wahl. enes. ch zu 700. U f. UU 24 2 . — 4 ubau 910. eitag 1 örbe 2 — Nr. 33. Gießen, den 13. August 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Redaktions schluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Dounerztag Nachmittag 4 Uhr. 2 unt Mitteldeutsche 1 15 9 tu Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträge Bestellungen 1 JInserate Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Bei mindestens Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung r entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½½%% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabat. VBeherzigenswerte worte! Dis Millionen Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes, und gerade sie sind es, welche dieser zu ihrer Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht ver⸗ leiht, über welche sie verfügt. Der Ar⸗ beiter, der statt eines Arbeiter⸗ blattes ein Organ der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geistigen Selbstmord, e in Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse. Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Hebels und die Presse wird das wir k⸗ samste Mittel der Befreiung sein. wilhelm siebknecht. Wer verschuldet den Ttbengnüttelwuchet? Eine alte Behauptung der Agrarier und Wucherzöllner geht dahin, daß die Zölle auf die Preisbildung keine Einwirkung hätten. Die Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen trügen vielmehr die Händler. Und wie die land⸗ bündlerische Presse die Bäcker des Brotwuchers beschuldigte, so schiebt sie jetzt die Schuld an den unerhört hohen Fleischpreisen den Metzgern zu. Darob ist natürlich grimmige Fehde zwischen Agrariern und Schlächkern ausgebrochen. Unser Zentralorgan widmet diesem Streite einen Ar⸗ tikel, in dem ausgeführt wird: Während sonst die konservative Handwerks- und Mittelstands⸗ retterei gerade bei den behäbigen Vertretern der Fleischerzunft auf inniges Verständnis stößt und die Bekämpfung der Einfuhr ausländischen Fleisches durch die agrarische Presse in den Fachzeitungen der Schlächtermeister ein lebhaftes Echo findet, beschuldigen sich jetzt beide Teile der Selbstsucht, der rücksichtslosen Ausnützung der Marktlage. Die Schlächter erklären, daß sie gutes Schlachtvieh selbst zu hohen Preisen kaum zu erhalten vermögen, und sie fordern deshalb die Oeffnung der Grenzen für die Vieh⸗ einfuhr aus dem Auslande. Die Agrarier hin gegen behaupten, Vieh wäre genug vorhanden, die Schlächter wollen nur zu viel verdienen. Als nach dem Herbste 1902 die Viehpreise be⸗ trächtlich gefallen wären, hätten die Schlächter keineswegs ihre Fleischpreise in gleichem Maße herabgesetzt und ebensowenig wäre es ihnen im vierten Quartal vorigen Jahres, als die Schweine⸗ preise einen Rückgang erlitten, eingefallen, ihre Detailpreise entsprechend zu ermäßigen. Damals hätten sie den Extravorteil willig eingesteckt, aber nun, wo an sie die Forderung heranträte, sich einzurichten, hätten sie keine Lust, sich nach der Decke zu strecken. Ganz stimmen die Anklagen der mittelstands⸗ retterischen agrarischen Presse gegen die Schlächter nicht. Wie die Berichte von den verschiedenen Schlachtviehmärkten beweisen, ist auf diesen selbst zu den jetzigen außerordentlich hohen Preisen nicht immer gules Schlachtvieh zu haben, und manchem kleinen Schlächter in ärmeren Stadt⸗ gegenden, der nicht mit größeren Kapitalien arbeitet, mag es schwer fallen, über der jetzigen Teuerungspertode hinwegzukommen; doch der Behauptung, daß in Zeiten der Viehteuerung die Schlächter schneller bereit seien, ihre Detail⸗ preise zu erhöhen, als sie dann, wenn die Vieh⸗ preise wieder fielen, herabzusetzen, läßt sich eine gewisse Berechtigung nicht abstreiten. Die Viehmarktsnotierungen und die amtlichen Fest⸗ stellungen der Kleinverkaufspreise in den ver⸗ schiedenen deutschen Großstädten liefern dafür klare Beweise. In einer Tabelle weist der Vorwärts dann nach, daß auch für Berlin die Detailpreise sich im allgemeinen nach den Viehpreisen richten. Die Behauptung der Agrarier, Vieh⸗ und Fleischpreise ständen nicht untereinander im Zusammenhange, sondern die Fleischpreise würden willkürlich von den Schlächtern fest⸗ gesetzt, ist danach— die Tabellen anderer Städte ergeben dasselbe Resultat— Unsinn. Im ganzen bewegen beide Preise sich parallel, nur folgt dem Rückgang der Viehpreise nicht als⸗ bald auch ein Nückgang der Fleischpreise. Die Schlächter suchen vielmehr nach dem Fall der Viehpreise ihre Kleinverkaufspreise noch läugere Zeit auf dem höhern Stand zu halten und folgen erst allmählich mit deren Ermäßigung. Allerdings hinkt dafür auch die Erhöhung der Fleischpreise immer der Erhöhung der Vieh⸗ preise nach, doch läßt sich, wenn man die obige Zusammenstellung mit denen anderer Städte vergleicht, nicht bestreiten, daß die Schlächter schneller bei der Hand sind, bei einer Steigerung der Viehpreise ihre Verkaufspreise hinaufzusetzen, als sie im entgegengesetzten Fall zu ermäßigen. So gehen z. B. die Preise für Schweine auf dem Berliner Viehmarkt nach der Steigerung des Jahres 1892 allmählich bis zum Jahre 1896 von 110 auf 86,2 M., d. h. um rund 22 Proz. zurück, die Schweinefleischpreise aber nur von 1,37 M. auf 1,20 M. pro Kilogramm, also nur um 12 Proz. Dafür steigen dann von 1896 bis 1898 die Schweinepreise allerdings wieder um 31 Proz., die Kleinverkaufspreise nur um 17 Proz.; Loch als darauf im nächsten Jahr der Schweinepreis um zirka 15 Proz. sinkt, fällt auch der Fleischpreis nur um 3 Proz. Dasselbe Spiel wiederholt sich in den Jahren 1900 1902. Daraus ergibt sich, wenn man die Gesamt⸗ schwankungen während der letzten drei Jahre in Betracht zieht, ein kleinerer Vorteil für die Schlächter, den übrigens wahrscheinlich die Großschlächter, nicht die Kleinschlächter, ein ⸗ gesteckt haben. Für die Behauptung, die jetzigen wie die früheren hohen Schweinepreise in den Jahren 1902 und 1904 seien nicht allein durch die hohen Viehpreise bedingt gewesen, sondern die Schlächter hätten die Gelegenheit zur Er⸗ zielung besonderer Vorteile benutzt, liefert jedoch die Tabelle nicht den geringsten Beleg; sie zeigt vielmehr, daß gerade in den Jahren der Fleisch⸗ teuerung die Spannung zwischen Vieh- und Fleischpreis, also auch der Verdienst der Schlächter, am schmalsten gewesen ist. Die Ursache der Fleischteuerung ist lediglich die Viehteuerung, und diese konnte nur deshalb bis zu ihrem jetzigen Grad steigen, weil vom deutschen Markt die fremde Zufuhr künstlich ferngchalten wird, weil die Einfuhr aus⸗ ländischen Schlachtviehs teils ganz verboten, teils außerordentlich beschränkt ist. Nur durch die Wegräumung dieser ausschließlich dem Profitinteresse der Agrarier dienenden Einfuhr⸗ hemmnisse wird eine Aenderung der jetzigen Teuerung erreicht, nur sie vermag die enorm gestiegenen Preise wieder auf ein halbwegs erträgliches Maß herabzudrücken. . Auf eine gute Idee, dem Volke die Wirkung der Wucherzölle klar zu machen, ist der Kost⸗ heimer Arbeiterwahlverein gekommen. Er stellt bei der Landeskonferenz folgenden Antrag: „Nach Inkrafttreten des Wuchertarifs sind Plakate für ganz Deutschland herzustellen, welche dem deutschen Volke klar machen, was die nötigsten Nahrungsmittel in anderen Staaten kosten und was diese in Deutschland kosten. Die Plakate sind allen Organisationen zum Selbstkostenpreise zu überlassen.“ Wir sind sehr für den Antrag! In weiten Volkskreisen sind sehr oft längst feststehende Tatsachen völlig unbekannt, darum muß auf egen Art die Aufklärung gefördert werden. .....—— Politische Rundschau. Gießen, den 10. August 1905. Politisches von der Woche. Die Fleischnot macht sich im ganzen Reiche außerordentlich fühlbar, für die Arbeiter⸗ klasse sind die jetzigen Fleischpreise einfach un⸗ erschwinglich. In Berlin wurden am Diens⸗ tag Abend 26 Volksversammlungen abgehalten, in denen gegen den Fleischwucher protesttert wurde. Alle Versammlungen waren überfüllt. Eine Resolution wurde bescklossen, in der es heißt:„Die gegenwärtige Fleischteuerung ist eine notwendige Folge der im Interesse der Agrarier ergriffenen Maßregeln der Vieh⸗ und Fleisck zölle, sowie der von den Landesregierungen erlassenen Vieh⸗ und Fleischeinfuhrverbote und Einfuhrbeschränkungen. Die Einfuhrverbote und Einfuhrbeschränkungen, die angeblich im Interesse der öffentlichen Gesundheit erlassen worden sein sollen, haben nur die Wirkung, daß ste eine maßlose Steigerung der Vieh⸗ und Fleischpreise herbeiführen und eine winzige Minderheit der Bevölkerung bereichern.“ Eine Verschlimmerung dieses Zustandes werde noch eintreten, sobald der Zolltarif in Kraft tritt. Es wird gefordert, daß die unbeschränkte Ein⸗ fuhr ausländischen Schlachtviehes nach allen Orten freigegeben werde, wo durch gute Fleisch⸗ beschau Sicherheit gegen Einschleppung von Viehseuchen und austeckenden Krankheiten ge⸗ geben ist. Aehnliche Forderungen hat vor Kurzem bereits die Berliner Metzgerinnung erhoben, gegen die gewiß nicht der Vorwurf „lan dwirtschaftsfeindlicher“ Tendenzen erhoben werden kann. Besonders fühlbar macht sich die Fleischnot in Oberschlesien. Die Magistrate der oberschlesischen Städte verlangten wieder⸗ holt vom Land wirtschaftsminister, daß er die Einfuhr von mindestens 2500 Stück Schweinen aus Rußland gestatten solle. Dieser Petition waren statistische Uebersichten beigegeben, aus denen hervorgeht, daß die Schla chtungen inländischer Schweine gegen das Vorjahr um 33 Prozent zurückgegangen sind. Ferner wird betont, daß die Ernährung der Be⸗ völkerung im höchsten Maße gefährdet sie. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 33. — Trotzdem leugnen die agrarischen Wucher⸗ öllner⸗Organe das Vorhandensein eines Not⸗ andes und haben nur Hohn und Spott für die Forderungen, die geeignet sind, die Notlage des Volkes zu mildern. Der Wahlrechts raub in der Republik Lübeck ist nunmehr perfekt geworden. Am Montag hat die Bürgerschaft den Vorschlägen des Senats zur Verschlechterung des Wahlrechts zugestimmt. Dadurch werden die Minder⸗ bemittelten so gut wie rechtlos gemacht. Bisher hatte jeder Bürger das aktive und passive Wahlrecht, wenn er den Nachweis lieferte, daß er in den letzten fünf Jahren ein Ein⸗ kommen von 1200 Mk. versteuert habe. Und das Bürgerrecht konnte durch Zahlung einer Gebühr von 28 Mk. erworben werden. Das neue Gesetz steht zwei Abteilungen von Wählern vor, von denen die erste Abteilung, die bis 2000 Mark versteuert, 105 Vertreter, während die zweite Abteilung, unter diesem Satze, 15 Vertreter zu wählen hat. Das Wahlberechti⸗ gungsalter wurde auf 25 Jahre erhöht. Die Verhältniswahlen, welche die Kommisston vor⸗ geschlagen hatte, wurden abgelehnt. Wenn die lübischen Spießer des Glaubens sind, da⸗ mit die„sozialdemokratische Gefahr“ beseitigt zu haben, so dürften ste durch die weitere Entwickelung überzeugt werden, daß dies eine Borniertheit war. Die sächsischen Landtagswahlen finden voraussichtlich in der zweiten Hälfte des September statt. Unsere Parteigenossen sind bereits mit einem wirkungsvollen Aufrufe, in dem gegen die sächsische Wirtschaft energisch protestiert wird, vor die Wählerschaft getreten. Der 16. internationale Berg⸗ arbeiter⸗Kongreß trat am Montag in Lüttich zusammen. Es waren etwa 100 Delegierte aus allen Ländern anwesend. Der Kongreß begann, von dem sozialistischen Ge⸗ meinderat Henault eröffnet, mit einer impo⸗ santen Kundgebung für die Erhaltung des Weltfriedens. Die Friedensunterhandlungen zwischen Rußland und Japan haben nun am Mittwoch in Portsmouth(in der Nähe von New⸗Nork) begonnen. Die beiderseitigen Bevollmächtigten trafen bereits Anfangs der Woche ein. Man hofft, daß die Verhandlungen zum Abschlusse des Friedens führen. Rußland hat wirklich alle Ursache, dazu beizutragen. Denn nicht nur dringen die Japaner auf dem Kriegsschauplatze immer weiter vor, es greift auch die revolutionäre Bewegung in Rußland selbst immer weiter um sich. Gelänge es dem russischen Volke, die zarische Tyrannei abzu⸗ schütteln, so wären die Kriegsopfer nicht um⸗ sonst gebracht! Die Satten und die Hungrigen. In einem Aufsatze über die Frage: Wie erhalten wir uns einen gesunden Magen? machte kürzlich die Kölnische Zeitung folgende Bemerkungen:„Wer nicht eine sogenannte Saison in der Großstadt mitgemacht hat, der kann kaum verstehen, warum in den Kreisen der oberen Zehntausend so häufig ein schlechter Magen anzutreffen ist. In einer solchen „Gesellschaftssalson“ stürmen so viel Schädlich⸗ keiten auf den Magen ein, werden so viel Diätfehler gemacht durch das Uebermaß der genossenen Speisen, durch das Durch⸗ einander von heiß und kalt, von scharfen und ewürzten Sachen, vor allem aber durch den ißbrauch von Schnäpsen und sonstigen alkoholischen Getränken und zuletzt noch durch den Genuß von schweren Importen (Havanna⸗Zigarren), daß man sich eigentlich nur wundern muß, warum nicht die ganze feine Gesellschaft einen schwachen Magen hat.“ — Das nationalliberale Blatt schreibt für die feine, nichtstuende Gesellschaft, die auf Kosten anderer in Ueppigkeit lebt.— Also die„feine“ Gesellschaft verdirbt sich den Magen durch 5 Genuß von Speisen aller Art, feinen Likören ꝛc., während die Arbeiter⸗ schaft zu immerwährendem ist, die Arbeiter ziehen sich zu infolge unger verurteilt 0 agenerkrankungen ungenügender Ernährung! Und während die bessere Gesellschaft in der soge⸗ nannten Saison praßt und schlemmt und Feste feiert, ist es dem Arbeiter nicht möglich, ein Stückchen Fleisch für sich und die Seinen her⸗ beizuschaffen. Er muß bei den künstlich ge⸗ steigerten, auf eine verbrecherische Höhe gebrachten Fleischpreisen auf Fleischnahrung fast vollständig verzichten oder sich bei seiner schweren Arbeit mit Pferde⸗, Hunde⸗ und— höchstens— Frei⸗ bankfleisch begnügen. So will es die heutige gottgewollte Ordnung, für welche die Junker und Junkergenossen ihre Räuberpolitik ausgeben. Wie das Geheimnis des Wahlrechts respektiert wird zeigt folgender Fall, der dadurch ein besonderes Interesse gewinnt, daß eine Behörde, die Staatsanwaltschaft, veranlaßt wurde, Stellung zu nehmen. Bei der letzten Reichstagswahl im 9. han⸗ noverschen Wahlkreise(Hameln) hatte der Wahl⸗ vorsteher Stille in Latwehren ein ihm über⸗ gebenes Wahlkouvert geöffnet, den darin enthaltenen Stimmzettel für den sozial⸗ demokratischen Kandidaten Brey herausgenommen und dem Wähler einen Stimmzettel für den Kandidaten des Bundes der Landwirte in die Hand gedrückt mit der energischen Aufforderung, diesen zu wählen. Der protestierende Wähler ging aufs neue in die„Wahlzelle“ und steckte einen anderen sozialdemokratischen Stimmzettel in das Kouvert, das der Wahl vorsteher schein⸗ bar ordnungsgemäß in die Urne legte. Einige Tage später gab ein anderes Mitglied des Wahlvorstands, Vollmeier Karstorf, dem Wähler unter allerhand beleidigenden Ausfällen zu ver⸗ stehen, daß er dessen sozialdemokratische Abstimmung erspäht habe, also das ge⸗ setzlich garantierte Wahlgeheimnis doch verletzt war. Die Sache wurde der Behörde in Hannover angezeigt. Der Staatsanwalt aber antwortete: „Ich sehe mich nicht veranlaßt, die öffent⸗ liche Klage zu erheben. In dem Ver⸗ halten des Wahlvorstehers Stille, wie es in dem Schreiben des August Möller(Name des Wählers) dar gestellt ist, ist eine strafbare Handlung nicht zu erblicken.“ Nun folgt eine lange Begründung dieser Entscheidung.— Erst vor den Wahlen von 1903 sind Bestimmungen gegeben worden, die das geheime Wahlrecht sichern sollten, weil man die Erfahrung gemacht hatte, wie wenig oft dieses heilige Grundrecht des Volkes respektiert wurde. Wie soll es aber ferner respektiert werden, wenn ein Wahlvorsteher machen kann, was er will? Deutscher Kolonialjammer. Unsere famose Kolonialpolitik zeitigt Folgen, die in ihrer Gesamtheit geradezu un⸗ heimlich sind. Den zur Unterwerfung der südwestafrikanischen Negerstämme unternom⸗ menen Feldzug, der dem deutschen Volke jetzt fast 300 bis 350 Millionen Mark kostet, glaubte man nun bald beendigt und den Aufstand unterdrückt zu sehen. Diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen. Ende voriger Woche kam die Meldung, daß der Hottentottenhäupt⸗ ling Hendrik Witboi mit starken Schaaren aus dem englischen Gebiet(wohin er stch zurückgezogen hatte) zurückgekehrt ist und sich mitten im Schutzgebiet auf seinem alten Kampf⸗ platz festgesetzt hat. Erstaunlich ist vor allem dabei, meint sogar die„Deutsche Tagesztg.“, daß die Erfolge unserer Truppen auf Hendrik keinen großen Eindruck gemacht haben können, sonst würde er nicht das britische Gebiet verlassen und sich zwischen die deutschen Truppen begeben haben.“ Sein Auftreten zwingt den General Trotha zu bedeutenden Truppenver⸗ schiebungen und das Blatt meinte, daß man uit Verstärkung des Truppenkommandos rechnen 970 1 Es wurde denn auch bereits in den Zeitungen davon gesprochen, daß 5000 Mann nach Süd⸗ westafrika abgehen sollten. Die Meldung wurde zwar von der Regierungspresse als unrichtig bezeichnet, Tatsache ist jedoch, daß am 29. Juli 280 Mann abgegangen sind und weitere 900 am 20. August eingeschifft werden sollen. Das sind in einem Monat 1200 Mann Verstärk⸗ ungen, ohne die regelmäßigen Ersatzkolonnen. Und das geschieht ohne die gesetzmäßige Zu⸗ stimmung des Reichstages! Dessen so⸗ fortige Einberufung ist unbedingt erforderlich, damit die Vertreter der arbeitenden Klasse, die die Kosten des unerhörten Kolonial⸗ abenteuers zu tragen hat, mit der Regierung und ihren Handlangern ungesäumt Abrechnung halten können! Aber auch in Deutsch⸗Ostafrika sind Unruhen ausgebrochen, deren Veranlassung „noch nicht völlig aufgeklärt“ ist, wie das Berliner Regierungsorgan sagt. In dem an der Küste gelegenen Ort Samanga sind ver⸗ schiedene Inderhäuser von den Eingeborenen verbrannt worden. Zur Unterdrückung der Unruhen braucht man natürlich wieder Soldaten und noch mehr Geld.— Die Miß⸗ stimmung über die riesigen Menschen⸗ und Geldopfer, die dem Volke für die wertlosen afrikanischen Sandwüsten zugemutet werden, ergreift immer weitere Kreise und das mit vollem Rechte. Ueber den Wert unserer Kolonien, besonders Südwestafrikas, äußerte sich ein gründlicher Kenner dieses Gebietes, der zurzeit in England weilende Baron Nicolaus von Nettelbladt, der seit einer Reihe von Jahren Leiter eines Unternehmens in Deutsch⸗ Südwestafrika ist, in einem Artikel des„Tag“, wie folgt:„Ich mache... das Geständnis .„daß nach meiner Meinung ganz Südwest⸗ afrika nicht mehr als 40 bis 50000 Menschen zu ernähren vermögen wird und daß die zwanzig Millionen Lstrl.(400 Millionen Marg), die Deutschland schon an die Unterdrückung des Aufstandes gewendet hat, so und sovielmal den Wert der ganzen Kolonie betragen.“ Also un⸗ sinnigerweise Millionen verpulvert! Es ist ja eine längst bekannte, nicht aus der Welt zu lügende Tatsache, daß unsere Kolonien das denkbar unwirtschaftlichste Unternehmen sind; sie fressen am deutschen National⸗ vermögen, statt es zu mehren. Der„Segen“ der ganzen Kolonialpolitik beschränkt sich auf den Vorteil einiger Großkaufleute, denen das Reich das Geschäftsrisiko abgenommen hat. Unsere Kolonialfanatiker werden Nettelbladts Schätzung nicht gelten lassen und übrigens die absurde Ausrede gebrauchen, daß für„die deutsche Ehre kein Opfer zu groß sei“. Das Volk allerdings hat für diese Art von„Ehre“ kein Verständnis und darf verlangen, daß man es mit weiteren Opfern verschont. Der russische Zusammenbruch. „Meuternde“ Soldaten sind in Rußland keine Seltenheit mehr. Ganze Regimenter ver⸗ weigern den Gehorsam. In Lublin teilte der General Remitsch dem 71. Infanterie⸗ Regiment mit, daß es nach der Mandschurei beordert set, er es aber nicht begleiten könne. Darauf rief man:„Schurke! Memme!“ aus den Reihen der Kompagnien. Daraufhin näherte sich der General mit vorgestrecktem Revolver der Kompagnie und schoß einen Korporal sowie einen Hauptmann nieder. Wütend stürzten sich jetzt die Soldaten auf den General und in wenigen Augenblicken blieben von ihm nur blutige Fleischfetzen übrig. Die zur Hülfe geholten Kosaken wurden mit Gewehrsalven empfangen, 130 von ihnen blieben tot. Ein ganz ähnlicher Vorfall spielte sich in Warschau ab, wo ein Litauisches Regi⸗ ment sich weigerte,„Meuterer“ zu erschießen. Pfaͤffische Bestrebungen. Von K. Wbr. (Vergl. Artikel in der vorigen Nummer.) II. Protestantische. Am 3. Mai fand in Berlin eine landes⸗ kirchliche Versammlung statt, an der Geistliche und Politiker von der Richtung des Freihr. von Manteuffel und des Hofpredigers Stöcker be⸗ 18 . * 0 n l 10 10 50 10 15 in k en 0 er 0 en U, lt in er e n ch 7 15 1 10 0, 9 l l⸗ zu 2 en l⸗ uf 8 1 die dle 5 al. 50 er⸗ lte ie⸗ rei ne. in em en er. uf fen ell en lte g g eb⸗ che 0. he⸗ e Nr. 33. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite. teiligt waren. Ein Hauptanlaß zu dieser Ver⸗ n war der Fall des Pfarrers Fischer, essen Zweifel an der Gottheit Christi den Haß der Frommen herausgefordert hat. Auf jener Versammlung, die u. a. auch den Theologie⸗ professoren selbst wegen zu freier Ansichten den Krieg erklärt hatte, wurde ein Arbeits ausschuß eingesetzt. Dieser tagte am 1. Juli und fatzte eine Resolution von etwa folgendem Inhalt: Es müsse Protest erhoben werden gegen die grundstürzende Theologie der neuesten Zeit, die den biblischen und bekenntnismäßigen Bestand der evangelischen Kirche rücksichtslos angreife. Es sei daher die wichtigste Aufgabe im Hinblick auf die Gefahren, die der Kirche drohen, alle positiv gerichteten Elemente zu sammeln. Es wird gebeten, daß alle, die noch auf dem Boden der göttlichen Autorität der heiligen Schrift und auf dem Grunde des Glaubens an die Gottheit Christi stehn, das Vertrauen auf die Zukunft der evangelischen Landeskirche nicht wegwerfen möchten. Es müßten alle Maß⸗ nahmen der kirchlichen Behörde unterstützt werden, die darauf gerichtet sind, die Funda⸗ mente der evangelischen Kirche zu erhalten und Irrlehren abzuweisen. Diese Resolution stellt offenbar den Versuch dar, die protestantische Kirche in orthodoxem Sinne neuzubegründen und zwar nach den nämlichen Prinzipien, auf die auch die katho⸗ lische Kirche sich stützt. Es scheint fast so, als ob die evangelischen Theologen sich durch das Beispiel des gerade in unsern Tagen so kühn auftretenden Ultramontanismus hätten impo⸗ nieren lassen. Das Fürwahrhalten einiger bestimmten Dogmen gilt für allein seligmachend und daraus ergibt sich von selbst, die, so weit es unsre Zeit erlaubt, strenge Intoleranz gegen anders und freier Denkende. Der Unter⸗ schied dieser protestantischen Kirche gegenüber der katholischen besteht nur noch in der geringeren Zahl der obligatorischen(pflichtgemäßen) Lehr⸗ sätze und Kultformen. Wir fürchten nur, daß diejenigen bescheidenen Gemüter, die überhaupt noch ihre Weltanschauung auf Wunderglauben und Zeremoniendienst zu gründen im Stande sind, dann doch schon lieber gleich zu der innerlich reicheren und historisch ehrwürdigeren katholischen Kirche sich hingezogen fühlen. Das, was wir bisher so oft als das eigene Prinzip der evangelischen Kirche preisen hörten, daß sie jedes einzelne Gewissen ohne Zwang und Mit⸗ telspersonen auf seinen Gott direkt verwiese ist mit jener Resolution verlassen. Im Uebrigen ist dieser Zusammenschluß der Orthodoxen nur natürlich, und man kann sich in gewissem Sinne sogar über ihn freuen. Er bewirkt möglicherweise eine reinliche Scheidung zwischen den konservativen und liberalen Theo⸗ logen und damit auch zwischen ihren enger oder weiterdenkenden Anhängern, zwischen denen, welche die Religion in bestimmten äußerlich faßbaren Erscheinungen sehn, und jenen andern mehr innerlich gerichteten Naturen, die weder ihr eigenes religiöses Empfinden, noch das ihrer Mitmenschen in so bequeme, gleichmäßige For⸗ meln der Beurteilung pressen mögen. Welche Früchte jener konservativ gerichtete, beschränkte Geist notwendigerweise zeitigen muß, dafür können wir sofort auf ein charakteristisches Beispiel hinweisen: das ist der Aufruf der Zentralkonferenz der lutherischen Vereine in Preußen gegen den Pfarrer Jatho in Köln, dessen religiöse Anschauungen als die eines modern gebildeten Mannes nicht mehr in das althergebrachte kirchliche Schema eingezwängt werden können. Wir führen ein paar Sätze aus der„Zum Zeugnis“ überschriebenen Schrift gegen ihn hier an:„Noch ist die Gemeinde aufs tiefste erregt über den Fall Fischer, da wird ihr durch einen andern Diener der Kirche ein neues, noch schwereres Aergernis gegeben. Der Pfarrer Jatho in Köln verkündigt in seinen Predigten eine neue, moderne Religion er identifiziert(setzt gleich) Gott und die Welt, und Gott ist ihm das unendliche Schaffen, das überall sich neu gebiert, die Einheit aller wirk⸗ enden Kräfte, das Geheimnis des Werdens 55 ob das nicht die Gedanken unsrer größten enker und Dichter wären!)... wir vermögen es nicht zu begreifen, daß ein Pfarrer das Amt in einer Kirche, deren Glauben und Be⸗ kenntnis er aufs Entschiedenste bekämpft, noch länger verwalten kann“. Er solle sein Amt freiwillig niederlegen, sonst müsse die„gläubige“ Gemeinde in Köln das von ihm fordern, oder müsse von der vorgesetzten Kirchenbehörde Ab⸗ hilfe dieses„furchtbaren Notstandes“ erbitten. Jathos Predigten seien stenographisch aufge⸗ zeichnet und so habe man alle Handhaben zur Anstrengung eines Lehrprozesses.„Es ist wahr⸗ lich hohe Zeit, daß der unheilvolle Grund⸗ satz von der Gleichberechtigung aller theologischen Richtungen endlich aufgegeben und vor der Oeffentlichkeit klar gestellt werde, daß es in unsrer Landeskirche nicht rechtens ist, Irrlehren zu predigen, welche die Fundamente unsres Glaubens freventlich antasten, denn die gläubige Gemeinde kann und will es nicht länger er⸗ tragen, daß die Grundwahrheiten ihres Glaubens von Dienern der Kirche öffeutlich geleugnet und angegriffen werden.“ Diese gläubige Gemeinde, offenbar die Anhänger des Kollegen des Herrn Jatho, scheinen aber an Zahl nicht die Ueber⸗ legenen zu sein, ebenso wie ihr Hülferuf an die Behörde nicht gerade ihre geistige Ueber⸗ legenheit beweist, denn aus der Gemeinde Jathos erging folgendes Schreiben an die Frankfurter Zeitung: „Zu Ihrer Notiz über den evangelischen Pastor Jatho wäre noch nachzutragen, daß die Predigten des⸗ selben so besucht waren, wie bei keinem andern der hiesigen Geistlichen. Lange vor Beginn des Gottes⸗ dienstes strömte das Volk aus allen Stadtteilen herbei, um Jatho zu hören und ein Plätzchen in der Kirche zu erhaschen, die, wenn der letzte Glockenschlag verklungen, meistens schon überfüllt war, sodaß Nachzügler entweder umkehren oder stehenden Fußes den Worten Jathos lauschen mußten. Was er dann seinen Zuhörern bot, war nichts Angelerntes, nicht Salbaderei über Wahr⸗ scheinlichkeit in kirchlich⸗orthodoxem Sinne, sondern es sprudelte von Beispielen aus dem Leben.(Ein Bild, das den Geschichtskenner so recht lebhaft an die im Mittelalter verketzerten, von den protestantischen Theologen als Vorläufer der Reformation so viel gepriesenen Mystiker, Eckhart und Tauler, erinnert. Auch Luthers bekanntes Wort kommt einem wohl in Sinn, wie er „der Mutter im Haus, den Kindern auf der Gasse, dem gemeinen Mann auf dem Markt auf das Maul gesehen“ habe, um ihnen verständlich Deutsch zu sprechen.) Da war nichts zu finden von dem Fluche, der die Leute treffen solle, welche in dem Rahmen der Kirche als un⸗ gläubig gelten, nein, er zog auch diese Leute an sich heran, er wußte ihnen die Religion nahe zu bringen in seiner Weise. Die evangelische Kirche versetzt sich selber einen Schlag, wenn sie einen solchen Mann mundtot macht. Zu den ledernen Predigten so mancher Geist⸗ lichen gehen meist nur die Gewohnheitskirchengänger. Wenn dem Volke aber der Glaube erhalten werden soll, dann muß ihm derselbe auch sozusagen mundgerecht gemacht werden, und das hat Jatho verstanden. Er verketzerte auch keinen Schiller, keinen Goethe, er sah in ihnen Werkzeuge Gottes und schilderte ihre Vorzüge. Er war ein warmer Anhänger der Kunst. Sollte nicht auch der Neid über seine Erfolge bei den Angriffen mit⸗ spielen? Unsere Geistlichen sind alle Menschen, das wird mancher erst dann recht gewahr, wenn sie in der Tat beweisen sollen, daß sie die Liebe Gottes, die sie dem Volke predigen, besitzen und von derselben austeilen sollen. Meistens haben sie dann nichts zu geben, weil sie selber davon nichts besitzen. Wenn sie selber aber dem Volke in ihrer Person nichts zu bieten vermögen, weil sie weder kalt noch warm sind, dann sollten sie einen Jatho, der wirklich Positives schafft, ruhig seine Bahnen ziehen lassen.“ Ist nun etwa ein solcher Mann kein Christ mehr? Meinen denn unsre Kirchenfürsten, das Wesen der Religion noch besser bestimmen zu müssen, als ihr Heilaud selbst, der doch be⸗ kanntlich das Gesetz und alle Propheten in die zwei Gebote zusammenfaßte: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten als dich selbst? Wem fielen angesichts dieses Kampfes zwi⸗ schen modern fortschrittlicher und beschränkt rückständiger Religion nicht Schillers Worte ein von den Brotgelehrten: 5 „Jede Erweiterung seiner Brotwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zu ⸗ sendet oder die vergangene unnütz macht; jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn ste zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu ver⸗ lieren. Wer hat über Reformatoren mehr ge⸗ schrieben als der Haufe der Brotgelehrten? Wer aber hält dann den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, als eben diese? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es set, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das ste verteidigen, zugleich für ihr ganzes Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehllfe, kein bereit⸗ willigerer Ketzermacher als der Brotgelehrte“. —— Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Schulgeld nach dem Einkommen. Von verschiedenen Seiten wurde schon der Vorschlag gemacht, das Schulgeld nach der Leistungsfähigkeit festzusetzen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine Bemessung nach dem Einkommen gegen die bisherigen Zustände eine Besserung bedeutet. Die sozialdemo⸗ kratische Forderung geht bekanntlich auf Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel. In Mügeln bei Leipzig ist für das laufende Schuljahr ein Schulgeldregulativ geschaffen worden, das die Zahlungspflicht nach der Leistungsfähigkeit festsetzt. Es sind zu zahlen bei einem Jahreseinkommen bis 700 M. für ein Kind wöch. 5 Pf. ii r i 10 17 1101 1. 1600 1„* 1 15„ 17 1601„„ 2200 4„„„ 20„ „ 2201 1„ 3000„„ 8 1 25 1 „ 3001„ und höher„„ 5 30„ Wenn aus einer Familie nur ein Kind die Schule besucht, so wird das Schulgeld für dieses Kind nach der nächsthöheren Stufe be⸗ rechnet. Wenn aber drei Geschwister aus einer Familie zu gleicher Zeit die Schule besuchen, so ist das Schulgeld nach der nächstniedrigen Stufe zu berechnen. Besuchen mehr als drei Geschwister die Schule zu gleicher Zeit, so wird das Schulgeld für jedes dieser Kinder um zwei Stufen ermäßigt, bezw. werden eins oder mehrere dieser Kinder vom Schulgelde ganz befreit. Kinder aus anderen Schulbezirken, welche die mittlere Volksschule zu Mügeln be⸗ suchen, haben an Schulgeld wöchentlich 60 Pf. zu entrichten. Die Verschmelzung der Arbeiter- versicherungsgesetze wird schon längst von allen mit dieser Materie Vertrauten gefordert. Kürzlich faßte die Generalversammlung des Verbandes der Ortskrankenkassen in Elsaß⸗ Lothringen in Straßburg eine Resolution, die sich für die Verschmelzung von Kranken-, Unfall- und Inbalidenversicherung ausspricht. Gleich⸗ zeitig wird aber betont, daß das Selbstver⸗ waltungsrecht der Verstcherten nicht ange⸗ tastet werden dürfe. Lohnkämpfe. 500 Handschuhmacher sind in Halberstadt in den Ausstand getreten. Die Fabrikanten lehnten sowohl die Verhand⸗ lungen mit den Arbeitern als die Vermittelung der beiden Bürgermeister wegen Verhandlungen über den Lohntarif strikte ab. Da ungewöhnlich viel Arbeitsaufträge vorhanden sind, werden sich die Protzen schon noch zu Verhandlungen herbeilassen müssen.— Mit einer Aussperrung sämtlicher Metallarbeiter hatten die Unternehmer in Breslau gedroht. Sie unter⸗ blieb jedoch; es kam zwischen der Maschinen⸗ bauanstalt in Breslau und den Drehern eine Einigung zustande. Von Nah und Fern. Hessisches. — Vorbereitung zu den Landtags⸗ wahlen. Das Ministerium hat die Krets⸗ ämter beauftragt, mit den Vorarbeiten für die demnächst stattfindenden Landtagswahlen zu beginnen. Auch daraus geht hervor, daß die Regierung nicht mehr mit dem Zustandekommen der Wahlreform rechnet, also die Wahlen wie bisher nach dem berühmten indirekten Wahl⸗ verfahren stattfinden. — Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. — Lieferung der Lernmittel für alle Volksschüler durch die Stadt hatten unsere Parteigenossen in der Mainzer Stadtvertretung beantragt. Der Schulvorstand hat diesen An⸗ trag aber abgelehnt. Für einen wirklichen Fortschritt 15 dem Gebiete des Unterrichts⸗ wesens sind eben die bürgerlichen und in diesem Falle liberalen Herren nicht zu haben. Die Zustimmung zu dem sozialdemokratischen An⸗ trage hätte ihnen hier um so leichter fallen müssen, als jetzt schon in den Mainzer Schulen über 60 Prozent sämtlicher Volksschüler freie Lernmittel erhalten. — Eine Bündler⸗ und Antise⸗ miten⸗Para den veranstalteten die Hirschel⸗ Leute am Sonntag in Altenburg bei Alsfeld. Es traten ein knappes Dutzend Redner auf; man hatte sich sogar den dicken Oertel aus Berlin verschrieben. Außer einem tüchtigen Regen mußten die erschienenen Bauern auch noch den Phrasenbrei der agrarischen Agitatoren, die bekanntlich sämtlich keine Bauern sind, über sich ergehen lassen. Wenn der Bericht des „Gieß. Anz.“ richtig ist, so muß besonders Oertel an widerlicher Phrasendrescherei Un⸗ heimliches geleistet haben.„Deutsche Kraft, deutsche Art, deutscher Acker, deutsch⸗deutsch⸗ deutsch-deutsch“ geht's da in einem fort, als obs keine andern Menschen mehr gäbe! Noch tolleres Zeug gaben andere Redner zum Besten. Hirschel bezeichnete die Großstadt als den Komposthaufen, auf dem aller Unrat der Welt sich aufhäufe! Nach Köhler verkörpern der Bauernstand und der„echte deutsche Ur⸗ adel“ das deutsche Volk. Also die Millionen Arbeiter, Handwerker und andere ehrliche und tüchtige Menschen zählen bei Köhler nicht mit. Vollwertige Deutsche sind nur die Handvoll Nachkommen der Wegelagerer und Strauchritter. O Anttisemitismus, o Köhlerianissimus!— Nun, auf die Dauer werden sich auch die oberhessischen Bauern von diesen Brüdern nicht nasführen lasseu! Gießener Angelegenheiten. — Das Fest der Freien Turner⸗ schaft am Sonntag hatte einen recht guten Besuch aufzuweisen und nahm den besten Ver⸗ lauf. Glücklicherweise hielt sich auch das Wetter, obwohl es nicht weit von Gießen, in der Gegend von Alsfeld sowie im Mainthale sehr stark regnete. Die turnerischen Leistungen unserer Arbeiterturner fanden wohlverdiente An⸗ erkenuung und vielen Beifall. Erfreulicher⸗ weise war auch für Kinderspiele gut gesorgt; auf dem großen Platze tummelten sich 19 2 die Kleinen recht lustig und freuten sich über die kleinen Geschenke, die ihnen als Gewinne überreicht wurden. Das Arrangement von Kinderspielen sollten die Turner immer für ihre spezielle Aufgabe ansehen! Unangenehm ist nur das immerwährende Karussellgetrudel, das nach unserer Meinung entschieden nicht auf ein solches Fest gehört. Außerdem trägt die Anwesenheit eines solchen Belustigungsmittels zur Erhöhung der Ausgaben für Familienväter bei, denn die Kinder wollen natürlich fahren, wenn sie ein Karussell sehen und quälen die Eltern so lange, bis diese die Pfennige heraus⸗ rücken, die sehr oft besser angewendet werden könnten. — Auf die Generalversammlung des Wahlvereins diesen Samstag sei nochmals aufmerksam gemacht. Es ist not⸗ wendig, daß die Mitglieder recht zahlreich erscheinen. — Bubenstreiche„besserer“ Leute finden in der Regel eine viel mildere Beurtei⸗ lung als etwa, wenn ein gewöhnlicher Mensch etwas ausgefressen hat. Vor einiger Zeit wurde im Anzeiger berichtet, daß mehrfach bedeutende Sachbeschädigungen an Gebäuden ꝛc. verübt worden seien und daß es sehr wünschens⸗ wert sei, daß diese Rohlinge erwischt würden. Auch der Direktor des Gymnastums, Dr. Schädel, beschwerte sich, daß das Geländer am Gymnastum nachts ruiniert worden war, Schutzleute stellten sich auf Posten und erwischten die Sünder. Es war ein Student, namens Frech und ein Kaufmann Gregori. Jetzt wurde aber merk⸗ würdigerweise kein Strafantrag von der Ver⸗ waltung des Gymnastums gestellt, so daß die Herrchen glücklich wegkommen! Der Student ist schon einmal wegen ähnlichem Unfug vor⸗ bestraft, damals hatte er Stämme quer über die Licherstraße gelegt, wodurch ein großes Unglück hätte herbeigeführt werden können! — Ein schreckliches Unglück traf am Montag die Frau des in der Walltorstraße wohnenden Sergeanten Po st. Sie soll damit beschäftigt gewesen seln, ihre Petroleumlampe aufzufüllen und mit der Petroleumkanne dem heißen Herd zu nahe gekommen sein, so daß der Behälter explodierte und die Kleider der Frau in Flammen setzte. Lichterloh brennend lief sie auf die Straße, wo Passanten die Flammen löschten. Mit schrecklichen Brandwunden bedeckt wurde sie in die Klinik gebracht, wo sie— sie befand sich in hochschwangerem Zustande— einem Kinde das Leben gab. Ihr Befinden soll verhältnismäßig gut sein. Nur immer vorsichtig mit Petroleum umgehen! Auch in Hanau verbrannte am Samstag eine Frau total, die ihrer üblen Gewohnheit gemäß Petroleum in's Herdfeuer goß. — Vor einer gefährlichen Spielerei warnt das Gießener Polizeiamt. Schuljungen machten öfters Experimente mit ungelöschtem Kalk, den sie in eine Flasche füllten, Wasser zuschütteten und so eine Exploston herbeiführten. In einem Falle wurde ein Junge durch einen fortgeschleuderten Glassplitter bedeutend im Gesicht und am Halse verletzt. Das Polizeiamt fordert daher Eltern und Erzieher auf, die ihnen anvertrauten Kinder vor solchem gefähr- lichen Spiel eindringlichst zu warnen. — Einen Simplizissimus⸗Ahend, bestehend in Rezitationen humoristischer Dich⸗ tungen von den Schauspielern Willi Hagen und Hans Nauendorf nebst Konzert, veranstaltet das Gewerkschaftskartell auf Samstag, den 26. August im Café Leib. Das nähere Pro⸗ gramm wird noch bekannt gegeben. — Vom Hudde. Wie berichtet wird, hätte der Großherzog gegenüber dem zum Tode verurteilten Hudde bon seinem Begnadigungs⸗ rechte keinen Gebrauch gemacht. So wird fte bald die Exekution des Mörders statt⸗ nden. Aus dem Rreise gießen. d. Eisenbahnfragen in Wieseck. Seit einiger Zeit wird in den beiden Industrie⸗ orten Alten⸗Buseck und Wieseck das Bahnbau⸗ projekt ventiltert, das s. Zt. von Herrn Prof. Sommer entworfen wurde. Es sieht bekanntlich die Verlegung der Linie Gießen⸗Fulda vor, die von Großen⸗Buseck aus über Wieseck geführt und nördlich des Gießener Bahnhofs(in der sogenannten Schwarzlach) in die Main⸗Weser⸗ bahn einmünden soll. Für das Projekt, dessen Ausführung für unsere Gemeinde zweifellos von Vorteil wäre, besteht innerhalb der Einwohner⸗ schaft viel Sympathie und es sollte seine Ver⸗ wirklichung von der gesamten Bürgerschaft energisch betrieben werden. Und das kann am besten in Verbindung mit der in Alten⸗ Buseck bereits bestehenden Kommisston geschehen. Für Fragen von solcher Wichtigkeit muß die gesamte Einwohnerschaft interessiert werden, es genügt nicht, daß ein paar Leute vom sogenannten Bürgerverein die Sache betreiben wollten, aber weiter noch nicht damit gekommen sind. l. In Heuchelheim veranstaltet diesen Sonntag, den 18. August die Turnabteilung des Wahi⸗ vereins ein Schauturnen verbunden mit Preis⸗ schießen bei Wirt H. Volkmann. Die Gesangsab⸗ teilung wird die Veranstaltung durch Liedervorträge ver⸗ schönern helfen. Das Schauturnen beginnt um 3 Uhr, Eintritt ist frei. Die Parteifreunde und Turngenossen in Gießen werden dazu freundlichst eingeladen, zahlreiches Erscheinen der Heuchelheimer wird als selbstverständlich erwartet. Aus dem Nreise Jriedherg⸗Püdingen. — In Friedberg sprach am Sonntag vor acht Tagen Genosse Dr. Michels⸗Marburg in einer recht gut besuchten Versammlung über Regierungs⸗ und Arbeiterpolittk. Redner streifte die letzten Vorgänge auf dem Gebiete der äußeren und inneren Politit und übte eine scharfe Kritik an dem Verhalten der Regierung. Demgegenüber betonte er, daß eine Arbeiterpolitik denn doch ganz anders aussehen mülsse, als die, welche die Regierung betreibt. Ein Nattonalsozialer, namens Blumen⸗ thal meinte in der Diskussion, die Nationalsozlalen und Sozialdemokraten hätten manche Berührungspunkte, die führte demgegenüber an verschiedenen Beispielen den Nachweis, daß es mit den angeblichen Berührungspunkten „doch eigentümlich aussteht. Sie gleichen sich nämlich wie Feuer und Wasser. Uebrigens hätten die National⸗ sozialen bei allen Wahlen zwischen einem Sozialdemo⸗ kraten und einem Bürgerlichen stets gegen den Arbeiter⸗ vertreter gestimmt. Die Arbeiter müßten es entschieden von sich weisen, in irgend einer Weise mit den National⸗ sozialen gemeinsame Sache machen zu können. Die Versammlung bekam dadurch noch einen kleinen inter⸗ nationalen Charakter, als Genosse Ankersmit von Amsterdam, Redakteur des holländischen Zentralorgans der Partei, zum Schluß noch einige Worte an die Ver⸗ sammlung richtete. — Der Beleidigungsprozeß gegen drei Einwohner von Rödgen und den Re⸗ dakteur der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung, der schon zweimal vor dem Nauheimer Schöffen⸗ gericht verhandelt wurde, wird nun nochmals die Gießener Strafkammer beschäftigen. Der Staatsanwalt hat gegen das schöffengericht⸗ liche Urteil Berufung eingelegt, über die nächsten Freitag verhandelt wird. Aus dem RNreise Wetzlar. h. Eine allgemeine Gewerkschafts⸗ versammlung findet diesen Sonntag, nach⸗ mittags 3½ Uhr, im Saale des„Schützen⸗ garten“ statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Die gewerkschaftlichen Kämpfe der e 2. Die Berggesetznovelle. Stadtverordneter Maurer Hüttmann⸗Frank⸗ furt und Verbandskassierer Wiß man n⸗Bochum werden darüber sprechen. Pflicht jedes Arbeiters ist es in dieser Versammlung pünktlich zu er⸗ scheinen. Herr Bergverwalter Stähler, dessen in Dillenburg ausgesprochene Verdächtigungen wir an anderer Stelle erwähnen, mit samt seinem Verein„Berggeist“, ist zu der Versamm⸗ lung durch eingeschriebenen Brief eingeladen. * Zur Lage der Bergarbeiter im Lahn⸗Dill⸗ Bezirk. In den letzten Tagen haben im Wetzlarer Kreise mehrere Bergarbeiter⸗Versammlungen stattgefunden, in denen die Arbeits verhältnisse und die Lage der hiesigen Bergarbeiter einer Erörterung unter⸗ zogen wurde. Ueber die Verhältnisse selbst haben wir in voriger Nummer einiges gebracht, wo⸗ mit jedoch die Klagen der geplagten Arbeiter noch keineswegs erschöpft sind. Trotzdem bemüht sich das Bergunternehmertum und seine Wortführer, die traurigen Verhältnisse zu beschönigen und die Klagen abzuschwächen. In dieser Richtung quält sich ein ungenannter Schreiber eines langen Artikels im„Wetzl. Anz.“ ab. Vier Spalten stellt das Amtsblatt für die Kapitalisten zur Verfügung! Für Arbeiterinteressen würde es wohl noch keine 20 Zeilen übrig haben. Selbstverständlich geht's nicht ohne Verdächttgung ab: jener Artikel- . behauptet, der aufreizende Ton, den ie Redner in den Versammlungen anschlügen, beweist, daß es sich um sozialdemokratische Bestrebungen handele. Sobald irgendwo Ar⸗ beiter bessere Arbeitsbedingungen fordern, sind sie sofort Sozialdemokraten! Freilich, die Leute, die nicht in die Grube zu steigen brauchen, aber doch jedes Jahr ihre vierteljährige Badereise machen und dabei noch reicher werden, sind nationalliberal⸗zufrieden! Mit einer Lohn⸗ statistik weist der Artikelschreiber nach, daß die Bergarbeiterlöhne seit 10 Jahren um 30 Prozent 1 9 seien, von Mk. 1.82 auf Mk, 2.38. a also, was wollen die Proleten noch? Wäre der Schichtlohn von einer Mark auf z wei Mark gestiegen, so betrüge die Steigerung sogar 100 Prozent! Kurz, nach dem Artikel verdient der Bergmann fürchterlich viel Geld, während der arme Kapitalist stets Verluste hat. Merk⸗ würdigerweise wird dabei das Unternehmertum immer reicher und der Bergmann muß darben! Besonders iuteressant muß es gewesen sein, als Herr Bergverwalter Stähler— man nennt ihn im Volksmunde„Elektrischer Funke“— am Sonntag in Dillenburg über die Bergarbeiter⸗ bewegung und ⸗Verhältnisse sprach. Dorthin hatte er mit seinem Verein„Berggeist“, wie im Anzeiger berichtet wird, einen Ausflug unternommen und bei festlichem Gelage im Hotel Neuhof schimpfte er über die Urheber der Versammlungen, die nur den Bergleuten ihre Groschen abnehmen sie verpflichteten, bei Wahlen zusammenzugehen. Michels g. — Achs i den. unkten wü ional⸗ demo; eiter. hieden sonal⸗ Dee inter. t bon gans e Ver⸗ hegen Re⸗ kung, öffen⸗ mals Der icht chsten afts⸗ nach ützen⸗ tet: eder elle. rank⸗ ochum iter u er⸗ dessen ungen sumt amm⸗ den. itet letzten ehrere en, in e der unter⸗ haben „ wo⸗ beiter dem und ltnise öächen, aunter Vetz. teblat — — Nr. 33. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. wollten. Hoffentlich kommt er am Sonntag in den Schützengarten und wiederholt seine gemeine Verlcumdung. Die Groschen der Berg⸗ leute nehmen andere Leute, die dann große Feste feiern!— Die Bergarbeiter⸗Versamm⸗ lungen waren überall gut besucht und es sind für den Verband zahlresche Mitglieder gewonnen worden. In Burgsolms trat dem Referenten Wißmann der konservative Ortsvorsteher Diehl entgegen, der ausführte, daß die Bergarbeiter all' das, was der Referat ausgeführt habe, wie Waschgelegenheit, höhere Löhne usw., nicht brauchten, da ja hier so gesunde Luft und jeder Bergmann auch Bauer sei, also nicht so viel zu verdienen brauche, wie der Bergmann im Ruhr- gebier. Wißmann erwiderte ihm, daß von ge- sunder Luft allein niemand leben kann und daß Herr Diehl ein Beefsteak und eine Flasche Wein seinem Körperumfang nach jedenfalls auch einem Kubikmeter reiner Luft vorziehe. Um sich für seine Abfuhr zu rächen, trieb Diehl am andren Tage in Oberndorf das Versammlungslokal ab! Herr Diehl ist zufrieden, er bekommt für jede Stierbestchtigung 10,50 Mk., die in ein paar Stunden verdient sind.— Aus alle dem ersteht man, wie notwendig es für die Berg⸗ leute ist, sich zusammenzuschließen! h. Der Typhus ist nun auch in Wetzlar auf⸗ getreten. Es sind etwa 10 Personen, meistens jugend⸗ liche, erkrankt. Man nimmt an, daß die Krankheit aus Erda eingeschleppt wurde. Es wurde eine polizeiliche Kontrolle der Metzgerläden vorgenommen, die eine Reihe Unsauberkeiten zu tage förderte. Bei den Herren Wein⸗ rich, Jöckel und Moser wurden beträchtliche Mengen Fleischwaren beschlagnahmt, die wohl sonst ver⸗ wurstelt worden wären. Kein Wunder, wenn die Leute erkranken! Wenn Metzgern und Bäckern schärfer auf die Finger gesehen wird, so ist das im Interesse der Volksgesundheit notwendig. — Ein begehrenswerter Posten scheint der elnes Bürgerweisters zu sein. Für die in Weilburg kürzlich freigewordene Stelle eines solchen meldeten sich nicht weniger als 130 Bewerber. Darunter befanden sich 46 Bürgermeister, 10 Offiziere und ein Geistlicher, dem jedenfalls die Arbeit im Weinberge des Herrn zu sauer geworden ist. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. * Seht die Wählerlisten nach! Der Magi⸗ strat macht bekannt, daß die Liste der Stimmberechtigten für die Stadtverordnetenwahlen im Sekretariats⸗ zimmer des Rathauses vom 15.— 30. August während der Dienststunden zu jedermanns Einsicht offen liegt, und daß gemäß 8 22 der Städteordnung jeder Stimm⸗ berechtigte innerhalb der Offenlegungsfrist gegen die Richligkeit der Liste Einspruch bei dem Magistrat erheben kann.— Wir ersuchen unsere Genossen, sich unverzüglich zu überzeugen, ob ihr Name in der Liste eingetragen ist. Wer verhindert ist, dies selbst zu tun, soll sich baldiyst an die bekannten Genossen wenden, die das Weitere besorgen werden. O Unsere Stadtverordneten beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung vom vergangenen Freitag zunächst mit der Anlage eines Spielplatzes in dem früher Heppe'schen Garten am Götzenhain— aber nicht etwa mit der Anlage eines Volksspielplatzes, wie ein Stadt⸗ vererdneter es wünschte, nein, die Kinder des Volkes mögen auf den staubigen oder gepflasterten Straßen spielen, sondern mit der Anlage eines mustergiltigen S, lelplatzes, der den verwöhntesten Ansprüchen der von auswärts kommenden jungen Leute genügen soll. Ein Unternehmer soll die Sache arrangieren.— Die An⸗ stellung eines Schularztes wurde ebenfalls in dieser Sitzung beschlossen. Damit ist endlich eine Forderung für unsere Stadt erfüllt, die von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und von hervorragenden Hygienikern und Pädagogen(auch hier in Marburg) schon längst auf⸗ gestellt worden ist. Kein Stadtvater hat aber diese Forderung erhoben, erst der Regierungspräsident mußte die Gemeindevertretung darauf hinweisen, daß ein Schul⸗ arzt notwendig ist. Eine besondere Steuer wurde in der letzten Woche von einer großen Anzahl Marburger Einwohner eingezogen. Das sogenannte„Bürgergeld“ im Be⸗ trage von 5 Mk. soll innerhalb 14 Tagen bezahlt werden. Man kann sich leicht denken, daß es da viele mürrische Gesichter gibt, namentlich bei den jetzigen teuren Zeiten. Immerhin können wir uns in Marburg wenigstens in dieser Beziehung nicht beklagen gegenüber andern Städten, wo oft das 6— 10 fache bezahlt werden muß. Unsere Freunde und Genossen wollen sich nicht gegen die Be⸗ zahlung sträuben, angesichts der Stadtverordnerenwahlen, die im November stattfinden. Bekanntlich darf derjenige nicht wählen, der kein Bürgergeld bezahlt hat. Man kann es ja auch in Raten abzahlen, wenn man beim Magistrat darum nachgesucht hat. O Wahre Hungersnotpreise scheinen sich in diesem Jahre zu entwickeln. Die Fleischpreise haben schon seit einiger Zelt eine noch nicht dagewesene Höhe, eine weitere Steigerung steht für die nächste Zeit bevor, sowohl die ländlichen Produkte wie Kolonialwaren steigen ständig im Preise, die Kohlenpreise werden in diesem LZinter ihren bisherigen höchsten Stand übertreffen, der Unterschied zwischen einer wirklichen Hungersnot ist nur noch der, daß alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, denn die Ernte ist in allen Teilen gut ausgefallen, nur die Preise sind für den Proletarler unerschwinglich. Trotz der enormen Teuerung haben wir aber bisher noch nicht gehört, daß Unternehmer ihren Arbeiter frei⸗ willig Zulagen gewährt hätten; auch unsere hochkonser⸗ vativen Arbeitgeber, die sich für die Zollerhöhungen so lebhaft interessterten, haben in dieser Hinsicht noch nichts verlauten lassen. Die Arbeiter werden also den Schmacht⸗ riemen immer enger schnallen müssen. Und dabei sind die neuen Zölle noch nicht in Kraft getreten! X Konsumverein. In der letzten Generalver⸗ sammlung erstattete Geschäftsführer Fischer den Ge⸗ schäftsbericht, aus dem hervorgeht, daß der Verein sich welter in erfreulicher Weise entwickelt hat. Der Umsatz hat sich gehoben, auch die Bäckerei entwlckelt sich gut. Leider geht nur die Zahlung der Geschäftsanteile lang⸗ sam. Ueber die Ausgabe von Hausanteilscheinen ent⸗ spann sich eine längere Debatte. Der Antrag des Vor⸗ standes, solche in der Höhe von je 10 Mk. auszugeben, fand einstimmige Annahme. Man war allgemein der Ansicht, daß die Erwerbung eines eigenen Grundstücks nur von Nutzen für den Verein sei, da sich alle bis jetzt innegehabten Räume als nicht ausreichend erwiesen. Es können bis zu 10 Anteilscheine entnommen werden und die Mitglieder werden ersucht, sich hierbei recht rege zu betelligen. Hierauf wurden die Wahlen vorgenommen. Danach gehören zum Vorstand: Fr. Fischer, G. Rohs und R. Rösler. Zum Aufsichtsrat: J. Scheld. A. Knopf, P. Pirnert, H. Schäfer, Frau Michels, J. Madersbach und R. Schmidt. Geschäftsführer blieb Fr. Fischer.— Frau Michels hielt hierauf einen Vortrag über die holländischen Konsumgenossenschaften, über den unten weiter berichtet wird. f. a. Im Konsumverein hielt Genossin Gisela Michels am Montag vor acht Tagen einen Vortrag über die holländische konsumgenossenschaftliche Be⸗ wegung. Sie teilte mit, daß der„Niederländische Cooperative Bund“, der den Lesern der„Konsumgenossen⸗ schaftlichen Rundschau“ als die einzige cooperative Be⸗ wegung Hollands erscheinen muß, fast nur aus Produktiv⸗ Genossenschaften und aus Beamten⸗, Offizieren⸗ usw. Vereinen zusammengesetzt ist und sich hauptsächlich auf den Kolonialwarenverkauf beschränkt. Wie sehr das bürgerliche Element in ihm weitaus überwiegt, zeigt z. B. der Umstand, daß der Haager Verein„Eigen Hulp“ nicht weniger als 130 verschiedene Wein⸗ und Likör⸗Sorten vertreibt. Daneben stehen die Arbeiter⸗ konsumvereine, welche von der alten sozialistischen Ar⸗ beiterbewegung in den achtziger Jahren gegründet sind, welche dann aber, als im Jahre 1888 der„Sozialisten⸗ bund“ auf Grund persönlicher Zerwürfnisse, die Konsum⸗ vereinsbewegung in Acht und Bann tat, sich als neutrale, jedoch fast nur aus Arbeitern bestehende Vereine ge⸗ stalteten. Deren größte ist die Haager„Volherding“ (d. h.„Ausdauer“), die jetzt eine Bäckerei, ein Kolonial- warengeschäft, eine Metzgerei, ein Schuhladen und eine Krankenkasse nebst Apotheken betreibt. Sie ist speziell in der Fürsorge für ihre Angestellten mustergiltig und ihre Bäckerei ist wohl das schönste und hygienischste dieser Art, was Referentin in unterschiedenen Ländern gesehen hat. Leider aber gibt dieser große Verein mit seinen gut 7000 Mitgliedern und seinem Reingewinn von über 150000 Gulden nur den winzigen Betrag von 1000 Gulden für gemeinnützige Zwecke und läßt sie sich auch der Brotverbilligung und anderen ökonomischen Zwecken fast nicht gelegen liegen.— Die junge sozialdemokratische Arbeiterpartei betreibt demgegenüber seit 1898 eine rege Agitation für die Gründung von Arbeiterkonsumgenossen⸗ schaften auf Grundlage der modernen Arbeiterbewegung und hat auch tatsächlich schon in vielen Städten der⸗ artige Vereine gegründet. Sie hat eine Kommission eingestellt, welche junge Genossenschaften mit rätlicher und finanzieller Hülfe unterstützt, vorausgesetzt, daß diese Vereine in ihrem Statut ein Minimum⸗Anteill ihres Reingewinns(15, 20, 25 Prozent) für die genossen⸗ schaftliche und politische Arbeiterbewegung absondert. So gibt der Amsterdamer Konsumverein„De Dageraad“ (d. h.„Das Morgenrot“) 15 Prozent ihres Gewinns für diesen Zweck, und davon wieder drei Viertel für die Genossenschaftsbewegung, ein Viertel für die sozial⸗ demokratische Partei. Diese sozialdemokratischen Genossen⸗ schaften sind in stetigem Wachsen begriffen und werden immer mehr eine solide Stütze der holländischen Arbeiter⸗ bewegung.— An den beifällig aufgenommenen Vortrag knüpfte sich eine Diskussion über die Vor⸗ und Nachteile der konsumgenossenschaftlichen„Neutralität“. * Genosse Ankersmit in Amsterdam sendet uns zu dem in voriger Nummer gebrachten Bericht über seinen Marburger Vortrag„Sozialismus in Holland“ fol gende Richtigstellung:„Die Gewerkschaften sind nicht der soziallstischen Partei angeschlossen. Ihre formale Stellung zur Partei ist so wie die der deutschen Gewerkschaften. 2. Die evangelischen Pfarrer sind in Holland nicht zum eist Sozialdemokraten. Ich denke, wir zählen un⸗ gefähr 20 bis 25 sozialdemokratische Pfarrer.“ Das läßt sich immerhin hören. Und wir halten dafür, daß die se Pfarrer weit mehr im Sinne des wahren Christen⸗ tums wirken, als viele ihzer deutschen Kollegen, die es für ihre Aufgabe halten, als Schützer der heutigen „Ordnung“ und der Ausbeuterinteressen und patentierte Sozialistenvernichter aufzutreten. O In Amöneburg(kreis Kirchhain) sollte der seit einiger Zeit vom Amte suspendierte Bürgermeister Weber wegen Unterschlagungen bei der städtischen Spar⸗ kasse zur Verantwortung gezogen werden. Der früher hochpatriotische Mann zog es jedoch vor, seinem lieben Vaterlande den Rücken zu drehen. Die Sparkasse zu Amöneburg ist nun um einige Tausende Mark und wir um eine Ordnungsstütze ärmer. W. Die Bauhilfs arbeiter Marburgs fanden sich am 2. August im Lokale Hildewann zu einer sehr gut besuchten Versammlung zusammen, in welcher der Gauleiter Fischer⸗Mannheim uber:„Die wirt⸗ schaftlichen Kämpfe im Baugewerbe“ sprach. Trotz vieler Schwierigkeiten, trotz Unternehmerterrortsmus und Polizei⸗ willkür, habe sich der Bauhilfsarbeiterverband empor⸗ geschwungen. 1895 hatte er 13 000 Mitglieder, die bis heute fast auf das Fünffache angewachsen sind. Den Unternehmerterrorismus sehen wir jetzt auf die Spitze getrieben bei den Bauarbeiter⸗Aussperrungen in Rheinland⸗Westfalen sowie in München, wo auch die Polizei auf die Seite des Kapitals stand. Von jeher habe es das Unternehmertum verstanden, sich von dem aus den Arbeiterknochen herausgeschundenen Ueberschuß ein behagliches Leben zu schaffen, während der Ar⸗ beiter bei schwerer Arbeit hungern und darben müsse. Aber der Kollege sei meist selbst schuld, wenn er sich Fortsetzung siehe Seite 6. * Massenvergiftungen durch Vanille⸗ Creme werden aus König im Odenwald berichtet. Es sind im ganzen etwa 20 Per⸗ sonen erkrankt, wovon eine, die Witwe Büttner, gestorben ist. * Zwei schwere Eisenbahnun⸗ fälle ereigneten sich in der letzten Woche. Bei Spremberg stießen am Montag zwei Schnellzüge zusammen, wobei es 20 Tote und viele Verwundete gab. Ferner entgleiste am Samstag in Ingolstadt der Münchener Schnell. zug, wobei der Führer und der Heizer getötet und 16 weitere Personen verletzt wurden. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Den Vertrauensleuten und Parteigenossen zur Kenntnisnahme, daß laut Beschluß der General⸗ versammlung des Kreiswahlvereins der Sitz des Vor⸗ standes sich nunmehr in Vilbel befindet. Alle Zu⸗ schriften, die Kreisorganisation betreffend, Parteiange⸗ legenheiten, find von jetzt ab an die Unterzeichneten zu richten. Karl Armbrust, Vorsitzender, Feststraße. Heinrich Armbrust, Kassierer, Frankfurterstr. 86. Versammlungskalender. Samstag, den 12. August. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Daubringen. Arbeiterverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei E. Schäfer. T.⸗O.: 1. Bei⸗ trags⸗Regelung. 2. Kreiskonferenz. 3. Landtags⸗ wahl. Wetzlar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Sonntag. den 13. August. Heuchelheim. Turnabteilung des Arb. ⸗Bild.⸗ Ver. Nachmittags 3 Uhr Schauturnen im Garten bei Wirt H. Volkmann. Dienstag, den 15. August. Gießen. Oeffentliche Metallarbeiter⸗Versa m m⸗ lung in Lony's Bierkeller abends 7 Uhr. Mittwoch, den 16. August. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Briefkasten. K. H.⸗Rodhm. b. Hgn. Wir müssen es ab⸗ lehnen, nochmals auf die Sache zurückzukommen, weil sie nicht von allgemeinem Interesse ist. Bei ruhiger und objektiver Betrachtung müssen Sie sich übrigens selbst sagen, daß Sie auch nicht ganz richtig verfahren sind. Sie konnten die Forderung anerkennen und sich zur Zahlung bereit erklären, dann war der Konflikt ver⸗ mieden. Mit der Buchführung nehmen es viele Aerzte nicht genau und es ist daraus dem Manne weiter kein Vorwurf zu machen. —— 8 — Seite 6. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. zum Stlaven herabdrücken lasse. Wollte er seine Augen öffnen, so müßte er doch einsehen, daß nur eine kräftige Organlsation ihn aus diesem jammervollen Dasein her⸗ auszureißen vermöge. Es sei hier in Marburg auch noch traurig um die Löhne bestellt und er könne es nicht begreifen, wie es die Kollegen fertig brächten, in elner Stadt, wo die Wissenschaft so zu sagen auf der Straße spazieren gehe, für einen Tagelohn von Mark 2.50 zu schaffen. Freilich hätte man auch hier eine Masse von„Jubiläumsarbeitern“, die sich zum Inventar des Unternehmers rechneten. Gerade diese seien dem Organisationsgedanken unzugänglich. Sagte doch einer dieser ganz Zufriedenen zu seinem Unternehmer, der sich ein palastähnliches Gebäude baute, als er ihm einen Pfennig pro Stunde Zulage geben wollte:„Ach, Meister, laßt es nur, wenn man selber baut, hat man das Geld nötig.“ Bei solchen Leuten ist natürlich jedes Wort von Organisation Verschwendung. Doch sollten die Arbeiter bedenken, daß die Unternehmer hier keinen Pfennig zugesetzt haben würden, hätte die hiesige Zahl⸗ stelle nicht ihre Lohnforderungen gestellt. Und es liege in ihrer Hand, im Laufe, vielleicht noch dieses Jahres die 30 Pf. pro Stunde zu erringen. Aber nur dann, wenn sie sich der Organisation anschließen! Andernfalls würde der Lohn bei Herbstbeginn wiedre reduziert werden. Die abgeschlossenen Tarife liefen bekanntlich im Jahre 1908 ab und die Unternehmerorganisation werde bis dahin gerüstet dastehen. Darum solle jeder auf den Posten sein und wenn der Schlag von der Gegenseite geführt werden sollte, wir ihn parleren könnten. Zum Schluß ermahnte er die Ortsverwaltung, nicht zu er⸗ lahmen und ihren Kollegen treu zur Seite zu stehen. Das Motto:„Einer für Alle und Alle für Einen“ müsse stets hochgehalten werden. In der Diskussion sprachen noch zwei Redner im Sinne des Referenten, worauf der Vorsitzende, nachdem er dem Redner den Dank ausgesprochen, mit einem dreifachen Hoch auf den Erd⸗ und Bauhilfsarbeiter⸗Verband die Versammlung schlog. Wer begnadigt wird. Bauunternehmer Romulo Echtermeyer, der als Direktor der verkrachten Immoblliengesell⸗ schaft wegen einfachen Bankrotts von der Strafkammer in Kassel zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden war, ist vom Kaiser begnadigt und ihm die Strafe erlassen worden. Die übrigen Gesellschafter waren zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt. Eln Zentrums, Tugendbeld. Freiherr v. Schorlemer, vor nicht langer 555 noch Redakteur des Zentrumsblattes in raunstein in Bayern, ist auf Antrag seiner Brüder entmündigt worden. Er hat seinen Wohnsitz in Traunstein aufgegeben und ist in eine Irrenanstalt verbracht worden. Dieser Freiherr wäre ohne Zweifel, wenn ihm das Irrenhaus nicht sein gastlich Tor geöffnet hätte, dem Strafrichter wegen widernatürlicher Unzucht, begangen mit seinem Sohne, verfallen.— Dieser Schorlemer war vor Jahren Offizier bel den Großenhainer Husaren, er hatte so viel auf dem Kerbholz, daß er eines Tages verschwinden mußte. Als Zentrumsredakteur war er aber immer noch gut genug. Ungehobelter Schreinermeister. Vor dem Nürnber ger Gewerbegericht i geberdete sich kürzlich ein Schreinermeister Elsner, der vom Schreinergehilfen Bauer auf Bezahlung rückständigen Lohnes in der Höhe von M. 33,50 verklagt worden war, sehr aufgeregt, obgleich die Forderung durchaus berechtigt war. Die Rache des Meisters fand ihren schärfsten Aus- uruck in der Aeußerung:„Ich sch.... auf die Verhandlung!“ Wegen dieser Ungebühr wurde Elsner in eine sofort zu vollziehende Haftstrafe von 2 Tagen verurteilt. Dies wirkte abkühlend und er erklärte sich nun auch zur Bezahlung des Lohnes bereit. Sachalin. In neuester Zeit ist wieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf die große Insel im fernen Osten gerichtet, welche die teilweise zutreffende. Bezeichnung„Mörderinsel“ führt. Sachalin, ine russtsche Besitzung, ist der unfreiwillige Aufenthaltsort für schwere Verbrecher— u. A. befinden sich dort etwa 8000 männliche und weibliche Mörder— und außerdem für solche politische Sträflinge, die dem Barismus besonders gefährlich sind. Die übrige Bevölke⸗ rung setzt sich zusammen aus ehemaligen Ge⸗ fangenen, aus Beamten, Soldaten und Einge⸗ borenen, sowie einigen— etwa einem Dutzend— freigeborenen Russen. Am 1. Januar 1898 betrug die Zahl der Strafe verbüßenden und ehemaligen Gefangenen 22167. K Bei dem Transport nach Sachalin müssen die unglücklichen Sträflinge Tausende von Kilo⸗ meter zu Fuß zurücklegen, was natürlich mehrere Monate lang währt. Ausgehungert, totmüde und bis auf die Knochen durchfroren, kommen sie abends in einem der elenden Etap⸗ penlager an, wo sie noch zum Teil auf dem kalten, aufgeweichten und schmutzigen Fußboden nächtigen müssen.— Sind die Gefangenen auf der Insel angekommen, so erfolgt alsbald ihre Verbringung in eines der trostlosen Gefängnisse. Hier sind die Verhältnisse noch weit schlim⸗ mere als selbst in Sibirien. Mit Kranken wird z. B. gewöhnlich in der Weise verfahren, daß man sie während einiger Tage im Walde liegend ihrem Schicksal überläßt. Da genügend Räume für sie doch nicht vorhanden sind, über⸗ trägt man der„frischen Luft“ die Obliegen⸗ heiten des Arztes. Eine besonders schwere und schimpfliche Bestrafung ist das Anschmieden an Karren. Aber trotzdem diese entsetzliche Straf⸗ art sogar während der Nacht nicht aufgehoben ist, gelingt es auch unter den derart Gemaß⸗ regelten manchen, zu— entfliehen. Daß die Beamten auf Sachalin meist pflichtvergessen sind, ihre Tage mit Saufen, Spielen und noch Schlimmerem zubringen und Dienst Dienst sein lassen, begünstigt eine solche Flucht sehr, für welche dann gemeine Soldaten schwer büßen müssen. Werden daher Letztere eines Flücht⸗ lings wieder habhaft, so behandeln sie ihn mit ganz unnötiger Grausamkeit.— Da die In⸗ haftierten durchaus ungenügend beschäftigt werden, so erweckt schon die furchtbare Lange⸗ weile Fluchtgedanken in ihnen, die oft auch zur Tat werden. Die Entwichenen gelangen aber nur sehr selten weiter als in die großen Wälder, wo sie im Sommer kümmerlich von Pilzen, Beeren und Wurzeln, sowie von Betteln bei früheren Sträflingen, wohl auch Erpressungen bei Wanderern, leben, solange sie nicht den ste unerbittlich verfolgenden Soldaten und Einge⸗ borenen tot oder lebendig in die Hände fallen. Aber im Winter, bei 7 Fuß hohem Schnee und 50 Kälte, wenn die in Lumpen gehüllten Flüchtlinge nirgends mehr Eßbares auftreiben können, dann kehren sie nicht selten freiwillig in den Kerker zurück, aus dem ste geflohen waren. 5 Dort erwartet die Ankömmlinge etwas Unbeschreibliches, Gräßliches! Sie werden auf der„Koliba“— Bank— festgebunden und dann— mit der dreisträhnigen, an den Enden mit Blelkugeln ausgegossenen„Plet“ auf teuf⸗ lische Weise gezüchtigt.— Außerdem wird ihre Kerkerstrafe verlängert. Uebrigens ist es etwas Alltägliches, daß der Gefängnisvorsteher Sträflingen den nackten Körper mit in heißem Essig gelegten Ruten streichen läßt, wenn sie irgend welchen Vorschriften nicht nachgekommen sind, oder auch nur, weil er— der allmächtige Beamte— übler Laune ist. Sehr bezeich⸗ nend ist es, daß sogar schon Frauen derart geprügelt und dann in Ketten gelegt wurden, trotzdem dies verboten ist. Den Wenigsten unter den Sträflingen wird die„Gnade“ zuteil, je die Insel verlassen zu dürfen. Und da die lange Haft die Meisten zum Kampfe mit der herben Natur Sachalins unfähig macht, bemächtigt sich dieser Menschen die Verzweiflung, welche gar oft neue Ver⸗ brechen erzeugt.—— Es gibt auf Sachalin auch hie und da gutherzige Beamte. Aber sie können das fluchwürdige System nicht wirksam bekämpfen, das den Menschen geringer bewertet als ein Stück Vieh und das in den Betroffenen — abgesehen von den politischen Gefangenen — die tiefste Hoffnungslosigkeit hervorruft und den Verlust aller und jeder Moral. Dafür ist aber auch Sachalin ein Stück vom heiligen Rußland C. K. Auf dem Holzweg. Humoreske von Viktor Lenz. 115 Bürgermeister Wansterl zu Dingsdahausen war das Muster eines preußischen Kommunal⸗ beamten, das mußte ihm selbst der blasse Neid lassen. Es war eine wahre Freude, zu sehen, wie er seine dreitausendunddreißig Dingsda⸗ hausener in Raison hielt, wie er die Strenge mit der Milde paarte und die Köpfe seiner Untertanen stets so zu lenken wußte, daß ste alle nach seiner Pfeife tanzten und doch dabei ihren freien Willen zu haben glaubten. Wenn ich von„Köpfen“ der Dings dahausener spreche, so meine ich das natürlich nicht im ge⸗ wöhnlichen Sinne, denn statt des normalen, logisch denkenden Gehlrns hatten die guten Dingsdahausener in ihren runden Schädelkapseln eine Art breliger, weißlicher Masse, die vielleicht einmal dem Menschen im Urzustande ene gewesen sein mag, die aber von dem enkorgan des entwickelten Menschen unserer Tage ganz gewaltig verschieden war. Doch wie dem auch sein mochte: Bürger⸗ meister Wansterl wußte jedenfalls mit diesen Schädelköpfen ausgezeichnet fertig zu werden, und das war ja für ihn, für die Dingsdahausener und für die hochwohllöblichen Regierungsbe⸗ hörden die Hauptsache. Da gab es keine Verwaltungskonflikte, keine„beklagenswerten“ Gegensätze, keine Stadtskandale— Alles ging wie am Schnürchen, und wenn irgendwo etwas vorkam, was zu unangenehmen Weiterungen führen und auf die städtischen Zustände ein be⸗ denkliches Licht werfen konnte, wie etwa eine kleine Prügelei zwischen den Stadtverordneten, ein Defizitchen im Stadthaushalt, eine kleine Unterschlagung, ein Verhungerungsfall oder etwas Aehnliches, so wurde einfach der Mantel der christlschen Liebe darüber gedeckt und es war Alles wieder auf's Schönste und Beste geordnet im kleinen Reiche des Tyrannen von Dings⸗ dahausen. „Nur Nichts aus dem Neste vertragen,“ das war Herrn Wansterls bewährter Grundsatz, und wenn man bei Befolgung dieses Grundsatzes auch eine gute Portion Schmutz im eigenen Neste behielt, so war das doch immer noch besser, als wenn man auf Dingsdahausen mit Fingern gezeigt und gesagt hätte:„Seht doch diese Dingsdahausener! Eine solche Mißwirtschaft! Schändlich!“ Es war unter diesen Umständen selbstver⸗ ständlich gewesen, daß man Herrn Wansterl immer wieder von Neuem zum Bürgermeister des Städtchens wählte, und daß die Hochwohl⸗ löblichen Regierungsbehörden ihn immer wieder als solchen bestätigten. Sein Gehalt war, in Anerkennung seiner Verdienste, immer höher gestiegen, und in sein Knopfloch war bereits ein buntes Ordensbändchen geflogen, auf das nicht nur Herr Wansterl, sondern auch die sämt⸗ lichen dreitausendunddreißig Dingsdahausener nicht wenig stolz waren. Es war das damals nach der 5 0 Ae der Sekundärbahn von Dummen⸗ felde nach Dingsdahausen gewesen, die über das gute Städtchen Dingsdahausen eine neue Aera des Wohlstandes und Glanzes heraufführen sollte. Diese Sekundärbahn war Herrn Wan⸗ sterls ureigenste Idee gewesen. Sein armes Dingsdahausen lag so unglücklich mitten in der großen norddeutschen Ebene drin, nur durch eine einstündige Wagenfahrt von der Haupt- eisenbahnlinte erreichbar, und er hätte gar zu gern Handel und Gewerbe in seinem kleinen Königreich in Blüte gesehen und seinen Namen als den Namen eines Wohltäters und Förderers seiner Untertanen verewigt. 78 1 Na, endlich war sie ja auch da, diese hübsche, kleine Bahn, und Handel und Gewerbe fingen N 8 susen unal⸗ Neid sehen, Jada⸗ enge selner b sie dabel sener m ge⸗ alen, guten ipseln leicht mlich gan. ganz irger⸗ diesen den, ener göbe⸗ keine ten“ Ilg was ingen n be⸗ elne lten, leine oder antel ak rbnet, gs; bas und gelen seser, nern diese haft! stber⸗ 11 eistel vohl⸗ r Nr. 33. Mitteldenutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7. auch an zu blühen, gleichzeitig aber erwuchs für den Herrn Bürgermeister ein großes Heer von häßlichen neuen Sorgen, an die Herrn Wansterls Kopf, der im Grunde genommen von derselben Beschaffenheit war wie der Kopf der übrigen Dings dahausener, nur etwas dicker und schlauer, im ersten Augenblick nicht gedacht hatte. Die hübsche kleine Bahn wirkte eben wie alle diese Bahnen: sie scheuchte die Fleder⸗ mäuse und Eulen aus dem Schlafe und brachte neues Leben in die„Bude“. Es dauerte nicht lange, da kam ein kluger Kopf— natürlich kein Dings dahausener— auf den Einfall, in der Nähe der Stadt eine große Dampfziegelei einzurichten und die armen Vor⸗ stadtbewohner, die, wie die meisten Vorstadt⸗ bewohner in diesen pommerschen, posenschen und sonstigen Städtchen des Ostens, vom wahren Laufe der Welt keine Ahnung hatten und stumpfsinnig in der angeerbten Gedankenwelt dahinlebten, als billige Arbeitskräfte„nutzbar“ zu machen. Bald darauf faßten auch die Herren Grundbestitzer der Umgegend, eingefleischte Agrarier vom reinsten Wafer, den kühnen Plan, eine Zuckerfabrik auf Aktien zu gründen und dieselbe gleichfalls, schon der bequemen Bahnverbindung wegen, in die nächste Nähe von Dingsdahausen zu legen. Das gab dann natürlich dem Städtchen den bekannten„Auf⸗ schwung,“ Arbeiter strömten aus den Nachbar⸗ orten zu Hunderten nach Dingsdahausen, und Herr Wansterl als oberster Chef der Orts⸗ polizei hatte alle Hände voll zu tun, um diese „ungezügelten“ und„unruhigen“ Elemente in Ordnung zu halten. Mit dem idyllischen Leben der alten Zeit war es nun vorbei. Das alte Rezept zog nicht mehr, und ein neues war nicht so schnell zu beschaffen. Es hatten sich da sogar Leute ein⸗ gefunden, die den Herrn Bürgermeister nicht einmal auf der Straße grüßten, und Herr Wansterl hatte allen Grund, anzunehmen, daß diese Leute jener umstürzlerischen Partei ange⸗ hörten, von welcher man in dem frommen und loyalen Dingsdahausen bisher nur aus der Zeitung etwas vernommen hatte und die nun leibhaftig am Horizont des guten Städtchens aufgetaucht zu sein schien. Herr Wansterl be⸗ schwerte sich beim Direktor der Zuckerfabrik, dieser aber, ein Eingewanderter aus dem Haupt⸗ zuckerlande Böhmen, dem die innere Politik der „Praißen“ sehr gleichgültig war, und der sich überdies selbst vom schlichten Arbeiter zu einem Techniker ersten Ranges heraufgearbeitet hatte, gab dem geehrten Stadtoberhaupte die Antwort, daß ihn die Sache„nix“ angehe, und daß die Verdächtigten zu seinen besten Leuten gehörten. „Das hat man von dieser dummen Eisen⸗ bahn!“ murmelte Herr Wansterl ärgerlich in sich hinein, als er aus dem Bureau des Fabrik⸗ direktors nach dem Rathause zurückkehrte. Und er verwünschte im Grunde seiner selbstherrlichen Seele die arme Sekundärbahn, dieses einstmalige Lieblingskind seines planenden Geistes, das sich nun in so unerfreuliche Weise in sein Schmerzens⸗ kind verwandelt hatte. II. Auf dem Rathause erwartete Herrn Wan⸗ sterl eine Ueberraschung, welche durchaus nicht geeignet war, seine Laune zu verbessern. Die Post hatte ein Schreiben des Herrn Landrats gebracht, welches dem Herrn Bürgermeister die vertrauliche Mitteilung machte, daß am nächsten Sonntag dem guten Städtchen Dingsdahausen ein Besuch bevorstehe, der die ganz besondere Wachsamkeit der städtischen Behörden erfordere und für das Wohl und Wehe von Dingsda⸗ hausen von der verhängntsvollsten Bedeutung werden könne. Das Königliche Landratsamt habe nämlich in Erfahrung gebracht, daß die Sozialdemokraten der durch ihre Tuchfabriken bekannten Stadt Leuchtenburg, die bei der letzten Reichstagswahl um Haaresbreite den Reichs, tagswahlkreis Leuchtenburg⸗Grimmingen erobert hätten, seit einiger Zeit die kleinen Landstädtchen der Umgegend mit ihrer Agitation beunruhtgen, und daß sie für den nächsten Sonntag einen Einfall in Dingsdahausen planten, dessen Ar⸗ beiterschaft bei der immerhin anstrengenden Be⸗ chäftigung in der Zuckerfabrik und den„aller⸗ dings“ ziemlich mäßigen Arbeitslöhnen für die Einflüsterungen der gewissenlosen Verführer viel⸗ leicht nicht unzugänglich sein dürften. Die Ortspolizei möge daher auf der Hut sein und entweder den geplanten Ueberfall der wahr⸗ scheinlich unter irgend einer Maske sich ein⸗ schleichenden Aufwiegler zu verhindern suchen oder doch dafür sorgen, daß die verderbliche Tätigkeit derselben auf das möglich geringste Maß eingeschränkt werde. Bei alledem aber empfehle der Herr Landrat Vorsicht, damit nicht etwa die regierungsfeindliche Presse zu Angriffen auf die Behörden Gelegenheit be⸗ komme, im Uebrigen vertraue er vollkommen den erprobten Talenten des Herrn Wansterl, der ja schon weit schwierigere Aufgaben mit glücklicher Hand gelöst habe. „Das fehlt gerade noch!“ rief Herr Wan⸗ sterl in gerechtem Zorne aus, nachdem er das landrätliche Schreiben gelesen hatte. Plötzlich aber leuchtete es wie eine Art grimmiger Freude über sein feistes Antlitz, und ein genialer Gedanke schien in seinem Haupte aufzublitzen. „Wartet, Hallunken, hier seid Ihr auf dem Holzweg!“ murmelte er mit unheilverkündender Miene vor sich hin.—„Euch soll die Lust ver⸗ gehen, zum zweiten Male nach Dingsdahausen zu kommen!“ Spornstreichs nahm er Stock und Hut, steckte den Brief des Herrn Landrats in seine Brust⸗ tasche und begab sich geraden Weges nach dem Herrenstübchen der Moserschen Weinhandlung, in welchem alle schwierigen Fragen, die in dem öffentlichen Leben von Dingsdahausen auf⸗ tauchten, am vollzählig besetzten Stammtisch verhandelt und zumeist auch gelöst zu werden pflegten. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Ueber Erbschaften brachte kürzlich die „Wiener Arbeiter⸗Zeitung“ folgende Plauderei: Haben Sie schon einmal einen Proletarter ge⸗ sehen, der was geerbt bat?... Das Erben ist meistens eine Beschäftigung für bereits wohlhabende Leute. Kaiser Wilhelm hat ein paarmal hübsch geerbt, der Fürst Bülow hat unlängst auf einen Sitz an 20 Millionen geerbt, Erzherzoge beerben einander ununter⸗ brochen, aber es ist ein Verhängnis, daß fast immer nur„schwere“ Leute durch Erbschaften noch schwerer gemacht werden. Gestern stand im Inseratenteil der„Arbeiter⸗Zeitung“ die unglaubliche, aber doch wahre Kunde zu lesen, daß ein Arbeiter einmal was geerbt hat. Kein dicker Geldsack, in den noch ein Scheffel Dukaten geschüttet wird, kein Besitzgewohnter, dem ein paar Tausender mehr oder weniger ziemlich Wurst sind, sondern ein Proletarterpaar, der Metalldreher Gustav und Johanna Hörmann aus Wiener⸗Neustadt, wird in diesem Inserat behufs Behebung einer ausehnlichen Erbschaft — gesucht. Erbt ein Arbeiter was, ist er richtig„unbekannt wohin verzogen“. Erbschaften sind eben für den Proletarier etwas, was ihm höchstens von alten Weibern aus den Karten geweissagt wird. Wenn er schon wohlhabende oder kreiche Verwandte hat, so haben diese meistens für ihren ärmlichen Ursprung ein ab⸗ sichtlich schlechtes Gedächtnis. Ein netter Mensch wird heute selten reich, dazu gehört gemeiniglich eine Portion Skrupellosigkeit, wie ste gewöhnlich nur der ordinäre, willig ins kapttalistische Getriebe sich fügende Mensch aufbringt. Gerade solche Emporkömmlinge suchen aber die Spuren ihrer Herkunft ängstlich zu verwischen. Der Wohlgenährte hält sich instinktiv an seine wohl⸗ genährten Klassengenossen, deshalb erben die Bülows oft und Proletarier fast nie. Sein Glück machen, das heißt Karriere machen, reich heiraten, Verwandte beerben, das ist meist nur die Laufbahn derer von der Sonnenseite des Lebens. Wenn einmal ein Proletarier was erbt, dann ist er nicht zu finden Der inländische Tabakban weist nach den steueramtlichen Angaben in den letzten 20 Jahren einen rapiden Rückgang auf. Es betrug die Zahl der deutschen Tabakpflanzer im Jahre 1884 187582. Der Fl ächeninhalt der mit Tabak bepflanzten Grundstücke stellte sich auf 21091 Hektar mit einem Gesamtwerte von 471930 Doppelzentnern an getrockneten Tabakblättern. Im Jahre 1894 war die Zahl der Tabakpflanzer bereits auf 151261 gesunken. Der Flächeninhalt der mit Tabak bepflanzten Grundstücke stellte sich auf 17575 Hektar mit einer Gesamternte von 383 170 Doppelzentnern an getrockneten Tabakblättern. Das Jahr 1903 zeigte einen weiteren Rückgang der Zahl der Tabakpflanzer auf 105991. Die mit Tabak bestellte Bebaufläche betrug nur noch 16 552 Hektar mit einem Gesamtwerte von 330 718 Doppelzentnern an getrockneten Tabakblättern. Die Zahl der Tabakpflanzer ist also in den letzten 29 Jahren um 81591, die jährliche Gesamternte an getrockreten Tabakblättern um 141212 Doppelzentner zurückgegaagen. Dagegen ist in demselben Zeitraum der Tabak verbrauch ständig angewachsen. Er betrug in den Jahren 1881/85: 63714 Tonnen, 1891/95: 79265 Tonnen und im Jahre 1903: 91528 Tonnen. Splitter. „Es ist mir noch nie ein einziger unter⸗ gekommen, der für seine eigene Moralität besorgt gewesen wäre, jeder war es immer nur für die aller anderen. Ich dächte, Sie be⸗ ruhigten sich angesichts dieser der menschlichen Gesellschaft zur Ehre gereichenden Gegenseitigkeit, nach welcher keiner die anderen für verkappte Lumpen halten kann, oder selbst einem jeden dafür zu gelten. Ich schließe die Tür und grüße den Leser.“ L. Anzengruber. * * * Du sollst nicht, wenn du plötzlich„Vorge⸗ setzter“ geworden, nun gleich denken, der große Hund sei dein Gevatter. Du bist dadurch um kein Haar besser geworden, als deine bisherigen Mitarbeiter. Hüte dich aber, nun durch deine Herrschaft und deinen Dünkel schlechter zu werden als sie. ** * Dem Dieb sind alle Menschen Diebe; Mörder dem Mörder alle. So färbt das Gewissen, das Augenglas, wodurch die Seele liebt; wer nicht an Tugend glaubt, hat selber keine. 85 Lessing. * Die Religion der Massen. Gestützt auf die Wissenschaft ist der Sozi⸗— alis mus die Religion der Massen des arbei⸗ tenden Volkes und aller Unterdrückten. Nicht Religion im dogmatischen Sinne, aber eine Religion, die das Herz, das Gemüt, den ganzen Menschen packt, ihn für höchste Ideale begeistert: ihn keine Gefahr fürchten läßt, ihn zu jeder Aufopferung bereit macht. Liebknecht. Literarisches. Zeitgemäße Ausrede.„Wissen Sie nicht, daß Betteln hier streng verboten ist?“—„Ich sammle doch bloß Beiträge für den Zehnmillionenfonds zur Unterstützung notleidender Offiziere.“ Wahres Geschichtchen. Ein Hauptlehrer über⸗ reicht seinem vorgesetzten Inspektor das Entlassungsgesuch einer an seiner Schule angestellten älteren Lehrerin. Bei flüchtigem Einblick in das ihm vorgelegte Schreiben findet der alte Herr als Grund für das Scheiden aus dem Amte„Beabsichtigte Heirat“ angegeben. „Ich gätte nicht gedacht“, meinte er dann,„daß wir die alte Schraube auf diese Weise noch los würden! Wer ist denn darauf reingefallen?“ „Ich, Herr Inspektor!“ Vertraulich.„Der Antisemitismus— ja — ja, gewiß... aber lebensfähig wird die Bewegung erst werden, wenn sie ein tüchtiger Jud' in die Hand nimmt.“ Bemüht Parteifreunde! cn n nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! r 22 n — 1 — Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituna. Nr. 33. Kirchweihfest ain Heuchelheim! Sonntag, den 20. und Montag, den 21. August: gutbesetzte Tanzmusik ausgeführt von der Kapelle Pauli⸗Marburg. Montag von 9 Uhr ab! Konzert u. Frühschoppen Es ladet ergebenst ein in August Rinn. Sessel 5 2 J. Giessener Fahrradversand-Oeschält 2 Joh. Fr. Schaaf, este. l 3 Offeriere: volständig complete Räder von Mk. 71 an. 2 Pneumatiemäntel von Mk. 4 an. Luftschläuche von Mk. 3. an. Edgar Borrmann, Giessen. Neustadt 11 Telephon. 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. 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