. — ell — e, hen Ufg. m. fg. flu lber ahr⸗ U lan⸗ chen bon s lie. ul⸗ lie. — s 228 E Seesen 2 8 * Gießen, den 10. September 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nedaktionsschluß: Donnerziag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. Bei mindestens Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung K. 5107) 331/0% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Vaterlandsliebe. Mit den. Worten„Vaterland“,„Vaterlands⸗ liebe“,„vaterländische Gestnnung“ wird ein ent⸗ setzlicher Unfug getrieben. In der Wahlagi⸗ tation ist es ein beliebtes Mittel der bürger⸗ lichen Parteien, den Wählern vor der„Vater⸗ landslosigkeit“ der Sozialdemokratie gruselig zu machen. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit reiten die herrschenden Klassen das Steckenpferd ihrer Vaterlandsliebe vor dem staunenden Volke. Mit solchem Humbug kann man leider noch viele, auch sonst sehr tüchtige Menschen kopflos machen. Man gaukelt ihnen dor, daß eine Sache, für die sie sonst nicht zu haben wären, im Interesse des Vaterlandes liegt, und sie sind gewonnen. Will der Großkapitalist,„schreibt unser Nürnberger Parteiblatt“, den Preis seiner Pro⸗ dukte steigern, so verlangt er,— natürlich nur im Interesse der„nationalen Arbeit“— Schutz- zölle, wie im Interesse des„vaterländischen“ Schweines die Junker ein Fleischbeschaugesetz derlangten. Der Industrie⸗Unternehmer ver⸗ langt Zuchthausgesetze, der Großgrundbesttzer Einschränkung der Freizügigkeit und beide be⸗ gründen ihr Verlangen mit der Sorge um das „Wohl des Vaterlandes“. Als„vaterlandslos“ aber wird jeder bezeichnet, der gegen die Zoll⸗ gaunerei kämpft, den Militarismus und Ma⸗ rinismus für volksverderblich erklärt, die Ko⸗ lonialpolitik als unsinnig, was ste auch ist, be⸗ zeichnet, die Monarchie nicht als gottgewollte Einrichtung ansieht.„Vaterlandslos“ bedeutet heute eigentlich soviel als ver nünftig. 5 Der Kolonialkrieg in Südwestafrika gibt den Leuten, die die Vaterlandsliebe in Pacht nehmen möchten, wieder Gelegenheit, ihr patriotisches Phrasengeklimper an den Mann zu bringen. Bei den Debatten im Reichstag über das südwestafrikanische Abenteuer hatte der Fraktionsredner der Sozialdemokratte darauf hingewiesen, daß die Abstchten der Deutschen, den Hereros unter keinen Umständen das Land, das sie früher im Besitz hatten, wiederzugeben, eine beschämende sei. Eine solche Taktik wider⸗ spreche den Prinzipien der Kriegsführung eines zivilisterten Staates. Durch einen solchen Raub des Grund und Bodens werde den Eingeborenen ihre Existenzmöglichkeit geraubt. Dagegen er⸗ hoben sich die Redner anderer Parteien. Diesem Aufstand gegenüber könne das Völkerrecht nicht in Anwendung gebracht werden; die nationale Ehrenschuld müsse erfüllt werden; der national⸗ liberale Paasche sprach sich dahin aus, daß man diese wilde Horden am ersten besten Baum aufknüpfen solle. Später hatte er seine Aeußerung widerufen, vielleicht hat er sich doch geschämt, soweit dies bei einem Nationalliberalen über⸗ haupt noch möglich ist. Man kann den Hereros weiter nichts zum Vorwurf machen, als daß ste ihr Land, ihren Grund und Boden mit außerordentlicher Zähig keit verteidigen. Dafür werden sie als eine Bande Mörder und Aufständischer bezeichnet. re der Cherusker, der die Deutschen im ahre 9 nach Christi sammelte, um die römischen Eindringlinge aus dem Lande zu jagen, gilt heute noch als der glänzendste Vertreter der wahren Vaterlandsliebe. Im Vergleich zu den fortgeschritteneren Römern konnte man damals ebenso leicht von deutschen Horden reden, wie man im Reichstag von afrikanischen Horden spricht. Dieser Vergleich neigt sich noch zu⸗ gunsten der Hereros, wenn wir in Betracht ziehen, daß die Römer den Deutschen damals wirklich Kultur brachten, während den Hereros und Hottentotten Pulver und Blei, Schnaps und ansteckende Krankhetten von der deutschen Zivilisation gebracht wird. Nickt nur die Liebe zum heimatlichen Boden, die schließlich jedem Menschen anhaftet, hat die Hereros zum Widerstande gereizt, sondern auch die Tatsache, daß sie mit den Lebensverhält⸗ nissen in ihrem Lande zufrieden waren. Was Armin dem Cherusker und seinen Stammes⸗ genossen recht war, das müßte den Hereros billig sein. Dieser Raubzug nach einem fremden Land hat dem deutschen Volke bis jetzt ungeheure Summen gekostet. Unterdes nimmt das Blutvergießen drüben ruhig seinen Fortgang. Jeder Tag bring eine neue Verlustliste. Der Typhus und andere Seuchen wüten unter den deutschen Soldaten schlimmer als die Kugeln der Hereros. Und warum das alles? Warum fließen die Tränen deutscher Mütter? Hinter dem Schlagwort von der„nationalen Ehre“ steckt die abgefeimteste Art kaptitalistischer Profitgier, die Menschenleben opfert, um sich fremdes Eigentum anzueignen. Wenn die sozialdemo⸗ kratische Fraktion im Reichstag jeden Pfennig deutschen Geldes für einen kulturfeindlichen Zweck verweigert und einen unerbittlichen, wenn auch aussichtslosen Kampf gegen ein solches System der Völkerberaubung führt, so zeigt sie, wie in so vielen anderen Fällen, daß sie mehr wahre Vaterlandsliebe besitzt als jene, die ihr ihre angebliche Vater⸗ langslosigkeit zum Vorwurfe machen und dabei ihre eigenen schmählichen Taten durch schwindel⸗ hafte Schlagwörter verdecken. Tätigkeit der Sozialdemo⸗ kratie im Reichstage. 155 Nachdem der Reichstag am 16. Juni 1904 vertagt worden war, nahm er seine Arbeiten am 29. November auf. Es konnte für niemand weifelhaft sein, daß der Termin für die Fort⸗ 2 der vertagten Session ein viel zu später war. Ein umfangreiches Material war schon bei der Vertagung unerledigt ge- blieben, und nun kamen noch umfangreiche neue Beratungsgegenstände hinzu. Das Verzeichnis über die nicht erledigten Materialien, das den Mitgliedern des Reichstages beim Wiederzu⸗ sammentritt, wie üblich, zuging, ließ keinen Zweifel darüber, daß, wenn nicht recht viele Arbeiten nutzlos unter den Tisch fallen sollten, eine abermalige Vertagung der Session not⸗ wendig sein würde. Bei der Vertagung des Reichstages, am 16. Juni 1904, erklärte der Prästdent, daß, wenn der Abschluß von Handels⸗ verträgen früher zustande käme, es dann ja immer noch möglich sei, den Reichstag früher als am 29. November einzuberufen. Daraus folgt, daß man sich in Regierungskreisen der Hoffnung hingegeben hatte, sofort mit der Be⸗ Während der Vertagung konnte man es auch so in der Tagespresse lesen. Allein der Ver⸗ lauf der Dinge war ein ganz anderer, und es unterliegt auch keinem Zweifel, daß es den Unterhändlern der Reichsregierung sehr schwer geworden ist, auf der Grundlage des Wuger⸗ tarifs selbst diese schlechten Handels⸗ verträge zum Abschluß zu bringen. Reichshaushalts⸗Etats für das Rechnungs⸗ jahr 1905/06. Der diesjährige Reichshaushalt⸗Etat ist in Ein⸗ nahme und Ausgabe auf 2, 180,167,169 Mark festgestellt, und zwar: im ordentlichen Etat auf 1,762,209,932 Mark an fortdauernden und auf 223,730,491 Mk. an einmaligen Ausgaben, sowie auf 1, 985,940,423 Mk. an Einnahmen, im auß e r⸗ ordentlichen Etat auf 194,226,746 Mark an Einnahmen. Der von der Regierung dem Reichstage vorgelegten Etat stellte sich ursprünglich wie folgt: in Ausgabe und Einnahme auf 2,241,560,900 Mark, und zwar: im ordentlichen Etat auf 1,762,568, 556 Mark an fort⸗ dauernden und auf 182,589,239 Mark an einmaligen Ausgaben, sowie auß 1,945, 247,795 Mark an Ein⸗ nahmen, im außerordentlichen Etat auf 296,313,105 Mark an Einnahmen. Die Differenz zwischen dem Voranschlag der Re⸗ gierung und den Beschlüssen, nach denen der Reichstag den Etat gestaltet hat, beträgt 61,363,731 M. Im Etat des Jahres 1904/05 betrug diese Differenz 400 Millionen Mark. Wie ersichtlich, ist, der Reichstag im laufenden Etatsjahr sehr viel freigiebiger gewesen wie im verflossenen Etatsjahr; doch wäre es ein Irrtum, daraus schließen zu wollen, daß die Finanzlage in diesem Jahr eine bessere gewesen sei. Im Gegenteil! Die Etatsdebatten. Der Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel leitete die Gene raldebatte mit einer sehr eingehenden und, wie man anerkennen muß, auch sehr instruktiven Rede ein. Herr v. Stengel erklärte ganz offen, daß seine kleine Finanz⸗ reform, die sogenannte Lax Stengel, den gewünschten Erfolg nicht gehabt hat. Wir unsererseits waren, wie im vorjährigen Bericht eingehend nachgewiesen ist, von vornherein überzeugt, daß diese Maßregel aus der Finanzklemme nicht führen kann. Mit schematischen Gesetzesmaßregeln schafft man kein Geld. Der Schatz⸗ sekretär mußte daher die Tatsache bekunden, daß auch im laufenden Etatsjahr die regelmäßigen Einnahmen um fast 75 Millionen Mark hinter den Ausgaben zurückblieben. Also auch in diesem Jahre und somit zum dritten Male, eine Zuschußanleihe. Aber damit ist das Defizit noch keineswegs im laufenden Etatsjahr erschöpft. Der Reichsschatzsekretär stellte sich die Frage: wie ist da herauszukommen? Und die Antwort, die er sich gab, lautete:„Eins der vornehmsten Mittel, seine Finanzen zu bessern, ist ganz zweifellos— das ist eine alte Erfahrung— die Sparsamkeit in den Ausgaben.“ Wir hören hier aus dem Munde des Herrn von Stengel das sattsam bekannte Sprüchlein. Hören wir den Kriegsminister, so versichert auch er, weise Spa r⸗ samkeft zu üben. Ja, die gesamten Ressortchefs der Reichsverwaltung sind in der Abgabe dieser Versicherung durchaus solidarisch, nur der Reichskanzler hat darüber nichts verlauten lassen. Auch die Redner der bürger⸗ lichen Parteien sagen das Sprüchlein von der Sparsam⸗ keit her. Wer soll es ihnen glauben! Es ist doch eine sehr sonderbare Sparsamkeit, bei der die indirekten Steuern und Zölle fortgesetzt sich sehr vermehren und auch noch die Schulden ins ungemessene wachsen. Es gibt drei Etats, wo wirklich gespart werden könne; das ist beim Militäretat, beim Marineetat un) dem Kolonialetat. Der Militäretat zu Wasser und zu Lande, er ist der Nimmer⸗ satt, das gefräßige Ungeheuer, dem alles geopfert werden ratung der Handelsverträge beginnen zu können.! muß. Daran kann aber nicht gespart werden, sagt Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 37. Herr von Stengel; gleicher Meinung sind die verbün⸗ deten Regierungen und die herrschenden Klassen. Auf⸗ gabe unserer Partei ist es, diesen unzweideutigen Wider⸗ sinn immer weiteren Kreisen des arbeitenden Volkes, das letztlich alle Lasten zu tragen hat, zum Bewußtsein zu bringen. Unser Fraktionsredner zum Etat sprach dann noch offener wie der Schatzsekretär. Er wies nach, daß Regierung und Mehrheitsparteien sich nicht damit ent⸗ schuldigen könnten, daß sie nicht gewußt hätten, daß ihre verderbliche Politik mit Notwendigkeit dahin führen mußte, wo wir jetzt angelangt sind. Gerade von den Sozialdemokraten im Reichstage ist fast unablässig bei Beratung des Etats mit aller Schärfe und Deutlichkeit diese ganze Wirtschaft charakterisiert worden. Festnagelte auch unser Fraktionsgenosse die Aeußerung des Abg. Spahn vom Zentrum, der in seiner wehmutsvollen Stimmung erklärte: es scheine ihm doch sehr bedenklich, jetzt, wo die Handelsverträge kommen, die eine Ver⸗ teuerung der Lebensmittelpreise bringen, nun auch noch mit neuen Steuerprojekten hervorzutreten. Also jetzt wird vom Zentrum offen zugestanden, was bei Beratung des Zolltarefs geleugnet wurde. Es muß unsere Aufgabe sein, den Wählern dieser Partei zu sagen, wie zweideutig und unwahr das Zentrum ist. Fortsetzung folgt.) — Politische Rundschau. Gießen, den 7. September 1905. Politisches von der Woche. Gegen den agrarischen Fletsch⸗ wucher beginnen die Städte sich zu wehren. Von der Frankfurter Stadtvertretung aus ging eine Rundfrage an die größten preußischen Städte, ob sie bereit seien für gemein⸗ same Maßregeln zur Linderung der Fleischnot einzutreten. Diesem Vorgehen haben sich bereits eine Reihe Städte angeschlossen. Es ist nur nicht recht verständlich, warum stch der Frankfurter Magistrat nicht an alle Städte wendet, zumal viele sich bereits für Oeffnung der Grenzen ausgesprochen haben.— Nach Ansicht des preußtschen Landwirtschafts⸗ ministers soll die Fleischverteuerung eine„vor⸗ übergehende“ sein. Daß ste das nicht ist, vielmehr als eine ganz natürliche Folge der agrarischen Politik erachtet und behandelt werden muß, ist selbst aus amtlichen Nachweisungen zu ersehen. So geht aus den Zahlen des Berliner statistischen Amts hervor, daß seit 1897 der Preis des Rindfleisches dauernd gestiegen ist, der Preisunterschied beträgt 14 Pfg. Also keine vorübergehende Erscheinung! Die Mittelständler hielten diese Woche in Frankfurt einen Kongreß ab. Man wollte damit offenbar eine gewaltige Mittelstandskundgebung, vielleicht etwas ähn⸗ liches wie die alljährliche Berliner Bündler⸗ parade im Zirkus Busch in Szene setzen und tagte deshalb in dem Riesensaale des Hypo⸗ droms, allein die Geschichte fiel ins Wasser, die Massenbeteiligung blieb aus. Es waren am ersten Tage höchstens 150 Mittelstands⸗ leute anwesend, welche Zahl schließlich auf 50-60 zusammenschrumpfte. Die Debatten waren ebenso uninteressant. Man bekam die alten rückständigen Redensarten und Klage⸗ lieder über Ruin des Mittelstandes(was man darunter eigentlich zu verstehen hat, sagte keiner) und dessen Rettung durch den Befähigungsnachweis zu hören. Die„sozial⸗ demokratischen“ Konsumvereine liegen den Leutchen besonders im Magen und gegen sie fielen hetzerische und verdächtigende Worte. Ein Redner sprach von„Koalitions frechheit“, also gewiß ein arbeiterfreundlicher Herr. Andere Redner sprachen durchaus nicht mit besonderer Hoffnungsfreudigkeit von der Mittelstandsbe⸗ wegung, auch in Handwerkskreisen habe das „sozialistische Gift“ schon weit um sich gefressen. Wir hoffen, daß die Erkenntnis der wirtschaft⸗ lichen Tatsachen auch unter den Handwerkern wächst und stie dem Sozialismus zuführt. Unter dem Namen„Anarcho⸗Sozia⸗ lismus“ hat Dr. Friedeberg in Berlin eine neue Partei zu gründen versucht. Vor einer Versammlung der lokalorganisterten Ge⸗ werkschaften entwickelte der Eigenbrödler seine Ansichten, die ja in ähnlicher Weise schon früher K —— zum Besten gegeben wurden. Er führte aus, in den Gewerkschaften set„Ruhe“ die Signatur des Klassenkam pfes geworden; der Maffeierge⸗ danke, dieses hehre Symbol des Klassenkampfes, sei im Erlöschen begriffen. Hieran trage die sozialdemokratische Partei ihr gerütteltes Maß von Schuld, weil sie den Boden des Klassen⸗ kampfes verlassen und sich immer mehr in den parlamentartschen Firlefanz verloren habe. Gleichwie die Gewerkschaften dem Neu⸗ tralitätsdusel verfallen seten, so habe sich auch die politische Partei der Weltanschauung des Proletariats gegenüber als„neutral“ erklärt. Die Sozialdemokratie habe den Sozialismus preisgegeben und verlassen, er— ihr Erbe sei der Anarcho⸗Sozialismus. Daß diese „Bewegung“ eine Spaltung der Sozialdemo⸗ kratie bedeutet, von der bürgerliche Blätter sprechen, ist nicht richtig. In Berlin finden sich stets einige Tausend Köpfe für eine„Idee“, auch für die verworrenste. Unserer Partei wird ste aber nicht schaden. Friedeberg besorgt unbewußt mit seiner merkwürdigen Agitation nur die Geschäfte der Scharfmacher und Reak⸗ tionäre und das werden die Berliner Arbeiter bald einsehen. Zur Fleischnot. Der preußische Landwirtschaftsminister Pod⸗ bieslki hatte vor Kurzem erklärt, daß eine Fleischnot nicht existiere, namentlich seien Schweine genügend vorhanden. Darauf rich⸗ tete der Wurstwarenfabrikant Dieckmann in Braunschweig die Anfrage an Herrn Podbielski, ob er denn von den angekündigten billigen Schweinen im Laufe des Monats September einige haben könnte. Darauf hat die v. Pod⸗ bielskische Gutsverwaltung in Dallmin am 26. August folgendes geantwortet: „Bezugnehmend auf das an Se. Exzellenz gerichtete Schreiben teile Ihnen mit, daß wir nicht in der Lage sind, Ihnen pro Sep⸗ tember Schweine abzugeben. Hochachtungs⸗ voll v. Podbielskische Gutsverwaltung, H. Lütringhaus, Administrator.“ So müssen die preutzischen Minister durch sich selbst widerlegt werden. Wie Minister reden. Die Schutzkommisston der Berliner Gast⸗ wirtevereinigung hat Herrn Möller und Herrn v. Podbielski in Sache der Fleisch⸗ not Besuche abgestattet. Beide Minister, der für Lederhandel und jener für Schweinezucht zeigten sich sehr gesprächig. Herr Möller er⸗ klärte, wie Berliner Blätter berichteten, er spüre die Fleischverteuerung selbst und fühle daher mit den Petenten. Die Fleischnot komme aber daher, daß sich der allgemeine Wohlstand gehoben habe. Die Arbeiter verdienten jetzt das Doppelte des frü⸗ heren Verdienstes(Hört's Arbeiter!) und wollten jetzt täglich Fleisch essen.(Auch das noch!) Dieser Steigerung des Konsums sei die landwirtschaftliche Produktion nicht nachge⸗ kommen. Schließlich riet der Handelsmann den Gastwirten menschenfreundlich, ste sollten doch ihre sämtlichen Preise um 10 Pfennig erhöhe. An eine Oeffnung der Grenzen sei nicht zu denken, denn der plötzliche Preissturz, der mit einer großen Vieheinfuhr eintrete, sei auch nicht wünschenswert. Nun weiß man's aber! Die von den Hetzern aufgestachelten Arbeiter essen jetzt soviel Fleisch, daß für Minister und Lederfabrikanten nicht genug übrig bleibt und diese Armen buchstäblich hungern müssen. Trotzdem will Herr Möller sich weiter kasteien, um den„plötzlichen Preis⸗ sturz“ zu verhüten. Anders aber sprach Pod, der regierende Schweinezüchter. Er erklärte, eine Fleischnot bestehe nicht. Die Differenz des Viehauf⸗ triebs betrage gegen die früheren Jahre nur 1 Prozent. Wurde sie 10 Prozent betragen, so würde er alles tun, was nötig sei. Endlich wies der Fleischnotminister, der bis auf Weiteres nicht tut, was nötig ist, auf den 1 April 1906 hin. Mit der Einführung des neuen Zoll⸗ tartfs würde alles noch um etwas teuerer werden. Also seidas jetzige Geschrei ganz unnötig. — Man kann den preußischen Ministern wenig⸗ stens den einen Vorwurf nicht machen, daß ste Meister in der Kunst der Verstellung wären. In ihren Antworten an die Gastwirte offenbart sich die ganze Höhe ihrer Auffassung, die ganze Größe ihres Geistes, die ganze Tüchtigkeit ihrer Gesinnung. So kann das preußische Volk wenigstens nicht sagen, es wisse nicht, wie und von was für Leuten es regiert werde. Einen Erlaß gegen die Soldatenschindereien soll der Kriegsminister v. Einem an sämtliche Regimentskommandeure gerichtet haben. Darin wird eine Verfügung vom 1. Ja auar 1905 in Erinnerung gebracht, wonach die Vorgesetzten den Mannschaften überhaupt nicht zu nahe kommen, vielmehr ihre Befehle und Weisungen aus einer Mindestentfernung von drei Schritt zu geben haben. Ueberdies sei den Mannschaften strenge Weisung zu erteilen, daß ste jede Mißhandlung auch die geringste tätliche Zurechtweisung sofort auf dem vorgeschriebenen Wege zur Anzeige bringen sollten, denn nur mit Hilfe der Mann⸗ schaften könne diesem Uebel gesteuert werden. Solche Erlasse verdienen gewiß alle Aner⸗ kennung, sind aber schon öfter dagewesen und haben nichts genützt. Das Uebel muß an der Wurzel gepackt werden und wenn es Herrn v. Einem ernst darum zu tun ist, die Soldaten⸗ quälereien auszurotten, so würde ihm die Sozial⸗ demokratie tüchtig dabei helfen. Schon lange ist zum Beispiel eine Erleichterung des Beschwerderechts der Soldaten gefordert worden. Aber auch damit würde bei weitem noch nicht genug geschehen. Das ganze Subor⸗ dinationsverhältnis bedarf einer gründlichen Aenderung. Die soldatische„Pflicht“ des Ka⸗ davergehorsams muß aufhören. Der Sol⸗ dat muß sein Notwehrrecht genau so wie jeder andere Staatsbürger ausüben können. Die militärische Rechtspflege muß im Geiste der Gerechtigkeit ausgestaltet resp. reformiert werden. Aeußerste Strenge muß walten gegen Soldaten⸗ schinder; jeder Vorgesetzte, der Soldaten miß⸗ handelt, muß aus dem Heere mit Schmach und Schande ausgestoßen werden. Die Revolution in Rußland. Ein Deutscher den zarischen Hen⸗ kern verfallen! Aus Warschau kam die Nachricht, daß dort am Samstag der deutsche Reichsangehörige Genosse Kasprzak von dem Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden ist. Sein Mitangeklagter Gurzmann wurde trotz erwiesener Unschuld zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dieser Justiz⸗ mord hat eine ungeheuere Erregung unter der Warschauer Arbeiterschaft hervorgerufen. Diese Erregung fürchtet man und deshalb wurde das Gericht in der Zitadelle abgehalten, um den Trausport zu vermeiden. Kasprzak soll auch im Gefängnisgebäude hingemordet werden. Der Verurteilte hat keine Handlung begangen, die nach deutschem Rechte mit dem Tode be⸗ straft wird. Er hat eine Handlung begangen, die nach deutschem Rechte im schlimmsten Falle als Totschlag aufgefaßt und mit Zuchthaus bestraft werden könnte. In einer Geheimdruckerei tätig, wurde er von russischen Poltzisten überrascht. Er versuchte seinen Ge⸗ nossen zur Flucht zu verhelfen und tötete dabei die Gendarmen. In der Geschichte der rus⸗ sischen Revolution wird unter ihren Märtyrern nun auch ein deutscher Reichsangehöriger ge⸗ nannt werden.— Neueren Nachrichten zufolge ist das Urteil bereits vollstreckt. Kasprzak war früher Arbeitersekretär und Redakteur des „Volksblatt“ in Posen. Ehre dem Andenken des Freiheitskämpfers und Märtyrers! Man sollte meinen, daß die deutsche Re gierung und die deutsche bürgerliche Presse so⸗ viel nationalen Stolz hätten, ein Wort für den ermordeten deutschen Reichsangehörigen einzu⸗ legen. Aber weit gefehlt; dieses Deutschland schützt wohl die gemeinsten aalen Spitzel, nicht aber ein edles Opfer der zarischen Willkür. Eine scheußliche Metzelet hat die vertierte Zarenpolizei wieder unter der Bevölke⸗ — See lig 8 tel. hart ilze rer Jol und iche uin in ten he en ei den daß ste dem igen Un⸗ ert ler und der ern sen⸗ zial⸗ ange des dert, Item hol chen R a⸗ Sol⸗ wle Die der den. ten- miß⸗ und pen die iche dem rden rde ren i der Dlese daß del Nr. 37. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite&. rung von Kischinew am Dienstag ange⸗ richtet. Bei der Beerdigung zweier ermordeten jüdischen Mädchen wollten die Kaufleute die Geschäfte schließen. Dem widersetzten sich Polizei und Militär und es kam zum Kampfe, wobei die Sozialisten die Juden verteidigten. Wie die„Frkftr. Ztg.“ berichtet, wurden fünfzig Juden und biele Sozialisten getötet. Der russisch⸗Japanische Friedensvertrag ist nun endlich am Dienstag Nachmittag von den beiderseitigen Delegierten in Portsmouth unterzeichnet worden. Das Ereignis wurde. in der Stadt mit Glockengeläute begrüßt und die Flaggen wurden gehißt. Innerhalb 50 Tagen sollen der Zar und der Mikado den Vertrag genehmigen. Zum Friedensschluß bemerkt die in Berlin erscheinende„Russische Korrespondenz“:„Es geht ein Seufzer der Erleichterung durchs Land, aber gleichzeitig herrscht eine allgemeine Nie⸗ dergeschlagenheit. Die Reaktion, die jetzt die Last des Krieges losgeworden ist, wird nun die äußerste Anstrengung machen, das Werk der Befreiung, dem der Krieg zweifellos nicht wenig genützt hat, niederzuschlagen. Man spricht schon von einem vollkommenen Plan der Reaktion, dem Plane der Kolonisation Sibiriens durch die mandschurische Armee, da sie eine Verstärkung der revolutionären Be⸗ wegung durch die geschlagenen und demorali⸗ sierten Truppen befürchtet.“ Die Kriegsverluste betragen für beide Par⸗ teien nach natürlich nur annähernd gültigen Schätzungen an Werten das nette Sümmchen von neun Milliarden Mark, wovon vier auf Japan und fünf auf Rußland kommen. An Menschen hat der Krieg 432 000 Tote und Verwundete nebst 85000 Gefangenen also über eine halbe Million Menschen gekostet. —— Aus dem Berichte des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei Deutsehlands an den Parteitag zu Jena 1905. le Die Maifeier wurde in diesem Jahre häufiger als sonst durch Arbeitsruhe gefeiert. In einzelnen Orten, wie zum Beispiel in Stutt- gart, war die Beteiligung geringer, weil eine Anzahl Gewerkschaftsführer der Meinung war, daß Massenmaßregelungen erfolgen würden, und dann eine erhebliche Schädigung der Arbeiter⸗ interessen eintreten könne, in dem die Gewerk⸗ schaften in ihrer Finanzkraft geschädigt würden. Daß diese Befürchtungen unbegründet waren, bewies der Verlauf an den Orten, wo die Arbeitsruhe in größerem Umfange eintrat als in Vorjahren. In Berlin z. B. waren die Vormittagsversammlungen nie so überfüllt und doch hörte man nie so wenig von Maßregelungen infolge der Maifeier wie in diesem Jahre. Immer größere Bedeutung erlangt die Mai- feier als Demonstration der Arbeiterklasse gegen den Krieg und gegen die wahnsinnigen Rüstungen zu Wasser und zu Land. Je mehr und je demonstrativer die Arbeiterklasse aller Länder den Gedanken der Volksverbrüderung zum Aus⸗ druck bringt, um so schwieriger wird es, die dei Begründung von Heeres⸗ und Flottenvor⸗ lagen nötigen Argumente zu finden. Im weiteren giebt der Bericht eine Dar⸗ stellung der Friedensdemonstrationen in Berlin und Konstanz, berührt kurz den Gewerkschafts⸗ kongreß, den Bergarbelterstreik, die Arbeiter⸗ sekretariate und die Unterstützungsaktion zu⸗ gunsten der Opfer der russischen Revolution. Die Parteipresse wird eingehend be⸗ handelt. Sie zeigt eine vorzügliche Ent⸗ wickelung. Unsere Tageszeitungen weisen sehr bedeutende Steigerung der Abonnentenziffer auf. Der Vorwärts hat 92 000, das Hamb. Echo an 50000, die Leipz. Volksztg. über 36 000 Auflage, viele andere 20000 und mehr. Ver⸗ schiedene Partetorgane richteten sich eigene Druckereien ein. Der Vorwärts brachte einen Ueberschuß von 84527 Mk., der„Wahre Jakob“ einen solchen von 19500 Mk., die „Gleichheit“ 74 Mk., während die„Neue Zeit“ einen Zuschuß von 4400 Mk. brauchte. Die Buchhandlung Vorwärts kann seit einigen Jahren über einen ständigen Aufschwung des Geschäfts berichten. Diese erfreuliche Tatsache ist auch für das Berichtsjahr zu verzeichnen. Die Buch⸗ handlung konnte deshalb auch einen diesem er⸗ höhten Umsatze entsprechenden Ueberschuß von 95000 Mk. der Parteikasse überweisen. Das Strafkonto der Arbeiter⸗ bewegung belief sich im abgelaufenen Jahre auf 2 Jahre 3 Monate Zuchthaus, 65 Jahre 2 Wochen Ge⸗ 575 und Haft, sowie 15 400 Mark Geld⸗ rafe. Der Vorstand weist näher auf einzelne be⸗ sonders wichtige Prozesse, z. B. auf den Königs⸗ berger hin und fährt dann fort: Viele Gerichte geben sich alle erdenkliche Mühe, als Kampforgane gegen die Sozial- demokratie zu wirken und bei Lohnkämpfen die Interessen der Unternehmer zu vertreten. Was viele Richter nur denken und als unausgesprochene Gründe gelten lassen, sprach ein Richter in Hirschberg in Schlesien offen aus. Dort hatte ein Soztaldemokrat, der auch Radfahrer ist, eine Radfahrerversammlung nicht angemeldet, weil er glaubte, daß Radeln keine öffentliche Ange⸗ legenheit ist. Er wurde zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurteilt. Bei der Begründung des Urteils führte der Richter nach dem Bericht des„Boten aus dem Riesengebirge“ aus: „Was die Höhe der Strafe betrifft, so ist der Gerichtshof deshalb bedeutend über den Antr ag des Staatsanwalts hinausgegangen, weil die Sozial⸗ demokraten es mit großem Geschick verstünden, die Gesetze zu umgehen. Könne aber einmal ein Sozialdemokrat gefaßt werden, dann müßte er auch streng bestraft werden.“ Sehr hohe Strafen werden dadurch erreicht, daß man einfache strafbare Handlungen als Verbrechen bezeichnet. Eine Handlung, welche man, wenn sie von Studenten verükt wird, als grober Unfug mit einer kleinen Geldstrafe bestraft, nennt man Aufruhr oder Landfriedens⸗ bruch, wenn die Beteiligten streikende Arbeiter sind, und man bestraft dann die für schuldig Befundenen mit Zuchthaus oder doch jahre⸗ langem Gefängnis. Solche Aufruhr⸗ und Landfriedensbruchprozesse brachten die Lohn⸗ kämpfe in Königsberg, Mecklenburg, in den Orten an der Unterweser und im Ruhrrevier. So kommt man auch ohne Zuchthausgesetz da— zu, streikende Arbeiter ins Zuchthaus zu bringen, wie es in Güstrow mit dem Geuossen Evert geschah. 0 Das Parteiarchiv ist in seine neuen Räume(Berlin, Lindenstraße 69) übergestedelt und dort allgemeinerer Benutzung unter der neuen Verwaltung zugänglich gemacht worden. Die erneute Reviston und Ordnung des Archivs hat nun aber auch in besonderem Maße gezeigt, welche Lücken in der älteren Literatur der poli⸗ tischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung in den Archivbeständen vorhanden sind. Die ältere Literatur unserer Bewegung wird von Jahr zu Jahr seltener, und es ist die Pflicht der lebenden Parteigenossen gegenüber den fol⸗ genden Generationen, dafür zu sorgen, daß wenigstens an einer Stelle eine möglichst kom⸗ plette Sammlung aller auf die politische und ewerkschaftliche Arbeiterbewegung bezüglichen iteratur vorzufiaden ist und der Benutzung zugänglich bleibt. Um diesen Zweck zu er⸗ reichen, erinnern wir erneut daran, die Vor⸗ stände der Landes- und Provinzialorgani⸗ sationen, die Gewerkschaften, die Partei- und Arbeitersekretariate, kurz alle Stellen, die sich mit Veröffentlichungen im Interesse der Arbeiter⸗ bewegung befassen, diese Publikationen an das Archiv gelangen zu lassen. Alle Zuschriften und Sendungen für das Archiv sind an den Verwalter desselben, Genossen Max Grunewald, Berlin SW. 68, Lindenstraße 69, zu richten. Der Kassenbericht weist einen recht er⸗ freulichen Stand unserer Parteifinanzen nach. Die Gesam teinnahmen sind gegen das Vorjahr in runder Summe um 102 000 Mark gestiegen, die eigentlichen Parteibeiträge um eine geringe Summe zurückgegangen. Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß unsere Parteigenossen im verflossenen Berichts- jahre für andere Zwecke gewaltige Opfer gebracht haben. Konnten doch allein durch die vom Parteivorstand eingeleitete Sammlung den streikenden Bergarbeitern des Ruhrreviers 277 874,71 Mark zugeführt werden. Insge⸗ samt betragen die Parteieinnahmen 723 069 Mk., Gesamtausgaben 499 118 Mk. Es konnten bei einem Kassenbestande von 22891 Mark wer e Mark für Kapitalanlage ausgegeben werden. * An den Vorstandsbericht schließt sich ein Bericht der Genossin Ottilie Bader über die sozialdemokratische Frauenbewegung. Diese macht gute Fortschritte. Es sind jetzt etwa 4000 Frauen politisch organisiert. Zahlreiche Ver⸗ sammlungen, in denen die besonders die Frauen interessierenden Fragen behandelt wurden, haben stattgefunden. Besonders planmäßig und ein⸗ gehend haben sich die Genossinnen im ganzen Reich mit der Schulfrage beschäftigt. Ihr auf⸗ klärende Agitation hat in sehr großen prole⸗ tarischen Kreisen das Verständnis für dieselbe geweckt und eine gute Zahl von Frauen mit der Sachkenntnis ausgerüstet, die sozialistischen Forderungen auf dem Gebiete des Bildungs- wesens überzeugend vertreten zu können. Man war auch bestrebt, in jeder Hinsicht die gewerkschaftliche Organisation ge⸗ meinsam mit den Gewerkschaften zu fördern. Die rednerisch gewandten, organisatorisch ge⸗ schulten Genossinen sind unablässig tätig ge⸗ wesen, um indifferente Arbeiterinnenmassen wachzuschütteln und der Organisation ihres Berufes zuzuführen. Der Bericht schließt: Die allseitigen Fortschritte nnserer Bewegung sollen uns ein Ansporn zu weiterer intenstver Tätigkeit im Dienste des proletarischen Be⸗ freiungskampfes sein. Jeder Schritt vorwärts zeigt, welch eine Fülle von Arbeit noch zu leisten ist, aber er läßt uns auch neue Kräfte finden, welche diese Arbeit mit uns leisten wollen. Darum frohen Mutes und voll Zuversicht vorwärts. Wir Frauen vor allem haben Ketten zu verlieren und eine Welt zu gewinnen.“ Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Mit der Fleischnot beschäftigte sich eine vom Vorstande des Wahlvereins einberu⸗ fene Versammlung, die am Dienstag Abend im Saale von Lonys Bierkeller stattfand. Sie war stark besucht, auch Frauen waren zahlreich ver⸗ treten, was als ein Beweis dafür angesehen werden darf, daß die Teuerung der Lebens⸗ mittel sich allgemein fühlbar macht und auch die Frauen auf den Plan ruft, die sonst sehr selten in eine Versammlung kommen. Referent Stadt⸗ verordneter Krumm entwickelte in seinem Re⸗ ferate die Ursachen der jetzigen Fleischnot, die auf die agrarische Politik zurückzuführen sei. Er wies darauf hin, wie ungeheuerlich die Zoll⸗ sätze für die nach Deutschland einzuführenden Lebensmittel durch die neuen Handelsverträge hinaufgeschraubt werden und wenn diese in Kraft treten, würden sie zu einer weiteren Ver⸗ schärfung der Notlage führen. Man habe die Grenzen für die Vieheinfuhr gesperrt, angeblich um das Einschleppen von Seuchen zu verhüten, aus Sorge um die Gesundheit des Volkes! In Wirklichkeit handelt es sich einfach um Preis⸗ treiberei der Großgrundbesitzer und Junker. Wenn es richtig wäre, daß vom Ausland die Viehseuchen eingeschleppt würden, so müßte das ganze Ausland verseucht und die Bevölkerung halb ausgestorben sein. Die Einfuhr von Büchsenfleisch, Wurst und geräuchertem Fleisch ist auf Grund des Fleischbeschaugesetzes seit zwei Jahren gänzlich verboten, obwohl früher kein Mensch vom Genusse dieser Fleisch⸗ waren erkrankt sei. Außerdem werde dieses Fleisch in großen Mengen in der deutschen Marine und bei den Landtruppen konsumiert 0 — — Seite 4. Mitteldeutsche Sonuutaas⸗Zeitung. Nr. 37. wo es jedenfalls unschädlich sei. Gegen den agrarischen Raubzug müsse sich das Volk weh⸗ ren. Resolutionen würden kaum viel nützen, es gelte vielmehr bei den Wahlen dafür zu sorgen, daß der Volksaussaugung entgegen ge⸗ treten werde. Nachdem Krumm seine Aus⸗ führungen unter lebhaftem Beifall geendet, er⸗ griff Genosse Vetters das Wort, der an Hand zahlenmäßiger Feststellungen darlegte, daß an den einzelnen Schlachthöfen bedeutend weni⸗ ger Vieh und besonders Schweine geschlach⸗ tet würden als früher.“ Und gerade für die minderbemittelte Bevölkerung mache sich der Mangel an Schweinefleisch am empfindlichsten fühlbar, weil diese vorwiegend auf den Genuß von Schweinefleisch angewiesen ist. Aber nicht allein die Fleischpreise zeigen eine horrende Stei⸗ gerung, sondern auch die Preise der übrigen Lebensmittel. Milch, Butter, Gemüse, Eier ꝛc. verzeichnen Preise, wie nie vorher und diese Mehrausgaben zu leisten, sei der Arbeiter nicht imstande, müsse sich also noch mehr einschränken und noch mehr entbehren als vorher. Es sei falsch, wenn von bedeutend gestiegenen Löhnen geredet werde. Der Arbeiter müsse um jeden Pfennig Lohnaufschlag erbittert kämpfen und seine Mehrausgabe fur die Lebenshaltung sei größer als der Mehrverdienst. Redner wies noch darauf hin, wie das konsumierende Pub⸗ likum durch die Zucker-, Spiritus, Kohlen⸗ und andere kapitalistische Ringe geschröpft werde, die willkürlich die Preise diktieren. Unsere Reichsregierung, welche diese agrarische Politik treibe, schädige unser Volk noch dadurch, daß sie hunderte Millionen Mark für die unsinnige Kolonialpolitik hinauswerfe. Welcher Nutzen könnte gestiftet werden, wenn die ungeheuren Summen, die für Südwestafrika geopfert wer⸗ den, in Deutschland selbst Verwendung finden würden! Trotz der geringen Meinung Krumms von dem Werte einer Resolution, halte er es doch für zweckmäßig, eine solche zu beschließen und der Stadtbehörde sowie der Regierung zu übermitteln. Er schlägt die folgende vor, die, da weiter von niemanden das Wort gewünscht wird, einstimmig zur Annahme gelaugt: Die heutige in Lonys Bierkeller tagende, stark be⸗ suchte Versammlung verlangt angesichts der herrschenden Fleischnot, die es den mind erbemittelten Kreisen der Bevölkerung fast unmöglich macht, sich Fleischnahrung zuzuführen, von der Stadtverwaltung, daß zunächst das Oktroi auf Vieh, Fleisch und Fleischwaren beseitigt werde. Ferner ersucht die Versammlung die hessische Regierung, daß sie im Bundesrate auf Oeffnung der Grenzen für gesundes Vieh hinwirken möge. Schließlich fordert sie die Stadtverwaltung Gießen auf, gemeinsam mit anderen Städten bei der Staats⸗ bezw. Reichs⸗ Regierung vorstellig zu werden und die Oeffnung der Grenzen zu verlangen für gesundes Vieh, Aufhebung des Einfuhr verbotes für überseeisches Fleisch und Fleischwaren, ferner Aufhebung der Zölle auf Fleisch, Fleischwaren sowie Futterstoffe. — Der Streik bei Schaffstaedt dauert noch fort. Von Seiten der daran beteiligten Arbeiter wurde zwar der Versuch gemacht, eine Verständigung herbeizuführen und es wurde an Herrn Schaffstaedt selbst ein Schreiben in die⸗ sem Sinne gerichtet, doch es erfolgte keine Antwort. Eine solche dürften die Arbeiter doch mindestens erwarten. Herr Schaffstaedt läßt aber seinen langjährigen Arbeitern gegen⸗ über außer Acht, was sonst im gewöhnlichen Leben als Anstandspflicht angesehen wird. Ueber die gestellten Forderungen sei folgendes mitgeteilt. Bei der Firma werden, und zwar * Durch eine Unfrage, die die Allgemeine Fleischer⸗ Zeitung über die Schweineschlachtungen im Au gust dieses und des vorigen Jahres bei den Direktionen der 40 größten Schlachthöfe im Deutschen Reich gehalten hat, ist der zahlenmäßige Beweis für einen sehr be⸗ deutenden Mangel an Schweinen erbracht. Danach sind auf sämtlichen Schlachthöfen im Jahre 1905 bedeutend weniger Schweine geschlachtet worden. In Berlin beispielsweise sank die Zahl von 79642 auf 75 380, in Hamburg von 26 210 auf 23 043, in Frank⸗ furt von 11019 auf 10 271, Mainz von 4361 auf 3557, Kassel von 3278 auf 2810, in München von 17 860 auf 14194, in Nürnberg von 13 656 auf 8670. Neben der bedeutenden Abnahme der Schweine⸗ schlachtungen ist bei sehr vielen der genannten Schlacht⸗ höfe auch eine starke Abnahme der Rinder⸗ und Käl berschlachtungen zu konstatieren. hauptsächlich in der Dreherei, die Arbeiten teils im Akkord, teils in festem Lohn hergestellt. Nun liegt die Sache so, daß, wie leicht erklär⸗ lich, der Zeitlohnarbeiter sich bei derselben Ar⸗ beitsleistung stets schlechter steht als der Alkord⸗ arbeiter, auch ist der Willkür der Meister Tür und Tor geöffnet. Um nur eine einigermaßen gerechte und gleichmäßige Verteilung der Arbeit und dadurch auch den im Zeitlohn Arbeitenden verhältnismäßig gleichen Verdienst zu sichern, wurde der Firma zur Regelung dieser für die Arbeiter wichtigen Frage folgendes vorgeschlagen: 1. Als Lohnsatz wird der Durchschnittsverdienst des Akkords vom letzten Vierteljahr berechnet und festgesetzt. 2. Bei Lohnarbeiten wird dieser Satz bezahlt; die Berechnung neuer Akkord⸗ preise geschieht auf der Grundlage dieses Lohn⸗ satzes. 3. Arbeiter, welche bisher nicht im Ak⸗ kord gearbeitet haben, erhalten denjenigen Lohn⸗ satz, welcher sich bei einem in gleichem Lohnsatz stehenden Akkordarbeiter ergibt. 4. Zu niedrig gestellte Akkordpreise sind so zu regulseren, daß wenigstens der bei obiger Berechnung sich er⸗ gebende Lohnsatz verdient werden kann. Jeder Leser kann nun selbst beurteilen, ob diese For⸗ derungen wirklich so„ungerecht und unerfüllbar“ sind, wie die Firma Schaffstaedt in ihrem in vor. Nr. von uns veröffentlichten Rundschreiben behauptet und auf wessen Seite das Recht sich befindet. Ueber die Abstellung der von den Arbeitern gerügten Mißstände braucht nichts erwähnt zu werden, da in dieser Beziehung die gemachten Zusagen die Arbeiter befriedigten. Es blieb also nur noch die Regelung der Lohn⸗ und Akkordverhältnisse übrig und hierin wäre bet einigem guten Willen und Entgegenkommen seitens der Firma eine Einigung auf Grund⸗ lage dieser Vorschläge leicht zu erreichen ge⸗ wesen und der Ausstand hätte vermieden werden können. Selbstverständlich werden die Strei⸗ kenden ausharren. Trotz aller Bemühungen ist es der Firma bis jetzt nicht gelungen, Ersatz für die Ausständigen zu bekommen, nur ganze zwei„Arbeitswillige“ haben stch gefunden. Einer von diesen beiden gehört dem Jünglings⸗ verein an. — Unparteiische Sozialpolitik. Die in Gießen erscheinenden„Neuesten Nachrichten“, die sich „unpartelisch und unabhängig“ nennen, brachten vor Kurzem einen Artikel unter der Ueberschrift:„Was kostet die Sozialpolitik?“ Was darin zu Tage gefördert wird, dürfte mit zu den Unfinnigsten gehören, was je über Sozialpolitik zusammen gesch—rieben wurde. Es wird da den Ausgaben für den Militarismus das Wort ge⸗ redet, als ob das deutsche Volk dafür noch nicht genug bluten müßte. Dann werden die Millionen vorgeführt, die bis jetzt für die Arbeiterversicherung aufgebracht set en, man könne von einem„Sozialmoloch“ reden. Daß der Besitzer und Redakteur des Blattes, Herr Klein, sich zu so rückständigen und arbeiterfeindlichen Ansichten bekennen sollte, möchten wir denn doch bezweifeln. Er bekommt aber seine Zeitung zum Teil fertig aus einer Berliner Fabrik geliefert und ist infolgedessen auf diesen Teil völlig einflußlos. Man sieht also, wie Arbeiter, welche ein derartiges Blatt durch„unablässiges“ Abonnement weiterverbreiten helfen, ihre eigenen Interessen schädigen. — Konsumverein. In der General⸗ versammlung am Sonntag waren etwa 100 Mitglieder anwesend, leider nur ein Bruch⸗ teil der Gesamtheit. Die Jahresrechnung und die Bilanz wurde genehmigt, ebenso der vom Aufsichtsrat vorgelegte Verkeilungsplan der er⸗ zielten Ersparnisse. Der Umsatz im Laden be⸗ trägt, wie schon früher mitgeteilt, 43 000 Mk., einschließlich der Rabattgeschäfte, 66 800 Mk., oder auf das Mitglied durchschnittlich 208,50 Mark. Die Rückvergütung wird auf 5%(für den Schein 1 Mk.) festgesetzt und es wird mit der Auszahlung bereits am Montag begonnen. Die ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Krug und Mäunche wurden wiedergewählt. Eine lange und lebhafte Debatte entspann sich über die Erwerbung eines Grundstückes. Sie endete mit der Annahme eines Antrages, wonach die Verwaltung ermächtigt wird, bei günstiger Ge⸗ legenheit den Kauf eines Grundstückes zu bewirken. o- Die Freie Turnerschaft Gießen hielt am vergangenen Mittwoch eine Mitglieder⸗ versammlung ab, die sich leider nicht des Be⸗ suches zu erfreuen hatte, wie er in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung wünschenswert ge⸗ wesen wäre. Für die ausgeschiedenen Vorstands⸗ mitglieder wurden Turngenosse Lenz zum Kassenwart und Turngenosse Hch. Noll zum Schriftwart gewählt. Das Sommerfest auf der Pulvermühle brachte einen Ueberschuß von 110,75 Mk. Der Bericht des Turnvereins Fichte⸗Berlin wurde auf eine spätere Versamm⸗ lung zurückgestellt. Eine Resolution, die sich für die Ausgabe von Diplomen bei den Kreis⸗ turnfesten ausspricht, gelangte zur Annahme. Das Stiftungsfest wird wie alljährlich im November gefeiert. — Ein Arbeitsnachweis für den Kreis Gießen ist errichtet worden und es werden, wie das Kreisamt bekannt gibt, am 16. Sept. in den Gemeinden Großen⸗Linden, Grünberg, Lich, Lollar, Londorf, Hungen und Wieseck Arbeitsnachweisstellen in Tätigkeit treten. Die Vermittlung von Arbeit erstreckt sich auf ge⸗ werbliche und landwirtschaftliche Arbeiter, Hand⸗ lungsgehilfen, Dienstboten, Taglöhner und Lehr⸗ linge und erfolgt unentgeltlich.— Hoffentlich kommt es nun auch bald zur Errichtung eines Gewerbegerichts, dessen Mangel sich sehr fühl⸗ bar macht. aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. b. Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Alsfeld⸗Lauterbach, die am Sonntag im Stadtpark in Alsfeld abgehalten wurde, war gut besucht; einige Parteifreunde aus Lauter⸗ bach und Schotten nahmen daran teil. Zu dem Vorstands⸗ und Kassenbericht bemerkt der Kreisvertrauensmann Eder, daß die Fortschritte unserer Partei im Kreise befriedigende seien. Beispielsweise hätten wir bei den Gemeinde⸗ wahlen in Alsfeld unsere Stimmen verdoppelt. Im ganzen sind im letzten Jahre 5 Volksver⸗ sammlungen abgehalten worden. Die Kasse weist 95.81 Mk. Einnahmen und 62.52 Mk. Ausgaben auf, so daß ein Kassenbestand von 33.29 Mk. verbleibt. In der Dieakussion beschwerten sich die Lauterbacher und Schottener Parteigenossen daß der Vertrauensmann sich im letzten Jahre sehr lässig gezeigt habe, er hätte öfters Zuschriften unbeantwortet gelassen und auf Ersuchen kein Material geschickt. Im Uebrigen habe er aber, erklärt Jakob, seine Pflicht als Vertrauensmann erfüllt und man solle ihn wiederwählen. Das geschah denn auch. Eder versprach das seinige tun zu wollen, damit die nächste Konferenz mit seiner Tätigkeit zufrieden sei. Als Kassierer wurde Karl Martin und als Schriftführer Wilh. Jakob gewählt. Von Gen. Neumann⸗Schotten wurde angeregt, den Kreis in Bezirke einzuteilen, damit man eine bessere Agitation entfalten könnte. Jakob stimmt dem zu und bemerkt, jetzt sei die Zeit zu intenstver Agitation, jetzt müsse den Leuten klargelegt werden, wer die Urheber der Fleischnot seien und in Alsfeld sei es sehr am Platze, eine Protestversammlung abzuhalten, wie es in anderen Städten auch geschähe; oder es müßten Flugblätter verbreitet werden. Dechert empfahl schließlich für diejenigen Genossen, denen die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung nicht ache Lesestoff biete, das Abonnement des Offenbacher Abendblattes oder der Frankfurter Volksstimme. Das Referat des Gen. Michels mußte aus⸗ fallen, weil er in Schotten den Zug nicht er⸗ reicht hatte. b. Von der christlichen Gewerk⸗ schaft. Am Sonntag Nachmittag 2 Uhr sollte im„Grünen Baum“ in Alsfeld eine Versammlung des christlichen Maurerverbandes stattfinden, aber gegen 4 Uhr waren erst der Führer Herr Becker aus Frankfurt nebst zwei ganzen Mann seiner Mitglieder anwesend. Um diese Zeit erschienen eine Anzahl Mitglieder des Wahlvereins mit dem Genossen öller⸗ Frankfurt, die Herrn Becker hören wollten. Es kam dann zu einer scharfen Auseinandersetzung. Herrn Becker wurden seine Fehler vorgehalten, die er bei der Alsfelder Maurerbewegung be⸗ gangen hatte, indem er, als die Leute erst 14 Tage organistert waren, ste in den Streik gehen ließ. Unter solchen Umständen mußte der Streik verloren gehen und die Arbeitersache wurde 18 , pt. 9, ed Nee he d. . les l. ft fle fe Nr. 37. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. schwer geschädigt. Die Christlichen versprechen auf der einen Seite den Arbeitern Besserung ihrer Lage, während ihre Abgeordneten im Reichstag für Verteuerung der Lebensmittel stimmten. Herr Becker wußte sich nicht anders aus der Klemme zu ziehen, als daß er sich schleunigst nach der Bahn begab und abreiste. Unsere Genossen aber gingen nach dem Stadt⸗ park, wo Göller einen Vortrag über die christ⸗ liche Gewerkschaftsbewegung hielt, die in der Tat nur einen Hemmschuh für die Arbeiterbe⸗ wegung bilde. Jetzt werben ste sogar in ihrem Verbandsorgan Streikbrecher nach Köln! Göller wies noch auf die schweren Kämpfe hin, die wir unter dem Sozialistengesetz zu bestehen hatten und ermahnte zur Einigkeit und festem Zusammenhalt. — In Schotten hielt der Wahlverein am Samstag eine Versammlung ab, in welcher Gen. Dr. Michel s⸗Marburg einen Vortrag über Lassalles Wirken hielt. Der Besuch war verhältnismäßig gut, doch wäre er gewiß stärker gewesen, wenn sich nicht die Meinung verbreitet hätte, daß der Vortrag erst Sonn⸗ tag Abend stattfinden sollte, wie es auch vorher beab⸗ sichtigt war. Die Erschienenen folgten den Ausführungen des Redners mit großer Aufmerksamkeit und nahmen sie beifällig auf. Hoffentlich ist es Genossen Michels bald wieder möglich, Schotten zu besuchen und unserer Sache hier fördern zu helfen! Aus dem Nreise Wetzlar. h. In der Protestversammlung gegen den Fleischwucher, die am Sonntag in Göths Garten abgehalten wurde, referierte Genosse Redakteur Quin t.Frankfurt. Die Versammlung war äußerst zahlreich besucht und die Ausführungen des Redners fanden lebhafte Zustimmung. In klarer Weise führte er die Ursachen der Fleischnot auf die junkerlich⸗agra⸗ rische Zollpolitik zurück, die diese und noch an⸗ dere verderbliche Erscheinungen zeitige, die sich noch viel schärfer mit dem Inkrafttreten der Handelsverträge zeigen würden. Gegen diese Zustände und diese Politik müsse im Interesse des Volkes protestiert werden, die Konsumenten, Metzger und Stadtverwaltungen müßten gemein⸗ sam auf Abhilfe dringen. Eine in diesem Sinne gehaltene Resolution gelangte zur einstimmigen Annahme. Unter anderem verlangt die Reso⸗ lution von der Stadtverwaltung Wetzlar ge⸗ meinsam mit anderen deutschen Städten bei der Reichs⸗ bezw. Staatsregierung vorstellig zu werden, wegen Oeffuung der Grenzen für gesundes Vieh, Aufhebung des Einfuhrverbote für überseeisches Fleisch und Fleischwaren ꝛc. Die beiden Wetzlarer Abgeordneken waren auch zu der Versammlung eingeladen. Während Herr Reichstagsabgeordneter Krämer sein Fern⸗ bleiben höflich und mit guten Gründen entschul⸗ digte, beantwortete der Landtagsabgeordnete Stockmann die Einladung gar nicht. Er fühlt sich jedenfalls als Vertreter der 1. und 2. Wählerklasse nicht veranlaßt, sich um die Schmer⸗ zen des gewöhnlichen Volkes zu kümmern. h. Risiko der Arbeit. Fast täglich be⸗ richten die Zeitungen von Unfällen, die sich bei der Arbeit zugetragen haben. Ungeheuer groß ist die Zahl der Arbeiter, welche alljährlich als Opfer der Arbeit fallen, noch mehr aber werden zum Krüppel. Vor einiger Zeit wurde in unserem Blatte nachgewiesen, daß seit 1890 über 100 000 Tote auf dem Schlachtfelde der Arbeit gefallen sind. Und die Zahl der tödlich Verun⸗ glückten steigt mit jedem Jahre und betrug im Jahre 1904 über 9700. Auch in unserer Gegend kommen viel Ungücksfälle bei der Arbeit vor und nicht wenige mit tödlichem Ausgange. Im Amtsblatt bezeichnete vor kurzem einer, der jedenfalls bei irgend einem Berg⸗ werkskapitalisten beschäftigt ist, die Bergarbeit in hiesiger Gegend als ungefährlich. Wie wenig das zutrifft, be⸗ weist der schwere Unglücksfall, der vor wenig Wochen in der Grube Amanda bei Nauborn sich ereignete und dem zwei Bergleute zum Opfer fielen, wovon der eine sofort starb. Und in der vorigen Woche kamen wieder zwei Unglücksfälle vor. Auf einem Neubau in der Frank⸗ furterstraße stürzte der Maurerlehrling Becker herab und verletzte sich schwer und in der Brauerei zum Riesen fiel der Maschinist Berndt und zog sich ebenfalls der⸗ artige Verletzungen zu, daß er ins Krankenhaus ge⸗ bracht werden mußte. Diese Opfer an Leben und Ge⸗ sundheit, welche die Arbeiterschaft alljährlich bringen muß, zählt die Ordnungspresse nicht, dagegen erscheint ihr das„Risiko“ der Unternehmer, die doch nur Geld einsetzen, um damit noch mehr zu gewinnen, als ganz besondere und großartige Opferwilligkeit. h. Der Unfall des Maurerlehrliugs Becker zeigte wieder, wie in Wetzlar Bauten aufgeführt werden und wie wenig auf die aller⸗ notwendigsten Schutzvorrichtungen geachtet wird. Im Innern der Bauten wird nicht eine Balken⸗ lage abgedeckt, so daß man von dem Dachfirst bis in den Keller sehen kann. In den Treppen⸗ häusern fehlt jegliche etagenweise Abdeckung. Bei den Stangengerüsten, die um einen Neu⸗ bau sind, fehlen die unteren Fanggerüste. Wo solche grobe Gesetzes verletzungen seitens der Bauunternehmer ungerügt bleiben, ist es gar nicht verwunderlich, wenn Unglücksfälle, wie dieser, vorkommen. Es gehört eine strenge Fachaufsicht her. Aber auch die Arbeiter sind nicht von aller Schuld freizusprechen. Sie sollten sich einfach weigern, an solchen gefähr⸗ lichen Bauten zu arbeiten und darauf dringen, daß von den Unternehmern die baupolizeilichen Bestimmungen eingehalten werden, eventuell egen solche Unternehmer, die dem nicht nach⸗ ommen, Anzeige erstatten. Freilich ist Vor⸗ bedingung für solches Vorgehen, daß die Ar⸗ beiter gut organistert sind, um gegen Chikanen der Unternehmer geschützt zu sein. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. * Mehrere Mitglieder des Bau⸗ hilfsarbeiter⸗Verbandes senden uns zu der Mitteilung in voriger Nummer von der Entlassung ihres Vorsitzenden Wörzberger durch den hiesigen Vertreter der Frankfurter Beton⸗ gesellschaft eine Zuschrift des Inhalts, daß es sich bei dieser Entlassung keineswegs um eine Maßregelung handele. W. sei nur sehr unge⸗ schickt vorgegangen. Die 10 stündige Arbeits- zeit sei von dem Vertreter ohne Weiteres be⸗ willigt worden. Weiter wurde jedoch in der Eingabe 30 Pfg. Stundenlohn gefordert, wäh⸗ rend doch in diesem Geschäft schon 35 und 36 Pfennig bezahlt werden. Der Vorarbeiter hatte also ganz recht, wenn er die Forderung nicht an das Geschäft weiter beförderte, denn bei Bewilligung derselben hätten sich die Arbeiter schlechter als vorher gestanden. Der Vorarbeiter hätte zur Erreichung eines höheren Stunden⸗ lohnes sein bestes beigetragen.— Aus dem Weiteren ist zu entnehmen, daß W. infolge persönlicher Differenzen mit dem Vorarbeiter, nicht wegen Vertretung der Verbandsforde⸗ rungen entlassen wurde, deshalb konnten ihm seine Kollegen nicht aus der Arbeit folgen, was andernfalls unbedingt geschehen wäre. Wahl zur Generalversammlung der Ortskrankenkasse. Ueber die Aufgabe der Ver⸗ treter zur Gen eralversammlung der Ortskrankenkasse herrscht in den Reihen der Kassenmitglieder noch viel⸗ fach Unklarheit. Es ist deshalb nötig, darüber einiges mitzuteilen, da ja in diesem Jahre die Wahl stattfindet, — Alle drei Jahren wählen die Ortskrankenkassen⸗ Mitglieder aus ihrer Mitte Vertreter zur Generalver⸗ sammlung und zwar so, daß auf 10 Mitglieder 1 Ver⸗ treter kommt. Die einzelnen Berufe sind für die Zahl der Vertreter maßgebend. Die so gewählten Vertreter bilden alsdann die General versammlung, in der nur sie Stimmrecht haben. Man sieht also. die Generalversammlung ist ein wichtiger Faktor für die Ortskrankenkasse, wie für die Arbeiterversicherung über⸗ haupt. Sie wählt zunächst aus ihren Vertretern den Vorstand, der die Pflicht hat, für das Wohl der Kasse zu sorgen. Es ist daher geboten, nur tüchtige und zu⸗ verlässige Leute als Vertreter in den Vorstand zu wählen. Auch in der Invalidenversicherung haben die Arbeitnehmer des Vorstandes ein gewichtiges Wort mit⸗ zusprechen. Sie wählen bekanntlich die unteren Ver⸗ waltungs behörden, in denen sie über Gewährung von Invalidenrenten ꝛc. mit zu entscheiden haben. Sie vollziehen schließlich die Wahlen zum Ausschuß der Landesversicherungsanstalt, diese Ausschüsse wählen den Vorstand der Landes versicherungsanstalt und die Bei⸗ sitzer der Schiedsgerichte und den letzteren wieder liegt die Wahl der Beisitzer zum Reichsversicherungsamt ob. Daraus ist ersichtlich, welche wichtige Aufgabe die Ver⸗ treter der Krankenkasse haben, und es ist daher notwendig, daß Vertreter gewählt werden, die mit der Arbeiterbewegung in inniger Berührung stehen. Aufgabe der, einzelnen Gewerkschaften in Marburg wird es sein, geeignete Personen als Vertreter vorzuschlagen, damit, wenn die Wahlen vorgenommen werden sollen, alles sich in Ord⸗ nung befindet. Der Arbeiter⸗Gesangverein „Eintracht“ feiert am Sonntag, den 24. September in Café Quentin sein 5. Stiftungsfest. Eintrittskarten sind im Vorverkauf bei den Mitgliedern zu haben. Ein Standesbeamter wurde von der Mar⸗ burger Strafkammer zu 30 Mk. Strafe verurteilt, weil er zu„liberal“ in der Auffassung der Gesetze gewesen war und eine Eheschließung zwischen minderjährigen Personen vollzogen hatte.(Das ist noch lange nichts. In einem hessischen Dorfe ließ der Bürgermeister und Standesbeamte mehrfach die Trauungen durch seinen Sohn oder den Schreiber vornehmen, die so zu Stande gekommenen Ehen sind also eigentlich gesetzlich un⸗ gültig! D. R.) Beleidigte Stadtväter. Gegen unseren Genossen Stadtverordneten Hoch in Hanau haben elf Hanauer Stadt⸗ verordnete wegen Beleidigung geklagt. Die Beleidigung soll Hoch durch einen in der Frank⸗ furter„Volksstimme“ erschienenen Artikel be⸗ gangen haben. In der am Mittwoch stattge⸗ fundenen Verhandlung lehnte Hoch die Ver⸗ fasserschaft des angeblich beleidigenden Artikels ab, weshalb die Verhandlung vertagt wurde, da erst der verantwortliche Redakteur und das Druckereipersonal() vernommen werden soll. Entgleister Pastor. Das Landgericht in Celle verurteilte am Mittwoch den Pastor a. D. Kreußler wegen Betruges zu fünf Jahren Gefängnts. Seine Mitschuldige, Frl. Hoppe erhielt 4 Mo⸗ nate Gefängnis. Der Pastor hatte die Kirchen⸗ kasse als seine eigene betrachtet. Letzte Nachrichten. Sozilaldemokratischer Wahl sieg. Bei den Landtagswahlen in Schwarzburg-Rudolstadt am Donnerstag wurden acht Sozialdemokraten endgültig gewählt, zwei stehen noch in Stichwahl. Außerdem wurden gewählt: 2 Freisinnige, 3 Agrarier und 1 Li⸗ beraler. Gewählt sind u. a. die Genossen Hartmann (Doppelwahl), Bloß, Venter, Frötscher, Winter. Mehrere Bezirke stehen noch aus. Eine sozialdemokratische Land⸗ tagsmehrheit ist wahrscheinlich. Aufruhr in Ig pan, n Tokio rebelliert das Volk, weil es mit den Friedens⸗ bedingungen unzufrieden ist. Zehn christliche Kirchen, sowie das Amtsgebände des Mini⸗ sters des Innern wurden niede rgebrannt. ———. Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Die Schr einer in Worms beschlossen in einer 200 Mann starken Versammlung mit allen gegen vier Stimmen, die sofortige Kündigung einzureichen, weil die Arbeitgeber sich weigerten, in Verhandlungen wegen des Tarifs einzutreten.— In Hanau sind die Gold⸗ und Silberarbeiter mit ihren Arbeitgebern in Differenzen geraten. — In Köln dauert der Holzarbeiter⸗ Ausstand fort. Die christlichen Gewerk⸗ schaften stellen die Streikbrecher!— Zwischen der Firma Seidel und Naumann in Dres⸗ den, Fahrradfabrik und den streikenden M e⸗ tallarbeitern wurde eine Verständigung erzielt und der Streik beigelegt.— Die Glaser in Hamburg wollen den General⸗ streik proklamieren.— Der Handschub⸗ macher ⸗Streik in Halberstadt dauert noch fort. Versammlungskalender. Samstag, den 9. September. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Hch. Volkmann. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T. ⸗O.: Berichte über die Landes⸗ und die Kreiskonferenz. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im„Grünen Baum“. T.⸗O!: 1. Bericht von der Kreiskonferenz. 2. Landtagswahl. Zahl⸗ reich erscheinen. Wieseck. Wahlverein. Abends /9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Wetzlar. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Sonntag, den 10. September. Gießen. Transportarbeiter. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof.) Trohe. Partei⸗Versammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Wirt Seipp für Altenbuseck, Trohe, Rödgen und Wieseck. Bericht über die Landeskonferenz und Vortrag. Mittwoch, den 13. September. Wetzlar. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung in der„Glocke“. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 5 Nr. 37. Cholera im Osten Deutschlands. Im Weichselgebiete, an der Ostgrenze Deutsch⸗ lands, ist die astatische Cholera aufgetreten und die unheimliche Seuche hat schon zahlreiche Opfer gefordert. Bis Dienstag, den 5. Sept. zählte man bereits 77 Erkrankungen und 24 Todes fälle. Auch von Hamburg werden schon Fälle gemeldet. Die Krankheit soll durch russische Weichselflößer eingeschleppt worden sein. Es werden natürlich energische Maßregeln gegen ie Weiterverbreitung getroffen. Einiges von den Kaiserreisen. Vor kurzem wußte die„Elbinger Zeitung“ zu berichten, daß der Kaiser keineswegs freie Eisenbahnfahrt habe, wie man gewöhnlich an⸗ nimmt, sondern bezahlen müsse wie jeder andere. Die Fahrtkosten des Hofzuges würden berechnet wie die jedes anderen Sonderzuges, nämlich mit 1,20 Mk. für jeden Kilometer der Lokomotive, 40 Pfg. für jeden Kilometer und jede Achse eines Personenwagens und 20 Pfg. für jede Achse eines Schutz und Gepäckwagens. Der kaiserliche Sonderzug zähle 36 Achsen, wovon 30 auf die Personenwagen und 6 auf Schutz⸗ und Gepäckwagen kämen. Die Reise⸗ kosten des Kaisers von Berlin bis Elbing be⸗ trügen demnach 5811,20 Mk., für die Strecke Elbing⸗Cadinen 244,80 Mk. Reise der Kaiser von Berlin bis Rominten, so müsse er für die 770 Kilometer lange Strecke 11088 Mk. Fahr⸗ geld zahlen. Die Rückfahrt koste ebenso viel. In jedem Hofzuge befindet sich ein Ingenieur, der für die betriebssichere Ausrüstung des Hof⸗ zuges verantwortlich sei. Jeder Wagen werde von einem besonderen technischen Hilfsbeamten überwacht. Daß der Kaiser auch für diese be⸗ sondere Betriebseinrichtung etwas zu zahlen habe, wird nicht berichtet. Immerhin muß ihm bei seinen vielen Reisen die Eisenbahnfahrt doch so teuer kommen, daß es schwer fällt, zu be⸗ greifen, warum er eigentlich so viel reist. Es wird aber wohl ein Unterschied gemacht werden, nämlich zwischen sogenannten Staats- und eigentlichen Privatreisen. Eine sozialistische Volksschule. Man schreibt der Wiener Arbeiterzeitung aus Budapest: Graf Erwin Batthyany, ein junger Aristokrat, von dem seit Jahren bekannt ist, daß er sich mit Vorliebe mit sozialwissen⸗ schaftlichen Studien befaßt, errichtet auf seinem Gute Bögete im Eisenburger Komitat in Ungarn auf eigene Kosten eine Volksschule für die Bauernkinder. Der Lehrplan der Schule, für deren Leitung Graf Batthyany den jungen, tüchtigen Pädagogen Genossen Tarczai gewonnen hat, soll nach sozialistischen Grundsätzen zusammen⸗ gestellt sein. Die vorerst zweiklassige Schule wird im September eröffnet werden. 2— Kirche und Religion. Schluß des Artitels aus voriger Nummer.) Was solche großen, religiösen Naturen von den kleinlicheren Verfechtern des Alten, des Dogmas, des Kultus unterscheidet, ist dies: Sie sind Suchende, sie fühlen das Ungenügende, das Enge und Beklemmende, das Ausgetrocknete der abgeleierten überlieferten Formeln, ste dürsten nach mehr, nach neuem frischeren reli⸗ giösen Leben. Und Hunderten und Tausenden ist ihre Sehnsucht aus dem Herzen gesprochen, den Vertretern des Alten aber, die, um es kurz zu bezeichnen, über der Kirche die Religion vergessen haben, werden sie als Ketzer, Um⸗ stürzler und Gottlose gelten. Es ist die Ge⸗ schichte eines Mannes, der einen wertvollen Perlenschmuck feilbietet und dabei nicht merkt, daß er die köstlichste Perle daraus verloren hat und nun, da der andere kommt, der sie im Staube gefunden und aufgehoben, da schilt er ihn einen Betrüger und Lästerer. Sehen wir einmal ab von diesen ganz Großen in der Geschichte der Religion. Mit ihnen wollen wir uns gewiß nicht gleichstellen. Nur deshalb haben wir an sie erinnert, um an ihrem Beispiel zu zeigen, wie nötig von Zeit zu Zeit ein Kampf gegen die erstarrende Or⸗ thodoxie ist. Wie es wohl eine Sünde sein mag keine Religion zu haben,“) aber keine Sünde, für deren innerlich wirkende Macht gegen äußere leere Formeln zu kämpfen, und endlich, wie falsch es ist, aus den Lehren eines solchen religiös bedeutungsvollen Menschen, statt wie Sehnsucht nach Freiheit herauszufühlen, neue Fesseln daraus zu schmieden, die schließlich nach Jahr und Tag den weitergewachsenen Beist wieder gerade so einengen und niederdrücken, als er zu vor bedrückt war. Schlagt doch die Worte des neuen Testa⸗ ments einmal wieder auf und dann vergleicht einmal in Gedanken das, was dort geschrieben steht mit all den Einrichtungen, Zerremonien und Formeln] der protestantischen Kirche aber nun gar der katholischen! Kann man wirklich diese einfachen, allgemein gehaltenen Lehren gar nicht anders verstehn, als es die Theologen lehren? Und wie verschieden haben die wieder darüber gesprochen und geschrieben und schreiben und sprechen sie heute noch darüber! Wenn Christus beim letzten gemeinsamen Mahl zu seinen Jüngern sagt:„Solches tut, so oft ihrs tut zu meinem Gedächtnis,“ oder ein ander Mal„gehet hin, in alle Welt“, sind denn mit diesen Worten die Abendmahls⸗ und die Tauf⸗ zeremonien wirklich so vorgeschrieben, mit all den Formen und Formeln, deren Nichtbefolgung einen Geistlichen heutzutage unmöglich macht? Und hat Christus hier hinein wirklich den Schwerpunkt seiner Religion ebenso gelegt, wie unsre heutigen Konststorialräte es tun? Wo steht denn im neuen Testament die Lehre, daß der Glaube an das ewige Leben, die Hoffnung auf eigne ewige Seligkeit, das entscheidende Merkmal des wahren Christen sei? Kann man nicht auf ganz andere Gedanken kommen, wenn man die feierlichen und doch so weitherzigen, so liebevollen Worte hört:„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen,“ und das andere„liebe deinen Nächsten als dich selbst— in diesen beiden Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.“ Aber wir wollen keine Heuchler sein, auch diese beiden Sätze sind unserem Denken heutzu⸗ tage vielleicht schon zu viel zugemutet. Nicht jeder kann sich mehr die Gottheit so einfach, so menschenähnlich, so persönlich vorstellen, daß er jenes Gefühl für sie haben kann, welches Mensch mit Menschen zu verbinden pflegt. So geben auch unsere Philosophen, ein Kant, ein Schleiermacher u. a. jenen Worten eine andere Deutung. Ihnen bleibt nichts als das„Ge⸗ fühl der Abhängigkeit“ des Menschen von den ewigen, unendlichen Mächten, die in der Welt um ihn her, die in seiner eigenen Seele so wundersam leben und weben. Deren erster Anfang, deren letztes Ende sich jedem mensch⸗ lichen Grübeln und Formulteren auch dem des Gottesgelehrtesten entzieht. Um so stärker nur werden wir bei einer solchen Verflüchtigung aller egoistischen Hoffnungen und Ansprüche auf die Liebe zu den Mitmenschen gewiesen. Sie wird die einzig würdige Art der Gottesver⸗ ehrung, die einzig würdige Art der Ewigkeits⸗ hoffnung. In diesem sozialen Zuge, der uns in allen Andern mitleben läßt, der in unserem kleinen Selbst das Geschick der ganzen Menschheit spiegelt, der uns für deren Fort⸗ schreiten manch eignes Interesse zurückstellen lehrt, der jeden Einzelnen zu einem wichtigen Gliede eines ewigen Ganzen macht, dleser soztale Zug ist jedenfalls eher eine Hauptader der Religion, als irgend ein Wunderglaube oder eine Zeremonienformel. Und wenn ein zweiter Christus nun unter uns wäre, und wenn wir vor ihm ständen, in voller Spannung warteten, für welche der beiden Weiterbildungen der Religion er sich entscheiden werde, ob für jene kirchliche, oder für diese soziale? Ob er sich wohl eher für einen jener gestrengen Konsistorialräte erklärte, oder sich mehr zu einem energischen Vorkämpfer der sozialen Bewegung hingezogen fühlte? Müßten wir wirklich in sein durch die Ferne der Zeiten verschwommenes Charakterbild, den Zug der Intoleranz hineinzeichnen, der jeder Kirche mehr oder weniger eigen ist? So sehr eigen, daß 0 Wir könne es nicht für eine„Sünde“ galten, keine„Religion“ zu haben. D. R. deren Vertreter selbst oft gar nicht mehr fühlen, daß sie überhaupt Anderen Gewissenszwang auferlegen, gegen den ste doch selbst so empfind⸗ lich zu sein pflegen.(Konfessionsschulen!) Aber eine andere, jene soziale Religion, mit dem Hauptgrundsatz der Nächstenliebe, kennt ste nicht auch Intoleranz, hat sie nicht auch ihre Gegner, die sie mit leidenschaftlichem Haß be⸗ kämpft? Allerdings auch sie kann hassen, kann gründ⸗ lich hassen, und ihr ewiger geschworener Feind ist- der Egoismus! K. Wbr. —— 8 Der durstige General. 5 Ein Manöverbild. Die heißen Strahlen der Nachmittagssonne brannten auf das weite Manöverfeld hernieder. In Staubwolken gehüllt rückten die Bataillone an, eine graue Masse, aus welcher Helmspitzen und Bajonette in rötlichem Lichte funkelten. Trompetensignale schmetterten, Gewehrfener knatterte und der Dunst des rauchschwarzen Pulvers mischte sich mit dem Staube des Feldes zu einem dichten Nebelschleier. Auf einem Hügel, umgeben von Offizieren und Soldaten, hielt der alte General Freiherr von Säbelmann, der Kommandeur der Truppe, batte. gegen einen markirten Feind zu dirigiren atte. Schon seit Stunden währte die heiße „Schlacht“; Mensch und Tier waren ermattet, die Feldflaschen bis auf den letzten Tropfen geleert. Endlich ergab sich in der Uebung eine Pause; die umliegenden Hügel waren besetzt, es mußte eine Schiffsbrücke über den Fluß geschlagen werden, um den„Sieg“ des Tages zu vollenden. ö Inzwischen verzogen sich Staub und Rauch ein wenig. Vom unfernen Waldrand her grüßte ein gastliches Häuschen, die Schenke„Zum Fel dmarschall Blücher.“ „Wer jetzt dort einen kühlen Schoppen trinken könnte!“ dies war wohl der Herzens⸗ wunsch manches Sol daten. Auch dem General war dieser Wunsch nicht fern, seine Kehle war wie ausgetrocknet. Und warum sollte man nicht in der Gefechtspause einige Liter Bier requiriren können. Dem Gedanken folgte die Tat, wie sich das bei tapfern Generalen schickt. Mehrere Soldaten eilten im Laufschritt nach dem„Feldmarschall 1 um für den Generalstab Bier zu olen. Der Wirt, ein dicker, behäbiger Mann mit freundlichen Mienen, trat den Soldaten vor der Haustür entgegen und hörte ihr Ver⸗ langen, ohne sich um die Gewährung desselben zu bemühen. „Vor wem soll denn det Bier sind?“ fragte er nur. „Für den Herrn General und die Herren N sagte der Gefreite, welcher das Wort ührte. Der Wirt kratzte sich hinter den Ohren. „Denn tut et mir leid, aber ick kann keen Bier nich her jeben.“ „Warum nicht?“ fragte der Soldat er⸗ staunt. f „Weil ick nich will,“ anwortete der Wirt. „Warum wollen Sie nicht?“ „Weil ick nich darf.“ „Warum dürfen sie nicht?“ „Det weeß ick nich.“ Bei diesem Bescheid blieb es, die Soldaten mochten schelten und drohen, wie ste wollten. Sie zogen daher ab und referirten den sonder⸗ baren Vorfall ihrem General. „Himmelhaubitzenelemeut!“ fluchte der alte General Säbelmann.„Was seid ihr für Kerle! —————-—-—-——4 Nr. 37. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Nicht einmal zum Bierholen taugt ihr! Leut⸗ nant Schmetterwitz vor!“ Der Gerufene, einer der„schnetdigsten“ Leutnants im Regiment, erschien und empfing den Auftrag, die Herbeischaffung von Er⸗ frischungen aus dem„Feldmarschall Blücher“ zu leiten. „Zu Befehl, Herr General!“ Damit führte er den kleinen Trupp ab, und es verging eine geraume Zeit, in welcher der alte Schlachten⸗ lenker alle Höllenqualen des Durstes litt. Schon drohte die Manöverpause zu Ende zu gehen, da kam Schmetterwitz zurück, mit zornes⸗ rotem Gesicht, aber— ohne Bier. „Herr General,“ rapportirte er,„wir haben es mit einem der böswilligsten Untertanen der preußischen Monarchie zu tun! Weder durch Drohungen, noch durch hohe Bezahlung läßt sich dieser Wirt bewegen, Bier herzugeben. Er behauptet, nur nach persönlicher Rücksprache mit dem Herrn General selbst könne er uns seine Keller öffnen. Da ich keinen Befehl zum ge⸗ waltsamen Einschreiten hatte, mußte ich leider unverrichteter Sache zurückkehren.“ Man hörte, daß das Wort„leider“ dem jungen Offizier vom Herzen kam. Er wünschte sich den Befehl, die Kellertüren mit dem Kolben einschlagen zu lassen. Aber der General wollte Gewalt vermeiden, da man sich mitten im Frieden befand, trotz des Schlachtenlärms rings⸗ Um. Indessen erreichten die Qualen seines Durstes den Höhepunkt.„Ein Inspektionsritt bei dem jetzigen Stand des Manövers ist nicht überflüssig,“ sagte er sich;„die Berührung des Wirtschaftsgebäudes ist dabei kein strategischer Fehler— sehen wir also, welcher Satan in Schankwirt steckt!“ Die armen Soldaten, die Bier holen sollten, bewegten sich zum dritten Male nach der Schenke. Unterdes ritt der Geueral mit zweit Adjutanten durch die Reihen der kampfbereiten Bataillone und hielt, nachdem hier und da eine Meldung empfangen und Anweisung gegeben hatte, endlich vor dem„Feldmarschall Blücher“. Er rief den Wirt zu sich heran. „Schämen Sie sich nicht?“ fragte er barsch. „Sie führen den Namen des großen„Feld- marschalls Blücher“ im Schilde und sind so boshaft, uns dürstenden Soldaten eine Er⸗ frischung verweigern zu wollen? „Aber, Herr Jeneral,“ sagte der Wirt freundlich schmunzelnd,„wie kommen Sie mir vor. Ick bin ja froh, wenn ick mein Bier ver⸗ koofen kann, und als Jast is mich Jeder angenehm, er mag nu Jeneral oder Sozial- demokrat sind.“ „Also warum geben Sie kein Bier?“ fragte der General etwas verblüfft. „Na, Herr Jeneral von Säbelmann,“ er⸗ widerte' der Wirt mit verständnisinnigem A„det wissen sie doch besser als wie ick!“ „Drücken Sie sich deutlich aus,“ General ärgerlich. „Sehr gern,“ sagte der Wirt,„ick hab's so⸗ gar schriftlich. Da kieken Sie jefälligst' mal' rin.“ Dabei zog er ein Papier heraus, hielt es dem General vor die Augen und sagte:„Det ts nämlich det Militärverbot, det ick an keenen Soldaten niemals Bier nich verschenken darf und keen Militär hier inkehren soll, weil in mein Lokal Sozialdemokraten verkehren.“ Der General drehte ärgerlich seinen mar- tialischen Schnurbart. „Aber,“ fuhr der Wirt bedächtig fort,„der Herr Jeneral haben das Verbot selbst jejeben und können et wieder vermakuliren; der Herr hat's gegeben, der Herr hat's jenommen! Ick habe eenen Stoff, sag' ick Ihnen...!“ Die letzten Worte klangen wie Sirengesang ins Ohr des dürstenden Generals; er faßte einen raschen Entschluß.„Bringen Sie Bier!“ rief er, zerriß die Verbotsverfügung und stieg vom Pferd. Im Nu war der kühle Trank herbeige⸗ bracht, der General ergriff das erste Gas, Offiziere und Soldaten folgten seinem Beispiel — da tönten Alarmsignale aus den Reihen der Regimenter, der„Kampf“ hatte wieder be⸗ gonnen. rief der In einem solchen Augenblick das schäumende Naß wieder von den dürstenden Lippen ab⸗ setzen, das wäre eine Heldentat, deren selbst ein preußischer General nicht fähig ist, wenigstens der General v. Säbelmann verzichtete auf diesen Heldenruhm. Er leerte in langen Zügen seinen Krug, dann erst bestieg er sein Schlachtroß und wandte sich mit seinen Adjutanten dem Hügel zu, woselbst inzwischen sein Stellver— treter kommandierte. Das Gefecht hatte bereits eine neue Wendung genommen; der Feind, vom Flusse ede hatte sich in den Wald geworfen. General v. Säbelmann, der ohne genügende strategische Vorsicht auf dem kürzesten Wege seinem Ziele zustürmte, erlebte daher eine unangenehme Ueberraschung. Hinter einer nahen Waldspitze kam plötzlich eine starke Husarenpatrouille mit den feindlichen Abzeichen dahergebraust und von Säbelmann sah sich mit seinen Begleitern umringt. „Herr General, Sie sind mein Gefangener,“ sagte der Oeftzier der Husaren. „Oho,“ wetterte Säbelmann,„sehen Sie nicht die Artillerie? Sie werden ja in Grund und Boden geschossen.“ Allerdings wandten sich die Batterien der neuen Stellung des Feindes zu. Aber der „feindliche“ Offizier antwortete:„Unbesorgt, wir haben Deckung im Walde.“ General v. Säbelmann knirschte mit den Zähnen. Er mußte sich fügen, das kühne Husarenstückchen, obgleich es im Manöverplan nicht vorgesehen war, konnte als gelungen gelten.— Also gefangen, die Schlacht verloren und eine gewaltige Rüge vom Höchstkomman⸗ dierenden in Aussicht.„Und warum?“ fragte sich Säbelmann.„Nur wegen dieses dummen Militärverbots!“ Einen freundlichen Gegensatz zu dem Zorn des Generals bildete die vergnügte Stimmung, welche an diesem Manöverabend in der Schenke „Zum Feldmarschall Blücher“ herrschte. Der Wirt hatte sofort durch Anschlagzettel die Auf⸗ hebung des Militärverbots bekannt gemacht und die Soldaten umlagerten sein gastliches Haus in Scharen, sich am frischen Trunke erquickend. „Menschenkinder,“ rief der dicke Wirt„lassen wir den seligen ollen Blücher hoch leben! Ihm is et niemals nich injefallen, zu verlangen, det de Soldaten dürsten sollen, blos weil de Sozia⸗ listen Versammlungen abhalten.“ Allerlei. Ein Bischof für den Sozialismus. Großes Entsetzen bei seinen frommen Schäf⸗ lein hat der protestantische Bischof Mercer von Tasmanien(Insel im Süden von Australien) erregt, indem er ihnen frei und öffentlich er⸗ klärte:„Der Sozialismus klärt uns endlich auf über die Falschheit und Einseitigkeit des herrschenden Individualismus. Die erstrebte Neuordnung versucht nicht den Magen der lei⸗ denden Menschheit mit Medizin vollzupumpen, sondern die Wurzel und Ursache der Uebel zu begreifen und zu beseitigen, ihre Fähigkeiten zu erhöhen, und durch das ehrliche Zusammen⸗ wirken der Starken mit den Schwachen auch diese zu kräftigen, auf daß sie freudig und nützlich werden. Diesem Manne hat das Studium der Gottes- gelahrtheit anscheinend nicht geschadet. Arm... aber ehrlich! Sonderbar! Oft höre ich sage:„Diese und Jeue waren Kinder armer aber ehrlicher Eltern.“— Weshalb ist denn nötig dergleichen zu sagen? Das versteht sich doch von selbst! In weitaus den meisten Fällen waren und blieben die Eltern arm, weil sie ehrlich ge⸗ wesen. Ich habe in der Tat nie gelesen noch sagen hören:„Der und der war der Sohn reicher aber ehrlicher Eltern.“ Splitter. Ich bleibe dabei, die Sonne scheint dem Menschen nur einmal, in der Kindheit und der früheren Jugend; erwärmt er da, so wird er nie wieder völlig kalt, und was in ihm ruht, wird frisch herausgetrieben, wird blühen und Früchte tragen. Friedrich Hebel. An die Kämpfer in Südwestafrika. Sie sagen, daß wir euch verhöhnen Und euer Schlcksal rühr' uns nicht, Wenn ihre hohlen Phrasen tönen Von Ruhm und treu erfüllter Pflicht. An Mitleid, das sie reichlich spenden, Sind ihre kalten Herzen leer, Sie werden morgen wieder senden Die neuen Opfer übers Meer. Verlangt nicht ihr, daß unsere Stimme Mit ihren Lügen sich vermengt. Das Wort erstickt im heißen Grimme; Er hat das Lob zurückgedrängt. Der Ruhm, den ihr euch dort erungen, Wie ist um diesen Ruhm uns leid! Es greift ans Herz ihr braven Jungen, Daß ihr für nichts geopfert seld. (Peter Schlemihl im Simpliziss.) ** lieblich, Mehr an fel Gute gedenk, als an das Schlimme zu sein. * Schön 1 ihr Freunde, gerecht und Kenophon. Humoristisches. Rücksichtsvoll.„Sagen Sie Herr Förster, war⸗ um sehe ich Sie denn nie in meiner Predigt?“— „Weil ich Ihre Zuhörerschaft nicht verkleinern mag, Hochwürden!“—„Wieso denn?“— Wenn ich in Predigt wär', gingen gleich zehn, zwölf Bauern davon zum Wildern!“(Fl. Bl.) Eine noble Herrschaft. Dienstmädchen (zu ihrem Schatz):„August, ich hör' den gnädigen Herrn kommen; rasch in den Küchenschrank, sonst pumpt er dich an!“ Kinder und Narren. Unser Fritz kann ja ein nettes Früchtchen werden! Wie ich ihn vorhin frage, was eine Monarch ie ist, antwortet mir der Lausbub: das ist ein Staat mit erblicher Be⸗ lastung.“(Simpliz.) Ein frommer Wunsch.„Weißt, Mutter, 8 Franzl hat heut so andächtig in der Kirch gebetet, daß es mich recht gefreut hat, das wird einmal ein Frommer.“ Zum Franzl:„Du, Franzl! mein Herz, sag' einmal, was du heut in der Kirch' so recht aus Herzens⸗ grund gebetet hast?“—„Daß die Kirche bald aus werd'!“ Das Uhren- und Goldwarengeschäft von ID. Kaminka befindet sich jetzt Marktplatz 11 am Kriegerdenkmal. e Aterarisches. „Die Lebensmittelzölle und indirekten Steuern.“ Die unter diesem Titel von der Buch⸗ handlung Vorwärts im Frühjahr 1905 herausgegebene Broschüre ist jetzt neu aufgelegt worden. Sie ist unter Berücksichtigung der inzwischen von der Brotwuchermehr⸗ heit des Reichstags akzeptierten neuen Handelsverträge umgearbeitet und wird in der Agitation gegen den Lebensmittelwucher gute Dienste leisten. Für die Be⸗ urtellung des Fleischwuchers und der Haltung der preußischen Regierung dazu ist die Annagelung der Erklärung Podbielskis in der Sitzung des preuß ischen Landesökonomie⸗Kollegiums am 2. Februar 1905. Dort erklärte der preußische Schweinezüchterminister:„Und meine Herren, Sie können überzeugt, sein, daß ich— und jeder meiner Nachfolger— die Pflichten, die uns der Schutz der heimischen Viehzucht auferlegt, voll erfüllen werden.“ Das arbeitende Volk braucht also keine Sorge zu haben; der preußische Landwirtschaftsminister macht von seinen Befugnissen, an der Aushungerung der Ar⸗ beiter mitzuwirken, den weitgehendsten Gebrauch. Die Broschüre kostet 10 Pfg. und kann von der Expedition der Mitteldeutschen Sonntagzeitung bezogen werden. Parteifreunde! cn eh nach besten Kräften für die immer weitere — Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituna. Nr. 3. e Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Generalstreik und Sozialdemokratie. Von Henriette Roland⸗Holst. Mit Vorwort von Kautsky. Preis 1.20 Mk. Intime Briefe Lassalles an seine Familien ⸗ Angehörigen. Herausgegeben von Ed. Bernstein. Preis 3 Mk. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften. a Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner Mit Porträts un Abbildungen. Preis 30 Pfg. Kommunale Praxis, Zeitschrift für Kommu⸗ nalpolitik und Gemeindesozialismus. Herausgegeben von Dr. Albert Südekum⸗Berlin. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats mindestens 12 Seiten stark. Das Abonnement ist allen denen zu empfehlen, die sich für die wichtigen Fragen des Gemeindelebens interessieren. Probenummern versendet gänzlich kostenlos der„Verlag der Kommunalen Praxis, Berlin W 15“. Die zebn Gebste und die besitzende Klasse. Von Adolf Hoffmann, Berlin. Preis 30 Pfg. Das Schriftchen ist besonders geeignet, die Arbeiter über die heutigen Zustände und die fittlich⸗ religtöse Heuchelei der herrschenden Klassen aufzuklären, die Schreibweise ist packend und dem Verständnis der Arbeiterangepaßt. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschtenenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholtschen Kirche und fiziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe). Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Ein Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk. Ratgeber für Arbeiter, eine Zusammenstellung der wichtigsten Bestimmungen der Arbeiter⸗Versicherungs⸗ gesetze und der bürgerlichen Gesetzgebung ꝛc. 20 Bogen Taschenformat. Verlag der Leipziger Buchdruckerei⸗ Aktiengesellschaft. Preis gebunden 1,25 Mk. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Die Vernichtung der Sozialdemokratie 2 Zentralverband deutscher Industrieller. Preis g. Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruns Schönlank. Preis 10 Pfg. Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Füh rer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen A 20 Pfg. Gebunden 2 Mk. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. — Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Täglich frischen Konsum-UVerein Giessen u. Umgegend. Obstkuchen und 2 2 Unseren Mitgliedern zur gefl. Kenntnis, daß die von der General⸗ Kaffe egebück versammlung auf 50so festgesetzte Rückvergütung L. Müller Bahnhofstraße 61. von dem beim gemeinschaftlichen Einkauf Ersparten an nachfolgenden Tagen in unserer Verkaufsstelle ausgezahlt wird: Montag den 11., Dienstag den 12., Mittwoch den 13. Sept. Montag den 18., Dienstag deu 19. Mittwoch den 20. Sept. Montag den 25., Dienstag den 26., Mittwoch den 27. Sept. jedesmal abends von 61½ bis 81 Uhr. Bei der Empfangnahme der Rückvergütung müssen die Anteil⸗ schein⸗Karten Baden werden.. Fah Zugleich werden die Mitglieder darauf aufmerksam gemacht, daß die Aste zum gemeinsamen Kartoffelbezug in unserer Verkaufs⸗ gabrik an Prizate und Händler von Mk. 65.— an. Zubehörteile, vaatel von stelle offen liegt und bitten wir den Bedarf baldigst einzutragen, um den Einkauf erledigen zu können. Neueintritte können täglich in unserer Verkaufsstelle 31 Bahnhofstraße 31 2 erstklassig, di- rräder, rekt— der rima ca. Mk. 4.—, Luftschläuche erfolgen. Die Bezahlung des Eintrittsgeldes von 50 Pfg. berechtigt: von Mk. 2.80 an. zur Entnahme von Waren. Die Rückvergütung richtet sich nach der R Höhe des Warenumsatzes und wird gewährt, auch wenn der Geschäfts⸗ anteil noch nicht voll eingezahlt ist. eparaturen den Fabre prompt und billigst. Ratalog gratis und franko. Gesangverein„Eintracht“. senwalbe“ ae Sonntag, den 10. September, abends 9 uhr General⸗Versammlung im Lokale des Mitgliedes Orbig, Rittergasse. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Duisburg-Wanheimerort Gegründet 1896. Wasserkrüge Packkörbe kaufen Benner& Krumm. Bringe meinen Salon zum Haarschneiden, Frisieren und Rasieren in empfehlende Erinnerung, gute Schon möbliertes Zimmer zu vermieten. Frau Ressler Wwe., Tiefenweg 19 ll. und saubere Bedienung zusichernd. 5 Gleichzeitig empfehle mich zur Anfertigung von Haararbeiten aller Art, Zöpfen, Toupets. Lager von Zigaretten und Parfümerien. Um recht zahlreichen Besuch bittend, zeichne hochachtungsvoll Max Roscher, Friseur. 13 Löwengasse 13. Kindersegen und kein Ende? Ein Wort an denkende flbeiter von Fritz Brubpacher, flrzt in Zürich. preis 30 pig. Durch die Expedition der sslitteld. Sonnt.-ZIg. Flechten näss. und trockene Schuppenflecnte, ekroph. Exzema, Hautausschläge, Offene Füsse Beinschäden, Beingeschwüre, Ader- deine, böse Finger, alte Wunden sind oft hartnäckig; wer bisher vergeblich hoffte geheilt zu werden, mache noch einen Versuch mit der bestens bewährten HIVO- SALBE frei von Gift u. Säure, Dose Mk. 1.—. Dankschreiben gehen täglich ein. Wachs, Naphtalan je 18, Walzst 20, Benzoefett. Venet. Terp., Kampferpflaster, Perudalsam je 5, Eigeld 30, Chrysarobin 0,5. Zu haben in den Apotheken. In Gießen zu beziehen in der Hirsch⸗Apotheke und Universitats⸗Apotheke. Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Schuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Oualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel Sowie alle sonstigen Schuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner, Gießen Marktstrasse 34. CF. Schwarz Sohne (Inh.: Heinrich Möller) Reichhaltiges Lager in: Herren-, Knaben- und Arbeitskleidern Stoffe im Ausschnitt.» Ankeriigung nach Mass. Feste Preise! Streng reelle Bedienung! marktstrasse und Ecke Wettergasse. Edgar Borrmann, Giessen. Neustadt 112828 Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Petroleum⸗ u. Gaskocher Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Flei chhack⸗ u. Reibemasch. Rasenmäher aagen und Gewichte Dr. Kleins Fleischsaftpresse Stehleitern Messerputzmaschinen Pferdeschoner mA AAA Alle Arten Bürsten u. Besen, Haus⸗ u. Küchengerãte zu billigen Preisen. 4 An carl Müller 4 Giessen, Plockstrasse 12 4 empfiehlt sein reichhaltiges Lager in: 4 Kinderwagen Blumentische Sportwagen Reisekörbe 4 Leiterwagen Waschkör be Kinderstühle Marktkörbe 0 Sessel Markttaschen. 4 Verlag der Mftteld. Sönntags⸗Zeitung(E. Krumm) Vießen. VPerantwortl. Redakteur F. N Vetters Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. 2