner. Da dort seit dem 1. Juli die Schreiner ausgesperrt sind, kann es sich nur um solche Elemente handeln, die ihren Kollegen in den Rücken fallen und sich als Herausreißer für das Unternehmertum ge⸗ brauchen lassen sollen, zu welcher Ehrlosigkeit sich kein Marburger Schreiner hergeben wird. Bezeichnend ist aber für die„Hess. Landesztg.“, daß sie Streikbrechergesuche aufnimmt, während sie doch sonst immer tut, als hätte sie etwas für die Besserung der Lage der Arbeiter übrig. Auf das Gewerkschaftsfest noch⸗ mals hinzuweisen, erübrigt sich eigentlich, denn in den Marburger Arbeiterkreisen freut sich alt und jung schon längst darauf, ein paar ver⸗ gnügte Stunden unter Gleichgesinnten verleben zu können. Das Festprogramm ist so reich⸗ haltig wie in früheren Jahren und außerdem werden wir diesmal das Vergnügen haben, uns an den turnerischen Leistungen der„Freien Turnerschaft Ockershausen“ erfreuen zu können. Aus dem Inserat sind ja weitere Einzelheiten ersichtlich. * Schlimmer Jugenderzieher. Von der Marburger Strafkammer wurde am vorigen Freitag der Volksschullehrer Friedrich Pfeiffer aus Nassenerfurt bei Homberg wegen Sittlichkeits verbrechen au Grund des§ 176 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Damir schloß die jehr gu, besuchte Partei-Uachrichten Parteigenossen! Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Jena statt. Auf Grund der Bestimm⸗ ungen der§§ 7, 8 und 9 der Parteiorganisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 17. September, abends 7 Uhr, nach Jena, in das Lokal„Volkshaus“, Karl Zeiß⸗Platz, ein. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Die diesjährige Kreiskonferenz findet am Sonntag, den 13. August, vormittags 10 Uhr, im Lokale des Genossen Orbig in Gießen statt. Tagesordnung: 1. Vorstands⸗ und Kassenbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes. 3. Die Landtagswahlen. 4. Parteitag in Jena. 5. Verschiedenes. Die Parteivereine im Kreise werden ersucht, die Wahlen von Delegierten nach Maßgabe des Kreisstatuts alsbald vorzunehmeu. Orte, in denen keine Organisation besteht, können ebenfalls einen Delegierten wählen. Mandatsformulare sind vom Vertrauensmann Au gu st Bock, Gießen, Dammstraße 22, zu beziehen. An⸗ träge zur Tagesordnung, sowie Wünsche in Bezug auf den Ort des nächstjährigen Kreisfestes wolle man recht⸗ zeitig an den Vorsitzenden Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44, gelangen lassen. Der Vorstand des Kreiswahlvereinus. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Gemäß§ 11 der Statuten und laut Beschluß des erweiterten Vorstandes wird die Generalversammlung des Kreiswahlvereins (Kreiskonferenz) auf Sonntag, den 30. Juli d. J., vormittags präzis 10 Uhr, nach Helden bergen bei Gastwirt Schneider einberufen. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Jahres- und Kassenbericht des Vorstandes; Bericht der Bezirksleiter; Neuwahl des Vorstandes. 2. Die bevorstehenden Landtagswahlen. 3. Die diesjährige Landeskonferenz. 4. Der diesjährige Parteitag und eventl. Wahl eines Delegierten. 5. An⸗ träge und Verschiedenes. Die Filialen werden ersucht, die Delegiertenwahlen nach§ 13 des Statuts vorzunehmen. Etwaige An⸗ träge sind bis spätestens den 25. Juli an den Kreis— vorstand einzureichen. Die Bezirksleiter werden ersucht, für ange⸗ messene Bekanntmachung in ihrem Bezirke Sorge zu tragen. Die noch ausstehenden Abrechnungen sind nunmehr umgehend an mich einzusenden. Friedberg, 12. Juli 1905. Mit Partei⸗Gruß Der Vorstand. J. A. Gustav Kühn. Versammlungskalender. Samstag, den 15. Juli. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag. den 16. Juli. Heuchelheim. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 3½ Uhr Versammlung bei Ferd Kröck. Samstag, den 22. Juli. Schotten. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver- sammlung bei Wirt Müller. Parteifreunde! gu nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung Bemüht enorm billigen Preisen. Einen größeren Posten zurückgesetzte farbige und schwarze Schuhe für Herren, Damen und Kinder verkaufe ich mit 20 Prozent Rabatt welche direkt an der Kasse in Abzug gebracht werden. L. Süss Ferusprecher 434. Se Marktstraße 9. = fRäumungs- Verkauf Fommer⸗ Schuhwaren Um mein großes Lager in farbigen Schuhwaren zu verkleinern, verkaufe solche zu Wettergasse. 1 Veleinigte bewestschaften AMaburgs! Sonntag, deu 16. Juli 1905, von 2 Ahr ab Grosses Sommerfest auf der Schanze(oberhalb der Landesheilanstalt) Gesangsvorträge des Gesang⸗Vereins„Eintracht“, turuerische Aufführungen der„Freien Turnerschaft Ockershausen“, Ronzert, Kinderbelustigungen und Preisschießen. 1 Fesir de des Stadtverordneten E. Krumm Gießen. Um 6 Uhr: Aufsteigen zweler Riesenluftballons. Um 8 Uhr: Lampionzug durch die Stadt nach Café Onentin, daselbst TANZ Zahlreiche Beteiligung der Arbeiterschaft Marburgs und Um⸗ gegend erwartet Bei ungünstiger Witterung von 4 Uhr nachm. ab im Café Quentin. es Die Gewerkschafts-Kommission. ——— — F—————— c——ß— 25 5 8 8 C 5 4 1 4 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitnug. Von Nah und Lern. 50 000 Mark für Feste. Die bürgerlichen Stadtväter in Leipzig haben zur festlichen Einweihung des neuen Rathauses das nette Sümmchen von 50000 Mk. bewilligt. Da zeigt sich wieder, wie mit dem Gelde der Steuerzahler gewirt⸗ schaftet wird. Für notwendige, im Interesse der Gesamtheit liegende Dinge fehlt es aber immer an Mitteln. Hätte man diese Summe zu Lohnaufbesserungen für die städtischen Ar⸗ beiter verwendet, wäre es jedenfalls vernünftiger gewesen. Betrügerische Ordnungsstütze. Der Amtsvorsteher Gutsbesitzer Reuß ner, Rittmeister d. L., erschoß sich in dem Orte Cospa bei Delitzsch, und zwar Angesichts einer angekündigten Revision der ländlichen Spar⸗ und Darlehnskasse. Es stellte sich, wie dem Halleschen Volksblatt geschrieben wird, heraus, daß R. die genannte Kasse um rund 100000 Mk. geschädigt hat. Aerztlicher Standesdünkel. Vom Ehrenrat des ärztlichen Bezirksvereins zu Freiberg in Sachsen war der praktische Arzt Dr. Franken in Frankenstein zu 1000 Mk. Geldstrafe und Aberkennung des Wahlrechts auf zwei Jahre verurteilt worden, in der Haupt⸗ sache, weil er durch„familiären Verkehr mit tief unter seinem Stande stehen⸗ den Personen“, nämlich Arbeitern, sich gegen die Standesehre vergangen habe. Das„Großenhainer Tageblatt“ tadelte diesen Spruch und nannte die Mitglieder des Ehren⸗ rats„geschwollene Herren und unvernünftige Menschen“. Der betreffende Redakteur wurde wegen dieser Aeußerungen zu 40 Mark Geld⸗ strafe verurteilt. Mit diesem Verdikt nicht zufrieden, legte der Ehrenrat, obwohl vom ärztlichen Ehrengerichtshof Dresden die Strafe gegen Dr. Franken auf 500 Mk. herabgesetzt, und der Verkehr mit Arbeitern als nicht standes⸗ unwürdig bezeichnet worden war, Berufung ein und erreichte damit auch, daß die dem Redakteur 9 85 Geldstrafe auf 160 Mark erhöht wurde. Der verliebte Pastor. Vor der Zivilkammer des Erfurter Land⸗ gerichts wurde die Ehe des Pastors Köhler getrennt, weil er jedenfalls gar zu starker Verfechter der„freien“ Liebe war. Zwar wollte der geehrte Herr seine Ehefrau des Ehebruchs bezichtigen, doch drehte sich bet der Verhandlung der Spieß herum, so daß zur Scheidung der ehelichen Gemeinschaft ausschließlich nur der Pastor den Stoff geliefert hatte. Vom Konst⸗ storium war das Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet und vom 1. Juli ab wurde er vom Amte suspendiert, nachdem er seit Drei⸗ vierteljahr die Kanzel nicht wieder betreten. Er war auch Gefängnisgeistlicher. Es ist nicht schwer anderen Moral zu predigen; selber den Versuchungen Stand zu halten ist jedenfalls schwerer. Seit 20 Jahren wirkt K. in Erfurt als Pastor. Pfaffen⸗ Terrorismus. Die Strafkammer in Heidelberg verur⸗ teilte am 20. Juni den katholischen Pfarrer (Steinbach von Schönau bel Heidelberg wegen Körperverletzung und Nötigung zu 50 Mark Geldstrafe. Steinbach hatte eine zatholische Frau, die an der Konfirmation ihres protestantischen Neffen teilgenommen hatte, g e⸗ waltsam aus der katholischen Kirche, wo sie ihre Gebete verrichtete, entfernt. Anderen Frauen batte Steinbach aus dem gleichen Grunde die Absolution verweigert. Ausschweifungen der Besitzenden. Welche maßlose Verschwendung in den besitzenden Kreisen geübt wird, dafür brachte das„Neue Wiener Tageblatt“ vor Kurzem ein Beispiel. Es berichtete aus London vom 1. Juli: Wohl das kostspieligste Diner, welches jemals in London serviert wurde, gab gestern Abend der exzentrische amerikanische Millionär Keßler im Savoy⸗Hotel. Keßler hatte versprochen, seinen Gästen etwas ganz Neuartiges in diesem Genre zu bieten, und ließ zu diesem Zwecke den größeren Hof des Hotels in ein Wasserbassin umgestalten, auf welchem zwei goldgeschmückte, eigens hierzu er⸗ baute 927 0 Gondeln schwammen. Rings⸗ um waren die Wände mit veneziauischen Szenerien, u. a. dem Markusplatz mit dem Campanile, bemalt worden. Ein zierlicher Steg führte zu einer der Gondeln, in welcher die Gäste auf vergoldeten Sesseln längs der mit Blumen überdeckten Tafel Platz genommen hatten, während die andere, kleinere Gondel mit den Sängern und dem Orchester, welches die Tafelmusik besorgte, inzwischen auf dem improvisterten Teiche herumschwamm. Der Tenor Signor Caruso, der hierbei mitwirkte, soll allein hierfür ein Honorar von 300 Pfund Sterling(60000 Mk.) erhalten haben. Die Vorhallen, welche die eingeladenen vorher zu durchschreiten hatten, waren aufs wunderbarste durchwegs mit rosa Rosen und rosa Nelken in verschwenderischer Anzahl geschmückt worden. Die Gesamtrechnung für das Diner, das aus zehn Gängen bestand, dürfte 2000 Pfund Sterling betragen, was per Kopf zwei⸗ tausend Mark ausmacht.— Millionen fleißiger Arbeiter müssen aber hungern, trotzdem sie täglich von früh bis spät sich ab⸗ schinden! Der Zar. Von Professor M. v. Reusner. (Schluß.) Das Leben des Hofes selbst wird von einem zwar latenten, aber dennoch äußerst erbitterten Kampf der verschiedenen Parteien um Besitz und Herrschaft bestimmt. Man darf nicht ver⸗ gessen, daß Kaiser Nikolaus II. die brutale Gewalt seines Vaters nicht besitzt und daß er es nie vermocht hat, die äußerste Zuspitzung von Parteistreitigkeiten und Zwistig keiten inner⸗ halb der Mitglieder der Dynastie hinten anzu⸗ halten. In diesen Kreisen wütet schon lange der Kampf zwischen dem rechten und dem linken Flügel, zwischen der Partei der patriarchalen Despotie mit der Kaiserin⸗Mutter an der Spitze und der des polizeilichen Absolutismus, den der Zar und seine Frau bevorzugen. Die liberale kulturelle Tendenz, die sich in der groß⸗ fürstlichen Linie der„Konstautine“ mehrere Generationen hindurch geltend machte, ist hin⸗ gegen schon längst verschwunden. Schon unter Sipjagin wurde der letzte Sprößling dieses Hauses, Großfürst Konstantin Konstantinowitsch, als Vorsitzender der Akademie der Wissenschaften öffentlich beleidigt und... er mußte nicht nur krank werden und die zugefügte Beletdigung in Kauf nehmen, sondern dazu noch nach wie vor das Amt des Vorsitzenden beibehalten. Konstantin hatte nämlich vorgeschlagen, Gorkt als Ehren⸗ mitglied der Akademie aufzunehmen, und mußte es sich gefallen lassen, daß der Polizei⸗Minister aus eigener Macht und in gesetzwidriger Weise den neuen Akademiker aus der Mitgliederliste strich und davon, ohne die Akademie in Kennt- nis zu setzen, anonym in den Blättern Mit⸗ teilung machte.... Seinerzeit bildeten sich ganze Legenden über die mannhafte und liberale Gesinnung des Konstantin Nikolajewitsch, dieses „roten“ Onkels in der Familie Romanow, der mit seinem Geiste die ganze russische Flotte und ihre altehrwürdigen Helden angesteckt haben sollte. Allein, wir wiederholen, diese Tradition ist gegenwärtig verschwunden;„rote“ Romanows existteren nicht mehr. Um so mehr entwickelt sich der Gegensatz der rein persönlichen dyna⸗ stischen Interessen innerhalb der„patriarchalen“ und„polizeilichen“ Hofpartei. Die Kaiserin⸗ Mutter, die au der Spitze der patriarchalen Reaktion steht, kann sich bis jetzt noch nicht über den Tod des Bauernzaren trösten und steht gleich Podjedonoszew die Ursache alles Uebels darin, daß auf dem Thron nicht mehr ein Mann von starkem Willen und mit eiserner Faust sitzt, der den Hof, die Minister, die Armee in seinen festen Händen halten, und dadurch dem Volke das Schaufpiel einer strengen aber gnadenvollen Gewalt bieten könnte. Wieder⸗ holt wurde es versucht, Nikolaus für krank zu erklären und Michael auf den Thron zu setzen, da der letztere, wie es der Mutter scheint, eine starke unmittelbare Natur ist, unberührt von irgendwelchem verderblichen Einfluß, frei von inneren Schwankungen für Frauenintrigen; allein diese Versuche stoßen auf harten Wider⸗ stand bei der Kaiserin und dem Zaren, die ihre Nachkommenschaft um jeden Preis auf dem Thron der russtschen Selbstherrscher sehen wollen. Es ist geradezu unglaublich, wie weit die Feindseligkeiten dieser beiden rivalisterenden Parteien gehen; und da jede Partet viele An⸗ hänger in den höheren Kreisen der Gesellschaft zählt und ihrer hohen Stellung gemäß über ungeheuer große Mittel verfügt, so äußert sich der Kampf mitunter in den sonderbarsten Formen. So z. B. wurde in den Hofkreisen erzählt— hegte die Partei der Zarin Alexandra eine Zeitlang— noch vor der Geburt des Thron⸗ folgers Alexei— den Plan, die Thronfolge zugunsten der Töchter Nikolaus II. völlig zu ändern und auf diese Weise dem damaligen Thronfolger Michael den Thron zu entreißen. Ein hervorragender russischer Jurist konnte mir sogar den Entwurf einer rechtlichen Begründung dieses Umwälzungsplanes mittellen. Der Ver⸗ such ist aber mißlungen. Die Geburt Alexeis machte den Plan überflüssig, aber bis jetzt noch ist nicht nur der Hof, sondern die Garde selbst in zwet feindliche Parteien geteilt, so daß Kaiserin Marta gleich Kaiserin Alexandra über eigene Lieblingsregimenter verfügt...“ Durch Verschwörung und Verrat brachte die Kamarilla nicht nur einmal die verhaßten Zaren zur ewigen Ruhe. In den Kassematten der Schüsselburg schmachteten nicht nur die „Rebellen“ aus dem Adel und dem Volk. Dieses Gefängnis sah auch gekrönte Gefangene, die dort in schmutzigen und kalten Kammern unter dem Messer gedungener Mörder gestorben sind. Ueber dem Michailowsky⸗Palast in Peters⸗ burg schwebt noch bis jetzt der Schatten des wahnsinnigen Kaisers Paul, der im Einver⸗ nehmen mit seinen Angehörigen und mit der stillschweigenden Zustimmung seines leiblichen Sohnes und Thronfolgers Alexanders I. so ver⸗ räterisch von seinen Würdenträgern erwürgt wurde.... Dieses Ende beeinflußt zweifellos in der traurigsten Weise die Geschicke des Reiches. Wenn in einer geheimen Ecke des Winterpalais der feige und niederträchtige Hofverrat seinen Dolch zückte, so müßte das mit Abscheu auf⸗ genommen werden, da sich dadurch in die Reihen der Kämpfer für Recht und Freiheit die Träger niederträchtiger Intrige und enger dynastischer Interessen mischen konnten. Wir wünschen Nikolaus von ganzem Herzen, daß er bis zum Tage der Nemesis des Volkes am Leben bleibe, von ihrem Munde das Urteil des großen Gerichtes höre und aus ihren Händen die Krone oder die Verbannung entgegennähme. Wir werden uns aber nicht wundern, wenn die Blätter einmal folgende Nachricht bringen werden:„Am Tage so und so, als Kaiser Nikolaus die Kirche des Regiments so und so zu Ehren des Feiertags aufsuchen wollte, ver⸗ fiel seine Majestät in Wahnsinn, weshalb der Kaiser dem Leibpsychtater so und so übergeben wurde. Laut Grundgesetz des Reiches und laut Erlaß Seiner Majestät wurden seit dem Tage... die Regierungsgeschäfte von übernommen.“ Man sieht, solche Sachen können äußerst einfach gemacht werden. Elisée Reclus. In Thouront in Belgien verstarb, wie in voriger Nummer bereits kurz mitgeteilt, im Alter von 75 Jahren auf dem Landsitz eines Freundes Elisée Reclus. Ein schicksalreiches Leben, gleich bedeutsam an ernster wissenschaft⸗ licher Arbeit wie au revolutionärer politischer Betätigung, hat damit seinen Abschluß gefunden. Elisee Reclus vereinigte in seiner Person den gründlichen geographischen Forscher mit dem hervorragenden anarchistischen Politiker und —— ͥ ͤ— 3— chte ten die oll. ene, ern ben e des bel⸗ der hen hel⸗ irgt los hes. lals en auf⸗ hen iger cher hen zum be, hen die me. ell. gen sser so her⸗ del bell und den ert e 7 Nr. 29. Mitteldeutsche Sountags⸗Zemung. Seite 7. r Theoretiker, und sein bewegtes Leben zissefert den Beweis, daß streng wissenschaftliche Arbeit nicht nur in der Stille einer staubigen Gelehrten⸗ stube erstehen kann, sondern daß auch im Drang und Sturm heftiger politischer Kämpfe bedeutende Forscherarbeit geleistet zu werden vermag, wenn die nötige Energie vorhanden ist. Reclus, am 15. März 1830 zu St. Foy⸗la⸗Grande im Departement Gironde geboren, wurde früh von seinem Vater, einem protestantischen Pfarrer, zum Geistlichen bestimmt und zur Erziehung zu den Herrenhutern nach Neuwied geschickt. Dann studierte er an der theologischen Fakultät der Reformierten zu Montauban. Eine Studien⸗ reise, die er nach Berlin machte, entschied jedoch anders über seine Zukunft. Er lernte in Berlin den Geographen Karl Ritter kennen und wurde von diesem für die Erdkunde gewonnen, deren Studium er sich mit Eifer hingab. Nach der Erklärung Frankreichs zur Republik ging er als Demokrat nach Paris und beteiligte sich an den: dortigen politischen Leben, mußte aber nach dem napoleonischen Staatsstreich im Dezember 1851 Frankreich verlassen und unter⸗ nahm nun längere geographische Forschungs⸗ reisen, namentlich in Nord⸗ und Südamerika. Nach Frankreich zurückgekehrt, veröffentlichte er dort mehrere geographische Werke, unter denen vornehmlich„La terre“ eine größere Aufmerk⸗ samkeit erregte und auch alsbald ins Deutsche übersetzt wurde. Nebenbei beschäftigte sich Elisée Reclus mit sozialpolitischen Studien und ent⸗ wickelte sich immer mehr zum revolutionären Sozialisten. Als 1871 sich in Paris die Kommune konstituierte, schloß er sich dieser an, trat in die Kampfesreihe der Kommunekämpfer ein und veröffentlichte im„Crit du Peuple“ einen offenen kritischen Brief gegen die Regierung. Von den Versaillern gefangen genommen, wurde er zur Deportation verurteilt, auf Verwendung einer Anzahl von Gelehrten aber von Thiers zu lebenslänglicher Verbannung aus Frankreich begnadet. Er ging nach Lugano, dann nach Clarens am Genfer See, wo er sich außer mit geographischen Arbeiten mit Sozialphilosophie und anarchistischen Studien beschäftigte, die ihn zum Anarchismus führten, dessen theoretischer Begründung und Ausbreitung er einen großen Teil seiner Zeit widmete. Im Jahre 1894 wurde er als Lehrer an die Neue freie Uni⸗ versttät nach Brüssel berufen, an der er beson⸗ ders das mit ihr verbundene„Institut géogra⸗ phique“ leitete. Als Geograph erfreute sich Eliséee Reclus eines Weltrufs. Er hat mehrere bedeutende Werke hinterlassen, unter denen seine 19 bändige „Nouvelle geographie universelle“ das be⸗ deutendste ist. Sein anarchisch⸗theoretisches Glaubensbekenntnis hat er in seinem Werk „L'evolution, la révolution et P'ideal anarchi- que“(Entwickelung, Revolution und das anar⸗ chistische Ideal) niedergelegt. E Die Hasen. „Die kleine naive Träumerin an meiner Seite wiederholte unter schwärmerischen Seufzern, in⸗ dem ste den entzückten Blick über die Gegend schweifen ließ:„Ach, wie schön ist es hier!“ Beim Anblick der malerischen Schloßraine, deren Schönheit ich ihr erklärte, verfiel ste nach und nach in jenen halbwachen Zustand romantischer Schwärmerei, in den die jungen Mädchen bei der Lektüre eines rührenden „Heldenromans auf historischem Grunde“ zu geraten pflegen. Aus ihren schwärmerischen Blicken und abgerissenen Bemerkungen trat immer deutlicher jene flache, sentimentale und kritiklose Verehrung für das Gewesene hervor, für alle verstorbenen Großen und alle falschen Helden der für die Jugend bearbeiteten Ge⸗ schichtssagen. Es war die Begeisterung, die genährt wird durch tendenziöse, populäre Hand⸗ bücher und patriotische Komödianten, die ihre chauvinistische Melodie herunterletern wie der Leiermann den Leierkasten. In freundschaftlicher Art spottete ich ihrer einfältigen Ideale, und mit der Rücksichtslostgkeit eines Entnüchterten, für den es außer den Ueberresten der Kunst und dem Martyrium der Namenlosen nichts Achtungswertes in der viel gerühmten Vergangenheit gibt, suchte ich sie über jene Jahrhunderte der Finsternis, Gewalt und Niederträchtigkeit aufzuklären und die romantische Hülle, welche ihre naive Phantaste über das gewesene Raubschloß und dessen einstige Besitzer geworfen hatte, gewaltsam abzureißen. „Sagtest Du doch selbst, wie schön das sei,“ unterbrach sie mich in vorwurfsvollem Tone, indem sie auf die Ruinen hinwies. if 2 Mauern?— oder was darin geschehen Eigentlich hätte ich wieder von vorn an⸗ fangen müssen, aber wir wurden durch einen Bauer mit Erdbeeren von unserm Gespräch abgelenkt. Wir kauften ihm seinen Vorrat ab, setzten uns auf den Schloßabhang und begannen die schmackhaften Beeren zu verzehren, zuerst einzeln, dann zu zweien, dann gleich die ganze Hand voll, bis wir schließlich zu unserm großen Bedauern die letzten verschluckt hatten. Als ich mich nach dem Bauer umdrehte, ob er nicht noch mehr Erdbeeren hätte, frappierte mich der Anblick seiner Jammergestalt mit dem bleichen eingefallenen Gesicht, dem abgerissenen Gewand und jenem namenlos traurigen Gepräge der Armut, des Druckes und der Verkrüppelung, das den polnischen Bauern und ihren Gäulen so eigen ist. „Diese Gegend ist wohl sehr arm?“ fragte ich. Er bestätigte es wie etwas, das für ihn nicht mehr neu war, worüber man schon un⸗ zählige Male erfolglos geklagt hatte. Doch all⸗ mählig taute er auf.„Das Dorf,“ sagte er, „zählt dreihundert Hütten, deren arme Bewoher kein eigenes Grundstück haben, sondern die vom Grafen gemieteten kleinen Grundstücke bebauen. Derlei gibt's nicht viele, auch sind sie zersplittert, zerstreut und taugen wenig. Regen, Wind und Hagel tun das ihrige, um die Früchte der Arbeit zu zerstören, und da man davon nicht zu leben vermag, herrschen im Dorfe nur Hunger, Krankheit und Not.“ „Warum wendet ihr Euch nicht an den Grafen um Hilfe?... Der hat ja viele Qua⸗ dratmeilen Erde, Wiesen und Wälder, dem kann es nicht schwer fallen, etwas für Euch zu tun.“ „Mohl sind manche zu ihm gegangen, aber erfolglos, sie sind noch wegen Aufwiegelei be⸗ straft worden.“ Er ließ seine Augen über die Hügel und Felder schweifen, wo er im vergeb⸗ lichen Kampfe mit seiner sklavischen Existenz Kraft und Leben einsetzte, seufzte schwer auf, und während sich sein Antlitz noch mehr ver⸗ finsterte, fügte er grollend hinzu:„All dies ließe sich noch ertragen, wenn nur nicht diese Hasen „Was für Hasen?“ „Die Hasen des Grafen, dessen Güter sich durch prächtige Jagdgründe auszeichnen. Die Gegend ist besonders an Hasen reich, die hier zu Tausenden von des Banern Arbeit leben. So ist es in der Tat, die Bauern müssen die herrschaftlichen Hasen füttern, die aus den an⸗ grenzenden Wäldern in unsere Felder kommen und hier ungestört weiden, als wüßten sie, daß den Bauern die strengste Strafe treffen würde, wenn er sie tötete. Er muß es ruhig geschehen lassen, damit die hohen Herrschaften etwas zu schießen haben.“ „Wie?... gibts keine Abhilfe dagegen?“ „Keine, höchstens eine Hasenseuche.“ Kann es etwas ungerechteres geben? Ein elendes Stück Erde wird dem Bauer teuer ver⸗ pachtet, von ihm im Schweiße seines Angesichts bearbeitet und dann dem schädlichen Tiere, dem Hasen, zur Vernichtung ausgesetzt. Was des Aermsten einzige Kuh nicht auf meilenweiten herrschaftlichen Wiesen tun darf, das ist Tau⸗ senden von Hasen auf einem halben Morgen Bauernacker gestattet! „So wehrt Euch doch! Führet Klage! Suchet Gerechtigkeit!“ Der Bauer machte eine verzweifelte Hand⸗ bewegung. Wie käme er dazu, mit den gräf⸗ lichen Hasen Krieg zu führen? „Wie findest Du das?“ fragte ich das junge Mädchen an meiner Seite. Sieh' da!... Wanda hatte Tränen in den Augen, leichte, wie Tau vergänglich, aber den⸗ noch Tränen der Entrüstung und des Mitleids. Sie hatte also das schreckliche herausgefühlt. Jetzt war der Augenblick gekommen, dachte ich mir, wo an ihrer Seele, die für so Vieles ver⸗ schlossen war, gepocht werden müsse, wo der Strahl des Denkens hineindringen und Alles darin erwecken könne, was über den Instinkt des Weibchens und die Träume eines Kindes geht. Ich zog sie mit mir in den Wald und be⸗ gann voll Eifer:„Siehst Du, siehst Du, was man aus dem Bauer gemacht hat? Was man aus dem Menschen gemacht hat? Das Schloß ist längst zusammengestürzt, ringsum aber stirbt der Bauer wie ehedem Hungers und ist das ge⸗ duldete Lasttier des Magnaten. Während von der einen Seite des Waldes sich das luxurtöse Leben der großen Herren abspielt, fressen deren Hasen von der andern Seite all das auf, was ihm Frost, Dürre, Hagel, Regen, Wind, Mäuse, Käfer und die Füße der Vorübergehenden nicht zu zerstören vermocht haben. Der Bauer muß auf seine Kosten all das erhalten, was in der Welt böse und unnütz ist, angefangen vom fremden Luxus bis zur eigenen Not und Finstern is. Mit diesem Fluche ist er zur Welt gekommen. Für diese riesige und komplizierte Pumpe, welche die gesellschaftliche Ordnung genannt wird, die menschliche Niedertracht ersonnen und eingerichtet hat, muß der Bauer Säfte zuführen, ebenso wie er im Märchen dem Drachen Blut zugeführt hat. Und schließlich geht dieses arme, schwache, dumme Geschöpf, das in Fäulnis wohnt, Ab⸗ fälle ißt und sogar dem Hasen weichen muß, und opfert sein Blut auf dem Schachbrett blu⸗ tiger Kombinationen, wo..“ Hier unterbrach mich Wanda, indem sie mir erschrocken zuflüsterte:„Pst!... Mir war's, als ob jemand käme!“ „Nun, was ist dann?“ „Wenn man Dich hören würde...“ „Nun, was weiter?..“ fragte ich erstaunt. „Man könnte Dich noch für einen Sozialisten halten und Du hättest Unannehmlichkeiten... Rentiert sich das?... Ist es denn wert, sich mit Andern zu beschäftigen, wenn man ihnen nicht helfen kann?... Wie, es einmal ist, so ist es immer gewesen, und so muß es eben sein. Alle können es nicht gut haben, das ist un⸗ möglich... Uebrigens können sie sich allein helfen: Du trägst teine Schuld daran, also was geht es Dich an?! Wozu mit solchen Dingen den Ausflug verderben?“ Armes Tierchen! Sie hat mich vollständig entwaffnet. Nicht sie also ist schwärmerisch veranlagt, sondern ich bin es. Nicht sie ist schuld daran, daß sie so ist, wie sie ist, sondern ich, der ich mich zuweilen Tänschungen über ste hingebe! Denn eigentlich ist sie uicht böse. Sie hat sagar unzweifelhaft Vorzüge, z. B. einen sehr graziösen Fuß, ein äußerst wohl⸗ klingendes Organ, große, saufte Augen und einen üppigen Haarwuchs... Dabei ist sie so jung, so frisch, so uneigennützig, liebt mich von ganzer Seele... Aber sie hat einen verhängnis⸗ vollen Fehler: sie hat dieselben Anschauungen wie ihre Mutter, ihr Valer und der Herr Pfarrer, dessen Mund sie als Quelle der Weis⸗ heit betrachtet, und eben dieser Mund ist es, der von Unsinn überströmt. Humoristisches. Streng vertraulich.„Ich will Ihnen zum Troste sagen, Herr von Nelidow, in Berlin ist man an maßgebendster Stelle der Ansicht, daß ihr Russen den Krieg theoretisch nicht verloren habt. Nur praktisch.“ ——„Besten Dank, Herr Kamerad, und teilen Sie dafür der maßgebendsten Stelle in Berlin mii daß die praktischen Kavallerie⸗Attacken ganz merkwürdig anders ausfallen.“(Simpl.) Gemütliche Gegend.„Sagen Sie mal, Herr Wirt— sechs Tische haben Sie da stehen, und an jedem sitzt ein Gast!... Sind denn das alles fremde Bauern!“—„Nein, das find schon hiesige!“ „Ja, warum setzen sie sich denn nicht zusammen?“„Die prozessieren alle miteinander!“ D »——ßꝙ2Q FSFVVVTVTTVTVTTVTVTTVVTVTTTT ——— 77. ͤ 4 s 4 empfiehlt sein reichhaltiges Lager in: 4 4 4 9 Seite 8. Muteldeuische Sununtaas⸗Hzenung. Nr. 29. Deutscher Holzarbeiter-Uerband U Strohhüte bestshend in Konzert und Tanz. Wozu freundlichst einladet Sonntag, den 23. Zul, nachmittags 3 Ahr: Sommer- Fest muf der Pulvermühle Gesangs- Vorträgen, turnerischen Aufführungen, Kinderspielen, 15 Filzhüte mützen Cob Damm Marktstrasse 18. Täglich frisches Daus Fesk Komitee. Kuffte⸗ und Chregebück. . eintritt à Person 20 Pfg. Eintritt à Person 20 Pfg. L. Müller 8 Bahnhofstraße 61. Jede Ddame Erd⸗ u. Bauhülfsarbeiter von Gießen, Wieseck und Umgegend! Sountag, 16. Juli nachmittags 2 Uhr: Ceuerul-Versammlung bei Löb, Wiener Hofpy ˙ Tages⸗Ordnung: 1. Jahres⸗Bericht. 2. Neuwahl der Orts⸗Verwaltung. 3. Verschiedenes. 5— Kollegen! Da wir im verflossenen Jahre keinen vollzähligen Ortsvorstand hatten, so ist es eine dringende Pflicht eines jeden Kollegen, zu dieser Versammlung pünktlich zu erscheinen. Die Ortsverwaltung J. A.: Rud. Loos, Vorsitzender. C. F. Schwarz Sohne nb. Heinrich Möller) Reichhaltiges Lager in: Herren-, Knaben⸗ und Arbeitskleidern Stoffe im Ausschnitt.* Anfernigung nach mass. Feste Preise! Streng reelle Bedienung! Marktstrasse und Ecke Wettergasse. ANN Freer Carl Müller Giessen, Plockstrasse 12 Kinderwagen Blumentische Sportwagen Reisekörbe Leiterwagen Waschkörbe Kinderstühle Marktkörbe Sessel Markttaschen. Alle Arten Bürsten u. Besen, Haus⸗ u. Küchengeräte zu billigen Preisen... D 4 3 Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Schuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Oualitäten zu billigsten Preisen, Arbeiterschuhe und Stiefel Sowie alle sonstigen Schuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner, Gießen Marktstrasse 34. Sees sees οα,¶ñLCe Tüchtige Cigarren- und e Wickel macherinnen eee ninden bei uns darernde; Flise Theiss Beschäftigung. Johann Volkumer 8 Theod. Rinn K 00. 3 e Slessen 3 im Juli 1905 5 Nordaulage 9. W 2 Schlafstellen frei bei M. Melcher Wetzsteingasse 10. 20 Edgar Borrmann, Giessen. Neustadt 11 Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Petroleum⸗ u. Gaskocher Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Fleischhack⸗ u. Reibemasch. Rasenmäher Waagen und Gewichte Dr. Kleins Fleischsaftpresse Stehleitern Messerputzmaschinen Pferdeschoner erhält dauernde Arbeit nach Hause jüberallhin. Auskunft gratis durch 2 4 N N — — 2 —— Sdesse SSG Ersatz für Mafstarbeit hat mir in kurzer Zeit viele Freunde Stets grösste Auswahl geschaffen. nichts zu beanstanden findet. Hl. Möller, Oberh. Kleider-Bazar: Marburg. Empfehle viele hunderte Anzüge. in den Größen bis 17 Jahren von 7½ Mk. und zwar alles Frisch von der Nadel! Kein alter Pavel! Mein Lager— leichten 5 Sommer⸗Leinen, Lüfter Joppen und Anzüge. ist wieder vollständig, komplett. Sie finden sowohl die kleinsten; Sachen als für den stärksten Herrn bis 120 em Brustmaite am Lager, Dasselbe gilt von einzelnen Röcken, Hosen, bunten und weißen Westen. 22. Strehhüte Stolffhüte für Herren 90 Hetren⸗Sonnenschirme Jommer⸗Alützen, Dede; Holen, Jagen emden osen a Eravalten und Slipse 5 in großer Auswahl. 8 2 eu!“ Fahrräder, ate fr 1 Fabrik an Private und Händler 3 von Mk. 65.— an. b i 2 Zubehörteile, Nine ven 3 I. Giessener a eee 0 . 5 auch an frem- 3 Joh. Fr. Schaar, ilndteilst. 4d Sbeparaturen gente Offeriere: ata lo is un nko. 8 volständig complete Räder von Mk. 7 1 an. 25 5 5 8 1 5 15 l 95 3 Pneumatiemäntel von Mk. 4 an. n 8 Luftschläuche von Mk. 3 an.„8 ee Sessesssssssssesssses Gegründet 1896. Mittwoch, den 26. Juli, abe im Saale des Café Tages⸗Ordnung: Um den Besuch dieser Versammlung auch den in Arbeitern und Arbeiterinnen zu ermöglichen, beginnt Allgemeine Gewerkschafte⸗Persammluug nds 7 Uhr Leib. Berichterstattung vom Gewerkschafts⸗Kongreß in Köln. der Umgegend wohnenden dieselbe präzis 7 Uhr. Arbeiter und Arbeiterinnen erscheint vollzählig in dieser wichtigen Versammlung! Daus Geiderhschufßfts- Cus-teil. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Jestüng(C. Krumm) Gieze n. Verantworkl. Redakteur F. 1. Vetters Gießen. Druck pon Heppeler d Meyer, Gießen. meine Ronfektson Diefer Artikel ist so gearbeitet, daß abfolut sowohl an Stoff, Futter: und Arbeit der eigenste Kunde