Gießen, den 9. Juli 1905. Mitteldeutsche Jonntags⸗Zeitu 12. Jahrgang. Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. R Bestellungen 1 dJuserate i nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) 33% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 0 Redaktion: 9 Rirchenplatz 11, Schloßgasse. * Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. „ .. ͤ jç—7ðĩẽ—ri? P r e — ———.—— Parteigenossen! Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Jena statt. Auf Grund der Bestimm⸗ ungen der 88 7, 8 und 9 der Parteiorganisatlon beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 17. September, abends 7 Uhr, nach Jena, in das Lokal„Volkshaus“, Karl Zeiß⸗Platz, ein. Als provlsorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 17. September, abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Fest⸗ setzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungs⸗Kommission.. Montag, den 18. September, und die solgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: H. Molkenbuhr und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: H. Meister. 3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Berichterstatter: H. Förster. 4. Die Parteiorganisation. Berichterstatter: G. v. Vollmar. 5. Die Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. b 6. Der politische Massenstreik und die Sozialdemokratie. Berichterstatter: A. Bebel. 7. Sonstige Anträge. 8. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes des nächsten Parteitages. Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an Euch die Aufforderung, die Vorarbeiten für den Parteitag— also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anträgen— rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens am 27. August in dem Besitze des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin S W. 68, Lindenstraße 69 sein, wenn sie, entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Absatz II der Parteiorganisation, im„Vorwärts“ veröffentlicht und in die gedruckte Vorlage Aufnah'mne finden sollen. Berlin, den 3. Juli 1905. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. — Die russische Revolution. Staunend vernimmt die Welt die Nachrichten von den revolutionären Ereignissen in Rußland. Sie ziehen mehr noch das allgemeine Interesse auf sich, als die Vorgänge in Ostastien. Und nicht mit Unrecht. beispiellos in der Geschichte da und wäre noch vor wenig Monaten einfach für unmöglich gehalten worden. Die Schwarze⸗Meer⸗ flotte des Zaren befindet sich in of fener Rebellion! Mehrere Kriegsschiffe hißten die rote Flagge! Ueber das Ereignis kamen zunächst nur unvollkommene und wider⸗ spruchsvolle Nachrichten. Erst später liefen genauere Berichte ein. Einer davon besagt: Spät am Dienstag Abend lief in der Bucht, von Sebastopol kommend, das Schlachtschiff„Knjäs(Fürst) Potemkin“, begleitet von einem Torpedoboot, ein. Zur großen Bestürzung der Hafenbehörden hatte das Schiff die rote Flagge der Empörung auf⸗ gezogen und ließ alle Signale unbeachtet. Eine Dampf⸗ barkasse, die sich dem„Fürst Potemkin“ näherte, wurde durch das Torpedoboot, das die ganze Nacht das Schiff umkreiste, zurückgetrieben. Am Mittwoch früh wurde bekannt, daß die Mannschaft des„Fürst Potemkin“ sich im Zustande offener Meuterei befinde. Das mit ihm eingetroffene Torpedoboot lief in den Hafen ein, fuhr Was sich da abspielt, steht vollständig zum Gefecht bereit und mit auf den Staden gerichteten Geschützen an den ankernden Schiffen vorbei, bemächtigte sich eines Kohlendampfers mit 2000 Tonnen Kohlen an Bord und schleppte ihn auf die Reede hinaus zu dem dort ankernden Schlachtschifl. Ungefähr um dieselbe Zeit verließ eine bewaffnete Pinasse den„Fürst Potemkin“, landete am Staden und stellte dort einen offenen Sarg auf, in dem ein toter Matrose lag. Man hatte ihm ein Papier auf dle Brust geheftet und aus den darauf geschriebenen Mitteilungen erfuhr die aufgeregte Menge, daß der Tote Omeltschuck hieß und vom Ersten Offizier des Kriegsschiffes erschossen worden war, weil er im Namen der Mannschaft über die Suppe Beschwerde geführt hatte. Der Mann, hieß es weiter, sei ermordet worden, weil er die Wahrheit gesprochen, und die Mannschaft habe dann seinen Tod gerächt, indem sie sämtliche Offiere umgebracht habe. Wie es scheint, wurde ein Schiffsfähnrich ver⸗ schont, den man zwang, die Leitung des Schiffes zu übernehmen Große Menschenmassen strömten auf dem Staden zusammen, zogen vor dem Toten Hut und Mütze und brachen in wildes Geschrei und Verwünschungen gegen den Zaren und die Regierung aus. Von den Behörden wurden mittlerweile Kosaken aus gesandt, um die Leiche fortzuschaffen und zu begraben. Die Mannschaft der Pinasse trieb jedoch, unterstützt von den Ausständigen, die Kosaken zurück, und es kam zu einem wilden Handgemenge. In diesem Augenblick hißte das Kriegsschiff wieder die rote Flagge und signali⸗ sierte, man solle die Leiche zur Bestattung auf dem Meere wieder an Bord bringen. Im Falle der geringsten Belästigung des Schiffes durch die Behörden werde der „Fürst Potemkin“ mit seinen bereits auf die Stadt gerichteten Geschützen die Beschleßung eröffnen. Die Kosaken machten sich darauf aus dem Staube und ließ en die Leiche, deren Anblick die Menge in zunehmende Auf⸗ regung und Wut versetzte, auf dem Staden zurück. Der tote Omeltschuck wurde darauf durch eine Matrosen⸗Abordnung des Potemkin unter riesiger Beteiligung des Volkes begraben. Als die Menge vom Friedhof zurückkehrte, wurde ste von Gendarmen angegriffen. Hierbei er⸗ eignete es sich, daß sogar Kosaken dem 9100 auf die Menge zu schießen sich wider⸗ etzten. Unterdes griff der Ausstand der Hafen⸗ und sonstigen Arbeiter mehr um sich. Der „Fürst Potemkin“ war vollständig klar zum Gefecht, und seine 30 Zentimeter-Geschütze be⸗ drohten die Stadt. Die rote Flagge flatterte am Mast und die Meuterer signa⸗ listerten von Zeit zu Zeit herausfordernde Meldungen an die Behörden. Eine darunter verlangte gebieterisch, daß vor Sonnenunter⸗ gang reichliche Sendungen Lebensmittel an Bord geliefert würden, andernfalls werde un⸗ verzüglich das Feuer eröffnet. Die Behörden waren mut⸗ und ratlos. Sie wagten nicht, die Truppen eingreifen zu lassen, aus Furcht, sie könnten sich den Meuterern anschließen. Die Lage war in der Tat in höchstem Grade bedenklich. Der„Fürst Potemkin“ ist das neueste und beste Kriegsschiff der Flotte des Schwarzen Meeres, und seine mächtigen Geschütze würden ohne Zweifel große Zerstörungen an⸗ gerichtet haben. Der Gouverneur hatte nach Sebastopol telegraphiert und die dortige Kriegs⸗ flotte zur Hülfe herbeigerufen. In der Nacht beleuchlete das Schiff mit seinem Scheinwerfer den Hafen und ließ kein Schiff auslaufen. In der Nacht gab es einen Granatschutz auf die Truppen ab, der mehrere Kosaken tötete und das Signal zu einem allgemeinen Aufruhr gab. Viele Gebäude am Hafen wurden in! Brand gesteckt. Am Mittwoch Abend durch⸗ brachen 12000 Aufrührer die Linien des Militärs und steckten die Gebäude am Hafen in Brand. Die Flammen ergriffen die Lager ⸗ häuser und Fabriken und dehnten sich dret Kilometer weit aus. Während die Feuers⸗ brunst wütete, vernahm man unaufhörliches Knattern von Salven. Die Kosaken waren mit 30 Maschinengewehren ausgerüstet, die in ihrem Feuer kaum eine Pause eintreten ließen. Die Kosaken schossen auf alles, was ihnen zu Gesicht kam. Bei Tagesanbruch wurden Haufen von Toten aufgelesen und auf gewöhnlichen Frachtfuhren nach dem Friedhofe gefahren. Matrosen des„Potemkin“ machten Einkäufe in der Stadt; sie drohten im Falle man ihnen Hindernisse in den Weg legte, würde das Schiff sofort das Bombardement auf die Stadt eröffnen. So hielt dieses die Truppen am Land im Schach und beherrschte die Stadt und den Hafen. Am Freitag traf der Admiral Krieger mit seiner Sebastopol⸗Flotte ein, die den„Potemkin“ unterwerfen oder in den Grund bohren sollte. Die ersten Nachrichten besagten, daß sich die„Meuterer“ sofort dem Admiral Krieger ergeben hätten. Das war jedoch vollkommen falsch. Im Gegenteil, der Admiral wagte nichts gegen den„Potemkin“ zu unter⸗ nehmen, weil auch seine Leute unzuver⸗ lässig waren. Ein Panzerschiff Kriegers, der„Georg Pobjedoneszew“ schloß sich sogar dem Potemkin an und hatte seine Offiziere ent⸗ waffnet. Vergeblich forderte der Admiral die revolutionären Matrosen auf, mit nach Sebasto⸗ pol zu fahren; sie signalisterten zurück:„Wir bleiben hier!“ Später fuhr der Potemkin an dem Ge⸗ schwader des Admirals mit Volldampf und gefechtsklar vorüber, ohne daß dieses ihn an⸗ zuhalten versuchte und nahm seinen Weg nach der rumänischen Küste, während Krieger mit seinem Geschwader wieder nach Sebastopol abzog. Dort hielt er eine Beratung mit den Schiffs⸗ kommandeuren ab, worauf die Maschinen s1till⸗ gestellt wurden. Offizieren und Mannschaften wurde erlaubt an Land zu gehen, sowie Befehl gegeben, die Matrosen⸗Reservisten zwei Monate in die Heimat zu beurlauben. Diese Maßregeln beweisen, daß die ganze Marine im Schwarzen Meere unzuverlässig ist. Der„Potemkin“ traf Montag auf der Reede von Constanza(Rumänien) ein und wollte Lebensmittel an Bord nehmen. Die Behörden lehnten das Verlangen ab und forderten die Matrosen auf, das Schiff ohne Waffen zu ver⸗ lassen, mit der Mitteilung, daß ste auf rumä⸗ nischem Boden als ausländische Deser⸗ teure behandelt würden. Falls sie Feindselig⸗ keiten gegen die Stadt unternehmen würden, seien die rumänischen Kriegsschiffe mit dem Befehl versehen, Gewalt anzuwenden.— Die Rebellen erklärten jedoch, daß sie keine fremder Schiffe angreifen würden, sie führten nur Krieg gegen Rußland. Zugleich über⸗ reichten ste den Behörden einen Bericht über die Ursachen der Meuterei. Danach wurde die Mannschaft mißhandelt, schlecht genährt und ertrug alles geduldig. Am 13. Juni wurde verfaultes Fleisch zur Suppe verwendet. Die Mannschaft begnügte sich mit Wasser und Brot —— — — 6 1 1 1 1 0 0 — —— 2 U 2 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 28. und weigerte sich, das Fleisch zu essen, ohne aber zu meutern. Der Kommandant forderte jene auf, die nicht essen wollten, zur Seite zu treten. Darauf befahl er der Wache, auf diese Gruppe zu schießen. Dte Wache weigerte sich. Dies war das Zeichen zum Aufruhr. Mehrere Offiziere wurden getötet, 13 vereinigten sich mit der Mannschaft. Der Potemkin dampfte dann angeblich in der Richtung nach Batum ab. Ein Torpedo⸗ boot, das ihn in den Grund bohren soll, ver⸗ folgt ihn. Der Matrose Omeltschuk, dessen Er⸗ schießung die Empörung veranlaßte, gehörte der Sozialdemokratie an. Ueber ihn schreibt das Krakauer Parteiblatt, daß er durch sein reiches Wissen einer der besten Agita⸗ toren der Schwarzen Meer⸗Flotte geworden war. Er zählte 27 Lebensjahre. Wiederholt stand er an der Spitze von Deputationen, die die Beschwerden der Matrosen den vorgesetzten Behörden mitteilten. Als er am 27. v. Mts. an der Spitze einer Deputation zum Schiffs⸗ kapitän ging, der die Matrosen bestahl und im Namen der Matrosen Aufbesserung der Kost forderte, schoß ihn dieser nieder. Etwa Sechstausend Menschen sind bei den Unruhen in Odessa getötet worden. Die Zarischen Bluthunde haben in der schreck⸗ lichsten Weise gehaust. Massenhaft wurde das Volk niedergemetzelt. Fast 150 Personen sind in den letzten Nächten heimlich gehängt worden. Wie sich die Ereignisse überstürzen! Wer hätte je geglaubt, daß möglich wäre, was jetzt im Schwarzen Meere tatsächlich geschehen ist! Empörung, Meuteret, Barrikadenkampf kam schon anderwärts vor. Aber eine rote Flotte war noch nicht da. So übertreffen die jahrelang durch die Knutenherrschaft niederge⸗ drückten Russen die Völker mit revolutionärer Vergangenheit. Möge es ihnen gelingen, das scheußliche Zarenregiment vollends niederzu⸗ werfen. Denn der Feind des russischen Volkes sind nicht die Japaner im fernen Osten, sondern die Herrscher im eigenen Lande, die es knuten, verelenden und vertieren lassen und bis aufs Blut ausbeuten. Und nicht bloß im Schwarzen Meere, sondern auch in den Ostsee⸗Häfen Libau und Kron⸗ stadt rebellierte die Marine. Die dort stationierten Matrosenkompagnien ver⸗ weigerten den Gehorsam und zu ihrer Unter⸗ drückung wurde Infanterte herangezogen, die jedoch, anstatt auf die Meuterer, auf die Kosaken schoß.— Auch sonst kam es in vielen Städten zu Straßenkämpfen, die dem Volke zahlreiche Opfer kosteten. Unaufhaltsam wächst aber die revolutionäre Bewegung und selbst Ofif ziere rebellieren. In Kowno ließ der Festungs⸗ kommandant 15 Offiziere, darunter einen Ge⸗ neral verhaften, weil sie einem revolutionären Verein angehören und unter ihren Soldaten revolutionäre Propaganda betrieben haben sollen. Ein in leidenschaftlicher Sprache gehaltener Aufruf, den ein Bund von Offtzieren an die übrigen Kameraden richtet, fordert diese auf, gegen die Regierung der Willkür, des Raubes und Mordes sich zu erheben. In der Tat, das Knutenregiment kracht in allen Fugen; sein endlicher Zusammenbruch wird den Jubel der Kulturmenschheit auslösen! ——̃ͤ ͤ———ů—ů— Politische Nundschau. Gießen, den 6. Juli 1905. Sozialdemokratie für den Frieden. Diesen Sonntag wird Genosse Jaures, einer Einladung der Berliner Genossen folgend und mit einem Mandate der sozialistischen Kammerfraktion ausgestattet, in Berlin, im Riesensaale der„Neuen Welt“, zu den Arbeitern Berlins, als den Vertretern des ganzen deut⸗ schen Proletariats, sprechen. Etwa zur gleichen Zeit oder etwas später dürfte Genosse Bebel die Grüße des deutschen Proletariats den Brüdern in Frankreich überbringen. Er ist von den französischen Genossen dazu eingeladen, und wird sich dieser Einladung— es wäre 5 denn, daß ihn ganz außerordentliche Umstände daran hinderten— gewiß nicht entziehen. Jetzt ist zu einer solchen Kundgebung der richtige Zeitpunkt. Nicht bloß im Hinblick auf die Metzelei in Ostasten. Vor Kurzem hatten Diplomatenkünste die Gefahr eines Zusammen⸗ stoßes zwischen Frankreich und Deutschland heraufbeschworen. Wegen der Marokko⸗Ange⸗ legenheit, die jetzt in einer Konferenz zur Er⸗ ledigung kommen soll, flogen drohende Noten herüber und hinüber und ernste Politiker be⸗ haupteten, daß man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein müsse. Da trat in der Sozial⸗ demokratie das dringende Verlangen zutage, den herrschenden Klassen beider Staaten in irgendeiner nicht mißzuverstehenden Weise klar zu machen, daß nach dem Willen der Völker die Zeit der Kriege und der Kriegs⸗ hetze für das ziviltsierte Europa vor⸗ über ist. Die Arbeiter aller Länder wissen, daß es sich da um keine Schaustellung handelt zur Befriedigung müßiger Sensationslust, son⸗ dern vielmehr darum, einem großen Gedanken, der Millionen ergriffen hat, vor aller Welt klaren und faßlichen Ausdruck zu verleihen. Bebel und Jaures sind nichts anderes als die beauftragten Gesandten der großen proletarischen Massen ihrer Vaterländer. Durch ihren Mund soll das proletarische Deutschland zum prole⸗ tarischen Frankreich, die Arbeiterschaft von Paris zu den Arbeitern von Berlin sprechen: Friede zwischen Frankreich und Deutschland für jetzt und immerdar! Die deutschen „Ordnungs“⸗ und Scharfmacherblätter hetzen an der Regierung, damit sie Jaures das Reden in Berlin verbiete. Und möglich ist schon, daß sie sich mit einem solchen Verbote vor der ganzen Welt blamiert. Zuchthausgesetze her! Diesen Ruf erhoben verschiedene Edelste des preußzischen Herrenhauses. Bei den Beratungen über das Berggesetz, dem sie nur auf ein⸗ dringliches Zureden des Fürsten Bülow zu⸗ stimmten, krächzten diese Nachkommen der Strauchritter und Wegelagerer, die den Staat als die Einrichtung ansehen, durch die ihnen gewaltige Summen müheloser Gewinne auf Kosten der Gesamtheit zugeführt werden, von besserem Streikbrecherschutz. Und auch der Prästdent des Reichstags, Graf Ballestrem, stimmte einer Scharfmacher⸗Resolution des Junkers v. Burgsdorf zu, der verlangt, daß „die Regierung so bald als möglich und mit allem Nachdruck Maßregeln ergreife, welche geeignet sind, den Arbettswilligen den⸗ jenigen Schutz zuteil werden zu lassen, 15 welchen ste einen berechtigten Anspruch aben.“ Jetzt besitzt nach der Meinung des Zentrums⸗ grafen und seiner herrenhäuslerischen Kumpane die verfolgte Streikbrecherunschuld nicht„den⸗ jenigen Schutz, auf welchen sie berechtigten An⸗ spruch hat“. Daß heute schon unter äußerster Anspannung geltender Strafbestimmungen jedes Wort leiser Mißbilligung, das jenen„guten Arbeitern“ gegenüber ausgesprochen wird, mit Gefängnis bestraft wird, daß heute schon jeder Streikende, der zu einem Arbeitswilligen sagt:„Sieh dich mal vor!“ oder„Du wirst noch was erleben!“ ins Gefängnis gesteckt wird, daß ins Gefängnis kommt, wer mit dem Deckel seiner Schnupftabaksdose klappert, als ob es eine Pistole wäre— das alles genügt dem christlichen Gerechtigkeitsgefühl dieses hoch⸗ geborenen Zentrumsführers noch immer nicht. Das Konto der Soldatenschinderei. Im verflossenen Vierteljahr von Ende März bis Ende Juni wurde die gerichtliche Abur⸗ teilung von 52 Soldatenmißhandlungen bekannt. An Strafen wurden ausgesprochen 1 Jahr 4 Monate Zuchthaus, 15 Jahre 2 Monate 29 Tage Gefaͤngnis,7 Monate 15 Tage mittlerer Arrest, 1 Monat 14 Tage gelinder Arrest, 1 Monat 3 Tage Stubenarrest, 10 Degradationen, 1 Versetzung in die 2. Klasse des Soldaten⸗ standes, 1 Entfernung aus der Marine. Im ganzen 17 Jahre 5 Monate 1 Tag Frei⸗ heitsentzug.— Offiziere wurden folgende bestraft: Leutnant v. Mandelsloh von den Salzwedelern Husaren 10 Tage Stubenarrest, Leutnant zur See Lisch 1 Jahr 4 Monate Zuchthaus und Entfernung aus der Marine. Lisch beleidigte Untergebene nicht nur tätlich, sondern suchte sie auch noch zum Meineid zu verleiten. Leutnant Graf v. Preysing vom 2. bayerischen schweren Reiterregiment 18 Tage müller mit 5 Tagen Stubenarrest. In Preußen wird gegen Offiziere meist unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt, überhaupt schließt man die Oeffentlichkeit so oft aue, daß von öffentlichem Gerichtsverfahren kaum gesprochen werden kann. Die Armee, das Zttärkste Bollwerk gegen den Umsturz“, hat soviel Furcht vor der umstürzlerischen Kritik, daß ste ihre Gerichtssäle schließt. Aus der Militärjustiz seien aus der letzten Zeit folgende Fälle angeführt. Ein Zuchthausurteil wurde gegen den Tambour Albert Pohl vom 62. Infanterie⸗Regtment in Breslau gefällt. Er wurde wegen militärischen Aufruhrs und tätlichen Angriffs gegen einen Unterofftzier zu 5 ¼ Jahren Zucht⸗ haus verurteilt. Dieser entsetzlichen Strafe für ein gewiß nicht schweres Vergehen halte man lächerlich geringfügigen Strafen für scheuß⸗ liche Soldatenquälereien gegenüber! So erhielt in Po sen der Unteroffizier Schubinsky vom Oberkriegsgericht wegen schwerer Rekrutenmiß⸗ handlung in 173 Fällen nur 6 Wochen Mittelarrest! In der Vorinstanz war er zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt worden. — Mtt nur 9 Tagen Mittelarrrest kam ein anderer Rekrutenschinder weg und zwar der Unteroffizier Fliege vom 1. Grenadier⸗ Regiment in Berlin. Er hatte den Rekruten Menke auf seine Stube bestellt und ihn dort mit der Faust in's Gesicht und mit dem Besen⸗ stiel geschlagen. In der Verhandlung äußerte der Ankläger nach dem Berichte der Flfr. Ztg. recht vernünftige Ansichten. Es set empörend, meinte er, wenn erwachsene Menschen geschlagen würden; diese seien keine Schul⸗ jungen mehr. Die Kehrseite der Mißhand⸗ lungen von Untergebenen sei der tätliche Angriff durch die Untergebenen, und während der Unter⸗ offtzier mit 8 Tagen Mittelarrest davonkäme, werde der Untergebene bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Es sei sehr schwer für einen 23 jährigen Menschen, mit den Händen an der Hosennaht sich von einem blutjungen Unterofftzier hinter die Ohren schlagen zu lassen. I. Sehr unvernünftig dagegen waren die Ausführungen des militärischen Verteidigers Hauptmann v. Sydow. Er zweifelte die beeideten Aussagen des Rekruten an und bemerkte, der Rekrut sei aus einem Industriebezirk, und es sei ja bekannt, daß es ein Sozialdemokrat mit einem Eide nicht so genau nähme. Er, der Hauptmann, habe auch das Vergnügen, in seiner Kompagnie den Sohn eines sozial⸗ demokratischen Reichstagsabgeordneten zu haben. —In Deutschland sind schon mehr Offiziere als Sozialdemokraten wegen Meigeid ver⸗ urteilt worden. Was würde dieser Herr sagen, wenn wir nach seinem Schema erklären wollten, die Offiziere nähmen es mit dem Eide nicht. so genau! Solche haltlosen Verdächtigungen richten sich von selbst! Noch ein anderes Scheusal von Unter⸗ offizier, den man mit dem vor etwa zwei Jahren verurteilten Breidenbach vergleichen kann, stand vor dem Dresdener Kriegsgericht. Unteroffizter Erler vom dortigen Schützen⸗ regiment 108 quälte seine Rekruten fürchterlich. In einer kalten Winternacht jagte er die ganze Korporalschaft aus den Betten und. ließ die Leute nur mit dem Hemd bekleidet, eine halbe Stunde in der Kälte stehen. Ein Soldat mußte 200 Mal den Schemel. strecken und die Knie beugen, weil er eine Frage nicht beantworten konnte. Oft mußten Rekruten mittags den Abort scheuern, so daß stie the Essen nicht einnehmen konnten. Einen kränklichen Rekruten quälte er fast zu Tode. Der bestialische Menschenschinder erhielt 1 Jahr Monate Gefängnis, außerdem wurde er degradiert. Verwunderlich ist nur, daß die Gequälten nicht„Aufruhr“ machten und zur Selbsthilfe schritten. Stubenarrest und bayerischer Leutnant Bös. 0 bt hren, „ das sobiel b ste 5 der Ein Abour 0 it ischen gegen scht⸗ tlafe halte heuß⸗ chelt bom miß⸗ chen r er den. kum zwar dier⸗ ruten dort esen⸗ erte 805. fend, hen hul⸗ anb⸗ rc fter⸗ ame, hren für den gen sen. f die igers deten. „der, 9 es rat me. igen, al ben. de ke ber⸗ igel, tel, nicht gen stet⸗ rel All, ich. gell lich. die und bet, hen. amel fahl Iten (91 inen obe. ahr 15 die u Nr. 28. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite. Die autisemitischen Wahlrechtsräuber in Dresden können sich über ihre sauberen Pläne, wie die Arbeiter verhindert werden sollen, in das Stadtparlament einzudringen, nicht einig werden. Sie hatten vor einiger Zeit drei verschiedene Wahlentrechtungseutwürfe, die von drei verschiedenen bürgerlichen Interess engruppen herrührten, ausgeheckt. Da sich die drei Gruppen auf keine der Vorlagen einigen konnten, war das Ergebnis der Verhandlung die Ableh⸗ nung aller drei Entwürfe. Natürlich setzten die Brüder die Verschlechterungsversuche fort und stellten sofort neue Pläne auf. Aber auch jetzt konnten sich die bürgerlichen Gruppen nicht über die Verteilung der Beute einig werden. Nun brachte der Oberbürgermeister Beutler eine neue Vorlage ein, die das Berufsklassen⸗ wahlrecht, das nach dem Bürgerrechts⸗ alter abgestuft werden soll, eingeführt wissen wollte. Diese wollte man vorige Woche schleu⸗ nigst ohne Vorberatung durch den Ausschuß durchbringen. Weil sie aber nicht genug ihren Interessen diente, vereitelten die Antisemitriche die hurramäßige Erledigung. Die Hamburger Wahlentrechtungsvorlage wird gegenwärtig in einer von der Bürgerschaft dazu eingesetzten Kommission vorberaten. Etwas Gutes wird dabei natürlich nicht herauskommen. Ein Muster⸗Nationalliberaler. Auf dem am 25. Juni in Leipzig statt⸗ gefundenen Parteitage der sächsischen National⸗ liberalen wies Reichsgerichtsrat Sievers in einem Vortrage auf die Verwirrung der poli⸗ tischen Begriffe hin, die durch das langjährige konservativ⸗liberale Kartell verschuldet worden sei, und im Anschlusse daran wurde dann fol⸗ gendes Geschichtchen mitgeteilt, dessen Wahrheit verbürgt wird. In einer sächsischen Stadt ge⸗ hörte ein Kartellpolitiker gleichzeitig dem kon⸗ servativen, dem antisemitischen und dem natio⸗ nalliberalen Verein als Mitglied än. Schließlich traten die Nationalliberalen an diesen vielseitigen Politikus heran und legten ihm nahe, sich doch für einen jener Vereine zu entscheiden, sonst müßten ihn die Nationalliberalen ausschließen. Sehr entrüstet über dieses Ansinnen erwiderte darauf der Kartellpolitiker:„Ich bin nun schon so viele Jahre in den drei Vereinen, die mir alle gleich lieb und teuer sind, und nie hat Jemand Anstoß daran genommen. Daß mir aber grade die Liberalen den Stuhl vor die Tür setzen, das hätte ich nicht gedacht. Wo bleibt denn da die liberale Toleranz?“ Das nationalliberale Leipziger Tageblatt begleitet die Wiedergabe dieses reizenden Geschichtchens mit der Bemerkung:„Der Mann ist ein Typ.“ Das stimmt. Dieser Typ kommt so⸗ gar massenhaft auch außerhalb Sachsens vor. Bis zu welchem Grade der politischen Charakter- losigkeit es z. B. der Freisinn gebracht hat, dafür lieferte die letzte Reichstagswahl Beweise genug. Im Wahlkreise Gießen sah man die tapferen Freisinnskämpen Hand in Hand mit dem Lebensmittel⸗Verteurer gehen und für dessen Wahl wirken, nachdem ste bei vorher⸗ gegangenen Wahlen aus Angst vor der Sozial⸗ demokratie der rückständigsten Partei den Anti⸗ semiten zum Siege verholfen hatten. Da ist's denn gar nicht zu verwundern, wenn dem Philister seine etwaigen politischen Grundsätze vollends zum Teufel gingen. Der verrückte Dreschgraf Pückler beschäftigte dieser Tage wieder die Oeffentlichkeit. Er ließ ein Flugblatt in Berlin verbreiten, worin es heißt: „Auf, ihr Anarchisten von Berlin, auf, ihr seid uns liebevolle und wertvolle Bundesgenossen in dem schweren und ernsten Kampfe gegen das scheußliche Judentum. Auf, ihr Penn⸗ und Radaubrüder, ihr Einbrecher und Spitzbuben von Berlin, auch für euch ist die Stunde zum Handeln gekommen, wo es möglich ist, euch Geld und Schätze zu er⸗ werben, und zwar in gewaltigen Massen. Hurra! Heute gehen wir zum roten Manasse und morgen zum roten Isidor und übermorgen zum Isaaksohn, das sei euere Losung und euere Parole, wir wollen es wagen, radikale und schneidige Antisemiten zu werden, und die dicken Börsenjobber etwas zu erleichtern von ihrem zusammengeraubten und zusammengegaunerten Gelde.“ Jetzt fordern selbst antisemitische Blätter, daß der Unglückliche in eine Heilanstalt gebracht werde. Seine Reden waren aber früher nicht weniger verrückt, als die antisemitischen Abge⸗ ordneten Bindewald, Böckler, Bruhn ꝛc. seine Radauversammlungen arrangierten und in ge⸗ wissenloser Weise als Geldquelle benutzten. Die Stichwahlen in Holland haben mit der Niederlage der bisherigen(kleri⸗ kalen) Regierungspartei geendet und zum Sturz des Ministertums Kuyper geführt. Im Ganzen brachten es die Klerikalen auf 48 Sitze, die Linke jedoch(Liberale und Sozialisten) er⸗ oberten 52. Die Liberalen und Sozialdemo⸗ kraten unterstützten sich gegenseitig dort, wo einer von ihnen mit einem Klerikalen zur Stich⸗ wahl stand. Unsere Genossen ziehen mit 7 Mitgliedern in die Kammer ein und werden damit eine ausschlaggebende Stellung einnehmen, daß„Zünglein an der Waage“ bilden. Die gewählten Genossen sind: Troelstra, Tak, Van Kol, Schaper, Ter Laan, Hugenboltz und van der Zwaag. Daß die sozialdemokratischen Stimmen sich fast verdoppelten, erwähnten wir schon neulich. Der Ausgang der Stich⸗ wahlen und der Sturz des klerikalen Ministe⸗ riums wurde überall im Volke mit Enthustasmus aufgenommen. Die Freude mag ja ganz be⸗ rechtigt sein, ob aber die Liberalen bessere politische Verhältnisse schaffen werden, muß man erst abwarten. Trennung von Staat und Kirche ist jetzt in Frankreich zur Tatsache geworden. Die Kammer nahm die Separationsvor⸗ lage am Montag nach monatelanger Beratung mit 341 gegen 233 Stimmen an. Bildung. Schon Lessing hat einmal sehr schön das hohle Getue der sogenannten„Gebildeten“ ge⸗ geißelt, die wohl überall mit dem Namen der großen Denker und Dichter paradieren, soweit sie ihnen als Erinnerungsbrocken von der Schule her noch im Kopf geblieben sind, die aber im Uebrigen weit Wichtigeres zu besorgen haben, als jene braven alten Philosophen und Poeten etwa wirklich zu studteren. Einmal lesen sie sich ja auch gar nicht immer besonders bequem, und dann, wie überspannt müssen ihre soge⸗ nannten„idealen“ Ziele dem„gesunden Egots⸗ mus“, der„strammen Schneidigkeit“, der„nüch⸗ ternen Praxis“ und andern ähnlichen„Vor⸗ zügen“ unsrer Tage gegenüber erscheinen! Ehre genug für jene abgetanen gutmütigen Träumer, wenn ihre gesammelten Werke in Prachtein⸗ bänden in den Salons stehen und von Zeit zu Zeit den Staub abgewischt bekommen! Wie viel Raum ist für ihre Gedanken wohl in so manchem Hause neben Küchenzettelsorgen und Toilettenfragen, neben kleinlichster Klatscherei und geistlosester Vereinsmeierei, neben Sport⸗ interessen und Sammelliebhabereien? Ist nicht der Goldglanz ihrer Namen auf dem Buch⸗ rücken oft wie ein ferner, fremder Schimmer aus einer andern Welt? Das ist's, weshalb Lessing seinen Sinngedichten als erstes den Vers voranstellte: Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen?— Nein!— Wir wollen weniger erhoben, Und fleißiger gelesen sein. Aber wer könnte— ganz zu schweigen von der Arbeiterschaft, für die eine feinere Bildung „vernünftiger Weise“ gar nicht„praktisch“ er⸗ scheinen dürfte— wer könnte heute überhaupt beim besten Willen zwischen Eisenbahngerassel und Telephongetlingel, zwischen Gastereien und sonstigen Redegelegenheiten zu„fleißigem Lesen“ noch Muße und Sammlung finden? Da kommt dann— als bestes Zeichen für die Dünnheit unsrer angekünstelten Bildungstünche— die Erfindung der Spruchschätze, Zitatensammlungen und dergl. dem bedrängten modernen Menschen zu Hülfe. Die äußere„Sammlung“ für einige Mark ersetzt ihm die verlorne innre Sammlung. Und hier findet er dann, alphabetisch geordnet, zu allen möglichen Gelegenheiten passend, der Worte genug, mit denen man sich und seine Reden höchst„gebildet“ auffristeren kann. Findet man dann zu„ideale“ Gedanken, Worte von zu schwerem sittlichen Ernst oder zu weitem freien Blick nach höchsten Zielen, die immer etwas Beunruhigendes an sich haben, auch immer etwas nach„Gewissen“ schmecken, so konserviert man sie am besten dadurch in schönster Verwendungsfähigkeit, das man etwa einen kleinen Guß Ironie dazu tut. Das hilft einem selbst wie dem dankbaren Publikum am leichtesten über die Beschwerlichkeit lästiger Mahnworte hinweg und indem man selbst außerdem ge⸗ wissermaßen Stellung über dem zitierten Geiste nimmt, wird man in unauffälligster Weise die Anerkennu g von ihm ab und dem eignen Genie zu lenken. Versteht man mich, oder muß ich erst noch auf berühmte Meister von Bibel⸗ oder Klassikerzitaten in Reichs⸗ oder Landtag hinweisen? Mit Hülfe der neuesten spiritistischen Me⸗ thoden ist es mir übrigens neulich gelungen, Lessings großen Geist bezüglich seiner Stellung⸗ nahme gegenüber dieser Exkraktverwertung unsrer Klasstker a la Liebig zu interviewen. Er meinte in seiner für unsre zartnervige Konstitution freilich etwas hausbacknen Art: Wie manch Zitat sein Reden zieret! Doch um es ernst zu nehmen?— Nein. Wir wollen weniger zitieret, Und lieber ernst genommen sein! Danach scheint es fast, als ob man in der Weltabgeschiedenheit des seligen Jenseits für unsre„vernünftige“ Zeit doch nicht mehr den rechten Standpunkt der Beurteilung habe finden können. K. Von Nah und Lern. Hessisches. — Landtag. Die Zweite Kammer hielt am Mittwoch eine Sitzung ab, in der zunächst die preußisch⸗hessische Lotterie⸗ gemeinschaft zur Beratung gelangte. Mol⸗ than sprach sich für die Vorlage aus. Ulrich erklärte sich prinzipiell gegen jede Staats⸗ lotterie. Es ist aber gut, daß Hessen eine Einrichtung los wird, die zu so großen Unzu⸗ träglichkeiten in moralischer und rechtlicher Beziehung führen mußte. Er und seine Freunde stimmen für den Vertrag, da sie einer Ver⸗ besserung der bestehenden Verhältnisse nicht hinderlich sein wollen. Finanzminister Gnauth dankt für das Entgegenkommen, das dem Ab⸗ kommen zuteil werde. Nach einem Schlußwort des Referenten Dr. Buff(nl.) wird der Staatsvertrag einstimmig angenommen. Der Gesetzentwurf über das Spielen in außerhessischen Lotterien wird ebenfalls in der Fassung der Regierungsvorlage genehmigt. Hierauf folgt die Beratung über den Gesetz⸗ entwurf betr. die Erhebung von Gemeinde⸗ abgaben. Diese Vorlage will in Ergänzung der Gemeindesteuernovelle den Gemeinden die Möglichkeit geben, sich selbst neue Einnahme⸗ quellen durch eine Wertzuwachssteuer, eine Billet⸗ und Tanzsteuer zu schaffen. Der Aus⸗ schußantrag empfiehlt die Annahme der Wert⸗ zuwachssteuer und der Billetsteuer, verwirft dagegen die Tanzsteuer. Dr. Frenay(Ztr.) möchte die Wertzuwachssteuer durch Gesetz obligatorisch festgelegt sehen. Ulrich spricht sich gegen die Billet⸗ und Tanzsteuer aus und ist für die obligatorische Einführung der Wertzuwachssteuer. Der Einfluß, den die Bodenspekulanten in manchen Gemeindevertret⸗ ungen besitzen, werde dort der Annahme der Wertzuwachssteuer im Weg stehen. Redner will die vom Entwurf vorgesehenen Progresstons⸗ skala von 10 bis 20 Proz. nach unten und nach oben erweitert sehen und zwar von 5 Proz. bis 33¼, eventuell bis zu 50 Proz. Nur so könne der Bodenwucher wirksam getroffen werden. Der Nationalliberale Buff wendet sich gegen obligatorische Festlegung der Wert⸗ zuwachssteuer. Finanzminister Gnauth betont, daß Hessen mit diesem Gesetz der Landesgesetz⸗ gebung allen übrigen Bundesstaaten voran⸗ schreite. Umso vorsichtiger müsse man abez Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags-Seitung. Nr. 20. auch bei der Aufstellung der Skala sein und es wäre verfehlt, dem Vorschlag des Abg. Ulrich zu folgen. Gutfleisch erkennt in der Vorlage einen hervorragenden sozialpolitischen Fortschritt an und empfiehlt die Annahme. Der Entwurf wird in der Fassung der Ausschußanträge an⸗ genommen. Ferner gelangt noch ein Gesetz⸗ entwurf zur Annahme, dessen einziger Artikel den Städten das Recht gibt, durch Ortsstatuts⸗ vorschriften Fristen zu erlassen, bis zu deren Ablauf bei der Wohnungsmiete gemietete Räume im Falle der Beendigung des Miets⸗ verhältnisses zu räumen sind.— Die Reform des Amtsblattwesens stand am Donners⸗ tag auf der Tagesordnung. Nach einem Ent⸗ wurf des Petitionsausschusses soll das jetzt bestehende Kreisblattprivileg dadurch ersetzt werden, daß für jeden Kreis ein amtliches Verkündigungsorgan geschaffen werde, das keinerlei lonfligen redaktionellen Text enthalte und auf Verlangen jedem im Erscheinungskreise herausgegebenen Blatte gegen Zahlung der Selbstkosten als Beleg überlassen werden soll. Genosse Adelung tritt dafür ein. Er be⸗ streitet, daß die Berechnungen der Regierung über die Kosten dieser Neuerung richtig seien. Ministeralrat Best führt aus, daß eine Rege⸗ lung des Amtsblattwesens, wie ste der Entwurf fordere, den Staatshaushalt mit 75,000 Mark belasten würde, während der bestehende Modus diesen so gut wie nichts koste. Pennrich und Dr. Schmitt(3Ztr.) kritisteren den heutigen Zustand des Amtsblattwesens. Schmitt be⸗ zeichnet es als einen Skandal, daß als amtliche Verkündiger lediglich Blätter natio⸗ naler Richtung privilegiert würden. Die Regierung müsse die Dinge im Interesse der Gleichheit und Gerechtigkeit einer durchgreifenden Umwandlung unterziehen. — Im hessischen Justizministerium soll ein Wechsel pevorstehen, der Justizminister Dr. Dittmar beabsichtige wegen geschwächter Gesundheit demnächst in den Ruhestand zu treten. Dittmar war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Führer der national⸗ liberalen Partei in der Provinz Oberhessen. Wer sein Nachfolger werden wird, weiß man noch nicht; in verschiedenen Blättern wird Abg. Gutfleisch⸗Gießen als solcher genannt. — Mit der Errichtung von Nerben⸗ heilstätten für Unbemittelte beschäftigte sich, wie in letzter Nr. bereits erwähnt, die Ver⸗ einigung der Krankenkassen Hessens auf ihrer Jahresversammlung in Alzey. Von den dort zu diesem Gegenstande beschlossenen Leitsätzen des Herrn Prof. Sommer seien folgende angeführt: 1. Die Errichtung von Nerven⸗ heilstätten für Unbemittelte und Wenigbemittelte sowie besonders für die Mitglieder von Kranken⸗ kassen und anderen sozialen Organisationen ist im Allgemeinen wünschenswert und bedeutet einen weiteren Fortschritt in der Heilstätten bewegung. 2. Für den Fall, daß die anzu⸗ stellenden Ermittlungen als voraussichtlichen Bestand einer zu erbauenden Anstalt die Zahl von ungefähr 60 ergeben, erscheint die Voraus⸗ setzung, zur Erbauung einer derartigen Anstalt im Großherzogtum Hessen gegeben. 3. Diese würde zweckmäßiger Weise aus einem zentralen mehr der speziellen ärztlichen Behandlung mit Medizin, Bädern, Massage, Elektrizität u. s. w. gewidmeten Hauptbau und kleineren einfachen Häusern eventuell Baracken mit Gelegenheit zur therapeutischen Beschäftigung der Patienten in den geeigneten Fällen, besonders durch Garten⸗ und Feldarbeit bestehen. 4. Als Ort kommt für die Anstalt bei der eigenartigen Formation des Großherzogtums Hessen und den Boden⸗ verhältnissen hauptsächlich der Nordrand des Odenwaldes oder der südliche Teil von Ober⸗ hessen in Betracht. Gießener Angelegenheiten. — Gegen den Religions unterricht in der Schule haben sich schon viele tüchtige und aner⸗ kannte Pädagogen und Schulmänner ausgesprochen. Bekanntlich ist gerade die Volks schule mit dem religiösen Lernstoff in einer Weise belastet, daß andere Unterrichtsgegenstände darunter zu leiden haben. Und in dieser Beziehung liegen die Dinge in den städtischen Gießener Schulen nicht besser als in den Dorfschulen. Was wird da schon 7—9 jährigen Kindern eine Masse für sie zum größten Teile unverständliches Zeug einge⸗ trichtert! Dabei werden die Kleinen mit Aus wendig⸗ lernen einer Menge Bibelgeschichten und Gesangbuchverse abgequält. Gegen dieses System wandte sich kürzlich Genosse Dr. David in einer in Mainz bei Gelegen⸗ heit der Tagung des Goethebundes abgehaltenen Volks⸗ versammlung, die das Thema„Kirche und Schule“ be⸗ handelte. David besprach einleitend die Motive, die das Schulkompromiß zwischen den Mehrheitsparteien des preußischen Landtages herbeiführten. Die Schule solle die Dienerin der Kirche sein, damit die Religion dem Volke erhalten bleibe. Die so gepflegte Religion sei eine Summe von Gedächtnisstoff, mit dem das Kinder⸗ hirn belastet werde. Es gäbe wichtigere und notwen⸗ digere Dinge zu lehren, denn ungebildet geht der größte Teil des Volkes von der Schule ins Leben. Der Religionsunterricht widerspricht den päda⸗ gogischen Grundsätzen. Die Kinder lernen Dinge, ohne die Möglichkeit, sie sich vorzustellen. Dazu kommt der Widerstreit zwischen Wunder und Wissen⸗ schaft. Das muß den Wahrheitssinn töten, Aber⸗ glauben erzeugen und Heuchelei, also eine Schädigung des geistigen und sittlichen Lebens. Besser wäre es, die Kinder zu sozialem Pflichtbewußtsein zu erziehen, als zum Egoismus, wie es die Religionsmoral mit der Verheißung von Lohn und Strafe tut. Durch die Religionsgeschichte mit den Kriegen und der Inquisition zieht eine breite Blutspur. Gegen die religiöse Haßlehre und trotz aller Kirchen hat sich die Kultur emporent⸗ wickelt. Das Kinderherz soll Freiheit haben zur Ent⸗ faltung der Menschlichkeitsgefühle; sonst sei kein gesundes Volk möglich. Darum: Entfernung des kon⸗ fessionellen Unterrichts aus der Schule. Wollen Eltern oder Konfessionsgemeinden die Kinder Religion lehren, dann sollen sie das außerhalb tun. Den von der großen Versammlung mit stürmischem Beifall aufgenommenen Ausführungen Davids schloß sich der evangelische Pastor Dr. Kalthoff an, der darauf hinwies, daß die Lehrerschaft in Bremen Schritte ein⸗ geleitet habe, um den Konfessionsunterricht endgültig aus der Schule verschwinden zu lassen. Weiter sprach noch Schriftsteller Ern st, ein ehemaliger Volksschul⸗ lehrer, für gründliche und reinliche Scheidung von Schule und Kirche. Es sei traurig, wenn selbst national⸗ liberale Politiker den Konfessionsunterricht als Grund⸗ lage verlangen. Die Versammlung beschloß eine im Sinne dieser Reden gehaltene Resolution. Bis es aber zur Trennung von Schule und Kirche kommen wird, dürfte noch eine lange Zeit vergehen. Was kann da jetzt schon in dieser Richtung zur Besse⸗ rung geschehen? Vor allem sollten die Eltern die Kinder nicht selbst noch quälen, mit Einpauken von Bibel⸗ sprüchen ꝛc., und nicht etwa Vorhalte machen oder gar strafen, wenn das Kind in Religion keine„gute Note“ hat. Und vielleicht kann man mit dem Lehrer eine Verständigung dahin erzielen, daß er in dieser Beziehung ebenso verfährt. — Ueber die Wohnungsverhält⸗ nisse in Gießen soll vom hiesigen Verein für Bodenreform, wie schon früher mitgeteilt, eine Erhebung vorgenommen werden. Um über die Sache Klarheit zu schaffen, findet am Samstag, den 8. Juli abends 9 Uhr in Lonys Bierkeller eine öffentliche Lersammlung statt. Stadt⸗ verordneter Krumm und andere werden über die Wohnungsfrage sprechen. Wir empfehlen den Besuch dieser Versammlung dringend. — Bessere Wohnungen! Zu der neulichen Notiz über die von dem Verein für Bodenreform angekündigte Wohnungsaufnahme schreibt uns der Vertrauensmann der Schmiede, daß man auch einmal die Logis der Schmiede⸗ gesellen in Augenschein nehmen solle. Die spotteten zum Teil tatsächlich aller Beschreibung. Ueber ein solches Logement bei einem Meister in der Walltorstraße wurde in einer vor mehreren Wochen stattgefundenen Versammlung berichtet:„Dicht aneinander stehen zwei Betten auf der einen Seite, auf der andern Seite ein Bett, ein Schrank, am Kopfende ein Tisch und ein Stuhl und in der Mitte ist so viel Platz, daß ein Mann sich an⸗ und auskleiden kann. In diesem Raume mit zwei kleinen Fenstern, welche den direkten Zug auf die Schläfer leiten, schliefen im Winter sechs Mann, zurzeit fünf Mann, drei Gesellen und zwei Lehrlinge.“ Es wurde noch hinzugefügt, daß, als einmal eine behördliche Reviston der Räumlichkeiten statt⸗ finden sollte, der Meister den Schlüssel in die Tasche steckte, um seinen Gesellen⸗Schlafsalon den Blicken der Beamten zu entziehen. Er hatte auch allen Grund dazu.— Man kann sich ungefähr denken, wie solche Schlafstellen beschaffen sein mögen; denn die meisten Miets⸗ wohnungen in Gießen, besonders in den alten Häusern, entsprechen auch nicht den bescheidensten Ansprüchen.— Das Kost⸗ und Logtswesen bei dem Arbeitgeber sollte überhaupt beseitigt werden und es war zu begrüßen, daß der Kölner Ge⸗ werkschaftskongreß einen Schritt in dieser Rich⸗ tung getan und eine diesbezügliche Resolutton beschlossen hat. — Das Gewerkschafts⸗Kartell beschloß in seiner letzten Sitzung, in nächster Zeit eine öffentliche Gewerkschafts⸗Versammlung abzuhalten, in welcher Stadtverordneter Hüttmann⸗Frankfurt über den Kölner Gewerkschafts⸗Kongreß sprechen soll. Vorläufig ist der 26. Juli dafür in Aussicht genommen. — Ferner wurden für den Herbst mehrere öffentliche Vorträge(Rezitationen ꝛc.) festgesetzt. — Unteroffizier ertrunken. In der Militärschwimmanstalt ertrank am Dienstag der Unter⸗ offtzier Milke bei dem Versuche, einen Schwimmschüler vom Ertrinken zu retten, während dieser selbst von andern Soldaten herausgezogen wurde. In der Schwimm⸗ anstalt sollten doch alle Vorkehrungen getroffen sein, um solche Unglücksfälle zu verhüten. Tie kann der Schwimmschüler in Gefahr geraten, er war doch jeden⸗ falls am Schwimmgurt? Aus dem Nreise gießen. Erwerbt die Staatsangehörigkeit! Alle Nichthessen, die jetzt noch die hessische Staatsangehörigkeit erwerben, sind zu der Landtagswahl im Herbste wahlberechtigt. Wegen der Formalitäten weude man sich an den Vorstand des Kreiswahlvereins oder an die Redaktion der„Mitteld. Sonntags⸗Zeitung“. — Wie Herr Bürgermeister Leun Landtagsabgeordnete wurde, hat er vor einiger Zeit in der Versammlung in Watzenborn in einer Weise dargestellt, die mit den Tatsachen nicht ganz übereinstimmt. Er erzählte, daß er erst im November 1899 bei der Beerdigung des Bürgermeisters Brückel in Langgöns zum ersten Male mit Hirschel zusammen⸗ getroffen sei, der ihm zugeredet habe, das Mandat zu übernehmen. Er hätte Hirschel nicht bestoche nch, noch kein Glas Bier habe er ihm bezahlt, beteuerte Herr Leun. So etwas hat ihm unseres Wissens noch niemand vorgeworfen; trotzdem scheint er sich bezüglich seines Zusammentreffens mit Hirschel im Irrtum zu befinden. Denn Bürgermerster Brückel in Langgöns ist erst am 25. März 1903, fast 4 Jahre nach der Wahl gestorben! Also die Angaben des Herrn Leun stimmen keinesfalls. Aber es kommt ja darauf gar nicht an. Tatsache ist, daß drei Wochen vor der Wahl Herr Leun es sich öffentlich in einer Erklärung. in der Frankfurter„Kl. Presse“ verbat, seinen Namen mit einer Kandidatur im Gießener Landkreise in Ver⸗ bindung zu bringen. Er kam also als Kandidat gar nicht in Betracht. Plötzlich, am Abend vor der Wahl taucht er aus der Versenkung auf und bewirbt sich um das Mandat! Er erhielt 8 Wahlmänner, für Hirschel wurden 13, für unsern Genossen Scheidemann 16 ge⸗ wählt. Trotzdem wurde Leun, der die wenissten Wahl⸗ männer hatte, der kurz vorher den Gedanken einer Kandidatur weit von sich wies, Landtagsabgeordneter! Daß es dabei mit rechten Dingen zuging, wird wohl kein Mensch behaupten wollen. * Herr Pfarrer Beckel in Grüning en sendet uns auf den Artikel in Nr. 26 unseres Blattes:„Christ⸗ liche Nächstenliebe in Theorie und Praxis“ folgende Berichtigung: „1. Es ist unwahr, daß die Angehörigen des in der Sandgrube verunglückten H. Hubler von Grüningen mehrmals den dortigen Pfarrer ersucht haben, die Beerdigung vorzunehmen. Entgegen dem bestehenden Brauch, nach einem Todesfall sobald wie möglich mit dem Geistlichen wegen der kirchlichen Beerdigung Rück⸗ sprache zu nehmen, war im vorliegenden Falle seitens der Angehörigen vorher demselben ein derartiger Wunsch nicht ausgesprochen worden. Erst als man mit der Leiche auf dem Weg zum Friedhof war, bemühte sich der Neffe des Verunglückten ins Pfarrhaus mit einem diesbezüglichen Ersuchen. Der Pfarrer hat es nach⸗ träglich bedauert, daß er nicht zu Hause war, als das Ansinnen im letzten Augenblick an ihn gestellt wurde. Er würde, wie in ähnlichen Fällen, so auch im vor⸗ liegenden Fall dieselbe Praxis geübt und dem Hubler trotz„des in moralischer Beziehung nicht ganz einwand⸗ freien Lebens“ die kirchliche Bestattung nicht versagt haben. 2. Die dem Pfarrer von Grüningen in den Mund gelegte Aeußerung auf das angeblich mehrmalige Ersuchen der Angehörigen,„er hätte keine Zeit, er hätte Geschäfte in Gießen, die er verrichten wolle“, ist un⸗ wahr und völlig aus der Luft gegriffen. Ihn persönlich hat ja, wie erwähnt, der betr. Ange⸗ hörige überhaupt nicht gesprochen. Hätte man dem Pfarrer rechtzeitig Mitteilung gemacht von der gewünschten —— — —— —— ch um che 10 ge⸗ Pahl⸗ ö einer neter! wohl sendet hrit⸗ gende deß in ingen H/ die henden 0 nt dt. fetten unc lt det e sih einem gach⸗ 15 daß wurd, 1 bol⸗ Hubler uwand⸗ icht Nund allge 1 st un fel. — . Nr. 28. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seit 5. kirchlichen Bestattung, ja würde dieser auch nur eine Ahnung von der ärztlicherseits angeordneten sofort igen Beerdigung an jenem Morgen gehabt haben, so hätte er seinen Gang verschoben und sich auch ohne vorherige Benachrichtigung der Angehörigen bereit gehalten, um einem auch noch in letzter Stunde an ihn herantretenden Wunsch seiner Bs teiligung an der Leichenbestaltung will⸗ fahren zu können. 3. Es ist un wahr, daß der Pfarrer„vor 6 Uhr nachmittags nicht wieder zurückkam“. Er war bereits um 2 Uhr wieder daheim. Der Neffe des Verstorbenen war von der um diese Stunde zu erwartenden Rückkehr desselben in Kenntnis gesetzt und bedeutet worden, zu dieser Zeit wegen Festsetzung der Beerdigungsstunde wiederzukommen. Die stille Beerdigung erfolgte indessen nach zuverlässiger Mitteilung schon zwischen 11— 12 Uhr vormittags, nicht um 1 Uhr nachmittags. Weiter heißt es in der Zuschrift noch, daß damit die an den Fall geknüpften bitteren und für den Pfarrer verletzenden Betrachtungen über ungleiche Behandlung der Gemeindemitglieder hinfällig würden.— Falls in unserer erwähnten Notiz Unrichtiges von dem Herrn Pfarrer behauptet ist, müßten wir das aufs lebhafteste bedauern. Es scheinen aber in diesem Falle Mißver⸗ ständnisse vorzuliegen. Uns wurde auf nochmaliges Befragen erklärt, daß der betreffende Angehörige des Verunglückten bereits an dessen Todestage im Pfarr⸗ hanse vorgesprochen habe und am Samstag habe ihm die Frau des Herrn Pfarrers gesagt, daß letzterer erst um 6 Uhr zurückkomme.— Im Uebrigen bitten wir unsere Genossen, bei Einsendungen an die Zeitung vorher die Tatsachen genau festzustellen. — Hausen. Der Arbeiter⸗Verein wählte in seiner kürzlich stattgesundenen Generalversammlung den Genossen Joh. Schienbein wiederum zu seinem Vorsitzenden. Als Kassierer wurde Konrad Münch und als Schriftführer Konrad Stumpf gewählt. Beisitzer wurden die Genossen H. Schlund und Gg. Harnisch. Aus dem Nreise Metzlar. h. Wegen Majestätsbeleidigung ver⸗ urteilte die Strafktammer am Mittwoch einen Mechaniker zu zwei Monaten Gefängnis. Im vorigen Jahre soll sich der Mann dieser Sünde schuldig gemacht haben und jetzt fiel er einem schuftigen Denunzianten zum Opfer. Wie viele lieferte schon der Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraph ans Messer und welche moralische Verwahr⸗ losung hat er schon angerichtet! Durch ihn ist die Möglichkeit gegeben, daß elende Subjekte ordentliche Menschen in's Unglück stürzen, in's Gefängnis bringen können, harmloser Bermerkungen wegen, die sie vor Jahren unbedachterweise fallen ließen. Das Unheil allein, das durch die vielen Majestätsbeleidigungsprozesse angerichtet worden ist, rechtfertigte die Abschaffung der Monarchie im vollsten Maße. Die feigen und hinter⸗ listischen Angeber aber müssen der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden. 5 b h. Ein Unfall ereignete sich am Dienstag bei den Reparaturarbeiten am Dom. Durch einen herabstürzenden schweren Stein wurde ein Gerüstbrett weggerissen, auf welchem der Maurer Schäfer aus Niedergirmes arbeitete. Dieser stürzte infolgedessen ab und trug schwere Verletzungen davon. Der Unternehmer sollte doch bei diesen Arbeiten, die zum Teil in großer Höhe ausgeführt werden müssen, die bestmög⸗ lichsten Schutzvorkehrungen treffen. z. Wie Leibeigene behandelt das Stu m m⸗ sche Bergwerk bei Bieber seine Arbeiter. Nach dem Muster des seligen Herrschers von Saarabien er⸗ laubt man sich dort in die privatesten Angelegenheiten des Arbeiters hineinzureden und denkt jedenfalls die Sittlichkeit damit zu heben, daß man jüngeren Arbeitern das Heiraten verbietet. Derartitze Unterneh⸗ mer⸗Anmaßung kann unter Umständen die verderblichsten Folgen zeitigen und das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt wird. So hatte ein Bergmann ein Ver⸗ hältnis mit einem Mädchen in Fellingshausen. Als er sich genötigt sah, zur Eheschließung zu schreiten, weil das Mädchen in guter Hoffnung war, wurde ihm mit Entlassung gedroht, wenn er heiraten würde. Der Betreffende ist allerdings erst im Alter von reichlich 22 Jahren. Aber was geht das den Unternehmer an, er hat sich in die rein persönlichen Angelegenheiten der Arbeiter nicht hineinzumischen, letztere sollten sich eine derartige Bevormünbung auch gar nicht gefallen lassen. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. O In der letzten Sitzung der Stadt⸗ verordneten kam ein Antrag zur Beratung, die städtische Badeanstalt an den Wochentagen von 8 Uhr ab und Son nabends von 6 Uhr ab frei zu geben, um den Arbeitern die kostenlose Benutzung der Badeanstalt zu ermöglichen. Gegen diesen Antrag wurde u. a. auch ins Feld geführt, daß dann auch die Besitzenden die Anstalt in den Freistunden benutzen würden und dadurch ein großer Ausfall an Einnahmen stattfinden würde. Der Antrag wurde abgelehnt, doch wurde von vielen Seiten betont, daß das„Freibad“ besser in Stand gesetzt werde. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten; die jetzige starke Benutzung desselben läßt eine Abschaffung der geradezu miserablen Zustän de dortselbst als dringend notwendig erscheinen. O Willige und billige Arbeiter müssen bei guter Laune gehalten werden, deshalb veranstalten manche Unternehmer von Zeit zu Zeit ihren„Mit⸗ arbeitern“ eine Festlichkeit, bei welchen der Arbeiter auch einmal ein paar freundliche Worte zu hören bekommt. Wenn nun der seinen Arbeitern das Koalitions⸗ recht vorenthaltende Herr Schreinermeister Metzler oder der durch geringe Löhne bekannte konservative Möchtegern⸗ Kommerzienrat eine solche Festlichkeit veraustaltet, dann sollten die Arbeiter dabei bedenken, daß sie um ein solches Linsengericht eines ihrer wichtigsten Rechte preisgeben, ein Recht, dessen richtige Benutzung ihnen mehr Vor⸗ teile bringt, als eine solche Faßpartie. O Feste über Feste finden jetzt statt: Bachfest, Gesang⸗ und Turnvereinsfest allerorten. Bei allen diesen Festen sind die Arbeitergroschen gern gesehen, wenn auch sonst von den Veranstaltern der Arbeiter nicht einmal von der Seite angesehen wird. Jeder Groschen, den die Arbeiter bei diesen Festen ausgeben, werfen sie den Gegnern zu. Auch hat der Arbeiter Gelegenheit genug, mit seines Gleichen Feste zu feiern. In nächster Zeit findet das Sommerfest der Gewerkschaften statt, bei welchem der Arbeiter nicht nur wegen seiner Groschen ein gern gesehener Gast, sondern bei dem er unter Gleichgesinnten und Gleichdenkenden einige Erholungs⸗ stunden genießen kann. Eine allseitige Beteiligung an diesem von früheren Jahren her beliebten Feste darf deshalb wohl erwartet werden und jeder unserer Freunde sollte dafür soviel in seinen Kräften steht wirken. r. Dem Hauptmann v. Horn vom Marburger Jägerbataillon, der sich gegen 8 175 des Str. Ges. B. vergangen hatte, ist der Ab⸗ schied mit voller Pension bewilligt worden. Unglücksfälle beim Baden werden zahlreich von überallher gemeldet. In Gießen ertrank am Sonntag ein Handwerks⸗ bursche in der Lahn, in Marburg ein Stu⸗ dent, in Oberndorf bei Wetzlar ein Schreiner⸗ geselle, in Aß lar ein 12 jähriger Junge in der Dill. Darum Vorsicht beim Baden im freien Wasser! Beinahe russisch. Ein Kriegsgericht in Hamburg verurteilte die Landwehrleute Strauer und Kargmann, beides Schiffer, wegen Gehorsamsverweigerung und Fluchtversuch zu 7½ beziehungsweise 6¼ Jahren Gefängnis. Strauer machte bei seiner Abführung einen Selbstmordversuch. Eine solche unerhört hohe Strafe für ein gering⸗ fügiges Vergehen muß das allgemeine Rechts⸗ empfinden schwer verletzen. Elisèe Reelus, berühmter Geograph, zuletzt Lehrer an der Freien Universität in Brüssel ist am Mittwoch in Thourout in Belgien, 75 Jahre alt, ge- storben. Reclus huldigte anar gistischen Ideen. 1870 nahm er an dem Kommuneaufstano in Paris teil und wurde deshalb zur Deportation 1 9 Er schrieb bedeutende geographische erke. Soziales, Gewerkischastliches, Arbeiterbewegung. Aus den Gewerkschaften. Der Buch⸗ druckerverband hielt kürzlich in Dresden seine Beneralversauemlung ab. Eine lange Debatte entspann sich über die Haltung des Verbandsorgans, gegen dessen Redakteur Nex⸗ häuser verschiedentliche Angriffe aus den Reihen der Verbandsmitglieder gerichtet worden waren. Natürlich verteidigte sich Rexhäuser eingehend, manche Beschwerden beruhten vielleicht auch auf Mißverständnissen. Allgemein sprach man aber den Wunsch aus, daß Rexhäuser auf gegen die Redaktion 1 1 Angriffe weniger geretzt und ausgiebig antworten und mehr das In⸗ teresse der gesamten Arbeiterbewegung im Auge behalten sollte. Im Uebrigen beschäftigte sich die Generalversammlung mit Tariffragen und Neuregelung des Verbandsstatuts. Wenn die Tarifgemeinschaft erneuert werden soll, will die Gehilfenschaft entsprechende Forderungen stellen.— Rexhäuser wurde als Redakteur wiedergewählt, ebenso Döblin als Vorfitzen⸗ der und die übrigen Vorstandsmitglieder.— Der Metallarbeiterverband hat au seiner in Leipzig stattgefundenen General⸗ versammlung die Umwandlung der Arbeits- losen⸗ in eine Erwerbskosenunterstützung be— schlossen. Diese Unterstützung wird unter Bei⸗ behaltung der bisherigen Sätze ber Arbeits⸗ losenunterstützung für 20 Wochen im Jahre gewährt, außerdem wurde die Gewährung eines Sterbegeldes für die Hinterbliebenen eines Mitgliedes neu eingeführt. Der Beitrag wird auf 50 Pfg. erhöht. In Bezug auf die Mai⸗ feier wurde beschlossen, daß in den Betrieben, in welchen drei Fünftel der beschäftigten Ar⸗ beiter vollberechtigte Verbands mitglieder sind, in geheimer Abstimmung über die Arbeitsruhe beschlossen wird. Die Haltung der Verbands- Delegierten auf dem Gewerkschaftskongresse in der Malifeierfrage wurde getadelt.— Das Fachblatt des Maurerverbandes hat jetzt eine Auflage von über 170000 Exemplaren. So hoch beziffert sich auch die Mitgliederzahl dieser gut fortgeschrittenen Organisation. — Mit Aussperrungen waren die deutschen Arbeiter in den letzten Wochen reich gesegnet. Noch sind die Bauarbeiter im Rhein⸗ land und Werftarbeiter an der Unterweser aus⸗ gesperrt. Die Aussperrungen der Zigaretten⸗ Arbeiterinnen in Dresden und der Metall⸗Ar⸗ beiter in Müuchen wurden aufgehoben. Letzte Nachrichten. Bülow blamiert sich. Durch einen Erlaß des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Paris wird dem Abg. Jaurées das Auftreten in einer Versammlung in Berlin untersagt. Jauréès habe dar⸗ aufhin auf seine Reise nach Berlin verzichtet.(Im Reichstage stellte Bülow Jaurèes den deutschen Sozial⸗ demokraten als Muster hin.) Schicksal des„Potemkin““. Aus Odessa wird berichtet, daß der Potemkin bei Feodossia in die Luft gesprengt worden sei. Partei-Nachrichten. Das Agitations⸗ Komitee für Hessen⸗ Nassau gibt bekannt, daß es sich neu konstituiert habe und das Zuschriften an den Sekretär Albert Rudolph, Frankfurt, Stoltzestr. 13 zu richten seien. Weiter wird mitgeteilt, daß im Tktober eine Gemeindevertreter⸗Kon⸗ ferenz der hessen⸗nassauischen Wahlkreise abgehalten werden soll, zu welchem etwaige Wünsche und Anträge für die Tagesordnung bis zum 15. Aug. eingesandt werden sollen. Für die russischen Freiheits⸗Kämpfer fordert der Parteivorstand zu Geldsammlungen auf, um die Not und das Elend der Opfer des Kampfes zu lindern. Gelder sind zu senden an: Albin Gerisch, Berlin S W., Lindenstr. 69. Für das Partei⸗Archiv sucht der Parteivor⸗ stand folgende Blätter und Schriften(auch wenn sie unvollständig sind) aus den sechziger und siebziger Jahren: Allgemeine deutsche Arbeiterzeitung(Coburg), Sozial⸗ demokrat und Neuer Sozialdemokrat(Berlin), Demo⸗ kratisches Wochenblatt(Leipzig), Flugblätter des Vereins⸗ tages deutscher Arbeitervereine(Frankfurt a. M.), Arbeiter⸗ halle(Mannheim), Nordstern(Hamburg), Der Sozial⸗ demokrat(Hamburg), Freie Zeitung(Chemnitz), Volks⸗ staat und Vorwärts(Leipzig), die Protokolle der General⸗ versammlung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, die Protokolle der Vereinstag⸗deutscher Arbeitervereine usw. Parteigenossen, die im Besitz dieser oder ähnlicher Schriften sind, bitten wir, dieselben dem Partei⸗Archiv, eventuell gegen zu vereinbarende Bezahlung zu überlassen. Anerbietungen sind zu richten an: Max Grunwald, Berlin SW. 68, Lindenstraße 69. Versammlungskalender. Samstag, den 8. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8¼ Uhr Versammlung bet Orbig. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr bei Jesberg Versammlung. Vortrag des Genossen Dr. R. Michels über Marokko. Staufenberg. Volksverein. Abends 8 ½ Uhr Mitglieder⸗Versammlung im Vereinslokale. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wacker. Sonntag. den 9. Juli. Heuchelheim. Trans portarbeiter(Fuhrleute, Packer, Hausburschen). Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt A. Rinn. Referent Habicht⸗ Frankfurt. Gießen. Transportarbeiter. Abends 8 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Tages⸗ ordnung: Welche Vorteile bietet uns der Verband? Referent Habicht⸗Frankfurt. s ——— — — — ———ů — D — ——ꝛvꝛ—— — 8 1 1 Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 28. Der Zar. Von Professor M. v. Reus ner.) Der höchste Bureaukrat Rußlands ist selbst⸗ verständlich der Zar. Die Minister bilden seine Kanzlei. Das einzige, was den Zaren von allen anderen Beamten unterscheidet, besteht darin, daß er außer Gott keinen höheren Vor⸗ gesetzten hat und daß er im Besitz eines Hofes ist. Das eine und das andere übt den un⸗ günstigsten Einfluß auf jeden Zaren. Vor allem fällt er der Ketzerei der Selbstvergötterung anheim. Ein Mensch, der jeden Tag zu hören bekommt, daß er ein großer Selbstherrscher, ein uneingeschränkter Gebieter eines nach hundert Millionen von Köpfen zählenden Volkes set, daß ihm göttliche Weisheit und göttliche Gnade innewohne, kann leicht den Grad des Wahn⸗ sinns erreichen, den die Aerzte als Größenwahn bezeichnen. Ein Autokrat der auf eine schwin⸗ delnde Höhe gehoben wird, beginnt sich in der Tat als eine Gottheit zu betrachten, die mit allen Eigenschaften eines höheren Wesens aus⸗ gestattet ist. Unter dem Einflusse seiner sonder⸗ baren Lage und Umgebung beginnt er sich wirklich als allmächtig allwissend, und unfehlbar zu halten. Kaiser Nikolaus II. ist am wenigsten vor dieser Selbstüberhebung geschützt. Er duldet ebensowenig Widerspruch wie seine Ahnen. Er haßte Witte wegen seines selbstbewußten Auf⸗ tretens. Er jagte wohlverdiente Staatsmänner fort, sobald sie das Gefühl der persönlichen Menschenwürde äußerten. General⸗Adjutant Wanowsky, der frühere Kriegsminister und dann Kultus minister, klagte nach seiner Ent⸗ lassung über den Zaren:„Der Kaiser ist so jung und will keinen Aelteren über sich haben. Er fürchtet, daß ich als Greis, ihn lehren und leiten würde. Er will alles selbst machen.“ In der Person Nikolaus II. führt der Größen⸗ wahn zu den traurigsten Folgen. Ohne jeden politischen Sinn und ohne jede politische Be⸗ gabung sucht er Charakterstärke durch läppischen Starrpnn zu ersetzen, und Selbständigkeit durch — passiven Widerstand gegen alle, die er als für sich gefährlich erachtet. Mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit klammert er sich an die Idee des Absolutismus, obwohl er selbst sehr gut einsieht, daß sie nicht mehr zu verwirklichen ist. Er ist jetzt nicht in der Lage, die Revolution zu bekämpfen, und bekämpft sie auch nicht— aber er nimmt zu einer höchst sonderbaren Taktik Zuflucht. Hinter den Mauern des Palastes sich verbergend, sitzt er und wartet. Er weiß sehr wohl, daß sie kommt, die fürchterliche, un⸗ abwendbare Macht. Er steht es sehr gut, daß sie mit jeder Stunde näher und näher kommt. In ihr kommt vielleicht sein eigener Tod, der Tod der Dynastie, allein... wie unter einem Alpdruck befangen, wie von Entsetzen unterjocht, sitzt er und wartet und hat keine Kraft, um der Gefahr vorzubeugen; er kann sich nicht entschließen und wird sich auch nicht entschließen; er wird den Absolutismus bis zum letzten Augenblick nicht aufgeben. In dieser Lage verharrend, wird er den letzten Ausbruch des Sturmes abwarten, und dieser Sturm wird ihn ins Verderben stürzen— und dennoch will er ihm nicht aus dem Wege gehen. Was für ein tragisches und jämmerliches Bild zugleich: ein gekröntes Kaninchen vor dem Rachen der Revo⸗ Iution, ein Zar, durch den Absolutismus an die Guillotine gebunden. Der Hof des Zaren ist am wenigsten ge⸗ eignet, den Selbstherrscher zur Bestnnung zu wecken und ihn zu veranlassen, eine Verfassung zu geben. Der Hof ist ausschließlich darauf bedacht, daß der Monarch vom realen, lebendigen Leben abgeschnitten bleibe. Der Hof ist eine Organisation der Lüge, ist eine heilige Kaste, wo alle Begriffe und Be⸗ ziehungen absichtlich entstellt werden. Der Hof ist ganz und gar für sich abgeschlossen. Nur diejenigen, welche durch Generationen hindurch in Vergötterungen der hohen Persönlichkeiten und in stlavischer Verehrung für den Thron erzogen werden, haben darin Zutritt. Die Hofschargen sind wohlerzogene Sklaven, die sich (“Aus dem Buche von Professor M. v. Reusner Die russischen Kämpfe um Recht und Freiheit. Halle, Verlag von Gebauer⸗Schwetschke. — als Gentlemen gebärden. Sie können schmeicheln, indem sie sich den Schein des Unabhängigen geben und vornehm tun, sie kriechen und sehen doch dabei aus, als wären sie voll aufrichtigster Begeisterung, sie lügen immer, fälschen die Tatsachen und verstehen zugleich, als aufrichtige und wahrheitsliebende Menschen zu erscheinen. Die Schauspielkunst und das Komödiantentum ist nirgends so entwickelt wie am Hofe. Und alle Ziele, alle Bestrebungen dieser Menschen sind nur auf das eine gerichtet; um die Hoheiten in eine undurchdringliche Hülle zu weben, die ste von der Gesellschaft und dem Volke trennt; mit eigenen Mitteln eine Fälschung des öffent⸗ lichen Lebens vorzunehmen und die Hoheiten daran glauben zu lassen, sie an den rosigen Nebel des Luxus und der Huldigung zu gewöhnen, um dann diese Menschen mit atrophiertem Willen und Geist ganz und gar in die eigenen Hände zu bekommen. (Schluß folgt.) 556 Unterhaltungs-Cril. ———— Aussiseher Rampfruf.) Der Groll, der Naß, der Sorn ist erwacht Ob all der zaristischen Niedertracht— Der Boden schwankt und die Erde bebt Vom geknuteten Volk, das nach oben strebt. Verschwunden ist sie, die heilige Scheu Vor der Tyrannei und der Barbarei. Es ballt sich die Faust, die von Ketten schwer, Su trotziger, blutiger Gegenwehr. Ob abgeschlachtet für Sar und Reich, Ob fallend für Freiheit, das gilt jetzt gleich— Drum lieber gestorben für's freie Recht, Denn als zaristischer Henkersknecht! Eine Woge braust über's Russenland, Sie nahm ihren Lauf von Gstasiens Strand, Wo vor der„siegenden Sonne“ Macht Die Sarenherrschaft zusammengekracht. Anna. Von einem Frankfurter Arbeiter. Sie kannten sich schon als Kinder. Auf dem Schulweg und dem Spielplatz waren sie immer zusammen gewesen und mit der Zeit hatte sich ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen herausgebildet. Er hatte ste oft gegen die Quälereien und Mißhandlungen seitens der anderen Kinder, namentlich der Knaben, energisch verteidigt, und er freute sich, wenn sie bei ihm Schutz suchte. Er pflegte sich dann neben sie zu setzen, und während sie die reichlich flteßenden Tränen trocknete, erzählte er ihr von fernen Gegenden, von Schlössern und Burgen, und was er sonst noch alles aus den Büchern, die er gelesen, wußte. ** * Nun waren sie beide der Schule entwachsen, und mit den Jahren hatte sich ihre gegenseitige Zuneigung noch inniger gestaltet. Karl Eiche⸗ nauer war in einer Fabrik als Maschinen⸗ schlosser beschäftigt und Anna Wengler in einer Wäscherei als Büglerin tätig. Mit dem kargen Lohn, den sie erhielt, mußte sie für sich und ihre Mutter den Unterhalt bestretten, und trotz⸗ dem sie von früh Morgens bis spät in die Nacht in der dunstigen heißen Stube am Bügel⸗ tisch stand, wollte es kaum ausreichen, das Notwendigste zu beschaffen. Karl pflegte sie nach Feierabend abzuholen und sie klagte ihm dann oft ihre Not. Er tröstete sie wie in früheren Zeiten und sprach ihr Mut zu:„Nur noch zwei oder drei Jahre, dann habe ich mir soviel erspart, daß wir uns einen bescheidenen Hausstand gründen können!“ sagte er, indem er ihre Hand drückte,„dann brauchst Du Dich nicht mehr abzuquälen.“ ) Ernst Klaar: Knute und Bombe. Lieder und Gesänge für ein freies Rußland.(Verlag M. Ernst, München.) Sie hörte ihm lächelnd zu und ging mit neuem Mut an ihr mühsames Tagewerk. Karl verdoppelte seinen Eifer und legte, was er von seinem Verdienst erübrigen konnte, auf die Seite. Sonntags machten sie kleine Spaziergänge oder nahmen an den Arbeiterfesten teil, die alljährlich gefeiert wurden. Solche Feste waren namentlich für Anna stets eine wohltuende Abwechslung in ihrem eintönigen Dasein, und ihre Wangen, die recht bleich und durchsichtig geworden waren, röteten sich vor Vergnügen. Gar oft betrachtete Karl mit Besorgnis die blassen, müden Züge seiner Geliebten und er mußte sich Gewalt antun, um die Tränen zu verbergen, die ihm heiß in die Augen stiegen. „Geduld, Schatz! Bald haben wir soviel, daß Du Dich nicht mehr abzurackern brauchst. Wir fangen klein an, aber ich werde unser Heim so hübsch und traulich wie möglich ein⸗ richten und Du sollst mir als mein liebes, kleines Frauchen dabei helfen.“ Sie lächelte müde, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn leidenschaftlich auf den Mund. Plötzlich ließ sie los, ein Husten⸗ anfall schüttelte ihren zarten Körper und auf den Wangen wurden zwei brennende rote Flecke sichtbar. 90 Karl nahm sich bestürzt ihrer an, aber sie wehrte lächelnd ab:„Laß nur, lieber Karl, es geht vorüber, ich glaube, ich habe mich erkältet. Bitte, laß uns nach Hause gehen!“ 1* E * Eines Tages nahm Karl sie mit in die Oper. Man gab den Trompeter von Säckingen. Anna strahlte. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß ihr ein solcher Genuß geboten wurde. Leuchtenden Auges verfolgte sie die Vorgänge auf der Bühne. Besonders wirkungsvoll war die Trennungsszene: Das ist im Leben häßlich eingerichtet, Daß bei den Rosen gleich die Dornen steh'n, Und was das arme Herz auch sehnt und dichtet, Zum Schlusse kommt das Voneinandergeh'n. In deinen Augen hab' ich einst gelesen. Es blitzte drin von Lieb und Glück ein Schein; Behüt' dich Gott! Es wär zu schön gewesen, Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! Tief ergriffen blickte Anna vor sich nieder. Karl beobachtete ste verstohlen und er freute sich in stillen— well sie sich freute. Als der Vorhang gefallen und beide den Heimweg an⸗ traten, ward Anna nicht müde, über das Stück und die schöne Mufik zu plaudern. Karl versprach ihr, sie noch recht oft ins Theater zu führen und sie drückte ihm dankbar die Hand. * 1 Durch rastlosen Fleiß und Sparsamkeit hatte er es endlich dahin gebracht, einen, wenn auch bescheidenen Hausstand zu gründen. In vier Wochen sollte Hochzeit sein. Anna freute sich wie ein Kind und ihre müde blickenden Augen belebten sich zusehends. Sie ging nicht mehr in die Wäscherei und war nun emsig beschäftigt für ihr künftiges Heim zu nähen und zu schaffen. Eines Morgens lag sie frierend und heftig hustend im Bett. Sie fühlte sich elend und schwach und vermochte nicht aufzustehen. Die besorgte Mutter holte einen Arzt und dieser sah auf den ersten Blick, daß hier nicht mehr zu helfen war. Die zwei verräterischen Flecken brannten wieder auf ihren Wangen und zwischen den Lippen sickerten dunkle Blutstropfen hervor. Der Arzt, der diese beiden Frauen nicht auf⸗ regen wollte, sprach einige beruhigende Worte und verschrieb zum Schein ein Medikament. Rae sorgfältige Pflege und absolute uhe. Die Tage vergingen und Anna nahm zu⸗ sehends ab. Ihre Mutter und Karl, so oft es dem letzteren die Zeit erlaubte, wichen nicht von ihrem Bette. An einem Sonntag lag ste ruhig da und hielt die arbeitsharte Hand Karls zwischen ihren abgezehrten Fingern. Sie fühlte sich wohler, die Schmerzen in der Brust und der Husten hatten nachgelassen. Die Fenster waren geöffnet und die würzige Frühlingsluft drang mild herein. Feierliche Glockentöne klangen W EK r — 2 9 A e rr e Nr. 28. Mittel deutsche Souutags⸗ Zeitung. Seite 7. aus der Ferne herüber und heller Sonnenschein flutete warm ins Zimmer. „Karl!“ rief die Kranke mit fieberglänzenden Augen,„ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht, gräme Dich nicht, wenn ich tot bin und habe Dank für alles Gute, was Du an mir etan!“ f Sie hielt erschöpft inne. Karl beugte sich zu ihr nieder und indem er zärtlich ihre Wangen streichelte, flüsterte er:„Du wirst noch nicht sterben, teuere Anna, Du regst Dich nur un⸗ nötig auf.“ Er wandte das Gesicht zur Seite und heiße Tränen tropften auf die Bettdecke. „Es wär zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein!“ flüsterte die Kranke leise, dann irrten ihre Hände wie suchend umher— ein leises Röcheln und sie schloß die Augen für immer. Allerlei. Milchschutz im Sommer. Von allgemeinem Interesse ist eine vom Berliner Polizeipräsidium erlassene Warnung, im Sommer der Milch chemische Präparate zuzusetzen, um die Gerinnung zu verzögern. zEs ist,“ so wird betont,„keine chemische Substanz bekannt, die imstande wäre, die Milch frisch zu erhalten und vor dem Gerinnen zu bewahren, ohne ihr gleichzeitig gesundheits⸗ schädliche Eigenschaften zu verleihen. Das einzig empfehlenswerte Verfahren, um im Haushalt die Milch vor dem Sauerwerden möglichst lange zu schützen, ist: Die Milch so frisch wie möglich zu kaufen, sofort nach dem Ankauf bis zum Aufwallen aufzukochen und ste als⸗ dann schnell abgekühlt an kühlem Orte in einem Gefäße mit überfassendem Deckel, am besten ohne Umgießen aufzubewahren. Milch, die kleinen Kindern gegeben wird, sollte jedesmal erst von einem Erwachsenen gekostet werden, um festzustellen, ob sie nicht sauer oder bitter schmeckt. Staatserhaltend. Lese oft in guten Blättern Worte, die zum Sinnen zwingen, Meil sie scheinbar sich nicht decken Allemal auch mit den Dingen. Doch bei scharfem, langem Denken Muß die Wahrheit man erkennen; Davon will ich hier ein Beispiel Zur Erbauung aller nennen. Warum sagt man„sta atserhaltend“ So von Männern wie Parteien? Sind das die, die emsig fördern Unsers Staates Wohlgedeihen? Sind das die, die ihre Dienste Selbstlos unserm Lande schenken, Die das Wohl des ganzen Volkes, Doch das eigne nicht bedenken? „Staatserhaltend“ heißen immer Alle unsre Bureaukraten, Die nach Schema F verfügen — Und am grünen Tisch beraten. „Stoatserhaltend“ sind die reichen Panzerplattenfabrikanten, Wirklichen Kommerzienräte Uuẽd die Flottenlieferanten. „Staatserhaltend“ sind die Junker, Die nach Liebesgaben dürsten, Und die sämtlichen Lakaien Be: den Prinzen und den Fürsten; Auch die Ordnungs⸗Journalisten Mit der gutbezahlten Feder, Und die Künstler, die da„bilden“ Schön in Marmor, Erz und Leder. Alle sind sie„staatserhaltend“, Die bekommen und genießen, Die den Staat als Milchkuh nutzen. Was ist wohl hieraus zu schließen? Nun, im Wort liegt es verborgen! Lasse deinen Scharfsinn walten: Staatserhaltend sind nur jene, Die vom Staate viel erhalten. Secundus im„Wahren Jacob.“ Humoristisches. Die verräterische Aufschrift. Im An⸗ schauungsunterricht bespricht der Lehrer die Tasse und fragt die Schüler nach den verschidenen Aufschriften, die man auf Tassen lesen kann.„Dem guten Kinde“, „Dem Silberpaare“,„Aus Liebe“ uw. Nachdem nun alles auf Tassen mögliche erschöpft ist, hebt ein kleiner Bursche die Hand hoch und sagt:„Meine Mutter brachte emal enne Tasse mit, da stand drauf: Bahnhof Eilenburg.“(Simpl.) eee ohhüte ae Offeriere: oe 9 8 2 8 * 8 S 2 0 3 2 8 2 2 8 . Joh. Fr. Schaaf, eluloilntt 4 vollständig compiette Räder von M. 7 1 an. Pucumatiemäntel von Mk. A an. Luftschläuche von Mk. 3 an. Imenlur-Auswerkauiz Vom 1.—15. Juli — Zu enorm billigen Preisen Frankfurter Sehuhlager Mützen Stets grösste Auswahl onl, Damm, Marktstrasse 18. Wasserkrüge Packkörbe kaufen Beuner& Krumm. Filzhüte Maäusburg 12. — SSO Maäusburg 12. Ferd. Nennstiel Giessen, NMochsti.. 7. 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Juli 1905, abends 8½ Uhr: im Wiener Hof Oeffentliche Mitteldeutsche Sonntagssgeitu Tapezierer ersammlung Tages⸗ Ordnung: Zweck und Nutzen der Organisation und die Bestrebungen des Tapezterer⸗Verbandes. Referent: Kollege Schäffer aus Frankfurt. Die Kollegen Gießens und Umgegend sind dazu freundlichst eingeladen. Der Einberufer. eee ,s⸗̈ ee οοονανοννννινενιι Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Schuhwaren-Lager Arbheiterschuhe und Stiefel Sowie alle sonstigen Schuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Freunde meine Ronlektlon Ersatz für Mas arbeit hat mir in kurzer Zeit viele Ortskrankenkasse Gießen Mit dem Tage der Bekanntmachung erhält das Statut der Ortskrankenkasse Gießen mit Genehmigung des Großh. Kreisamts Gießen folgende Abänderungen: I. Bei 8 1 Abs. 1 wird das Wort„ortsstatutarisch“ ge⸗ strichen und hierfür„statularisch“ gesetzt. II. Der§ 14 Abs. 3 lautet nunmehr: Im Falle der Erwerbsunfähigkeit vom ersten Tage nach dem Tage der Erkrankung ab für jeden Arbeits⸗ tag unter Ausschluß der Sonn⸗ und gesetzlichen Feier⸗ tage ein Krankengeld in Höhe von 55% des im§ 13 festgesetzten durchschnittlichen Tagelohnes, jedoch vor⸗ behältlich der Bestimmungen des§ 137 des Gesetzes vom 5. Mai 1886 für die in§ 1 Ziff. 2 dieses Status bezeichneten Personen. Für jeden gesetzlichen Feiertag, welcher nicht auf einen Sonntag fällt, wird ebenfalls Krankengeld gewährt. III.§ 30 letzter Absatz lautet nunmehr: ie Beiträge sind für jede Woche, innerhalb welcher der Versicherte der Kasse angehört hat, ihrem vollen Betrag nach zu entrichten. Dabei gilt als Woche der A von Montag bis Sonntag einschließlich. IV. Dem§ 41 wird hinzugefügt: Für die Anwesenheit in der Vorstandssitzung erhält jedes Vorstandsmitglied eine Entschädigung von 1 Mk. für Zeitverlust und entsprechenden Arbeitsverdienst. 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