Dore esse/ chafts⸗ on. * 5 ll. 1 ——— ande. einen. 9 4 Nit. 3. Gießen, den 15. Januar 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Nüirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Ags⸗JZeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnements preis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen 1 Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun g jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38 ¼%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Ein sozialer Riesenkampf hat im Ruhrkohlenrevier begonnen. Auf einer nicht geringen Anzahl Zechen sind die Bergleute in den Streik eingetreten, trotzdem die Leitung des Bergarbeiterverbandes und alle Führer die denkbar größten Anstrengungen machten, den Streik zu verhüten. Am Mittwoch Mittag schätzte man die Zahl der Streikenden auf 35000 und noch immer wurde weitere Ausdehnung der Ausstandsbewegung gemeldet. Es ist leicht möglich, daß sich bis zum Schluß der Woche 100000 Mann im Streik befinden. Was ist der Grund zu dieser Riesenbewegung? Wir sagten schon, daß die Führer sich alle Mühe gaben, den Ausstand zu verhüten und sich dadurch selbst scharfe Angriffe von den Bergleuten zuzogen. So wurde dem Abg. Hus in einer Versammlung zugerufen: Das Bremsen muß aufhören! Es geht nicht mehr so weiter! Das beweist, daß sich eine außerordentlich gereizte Stimmung der Kohlen⸗ gräber bemächtigt haben muß. Ueber die Ent⸗ wickelung der Differenzen wurde der„Frkftr. Volksst.“ aus dem Ruhrrevier folgendes ge⸗ schrieben: „Vor 3 Wochen versuchte die Verwaltung von„Bruchstraße“ auf direkt ungesetzliche Weise die Arbeitsordnung zu ändern; auf Einspruch der Belegschaft erklärte der königliche Revier⸗ beamte, Bergrat Remy(Bergrevieramt Witten), die Aenderung für statthaft. Das darauf an⸗ gerufene Oberbergamt Dortmund rektiftzierte Remy und veranlaßte die Zurücknahme des Anschlages. Aber der Macher von Bruchstraße ist der Zechentöter Stinnes, der Zechen stilllegt,„weil es für ihn vorteilhafter ist“. Der Anschlag kam vorige Woche wieder und nun allerdings„vorschriftsmäßig gesetzlich“. Bis zum 1. Februar solle die alte Seilfahrt bestehen bleiben, dann solle sie eine Stunde früher beginnen und die Ausfahrt beim Alten bleiben. Dadurch wird im Effekt eine Schicht⸗ verlängerung herbeigeführt die man ver⸗ geblich mit der Umschreibung„Seilfahrtsab⸗ änderung“ aus der Welt zu schw- atzen ver⸗ sucht! Die Arbeiter wissen das, deshalb ihr einmütiger Protest. Fast alle großjährigen Belegschaftsmitglieder erklärten sich unter⸗ schriftlich gegen die neue Arbeitsordnung. Wohl sind die Arbeiter„vor Erlaß einer neuen(oder eines Nachtrages zur) Arbeitsordnung zu hören“, indessen, damit ist auch der Arbeitereinfluß zu Ende. Wenigstens ist auf den Arbeitereinspruch ein Ukas erfolgt, in dem Diktator Stinnes die Zurücknahme des Anschlages strikte ablehnt. Was nun? Zunächst hat die Verwaltung die Arbeiter ⸗ deputation sechs Stunden lang im Straßen⸗ schmutz auf Antwort warten lassen; den Zechen⸗ blättern hatte sie schon vorher telephoniert! Dann verweigerte man der Belegschaft die ihr regulär zustehenden Brandkohlen, weshalb schon am Mittwoch Mittag der Streik teilweise aus⸗ brach, aber noch gedämpft wurde durch die Organisation. Dann aber wies man die Ar⸗ beiterdeputation brüsk als inkompetent ab. Offensichtlich ist, Herr Stinnes wünscht den Krieg! Da brach er am Samstag auf der Zeche „Bruchstraße“, deren Besitzer der obengenannte Stinnes ist, aus und zwar infolge der heraus⸗ fordernden, fast höhnischen Antwort, die dieser der Arbeiterdeputation auf ihre Beschwerde gegen die Verlängerung der Schichtdauer zu teil werden ließ. Stinnes erklärte heuchlerisch, daß die Verlängerung der Seilfahrtzeit keine Schichtverlängerung bedeute! Außerdem ver⸗ weigerte man, die den Bergleuten zustehenden Hauskohlen in genügender Menge zu liefern. Alles dies in Verbindung mit Verlautbarungen, wonach Militär herangezogen werden sollte, steigerte selbstverständlich die Erregung unter den Bergarbeitern aufs Höchste und am Sams⸗ tag früh fuhr die Morgenschicht der„Bruch⸗ straße“ in der Stärke von 250 Mann nicht ein. Sofort fanden Versammlungen statt. Die Leute der„Bruchstraße“ ersuchten die Kameraden des ganzen Ruhrreviers ausdrücklich,„nicht in einen allgemeinen Streik einzu⸗ treten, weil dadurch der Sieg unserer gerechten Sache in Frage gestellt wird. Auf anderen Zechen sollen die Kameraden erst dann Forde⸗ rungen stellen oder sich anschließen, wenn ihre Verwaltung die Zeche Bruchstraße direkt oder indirekt unterstützt. Kameraden, zeigt Euch solidarisch insofern, daß ihr die Disziplin hoch⸗ haltet und erst dann vorgeht, wenn unser Sieg erfochten ist.“ Erfreulicherweise haben sich alle vier Berg ⸗ arbetterorganisationen: Alter Verband, christl. Gewerkverein, Hirsch⸗Dunkerscher Gewerkverein und die polnische Berufsvereinigung verbunden und wollen in diesem Kampfe gemeinsam vor⸗ gehen und gemeinsame Aufrufe an die Arbeiter richten. Besonders werden letztere dringend aufgefordert, keine„wilden Streiks“ zu beginnen, sondern straffe Disziplin zu halten. Ein all⸗ gemeiner Streik in der jetzigen Zeit nütze nur den Unternehmern, bedeute aber fur die Arbeiter Unheil. Mißstände sind soviel vorhanden, daß die Arbeiter schon längst alle Ursache zum Streik hätten, zumal die Kohlenbarone Geld in Menge aus dem Schweiße der Arbeiter pressen und in ihre Taschen führen. Doch wissen die Orga⸗ nisationen vorsichtig mit der Waffe des Streiks zu hantieren. Die Unternehmer, die Kohlenbarone, sind es, welche den Streik wollen und provozieren! Sie wollen durch gesteigerte Kohlenpreise riesige Profite einheimsen und zugleich die erstarkenden Bergarbeiter⸗Ge⸗ werkschaften niederschlagen. Und von ihrem Standpunkte aus rechnen sie nicht unrichtig. Sie sind durch Kohlenvorräte auf lange hinaus gedeckt und können den Streik länger aushalten, als die Arbeiter; sie können dadurch auch die verhängnisvollen Folgen der Ueberproduktion beseitigen, die den Kapitalismus als sein dro⸗ hender Schatten begleitet. Die holde Harmonie zwischen Kapital und Arbeit enthüllt sich da⸗ durch, daß die Kohlen arone ihren Profit steigern, indem sie mit dem Schwerte nach dem Herzen der von ihnen ausgebeuteten Proletarier zielen. Die Sachlage ist so klar, daß selbst die kapitalistische Presse sie nur noch zu be⸗ schönigen, aber keineswegs zu leugnen wagt. Es ist ein Spiel so freventlich und gemein, daß auch dem Blödesten die Widersinnigkeit der heutigen„Ordnung“ klar werden muß. Die Arbeiterfuͤhrer des Ruhrreviers tun, was in ihren Kräften steht, um den Ausbruch eines Streiks zu hindern. Das ist ihre Pflicht. — Wann aber deren Erfüllung ihnen durch das Verhalten der beutegierigen Kapitalisten un⸗ möglich werden sollte, trifft sie kein Cadel. Eine Grenze hat Tyrannenmacht! Die deutsche Arbeiterklasse wird den Kämpfern, so viel in ihren Kräften steht, helfend zur Seite stehen. Dom preußischen sopialdemokralischen Parteitag. Wir haben in der letzten Nummer unseres Blattes nur einen Teil der Verhandlungen des ersten preußischen Parteitags und zwar den⸗ jenigen über die Wohnungsfrage und über die Schulfrage wiedergeben können. Im Folgenden wollen wir in gedrängter Kürze die weiteren Verhandlungen unsern Lesern vorführen. Die Diskusston über das Referat des Genossen Dr. Arons über die Schulfrage war eine sehr eingehende und ergiebige. Alle Redner stimmten darin überein, daß als Hauptforde⸗ rung die gänzliche Lostrennung der Schule von der Kirche erhoben werden müsse. Bruhns ⸗Kattowitz begründet zunächst einen Antrag, wonach der Parteitag entschieden gegen die Art und Weise protestiert, in der die preußi⸗ sche Regierung die Volke schule in den fremd⸗ bezw. gemischt⸗sprachigen Gegenden als Mittel zur sogenannten Germanisation mißbraucht. Dieser Antrag wird von Adler ⸗Kiel lebhaft unterstützt, wobei er darlegt, wie man in Nord⸗ schleswig planmäßig darauf hingearbeitet, die Schule in den Dienst der Germanisationspolitik der preußischen Regierung zu stellen. Aus der weiteren Diskussion sind noch die Ausführungen der Frau Lily Braun hervorzuheben, die an der Hand preußischer Schullesebücher nachweist, wie der Unterricht in der Volksschule in erster Linie auf die Entwicklung hurrapatriotischer Gesinnung zugeschnitten ist. Abg. Heine⸗Berlin wünscht ebenfalls die vollständige Beseitigung des„kirchlichen Dog⸗ matismus“; es müsse aber an dessen Stelle treten: Religlonsgeschichte, Moral und Kunst⸗ pflege. Die Ausscheidung des Religionsunter⸗ richts ohne einen Ersatz würde zur Folge haben, daß die Kirche die Herrschaft über die Geister außerhalb der Schule nur noch erhöhen werde. Das sehe man vor allem in Frankreich. Redner unterbreitet einen entsprechenden Zusatzantrag. Bei der Fortsetzung der Verhandlungen am folgenden Tage drehte sich die Debatte haupt⸗ sächlich um die Ausführungen Heines über die Relig:on, gegen die sich fast alle Redner wandten und für Trennung von Schule und Kirche ein⸗ traten. Es wurde ausgesprochen, daß, wenn man seine Ausführungen unterschreibe, der Satz „Religion ist Privatsache“ aus dem Partei⸗ programm gestrichen werden müsse. Nur einige Redner, unter andern Dr. Liebknecht, wollten für die Zukunftsgesellschaft und die Zukunfts⸗ schule„religtöse Acquivalente“ zulassen in Ge⸗ stalt einer Kunstmoral und insbesondere Natur⸗ lehre, aber sie wollten sie nicht als Ersatz für den Religionsunterricht gelten lassen. Abg. Heine, der nochmals dos Wort nahm, wahrte seinen Standpunkt. Würde jetzt die aktuelle Frage gestellt, konfessioneller oder gar kein Religionsunterricht in der Schule, so würde er letzteres als kleineres Uebel vorziehen. — r 1 118 1 4 5 5 e — JE ²˙ v r 3 Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗geitung. Gegen Heine wandte sich mit besonderer Eindringlichkeit Dr. Arons in seinem Schluß⸗ wort. Mit dem Standpunkt, die Schule solle des religiösen Stoffes nicht entbehren, sei man auf der schiefen Ebene, die zur Konfesstonsschule führe. Das habe folgerichtig und ehrlich Graf Caprivi bei der Verteidigung des Zedlitzschen Schulgesetzentwurfs ausgeführt: die Schule religionslos, mit dieser Forderung könne man eine Volksbewegung entfesseln, die über die Sozialdemokratie hinaus weite Kreise ergreifen würde, die heute, abgestoßen durch das liberale Gebaren, in der Schulfrage beiseite ständen. Das geringste Zugeständnis führe aber unter den heutigen preußischen Verhältnissen zur kon⸗ fesstonellen Schule. Dr. Arons zog aus den Verhandlut gen unter Zustimmung der Ver⸗ sammlung den Schluß, daß sich die Sozial⸗ demokratie Deutschlands und in andern Ländern mit der Frage der Schule noch recht oft werde beschäftigen müssen. Sein Referat und die Resolution seien aber lediglich berechnet und V0 flit auf die augenblicklichen politischen erhältnisse in Preußen, die die Konfessions⸗ schule in den Vordergrund der Schulfrage stellen. Die zur Resolution gestellten Anträge über die Schulunterhaltungspflicht, über das System der Koedukation, über den Mordspatriotismus er⸗ kannte er als berechtigt an; ebenso u. a. die im Laufe der Verhandlung von dem Reichstags⸗ abgeordneten Thiele erhobene Forderung einer Reichsschulgesetzgebung, aber er bat, sie gesondert zur Abstimmung zu bringen und die rein preußi⸗ sche Resolution mit solchen Dingen nicht zu belasten. Die Uebernahme des gesamten Schul⸗ wesens auf das Reich habe nicht größere Aus⸗ sicht auf Verwirklichung als der deutsche Ein⸗ heitsstaat. Die gemeinsame Erziehung beider Geschlechter sei eine so selbstverständliche Forde⸗ rung, daß er sich, als er den Antrag zu Gesicht bekam, gewundert habe, sie nicht im Partei⸗ programm zu finden. Bei der Abstimmung, die die Verwerfung des Heineschen Antrages mit allen gegen etwa zehn Stimmen brachte, wurden die oben er⸗ wähnten Anträge mit der vom Referenten vor⸗ geschlagenen Resolution einstimmig angenommen. Zu dem weiteren Punkte der Tagesordnung, in dessen Beratung der Parteitag hierauf ein⸗ trat, dem gegen die Landarbeiter gerichteten Kontrakibruchsgesetz referierte Abg. Stadthagen. Nach dem Gesetze, das in dieser Session dem Landtage vorgelegt worden ist, soll mit Haft oder Geldstrafe bestraft werden der Arbeit⸗ geber, der kontraktbrüchige Arbeiter in Dienst nimmt, der Agent, der solchen Arbeitern einen Dienst nachweist und jeder, der einen Arbeiter zum Kontraktbruch verleitet oder zu verleiten sucht. Wie kam der Landtag dazu, eine solche Verrufserklärung schlimmster Art gegen die Landarbeiter zu fordern, obwohl sie dem Reichsgesetz zuwiderläuft? Seit dem Jahre 1894 haben die Agrarier immer unver⸗ schämter eine solche Bestimmung gefordert, die den Geist des Mittelalters in seinen schlimmsten Zeiten wieder erstehen läßt, und haben sie zunächst in den Kleinstaaten Anhalt, Reuß und Weimar erreicht. Vom Martinstage 1810 an sollte jede Erbuntertänigkejt in Preußen aufgehoben sein. Trotzdem wurde die Gesinde⸗ ordnung von 1810 eingeführt, trotzdem soll jetzt unter dem heuchlerischen Vorwand, Treu und Glauben zu verteidigen, durch das neue Gesetz die Erbuntertänigkeit, die Zwangsgesinde⸗ schaft, die Ausbeutung schlimmster Art wieder eingeführt werden. Daß dies das Ziel ist, beweisen die Reden der konservativen, freikonser⸗ vativen und zentrümlichen Junker im Lan d⸗ tage. Herr v. Mendel⸗Steinfels führte dort aus, daß die Junker die Arbeiter sich gegenüber nicht wollen gebunden sehen durch Vereinigungen, die den Frieden stören. Die Landwirte seten einmal Idealisten(Große Heiterkeit), sie wollten die alten patriarchalischen Zu⸗ stände möglichst bald wieder herstellen. Wahr⸗ scheinlich die patriarchalischen Zustände, unter denen für das untertänige Gesinde bestimmt war, daß Stockschläge dem Gesetz zu⸗ widergingen, dagegen Schläge mit der r were Lederpeitsche auf den Rücken über die Kleider in mäßiger Anzahl erlaubt seien. Freilich hat das Oberverwaltungsgericht für die Gegenwart ein viel weitergehendes Recht der Züchtigung den Herrschaften zuerkannt als die Erbuntertänigkeit. Deyn es hat in einem Falle entschieden, daß Schläge mit einer Lederpeitsche in das Gesicht eines Knechtes keine übermäßig harte Züchtigung darstelle. In derselben Beratung, in der Herr Mendel⸗Steinfels sich die durch das Oberber⸗ waltungs gericht schon übertroffene Leibeigen⸗ schaft zurückwünschte, erklärte ein Herr Brämer, die Entziehung des Eigentums durch Diebstahl sei viel weniger schlimm, als wenn ein anderer die Arbeitskraft, die er gemietet habe, mit Freude an sich nehme. Der Arbeiter soll also wie eine Ware behandelt, schlimmer wie sie mißhandelt werden. Das neue Gesetz, das dieses Ziel verwirklichen soll, ist dem Landtage vorgelegt worden, weil niemand glauben konnte, es werde je im Reichstage die geringste Aus⸗ stcht auf Annahme haben. Der Entwurf, das ist vom Ministertische selbst zugegeben worden, widerspricht aufs schärfste dem Reichs⸗ recht, ist nach Reichsrecht null und nichtig. Es widerspricht dem Grundgedanken der Ver⸗ fassung, nach der das Ziel des deutschen Reiches Pflege der Wohlfahrt aller Bürger sein soll, dem Freizügigkeitsgesetz, der Gewerbeordnung in vielen Punkten, dem Strafgesetzbuch, dem Reichsgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und gegen zahllose Bestimmungen des bürger⸗ lichen Gesetzbuches. Oder ist es nicht der er⸗ bärmlichste und stinkendste Wucher, dem dieser Entwurf Vorschub leistet. Bis in die achtziger Jahre sind Reichsregierung, Konservative, Zent⸗ rum und preußisches Landwirtschaftsministerium vollkommen einig darüber gewesen, daß ein Partikulargesetz zur Erschwerung des Kontrakt⸗ bruches der von diesen Leuten beschworenen Verfassung widersprechen würde. Noch 1899 erklärten Herr v. Miquel und Herr v. Hammer⸗ stein, die ganze Frage sei eine der Reichsgesetz⸗ gebung. Genau 5 Jahre später apportierten die preuzischen Minister den von den übermütig auftrumpfenden Herren verlangten Gesetzentwurf. Wer kann denn glauben, daß einer der heutigen Minister nicht gewußt hat, daß er etwas Reichs⸗ gesetzwidriges tut, wenn man versucht, die Landarbeiter zu Bürgern 10. Klasse zu degra⸗ dieren. Offiziell haben die russtsche und italie⸗ nische Regierung, ebenso die Abgeordneten des galizischen Landtages davor gewarnt, daß ihre Landsleute nach Ostelbien gingen. Dort würden sie noch schlimmer betrogen und ausgebeutet als trotz der traurigsten Verhältnisse in ihrer Heimat. In den gröb⸗ lichsten Schimpfereien erblicken die Gerichte keine besondere Mißachtung. Trotzdem warne ich den ländlichen Arbeiter, dem gnädigen Herrn oder der gnädigen Frau solch liebenswürdige Kosung zu teil werden zu lassen.(Heiterkeit.) Aber noch viel schlimmer als nach dem Gesetz steht der Arbeiter nach dem Vertrage, den die Landwirtschaftskammern als Muster entworfen haben. Auf diese Verträge trifft vollkommen zu, was Prof. Sotmar über den ländlichen Arbeitsvertrag gesagt hat, er sei absoluter Despotismus des Grundbesitzers gemildert durch den Kontraktbruch. Noch schwerer als die elenden Löhne, die ungesunden Wohnungen, die verdorbenen Nahrungsmittel, die unwürdige soziale Stellung lastet die vollkommene Recht⸗ losigkeit auf den ländlichen Arbeitern. Hier⸗ für führt der Redner mehrere Gerichtserkennt⸗ nisse aus der neuesten Zeit an, welche tiefe Entrüstung in der Versammlung hervorrufen. Wir dürfen uns aber nicht damit begnügen, diesen Anschlag gegen den letzten Rest von Menschenwürde zu vereiteln, auch die anderen Schranken der Fretheit der Landarbeiter müssen fallen. Ein Gewerbegericht, Gewerbe⸗ inspektoren, die jahrzehntelang versprochene Kranken versicherung muß für die länd⸗ lichen Arbeiter erreicht werden, die Dienst⸗ und Gesindeordnungen müssen beseitigt werden. Wir müssen ferner den Landarbeitern die Notwendig⸗ keit der Sozialisterung der Gesellschaft klar machen. Wir müssen ste vertraut machen mit dem Gedanken einer endlichen Beseitigung der * bestehenden Gesellschaftsordnung und Vicht n die schwere geistige Oede bringen, die heut auf der Landbevölkerung lastet. Und wenn es auch für die einzelnen Kämpfer der Aufklärung Wunden und Narben gibt, so darf uns das nicht abschrecken, weit mehr als bisher auf das Land hinauszugehen und die Landarbeiter mehr und mehr unter die Fahne des Sozialismus zu sammeln. Der Referent ersucht um An⸗ nahme folgender Resolution: Der dem preußischen Abgeordnetenhause vorgelegte „Entwurf eines Gesetzes betreffend die Erschwerung des Vertragsbruches landwirtschaftlicher Arbeiter und des Gesindes“ ist ein mit der Reichsgesetzgebung unvereinbares neues Ausnahmegesetz gegen die Kleinbauern, die ländlichen Arbeiter und das Gesinde. Dieser Gesetzent⸗ wurf sucht diese Arbeiterklasse zu Gunsten der Groß⸗ grundbesitzer vollends zu entrechten und auf die Stellung mittelalterlicher Höriger und Zwangsarbeiter herabzu⸗ drücken. Eine bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Ver⸗ mehrung des Elends der Kleinbauern, der ländlichen Arbeiter und des Gesindes, sowie eine Vermehrung der Leutenot wäre die notwendige Folge eines solchen Aus⸗ nahmegesetzes. a Gegen diesen Gesetzentwurf erhebt der preußische Parteitag den nachdrücklichsten Protest. Er fordert dagegen: 5 Die rechtliche Gleichstellung der ländlichen Arbeiter und des Gesindes mit den gewerblichen Ar⸗ beitern. Beseitigung der gegen die ländlichen Arbeiter und gegen das Gesinde bestehenden Ausnahmegesetze, insbesondere des Gesetzes vom 24. April 1854 und der Gesindeordnungen. ö Arbeiterschutz durch Reichsgesetz für die länd⸗ lichen Arbeiter und für das Gesinde und ein volles. gesichertes Roalitions recht. Die traurige wirtschaftliche und rechtliche Lage der f ländlichen Arbeiterbevölkerung und das Bestreben der herrschenden Klasse, die ländliche erwerbstätige Bevölke⸗ rung vollends rechtlos zu machen, legt den Parteigenossen die dringende Pflicht auf, die ländliche Bevölkerung über die Miß achtung ihrer Rechte aufzuklären und ihnen die Notwendigkeit eines festen Zusa e nmenschlusses zum ge⸗ meinsamen Kampf gegen die Ausbeutung und Reaktion einzuprägen. Der Parteitag fordert daher die Parteigenossen auf, mit allen Kräften die Organisation der Landarbeiter und des Gefindes zu betreiben, um die wirtschaftliche Notlage und die politische Unterdrückung des ländlichen Prole⸗ tartats wirksam zu bekämpfen. 1 Hierzu beantragt Reichstagsabgeordneter Ha a se⸗ Königsberg, hinter Ziffer 1 einzufügen: Errichtung von Schiedsgerichten für die Streitigkeiten der Landarbeiter 1 ——— und des Gesindes unter Mitwirkung von Richtern welche von den Landarbeitern und dem Gesinde aus ihren Berufskreisen auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Mahlrechts zu wählen sind. Auch an dieses Referat schloß sich eine ein⸗ gehende und sehr interessante Diskussion, von der wir natürlich nur besonders wichtige Einzel⸗ heiten hervorheben können. daß der Jahreslohn eines ostpreußischen Landarbeiters einschließlich der Naturalien etwa 250 Mk. betrage. Kein Sklave im Alter⸗ tum habe schlechter gestanden, als der moderne Lohnarbeiter.— Tiefen Eindruck machten ferner die Ausführungen eines Landarbeiters, Schmidt⸗ Sonnenburg, auf den Parteitag. Dieser Ge⸗ nosse, der selbst das Landarbeiterelend durchge⸗ kostet har, führte unter anderem aus: Wir Schnitter waren empört, als wir von dem neuen Gesetz hörten. Wi fragen uns, was gibt den Herren das Recht zu solchem Gesetz? Die Schnitter müssen sich alles gefallen lassen. Wenn sie irgendwie zu widersprechen wagen, so wirft man den Mann hinaus und hält die Frau im Dienst fest. Als ich diesen Sommer auf der Insel Pöhl arbeitete, da bekamen wir Kartoffeln, aus denen es schon einen Meter lang herauswuchs, und einen Liter Schleu⸗ dermilch, die man den kleinen Ferkeln vor⸗ setzt. Ich habe auch die Wohnungsverhältnisse der Schnitter auf dem Gute des Prinzen Albert von Sachsen⸗Altenburg kennen gelernt. In Arnshagen waren die Gebäude sehr baufällig, daß man immer nach der Decke aufsah, wenn man durch das Tor ging. Schließlich wurden Linde⸗Königsberg stellte an der Hand von Arbeitskontrakten fest, ——— ¶ͤ!— die deutschen Schnitter aufsässig, wie man das ho nennt. Jetzt hat man russische oder galizische Schnitter nach Mecklenburg gebracht, die schlafen auf der bloßen Erde und bringen ihr ganzes Geschirr im Taschentuch mit. Wir leugnen. 2JJ2SSßSSTCTTàͥͤ Vc ˙· Fb ͤ ͤ ͤVVc/ TTT — vorgelegte rung dez und des ereinbarez ern, die Gesttent⸗ et Groß- e Stellung heaahh⸗ gerte Ner⸗ landlche hrung der chen Aug. preußische Er fordet ländlichen lichen Ar⸗ 1 Abeiter hmegestge, 854 und die läub⸗ in polles Lage der teben der Bevölke⸗ telgenossen nung über ihnen die zum ge⸗ Reaktion sen auf, eiter und e Notlage n Poole⸗ Haase⸗ tung bon darbelter Richtern, sinde aus ö glelchen, sind. eine ein⸗ on, boll Einzel⸗ nigsberg ten fest, zischen turalien i Alter⸗ moderne n ferller Ichmidt⸗ Ar. 3. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Ve Leutenot. Wir müssen jeden Kontrakt unterschreiben, nur um Arbeit zu bekom⸗ men! Wie geht es uns Schnittern nun im Winter? Ich kann von mir sagen, daß ich diesen Sommer nicht genug verdient habe, um im Winter davon zu leben. Ich bin im Sommer von der Insel Pöhl ausgerückt, und habe 40 Mk. Kaution im Stich gelassen, ich wollte wenigstens in der Heimat verhungern. Ich habe nun aus nahmsweise diesen Winter in meiner Heimat bei einem politischen Gegner Arbeit gefunden. Vielleicht war er neu 1b wie der Albert Schmidt sich bei der Arbeit bewährt. Er warnte mich, die Leute verrückt zu machen. Da sagte ich ihm, die sind schon verrückt! Denn ste leisten für eine Mark den Tag schwere körperliche Arbeit. Und nun bitte ich Euch, Genossen, etwas zu tun zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der elendesten Arbeiterklasse. Dinge dieser Art wurden im Laufe der weiteren Diskussion noch mehrere angeführt. Einen für die Rechtsprechung— in Bezug auf die Landarbeiterverhältnisse— bezeichnenden Fall bringt Löbe⸗Breslau vor. Eine Frau in unserer Gegend veranlaßte ihre Mitschnitte⸗ rinnen, die Arbeit einzustellen, um eine Lohn- erhöhung von 60 auf 70 Pfennig den Tag zu erreichen. Der Streit war erfolgreich; aber die Frau und ihr Mann wurden von der Stelle gejagt, viermal von der Polizei in Geldstrafen genommen und schließlich vom Gericht in Bres⸗ lau zu 10 Tagen Gefängnis wegen Aufreizens zu gemeinsamem Verlassen der Arbeit verurteilt. Der Richter fügte hinzu, wenn der Streik länger gedauert hätte, wäre die Strafe nicht so„milde“ ausgefallen. Adler⸗Kiel legt dar, wie in Schleswig die bei dänischen oder sonst mißliebigen Herr⸗ schaften in Diensten stehenden Dienstboten unter Androhung der Ausweisung von amtswegen zum Kontraktbruch aufgefordert werden.— Auch die für diesen Punkt vom Referenten vorgeschlagene Resolution gelangt einstimmig zur Annahme. (Fortsetzung Seite 6.) 22.5.————— Politische Rundschau. Gießen, den 12. Januar 1905. Der Reichstag nahm am Dienstag seine Arbeiten wieder auf. Man arbeitete Resolutionen auf, die von der Etatsberatung 1904 übrig geblieben sind. — Am Mittwoch kam der Etat des Reichs⸗ tags und des Reichs justizamts zur Beratung, wobei fast alle Redner der Regierung die Blamage vorhielten, die sie sich mit dem Königsberger Prozeß zugezogen hat. Besonders der Freisinnige Müller⸗Meiningen und unser Genosse Haase lasen der Regierung gehörig den Text. Der Herr Staatssekretär Nieberding drückte sich jedoch und ließ sich auf eine Erörterung nicht ein. Gegen die Soldatenmißhandlungen soll kürzlich ein neuer militärischer Erlaß den Truppenteilen zugegangen sein. Danach soll fortan mit keinem Soldaten mehr kapituliert werden, der im Zivilverhältnis wegen Mißhand⸗ lung oder wegen eines anderen Roheitsvergehens vorbestraft wurde. Ebenso soll mit allen An⸗ gehörigen der Armee, die während ihrer Dienst zeit wegen Mißhandlung bestraft wurden, nicht weiter kapituliert werden. Dieser Erlaß entspricht einem Teile der Forderungen, die im Reichstage schon so oft von Seiten der Sozialdemokraten und links⸗ liberaler Elemente erhoben worden sind. Aber man bleibt da auf halbem Wege stehen. Wenn man schon nicht mehr mit einem Soldatenschinder kapitulieren will, so bekundet man damit, daß man ihn nicht mehr geeignet hält für die Stellung eines Vorgesetzten. Daraus müßten die Konsequenzen gezogen werden, und zwar dahin: daß alle Personen, die innerhalb der Armee wegen Mißhandlung von Untergebenen bestraft werden, damit zugleich als ungeeignet stellen zu erachten sind. Die Armee kann nur gewinnen, weun solche Elemente aus ihr ver⸗ schwinden. Aber selbst damit würde noch nicht alles getan sein. Es muß hinzukommen der weitere Ausbau des Beschwerderechts und die Gewährung des Notwehrrechts an die Untergebenen. Zur neuen Hüssener⸗Affaire wurden von dem Scherl'schen Berliner Lokal- Anzeiger Mitteilungen gemacht, durch welche die sozialdemokratischen Angaben über das fidele Gefängnis auf dem Ehrenbreitstein durchaus bestätigt werden. Es wurde da zugegeben, daß Hüssener„auf Urlaub“ war, ferner daß er seinen allsonntäglichen„Kirchenurlaub“ dazu benutzt habe, den ihm von der Festungs⸗ haft her bekannten Wirt des Koblenzer Park⸗ hotels zu besuchen.— Demgegenüber bemerkt unser Kölner Parteiblatt, daß Hüssener etwa vier Wochen Urlaub gehabt hätte. Außer⸗ dem habe er dem Wirt des Parkhotels nicht etwa privatim besucht, sondern er hat an den Frühschoppen in dessen öffentlichem Gast⸗ zimmer teilgenommen. Hüssener scheint auch, wenn wir recht unterrichtet sind, seinen sonn⸗ täglichen Urlaub noch zu ganz anderen Dingen benutzt zu haben. Uns wurde nämlich schon vor längerer Zeit mitgeteilt, daß Hüssener an verschiedenen Sonntagen in den Rheinanlagen gesehen worden sei und zwar in Begleitung einer jungen Dame von 18 bis 20 Jahren. Das Mädchen soll ihrer Umgebung gegenüber kein Hehl aus ihren Beziehungen zu Hüssener machen.— Derartig ist also die„Strafe“ für einen Mörder aus„besseren“ Kreisen. Saararabische Unternehmer Willkür. Die Burbacher Hütte(bei Saarbrücken) hat Folgendes durch Toranschlag bekannt gemacht: „Soeben wird der Versuch gemacht, im Saargebiet eine sozialdemokratische Zeitung unter dem Namen Saarwacht herauszugeben, die dazu bestimmt ist, das gute Verhältnis zwischen Unternehmern und Industriearbeitern im Saargebiet zu stören und Unzu⸗ friedenheit unter Hüttenleute, Bergleute und die sonstige Arbeiterschaft zu ssen Wir erwarten von dem gesunden Sinne unserer Hüttenleute, daß sie sich diesem Blatte fernhalten, es weder bestellen noch lesen, da wir nicht gesonnen sind, sozialdemokratische Agitation in irgend welcher Form auf unserm Werk zu dulden.“ Die übrige Großindustrie wie das Völkinger Hüttenwerk, das Neunkirchener Stummsche Hüttenwerk, die Halberger Hütte und die Dillinger Hütte haben ähnliche Bekanntmach⸗ ungen erlassen. Darüber wird wohl kein Ar⸗ beiter im Zweifel sein, daß der Ukas einfach bedeutet: Wer die Saarwacht liest, wird ent lassen. Was sagt der preußische Handels⸗ minister dazu, der gelegentlich einer Interpel⸗ lation im Abgeordnetenhaus die ihm unter⸗ stehenden Verwaltungen reinzuwaschen suchte? Jetzt wird ja vor den Augen aller Welt be⸗ kundet, daß man es in Saarabien nach wie vor für selbstverständlich hält, den Arbeitern vorzuschreiben, was sie lesen dürfen und was nicht.— Den Arbeitgebern verschiedener Arbeiter, welche die„Saarwacht“ verbreitet hatten, ging von Seiten der Bergverwaltungen und anderen einflußreichen Stellen die Aufforderung zu, die betreffenden Arbeiter zu entlassen, sonst würde ihnen die Kundschaft entzogen. Das ist natür⸗ lich kein Terrorismus! Wenn Religion Privatsache wäre! Im evangelischen Lager herrscht große Auf⸗ regung über einen Entscheid des Kultusministers Studt, wonach Synoden und einzelne Gemeinden ihr Vermögen und Einkommen nicht als Bei⸗ trag für österreichische Gemeinden verwenden dürfen. Dieser Entscheid ist offenbar getroffen worden mit Rücksicht auf das Zentrum und seinen Bundesgenossen, den österreichischen Kle⸗ rikaltsmus, dem die Los von Rom⸗Bewegung höchst lästig wird.— Den protestantischen Kirchengemeinden Preußens wird darum durch einen einfachen Ukas verboten, aus ihren Mitteln eine Bewegung zu unterstützen, die nach prote⸗ stantischer Auffassung religiöse Wahrheit verbreiten soll. Hätte der sozialdemokratische zur weiteren Bekleidung von Vorgesetzten⸗ Programmsatz„Religion ist Privatsache“ Gel⸗ tung, und dürften, wie es das sozialdemokratische Programm verlangt, die Religionsgesellschaften ihre Angelegenheiten selbständig, von der Staats⸗ gewalt unabhängig ordnen, so könnten die evangelischen Kirchengemeinden zur Bekehrung der österreichischen Katholiken, der Chinesen, Neger usw. so viel Geld aufwenden, als es ihnen irgend beliebt. Der Staat und der Kultusminister hätten ihnen dabei nicht das Geringste dreinzureden. Ein sozialistischer Staatsanwalt. Am Neujahrstage starb der Staatsan⸗ walt von Orleaus, Paul Le Carpentier, eines frühzeitigen Todes. Der„Vorwärts“ schrieb dazu:„Die weite Oeffentlichkeit erfuhr dabei von seiner sozialistischen Gesinnung aus dem warmen Nachruf, den sein Freund Fourniere in der„Humanité“ veröffentlichte. Für diejenigen, die es anging, war Le Carpen⸗ tiers Gesinnung kein Geheimnis. Seine Be⸗ amtenlaufbahn wurde dadurch lange Zeit ge⸗ hemmt, aber— mögen die preußisch⸗deulschen Justizminister erschrecken!— doch nicht unter⸗ brochen. Ueber seine Amtserfüllung schreibt Fourniere:„Der Gerichtsbeamte, der die öffent⸗ liche Vergeltung in den Gerichten zu vertreten hatte, besaß eine tief menschliche Auffassung seines furchtbaren Amtes. Im Schuldigen er⸗ blickte er einen Unglücklichen, der zu bessern, nicht einen Feind, der zu treffen ist.“— Der Verstorbene hat die Hälfte seines nicht unbe⸗ deutenden Vermögens der Partei vermacht. Louise Michel, die eifrige und von den Volksfeinden wohl mit am meisten geschmähte Kämpferin für soztale und politische Befreiung der Menschheit, ist am Montag in Marseille, 74 Jahre alt, gestorben. Bereits im Frühjahre wurde sie schon einmal tot gesagt, doch erwies sich damals die Todesnachricht als unrichtig, sie war nur schwer erkrankt. Nun hat der Tod doch diesem an Verfolgungen und Entbehrungen reichen Leben ein Ziel gesetzt. Das Andenken an diese aufopferungsfreudige Kämpferin wird im arbei⸗ tenden Volke immer lebendig bleiben. Kleine politische Nachrichten. Wilhelm II. verlieh dem russischen General Stös se l und dem japanischen Nogi den Orden„pour le mérite“! — In der französischen Deputirtenkaa mer wurde bei der Präsidentenwahl Dou mer mit 265 Stimmen gegen den bisherigen Präsidenten Brisson gewählt. Diese Wahl wird allgemein als eine Niederlage des Ministertiums Combes angesehen.— Russisch⸗japanischer Krieg. Port Arthur wurde von den Japanern nunmehr in Besitz genommen. Am Sonntag wurden die Gefangenen übergeben: im Ganzen 878 Offiziere und Beamte und 23491 Mann. Die Schwerkranken werden vorläufig noch in Feldlazaretten in Port Arthur bleiben; alle, die transportabel sind, werden nach Japan gebracht werden, sobald die Einrichtungen für ihre Unterbringung beendet sind. Von den 878 russischen Offizieren der Armee von Port Arthur haben 441 ihr Ehrenwort gegeben, nicht m ehr gegen Japan kämpfen zu wollen und erhalten deshalb gemäß der Kapitulation die Erlaubnis, in ihre Heimat zurückzukehren. Mehrere Generale haben es vorgezogen, nach Japan in die Gefangenschaft zu gehen. General Stössel trat am 12. Januar von Dalny die Reise nach Rußland an. Stössel soll dem General Nogi bet der Zusammenkunft mit diesem gesagt haben: Die wahre Ursache des Krieges sei die russtsche Unkenntnis der japanischen soldatischen Eigen⸗ schaften. Er habe kapituliert, da er nur noch einige Tage unter großen Opfern den Platz hätte halten können. Das Eintreffen der japa⸗ nischen elfzölligen Geschütze sei der Wendepunkt der Belagerung gewesen. Er sagte weiter, es sei unnötig, daß die Baltische Flotte noch her⸗ aufkomme. dern ——— 8 — — 2 — Seite 4. „Mitte l„Zeitun 1 8. 0 N 1 0 nd ge — 7„de 7 isches. rn. 5 4 U 1 e e 8. 5 sachen 5 0 0 r Ver zal im O hält set il egiern rwalt das J der T rbig Kues 2 9 Bont 190 0 hal dem Land* 1 cee de reis⸗ e egrü„ e 9 1 e fe 1 Sennen e Sund e Wahl n ec 75 Gese enn dpi e ch Es ent⸗ vori fee ant hätte 29 n hält r auf wir üb 5 ue die een e bel Ae a 1 55 sene nuch a en ürfe! 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Au die Genossen in den nassauischen Landgemeinden! 5 Gemäß 8 27 der Landgemelude⸗Ordnung für Hessen⸗ Nassau liegt in der Zeit vom 15. bis 30. Januar d. J., in einem vorher zur öffentlichen Kenntnis zu bringenden Raume, die Liste der wahlberechtigten Ge⸗ meinde mitglieder offen. Während dieser Zeit kann jeder Stimmberechtigte diese Liste einsehen und gegen die Richtigkeit derselben Einspruch erheben. Die sämtlichen Wahlberechtigten werden in drei Steuerklassen geteilt und ez muß auf jede Klasse ein Drittel der Für jede nicht Stelle dieser Steuer ein Betrag von Mk. 3 zum An⸗ satz zu bringen. Wähler, welche von dem sonst nichts vergessenden„Vater Staat“ nicht zu einer Steuer veranlagt sind, dürfen keineswegs vom Wahlrecht aus⸗ geschlossen werden, sondern wählen in der dritten Klasse (8 21). Damit die Hausagrarier nicht zu kurz kommen und stets in der Lage sind, nur ihnen„förderliche“ Beschlüsse zu fassen, bestimmt§ 23, daß ¼ der Ge⸗ meinde⸗Vertreter, Angesessene(also Haus⸗ oder Grund⸗ besitzer) sein müssen. Wahlberechtigt sind alle selbständigen Gemeindeangehörigen, auch Frauen, auf welche die Vor aussetzungen der Stimmberechtigung für Männer zutreffen, können durch Bevollmächtigte wählen. Als selbständig im Sinne der Landgemeinde⸗Ordnung gilt: wer das 24. Lebensjahr vollendet hat, einen eigenen Hausstand besitzt, sofern ihm nicht das Verfügungsrecht durch richterlichen Beschluß entzogen ist. In die Wählerliste wird außerdem nur aufgenommen, wer: 1. Angehöriger des Deutschen Reichs ist (mithin sind auch Nichtpreußen in Preußen wahl⸗ berechtigt)) 2. die bürgerlichen Ehrenrechte besitzt; 3. seit 2 Jahren im Gemeindebezirk seine Wohnung hat; 4. keine Armenunterstützung empfängt; 5. die schuldigen Gemeindeabgaben bezahlt hat und außerdem 6. entweder ein Wohnhaus in der Gemeinde besitzt, oder von seinem in der Gemeinde belegenen Grundbefitze mit einer Jahres⸗ steuer von mindestens Mk. 3 veranlagt ist, ein Ein⸗ kommen von mehr als Mk. 660 hat. Bei der eminenten Wichtigkeit der Gemeindewahlen für unser gesamtes Wirtschafts⸗ und Erwerbsleben ist es dringend erforderlich, daß unsere Genossen sich dur ch Einsehen der Wählerliste das Fundament zur Ausübung ihres Wahlrechts sichern. In den Orten mit viel Ar⸗ beitern kommt es oft vor, daß diese apsichtlich in der Wählerliste„vergessen“ werden, denn die einflußreichen Bauern wissen sehr genau, daß in den Gemeinde⸗Ver⸗ tretungen Politik von tief einschneidender Bedeutung ge⸗ trieben wird und suchen mit solchen Mittelchen zu ihrem Ziele zu kommen. An die Lokalvertrauensmänner und Genossen ergeht daher das dringende Ersuchen, die Parteigenossen zur Einsichtnahme der Wählerlisten anzuhalten. Sollte bei der Einsehung oder Eintragung von Seiten der Behörde etwaige Schwierigkeiten gemacht werden, so bitten wir dies unter Angabe des zuständigen Landratsamts dem Genossen Louis Trott, Haiger assau) mitzuteilen, welcher dann das Weitere veranlaßt. t, Getäuschtes Vertrauen. Vor dem Schöffen⸗ gericht in Herborn standen kürzlich zwei arme Berg⸗ leute von Oberscheld, die wegen Beleidigung eines Gemeinderechners, begangen durch die Presse, zu 80 und 40 Mk. Geldstrafe verdonnert wurden. Die beiden Sünder hatten in dem christlich⸗sozialen Schimpforgan zu Herborn, ein wahrscheinlich auf dessen Redaktion druckreif gemachtes Gespräch zwischen„Hannes und Henner“ veröffentlicht und waren dabei zu weit gegangen. Der mutige Kämpe, der in dem„Volksfreund“ die Rolle des Redakteurs spielt, hat wahrscheinlich gleich den Täter genannt, anstatt den unerfahrenen Bergleuten entweder das Eingesand so zu deichseln, daß dieselben nicht von dem Kadi zitiert werden konnten, oder seine Unerfahrenheit einzugestehen und die ganze Sache nicht aufzunehmen. Jeder anständige Redakteur hält es für seine Ehrenpflicht die Namen der Einsender geheim zu halten. Die politische Qualifikation des Volks freund⸗ Soldschreiber scheint nicht weit her zu sein. Seine Wasch⸗ lappigkrit hat er übrigens schon in der Abonnements⸗ einladung im Voraus eingestanden, damals verkündete er: „Wir werden die Namen nicht verraten, nur bei Gericht, falls uns dadurch Klage drohen sollte.“— Die Haupt⸗ angst verursacht dem Stöckerjüngling die Sozialdemokratie, die in unserm Kreise täglich mehr an Boden gewinnt, während die Christlichen den Krebsgang gehen. Der Augenblickserfolg von 1903 hält nicht an; um die faule Sache der Christlich⸗Sozlalen zu vertreten, müssen diese Agitatoren notwendigerweise mit der Wahrheit stets auf dem Kriegsfuß stehen und in dieser Beziehung stellt auch der„Nass. Volksfr.“ seinen Mann. Denn dies Blatt betreibt selbst die parteiüblichen Verleumdungen politischer Gegner mit solcher Langweiligkeit, daß es sich bald den letzten seiner 600 Abonnenten vom Halse geschrieben haben muß. In den 2 letzten No. pöbelt er uns an, mit ollen Kamellen und Lügen unter der Spitzmarke: Die„Genossen“ unseres Wahlkreises an b Wir kommen in der nächsten No. darauf zurück. 0 a g Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. * Christlich⸗soziale Agitation. Herr Dr. Burckhardt, der Parteisekretär der Stöcker⸗Partei hielt am Samstag und Sonntag im Marburger Kreise drei Versammlungen ab. Samstag sprach er in Fron hausen über die Arbeiter⸗ und Bauernforderungen seiner Partei, wo ihm der nat.⸗soziale Redakteur Nuschke von der„Hess. Landesztg.“ entgegen⸗ trat und besonders die Stöckerianer, gestützt auf das christlich⸗soziale Programm als Feinde des Reichstagswahlrechts kennzeichnete. Sonntag Nachmittag war Herr Burckhardt in Betzies⸗ dorf, wo nach der„Hess. Landesztg.“ die Ver⸗ sammlung meist von Bauern(Landwirts⸗ bündlern) besucht war. Nuschke unterzog hier den zöllnerischen Standpunkt Burckhardts einer scharfen Kritik. Die Abendversammlung in Cölbe gestaltete sich ziemlich lebhaft. Eine Anzahl unserer Parteigenossen waren hierzu von Marburg herüber gekommen, ohne sie und die Arbeiter aus Cölbe wäre ein kläglicher Besuch zu verzeichnen gewesen. Herr Burckhardt hielt hier ein auch von seinem Standpunkte außerordentlich schwaches Referat. Offenbar haben die Zukunftsstaatsreden Bülows auf ihn Eindruck gemacht und er sucht sie bei seiner Agitation zu verwerten. Er servierte der Ver⸗ sammlung einen wässrigen Aufguß davon, stellte den„Zukunftsstaat“ mit seinen Schrecken dar, in dem kein Mensch arbeiten, sondern jeder Coupons schneiden und ein Leben führen wolle, wie Junker und Gardeoffiziere. Er las ferner eine Reihe Gesetze herunter, gegen die alle die Sozialdemokraten im Reichstage gestimmt hätten. Warum unsere Genossen so gestimmt, sagte er natürlich nicht. Das rügte Genosse Vetters, der darauf das Wort ergriff und darauf hinwies, daß die sozialdemokratische Fraktion über ihre Tätigkeit ausführlich all⸗ jährlich Bericht erstatte und ihre Stellungnahme zu den einzelnen Gegenständen begründe. Er glossterte dann die Zukunftsstaatsangst und wies, soviel dies in einer Redezeit von 15 Minuten möglich war, auf die Zustände im Gegenwartsstaat hin. Herr Nuschke wies wiederum auf die Unzuverlässigkeit der Christl.⸗ Sozialen in Wahlrechtsfragen hin und stellte fest, daß ste in den Wahlflugblättern ihren Standpunkt in dieser Beziehung vershletert hätten. Herr Burckhardt suchte sich auf diese Angriffe so gut es ging heraus zu reden. Selbstverständlich suchte er wieder, wie er das fast in jeder Versammlung tut, unsern Gen. Singer zu verdächtigen, indem er einiges aus der Urteilsbegründung im Prozesse Singer⸗ Bachler vom Jahre 1888 anführte. Daß Bachler damals zu 400 Mk. Geldstrafe wegen Beleidigung Singers verurteilt wurde, sagte er allerdings nicht, stellt also die Sache bewußt fälschlich dar. Es ist allerdings höchst traurig, daß sich Herr B. sol cher Mittel be⸗ dienen muß. Dies sagte ihm Vetters auch. Von unserer Seite sprach noch Wedemann. Getadelt muß werden, daß sich ein Marburger Arbeiter, der uns nahe steht, ungehörig be⸗ nahm. Immer ruhig geblieben! 1. Auf die Gewerk schafts versammlung, die Samstag abend 9 Uhr bei Jesberg stattfindet, sei noch⸗ mals aufmerksam gemacht und zu recht zahlreichem und pünktlichem Erscheinen eingeladen. Die Marburger Stadtväter haben einen Beitrag zu dem Hochzeitsgeschenk der Städte für den Kronprinzen abgelehnt. — So meldeten die Zeitungen. Zur Be⸗ ruhigung aller Königstreuen bestätigt sich diese Meldung nicht. Sonst hätten sie das nicht etwa aus Mangel an„monarchischer Gesinnung“ getan, sondern aus Mangel an Moneten. Hudde verhaftet. Den vermutlichen Mörder des Pfarrer Thöbes in Heldenbergen, Metzger Hudde, hat man anfangs der Woche endlich in Aachen erwischt. Hudde trieb sich vort unter dem Namen Hüttermann herum und hatte sich in einer Herberge ein⸗ quartiert. Er leugnet, den Mord begangen zu haben, hat aber verschiedene Einbrüche ein⸗ gestanden. Sein Transport nach Gießen dürfte baldigst erfolgen. Lohnkämpfe. Die Lohnbewegung im Schreinergewerbe in Osnabrück nimmt einen immer größeren Umfang an. Jetzt hat der Arbeitgeber⸗Schutzverband sämtlichen Gesellen, welche Organisationen angehören, also fast sämtlichen überhaupt, gekündigt. Wir haben es also hier mit einer Aussperrung zu tun. Kleine Mitteilungen. * Ein Großfeuer äscherte anf dem Hofgute Louisenlust bei Usenborn sämtliche Stallgebäude ein, nachdem bereits einige Tage früher eine wohlgefüllte Scheune ein Raub der Flammen geworden war. Man nimmt mit Sicherheit Brandstiftung * Wegen Kindesmord wurde die in der Gießener Klinik befindliche Dienstmagd Burger aus Windschläg verhaftet. * Berg arbeiter⸗Tod. In der Nacht zum 4. Januar wurden in dem Kulmizchen Braunkohlenwerke bei Saarau i. Schl. durch Einsturz eines Teiles der Decke eines etwa 200 Meter langen Stollens fünf Arbeiter verschüttet. Zwei lebten noch, ste waren durch eine Höhlung, die sich beim Zusammenbruch ge⸗ bildet hatte, geschützt worden. Trotz aller Anstrengungen Genosse gelang es nicht, sie zu retten. Partei-Uachrichten. Opfer des Kampfes. Genosse Fette vom „Volksblatt“ in Halle hat am vorigen Freitag das Gefängnis zur Abbüßung von 4½ Monaten bezogen. Falls aber das Reichsgericht das Urteil des Landgerichts, durch das Fette wegen„Majestätsbeleidigung“ zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde, bestätigt, dann hat Fette eine lange Kerkerhaft vor sich. Versammlungskalender. Samstag, den 14. Januar. Heuchelheim. Turnabteilung des Arbeiter⸗ bildungs⸗Vereins. Abends 8½ Uhr Ver⸗ sammlung im Turnlokal. Friedberg. Wahl verein. Vecsammlung abends 8½ Uhr bei Ihl(Zur Konkordia, Bismarckstr.). Sonntag, den 15. Januar. Lollar. Wahl verein. Nachmittags /4 Uhr Versammlung bei Fr. Schupp. Freitag, den 20. Januar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Letzte Nachrichten. Bei der Reichstags⸗Ersatzwahl in Cal be⸗ Aschersleben(an Stelle Alb. Schmidts) erhielten Albrecht(Soz.) 18450, Placke(natl.) 11624, Rahard(Mittelstandsp.) 7898 Stimmen. Stich⸗ wahl zwischen Albrecht und Placke.— Wegen des Streiks im Ruhrkohlenrevier wird die so— ztaldemokratische Reichstagsfraktion die Regie⸗ rung interpellieren, welche Schritte sie gegen die vielfachen Gesetzesübertretungen durch die Unternehmerschaft zu tun gedenkt.— Eine am 12. Januar in Essen stottgefundene Delegierten⸗ Versammlung der Bergleute des Ruhr⸗ reviers beschloß, die Forderungen der Berg⸗ arbeiter dem Verein für bergbauliche Interessen sofort zu überreichen, mit dem Ersuchen einer Antwort bis zum 16. Januar. Ergeht eine ablehnende Antwort, so soll die ganze Berg⸗ arbeiterschaft streiken. Etwa 70000 Bergleute befinden sich jetzt im Ausstande.— Graf Pückler wurde in Berlin wegen Vergehen gegen die öffentliche Ordnung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, und weil er die Richter nach der Urteilsverkündigung bedrohte, zu drei Tagen Haft. Briefkasten. Nach Lauterbach. Bei der Firma Winkler u. Co. Segeltuchweberei in Cassel liegen die Arbeiter im Streik. Es ist also gegenüber den Streikbrecher⸗Werbern größte Vorsicht geboten. 5855 —*— 2 77... 8 5 2 3 e 8 * 2 * 5 8 3 r 2 FFTTPPPFTPPPPPPCCCCCCTC0CCCV(CCTCCT0T(TTT 2— ———— e e a Seite 6. Mitteldentsche Sonutags · geitung. Nr. 3. Vom preußischen sozialdemokratischen Parteitag. (Fortsetzung von Seite 3.) Als vierter und letzter Gegenstand der Tagesordnung kommt das Landtagswahlrecht zur Verhandlung. Hierüber referiert Reichs⸗ tagsabg. Ledebour, der ausführt: Die Stel⸗ lung der Soztaldemokratie in Preußen läßt sich im letzten Grunde nur durch die Eigenart des preußischen Staates selbst erklären. Die deutschen Einzelstaaten sind im späten Mittel⸗ alter dadurch entstanden, daß die höchsten Be⸗ amten des Reiches, die etwa unsern heutigen Oberprästdenten entsprechen, sich durch Erb⸗ teilung, Verheiratung, Erschacherung, Erbette⸗ lung, Ergaunerung und Eroberung ein großes Landgebiet verschafften. Nach dem Zerfall des Reiches wuchsen die Einzelstaaten, indem sie sich eine weitere Ausbreitung ihres Landbesitzes unter der Begönnerung Napoleons und später Alexanders I. ergaunerten und er⸗ trotzten. Die unsinnige Länderzusammenfassung Preußens verdankt also dem bloßen Zufall ihre Entstehung und die andern deutschen Einzel⸗ staaten sind oft auf noch viel weniger ehren⸗ hafte Weise zu ihrem Besitz gekommen. 1870 ist nun Deutschland zwangsweise geeinigt worden — soweit es den e Bedürfnissen entsprach. Genau zu derselben Zeit trat die Sozialdemokratie als polittsche Partei auf. Von den preußischen Verhältnissen hielt sie sich vollkommen fern, weil man glaubte, Preußen werde bald in Deutschland aufgehen müssen und weil das Proletariat in Preußen völlig entrechtet war. Aber einmal ging die Ent⸗ wicklung zum Einheitsstaate doch langsamer als wir dachten, und dann fühlen wir uns stark genug, in den Kampf um die politische Macht einzutreten. Ist nun der Erfolg unsrer Wahlbeteiligung nicht so, wie ihre Freunde ihn erwartet haben, so haben wir doch bedeutende agitatorische und moralische Resultate zu verzeichnen. Redner gibt dann eine Geschichte des preußischen Land⸗ tagswahlrechts, an dessen reaktionärer Tendenz Zentrum, Konservative, Nationalliberale und Regierung gleich schuld sind. Nur eine Bestim⸗ mung, so fährt der Referent fort, ist dem Proletariat günstig: Daß die Drittelung nicht im ganzen Wahlkreise, sondern im einzelnen Bezirke erfolgt. So kommt cs, daß in den Außenbezirken der großen Städte selbst die Demittelsten zu den Proletariern gehören und wir auch in der 1. und 2. Klasse Wahlmänner durchsetzen können. An sich ist die Bestimmung absurd, denn sie macht es möglich, daß in Altona die Bordell wirte die 1. Klasse bilden, während der Polizeipräsident zur 3. Klasse gehört! Nun hatte vor den Wahlen in der Partei eine lebhafte Erörterung darüber stattgefunden, ob der Freisinn für uns bündnisfähig sei. Daß sie es nicht waren, hat nicht an uns gelegen. Daß der Freisinn jedes Bündnis mit uns ab⸗ gelehnt hat, ist eine selbstmörderische Tat, wenn man das reine Fraktionsinteresse in Betracht zieht. Aber die„Masse des freisinnigen Volkes“ war eben für ein solches Bündnis einfach nicht zu haben. f Die letzten Landtagswahlen haben nun das Dreiklassenwahlparlament fast gar nicht ver⸗ ändert. Noch immer haben die Konservativen die Mehrheit, wenn ste sich entweder mit dem Zentrum oder den Nationalliberale verbinden, während im Reichstag, ganz abgesehen davon, daß dort die arbeitende Klasse durch Sozial⸗ demokraten vertreten ist, das Zentrum der Grundstock jeder Majorität ist. Nun hatte schon vor diesen Wahlen mit Hinblick auf die von 1893 ein Antrag Barth⸗Wiemer Einführung der geheimen Wahl und Neueinteilung der Wahlkreise eingebracht. Nach diesen Wahlen liefen wieder zwei Anträge auf Abänderung des Wahlrechts ein, veranlaßt durch die Schwierigkeiten, die sich bei der Wahl in den großen Wahlkreisen heraus⸗ gestellt haben. Wurde doch die Wahl in Teltow⸗ Beeskow nur durch einen Rechtsbruch möglich. Aber sowohl der freikonservative wie der liberale Antrag verlangen, daß diese Eintenung nach dem Vermögen nicht mehr in jedem einzelnen Wahlbezirk, sondern in der ganzen Gemeinde vorgenommen werden soll. Damit würde jede Aussicht darauf ver itelt, daß jemals ein Sozial⸗ demokrat in den preußischen Landtag kommt. Das beweist, daß wir von der Regierung wie den bürgerlichen Parteien nicht das mindeste zu erwarten haben. Nicht an sie, sondern an das Volk richten wir die Forderung der Reso⸗ lution, die Ihnen der Parteivorstand vorlegt. Sie lautet: f „Der preußische Landtag hat keinen Anspruch dar⸗ auf, als eine Vertretung des preußischen Volkes aner⸗ kannt zu werden, da das erkünstelte Gebilde des Herren⸗ hauses durch seine Mehrheit von erblichen und ernannten Gesetzgebern nur der Herrschaft der Junker und Bureau⸗ kraten als Rückhalt dient, während das Dreiklassen⸗ wahlsystem durch Bevorrechtung des wohlhabenden Siebentels der Wähler mit einem Zweidritteleinfluß auf den Ausgang der Abgeordnetenwahlen die große Masse des Volkes tatsächlich entrechtet und das Abgeordneten⸗ haus selbst zu einer Geldsacksvertretung herabwürdigt. Eine fortgesetzt reaktionärer sich gestaltende, den wahren Interessen des Volkes zuwiderlaufende Gesetz⸗ gebung ist die Frucht dieser Zusammensetzung des Laudtages. Herrenhaus und Abgeordnetenhaus sind nach ihrem Ursprung— der ein durchaus ungesetzlicher ist, weil auf Oktroyierung beruhend— und nach ihrer Zusammen⸗ setzung die Verkörperung nackter Klassenherrschaft und vollendeter Volks, und Arbeiterfeindlichkelt. Der Parteitag der Sozialdemokratie in Preußen protestiert deshalb auf das nachdrücklichste gegen die Vergewaltigung und Rechtlosmachung, die der ungeheuren Mehrheit des preußischen Volkes durch das Vorhanden⸗ sein einer solchen Klassenvertretung zugefügt wird. Der erste und notwendigste Schritt zur Nieder⸗ zwingung der Reaktion in Preußen ist deshalb die Um⸗ gestaltung des preußischen Parlaments zu einer wahr⸗ haften Volksvertretung. Wir fordern somit die völlige Beseitigung des Herrenhauses und für das Abgeordneten⸗ haus die Erteilung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe an alle staats⸗ angehörigen Männer und Frauen, die das zwanzigste Lebensjahr überschritten haben, nach Maßgabe des Pro⸗ portionalwahlrechts.“ Für dieses Ziel müssen unsere Parteigenossen unablässig wirken. Daß ein Proletarier mit 20 Jahren zum Wählen reif ist, glauben wir um so eher, als nach der preußischen Verfassung der König schon mit 18 Jahren die Regierung übernimmt. Hält man es vielleicht für leichter, als einen Wahlzettel in die Urne zu propfen, einen Staat zu regieren? Oder glaubt man, daß jedem Fürstenkinde durch irgendwelches Wunder ein Uebermaß von Intelligenz, Tat⸗ kraft und Charakter in die Wiege gelegt worden ist? Historisch lätzt sich nur beweisen, daß der Prozentsatz der Verrückten unter den Fürsten größer ist als in jeder andern Erwerbsklasse. Selbst wenn das Frauenwahlrecht in der ersten Zeit der Reaktion zugute kommen sollte, müssen wir doch dafür eintreten. In keinem Staate der Welt ist die Stellung der Frau so unwürdig wie in Preußen. Sonst wäre es ganz unmög⸗ lich, daß der Poltzetminister v. Hammerstein, wie er(s getan hat, im Parlament ein wehr⸗ loses von der Polizei drangsaliertes Weib in erbärmlichster Weise zu beschimpfen wagte, ohne daß ein Sturm der Entrüstung losbrach. Aber im Abgeordnetenhaus wieherten die Junker vor Freude und kein einziger Redner protestierte gegen diese Beschimpfungen. Ein trauriges Zeichen für den Tiefstand dieses Parlaments! Wie können wir da nun eine Besserung erreichen. Nur dann, wenn es uns gelingt, durch unablässige Agitation eine große Volks⸗ bewegung zu entfesseln. Jede Frage von Wichtigkeit, die im preußischen Parlament ver⸗ handelt wird, müssen wir zur Agitation in Wort und Schrift ausnützen. Redner wendet sich im Weiteren gegen einen Zusatzantrag Bernsteins, der energischen Protest gegen das Dreiklassenwahl⸗Machwerk durch zu ge⸗ legener Zeit zu veröffentlichende Protestartikel und unter Umständen durch Massen demon⸗ strationen verlangt. Mit der Resolution des Parteivorstandes würden wir eine große Massen⸗ bewegung in rechter Weise entfesseln können. In der Diskusston wendete sich Bern⸗ stein gegen die Art, wie Ledebour seinen (Berusteins) Antrag behandelt habe und weist die gegen ihn gerichteten persönlichen Angriffe zurück. Er vertritt die Meinung, daß wir, um etwas zu erreichen, um stärkere Formen der Demonstrationen nicht herumkämen. Und wir hätten andere nicht als Straßendemon⸗ strationen. Adler⸗Kiel hält den Antrag Bernsteins für einen schweren Fehler. Wir dürften nicht, wie die Liberalen immer Droh⸗ ungen aussprechen, wo wir nichts leisten können. Wir wollen lieber etwas leisten ohne zu drohen. Gehen wir auf die Straße, so bedeutet das den Straßenkampf, die bewaffnete Revolution. Die aber ist ein Blödsinn, solange wir nicht stegen können. Wenn wir aber reif sind, muß uns die friedlichste Revolution gelingen. Bei der Abstimmung wird der erste Teil des An⸗ trages Bernstein(Presseagitation) angenommen, der zweite(Massendemonstrationen) gegen etwa 30 Stimmen abgelehnt. Mit dem so be⸗ schlossenen Zusatz wird die Resolution des Parteivorstandes einstimmig botiert. f Singer schließt hierauf nachdem noch einige weitere sonstige Anträge erledigt waren, den Parteitag, mit einem Hoch auf die Sozial⸗ demokratie. Für unsere Parteientwickelung bedeutet der Preußentag zweifellos einen weiteren Schritt nach vorwärts. 8 Unterhaltungs-Cril. 5 Gereehtigkeit. „Drei Wochen“, spricht der alte Mann, „Vrei Wochen, das ist viel, Weil ich nun nicht mehr schaffen kann, Und doch nicht hungern will.— Ich habe nun fast fünfzig Jahr Geschafft als braver Mann And jetzt sind meine Kräfte gar, Was fange ich nun and— Aus einem Strafhaus kaum heraus, Ins andere hinein; a So geht es fort jahrein, jahraus, O, schrecklich, arm zu sein. Sehn Jahre war ich Grenadier, Tat treulich meine Pflicht, Ein Kreuz bekam ich wohl dafür, Doch Brot bekam ich nicht. Das Bein verlor ich in der Schlacht, Den Arm in der Fabrik, Ja, ja, ich hab es weit gebracht,“ Spricht er mit nassem Blick. Der Richter, des Gesetzes Nort, Er fühlt des Alten Schmerz; Doch hier hat das Gesetz das Wort, Und nicht das Menschenherz. Drei Wochen, wie das Arteil spricht, Sperrt man den Alten ein. Denn Gnade gilt nicht vor Gericht, Gerechtigkeit muß sein. Hh. Bartel. Ueber die Spielwut die hier und da auch in Arbeiterkreisen herrscht, machte kürzlich die„Bäckerzeitung“ folgende sehr beherzigenswerten Ausführungen: Manches unschuldige Spiel und Vergnügen artet zur Unsitte, schädigend für den Geist und Körper des einzelnen Individuums wie ganzer Gesellschaftsklassen aus, wenn es in übermäßiger Weise betrieben und so förmlich zum Laster der Menschen wird. Und wer hätte nicht schon gehört von den Opfern eines Monte Carlo, von wo die Tages⸗ presse von Selbstmorden der Unglücklichen zu melden weiß, die in der Verzweiflung über ihr Pech, das sie in der Spielhölle hatten, Hand an sich legten, um aus dem Leben zu scheiden, das ihnen zum Ueberdruß geworden war! Wem sind nicht die Spielerprozesse aus Berlin, Hannover und anderen Städten noch in frischer Erinnerung, durch welche aufgedeckt wurde, wie 1 3 1— .... f 1 — lu. 58 ige en al⸗ er it * * 2 0 7 3 Ar. 3. Mitteldeutsche Sonutags⸗ Zeitung. Seite 7. der Spielteufel so manches junge Menschenleben ins Unglück gestürzt hat! Doch hierbei handelt es sich stets nur um Angehörige der Kapitalistenklasse, und die ge⸗ richtliche Klarlegung der einzelnen Fälle zeigte uns die Fäulnis in den oberen Gesellschafts⸗ schichten. Wenn es uns als Menschen auch nicht gleichgültig sein kann, das Laster selbst und seine Schrecken im Gefolge dort zu be⸗ obachten, so berühren uns derartige Fälle als Arbeiter sehr wenig. Aber anders verhält es sich damit, wenn man mit blutendem Herzen tagtäglich noch sehen muß, wie auch unter einer roßen Zahl von Arbeitern, und zwar der chlechtestgestellten unter der Arbeiterschaft, der Spielteufel umgeht und tagtäglich seine Opfer fordert. Hier sind es arme Teufel, die nicht mehr verdienen, um von der Hand in den Mund zu leben und sich eben kümmerlich durchzuschlagen vermögen, bei denen das Karten- und Würfel ⸗ spiel zum Laster 97 7 1 ist und bei dem sie ihre letzten paar Mark vom verdienten Arbeits⸗ lohn oder ihre letzten paar Groschen, oie gerade noch für Lebensmittel des nächsten Tages ge⸗ reicht hätten, wenn sie arbeitslos sind, dem Spielteufel opfern und dann, der letzten Sub⸗ sistenzmittel entblößt, mürrisch und ärgerlich, abgespannt aufs äußerste, von dannen schleichen! Die Kellner, die 14 bis 16 Stunden tagsüber für einige Nickel Trinkgeld gerannt haben in dem großen Lokal, um die Gäste zu bedienen, sieht man nach Schluß der Wirtschaft das Lokal zusammenräumen, Biergläser zu⸗ sammentragen und die Stühle und Tische zusammenstellen mit einer Hast als wenns im Akkord ginge. Der Uneingeweihte bemitleidet diese übermüdeten Leute, weil er glaubt, daß dieselben es jetzt so eilig haben, nur um mög⸗ lichst schnell nach Hause ins Bett zu kommen, ihre müden Glieder auszuruhen. Wer aber die Gewohnheiten dieser Leute kennt, weiß, daß dann viele von ihnen, wenn sie mit größter Hast ihren Wirkungskreis verlassen haber, um die Ecke einer stillen Straße biegen, durch eine Hintertür in ein halbdunkles, dumpfes Lokal hineinschlüpfen und dort dem Spielteufel bis in die frühe Morgenstunde frönen, dann aufs höchste ermattet, ärgerlich und mürrisch über ihre Verluste der letzten Nacht, nach einigen Stunden unruhigen Schlafs wieder sich auf⸗ raffen und ihren Dienst in der Tretmühle all⸗ täglichen Lebens, in Bierdunst und Tabaks⸗ qualm, wieder rein mechanisch verrichten. Ebenso ergeht es den Schlächtern, nur mit dem Unterschiede, daß dieselben die Stunven, in welchen sie sich dem Spiellaster ganz ergeben, wegen der Eigentümlichkeiten ihres Berufs auf eine andere Tageszeit verlegen. Nicht zu ver⸗ gessen aber die Bäcker, welche wohl das beste Kontingent von allen Berufen an dem Spiel⸗ tisch stellen, bei welchen das den Geist und Körper zerrüttende Laster die größte Aus⸗ breitung gefunden hat. Sie, die ebenso wie ihre Leidensgenossen aus den obenerwähnten Berufen so nötig hätten, sofort nach vollendeter Arbeit sich am ganzen Körper gründlich zu baden und zu waschen, dann aber sofort ihre dumpfen, übermäßig erhitzten und mehlstaub⸗ eschwängerten Arbeitsräume zu verlassen und scch eine oder einige Stunden täglich in frischer Luft zu baden bei längerem Spaziergang, haben kaum ihre Bude verlassen, so schwingen sie sich auf die Straßenbahn oder Omnibus, um nur möglichst schnell ihr Verkehrslokal zu erreichen. Hier angekommen, werden einige Worte mit dem Wirt und den anwesenden Kollegen zur Begrüßung gewechselt und dann setzen sie sich um den Tisch, einer holt die Karten hervor— eine Zeitung zum Lesen verlangen sie gar nicht erst, wissen sie doch, daß sie schon nach einigen Minuten dabei einschlafen würden— und nun wird ein Unterhaltungsspiel begonnen. Aber nicht lange dauert es und schon ruft einer, „das ist zu langweilig, dabei schläft man ja ein.“ Betreffender wirft dem Wirt einen ver ⸗ ständnisvollen Blick zu und fordert seine Kollegen auf, etwas„Interessantes“ zu spielen. Einige Augenblicke und die ganze Gesellschaft ist sich einig und besetzt einen Tisch in einem dunklen Winkel der Kneipe, oder— was ihnen noch angenehmer— der Wirt öffnet die Türe eines Nebenraumes, zieht vorsichtig die Vorhänge der nach der Straße gelegenen Fenster zusammen und nun geht es am Tisch los. Der Bank⸗ halter mischt seine Karten, erst nur Einsätze von 50 Pfg., bald aber folgen auch Ver⸗ doppelungen, und Einsätze von 5 Mk. und höher sind keine Seltenheit. Ein junges schmächtiges Kerlchen hat zu Anfang Glück gehabt und 20 Mk. gewonnen, jetzt setzt er, wie von der Natter gestochen und läßt keine Miene von den Karten ab; aber das Glück hat ihn verlassen, schon ist der Gewinn wieder zum Teufel und jetzt holt er sein letztes Zehnmarkstück aus der Tasche; er will wechseln, aber da zuckt es in seinem Gesicht und— er ruft„10 Mk. auf die 7“.— Im Augenblick sind sie weg; er greift noch einmal in die Tasche, aber— findet nichts mehr. Jetzt borgt er sich von seinem Nebenmann noch einen Taler! Das Kerlchen ist heute wie besessen!— Die Sache wird jetzt interessant! Mehrere der Um⸗ stehenden rücken jetzt die Stühle heran, stellen sich auf diese und beugen sich über die um den Tisch stehenden hinweg, um besser alles über⸗ sehen zu können. Kein Laut ist zu vernehmen und die Augen eines jeden bohren sich in die Karten in den Händen des Bankhalters. Dem vorhin erwähnten jungen Mann rinnen die Schweißtropfen von der Stirn, als er den gepumpten Taler mit zitternden Händen setzt. Da fallen die Karten und der Bankhalter streicht auch diesen Taler ein.— Da, ein wilder Fluch des Verlierenden, über welchen die ganze Gesellschaft in schrilles Lachen ausbricht. Wütend hierüber verläßt er das Zimmer und stürmt hinaus. Dem Wirt scheint die Sache nicht mehr geheuer und mit Gewalt macht er dem ver⸗ botenen Spiel ein Ende.— Schmunzelnd drückt sich der Bankhalter in eine stille Ecke und zählt seinen Rebbach. In der Zeit, wo dieser, der schon jahrelang nicht mehr arbeitet und sich bloß vom Spielen ernährt, darüber nachdenkt, wo er sich des Abends noch amüsteren kann, stürmen die andern, in ihrer Barschaft bedeutend erleichtert, zu Hause an die Arbeit, und schon schweißtriefend von der Ueberreizung beim Spiel, mit glanzlosen, blöden Augen vor sich hin⸗ starrend, beginnen sie die Arbeit. Jeder hastet darauf los, kein Wort wird dabet gewechselt, und man steht nichts als verdrießliche Gesichter. Da, nach einigen Stunden angestrengter Arbeit unter tiefstem Schweigen löst sich bei einem die Zunge und nun kommt die Unterhaltung in Fluß, aber nur um das Spiel und nur um das Spiel dreht sich dieselbe, und endlich ist bei allen der Entschluß gefaßt:„Nun einige Wochen tüchtig gespart und nicht aus dem Hause gehen, um dann den Versuch zu unter⸗ nehmen, das Verlorene beim Spiel wieder zu holen!“ So geht die eintönige Arbeit bei der⸗ selben Unterhaltung unter Fluchen und Schimpfen weiter, währenddessen sich unser Bankhalter von gestern mit„noblen Damen“ amüsiert. Der versteht sein Geschäft, und falls er über etwas nachdenkt, dann nur darüber, ob er morgen wieder einige Dumme von solchem Schlag wie gestern mit gespickten Kassen findet, und er wird sie finden! Diese Krebsschäden in unsern Reihen aus⸗ zumerzen, ist eine schwere und oft sehr undank⸗ bare Aufgabe, nichtsdestoweniger ist es aber unsere heiligste Pflicht, auch an sie uns heran⸗ zuwagen und durch Bildung und Aufklärung gegen das Laster und seine unheimlichen Folgen anzukämpfen! Nicht mit Leuten, die durch dieses Laster mit grenzenloser Lethargie und Vernachlässigung aller ihrer Interessen stumpf dahinbrüten, ist es uns möglich, unsre hehren Ziele zu erreichen, sondern nur mit solchen, die davon befreit sind, klar denkenden und über⸗— zeugten Mitgliedern. Deshalb Kampf dem Spielteufel durch Bildung und Belehrung unsrer Mitglieder; aber noch schärferen Kampf, auch wenn nötig, durch Polizei und Gericht den gewerbsmäßigen Spielern, die unsern Kollegen im Spiel die sauer verdienten Groschen abgaunern wollen! .. ³˙¹0¹ꝛA ͤ Bauernfreunde. Die Herren Junker spielen sich heutzutage als Freunde der Bauern auf. Der Bruder Bauer soll den Itzenplitzen und Köckeritzen die Kastanien aus dem Feuer holen. Leider finden sich Bauern genug, die den Lockungen der Nachkommen jener Strauchritter und Bauernschinder Gehör schenken. Vergessen sind alle die Bedrückungen und Schinderelen, denen früher der Bauer seitens der Herren, der Schnapphähne, ausgesetzt war. Vergessen ist, daß die Bauern sich früher mit Todesmut gegen ihre Bedrücker gewehrt und in geradezu barbarischer Weise von ihren Herren in das alte Joch wieder eingespannt wurden. Vergessen ist auch, daß viele Tausende deutscher Bauern verstümmelt, geblendet, hingemordet, die deutschen Gauen mit dem Blute der Unglücklichen gedüngt wurden, um ihnen einen heilsamen Schrecken vor ihrer gottgesetzten Obrigkeit beizubringen. Von dem tiefen Elend der Bauern unter dem Regiment der adeligen Bauernwürger, der Vorfahren der heutigen Bauernfreunde, entwirft Sebastian Münster(1489 bis 1552) in seiner Kosmographie folgende Schilderung: „Sie(die Bauern) führen ein schlechtes, niederträchtiges Leben. Jeder ist von dem anderen abgeschieden und lebt nur für sich selbst mit seinem Gesinde und seinem Vieh. Ihre Häuser sind erbärmliche, aus Kot und Holz erbaute, auf das Erdreich gesetzte und mit Stroh bedeckte Wohnungen. Ihre Nahrung besteht aus schwarzem Roggenbrot, Haferbrei, gelochten Erbsen und Linsen. Wasser und Molken dienen ihnen als Trank. Eine Zwillich⸗ hose, zwei Bundschuhe und ein Filzhut machen ihre Kleidung aus. Von Ruhe wissen diese Lente nichts, denn von früh bis spät müssen ste arbeiten. Den Ertrag ihrer Felder und der Viehzucht bringen sie zum Verkauf in die nächste Stadt, wo sie dagegen dasjenige ein⸗ kaufen, dessen sie bedürfen, denn unter ihnen finden sich wenige oder gar keine Handwerker. Ihren Herren müssen sie oft im Laufe des Jahres dienen, ihr Feld bebauen, besäen, die Früchte abschneiden, diese in die Scheuern führen, Holz hauen und Gräben ziehen. Dieses arme Volt muß alles tun und darf ohne großen Verlust nichts aufschieben.— Die Edelleute aber tun gar„lustbarlich“, kleiden sich kostbar und zieren sich mit Gold, Silber und Seide. Wenn sie ausgehen, folgt ihnen eine zahlreiche Dienerschaft; stie gehen langsam und machen so wohlbedachte Schritte, daß das gemeine Volk sie an ihren Gebärden erkennen kann. Wollen sie sich weiter fortbewegen, so gehen sie nie zu Fuß, weil sie meinen, das sei eine unehrliche Tat und ein Beweis für ihre Dürftigkeit; sind sie jedoch in Not, so schämen sie sich nicht, zu rauben, besonders seitdem das Turnier in Ab⸗ gang gekommen ist. Wenn ihnen jemand eine Schmach angetan hat, so betreten sie selten den Weg des Rechts, sondern versammeln ihr reisiges Gespann und rächen sich mit Schwert, Feuer und Raub und zwingen auf solche Weiße die⸗ jenigen, die ihnen Aerger bereitet haben, zur Genugtuung.“ Art läßt nicht von Art! Die Bauern von heute wollen das aber nicht begreifen und wählen zu ihren Vertrauens männern die Spröß⸗ linge jener Schnapphähne, für die ihre Väter blutig fronden mußten. Humoristisches Russische Patrioten.„Nicht wahr, Herr Graf, Ihr Sohn ist doch im Ausland tätig, um Liebesgaben für unsere Armee zu sammeln? Hat er schon Erfolg gehabt?“ „O ja, meine Gnädige, er hat sich bereits ein hüb⸗ sches Landhaus am Rhein gekauft.“(W. Jak.) Verteidigerblüte.„.. Meine Herren, Sie wissen alle aus eigener Erfahrung, daß, wenn man des Morgens in aller Frühe einen halben Liter Schnaps getrunken hat, man zur Begehung eines Raubmordes bedeutend leichter disponiert ist, als im nüchternen Zu⸗ stande.“ . 7 Bemüht Parteifreunde! en he nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. — — 1 * * 1 5 * 7SSFFCFCTCCCCCCCCCTTTTT . . e eee eee ee eee . .. 2* N 1 PPTP 5 8 ee e 1 eder — Seite 8. Mititeldeutsche Snnntacscgeitung. 3 Me 3. 3 Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg., komplett in 50 Heften. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner Preis 20 Pfg. Ratgeber für Arbeiter, eine Zusammenstellung der wichtigsten Bestimmungen der Arbeiter⸗Versicherungs⸗ gesetze und der bürgerlichen Gesetzgebung ꝛc. 20 Bogen Taschenformat. Verlag der Leipziger Buchdruckerei⸗ Aktiengesellschaft. Preis gebunden 1,25 Mk. Die zebn Gebose und die besitzende Klasse. Von Adolf Hoffmann, Berlin. Preis 30 Pfg. Das Schriftchen ist besonders geeignet, die Arbeiter über die heutigen Zustände und die sittlich⸗ religiöse Heuchelei der herrschenden Klassen aufzuklären. Die Schreibweise ist packend und deen Verständnis der Arbeiter angepaßt. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.„ Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Die Vernichtung der Sozialdemokratie 8 Zentralverband deutscher Industrieller. Preis . f Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann Preis 20 Pfg. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe). Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 M. k Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen à 20 Pfg. Gebunden 2 Mk. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. f Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk. Kommunale Praxis, Zeitschrift für Kommu⸗ nalpolitik und Gemeindesozlalismus. Herausgegeben von Dr. Albert Südekum⸗Berlin. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats mindestens 12 Seite, n stark. Das Abonnement ist allen denen zu empfehlen die sich für die wichtigen Fragen dee Gemeindelebens interessieren. Probenummern versendet gänzlich kostenlos der„Verlag der Kommunalen Praxis, Berlin W 15“. Grundsätze und Forderungen der Sozial demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! a Führer durch das Gewerbe⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Bau⸗Unfallversicherungs⸗Gesetz. durch das Unfallversicherungs⸗Gesetz für Land⸗ g und Forstwirtschaft. durch das Invalidenversicherungs⸗Gesetz. Jedes einzelne Werk ist zusammengestellt nach den neuesten gesetzlichen Bestimmungen und mit einem aus⸗ führlichen Inhalts⸗Verzeichnis mit alphabetischem Sach⸗ register versehen. Die Führer sind jedem Arbeiter ein treuer Ratgeber in allen, die Unfall⸗ und Invaliden⸗ Versicherung betreffenden Angelegenheiten.— Preis des einzelnen Werkchens 25 Pfg., nach auswärts 3 Pfg. Porto. (Bei kleineren Bestellungen von außerhald wird ge⸗ beten, den Betrag nebst Porto— event. in Briefmarken — gleich beizufügen). * * e Hewerkschafts⸗Jersanmlung Sonntag, den 22. Januar nachmittags 4 Uhr im Lokale des Herrn Orbig, Rittergasse. Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht des Gewerkschafts⸗Kartells. 2. Beratung des Statuts und Festsetzung der Beiträge. 3. Bericht der Auskunftsstelle. 4. Bericht der Gewerbegerichtsbeisitzer. 5. Verschiedenes. Sämtliche Gewerkschaften sind freundlichst eingeladen. Das Gewerlsschaftsfartell. 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