0 81 . Ihr. 9++—— Gießen, den 12. November 1905. Nr. 46. 12. Jahrgang. Rieceplag I gere Mitteld eutsche 3 Aud 4 Uhr. Sonntags⸗Zeitung. Abonnementspreis: Bestellungen 1 FJuserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗irung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(B.⸗Z.⸗K. 5107) 33% und bel mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabat. Am Eure Sache handelt es sich! Dieses Wort muß die Wählerschaft des Landkreises Gießen bei der bevorstehenden Landtagswahl beherzigen. Jeder Wähler muß sich zunächst fragen, zu welcher Klasse er sich zu rechnen hat, ob zu den Besttzenden, oder zur zahlreichen Klasse der Minderbemittel- ten und darnach muß er in erster Linie seine Stimmabgabe einrichten. Für sechs lange Jahre ist die Entscheidung 125 freffen, ob der Vertreter des Kreises Gießen⸗ and im Landtage ein Angehöriger des als volks⸗ feindlich und reaktionär genugsam bekannten Bundes der Landwirte sein soll, oder der zur Arbeiterklasse gehörige Fr. Vetters, der die Lage des arbeitenden Volkes an eigenem Leibe gründlich kennen gelernt hat und der seit Jahrzehnten auf Seite der Partei des werk⸗ tätigen Volkes, der Sozialdemokratie, im poli⸗ lischen Kampfe steht. Kein Wahlberechtigter kann in diesem Falle unschlüssig sein. Wer für Lebens mittel⸗ Verteuerung, gegen Exweiterung der Volks⸗ rechte, gegen die kulturelle Weiterentwicklung unseres Staatswesens, kurz für das politische Programm des Bundes der Landwirte ist, der muß die Wahlmänner des Herrn Leun wählen. Wer für die Verbesserung der Lebens- haltung des Volkes ist, für dessen menschen⸗ würdige Existenz, für gleiches Recht und soziale Ebenbürtigkeit, für steuerliche Entlastung der minderbemittelten Bevölkerung, mit einem Worte: für Befreiung des werktätigen Volkes vom Drucke des Kapitals eintritt, der muß die soztaldemokratischen Wahl- männer wählen. In diesem Wahlkreise befinden sich noch kein zehn Wähler, die ihrer wirtschaftlichen Lage nach in dem Junkerbunde ihre Vertretung erblicken können. Im Gegenteil, soweit die Be⸗ völkerung aller in Betracht kommenden Orte nicht direkt zur Lohnarbeiterschaft gehört, setzt sie sich aus Kleinbauern und Handwerkern zu⸗ sammen, die wirtschaftlich der Arbeiterschaft zugerechnet werden müssen. Das kommt auch bei den Reichstagswahlen zum Ausdruck, wo in den Orten des Landtagswahlbezirkes sech⸗ zig Prozent aller abgegebenen Stimmen der Sozialdemokratie zufielen. Wenn der Gegner also siegt, so kann er es nur infolge des indirekten Wahlrechts. Die Ar⸗ beiterschaft muß aber alles daran setzen, die Schwierigkeiten eines ungerechten, veralteten Wahlsystems zu überwinden. Sorgt dafür, daß Eure Wünsche, Beschwerden und Forde⸗ rungen im Landesparlament zum Ausdruck ge⸗ langen; verhindert, daß in der Gesetz⸗ gebung nur Geldsacks⸗Interessen den Ausschlag geben, die Euren aber vernachlässigt werden! Um Eure Sache handelt es sich! Geht alle zur Wahl! Tretet ein für die gerechten Forde⸗ rungen der Sozialdemokratie, deren Verwirk⸗ lichung das Wohl des gesamten Volkes und seiue Freiheit bedeuten. Darum wählt die sozialdemokratischen Wahlmänner! Sorgt dafür, daß nicht der Kandidat des Junkerbundes, sondern der des arbeitenden Volkes: Redakteur Friedrich Vetters in den Landtag einziehe! Lob aus gegnerischem Munde. Was unsere Gegner über uns sagen, wie ste über uns und unsere Tätigkeit urteilen, läßt uns im allgemeinen sehr kalt. In unserer Partei gilt sogar die Regel, daß, wenn uns die Gegner loben, wir uns immer fragen sollen, ob wir nicht eine Dummheit gemacht haben; wenn ste dagegen schimpfen, können wir stcher sein, daß wir uns auf richtigem Wege befinden. Es giebt aber keine Regel ohne Ausnahme und es kommt auch vor— wenn auch nur selten— daß die Gegner das Streben der Sozialdemo⸗ kratie, ihren kulturellen Einfluß und die Tätig⸗ keit ihrer Vertreter in parlamentarischen Körper⸗ schaften anerkennen müssen. Allerdings geschieht das begreiflicherweise selten, man will und kann doch dem verhaßten Gegner nicht Wasser auf die Mühle liefern, zumal das unfreiwillig oft ge⸗ nug geschieht. Aber auf die Dauer läßt sich doch die Wahrheit nicht verbergen, lassen sich Tatsachen nicht wegleugnen. So war es kürzlich ein nationallibe⸗ rales Blatt, die„Straßburger Post“, welche die Tätigkeit unserer Genossen im Straß⸗ burger Gemeinderat anerkennend hervorhob. Es handelte sich da um die Frage der Rhein ⸗Re⸗ gulierung und die Stellung, die unsere Partei⸗ freunde dazu eingenommen hatten. Dazu sagte das Blatt: „Bei dieser Gelegenheit ziemt es sich auch für den unparteiischen und unbefangenen Be⸗ urteiler der Sachlage, der sozialdemo⸗ kratischen Mehrheit des Gemeinderats und insbesondere dem Führer Böhle ein Wort der Anerkennung zu sagen. Wenn diese Herren Popularttätshascherei hätten treiben wollen, so hätten sie nur die geforderte Million abzulehnen brauchen! Sie hätten sich allein durch diesen Beschluß eine billige Volkstümlichkekt erworben. Denn in diesem Frühjahr und Sommer war in Straßburg nichts populärer, als für den Kanal und gegen die Regulierung einzutreten. War doch die Agitation für den Kanal so skrupellos, daß alle diejenigen, welche der Re⸗ gulierung die Stange hielten, persönlich ver⸗ dächtigt wurden. Die Sozialdemokraten brauch⸗ ten dieser Stimmung nur nachzugeben, um einen reichen Fischzug an Popularität zu tun. Daß ste es nicht getan haben, gereicht ihnen zu großer Ehre.“ Was das nationalliberale Blatt hier lobt, ist ja bei sozialdemokratischen Vertretern eine Selbstverständlichkeit. Sie werden sich stets von sachlichen Gründen bei ihrer Stellungnahme in öffentlichen Angelegenheiten leiten lassen; für ste wird immer das Interesse der Gesamtheit maßgebend sein. Dagegen ist bei manchen bürgerlichen Vertretern nicht nur Popularitätshascherei, sondern viel schlimmere Dinge für ihre Handlungen bestimmend. Jetzt vor den Wahlen zum Landtage darf auch daran erinnert werden, wie von Seiten des führenden nationalliberalen Organs die Tätigkeit unserer Genossen im hessischen Landtage anerkannt und gelobt wurde. In der„Kölnischen Zeitung“ erschien vor sechs Jahren, als eben auch die Landtags Wahlen vor der Tür standen, ein Artikel, der sich mit den hessischen Verhältnissen und den Landtags⸗ Parteien befaßte und die letzteren sehr objektiv beurteilte. Jener Artikelschreiber, der offenbar mit den hessischen Verhältnissen sehr gut ver⸗ traut war, fällte erst über seine eigenen Partei⸗ gänger, die Nationalliberalen, die damals noch die Herrschaft im Landtage hatten, ein sehr ab⸗ sprechendes Urteil. Ueber unsere Genossen da⸗ gegen sagte er weiter:„Die hessischen Sozialdemokraten im Landtag sind allerdings eine ganz be⸗ sondere Erscheinung. Sie arbeiten nicht nur fleißig, ja am fleißig sten an der Erfüllung der parlamentarischen Aufgaben mit, sie spielen sogar oft die führende Rolle. An der Sachlichkeit mit der der sozial⸗ demokratische Schlossermeister Ulrich aus Offenbach als Berichterstatter des Finanzaus⸗ schusses z. B. die Forderungen für Universt⸗ täten und Schulen prüft und sich dabei meist als den eifrigsten und regierungsfreundlichsten Förderer aller Kulturfortschritte erweist, könnte sich manches Mitglied der staatserhalten⸗ den Parteien ein Beispiel nehmen. Unterstützt wird er durch seinen Genossen Dr. David, der, zwar mehr Doktrinär und Utopist, doch an allgemeiner Bildung viele Abgeord⸗ nete weit übertrifft. Kein Wunder, daß mit diesen gemäßigten und deshalb gefähr⸗ licheren Sozialisten gerechnet werden muß.“ Dann heißt es weiter:„Ein Gegenstück zu den Sozialdemokraten bilden die Antisemiten und Bauernbündler, die eigentlich stets die erbittersten Gegner der Regierung sind, unbelehrbar durch Gründe der Vernunft und Bildung, rauh pol⸗ ternd, unpraktisch und politisch ganz unfruchtbar, stets gekränkt, auch töricht partikularistisch, vielfach verlacht... Dieses Urteil der„Köln. Ztg.“ druckte da⸗ mals der„Gießener Anzeiger“ ab und stimmte ihm mit der Bemerkung bei, daß er sehr viel richtiges enthalte. Also auch das Gießener Amtsblatt konstatierte die vollständige Unbe⸗ lehrbarkeit und Unfähigkeit der Bauernbündler. Dagegen stellte es den Sozial⸗ demokraten das Zeugnis aus, daß ste die fleißigsten Abgeordneten im Landtage wären, die infolge ihrer Kenntnisse und ihrer Sachlich⸗ keit oft die Führung hatten. Heute trifft dieses Urteil noch genau so zu, wie vor sechs Jahren. Doch das Amtsblatt besitzt nicht mehr den Mut, feststehende, wenn ihm auch unbequeme Tatsachen anzuerkennen. Es befürwortet vielmehr die Wahl eines Mannes, der zu jener Parter zählt, deren Unfähigkeit das Blatt selbst ausdrücklich feststellte, der gegen das von ihm— dem Amtsblatt— verfochtene direkte Wahlrecht stimmte und der trotz seiner diesbezüglichen Erklärungen als ein außerordentlich unsicherer Kantonist in dieser Frage angesehen werden muß. Und noch mehr. Der Mann ist offizieller Kan⸗ didat des Bundes der Landwirte, des Junkerbundes, der auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete die rü ck ständig⸗ sten, volksfeindlichsten Anschauungen vertritt und eine dementsprechende Politik verfolgt. Sollten bei dieser Sachlage die liberalen und einigermaßen freiheitlich und fortschrittlich ge⸗ sinnten Elemente unter der Wählerschaft des Seite 2. Witteldeutsche Sonntags ⸗ Zeitung. Nr. 48. Landkreises Gießen der Zumutung, für die Wahlmänner Leuns zu stimmen, nachkommen? Wir geben uns zwar keiner Täuschung hin, meinen aber, für jeden denkenden Wähler der erwähnten Richtung müßte das eine Unmög⸗ lichkeit sein. a Nein, wer da will, daß unsere Verhältnisse im Staate wie im Reiche zum Bessern gelenkt und im freiheitlichen Sinne ausgestaltet werden, daß volksfeindlichen Bestrebungen, den An⸗ maßungen der Adelskaste und Kapitalistenklasse energisch entgegengewirkt werde, der muß sozialdemskratisch wählen! Revolution in Rußland. Obwohl an verschiedenen Orten infolge der Versprechungen des Zarenmanifestes der General⸗ streik eingestellt wurde und auch ein großer Teil der Bahnlinien den Betrieb wieder aufge⸗ nommen hat, ist die allgemeine Lage ver⸗ worrener und unsicherer als je. Zahlreiche Telegramme berichten über fürchterliche Straßen⸗ kämpfe und Blutbäder, die von der zarischen Sol dateska, Polizei und sonstigem„patriotischen“ Gesindel veranstaltet wurden. Denn wenn in den Telegrammen von„Mob“ und„Pöbel“ die Rede ist, stellt sich der brave Leser und biedere Bürger die Revolutionäre darunter vor. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, die Räuber, Mordbrenner und Plünderer rekrutieren sich aus dem von Pfaffen verdummten, ebenso ver⸗ rohten, als„zaren treuen und gutgesinnten“ Gesindel, das von der Polizei zu allen möglichen Schandtaten aufgestachelt wird. Für jeden Denkenden ist es auch ohne weiteres klar, daß die Revoluttonäre, die opferwillig alles für eine gerechtere und freiheitliche Ordnung ein⸗ sezen, keine Schand⸗ und Mordbuben sein können. Die Richtigkeit des eben Gesagten geht aus einem Bericht hervor, den ein patentiertes Ordnungsblatt, der„Berliner Lokal⸗Anzeiger“ brachte. Darin hies 28: Moskau, 5. November. Hier herrscht vollstän dige Anarchie. An vielen Stellen der Stadt kommt es zu schrecklichen Massakres. Es ist lebensgefährlich die Straße zu betreten, nur im äußersten Notfall wagt man es die Wohnung zu verlassen, jeden Augenblick ziehen patriotische Mani⸗ festationen, sogenannte Monarch isten, in der Hauptsache Haufen zerlump⸗ ten Gesindels und betrunkener Hausknechte, durch die Straßen mit Fahnen, Kaiserbildern und Heiligen⸗ bildern. Wer nicht vor diesem Volk das Haupt entblößt, wird zum Krüppel geschlagen oder getötet. Die Straßen wimmeln von Pro⸗ vokatoren, wesche beim Vorüberziehen der Monarchisten in die Luft feuern und Metzeleien hervorrufen. Besonders kehrt sich die Wut des Pöbels gegen die Studenten; täglich werden mehrere von diesen unter den scheußlichsten Mißhandlungen getötet, in Stücke gerissen und im Fluß ertränkt. Dieses monarchische Gesindel führt den Namen„Schwarze Bande“. Am Samstag zog diese Bande in Moskau mit Nattonalfahnen zum Palais des Generalgouverneurs. Auf Verlangen des Menge trat er heraus, hielt eine Ansprache und gestattete den Leuten weiterzu⸗ ziehen, obwohl er selbst tags vorher alle An⸗ sammlungen und Mauifestatlonen verboten hatte. Vom Palais zog die Menge zum Haus des Stadthauptmanns, welcher ebenfalls eine An⸗ sprache hielt. Auf der Steinbrücke stieß dieser Haufe auf einen Studenten, riß ihn von der Droschke herunter, schoß mehrmals auf ihn, schleifte ihn unter fürchterlichen Mißhandlungen zum Geländer und warf ihn mit dem Kopf zuunterst in den Fluß. Da der Student einige⸗ mal auftauchte und anscheinend noch lebte, begab sich der ganze Haufe ans Ufer und warf so lange mit Steinen und Holzstücken nach dem Ertrinkenden, bis die Leiche verschwand. Es ist unmöglich alle derartigen Fälle einzeln auf⸗ zuzählen. Die„Schwarze Bande“ prahlt offen, daß sie für jeden getöteten oder mißhandelten Bürger von der Polizei eine Beloh⸗ nung erhalte. Jedenfalls steht unzweifelhaft fest, daß die Polizei bei allen diesen Morden zuschaut oder tätig mithilft. Ein Volks⸗ haufe belagerte am gleichen Tage das Gerichts⸗ gebäude und verlangte vom Staatsanwalt die unverzügliche Freilassung des tags vorher ver⸗ hafteten Mörders des Tierarztes Baumann. Der Staatsanwalt gab nach und verfügte, daß dieser Mörder sofort in Freiheit zu setzen sei. Die Menge begab sich zum Gefängnis und empfing den triumphierenden Verbrecher mit Ovationen. Auf dem Rückweg vom Gefängnis tötete ste dann einen Einjährig⸗Freiwilligen. Sonntag mittag überfiel die„Schwarze Bande“ die Ingenieurschule. Die Studenten verteidigten sich tapfer, töteten 6 und verwundeten 14 von den Angreifenden. Auf Verfügung des Stadt⸗ hauptmanns wurden die Angreifer, welche die Schule in Brand stecken wollten, von Infanterie verjagt. Scheußliche Judenverfolgungen und ⸗Metzeleien wurden aus vielen, besonders südrussischen Städten gemeldet. Reaktionäre Elemente betreiben antisemitische Agitation, wobei sie von der Po liz e unterstützt werden. Alle aus der Provinz eingetroffene Nachrichten, besagte ein Bericht aus Petersburg, bestätigten, daß das Militär lediglich gegen die Intelligenz und die Juden einschritt, nicht gegen die Plünderer. Aus vielen Orten laufen Berichte ein, wonach das Militär und Polizei untätig zuschauten, während die höchsten Beamten der Semstwoverwaltuug vom Pöbel massakriert wurden. In Moskau hielten Offiziere an öffentlichen Orten Reden an das Volk, es solle sich bewaffnen, Militär würde ihnen gegen die Juden helfen. In Odessa und Kiew wütete der Pöbel und die Polizei in grauenhafter Weise gegen die Juden. Allein in Odessa sollen im ganzen 3500 Personen getötet und 12 000 verwundet sein. Tausende von Leichen lagen am Samstag und Sonntag auf der Straße, sie wurden von der Behörde aufgelesen und in große Massengräber geworfen. Alle Hospitäler, viele Schulgebäude und Privat⸗ häuser liegen voller Verwundeter. Im Juden⸗ viertel wurden unglaubliche Greuel verübt, alte Leute, Frauen und Säuglinge wurden massakriert, viele Kinder wurden er⸗ würgt und Hunderte von ihnen lebendig von hohen Häusern aus den Fenstern geworfen. Der Pöbel foltert die Opfer zu Tode, indem er ihnen Nagel in die Köpfe schlug, die Augen ausdrückte, die Ohren abschnitt und die Zungeu mit Zangen ausriß; vielen Frauen wurden die Eingeweide ausgerissen, alte Leute und Kranke, die sich in Kellern versteckten, wurden mit Petroleum begossen und lebendig verbrannt. Die Rasereien des Pöbels wurden von Polizisten und Sodaten or ganisiert und geleitet. In den Privatkliniken allein wurden über 300 Kinder an schweren, von Soldaten erhaltenen Säbelwund en an Köpfen und Schultern behandelt. Der in Odessa an⸗ gerichtete Schaden wird auf 20 Millionen Mark geschätzt. Das Mißtrauen gegen die Re⸗ gierung greift immer mehr um sich. Man traut besonders Witte, der jetzt Minister⸗ präsideut geworden ist, durchaus nicht. Es herrscht die Ansicht, die Regierung wolle die Bewegung sich verbluten lassen, um dann reak⸗ tionär zu wirken. Andernfalls würde, wie solches 1863 geschah, schon die Absetzung vieler Beamter des alten Regiments und die Ernen⸗ nung neuer erfolgt sein. Immer mehr greift die Meinung um sich, die blutige Revolution sei unvermeidlich, Witte spiele ein falsches Spiel. Denn alle sind überzeugt, er könne bei seiner großen Stärke mehr leisten, wenn er wolle. Sozialisten warnen jetzt in Ausstand zu treten, da die Arbeiter und Unternehmer erschöpft und angeekelt sich alle nach Ruhe sehnen. Sie würden den richtigen Augenblick schon bestimmen, dann losschlagen; die Reaktion treibe Rußland zur Republik. Zu den Wahlen für die Reichsduma hat der Ministerrat Bestimmungen erlassen, wo⸗ nach die U ah der Duma sich auf 600 beläuft. Das Wahlrecht richtet sich nach Steuerleistung und es sollen eine bestimmte Anzahl Arbeitervertreter gewählt werden. Also das Wahlrecht taugt von vornherein nichts. politische Rundschau. Gießen, den 9. November 1905. Zur Fleischnot. Zur Erweiterung der Viehein⸗ fuhr haben, wie die„Allgemeine Fleischerztg.“ von bestunterrichteter Seite erfährt, in der am Sonnabend stattgehabten Sitzung des preußischen Staatsministeriums Erwägungen darüber statt⸗ gefunden, inwieweit dem Antrage auf Eröff⸗ nung der oberschlesischen Grenze für das erhöhte Schweinekontingent aus Rußland heute schon stattgegeben werden kann. Preußen wird in. folgedessen, i rene Fachblatt weiter erfährt, beim Reichskanzler beantragen, die Er⸗ höhung des Kontingents von jetzt ab nach und nach eintreten zu lassen. * Die Anlage einer Schweine⸗ mästerei auf einem Berliner städtischen Rieselgute ist im Prinzip von der Deputation für die städtische Kaualisation und Rieselfelder beschlossen worden. Maßgebend für den Beschluß waren praktische Erwägungen. Eine Schweinemastanstalt, in der hauptsächlich Küchenabfälle der großen, städtischen Anstalten, wie z. B. in Buch, mit annähernd 6000 Köpfen, verwendet werden können, wird sich nach Ansicht 55 Sachverständigen, als rentabel bezeichnen assen. In Lahr i. Baden wurde durch eine vom Stadtrat angeordnete Erhebung eine erhebliche Abnahme des Fleischverbrauchs und ein stärkerer Verbrauch geringerer Fleisch⸗ sorten festgestellt. Der Fleischverbrauch stellt sich auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1895 auf 57,8 Kilogramm, dagegen in den ersten acht Monaten des Jahres 1905 nur noch auf 32,9 Kilogramm. Bei stillerem Geschäftsgang in den Wintermonaten dürfte noch ein weiterer Rückgang des Fleischkonsums zu erwarten sein. Immer größere Pa zerkähne sollen geschaffen werden, wie halbamtlich ange⸗ kündigt wurde ünd die Flottenpatrioten jubeln darüber. Die neuen Linienschiffe sollen 18000 Tonnen, die neuen Panzerkreuzer 15000 Tonnen Deplacement(Wasserverdrängung) erhalten. Die Vergrößerung der Deplacements werde durch die Verstärkung der schweren Artillerie bestim mt, nachdem die Notwendigkeit einer er⸗ heblichen Vermehrung der schweren Artillerie für unsere Schiffe dadurch dringlich notwendig geworden sei, daß alle anderen Kriegsmarinen in dieser Richtung nach den Erfahrungen der Seeschlacht von Tschuschima aufs energischste vorgehen. Das Organ der Panzerplatten⸗ Patrioten, die„Rhein. ⸗westfäl. Zeitung“ ist natürlich darüber beglückt und begrüßt die Nachricht mit Freuden. Die geeichten Prozentpatrioten sind. „freudig“ bewegt und schöpfen neuen Mut, wenn ihnen große Profite winken. Die⸗ große Masse des Volkes ist weniger freudig be⸗ wegt, sie ist im Gegenteil empört über die völlig falsche Schlüsse, die aus den Kämpfen der letzten Monate und Jahre gezogen werden. Die agrarische„Deutsche Tageszig.“ scheint etwas von dieser Empörung zu wittern, die ihr um so unangenehmer ist, als sie mit Recht be⸗ fürchten muß, daß vom nächsten Jahre an durch die dann in Kraft tretenden erhöhten Zölle und ihre merkwürdigen Wirkungen der Zorn des Volkes erst recht aufschäumen wird. Sie deutet deshalb an, daß die Parteien mit einer Auf⸗ lösung des Reichstags im 1 Frühjahr zu rechnen haben und ermahnt sch on jetzt ihre Gefolgschaft im Lande das Pulver sür diese Möglichkeit trocken zu halten. Das Blatt meint, wenn die Finanzreform scheitere, die jedenfalls vorher zur Verhandlung komme, dann werde auch die Flottenvorlage, nach menschlicher Voraussicht unter den Tisch fallen. Dabei werde sich die Reichsregierung nicht be⸗ W ——— 40. Mmte Also schtg. in. tg.“ 15 en featt⸗ röff⸗ höhte schon d in. heiter Er⸗ und ne⸗ schen ation elder den Eine clic lten, fen, lich chen Vom liche Ich! elsch⸗ lt ich 1895 sten auf gal leer fein. inge; Ibell. 8000 nen Ilten. erde lere 1 ll llerie edig inen 1 del che tell 1 dee mmer Mul, Dee Nr. 46. — Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. ruhigen und folgerichtigerweise die verfassungs⸗ mäßige Konsequenz ziehen, d. h. zur Auflösung des Reichstages schreiten. Diese Möglichkeit kann immerhin eintreten. Wir müssen uns vor⸗ her um die Stärkung unserer Organisationen bemühen, damit wir kommende Kämpfe stegreich bestehen. Rechtszustände in Sachsen. Ein Vorgang, über den Dresdener Blätter berichteten, wirft ein grelles Licht auf die Recht⸗ sprechung in Sachsen. Im Dezember 1903 war in ein Dresdener Geschäft eingebrochen worden. Ein Arbeiter kam auf Grund von Indizien in Verdacht und wurde verurteilt, desgleichen dret Entlastungszeugen wegen Mein⸗ eids, letztere obwohl inzwischen schon ein anderer bekannt hatte, den Einbruch ver⸗ übt zu haben. Das Wiederaufnahmeverfahren führte zur Freisprechung und dann erst zur Entlassung der schon seit Monaten Ver⸗ hafteten. Der eine von ihnen machte Ent⸗ schädigungsansprüche in Höhe von 700 Mk. geltend, wurde aber zu drei Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt, weil er falsche Angaben gemacht haben soll. Dieser ganze Vorgang wurde in der Presse kritisiert. Im Oktober d. J. wurde darauf der zuletzt Verurteilte auf das Dresdener Poltzei-Präsidium geladen, wo man ihn fragte, ob er die Mitteilung über die Vorgänge der Presse übergeben habe. Die Be⸗ fragung hatte natürlich kein Resultat. Bei nochmaliger Vorladung wurde aber dem Ar- beiter, der inzwischen Beschäftigung gefunden hatte, eröffnet, daß er ausgewiesen set, in zwei Tagen Dresden zu verlassen habe. Alle Vor⸗ stellungen halfen nichts. Hier sind also wieder einmal die veralteten landesgesetzlichen Bestimm⸗ ungen über die Befugnis zur Auswetsung Be⸗ strafter aus ihrem Aufenthaltsort angewandt worden. Wenn die Darstellung richtig ist, so ist die Anwendung in diesem Falle noch be— denklicher, als die betreffenden Bestimmungen an sich schon sind. Wahlrechtskämpfe in Oesterreich. Als am vorigen Donnerstag die Arbeiter- bevölkerung Wiens einen friedlichen Straßen⸗ umzug veranstaltete, um für das allgemeine Wahlrecht zu demonstrieren, fiel die Polizet wie besessen über die Menge mit blanker Waffe her und verletzte viele. Dagegen erhoben natürlich die Vertreter der Arbeiterschaft im Landtage energisch Protest. Trotz der wüsten Polizei⸗ Attacke ließen sich die Wiener Arbeiter nicht ab⸗ halten, weiter das allgemeine Wahlrecht zu fordern und erreichten auch, daß der Minister⸗ prästdent Erfüllung der Forderung zufagte.— Auch in Prag und anderen Städten Oester⸗ reichs fanden Demonstrationen für das allgemeine Wahlrecht statt. In Prag kam es zu heftigen Tumulten, wobei viele Personen verletzt und auch mehrere getötet wurden. Mög⸗ licherweise kommt es zum Generalstreik. Kleine politische Nachrichten. Reichstagsersatzwahlen. Im ostpreußischen Wahlkreise Preuß.⸗Holland⸗Mohrungen fand am 2. No⸗ vember eine Ersatzwahl zum Reichstage stutt. Gewählt wurde der konservattwe Rittergutsbesitzer Gluer mit 8289 Stimmen. Unser Kandidat Braun erhielt nur 273 Stimmen. In dieser schönen Gegend besitzt das Junkertum noch unumschränkte Macht.— In Eisen ach fand am Dienstag Ersatzwahl für den auf der Afrikafahrt verstorbenen Abg. Fries(rnatl,) statt. Es erhielten Stimmen: Leber(Soz.) 6540, Flex(natl.) 2705, Kühner 2649, Schack(Antis.) 3714, Müller⸗ Fulda(Zentr.) 751. Es ist Stichwahl zwischen unserem Genossen Leber und dem Antisemiten Schack er⸗ forderlich. Gemeindewahlen. In Rödelheim wurden in der dritten Abteilung zwei Bürgerliche und ein Sozialdemokrat gewählt.— In Spandau unter⸗ lagen unsere Parteigenossen in der dritten Klasse. Unsece Vertretung vermindert sich infolgedessen von 15 auf 7.— In Köln siegten, wie immer, die Kandidaten der Zentrumspartei. Die Stimmenzahl unserer Kandidaten zeigt jedoch eine bedeutende Steigerung.— Die Stadt⸗ verordnetenwahl in Charlottenburg fiel nicht so aus, wie unsere Genossen es hofften. Wir gewannen zwar ein Mandat, doch nahm die Stimmenzahl der Gegner bedeutend zu, so daß wir bei den Stichwahlen wenig Aussicht haben.— Bei der Gemeinderatswahl in Wiesbaden siegten die vereinigten Gegner mit 1718 Stimmen über unsere Genossen, die 1619 Stim⸗ men erhielten. In Linden an der Ruhr siegten in der dritten Abteilung unsre Genossen mit 447 Stimmen; die Gegner erhielten nur 285 Stimmen. Günstig für die Sozialdemokratie ist auch das Resultat der Nürnberger Gemeindewahl. Von 16366 Wahlberechtigten stimmten 13 700 Wähler ab, und zwar 8105 für die bürgerliche und 5505 für die sozialdemo⸗ kratische Liste. Der bürgerliche Zuwachs beträgt zwischen 700 und 800, der sozialdemokratische zwischen 18 0 0 und 1900 Stimmen. Die bürgerliche Liste ist zwar mit zirka 2600 Stimmen Mehrheit gewählt, 5 755 bedeutet das Resultat einen sozialdemokratischen olg. Elnen Wahlsieg erfochten unsere Genossen in Schöneberg bei Berlin. Bei den dortigen Stadt⸗ verordnetenwahlen der dritten Abteilung, bei denen im ganzen sechs Mandate zu besetzen waren, haben sie einen bisher in ihrem Besitze befindlichen Sitz behauptet und drei neue Sitze hinzugewonnen.— Bei der Stadt⸗ verordneten⸗Wahl in Forst i. d. Lausitz gelang es unserer Partei alle fünf aufgestellten Genossen durch⸗ zubringen. Soziales. Unternebmergewinn und Arbeits⸗ löhne im Bergbau. Folgende Tabelle zeigt, welch riesenhafte Gewinne von den Berg⸗ betrieben erbeutet werden: Ueberschuß Ueberschuß Name des Werkes 2. Quartal 1904 2. Quartal 1905 Pörtingssiepen 78 534 100 791 Siebenplaneten 46 069 172 228 Schürbank 35 000 72 182 Königin Elisabeth 362 896 416 783 König Wilhelm 334 401 597 095 Königsborn 326 370 405 998 Herkules 349 272 401 721 Graf Schwerin 154 886 230 611 Ewald 649 961 1224 120 Deimelsberg 97 629 124 612 Graf Bismarck 1035 595 1467 559 Gottessegen 54 880 108 048 Hibernia 2 320 165 2 956 356 Harpen 3 085 100 4 128 000 Die genannten Zechen liegen im Ruhrgebiet. Gegenüber dieser ungeheuerlichen Steigerung der Werksgewinne erfuhren die Bergar⸗ beiterlöhne kaum eine Besserung; jeden⸗ falls ist sie so gering, daß ste zu den Werkge⸗ winnen und zu den steigenden Lebensmittel⸗ preisen in schretendem Mißverständnis steht. Teilweise sind sogar direkte Lohnrückgänge zu konstatieren. Zum Bergleich sei hier der amt⸗ lich ermittelte Durchschnittslohn in einzelnen Revieren mitgeteilt: 2. Quartal 1905 Durchschnitt 1900 Oberschlesien 3,05 Mk. 3,12 Mk. Nlederschlesien 2.92„ 3,.—„ Ruhrgebiez 401„ 4,18„ Saargcbiet 9.77„ 356 Wurmgebiet 4,05„ 3,85„ Zur Landtagswahl! — Die Freisinnigen haben ebenfalls einen Wahlaufruf erlassen. Er richtet an Alle, die eine gesunde, freiheitliche Entwickelung des politischen Lebens in Hessen erstreben, die ernste Mahnung zu besonderer Wachsamkeit und Ar⸗ beit gerade bei der bevorstehenden Landtags⸗ wahl. Er betont, daß die schon so lange Jahre erhoffte direkte Wahl immer noch auf Schwierig⸗ keiten stößt und dann heißt es wörtlich:„Offene und heimliche Gegner der Volksrechte haben wiederholt die Regierungsvorschläge auf Besser⸗ ung des Wahlgesetzes zum Scheitern gebracht. Den stärksten Widerstand erhebt die erste Kammer, die es für nötig findet, die vermeint⸗ lichen Gefahren einer aus direkten Wahlen her⸗ vorgehenden Volkskammer durch Vermehrung der Rechte der Ersten Kammer zu überwinden.“ Der Kampf gegen diese unheilvollen Wider⸗ stände kann wirksam nur geführt werden durch ein energisches Eintreten für das direkte, all⸗ gemeine und gleiche Wahlrecht, frei von soge⸗ nannten Kautelen,„die meistens nur der Ab⸗ neigung gegen das freie Wahlrecht und dem Mißtrauen gegen das Volk entspringen.“ Den Rechten der Volkskammer dürfe nichts vergeben werden. Die Ansprüche der Ersten Kammer auf Verstärkung ihrer Rechte seien entschieden zurückzuweisen. Die Gesetzgebung über die Gemeinde⸗ steuern solle durch eine gerechte Verteilung der Gemeindeabgaben nach Möglichkeit die Schwachen entlasten und den durch das unauf⸗ haltsame Anwachsen der Ge smeindeaufgaben immer schwerer werdenden kommunalen Steuer⸗ druck erträglicher gestalten. „Das ist soweit ganz hübsch gesagt. Nur läßt oft genug die praktische Vertretung des schönen Programms bei den freistuntgen Herren stark zu wünschen übrig. * ck. Wieseck. Herr Leun auf Agi⸗ tation. Der bisherige Vertreter unseres Wahlkreises im Landtage, Bürgermeister Leun in Großenlinden betreibt die Agstation für seine Wiederwahl nach dem Rezept, das in der Gießener Vertrauensmänner⸗Versammlung als besonders wirkungsvoll angepriesen wurde und das er vor sechs Jahren erprobt hat. Er flüchtet aus der Oeffentlichkeit und arbeitet im Geheimen, hält Versammlungen hinter ver⸗ schlossenen Türen ab. Am Samstag rief er diejenigen Wiesecker, die er für so rückständig und unklug hält, für seine Wiederwahl einzu⸗ treten zu einer Versammlung in die„Germania“ zusammen. Man hatte die Sache in Form einer Generalversammlung des sogenannten „Bürgervereins“ gemacht, um andere Wähler fernzuhalten. Vorsichtigerweise gab man die Versammlung nur wenige Stunden vorher be⸗ kannt. Dem Bürgerverein gehören auch einige Fabrikanten an. Diese wissen offenbar nicht, daß Herr Leun offizieller Kandidat des Bundes der Landwirte ist, als solcher in dessen Organ, der antise⸗ mitischen„Volkswacht“ in Friedberg prokla⸗ miert wurde. Wer sich nur ein klein wenig um Politik bekümmert, weiß, daß der Junker⸗ bund eine industriefeindliche Politik verfolgt, deren verderbliche Wirkung sich schon jetzt überall zeigt und die noch vielmehr im nächsten Jahre bemerkbar werden wird, wenn nach dem 1. März die auf Grund des Zoll⸗ tarifs abgeschlossenen Handelsverträge in Kraft treten werden. Es ist also nicht recht verständ⸗ lich, wie Industrielle eine Kandidatur des Bundes der Landwirte unterstützen können.— Nach den uns gewordenen Mitteilungen erklärte Herr Leun zunächst, daß er„partetlos“ sei. Das ist nun wirklich ein starkes Stück. Er fand es also in Wieseck gut, zu verschweigen, daß er Kandidat des Bundes der Landwirte ist. Den Wählern soll jedenfalls der Gedanke beigebracht werden, daß der Junker⸗ bund keine Partei sei. Im Landtage zählte sich Herr Leun zur antisemisch⸗bündlerischen Fraktion. Dann versuchte er wiederum seine Abstimmung gegen des direkte Wahlrecht da⸗ mit zu entschuldigen, daß er gegen die Wahl⸗ kreiseinteilung gewesen sei. Wie es sich damit in Wahrheit verhält, wurde in der Mitteld. Sonntgs.⸗Ztg. sch on öfters nachgewiesen. Und wenn Herr Leun weiter sagte, daß es ihm gleich sein könne, er käme vielleicht bei direktem Wahlrecht noch eher durch, so war dies gewiß sein Ernst nicht, daran glaubt er ganz besttumt selber nicht. Dann zählte er noch eine Reihe Dinge auf, an denen die böse Sozialdemokratie schuld sein sollte. Es fehlte nur noch, daß er unsere Partei für das schlechte Wetter in den letzten Wochen, für das Erdbeben in Süd⸗ Italien oder für den Herero⸗Aufstand verant⸗ wortlich gemacht hätte. Herr Leun ist von uns zu der am Samstag Abend stattfindenden Wählerversammlung eingeladen worden, wo er seine Behauptungen wiederholen kann. Volle Redefreiheit ist ihm zugesichert. n. Die Wählerversammlung in Großen⸗Buseck am Samstag war außer. ordentlich zahlreich besucht. Reichstagsabgeordn⸗ Scheidemann sprach über die bevorstehende Landtagswahl und schilderte, mit welchem Eifer und welcher Pflichttreue unsere Genossen im Landtage bestrebt waren, die Interessen der Minderbemittelten in jeder Beziehung zu wahren und zu vertreten. Redner besprach eingehend das Verhalten der bürgerlichen Parteien bei Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. den Wahlrechtsrefor m⸗ Beratungen und wies besonders auf die Stellungnahme des Herrn Leun in dieser Frage hin. Ferner besprach er die Verhandlungen über die Ge⸗ meindesteuer⸗Vorlage und die Aufgaben des kommenden Landtags. Genosse Beckmann forderte noch auf, diesmal Mann für Mann zur Wahl zu gehen und für die sozialdemo⸗ kratischen Wahlmänner zu stimmen. m. In Heuchelheim sprach Genosse David am Samstag in sehr gut besuchter Versammlung. Redner legte in großen Zügen und in bekannter meisterhafter Weise dar, wor⸗ um es sich im bevorstehenden Wahlkampfe handle. Die Bauernbündler und namen lich Herr Leun sprächen vorsichtigerweise nur vom direkten Wahlrecht, vomkautelenfreien Wahlrecht, wie wir es forderten, wollen ste nichts wissen; durch eine ganze Anzahl Beweise belegte unser Freund die Umtriebe, die an den Haaren herbesgezogenen Erschwerungen und hinterlistigen Ränke um das Wahlunrecht, das heute die kleinen Leute treffe, zu verewigen und zu verschlimmern. Insbesondere zeigte David auch, wen die agrarische Zollpolitik nütze, nicht dem kleinen Bauer, der das, was er für ein fettes Schweinchen mehr erlöse, schon längst vorher für teuere Ferkel und hohe Futter⸗ mittelpreise in die Junkertaschen abladen mußte. Unter großer Heiterkeit zeigte unser Redner noch, wie früher die Bauernbündler über den Bund der Landwirte dachten,(als sie noch nicht Kostgänger dieses Bundes waren. D. R.) Herr Gilbert vertrat in der Diskussion die Partei Leun. Leun sei ein charakterwerter Politiker (lebhafte Heiterkeit!) und stimmte nur gegen das direkte Wahlrecht, weil ihm dessen Belastung durch Kautelen nicht gefallen habe(Gelächter!). Auch die Versteuerung der Schulden als Ver⸗ mögen sei nötig, da die Gemeinden das Geld brauchten. Schrecklich schien es namentlich Herrn G., daß z. B. ein Zigarrenfabrikant seine Schulden nicht mit versteuern solle usw. Auch die alten Ladenhüter der Notariate, Körordnung, Bauernbündler, Grundbuch, Ortsgericht, besprach Herr Gilbert. Für David war es nicht schwer, der Versammlung zu zeigen, wie alles Gute was Herr Leun erstrebt schon seit Jahr⸗ zehnten von uns gefordert wurde. Nota⸗ riats Grundbücher de. basierten auf Reichs gesetzen. Wer Herrn Leun's Tätigkeit verfolge, wer sehe, daß er offtzieller Kandidat des Junkerbundes sei, der werde als kleiner Mann schon wissen, daß er sich, seiner Familie und dem Vaterlande einen Gefallen erzeige, wenn er diesen unsicheren, geschickt jedem Farbebekennen ausweichender Politiker durch unseren Gen. Vetters ersetze. — Diesmal sorgen jedenfalls unsere Heuchel⸗ heimer Parteifreunde dafür, daß sie nicht wieder so wie vor sechs Jahren um den Sieg geprellt werden. Jeder muß es für seine heilige Pflicht halten, rechtzeitig an die Urne zu treten und die sozialdemokratischen Wahlmänner zu wählen! — Wie Herr Leun Landtagsab⸗ eordneter wurde. Angesichts der bevor⸗— stehenden Neuwahl im Kreise Gießen-Land kann es nichts schaden an die Art zu erinnern, wie Leun vor sechs Jahren zu dem Mandat kam. Damals standen sich wie heute die Antisemiten und Sozialdemokraten gegenüber. Kandidat unserer Partei war Genosse Scheidemann, für die Antisemiten kandidierte Hirschel. Ganz kurz vor der Wahl wurde auf einmal in der Frankfurter Kl. Presse noch der Bürgermeister von Großenlinden, Leun, als„unparteitscher“ Kandidat genannt. Dieser schrieb jedoch dem Frankfurter Blatte folgenden Schreibebrief: „In Nr. 234 Ihres geschätzten Blattes, bringen Sie einen Artikel aus Gießen über die Landtagswahl, der zwar aus sehr zuver⸗ lässtger Quelle stammen soll, jedoch sehr unzuverlässig ist. Die Landgemeinden, die hier in Betracht kommen, teilen sich bekanntlich in zwei große Parteien— Antisemiten und Sozialdemokraten— und diese haben ihre Kandidaten aufgestellt. Von einer weiteren Kandidatur kann deshalb unmöglich die Rede sein. Bitte lassen Sie künftig bei der⸗ artigen Undingen meinen Namen außer Betracht. Hochachtend! Leun, Bürgermelster.“ Diese Erklärung hielt jedermann für auf⸗ richtig gemeint. In dem Anttsemitenblatte wurde sogar sein„mannhaftes“ Verhalten ge⸗ lobt. Aber siehe da, einen oder zwei Tage vor der Wahl stellte der Bürgermeister von Großen⸗ linden plötzlich seine Kandidatur auf und brachte auch wirklich 8-10 Wahlmännner durch. Hirschel trat zurück, richtiger wurde beiseite ge⸗ schoben und Herr Leun wurde Landtagsabge⸗ ordneter. Er stieg gewissermaßen auf Hinter⸗ treppen in die Kammer. Kein Mensch hatte eine Ahnung der politischen Richtung Leuns, niemand hatte ihn gefragt, was er wollte und er hatte es noch viel weniger jemanden gesagt. Trotzdem mußten die Wähler des Kreises sich die Vertretung gefallen lassen. Wer ein feineres Gefühl für politische Reinlichkeit hat, wird niemals derartige Manöver zur Erlangung eines Mandates ausführen. Und da verlangt das Amtsblatt auch noch, daß die Erklärungen des Herrn Leun über seine Stellung zue Wahl⸗ rechtsfrage gläubig hingenommen werden sollen. In Hausen sprach am Samstag Gen. Vetters über die Landtagswahl vor gut besuchter Versammlung. Die Ausführungen des Redners wurden beifällig aufge⸗ nommen. n. Hausen. Am Montag erschien unvermutet Herr Bürgermeister Leun hier in der Wirtschaft von Schardt, wo er vor etwa 10 Mann über seine Tätig⸗ keit im Landtage redete. In seiner Begleitung befanden sich der Nationalliberale Joh. Leicht und der Antisemit Metzger Sommer sowie Fabrikant Braun aus Großen⸗ linden. Herrn Leun will es durchaus nicht gefallen, daß man ihn als Reaktionär bezeichnet, da er ja nur ein⸗ mal gegen das direkte Wahlrecht gestimmt habe.() Er habe es ja gar nicht für so wichtig gehalten,(hört, hört!) und habe bei der letzten Vorlage dafür ge⸗ stimmt. Ferner erklärte er, daß ihm Wiesecker Bürger versichert hätten, daß er diesmal in Wieseck den Sieg davon trage. Antisemit Sommer bestätigt, daß die Wiesecker Sozialdemokraten anderer Meinung geworden seien, und meistens ihre Stimme dem Herrn Leun geben würden.(Nächstes Jahr schicken die Wiesecker Herrn Leun vielleicht auf den sozialdemokratischen Parteitag. D. R.) Herr Leun will wie er sagte, noch eine öffentliche Versammlung ab⸗ halten, er soll sie aber zeitig genug bekannt machen! y. Aus Garbent eich wird uns mitgeteilt, daß der dortige Bürgermeister die Wahlzeit auf 1—4 Uhr sestgesetzt, trotzdem von Seiten des Wahlvereins im Interesse der vielen auswärts arbeitenden Wähler um Festsetzung der Wahl auf die Zeit von 4—7 Uhr er⸗ sucht worden war. Wie es scheint, hat der Bürger⸗ meister diese Entscheidung nach Anhörung des Ge⸗ meinderats getroffen. In diesem sitzen 6 Mann, die ihre Wahl der Arbeiterschaft verdanken, was sich bis zur nächsten Gemeinderatswahl gemerkt werden muß. Lasse sich deshald keiner abschrecken. Geht zur Wahl und zeigt, daß Ihr Euch nicht um Euer Wahlrecht bringen lassen wollt. Richtet Euch jo ein, wie Ihr am wenigsten Verluste habt! Für manchen ist es vielleicht angängig, daß er 125“ nach Hause fährt und um 3 Uhr an dle Arbeit zurückkehrt; andere können vielleicht die Zeit zu Hause ausnützen. Wahrt unter allen Umständen Euer Recht! — Die Lollarer Wählerversammlung am vorigen Freitag war gut besucht. Die klaren und verständlichen Ausführungen des Genossen Dr. David wurden beifällig aufgenommen, ebenso diejenigen des Kandidaten Vetters. Hoffentlich tun die Lollarer am kommenden Mittwoch ihre Schuldigkeit. f. Leihgestern. Sehr starken Besuch wies die am Sonntag stattgesundene Wähler versam m⸗ lung auf. Mit großem Interesse warden die Ausfüh⸗ rungen Scheidemanns verfolgt, die beifällige Zu⸗ stimmung fanden. Vetters wies auf dle Tätigkeit un⸗ serer Genossen im Reichs- und Landtag hin, wo fie stets für die Rechte und Interessen des Volkes einge⸗ treten setien. Faber wies noch auf das Verhalten Leuns in Sachen des Großen⸗Lindener Bahnhofs hin und zeigte, wie Leihgestern dadurch empfindlich geschäd igt wurde. Die Versammlung nahm den besten Verlauf. CCC T0VTbTTbTbTbTbTTbTbTTTTTT Ehrenpflicht eines jeden Arbeiters im Kreis Gießen⸗Land ist es, am Mittwoch, den 15. November zur Wahl zu gehen und seine Stimme für die Wahlmänner der Arbeiterpartei abzugeben. Der Sieg unseres Kandidaten Vetters ist stcher, wenn alle Arbeiter ihre Schuldigkeit tun. von Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Amtsblatt⸗ Gemeinheit. Einen Anwurf niedrigster Sorte leistete sich der Gie ßener Anzeiger in seiner Nummer vom vorigen Donnerstag. An der Hand einer von Königsberg aus in die Welt gesetzten Notiz, in der die Sozialdemokraten des unerhörtesten Wahlterrorismus beschuldigt werden— die Notiz geht angeblich vom Wahlkomitee der staatserhaltenden Arbeiter(sehr bekannte Sorte!) aus— wagte der Gießener Anzeiger zu be⸗ haupten, daß auch in unserem Lande die nicht sozialdemokratischen Wähler von unsern Partei⸗ genossen belästigt und es jenen unmöglich ge⸗ macht wurde, ihr Wahlrecht auszuüben. Das ist eine so gemeine, bewugzte Lüge, daß Worte fehlen, sie zu kennzeichnen. Nirgendwo ist derartiges von sozialdemokratischer Seite geschehen— übrigens würde die Poltzei da sehr schnell bei der Hand sein— wohl aber von Seiten der Gegner. In der erwähnten Notiz wird über die in Königsberg stattgefundenen Gewerbegerichts⸗ wahlen erzählt: „Die Ausübung des Wahlrechtes kam etwa dem früheren Spießrutenlaufen gleich, und viele Anhänger der staatserhaltenden Parteien scheuten sich deshalb, an die Wahlurne zu treten. Vielen wurde es auch durch Gewalt unmöglich gemacht, an den Wahl⸗ tisch heranzukommen. Schon vor dem Lokal umringten die Sozialdemokraten die Ankommenden, sie wurden gestoßen, geschoben und in der gemeinsten und un⸗ flätigsten Weise beschimpft. Man riß sozial⸗ demokratischerseits den bürgerlichen Zettelverteilern ihre Plakate von der Brust, stieß einzelne Wähler mit Spazier⸗ stöcken in den Rücken, einer erhielt sogar eine Ohrfeige. Weiter wurden den gegnerischen Wählern die Stimmzettel nicht nur aus der Hand, sondern auch aus den Taschen gerissen und vernichtet. An diesen wüsten Ausschreitungen beteiligten sich neben Gewerkschaftlern auch Führer der Königsberger Sozial⸗ demokratie.“ Man sieht dieser Notiz auf den ersten Blick an, daß sie gelogen ist und darum hat sie auch das Amtsblatt schleunigst aufgegriffen und abgedruckt. Trotzdem wandten wir uns an unsere Königsberger Genossen und baten um . 0 1 Sie wurde uns in folgenden eilen: „Als Drucksache senden wir Euch die ein⸗ schlägigen Blätter, woraus Ihr ersehen könnt, daß das Blatt(der Gießener Anzeiger) ge⸗ schwindelt hat. Der Magistrat(der ist Hiberal“ D. R.) hat selber zugeben müssen, daß seine Maßnahmen zur Wahl völlig un⸗ zulänglich gewesen sind. Er hat weiter anerkannt, daß erst unsere Genossen durch Organisterung 5 5 Ordnungsdienstes ein Wählen ermöglicht aben.“ Es fehlte uns der Raum, den Schwindel aktenmäßig im Einzelnen zu beleuchten. Der liberale Magistrat der Stadt Königsberg wird aber gewiß in der Lage sein, die Darstellungen unserer Genossen zu bestätigen und zu bezeugen, daß das Schwindel ist, was im Anzeiger zu lesen war. Dem Anzeiger genügte aber die Königsberger Mordgeschichte noch nicht, er log. selbst noch hinzu, daß auch in Hessen in Offen⸗ bach„Belästigungen“ gegnerischer durch Sozialdemokraten vorgekommen seien. Wann ist solches je passiert? Der Anzeiger wird keinen einzigen derartigen Fall nachweisen können. Mit solchen Mitteln bekämpft die„vornehme“ Amtsblatt⸗Redaktion die Sozialdemokratie und betreibt die Wahl⸗ agitation. Wir können demnach noch ganz nette Dinge vor den Landtagswahlen erwarten. Auf verständige Leute verfehlen jedoch solche elende, niedrige Verdächtigungen ihren Zweck vollkommen, Darum kümmert sich aber die„Ordnungs“presse ohen dort ist die Scham zu den Hunden ent⸗ ohen. — Prozeß gegen den Landtagsabge⸗ ordneten Köhler. antisemitische Landtagsabgeordnete Ph. Köhler, Bürger⸗ meister von Langsdorf wegen Beleldigung vor der Gießener Strafkammer zu verantworten. Die Beleidigung ist er⸗ folgt durch die Veröffentlichung einer Interpellation, die Wähler e bewirken eher das Gegenteil. Am Dienstag hatte sich der linen 9 der bom bon lutz, sten dle e der orte) U be⸗ ncht urtei⸗ 0 ge. Daz daß wo Seite ei da aber die in schts⸗ dem hänger lb, an durch Wahl- Uungten vurden d un⸗ sosal⸗ u ihre pazer⸗ feige. meltel den diesen neben Sozlal⸗ Blich at se 1 und g al um enden e eil. könnt, ge; der i sse, j un, fannt, derung öglagt ind Del wild unge kugel, er Il 1 die 109 . f feel. igel sitteln ation Wahl. 90 atel. solch gut spusse 1 el bg“ 11 9 Buchel hene 15 un, le Nr. 46. Mitteldeutsche Sonntagszeitung. Seite 5. .... e Köhler wegen des Vorgehens der Staate- und Medi⸗ zinolbehörden in Sachen des Cberstädter Kindesmords an den Landtag gerichtet hatte. Den Wortlaut dieser Anfrage ließ er in der„Hungener Landpost“ veröffent⸗ lichen, ehe sie noch in Bureau des Landtags eingelaufen war. Die Vorgeschichte des Prozesses ist bekannt. Auf dem Friedhofe in Eberstadt bei Butzbach war im April vorigen Jahres die Leiche eines neugeborenen Kindes mit Verletzungen am Kopfe gefunden worden, die auf gewaltsamen Tod hinwiesen. An die Staatsanwalt⸗ schaft gelangte bald darauf eine anonyme Anzeige, worin als mutmaßliche Mutter des Kindes die ledige Mina Görlach in Eberstadt sowie eine Ehefrau Marie Görlach in Betracht kommen könnten. Daraufhin begaben sich Staatsanwalt Reuß und Medizinalrat Haber⸗ korn nach Eberstabt, um Ermittelungen anzustellen. Die beiden Frauen wurden von Dr. Haberkorn unter⸗ sucht, der fand, daß die Mina Görlach vor kurzer Zeit geboren haben müsse. Doch wurde die Görlach erst später nach einem erneuten Gutachten des Direktors der Frauenklinik Prof. Dr. Pfannenstiel, verhaftet, Sle gestand im weiteren Verlaufe der Untersuchung ein, ge⸗ boren und ihr Kind getötet zu haben und wurde vom Schwurgericht zu 3¼ Jahren Gefängnis verurteilt.— Infolge der Untersuchung gab es in Eberstadt eine ge⸗ waltige Aufregung, zumal die Görlach allgemein für unschuldig gehalten wurde, auch kein Mensch etwas von ihrer Schwangerschaft bemerkt hatte. Abg. Köhler hörte davon und nach dem, was ihm erzählt wurde, glaubte er, daß sich die bei der Untersuchung beteiligten Beamten grobe Verstöße hätten zu schulden kommen lassen, gegen die er als Landtagsabgeordneter protestieren müsse. Er tat dies in Form der erwähnten Inter⸗ pellation, in welcher er die Maßnahmen der Behörden als Beschimpfung der weiblichen Ehre der Ehefrau Gör⸗ lach bezeichnet, die den Glauben an Recht und Ge⸗ rechtigkeit zerstöre. Köhler fragte weiter die Regierung, was sie gegen die Beamten zu tun gedenke; die diese „empörenden ärztlichen Eingriffe angeordnet und aus⸗ geführt haben, die sich als Verbrecher gegen die persönliche Freiheit und die allgemeine Sittlichkeit charakteristerten.“ Verteidiger Rechtsanwalt v. Brentano⸗Offenbach gibt zu, daß die Beamten schwer beleldigt sind. Aber ein Eingriff in die Justiz liegt nicht vor. Köhler glaubte, was er behauptete. Jeder in Eberstadt sei von der Unschuld des Mädchens überzeugt gewesen. Bös⸗ willig sei Köhler nicht gewesen, wenn er auch in der Form gröbste, törichtste Böcke geschossen habe. Eine Geldstrafe sei zur Sühne ausreichend. Das Gericht verurteilt den Angeklagten nach dem Antrage des Staats⸗ anwalts zu drei Monaten Gefängnis und Publikation des Urteils in der Darmstädter Zeitung und dem Gießener Anzeiger. Herrn Köhler ist also eine ziemlich schwere Strafe zudiktiert worden, wie sie wohl niemand erwartete. Das Friedberger antisemitische Blatt wird darüber nicht wenig zetern; doch mögen sich der Langsdorfer Bürgermeister und seine Leute mit den zahllosen Sozialdemokraten trösten, die wegen zehnfach geringerer Sünden härtere Strafen erhielten, was von der anttsemitischen Presse vielfach beifällig begrüßt wurde. o- Die Freie Turnerschaft Gießen veranstaltet am nächsten Samstag den 11. ds. Mts. abends 8 Uhr aus Anlaß ihres Stif⸗ tungsfestes auf dem Lenz'schen Felsenkeller einen Familienabend mit anschließendem Ball. Nach den getroffenen Vorbereitungen steht ein in jeder Beziehung genußreicher Abend in Aus⸗ sicht und verfehlen wir deshalb nicht, auch an dieser Stelle auf denselben hinzuweisen. Wegen der beschränkten Raumverhältussse haben nur Mitglieder und deren Angehörige Zutritt. (Näheres s. Inserat.)— Nachdem eine größere Anzahl von Damen ihren Beitritt zur Freien Turnerschaft erklärt, wurde in der letzten Vor⸗ standssitzung beschlossen, eine Damen⸗Riege ins Leben zu rufen, deren Turnabende in aller⸗ nächster Zeit beginnen sollen. Damen, welche gesonnen sind, dieser Riege beizutreten, wollen sich bei dem Vors. Herrn Gg. Baum, melden. Aus dem Nreise Wetzlar. — Kontrollversammlungen im Kreise Wetzlar werden abgehalten in: Wißmar, Bahnhof,— Wir tschaft Brück— 15. No⸗ vember 11 Uhr 30 vormittags, für Gleiberg, Krof⸗ dorf, Launsbach, Odenhausen, Salzböden, Vetzberg, Wißmar. Dutenhofen, Bahnhof, 15. November 3 Uhr 40 nachmittags für Atzbach, Dorlar, Dutenhosen, Kinzen⸗ bach, Münch holz hausen. Braunfels, Bahnhof, 15. November 1 Uhr nach⸗ mittags für Allendorf, Biskirchen, Bissenberg, Leun, Niederblel, Stockhausen, Tiefenbach. Wetzlar, Sophienhütte, 16. November 6 Uhr nach⸗ mittags, nur für die auf dem Buderus'schen Eisen⸗ werk, dem Portland⸗Zement⸗Werk und der Karol inen⸗ hütte beschͤftigten Koutrollpflichtigen. h. Unternehmer ⸗Interesse bei der Kontrollversammlung. Bei den diesjährigen Herbst⸗Rontrollversammlungen ist insofern eine Neuerung getroffen, als die auf den Buderus'schen Elsenwerken und Röhrengießerel, auf dem Walzwerk und der Zement⸗ fabrik beschäftigten Kontrollpflich tigen am 16. November, abends 6 Uhr nach der Sophienhütte hingehen müssen, um ihren Kontrollpflichten nachzukommen. Diese neue Einrichtung sieht auf den ersten Blick so aus, als ob sie im Interesse der Arbeiter getroffen set und eine Er⸗ leichterung für diese bedeute. Allerdings brauchen jetzt die auswärts Wohnenden nicht mehr ganze oder halbe Tage zu versäumen; dagegen müssen die Leute abends noch eine oder zwei Stunden liegen. Und das ist nach schwerer Tagesarbeit wirklich kein Vergnügen. So wird aber dafür gesorgt, daß dem Kapjitalisten keine Stunde Arbeitszeit verloren geht und ihm den Profit schmälert. Daß Gesetz schreibt bekanntlich aus drücklich vor, daß für solche Zeitversäumnis die im Taglohn beschäftigten Ar⸗ beiter den Lohn voll ausbezahlt erhalten müssen. Daß dies aber je auf den Buderus⸗Werken geschehen sei, davon hat noch kein Mensch etwas gehört. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. Zur Stadtverordnetenwahl! Arbeiter! Die Stadtverordneten⸗Ergänzungs⸗ wahl für die 3. Wählerklasse findet am Dlenstag, den 14. November von morgens 10 bis mittags 1 Uhr in der Aula der höheren Mädchenschule statt. Au diesem Tage habt Ihr zu entscheiden darüber, ob Ihr Leute in die Stadtvertretung wählen wollt, die es ernst mit der Wahrnehmung ber Arbeiterinteressen meinen oder ob Ihr die Vetternwirtschaft auf dem Rathause noch ver— mehren wollt. Von gegnerischer Seite sind Euch Kan⸗ didaten empfohlen worden, die Ihr absolut nicht wählen könnt. Ihr könnt diese Leute schon aus dem Grunde nicht wählen, weil sie ohne jegliches Programm aufge⸗ stellt worden. Hier spielt nur die Pee son die Rolle. Ganz anders dagegen bei den Kandidaten, die Euch vom sozialdem. Wahlverein vorgeschlagen sind. Wofür dieselben eintreten, ist Euch in dem ausführlichen Flug⸗ blatt, das Ihr diese Woche erhieltet, mitgeteilt worden. Lest am Tage der Wahl dies Flugblatt noch einmal durch, dann werdet Ihr zu dem Entschlusse kommen, nur die Arbeiter⸗Kandidaten zu wählen.— Man wird na⸗ türlich von gegnerischer Seite kurz vor der Wahl ver⸗ suchen, Euch von den Arbeiter kandidaten abzulenken. Laßt Euch jedoch nicht irre machen! Besonders wollen die Arbeiter im Nordvlertel und in den Fabriken ihre Pflicht besser als bei der letzten Wahl tun! Darum auf zur Wahl! Wählt die Kandip aten des sozialdem. Wahlvereins: Hermann Posern, Schuhmachermeister, Dr. Nobert Michels, Franz Fischer, Schriftsetzer. Als Ersatzmann: Valentin Steetz, Hilfsarbeiter. Ortskrankenkasse. Am Mittwoch, den 15. November hält die Ortskrankenkasse für Marburg ihre Generalversammlung in der Aula der alten Realschule ab. Auf der Tagesordnung steht zunächst ein Vortrag des Professors Hlllebrandt über ansteckende Krankheiten. Welter finden die Wahlen der Vertreter zur Generalversammlung und die Ergänzungswahlen zum Vorstand statt. Ueber die Aufgaben der Ver⸗ treter zur Generalversammlung sind die Mitglieder vor kurzem in der M. S.⸗Itg. unterrichtet worden. Die Mitglieder werden daher ersucht, nur für die von den Gewerkschaften vorgeschlagenen Vertreter zu stimmen. Die neugewählten Vertreter haben sofort ihres Amtes zu walten, indem sie die Ergänzungswahl zum Vorstande vornehmen. Es scheiden aus 2 Arbeitnehmer und 1 Arbeitgeber. Von seiten der Gewerkschaftskommission sind die Genossen Johannes Strube, Schreiner und Hubert Weber, Schriftsetzer vorgeschlagen. diese wollen die Vertreter stimmen. Mit dem Ankauf des Museums⸗ gebäudes durch die Stadt beschäftigte sich kürzlich eine Bürgerversammlung. Stadtverordneter Engel referierte darüber und legte eingehend dar, warum die Gesellschaft das Gebäude verkaufen will und ferner welche ungeheure Kosten aufgewendet werden müßten, wenn es zu einem modernen Theaterbau um- gewandelt werden soll. Daß das Gebäude nicht so bleiben kann, wie es zur Zeit ist, das hat ja auch die Gesellschaft eingesehen, und deshalb will sie es verkaufen. Da jedoch mindestens; Million Mark zum Ankauf und Umbau gehört, so können wir es nicht empfehlen, daß die Stadt das Gebäude kauft. Dem Referate folgte eine lange Debatte, in der sich besonders Herr He pepe gegen die Stadtverwaltung wendete. Nur Herr Stadt⸗ verordnete Siebert erklärte sich für den Museums⸗ ankauf. Schließlich gelangte eine Resolution zur An- nahme, in der die Stadtväter ersucht werden, gegen den Ankauf zu stimmen. Herr Heppe beantragte außer- dem noch, daß man Listen zum Sammeln von Unter— schriften herausgeben solle, um so allen Bürgern Gelegen— heit zu geben sich gegen den Ankauf zu erklären. Dieser Antrag wurde ebenfalls angenommen.— Da auch die Arbeiterschaft im allgemeinen Interesse gegen den An⸗ kauf Stellung nimmt, kann nur empfohlen werden, die Listen zu unterschreiben. Auch für * Teueres Brot. Auch in Hanau und anderen Orten haben die Bäcker einen Preisaufschlag auf Brot eintreten lassen, den sie mit Erhöhung der Mehlpreise begründen. BB Partei-Hachrichten. Die Vertrauensleute in den zum Wahlkreis Gießen-Land gehörigen Orten werden ersucht, das Wahlresultat am Mittwoch auf schnellstem Wege uns an die Adresse Wirtschaft O rbig⸗ Gießen mitzuteilen. Der Vorstand. Versammlungskalender. Samstag, den 11. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b. Metallarbekter. Abends 9 Uhr bei Orbig. Hausen. Arbeiter⸗Verein. Abends 8 ½ Uhr Mitgl. Versammlung bei Wirt Wallbott. Sonntag, den 12. November Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Mit⸗ gliederversammlung. Zahlreiches erscheinen! Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Aug. Rinn. Garbenteich. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Aben ds 8/ Uhr Versammlung bei Peter Becker. Zahlreich erscheinen! Wählerversamm lungen finden statt: Samstag in Staufenberg(Dr. Michels), Wieseck(Ulrich). Sountag Machmittags) Steinberg(Ulrich), Daubringen(Dr. Quarck), Alten⸗Buseck( Krumm u. Vetters); Abends: Watzenborn(Quarck). Briefkasten. An unse.e Korrespendenten und Leser! In heutiger Nummer mußten leider eine Anzahl Korre— spondenzen— besonders aus den Wetzlarer Kreise— zurückbleiben. Wir bitten deshalb um Nachsicht. Für Arbeiter und Landleute 8 bietet mein Lager die größte Auswahl in dauerhaften Arbeitsschuhen u. Stiefeln Freie Turnerschaft Glessen Samstag, den 11. November, abends 81% Uhr im Lenz'schen Fel senkeller Meine Wohnung befindet sich jetzt Bahnhofstrasse 41“. (zwischen Wolkengasse und Westanlage.) sowie sämtlichen WI nter schuhen. Familien⸗Abend Sprechstunden: Vorm. 8—9, Nachm. 2—3 Uhr. Die Preise sind billigst gestellt. Anfertigung nach Maß. Alle Reparaturen sofort. F. lens, Nelelus Lahnstrase 15. bestehend in Konzert, humo⸗ ristischen Vorträgen und 0 TANZ 5 Zu diesem Abend ladet die mugler freundlichst ein Der Vorstand. Sonn- u. Feiertags: Vorm. 810 Uhr. H. Arndt, pract. Arzt (früher: Bleichstr. 23 pt., Ecke Ludwigstr.) — Seite 6. Mitteldeutce Senntags-Bentung: von Nah und Fern. Krankenkassen⸗Schwindler vor Gericht. Das Urteil gegen die Gründer der sogenannten Krankenkusse„Thalia“ fiel ziemlich milde aus. Der Staat anwalt hatte gegen alle Angeklagte Gefängnisstrafen beantragt; das Gericht verurteilte nur Schomburg zu 6 Monaten Gefängnis, Hennes zu 270 Mk. und Wiechmaun zu 120 Mk. Geldstrafe. Diese geringen Strafen sind gewiß nicht geeignet ähnliche edle Seelen wie die Angeklagten von solchen Schwindelgründungen abzuhalten. Darum Taschen zu und Augen auf vor Schwindelkrankenkassen! Vorsicht bei Umgang mit Hunden. In Jena starb das einzige Kind einer Pösnecker Familie an Verlust der Leber infolge Hundewurm. Der arme Kleine hat ungeheure Schmerzen auszustehen gehabt, da die Aerzte nicht wußten, was dem Jungen fehlte. Durch Bauchumschläge kam dann der Eiter zu Tage. Die Sezierung der Leiche ergab, daß die Leber des Kindes durch den Hundewurm ganz durch⸗ löchert war. Solche Fälle sind schon öfter vor⸗ gekommen, daher müssen besonders Kinder davor gewarnt und behütet werden, mit Hunden in zu nahe Berührung zu kommen. Vom Arbeitergroschen. Der„Arbeitergroschen“ spielt bei den Fein⸗ den der Arbeiterbewegung von altersher bis auf den heutigen Tag eine große dankbare Rolle. Was ist nicht alles schon zusammengeredet, ge⸗ schrieben und natürlich gelogen worden über das Thema von den Arbeitergroschen, die in unerschöpflichem Flusse in die Taschen der schlemmenden, prassenden Arbeiterführer strömen! Jahrelang strömte die schöne, ganz genau spezialisterte Geschichte von den 12 Mil⸗ lionen Arbeitergroschen, die alljähr⸗ lich in die sozialdemokratische Parteikasse fließen sollten, in der ganzen bürgerlichen Presse, in Flugschriften und Büchern umher, hundertmal totgeschlagen als perfide Albernheit, aber immer wieder frisch und frech als„neueste Ent⸗ hüllung“ über die maßlose Ausbeutung der armen Arbeiter durch die Sozialdemokratie zu neuem Leben erwacht. Und tausend andere, kleine und große Geschichten solcher Art gingen und gehen heute noch durch die Presse und keineswegs nur durch das Kreisblatt und Klein⸗ staatpresse, sondern durch„sehr angesehene“ Blätter aller Richtungen. Das ist eben der „geistige Kampf.“ Daß so viele Arbeitergroschen in die Taschen der„Arbeiterführer“ fließen, ärgert unsere Gegner doch nur deshalb, weil sie diese Groschen lieber in den Taschen der armen Arbeiter bleiben sehen? Hm— das weniger! Sie glauben nur, der Arbeiter fände reiche Ge⸗ legenheit, die Arbeitergroschen in unvergleichlich höherer und edleren Art zu verwenden. Und darin haben ste ja auch ganz recht. Statt die Arbeitergroschen den„sozialdemo⸗ kratischen Blutsaugern“ zu geben, die aufreizend und umstürzend von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ziehen, von einem Gefängnis in das andere spazieren, ein wahres Herrenleben führen, könnten diese Arbeitergroschen in wahr⸗ haft ordnungsmäßiger lohaler, patriotischer Weise verwendet werden. Da zerbricht sich der arme neue Reichsschatzsekretär den Kopf, wie er die schwindsüchtige Reichskasse zu neuen Kräften bringt. Zwar fließt der Geldstrom viel breiter und gewaltiger in die Reichskasse, wenn erst der neue Zolltarif in Kraft sein wird. Und es sind lauter Arbeitergroschen, diese neuen hundert Millionen, die zu den alten aus den Zollein⸗ nahmen kommen, sauer verdiente Groschen der Aermsten, die diese sich vom Notwendigsten, vom Essen, Trinken, Kleiden abdarben müssen. Aber es reicht dem armen Reichsschatzsekretär immer noch nicht und neue Steuern auf Tabak, Bier und andere„Luxusbedürfnisse“ des Plebs sollen mehr Arbeitergroschen in die Kasse bringen. Kann es auch eine bessere Verwen⸗ geschluckten Arbeitergroschen geben? Welche herzerhebende patriotische und kul⸗ turelle Aufgabe können auch die Arbeiter⸗ groschen in Südafrika erfüllen! Für meine Groschen, auf meine Kosten werden in der süd⸗ afrikanischen Sandwüste tausende armer Be⸗ wohner jenes Landes, Männer, Weiber und Kinder, Verwundete und Gefangene ins Jen⸗ seits befördert— so ruft stolz der„gutgesinnte“ Arbeiter, der es verabscheut, seine Groschen den rohen, vaterlandslosen Hetzern daheim zu über⸗ anworten. 5 Sucht Ihr noch eine andere Gelegenheit, Eure Groschen loszuwerden, Ihr Arbeiter? Habt keine Angst, solche Gelegenheiten sind überreichlich da. Jeder nimmt ste, die Arbeiter⸗ groschen, jeder der braven Leute, die Euch nicht ernst und eindringlich genug warnen können vor den Verführungskünsten der„sozialdemo⸗ kratischen Aufwiegler“, jeder getreue Eckhart steckt sie gern und schmunzelnd in seine weite Tasche und jemehr er haben kann von diesen Arbeitergroschen, um so lieber ist es ihm. Schau nur den hochadeligen, blaublütigen Schweinezüchter an, wie er eben jetzt zur Zeit unerhörter Fleischteuerung grinsend die Geld⸗ rollen einsäckelt, die ihm die„Konjunktur“ be⸗ schert— lauter Arbeitergroschen, vom Schweiß und Blut der Armen klebend! Und sieh dort den„königlichen Kaufmann“, sieh den„genialen Leiter der Produktion“ wie ste geschickt in Ringen, Trusts, Kartellen die Preise zu treiben wissen, wie sie Millionen„verdienen“ die groschenweise den Arbeitern in den Preisen der notwendigsten Verbrauchsartikel abgezwackt werden. Wohin Du siehst, Arbeiter, überall wirst Du Scharen leidenschaftlicher Verehrer der Arbeiter⸗ groschen finden. Weist der Beamte, bis zum Höchsten hinauf, der hunderttausend Mark im Jahre bekommt, weist der Herr Pfarrer, der so schön zu reden weiß vom irdischen Jammer⸗ tal, von den Schätzen, die Rost und Motten fressen, von den Freuden des Himmels, etwa entrüstet die Arbeitergroschen zurück, die er in seinem Gehalt mitbekommt? Schau Dir auch mal den braven, liberalen, utramonanuen, kon⸗ servativen Zeitungsschreiber an, wie er auf die sozialdemokratischen Kollegen schimpft, weil sie den Arbeitern die Groschen abnehmen. Weißt Du, Arbeiter, nicht, daß diese„Männer der Ordnung“ nichts lieber haben wie Arbeiter⸗ groschen? daß sie von der furchbaren Wut er⸗ füllt sind gegen die sozialdemokratischen„Hetz⸗ blätter“, die ihnen die Abonnenten und damit die Arbeitergroschen abwendig machen. Her mit den Arbeitergroschen! So tönt von überall her das Feldgeschrei und so, lieber Arbeiter, greife nur hinein in Deine Tasche, und hole den letzten Pfennig hervor. Du hast unendlich viele Freunde der Arbeitergroschen vor Dir, daß Du wirklich nicht wissen wirst, wem Du zunächst zu Hilfe kommen sollst. Jeder hofft, jeder betkelt, jeder fordert— jeder aber sagt Dir: Nur keine Arbeitergroschen für die verderblichen Lehren der Sozialdemokratie und ihre habsüchtigen, in Glanz und Ueberfluß lebenden Führer! Sehiller. (Geboreu 10. November 1759, gestorben 9. Mai 1805.) Aus lang gehäuften schweren Aergernissen Brach los das Ungewitter deiner Seit. Da fand der Sturm erwachender Gewissen Auch Dich, den Jüngling, rasch entflammt bereit; Da hat auch Dich der Glaube hingerissen An Menschenliebe und Gerechtigkeit, Als könnte die Vernunft in wenig Tagen Die Torheit von Jahrtausenden zerschlagen. den roten Führern gierig 9 Die allzu rasche ungestüme Glut. Es galt geduldig um das Siel zu kämpfen, Zu fern dem Sprunge. Aus der Enttäuschung ersten bittern Krämpfen Wuchs Dir ein ruhig abgeklärter Mut, Den keine nah geträumte Zukunft blendet, Der sich an's Mögliche bescheiden wendet. Doch wenn auch nicht mit allen tausend Masten Du von der ersten Ausfahrt heimgekehrt, Es war kein Grund für Dich zu faulem Raste n, Dir blieb der große Wille unversehrt. HNast mit der jungen Träume falschem Hasten Nicht fortgeworfen ihren Kern und Wert, Hast, treu Dein Selbst stets edler zu gestalten, Den Glauben auch zur Menschheit fest gehalten. Bist nie gesunken zu den kleinen Feigen, Die träge folgen der Gewohnheit Macht. Du wagtest, freien Blicks hinabzusteigen In der Geschichte schätzereichen Schacht. Du machtest die Gedanken Dir zu eigen, Die Dir die kühnsten Denker vorgedacht, Und Dir ist nie im Qualm der Alltagsstunden Der Swigkeiten Sternenlicht entschwunden. Hast mit der Stumpfheit dieser Welt gestritten Um Menschenstrebens heiligstes Gebiet, Bis Dich erbarmungslos der Tod inmitten Des reinsten, schönsten Schaffens fort beschied, Und still gefaßt hast Du auch ihn erlitten, Den ohne Schmerz kein Fleißger nahen sieht. Das ist's, was wir aus Deinen Werken lesen: Du bist ein wahrhaft großer Mensch* gewesen. Edle Menschlichkeit, reichste und reinste Entfaltung aller dem Menschen eigenen Kräfte, Humanität, das galt allen unsern klassischen Denkern und Dichtern als höchstes, erstrebenswertes Zei. l Wenn Mama nähen muß. Von Dorethee Goebler. Ein enges Zimmer nach dem Hofe hinaus, die Wände kalt, die Einrichtung ärmlich, nur auf das notwendigste beschränkt. Am Fenster steht eine Nähmaschine, eine Frau sitzt baran und läßt die Räder fliegen. Sie ist noch nicht alt, aber ihre Augen haben tiefe Ränder. Ihre Wangen sind gelb und farblos, ein Zug von Müdigkeit liegt um ihren Mund, jene tiefe Müdigkeit, die von Hunger und Elend, von durchwachten, durcharbeitenden Nächten spricht. Ohne aufzusehen zieht sie den feinen Batist durch die Maschine. All' ihre Bewegungen sind von fliegender Hast. Sie muß sich'ran⸗ halten; wenn ste nicht bis fünf Uhr im Ge⸗ schäft war, wird die Kommisston nicht mehr verrechnet, und die Nachtjacken reißen doch den ganzen Wochenverdienst heraus. Zwölf Mark diesmal, eine hübsche Summe. Sie hat zwar beinahe alle Nächte dafür auf⸗ sitzen müssen und noch den Sonntag! durchge⸗ arbeitet, es schadet aber nichts. Wenigstens kann ste nun die sieben Mark Mietsrest bezahl en und braucht nicht mehr vor der Exmission zu bangen. Wie es mit dem Lebensunterhalt werden soll, ist ihr freilich noch unklar. Fünf Mark Wirtschaftsgeld für steben Tage, damit war schlecht haushalten. Ob ihr der Wirt noch 2 Mark ließ? Na, der hatte schon vorige Woche ein Gesicht gemacht, und die Schuld stand auch schon so lange, noch von damals her, wo ihr Mann starb. Nein, dem Wirt sagte sie lieber nichts. Aber wie denn? Sie versuchte in Gedanken einen Ueberschlag zu machen. Siebzig Pfennig gingen ab für Milch für das Kind; dem durfte nichts fehlen. Sie warf einen zärtlichen Blick zu dem Buben hinüber, der spielend auf dem Kissen in der Ecke saß! Etwas Mehl war noch da. Das gab für drei Mittage eine Suppe. Die anderen Tage behalf man sich mit Kaffee und Schmalzstulle, etwas Wurstabfall gab ihr wohl die Schlächtersfrau. Nun ja, so würde es gehen. Sie atmete auf, dann verfinsterte sich plötzlich ihr Gesicht, die Kohlen— an die Kohlen hatte sie noch nicht gedacht. Woher die nehmen? Mit einer ungeduldigen Bewegung riß sie die Arbeit herum. Ach was, das mußte eingerichtet werden. Der Grünkramhändler mußte noch einmal borgen. Sie wollte mit ihm sprechen, gleich nachher, wenn sie vom Liefern kam. Hundert Preßkohlen und drei Und Du kämpftest gut. b it . r e 5— ——— —— micteldeutsche Sonutags⸗Zeuung. Seite 7. Fit Petoleum, das war am Ende doch keine e lan Würden drei Liter reichen? Sie hielt inne und sah bedenklich vor sich hin. Na, es war wohl schon besser, sie sprach gleich um vier an, sie mußte doch wieder die Nächte arbeiten, da verzehrte die Lampe schon etwas. Ste seufzte auf, beugte sich aber zugleich wieder tiefer über Arbeit. Na, man nicht tragisch werden, dabei kam nichts heraus. Ueber⸗ haupt war es gleich zwei Uhr und ste hatte noch sieben Jacken Aermel und Kragen einzu⸗ nähen. Eine fliegende Röte stieg in ihren Wangen empor. „Mami!“ Eine kleine, zierliche Gestalt ist neben sie getreten, ein weiches Händchen legt sich auf ihren Arm. „Was denn, Fritzchen?“ Sie fragt es ohne, aufzusehen. „Mami, Fenster gucken!“ „Aus dem Feuster gucken will das Kind? Na ja, warte nur noch ein Weilchen, ich habe jetzt keine Zeit. Geh', spiel mit deinem Hotte⸗ pferdchen.“ „Fenster gucken.“ Er wiederholt es mit dem Eigensinn kleiner Kinder und versucht sich, um ihren Stuhl herumzudrängen. „Nein, hier kannst Du jetzt nicht durch, Du störst mich— geh'!“ Der Kleine schrickt bei dem rauhen Klange ihrer Stimme zusammen. Ein Weilchen steht er, den Finger im Munde, und überlegt, dann tappelt er, von einem neuen Gedanken erfaßt, zu seinem Spielzeug zurück und nimmt es auf: „Ach ja,— Hotti is krank. Armer Hotti sehr sehr krank. Zudecken, Mami, ja?“ „Ja, ja— deck ihn nur zu. Nein, aber, was machst Du denn da, Du unnützer Junge? Wirst Du'mal Mamas Arbeit liegen lassen!“ Sie springt cuf und reißt ihm die spitzenbe⸗ setzte Jacke fort, in die er eben das schmutzige Holzpferd wickeln will.„So, jetzt bleibst Du hier in der Ecke sitzen und spielst, und nicht ge⸗ rührt, verstanden?“ Mit hartem Griffe drückt sie ihn auf sein Kissen nieder und stürzt nach ihrer Maschine zurück. Schon gleick drei Uhr und noch fünf paar Aermel! Die Maschine rasselt von Neuem, eine ganze Weile hört man nichts als das Klappern der Rä der, dann plötzlich ein feines, tränendurch⸗ zitterntes Stimmchen:„Nicht böse, Mami, Fritzchen gut sein— nicht böse.“ „Nein, nein, ich bin dir auch nicht böse, Herzchen, aber nun stör' mich auch nicht, Mama muß nähen...“ „Mami— Kuß geben!“ „Ja, Mama wird dir einen Kuß geben, aber nachher. Jetzt geh' nur— geh'!“ Sie schleudert die Jacke, die eben fertig geworden, zu den andern und nimmt eine neue aus dem Arbeitskorb; nur noch zwei, Gott sei Dank! „Mami, jetzt Kuß geben.“ Er ist hinter ihr auf den Stuhl getlettert, weiche Aermchen um⸗ schlingen ihren Huls. „Fritz“:— sie springt auf, ihre Augen funkeln, alle ihre Glieder zittern,„Fritz, Du kannst einen rasend machen. Willst Du mich jetzt endlich zufrieden lassen, marsch in die Ecke!“ Sie nimmt ihn am Arme und stößt ihn rauh in die Stube hinein. Er starrt sie einen Moment verdutzt an, er weiß gar nicht, was er böses getan hat. Sein Gesicht verzieht sich, er beginnt zu weinen. — Sie hörk es wohl, aber sie achtet es nicht. Eigentlich fühlt ste sich versucht zu ihm hinzu⸗ stürzen, ihn an die Brust zu reizen und abzu⸗ küssen, aber nein, bloß nicht— bloß nicht Zeit verbummeln jetzt, jede Minute ist Geld. Ach, es war doch eigentlich ein Hundeleben. — Arbeit Tag und Nacht, nichts zu essen und dann nicht einmal Mutter sein dürfen, nicht einmal Mutter sein!— und während sie die letzte Jacke unter die Maschine schiebt, fließen große Thränen ihre abgezehrten Wangen hinab. Allerlei. Pfarrstellen⸗Ver gebung in früheren g Zeiten. Auf welche Weise im 17. Jahrhundert mancher„Diener Gottes“ zu einer Pfarre kam, das erfahren wir aus dem Rosenow'schen Werke „Wider die Pfaffenherrschaft“: Behandelten nachgerade die Fürsten ihre Hofgeistlichen gleich Lakalen, so sprangen die Junker mit ihren Dorfpfarrern wie mit Stallknechten um. Wer eine Pfarre haben wollte, mußte zunächst den adeligen Patron tüchtig„schmieren“.„Die schmierenden Narren kriegen die besten Pfarren“, klagt ein Zeit⸗ und Amtsgenosse in einer Predigt. Aber damit nicht genug:„Wann der Studkosus“, so schreibt Schuppe,„sein ganzes Patrimo⸗ nium auf Universttäten verzehrt hat und endlich ein Dienstlein sucht und den Collatoribus(Ver⸗ mittler) die Hände nicht vergülden kann, wie muß er dich oft vor einem kahlen Dintensteber, vor einem Schreiber oder Stiefelschmierer bücken, den Hut abziehen, wenn er ihn bei seinem Herrn anmelden soll und dann heißt es noch oben⸗ drein: domine Johannes, ihr sollt zwar Dienst haben, aber ihr müßt Jungfer Margareth, meiner gnädtigen Frau Kindermädchen heiraten.“ Dieser Brauch der Junker, eine abgelegte Maitresse um den Preis der Pfarr⸗ stelle an den geistlichen Anwärter zu verkuppeln, war ein ganz allgemeiner... Aphorismen. Dem einen sind wir zu theologisch, dem anderen zu semitisch infiziert, dem dritten sind wir nicht kirchlich, dem vierten nicht politisch genug, hier sind wir einem zu liberal, dort einem anderen zu vorsichtig, der findet zu viel Beamte, jener zu viel Sozialdemokraten in unseren Reihen. Die„Menschlichkeit“ aber, die uns alle verbindet?— Und auf welches Häuflein unter all diesen tapferen„Bildungsverfechtern“ sollen wir uns nun beschränken? * Dem Redakteur eines kleinen Kreisblattes bot ich im Interesse der Volksbildung einmal unentgeltlich Be⸗ sprechungen guter Bücher an. Er antwortete, das könne er nur, wenn die betreffenden Buchhändler bei ihm inserierten! Bald darauf kam der Sedanstag und der Hauptgedanke des Leitartikels war, das uns, den Epi⸗ gonen jener tapferen Sieger, zur Zeit leider nicht ver⸗ gönnt sei, unseren„Ideallsmus“ durch Taten zu be⸗ weisen. * Was war doch der Gedanke, der unsere Klassiler in all ihrem Schaffen beherrschte? Das Humanitätsideall Aber nach ihnen kamen die Jahre der Reaktion und die großen Kriege. Wir wurden„schneidig“, teilweise sogar „verflucht“ oder„verdaumt“ schneidig. Und was ist inzwischen aus jenem Gedanken geworden? Die„Humanitätsduselet!“ * Auch eine gute Resonanz gehört zu dem Ton, der klingen soll. Um begeistert für eine Sache sprechen zu können, genügt es nicht, selbst begeistert zu sein. Es gibt Menschen, denen gegenüber unsere eignen Gedanken einen fremden Klang bekommen. Da verliert man dann bald die Lust, überhaupt zu sprechen. * Noch immer haben im ganzen Verlauf der Geschichte die Feinde und Verkenner neuer Errungenschaften deren Vorkämpfern möglichst niedrige, egoistische Motive unter⸗ geschoben, und wo alle andern Vorwürfe hatten wider⸗ legt werden können, da ließ sich noch immer der des Ehrg eizes oder der Ruhmsucht gebrauchen. Mit ihm kann man auch das größte Opfer noch verkleinern, das ein Sterblicher seinen Mitbrüdern überhaupt darzu⸗ bringen hat: das des Lebens. Nur an die Selbst⸗ losigkeit oder an die geistige Ueberlegenheit eines anderen zu glauben, das wird allen Philisterseelen ewig unmög⸗ lich bleiben. (Gem einnützige Blätter.) Humoristisches Reingefallen. A.: Der österreichische Reichsrat hat ja jetzt den„roten Adler“ gekriegt.— B.: Nicht möglich? Unser Kaiser war doch jetzt gar nicht in Wien?— A.: Wer meint denn den roten Adler⸗ Orden? Ich meine doch den Viktor Adler, den die Reichenberger Arbeiter in den Reichsrat gewählt haben. De koriert. Ein biederer Landpfarrer erführt währen d des Gottesdienstes, daß sein etwas beschränkter Neffe einen Orden bekommen habe.„Guter Jesus,“ sagt er, indem er die Hände zum gekreuzigten Christus erhebt,„mein Neffe und Du sind dle einzigen, die ihr Kreuz nicht verdient haben!“ Im Zweifel. Diener(der erst seit kurzem bei einer neuen Herrschaft eingetreten):„Ich weiß nicht, meine jetzige Herrschaft zahlt alles gleich... sind sie so nobel oder krieben sie nichts mehr gepumpt 2!“ (Fl. Bl.) Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka „befindet sich jetzt Marktplatz Ii am Kriegerdenkmal. ——ê r Literarisches. Die Hohenzollern⸗Legende, Kulturbilder aus der preußischen Geschichte vom 12. bis zum 20. Jahr⸗ hundert, ist bis zum Hefte 32 erschienen. Wir sehen in diesen Heften die Geschichte des„Alten Fritz“ und erfahren die wirklichen Motive, die ihm zu den jahre⸗ langen Kriegen um Schleslens Besitz Veranlassung gaben. Das im Heft 29 beginnende 13. Kapitel:„Ueber⸗ spannung des Absolutismus“ hat u. a. folgenden Inhalt: 1. Die Eroberung Schlesiens.— Dynastisches oder volkswirtschaftliches Interesse?— Das Bekenntnis zum Ehrgeiz.— Der erste Sieg.— Bündnis mit Frankreich. — Zöeifacher Bruch des Bündnisses und Sonderfriede mit Oesterreich.— 2. Die resignierte Stimmung.— Neue Gefahr und neuer Vorstoß.— Ein unglücklicher Feldzug.— Drei Siege.— Die russische Gefahr.— Der neue Friede.— 3. Wirtschaftspflege.— Beteiligung des Adels an der Rente des Absolutismus.— Mono⸗ polist erung der oberen Verwaltung für die Junker.— Kampf um die Bauern.— 4. Kabinetts regierung.— Der König als Lobredner der Republik.— 5. Die persönliche Philosophie des Königs.— Aufklärungs ver; bote.— Lockerung der Sitten in der herrschenden Ge⸗ sellschaft. Die Hefte sind zum Preise von 20 Pfennig durch die Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung zu beziehen. Die bereits erschienenen Hefte können nach bezogen werden. Steingutwaren Marktstraße 4 Giessen. las-, Porzellan- und empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen. Lang& Wiederstein Telephon 394 Wasserkrüge Packkörbe kaufen Benner& Krumm. Täglich frischen Obstkuchen Kaffeegebäck L. Müller Bahnhofstraße 61. C. F. Schwarz Söhne (Inh.: Heinrich Möller) Reichhaltiges Lager in: 150 Herren⸗, Knaben⸗ und Arbeitskleidern Stoffe im us sschnitt. ⸗ Anferngung nach Mass. Feste Preise! Streng reelle Bedienung! marktstrasse und Ecke Wettergasse. 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