er und d Jagd. an bis yosen in er. en und Lamm⸗ vorzig⸗ U 5 2 5 8 8 7 2 2 2 . E 7 9 2 8 1 — 2 8 S 8 3 sthalen kasten leinen waren anitlon ** — FFP N N — — 5 — Nr. 50. Gießen, den 10. Dezember 1905. Serre——.———ũ 12. Jahrgang. Redaktion: Lirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Mebaktionsschluß Dommerstag Nachmittag 4 U e kitung. Abonnementspreis: Bestellungen 1 Jnserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) 331/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die Kleischnot im Reichstage. In der Sitzung am vorigen Donnerstag und Freitag beschäftigte sich der Reichstag mit der . Fleischnot. Unsere Genossen hatten hierüber eine Inter⸗ pellation eingebracht, die von Scheidemann in der ihm eigenen sachlichen Weise begründet wurde. Seine außerordentliche rednerische Be⸗ gabung ist ja allen unsern Lesern bekannt. Er zergliederte eine famose vom Landwirtschafts⸗ Ministerium über die Fleischnot herausgegebene Denkschrift in einer Weise, die ihm den Beifall der gesamten Linken eintrug, während die Rechte sich bemühte, durch kräftiges Grunzen den Schweinemangel zu leugnen. Unter anderem führte unser Redner aus: Heute handelt es sich um künstlich hervorgerufene Mißstände, um die Folgen der agrarischen Inter⸗ essenpolitik, für deren Verwerflichkeit mir der porla⸗ mentarische Ausdruck fehlt.— Besteht eine Fleischteuerung oder handelt es sich nur um einen von der Sozial⸗ demokratie zu Agitatlonszwecken hervorgerufenen Fleisch⸗ teuerungsrummel? Die Beweise für die Fleischnot sind nunmehr schon so umfangreich geworden, daß man sie vernünftigen Leuten erst gar nicht mehr zu beweisen braucht. Ich will nur einige besonders kennzeichnen. Aus den Antworten von den 40 größten Schlachthäusern Deutschlands nehme ich die von Berlin, Hamburg und Breslau. Danach hat im Vergleich des 3. Quartals 1904 zu dem 3. Quartal 1905 die Zahl der Schweinen schlachtungen abgenommen in Berlin um 4964, in Ham burg um 3197 und in Breslau um 3608. Im ganzen sind die Schweineschlachtungen in Deutschland von 3 508 000 im 3. Quartal 1904 auf 3 030 000 im 3. Quartal 1905 zurückgegangen. Das Mindergewicht der in diesem Jahre geschlachteten Schweine beträgt also über 57 Millionen Kilogramm, d. h. 1,05 Kilo⸗ gramm auf den Kopf der Bevölkerung. Weiteres Material bieten die Denkschrift des Deutschen Fleischer⸗ verbandes und die besonders wichtige Eingabe des Berliner Magistrats an den Minister für Landwirtschaft. Da ist zahlenmäßig nachgewiesen, wie in Berlin in dem letzten Jahre, besonders aber in den letzten 7 Monaten, die Preise für alle Flelschsorten, am stärksten aber für Schweinefleisch, das Hauptnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung, gestiegen sind. Wenn Sie aber trotz alledem nicht an die Fleischnot glauben wollen, rufen Sie doch das ganze deutsche Volk zum Zeugen auf, fragen Sie doch die Millionen von Arbeitern, die Hunderttausende von schlecht bezahlten Post⸗ und Eisen⸗ beamten, den nach Ihrer stets wiederholten Angabe besonders leidenden Mittelstand, wie schwer auf ihnen die Fleischnot lastet. Wenn auch das noch nicht genügt, der sehe sich den Sturmlouf nach den städtischen Frei⸗ bänken an, wo minderwertiges Fleisch verkauft wird, der beobachte einmal, wie die durch die Städte ein⸗ gerichteten Fischverkaufsstellen bestürmt werden, der lese die Zeitungsinserate, in denen nicht allein fettes Pferde⸗ fleisch, sondern auch Hundefleisch angeboten worden ist. In der Denkschrift wird zugegeben, daß die Preise für Schweinefleisch in Berlin auf 1,15 Mark pro Pfund in die Höhe gegangen sind. In zahlreichen andern Städten ist dieser Preis schon seit Monaten erreicht. Jedenfalls steht nach dem von mir vorgebrachten, ver⸗ hältnismäßig geringen Matertal zweifellos fest, daß unter allen Umständen eine Fleischnot besteht. Es steht fest, daß die deutsche Viehzucht nicht in der Lage gewesen ist, den Bedarf an Schlachtvleh zu decken, ferner daß wir unser Land so gut wie abgesperrt haben gegen die Einfuhr, und drittens, daß durch das Fleischbeschau⸗ gesetz dafür gesorgt ist, daß auch die Zufuhr zubereiteten Fleisches sehr wesentlich gehindert worden ist, d. h. das Fleischbeschaugesetz hat gewissermaßen die Kompottschüssel der Herren Agrarier zum Ueberlaufen gebracht.(Sehr gut! bei den Soz.) Auf Grund dieser Tatsachen haben nun eine ganze Anzahl Berufsgruppen Eingaben gemacht. Daß Herr v. Podbielskt sich den Forderungen dieser Eingaben ablehnend verhielt, war als ganz selbstverständlich vor⸗ auszusetzen. Aber die ganze Art und Weise, wie Herr v. Podbielski„nein“ sagte, wie er beim opulenten Mahle vielleicht beim dritten, vierten Gange gesagt hat:„Nee, Fleischnot gibt's nich“ hat bei dem ganzen deutschen Volke die allergrößte Entrüstung hervorgerufen. Wie kann ein Mann, der selbst ein großer Schweinezüchter ist, in dieser Frage überhaupt als objektiv urteilender Mann angesehen werden? Man hat im Volke kein Verständnis dafür, daß ein Mann, der im Privatleben eine derartige Stellung einnimmt, gleichzeitig Minister für Landwirtschaft und Viehzucht sein kann. Wenn der deutsche Reichstag etwas mehr Rechte und Rückgrat hätte, würde Herr v. Podbielski keine 24 Stunden mehr Minister sein. Herr v. Podbielski hat sich sogar dazu bereit erklärt, dem sozialdemokratischen Parteivorstand Ferkel zur Verfügung zu stellen. Das ist nicht die Art und Weise, wie ein Mann in seiner Stellung zu einer derartig wichtigen Frage Stellung nimmt. Darüber sollten Ste(nach rechts) mit mir eines Sinnes sein. Freilich es kann keiner aus seiner Haut heraus. Von Herrn v. Podbielski eine andre Antwort erwarten, wäre dasselbe, wie von Minister Ruhstrat erwarten, daß er das Pokern für ein Glückssplel erkären könnte. Von weit einschneidender Bedeutung ist das Verhalten des Herrn Reichskanzlers. Fürst Bülow hat immer Herrn v. Podbielski vorgeschoben und sich um eine klippe und klare Stellung herumgedrückt. Dabei hätte er sehr wohl selbst dafür sorgen können, daß die Grenze z. B. für eine erhöhte Schweineeinfuhr aus Rußland geöffnet wurde.(Sehr richtig! links.)— Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen widerlegt Redner die Behauptungen der Re⸗ glerungs⸗Denkschrift in Bezug auf die Ursachen der Fleischnot und kommt dann auf die angeb⸗ liche Seuchengefahr zu sprechen. Hierzu bemerkte er: Wie liegen denn die Dinge im Auslande in bezug auf die Verseuchung? Nach den Anlagen zu der Denk⸗ schrift ist Maul⸗ und Klauenseuche bei Rindern im Jahre 1904 in Holland in 4 Fällen, 1905 in keinem Falle festgestellt; in Frankreich kamen 1904 4 Fälle, 1905 1 Fall vor, in Dänemark 1904 7 Fälle, in diesem Jahre kein Fall. Von der Schweineseuche kamen in Holland im 4. Quartal 1904 116, im 2. Quartal 45 Fälle vor, in Dänemark im Dezember 1904 22, im April 1905 9 Fälle vor. Wie steht es aber in Deutschland aus? Durch Rotlauf waren bei uns im vorigen Jahre über 36 000, in diesem Jahre 55 000 Gehöfte verseucht, durch Schweineseuche 17 289 Gehöfte. Angesichts dieser Tatsachen sollte man doch mit dem Rufe aufhören, das Ausland sei verseucht.——— Der Notstand in bezug auf das Fleisch ist künstlich hervorgerufen worden durch die unsinnige Agrarpolitik. (Sehr wahr! bei den Soz.) Die Fleischnot wird gesteigert durch die Handhabung des Fleischbeschaugesetzes. In der Denkschrift wird gesagt, daß die Folgen dieses Gesetzes sehr übertrieben würden, und es wird darauf hingewiesen, daß jetzt das minderwertige Fleisch, das früher den inländischen Markt überschwemmt habe, zurück⸗ gedrängt werde. Nun, man hat ja sehr hohe Unter⸗ suchungskosten eingeführt und die Einfuhr außerordent⸗ lich beschränkt und sogar direkt verboten. Im Reichs⸗ amt des Innern ist zur Sprache gekommen, daß gepökelte Rinderzungen in gekochtem Zustande ungehindert ein⸗ geführt worden seien. Das Reichsgesundheitsamt ver⸗ bot nun die Einfuhr als gesundheitsschädlich, das Reichs⸗ amt des Innern aber ließ die Einfuhr mit Rücksicht auf den Handel noch für eine bestimmte Zeit zu. Sind die Rinderzungen gesundheitsschädlich, so ist es ver⸗ brecherisch sie hereinzulassen; ist das nicht der Fall, so ist's ein Unsinn, sie hinauszuweisen. Der Fall ist wohl nicht an die Oeffentlichkeit gekommen, ich kenne ihn aber trotzdem, Die Denkschrift sagt, mit der Verminderung des Fleischkonsums sei es nicht so schlimm, wie es be⸗ hauptet werde. Die Fleischteuerung wird ja von den enragiertesten Agrariern zugegeben. Bei den Behaup⸗ tungen der Denkschrift muß man an das Wort Oren⸗ stiernas an seinen Sohn denken: Du weißt nicht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird. Wenn gesagt wird, daß trotz der hohen Fleischpreise das Fleisch gekauft werde, so beweise das, daß derjenige, der das sagt, vom Volksleben nicht die geringste Vorstellung hat. Die oberen Zehntausend gehen mit ihrem Fleisch⸗ konsum nicht zurück, sie kaufen das Fleisch auch, wenn der Preis zehnmal so hoch ist, wie jetzt.(Sehr richtig! bei den Soz.) Scheidemann wies es dann weiter zurück, für die Fleischteurung die Metzger verantwort⸗ lich zu machen, wie es von agrarischer Seite geschehen ist. Er zeigte ferner die Verderblich⸗ keit der agrarischen Beutepolitik an zahlreichen Beispielen und schloß seine auch von Gegnern als sachlich und geschickt bezeichneten Ausführ⸗ ungen unter lebhaftem Beifall der gesamten Linken mit den Worten: „Ich hoffe deshalb, daß der Vertreter des Reichs⸗ kanzlers in diesem Sinne jetzt unsern Forderungen Zu⸗ geständnisse machen wird. Wenn wir Bosheitpolitit betrieben und lediglich das Interesse unsrer Partei im Auge hätten, könnten wir nichts Besseres wünschen, als daß sich die Regierung wieder ablehnend verhält; denn Not lernt denken, und wer denken kann, ist auf dem besten Wege zur Sozialdemokratie.“ Posadowsky gab hierauf eine kurze Er⸗ klärung ab, in der die Grenzöffnung kurzer Hand abgelehnt wird. Dann stellte sich Pod⸗ bielski, der schweinezüchtende Landwirtschafts⸗ minister, als verkannte Unschuld vor, die sich von einfachen Menus pro 3 Mark nährt und selbst bei festlichen Gelegenheiten keinen Cham⸗ pagner trinkt, seufzend die Berliner Viehhof ⸗ rechnungen begleicht und mit schier übermensch⸗ licher Geduld die Angriffe der bösen Preß⸗ jungen über sich ergehen läßt. Dagegen stellte sich der Agrarierhäuptling v. Oldenburg mit dem Dreschflegel vor den Zollernthron auf und drohte der Linken mit Pücklerhtieben. Der Heiterkeitserfolg der beiden Redner war so ziemlich der gleiche und darin kamen sie über⸗ ein, daß die wahre Urheberin der Fleischnot die— Sozialdemokratie seti. Der freisinnige Volksparteiler Pohl sprach mit freistuntger Abschwächung und unter wesentlicher Be⸗ schränkung auf die allerdings besonderen Zu⸗ stände Oberschlestens im Sinne der Inter⸗ pell anten. Die Erörterungen über die Frage der Fleisch⸗ not nahmen noch den ganzen Freitag in Anspruch. Für weitere Aushungerung des Volkes sprachen die Agrarier Stubbendorf, Paasche, Reventlow, Schwerin⸗Löwitz und der Schweinezüchter Pod. bielski. Letzterer stellt sich als Minister immer so hin, als handele es sich um seine eigenen persönlichen Interessen und es ist ja auch in der Tat so. Es ist unglaublich, was die agrarischen Freibeuter dem deutschen Volke bieten dürfen; so oft ist die Unverfrorenheit dieser Gesellschaft, die mit dem Wohle des Volkes ihr ver⸗ brecherisches Spiel treibt, gebrandmarkt worden, und gleichwohl kann sie es wagen, immer wieder hohnlachend allen Anklagen gegenüber⸗ zutreten. Da geht seit Monaten ein Ent⸗ rüstungssturm durch Deutschland, nicht nur die hungernden Arbeiter, denen junkerliche Proftt⸗ gier den letzten Bissen Flelsch vom Tische raubt, auch das Bürgertum, Städte- und Gem iade⸗ 1 —— eite 2. .— ̃1.. 7˙‚— r vertreter erheben Protest. Und der Erfolg? Die Anklagen gegen die Begünstiger und Förderer der Flelsch⸗ und Viehnot werden von den Beschuldiglen mit Frechheiten und Stall⸗ witzen beantwortet. Das ist auch eine Folge des Zollwuchersteges von 1902. Das deutsche Volk hat 1903 die Zollwuchermehrheit nicht mit Schimpf und Schande aus dem Reichstag hinausgefegt, bürgerliche Feigheit, freisinniger Verrat und Indolenz ländlicher Arbeitermassen aben die alte Reichstagsmehrheit e gleich Part erhalten, und darauf stützen sie sich. So lange die Voraussetzungen für die Wahl einer so großen Zahl reaktlonärer Volksausbeuter noch gegeben ist, sehen sie keine Ursache, sich Beschränkung aufzuerlegen. Und sie sind noch alle einig in ihrem Ziel der Volksauspowerung: die„frommen“ Zentrumschristen und der nationalliberale Paasche⸗Afrikanus gehen Arm in Arm mit den ostelbischen Junkern vom Schlage der Ne Paasche und der aufgeblasene Autisemit Reventlow tadelten die „Scherze“ des preußischen Landwirtschafts⸗ ministers nur deshalb, weil sie zur„Verhetzung“ egen die agrarischen Parteien gebraucht worden feen. Bei Paasche war der Zweck dieses milden Tadels Podbielskis sehr durchsichtig, er glaubte die Wucherpolitik um so nachdrück⸗ licher und wirkungsvoller in Schutz nehmen zu können, wenn er die plumpen Verhöhnungen der notleidenden Bevölkerung durch den preußi⸗ schen Landwirtschaftsminister preisgab. Hierauf rechnete unser Freund Molken⸗ buhr mit den Agrarkern nochmals grüudlich ab. Am Anfange seiner Ausführungen wandte er sich gegen den dicktuerischen Antisemtiten Graf Rebentlow, der gewohnheitsmäßig jedem die Sachkenntnis abspreche, der andere Meinung sei als er. So habe er behauptet, jeder Fall von Maul⸗ und Klauenseuche werde über die Grenze eingeschleppt; aber von den über 1100 verseuchten Gehöften sind über 1000 in Provinzen, die entweder keine Grenzprovinzen sind, oder in die im letzten Jahre kein Stück Vieh aus dem Auslande eingeführt worden sst.(Viel- faches Hört, Hört! links.) Mag nun Graf Reventlow den versprochenen Beweis für jeden einzelnen Fall antreten; es dürfte ihm das schwerer fallen, als leichtfertige Behauptungen. — Gegen Podbielski bemerkte unser Genosse: Als Grund für die Höhe der Fleischpreise sind vom Herrn Landwirtschaftsmlusster auch die städtischen Oktrois angeführt worden. Wenn es dem Herrn Landwirtschastsminister ernst wäre mit der Beseitigung der städtischen Oktrois, so sollte er dafür sorgen, daß das allgemeine gleiche Wahlrecht für die Stadtvertretungen eingeführt würde; dann würden sehr bald Stadtvertretungen zusammenkommen, welche mit derartigen Mißsländen aufräumen. Wenn ubrigens einzelne Kommunen wirklich dazu übergehen, solche Oktrotis zu beseitigen, so tritt ihnen die Regierung dabet entgegen. So hat B. in Offenbach die Landesreglerung einen solchen Beschluß der sozialdemokratischen Stadt⸗ berordnetenmehrheit annulliert.— Daß die Schlachthofgebühren vielfach niedriger sein könnten, mag sein, aber der Herr Landwirt A wird zugeben müssen, daß das estehen der Schlachthöfe an sich nicht preis- verteuernd wirkt.(Hierzu gab selbst Herr von Podbielski seine Zustimmung zu erkennen.) Wenn der Minister den Zwischenhandel beseitigen wolle, würde ihm die Sozialdemokratie ncht im Wege stehen. Molkenbuhr schloß: Sie be⸗ haupten, daß wir wegen der Fleischnot„hetzen“. Aber ich kann Ihnen sagen, eine Frau, die jetzt beim Fleischer für ihr Geld nicht mehr 1 Pfund bekommt, sondern nur noch/ Pfund, braucht nicht Sozialdemokratin zu sein, um zu Hause eine gehörige„Hetzrede“ zu halten. (Heiterkeit.) Aber gerade die Agraxier„hetzen“. In einem Artikel der Neuen preußischen 19 1555 vom 26. Februar 1893 wurde aufgefordert, nicht zu klagen, sondern zu, schrelen“ und„rück⸗ sichtslose und entschtedene Interessenpolitik zu treiben“. Das war der Sturmruf, unter dem die ganze agrarische Bewegung begann und unter dem sie dann gesiegt hakt. Können Sie es dann den audern Parteien verdenken, wenn auch sie„rücksichtslose Interessenpolittt“ in Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung. shrem Sinne treiben! Bet den Arbeitern handelt es sich um ihre Existenz, wenn die notwendigsten Lebensmittel ihnen verteuert werden. Da kann man sich nicht wundern, wenn die Arbelter im Ringen um ihre ane auch mal andere Töne anschlagen. Zumal mit dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs zu der Flesschteuerung noch eine Brotverteuerung hinzutreten muß! Molkenbuhrs eindringliche und durchschla⸗ gende Kritik zwang den Minister nochmals das Wort zu ergreifen. Das einzige Inter- essante an seiner Rede war das ugestandnis, daß 40 44 Mk. pro Zentner ebendgewicht ein ausreichender Preis für Schweine sel. Bei diesem Geständnis wurden die Gesichter der Agrarier bedenklich lang, und sein Kollege in der Schweinezüchterei, Abg. Gam)p, stellte den unvorsichtigen Ausplauderer von Geschäfts⸗ geheimnissen sofort zur Rede.— Schließlich zerpflückte der Freistnnige Gothein nochmals unbarmherzig die agrarischen Behauptungen und stellte die junkerlsche Beutepolitik au den Pranger. Das ist allerdings schon oft geschehen, ohne daß es viel genützt hätte. Das ganze Volk myß wie ein Mann aufstehen, die Junker⸗ herrschaft abschütteln und sich von seinen Blut- saugern befreien! Revolution in Rustland. In Sebastopol kam es Ende vortger Woche zu einer mehrstündigen Schlacht zwischen den aufständischen Marinetruppen und denen der Regierung. Leider unterlagen die Revo⸗ lutionäre. Ein großer Teil der Schwarzen⸗ Meer⸗Flotte hatte die rote Flagge gehißt und kämpfte unter dem Kommando des Leutnants Schmidt einen heldenmütigen Kampf gegen das Knutenregiment. Doch sie mußten sich ergeben, weil mehrere Schiffe kampfunfähig wurden. In einem Berichte darüber heißt es: Als der Kampf begann, schienen die Meuterer bei weitem die besten Aussichten auf einen Sieg zu haben. Der revolutionäre Oberbefehlshaber Schmidt vereinigte unter seinem Kommando ehn Kriegsschiffe, sowle die drei nördlichen Forts am Lande. Die Meuterer eröffneten um 3 Uhr nachmittags ein heftiges Feuer auf die Stadt. Durch zwei Stunden, von halb vier bis halb sechs, währte eine regelrechte Schlacht, welche zu Lande sowie zur See geführt wurde. Während die zehn Kriegsschiffe unter Schmidt's Kommando die Stadt bom⸗ bardierten, kamen die revolutionären Matrosen und Truppen aus den Lazarew⸗Kasernen, wo ste sich verbarrikadiert hatten, um die Stadt von der Landseite anzugreifen. Der Artillerie- kampf richtete auf beiden Seiten Verheerungen an. Die Geschosse von den Krtegsschiffen der Meuterer fielen in die Stadt, zerstörten viele Häuser und töteten zahlreiche Personen auf den Straßen. Unterdes war Schmidt tödlich ver⸗ wundet worden und ergab sich/ 6 Uhr abends. In Petersburg und vielen andern Städten dauert der Generalstreik noch fort. Besonders fühlbar macht sich der Streik der Post- und Telegraphenbeamten, wodurch der Postverkehr lahmgelegt wird. Neuerdings geht die Streikbewegung zurück, in mehreren Orten sucht die Reaktion Oberhand zu gewinnen. In vielen Garnisonen brachen„Meutereien“ aus. — BI— Politische Rundschau. Gießen, den 7. Dezember 1905. Im Reichstage wurde in der Sitzung am Samstag über eine kolonkale Forderung verhandelt. Für eine Eisenbahn von der Lüderitzbucht nach Kubub im Hererolande werden reichlich 5 Millionen Mark verlangt. Der neue Mann im Kolonial- amt, Prinz v. Hohenlohe-Langenburg, begründete die Forderung. Der Zentrumsmann Erz⸗ berger eriüisterte das Kolonialamt so scharf, daß man meinte, er würde die runde Ablehnung der Forderung beantragen. Das Zentrum denkt aber nicht daran; es will Kommisstons⸗ verhandlungen und rechnet sicherlich auf das Nr. 50. ustandekommen eines kleinen netten Kuhhandels. ie Kolontal⸗Verwaltung hatte zur Verstärkung ihrer Posttion den leibhaftigen Heros aus Süd⸗ westafrika, den Oberst Deimling herangezogen, der eine ebenso schöne Gabe der Pathetik wie rührende Unkenntnis der Grundelemente parla⸗ mentarischen Lebens bekundete. Eine grund⸗ sätzlich scharfe Kritik fand nicht nur die Forde⸗ rung, sondern die ganze Kolonialpolitik durch den Genossen Ledebour, der insbesondere den famosen Trotha und seinen berühmten Erlaß aufs Korn nahm, auch keineswegs den Reich s⸗ kanzler etwas schenkte. Konservative und Natso⸗ nalliberale sind natürlich für die Vorlage. Ledebour wollte Herrn Erzberger, der in einer 11 Rede von Enthüllungen über die Kolonsal verwaltung sprach, die er noch im Busen trage, gern zu weiteren Darlegungen verhelfen, aber Graf Ballestrem wollte von einer Erörterung von Dingen nichts wissen, die mit der Bahnvorlage nicht in unmittelbarem Zusammenhange stünde. Immerhin fand Ge⸗ nosse Ledebour auch in seiner zweiten Rede Gelegenheit, in scharfen Worte die südwest⸗ afrikanische Hottentottenmoral zu brandmarken. Die Vorlage swurde schließlich an die Budget⸗ kommisston überwiesen.— Am Montag und Dienstag waren keine Sitzungen. Mittwoch begann die Etats beratung. Der Reichs⸗ kanzler hielt eine große Rede, in der er seine Steuervorlage empfahl und sich (natürlich!) als Freund der indirekten Steuern erklärte. Nur der Zentrumsredner Fritzen kam an diesem Tage noch zum Wort. Anträge der sozialdemkr. Reichstagsfraktion. Nicht weniger als 16 Initiativanträge haben unsere Genossen im Reichstage eingebracht. Ein Teil davon ist aus der vorigen Session über⸗ nommen. Unter anderem wird in den Anträgen verlangt: Einführung des Achtstundentags; Regelung des Vertragsverhältnisses der Berg⸗ arbeiter; ein Gesetz, das Gerichte nach Art der Gewerbegerichte für die ländlichen Arbe iter und das Gesinde schafft und ferner ene liche Krankenversicherung für die letzteren; Rege⸗ lung des Wohnungswesens; Aufhebung der Nahrungsmittel- und Futterzölle; Be⸗ seitigung des Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraphen ꝛc.— Ferner will sich die Reichstagsfraktion mit einem allgemeinen längeren Arbeiterschutzgesetzentwurf beschäftigen. Dieser soll das Arbeitsverhältuis aller für das Gewerbe eines anderen arbeiten⸗ den Arbetter(zum Beispiel guch der Heim ⸗ arbeiter, Gärtner, Bureaugehilfen) behandeln. Die Regelung des Kollektivvertrages, der Ak- kordarbeit, der Sicherung des Koalitlonsrechts egen die immer mißlicher auftretende Recht- 8 sowie eines Schutzes gegen schwarze Listen der Arbeitgeber würde ebenfalls in den Rahmen dieses Gesetzes fallen. Blutopfer für die Kolonialpolitik. Nach dem„Militärwochenblatt“ beziffert fich der Gesamtverlust, den uns das südwestafrika⸗ nische Abenteuer bisher gekostet hat, auf 1852 Mann. Hiervon sind Tote 1191. Davon find an Krankheit gestorben 527; gefallen 520 und die übrigen vermißt und verwundet.— Dieser Kolonialkrieg, den man aufangs als eine harmlose und ungefährliche Expedition betrachtete, hat uns also bereits rößere Blutopfer gekostet, als der dänische Krieg im Jahre 1864. Zu den kolossalen Blutopfern für eine volkswirtschaftlich absolut wertlose Kolonie kommen dann noch die enormen mate⸗ riellen Opfer. Kostet uns der Krieg doch bereits nach den Etats für 1904, 1905 und 1906 etwa 300 Millionen Mark, womit aber die Gesamkausgaben noch lange nicht erschöpft sein werden. Für das allgemeine Wahlrecht! Nunmehr ist es auch in Sachsen zu einer wir⸗ kungsvollen Wahlrechtsdemon stra ⸗ tion gekommen. In Dresden fanden am Sonntag sieben Protestversammlungen statt, die überaus stark besucht waren und scharfe gegen die Wahlrechtsräuber und den — JJ ð.. T ben ber⸗ gen 953 g der tet seh⸗ g del Be⸗ 95. die el rf nie len⸗ eim ell. 15 echl⸗ arge dell 11 t fich ll 832 bol! 520 7 75 als ion ere fern 1 Nr. 50. Mitteldeutsche Sonnags⸗Zeitung“ Seite 3. Landtag gerichtete Resolutionen beschlossen. Diese haben überhaupt eine empfindliche f Nach Schluß der Versammlungen zogen die[Niederlage erlitten, ihre Haupthähne sind Von Nah und Fern. Massen, ohne daß eine Parole ausgegeben war, nach dem Innern der Stadt, vor das köuig⸗ liche Palais, das Hotel des Ministers Metzsch. Die Polizei hatte sämtliche Brücken, die von der Neustadt in die Altstadt führen, durch starke Schutzmannsketten abgesperrt, die keinen Mann hinüberlassen wollten, und hieb und stach ohne Rückftcht auf die Andrängenden los. Ebenso war es vor dem Schloßplatz. Vor 2 Uhr wurden auf dem Schloßplatz die Schutzmanns⸗ ketten eingezogen, da man glaubte die Demo⸗ stration sei zu Ende. Als nun doch noch mehrere tausend Mann unter Hochrufen auf das Wahlrecht sich dem Schloßplatz näherten, stürmte plötzlich Polizeimannschaft mit blitzen⸗ den Säbeln heran und hieb auf die Zunächst⸗ stehenden ein, obwohl diese gar nicht zurück konnten. Die Polizei fühlte das Bedürfuis, die„Ordnung“ zu ketten, und ste rettete die Ordnung, indem ste auftragsmäßig in die ent⸗ rechteten Arbeitermassen hineinstach und hieb. Die blutige Saat wird auch in Sachsen aufgehen. Die Forderung des allge⸗ meinen gleichen Wahlrechts läßt sich nicht durch den Poltzeisäbel aus der Welt schaffen. Der Polizeipräsident hatte vorher drei be⸗ kannte Parteigenossen zu sich gebeten, denen er eröffnete, daß er keine Ansammlungen auf der Straße dulden würde. Natürlich lehnten die betreffenden Genossen jede Verantwortung ab. Gerade diese polizeiliche Drohung war Reklame für die Demonstration. Unser Dresdener Partetblatt schreibt zu den Ereignissen dieses Tages:„Blut ist ge⸗ flossen in den Straßen der Stadt, furchtbare Erbitterung ist entfacht in Hunderten von Leuten, die die Polizeiklinge auf ihren Gliedern gespürt haben, in den Zehntausenden, die diesem empö⸗ renden Schauspiel zugeschaut haben. Wer ist dafür verantwortlich? Wir wollen gern der Wahrheit gemäß anerkennen, daß ein großer Teil der Gendarmen sich durchaus angemessen verhielt, sich jedes provozierenden Worts ent⸗ hielt und selbst die unüberlegte Haltung der wenigen Radaumacher, die jede größere Menschen⸗ ansammlung naturgemäß aufweisen muß, mit Ruhe aufnahm. Einzelne Fälle besonderer Brutalität, die bei den Attacken der Gendarmen und Wohlfahrts polizisten vorgekommen sind, fallen der Gesamtheit nicht zur Last. Die Verantwortung für die Attacken selber aber auf unbewehrte Männer und Frauen fällt den höheren Beamten zur Last, von deren Takt, Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit es abhing, ob der Tag mit Blut befleckt wurde oder nicht! Die waren es, die die Mißhand⸗ lungen und Verwundungen hätten verhüten können. Sie haben es nicht getan; sie haben das Blut fließen lassen! Die Regierung, die herrschenden Klassen werden es auszubaden haben! Von der Erbitterung, von der Empö⸗ rung der Arbeiterschaft kann sich nur der einen Begriff machen, der sie erlebt, der mitempfindet! Vor den blitzenden Klingen der Polizei ward der Ruf ausgestoßen: Jetzt kommt der Massenstreik! Und wer diese Stimmung des Proletariats kennt, der weiß, daß dieser Schrei nicht eine leere Drohung ist! Noch hat es die Regierung in der Hand, das Aeußerste zu verhüten. Mögen die Herrschenden handeln, ehe es zu spät ist.“ Wegen der Vorgänge hat sofort Genosse Goldstein eine Interpellation im Landtage eingebracht.— Sobiel ist stcher, daß das säch⸗ sische Volk den Wahlrechtskampf fortsetzen wird, bis es sein gutes Recht erkämpft hat. Sozialistische Wahlerfolge. Unsere Dresden er Genossen haben einen für sie sehr ehrenvollen Gemeindewahlkampf hinter sich. Sie haben trotz des von den Anti⸗ semiten verschlechterten Wahlrechts se ch s Stadt⸗ berordnetenmandate erobert und es ziehen nunmehr die ersten Sozialdemokraten in das Dresdener Stadtparlament ein. Die Soztal⸗ demokratie erlangte auch in der Klasse der Kleingewerbetreibenden zwei Mandate, wo die Antisemiten sicher auf den Sieg gerechnet hatten. aus dem Rathause hinausgeworfen worden. Das ist die Quittung für den Wahlrechtsraub und Konsumtöterei!— Bei den Stadtverord⸗ netenwahlen in Coswig(Anhalt) wurden sämtliche sozialdemokratische Kandidaten gewählt. Die Sozialdemokraten verfügen nunmehr in der Stadtverordnetenversammlung über die absolute Mehrheit.— Auch die Wahl in München brachte unserer Partei bedeutende Erfolge. Fünf Sozialdemokraten wurden zu Gemeinde⸗ räten gewählt, außerdem eine Anzahl zu Ersatz⸗ männern. Ein Konflikt zwischen Regierung und Volksvertretung ist in dem sthüringischen Staatchen Schwarz ⸗ burg⸗Rudolstadt ausgebrochen und der Landtag ist aufgelöst worden. In diesem Landtage, der aus 16 Mitgliedern besteht, hatten unsere Genossen die Mehrheit, weil die Wahl des bürgerlichen Vertreters von Stadtilm für ungültig erklärt worden war und somit 8 So⸗ zialdemokraten gegen 7 Bürgerliche standen. Die Auflösung des Landtags erfolgte, weil er sich weigerte, der Erhöhung der Zivilliste des Fürsten um 32 000 Mk. zuzustimmen. Mit Recht betonten unsere Genossen, daß es nicht angehe, zuerst bei den höchsten Stellen mit Ge⸗ haltserhöhung zu beginnen. Das Geld werde für andere Zwecke viel notwendiger gebraucht. Nur vier Abgeordneten stimmten für die Forderung, drei bürgerliche enthielten sich der Abstimmung.— Die Neuwahlen müssen nun innerhalb dret Monaten vorgenommen werden. Ungeheuerliches aus der Strafjustiz. In der Lübecker Bürgerschaftssitzung brachte kürzlich Rechtsanwalt Dr. Wittern ein kaum glaubliches Gerichtsurteil und eine noch un⸗ glaublichere Art des Strafvollzuges an einem Kinde in der Oldenburger Strafanstalt Vechta zur Sprache. Ein noch nicht konfirmierter Knabe aus dem oldenburgischen Fürstentum Lübeck sei von der Lübecker Strafkammer zu einem Jahre Gefängnis() verurteilt worden, weil er— für 25 Pfg. Kohlen entwendet hatte.(11!) Er ist zur Ver⸗ büßung seiner Strafe nach Vechta gekommen, wo alle aus dem Fürstentum Lübeck stammenden und von der Lübecker Strafkammer Abgeur⸗ teilten ihre Strafe abbüßen müssen. Dort sei der noch schulpflichtige Knabe zunächst in Einzelhaft gehalten, dann aber mit zwei Männern zusammengesperrt worden, von denen der eine 12 Jahre n e wegen Tot⸗ schlags, der andere 2 Jahre wegen Sittlich⸗ keitsverbrechen zu verbüßen hatte. Ueber diesen Fall sei bereits an das oldenburgische Justizministerium berichtet.— So„bessert“ man die Sünder! Die armen Pfarrer! Im Schweriner Landtage wurde vorige Woche über die Aufbesserung der Pfarrein⸗ kommen beraten. Das Grundgehalt soll 3000 Mark, das Höchstgehalt nach 15 jähriger Dienst⸗ zeit 5000 Mark ohne Wohnung betragen. Die hierzu notwendigen Mittel sind auf 147. bis 250 000 Mark jährlich veranschlagt. Die„Ritter⸗ schaft“, so heißt der mecklenburgische Landtag, nahm diese Vorlage an und erbarmte sich so der notleidenden Diener dessen, der nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte. Notleidende Arbeiter, deren man sich anzunehmen hätte, gibt es in Mecklenburg ebensowenig wie irgendwo anders, sagt dazu mit Recht die Leipz. Volksztg. Kleine politische Nachrichten. Das konservative englische Ministeriu m Balfour ist zurückgetreten und wird von einem liberalen Kabinet Campell⸗Bannermann ab⸗ gelöst. Eugen Richter, der Führer der Freisinnigen hat sein Landtagsmandat wegen seines Augenleidens niedergelegt. Sein Reichstagsmandat— er ver⸗ tritt den Wahlkreis Hagen— behält er noch bei. 3 Hessisches. — Der Landtag soll am 19. Dezember eröffnet werden.— Ueber die Präsidentenwahl in der Zweiten Kammer machen stch ver⸗ schiedene Ordnungsblätter jetzt schon Gedanken. Es wird angekündigt, daß Ulrich nicht mehr als Schriftführer gewählt werden soll. Das Darmstädter Heyl⸗Organ läßt sich schreiben: „Aller Voraussicht nach werden die Prästdenten des verflossenen Landtages wieder gewählt werden, nämlich Geheimrat Haas zum ersten Präsidenten, Dr. Schmitt zum ersten und Reinhardt zum zweiten Vizepräsidenten. Indessen besteht die Absicht, bei den beiden Schriftführern insofern eine Aenderung eintreten zu lassen, als der Abg. Ulrich nicht wieder ge⸗ wählt werden soll. An seine Stelle dürfte der Abg. Brauer treten.“ Und das Gießener Amtsblatt leistet sich über diese Frage fast einen ganzen Leitartikel. Ulrich sei in einem„allge⸗ meinen Loyalitätswahn“ zum Schriftführer ge⸗ wählt worden, er habe seine Pflicht nicht er⸗ füllt, weil er byzantinische Kriechereten nicht mitmachte. Der Gieß. Anz. verwechselt die Pflichten eines Schriftführers mit denen eines Kammerdieners. Ulrich und der Soztal⸗ demokratie wird verteufelt wenig an dem Schrift⸗ führerposten liegen; aber man wird ja sehen, ob die Kammermehrheit nur auf die Macht pochend, jedes demokratische Prinzip in die Winde schlagen wird. Gießener Angelegenheiten. —„Erfolge“ der Antisemtten. In einer unserer letzten Nummern haben wir die Antisemitische Partei, oder wie ste Jeb nennt „Reformpartei“ als bankrott in jeder Be⸗ ziehung bezeichnet. Damit haben wir etwas all⸗ gemein Bekanntes ausgesprochen. Das Hirschel⸗ blatt in Friedberg will das nicht zugeben, es ist vielmehr der Meinung, daß die Antisemiten bedeutende Erfolge erzielt hätten, während wir bei den Reichstagsersatzwahlen drei Mandate verloren hätten. Nur in Essen sei unsere Stimmenzahl gestiegen. Eisenach und viele andere Landtags⸗ und Gemeinderatswahlen, wo wir bedeutende Stimmenzunahmen zu verzeichnen hatten, er⸗ wähnt es gar nicht erst. Und dann spricht es von den Erfolgen des Antisemitismus in fol⸗ genden schönen und klaren Sätzen, die wir hier wörtlich abdrucken: „Und die Antisemiten? Ja, in dreier Singer Namen, weiß die„Mittel⸗ deutsche“ denn nicht, wie prachtvoll es bei ihr aufwärts geht? Hat er nicht seit 19033 Mandate erobert? Hat er nicht, wo er auftrat, Tausende von Stimmen gewonnen? Hat sich nicht Wilhelm Schack soeben den Liberalen Eisenach entrissen? Fühlt der Schabbes⸗ redakteur nicht mit Wut im Herzen, daß es tagt? Er gehe hin und suche sich ein ander Zeichen!“ Unsere Leser werden nicht recht wissen, was mit diesen in prachtvollem Deutsch gegebenen Sätzen gesagt sein soll. Wir auch nicht. Daß es bei der Mitteldeutschen prachtvoll aufwärts geht, wissen wir allerdings. Daß aber Singer seit 1903 drei Mandate erobert haben soll, davon ist uns nichts bekannt. Dagegen stimmt es wieder, daß er, wo er auftrat, Tau⸗ sende von Stimmen eroberte. Nun kommt es aber polnisch⸗jüdisch, was sich in dem urteuto⸗ nischen Blatte recht schön ausnimmt:„Hat sich nicht Schack den Liberalen Eisenach ent⸗ rissen?“ Hat sich doch Schack furchtbar ge— schwindelt und hat sich der Kuddelmuddel inklustve Juden gestimmt für Schack, sonst hätte er niemals bekommen den Kreis! Na, wir haben nichts dagegen, wenn der Antise⸗ mitismus mit Erfolgen prahlt, wir gönnen ihm sogar seine sogenannten Erfolge. Trotz⸗ dem müssen wir bei dem anttsemitischen Bank⸗ rott beharren. Den haben schon längst anti⸗ semitische Führer selbst bestätigt. Und wo wäre der hessische Antisemitismus ohne den Bund der Landwirte, bei dessen Fleischtöpfen sich's jetzt die Führer der Pücklerpartei wohl sein lassen? 7 1 6 ů— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 50. — Teutonische Wahrheitsliebe. Von allen unsern Gegnern wenden die Antisemiten im politischen Kampfe die unlautersten Mittel an. Weil ihnen Grundsätze fehlen und politische Klarheit, verlegen sie sich darauf, ihre Gegner und ganz besonders die Sozialdemokratie zu verdächtigen, Lügen über sie zu verbreiten und den einzelnen unserer Parteifreunden die Ehre abzuschneiden. Das edle Bestreben übt auch ein Gießener Lügenbeutel in den letzten Nummern des Friedberger Hirschelblattes unserm Genossen Krumm gegenuͤber. Ihm werden da eine Reihe Begangenschaften vorgehalten, die die Pücklerleute als Sünden ansehen. Unter anderem wird ihm Folgendes nachgesagt: 1 Krumm trage die Schuld an der Einrichtung des Gießener Fischmarktes, durch welchen den Steuerzahlern das Messer au die Kehle gesetzt würde; Krumm sage, auf ein paar Exi⸗ stenzen komme es nicht an, wo das Wohl der Gesamtheit in Frage stehe.— Wie liegt nun die Sache? Herr Etchenauer(Freisinnig) stellte den Antrag auf Errichtung eines Fisch⸗ marktes, die gesamte Versammlung(einschließ⸗ lich Herr Hehligenstgedt) stimmte zu, mit dem Vorbehalt, mit den Fischhändlern zu verhandeln und namentlich Krumm befürwortete auf's Wärmste in Gemeinschaft mit diesen die Sache zu regeln. Die Fischhändler lehnten die Be⸗ dingungen der Stadt, die ihnen einen ganz annehmbaren Nutzen ließen, ab, und bei den erneuten Verhandlungen erklärte Krumm, daß die Interessen des Einzelnen zurückstehen müßten vor dem Wohle der gesamten Ein wohnerschaft, nebenbei eine Binsenwahrheit, die jeder ver⸗ nünftige Mensch unterschreiben muß.— Hatte nun die Hirschelgarde Anlaß, Thränen um das Wohl der Detaillisten zu vergießen? Die Hirschel, Schlenke, Haas usw. gründen fortwährend Konsumvereine, Kornhäuser c., führen in denselben beinahe alle Gebrauchsartikel(Eisenwaren, Futter⸗ artikel, Salz, Mehl, Kleie ꝛc.). Doch wohl alles zu dem Zwecke, den Zwischen handel aus⸗ zuschließen und dessen Nutzen in die Tasche der Genossenschafter zu leiten. Damit nicht eine neue Lüge produziert wird, erklären wir ausdrücklich, daß wir diese Tätigkeit nicht bekämpfen, nur müssen wir es als Heuchelei und Schwindel bezeichnen, wenn die Bauern⸗ bündler und Antisemsteriche sich als Schützer des„Zwischenhandels“ und des Mittelstandes“ aufspielen wollen, während sie doch zu seinen Totengräbern gehören. Und auch der agrarische Reichskanzler empfiehlt den Städten die Fleischversorgung zu organisieren und den Zwischenhandel(Metzger 2c.) kaltzustellen; der deutsche Land wirtschaftsrat bittet die Städte um Einrichtungen zur direkten Fleischlieserung— zu dem Allen geben die treuteutschen Schützer des Mittelstandes ihren Segen; nur ausgerechnet drei oder vier Fisch⸗ händler sind ihnen der Erhaltung wert! Metzger und sonstige Zwischenhändler können zu Hun⸗ derten kaput gehen! Außerdem klagt der Gießener Konfustonsrat noch, daß zu wenig Fische da gewesen seien, wahrscheinlich hat er keine mehr kriegen können, daher sein Groll! Ferner ist es dem wackeren Manne ein Greuel, daß Krumm die Aufhebung des Oktrots beantragte! Tiefsinnig bemerkt er dazu, dann müßten die dtrelten Steuern erhöht werden und die Spießer würden noch unzufriedener. Podbtelskt und all' die kleinen agrarischen Demagogen schieben die Schuld der Fleisck⸗ teuerung auf die hohen städtischen Unkosten und Gebühren, machen sich lustig darüber, daß die Stadtverwaltungen nicht zuerst hier den Hebel ansetzen zur Fleischverbilligung. Aus⸗ nahmsweise stimmte ihnen in diesem Falle Krumm zu, stellt Anträge in ihrem Sinne und flugs greint das Gießener Antisemitchen: O weih, die direkten Steuern gehen höher! Uns wundert es ja nicht, daß diese Gesellschaft nicht begreifen kann, daß die Steuern nach der Leistungsfähigkeit bemessen werden können. Sind doch die Antisemiten gerade dlejenigen, die in allen Fällen der großen Masse immer neue Lasten auferlegen und die Großen schonen trotz all ihrer Judeufresserei. Nach dem Antisemiterich soll unser Freund Krumm ferner— aus Judenfreundschaft natür⸗ lich— das Schächten befürwortet haben. Hier verübt das Antisemitenblatt eine arge Fälschung. Wie liegt die Sache in Wahrheit? Krumm tadelte in der Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung, daß das Schächtverbot von Faseln vom Schlachthausdirektor eigenmächtig ohne Befragen der Stadtverordneten erfolgt ist und er bemerkte weiter, er halte für solche in's wirtschaftliche Leben und die religiösen Gebräuche eingreifende Verordnungen nur die Landes⸗ gesetzgebung für zuständig. Vor allem sei es nicht nötig, daß Gießen außer den für alle Städte gebräuchlichen Vorschriften noch einige Extrawürste zur Erschwerung des Ge⸗ schäftes gebraten haben müsse. Daraus macht nun der Antisemiterich aus Krumm einen „Schächtfreund, einen Mann, dem es gleichgültig sei, ob ein deutscher Metzgergeselle(wenn's ein jüdischer wäre, würde es jedenfalls nichts schaden), von einem rasenden Fasel in die Luft geschleudert“ würde und wie sonst die demagogsschen hetzerischen Ergüsse des deutschen Wahrheitsfreundes lauten. Viertens fragt der Herr, ob Krumm auch für die Ueberschwemmten des Odergebietes etwas ge⸗ geben habe, weil er jetzt für die russischen Opfer beisteuerte. Darauf empfehlen wir dem neu⸗ gierigen Herrn sich doch vertrauensvoll an unseren Genossen zu wenden, er wird ihm be⸗ reitwilligst Auskunft geben, nur bezweifeln wir, daß Krumm bei milden Gaben erst nach Kon⸗ fession und Rasse fragte. Dem Volkswacht⸗ „Christen“ trauen wir allerdings zu, daß er bon einem Ertrinkenden erst den Tauf⸗ schein abverlangte, ehe er ihm hilft, wenn er es überhaupt tut.— Schließlich gibt das Männchen noch den Kohl zum Besten, daß Krumm sein Stadtverordneten⸗-Mandat den Schmall und Genossen verdanke. Bei jedem mit den Gießener Verhältuissen Vertrauten, kann dies nur Lächeln erregen. K. wurde 1898 gegen alle bürgerliche Parteien gewählt und das wäre er auch diesmal. Die Liberalen taten eben nur mit, was ste nicht verhindern konnten. Uebrigens— ohne liberale Hilfe sitzt allein Liebermann von Sonnenberg als Antisemit nicht im Reichstage!— Ein Kompliment müssen wir dem Gießener Schreiber für die Volkswacht machen: Den alten antisemitischen Gebrauch, aus Mücken Elephanten zu machen, zu verdrehen, aufzubauschen, hinzuzuschwinde ln, hat er schon leidlich kaptert, wenn er noch einige Zeit sich im Schimpfen übt, kann er Redakteur der Volk s⸗ wacht werden. Dazu im voraus ein drei⸗ faches Heil! f. Der Mangel eines städtischen Krankenhauses wird seit Jahren in den beteiligten Kreisen schwer empfunden. Die Kliniken sind meistens derart überfüllt, sodaß nicht nur allein die der Pflege bedürftigen Kranken dort keine Unterkunft fiuden können, auch die Aufgenommenen werden in vielen Fällen lange vor beendigtem Heilverfahren ent⸗ lassen. Es dürfte doch endlich Zeit sein, daß die Stadtverwaltung diesem, einer Universitäts⸗ stadt nicht würdigen Zustande abhelfen würde. Es ist doch geradezu beschämend, daß Kranken in Herbergen, Gasthäusern ꝛc. unterge⸗ bracht werden müssen, wo sie jeder sachge⸗ mäßen Pflege entbehren. — Bauarbeiterschutz. Am Sams⸗ tag vor acht Tagen fanden zwei Versamm⸗ lungen statt, in denen Zimmerer Kremse aus Frankfurt die Frage des Bauarbeiterschutzes behandelte. Er zeigte an vielen Beispielen wie fahrlässig, ja sogar gewissenlos oft mit der Gesundheit und dem Leben der Arbeiter vom Unternehmertum umgangen werde. Deshalb müsse es Aufgabe aller Arbeiter sein, selbst auf ihren Schutz bei der Arbeit Bedacht zu nehmen und zu verlangen, daß ste wenigstens ohne Lebensgefahr arbeiten können. Es wurde eine Kommission gewählt, die aus Angehörigen der in Betracht kommenden Berufe besteht, mit der Aufgabe, nach dieser Richtung eine überwachende und kontrollierende Tätigkeit auszuüben. — Zur Wahl der General-Versamm⸗ lungs vertreter bei der Ortskrankenkassie erschienen auf Seue der Arbeuer 513 Wähler, die sämtlich für die von den Gewerkschaften aufgestellte Liste stimmten. Von den Arbeit⸗ gebern erschienen ganze zwei Mann zur Wahl, die einstimmig 52 Vertreter wählten. — Eine Freidenker⸗ Vereinigung soll in Gießen gegründet werden. Herr Pre⸗ diger Klauke aus Frankfurt hielt im Saale des Hotel Einhorn bereits Mittwoch voriger Woche einen Vortrag, dem am letzten Donners⸗ tag ein zweiter folgte. In diesem besprach der Redner die Frage:„Kann die moderne Staats⸗ schule noch konfesstonell sein?“ Er verneinte diese Frage und wies nach, daß der konfes⸗ sionelle Unterricht im schretenden Gegensatz zur unserer heutigen Kultur stehe und schädlich auf die Kinder einwirken müsse.— Die Vorträge waren gut besucht und es meldeten sich zahl⸗ reiche Personen zum Beitritt in die Vereinigung. Nächsten Donnerstag soll wieder ein Vortrag sein. — Arbeiter⸗Turner. Am Samstag wurden mehrere Versammlungen und zwar in Beuern, Staufenberg und Launsbach abgehalten, in welchen der Bezirksvertreter des Arbeiter⸗ Turnerbundes H. Kraft⸗Frankfurt über„Deutsche Turnerschaft und Arbeiterturnerbnnd“ sprach. Der Redner fand überall Beifall; in Beuern wurde ein Arbeiter⸗Turnverein gegründet. Bis jetzt gehören zum Arbeiter⸗Turnerbund in unserer Gegend die Vereine in Heuchelheim, Ockers⸗ hausen, Altenbuseck, Alsfeld, Staufenberg, Launsbach, Beuern und Gießen. — Der Brauer⸗Verband hält diesen Samstag Abend sein diesjähriges Stiftungs⸗ fest im Café Leib ab, wozu die Gewerkschafts⸗ mitglieder und Parteigenossen freundlich einge⸗ laden sind. — Die Volkszählung vom 1. Dez. ergab für Gießen nach den vorläufigen Fest⸗ stellungen 29 146 Köpfe, gegen 25 564 im Jahre 1900. Wieseck zählt 2890, Lollar 2030, Klein⸗ Linden 1642 Einwohner. Mainz hat deren 90 200, Darmstadt 83650, Offenbach 95880, Frankfurt 336 000. — Schwurgerichtsver handlungen. Das Schwurgericht für Oberhessen hatte in seiner letzten Session für dieses Jahr drei Fälle abzuurteilen. Am Montag wurde gegen den Hausburschen Hch. Berg aus Bad Nauheim wegen Raubes verhandelt. Der An⸗ geklagte hat in der Nacht vom 2. auf 3. Oktober ds. Js. in Butzbach den jetzt beim Militär befindlichen Schmidt aus dem Wirtshaus heimbegleitet, dabei ver⸗ prügelt und ihm 15 Mark abgenommen. Das Geld soll dem Schmidt nach Angabe des Angeklagten aus der Westentasche gefallen sein, worauf es Berg an sich ge⸗ nommen habe. Der Oberstaatsanwalt tritt für Be⸗ jahung der auf Raub lautenden Hauptfrage ein, während der Verteidiger nur Körperverletzung und Dlebstahl als vorliegend erachtet. Das Verdikt der Geschworenen lautet auf schuldig des Raubes, doch wurden ihm mildernde Umstände zugebilligt. Der Angeklagte wird zu einem Jahr 2 Monaten Gefängnis verurteilt, wovon 2 Monate als verbüßt erachtet werden. Am Dienstag kam eine Meineidssache zur Verhandlung. Als Angeklagte erscheint die 40 Jahr alte ledige Katharine Riemenschneider aus Rüddings⸗ hausen, die sich wegen Meineids zu verantworten hat, den sie vor dem Schöffengerichte in Homberg geleistet haben soll. Die Sache, um die es sich da als han⸗ delte, war eine jener Dorfklatschereien und Hetzereien, mit denen sich vielfach Dorfbewohner gegenseitig das Leben zu verleiden suchen. Auch die Riemenschneider trat als Zeugin auf und soll zu Gunsten des Taglöhners Hahn eine falsche Aussage gemacht und diese beschworen haben. Di⸗ Angeklagte weint fortwährend, redet oft dazwischen und man gewinnt sofort den Eindruck, daß man es mit einer geistig minderwertigen Person zu tun hat. In Rüddingshausen bewohnte sie das Armen⸗ haus. Vielleicht infolge ihrer Beschränktheit wurde sie mißbraucht und so kam es, daß sie viermal unehe⸗ lich geboren hat. Zwei der Kinder find noch am Leben Nachdem eine Reihe Zeugen vernommen, erklärt der medizinische Sachverständige Kreisarzt Dr. Haberkorn, daß die Angeklagte hochgradig schwachsinnig sei und des⸗ halb nicht zur Verantwortung gezogen werden könne. Staatsanwalt und Verteidiger verzichteten hierauf auf die weiteren Zeugen, der Staatsanwalt beantragt selbst das Nichtschuldig, das die Geschworenen auch aus⸗ sprachen, worauf Freisprechung erfolgt.— Warum nun aber diese kostspielige Prozedur? Warum die arme Person überhaupt vereidigt und dann monatelang mit einem Prozesse gequält? Wir meinen, ihre Schwach⸗ sinnigkeit hätte man schon früher erkennen, und von der Gemeinde aus besser für sie sorgen müssen. * . ten eit⸗ zur 9 re. ale ger Lö. der 18. fte ses zur f äge hl l. 1 Nr. 50. 1— Mitteldeutsche SonntagsZeitung. — 7ß½«5«;«1.7j. Seite 5. Verbrecherin aus Not. Daß materielle Not viele Menschen zu Verbrechern macht, ist eine allgemein bekannte Tatsache. Auch die am Mittwoch vor dem Schwurgericht wegen Kindes mord abgeurteilte ver⸗ heiratete Margarete Horn aus Birklar hätte dieses Verbrechen sicher nicht begangen, wenn sie sich in besseren Verhältuissen befunden hätte. Diese arme, erst 32 jährige Frau, ist schon seit Jahren von ihrem Manne verlassen. Sie war daher mit ihren zwei Kindern auf sich selbst angewiesen. Aber sie arbeitete redlich und ernährte nicht nur sich und ihre Kinder, sondern unterstützte auch ihre Schwiegermutter. Es wäre also alles noch leidlich gegangen, wenn sich nicht ein gewissenloser Mensch ge⸗ funden hätte, der die Strohwitwenschaft der Horni für seine Zwecke ausnützte, aber die Folgen zu tragen feig der armen Frau selbst überließ. Diese sah ihrer Nieder⸗ kunft entgegen und dachte mit Schrecken an die Steigerung ihrer Notlage, die ihr der zu erwartende Familien⸗ Zuwachs bringen würde. Dazu kam noch, daß sie die liebevolle Schwiegermutter aus dem(der Schwiegermutter gehörigen) Hause zu jagen drohte, falls sie ein lebendiges Kind zur Welt bringe. Alles dies mußte natürlich die Frau zur Verzweiflung trelben und als sie am 15. Oktober ein Kind gebar, tötete sie dasselbe dadurch, daß sie ihm einen Lappen in den Mund steckte, woran es erstickte. Die kleine Leiche vergrub sie im Garten hinter ihrem Hause. Sle ging darauf weiterhin ihrer Arbeit nach. Doch die Sache kam ans Licht und bei der Untersuchung gestand sie sehr bald ihre Tat ein. Die Geschworenen sprachen die Angeklagte schuldig des Kindermordes, bejahten aber die Frage nach mildernden Umständen. Das Urteil lautete auf zwei Jahre 1 Monat Gefängnis. Aus dem RNreise gießen. Sang önser Krieger⸗ verein ließ im„Gieß. Anzeiger“ das„Proto⸗ koll“ der Sitzung veröffentlichen, in welcher der Maurer Schaͤfer erklärt haben soll, daß er ohne sein Wissen als sozialdemokratischer Wahlmann aufgestellt worden sei. Wir können nur wieder⸗ holt erklären, daß dies un wahr lt. Uebrigens? ist Sch. aus dem Kriegerverein ausgetreten, was er schon gleich hätte kun sollen.— Nun sollte aber der Anzeiger mal das„Protokoll“ des Kleinlindener Krlegervereins von der denkwürdigen Sitzung vom 25. November ver⸗ öffentlichen! s. Aus Staufenberg wird zur Landtags⸗ wahl noch mitgeteilt, daß die Wahlkommission den von den Arbeitern gestellten Autrag, die Wahlzeit von 4—7 Uhr zu legen, verwarf. Das Kommisstonsmitglied Schlapp I. meinte, man sei den Arbeitern genug ent⸗ gegen gekommen. Wir wüßten nicht, worin das Ent⸗ gegenkommen bestehen sollte, von dem Schlapp spricht. Er hat es dagegen den Arbeitern zu verdanken, daß er im Gemeinderat sitzt. für sorgen, daß Leute in den Gemeinderat kommen, die auch den Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ferner meinte der Keiegervereinler Henkelmann, sein Neffe, der Genosse M. habe sich jedenfalls geschämt, auch ihm das Offenbacher Abendblatt zu bringen. Nun, unser Freund wußte sehr genau, wo eine gewisse Eigen⸗ schaft vorhanden ist, mit der selbst Götter vergebens kämpfen und wo infolgedessen auch das Blatt nutzlos gewesen wäre, An die Arbeiter ergeht aber die Mah⸗ nung, sich zahlreich dem Volksverein anzuschließen, damit sie nachhaltiger für ihre Interessen eintreten können. — Das Wahlbier. Gegen die Gemeinde. ratswahl in Nieder-Ohmen vom Sommer vorigen Jahres, war auf erhobene Reklamation hin die Ungültigkettserklärung wegen Wahl⸗ beinflussung ausgesprochen worden. Die Wahl am 11. Januar ds. Is, wurde wegen Spendens von Freibier ebenfalls beanstandet, aber vom Kreisausschuß des Kreises Alsfeld für gültig erklärt. Der Provinzial⸗Ausschuß zu Gießen gab dagegen dem gegen diese Ent⸗ scheidung erhobenen Rekurs statt, da der Unsttte des Spendens von Freibier vor der Wahl nur durch Ungültigkettserklärung zu begegnen wäre. Aus dem Nreise Wetzlar. h. In der Versammlung des Wahl⸗ vereins Wetzlar befaßte man sich mit der Vorwärts⸗ affaire. Es wurde eine Resolution beschlossen. in welcher dem Parteivorstande volles Vertrauen ausge⸗ sprochen, die Haltung der Frankfurter„Volksstimme“ in dieser Affaire dagegen getadelt wird. Im Weiteren wurden noch der Fall Schippel und dle Flottenvorlage besprochen. In Bezug auf letztere war man sich einig darüber, daß dieselbe dem arbeitenden Volke ungeheure Lasten aufer⸗ lege, Unbegreiflich set, daß es noch Arbeiter gebe, die sich als Mitglieder zu den Krieger⸗ und Flottenvereinen Diese werden aber nächstens da⸗ pressen ließen und so gegen ihre eigenen Interessen arbeiteten. * Vom katholischen Gesellenverein erhalten wir eine Zuschrift des Inhalts, daß der in letzter Nr. in der Notiz„Frommer Lüstling“ erwähnte Tapezierer F. kein Mitglied des Gesellenvereins sei. Wir kommen der Bitte, dieses bekannt zu geben, gerne nach, fügen aber zu unserer Entschuldigung hinzu, daß F. Mitglied war. y. Von einer Duellgeschichte erzählt man fich in Wetzlar. Glücklicherweise gab es weder Tote noch auch nur Verwundete bei diesem Zweikampfe; zum Schießen kam es nämlich gar nicht. Einer der beiden Beteiligten(deren Namen wir vorläufig noch nicht nennen können und wollen) war so vernünftig, die For⸗ derung seines Gegners abzulehnen. Wäre er darauf eingegangen, so hätte es leicht passteren können, daß Wetzlar den Verlust eines Bürgers erster Klasse zu be⸗ trauern gehabt hätte, der nicht nur eine bedeutende Rolle im Städtchen spielt, sondern sich auch um die leidende Menschheit durch Pillen et cetera Verdienste erworben hat. Böse Zungen behaupten zwar, er habe um sein Leben Angst gehabt, doch wir meinen, er hatte ganz recht, wenn er sich in seinen wertvollen Körper nicht überflüssige Löcher schießen lassen wollte. Vielleicht hat er dabei erkannt, wie recht die Sozialdemokratie hat, wenn sie die in„besseren Kreisen“ übliche Duell⸗ fexerei bekämpft und verwerflich findet; vielleicht sieht er bei näherem Nachdenken auch ein, daß sie in vielen anderen Dingen recht hat. —Deutsch⸗Russisches. Ein russischer Student der im Frühjahr, als die Petersburger Hochschule ge⸗ schlossen wurde, seinem Vaterlande den Rücken kehrte, sendet uns aus Braunfels, wo er sich zum Zwecke geologischer Untersuchungen und Studien aufhält, folgen⸗ den Herzenserguß: Braunfels, den 24. November 1905. Meinen Landsleuten zur Warnung! Na, den Schreck! Jüngst passterte ich die Kreisstadt meines jetzigen Aufenthaltsortes. Es dunkelte schon; neben mir schritt ein korpulenter Herr mit stark gewölbter Brust, hatte ein Aussehen, wie ein richtiger Pascha. Derartige Personen, dachte ich, hast du schon in deinem Heimatsland(Rußland) gesehen. Ich habe eine gewisse Abneigung gegen solche Personen, auch wenn ihre breite Brust noch keine Orden schmückt, wie das hier der Fall war, Unwillkürlich will ich ein paar Schritte weg von ihm und ich wollte mich gerade entfernen, da sah ich, wie ein Polizist— er mochte wohl ca. 200 Schritte von uns entfernt gewesen sein— mit größter Eile in mächtigen Sätzen in der Richtung auf uns herbeieilte— mir wirbelte der Kopf, schon sah ich mich im Geist auf dem Transport nach Sibirien— da blieb er plötzlich vor jenem großen Mann stehen, schlug die Hacken zu⸗ sammen, daß es dröhnte und Funken stiebte und stieß mit Stentorstimme, die Hand am Helm, kerzengerad aufgerichtet, atemlos die Worte hervor: Herr— Herr Oberbürgermeister, nichts neues im Revier! Ich war einer Ohnmacht nahe gewesen, faßte mich aber, um keinen Verdacht zu erregen. Es bedurfte einer Weile, ehe ich mich von dem Schrecken erholte. Beiseite stand ein Mann, der über den Vorfall aus vollem Herzen lachte, ob über mich? darüber war ich mir nicht ganz klar. Sein Gesicht glänzte förmlich vor Vergnügen, ich hörte ihn ein über das andere mal ausrufen: Fast⸗ nacht, die reine Fastnacht! Eine solche Disziplin hier in Deutschland? das hätte ich doch nicht gedacht. Neu⸗ gierig, wie sich die Sache wohl verhielt, frug ich den Mann, der lachend erwiderte: Mir scheint, du bist ein Fremder, wisse, wir haben hier zwei Bürgermelster! Da ging mir ein Licht auf; all erdings, das ist ein bischen viel für ein so kleines Nest. Froh, diesmal so gut davon gekommen zu sein, machte ich, daß ich schleunigst aus der gefährlichen Stadt hinaus kam und ich gehe mit dem Gedanken um, Deutschland überhaupt ganz den Rücken zu kehren, denn hier ist es mir zu— sehr— russisch. Stanislaus. Westerwald und Anterlahn. t. Die Stöckerleute in Dillenburg beab⸗ sichtigen diesen Sonntag einen großen Fischfang zu tun. Sie haben dort eine Versammlung einberufen, in der für Gründung eines Gewerbegerichts Propaganda ge⸗ macht werden soll. Nicht weniger als vier Referenten sollen auftreten und zwar der Wetzlarer Zentrumskandidat Breidebach, der Generalsekretär Franz Behrens(Lause⸗ franz), der christliche Maurer Becker von Frankfurt und der sattsam bekannte Großtuer Schmidt. Gewiß wird jeder Arbeiter die Errichtung eines Gewerbegerichts wünschen, aber es kommt dieser Sorte Arbeiterfreunde weniger darauf an, als vielmehr für ihre bankrotten Gründungen noch Dumme zu fangen. Daß diese „christlichen“ Gewerkschaften bankrott, lebensunfähig sind, mehr schaden, als sie nützen, hat kürzlich das eigene Organ des nordelbischen Verband s christlicher Vereine, „Der Arbeiterfreund“ selbst zu gegeben. Aus dem Rreise Marburg⸗RNirchhain. * Brauerstreik. In der in Hessen weit und breit bekannten Brauerei von Karl Bopp in Marburg kam es am Samstag zu einer Arbeitsniederlegung der dort beschäftigten Brauer und Küfer. Daß die Arbeits verhält⸗ nisse bei dem Millionär Bopp keine sehr günstigen sind, bezeugt der stete Wechsel namentlich bei den Brauern. Schuld an diesen Zuständen ist der Braumeister, der keinen organisterten Brauer und keine„Roten“ leiden mag und weil nun die Brauer und Küfer sämtlich dem Verbande beigetreten waren, hatte das Chikanieren kein Ende. Als am Montag der Braumeister einen Brauer plötzlich entließ, erklärten sich die übrigen 4 Brauer und 2 Küfer mit ihm solidarisch und legten ebenfalls die Arbeit nieder. Sofort wurde die Polizei alarmiert, und nicht weniger wie 5 Schutzleute mußten die Uebeltäter beim Packen ihrer Sachen bewachen. Aber nicht ge⸗ nug damit, mußten auch noch die Brauer von ihrer Wohnung über den Hof bis zur Straße vor den Schutzleuten hermarschieren wie die ge⸗ meiusten Verbrecher.— Daß solche Zustände existieren, ist gewiß schlimm genug und Herr Bopp sollte seinem Braumeister doch ein wentg auf die Finger sehen. Er sollte ferner bedenken, daß die Arbeiter einen großen Teil seiner Kundschaft bilden und unter Umständen ein gewichtiges Wort mitreden könnten. Er wird einsehen, daß es besser ist, sich tüchtige Leute zu halten, als wegen eines Braumeisters die Kundschaft zu verlieren. X Stadtverordnetenstichwahl. Bei der am Dienstag stattgefundenen Stadtverordnetenstichwahl siegte wiederum die vereinigte Bürgerliste. Die Beamten haben auch diesmal nicht vermocht, anch nur einen ihrer Kan⸗ didaten durchzubringen. Es erhielten Stimmen: Dr. Maurmann 293, Keppler 268, Kronemann 210, Laub⸗ scheer 227, Die beiden Ersten sind somit gewählt. Die Fleischnot wird den Beratungsgegenstand einer Volks versammlung bilden, die auf Sonn⸗ tag, den 10. Dezember, abends 7 Uhr, in Hildemanns Saal am Barfüßertor einberufen ist. Das Referat hat Genosse Dr. Michels übernommen. Es wird er⸗ wartet, daß unsere Parteifreunde für recht zahlreichen Besuch sorgen. „ Der Konsumverein hält am Donnerstag, den 14. Dezember, abends 8 Uhr seine General⸗ versammlung im Hildemannschen Lokale ab. Die Mit⸗ gli der wollen dazu vollzählig erscheinen. O Ihr laßt die Armen schuldig werden... Drei Monate und 1 Tag Gefängnis erhielt ein Ehepaar aus Betten⸗ dorf, Kreis Frankenberg am Freitag von der hiesigen Strafkammer wegen Diebstahl von Holz, das nach der eigenen Angabe des Bestohlenen nur einen Wert von 28 Pfg. hatte. Der Mann erhielt 3 Monate unk dle Frau 1 Tag Gefängnis. Einem Arbeiter dürfte es unmöglich sein, sich in den Gedankengang eines Richters hineinzuversetzen, der wegen solcher Beringfügig⸗ keiten eine so hohe Strafe ausspricht— aus⸗ sprechen muß— von Rechts wegen. Unsere Gesetzgeber aber sollten sich einmal die Frage vorlegen, wie es auf das Rechtsempfinden des Volkes wirken muß, wenn es solche hohe Strafen wegen geringer Eigentums vergehen in Verglei⸗ stellt mit den Strafen, zu welchen die Brüsewitz, Hüssener ꝛc. wegen ihrer Mordtaten verurteilt worden sind. T—————————— Versammlungskalender. Samstag, 9. Dezember. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei L ö b. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr bel Orbig. Wetzlar. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Sonntag, den 10. Dezember. Gießen. Freie Turnerschaft. Nachm. 3 Uhr Monatsbersammlung bei Löb, Wiener Hof. Harbach. Of fentliche Versammlung nach⸗ mittag 4 Uhr bei Wirt Schäfer. Mittwoch, den 13. Dezember. Rödgen. Wahlvereln. Versammlung Abends 9 Uhr bei Wirt Balser. Zahlreich erscheinen. Wetzlar. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung in der„Glocke“. 77 ² Sodte 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 1 Von Nah und Lern. Abgeblitzte! Sittlichkeitsretter. Den Karlsruher Sittlichkeitsfexen hat der dortige Stadtrat eine derbe, aber verdiente Lektion erteilt. Eine Eingabe, die angeblich von 3468 Frauen und Jungfrauen unterzeichnet war, hatte beim Stadtrat Verwahrung eingelegt gegen den kürzlich von Professor Billing er⸗ stellten Stefansbrunnen, der eine übermächtige nackte weibliche Figur darstellt. Die unter⸗ zeichneten Frauen und Jungfrauen verstcherten, daß diese nackte Figur das weibliche Austands⸗ gefühl verletze und ein Verderben sei für das Schamgefühl der heranwachsenden Jugend. Die Antwort des Stadtrats auf diese Eingabe war der im amtlichen Protokoll mitgeteilte Beschluß, dem Einspruch der betr. Frauen und Jung⸗ frauen keine Folge zu geben,„da der Brunnen nicht vereigenschaftet ist, das Anstandsgefühl zu verletzen, wenn man ihn mit anständiger Gesinnung betrachtet“. Der heilige Nock von Trier. Vor dem Schwurgericht in München hatte sich der verantwortliche Redakteur der„Süd⸗ deutschen Montagsztg.“, August Richter, wegen Verbrechens gegen die Religion zu verantworten. Er hatte in seinem Blatte einen abfälligen Ar⸗ tikel über den„heiligen Rock“ in Trier und in einer andern Nummer kritische Bemerkungen gegen eine Münchener Fronleichnamsprozesston veröffentlicht. Nach Vernehmung der Sach⸗ verständigen, welche sich für den Angeklagten unerwartet günstig gestaltete,— ein katholi⸗ scher Sachverständiger erklärte es für zweifel⸗ los feststehend, daß der Trierer„heilige Rock“ unecht set— wurde er unter Begeisterung des Publikums freigesprochen. Aus„besseren“ Kreisen. Die Strafkammer in Breslau verurteilte am 1. Dezember den Oberstabs arzt a. D. und gl. Kreiswundarzt Dr. Oskar Gellner wegen Beeleldigung der Frau Oberleutnant Becker in TViesbaden zu zwei Monaten Gefäng n? Der Verurteilte hatte an Frau Becker und au den Staatswalt in Wiesbaden anonyme Schrei ben gerichtet, in welchen er Frau Becker der Erbschleicheret, des Meineides und der Verleitung zeim Meineide bezichtigte. ———— Schillers geistige Entwicklung. Dr. R. Strecker. (Fortsetzung.) Jetzt begann ein unstetes Wanderleben, zwar durch manche Sonnenblicke erhellt, wie durch die Gastlichkeit der Mutter eines Schulfreundes, der Frau v. Wolzogen, und durch die Stellung als Theaterdichter in Mannheim(Juli 1783 bis August 1784), die seinem Stück„Kabale und Liebe“ einen durchschlagenden Erfolg brachte, aber auch reich an Enttäuschungen: sein, Fiesko“ fand geringen Anklang, die Last seiner Schulden wurden immer drückender, seine Gesundheit litt unter dem ungesunden Klima. J. Da bot ihm der sächstsche Oberkonsistorialrat Körner, der Vater des bekannten Dichters, die rettende Hand. Durch ihn wurden die Schulden getilgt, und als sein Gast, April 1785 bis Juli 1787 zuletzt auf Körners Weinberg in Loschwitz bei Dresden, lebte Schiller körperlich und vor allem auch geistig neu auf. Dank⸗ bar, wie eine Pflanze für Sonnenlicht, öffnet er unter dem wohltuenden Eindruck dieser Freundschaft die Augen für alles Schöne der Welt. Der prachtvolle jubelnde Hymnus„An die Freude“ ist die bleibende Frucht dieser Stimmung und noch deutlicher spiegelt sich die innere Wandlung im„Don Carlos“, wodurch das Stück als Kunstwerk freilich widerspruchs⸗ voll wird und manches verliert, als Zeugnis für die Entwicklung einer Menschenseele dagegen uur um so mehr gewinnt. Die Wurzeln dieses Trauerspiels stecken noch in jener erstgeschil⸗ derten Lebensperiode und aus ihnen schien zu⸗ nächst nichts anderes hervorgehen zu wollen als ein düsteres Familiendrama, gleich den übrigen der Sturm und Drangzeit, mit dem Gegensatz des liebenden königlichen Jünglings zum Vater, der ihm die Braut fortheiratet, als Hauptgegenstand. Jetzt aber tritt mehr und mehr der Freund des Titelhelden, der Marquis Posa, in den Vorder grund, mit seinen kühnen politischen Freiheitstdealen, die als Programm⸗ worte der Zukunft heute noch Tausenden aus dem Herzen gesprochen sind,“) und die den⸗ jenigen, die an deren ewige Unausführbarkeit glauben, immerhin sovlel von der geistigen Ent⸗ wicklung des Dichters bezeugen, daß er aus persönlich beschränkten Interessen heraus, sich emporgerafft hat zum ernsten Nachdenken über „der Menschheit große Gegenstände,,„Herr⸗ schaft und Freiheit“, wie Schiller sie mit so vielsagender Kürze im Prolog zum„Wallen⸗ stein“ bezeichnet. Und wenn er auch der Marquis schließlich infolge einer Reihe verhängnisvoller Miß verftänduise untergehen läßt, so ist doch das Erhebende und Versöhnende an dieser, wie an jeder andern großen Tragödie, der Glaube au die Unsterblichkeit wenigstens der idealen Ziele, für die der Held sein Leben opfern muß. Mit den Worten„Herrschaft und Freiheit“ ist dasjenige Problem bezeichnet, welches fortab wie ein Grundton aus allen Werken Schillers, aus seinen lyrischen wie dramatischen, aus seinen philosophischen wie geschichtlichen hervorklingt. Wie weit die Mensch⸗ heit, das Volk, der Einzelne frei sein müsse, von wem und wie jede Art der Herrschaft aus⸗ geübt werden dürfe, die Begriffe der Denkfrei⸗ heit, der sittlichen Freiheit und der politischen Freiheit, sie beschäftigen sein Nachdenken un⸗ ausgesetzt. Und mag man sich zu seiuen Lösungs⸗ versuchen stellen, wie man will, das ist gewiß, daß seine Schriften ohne Anerkennung seines ehrlichen Strebens, ohne Dank für seine reichen Anregungen kein denkender Leser aus der Hand legen wird. Wo man ihm aber zustimmen kann, da wird die Freude darüber noch erst zu einem vollkommenen Genuß durch die einzig⸗ artige künstlerische Form, in der auch die schwierigsten Gedanken geboten werden. (Fortsetzung folgt.) N S— 2. 5 Unterhaltungs- A Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. 4(Fortsetzung.) blick gekommen war, hatte er allerlei Ausstüchte bei sich selbst gefunden und die Folge war ge⸗ wesen, daß der Minister seine Wünsche gar nicht kannte. Es war zu bezweifeln, ob viel damit verloren wurde, aber Frau Werner und ihre Tochter waren völlig davon überzeugt, und der Beamte hatte bereits manchen gelegentlichen Verweis deshalb hören müssen. Auch jetzt zog er sich wieder einen solchen zu und seine Be⸗ hauptung, daß ein Krämer besser sei als ein Minister, war nicht geeignet die Damen auf auf andere Gedanken zu bringen. „Und auf fünf Jahre!“ seufzte Frau Werner, „als ob unsere Malvine sich niemals verbessern könnte!“ „Vielleicht ja, aber vielleicht auch nicht; man weiß was man hat, aber man weiß nicht, was man erhalten kann,“ erwiderte der vorsichtige Werner, dessen vieljähriges Beschreiten des⸗ selben ausgelaufenen Weges jeden Gedanken an ein Wagnis oder ein Veränderung ausge⸗ löscht hatte. * Es ist für die Lebenskraft des Dichtwerks kein schlechtes Zeichen, daß man in Rußland noch eben 1 zu haben glaubt, seine Aufführung verbieten zu müssen. „Eine Beamtentochter mit so viel Talent und mit so vielen Kenntnissen wie unsere Malvine!“ 1 „„Mutter“, fiel Malvine ihr in die Rede, währende sie ihre Augen von dem blauen Himmelsstreifen abwendete. In ihren Augen glänzte eine Thräne, die genugsam verriet, daß auch ste nicht allzu sehr für ihre neue Stellung eingenommen sei. „Ja, Kind, ich muß es sagen: ein Mädchen mit so viel Talent und die so hübsch ist wie du, sollte nicht Gouvernante bei einem Krämer werden und hätte dein Vater sich eine Audienz erbeten, oder mit Frau von Brau gesprochen, so würbe die Sache ganz anders gekommen sein. Aber, daß du nun fünf Jahre lang bei Taubermanns im Hause sein sollst, die in der 11 Stadt bekuͤnnt sind als— als— 0— „Als was denn nun?“ frug Werner. „Es hat nichts weiter zu sagen, die ganze Stadt kennt ste, und es ist keine Stellung für eine Beamtentochter. Ich begreife nicht, daß du es angenommen hast.“ „Ich freue mich sehr darüber, daß Malvine es getan hat,“ entgegnete das Haupt der Fa⸗ milie,„und der Erfolg wird zeigen, daß sie ausgezeichnet versorgt ist.“ „Wir hatten doch verabredet, liebe Mut ter daß ich jedes Anerbieten annehmen solle,“ er⸗ widerte Malvine,„und als ich zu Taubermanns ging, warst du selbst damit einverstanden.“ Dies war auch so, aber es ist ein großer Unterschied, ob man einverstanden ist mit etwas, was noch geschehen soll, oder mit etwas, was geschehen ist; sonst hätten wir das Wörtchen Reue nicht nötig. Dies Wort kam auch jetzt wie immer zu spät. Mal vine hatte stch Tauber⸗ manns gegenüber gebunden und alle Ideale, die sie sich in Bezug auf ihre Zukunft gemacht hatte, waren damit vernichtet. War sie auch noch so ausgezeichnet versorgt, die Stellung als Gouvernante im Hause eines Krämers entsprach keineswegs den Vorstellungen, die sie sich für ihr folgendes Leben gemacht hatte. Sie wünschte allerdings sich nützlich zu machen, aber sie ver⸗ stand darunter nicht das veben in einem stillen häuslichen Kreise, wo sie ihre Talente und Kenntnisse auf die Erztehung von vier Kindern verwenden sollte, denen es die Welt, in der sie lebten, vielleicht übel aus legte, wenn sie sich in irgend etwas auszeichneten. Nützlich, tätig zu sein, bedeutete für Malbine das Verkehren in einem Kreise, wo ihre Gaben die Aufmerksam⸗ keit auf sich zogen, so daß— aber dies gestand sie sich selbst nicht einmal ein— man von ihr sprach; kurzum, sie wollte sich einen Namen machen, und wer erreichte dies bei einem Ko⸗ lonialwarenhändler? Im Gegenteil, über einen „So hast du früher nicht gedacht,“ anwortele Krämer, der sich eine Gouvernante hielt, wurde 15 7 Mu Er 1 e An 50 er sich eim Minister eine Audienz erbitten wollte, um i ihm Malvine zu empfehlen, sobald sie ihr Examen Werner war nicht die einzige, die auf einen bestanden hatte; aber als der geeignete Augen⸗ ganz gewiß viel gelästert und Malvine bekam dann ohne Zweifel ihren Teil davon. Frau Krämer, welcher der Aristokratie nachahmte, von oben herabsah, und der Ansicht war, daß soch eine Stellung für eine Beamtentochter zu gering seti. Aber wie Malvine sagte, man war ühereingekommen, daß sie annehmen sollte was vorkam. Werners Haushaltung kostete täglich mehr Geld und es mußte eine Veränderung geiroffen werden. Malvine mußte für sich selbst sorgen; sie konnte ihren Eltern nicht zu Last bleiben und mußte daher die erste Gelegenheit ergreisen, um selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Diesen Entschluß hatte sie nicht auf Ver⸗ anlassung ihres Vaters gefaßt. Es gibt Menschen, die in der Zeiten der Not eine Energie ent⸗ wickeln, wie man sie ihnen nie zugetraut hätte; Werner legte in solchem Falle eine lethargische Ruhe an den Tag, die über jede Vorstellung ging. Seit Jahren hatte er die Zeit näher kommen sehen, wo sein häusliches Leben eine vollständige Umänderung erleiden mußte, aber er war stets auf demselben Wege geblieben, hatte täglich seine Arbeit auf dem Bureau ver⸗ richtet und zu Hause war nur das gesprochen was notwendigerweise gesagt werden mußte. Er hatte seine Kinder aufwachsen lassen und bezahlte für sie das Schulgeld; er hatte sie ausgezankt, wenn sie ungehorsam, und gelobt, . —**———ůů—ĩ—= llent lere sebt, auen gen ret, neue dchen ble mer dienz chen, men g bei 5 3 ganze für daß 15 Fa⸗ b sie utter er⸗ manns roßer twas, Was ktchen jezt luber⸗ deale, macht auch 0 als spract 9 für luschte ie 10 len 2 dern der ste sch n lig zu rel in sam⸗ getan yon ihr Namen u Kl einen wurbe bekam Frau ö einen ahnte 1, da ter zu an wal 1. bu fäglich kerung c selbs 1 l geuhett alt 1 f Ber- 11 be kl he ach, lun e en 1 0 aber Nr. 50. Mitteldeutsche Souutags⸗Zemung. 7—— ͤ—' ⁰ Ä— Seite 7. wenn ste artig waren, er sah sie langsam der Schule entwachsen und seinen ältesten Sohn das Alter erreichen, in welchem man einen Lebensberuf zu erwählen pflegt; er sah seine älteste Tochter, nachdem sie ein Examen ab⸗ gelegt hatte, eine Stellung suchen, wozu er seine Hilfe zwar versprach aber nicht gewährte; er sah, daß er immer tiefer in Schulden geriet; er sah, daß man ihm den Kredit verweigerte und doch blieb Werner ruhig auf dem alten Wege und schien immer mehr und mehr das zu sein, was seine Vorgesetzten in Bezug auf seine Ar⸗ beiten von ihm behaupteten: eine Maschine. Er war eine Maschine, die man jeden Morgen nach dem Bureau schickte, wo er seine Arbeit fortsetzte, und von wo er nach jedem Quartal mit der kleinen Summe nach Hause kam, mit welcher der Staat seine Zeit und seine Dienste bezahlte. Es war ein Glück, daß Frau Werner das schüchterne Mädchen nicht mehr war, als welches man ste in ihrer Jugend kannte. Wie aͤngstliche Kinder mutig werden, wenn sie andere Kinder bewachen müssen, so war Phine — die mißlautende Verkürzung von Josephine — nach und nach dahin gekommen, daß ste eigentlich das Haupt der Familie war und die Kinder fast alles ihr allein zu danken hatten. Sie war es denn auch, die darauf gedrungen hatte, daß endlich einmal eine Veränderung in das häusliche Leben kommen müsse und ob⸗ gleich der Abschied von der ältesten Tochter ihr vielen Kummer bereitete, durfte nicht länger damit gezögert werden. Der Hausherr und der Bäcker— mit dem Schlächter hatte man schon längst gebrochen— ließen sich durch keine Ver⸗ sprechungen mehr rühren; die Manufakturläden lieferten nichts mehr und der dritte Kleider⸗ macher hatte der Kundschaft bereits aufgesagt; was man beim Krämer schuldig war, vergegen⸗ wärtigte eine halbe Schiffsladung, aber Tauber⸗ mann war langmütig; Keller und Leinenschrank waren ausgeräumt, selbst der Schuhmacher hatte das Haus aufgegeben und das kleine Dienst mädchen wartete seid neun Wochen auf ihren Lohn. Wenn das arme Ding nicht ein schlimmes Auge gehabt hätte, würde sie gewiz längst einen anderen Dienst gesucht haben, aber so fuhr sie fort, die Treppe zu der Werner'schen Wohnung auf und abzusteigen und je län er ste auf Geld warten mußte, um so lauter schtenen ihre Pantoffeln zu klappern, wie das Echo des Gewissens der guten Frau Werner. Aber trotz ihrer Pläne, daß etwas für die Familie geschehen müsse, konnte Werners Gattin nicht vergessen, daß sie die Frau eines Beamten war und es kränkte sie tief, daß Malvine eine Stellung bei einer Familie annehmen sollte, die im Rang unter ihr stand und dieser Ge⸗ danke machte ihr fast mehr Sorge, als die Aussicht auf eine Trennung, worauf ste sich seit lange vorbereitet hatte. (Fortsetzung folgt.) Splitter. Grundsatz. Wer nicht arbeitet, darf wohl essen, wenn ich ihm etwas zu essen schenken will; aber er hat keinen rechtskräftigen Anspruch auf Essen. Er darf keines andern Kräfte für sich verwenden; ist keiner so gut, es frei⸗ willig für ihn zu tun, so wied er seine eigenen Kräfte anwenden müssen, um sich etwas auf⸗ zusuchen oder zuzubereiten, oder Hungers sterben, und das von Rechts wegen. * Man kann der Wahrheit sehr nahe kommen und dann sich stets im Kreise um sie herum bewegen. ** * Zeigt den Hausgenossen Würde: Euren Frauen leid gesprächig, Gegen Fremde seid bescheiden, Gegen euch und eure Kinder U nachgebend streng und fest. Herder. Die Gutartige Presse. Weihrauch streut aus vollen Händen Vor dem Thron der Journalist, ———— 0 2 Garantie, dauerhafte und elegante Mähmaschinen aller Systeme von Mk. 40.— an. Wetzsteinstrasse 44. Re f ZæQRTÜM Ls Mar em dass manche Leute glaubten, man kaufte von Nichtfach- leuten billig. Das rächte sich aber, sobald es Reparaturen gab.— Ich liefere unter Joh. Fr. Schu, Giessen, Kinder. — Zur Weihnachtssaison empfehle ich mich im Einrahmen von Bildern. 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Chef(der eine Todesanzeige erhält):„Na, die Frau kann froh sein, daß sie endlich den Lüderjahn und Säufer los ist!..(Zum Kommis) Drücken Sie ihr'mal unser herzlichstes Beileid aus, Müller!“— Widerspruch.„Na, so wacklig hab' ich den Schulmeister aber noch niemals nach Hause kommen sehen!“—„Ja, wissen Sie, der ist heute fest angestellt worden!“ 8 Eine Erklärung.„Vater, was ist denn das: eine Börsenspekulation?“—„Das ist, wenn deine Mutter in Ohnmacht fällt, um einen neuen Hut zu bekommen.“ 0 5 B 1 Parteifreunde! b eh nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung: inter- ehuhe von 40 Pfg. an bis zu den feinsten Qualitäten. inter- eaupschuhe in allen Größen, gestrickt, gewebt, mit Leder und Krimmer. inter- Zaden(Unterjacken) von 1 Mk. an.— Gestrickte Jacken und Jagd⸗ westen in allen Größen und Weiten von 1 Mk. 50 Pfg. an bis zu den feinsten Kammgarn⸗Westen à 4 bis 8 Mk. inter- unterziehzeuge, als: Normal⸗Hemden, Hautjacken, Unterhosen in großer Auswahl. inter- Paleots und Havelocks für Herren, Burschen und Kinder. inter- äutel, Capes und Jackets für Herren, Damen, Mädchen und inter- Joppen für Jagd und Sport, mit Plaid, Woll⸗ und imit. 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