9 f 4 auf für t. Jahle werden rt. E 1 — * e e e ee 22 / Nr. 20. Gießen, den 14. Mai 1905. 12. Jahrgang Redaktion: 8 9 55 edaktioneschlnt; Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsch 2 Weene 5 4 Ugze. Sonnt 8-30 7 tung Abonnementspreis: Die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt d Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austrä Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in G Bestellungen 2 Juserate 2 ger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗icung. Die 5 gespalt. teß en, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. urch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 331½% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Arbeit und Lebensnot. In früheren Zeiten, als die Arbeiter sich noch nicht zum Klͤssenbewußtsein durchgerungen hatten, waren sie hilflos und unwissend. Wo er das Licht der Welt erblickt hatte, da blieb der Arbeiter meistens kleben; von allem, was die Welt bewegt, wußte er nichts. Wenn er nur Nahrung und notdürftige Kleidung hatte, genügte ihm das vollkommen, denn weitere Be⸗ dürfnisse hatte er nicht kennen gelernt. Aber die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Der Arbeiter hat gelernt und begriffen, daß und welche Ansprüche er an die gegenwärtige Gesell⸗ schuft zu stellen hat. Er will nicht vom Leben auf dieser„schönen Erde“ nur allein die sauren Wochen haben, sondern auch an anderen Genüssen Teil haben. Daß die herrschende Klasse ohne Arbeit in Freuden lebt, kann sie nur, weil er arbeitet. Die große Masse der Bevölkerung wird bis zur Erschöpfung ausgebeutet und ge⸗ winnt nur kümmerlich ihren Unterhalt, und wirtschaftliche Krisen bringen ihr Hunger, Elend, häufig sogar völligen Untergang. Hunderttausende brechen unter der Ausbeutung zusammen, aus ihrem Hunger, ihrem Elend, ihren zerissenen Kleidern, ihren dumpfen sogenannten Wohnungen kommen sie nie heraus. Ihren Geist zu bil⸗ den, ihr Herz zu heben, sich des Lebens zu freuen, dazu läßt ihnen die kapitalistische Aus⸗ beutung keine Zeit Ja, man ist erstrebt, den Arbeiter geistigniederzuhalten, ihm mög⸗ lichst wenig Zeit zu lassen, sich weiterzubtilden und mit den öffentlichen Dingen zu befassen, damit er unwissend und„zufrieden“ bleibt. Von den Früchten seiner Arbeit verdirbt, verrostet, verschimmelt ein Teil, der andere wird schließlich verschleudert und bringt nur geringen Ertrag. In der sozialistischen Gesellschaft könnten die nötigen Produkte in viel kürzerer Zeit als jetzt gergestellt werden und ohne daß das arbeitende Volk im Elend dahinlebt. Die Unmasse von Krankheiten, welche heute aus dem schweren Fabrikationsbetriebe und der sonstigen Ueber⸗ anstrengung entstehen, die grenzenlose Menge von leiblichem und sittlichem Elend, welche den⸗ selben Ursprung haben, sie sind die Folgen der kapitalistischen Produktionsweise. Ein Mensch, der in einer Fabrik Jahr aus Jahr ein vom frühen Morgen bis in den späten Abend die nämlichen einförmigen Handgriffe macht, muß erkranken, muß geistig verkommen. Nur wenn der Arbeiter frei von Nahrungssorgen ist, und hinreichend Muße zur körperlichen und geistigen Erholung findet, hat er ein Gegengewicht gegen die schädlichen Wirkungen der einförmigen Arbeit. Mit Recht sagt Eugen Baret, daß die Teilung der Arbeit ein verzweiflungsvoller Widerspruch sei. So günstig sie im technischen Sinne wirke, für den Arbeiter werden sie zu einer unmittel ⸗ baren Veranlassung von Elend und Vertierung. In einer Werkstätte, wo die einzelnen Ver⸗ richtungen sehr geteil“ sind, gilt der Arbeiter nur durch seine physische Kraft oder vielmehr durch die Geschicklichkeit, in einer gegebenen Zeit möglichst viele Handgriffe und Bewegungen zu vollführen. Je mehr die Arbeit mechanisch wird, um so geringer wird sie gelohnt, um so un⸗ sicherer wird des Arbeiters Existenz. Die ins äußerste gehende Teilung der Arbeit macht dem Arbeiter ebenso seine Intelligenz streitig wie sein Brot. Der Arbeiter kann sich seines Pro⸗ duktes nicht erfreuen, er sieht es nicht unter seinen Händen entstehen; er ermüdet ununter⸗ brochen und bringt keine Schöpfung hervor. In früheren Zeiten stand der Handwerker auf solidem Unterbau, leiblich und seelisch. So lange seine Verhältnisse gestchert waren, war er gesund, hatte sein Auskommen, war unterrichtet und strebsam. Je mehr der Fabri⸗ kationsbetrieb sich ausdehnte und ins Große überging, um so mehr mußte das Handwerk zurückgehen. In dem rückschreitenden Hand⸗ werkertum, das— im Gegensatz zum Lohn⸗ arbeitertum— unfähig war, die Tendenz der ökonomischen Entwickelung zu begreifen, bildete sich allmählich eine eigentümliche, man möchte sagen: soziale Krankheitsform aus, die eine wahrhaft epidemische Verbreitung fand: der Kleinbürger ward zum Philister. Es ist der Stumpfsinn gegen jegliches soziale Interesse, die gewissenlose Gleichgiltigkeit gegen alles öffentiche Leben, der blinde Haß gegen das Kapital, das natürlich nach seiner Ansicht nur in Händen von Juden ist, und der fanatische Haß gegen die aufstrebenden Arbeiter, die mehr Lohn und kurze Arbeitszeit von ihm verlangen. Die öffentlichen Angelegenheiten wecken nur noch insoweit seine Teilnahme, als ihm ein persönlicher Vorteil dabei ins Auge springt, als sie ihm Stoff zur flachsten Unterhaltung bieten. Der zum Philister verkrüppelte Hand⸗ werksmeister verliert schließlich allen Gemeinsinn. Mit diesem Philistertum, als einem seiner Feinde, liegen auch die Arbeiter täglich im 9 0 um höheren Lohn und kürzere Arbeits⸗ zeit. Unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise verlangt jeder, ob großer oder kleiner Ausbeuter, vom Arbeiter eine rastlos angestrengte Tätigkeit ohne Maß und Ziel. Der Schwächere wird erbarmungslos dem Stärkeren geopfert, alles verliert Mitleid und Gewissen, mißt alles menschliche mit dem Maß⸗ stabe des allgemeinen Tauschmittels. Die Furien der Selbstsucht zerstören das Familienleben, umtanzen nur den frechen Erfolg. Der Mehr⸗ wert fließt in die Tasche des Kapitalisten, der Arbeiter bleibt zeitlebens im Sklavenjoch. Die persönlichen Eigenschaften des Arbeiters, sie mögen noch so vortrefflich sein, sie stehen auch im günstigsten Falle hinter dem Einfluß und der Gewalt von Lohn und Markt. Selbst bei den geringsten Bedürfnissen und bei vorzüglicher Gesundheit, Intelligenz und Morol kann der Arbeiter wegen ungünstiger Verhältnisse des Markts verhungern, erfrieren, umkommen. Ueberblickt man die Summe von Elend, das der Kapitalismus auf den Arbeiter häuft, so muß jeder Einsichtige zugestehen, daß vor dem körperlichen und geistigen Untergange die große Masse des arbeitenden Volkes nur gerettet werden kann durch eine völlige wirtschaftliche Umwälzung: die kapitalistische muß durch die sozialtstische Produktions weise ersetzt werden. „Erst die soztalistische Produttion“, sagt Kautsky einmal,„kann dem Mißverhältnis zwischen den Ansprüchen der Arbeiter und den Mitteln, ste zu befriedigen, ein Ende machen, indem sie die Ausbeutung und die Klassenunterschiede auf⸗ hebt.“ W e Politische Rundschau. Gießen, den 11. Mai 1905. Zolljammer. Von allen Seiten werden jetzt Klagelieder über die Vernichtung ganzer Industriezweige durch die neuen Handels verträge ange⸗ stimmt. So heißt es in dem Bericht der Handels⸗ kammer in Offenbach: „Das Ergebnis der Handelsvertragsver⸗ handlungen übertrifft weit das Schlim mste, was wir befürchtet haben. Daß bei den⸗ selben auf deutscher Seite die landwirtschaftlichen Interessen an erster Stelle maßgebend sein würden, darüber haben wir uns niemals einer Täuschung hingegeben. Wir haben aber nicht erwartet, daß dies selbst unter Preisgabe eines großen Teiles der deutschen Aus⸗ fuhr geschehen werde. Für unseren Bezirk haben die mit Rußland, Oesterreich⸗Ungarn und der Schweiz abgeschlossenen Verträge eine recht beklagenswerte Bedeutung, und auch die übrigen Abschlüsse lassen zum Teil außerordentlich viel zu wünschen übrig. Wir befürchten, daß ein sehr großer Teil der Ausfuhr der zahlreiche Spezialitäten für den Weltmarkt herstellenden und sich in der Hauptsache darin betätigenden Industrie unseres Bezirks auf Grund dieser Neugestaltung der Handelsbeztehungen Deutsch⸗ lands zum Auslande verloren gehen wird. .. Wir vermögen nicht zu begreifen, wie es mit der Volkswohlfahrt Deutschlands vereinbar sein soll, daß bei jährlich sehr erheblich steigendem Mehrbedarf an Nahrungsmitteln über die hei⸗ mische Erzeugung hinaus und bet sonach fort⸗ gesetzt erheblich wachsenden Zahlungen an das Ausland für die Entnahme derselben vom Welt⸗ markte auch noch mit einem Rückgang der Ausfuhr von industriellen Erzeugnissen und einer damit Hand in Hand gehenden Minder⸗ einnahme an Barvergütungen des Auslandes an uns gerechnet werden muß.“ 5 Aehnlich spricht sich der Bericht noch an andern Stellen aus. Jetzt kommen die Klagen natürlich zu spät. Als es galt, nach Abschluß des Zolltarifs bei den Handelsverträgen noch zu retten, was zu retten möglich, versagten die Herren Industriellen, denn sie waren es speziell im Offenbacher Kreise, die dem Vertreter der Bülowschen„mittleren Linte“, dem unvergleich⸗ lichen Dr. Becker aus Sprendlingen, mit zum Siege verhalfen und den Vertreter der Capri⸗ vischen Handelspolitik, unter der, wie in dem⸗ selben Bericht zu lesen ist,„Deutschland einen in der Geschichte unseres Vaterlandes geradezu beispiellosen Aufschwung erlebt hat“, mit allen Mitteln bekämpften. Es war freilich ein Sozial⸗ demokrat, der den nimmersatten Agrariern in ehrlicher Entrüstung derb und deutlich die Meinung gesagt hat. Sogar der Landesausschuß der sächsischen Nationalliberalen spricht sich in einer Erklärung über die Schädigung der Industrie durch die Handelsverträge aus und bemerkt, daß in Sachsen für manche Industriezweige die Ausfuhrmöglichkeit fast ganz abgeschnitten wird. Ueber diese Klagen der Nationalliberalen, die doch den ganzen Zolltrödel mit verschuldet haben, könnte man eine gewisse Genugtuung empfinden, wenn eben nicht das arbeitende Volk Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 20. 9 besonders unter den schädlichen und von der Sozialdemokratie vorausgesagten Folgen der Zollpolitik zu leiden hätte. Fleischteuerung. Aus den nordbayrischen Städten wird eine empfindliche Steigerung der Fleisch⸗ preise berichtet, die die Städteverwaltung veranlaßt, sich an das Ministerium mit der Bitte zu wenden, es möge die Kommisston, die vor zwei Jahren gelegentlich der Fleischnot ein⸗ gesetzt wurde, um Mittel und Wege zur Ver⸗ sorgung der Städte mit billigem Fleisch zu finden, schleunigst einberufen werden und Stell⸗ ung nehmen. Die Kommission, die schon vor zwei Jahren nicht in der Lage war, etwas Be⸗ merkenswertes in dieser Sache zu tun, wird auch jetzt wenig vermögen. Inzwischen nimmt in den Städten der Konsum guten Fleisches ab, während der minderwertigen Fleisches auffallend steigt. Die Pferdeschlachtungen nehmen zu, auch der Konsum von Hundefleisch bürgert sich hier und da ein. In Erlangen ver⸗ minderte sich die Zahl der Ochsenschlachtungen und stieg die minderer Viehgattungen so auf⸗ fallend, daß das Gemeindekollegium bei der Schlachtverwaltung nach dem Grunde fragte. Diese antwortete, der Rückgang sei zunächst in einer Verminderung des Fleischverbrauchs und diese wiederum in den hohen Fleischpreisen be⸗ gründet, hauptsächlich aber in der Beschränkung der Einfuhr bet ungenügender Versorgung des Fleischmarktes durch die heimische Land wirtschaft. Wie wird das erst werden, wenn sich die Seg⸗ nungen der deutschen Wirtschaftspolitik in vollem Maße bemerkbar machen! Nutzlose Kolonialpolitik. Daß dem deutschen Volke die herrlichen Kolonien ungeheuere Summen kosten, die so gut wie weggeworfen sind, ist allgemein bekannt. Gewisse„Patrioten“ suchen den Leuten aber vorzureden, daß, wenn die Geschichte jetzt auch Geld koste, für später Gewinn zu erwarten sei. Unter der jetzigen Wirtschaft ist dies aber ausgeschlossen. Ein Sach verständiger, der Afrikareisende Fritz Bauer hat sich kürzlich in der Zeitschrift Globus über die deutsche Kolonial⸗ wirtschaft in Kñamerun ausgelassen und er ist dabei zu einer entschiedenen Verurteilung der in Kamerun herrschenden Zustände gekom⸗ men, die eine Folge des jetzigen Verwaltungs⸗ systems und der Kurzsichtigkeit der leitenden Beamten sind. Die Leidtragenden sind dabei die Farmer, die ihr Vermögen zusetzen und nichts erreichen. Unter anderem sagt Bauer, daß die Pflanzer im Vertrauen auf die Sach⸗ kenntnis verantwortlicher Reichsbeamten mit minderwertigen Kakaosorten Zeit, Arbeit und Kapital verloren hätten,„so daß wir voraussichtlich bald vor einer wirtschaftlichen Krisis stehen werden.“ Bauer klagt dann leb⸗ haft darüber, daß nichts getan wird, den Ver⸗ kehr zu erleichtern. Nachdem er noch eine An⸗ zahl weiterer Mängel in der Verwaltung gerügt hat, schließt er wie folgt: „Ueberhaupt würde es schwer fallen, irgend ein Feld der Verwaltung zu entdecken, auf dem die Regierung von Kamerun zlelbewußt gearbeitet und etwas Tüchtiges erreicht hätte... So zeigen sich die Nachtseiten des bestehenden Systems auf Schritt und Tritt. Verkörpert aber wird dieses System durch den Gouverneur. Buea mit seiner Zugangsstraße und der zugehörigen Lustjacht Herzogin Elisabeth ist unter seiner Verwaltung ein tropisches Musterinstitut geworden, der ganze Rest der Kolonie aber befindet sich im Zu⸗ stande wirtschaftlicher Versumpfung.“ Wir sind ja der Ansicht, daß auch bei einer musterhaften Verwaltung in Kamerun dem Boden nicht so viel abgewonnen werden könnte, daß der Ertrag in einem angemessenen Ver⸗ hältnis zu den riesigen Ausgaben für unsere herrlichen Kolonien steht. Immerhin ist es interessant, von sachkundiger Seite bestätigt zu finden, daß erst durch die kopflose Verwaltung die ungünstigen Verhältnisse zu dem herrschenden Kolonialelend ausgewachsen sind. Der Reichstag hat am Mittwoch seine Sitzungen wieder aufgenommen. Auf der Tagesordnung stand die zweite Lesung des Antrages Hagemann betr. die Aenderung des Gerichts⸗ verfassungs⸗Gesetzes. Der Antrag verfolgt den Zweck, die Zuständigkeit der Schöffengerichte zu erweitern und dadurch eine Beschleunigung der Straf⸗ rechtspflege herbeizuführen. Von dem Abg. Lattmann wurde hierbei ein Antrag eingebracht, den Schöffen Reise, und Tagegelder zu gewähren. Dieser Antrag wurde von unsern Genossen lebhaft unterstützt, vom Reichstage jedoch abgelehnt, weil der Staatssekretär erklärte, daß diese Frage nicht bei dieser Gelegenheit erledigt werden könne.— Die württembergische Kammer hat kürzlich einen ähnlichen Antrag angenommen. Zeitungsmache der Grubenbarone. Um die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten und zum Nachteile der Berg⸗ arbeiter zu beeinflussen, wenden die Gruben⸗ kapitalisten gewaltige Summen auf. Nicht weniger als Mk. 190000 hat der Bergbau⸗ liche Verein zur Bekämpfung des Berg⸗ arbeiterstreiks und der Bergarbeiterschutz⸗ novelle aufgewendet. Jetzt soll das in Essen gegründete Preßbureau zu einer dauernden Einrichtung ausgebaut und mit einem jährlichen Etat von Mk. 60 000 ausgestattet werden. Das Bureau untersteht einem Bergassessor. Wie berichtet wurde, machte es Schwierigkeiten, einen geeigneten Tintenkuli zu finden, der auf eigene Meinung verzichtet, sich unter den Befehl eines Bergassessors stellt und sich nach jeder Richtung hin als williger Sklave der Gruben⸗ kapitalisten erweist. Schließlich fand sich ein derartiges Reptil.— Es wird also offenbar eine ins Großertige gehende Beeinflussung der öffentlichen Meinung geplant. Die kapitalistischen und agrarischen Scharfmacherblätter haben sich bisher schon redlich Mühe gegeben, dem Gruben⸗ kapitalismus Kränze zu winden und gleichzeitig gegen die Bergarbeiter nach Herzenslust zu hetzen. Wenn die Sache jetzt in ein System gebracht wird, dann kann man sich auf bedeutsame Kraft⸗ leistungen gefaßt machen. Eins wird man freilich nicht fertig bringen, nämlich den Gruben⸗ kapitalismus mit seinen Ausbeuterpraktiken bei dem Volke in ein besseres Licht zu setzen. Ein Muster⸗Redakteur. In Halle hatte der Redakteur Otto Winkler, ein scheinbar sehr vielsettiger Mensch, im Januar zur Rettung der katholischen Seelen unter dem Titel„Katholisches Wochenblatt, Spezialorgan für die katholische Gemeinde“, eine Zeitung herausgegeben. Als der Mann neulich vor der Strafkammer wegen Uebertretung des Preßgesetzes angeklagt war— er hatte der Poltzei kein Pflichtexemplar eingesandt ꝛc.— erklärte der Vorsitzende etwas erstaunt in die Akten schauend:„Aber der Mann ist ja evan⸗ gelisc.“„Ja“, bemerkte der Staatsanwalt spöttisch,„das ist Geschäft“! Das Gericht verurteilte den„evangelisch⸗katholischen“ Redak⸗ teur, der wohl mit Vorbedacht nicht zur Ver⸗ handlung erschienen war, zu 10 Mk. Geldstrafe. — Den Braven sollte sich der Bergbauliche Verein für sein in der vorhergehenden Notiz besprochenes Preßorgan sichern, in Herrn Winkler fund gewiß die gesuchte„geeignete Kraft“ ge⸗ unden. Volksbetrüger. Der freisinnige Landtagsabgeordnete Gyßling sagte jüngst in einer Rede an seine Wähler in Königsberg: „Die lange Dauer der Sessionen rührt auch aus dem Umstand her, daß sich in den Parlamenten mehr und mehr eine Popula⸗ ritätshascheret geltend macht. Insbesondere in der Sozialpolitik. Einer will immer soztalpolittscher sein als der andre. Das ist der ungünstige Einfluß der Sozial⸗ demokratie, die unserm parlamentarischen Leben überhaupt die tiefsten Wunden ge⸗ schlagen hat.“ „Bei jeder Wahlagitation hören wir unsre bürgerlichen Gegner versichern, daß die Sozial⸗ demokratie die einzig wahre Feindin aller Sozialpolitik wäre, deren ergebene und auf⸗ opfernde Freunde sie selber seien. Jetzt aber gibt einer dieser Herren, noch dazu ein Mitglied der bürgerlichen„Linken“, unumwunden zu, daß das sozialpolitische Getue der bürgerlichen Parteien eitel Schwindel, leere„Popularitäts⸗ hascherei“ sei und schiebt der Sozialdemokratie die Schuld daran zu, daß die bürgerlichen Parteien aus Konkurrenzrücksichten solchen lästigen Schwindel überhaupt betreiben müßten. Der Freisinnskämpe hat ja vollkommen recht, wenn er sagt, daß die Sozialdemokratie auf die Moralität verschiedener Parteien sehr un⸗ günstig eingewirkt hat. An die Stelle der echt empfundenen, offen zur Schau getragenen Arbeiterfeindschaft ist eine mandaterschleichende heuchlerische Freundlichkeit getreten. Freilich trägt die Sozialdemokratie daran ebensowenig die Schuld wie die Kriminalpolizei daran, daß sich die abgefeimtesten Spitzbuben in der Wacht⸗ spiel auf die vollendeten Ehrenmänner heraus⸗ pielen. Landratsbettel für Umsturzbekämpfung. Die„Berliner Volksztg.“ veröffentlicht einen vom Vorsitzenden General v. Liebert des „Reichsverbands gegen die Sozialdemokratie“ unterzeichneten Bettelbrief, in dem es heißt: Von dem Landrat Ihres Kreises ist uns mit⸗ geteilt worden, daß Sie vermöge Ihrer nationalen Betätigung auf dem Boden des„Reichs verbandes gegen die Sozialdemokratie“ stehen und voraus sichtlich geneigt sein werden, unsere Ziele zu fördern. Da der Verband seine Aufgaben nur erfüllen kann, wenn die kapitalkräftigen Elemente unter den bürgerlichen Parteien eine ähnliche Gebefreudigkeit ent⸗ wickeln wie die sozialdemokratischen Parteigänger bei ihren geringen Mitteln, so erlauben wir uns usw. Der„Reichsverband“ scheint von der Gebe⸗ freudigkeit seiner unglücklichen Opfer nicht so sehr überzeugt zu sein, wenn er ihnen gleich den Landratsrevolver an die Brust setzt. „Kapitalkräftige Elemente“ haben meist allen Grund, sich mit dem Herrn Landrat, den die Berl. Volksztg. leider nicht nennt, gut zu stellen und werden Wünsche, die sich auf ihn berufen dürfen, nicht leichten Herzens abschlagen. Opfer des Kampfes. Am Sonntag ist Genosse Karl Leid, Redakteur des„Vorwärts“ aus der Tegeler Strafanstalt entlassen worden, in der er ein volles Jahr wegen des bekannten Kaiserinsel⸗ Artikels und eines Artikels über die schlesischen Wahlverhältnisse zugebracht hatte. Eine große Anzahl Berliner Genossen hatte sich nach Tegel begeben, um den der Freiheit wiedergegebenen zu begrüßen, sie wurden jedoch enttäuscht, Leid war vorher nach dem Berliner Polizeiprästdium gebracht worden und wurde von dort entlassen. Zu seiner Begrüßung hatten sich darauf viele Genossen in einem Saale zusammengefunden, wo man durch ernste und heitere Ansprachen den Entlassenen feierte. Auch Bebel begrüßte ihn mit einer Ansprache. Ueber die ihm im Gefängnis zuteil gewordene Behandlung konnte Leid als Preßsünder im Allgemeinen nicht klagen. — Ferner hat ein Opfer der Breslauer Streiljustiz, der Maurer Josef Machate, das 9 Gefängnis verlassen, in dem er 1¼ Jahre zu⸗ gebracht hatte. Er wurde von seinen Verbands⸗ kollegen und den Breslauer Parteigenossen 1 herzlichst begrüßt. Machate war s. Zt. zu langer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er von seinem Koalitionsrechte Gebrauch machte, das Interesse seiner Kollegen vertrat und dabei die„Ehre“ der Streikbrecher verletzte. Königsberg vor dem Reichsgericht. Am Mittwoch voriger Woche hat das J Reichsgericht über die Revision des Königsberger Prozesses verhandelt. An diesem Tage wurde die Verhandlung jedoch nicht zu Ende geführt, sondern auf Samstag, den 6. Mai, vertagt. Das geschieht sonst von dem Reichsgericht nich, es wird wohl öfter die Urteilsfällung, fast nie aber die Verhandlung vertagt und dieser Um⸗ stand beweist, welche außerordentliche Bedeutung man diesem Prozeß bei dem höchsten Gericht? hofe des Reiches beimißt. Was aber diese Revistonsverhandlung auch sonst außerordentlich auffällig gestaltete und sie weit aus dem Rahmen sonstiger reichsgerichtlicher Gepflogen⸗ heiten hinausrückte, das war die Rede des Reichsanwalts Trentlein⸗Moerdes. An die Stelle der kühlen, mehr oder weniger scharf⸗ 0 20. — okratie liche folgen lülßten. . echt, le au he Un. er echt agenen icende reli wenig 1. daß Wacht⸗ heraus- t einen rt des kratie“ alßt: uns mit⸗ tionalen es gegen chtlich rn. Da „ wenn nter den keit ent⸗ iger bei sw. r Gebe⸗ licht so gleich sttzt. t allen den die gut zu auf ihn chlagen. Leid, Tegeler er ein selinscl⸗ lesischen e große 9 Tegel gebenen dt, Leid fstdium stlassen. f bviele funden, bucher grüßte ihm i konnte klagen. lauen te, das Nr. 20. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite. sinnigen juristischen Reflexton trat hier das große Pathos einer politischen Rede. Herr Trentlein⸗Moerdes hielt es für seine Pflicht, die Reichsgerichtsräte auf die„Notwendigkeit“ aufmerksam zu machen, das befreundete russische Reich gegen sozialdemokratische Umsturzbestrebungen zu schützen. In seinem Eifer der Umsturzbekämpfung ging der Reichs- anwalt sogar so weit, daß er nach der Manier seines großen Vorbildes Bernhard Bül o w mit den allerneuesten Zitaten aus der sozial⸗ demokratischen Literatur prunkte, wobei er frei⸗ lich ganz vergaß, daß das, was der Genosse Kautsky am 1. Mai 1905 veröffentlicht hat, so wenig es ihm auch gefallen mag, für das Schicksal der Königsberger Angeklagten doch ganz unmöglich von entscheidender Bedeutung sein könne. Nach längerer Verhandlung am Samstag erkannte das Reichsgericht auf Ver⸗ werfung sowohl der Revision des Staats⸗ anwalts wie derjenigen der Angeklagten. In der Urteils begründung wird betont, daß dem Deutschen Reiche in analogen Fällen die Gegen⸗ seitigkeit nicht verbürgt sei. Anderseits sei festgestellt worden, daß die Angeklagten Mit⸗ glieder einer„geheimen Verbindung“ waren, deren Dasein, Verfassung und Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden sollte und daß diese Verbindung bezweckt hat, Einfluß auf öffentliche Angelegenheiten zu gewinnen. Es bleibt also bei den s. Z. in Königsberg verhängten Strafen.(Damals wurden drei der Angeklagten zu je drei und drei zu je zwei Monaten Gefängnis wegen geheimer Verbindung verurteilt.) Moralisch bleibt der deutsche Russenkurs verurteilt, trotz dieses Reichsgerichtsurteils. Ein Zuchthausurteil aufgeboben. Das Oberkriegsgericht in Saarburg hat das Aufruhrurteil gegen neun Soldaten des 15. Ulanenregiments, von denen zwei zu je fünf Jahren Zuchthaus, andere zu mehr⸗ jährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, glatt aufgehoben und die Angeklagten freigesprochen. In der Urteilsbegründung heißt es, daß die Aussage des Hauptbelastungs⸗ zeugen durch Vernehmung neuer Zeugen wider⸗ legt worden sei. Wie erinnerlich, handelte es sich um einen Wirtshausstreit, der zwischen den angeheiterten Angeklagten und einer W nicht mehr ganz nüchternen Patrouille ausge⸗ brochen war. Nun hat es der glückliche Spruch eines einsichtsvollen menschlich fühlenden Ge⸗ richtshofes verhindert, das eine so lächerlich unbedeutende Angelegenheit zur Lebenstragödie ehrlicher junger Leute werde. Für die Rechts⸗ sicherheit der Soldaten wird durch diesen aus⸗ nahmsweise glücklichen Ausgang leider gar nichts bewiesen, viel eher ließe sich der umge⸗ kehrte Beweis führen. Der Abstand zwischen den Urteilen der beiden Instanzen ist so unge⸗ heuerlich und in die Augen springend, daß man sich fragen muß, wie die Vorinstanz, das Kriegs⸗ 45 6 zu seinem entsetzlichen Spruch gelangen onnte. Pernerstorfer in Berlin. Unser österreichische Genosse Engelbert Pernerstorfer, dem in Frankfurt a. M. die preußische Polizei und daraufhin in Offen⸗ bach die hessische Polizei das Reden verbot, hat am Sonntag abend in einem der größten Säle Berlins vor einem tausendköpfigen Ar⸗ beiterpublikum eine 5 gehalten. Die Freie Volksbühne hatte ihn als Festredner für ihre Schillerfeter gewonnen, und obwohl diese Tatsache in den Zeitungen bekannt gegeben war, fand es die Polizei nicht üngezeigt, ihre Frankfurter Manöver zu wieder⸗ zolen. Mit dem damaligen Redeverbot hatte ich die preußische und hessische Polizei fürchterlich blamiert und jedenfalls wollte man ich nicht noch ein zweites Mal der Lächerlich⸗ geit preisgeben. Vom russisch⸗japanischen Kriege. Vormarsch der Japaner. Vom Randschurischen Kriegsschauplatz wurde dieser Tage berichtet, daß sowohl der äußerste echte wie der äußerste linke Flügel Oyamas anderthalbstündige Rede beträchtlich vorgerückt sind. Nach den amt⸗ lichen fapanischen Depeschen ist die neue Offen⸗ sive Oyamas auch schon verschiedentlich von Erfolg begleitet gewesen. Der erwartete Flotten⸗Zusamme n st oß hat jedoch noch nicht stattgefunden. Bisher soll sich die baltische Flotte noch in den(französischen) Gewässern Indochinas befunden haben, wogegen die japanische Regierung bei der französischen Einspruch erhob. Daraufhin wurde berichtet, daß die russische Flotte die Kamranhbucht ver⸗ lassen und in der Richtung nach den Philippinen⸗ Inseln gedampft sei. Fast scheint es, als ob es ihr gelungen sei, trotz der Wachsamkeit des japanischen Admirals Togo zu entkommen. Kleine politische Nachrichten. Einen schönen Wahlerfolg erzielten unsere Ge⸗ nossen bei den Wahlen zu dem Berliner Kaufmanns⸗ gericht. Sie brachten 2100 Stimmen auf und erhielten demzufolge 21 Beisitzer.— Auch bei den Großrats⸗ wahlen in dem schweizer Kanton Basel, die nach dem Proporttonalsystem stattfanden, erzielten unsere Genossen bedeutende Erfolge. Sie gewannen 16 Sitze, welche die Konservativen und Freisinnigen verloren. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Arbeiter⸗Verrat„christlicher Gewerk⸗ schaften“. In Rheinland und Westfalen ist bekanntlich ein erbitterter Kampf zwischen dem Brauereiring und der organisierten Arbeiterschaft entbrannt. Die Brauereigewaltigen sperrten die Hälfte der organisterten Brauereiarbeiter aus nichtiger Ursache aus, worauf die organisterten Arbeiter den Boykott über die Produkte der in Betracht kommenden Brauereien verhängten. Es handelt sich in diesem Kampfe in der Hauptsache um das Koalitions recht der Arbeiter, das Bestreben der Herren von Hopfen und Malz geht dahin, die Organisation der Brauereiarbeiter zu vernichten. Man sollte nun annehmen, daß in diesem Kampfe die organisterten Arbeiter wie ein Mann zusammen⸗ stehen würden, diesen Schlag zu parieren. Während sich nur die Hirsch⸗Dunckerschen mit den freien Gewerkschaften sofort solidarisch er⸗ klärten, stehen die Christlichen abseits, sie wollen sich neutral verhalten, weil, wie sie behaupten, ihre Mitglieder zu oft von den freien Gewerkschaften„terroristert“ würden. Das ist natürlich Schwindel und faule Ausrede. Am niederträchtigsten benehmen sich die Christlichen in Düssel dorf. Dort nahmen die christlichen Führer in einer öffentlichen Wirteversammlung Stellung für die Unternehmer und gegen die ausgesperrten Brauereiarbeiter. Zum Schluß wurde noch ein vom christlichen⸗ Gewerkschaftskartell herausgegebenes, auf Kosten der Unternehmer gedrucktes Flugblatt, das von Verleumdungen gegen die sozialdemokratische Partei und die freien Gewerkschaften strotzte, verteilt. Diesen Jumpeustreich möchten die Christlichen jetzt von sich abwälzen, das ist aber unmöglich, weil die Sa he zu klar liegt. Wenn sie jetzt behaupten, sie hätten mit dem Flugblatt nichts zu tun, so steht dieser Behaup⸗ tung die Tatsache entgegen, daß die bürgerlichen Zeitungen, denen das Flugblatt beigelegt wurde, auf dasselbe mit der Bemerkung aufmerksam machten, daß es sich um eine Bekanntmachung des christlichen Gewerkschaftskartells Düsseldorf, handle. Aus der Welt zu schaffen ist diese Verräterei der Christlichen nicht mehr. Lohnkämpfe. Die Weißbinder, Maler und Lackierer in Offenbach sind in den Ausstand getreten, nachdem eine Eini⸗ gung mit den Arbeitgebern nicht zu Stande kam. Zuzug ist streng fern zu halten!— In Dresden streiken die Maler und Anstreicher ebenfalls.— Die Frankfurter Pflasterer traten am 1. Mai mit 164 Mann in den Streik, nachdem ihre Forderung von 60 Pfg. Stundenlohn abgelehnt worden war. Zwei Geschäfte haben bewilligt. Die Ledigen sind abgereist und es befinden sich noch 90 Mann im Streik.— Einen großen Erfolg haben die organisterten Bäckergesellen in Ham⸗ burg⸗Altona zu verzeichnen. Ihre Haupt⸗ forderung: Abschaffung von Kost und Logis im Hause des Meisters, wurde ohne Streik bewilligt.— Die Aussperrun auf den Werften der Aktiengesellschaft„Weser“ in Bremen ist beigelegt. Infolge der guten Organisation der Arbeiter sah sich die Gesell⸗ schaft zu Zugeständnissen genötigt, die bei den weiteren Verhandlungen zur Verständigung führten. . ͥ—⁸N..]«³˙ XX.. ,7§,s,r—8 Don Nah und Fern. Hessisches. 3A Gemeindesteuer⸗Reform. Der Gemeindesteuer⸗Gesetzentwurfs⸗ Ausschuß der Zweiten Kammer hat nun doch, nachdem die Regierung sich mit einigen Aenderungen hinsichtlich der Bestimmungen des Artikels 11 des Entwurfs einverstanden erklärt hat, welcher die Ausnahmen in der Berechnung der Steuer für Anlage und Betriebskapttal bei der Gewerbe⸗ vermögenssteuer festlegt, die Einzelberatung der Vorlage fortgesetzt. Beim Artikel 1 präzisterte der Abg. Ulrich seinen von der Vorlage und der Mehrheitsauffassung des Ausschusses ab⸗ weichenden Standpunkt dadurch, daß er bean⸗ tragte, diesen Artikel derart zu fassen, daß wohl vom Einkommen und Vermögen der Steuer⸗ pflichtigen Gemeindeumlagen erhoben würden, nicht aber auch vom Grundbesitz und Gewerbe ohne Schuldenabzug. Die Mehrheit stimmte diesem Antrag nicht zu. Bei Art. 8 kam die Frage der Heranziehung der Konsumpereine zur Gemeindesteuer zur Erörterung und zeigten einige Ausschußmitglieder nicht wenig Lust, gerade die Arbeiterkonsum⸗ pereine zu belasten, weil sie offene Läden hätten. Ulrich trat dieser Neigung energisch entgegen. Zu einer äußerst lebhaften Debatte kam es darüber, ob die Rechtsanwälte zur Gewerbe⸗ betriebsvermögenssteuer herangezogen werden sollten. Als die Mehrheit sich dafür ent⸗ schied, erklärte der Referent, Dr. Gutfleisch, daß er sein Referat niederlege und den Ausschuß ersuche, sich einen anderen Referenten zu wählen, weil er sich als Rechtsanwalt nicht unter die Bewerbetreibenden zählen lasse. Das gab begreiflicherweise eine ziemliche Aufregung, die sich erst wieder legte, als— nachdem schon ein Mitglied des Ausschusses die Sitzung ver⸗ lassen hatte— der bezügliche Beschluß wieder umgestoßen wurde. Diese Empfindlichkeit des Rechtsanwalts ist doch ganz unangebracht und steht dem Volksvertreter nicht besonders gut. Denn ein solches Verfahren bedeutet zugleich eine Geringschätzung derjenigen Abgeordneten, die Gewerbetreibende sind. Schließlich ist es noch gelungen, die Bedenken der bürgerlichen Vertreter gegen die Vorlage zu beschwichtigen, ob es aber gelingt, dieselbe zu retten, ist fraglich. Gießener Angelegenheiten. — Wie das Oktroi wirkt. Daß die städtischen Zölle— das Oktrot— eine ganz ungerechte Kopfsteuer bedeuten, welche die Armen zu Gunsten der Reichen belasten, wies kürzlich unser Offenbacher Parteiblatt ziffern⸗ mäßig nach. Unsere Offenbacher Genossen im Stadtverordneten⸗Kollegtum wollten bekanntlich das Oktrot auf Schweinefleisch und Wurst zunächst abschaffen und den der Stadt dadurch entgehenden Verlust an Einnahmen von zirka 60000 Mark durch Erhöhung der direkten Steuern decken. Unser Offenbacher Parteiblatt rechnet nun: Eine Familie, die wöchentlich drei Pfund Schweinefleisch in verschiedenen Zubereitungen, besonders auch als Wurst, verzehrt, zahlt jährlich dafür 9,36 Mark Steuer. Dieselbe Familie hätte, wenn sie bisher 10 Mark Einkommensteuer entrichtete, beim Fortfall des Schweine⸗Oktrois 3 Prozent mehr zu zahlen gehabt, also 30 Pfg. mehr. Ersparnts: 9,06 Mark! Dagegen eine wohlhabende Familie hat bisher 2000 Mark Einkommensteuer entrichtet, bet ihr würde der Zuschlag von 3 Prozent bedeuten, daß sie künftig 2060 Mark bezahlt. Angenommen, diese Famtlie habe bisher das Vierfache an Schweinefleisch konsumiert, Seite 4. 1 Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 20. wie die zuerst genannte Familie; für sie würde also das Schweinefleisch⸗Oktroi 37,44 Mark ausmachen. Mehraus gabe: 12,56 Mark. Der reichste Mann von Offenbach zahlt zirka 45,000 Mark an Gemeindesteuern. Der Wegfall des Schweinefleisch⸗Oktrois hätte ihm an indirekten Steuern, bemessen wir es reich⸗ lich(wir bewilligen dem Mann fünf Pfund Schweinefleisch⸗Verbrauch pro Tag), etwa 100 Mark pro Jahr gespart. Dagegen wären ihm durch den Zprozentigen Zuschlag auf direkte Steuern rund 1400 Mark mehr abgeknöpft worden. Die Maßnahme des Ministertums hat also für diesen reichsten Mann dieselbe Bedeutung, wie ein direktes jährliches Geschenk von rund 1300 Mark! Deutlicher kann die Ungerechtigkeit des Oktrois wohl nicht bewiesen werden. — In der Stadtverordueten⸗ Sitzung am Donnerstag verhandelte man u. d. über die Höherlegung des Eisenbahn⸗ dammes der Fuldaer Line in der Gegend des Schiffenbergerweges, die im Interesse größerer Verkehrssicherheit nötig wäre. Die Eisenbahn⸗ verwaltung verlangt jedoch, daß die Stadt 200000 Mk. dazu beitrage und das wird als zu kostspielig abgelehnt. Weiter werden Ein⸗ gaben der Handeskammer betreffend Bahnbauten im Vogelsberg besprochen. Gegen die von der Regierung vorgesehenen Bahnen, besonders die geplante Linie Ulrichstein⸗Mücke werden keine Einwendungen gemacht, auch nicht gegen die von Alten⸗ und Großen ⸗Buseck und Beuern gewünschte Stichbahn nach Beuern. Mitgeteilt wird noch, daß die Eisenbahnverwaltung 1031 Mark an die Stadt zahle als Ersatz für Wald⸗ brandschaden, der im Stadtwalde durch Loko⸗ motiven angerichtet wurde. — Die Schillerfeier in Gießen hat den programmmäßigen Verlauf genommen. In mehreren Theatervorstellungen wurde von Studenten die Rütli⸗Szene aus„Tell“ und „Wallensteins Lager“ aufgeführt. Am Sonntag als Volksvorstellung. Hier in Gießen hätte es sich leicht ermöglichen lassen müssen, bei dieser Gelegenheit durch geeignete Veranstaltungen und Vorträge die sogenannten„unteren“ Volks⸗ kreise mit den Werken des großen Dichters näher bekannt zu machen. Von solchem Bestreben hat man aher nichts bemerkt. Im Gegenteil war für die erste Theatervorstellung und den Festakt in der Turnhalle„Gesellschaftsanzug“ vorgeschrieben, womit gesagt ist, daß man nur bessere Leute zu sehen wünscht. Da hatte der „Wahre Jakob“ recht, wenn er über Spieß⸗ bürgers Schillerfeier dichtete: „Holt den Rock mir aus dem Schranke, wohl gebürstet muß er sein, Denn ich geh zur Schillerfeier, und das Publikum ist fein.“ Aber auch das Militär feierte Schiller. Wie das Amtsblatt mitteilte, hat das hiestge Regi⸗ ment jedem Soldaten eine Broschüre überreicht, „worin auf Schillers Schöpfungen, die den Wehrstand, das Soldatenleben und die Vater⸗ landsliebe behandeln, hingewiesen wird.“ Das ist wirklich nicht übel, Schiller für den Mili⸗ tarismus zu reklamieren! Mit Schillers revo⸗ lutionären Dichtungen wird man die Sol⸗ daten nicht bekannt gemacht haben! — Unser Maifest. Obwohl am Sonntag Nachmittag der Himmel ein wenig vertrauen⸗ erweckendes Gesicht machte und mit Regen drohte, hatte sich zum Waldfeste der Gießener Arbeiter⸗ schaft eine zahlreiche Menschenmenge eingefunden. Glücklicherweise blieb es auch trocken und das Maifest nahm seinen programmmäßigen und durch keinen Mißton gestörten Verlauf. Der Festzug marschierte kurz nach/ 2 Uhr vom Oswaldsgarten ab. Die Teilnehmerzahl am Zuge war ja gewiß nicht gering, aber sie könnte noch größer sein. Die Gewerkschaften müßten es sich zur Pflicht machen, bei solchen Gelegen⸗ heiten möglichst vollzählig auf dem Platze zu sein. Denn weil ein Arbeiter⸗Festzug nicht besonderen Prunk entfalten kann, so muß er mehr mit der Masse seiner Teilnehmer wirken. Uebrigens, wenn man schon einen Zug ver⸗ anstaltet, so könnte es unseres Erachtens nicht schaden, wenn man ihn mehr als Demonstrations⸗ zug für unsere Forderungen charakteristerte und dementsprechend ausstattete. In welcher Weise das zu geschehen hätte, darüber müßten natür⸗ lich die Gewerkschaften Beratung pflegen. Im Walde hatten sich nach und nach an die zwei⸗ tausend Personen eingefunden, die sich bei Gesang und Tanz einige Stunden Erholung und Freude gönnten. Auf die Bedeutung der Mai⸗ feier wurde vom Genossen Vetters in einer kurzen Ansprache hingewiesen. Mit Eintritt der Dunkelheit machte man sich auf den Heimweg. — Vom Schneiderstreik. Noch immer hat sich die Situation in Bezug auf den nun schon etliche Wochen währenden Kampf im Schneidergewerbe nicht geändert. Auf den 8. Mai hatte der Zentralausschuß des Arbeit⸗ geberverbandes zwar eine General⸗Aus⸗ sperrung angedroht, wenn bis zu diesem Tage in Leipzig, Gießen und Würzburg die Arbeit nicht aufgenommen sei, die Herren haben dies aber klugerweise unterlassen. Das an den Vorstand des Schneiderverbandes gerichtete Schreiben war im Tone eines preußischen Unteroffiziers gehalten. Darin war u. a. ge⸗ sagt: Der Zentralausschuß habe beschlossen, von dem Vorstand des Verbandes„die Wieder⸗ aufnahme der Arbeit in den genannten drei Plätzen bis längstens Montag den 8. Mai zu fordern.“ Darauf erfolgte vom Vorstand des Schneider⸗ Verbandes die richtige Antwort:„Wir erlauben uns darauf zu erwidern, daß Sie von uns gar nichts zu fordern resp. zu verlangen haben, da wir weder Ihre Untergebenen noch Ihre Angestellten sind, denen Sie etwas zu befehlen haben. Was würden Sie uns wohl antworten, wenn wir von Ihnen fordern würden, Sie sollten Ihre Verbände in Leipzig und Gießen anweisen, die Forderungen der Gehilfen bis zum 8. Mai zu bewilligen, oder aber min⸗ destens mit der Vertretung unsres Verbandes in Unterhandlungen einzutreten?“ Ferner er⸗ klärte der Vorstand des Verbandes:„Wir find aber jederzeit bereit, mit Ihnen oder Ihren Ortsgruppen über die Bedingungen der Wieder⸗ aufnahme der Arbeit in den drei Plätzen zu verhandeln, lehnen jedoch alle andern von Ihnen an uns gestellten unberechtigten Anforderungen ganz entschieden ab.“ Auch in Nürnberg kam es zur Arbeits⸗ einstellung, weil von den Arbeitern verlangt wurde, Stteikarbeit zu machen. In Würzburg haben jedoch nach neueren Nachrichten die Firmen die Zusage gegeben, daß organisterte Gehilfen keine Streikarbeit zu machen haben und Maß⸗ regelungen wegen des Streiks nicht eintreten werden und daraufhin wurde dort am Donners⸗ tog die Arbeit wieder aufgenommen. — Eine zeitgemäße Ehrung Schillers zum 100 jährigen Todestage plant, wie wir bereits in der letzten Nummer mitteilten, der Aus schuß zur Sammlung einer Schillerspende für das Rhein⸗ Main⸗Gebiet. Die Schillerspende soll einer planmäßigen Volksbildungsarbeik in Hessen, Nassau, der Pfalz und angrenzenden Gebieten dienstbar gemacht werden; es soll eine beratende und anregende Zentralstelle für das Volksbildungswesen im Geiste Schillers geschaffen und die örtliche Volksbildungsarbeit(Vortragswesen, Volks⸗ bibliotheken, Volks⸗Kunstpflege), namentlich in ärmeren Orten, unterstützt werden. Wer sich an einer solchen Ehrung unseres großen Dichters beteiligen will, wolle seinen Beitrag an Herrn Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M., Neue Mainzerstr. 74, richten. Der Eingang jeder Gabe wird durch Quittung bestätigt. Wir erklären uns ebenfalls zur Annahme und Weiter⸗ beförderung von Beiträgen gerne bereit. Aus dem Rreise gießen. — Maifeier in Watzeuborn⸗Steinberg. Am Sonntag begingen unsere hiesigen Parteigenossen die Maifeier auf der zwischen unsern beiden Dörfern gelegenen Wiese. Eingeleitet wurde die Feier mit einer von Männern und Frauen ausgezeichnet besuchten Ver⸗ sammlung, in der Genosse Krumm⸗Gießen über die Bedeutung des 1. Mai sprach. Seine sehr ausmerksam verfolgten und mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen gipfelten in den Schlußworten, daß die Arbeiter, um endlich einigermaßen genügenden Arbeiter⸗ schutz, Verkürzung der Arbeitszeit, Schutz der Frauen und Kinder vor übermäßiger Ausbeutung zu erreichen, sich fest in ihren gewerkschaftlichen und poli⸗ tischen Organisationen zusammenschließen müßten. Be⸗ sonders aber müsse für die Verbreitung der Arbeiter⸗ presse gewirkt und die versimpelnden Generalanzeiger und sonstige arbeiterfeindliche Presse aus dem Hause gelassen werden. Aus dem Rreise Friedherg⸗Büdingen. X. Die Maifeier in Niederflorstadt. am Sonntag verlief unter großer Beteiligung der Ein⸗ wohner von Niederflorstadt und vieler Genossen von Auswärts auf's prächtigste. Nach einem Gesangsvortrag des Gesangvereins Liederkranz hielt Genosse Busold die Festrede. Für seine vortrefflichen Ausführungen erntete er reichen Beifall. Der Gesangverein Vorwärts⸗Frtedberg und die beiden hiesigen Gesangvereine trugen dann noch verschiedene Lieder vor. Auch den Kindern wurde durch Verabreichung von Fahnen und Bretzeln eine kleine Freude gemacht. 10 aus dem Nereise Alssesd-Cauterbach. b. Die Maifeier der Alsfelder Arbeiter am Sonntag, die in einem Ausfluge nach Münch⸗Leusel be⸗ stand, nahm einen recht guten und anregenden Verlauf. Auf dem Platze wurden von verschiedenen Genossen An⸗ sprachen gehalten. Terschowitz wies hin auf Ausbeutung. des Volkes durch das Kapital und die daraus sich er⸗ gebende Unfreiheit und Notlage der arbeitenden Bevöl⸗ ferung. Wiegand wies auf die Notwendigkei: der Organisation hin, denn der Einzelne sei machtlos der Willkür des Unternehmertums preisgegeben. Gerade in Alsfeld sei das nötig, wo vielfach die Frauen mit in der Fabrik arbeiten müßten und so oft die Kinder sich selbst überlassen wären. Martin legte die Bedeutung der Maifeier dar und schilderte den Gegensatz zwischen besitzender und nichtbesitzender Klasse. Gen, Leutkäger feierte zum Schluß Schiller als Freiheitskämpfer, dessen Ideale zu verwirklichen die Arbeiterklasse berufen sei. Ein begeistertes Hoch auf die Sozialdemokratie schloß. die Ansprachen, worauf man zum gemütlichen Teile der Feier überging. In, dem Bewußtsein, den Feiertag der Arbeit in schöner und würdiger Weise begangen zu haben, brachen unsere Genossen gegen Abend zur Heimkehr auf. aus dem Nreise Wetzlar. h. Die Schillerfeier der Lesevereinigung am vorigen Donnerstag war außerordentlich stark besucht und von dem Dargebotenen war Jedermann befriedigt. Vom„Deutschen Sprachverein“ wurde ebenfalls eine Feier veranstaltet. Diese Vereinigung besteht aus Leuten der„besseren“ Kreise, die Schiller nicht zusammen mit dem gewöhnlichen Volke ehren wollen. h. Wegen Konkursvergehen hatte sich am Mittwoch der Handschuhfabrikant und frühere Stadtverordnete Oskar Dietrich zu ver⸗ antworten. Die Anklage legt ihm zur Last, daß er als Vollkaufmann seine Bücher unordentlich geführt und keine Bilanzen gezogen hat. Be⸗ kanntlich wurden durch ihn und den früheren Kassierer des Vorschußvereins Gäns die Mit⸗ glieder dieses Vereins ganz empfindlich ge⸗ schädigt. Die Schulden Dietrichs betragen 320000 Mk. Der Angeklagte wird zu 4 Mo⸗ naten Gefängnis verurteilt, obwohl der Staatsanwalt nur 800 Mk. Geldstrafe bean⸗ tragt hatte. Aus der Verhandlung ging hervor, daß Gäus als Kassierer des Vorschußvereins ungeheuerliche Finanzoperationen und Schteb⸗ ungen gemacht hat und als der Hauptschuldige gelten darf. Beide waren aber sehr angesehene Ordnungsstützen! Herrn Gäns hat der Vor⸗ schußverein verklagt und verlangte von ihm 50000 Mk. Schadenersatz. Trotz der Bemüh⸗ ungen des Landgerichtsdirektors Schmidt in Limburg scheiter ten die Vergleichsverhandlungen. Gäns wollte nur 20 000 Mk. bezahlen. Er hat übrigens den Staub Wetzlars von den Füßen geschüttelt und soll jetzt in Gießen wohnen. h. Christlich⸗sozialer Muster⸗Arbeiter⸗ vertreter. Wie Herr Behrens der Stöckerjünger und mutmaßlich zukünftiger Reichstags kandidat für den Wahlkreis Wetzlar, Arbeiterinteressen wahrnimmt, dafür brachte kürzlich der Vorwärts einen Beleg. In dem Berichte heißt es über die Tätigkeit dieses Herrn u. a.; Die Berliner Gärtnergehilfen stehen seit Anfang Februar in einer Tarifbewegung. Es wurde zwischen. den Kommisstonen des Allgemeinen deutschen Gärtner⸗ Vereins und der Handelsgärtnerorgänisation ein Tarif ausgearbeitet, der einen Wochenlohn von 18 Mark be⸗ stimmte, die Errichtung eines paritätischen Arbeits⸗Nach⸗ weises regelte usw. Der Tarif sollte bis 1. April 1906. Giltigkeit haben; es war eine Abwehr des von dem christlichen Verbande des Behrens beabfichtigten Tarifs mit 16.20 Mark: Minimallohn, vepeinbaxt bis zum 1. Juli 1907. Als alles soweit sertig war, erschien Herr Behrens, stieß seine eigenen Abmachungen mit den Arbeitgebern um, nach welchen der Tarifaus⸗ ——.—T——e———:᷑ „—..!.:x.:( ꝛ:. eiten mgeiger daf ell. stabt r Ein⸗ n don vortrag old die erntete abberg mn noch e durch leine 5 ter am iel be⸗ derlauf. en An⸗ deutung sich er⸗ Beböl⸗ ei. der los der rade in mit in ber sich deutung zwischen kutkäger „ dessen fen sei. schloß Ale det tag det haben, chr auf. ung am besucht friedigt. ls eine Leuten nen mit itte sich frühere zu her⸗ T Last, hentlich N Be⸗ rüheren e Mi⸗ ich ge⸗ etragen 4 Mo- hl del er herbol, bereing Schieb. guldige geschele L Vol n iht Veni, lidt il lungel, Er bal Füße ell. beitet“ erfünge Nr. 20. Mittel deutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. schuß aus Verhältniswahl mit gebundener Liste hervorgehen sollte, und fordert nunmehr paritätische Vertretung der Arbeltnehmer im Tarifaus⸗ schusse, weil die Christlichen sonst keinen Kandidaten durchbringen würden. Soweit die Vorgeschichte. Am 15. April legten nun die Mit⸗ glieder des Allgemeinen deulschen Gärtner⸗Vereins die Arbeit in den Geschäften nieder, wo der torifmäßige Lohn von 18 Mark nicht gezahst wurde. Dies wurde den christlichen Verbänden mitgeteilt, die durch den Arbeils⸗ nachweis eines Gastwirtes, den sie nominell decken, Streikbrecher zu stellen drohten, und zwar wurde diese Drohung von Behrens selbst in seinem Blatte aus⸗ gesprochen. Die christlichen Herren haben denn auch in der Tat ihren Arbeitsnachweis in Berlen dozu benutzt, um die Streikbrecher za stellen. Um allen die Krone aufzusetzen, begab sich Herr Franz Behrens in die Arbeitgeber ⸗Versammlung am 18. April und machte den Herren verständlich, daß sie auf keinen Fall den Tarif nur arf ein Jahr ab- schließen dürften, da sie dann im nächsten Jahre wieder von der sozialdemokratischen Gehilfenschaft„belästigt“ werden könnten. So wurde der Tarif mit 18 Mark Minimallohn auf z wei Jahre abgeschlossen und dies be⸗ deutet für Berliner Verhältnisse einen Verrat an der Gehilfenschaft. Behrens, der vor nicht langer Zeit Sekretär des christlichen Bergarbeiter verbandes geworden ist, hat dann bei der Gärtnerbewegung in Berlin noch eine Streikbrecher⸗ Agentur organi⸗ siert! Zu dieser neuen Kraft kann man den Berg⸗ arbeitern gratulieren! * Ins frühe Grab. Am Sonntag wurde unserer Partei ein eifriger Mitkämpfer, den Krofdorfer Partei⸗ freunden ein aufrichtiger, treuer und sehr intelligenter Genosse durch den Tod entrissen. Der Metallarbeiter Carl Laucht erlag in den frühen Morgenstunden des Sonntags einer Lungenkrankheit, an der er schon längere Zeit danieder lag. Er war erst reichlich 22 Jahre alt, aber trotz seiner Jugend hatte er sich durch fleißiges Studium nicht unbedeutende Kenntnisse auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete erworben und er berechtigte für unsere Bewegung zu den besten Hoffnungen. Durch sein offenes, ehrliches und freundliches Wesen hatte er sich viele Freunde erworben und war überall geachtet und beliebt. Zu seiner Beerdigung am Dienstag hatten sich Leidtragende in großer Anzahl eingefunden; vom Gesangverein„Eintracht“, dessen Mitglied ber Verstorbene war und von der sozialdemokratischen Partei wurden Kränze niedergelegt.— Ehre seinem Andenken! Verkehrte Gemeindepolitik. Auch jetzt kommt es noch oft vor, daß Gemeinden Grundbesitz an Private veräußern. Das ist unter allen Umständen ein Fehler, denn es muß immer danach gestrebt werden und es liegt im Interesse der Gemeinde, den Besitz der Gemeinde zu vermehren, statt zu vermindern. So beschloß voriges Jahr in Krofdorf der Gemeinderat, die alte Schule, die, weil eine neue gebaut worden war, nicht mehr zu Schulzwecken gebraucht wurde, zu ver⸗ kaufen. Das Gebäude hätte gewiß in anderer Weife im öffentlichen Interesse verwendet werden können. Auch die Aufsichtsbehörde wollte die Ausführung dieses Be⸗ schlusses verhüten, aber trotzdem beharrte der Gemeinde⸗ rat auf seinem Beschlusse, nur Genosse Stock stimmte, wie auch das erste Mal, gegen den Verkauf. Jedenfalls wird durch diesen Beschluß das Gemeinde⸗Interesse nicht gewahrt. Trotzdem hört man hier und da törichte Schwätzer gegen unsern Genossen Stock Vorwürke wegen dieser Sache erheben. Solche Leute sollten ihre Nase etwas tiefer in die Gemeinde⸗Augelegenheiten stecken und sich mit ihren Kritiken an die richtige Stelle, an den Vorsteher wenden. Westerwasd und Anterlahn. — Eine christlich⸗soziale Versammlung fand am Samstag in Langenaubach statt. Der Redakteur des Herborner Stöckerblattes hielt einen langen Vortrag, in dem er sich zum großen Teil mit religiösem Gezänke beschäftigte. Genosse Vetters ergriff das Wort, um die Angriffe auf die Sozialdemokratie zurückzuweisen und die angebliche Arbeiterfreundlichkeit zu schildern. Von einer wirklichen Diskussion ist bei den Stöckerleuten nie die Rede; dem Gegner werden immer nur wenige Minuten Redezeit gestattet. Die Mehrheit der schwach besuchten Versammlung bestand aus Anhängern der Christlichen. Ein etwa 18—19 jähriger Mensch schimpfte in gemeiner Weise auf die Sozialdemokratie. Jedenfalls müssen unsere Genossen dort tüchtig arbeiten, um unsere Sache vorwärts zu bringen. Aus dem. Nreise Marburg⸗Nirchhain. r. Flugblattverbreitung. Sonntag über acht Tage, am 21. Mai, findet im Wahlkreise Marburg eine allgemeine Flugblattverteilung statt, zu der sich die Parteigenossen recht zahlreich zur Verfügung stellen wollen. Die Einteilung der Touren und die Ausgabe der Flugblätter erfolgt am Samstag(20.) abends 9 Uhr bei Jesberg. Um diese Zeit muß dort das Matecial in * Empfang genommen werden, damit es am Sonntag früh keinen Aufenthalt mehr gibt. Jetzt, bei diesem herrlichen Frühlingswetter bedeutet eine Flugblatt verteilung für den Verbreiter einen wirklichen Erholungs⸗Ausflug, ein Grund mehr, sich daran zu beteiligen! O, Ein Unternehmer⸗Verband hat sich in Marburg zusammengetan. Seine Bestrebungen kommen in den„Satzungen“ zum Ausdruck, die in dem Kreis⸗ blatt veröffentlicht werden. Danach ist es Aufgabe des Verbandes:„1. Das Wohl der in den Marburger Betrieben beschäftigten Arbeiter fortgesetzt werk⸗ tätig zu fördern(). 2. Unberechtigte Bestrebungen der Arbeitnehmer, welche darauf gerichtet find, die Ar⸗ beits bedingungen einseitig vorzuschreiben und insbesondere die zu diesem Zweck geplanten oder veranstalt⸗ten Aus⸗ stände gemeinsam abzuwehren und in ihren Folgen un⸗ schädlich zu machen. 3. Andere wirtschaftliche, die ge⸗ meinsamen Interessen berührende Fragen zu beraten und die Anschauungen des Verbandes in geeigneter Weise zur Geltung zu bringen. 4. Anschluß an den Haupt⸗ verband deutscher Arbeitgeber in Berlin. 5. Den Mit⸗ gliedern wird zur Pflicht gemacht, keinem Arbeiter, welcher ordnungswidrig seine Stellung verlassen hat, Anstellung zu gewähren; für die Folge ist bei jeder Entlassung dem Arbeiter eine Entlassungsbescheinigung zu erteilen.“ Also wie jeder sieht, eine Scharfmacher⸗ Organisation nach dem Muster des Kühnemänner⸗Ver⸗ bandes, des Bundes der Berliner Metallindustrieellen. Es ist der reine Hohn, wenn an erster Stelle von der Förderung des„Wohles“ der Arbeiter geredet wird. Wie sich das die Herren denken, geht aus den folgenden Sätzen klar genug hervor. Was„unberechtigte“ Be⸗ strebungen der Arbeiter sind, entscheiden natürlich die durchweg sehr„christlich“ gesinnten Herren Unternehmer selber und sie sehen bekanntlich jede Forderung auf ein paar Pfennige mehr Lohn oder sonstige Besserung der Arbeitsbedingungen als„unberechtigte Bestrebung“ an, wobei sie keinen Unterschied machen werden, ob diese Bestrebungen von christlichen oder sozialdemokratischen Arbeitern ausgehen. Den Marburger Arbeitern sollte das Vorgehen des Unternehmertums aber eine Mahnung sein, alles daran zu setzen, ihre Organisationen zu stärken; unterlassen sie dies, so dürften sie es eines Tages empfindlich zu spüren bekommen. O Eine Erhöhung der Fleischpreise ver⸗ kündet die hiesige Metzger⸗Innung dem konsumierenden Publikum. Die Fleischpreise haben damit den höchsten Stand erreicht, den sie bis jetzt gehabt haben. Die Arbeiter werdeu noch mehr zur vegetarischen Lebens⸗ weise gezwungen werden. O Ueber Arbeiter⸗Jubiläen berichteten in letzter Zeit die hiesigen Zeitungen um die Wette. Bald hatte in diesem, bald in jenem Betriebe ein Arbeiter sein 25⸗, 29⸗ oder 32 jähriges Jubiläum gefeiert und dabet von seinem Arbeitgeber eine silberne Uhr oder ein Geldgeschenk erhalten. In den wenigsten Fällen dürfte der Wert des Geschenkes 50 Mk. überschritten haben, bei 25 jähriger Tätigkeit— pro Woche 4 Pfg.! Eine billige Noblesse! * Unnötige Sorgen machte sich neulich die Marburger nattonalsoziale„Hessische Landeszeitung“ über unsere Parteifinanzen. Sie erzählte, daß auf dem sächsischen Parteitage über die geringe Verbreitung der Parteipresse geklagt worden sei und das sei„bei dem ultraradikalen Charakter der Leipziger Volkszeitung allerdings kein Wunder.“ Das stimmt aber denn doch nicht ganz. Der Bericht des Landesausschusses hob im Gegenteil hervor, daß sich die Parteipresse in Sachsen in erfreulicher Weise entwickelt habe, besonders auch die Leipziger Volkszeitung. Ferner hätte sich Genosse Pfann⸗ kuch„bezeichnendermaßen“ über die Finanzlage der Partei beäußert und gesagt:„Wenn wir unsere großen, gutprosperierenden Parteigeschäfte„JZorwärts“ in Berlin, „Echo“ in Hamburg nicht bälten, dann wäre es zum Teufel mit den Finanzen der Partei bestellt“. Wenn Pfannkuch sich wirklich so ausgesprochen hätte— in den Berichten haben wir davon nichts gelesen— halten wir trotzdem unsere Finanzen nicht für so bedenklich. Gewiß könnten uns einige Hunderttausend Mark mehr in der Kasse nichts schaden, aber vor dem Bankrott stehen wir deswegen noch nicht. Vielleicht wünscht ja die„Hess. L.⸗Ztg.“, daß die deutsche Sozialdemokratie dem Schicksal der total bankrotten nationalsozialen Partei verfiele, damit wird sie aber lange warten können. Kurz vorher nahm die„H. L.“ ein Zirkular unseres Parteivorstandes, das zu regerem Abonnement auf die „Neue Zeit“ aufforderte, zum Anlaß, die verhältnismäßig gecinge Verbreitung unserer wissenschaftlichen Zeitschrift darauf zurückzuführen, daß„das literarische Klopffechter⸗ tum des Herrn Mehring und der trockene Doktrinaris⸗ mus des Herrn Kautsky, ihr den geistigen Stempel auf⸗ drückten.“ Nun, die„Neue Zeit“ darf sich inhaltlich, wie auch in Bezug auf ihre Verbreitung, sehen lassen. Es gibt wenig Zeitschriften dieser Art, die eine so hohe Auflage haben. Wenn sie im Verhältnis zur Stärte der Partei niedrig genannt werden muß, so liegt das an den geringen Mitteln der Arbeiter und mehr noch daran, daß ihnen zu wenig Zeit zum Lesen zur ————— Verfügung steht. So liegt die Sache in Wirklichkeit. Die Notionalsozialen haben von jeher mit Vorliebe in unsern internen Parteiangelegenheiten herumgeschnüffelt; lassen wir ihnen das Vergnügen auch fernerhin! Opfer der Arbeit. In Krefeld erfolgte am 2. Mai in der chemischen Fabrik von Leitholf aus unbekannter Ursache eine Dampfkesselexplosion, bei der zwei Arbeiter getötet wurden und ein dritter schwere Verletzungen erlitt. f Ein Pfarrer⸗„Verhältnis“. Die Strafkammer zu Schweinfurt ver⸗ urteilte die 23 Jahre alte Maria Stock aus Würzburg, die unter dem Namen Gräfin b. Greifenstein Hochstapeleien trieb, zu zwei Jahren Gefängnis. Sie hatte einem katholischen Pfarrer unter dem Ver⸗ sprechen, daß er von ihr einst Millionen erben würde, mehrere tausend Mark Stiftungsgelder abgeschwindelt. Die Verhandlung ergab, daß der Pfarrer die Schwindlerin auf der Flucht nach Holland begleitete, und das er in ver⸗ schiedenen Hotels mit ihr genächtigt hatte. Letzte Nachrichten. Bergarbeiterschutz. Die sozialdemokratis che Reichstagsfraktion beschloß, baldigst Anträge aus zu⸗ arbeiten und im Reichstage einzubringen, denen die Forderungen des Berliner Bergar eitertages zu Grunde liegen sollen.— Der Reichstag erklärte die Wahl des Abg. Pauli⸗Potsdam(kons.) für ungültig.— Bei einer Gemeinderatswahl in Wien siegte der Sozial⸗ demokrat Schlinger mit 5420 Stimmen über den Christlich⸗Sozialen. f Partei-Uachrichten. Eine merkwürdige Stellung hat der Abg. Peus im Landtage für Anhalt in Bezug auf die Um⸗ satzsteuer für Konsumvereine eingenommen. Dieser hat Peus zugestimmt! Also der Mann, der doch sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter für Westhavel⸗ land ist, tritt für eine Steuer ein, die unter allen Um⸗ ständen von der Partei als eine höchst ungerechte ver⸗ worfen wird und die von antisemitischen Mittelständlern als Mittel zur Erdrosselung der Konsumvereine empfohlen wird! Mit Recht wird in der gesamten Parteipresse das Ver⸗ halten des Genossen Peus auf das schärfste geta delt; auch Prof. Staudinger⸗Darmstadt wendet sich in der konsumgenossenschaftlichen Rundschau scharf gegen ihn. 5 Versammlungskalender. Samstag, den 13. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Germer. Turnabteilung. Versammlung im Turn⸗ lokale. Ausflug betreffend Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker. Wichtige Tagesordnung! Sonntag, den 14. Mai. Gießen. Transport⸗ und städtische Arbeiter. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Lö b (Wiener Hof), Kirchhain. Mühlenarbeiter-Versammlung, nachmittags 3 Uhr, im Saale„Zur Post“. Ref. A. Wedermann⸗ Marburg. Alle Kollegen von Gießen, Marburg, Kirchhain, Ziegenhain ꝛc. sind eingeladen. Mittwoch, den 17. Mai. Gießen. Gewerkschaftskartell, Abends ½9 Uhr Sitzung bei Orbig. Montag, den 22. Mai. 5 Marburg. Maler, Weißbinder und Lackierer. Abends 6 Uhr öffentliche Versammlung bei Hil d⸗ mann. Briefkasten. N.⸗Schotten. Wenn Sie trotz wiederholter Auf⸗ forderung das Material von Alsfeld nicht erhalten haben, so wenden Sie sich am besten direkt an das Landes- komitee: Joh. Orb, Offenbach, Friedrichstr. 24. Wieseck. Nächste Nummer.* 0 Einsendungen für die nächsten Nummern er⸗ bitten wir möglichst frühzeitig.— Die Auskunfts⸗ stelle unserer Redaktion ist für mündliche Anfragen bis 1. Juni geschlossen. 4. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. „ Anterhaltungs-Teil. 1 0 4 ————ů— 4 Die Worte des Glaubens. Von Friedrich Schiller. Drei Worte nenn' ich Euch inhaltschwer, Sie gehen von Munde zu Munde, Doch stammen sie nicht von außen her; Das Herz nur gibt davon Kunde. Dem Menschen ist aller Wert geraubt, Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei Und würd' er in Ketten geboren, Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei, Vicht den Mißbrauch rasender Toren! Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht! Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Der Mensch kann sie üben im Leben, And sollt er auch straucheln überall, Er kann nach der göttlichen streben, Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt. Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, Wie auch der menschliche wanke; Hoch über der Seit und dem Raume webt Lebendig der höchste Gedanke, Und ob alles in ewigem Wechsel kreist, Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist. Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer, Sie pflanzet von Munde zu Munde, Und stammen sie gleich nicht von außen her, Euer Innres gibt davon Kunde. Dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt, Solang er noch an die drei Worte glaubt. Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller. In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapttel unterrichtender für Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrechen war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung. Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bet dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter; der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf, und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiete in seine Seelenlehre herübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten. Es ist etwas so einförmiges und doch wieder so Zusammengesetztes, das menschliche Herz. Eine und eben dieselbe Fertigkeit oder Begierde kann in tausendenlei Formen und Richtungen spielen, kann tausend widersprechende Phäno⸗ mene bewirken, kann in tausend Charakteren anders gemischter scheinen, und tausend ungleiche Charaktere und Handlungen können wieder aus einerlei Neigung gesponnen sein, wenn auch der Mensch, von welchem die Rede ist, nichts weniger denn eine solche Verwandschaft ahnet. Stünde einmal, wie für die übrigen Reiche der Natur, auch für das Menscheugeschlecht ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassi⸗ fizierte, wie sehr würde man erstaunen, wenn man so manchen, dessen Laster in einer engen bürgerlichen Sphäre und in der schmalen Um⸗ zäunung der Gesetze jetzt ersticken muß mit dem 189 9 5 Borgia in einer Ordnung beisammen fände! Von dieser Seite betrachtet, läßt sich Manches gegen die gewöhnliche Behandlung der Geschichte einwenden, und hier, vermute ich, liegt auch die Schwierigkeit, warum das Studium derselben für das bürgerliche Leben noch immer so fruchtlos geblieben. Zwischen der heftigen Gemütsbe⸗ wegung des handelnden Menschen und der ruhigen Stimmung des Lesers, welchem diese Handlung vorgelegt wird, herrscht ein so widriger Kontrast, liegt ein so breiter Zwischenraum, daß es dem Letzteren schwer, ja unmöglich wird, einen Zusammenhang nur zu ahnen. Es bleibt eine Lücke zwischen dem historischen Subjekt und den Leser, die alle Möglichkeit einer Vergleichung oder Anwendung abschneidet und statt jenes heilsamen Schreckens, der die stolze Gesundheit warnet, ein Kopfschütteln der Befremdung er⸗ weckt. Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war, wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft, als das unsrige; seine Schicksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich ja nur auf ein dunkles Bewußtsein ähnlicher Gefahr, und wir sind weit entfernt, eine solche Aehnlichkeit auch nur zu träumen. Die Belehrung geht mit der Beziehung verloren, und die Geschichte, anstatt eine Schule der Bil⸗ dung zu sein, muß sich mit einem armseligen Verdienste um unsere Neugier begnügen. Soll stie uns mehr sein und ihren großen Endzweck erreichen, so muß sie notwendig unter diesen beiden Methoden wählen— entweder der Leser muß warm werden, wie der Held, oder der Held, wie der Leser, erkalten. f Ich weiß, daß von den besten Geschichts⸗ schreibern neuerer Zeit und des Altertums manche sich an die erste Methode gehalten und das Herz ihres Lesers durch hinreißenden Vor⸗ trag bestochen haben. Aber diese Manter ist eine Usurpation des Schriftstellers und beleidigt die republikanische Freiheit des lesenden Publikums, dem es zukömmt, selbst zu Gericht zu sitzen; sie ist zugleich eine Verletzung der Grenzen⸗Ge⸗ rechtigkeit, denn diese Methode gehört aus⸗ schließend und eigentümlich dem Redner und Dichter. Dem Geschichtschreiber bleibt nur die letztere übrig. Der Held muß kalt werden, wie der Leser, oder, was hier ebenso viel sagt, wir müssen mit ihm bekaunt werden, eh er handelt; wir müssen ihn seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr, als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen dieser Ge⸗ danken, als an den Folgen jener Taten. Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären; warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen solchen Menschen umgaben, bis der ge⸗ sammelte Zunder in seinem Inwendigen Feuer fing? Den Träumer, der das Wunderbare liebt, reizt eben das Seltsame und Abenteuerliche einer solchen Erscheinung; der Freund der Wahr⸗ heit sucht eine Mutter zu diesen verlorenen Kindern. Er sucht sie in der unveränderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Bedingungen, welche sie von außen bestimmten, und in diesen beiden findet er ste gewiß. Ihn überrascht es nun nicht mehr, in dem nämlichen Beete, wo sonst überall heilsame Kräuter blühen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu sehen, Weisheit und Torheit, Laster und Tugend in einer Wiege beisammen zu finden. Wenn ich auch keinen der Vorteile hier in Anschlag bringe, welche die Seelenkunde aus einer solchen Behandlungsart der Geschichte zieht, so behält sie schon allein darum den Vorzug, weil sie den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungeprüfte, aufrechtstehende Tugend auf die gefallene herunterblickt; weil sie den sanften Geist der Duldung verbreitet, ohne welchen kein Flüchtling zurückkehrt, keine Aussöhnung des Gesetzes mit seinem Beleidiger stattfindet, kein angestecktes Glied der Gesellschaft von dem gänzlichen Brande gerettet wird. Ob der Verbrecher, von dem ich jetzt sprechen werde, auch noch ein Recht gehabt hätte, an jenen Geist der Duldung zu appellieren? Ob er wirklich ohne Rettung für den Körper des Staates verloren war?— Ich will dem Aus⸗ spruch des Lesers nicht vorgreifen. Unsere Ge⸗ lindigkeit fruchtet ihm nichts mehr, denn er starb durch des Henkers Hand— aber die Leichenöffnung seines Lasters unterrichtet viel⸗ leicht die Menschheit und— es ist möglich au die Gerechtigkeit. Christian Wolf war der Sohn eines Gast⸗ wirts in einer... schen Landstadt(deren Namen man aus Gründen, die sich in der Folge auf- klären, verschweigen muß) und half seiner Mutter, denn der Vater war todt, bis in sein zwanzigstes Jahr die Wirtschaft besorgen. Die Wirtschaft war schlecht, und Wolf hatte müßige Stunden. Schon von der Schule her war er für einen losen Buben bekannt. Erwachsene Mädchen führten Klagen über seine Frechheit, und die Jungen des Städtchens huldigten seinem erfinde⸗ rischen Kopfe. Die Natur hatte seinen Körper verabsäumt. Eine kleine unscheinbare Figur, krauses Haar von einer unangenehmen Schwärze, eine plattgedrückte Nase und eine geschwollene Oberlippe, welche noch überdies durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war, gaben seinem Anblick eine Widrigkeit, welche alle Weiber vor ihm zurückscheuchte und dm Witz seiner Kameraden eine reichliche Nahrung 1 darbot. 1 Er wollte ertrotzen was ihm verweigert war; weil er mißfiel, setzte er sich vor, zu gefallen. Er war sinnlich, und beredete sich, daß er liebe. Das Mädchen, das er wählte, mißhandelte ihn; er hatte Ursache zu fürchten, daß seine Neben⸗ buhler glücklicher wären; doch das Mädchen war arm. Ein Herz, das seinen Beteuerungen ver⸗ schlossen blieb, öffnete sich vielleicht seinen Ge⸗ schenken; aber ihn selbst drückte Mangel, und der eitle Versuch, seine Außenseite geltend zu* machen, verschlang noch das Wenige, was er. durch eine schlechte Wirtschaft erwarb. Zu be⸗ quem und zu unwissend, seinem zerütteten Haus⸗ wesen durch Spekulation aufzuhelfen; zu stolz, auch zu weichlich, den Herrn, der er bisher ge⸗ wesen war, mit dem Bauer zu vertauschen und seiner angebeteten Freiheit zu entsagen, sah er nur einen Ausweg vor sich— den Tausende vor ihm und nach ihm mit besserm Glücke er⸗ griffen haben— den Ausweg honnet zu stehlen. Seine Vaterstadt grenzte an eine landesherrliche Waldung, er wurde Wilddieb, und der Ertrag seines Raubes wanderte treulich in die Hände seiner Geliebten. (Fortsetzung folgt.) Schiller worte. Das Volk. Die Seele blutet mir um euer Volk; Ich leide mit ihm, denn ich muß es lieben, Das so bescheiden ist und doch voll Kraft; Es zieht mein ganzes Herz zu ihm mich hin; Mit jedem Tage lern' ich's mehr verehren. * Das Volk versteht sich besser auf sein Glück; Kein Schein verführt sein stcheres Gefühl. * Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst!„Und warum keine?“ Aus Religion. * 1 „Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihnen, zu wohnen. ö Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“ ** 4 Allmächtig ist das Gold, auch Mohren kann es bleichen. * 8 Im engen Kreis verengert sich der Sinn, 1 Es wächst der Mensch mit seinen größ'ren 1 Zwecken. * 9 Die Geistlichkeit war von jeher eine Stütze der königlichen Macht. Ihre goldene Zeit fiel immer in die Gefangenschaft des menschlichen Geistes, und wie jene sehen wir sie vom Blöd⸗ N sinn und von der Sinnlichkeit ernten. Der 4 bürgerliche Druck macht die Religion notwendiger und teurer; blinde Ergebung in Tyrannenge⸗ walt bereitet die Gemüter zu einem blinden, bequemen Glauben, und mit Wucher erstattet 15 Despotismus die Hierarchie seine Dienste wieder. 1 K ĩ'mm/.IIZL..ʃ.Bʃ.1.Ü᷑Ü̃¼ͤʃʃ———— ben, ft 9 hin; ten. lic; l. ne bol leiues U essen en. Wine 't. n kann Nr. 20. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung. Seite 7. Ueber Schillers Lebenslauf sesen im Nachstehenden einige Daten gegeben: Geboren am 10. November 1759 zu Marbach, Sohn des Militär⸗ Chirurgen, späteren Garten⸗ Inspektors Joh. Kaspar Schiller, studierte auf der Karlsschule zu Stuttgart zuerst Juris⸗ prudenz, dann Medizin und wurde 1780 Regi⸗ mentsmedicus. 1777 begann er seine„Räuber“ zu schreiben, die 1781 erschienen; 1782 folgte „Fiesko“. Um den unleidlichen Verhältnissen zu entrinnen, verließ er 1782 im September Stuttgart heimlich, lebte bis Juli 1783 zu Bauerbach bei Meiningen auf dem Gute der Frau von Wolzogen und dichtete hier sein drittes Drama„Kabale und Liebe“. Darauf ging er als Theaterdichter nach Mannheim, 1785 nach Leipzig, von dort zu seinem Freunde Körner nach Dresden, wo er den„Don Carlos“ vollendete. 1787 siedelte er nach Weimar über. 1789 ward er zum Professor der Geschlchte in Jena ernannt, 1790 vermählte er sich mit Charlotte von Lengefed. 1793 bis 1794 weilte er in Heilbronn, Ludwigsburg und Stuttgart. Während seines Aufenthaltes in Jena trieb er hauptsächlich historische und philosophische Studien. Seit 1795, angeregt durch den Verkehr mit Goethe, wandte er sich wieder der Poesie zu:„Wallenstein“(1799),„Maria Stuart“(1800),„Jungfrau von Orleans“ (18070,„Braut von Messina“(1803),„Wilhelm Tell“(1804), 1799 siedelte er nach Weimar über, 1802 vom Kaiser„geadelt“. Nach seiner Reise nach Berlin(1804) ward seine nie ganz wieder hergestellte Gesundheit immer hinfälliger; er starb am 9. Mat 1805. Im Jahre 1827 wurden seine Gebeine in der Fürstengruft zu Weimar beigesetzt. Er hatte zwei Söhne: Karl und Ernst, zwei Töchter: Karoline und Emilie. Von letzterer, die seit 1828 mit dem bayr. Kammerherrn v. Gleichen⸗Rußwurm ver⸗ mählt sind noch Nachkommen am Leben. Schillers erster Sohn Karl starb 1857 als Oberförster a. D. in Stuttgart; Ernst 1841 als preuß. Appel lationsgerichtsrat in Vilich bei Bonn. Allerlei. Hunger. Von Karl Ewald. Er konnte das Feld nicht bestellen, konnte die Tiere des Waldes nicht jagen, den Fisch im Wasser nicht fangen und das Boot nicht über die Wogen lenken. Er konnte dem Felsen sein Erz nicht abgewinnen, konnte es nicht in der Esse schmieden und es nicht umsetzen durch Kauf und Verkauf. „Gott hat mir einen reichen und seltenen Verstand gegeben“, sagte er.„Ich bin zum Studieren geboren.“ Und er kam auf die hohe Schule, wo die Gelehrten waren. Da konnte er sich auf den schwierigen Pfaden des Rechts nicht durchfinden, hatte nicht den kühlen Kopf und das warme Herz des Arztes, nicht des Forschers Geduld, nicht des Lehrers Selbstverleugnung, nicht des Erfinders Scharf⸗ sinn, nicht des Staatsmannes Klugheit. „Gott hat mich zum höchsten bestimmt“, sagte er.„Ich bin zum Priester geboren.“ Und er bekam eine kleine Pfründe. Es predigte Selbstverteugnung denen, die kein Brot hatten, aber er seufzte, daß der Braten auf dem eigenen Tische so klein sei. Er sprach mit gefalteten Händen, es sei leichter, daß ein Kamel durch das Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme, aber er klagte, daß sein Beutel leer sei. „Gott, der Herr will, daß ich mich um die fette Pfründe bewerbe, die in diesem Jahre zu besetzen ist,“ sagte er.„Er sei mir Sünder gnädig, daß ich es erst heute sehe. Ewig sei er gepriesen, daß ich seinen Willen vollende.“ Da bewarb er sich um die Pfründe und bekam sie.(„Jugend.“) Humoristisches Der ewige Kommandant. Es war einmal eine Festung Hoch ragend im deutschen Land, Die hatte zur höheren Ehre Auch einen Kommandant. Die Veste ist längst zerfallen, Kein Stein mehr sern und nah, Der Kommandant aber lebt noch— Im Militär⸗Etat! Aus dem Ruhrrevier. Zechenbesitzer: Die„Arbeitswilligkeit“ hat doch auch ihre Schattenfeite! Da provoziere und schikaniere ich meine Bergleute seit dem letzten Streik nun schon bis aufs äußerste— und die Ludersch arbeiten immer noch!„(Südd. Postillon.) Keine Menschen. In einer Hotelpension kommt eine Gräfin mit dem Wirt in Streit.„Gnädige ver⸗ zeihen“, sagt der höfliche Mann,„aber ich muß für Ansprüche aller Art vorbereitet sein. Zu mir kommen so vie le Menschen....„Wir sind keine Menschen,“ schnaubt ihn die Gräfin entrüstet an.(Igd.) Litterarisches Schiller, Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter. Von Franz Mehring. Diese soeben im Verlag der Buchdruckerei Akt.⸗Ges. in Leipzig er⸗ schienene elegant ausgesrattete Broschüre ist aus der Feder eines unserer besten Parteischriftsteller hevorge⸗ gangen. Die Broschüre bildet bei der Unmasse der jetzt auf den Markt gebrachten Literatur über Schiller eine rühmliche Ausnahme. Schon der Name Franz Mehring bietet zur Genüge Gewähr dafür, daß Stoff und Inhalt durchaus objektiv behandelt worden sind, und wird jeder Leser mit Befriedigung das Buch aus der Hand legen. Ein vorzüglich ausgeführtes Porträt Schillers verleiht dem Buche eine besondere Zier. 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