al 1 l. lt⸗ 105 on 75 5 Nr. 16. Gießen, den 16. April 1905. 12. Jahrgang Redaktion: Arthenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Jeitu Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 10 Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Ansträger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Eypedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/8% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 Juserate 2 Die 5 gespalt. Bei mindesten z Rüstet zum J. Mai! In wenigen Wochen feiern die organisierten Proletarier aller Länder das internationale Welt⸗ fest der Arbeit. Während sich die herrschenden Klassen aller Nationen waffenstarrend gegenüber⸗ stehen, bereit, beim ersten Signal aufeinander loszu⸗ schlagen— drüben in Gstasien die männermordende Kriegsfurie den vieltausendjährigen Kulturboden des gelben Mannes in eine Wüstenei verwandelt — in Europa die Dämonen des Chauvinismus Feuer anlegen zu einem neuen Weltbrande— lebt das Proletariat in dem einen Gedanken, die Seit heraufzuführen, wo der Massenmord des Krieges ebensowenig möglich sein wird, wie die Ausbeutung und Knechtung des einzelnen Menschen durch den andern. Der J. Mai ist der Tag, wo für diese gewaltige Idee Seugnis abgelegt wird gleichzeitig in allen Orten der Erde, die eine sozialistische Gemeinde haben. Kein Proletar, keine Proletarierin soll bei der Demonstration fehlen. Arbeiter und Arbeiterinnen unseres Blatt— bezirkes, rüstet mit Fleiß, damit die Maifeier auch dieses Jahr so imposant werde, wie es ihrer Bedeutung zukommt. Boch der 1. Mai! Agrarisches aus Hessen. Im vorigen Jahre erschien bei Cotta in Stuttgart ein Buch über Landarbeiterverhält⸗ nisse in Oberhessen. Der Verfasser desselben, Dr. Eugen Katz hatte mit vielem Fleiße die landwirtschaftlichen Verhältnisse und die Lage der Landarbeiter untersucht und das Ergebnis in diesem Buche zusammengestellt. Die Dar⸗ stellungen waren durchaus nicht tendenziös und einseitig, Katz hatte sich vielmehr Mühe gegeben, die Dinge so, wie sie wirklich sind, zu schildern, und seine Schuld war es jedenfalls nicht, wenn Nerschiedenes über die Landarbeiter⸗Verhältnisse mitgeteilt wurde, was den oberhessischen Agra⸗ riern nicht gefiel und auf das ste auch durchaus nicht stolz sein können. Der Abgeordnete für den Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach, Dr. Wallau — früher Liberaler, jetzt Bündler— bezeichnete im Reichstage die Katz'schen Feststellungen als unwahr und kündigte eine Nachprüfung durch die hessischen landwirtschaftlichen Vereine an. Auf diese Nachprüfung, deren angebliche Er⸗ gebnisse kürzlich mit der Unterschrift der Oeko⸗ nomieräte Schlenke, Schade, Leithiger⸗ Alsfeld, Dr. Gisevius, Direktor des landwirt. schaftlichen Instituts der Universität Gteßen und des Landtagsabgeordneten Brauer ver⸗ öffentlicht worden sind, antwortet Katz in einem längeren Artikel der Frankfurter Ztg. Er hält seine Angaben gegenüber den ökonomierät⸗ lichen Darstellungen durchaus aufrecht und teilt noch weiteres mit über Arbeitskontrakte ländlicher Arbeiter, die mit Leibeigenschaft eine verteufelte Aehnlichkeit hahen. Unter anderm Folgendes aus der„weltentrückten“ Grafschaft Schlitz: „Der Graf v. Görtz in Schlitz bezahlte bis vor drei Jahren— ich weiß nicht, ob auch heute noch— seine Arbeiter mit Blech marken. Diese Blechmarken in verschiedenen Werten, lautend auf Pfennige oder gar Kreuzer, kursteren nach Art der Reichswährung in der Standes⸗ herrschaft. Arbeiter, Krämer, Wirte usw., wirt⸗ schaftlich abhängig, müssen diese Münzen in Zahlung nehmen. Gegenüber den Arbeitern bedeutet die Zahlungsmethode ein schlimmes Trucksystem, denn jenseits der standesherr⸗ lichen Grenzen läßt sich natürlich kein Mensch die Blechmarken gefallen. Die gräfliche Kasse aber kann ein beträchtliches Lohnkapital nutz⸗ bringend anderwärts anlegen, indem sie unter den Augen der hessischen Finanzverwaltung so⸗ zusagen metallene Banknoten emittiert. Und die Landarbeiter sind gegen dieses Trucksystem gar nicht zu schützen, da das Truckverbot sich nur auf gewerbliche Arbeiter erstreckt. Freilich, wäre der Sinn der Landarbeiter weniger„gesund“, so hätten solche Zustände nicht das neunzehnte Jahrhundert überdauern können.“ Man muß sich wirklich wundern, daß sich Arbeiter— und wenn es auch Landarbeiter sind— heutzutage noch eine derartige Willkür⸗ herrschaft gefallen lassen. Kein Mensch würde es ihnen verübeln können, wenn sie angesichts solcher Zustände in Scharen den gräflichen Bezirken entfliehen würden. Doch die oberhessischen Landarbeiter führen nach den Schilderungen der Oekonomieräte ein geradezu üppiges Leben. Danach wird den Knechten und Sommerarbeitern folgender Speise⸗ zettel, allerdings nur auf dem Papier, aufgetischt: Morgen mahlzeit: Kaffee in beliebiger Menge, jeder eine Portion Butter, Obstmarmelade in beliebiger Menge, ebenso Brot nach Belieben. Frühstück: Jeder eine Portion Butter, einen Handkäse, Brot nach Be⸗ lieben, die Männer je ein Gläschen Schnaps, die Mädchen Kaffee. Mittagessen: Täglich Suppe, Ge⸗ müse und Fleisch. Nachmittags 4 Uhr: Kaffee usw. genau wie bei der Morgenmahlzeit. Abendessen: Sonntags, Dienstags und Freitags Salat und Wurst, an den vier anderen Wochentagen im Winter eine gute Suppe und abwechselnd entweder Butterbrot und Käse oder Kartoffeln, Rollmops und Kaffee, im Sommer an Stelle der Suppe Dickmilch oder Buttermilch. Außerdem erhalten die Männer ein Gläschen Schnaps. Mancher wird das als die reinste Schwelgerei ansehen. In Wirklichkeit wird's aber damit gehen, wie- bei Fritz Reuter: Rindfleisch und Plaumen ist ein ganz gutes Essen, wenn man's nur kriegte! Daß trotz solch' üppigen Lebens noch soviel über Kontraktbrüche der Landarbeiter geklagt wird, erscheint einigermaßen verwunderlich. Allerdings sind die Klagen nach dieser Richtung stark übertrieben. Die Landarbeiter sollten ver⸗ langen, daß der ökonomierätliche Speisezettel auf den Gutshöfen öffentlich angeschlagen und seine Einhaltung gewährleistet würde. Dann würden die Agrarier wohl weniger über Land⸗ flucht zu klagen haben. Vielleicht sind manche unserer Parteigenossen in der Lage, über die Schwelgereien der oberhessischen Landarbeiter weitere Mitteilungen zu machen. Die Organisation der sozialdem. Partei Deutschlands. Auf dem Bremer Parteitag wurde eine Kommission mit der Aufgabe betraut, für unsere Partei ein neues Organisationsstatut zu schaffen. Das bisher geltende wies ver⸗ schiedene Mängel auf. Besonders wurde es für nötig erachtet, eine größere Zentralisation durchzuführen und damit auch die Gesamt⸗ Partei nach der finanziellen Seite hin zu stärken. Zu der Organisationsfrage waren zahlreiche Anträge gestellt und die Kommission wird sie, soweit dies möglich war, in dem jetzt vorliegenden neuen Entwurf des Organisationsstatuts berücksichtigt haben, den sie der Kritik der Parteigenossen unter⸗ breitet. Die Kommission hat das jetzige Statut als Grundlage genommen, an demselben jedoch wesentliche Aenderungen vorgenommen. Der neue Entwurf hat folgenden Wortlaut: (Die fettgedruckten Stellen sind Neueinfügungen gegen⸗ über dem geltenden Organtsationsstatut.) Varteiangehörigkeit. § 1. Zur Partei gehörig wird jede Person betrachtet, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und die Partei dauernd durch Geldmittel unterstützt. § 2. Zur Partei kann nicht gehören, wer sich eines groben Verstoßes gegen die Grund— sätze des Parteiprogramms oder einer ehr⸗ losen Handlung schuldig macht. § 3. Ueber die fernere Zugehörigkeit zur Partei entscheidet ein Schiedsgericht, das der Parteivorstand beruft. Der Antrag auf Einsetzung eines solchen Schiedsgerichts kann nur durch eine Parteiorganisation gestellt werden. Die Hälfte der Beisitzer wird von den Angeschuldigten, die andere Hälfte von der antragstellenden Orgauisation be⸗ zeichnet, wobei die Auswahl auf die Parteigenossen des gezirks verbandes zu beschränken ist, dem der Wohnort des Angeschuldigten angehört. Den Vorsitzenden bezeichnet der Partei⸗ vorstand. In Wahlkreisen, in denen die Ge⸗ schäfte der Partei durch eine Vereins organisation geführt werden, ist der Aus schluß eines Mitgliedes aus der be⸗ treffenden Organisation dem Ausschluß auf Grund des§ 2 des Organisations⸗ statuts Absatz 1 aus der Gesamtpartei gleich zu achten. Der Ausschluß darf daher nur im Wege des vorstehend fest⸗ gesetzten schieds gerichtlichen Verfahrens erfolgen. § 4. Gegen die Entscheidung des Schieds⸗ gerichtes steht den Beteiligten binnen vier Wochen nach Zustellung des schriftlichen Arteils die Berufung an die Kontrollkom⸗ mission und gegen deren Entscheidung an den nächsten Parteitag zu. Verzichtet ein Parteigenosse, gegen den ein Ausschlußauntrag gestellt wird, auf die schieds gerichtliche Verhandlung, oder unterläßt er es, innerhalb einer vom Parteivorstand zu bestimmenden Frist von mindestens 4 Wochen Schieds⸗ richter zu ernennen, so gilt er ohne weiteres als ausgeschlosseu. Die Zustellung des schriftlichen Urteils, sowie die Lekanntgabe des erfolgten Ausschlusses eines Genossen erfolgt durch den Parteivorstand. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. 9 1 Nr. 10. § 5. Die Wiederaufnahme eines aus der Partei Ausgeschlossenen kann nur durch den Parteitag erfolgen. § 6. Mit dem Tode, dem Austritt oder der Ausschließung aus der Partei verliert der frühere Parteigenosse das Recht, das er etwa gegen die Partei, gegen den Parteivorstand, gegen die Kontrollkommission oder gegen einzelne arteigenossen aus seiner Parteimitgliedschaft erworben hat. Gliederung. § 7. Die Grundlage der Organisation bildet für jeden Reichstags wahlkreis der Sozialdemokratische Verein, dem jeder im Wahlkreise wohnende Parteigenosse, sofern ihm nicht zwingende Gründe daran hindern, als Mitglied anzugehören hat. Erstreckt sich der Wahlkreis über eine Mehrzahl von Ortschaften, so können in allen Orten, in denen Parteigenosseu vorhanden sind und die sonstigen Ver- hältnisse es zulassen, Ortsvereine des Sozialdemokratischen Vereins gebildet werden. § 8. Die Sozialdemokratischen Vereine schließen sich zu gezirksverbänden somie zu Tandesorganisationen zusammen, de⸗ nen die selbständige Führung der Partei- geschäfte nach eigenen Statuten obliegt; diese dem Parteivorstand mitzuteilenden Statuten dürfen mit dem Organisations⸗ statut der Gesamtpartei nicht im Wider⸗ spruch stehen. Die Vorstände haben ihre erfolgte Wahl dem Parteivorstand mit- zuteilen. § 9. Wo aus gesetzlichen Gründen die in den§8 7 unnd 8 gegebenen Vorschriften nicht ausführbar sind, haben sich die Parteigenossen in anderer, dem Landesrecht entsprechender Weise zu organisteren. 2 § 10. Die Festsetzung der Mitglieder- beiträge ist den gezirksverbänden über⸗ lassen. Die Wahlkreise haben mindestens 25 Prof. ihrer aus den geiträgen und Eintrittsgeldern sich ergebenden Ein⸗ nahmen an die Zentralkasse abzuführen. Der Parteivorstand ist berechtigt, einzel nen Wahlkreisen im Bedarfsfalle einen über 75 Proz. dieser Einnahmen hinaus⸗ gehenden getrag zur Eigen verwendung zu überlassen. Die Vertrauens personen sind berech⸗ tigt, freiwillige Beiträge entgegenzu⸗ nehmen und durch besondere Marken zu quittieren. Vertrauens personen. § 11. In allen Wahlkreisen, in denen eine Parteiorganisation vorhanden ist, haben die Parteigenossen eine oder mehrere Vertrauens- personen zu wählen, deren Adresse sofort dem Parteivorstande mitzuteilen ist. Die Art der Wahl bleibt den Parteigenossen überlassen. Wählbar sind auch die Vorstandsmit⸗ 5 des Sozialdemokratischen Ver⸗ eins. § 12. Die Wahl der Vertrauenspersonen erfolgt alljährlich, und zwar im Anschluß an den voraufgegangenen Parteitag. Die Ver⸗ trauenspersonen haben ihre Wahl mit Angabe ihrer genauen Adresse sofort dem Parteivor⸗ stande mitzuteilen. Legt eine Vertrauensperson ihr Amt nieder oder tritt sonst ein Vakanz ein, so haben die Parteigenossen eine Neuwahl vorzunehmen und das Resultat dem Parteivorstand bekannt zu geben. § 13. Die Vertrauenspersonen der Wahlkreise haben alljährlich bis zum 15. Juli dem Parteivorstande Bericht zu erstatten. Der gericht muß enthalten Angaben über: Art und Amfang der entfalteten Agitation, die Zahl der im Wahlkreise organisierten Parteigenossen, die Höhe des von den Alitgliedern er⸗ hobenen Parteibeitrages, die Fumme der gesamten Einnahmen, die Art der Ver⸗ wendung der dem Wahlkreise verbliebe⸗ nen Gelder. i Den gleichen alljährlichen gericht in bezug auf ihre Tätigkeit und die Ver⸗ wendung der ihnen vom Parteivorstande überwiesenen Gelder haben die Vorstände der Sezirksverbände und Landesorgani⸗ sationen bezw. die gezirks⸗ und Landes⸗ vertrauenspersonen zu erstatten. § 14. Die planmäßige Agitation unter dem weiblichen Proletariat wird durch weibliche Vertrauens personen betrieben, die möglichst an allen Orten im Ein⸗ vernehmen mit den Parteiinstanzen ge⸗ mählt werden. Die weiteren Abschnitte, die vom Parteitag, Parteivorstand, Kontrollkommission ꝛc. handeln, sind mit den bisherigen Bestimmungen fast gleichlautend; nur wenige kleine Aenderungen sind vorgenommen worden. So sollen die Anträge der Parteigenossen zur Tages⸗ ordnung des Parteitags drei Wochen vor Abhaltung desselben im Zentralorgan bekannt egeben werden, im alten Statut beträgt diese Frist nur 10 Tage.— Ferner soll der Partei⸗ vorstand aus acht Personen(bisher 7) bestehen. Und weiter ist im§ 25 dieses Abschnitts folgende neue Bestimmung eingeschaltet: Der Parteivorstand entscheidet über Differenzen, die sich bei der Aufstellung non Reichstagskandidaten zwischen den Genossen eines Wahlkreises und den Bezirks- oder den Vorständen der Tandesorganisationen ergeben. Der Parteitag in Jena wird sich nun mit diesem Entwurf zu beschäftigen haben und wir glauben kaum, daß er nennenswerte Aender⸗ ungen daran vornehmen wird. Politische Nundschau. Gießen, den 13. April 1905. Der Reichstag beschäftigte sich in den letzten Tagen vor den Osterferien— am Mittwoch, Donnerstag und Freitag voriger Woche— mit kleineren Vor⸗ lagen. Unter anderem wurde der Gesetzentwurf über eine Maß⸗ und Gewichtsordnung beraten und an eine Kommission verwiesen. Für diesen Entwurf sprach sich unser Genosse Stolle aus, weil eine Vereinheitlichung und Verschärfung der Eichung unleugbar der Ar⸗ beiterschaft Vorteile bringt, wenngleich die Aus⸗ dehnung der Staats- gegenüber der Gemeinde⸗ kompetenz bei dem undemokratischen Charakter unseres Büreaukratenstandes nicht unbedenklich ist.— Zu längeren Erörterungen gab eine Petition Anlaß, welche die Abänderung der Eidesformel für Dissidenten fordert. Da⸗ bei wies Genosse Hoffmann Berlin auf den Gewissenszwang hin, den die bisherige Eides⸗ formel und überhaupt das ganze gerichtliche Eidwesen für zahlreiche Disstdenten, Freigeistige, sowie Religtöse bedeutet. Am Donnerstag und Freitag wurden die Ergänzungs- und Nachtragsetats er⸗ ledigt. Ledebour betonte bei dieser Gelegen⸗ heit wiederholt, gestützt auf das unverdächtige Zeugnis des Generals v. Frangois, daß das ewige Drängen der Kolontalinteressenten auf Entwaffnung und Wehrlosmachung der einge⸗ borenen Stämme einen großen— vielleicht den größten— Teil der Schuld am südwestafrika⸗ nischen Aufstande trage. Redner warnte als⸗ dann ausdrücklich vor der von den Chauvinisten geforderten Entwaffnung des Negerstammes der Ovambos. Vor Schluß der Sitzung gab es über den Termin des Wiederzusammentritts eine humorvolle Geschäftsordnungsdebatte, in der die Redner fast aller Parteien Singer, Dr. Müller⸗Sagan, namentlich aber Dr. Spahn, gegen den Prästdenten Grafen Balle⸗ strem, der am 2. Mai wieder eröffnen wollte, den 10. Mai verfochten und durchsetzten. Leider hatte die so vergnügt ausgelaufene Sitzung noch ein trauriges Nachspiel. Graf Ballestrem stellte seinen Parteifreund Dr. Spahn mit ziemlich drastischen Gebärden zur Rede; dieser antwortete scheinbar auch ziemlich erregt. Plötzlich wurde das Gespräch durch einen Ohumachtsanfall des Dr. Spahn unterbrochen. Der ohn Führer der mächtigen Zentrumspartei sich zwar bald wieder, doch hat der Vorfall Aufsehen erregt und peinlich berührt. Die Mehrheit wollte jedenfalls dem herrisch und anmaßend auftretenden Prästdenten, der sich wegen des Wiederzusammentritts nicht wie üblich mit dem Senioren⸗Konvent verständigt hatte, eine Lektion erteilen. Opfer für Südwestafrika. Bis Ende März 1905 betrugen die Kosten für die Ueberwindung des südwestafrikanischen Aufstandes über 108 Millionen Mark. Für das Jahr 1905 sind 121 Millionen Mark aus⸗ geworfen, sodaß der Aufstand bis Ende März 1906 dem Reiche 229331300 ¼ Mark gekostet haben wird. Da vorauszusehen ist, daß diese Summe, auch wenn der Aufstand im Laufe des Jahres sein Ende erreichen sollte, noch nicht die Schlußsumme ist, sondern auch für 1906 als Nachwehen des Aufstandes Kosten aufge⸗ tischt werden, so wird die Summe von 250 Millionen Mark, die man als Kosten des Aufstandes angesetzt hatte, noch überschritten werden.. An Toten hat der Aufstand bis jetzt, so⸗ weit die Zahlen feststehen, 918 gekostet. Die Zahl der Expeditionstruppen beträgt gegen⸗ wärtig 1400 Köpfe. Ueber 3½ Milliarde Mark Schulden hatte das Deutsche Reich nach dem vor⸗ liegenden Bericht der Reichsschuldenkommission am Schlusse des Rechnungsjahres 1903 erreicht, das ist gegen das Vorjahr eine Vermehrung um 480 Millionen Mark. Diese ganz gewaltige Summe ist im Laufe von weniger als 30 Jahren aufgenommen worden. Zu ihrer Verzinsung sind jährlich ca. 125 Millionen Mark nötig, die zum größten Teile von der werktätigen Bevolker⸗ ung durch Zölle und indirekte Steuern aufge⸗ bracht werden müssen. 8 Von der Militärjustiz. Vorige Woche sind ein sehr mildes und ein. sehr hartes Urteil von zwei Kriegsgerichten gefällt worden, die besondere Erwähnung ber⸗ dienen. Der Musketier Böhle vom 98. In⸗ fanterie⸗Regiment wurde Metz wegen vorsätzlicher Tötung ohne Ueberlegung unter Mißbrauch einer Dienstwaffe und Verletzung des Wachtreglements zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden unter Zubilligung mildernder Umstände. Böhle hatte anfangs März, als er nachts auf dem Bahnhof Devant le Ponts Posten stand, den Rentner Bouginez erschossen.— Dagegen verurteilte das Kriegsgericht in Kiel den. Heizer Klingenberg vom Panzerkreuzer„Prinz Heinrich“ zu der ungeheuren Strafe von drei Jahren 7 Monaten Gefängnis, weil er sich in der Trunkenheit an einem Unter⸗ offtzier vergriffen hatte! f Dem Zivilverstand fällt es schwer, zu be⸗ greifen, daß vorsätzliche Tötung mit acht Monaten gesühnt erscheint, während der Trunken⸗ heitsexzeß fast vier Jahre Gefängnis erfordert! Freilich handelt es sich im ersten Falle nur um die Tötung eines Zivilisten, im zweiten um die geheiligte Person eines Unteroffiziers. Hinzugefügt muß noch werden, daß der Soldat Böhle auch noch gegen das Urteil Berufung eingelegt hat. Er wird sich an den vor Jahren in Königsberg vorgekommmenen Fall erinnert haben, wo der Soldat, der einen Zibilsten tot. geschossen hatte— Lück hieß er— nicht nur keine Strafe erhielt, sondern sogar zum Gefreiten f befördert wurde. Großherzog und Militärboykott. In Jena hat bekanntlich die Karl Zeiß⸗ Stiftung unter Leitung des vor nicht langer Zeit verstorbenen Prosessor Abbé ein Volkshaus 1 nebst prachtvollem Saal und Lesehalle errichtet. 4 Kürzlich kündigte der Großherzog von Sachsen⸗ Weimar der Verwaltung des Volkshauses seinen Besuch an und aus diesem Anlaß erinnert das„Jenaer Volksblatt“ daran, daß über die ächtige e —ñ—— vom Kriegsgericht Lesehalle schon vor Jahren der Militär“ 1 9——— ꝙP— Ä ‚— — ——— — ͤ—— ———— 5 —TTTT—T—T—T—T—T—TTT—TT—T—TPT—T—T—T—T——.—— n des hritten bl, so⸗ „Die gegen⸗ lden bor⸗ nisfion eicht, hrung haltige Jahren nung 19, die olker⸗ aufge⸗ id ein richten g ber⸗ „ Ju⸗ gericht ohle kwaffe acht orden Böhle f dem „ den gegen den Prinz drei eil er Utel⸗ 1 be⸗ acht inken⸗ rdert! ö nur weilell iets. oldat hren innert I tot t nul ellen Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite&. boykott verhängt wurde und auch heute noch besteht. Eigentümlicher Weise blieb das Militär ⸗ verbot auf die Lesehalle beschränkt, während das Saal gebäude, das allen Parteien, also auch der Sozialdemokratie zur Verfügung steht und von ihr sehr rege benutzt wird, von dieser Maßregel bisher verschont blieb. Wenn es aber nach gewissen Leuten ginge, dann würde diesem„Uebelstand“ bald abgeholfen. Ins⸗ besondere sind es die Gastwirte und Saalbesttzer, die mit scheelen Augen nach dem Volkshaus blicken, weil sich um diese Stätte das ganze geistige Leben Jenas konzentriert und dadurch ihre Lokalitäten beeinträchtigt werden. Jetzt sind sie auch zur Einsicht gekommen, daß sie selbst mit Schuld tragen an dem gegen⸗ wärtigen, ihnen so unliebsamen Zustand, denn gerade die Weigerung der Wirte, ihre Säle zu sozialdemokratischen Versammlungen herzugeben, hat den entscheidenden Anstoß zum Bau des Volkshauses gegeben. Nun sehen ste zu ihrer Enttäuschung nicht nur, daß alle großen Ver⸗ sammlungen und Festlichkeiten, ja sogar der so zialdemokratische Parteitag im großen Saal des Volkshauses abgehalten wird, sondern auch, daß dem Militär der Zutritt zum Volkshaus nicht verwehrt ist. Infolgedessen haben die Gastwirte an das Bezirkskommando den ausführlich begründeten Antrag eingereicht, entweder den Militärpersonen den Besuch des Volkshauses überhaupt zu versagen oder aber den Militärboykott von den andern Lolalen zu nehmen, in denen soztaldemokratische Versamm⸗ lungen ev. stattfinden. Ob der Großherzog nun den Ausgang der Sache abgewartet, oder trotz des Militärver⸗ botes das„Volkshaus“ betreten hat, ist uns nicht bekannt und ist auch nebensächlich.“) Mehr luteressiert uns die Tatsache, daß die Jenaer Saalbesitzer den Zustand bitter empfinden, den ste durch ihre Schlappigkeit mitverschuldet haben. Die Wirte in anderen Orten sollten sich daran ein Bespiel nehmen, denn auf die Dauer lassen sich die Arbeiter nicht als Menschen zweiter Klasse behandeln; sie werden ihre Rechte zu wahren und die ihren Bestrebungen entgegen- stehenden Hindernisse zu beseitigen wissen und das nicht bloß in Jena. Volksschulbildung. „Die Religion muß dem Volke er⸗ halten werden,“ soll der alte Wilhelm ein⸗ mal gesagt haben. Und in der Tat richtet die Schule ihr Augenmerk darauf, das, was offiziell Religion heißt, zu pflegen. Nicht nur in Preußen und Mecklenburg, auch in dem Staate, dessen Minister einst Goethe war, ist die verabreichte Dosts Religion auch für den stäresten Magen ausreichend. Eine neue Ver⸗ ordnung des großherzoglichen Departements des Kultus in Weimar, die eine Vermin⸗ derung() des religiösen Lernstoffes in den Volksschulen bezwecken soll, schreibt vor, daß zehn Kirchenlieder ganz, dreizehn mit gewissen angegebenen Beschränkungen„einzu⸗ prägen“ sind. Im ganzen sollen 120 Lieder- strophen gelernt werden! Dazu kommen 156 Bibelsprüche! Mit diesem Stoff soll den armen Kindern der Kopf vollgepfropft werden. Mit solcher„Bildung“ ausgerüstet, schickt man sie dann hinaus in den Kampf ums Dasein. Wenn nicht die Verordnung vorläge, würde man es für unmöglich halten, daß das im zwanzigsten Jahrhundert geschehen kann. Kein sächsisches Urteil. Wegen Beleidigung des Königs von Sachsen war gegen den Redakteur Linnenkogel dom„Simplizissimus“ auf Betreiben der säch⸗ sischen Polizef ein Strafverfahren eingeleitet worden, das am Montag in der Verhandlung bor dem Schwurgericht in Stuttgart seinen Abschluß fand. Die Majestätsbeleidigung sollte zurch ein die Gräfin Montignoso darstellendes Bild in der Spezialnummer„Familtenfromm“ begangen sein. Der Angeklagte wurde jedoch freigesprochen. Die Verteidiger stellten fest, daß der beleidigende Sinn des Textes von der ) Späteren Nachrichten zufolge hat der großherzog⸗ liche Besuch stattgefunden. Polizeibirektion Dresden ausgelegt worden ist, worauf die Dresdener Staatsanwaltschaft die Beschlagnahme verfügte und später die württem⸗ bergische Staatsanwaltschaft mit Ermächtigung des Königs von Sachsen die Anklage erhoben hat. In diesem Falle ist also die sächsische Polizei, die den„Simplizissimus“ wie alle freiheitliche Blätter eifrig verfolgt, gehörig abgeblitzt. Eine Skandalaffaire aus„ besseren“ Kreisen hat fast drei Wochen das Schwurgericht in Lemgo beschäftigt. Angeklagt war das Ehe⸗ paar Kracht des Meineids. Ende der 90er Jahre wurde die bessere Gesellschaft des etwa 9000 Einwohner zählenden lippischen Städtchens Lemgo mit anongmen Briefen überschwemmt, in denen die intimsten Geschichten ausgeplaudert, die Adressaten beschimpft und verhöhnt wurden und die selbstverständlich in jenen Kreisen große Aufregung und viel Aergernis verursachten. Nachdem einige Jahre mit dieser Briefschreiberei Ruhe gewesen war, ging die Geschichte vor längerer Zeit wieder los und der Verdacht fiel auf die Eheleute Kracht, eine der reichsten und angesehensten Familien Lemgo's. Frau Kracht wurde von den Geschworenen für schuldig er⸗ klärt und zu 1½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Ihr Mann wurde freigesprochen. Sehr richtig bemerkt unser Zentralorgan zu dieser Affatre: Nie ist die Oeffentlichkeit mit einer läppischeren, gleichgültigeren, unbedeuten⸗ deren Geschichte behelligt worden. Nie ward größerer Aufwand schmählicher vertan.„Ano⸗ nym— Papierkorb!“ Diese stehende Rubrik aller Redaktionsbriefkasten hätte die einfachste Lösung dieser Affaire gegeben, die in ihrem weiteren Verlauf zu so phantastischen Verwickel⸗ ungen aufstieg. Kam es anders, so ist das nur aus dem versauerten Milieu der Kleinstadt zu erklären, in der sich der blödsinnige Klatsch zur Tragödie entwickeln konnte. Haussuchungen, Beschlagnahmen, Untersuchus gen, plötzlicher Tod infolge Aufregung, schließlich ein Zuchthaus⸗ prozeß— alles, weil sich eine alberne Person ihre überflussige Zeit mit unsinnigem Geschreibsel vertrieb. Diese Person durfte von ernsten Leuten unmöglich ernst genommen werden. Hatte Frau Martha Kracht die Briefe wirklich geschrieben, war ihr dann zuzutrauen, daß ste die stttliche Bedeutung des Eides überhaupt zu erkennen imstaude sei? War es nicht voraus⸗ zusehen, daß durch ein Untersuchungs verfahren, in dem Leute als Zeugen beschwören mußten, daß sie nicht verdienen Angeklagte zu werden, notwendig irgend wer in einen Meineid hinein⸗ getrieben perden mußte? Hier zeigt sich in der Tat eine ernste Seite der sonst so überaus lächerlichen Geschichte, hier zeigt sich, daß unsere Strafprozeßordnung durch Hintertüren immer noch den„Reinigungseid“ zuläßt, durch dessen Ableistung der Verdächtige seine Lage ver⸗ schlimmert, der wirklich Schuldige aber aus einem kleinen Sünder zu einem großen Ver⸗ brecher und Zuchthauskandidaten wird. Wie war es möglich, die Krachts darauf zu ver⸗ eidigen, daß sie den anonymen Briefen fern⸗ ständen? Hatte man sie nicht im Verdacht, was bedurfte es des Eides, hatte man sie aber im Verdacht, wie konnte dle Vereidigung zuge⸗ lassen werden? Im Uebrigen warf aber der Prozeß ein grelles Schlaglicht auf die in den Schichten der besitzenden Klaste vielfach herrschende Sitte und Moral. Und die Angehörigen dieser Kaste blicken verächtlich auf die Arbeiterklasse herab; wo derartige Dinge aber noch nicht vorgekommen und auch unmöglich sind. Eine sozialdemokratische Mehrheit besitzt jetzt die Gemeindevertretung in Kopen⸗ hagen. Die letzten Wahlen brachten unseren Genossen einen bedeutenden Sieg. Sie brachten der sozialdemokratisch⸗ radikalen Liste einen Zu⸗ wachs von 5000 Stimmen, während die Liste der Gegner nur 1000 Stimmen mehr als bei der letzten Wahl aufbrachte. Die Wahlbeteili⸗ gung war größer als jemals früher, indem sie auf mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten stieg. Von den 42 Plätzen der Stadtverord⸗ netenversammlung nehmen also zukünftig die Antisozialisten nur 14, die Sozialdemokraten aber 28 ein; die Sozialdemokraten haben zu⸗ Bede im Magistrat die Majorität inne. Die edeutung der Wahl wird allgemein dahin charakteristert, daß Kopenhagen auf absehbare Zeit als eine vollkommen soztalistisch regierte Stadt anzusehen sein wird. Fürstlicher Gauner. Aus Moskau wird mitgeteilt, daß der hingerichtete Großfürst Sergius ein Vermögen von 430 Millionen Rubel, das sind weit über eine Milliarde Mark, Vermögen hinterlassen habe, das hauptsächlich in Grund⸗ besitz bestehe. Für jeden Menschen ist ohne Weiteres klar, daß ein solches Riesenvermögen von einem einzigen Menschen auf ehrliche Weise nicht erworben werden kann. Es ist eben andern Leuten das ihre genommen worden. Ein solcher Besitz stempelt dem Besttzer oder seine Vorfahren zu Verbrechern an ihren Mitmenschen. Russische Revolution. Greueltaten der russischen Macht- haber. Aus Warschau wurde berichtet, daß dort am 6. April 36 jüdische und 60 nicht jüdische Sozialisten in der Zitadelle hingerichtet wurden. Die Gesichter der jüdischen Sozialisten wurden vor der Hinrichtung unkenntlich gemacht. Infolgedessen herrscht unter den jüdischen Arbeitern eine furchtbare Aufreg⸗ ung. Auch die christlichen Sozialisten werden in keiner Weise geschont. Der Berliner Lokal⸗ anzeiger meldete, daß Ende der vorigen Woche weitere sozialistische Agitatoren erschossen worden seien.— Im Gefängnis von Pawink wurde ferner der Kaufmannssohn Gutschmann, der im Vorjahre bei der Aufhebung einer Druckerei in Warschau einen Rittmeister und drei Poltzisten erschossen hatte, zu Tode gemartert. Der Geisteszustand des Zaren scheint sich in letzter Zeit bedeutend verschlimmert zu haben, denn eine Nachricht, welche dem„Echo de Paris“ zuging und welche die russische Zensur passierte, besagt:„Die im Ausland verbreiteten Nachrichten über den schlechten Gesundheitszu⸗ stand des Zaren sind keine Uebertreibungen. Das Mukdener Unglück, die Ermordung seines Oheims und die Ereignisse des 22. Januar haben seinen Gesundheitszustand in der Tat unter⸗ graben. Er ist von einer auffallenden Zerstreutheit und Gereiztheit. Bei jeder Gelegenheit stampft er mit dem Fuße auf, was er früher nie tat. In medizinischen Kreisen hält man den Zustand des Zaren für hoff⸗ nungslos.“— Und einem geisteskranken Menschen ist die unumschränkte Gewalt über Millionen in die Hand gegeben, auf sein Geheiß werden Hunderttausende hingemordet! Ist noch ein bitterer Hohn auf das Gottesgnadentum denkbar? Kleine politische Nachrichten. Sozialdemokratischer Wahlsieg. Bei den Gemeinderatswahlen in Linz, wo zwölf Sozial⸗ demokraten in die Stichwahl kamen, wurden zehn Sozial⸗ demokraten gewählt. Die sozialdemokratischen Kandidaten erhielten sämtlich über 5000 Stimmen und die beiden unterlegenen Genossen wurden von den siegenden Natio⸗ nalen nur um wenige Stimmen überholt. Russisch⸗japanischer Krieg. Aus Charbin wird berichtet, daß Gerüchte über eine Umgehungsbewegung der Japaner verbreitet sind. Eine 10000 Mann starke japanische Abteilung sei mit Arttllerie aus japanischer Rückendeckung nach der Mongolei abgegangen, um sich im Innern zu verbergen und bedrohe somit die Russen vom Westen. Die Japaner stehen ferner im Begriff, die 63000 Quadratmeter große, nördlich von Japan gelegene Insel Sachalin zu besetzen. Die baltische Flotte hat die Straße von Malacca passiert und ist jedenfalls nach dem südchinesischen Meer gesteuert. Möglicher⸗ weise kommt es bald zu einem Zusammenstoß der beiden feindlichen Flotten. Ein solcher wurde bereits bei den Anamba⸗Inseln berichtet, doch scheint sich die Nachricht nicht zu bestätigen —— l Seite 4. 2 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 7 Nr. 16. Von Nah und Fern. Hessisches. — Die Zweite Kammer hat sich seit 7. April in die Osterferien begeben. Am letzten Sitzungstage kam eine Vorstellung des hessischen evangelischen Pfarrvereins, die Erbschafts⸗ und Schenkungssteuer betreffend und in Verbindung hiermit die Vorstellung der Kirchengemeinde Wallerstädten, Rückzahlung einer Schenkungs⸗ steuer betreffend, zur Beratung. Dazu bemerkte der Abg. Sens felder, die Kirchengemeinde Wallerstädten habe 32000 Mk. durch Kollekte gesammelt, worunter sich zwei Schenkungen von 20000 und 10000 Mk. befunden hätten. Nun sei die Steuerbehörde gekommen und habe 3000 Mk. Schenkungssteuer verlangt. Die Kirchenvertretung, an ihrer Spitze der Pfarrer, haben sich aber geweigert, die Steuer zu be⸗ zahlen und da habe die Steuerbehörde das Kirchenvermögen pfänden wollen. Er will ein Gesetz erlassen wissen, wodurch der Kirchen⸗ gemeinde die 3000 Mk. erhalten blieben. Diese Angelegenheit habe bei der darauffolgenden Reichstagswahl der Sozialdemokratie eine große Stimmenzahl zugeführt, liest er unter Heiterkeit der Kammer aus einer Zeitung vor. Ulrich hält es für selbstverständlich, daß Schenkungen zu gemeinnützigen Zwecken, insbesondere wenn sie z. B. zur Fortbildung, zu Schulzwecken, zur Förderung von Bildung und Kunst über⸗ haupf gemacht würden, steuerfrei seien. Die Sozialdemokratie verzichte übrigens auf solche Mitglieder, die sie wegen Steuerverweigerung bekomme. Wer Sozialdemokrat sei, müsse es aus Ueberzeugung sein. Schließlich wird die Sache nach dem Antrage des Ausschusses für erledigt erklärt. — Eine Abnahmedes Viehbestandes, besonders des Rindpiehes in Hessen hat die Viehzählung am 1. Dezember 1904 ergeben. Nach der Statistik hat seit der Zählung im Jahre 1900, die Zahl der Tiere um rund 10000 Stück abgenommen. Zugenommen haben nur die Schweine um 24067 Stück und die Pferde um 2445 Stück; abgenommen hat dagegen der Rindviehbestand um 11 999 Stück, die Zahl der Schafe um 24312 Stück, die der Ziegen um 781 Stück. Trotzdem hat man die Rindvieh⸗Einfuhr mit ungeheueren Zöllen belastet! Gießener Angelegenheiten. — Ueber den Konsumverein in Leipzig⸗Connewitz, der sich in Liquidation befindet, brachte der„Gieß. Anz.“ kürzlich eine schauerliche Notiz, nach welcher die Mitglieder ihre Spargelder verloren hätten. Das ist nach unsern Erkundigungen unrichtig. Die Spar⸗ gelder unter 50 Mk. sind bereits ersetzt und es wird darauf hingearbeitet, alle übrigen voll⸗ ständig zurückzuzahlen. Uebrigens ist jener Verein keine sozialdemokratische Gründung, wie der Anzeiger seinen Lesern erzählte, sondern er wurde schon 1861 von den Schulze⸗ Delitzschianern gegründet. Das Amtsblatt wollte durch Uebernahme jener Notiz nur den Konsumvereinen am Zeuge flicken. Dasselbe wollen uͤbrigens auch eine Anzahl Mainzer Spießer, die im„Rabatt⸗Spar⸗ verein Moguntia“ ihr Wesen treiben. Diese haben nämlich eine Vorstellung an den Landtag gerichtet, in der sie die Besteuerung der Arbeiter⸗ konsumvereine verlangen, weil sonst durch deren Konkurrenz der„Mittelstand“ flöten gebe. Die ländlichen Konsumvereine sollen aber nach den Wünschen der Petenten von der Steuer befreit bleiben. Dabei versichern aber diese Leute ein⸗ mal über das andere, sie wollten keine Aus⸗ nahmegesetzgebung! Auch diese Rückschrittler werden nicht besettigen können, was sich als gut und nützlich erwiesen hat. Und den Nutzen der Konsumgenossenschaften erkennen jetzt sogar Zentrumsagitatoren an. — Der Schneiderstreik dauert noch immer fort. Die Streikenden haben in einem am Mittwoch verbreiteten Flugblatt die tat⸗ saͤchlichen Verhältnisse geschildert, wie das schon in unserm Blatte mehrfach geschehen ist. Die meisten Ledigen sind abgereist und auch eine Anzahl Verheiratete haben auswärts Arbeit genommen. Es wird durch das törichte Ver⸗ halten der Unternehmer dahin kommen, daß die besten Arbeitskräfte Gießen den Rücken kehren. Jeder Mensch weiß aber, daß dies einen Schaden für das hiesige Geschäft bedeutet. Die Herren Schneidermeister zeigen aber ein Verhalten, das beinahe komisch wirkt. Als Antwort auf das von der Lohnkommission her⸗ ausgegebene Flugblatt ließen sie ein Inserat im„Anzeiger“ los, in dem sie erklaren: „Der Grund des Streikes ist weniger in den wirtschaftlichen Verhältnissen gegeben, als in Sonderinteressen, die besol⸗ dete Agitatoren verfolgen. Alle Vermutungen über die Herstellung der Anzüge während des Streiks beruhen auf Irrtum. Die Aufträge werden von besseren, mindestens gleichwertigen Maß⸗ geschäften gefertigt, und die Lieferung erfolgt in bester Ausführung. Wir erklären wiederholt, daß eine Unter⸗ brechung in den hiesigen Betrieben nicht stattfindet.“ Soviel Sätze in dieser Erklärung des Ar⸗ beitgeberverbandes, soviel Unwahrheiten, und zwar bewußte. Wem wollen die Herren denn weißmachen, daß keine Unterbrechung im Betriebe eintritt, wenn 80 Mann die Arbeit einstellen und nicht ein einziger Mann Ersatz dafür da ist? Die Arbeit soll in besseren Maßgeschäften(als die Gießener sind), herge⸗ stellt werden. Da sind die Herren sehr be⸗ scheiden geworden; Tatsache kist, daß die Arbeit auf dem Dorfe, in Langgöns, Niederbiel ꝛc. angefertigt wird. Was nun gar das alberne Gerede von den„besoldeten Agi⸗ tatoren“ anlangt, so wird darauf kein ver⸗ ständiger Mensch etwas geben. Die Flausen sind zu abgebraucht, sie werden jedesmal vor⸗ gebracht, wenn irgendwo Arbeiter ein paar lumpige Pfennige mehr haben wollen. Die Kohlenbarone im Ruhrrevier machtens ja ge⸗ radeso. Natürlich werden die Arbeiter, deren bescheidenen Forderungen kein verständiger Mensch die Berechtigung absprechen wird, sich in keiner Weise beirren lassen und ihre Sache zum Siege führen. — Der Streikbrecher⸗Dichter. Unter verschiedenen kürzlich bekannt gegebenen Beför⸗ derungen, Ernennungen ꝛc. befand sich auch die Verleihung des Professor⸗Titels an den Ober⸗ lehrer der Gießener höheren Mädchenschule Dr. Fritz Sommerlad. Diese Ernennung bietet einiges Interesse. Der neugebackene Herr Pro⸗ fessor machte sich vor etwa Jahren als Verfasser eines„Dramas“ berühmt, in dem der Streik⸗ brecher verherrlicht und im Zuchthausgesetz⸗ Geiste als nützlichstes und edelstes Glied der menschlichen Gesellschaft gefeiert wird. Selbst⸗ verständlich muß die Arbeiterbewegung dabei manche Verdächtigung über sich ergehen lassen; Sommerlad läßt u. a. in dem Stück einen soztalistischen Agitator, einen„Doktor“ auf⸗ treten, den er mit all' den schönen Eigenschaften und Tugenden ausstattet, die wir bei dem seligen Hammerstein und vielen andern Ord⸗ nungsstützen beobachten konnten. Das Machwerk verrät im Uebrigen eine geradezu bemitleidens⸗ werte Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und man kann sich danach ungefähr vorstellen, was dieser Mann den höheren Töchtern für ein Zeug über Arbeiterbewegung und Sozial⸗ demokratie verzapfen mag. Deswegen wurde er aber doch Professor, was beweist, daß dazu nicht soviel gehört, wie sich mancher vorstellt g. Der Brauerverband hat in Gießen in der letzten Zeit eine recht erfreuliche Ent⸗ wickelung zu verzeichnen. Im letzten Quartal steigerte sich die Mitgliederzahl um die Hälfte und seit 1. Juli 1904 hat sie sich mehr als verdoppelt. Besonders hervorzuheben ist, daß die zuletzt Beigetretenen meistens Fahrburschen sind, deren Lage wahrlich keine beneidenswerte ist. Deshalb werden sie auch wissen, warum sie sich dem Verbande anschließen. — Die Metallarbeiter halten nächsten Donnerstag, den 20. April im Lokale„Zum Pfau“ eine öffentliche Versammlung ab, in 11 75 der Gauleiter Ehler⸗Frankfurt sprechen 1.* r. Für die Fabrik- und Hilfsarbeiter fanden am Sonntag in Gießen und Wieseck zwei Ver⸗ sammlungen statt, in denen der Gauleiter des Verbandes, Knöchel aus Offenbach über:„Die Gewerkschaften im Kampf um die Menschlichkeit“ sprach. Redner schilderte, wie schon vor vielen Jahrhunderten tapfere Männer für wahre Menschlichkeit kämpften und die Lage des nieder⸗ gedrückten Volkes zu erleichtern und zu verbessern suchten. Jesus von Nazareth sei einer der ersten gewesen, welcher gegen das Volkselend und Volksknechtung ankä pfte und die hohen Menschheits⸗Ideale verfocht. Dafür schlugen ihn auch die damaligen Machthaber ans Kreuz und so mußten bis heute noch alle, die sich im gleichen Sinne betätigten, schwere Verfolgungen über sich ergehen lassen. Auch die Gewerkschaften führten schon Jahrzehnte lang den Kampf für die Menschlichkeit. Redner gab dann im Weiteren einen Ueberblick über die Vorteile, welche die Gewerkschaften der Arbeiterschaft bieten. Nur müßten sich dis Arbeiter immer mehr in der Organisation zu⸗ sammenschließen, denn nur durch diese sei es dem Arbeiter möglich, seine Lage zu verbessern. Die Ausführungen wurden beifällig aufgenommen und es traten eine Anzahl dem Verbande bei. Weitere Versammlungen finden statt: Samstag, den 15. April, abends 8 Uhr, in Watzenborn⸗Stein⸗ berg„Zum grünen Baum“. Sonntag, den 16, April, nachmittags ½4 Uhr in Heuchelheim bei August Rinn. Für Rödgen⸗Trohe in Rödgen bei Wirt Balser abends 8 Uhr. Redner in sämtlichen Ver⸗ sammlungen ist Gauleiter Knöchel aus Offenbach. Kollegen und Kolleginnen erscheint zahlreich zu den Versammlungen! — Zu Ausflügen ladet das herrliche Frühlings⸗ wetter ein, das nunmehr nach den April⸗Schneestürmen der vorigen Woche eingetreten ist. Unsere Parteifreunde, Wahlvereine, Gewerkschaften ꝛc, sollten für die Feiertage gemeinsame Ausflüge nach Orten der Umgebung arran⸗ gieren. Wenn solche veranstaltet werden, muß immer auch darauf gesehen werden, daß solche Wirte in erster Linie besucht werden, die sich unserer Sache nicht feindlich gegenüberstellen und auch Arbeiter als Gäste gerne sehen.— Eine Lokalliste würde in dieser Beziehung gute Dienste leisten. Die regelmäßige Veröffentlichung einer solchen in unserm Blatte ist zwar von der letzten Kreiskonferenz beschlossen worden, aber die Organisationen, die uns die Lokale mitteilen sollen, sind dem bisher nur in vereinzelten Fällen nachgekommen. Hoffentlich wird das von den Säumigen bald nachgeholt. — Vom Hudde. Der im hlesigen Unter⸗ suchungsgefängnis befindliche Mörder des Pfarrers Thöbes in Heldenbergen soll außer dieser Mordtat noch eine zweite und zwar in der Nähe von Koblenz an seinem Komplizen, namens Hüddemann verübt haben, dessen Leiche vor kurzer Zeit in einem Steinbruch bei Koblenz aufgefunden wurde. Die Verdachtsmomente, daß Hudde auch diese Tat auf dem Gewissen hat, sind so stark, daß deswegen Vorunter⸗ suchung eingeleitet wurde. Aus dem RKreise gießen. f — In Großenlinden soll ein neuer Bahnhof errichtet werden und zwar auf der andern Seite der Bahn als das jetzige Stations⸗ gebäude steht. Jedoch gehört das in Ausstcht genommene Terrain noch zur Gemarkung Leih⸗ gestern, das zu den Kosten einen Teil bei⸗ tragen wird. h. In Daubringen findet diesen Sonntag, den 16. April eine öffentliche Volksversammlung im Saale des Herrn Gastwirt Emil Schäfer statt. Stadt⸗ verordneter E. Krumm⸗Gießen wird über:„Unsere Wirtschaftspolitik und die Volksinteressen“ sprechen. Da wir in Daubringen seit längerer Zeit keine größere Ver⸗ sammlung hatten, darf wohl ein recht zahlreicher Besuch erwartet werden. Aus dem Rreise Sriedberg⸗Büdingen. — Gewissenlose Metzger. Eine Fleischschmuggel⸗Affafre aus Vilbel kam am Dienstag vor der Gießener Straf- Angeklagt waren die Metzger Strauß und Goldberg von dort wegen Vergehen gegen das Nahrungsmittel und Fleischbeschau⸗Gesetz. Sie hatten wiederholt minderwertiges und krankes Fleisch der Kontrolle kammer zur Verhandlung. entzogen und nach Frankfurt eingeführt. Be⸗ sonders wurde festgestellt, daß sie vor einiger 1 75 eine im höchsten Grade tuberkulöse uh geschlachtet und das Fleisch nach Frank⸗ furt verkauft hatten. Dort wurde es jedoch Sachverständige erklärte, daß faustgroße eiterige Tuberkelherde an dem Fleische nachgewiesen wurden. Erleichtert wurde den Angeklagten ihr Treiben durch die Lässig⸗ angehalten und der — eie 7. ß N N 2— Ir. 16. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seile 5. kel, mit welcher der Fleischbeschauer Tierarzt Müller in Vilbel, sein Amt wahrnahm. Der Staatsanwalt wies auf die Gemeingefährlichkeit dieser Vergehen sowie auf die Vorstrafen der Angeklagten wegen ähnlicher Dinge hin und verlangte eiue exemplarische Strafe. Er bean⸗ tragte 1 Jahr Gefängnis und Ehrverlust. Das Gericht ging über diesen Antrag noch hinaus und verurteilte beide zu einem Jahre drei Monaten Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust. Außerdem wird das Urteil auf Kosten der Angeklagten in vier Zeitungen publiztert.— Geschieht ihnen recht. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Eine Maurerversammlung, die einen recht zahlreichen Besuch aufwies, fand am 3. April bei Kyrmse statt. Es wurden die Verhältnisse im Berufe besprochen und 32 Mann ließen sich in den Verband aufnehmen. Fast sämtliche Maurer Wetzlars und der Umgebung gehören jetzt der Organisation an. Am 15. April soll die Antwort von den Unternehmern auf die von den Maurern kürzlich eingereichten Lohnforde⸗ rungen gegeben werden. h. Bismarck⸗Anbetung. Am verflossenen 1. April war der 90. Geburtstag Bismarcks, des „Säkularmenschen“. Diesen Anlaß benutzten verschiedene Spitzen der Wetzlarer Bürgerschaft dazu, ein Fest zu arrangieren. Damit war nicht nur dem berühmten „tiefgefühlten Bedürfnis“ abgeholfen, sondern auch ge⸗ wissen Leuten Gelegenheit gegeben, den widerlichsten Byzantinismus zur Schau zu tragen und in Monarchen⸗ und Bismarck⸗Verhimmelung das Unglaublichste zu leisten. Man hält es nicht für möglich, daß Bürger sich zu einer solchen würdelosen Lobhudelei jenes Junkers versteigen, der dem Bürgertum oft genug seine Mißach⸗ tung zeigte und es von oben herunter behandelte. Was wird da alles zusammen ge— dichtet! Der Festredner Rektor Luerssen rühmte dem„Heros des Jahrhunderts“, „Adel der Gesinnung, wahrhaft vornehme Denkweise“ nach. Er hat jedenfalls vergessen, daß Bismarck mit einem armen Arbeiter wegen einer Gans und zwei Hühnern prozessierte, die dieser der fürstlichen Guts⸗ verwaltung zu liefern hatte! Für die„vornehme Ge⸗ sinnung“ sind auch die zahllosen Beleidigungsprozesse bezeichnend, die Bismarck gegen jeden anstrengte, der in Wort oder Schrift eine harmlose Aeußerung gegen ihn getan hatte. Im Uebrigen hat es der Mann mit der vornehmen Gesinnung ausgezeichnet verstanden, sich die Taschen zu füllen und darin mag er allerdings dem Bürgertum als leuchtendes Vorbild erscheinen. Die Arbeiterklasse dagegen muß in dem brutalen Junker ihren Widersacher erblicken, der das Streben nach Hebung ihrer Lage mit dem Polizeiknüppel niederzuschlagen suchte, was ihm allerdings nicht gelang. Jedenfalls würde Schiller heute, wenn er diese bürgerliche Schweifwedelei sähe, nicht mehr vom„Männerstolz vor Königsthronen“ singen und dichten. Westerwald und Anterslahn. x. Mit dem Mandatsschacher im Dillenburg⸗ Herborner Wahlkreise beschäftigte sich dieser Tage die Presse. Herr Dr. Burckhardt, der Gewählte von Zentrumsgnaden, gab Schriftstücke bekannt, in welchen der frühere nationalliberale Amtsrichter Hofmann um die Zentrumshilfe bettelt. Bekanntlich lag die Ent⸗ scheldung in der Stichwahl beim Zentrum, das Herrn Burckhardt durchdrückte. Nun ist aber für beide, für Burckhardt wie für Hofmann, ein wenig peinlich, um Zentrumshilfe gebettelt zu haben, z denn beide Parteien haben ja gelegentlich die Schwarzen als Reichsfeinde abgemalt und die römische Gefahr als die fürchterlichste Bedrohung gegen die deutsche Kultur erklärt. Ja, wäre die Sache gelegen wie im Offenbacher Kreise, da ließ es sich noch leichter machen; vor der roten Gefahr schwinden alle Gegensätze zwischen Kapitalisten der beschnittenen, gescheitelten und geschorenen Fraktion und den gutmütigen Zentrumsschafen aus der Arbeiterklasse wird einfach so⸗ lange vorgeschwatzt, ihr Seelenheil sei in Gefahr, bis sie es glauben. So offen konnte der Schacher nicht getrieben werden, hier mußten die Ordnungsbrüder hinter den Koulissen arbeiten. Die Drehscheiben⸗Leute fielen aber dabei herein. Darüber ärgerten sie sich nicht wenig und werfen den Stöckerlanern würdelose Bettelei um die Zentrumstimmen vor. Burckhardt antwortet, auch die Nattonallliberalen hätten mit dem Zentrum gehandelt, allerdings erfolglos und er beweist das, indem er den Briefwechsel ver⸗ öffentlicht, den der Nationalliberale Hofmann damals mit dem Zentrumskomitee führte. Daraus geht hervor, daß Hofmann und seine„Liberalen“ bereit waren, das Zentrum in Bingen⸗Alzey gegen den Freisinnigen Schmidt zu unterstützen, also dort ihren eigenen Bundes⸗ genofsen, der ihnen am nächsten stehenden Partei in den Rücken zu fallen! Die Stimmenzahlen im Binger Wahlkreise zeigen denn auch, daß ein großer Teil der nationalliberalen Stimmen dem Zentrum zufielen. Das kennzeichnet diese ganze Schachergesellschaft! National⸗ liberale, Zentrum, Christlich⸗Soziale— sie sind ein⸗ ander wert! t. Verunglückte Bismarckfeter. Unsere„Patrioten“— so schreibt man uns aus dem Dillkreis— wollten zu Bismarcks 90. Geburtstage ihre Mannesbrust in„nationaler“ Begeisterung schwellen lassen und hatten zu diesem Zwecke in Herborn einen Bismarck⸗ Kommers arrangiert. Aber o weh, obgleich drei Vereine, Klub, Kriegerverein und national⸗ liberaler Wahlverein gemeinsam die Geschichte in die Hand nahmen, klagt das Herborner Tageblatt, daß„die Besetzung des Saales allerlei zu wünschen übrig ließ“. Noch kläglicher fiel der Bismarck⸗Rummel in Haiger ins Wasser, wo noch nicht einmal die eingeladenen Beamten, Lehrer ꝛc. erschienen. Das läßt wenigstens noch auf einen einigermaßen gesunden Sinn schließen. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Die Ortskrankenkasse hielt am Mittwoch voriger Woche ihre Frühjahrs-Generalversammlung ab, welche nur schwach besucht war. Leider! Stand doch auf der Tagesordnung ein Vortrag des Herrn Prof. Brauer über Säuglingsernährung und macht es für den Vorstand, der den Vortrag angeregt hat, ebensowohl einen bedrückenden Eindruck, wie auch für den Vor⸗ tragenden, wenn er vor ziemlich leeren Bänken sprechen soll. Es ist wirklich beschämend für die Marburger Arbeiter, wenn sie eine derartige Gelegenhett, ohne jeg⸗ liche Unkosten ihr Wissen zu bereichern, nicht benutzen. Und gerade aus diesem Vortrage klang die Klage heraus, daß neben den sozialen Verhältnissen, der Wohnungs⸗ misere ꝛc. gerade die Unkenntnis des Volkes die Haupt⸗ schuld an der großen Säuglingssterblichkett trägt. Näher auf den Vortrag einzugehen, gestatten die Raumverhält⸗ nisse nicht, es sei nur erwähnt, daß in nächster Zeit eine Säuglinzsabteilung in der Poliklinik errichtet wird, zu welchem die Krankenkasse einen Beitrag von 300 Mk. für Freibetten für Kinder von Kassenmitgliedern bewilligte, und daß in einigen Wochen ein öffentlicher unentgelt⸗ licher Vortrag für Frauen stattfindet. O Sonntags ruhe wollen die Marburger Aerzte vom 16. April ab einführen. Von diesem Tage ab werden von den 14 in Marburg praktizierenden Aerzten an den Sonntagnachmittagen nur zwei in ihrer Wohnung zur ärztlichen Hilfeleistung anwesend sein. Die Namen dieser beiden Aerzte werden Freitags in den hiesigen Zeitungen bekannt gemacht und außerdem auf den Tafeln an den Wohnungseingängen aller Aerzte zu ersehen sein. Das Publikum wird sich bald an diesen weiteren Fortschritt in der Sonntagsruhe gewöhnt haben, umsomehr als Sonntagsnachmittags verhältnismäßig wenig ärztliche Hilfe verlangt wird. O Die kleinen Diebe hängt man. Die Strafkammer verurteilte am Dienstag eine 72 Jahre alte Witwe aus Frankenberg wegen Holzdiebstahls zu drei Monaten Gefängnis. Die alte Frau wohnte im Frankenberger Armenhause und bekam regelmäßig das ihr zu zusteh ende Holz und wenn dieses nicht reichte, konnte sie sich noch weiteres Holz nehmen, mußte aber vorher die Erlaubnis dazu einholen. Die vergaß die 72 jährige Alte in der Regel, sie wurde abgefaßt und muß nun unter Annahme mildernder Umstände wegen dieses„Verbrechens“ drei Monate ins Gefängris. Damit ist hoffentlich der„Gerechtigkeit“ Genüge geschehen. Die Genick starre, jene unheimliche, meist zum Tode führende Krankheit, die vor längerer Zeit in Schlesten in stärkerem Maße auftrat, wurde letzter Tage auch in Kassel festgestellt. Dort ist der Kanonier Apel von der ersten Batterte des Artillerie⸗Regiments an der Krankheit gestorben. Etwa 20 Mann erkrankten an Genickstarre und wurden in Baracken untergebracht. Bebels Erbschaftsprozeß, der vor einiger Zeit vor dem Landgerichte in Ulm verhandelt wurde, ist zu Bebels Gunsten entschieden worden. Bebel bleibt demnach Miterbe im Sinne des Testaments des Leutnants Koll⸗ mann.— Der ehemalige bayerische Leutnant Kollmann hat bekanntlich 1879 seines Bruders Otto Frau und Kinder einerseits und den Abg. Bebel andrerseits zu gleichberechtigten Erben seines großen Vermögens eingesetzt, seinen Geschwistern und sonstigen Verwandten, die ihn nicht gerade liebevoll behandelt haben sollen, aber nichts vermacht. Es handelt sich um eine Summe von 800000 Mk. In der Begründung wird ausgeführt: Den Klägern hätte der Beweis obgelegen, daß das Testament nicht in lichter Geistes verfassung errichtet wurde. Die hierfür vorgebrachten Tatsachen seien jedoch nicht ausreichend.— Gegen das Urteil haben die Erben Berufung eingelegt. Justiz gegen Streikende. Vor dem Schwurgericht in Essen wurde gegen 14 polnische Bergleute wegen„Aufruhrs“ verhandelt. Die Angeklagten hatten während des Generalstreiks einigen Krakehl gemacht und mit Steinen nach den Gendarmen geworfen. Vier Angeklagte wurden frelgesprochen, die übrigen zu zehn Monaten bis zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Die Maßschneider in Elberfeld⸗Barmen haben einen Erfolg erzielt. In den Geschäften der Tarifklasse III wurde der Tarif ganz eingeführt. Ebenso in der Klasse II, wo bisher kein Tarif war. In den erstklassigen Geschäften gelang es zwar nicht, den Tarif ganz durchzuführen, jedoch wurden auch hier den Gehülfen nennenswerte Konzes⸗ stonen gemacht.— In Köln traten am Frei⸗ tag die städtischen Gas arbeiter in den Aus⸗ stand, weil zwei Kommisstons mitglieder entlassen wurden. Die Tagschicht trat am Samstag früh nur unter der Bedingung an, daß im Laufe des Vormittags eine Einigung erfolge. Diese kam um 1 Uhr zustande. Sie brachte erhebliche Zugeständnisse und die Wieder⸗ einstellung der Gemaßregelten. Partei-Machrichten. Parteigenossen Hessens! Auf Antrag Mainz wurde in Pfungstadt beschlossen, das Landeskomitee zu beauftragen mit Hinzuziehung von Parteigenossen der verschtedenen Kreise einheitliche Mitglieder⸗ und Kassenbücher aus⸗ zuarbeiten und an die einzelnen Partetorganisationen auszugeben. In Ausführung dieses Beschlusses und in der Absicht mit den Vertretern der Kreise des Landes die bevor⸗ stehenden Landtagswahlen zu besprechen, wird hiermit eine Ronferenz der Kreisvertreter auf Sonntag, den 7. Mai, vormitt. 10 uhr nach Offenbach a. M. in den Saalbau, Austraße 9 einberufen. Die Wahlkreise werden hiermit ersucht, ihre Vertreter rechtzeitig zu wählen und ihre Wünsche in den zur Besprechung stehenden Fragen festzustellen, damit die Konferenz ersprießlich zu wirken in der Lage ist. Das Landes⸗Komitee. Versammlungskalender. Samstag, den 15. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends ½9 Uhr Versammlung im Lokale August Rinn. Zahlreich erscheinen. Sonntag, den 16. April. Gießen. Städtische Arbeiter. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Lollar. Wahlverein. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Wirt Schupp. Mitgliedsbücher mitbringen! Dienstag, den 18. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ¼9 Uhr Sitzung bei Orbig. Die nächste Nummer gelangt des Char- freitags wegen bereits am Donnerstag zur Ausgabe. Geffentliche Metallarbeiterversammlung Donnerstag, den 20. April, nachm. 6¼ Uhr im Restaurant Pfau, Neustadt 55. Tagesordnung:„Warum sind die Lohnverhältnisse der Gießener Metallarbeiter schlechter als anderwärts“. Referent: Fritz Ehrler⸗Frankfurt. Freie Diskussion. Der Einberufer. —— — ——* 5 —— e 2 ———* —— —— 1 — ——— — —— Seite 6. Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeitung. Von Nah und Fern. Die„sichere Existenz“. In der Zigarrenfabrik von Bein und Reis (Inhaber: Ludwig Mutze) in Frankfurt ist eine Arbeiterin, die im Mai dieses Jahres bereits 24 Jahre in diesem Geschäfte tätig ist, seit zirka 14 Tagen krank. Vor einigen Tagen 10 ihr nun die Firma folgendes Jubiläums⸗ reiben: 1„Wie wir in Erfahrung brachten, wollen Sie vor Ostern nicht mehr zur Arbeit kommen, und sind wir deshalb leider gezwungen, Ihnen zu kündigen, so daß Ihre Arbeitszeit bei uns am 17. d. M. beendet ist.“ So lohnt die Firma die 24 Jahre Arbeit dieser Arbeiterin. Schweinepriester. Vor der Strafkammer in Mainz hatte sich der Dompropst Malzi von Worms wegen Sittlichkeits verbrechen zu ver⸗ antworten. Die Verhandlung dauerte vom Donnerstag voriger Woche bis zum Montag. Verteidiger war der hess. Landtagsabgeordnete Schmitt. Die Beweisaufnahme ergab, daß der Propst anfangs dieses Jahres den Lehrling Werner vorsätzlich körperlich mißhandelt und widerrechtlich durch Gewalt und Bedrohung mit dem Vergehen der Körperverletzung zu Hand⸗ lungen, nämlich zu bestimmten Aussagen und Niederschrift einer Erklärung des Inhalts, daß er mit den Schulmädchen Schmitt und Zimmer⸗ mann unzüchtige Handlungen begangen habe, genötigt zu haben. Dann zwang er die Mädchen durch Drohungen und Mißhandlungen, einen derartigen Verkehr mit dem Werner mit ihrer Unterschrift zuzugeben. Die Mädchen erklärten aber sogleich: Es ist doch gelogen! Dann küßte er die Zimmermann, legte sie aufs Sopha und sagte, nun sollte sie es mal mit ihm so machen, wie sie es mit Werner gemacht habe. Die Mädchen weigerten sich dessen und schrieen. Der Oberstaatsanwalt hielt die Anklage im vollen Umfange aufrecht. Die Mißhandlung des Werner habe lediglich die Erpressung eines Geständnisses zum Zweck gehabt. Der Ange⸗ klagte habe zu einem Mittel gegriffen, das nach unserer modernen Anschauung allen Gefühlen Hohn spreche. Es sind dies die Mittel der Gewalt und der Mißhandlung, die den Schul⸗ digen in das Zuchthaus bringen können. Aber alles, was vorkam, sprach auch dafür, daß die so erlangten„Geständnisse“ der Kinder nicht der Wahrheit entsprachen, und daß sie völlig unschuldig seien an dem, was der Angeklagte ihnen unterstellte. Schließlich sprach jedoch der Staatsanwalt sein Bedauern für den An⸗ geklagten aus! Er beantragte wegen der Miß⸗ handlungen eine kleine Geldstrafe und stellte die Strafe wegen des Versuchs des Sittlich⸗ keitsverbrechens in das Ermessen des Gerichts. Der Verteidiger stellte den Pfaffen nun ganz und gar als einen Unschuldsengel hin und beantragte Freisprechung! Darauf ließ sich aber das Gericht denn doch nicht ein, sondern verurteilte den würdigen Seelsorger zu einem Jahre Gefängnis und 100 Mk. Geldstrafe. Diese Strafe wird man sehr gelind finden, selbst wenn man den Angeklagten als ein Opfer des Zölibats ansehen will. Es ist doch geradezu empörend, wenn ein Mensch, der sich als Erzieher der Jugend aufspielt und von Eltern und Kindern fast unbegrenztes Vertrauen genießt, die ihm anvertraute Jugend sittlich und mora⸗ lisch vergiftet! Bei der Verhandlung selbst spielte er eine erbärmliche Rolle. Austatt an⸗ gesichts der klaren Beweise seine Schuld ehrlich einzugestehen, stellte er die Kinder als Lügner und sich als die verfolgte Unschuld hin! Als kürzlich der frühere sozialdemokratische Abg. Antrick von der Berliner Parteileitung veranlaßt wurde, seine Aemter niederzulegen, well er sich mit der Frau eines Genossen ein⸗ gelassen hatte, wie schlachtete da die Pfaffen⸗ und Ordnungspresse diesen Vorfall aus! Was will aber der Fall Antrick bedeuten gegen den des verbrecherischen Pfaffen! Außerdem sind Fälle wie der Antrick's in unsern Reihen so selten, daß man jeden einzelnen hunderte aus den Kreisen der Ordnungsstutzen aller Art Mieragrrtiellen kann. Die patentierten Sitt⸗ lichkeitshüter haben der Sozialdemokratie nicht das mindeste in Punkto Sittlichkeit vorzuwerfen! Erwähnt muß noch werden, daß man in Worms Bittgebete für Freiprechung des Propstes ub⸗ hielt. Die beiden Mädchen Zimmermann und Schmitt wurden geradezu 8 95 eine Lehrerin forderte die Schülerinnen auf, die Mädchen ins Gesicht zu schlagen! Diese Dinge sind für die dortige talholische Bevölkerung sehr be⸗ zeichnend. Die Frömmigkeit mit Lichtbildern. Wie man die bleierne Langeweile der orts⸗ üblichen„Gottesdienste“ dadurch zu beseitigen trachtet, daß man diese nach dem Prinzip des Varlétés möglichst abwechslungs reich ge⸗ staltet, beweist folgende Meldung bürgerlicher Blätter: Eine Lichtbilder⸗Predigt wurde am Sonntag in der neuen evangelischen Garnison⸗ kirche an der Hasenheide in Berlin abgehalten. Nach einem einleitenden Choralgesang wurde die Kirche verdunkelt und es begann die Vor⸗ führung der das Leben und Sterben Jesu dar⸗ stellenden bunten Lichtbilder. Jedem der 33 Bilder, welche die Gemeinde in ziemlich rascher Folge von Jesu Einzug in Jerusalem über Golgatha bis zur Himmelfahrt führten, ging ein kurzer Abschnitt aus der Passtonsgeschichte voran, den der Pfarrer von der Kanzel verlas. Es folgten, ebenfalls hinter jedem Bilde, ab⸗ wechselnd Chorgesang, Violinvorträge, Solo- gesang und Orgelzwischenspiele. Die Bilder, wurden von der Orgelempore aus auf eine große Leinwandfläche geworfen, die sich vor dem Altar ausbreitete. In unserer Gegend, besonders im Wetzlarer Kreise wurden solche modernen Hilfsmittel auch schon öfters bei Gebetsversammlungen angewendet. 400 Menschen durch ein Bauunglück getötet. In Madrid stürzte am Samstag vor⸗ mittag ein großes im Bau befindliches Wasser⸗ reservoir ein, wobei 400 dabei beschäftigte Arbeiter ihr Leben einbüßten. Die ganze Gewölbedecke, die auf zahlreichen Granitsäulen ruhte, war wie ein Kartenhaus eingefallen und hatte Hunderte von Arbeitern unter einer un⸗ geheuren Menge von Schutt und Trümmern begraben. Nach Tausenden strömte sofort das Volk zusammen, während unter dem Trümmer⸗ haufen lautes Jammern und Stöhnen hervor⸗ drang. Die Ursache ist in einer gewissen⸗ losen Nachlässigkeit und Schlamperei der Bauleiter zu suchen. Die Arbeiter hatten eine Katastrophe schon befürchtet, da vor 14 Tagen schon dret Gewölbe eingestürzt, und da in vier andern starke Risse aufgetreten waren. Schon vor 4 Jahren kamen bei dem Bau, der bereits 1892 begonnen wurde, Einstürze vor. Eine Anzeige einer Kommisston der Bauarbeiter über die Unsicherheit des Baues wurde nicht beachtet. Der Ministerrat beschloß, einen Prozeß zu veranlassen, um die Verantwortlich⸗ keitsfrage klarzustellen. Ob bei diesem Prozeß etwas herauskommen wird, ist mehr als frag⸗ lich. Die gewissenlosen Bauleiter könnte nicht genug Strafe treffen für die vielen Menschen⸗ leben, die sie auf dem Gewissen haben. 2 3 0 Unterhaltungs-CTeil. 7 Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 55(Fortsetzung.) Der Plakatzeichner hatte ein tapferes Herz. te er den Baron aus dem Sattel heben sollte, das wußte er freilich noch nicht und Röschen ebenso wenig. Aber die Liebe machte Beide fröhlich und die Mutter tröstete sie, daß sie noch sehr jung seien und gut noch ein Weilchen warten könnten. i. Meister Adersen murrte in den nächsten Tagen wie ein Ungewitter vor dem Ausbruche. Er war mit den Meistern vom Handwerk einig geworden, daß ihnen die Gesellen nichts, aber auch gar rein nichts abtrotzen sollten; mögen ste nur kommen. Erst am Freitag durchbrach die Mittagssonne auf einen Augenblick das düstere Gewölk. Der Meister ließ eben, in der Ladentür stehend, die mächtige Fülle seines Fleisches von ihr bescheinen, da— bei Gott, es war der Baron von Unkenstein, der piquefein, mit glänzendem Zylinder und hellen Glaces, die Straße heraufkam. Dem Meister versagte der Atem, dann riß er die gestickte Mütze vom Kürbishaupte, machte einen Bückling und rief, so daß es über die Straße schallte:„Gehor⸗ samster Diener, Herr Baron.“ Dieser winkte ihm mit der Hand, hob ein wenig den schim⸗ mernden Zylinder und rief herantretend: „Morgen, Morgen, mein lieber Herr Adersen! Wollte mir die Ehre geben, mich zu erkundigen, wie den verehrten Ihrigen die Partie von neulich bekommen set.“ Der Bäckermeister strahlte.„Gar zu gütig, Herr Baron! Gar zu viel Ehre, Herr Baron! Haben Sie die Gewogenheit, mir gefälligst 10 den Laden zu folgen, es ist der nächste eg.“ Und der Herr Baron hatte die Gewogenheit! Meister Adersen hüpfte, trotz seiner Beleibtheit, fast die Stufen zur Wohnstube hinauf, stieß deren Tür auf und trat mit einem Bückling bei Seite. Dann watschelte er eilfertig zu der gegenüberliegenden Tür, welche in die gute Stube führte, und wiederholte das Nanöber. Der Baron aber war stehen geblieben und schnarrte:„Aeh, pardon, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich störe.“ Denn in der Wohnstube erteilte der alte Häsekin dem Mädchen eine Lektion in der Literatur. Rosalie erwiderte mit einiger Be⸗ fangenheit den Gruß. Häsekin schaute den Gast mit Augen an, die sich mehr und mehr erweiterten. Jetzt schnellte er von seinem Stuhle auf und rief:„Joseph! Mein Joseph!“ Zitternd streckte er beide Hände dem Baron entgegen, der wie erschrocken zurückwich und mit nichts weniger als fester Stimme erwiderte:„Sie irren; mein Vorname ist Isidor— Istdor von Unkenstein.“ Der Alte aber rief erregt:„Wie, Du er⸗ kennst Deinen alten Vater nicht wieder? Es sind allerdings beinahe dreizehn Jahre her, seitdem Du uns verließest, um nach dem Glück zu jagen. Deine Mutter ist vor Gram gestorben und ich bin alt geworden, aber mein Vaterherz täuscht sich nicht. Joseph, mein verlorener Sohn!“ Der Baron räusperte sich:„Aeh! Aeh!“ schaute hierhin und dorthin und trat noch weiter zurück. Meister Adersen, der mit offenem Munde noch immer an der Türe stand, ermannte sich:„Aber Häsekin, was fällt Ihnen ein? Ste täuschen sich, das ist wirklich der Herr Baron von Unkenstein. Bitte, kommen Ste, Herr Baron.“(Schluß folgt.) Humoristisches Blaues Blut. v. Dusselwitz: Aeh— Vor⸗ stand von Adel jenossenschaft verlangt, daß bestraften Adeligen Adel aberkannt und ins Bürjertum verstoßen werden! v. Fusel witz: Aber doch bloß so lange, wie im Zuchthaus sitzen? v. Dusselwitz: Selbstverständ⸗ lich! Nachher wieder untadelhafter Edelmann. Eine fromme Seele.„Aber, Herr Koumer⸗ zienrat, tuen Ihnen denn Ihre Bergleute nicht leid, wenn sie wieder für so einen kargen Lohn hinunterfahren müssen in die Grube?“„Wieso? Worüm? Mir leid? Gott der Gerechte, hat nicht schon der alte Erzvater Jakob gesagt, das er will mit Leid hinunterfahren in die Grube? Worüm sollen's da haben die Bergleut besser?“ (Südd. Postill.) Kleines Gespräch. A.:„Können Ste mir den Unterschied zwischen dem früheren und dem jetzigen preußischen Militärgerichts⸗Verfahren erklären?“ B.: Gewiß! Das kann ich Ihnen ganz genau er⸗ lären: Bei dem früheren Verfahren war die Oeffent⸗ klichkeit von vornherein ausgeschlossen und bei dem jetzigen wird sie von vornherein ausgeschlossen.“ 1 e e — ien ten ing r ögen bah r, bon fi on! igt te t! eit, ieß ing der lte er. d les lte der ge: en le d el, ts . ll el⸗ 05 el, ict el 1 fel 1 L 1 fle 51e Ol. 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