A 2 n cher 0 — 4 0 . 1 Wirkungen entgegengesetzte Tätigkeit. 42 1 Vik. 422 Gießen, den 9. April 1905. 12. Jahrgang. Medaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. FJonnt Mitteldeutsche gs⸗Jeitung. Mebaktionsschlun: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. N Abounementspreis: Uusträger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Bestellungen 2 Juserate 2 Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗icung. Die 5 gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens bie Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33¼% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Anarchisten und Nihilisten.“) '„Ich kann mit meinem Eigentum machen, was ich will“, sagte Herr Stinnes, als man über die verheerenden Folgen des Stilllegens der Zechen verhandelte. Hier ist der kapita⸗ listische Größenwahn bereits übergeschnappt in schrankenlosen Individualismus, in mammo⸗ nistisches Uebermenschentum, in gesellschaftlichen Anarchismus und sittlichen Nihilismus. Und als Anarchisten und Nihilisten in Frack und Zylinder haben sich die Syndikatsvertreter im Preußischen Landtag und im Deutschen Reichs⸗ lag dieser Tage geoffenbart, als Patrioten, die 0 als die Kosaken im deutschen Lande ausen, ganze Dörfer vom Erdboden vertilgen und deren Bewohner verelenden und verkommen lassen. Und das alles nur, um die Dividende zu steigern, um auf den stillgelegten Gruben 40 bis 70 Prozente Dividende zahlen zu können, ohne daß nur ein Zentner Kohle aus der Erde hervorgeholt worden ist. Diese künstlichen Wert⸗ steigerungen, wie sie sogar der lange Möller benannte, haben nach dem Geständnis desselben errn Möller bis in die weitesten Kreise hinein chrecken erregt. Die Zechenmagnaten aber protzen auf ihren Schein, auf ihren Rechtstitel, und der eben von ihnen in der Hibernia⸗-Affäre geohrfeigte lange Möller beruhigt die hohen erren mit den Worten:„Die Sozialdemo⸗ aten lassen wir sagen, was sie wollen.“ Dieser lange Möller hat lange genug im fuhrrevier gelebt, um auch heute noch ein Stück Anarchist zu sein. Freilich ein verkappter Anarchist; denn jetzt spricht er vom„berechtigten ern“ in den Klagen über das Stillegen der Zechen, allein er möchte den Kohlenmagnaten gar zu gern den Pelz waschen, ohne ihn naß zu machen, und er spricht seine Meinung schließ⸗ lich in den Worten aus:„Die Zahl der indi⸗ yiduell Tätigen muß möglichst groß sein, es müssen möglichst viele Individuen zur Selbst⸗ ständigkeit gelangen können.“ Allgemein ge⸗ sprochen ist das natürlich eine kapttalistische Ketzerei; denn die Tendenz des Kapitalismus geht dahin, möglichst vielen Individuen die gesellschaftliche Selbständigkeit zunehmen. So will Herr Möller auch nicht verstanden sein; gein, seine Individuen sind die armen Privat⸗ unternehmer im Kohlengewerbe, die er wohl gelegentlich auskaufen, nicht aber monopolisteren will. An andrer Stelle meinte er, wenn man Mißstände— im Syndikatswesen— beseitige, o stärke man die Institutton, die davon betroffen sei; das Eingreifen des Staats in die Still⸗ legungspraxis geschehe also nur im Interesse des„Individualismus“ des Kohlensyndikats. Der Kapitalismus entwickelt in seiner ganzen Geschichte eine doppelte und zwar in ihren Einmal wirkt er organtsierend, indem er die Produktions⸗ mittel vereinfacht und die Produktivkräfte inten⸗ ) Anarchie: Herrschafts⸗ und Gesetzlofigkeit. Hier braucht als Bezeichnung für durcheinander. Nthilis⸗ 1 mus(von lat. nihil, nichts) eine früher besonders in Ruß⸗ bund, propagierte revolutionäre Parteirichtung. Die Mhllisten verwarfen wie die Anarchisten jede Regierung und staatliche Organisation. Später suchten sie durch Attentate auf hohe Staatsbeamte die Herrschenden in 1 Schrecken zu setzen.— Obigen Artikel entnehmen wir ber„ Leipz. Volksztg.“ 6 5 stviert(zu größerer Wirkung zusammenfaßt). Fast durchweg wird mit einer Er schwerung Dadurch bringt er eine gewisse systematische Ordnung in die Produktionsweise hinein; die Fabrik, der Großbetrieb ist den Kleinmeister⸗ betrieben überlegen. Allein diese Entwicklung vollzieht sich unter sozial zerstörenden, den gesellschaftlichen Bann zerstörenden Tendenzen, die sich in der Freisetzung von menschlicher Ar⸗ beitskraft, in der Ansammlung einer industriellen Reservearmee, in der Proletaristerung immer größerer Massen von Existenzen, in wirtschaft⸗ lichen Krisen und Katastrophen und endlich in der frivolen Entvölkerung ganzer Distrikte zu Zwecken der Steigerung des Profits und der Befriedigung des persönlichen Machtkitzels:„Ich 10195 mit meinem Eigentum machen, was ich will.“ Mit dieser Revolutionierung der gesellschaft⸗ lichen Verhältnisse geht Hand in Hand eine vollständige Auflösung aller hergebrachten sitt⸗ lichen Begriffe, eine Unterwühlung von Treu und Glauben, eine immer größere Mißachtung der Arbeitskraft und damit des Menschenlebens, eine immer wahnsinnigere Ueberschätzung der materiellen Mächte und Genüsse, eine immer stärkere metallische Verseuchung der Gesellschaft, und die Laster und Verbrechen des Lumpen⸗ proletariats, die Prostitution und Korruption feiern ihre fröhliche Urständ in der passiven moralischen Verfaulung der oberen Zehntausend. Auch der Anarchismus und Nihilismus findet sich auf den Höhen der Gesellschaft wieder; man braucht nur die Reden der Kardorff, der Schmieding und des deutschen Reichskanzlers zu lesen, so weiß man sofort, wo die Propheten des sapitalistischen Anarchismus und Nihilismus sitzen. Ein Reichskanzler, der mit Pulver und Blei droht, wenn einige Hunderttausend Arbeiter streiken, und Zechengewaltige, die eig Privat⸗ monopol dazu mißbrauchen, um zu ihrem Privatvergnügen Zehntausende Arbeiter brotlos zu machen, sind in Sachen der Gewissenhaftig⸗ keit und des Verantwortlichkeitgefühls ein⸗ ander wert. Darum wird auch dem Grafen Bülow das Geheimnis des„sozialen Königtums“ ewig ver⸗ schlossen bleiben. Er möchte wohl den Anarchis⸗ mus seiner kapitalistischen Schützlinge und den Nihilismus seiner eigenen Staatskunst mit etwas Sozialismus durchtränken. Allein Sozialismus bedeutet Organisarion der gesell⸗ schaftlichen Kräfte, Neuordnung des rechtlichen Lebens auf genossenschaftlicher Grundlage der Arbeit, und solche Dinge werden den Parasiten an der Fäulnis der Gesellschaft stets ein Buch mit steben Siegeln bleiben. politische Nundschau. Gießen, den 6. April 1905. Ueber Schädigung durch den Zoltariß klagt eine Industrie nach der andern. Kürzlich berichtete die Vereinigung der Papier verarbei⸗ tenden Industrie und des Papierhandels in ihrem Geschäftsbericht über das Resultat einer unter ihren Mitgliedern veranstalteten Umfrage über die voraussichtlichen Wirkungen der neuen Handelsverträge. Darnach herrscht in den Kreisen der Papierverarbeiter teilweise große Erregung über den Ausfall der Verträge. des Exportgeschäftes gerechnet, in manchen Ar⸗ tikeln mit einem völligen Ausfall der seitherigen Exporte. Der Welthandel. Nach der Zusammenstellung des englischen Handelsamts waren am Handel der Welt in den letzten zwei Jahren beteiligt mit einem Werte in Millionen Mark N Einfuhr Ausfuhr 1903 1904 1903 1904 England 946 054 962080 581600 601636 Deutschland 600 268 629080 501464 517250 Vereinigte Staaten 414790 431628 607354 594062 Frankreich... 394096 362 916 340 180 358040 Oesterreich⸗Ungarn 156 426 170 422 177482 172 440 Italien. 148 956 148 650 121394 129 216 Belgien 203 360 209 516 159750 164 422 Schweiz 92732 96812 70552 70668 Spanien 67942 66710 66874 87826 Egypten 34378 42192 40096 42706 Indien.„109 292 127304 190784 210014 Japan 64 204 75176 57988 76022 An der Spitze marschiert immer noch Eng⸗ land, seine Kapitalisten heimsen in der ganzen Welt Mehrwert ein, der in goldener Fülle nach dem Mutterlande strömt. Aber immer näher rückt Deutschland dem führenden Lande des Kapitalismus zur Seite, bon Jahr zu Jahr verringert sich die Differenz und schließlich wird Deutschland die Spitze nehmen, wenn nicht in⸗ zwischen der Kapitalismus in anderen Ländern noch gewaltigere wirtschaftliche Kräfte entfesselt. Das nordamerikanische Riesenreich mit seinem natürlichen Reichtum ist dabei und was der ferne Osten noch bringt, ist einstweilen nicht abzuschätzen. Die trockenen Zahlen der Handels⸗ bilanz sind eine Widerlegung der von schutz⸗ zöllnerischer Seite oft vorgetragenen Argumen⸗ tation, als sei eine sog. passive Handelsbilanz, d. h. das Ueberwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr, ein Unglück für Land und Volk. In Indien und Spanien überwiegt die Ausfuhr gewaltig die Einfuhr, nach der schutzzöllnerisch⸗ agrarischen Meinung müßte es also den Indiern und Spaniern prächtig gehen. Tatsächlich aber verhungern beide Völker: In Indien bleicht die heiße Sonne die Knochen der am Wege verendenden Parias, in Spanten aber löst eine Hungerrevolte die andere ab. „Kaisertreue“ Sozlaldemokraten. Von der Kaiserreise nach dem Mittelmeer erzählt die bürgerliche Presse folgende komische Geschichte:„Se. Majestät der Kaiser hat in Lissabon neben Deputationen der deutschen Kolonien von Lissabon und Porto auch eine Deputation der deutschen Glasarbecter aus Amora empfangen. Diese hatten, obwohl der deutsch⸗sozialistischen Partei an⸗ gehörig, bei der Nachricht von dem bevorstehenden Kaiserbesuch spontan beschlossen, eine Deputation zu entsenden und Sr. Majestät dem Kaiser einen silbernen Teller als Huldigungs⸗ geschenk zu überreichen. Als in der diesen Beschluß fassenden Versammlung von einem der Anwesenden Widerspruch erhoben wurde, da Herr Bebel mit einem solchen Geschenk nicht einverstanden sein würde, wurde dem Sprecher von allen Seiten entgegnet, Bebel und die Parteileitung in Berlin gingen sie Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 15. nichts an. Sie seien freie Männer, und wenn der deutsche Kaiser ins Ausland käme, wollten auch sie, wie alle andern Deutschen, ihrem Kaiser huldigen. Nach einem telegraphischen Bericht hat die von dem Gesandten vermittelte Audienz dann stattgefunden. Seine Majestät der Kaiser nahm das Geschenk der Arbeiter sehr freundlich entgegen, sprach mit den ein⸗ zelnen über ihre Arbeit und spendete der Ar⸗ beiterkolonie ein größeres Geldgeschenk.“ Dieses erschütternde Ereignis(wenns über⸗ haupt tatsächlich passiert ist!) hat der Bericht⸗ erstatter der„Nordd. Allgem. Zeitung“ für so bedeutend gehalten, daß er es seinem Blatte telegraphisch übermittelte. Natürlich plärrt es die gesamte übrige„gutgesinnte“ Presse weiter und knüpft daran philosophische Betrachtungen über die Königstreue der deutschen Sozialisten in Portugal, die uns verstockten Republikanern als leuchtende Muster vorgeführt werden. Schade nur— die Spender des silbernen Tellers sind als Sozialisten nirgendwo bekannt, weder die deutsche noch sonst eine sozial demokratische Partei- organisation kennt sie als Mitglieder. Es gibt keine deutsche sozialistische Partei in Portugal! Jedenfalls sind aber die Glasarbeiter von Amora nicht so abergläubisch, anzunehmen, „Herr Bebel“ oder der„Parteivorstand in Berlin“ verbiete ihnen, silberne Teller zu ver⸗ handeln, soviel sie wollen und an wen sie wollen. Dagegen ist es immerhin möglich, daß die deutschen Arbeiter in Amora der deutschen Politik entfremdet sind und gewisse Reden nicht gelesen haben, woraus sich dann das weitere zwanglos erklären würde. Abgesehen davon, daß die Geschichte in ihren Einzelheiten, soweit wenigstens die„deutsch⸗sozialistischen“ Arbeiter in Betracht kommen, höchst entenartig aussieht, eignet sie sich sicher nicht dazu, als Vorfall von irgendwelcher politischer Tragweite betrachtet zu werden. Daß sie in der geschil⸗ derten Weise ausgeschrien wurde, zeigt höchstens, daß man im Allgemeinen eine solche Huldigung von Seiten der Arbeiter für unmöglich hält. Unserer Partei kann man damit nichts anhängen. Ein. sozialdemokratischer Oberstleutnant. Genosse Gustav Müller, der am Oltener Parteitage der schweizerischen Sozialdemokratie über die Forderungen der Soztaldemokraten an die Ausbildung des Militärwesens referierte, ist vom Bundesrat zum Kommandanten des Feldartillerie⸗Regiments 5 ernannt und zum Oberstleutnant der Artillerie befördert worden, offenbar in Anerkennung seiner Verdienste. Wenn Genosse Müller nun sein Regiment ein⸗ mal auffahren läßt gegen die Bourgeois, was soll dann wer den? Wirklich unvorsichtige Leute, die Schweizer. Sie sollten von den Personen lernen, die einen Sozialdemokraten nicht einmal zum Nachtwächter machen, geschweige denn zum Oberstleutnant. Sozialisten⸗Verfolgung. Fünf Monate Gefängnis erhielt der verantwortliche Redakteur der Dortmunder „Arbeiter⸗Zeitung“, Genosse Fricke. Er hatte in seinem Blatte im August v. J. ein Artikel, betitelt„Aus der göttlichen Weltordnung“, ab⸗ gedruckt. Es wurde darin behauptet, daß in Hannover ein Invalide namens Berner in hilfs⸗ losem Zustand auf der Straße aufgefunden und zum Polizeigefängnis gebracht wurde. Dort habe man ihn nicht so behandelt, wie es einem hilflosen Menschen gegenüber gebräuchlich ist. Durch diesen Artikel fühlte sich die Polizei in Hannover beleidigt. Wegen der gleichen Sache hat der verantwortliche Redakteur des Hannover schen Parteiblattes„nur“ bekommen. Die russische Revolution. Blutige Zusammenstöße ereigneten sich am Sonntag in Lodz. Bei dem Begräbnise eines jüdischen Sozialisten veranstaltete der jüdische Bund eine Manifestation.„Mehrere tau⸗ send Juden mit roten Fahnen— so lautete die Meldung in der bürgerlichen Presse— zogen durch Pawia Dzika und die Genstagassen. 1 Monat Gefängnis Da erschien eine Patrouille von zwölf Infante⸗ risten und Kavallerie. Nach mehreren auf sie abgefeuerten Revolverschüssen, die fehl gingen, schoß das Militär mehrere Salven. Vier Juden blieben tot, neun Manifestanten, darunter zwei Mädchen, sind schwer, viele leicht ver⸗ wundet worden. Beim Standbild des Koper⸗ nikus wurden Proklamationen ausgestreut, wo⸗ bei ein junger Mann verhaftet wurde.“ Am Tage vorher wurde gegen einen Polizei⸗ kommissar eine Bombe geschleudert und dieser schwer verwundet. Die Bombe bohrte ein Loch von 2 Fuß Tiefe und 12 Fuß Umfang in die Erde. Alle Scheiben in der Konstantinowskastraße wurden zertrümmert. In der Nacht zum Sonntag starb der fälschlich für den Attentäter gehaltene, von den Polizisten bei seiner Verhaftung schwer verletzte Arbeiter. Der wirkliche Täter, ein etwa 19 jähriger junger Mann, entfloh. 37 christliche und 15 jüdische Arbeiter wurden noch in der Nacht arretiert. In Warschau fanden am Sonntag eben⸗ falls Kundgebungen und Kämpfe statt. Im Ganzen wurden 15 Personen, darunter mehrere Frauen, getötet, 50 weitere Personen ver⸗ letzt. Infolge dieses blutigen Ereignisses herrscht in der Stadt große Aufregung. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Proklamationen an⸗ geschlagen, worin die Bevölkerung gewarnt wurde, sich in der Nähe öffentlicher Gebäude aufzuhalten, da dieselben jeden Augenblick durch Dyamit in die Luft gesprengt werden könnten. Kleine politische Nachrichten. Einen glänzenden Gemeindewahlsieg erfochten unsere Genossen in Kiel. Dort wurde bei einer Ersatzwahl zur Stadtvertretung der Genosse See gen mit erheblicher Mehrheit gewählt. Damit kommt der dritte Sozialdemokrat ins Stadthaus. Seit der letzten Wahl haben unsere Stimmen um 40 Prozent zuge⸗ nommen.— Eine Reichstagsersatzwahl muß dem⸗ nächst im Wahlkreise Hameln ⸗Springe stattfinden. Der bisherige nationalliberale Vertreter Wallbrecht ist am 1. April gestorben. Bei der letzten Wahl wurden 10 198 sozialdemokratische, 7592 nationalliberale, 4528 welfische und 4219 bündlerische Stimmen abgegeben. In der Stichwahl siegte Wallbrecht mit 14989 gegen 11257 Stimmen. Russisch⸗japanischer Krieg. Der Katastrophe zu. Ein französischer Kriegskorrespondent, der in Mukden von den Japanern gefangen genommen und wieder in Freiheit gesetzt worden war, sandte aus Kobe ein langes Telegramm, worin er die Stimmung des russischen Heeres schilderte: Die ungeheure Mehrheit der Soldaten und Offiziere halte den Frieden für unvermeidlich. Wie das russische Reich, so sei auch die Armee von politischen Wirren zerrüttet; die Fortsetzung des Krieges müßte zu einer Katastrophe führen. Auf dem Kriegsschauplatz werden vor 14 Tagen keine wichtigen Operationen er⸗ wartet. Nachrichten von anfangs der Woche meldeten, daß die japanischen Truppen immer weiter nach Norden vorrückten.— Private Nachrichten, die an Petersburger und Moskauer Blätter gelangt sind, melden die völlige Des⸗ organisation und Demoralisation der Eisenbahnbeamten, Polizisten und Armeeliefe⸗ ranten bei der russischen Armee auf dem Kriegs⸗ schauplatz. Diebstahl und Raub seien an der Tagesordnung. Der Reichstag wird mit Ende dieser Woche seine Bude zu⸗ machen und sich in die Osterferien begeben, die sich jedenfalls bis in den Mal erstrecken werden. Aus den Verhandlungen der letzten Tage ist das Rededuell erwähnenswert, das unser alter Bebel wieder mit dem Reichskanzler ausfocht. Wir haben es in der letzten Nummer bereits kurz erwähnt. Bei der Generaldebatte zur dritten Lesung des Etats kritisterte Bebel gehörig das Verhalten der preußischen Regierung, insbesondere Bülows gegenüber den Bergarbeitern. Die Drohungen, die Bülow gegenüber den Bergarbeitern aus⸗ ——. J gesprochen, die völlig unzureichenden Zugeständ nisse, die die Regierung gemacht, sie werden nimmermehr das zur Folge haben, was Bülow durch sein geradezu provpokatorisches 1 5 erg⸗ arbeiter der Sozialdemokratie untreu werden oder sich ihr nicht anschließen. Bebel wies mit Recht darauf hin, daß, wie viel oder wenig die Bergarbeiter schließlich erreichen, sie das doch nur durch die Hilfe der Sozialdemokratie er⸗ halten. In drastischer Weise höhnte Bebel den Reichskanzler, der offenbar von den Bestrebungen der Sozialdemokratie keine blasse Ahnung hat. Die Junker machten freilich lauten Lärm, als Bebel unsere Partei als die einzige prekla⸗ mierte, die eine ern sthafte Kultur⸗ und Frei⸗ Das„soziale Königtum“, erreichen zu können hofft— daß die heitspartei ist. wie es jetzt besteht, sagte Bebel, ist das Gegen⸗ teil dessen, was es zu sein vorgibt; ein wirk⸗ liches soziales Königtum würde auch von der Sozialdemokratie unterstützt werden. Diese Be⸗ merkung erregte bei unsern Gegnern lebhafte Bewegung. Hoffentlich geben sich die Herren nicht etwa der Täuschung hin, daß Bebel und die Partei sich nun zum Königtum bekehrt hätten! Bebels Worte bedeuten nichts anderes als daß wir alle Gesetze, welche die monarchische Regierung zugunsten der Arbeiter einbringt, unterstützen- etwas, was selbstverständlich ist und schon so lange geschieht, als unsere Partei im Parlament Ebenso selbstverständlich ist aber auch, daß wir uns nicht mit Abschlagszahlungen be⸗ gnügen, die noch mit Verschlechterungen des tätig. bestehenden Rechtszustunds verknüpft sind. Bülows Antwort war wieder nach der alten Bebel kennzeichnete diese später ganz richtig dahin, daß Bülow sich eine Ant⸗ wort auf Bebeis Rede im Voraus zurecht macht und sein Konzept vorträgt, auch wenn Bebel gar nicht das sagte, auf was Bülow Schablone. gerechnet. Und so kämpft dann der Reichs⸗ kanzler wie einst der brave Junker von der Mancha, der edle Don Quixote, gegen Wind⸗ mühlenflügel. Diesmal war es Bülow darum zu tun, nachzuweisen, daß es bei den Sozial⸗ demokraten üblich wäre, streikende Arbeiter mit Soldaten zu Paaren treiben zu lassen. Bülow hatte sich das Sündenregister von Millerand und einigen Schweizer Kantonsministern zurecht präpariert. Darauf war er aber nicht gefaßt, daß Bebel unter lebhafter Zustimmung der Fraktion erklärte, wir erkennen solche sozial⸗ demokratische Minister nicht als Parteigenossen an und setzen sie vor die Tür. Bülow hatte dann ganz nach den Rezepten von Eugen Richter sich mit dem Zukunftsstaat beschäftigt und eine Karikatur gezeichnet, die das blödeste Ulkblatt für zu töricht halten würde. Bülow gefiel sich aber außerordentlich darin von der„banausischen Gleichmacherei“ zu phantasteren, die im Zukunfts⸗ staate, wie er ihn sich vorstellt, als Staats⸗ grundgesetz bestehen würde. Soviel ist jedenfalls sicher: auf einem so niedrigen geistigen Niveau wie die Bülowschen Sozialistenvernichtungs⸗ Reden würden sich die Zukunftsstaats⸗Gleich⸗ macher nicht bewegen. dem Unternehmertum beweisen, daß es von der Regierung nichts zu befürchten habe; die Ar⸗ beiter bekommen nach wie vor den Säbel gezeigt, wenn ste sich rühren, und der Geldsack ist das Fundament des Staatslebens. Wenn Bülow sich so weiter entwickelt, wird er bald Zucht⸗ hausvorlagen einbringen. f Dann gab's noch eine Anseinandersetzung zwischen dem Nationallitberalen Dr. Becker von Sprendlingen und unsern Genossen Scheidemann. Becker suchte sich gegen die Angriffe, die Scheidemann in zweiter Lesung gegen ihn gerichtet hatte, zu verteidigen und bezeichnete die Behauptungen Scheidemanns für unwahr. Dieser konnte jedoch urkundliche Be⸗ weise auf den Tisch des Hauses niederlegen und Beckers Gegenbeweise hielten einer gründ⸗ lichen Untersuchung nicht Stand.— In der Donnerstags⸗Sitzung versuchte Herr Becker nochmals vergeblich sich weißzuwaschen; Scheide⸗ mann konnte aber den Nachweis führen, edaß seine Mitteilungen auf Wahrheit beruhten. 1 Uebrigen ging die Debatte an diesem Tage sehr ins Einzelne. Zum Schluß kam eine Resolution des Grafen Kanitz zur Verhandlung, die d Der Reichskanzler will N ——— 3——— —— ———— e r n ———————T—T—T—T—T—X—TVvVTZv————— 8 — r —— N 15. — ständ, erden dla treten erg erden ts mit 10 0 lie 0 el den ungen 9 hat. U, als rokla⸗ Frei mum“, Hegen⸗ Virk⸗ on der hafte Herren l und sütten! 8 daß erung gen— hon so zament auch, en he⸗ n des . Falten späber e Ant⸗ zurecht wenn Bülow Reichs: on der Wind⸗ darum 50 ial⸗ ter mit Bulou lerand zurecht gefaßt ig del, fo il enossen p hatte Richtet nd eine Icblatt fil sich ustschen kunsts⸗ Itaate eufall Meal gtung⸗ Glech er wil 19800 Mk. ö gleichgültig in den Tag hinein. Nr. 15. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite. Zollkrezue für Mühlenfabrikate vom 1. Juli d. J. ab aufgehoben wissen will— eine Maßnahme, die zugunsten der Agrarier die Einfuhr erschwert und dadurch die Getreidepreise in die Höhe treiben würde. Unsere Fraktion beantragte daher, um genau festzustellen, wer wieder solchen Brotwucher treibt, namentliche Abstimmung. Sie ergab nur 151 Anwesende— 48 zu wenig, um ein beschlußfähiges Haus zu schaffen. Des⸗ halb mußte die Sitzung abgebrochen werden— wenn die Junker Wuchergeschäfte machen wollen, müssen sie wenigstens da sein!— In der Freitags⸗Sitzung wurden einige Nachtrags⸗ etats erledigt, insbesondere werden„nur“ 61 Millionen Mark für Südwestafrika und Kamerun gefordert. Ledebour wies die Planlosigkeit der Kolonialpolitik nach und selbst der Frei⸗ sinnige Müller⸗Sagan mußte zugeben, daß Bebel sich seiner Zeit als guter Prophet er⸗ wiesen habe, daß die Entwickelung der Dinge in Südwestafrika die trübsten Befürchtungen Bebels noch übertroffen hat.— Hierauf kamen Petitionen zur Beratung. Wegen des be⸗ rühmten Befähigungsnachweises gerieten sich Konservative und Antisemiten in die Haare und beide Parteien bemühten sich, den Befähi⸗ gungsnachweis für den Handwerkerfang zu erbringen. Hieran schloß sich eine Debatte über den§ 175 des Strafgesetzbuchs(wider⸗ natürliche Unzucht), dessen Beseitig ung ver⸗ schiedene Petitionen verlangen. Dieser Para⸗ graph entbehrt jedes vernünftigen Zweckes, gibt höchstens einer Erpresserbande die Mittel zur behaglichen Existenz. Es ist eine bekannte Tatsache, daß gerade in den staatserhaltenden Kreisen die Gewohnheiten, welche dieser Para⸗ graph unter Strafe stellt, sehr verbreitet sind. Allein die Heuchelei der Junker und Pfaffen und die abgrundtiefe Feigheit der National⸗ liberalen läßt zur Freude der Erpresser und zum Unheil zahlreicher Unglücklichen den§ 175 bestehen. An der Hand des reichhaltigsten Materials forderten die Genossen Thiele und v. Vollmar und der Freisinnige Gothein die Beseitigung des monströsen Paragraphen, für dessen Aufrechterhaltung in einer Rede, die ein Gemisch aus Kapuzinade und Harlekinade war, der Zentrumsabgeordnete Thaler eintrat. Mit Recht wies Vollmar darauf hin, daß diese Frage keine Partetsache sei und sehr angebracht war auch seine Bemerkung, daß die Agitation der „Homosexuellen“ in der letzten Zeit eine Form angenommen habe, die das Eintreten für diese Sache schwer mache. Die edlen Nationallibe⸗ ralen schwiegen sich aus und halfen alsdann den Reaktionären, die Petition auf Aenderung des Paragraphen niederzustimmen. Am Samstag und Montag war keine Sitzung und am Dienstag wurden Wahl⸗ prüfungen verhandelt. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Im Metallarbeiterverband ist die Mitgliederzahl nach der letzten Jahresabrechnung von 160 135 auf 198 964(191762 männliche, 7202 weibliche) gestiegen. Die Kassen rechnung zeigt ein viel günstigeres Bild als in den früheren Jahren. Sie bilanziert mit 3517367,48 Mark. Die Reineinnahme ist 3 309 887,86 Mk. An ordentlichen Beiträgen wurden vereinnahmt 3226 803,15 Mk., gegen 1903 Zunahme: 945 732,70 Mk. Das Vermögen des Verbandes hat sich von 911.635,24 Mk. um 631 777,89 Mk. vermehrt auf 1543 353,13 Mk. Au Unter⸗ stützungen wurden verausgabt für: Reisegeld 192 098,14 Mark, Arbeitslosenunterstützung 400 803,75 Mk., Streikunterstützung 829 394,39 Mark, Rechtsschutz 58 205,67 Mk., besondere Notfälle 128 329,33 Mk., Umzugsunterstützung Zusammen 1628 631,28 Mk. Die Ausgaben für Streiks betragen insgesamt 1229837 Mk.— Trotz der großen Fortschritte, die der Verband im Jahre 1904 gemacht, gibt es für ihn noch der Arbeit genug, denn Hun⸗ derttausende von Metallarbeitern leben noch Sie alle müssen den Deutschen Metallarbeiterverband gewonnen werden! Der größte gewerkschaftliche Zweig⸗ verein der Erde dürfte wohl die Verwal⸗ tungsstelle Berlin des deutschen Metallarbeiter⸗ verbandes sein. Dieselbe hatte am Jah resschluß 1904 einen Mitgliederstand von 44878 gegen 35741 im Vorjahre. Hiervon sind 3371 weib⸗ liche. Die Einnahmen betrugen für die Haupt⸗ kasse 1080 992.64 Mark und für die Lokalkasse 625 106.24 Mark. Auch die Ausgaben waren ganz gewaltige. Allein für Streiks und Aus⸗ sperrungen wurden 886 001.80 Mark ausgegeben. Die Arbeitslosenunterstützung erforderte 116 501.40 Mark. Die außerordentlich hohe Ausgabe für Rechtsschutz im Betrage von 46 978.71 Mark ist fast ausschließlich auf die unzähligen Streikpostenprozesse zurückzuführen. Lohnkämpfe. Die Maler und Weiß⸗ binder sind in Darmstadt wegen Lohn⸗ differenzen am Montag in den Ausstand ge⸗ treten. Ebeuso in Köln, wo die Arbeitgeber den von den Gehülfen vorgelegten Tarif anzu⸗ erkennen sich weigerten. In Darmstadt haben einige Firmen bereits bewilligt.— In Esch⸗ wege traten die Weißbinder und Zimmerleute wegen Nichtbewilligung ihrer Forderungen in den Ausstand. Der seit Wochen andauernde Streik in der Maschinenfabrik Benz& Co. in Mann⸗ heim wurde am Dienstag durch Vermittelung des Fabrikinspektors beigelegt. Durch gegen⸗ seitiges Nachgeben ist über die Akkordpreise eine Einigung erzielt worden. Pon Nah und Fern. Hessisches. Aus dem Landtage. Die Zweite Kammer beschäftigte sich am Donnerstag voriger Woche mit der Er⸗ richtung zweier neuer Oberlandesgerichts⸗— rats- Stellen. Diese Forderung hatte die Zweite Kammer abgelehnt, die Erste jedoch wieder hergestellt, weshalb sie nochmals vor bie Zweite Kammer kam. Abg. Gutfleisch wandte sich als Berichterstatter des Ausschusses gegen die Bewilligung. Unter anderm führte er an, daß der stetige Wechsel der Richter der Urteilssprechung nachteilig sei und dem Präsi⸗ denten des Senats die Möglichkeit gebe, sich einen ihm willfährigen Senat zusammenzusetzen. Ulrich wandte sich ebenfalls entschieden gegen die Bewilligung der Forderung, weil man sich über die gonze Frage noch nicht klar sei. Für eine Verbesserung der Justizverhältnisse im Land wäre Redner jederzeit zu haben, wenn solche sich als Notwendigkeit ergeben; aus der Tabelle des Abg. Gutfleisch gehe aber hervor, daß es dem Präsidenten erst nach 7 Wochen wieder möglich sei, denselben Senat zusammen⸗ zubringen, daß er sich aber einen ihm will⸗ fährigen Senat zusammensetzen könne. Schon dieser Gedanke sei gefährlich und haben die Ziffern in dieser Beziehung Klarheit geschaffen. Windecker tritt für die Regierungsforderung ein. Der Antrag der Ausschußmehrheit wird mit 22 gegen 21 Stimmen abgelehnt, es ist also damit der Regierungsforderung zuge⸗ stimmt und am Freitag wurde demgemäß beschlossen und die beiden Oberlandesgerichts⸗ räte bewilligt. Unter anderem kam es in derselben Sitzung zu einer Erörterung über die Wahlrechts⸗ vorlage. Der Zentrumsmaann Molthan interpellierte die Regierung über das Schicksal derselben. Seit dem vorigen Sommer ruhe die Vorlage in der Ersten Kammer. Hirschel fügte dem hinzu, daß die Erste Kammer rück⸗ sichtslos handele. Wenn sie die Reform nicht zustande kommen lassen wolle, möge ste es doch offen erklären, dann wisse man wenigstens auch, wem die Verantwortung für eine Vereitelung zur Last falle. Damit hatte ja Herr Hirschel gewiß recht, aber sein und seiner Parteigenossen Verhalten der Wahlrechtsvorlage gegenüber war ein solches, daß man den Eindruck gewinnen mußte, die Herren hätten es darauf abgesehen, die Reform zum Scheitern zu bringen. Der Minister Rothe konnte ihm auch entgegenhalten, daß sich die Zweite Kammer auch anderthalb Jahre Zeit gelassen habe, bis sie sich mit der Vorlage be⸗ schäftigt habe.— Ueber gesetzliche Regelung des Milch⸗ verkaufs wurde am Dienstag infolge eines vom Abg. Schönberger gestellten Antrags verhandelt. Der Ausschuß beantragte Einführung einer dritten Markt⸗Milchsorte in Erwägung zu ziehen. Ministeralrat Schäfer spricht in längeren Ausführungen gegen den Antrag des Ausschusses, der nur bewirken werde, daß die Milch teurer und schlechter auf den Markt kommen werde und den Landwirten werde nicht geholfen. Abg. Haas spricht ebenfalls dagegen. Er weist darauf hin, daß man in Berlin mit einer ähnlichen Verordnung keine guten Erfah⸗ rungen gemacht habe. Durch die Einführung einer dritten Milchsorte werde nur die Fälschung gesetzlich gut gutgeheißen. Er empfehle gleich⸗ falls den Zusammenschluß der Milchinteressenten und warne dringend vor dem Antrag, zumal eine anderweite Regelung mit Hilfe des Reiches in Aussicht stehe. Ulrich ist der Meinung, daß der Antrag Schönberger nur Zweck habe, wenn er der Regierung als Material für weitere Verhand⸗ lungen dienen solle. Der Antrag des Ausschusses sei unannehmbar, da er dem Betrug Tür und Tor öffne. Jedenfalls sei es nicht empfehlens⸗ wert, eine dritte Sorte Marktmilch, die man besser Mogel milch nenne, einzuführen, da der Regierung damit zugemutet werde, ein Gesetz zu erlassen, wie man am besten mit der Milch betrüge. Schönberger will nur ungerechte Bestrafungen der Landwirte verhüten. Abg. Bär beschwert sich darüber, daß in Offenbach die Milchkontrolle zu scharf sei. Schließ⸗ lich wird der Antrag des Ausschusses auge⸗ nommen, welcher die Regierung ersucht, den Antrag Schönberger zur gesetzlichen Regelung des Milchverkaufs in Erwägung zu ziehen. Mit dem Landwirtschaftskammer⸗ Gesetz beschäftigte sich die Kammer in der Mittwochs⸗ Sitzung. Molthan(Ztr.) be⸗ grüßte die Vorteile, die der Landwirtschaft aus der Vorlage erwachsen werden, spricht sich jedoch gegen die indirekte Wahl aus. Der Antisemit Wolf wendet sich gegen das Gesetz. Ministe⸗ rialrat Braun motiviert ausführlich die im ur⸗ sprünglichen Entwurf niedergelegte Stellung der Regierung. Ebenso tritt Abg. Haas für die Vorlage ein. Hessen solle vorangehen, daun lasse sich erhoffen, daß in nicht allzu ferner Zeit eine Reichs landwirtschaftskammer die gesamte deutsche Landwirtschaft vertreten werde. Ulrich will die Vorlage trotz mancher Bedenken unterstützen. Die Kammer solle die Einführung der direkten Wahl verlangen. Er will um so lieber für das Zustandekommen der Landwirt⸗ schaftskammer eintreten, da er hoffe, daß nun auch bald sein Wunsch nach einer Arbeiter⸗ kammer verwirklicht werde. Redner bezieht sich auf den Schluß der Ausführungen des Abg. Haas. Auch in der Frage der Arbeiter⸗ kammer möge die Landesregierung vorbildlich vorgehen, damit die süddeutschen Staaten folgen und eine Reichsarbeiterkammer das erwünschte Endresultat sein könne.— Donnerstag begann die Einzelberatung des Eutwurfes. — Der Großherzog gegen den Lederkönig. Die„Darmstädter Zeitung“ ist zu der Mitteilung ermächtigt, daß der Groß⸗ herzog nach Kenntnisnahme von den Verhand⸗ lungen der Ersten Kammer zum Staatsvoran⸗ schlag Anlaß nahm, dem Finanzminister v. Gnauth erneut ssein volles Vertrauen, ins⸗ besondere auch sein Einverständnis mit der von Gnauth vertretenen Staatssteuerpolitit aus⸗ zudrücken. Bei den Verhanklungen in der Kammer der Bevorrechteten rempelte der Leder⸗ baron den Finanzminister an, weil dieser bei der Etatberatung in der Zweiten Kammer einen Teil der Ausführungen des Genossen Ulrich als ein„gesundes Gegengift gegen das laute Lamento“ bezeichnete, das gerade die wohl⸗ habendsten Kreise des Großherzogtums über die „drückende Steuerlast in Hessen“ zu erheben pflegten. Eine solche Aeußerung, meinte Heyl, habe im Lande große Beunruhigung erregt und set geeignet,„das monarchische Gefühl auf das schwerste zu erschüttern!“— Nun stellt sich ————päö ͤ ll. FPV Seite 4. * Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 15. auch der Großherzog auf Seiten des Finanz⸗ ministers und erschüttert dadurch zweifellos ebenfalls„das monarchische Gefühl auf das schwerste.“ Arbeiter, Parteifreunde allerorts! Nüstet zur würdigen Feier des 1. Mai, des Weltfeiertags der Arbeit! Gießener Angelegenheiten. — Das neue Schuljahr beginnt bald wieder und eine große Zahl von„Rekruten“ werden der Schule zugeführt. Hierbei ist manches für die Eltern zu beachten. Viele Eltern sind bestrebt, die Kinder so frühzeitig als möglich in die Schule zu bringen, auch wenn sie das 6. Lebensjahr noch nicht erreicht haben und vielleicht auch noch körperlich etwas zurück sind. Das ist ja, sowett die minder⸗ bemittelte Klasse in Betracht kommt, sehr er⸗ klärlich. Wo mehrere Kinder in der Familie vorhanden sind, sind die Eltern froh, wieder eins auf ein paar Stunden am Tage unter der Obhut der Schule zu wissen, weil sie ihre Fürsorge noch Kleineren zuwenden, oder wo⸗ möglich beide des Tages über außer dem Hause arbeiten müssen. Viele halten es auch für einen Vorteil, wenn das Kind seine acht Schul⸗ jahre hinter sich hat, bevor es noch 14 Jahre alt geworden ist. Trotzdem ist es ein Fehler, wenn das Kind zu früh in die Schule geschickt wird. Der Gießener Schularzt sagt in seinem diesjährigen Bericht, daß Kinder unter 6 Jahren noch nicht in die Schule gehörten. Längeres Stillsitzen falle den Kleinen außerordentlich schwer. Die Anstrengungen, welche von der Schule verlangt werden, haben erhebliche Nach⸗ teile zur Folge. Das unentwickelte Gehirn ist noch nicht genügend gefestigt und das Kind kann ohne Schaden dem Unterricht nicht folgen. Die Schäden zeigen sich nicht gleich, doch sie zeigen sich in der Folge als Blutarmut, Er⸗ mattung, Widerstandelosigkeit, Nervosität. Darunter leide nach dem einstimmigen Urteil der Lehrer der ganze Schulbetrieb. Kinder unter 6 Jahren sollten überhaupt nicht auf⸗ genommen werden, während jetzt vielfach un⸗ entwickelte Kinder aufgenommen würden.— Diese Ausführungen stud sehr einleuchtend und verdienen die Beachtung aller Eltern. — Versetzt. Professor Dr. Noack, Ober⸗ lehrer am Gießener Gymnasium, wurde nach Mainz an das Ostergymnastum versetzt. Es ist dies derselbe Lehrer, dessen Beschwerden Nahen den Direktor Schädel Dr. Da vid im andtage zur Sprache brachte, was mehrtägige Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Ob diese Versetzung nun für Noack eine Strafe sein, oder einen Tadel für den Direktor Schädel bedeuten soll, wissen wir nicht und ist uns auch, wie der ganze damalige Streit, ziemlich gleichgültig. Soviel geht aber daraus hervor, daß Davids Vorgehen durchaus begründet war und es wird die von den bürgerlichen Parteien und den Amtsblättern aufgeführte Entrüstungskomödie mal wieder schön beleuchtet. Daß Genosse David nichts aus der Luft greift, versteht sich ja auch von selbst. Zu dieser Sache wird uns von unterrichteter Seite noch folgendes mitgeteilt: Prof. Dr. Noack war es bekanntlich, der sich selbst be⸗ zichtigte, seinem Bruder, dem Arzt Dr. Georg Noack das Material geliefert zu haben, auf Grund dessen Letzterer den Abg. David ersuchte, die Sache im Landtag zur Sprache zu bringen. — Die Frankf. Ztg. bemerkt zu obiger Nach⸗ richt:„Diese Versetzung macht nicht den Ein⸗ druck, als ob die zu Noacks Gunsten gegen Dr. Schädel vorgebrachten Beschwerden grund⸗ los gewesen seien, wie die Vertreter der Re⸗ gierung in den Kammerverhandlungen damals darzutun versuchten.“ Das trifft vollkommen zu. Wären die vorgebrachten Beschwerden gegen Direktor Schädel in Wahrheit unbegründet ge⸗ wesen, dann hätte für eine Versetzung des Prof. Noack nicht der mindeste sachliche Grund vor⸗ gelegen. Höchstens hätte ein persönlicher Grund gegen Prof. Noack wegen seines Vor⸗ gehens daraus hergeleitet werden können. Dann aber hätte die Versetzung den Charakter einer Stra fversetzung tragen müssen. Den hat sie aber nicht, sondern es ist eine durchaus ehrenvolle Versetzung. Nun muß man sich erinnern, daß Prof. Noack in der Untersuchung nicht nur einzelne Fälle schwerer Zusammenstöße mit dem Direktor mitgeteilt hat, sondern daß er auch die all ge⸗ meinen Urteile, die der Abg. David über das Verhältnis zwischen dem Direktor und den Lehrern vorgebracht hatte, als richtig vertreten hat. Der Geh. Oberschulrat Nodnagel be⸗ richtete in der Kammer darüber wie folgt: „Er(Prof. Noack) hat dann noch all⸗ gemeine Urteile ausgesprochen; er hat namentlich von mangelnder Objek⸗ tivität in demselben Sinne gesprochen, wie es neulich der Abg. Dr. David getan hat; er hat die Befürchtung, das Mißtrauen angedeutet, daß nicht in objektivem Sinne vom Direktor berichtet werde.“ Und dabei vergesse man nicht, daß der Regierungsvertreter offenstchtlich bestrebt war, die Dinge für den Direktor so milde, so günstig wie möglich erscheinen zu lassen, daß der Kammer aber die eigene Einsicht in das Aktenmaterial verweigert wurde! Dann wird man es in der Tat höchst merkwürdig finden, daß der Oberlehrer, der jene angeblich„unbegründeten“ schweren An⸗ klagen gegen seinen Direktor vertrat, mit allen Ehren einen erweiterten Wirkungskreis als Lehrer und Erzieher zugewiesen erhält, während der Abgeordnete, der auf Grund der gleichen Beschwerden eine Untersuchung verlangt hatte, von der Regierung mit den schwersten Vor⸗ würfen überhäuft und von der„gutgesinnten“ Presse mit den ordinärsten Anwürfen bedacht wird. Und diese Presse spielt sich dann noch als die Hüterin des politischen Anstands und der öffentlichen Moral auf! — Die Stadtverordneten bewilligten in der Sitzung am Donnerstag einen Zuschuß von 250 Mk. für Erhaltung und Wiederherstellung der Holzschnitzereien, die man kürzlich an der Fassade des Geburtshauses des Philologen Dietz, Neuen Bäue 9, unter dem Verputz entdeckte. Im Weiteren wurde ein neuer Druckvertrag mit der Brühl'schen Druckerei genehmigt, nach dem sich die Herstellung der Verwaltungsberichte etwas billiger als seither stellt.— Dem Radfahrer⸗Verein wird zu einem größeren Feste im Juli Oswalds Garten zur Verfügung gestellt.— Der Ztegenzuchtverein übernimmt gegen 400 Mk. jährlich die Bockhaltung für die Stadt, — Zur Schillerfeier plant das Ge⸗ werkschaftskartell die Abhaltung einer Versamm⸗ lung, in der von einer berufenen Kraft ein Vortrag über Schiller und sein Wirken gehalten werden soll. Deklamationen Schillerscher Werke sollen sich dem Vortrage anschließen, wenn da⸗ für geeignete Personen gewonnen werden können. Diese Veranstaltung wird wegen der Malfeier auf einen etwas späteren Tag als dem eigent⸗ lichen Tage der Schillerfeier(9. Mai) verlegt werden. — Im Lohnkampfe der Schneider hat sich bisher noch nichts geändert, es stehen sich die beiden Heerlager noch mit der gleichen Feindseligkeit gegenüber. Von den Streiken⸗ den ist noch nicht ein einziger abgefallen; es gelang auch den Arbeitgebern noch nicht, von auswärts Streikbrecher heranzuziehen.— Am Donnerstag Abend fanden Verhunplungen zwischen den Kommissionen der Unternehmer und Gehülfen auf Veranlassung der letzteren statt. Sie verltefen resultatlos. Die Arbeitgeber hielten an dem von ihnen auf⸗ gestellten Tarif fest, der bekanntlich eine teil⸗ weise Verschlechterung der bisherigen Löhne bedeutet. Nunmehr soll von Seiten der Ge⸗ hülfen der Kampf schärfer geführt werden. Alle Unverheirateten werden abrelsen und je nachdem auch Verheiratete. Die Oeffentlichkeit soll durch ein Flugblatt über die tatsächlichen Verhältnisse aufgeklärt werden. Die Gesellen sind von der Berechtigung und der Durchführ⸗ barkeit ihrer Forderungen überzeugt und halten mit aller Entschiedenheit daran fest. Sie rechnen dabei auf die Unterstützung des Publikums und besonders der Arbeiter. Letztere werden ersucht, in Geschäften, die mit ihren Arbeitern in Streik liegen— es kommen hier die Geschäfte mit fertiger Ware in Betracht— vorläufig Ein⸗ käufe nicht zu machen. Die Gehilfen⸗Ver⸗ sammlung am Freitag früh beschloß in diesem 1 Sinne und erklärte sich bereit, eventl. mit den 4 einzelnen Firmen zu verhandeln. s. Die hiesigen Dachdecker haben am Montag eine Erhöhung ihres Stundenlohnes von 40 auf 45 Pfg. und einige weitere, nebensächliche Forderungen, ohne daß in der Offentlichkeit von einer Lohnbewegung etwas be⸗ kannt war, durchgesetzt. Die Arbeitgeber bewilligten die Forderungen nach einigen Stunden, nachdem die Gesellen die Arbeit eingestellt hatten. — Für die Fabrik- und Hilfsarbeiter finden am Sonntag, den 9. April zwei Ver⸗ sammlungen statt. Die eine in Gießen bei Löb, Wiener Hof, nachmittags ½ 4 Uhr und die andere in Wieseck„zum Gambrinus“, abends 8 Uhr. spricht in beiden Versammlungen über:„Die Gewerkschaften im Kampfe um die Menschheit.“ Gerade für diese Arbeiter⸗Kategorie ist es end⸗ lich an der Zeit, daß sie sich zur Verbesserung ihrer Lage aufrafft. Es wird daher erwartet, daß alle Arbeiter und Arbeiterinnen, die es an⸗ geht, erscheinen. — Die Feuerwehr wurde am Montag Abend alarmiert, als ste gerade Versammlung hatte. Es brannte eine Herrn Rübsamen gehörige Scheuer am Launsbacher Weg. In der betreffenden Versammlung unterhielt man sich darüber und wurde festgesetzt, daß die„Vorgesetzten“ militärisch zu grüßen seien. Verschiedene Leute scheinen solche Kindereien für das Feuerlöschwesen für unbedingt nötig zu halten. Aus dem Rreise gießen. — An die Eltern und Vormünder wendet sich das Tarifamt der Deutschen Buchdrucker mit Folgendem: Mit dem herannahenden Ostertermin kommt die Zeit, wo die der Schule entwachsenen Knaben den Berufen zugeführt werden, die dereinst für ste die Quelle bieten sollen, zunächst sich selbst versorgt zu sehen, die in späteren Jahren aber auch so reichlich fließen soll, um einen eigenen Herd begründen und den Pflichten gegen Staat und Familie nachkommen zu können. Da gilt es denn von vornherein zu prüfen, den Knaben vor allem in eine Lehrstelle zu bringen, wo 1. die Bedingungen vorhanden, daß ihm die nötige Anleitung und tüchtige Ausbildung zuteil wird, und wo 2. die Lehrwerkstatt ihm eine Empfehlung für die spätere Gehilfenzeit garantiert. Punkt 1 wird sich nur dann für den Lehrl ing ergeben, wenn er in eine Werkstatt kommt, wo die Lehrlingszahl zu der der Gehilfen in einem gesunden Verhältnis steht, und wo demnach Kräfte vorhanden, die dem Lernenden fördernd zur Seite stehen; dort, wo die Lehrlinge in der Mehrzahl oder fast nur Lehrlinge vorhanden sind, wird es sich meist nur um eine einseitige Ausbildung derselben zwecks möglichst frühzeitigen Gewinnbezuges aus der Arbeits- kraft des Lehrlings handeln, um denselben nach beendeter Lehrzeit als untauglichen Gehilfen für vogelfrei und stellungslos zu erklären, damit Platz für eine neue Lehrkraft gewonnen ist. Es wird im Weiteren darauf hingewiesen, daß die Eltern oder Vormünder derjenigen Knaben, welche Buchdrucker werden wollen, im Interesse der Lehrlinge unbedingt darauf sehen sollen, daß der Lehrprinzipal den Deutschen Buchdruckertarif anerkannt hat; beachten dieselben das nicht, können sie sich des Vorwurfs nicht erwehren, über die Zukunft ihres Kindes in leichtfertigster Weise verfügt und diesem das spätere Fortkommen in bedenklichster Weise erschwert zu haben. Die eingesetzte Tarifbehörde im Buchdruckgewerbe wird streng darauf achten, daß die Schutzmaßnahme gegen Lehrlingszucht straff gehandhabt wird, und ermahnt deshalb Eltern und Vormünder eindringlichst zur Vorsicht bei Anmeldung der Lehrlinge zum Buchdruckerberufe. Auskunft über sämtliche Firmen im Deutschen Reiche erteilt kostenlos„Das Tarif-Amt der Deutschen Buchdrucker“, Berlin SW. 48, Friedrichstr. 240/ù 241. n. Die Maifeier in Wieseck soll am Sonntag, den 30. April im Saale oder, wenn die Witterungsverhältnisse es erlauben, im Garten des„Gambrinus“ abgehalten werden. 4 Ueber die weiteren Veranstaltungen soll die am Samstag Abend stattfindende 1 10 des Wahlvereins beschließen. Da d dorfer Parteigenossen nach einer früheren Verabrednug sich am Wiesecker Maifest beteiligen wollten, wäre es erwünscht, wenn einige Krof⸗ dorfer zu der Versammlung erscheinen würden. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Der Provinzialparteitag für Nassau findet bekanntlich Sonntag, den 16. April vormittags 10 Uhr in Frankfurt im Gewerkschaftshause statt. Die Parteiorte wollen die Wahlen von Delegierten sofort in Gauleiter Knöchel⸗Offenbach e Krof⸗ S D — e Nr. 15. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seile 5. die Wege leiten. Nach dem Statut können die einzelnen Orte bis zu drer Delegierten entsenden; es dürfte sich jedoch empfehlen, wenn mehrere Orte sich über gemein— same Delegation verständigten. p. Die Maurer von Wetzlar und Umgegend haben ihren Arbeitgebern einige Forderungen unterbreitet. Eine geringe Erhöhung ihres Stundenlohnes sowie Samstag eine Stunde früher Arbeitsschluß ist, was de verlangen. Es finden Verhandlungen statt und die Arbeitgeber sollen geneigt sein, den Wünschen der Ar—⸗ beiter entgegen zu kommen. h. Die Verschmelzung der Bude rus'schen Werke mit der Main⸗Weser Hütte in Lollar ist nun⸗ mehr perfekt. Für die Arbeiter sollte das ein Ansporn sein, sich ebenfalls mehr als bisher zusammenzuschließen. Mit dem Leichenbestattungswesen siehts in manchen Orten unseres Kreises recht rückständig aus. Beispielsweise gibt es in Odenhausen, Wißmar, Launs⸗ bach, Salzböden ꝛc. keine Totengräber, es müssen viel⸗ mehr, wenn ein Sterbefall eintritt, die Nachbarsleute das Grab herrichten, wie es zu Urväter Zeiten üblich war. Dabei treten natürlich verschiedene Mißstände zu Tage. Es kam öfters vor, daß, weil die Gräber von nicht sachkundigen Leuten hergestellt waren, Leichenreste zum Vorschein kamen. Die Sache hat aber auch noch finanzielle Nachteile für diejenigen, welche ihren Nachbar den Liebesdienst erweisen. Das sind meist 4 Arbeiter, von denen jeder einen Tagelohn verliert. Das macht zusammen 12 Mk. Lohnausfall, würde diese Arbeit einem Manne übertragen, so wäre sie sehr wohl für 3 Mk. zu leisten. Hier sollten sich die Gemeinden bemühen, Wandel zu schaffen und diese mittelalterlichen Zustände beseitigen. Westerwald und Anterlahn. t. In Haiger findet diesen Sonatag im Lokal Völkel Wtw. eine Versammlung des sozialdemokratischen Kreiswablvereins statt. Die Parteigenossen wollen zahl- reich erscheinen und ihre Bekannten mitbringen. Weiteres fiehe Inserat. * Der nationalliberale Prophet in Her⸗ born, Ellegard Leisner, im Nebenamte Gesangskünstler, schreibt auch Artikel im„Herborner Tageblatt“, das seit einiger Zeit offizielles nationalliberales Organ ge⸗ worden ist, womit es sich durchaus nicht zu seinem Vorteile verändert hat. Die dort abgelagerten Stil⸗ übungen des genannten Drehscheiben⸗Mannes und seine logischen Purzelbäume sind geradezu belustigend. Aber er kann auch die bekannten Töne der gewohnheits- und gewerbsmäßigen Sozialisten⸗Verleumder vernehmen lassen. So leistete er sich Folgendes in der Nr. vom 19. März: „Wir haben oben Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer gestellt. Diesen Unterschied hat nicht die Notwendig⸗ keit der volkswirtschaftlichen Entwicklung geschaffen, sondern im letzten Grunde nur die verletzenden Utopien und Phantastereien von Leuten, die nur aus dem Moraste der Verbitterung und der Unzufriedenheit ihren giftigen, aber üppigen Weizen ziehen. Es sollte doch jedem zu denken geben, daß es denen immer sehr wohl und gut ging im Leben, die frivol genug waren, die Saat der Unzufriedenheit in die Herzen zu säen. Die Millionen von Arbeitern opfern Groschen um Groschen, darben ihn sich und ihren Lieben vom Munde ab und bekommen dafür von den wenigen Hunderten von sogenannten Arbeiter⸗ führern nichts mehr, als elendes Versprechen auf ein einstmal kommendes Paradies auf Erden, und als den tieffressenden Groll, daß dies Paradies, (das bei Lichte besehen, heller Wahnsinn ist) nicht schon jetzt die Formen der Wirklichkeit angenommen hat.“ Welche tiefgründige Weisheit! Also ein Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter existiert eigentlich nicht, er ist eine Erfindung der Sozialdemokraten, deren „verletzende“(soll wohl heißen verhetzende) Utopien ihn „geschafsen“ haben! Daß der Mann, der die Kühnheit hatte, dies niederzuschreiben, noch nicht Professor ge⸗ worden ist! Aber das konfuse Zeug, das er da verzapft, wird cbensowenig den Liberalen aufhelfen, als die ge⸗ meine und schmutzige Verdächtigung von dem üppigen Leben der sozialdemokratischen Agitatoren— denn diese können nur gemeint sein— den Sozialdemokraten Ab⸗ bruch tun wird. Welche Erbärmlichkeit liegt in diesen Sätzen! Das Organ der Nationalliberalen, welche doch die politische Vertretung der Börsen⸗ und Industrie⸗ kapitalisten, der Kohlenbarone und Sch otjunker darstellen, die Millionen und Milliarden aus dem Schweiße der Arbeiter herauspressen und in Ueppigkeit und Wollust schwelgen, dieser Mensch erdreistet sich, den Arbeiter⸗ Vertretern gutes Leben auf Kosten der Arbeiter vorzu⸗ werfen! Aber es ist ja ein alter Schwindel, der da wiederholt wird, die Arbeiter kennen ihn schon nnd der ihn niedergeschrieben, verstehts nicht besser, er plappert einfach gedankenlos nach. 4 In demselben Artikel leistet er sich folgenden schönen atz: „Volks freunde nennen sie sich und doch find sie Volks feinde in jeder Hinsicht, denn sie predigen 4 — — Haß und sie säen Unfrieden und stören den Gottes⸗ frieden der Natur auch dort, wo er am tiefsten ein⸗ gebettet liegt, durch die lodernden Glutflammen ihrer leidenschaftlichen Unvernunft.“ Wirklich hübsch gesagt! Wo der„Gottesfrieden der Natur“ wohl am tiefsten eingebettet liegen mag? Das „Herb. Tagebl.“ wird bald als Organ für unfreiwillige Komik berühmt werden. n. Niedershausen. In eine Prügelaffaire war kürzlich ein hiesiger, als„Patriot“ bekannter und der Gemeinde⸗Vertretung ongehöriger Bürger verwickelt. Man findet es auffällig, daß sich die Gendarmen noch nicht für die Sache interessiert haben.— Bei der Musterung sind verschiedene Reklamationen von hier zurückgewiesen worden.„Daran sind bloß die Sozial⸗ demokraten schuld“ äußerten einige Betroffene, die sonst sehr für den Militarismus schwärmen, aber dafür natürlich keine Opfer bringen wollen.— Die Partei ⸗ genossen kommen am Sonntag, den 9. im Bender⸗ schen L kale zusammen. Es soll die Gründung einer Wa der Zuschuß⸗Krankenkasse, Sitz Meißen, beschlossen werden. * Kontrollversammlungen im Dillkreise finden statt in: Herborn, Schießplatz, am 11. April 1 Uhr 45 nachmittags für Ersatz⸗Reserve; 3 Uhr nach⸗ mittags für Reserve; am 12. April 11 Uhr 15 vor⸗ mittags für Landwehr. Dillenburg, Paradeplatz, am 13. April 2 Uhr nachmittags für Reserve der In⸗ fanterie; 3 Uhr nachmittags für Reserve sämtlicher Waffengattungen ausschließlich Provinzial-Infanterte; am 14. April 2 Uhr nachmittags für Ersatz⸗Reserve; 3 Uhr nachmittags für Landwehr. Haiger, Markt⸗ platz, am 17. April 2 Uhr 15 nachmittags für Reser ve und Landwehr; 4 Uhr nachmittags für Ersatz⸗Reserve. Aus dem Rreise Marßburg⸗Nirchhain. r. Von den letzten Stadtverordneten⸗ Sitzungen sei noch Folgendes nachträglich erwähnt: Bei der Debatte über die Wertzuwachssteuer führte Stadtverordneter Stroinsky aus: Diese Steuer betreffe nicht die Allgemeinheit, sondern nur jene Leute, die große Summen in kurzer Zeit verdienen, ohne sich da- bei anstrengen zu müssen. Zur weiteren Empfehlung seines Antrages führte er noch an, daß für den Fortfall der unteren Steuerstufen Ersatz geschaffen werden müsse. Nach dem Antrage sollen zu der jetzigen Umsatzsteuer von 1 Prozent folgende Zuschläge kommen: 1. Beim Besitzwechsel unbebauter und nach Inkraft⸗ treten dieser Ordnung bebauter Grundstücke und Grund⸗ stücksteile ist von der seit dem nächst vorausgegangenen Besitzwechsel eingetretenen Wertserhöhung ein Zuschlag von 10 Prozent zu entrichten. 2. Werden unbebaute Grundstücke und Grundstücks⸗ teile, welche an fertig gestellten, kanalisterten und be⸗ leuchteten Straßen liegen, in Erwartung künftiger Gewinne künstlich vom Verkauf zurückge⸗ halten, so ist von der Wertserhöhung, wenn der Besitzwechsel stattfindet: a) in den ersten 5 Jahren nach Fertigstellung der Straße ein Zuschlag von 10 Prozent, b) vom 6. bis 10. Jahre 15 Prozent und c) vom 11. Jahre ab 20 Prozent zu zahlen. Als Grundlage der Berechnung ist der beim nächst vorausgegangenen Besitzwechsel wirklich erzielte Kauspreis bez w. wirklich vorhanden gewesene gemeine Wert anzu⸗ sehen. Zu demselben sind Neu- und Umbaukosten, Repa⸗ ratur⸗ und Unterhaltungskosten, Ausfälle an Einnahmen, Zinsverluste, Straßen- und Kanalbaukosten bezw. Bei⸗ träge, die Aufwendungen für Verbesserungen der Grund⸗ stücke hinzuzurechnen, sodaß von der Besteuerung nur der Reingewinn getroffen wird. Weitere Bestimmungen stellen die Fälle fest, in denen die unter 1 festgesetzte Zuschlagssteuer nicht erhoben wird. Nachdem einige Redner zu dem Antrag gesprochen hatten, wurde er einer Kommission überwiesen, die prüfen soll, ob diese Steuer für Marburg zweckmäßig ist. Der Oberbürgermeister sagte zu der ganzen Geschichte kein Wort. Er zeigte aber seine„Arbeiterfreundlichkeit“ beim nächsten Punkte. Im Etat waren 9000 Mk. für Straßenneubauten im Südviertel verlangt. Diese Ge⸗ legenheit nahmen einige Stadtverordnete wahr, um sich gewaltig für die Arbeiter ins Zeug zu legen. Und zwar verlangten sis, daß im Nordviertel Arbeiterhäuser gebaut werden sollten. Den notorischen Mangel an Arbeiterwohnungen könne die Stadt am besten abhelfen, wenn sie im Nordviertel auf Bauplätzen, die der Stadt doch gehören, Arbeiterwohnungen errichtete. Der Herr Oberbürgermeister wollte jedoch von der ganzen Sache nichts wissen. Er bekämpfte scharf die Ausführungen einzelner Redner, daß Mangel an Arbeiter wohnungen seien. Vielmehr betonte er, daß mehr Wohnungen für Pen⸗ sionäre und höhere Beamten geschaffen werden müßten. Darauf wurde ein Antrag angenommen, 100000 Mk. für Erschließung eines anderen Baugeländes in den Etat einzustellen.— In der dritten Sitzung am Samstag wurde über das zu errichtende Elektrizktäts⸗ werk beraten. Es wurde beschlossen, unter Benutzung der Wasserkraft und 2 Reserve⸗Gasmotoren das Elek⸗ trizitätswerk in der Herrenmühle(Fendtsmühle) neben der Universität zu errichten. Als erste Rate wurden dafür 200000 Mk. in den Etat eingestellt. Das Werk soll bis zum 1. Oktober d. J. betriebsfertig sein. Von Arbeiterwohnungen war in der vor⸗ letzten Sitzung der Stadtverordneten die Rede. Aber nicht etwa, daß solche von der Stadtverwaltung gebaut werden sollten, soweit geht das soziale Verständnis unserer Stadtväter nicht, sondern es wurde verlangt, daß der Stadt gehöriges Terrain im Afföller hergerichtet werden solle, damit Privatunternehmer dort zu Arbeiter- wohnungen geeignete Hänser bauen könnten, mit der Begründung, daß sonst den Geschäftsleuten der kaufkräf⸗ tige Arbeiter verloren ginge. Die jetzige Bauart, nur Villen und villenähnliche Häuser zu errichten, scheint also für die Geschäftsleute ihre Schattenseite fühlbar zu machen. O Steuerscheu kann man nur zu häufig bei den besitzenden Klassen beobachten. Kaum ist die Wert⸗ zuwachssteuer auf dem Rathause angeregt, so verkünden die Tabakfabrikanten Gebrüder Niederehe im Inseraten⸗ teile eines hiesigen Blattes, daß sie ihr gesamtes Grund⸗ eigentum in der Nähe ihrer Fabrik zu verkaufen bꝛab⸗ sichtigen. Der Wertzuwachs ist hier ein ganz enormer und dürfte die geplante Steuer die Absicht der Ver⸗ äußerung beschleunigt haben. * Der Kreistag bewilligte in seiner Sitzung am Freitag 4000 Mk. für Vorarbeiten zur Weiterführung der Bahn Marburg⸗Dreihausen nach Station Mücke der Gießen⸗Fuldaer Bahn. Man faßte auch ein Projekt bis Londorf ins Auge, doch die Mehrheit des Kreistages sprach sich für die Strecke nach Mücke aus,— Die Teilstrecke Marburg⸗Ebsdorf wurde am Samstag landes⸗ polizeilich abgenommen und am Dienstag in Betrieb gesetzt. Am Dienstag nachmittag fand ein Festessen statt. Unfälle sind keine gemeldet worden. O Die„Oberh. Ztg.“ brachte in ihrer Sonn⸗ tagsnummer wieder einen Artikel, in welchem sie die Gewerkschaftsbeiträge(diesmal waren es die Beiträge des Verbandes der Gastwirtegehilfen) als„sozialdemo⸗ kratische Gewerkschaftssteuern“ bezeichnete. Wie dumm muß das Blatt seine Leser halten, daß es ihnen noch immer solche Albernheiten vorsetzen kann. * Opfer der Pflicht. Der erst seit Kurzem bei Neustadt an der Main⸗Weser⸗Bahn stationierte Bahn⸗ wärter Waßhausen wurde am Freitag vom Zuge überfahren und getötet. Der Verunglückte hinterläßt eine Wittwe mit sechs Kindern. Partei-Nachrichten. Maizeitungen sollen von den Vertrauensleuten der einzelnen Orte bis 10. April bei dem Kreisver⸗ trauensmann A. Bock, Dammstr. 22 in Gießen bestellt werden. Zum Parteisekretär für Nassau wurde der Genosse Rudolph ⸗Stuttgart vorbehältlich der Bestäti⸗ gung des Parteivorstandes gewählt. Der Sekretär hat seinen Sitz in Frankfurt. Auf 92000 Abonnenten hat es jetzt unser Zentralorgan, der„Vorwärts“ gebracht. In den letzten 2½ Jahren wurden 40000 neue Leser gewonnen. Das ist gewiß ein schöner Fortschritt, der aber im Verhältnis zu den Massen der Arbeiter, die zu unserer Partei halten, immer noch als mäßig bezeichnet werden muß. Bel tätiger Mithülfe der Leser und Partelgenossen muß es endlich dahin kommen, daß die größte Partei auch die verbreitetsre Presse hat. Versammlungskalender. Samstag, den 8. April. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker. T.⸗O.: Die Maifeier. Staufenberg. Volks verein. Versammlung bei Wirt Vogel. scheinen notwendig! Sonntag., den 9. April. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 Uhr gesellige Zusammenkunft bei Wirt Nellen, Stein⸗ straße,„Zum Storch“. Mittwoch, den 12. April. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr Monatsversammlung bei Löb(Wiener Hof). Abends 8/ Uhr Zahlreiches Er⸗ Briefkasten. Z.⸗Norshsn. Zu dem nass. Provinzial⸗Parteitag in Frankfurt hat als Zuhörer jedermann Zutritt, doch an den Verhandlungen können sich natürlich nur Dele⸗ gierte beteiligen.— Mehrere Einsendungen mußten zu⸗ rückgestellt werden. —* A 2 55— 3 — r 8 — — 1 — 3——————. ð em⁊ N eee eee eee ee Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung. von Nah und Fern. Es lebe die Gerechtigkeit! Wegen Diebstahls wurde der 72 jährige Altsitzer Franz Buchholz aus Stegers von der Strafkammer in Konitz zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte aus dem Forst Kiefernreiser im Werte von 10 Pf. entwendet. Allerdings handelte es sich um einen Rückfalls diebstahl, für den die erkannte Strafe das gesetzlich zulässige Mindestmaß bildet. Streikbrecher⸗Schutz. Der Maurer Hermann Heizmann aus Tangermünde sagte im Frühjahre 1904 bei einem Maurerstreik zu dem Streikbrecher R.: „Wenn Du morgen zur Arbeit kommst, schlage ich Dich tot.“ Obwohl es keinem Menschen einfallen kann, diese grobe, aber viel verbreitete Redensart für ernstgemeint zu halten, wurde Heizmann am 29. August v. J. vom Land⸗ gericht in Stendal zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Reichsgericht hat die Revision als unbegründet verworfen. Man vergleiche mit diesem Schreckensurteil gegen einen Arbeiter, das Urteil gegen den Major von Sydow, der wegen unglaublicher Mißhandlung seines leiblichen Töchterchens nur 300 Mk. Geldstrafe erhielt. Ein großer Unterschlagungsprozeß wurde nach sechstägiger Verhandlung vor der Strafkammer in Görlitz zu Ende geführt. Der Hauptangeklagte, Kaufmann Friedeberg aus Breslau, hatte wider Erwarten ein Geständnis abgelegt. Die sieben übrigen Angeklagten sind Eisenbahnangestellte und Eisenbahnarbeiter. Sie waren beschuldigt, seit mehreren Jahren ganze Waggonladungen Eisenbahnmaterial unter der Bezeichnung„unbrauchbares Material“ unter⸗ schlagen zu haben. Der Kaufmann Friedeberg hatte das Material in Empfang genommen und versilbert. Das Urteil lautete gegen den Kaufmann Friedeberg auf 4 Jahre Gefäng⸗ nis und 5 Jahre Ehrverlust unter Anrechnung von 6 Monaten Untersuchungshaft, gegen den Eisenbahnzeichner Passarge und den Elsenbahn⸗ materialtenverwalter Schiemenz auf je 1¼ Jahre Gefängnis, gegen den Eisenbahnmatertaltenver⸗ walter Büttner auf 1 Jahr Gefängnis und gegen die Arbeiter Sieg aund, Rücker, Wolff und Schwarz auf je 6 Wochen Gefängnis. Ein Amtsblatt⸗Redakteur. Vom Landgerichte in Leipzig wurde der frühere Redakteur des Amtsblattes in O schatz, Roeßler, dessen Verhaftung wir vor einiger Zeit mitteilten, wegen Betruges zu drei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Er ist wegen Diebstahles mit 14 Tagen und wegen Betrugs bereits mit 1 Jahrer Ge⸗ fängnis vorbestraft gewesen, ehe er seine Stelle bei dem Amtsblatt in Oschatz„Gemeinnützige Blätter“ antrat. Der Hundertmarkschein des Einjährigen. Folgender Vorfall wurde der„Frankfurter Volksstimme“ aus Kassel berichtet: Schau⸗ platz: Ein besseres Restaurant. Handelnde Personen: Offiziere und ein Einjährig⸗Frei⸗ williger, dessen Geldbeutel groß genug ist, daß er der Ehre gewürdigt werden kann, in aller Oeffentlichkeit bet den Herren Offizieren zu sitzen, ohne daß deren Ruf Schaden erleidet. Die Herren rüsten zum Aufbruch.„Zahlen“ schnarrt es durch den Saal. Der Herr Leut⸗ nant zieht ein Markstück heraus und läßt es auf den Boden fallen. Wer sollte nun im Königsrock eine so erniedrigende Handlung be⸗ gehen, wie sich nach einem Markstück bücken? Aber den Leutnant schmerzt's. Fragend sieht er den Einjährigen an: der rührt sich nicht. „Wollen Ste nun, oder wollen Sie nicht?“ sagt der Blick. Und der Einjährige erinnerte sich daran, daß er trotz seines Geldbeutels Untergebener ist, zieht seine Brusttasche heraus, nimmt einen Hundertmarkschein, zündet ihn an und leuchtet damit unter den Tisch. Starr sitzen die anderen da im Schein des kostbaren Flackerlichtes— der Geldbeutel hat sich gebückt und doch„seine Ehre“ zu wahren gewußt: der Einjährig⸗Freiwillige aber sieht jetzt einem Verfahren entgegen wegen„Achtungs⸗ verletzung gegenüber dem Vorgesetzten-ʒ Wu Schillers Einfluß auf die Agitation der Sozialdemokraten). Das Jahr 1859 hatte mit Schillers hundert⸗ jährigem Geburtstag eine in Deutschland seltene Feier gebracht. Wenn es auch in erster Linie galt, den gewaltigen Dichter zu feiern, so hatte die Feier doch einen politischen Beigeschmack. Die Feier war ein Protest gegen die Klein⸗ staaterei. In der Verehrung Schillers waren alle Deutschen einig. Die Schillerfeier hatte den Dichter auch dem Volke näher gebracht. In Großstädten, wie z. B. in Hamburg, hatte man große Umzüge veranstaltet; alle Hand⸗ werke waren mit Fahnen und Emblemen aus⸗ gezogen; keine Krankenkasse und kein Gesang⸗ verein war zurückgeblieben. Schiller war der Dichter des Volkes. Seine Werke aber waren in Arbeiterkreisen weniger bekannt. Zwar hatten die meisten Arbeiterkinder in der Schule einige Balladen —„Der Taucher“,„Die Bürgschaft“,„Der Kampf mit dem Drachen“ usw.— gelesen, manche auch später im Theater einige Stücke von Schiller gesehen, aber die sämtlichen Werke waren den Arbeitern unbekannt. Hierin trat anfang der sechziger Jahre eine Aenderung ein. Einige billige Ausgaben von Schillers sämtlichen Werken waren erschienen und auch teilweise von Arbeitern gekauft worden. Jetzt kam die Lassallesche Agitation, die einige bei der Schiller⸗ feier gepflanzte Keime zum Wachsen brachte, und der bei dieser Feier gepredigte Idealismus bekam neue Nahrung. Lassalle hatte in seiner Schrift„Die Feste, die Presse“ die liberalen Zeitungen verurteilt, in seinem„Julian Schmidt“ hatte er die libe⸗ ralen Plattheiten bekämpft. Die eifrigen An⸗ hänger Lassalles folgten seinen Weisungen und verschmähten es, solche Schriften zu lesen, die Lassalle als minderwertig oder gar als Gift bezeichnet hatte. 4 Das Lesebedürfnis aber sollte befriedigt werden, und nun griff man zu Schiller, den ja auch Lassalle als einen der Besten bezeichnet hatte. Durch Lassalle war Schiller auch den Ar⸗ beitern näher gebracht. Mit heißem Bemühen hatten viele Arbeiter das„Arbeiterprogramm“ wiederholt durchstudiert. Hierdurch hatte man sich daran gewöhnt, Geschichtsphilosophie zu treiben. Nun fanden die Arbeiter in Schillers kleinen Aufsätzen eine ganze Anzahl Schriften, die zum Nachdenken anregten. Von den kleinen Aufsätzen ging man dazu über, die größeren Geschichtswerke zu studieren. In verschiedenen Zigarrenfabriken wurden die Werke des großen Dichters vorgelesen und über die Sätze, die man nicht verstanden hatte, oft Stunden lang diskutiert. Dieses Studium brachte es mit sich, daß nun auch die Dramen mit ganz anderen Augen angesehen wurden. Hatte früher das spannende Sujet das größte Interesse wachgerufen, so fand man jetzt eine große Anzahl für die Agitation brauchbare Stellen. Schiller wurde nun der Apostel der Unterdrückten, der Dichter des nach Freiheit strebenden Volkes. Man begriff nun, weshalb Lassalle im„Basttat⸗ Schulze“ gesagt hatte, daß die Herrschenden Schillers Werke verbrennen würden, wenn ste dieselben gelesen hätten. Den Umschwung in der Denlweise der Ar⸗ beiter konnte man am besten ermessen, wenn man die Darstellung neben einander stellte, die vor Eindringen des Sozialismus und nachher *) Diesen Aufsatz des Genossen Molkenbuhr entnehmen wir dem von der Buchhandlung„Vorwärts“ herausgegebenen Schiller⸗Gedenkblatt. Die erste Auflage wurde bereits vergriffen, so daß ein Neudruck erforderlich wurde. Wir empfehlen allen Genossen das Blatt zur Anschafsung. Es ist bei unserer Expedition zum Preise von 20 Pfg. zu haben. ein Arbeiter von einem Schillerschen Drama gab. Hatte früher jemand einen Freund für „Die Räuber“,„Fiesco“,„Kabale und Liebe“ oder sonst ein Stück zu begeistern sasech dann schilderte er wohl recht anschaulich das Auf⸗ regende der Handlung. Ganz anders machten es die zum Sozialismus bekehrten Arbeiter. Sie vergaßen keinen Satz, der sich gegen die Unterdrücker wendet. Die Schufte Franz Moor, Spiegelberg, Wurm usw. waren ihnen jetzt weit gleichgiltigere Personen geworden. Jetzt hatte sich jeder eine Anzahl Sätze gemerkt, die er wörtlich wiedergab, um zu beweisen, daß auch Schiller schon dem großen Ideale zustrebte, für welches die Sozialdemokraten kämpften. Durch das Studium von„Kabale und Liebe“ erkannte man jetzt, wie man in den Kreisen der Herrschenden über das Volk denkt. In der prächtigen Schilderung, die Max Piccolo⸗ mini von den Greueln des Krieges und den Segnungen des Friedens gibt, fand man Waffen zur Bekämpfung des Militarismus. Don Carlos lieferte Waffen zur Bekämpfung der Pfäfferei und für das Streben nach Ge⸗ dankenfreiheit, und im„Tell“ erkannte man, daß der Dichter auch dem Volke das Recht gibt, sich vom Drucke zu befreien. Der Idealismus wurde durch Schiller an⸗ geregt und gehoben. Diesen bedurften die ersten Sozialisten mehr als jetzt. Vorläufig war es nötig, die Massen zu begeistern für das große Werk. Die scharfe Kritik der bestehenden Zu⸗ stände trat weniger hervor. Marx'„Kapital“ war noch nicht erschienen, der Kapitalismus war noch nicht soweit entwickelt und der Klassen⸗ charakter der Gesetzgebung war noch nicht so ausgeprägt wie jetzt. Zwar fühlte man den politischen und wirtschaftlichen Druck und darum war die ganze Agitation mehr ein Appell an das Empfinden als an den Verstand. Wollte man die Massen begeistern, dann mußte man bei jenem gewaltigen Dichter lernen, der schon 155 einem Jahrhundert die Massen begeistert atte.. Man kann die Anfänge der sozlialistischen Agitation als Schule des Idealismus bezeichnen. Die Massen, die sonst ein Dasein wie Lasttiere geführt hatten, fingen an, sich für höhere Dinge zu interessieren. Was lag näher als die Tat⸗ sache, daß der größte Idealist nun auch den größten Eindruck auf die Massen machte. Er wirkte als Apostel des Idealtsmus. Darin liegt eben die Größe jener Dichter, daß sie noch modern erscheinen, wenn sie längst verstorben sind und im Laufe der Zeit ganz andere poli⸗ tische und soziale Verhältnisse entstanden sind, als sie in der Zeit waren, in denen der Dichter lebte. Schiller suchte den Idealismus zu pflegen und wohl nie ist der Idealismus heller empor gelodert, als in den Anfängen der sozialistischen Bewegung. Hier fand der Idealismus Ver⸗ treter in den breiten Schichten des Volkes. Es war ganz jungfräulicher Boden, auf den er angepflanzt wurde, und darum zeitigte er so schöne Früchte. 222 ——— 2 4 Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 4.(Fortsetzung.) IV. Röschen saß am nächsten Nachmittage ver⸗ drießlich am Fenster der Wohnstube und schaute in den Regen, der ihren Ausflug mit dem Vetter zu Wasser machte. Sie war allein; es war der freie Sonntag ⸗Nachmittag des Verkaufs⸗ fräuleins und die Mutter vertrat sie im Laden. Der Vater erholte sich durch ein Schläfch en von der Anstrengung des regen Verkehrs, den der Sonntag wie gewöhnlich bis über die Mit⸗ tagsstunde hinaus im Laden erzeugte. Ein Traum gaukelte ihm seine Tochter vor, wie sie ux. 15. —̃:ü— „ A — ͤ ͤ¶ꝓĩ—LAv—— Nr. 15. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung. Seite 7. im Brautstaat mit dem Baron von Unkenstein vor dem Altar stand, und der herniederrausch⸗ ende Regen spielte die Orgel dazu. Schon wollte die glückliche Braut in ihrer Langen⸗ weile zu Schiller's Gedichten greifen, über welche die heutigen Dichter sich so hoch erhaben fühlen. Da sah sie Jemanden unter dem Regen⸗ schirm eilig die öde Straße daherkom men, und gleich darauf stand Otto Lebrecht im Zimmer dor ihr. Das Mädchen reichte ihm froh auf⸗ atmend beide Hände, gleich darauf aber rief es um Schmollen geneigt:„Aber was ist das? ir können nicht radeln und Dein Gesicht strahlt vor Vergnügen!“ „Ja, Röslein, Röslein, Röslein rot, ich bin froh wie ein Schneekönig,“ erwiderte er;„denn erstens bin ich bei Dir—“ „Ach, geh' doch,“ fiel sie mit einem kleinen Lächeln ein. „Und zweitens: Mit dem Wändeanstreichen ist es jetzt hoffentlich für immer zu Ende. Da hat neulich ein ehrlicher Fabrikant, der unseren naturwüchsigen Märker Tabak zu echt türkischem Kraut verarbeitet, einen Preis für ein Plakat ausgeschrieben, des diesen Türken bildlich an⸗ preist. Da hab' ich gedacht: will mal kühn sein und es wagen! Und heute früh hab' ich einen Brief erhalten— aber fall' nicht um vor Schreck— darin stand, daß mein Plakat den ersten Preis davon getragen hat.“ Röschen stieß einen Frendenschrei aus, und die Mutter, welche den Schrei hörte, lief an das Guckfenster und sank ächzend auf einen der Rohrstühle:„Ach mein Gott, mein Gott!“ Denn ihre Tochter und ihr Neffe hielten ein⸗ ander umarmt und küßten sich und küßten sich wieder und lachten und weinten vor Glück⸗ seligkeit. Die Knospe der Liebe, die Beide schon lange ahnungslos in ihren Herzen gehegt hatten, war plötzlich aufgesprungen. Und dieses war der zweite, köstlichere erste Preis, den Otto an demselhen Tage gewann. Nun saßen sie Hand in Hand auf dem Sopha und Otto beschrieb der Geliebten sein Plakat. Es stellte einen fetten Türken dar, der auf üppigen Polstern aus einer langen Pfeife Wolken des gepriesenen Tabaks sog; neben ihm reizende Odalisken, die demselben Geschäft mit Zigaretten oblagen, und aus den emporsteigenden Wölkchen entwickelte sich ein ganzes Paradis von Houris mit Zigaretten zwischen den Rosenlippen. Ein Knarren und Aechzen der Stiege im Flur unter schweren Tritten scheuchte Otto vom Sopha auf. Meister Gustav Adersen trat in die Erscheinung und ließ sich auf demselben Platze nieder, den der Neffe soeben geräumt hatte. Der Schlaf hatte seine Geister noch nicht völlig freigegeben und er murmelte erst noch ein paar Minuten:„Ein Hundewetter das!“ „Aber die Bäckergesellen hat es von der Versammlung nicht abgehalten,“ bemerkte der Neffe;„die„Tonhalle“ war sehr voll.“ „Was sagst?“ fragte der Meister Adersen, in⸗ dem er sich mit einem Ruck grade setzte. „Hast Du denn ihren Aufruf nicht in den Zeitungen gelesen? Weil die Geschichte doch auch Dich gewissermaßen betraf, so bin ich hin⸗ gegangen und hab' auf der Gallerie zugehört. Es sei Zeit, hieß es in dem Aufruf, daß auch ste sich zur Gewerkschaft organisterten, damit ihre Beschwerden endlich abgestellt würden!“ „Ich hab' nichts gelesen,“ begann der Onkel zu schnaufen.„Beschwerden abstellen? Sind die Kerls verrückt?“ „Mir schien's nicht so, Onkel. Und es war ein ganzer Haufen von Beschwerden, den sie zusammenbrachten. Jeder fast hat was zu klagen, der Eine dies, der Andere jenes. Nach dem Einen waren zu wenig Betten vorhanden und die Lehrlinge müßten unter dem Teigkasten schlafen. Ein anderer nannte die Arbeitsräume wahre Schweineställe, und beinahe Alle klagten, daß die Kost ungenießbar sei. Ich kann Dir nicht Alles aufzählen, Onkel, aber es waren Sachen darunter, daß man einen Ckel kriegen konnte vor jedem Bissen Brot. Pfui Teufel!“ Die gewöhnliche Röte in Meister Adersen's Gesicht war zur Flamme geworden, die Augen quollen über die fetten Lider hinaus, aber er sagte kein Wort;— er schnaufte nur stärker und stärker. Rosalie sah ihn ängstlich an und setzte sich an's Fenster und schaute hinaus. Otto Lebrecht fuhr fort:„Und dann ver⸗ langten sie, daß die Lehrlingszüchterei aufhören müßte, jeder Geselle in der Woche einen Ruhetag haben sollte und die Sonntagsarbeit gan; ab⸗ geschafft würde.“ Der Onkel schlug eine mächtige Lache auf, die in einem Stickhusten endete. Er wurde blau im Gesicht. Die Tochter eilte zu ihm und Frau Karoline kam aus dem Laden gelaufen und begann, ihm den fetten Rücken zu klopfen. Inzwischen brachte das Dienstmädchen den Nachmittagskaffee und das Klirren der Tassen und Löffel schien ebenfalls besänftigend zu wirken. Meister Adersen wischte sich mit seinem seidenen Sonntagstaschentuch die Augen, schnob sich die Nase, pustete und rief:„Hat Einer je solche Dummheiten gehört? Wie können sich die Kerls blos einbilden, daß auch nur ein Meister darauf eingehen wird? Wenn sich Einer einfallen lassen sollte, mir damit zu kommen, aber gleich raus mit ihm auf die Straße.“ „Trink' erst einen Schluck Kaffee! Alter“, bat die Frau. Er wollte jedoch seine Meisterbrust erst vollends entlasten und fuhr fort:„Und organistert haben sie sich, um ihre Unverschämt⸗ heit mit Gewalt durchzudrücken?“ Otto zuckte mit den Achseln.„Ich mußte zum Essen und hab' das End' nicht abgewartet. Es wird ja morgen in den Abendblättern stehen.“ „Das ist auch wieder so ein Stück von den verfluchten Sozialdemokraten; sie haben die Gesellen aufgehetzt,“ rief der fette Meister.„Na, meinetwegen mögen sie sich zusammenrotten, noch ist Polen nicht verloren. Noch gibt's Polizei und Gerichte und Infanterie und Kavallerie und Artillerie, die wir Bürger mit unserem saueren Schweiße ernähren, und darum hat der Staat die verfluchte Pflicht und Schuldig⸗ keit, den Bürger zu schützen. Wer gäbe denn den Arbeitern ein Stück Brot, wenn wir Meister es nicht täten? Puh!“ 2 Nun griff er nach seiner Tasse und erklärte darauf, daß er nach Luft schnappen müsse. Rosalien's Bemerkung, daß es regene, hielt ihn nicht zurück. Als er gegangen war, sah ste den Vetter trübselig an:„Jetzt hast Du's mit dem Vater verschüttet.“ f 5 „Viel zu verschütten hat er wohl nicht mehr gehabt,“ seufzte auch die Mutter. Ihr Neffe aber meinte wohlgemut, der Onkel sei ihm im Gegenteil Dank schuldig, daß er ihm die Suppe kaltgepustet hätte, bevor die Zeitungen sie ihm brühwarm auftischten. 0 „Ach, Mama, Du mußt uns helfen,“ bat Rosa,„denn—“ Sie wurde feuerrot, um⸗ 1 1 7 ihre Mutter und flüsterte ihr etwas in's hr. Frau Karoline kannte ja das Geheimnis schon; sie strich dem Töchterchen leise über das Haar und dann seufzte sie:„Ja, was kann ich dabei tun? Einen Handwerker will Dein Vater durchaus nicht zum Schwiegersohn— und dann der Baron! O, Du bbser, böser Mensch, Du!“ Otto ergriff ihre Hand und küßte ste feurig. „Wenn Du uns beistehst, gutes, liebes Tantchen, dann kommen wir wohl auch über den Berg,“ rief er darauf.„Mit dem schlichten Handwerker ist's wohl vorbei und vor dem Baron fürcht' ich mich nicht; den nehme ich auf mich und wenn sein Adel noch so alt ist wie die Hühner⸗ pest. Der will blos das Geld von der Rosa. Die Junker schreien es ja selbst in die Welt hinaus, daß sie Hungerleider sind und unter geflickten Strohdächer hausen.“ (Fortsetzung folgt.) Splitter. Die Anfänge einer Religion mögen den Diebstahl einer Münze, eines Hammels ver⸗ hindert haben. Es kommt aber früher oder später ein Zeitpunkt, da um dieser selben Religion willen sich Hunderttausende von Men⸗ schen die Gurgel abschneiden oder auf dem Scheiterhaufen winden. An die Mütter. Mütter, die ihr euch erquickt An der Kinder teuren Zügen Und mit ahnendem Vergnügen Vieles Künft'ge drin erblickt. Schaut einmal recht tief hinein Und verschafft uns sichre Kunde: Wird der Väter Kampf und Wunde In den Kindern fruchtbar sein? Humoristisches Vaterland.„Gnädiger Herr, lassen Sie mich nicht ganz ohne Unterstützung. Ich habe meine geraden Glieder im Kampfe für das Vaterland verloren.“— Scheren Se sich zum Deiwel, ich habe auch dem Vater⸗ lande meine Gesundheit geopfert und mir bei den Sedan⸗ feiern das Podagra geholt.“ (Simpl.) Aus dem Gerichtssaal. Der„Frankf. Ztg.“ wird geschrieben: Vor dem Schöffengericht einer kleinen rheinischen Stadt steht der Jupp(Joseph) Schmitz. Er ist angeklagt, unberechtigterweise gefischt zu haben. Auf die Frage des Vorsitzenden, weshalb er an dem Bache geangelt habe, erklärt Jupp, daß er sich als Einwohner seines Dorfes dazu berechtigt geglaubt habe. Vor⸗ sitzender:„Also Sie fischten mit bona fides?“ Schmitz:„Nä, Herr Präsendent, mit ner Wurm.“ Vorsitzender:„Sie verstehen mich nicht. Ich meine, ob Sie in gutem Glauben fischten?“ Schmitz:„Dat versteht fich, echt römisch⸗katholisch!“ Litterarisches. Leuchtkugeln. Unter diesem Titel gibt die Buch⸗ handlung Vorwärts soeben ein kleines Gedichtbuch heraus, das namentlich unseren vortragslustigen Parteigenossen willkommen sein wird. Wie oft richtet sich bei Arbeiter⸗ festen und anderen Gelegenheiten, wo aufgeklärte Prole⸗ tarier beisammen sind, die allgemeine Stimmung plötzlich auf den Wunsch:„Trage doch Einer etwas vor!“— Da sollen denn die„Leuchtkugeln“ steigen, Retter n der Not sein und verhindern, daß man zu nichtssagendem Schund greift. Die Sammlung kommt gerade noch für die Maifeier zu rechter Zeit. Das Büchlein enthält 60 Gedichte teils ernster, teils humorist. scher und politlsch⸗ satyrischer Natur. Eine Anleitung:„Die Kunst des Vortrags“ gibt Winke, wie Deklamationen wirkungsvoll zu gestalten sind. Das Heftchen ist durch alle Partei⸗ buchhandlungen zu beziehen und kostet 50 Pfg. —.——— Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 112 Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Landwirtschaftl. Geräte Spaten -u. Wringmaschinen Petroleum⸗ Drahtgeflecht Was' Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Rasenmäher aagen und Gewichte Stehleitern Messerputzmaschinen Herde und Oefen u. Gaskocher Fleischhack⸗ u. Reibemasch. Dr. Kleins Fleischsaftpresse Pferdeschoner * ausgesuchte Gänsefedern Ware, also ——5ßir᷑ß]ů— nur kleine Federn u. Daunen, Pfund 2.— M. prima Halbdaunen, ganz weiß, 11 5 zart, 2.75 M. Gerissene Federn halb⸗ weiß, sehr weich u. daunig, 2.50 M., weiß 3.— M., hochprimd 3.50 M. Daunen 4.50 u. 5.50 M. Vorstehend habe nur die gangbarst. Sort. mein. großen Lagers aufgeführt. Ich lege keinen Wert auf große Reklame, liefere aber als größte Spezialfirma in Oderorych, wo die Gänsemast zu Hause isesabsolut reell u. äußerst preiswern Jede Ware ist gereinigt. Otto Krohn, Alt-ftestz(Oderbruch). Preisliste f. Betten extra. Ronfirmandenstiefe! in jeder Preislage und reichster Auswahl, sowie Arbeiter-Schuhe und Stiefel, Sonntagsstiefel und alle sonstigen Schuhwaren in den besten Qualitäten zu den billigsten Preisen empfiehlt Justus Benner, Giessen Marktstrasse 34. Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig A eri Es, dαν,ν]] Hut. — ———ů——ů — —— —ͤ—— —— 3— ———é— 1 S —— 2 8 n Seite 8. 12 Mäusburg 12 Mitteldeutsche Snuntacs- n Confirmanden⸗ Stiefel für Mädchen l. Knaben „in grosser Ausunhl zu billigsten Preisen. ffanffücter Scpuflager Giessen 12 Mäusburg 12 Soialdemokr. Areis⸗Wahlverein für den 5. Nass. Wahlkreis(Dilleuburg⸗Herborn) Sonntag, den 9. April, nachm. 2½ Uhr: bei L. Völckel Witwe. Tages⸗Ordnung: 1. Wahl von Delegierten zum Prov. 5 5 Parteitag. 2. Vortrag des Gen. Vetters: Unser 8 Programm. 3. Sonstiges. Um Einsendung der Partei⸗Beiträge pro 1.2 Quartal wird dringend ersucht. Der Vorstand Müller, Krumm, Trott. eee...&& Wissmar. Wiss mar. Freunden und Genossen in Wißmar, Lauusbach, Krofdors⸗Gleiberg dc. zur gefl. Nachricht, daß ich in Wißmar Brod und Feinbäckerei! eröffnet habe. Ich werde eifrigst bemüht sein, durch Lieferung bester Ware das Vertrauen meiner werten Kundschaft zu er⸗ werben und bitte um geneigten Zuspruch. . Nö———h.: Ir The Premier Cycse Co. Lid. Nürnberg-Doos, Hochvollendet in Material, Ausführung. Aus- Vertr.: H. Kraft Nachfolger Gernand Giessen. Karl Link, Bäckermeister. K 0 U 8 U sib erein 2 AK K AAA All Ausverkauf! Um mein Lager in Uhren Gold- und Silberwaren zu räumen gebe ich bei Einkauf für 10 Mf 20% Rabatt. Für jede gekaufte Uhr zwei Jahre Garantie. Reparaturen werden schnell und billig ausgeführt. J. Burgmayer Seltersweg 2. R Giessen und Umgegend. Unseren Mitgliedern zur gefl. Nachricht, daß der Vorstand auch dieses Jahr beabsichtigt, den gemeinsamen Kartoffelbezug zu betreiben. Karten und Spar⸗ marken sind von jetzt ab in un⸗ serer Verkaufsstelle— Bahnhof⸗ straße 31— zu haben. Wird diese Spareinrichtung rege benutzt, 85 ist der Vorstand auch in der Lage rechtzeitig bestellen zu können und günstere Beding⸗ ungen bezügl. Preis und Ware zu erzielen. Neu⸗Aufnahmen von Mit⸗ gliedern können jederzeit in un serer Verkaufsstelle Bahn hofstraße 31 C. F. schwarz Sohne (Inh.: Heinrich Möller) Reichhaltiges Lager in: Herren, Knaben-, und Arbeitskleidern Stoffe im Ausschnitt MNnfertigung nach mass. Feste Preise! Streng reelle Bedienung! Marktstrasse und Ecke Wettergasse. erfolgen.—. 50 Pfg., Geschäftsanteil 30 Mk.(zahlbar innerhalb dreier Jahre). Einen Lehrling sucht Georg Dahmer, Spengler Neuenweg 42 Verlag Fer Mitteld. Donntags-Zeltüng(E. Krumm) Wießen. 1905 er Modeile. 2. erstklassig, di- Fahrräder, t von der Nr. 15. e 00 Ses 5 0 0 21 c 5 stattung u. Widerstands fähigkeit. Versammlung in Haigerg Reuter's sämiliche Merke in zwei Prachtbänden um Preise von nur 3 50 Mark zu haben N n der Exped der Mitteld. Sonutags⸗Zeitung. eee Täglich frisches Kaffeegeback sowie alle Neuheiten in Osterartikeln Fabrik an Private und Händler von Mk. 65.— an. L. Müller 75 1 prima Lubenörteile,%% von Mk. 2.80 an. auch an frem- 2 Reparaturen dem Fabrikat D ami n K a prompt und billigst. 0 Katalog gratis und franko. Uhrmacher Duisburger Fahrradfabrik Giessen, Neustadt 19, Neubau „Schwalbe“ Akt.-Ges., empfiehlt 1 Ubren, Gola Waffertrüge Silberwaren. Packkörbe Freundlich kaufen Benner K Krumm. msbl. Zimmer zu vermieten. . Melcher, Wetzsteingasse 10. 2 S2 0 888 5 Drucksachen 5 25 liefem billigst 8 8 Beppeler& euer i stunden: 10 5 8 Sonntags von ½9 bis 10 Uhr. Bei Anfragen von außerhalb wolle man das Rückporto beifügen. von 11— 8 2 3 Buchdruckerei 3— — 85 1 8 Auskunftsstelle 5 5 1 he it 2 Arbeiter-Angelegenhe iten. 8 5 5 Kirchenplatz 11 III. 2 2 — 883 15 1 Karl Sermer, Beuchelheim —— 3 — 5. 2 Verantworkl. Nedalteur F. N. Vetters, Gießen. Druck von Heppeler Heyer, Gießen. .————