40. — 1 eln itt zur illasse lassen⸗ latiatg inter. rallon, lusame ssetten lid se rungen cbeller⸗ r Mai inter⸗ Brüssel 0 und soktatle im der beiter andern 1. Mal er Ar⸗ en. Mal. n Re⸗ f ein Rede⸗ tand⸗ uf die und Ver u Be Kolb u als e nicht abend werde aber de let, fach he ichen eressen, fragen, olle, 1 bol neniche at. U wagel, chf, Ada, en U hat uc f cg 80 Pf geluulch⸗ Iben seh den ul f u untl zunge K Wiebe t dal auf del d. N. d bol über den nleesel, 0 ct scch del fcten i en al 9 Vel⸗ Nr. 41. Gießen, den 8. Oktober 1905. 12. Jahrgang. Nedaktion: Virchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeut utags⸗ l 2 . Jeit Wedaftionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 U Abonunementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 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Und ist der wahrhaft scheußliche terroristische Zwang, der in dem Kapitel Soldaten⸗ mißhandlungen sich begreift; ist der bis zu empörenden, unmenschlich harten Urteilen der Militärjusttz getriebene Disziplinarzwang etwa auch ein Beweis dafür, daß an der rechtsstaat⸗ lichen ee nichts auszusetzen ist? Ach, dieser Rechtsstaat ist doch in Wahrheit der Polizeistgat, der mit zwingender Willkür eingreift in die persönliche Freiheit, in gesetzlich anerkannte und normierte Rechte, um der reaktionären Staatsdoktrin zu genügen. Die polizeiliche Vergewaltigung des Koali⸗ tions rechtes der Arbeiter, des Verein s⸗ und Versammlungs rechtes, der Preßfreiheit, der Freiheit des Meinungsausdrucks überhaupt ꝛc. ꝛc. ist an der Tagesordnung. Zwei große polttische Parteien, das Zentrum und die Sozialdemokratie, sind viele Jahre hindurch einer ausnahmrechtlichen pol i⸗ zeilichen Zwangs ⸗Schandwirt⸗ schaft überantwortet gewesen. Und beständig find Ordnungspolitiker am Werke, darauf hin⸗ zuwirken, daß das rücksichtsloseste Zwangs- regiment gegen die Sozialdemokratie und die ganze Arbeiterklasse geübt wird. Reaktionäre Blätter, die„Hamburger Nachrichten“, die „Post“ usw., haben wer weiß wie oft Polizei und Gerichte aufgefordert, sich bei Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht an Recht und Gesetz zu kehren, sondern ste einfach„niederzuzwingen“, ja, sie zum Straßenkampf zu provozieren, um ihre Niederzwingung mit Waffengewalt vor⸗ nehmen zu können. Das Wahlrecht zum Reichstage und das Koalttionsrecht sind die wichtigsten politischen Rechte, die das arbeitende Volk in Wahrung seiner berechtigten Interessen ausüben kann. Aber man vergewaltigt die Arbeiter in brutaler und schnöder Weise, um sie an der freien Aus⸗ übung dieser Rechte, resp. an der Ausübung überhaupt zu verhindern. Ein schamloser Ter⸗ rortsmus macht sich breit; Behörden und private Unternehmer versuchen unter Androhung von schweren Nachteilen aller Art, die von ihnen abhängigen Beamten und Arbeiter zu zwingen, Verzicht zu leisten auf die freie Ausübung ihres Wahlrechtes, sowie auf den Gebrauch ihres Koalitionsrechtes. Wir haben Staats⸗ sklaven und Sklaven des privaten 5) Vergleiche den in voriger Nummer unter gleicher Ueberschrift abgedruckten Artikel. Der vorliegende bildet den Schluß dazu. Kapitals, von denen man unter Berufung auf„Ordnung“ verlangt, daß ste politisch und wirtschaftlich weder selbständig denken noch handeln. Man sagt den Beamten und Arbeitern: „Ihr habt zu wählen, entweder Verzichtleistung auf Eure Rechte und Freiheiten, oder Ent⸗ lassung, die Hungerpeitsche.“ Terrorismus, Zwang wider die Arbeiter, wo⸗ hin wir blicken. Das ist klassenstaatliche und kapitalistische„Moral“: der vom Regiment und vom Besttz Abhängige soll gezwungen werden, sich gänzlich dem Herrentum unterzuordnen, selbst entgegen seinem gesetzlich verbürgten Recht. Er soll womöglich ohne Genehmigung des Herrn nicht heiraten, wie das der„selige“ Industrie⸗ könig Stumm so barock darzulegen verstand. Er soll wohl gar die Art seiner Erholungen und Vergnügungen, seine ganze Lebens weise, seine geistige Nahrung nach Herrentums⸗Zwangs⸗ recht sich vorschreiben lassen. Es giebt ja keine ärgere Lüge wie die, die in den Worten„Freiheit der Arbeit“ sich ausspricht. Es ist ein Zwangsver⸗ hältnis, in dem die Arbeit, als der dem Kapital, der Besttzübermacht unterworfene Faktor, sich befindet. Unter dem Zwange der Not hat der vereinzelte Arbeiter seine Entscheidung zu treffen, welchem Arbeitsherrn er seine Ar⸗ beitskraft verkaufen will. Dieser Zwang ist wesentliche Voraussetzung der Prosperität des Kapitals, des Unternehmerprofits. Dieser Zwang bringt es mit sich, daß unzählige Menschen eine ihren Neigungen und Talenten entsprechende berufliche Ausbildung nicht erfahren oder eine Beschäftigung nach Neigung und Fähigkeit er⸗ halten. Eine ungeheure Summe von Talent geht im kapitalistischen Klassenstaat zu grunde. Dazu nehme man die Phrase, daß der Arbeiter die„Freiheit“ habe, zu gehen, wohin es ihm beliebt. Der Zwang der wirtlichen Not ist es, der ihn daran hindert. So wahr sagte der bürgerliche Nationalökonom Stuart Mill in seinen Prinzipien der politischen Oekonomie (II. 1. 3.):„Die große Masse der Arbeiter hat so wenig freie Wahl bei ihrer Be⸗ schäftigung oder ihrem Aufenthalte, sie ist praktisch genommen, so abhängig von festen Regeln und fremdem Willen, wie es nur bei irgend einem System, wirkliche Sklaverei aus⸗ genommen, sein kann.“ Die kapitalistische Oekonomie hat früher ganz offen ausgesprochen, daß die Not der Ar⸗ beitenden ein unbedingt erforderlicher Faktor sei, daß ohne diesen Ansporn das gewöhnliche Volk in Faulheit vorkommen würde. Heute sagt man das nicht mehr so direkt, aber diese elende Idee hat unter den„Staatserhaltenden“ tatsächlich noch viele Bekenner. Der Zwang, den der Kapitalismus ungehindert auf die Ar⸗ beiter auszuüben vermag, führt erfahrungsge⸗ mäß zu einer schrecklichen Verwüstung der Volks⸗ kraft, die des Staates Entwicklung und Existenz in Frage stellt. In dieser Tatsaßze haben wir den Grund dafür, daß klassenstaatliche Ge⸗ walten, Regierungen und Parlamente, sich der Arbeiterschutzgesetzgebung zuwenden, in der das Zwangsrecht des Staates auch zur Geltung kommt. Heute, in unserem Klasseustaate, sehen wir, daß die wirtschaftlichen, politischen und sozialen erfolgt. bestimmung des Tuns und Lassens der Volks⸗ massen beeinträchtigen oder ganz aufheben und damit— um wieder mit Stuart Mill zu sprechen„einen der edelsten Züge der mensch⸗ lichen Natur auslöschen“. Der kapitalistische, klassenstaatliche Zwang widerstrebt in Ansehung der Millionen des arbeitenden Volkes nicht nur dem menschlichen Rechte auf Erringung der Bedingnisse für eine menschen würdige Existenz, sondern auch dem nächststarken menschlichen Bedürfnis nach Freiheit. Aus gerechtigkeits⸗ und vernunft⸗ schänderischem Zwang, aus Gewalt⸗ tätigkeit aller Art sind— das sagt wieder kein verruchter Sozialdemokrat, sondern abermals Stuart Mill—„die sozialen Einrichtungen des jetzigen Europas“ entstanden. Und dieser Denker fügt schließlich hinzu, daß einem fort⸗ dauernden Zustand solcher Art gegenüber„alle Bedenklichkeiten des Kommunismus, große wie kleine, nur wie Spreu in der Wagschale sein würden.“ Und die Verfechter dieser„Ordnung“ wagen es, denen, die dem kapitalistisch⸗klassenstaatlichen Vergewaltigungs⸗System ein Ende machen wollen, den Sozialdemokraten, vor zu lügen: ihr sogenannter„Zukunftstaat“ werde die „vollendetste Zwangsanstalt“ sein! Nach dem Wesen der seitherigen Gesellschaft konstruieren ste sich das„sozialdemokratische Zwing⸗Uri“! Diese„Ordnungspolitiker“ mögen Dumme noch dümmer, Narren noch verrückter und Frechlinge noch frecher machen— über sie und den Klassen⸗ staat hinweg werden die Geschicke der Mensch⸗ heit sich vollziehen. Aufruf des Parteivorstandes. Unser Parteivorstand erläßt einen Aufruf an die Parteigenossen, in dem er Folgendes bekannt gibt: Parteigenossen! Die Konstituirung des Parteivorstandes ist Die Adresse des Parteivorstandes ist, wie bisher: J. Auer, Berlin SW. 68, Lindenstr. 69. An diese Adresse sind sämtliche für den Parteivorstand bestimmte Zuschriften zu richten. Geldsendungen sind dagegen nur an den Parteikassierer A. Gerisch zu adressieren. Die Adresse der Kontrollkommission ist: Heinrich Meister, Hannover, Langestraße 1. Parteigenossen! Es gilt jetzt, die in Jena beschlossene Organisation durchzuführen. Nach § 4 des Statuts müssen jetzt in allen Reichs⸗ tagswahlkreisen, wo dieses nicht durch die Landesgesetze verboten ist, und solche noch nicht bestehen, sozialdemokratische Vereine gebildet werden. Nach erfolgter Vorstandswahl sind dem Parteivorstande die Adressen des Vorsttzenden und des Kassieres mitzuteilen. Wo aus gesetzlichen Gründen keine Vereins⸗ organisationen geschaffen werden können, haben die Parteigenossen eine oder mehrere Vertrauens⸗ personen zu wählen und deren Adresse sofort nach erfolgter Wahl dem Parteivorstand mit⸗ zuteilen. Die Art der Wahl bleibt den Partei⸗ genossen überlassen. Wir richten das dringende Ersuchen an die Verhältnisse und Einrichtungen die freie Selbst⸗ J Parteigenossen, das Ergebnis der Wahlen der * 2 f —— 5 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 41. Vorstände und der Vertrauenspersonen an. Auer, Berlin SW. 68, Lindenstraße 69 zu be⸗ richten. Der Umstand, daß der bisherige Vor⸗ stand eines Kreisvereins, wo solche schon be⸗ stehen, oder die Vertrauensperson wiederge⸗ wählt ist, darf kein Grund sein, die Neuwahl nicht zu melden. Parteigenossen! Die in Jena beschlossene Organisation der Partei Deutschlands wird iu vielen Kreisen eine Reorganisation der Vereine nötig machen. Wir fordern die Parteigenossen auf, so bald als irgend möglich mit der Re⸗ organisation zu beginnen, damit die Periode des Ueberganges möglichst bald überwunden wird. Wir lassen das in Jena beschlossene Organi⸗ sationsstatut in großer Auflage drucken und werden es den Partciorganisatsonen und Ver⸗ trauensleuten in der Zahl zustellen, der sie in den einzelnen Orten bedürfen. Wir ersuchen deren Vorstände und Vertrauenspersonen, uns möglichst bald mitzuteilen, wieviel Exemplare sie für ihren Bezirk gebrauchen. Diesen geschäftlichen Mitteilungen fügt die Parteileitung diesmal einen längeren Aufruf bei, dem wir folgendes entnehmen: „Die vorhandenen Organisationen müssen im weitesten Maße ausgebaut und wo solche noch nicht bestehen, rascheslens gegründet werden. Innerhalb eines Jahres die 3 ahl der organisierten Genossen in Deutsch⸗ zu verdoppeln, ist das Mindeste, was erreicht werden muß und erreicht werden kann. Es muß ein glühender Wetteifer unter uns ent⸗ stehen, um das Höchste zu leisten. Künftig darf es nicht mehr vorkommen, wie es bisher nicht selten vorgekommen ist, daß wenn der Zufall einen Wahlkreis in die Nachwahl brachte, erst wieder von Neuem organisiert werden mußte, weil man nach der Hauptwahl die Erhaltung oder den Weiterausbau der Organisation unter- ließ. Ein Wahlkreis, der künftig in ähnlicher Weise handelte, beginge ein Verbrechen an den Interessen der Partei. Um aber die geschaffene Organisationen zu erhalten und zu erweitern, dazu muß der rechte Geist unter den Mitgliedern derselben vorhanden sein. Der Geist der Einigkeit und der Opferwilligkeit, der Eifer zu lernen, um sich über die großen Aufgaben und Ziele der Partei zu unterrichten und durch die gewonnene Erkenntnis immer neue Anhänger für die Partei zu erobern. Wissen ist Macht! Unsere Macht darf nicht bloß auf der immensen Zahl der Köpfe beruhen, die wir für unsere Ideen und Ziele gewinnen können, sondern sie muß vor Allem auch auf dem Wissen und Erkenntnis dieser Köpfe beruhen. Wir brauchen klare und ziel⸗ bewußte Männer und Frauen, deren Kampfes⸗ lust und Begeisterung mit ihrem Wissen und ihrer Erkenutnis wächst.... Die breitung der Parteipresse und Par⸗ teiliteratur unausgesetzt zu betreiben, ist also ebenfalls eine der vornehmsten Aufgaben eines Parteigenossen! Keine Gelegenheit dazu darf versäumt werden. Bekaantlich fehlt es häu fig den Parteigenossen in den mittleren und kleinen Orten an hervorragenderen und geistigen Kräften, die zum Beispiel durch Vorträge den Stoff zu anregender und belehrender Diskusston liefern. Hier müssen durch den Vortrag von Auf⸗ fätzen aus unserer wissenschaftlichen Zeitschrift „Die neue Zeit“ und der sonstigen Parteipresse und durch das Vorlesen geeigneter Broschüren oder Abschnitte aus Büchern die fehlenden Kräfte ersetzt werden. Diese Vorlesungen bieten dann die Veranlassungen zu Diskusstonen, in denen die zu öffentlichem Reden veranlagten Parteigenossen am besten sich ausbilden können. In Orten, in denen die Zahl der Parteige⸗ nossen eine kleine ist oder in denen geeignete Räume zu Zusammenkünften nicht zur Ver⸗ fügung stehen, muß die Organisterung von Lese⸗ und Debattierklubs, die in Privatwohnungen zusammentreten, eine stehende Einrichtung werden. Die bevorstehenden Herbst⸗ und Winkerabende müssen zu diesen Zwecken gründlich ausgenutzt werden. Wir sind bereit, die Parteigenossen an Orten, die aus eigenen Mitteln sich das nötige Material nicht zu beschaffen vermögen, mit Rat —— n— ——— Ver⸗ und Tat zu unterstützen. Parteigenossen! In Jena herrschte darüber nur eine Stimme, daß die theoretische Ausbildung der Parteigenossen und dementsprechend auch die Verbreitung unserer wissenschaftlichen Literatur in starkem Mißverhältnis stehe zu der Aus⸗ dehnung der Parteianhängerschaft. Wir sind sehr in die Breite, aber ungenügend in die Tiefe gewachsen. Wir wollen künftig allerdings noch mehr als bisher in die Breite, aber noch weit, weit mehr auch in die Tiefe wachsen. Erst dann steht die Partei als ein mächtiger Baum, der dem stärksten Sturme trotzt, unaus⸗ rottbar fest. Deshalb müssen wir Alle, in welchen Stellungen wir immer sind, die ge⸗ ebenen Winke beachten und ihnen gemäß handeln. Es ist ferner Pflicht eines jeden Parteigenossen, wie es in der vom Jenaer Parteitage über den politischen Massenstreik an⸗ genommenen Resolution heißt, für dessen Beruf eine Gewerkschaftsorganisation vorhanden ist oder gegründet werden kann, einer solchen bei⸗ zutreten und die Ziele und Zwecke der Ge⸗ werkschaften zu unterstützen. Parteigenossen! Schließt die Reihen! Im Namen aller Unter⸗ drückten und Entrechteten: Vorwärts! Hoch die Sozialdemokratie! Politische Rnudschau. Gießen, den 5. Oktober 1905. Agrarischer Lebens mittelwucher. Den Galgen hat als verdiente Strafe einst der„Gottesmann“ Luther denen angedroht, die„wider göttlich Recht und Gebot sich er⸗ frechen“, Wucher zu treiben mit des Volkes Leibesnotdurft. Die permanente Begehung dieses Verbrechens durch unsere Agrarier nennen diese„Wahrung der Interessen der Landwirt- schaft“. Sie sind die gemeingefährlichste Wucherer. sippe, die jemals die Interessen eines Volkes geschändet hat. Es ist nicht genug mit der Fleischteuerung. Die Kartoffel⸗ ernte verspricht in diesem Jahre eine sehr reichliche zu werden. Das paßt natürlich den Agrariern insofern nicht, als die Kartoffelpreise herabgehen. Um solchen Preisrückgang abzu- wehren, empfiehlt ein agrarischer Gemütsmensch, Herr Schulz⸗Wutkow, in der„Deutschen Tages⸗ zeitung“ folgendes Rezept: „Wir müssen uns auf der ganzen Linie rühren und durch verstärkten Konsum das Angebot vermindern, den Markt entlasten! Zwei Mittel seien zunächst vorge⸗ schlagen: Starke Fütterung an das Vieh! Kar⸗ toffeln, insbesondere auf dem Rübenschneider gemahlen und mit Häcksel vermischt, erlauben eine starke Fütterung; dieses Verfahren ist bei dem verregneten Rauhfutter und den hohen Kraftfutterpreisen höchst rationell und empfehlens⸗ wert. Der Mann giebt nun noch weitere tech⸗ nische Ratschläge und meint zum Schluß: dadurch würden Hunderttausende von Zentnern Kartoffeln aus dem Markte genommen.“ Natürlich! Aber, fügen wir hinzu, damit wäre auch Hunderttausenden von armen Leuten die Möglichkeit genommen, sich auch nur noch an Kartoffeln satt zu essen. Das ist aber für echte Agrarier Nebensache, wenn nur bei ihnen selbst das Geld im Kasten klingt. 5 Agrarzölle schaden den Kleinbauern. Während der Zollkämpfe ist von sozialdemo⸗ kratischer und auch von anderer Seite nachge⸗ wiesen worden, daß die künstlichen Preiserhöh⸗ ungen der landwirtschaftlichen Produkte den kleinen Produzenten, die genötigt sind, Pacht⸗ land zu bewirtschaften, nicht nur nichts nützen, sondern direkt schädlich sind. Daß dies voll⸗ kommen zutreffend ist, beweist wieder eine Mit⸗ teilung, die dem Gothaer Volksblatt aus Friemar zugeht. Dort sind dieser Tage 7 Acker Land verpachtet worden. Während aber früher für den Acker nur 21 Mark erzielt wurden, sind die Preise diesmal auf 35 Mark pro Acker hinaufgetrieben worden. Hier zeigt sich, daß die höheren Einnahmen für die landwirtschaft⸗ — lichen Produkte durch die höheren Pachten wieder weggenommen werden; der Profit bleibt schließlich nur den Landeigentümern, und auch diesen nur, wenn ste über ein genügend großes Stück Grund und Boden verfügen. Ein kleiner Besttzer z. B., der Viehzucht treibt und seine Futtermittel nicht selbst 1 25 kann, wird das Mehr, das er für sein Vieh erhält, für das teuerere Futter und die sonstigen durch die Zölle verteuerten Gegen⸗ stände wieder hergeben müssen. Noch schlechter steht es um die ganz kleinen Bauern, die nicht viel über den eigenen Bedarf produzieren. Die Folgen des Zolltarifs werden manchem Land⸗ mann die Augen öffnen. Posadowsky und der Zukunftsstaat. Graf Posadowsky hielt am Sonntag bei der Einweihung des nach ihm benannten Wohl⸗ fahrts⸗Institutes in Berlin eine sozialpolitische Rede. Er führte unter anderem aus, daß die Art des Wohnens für die körperliche und sitt⸗ liche Gesundheit der Familie von großer Wichtig⸗ keit sei. Auf der Familie beruhe der Bestand des Staates und seine Zukunft, und so ergebe es sich von selbst, von welchem Gewicht das für die breiten Volksschichten bestehende Wohnungs⸗ wesen für die Nation sei. Deshalb habe das Wohnungsproblem eine so hohe Bedeutung. Es gebe aber eine Partei, die von allen allgemeinen Bestrebungen nichts wissen wolle. Diese Partei stehe auf dem Standpunkte, daß Rettung nur von ihrem Zukunftsstaate erwartet werden könne. Auch die Regierung glaube an einen Zu⸗ kunftsstaat, wenn auch in anderem Sinne. Ju der Entwickelung, die die Zukunft bringen werde, liege der Zukunftsstaat.— Das ist gar nicht so übel gesagt und man könnte darüber mit Posadowsky einig werden. Er sorge nur da⸗ für, daß wir uns frei entwickeln können, der Kapitalistenstaat möge das Seinige in seiner „Entwicklung“ tun, und wir können dem Er⸗ gebnis der gegenseitigen Einwirkung beider Kräfte aufeinander mindestens mit derselben Ruhe entgegensehen, wie Graf Posa. Daß wir von„allgemeinen Bestrebungen“ nickts wissen wollten, ist natürlich ein Unfinn und es ist frag ⸗ lich, ob der Staatssekretär ihn ausgesprochen hat. Das Konto der Soldatenschinder. Von Ende Juni bis Ende September 1905 wurde die gerichtliche Aburteilung von 40 Sol ⸗ datenmißhandlern bekannt, wobei zu bemerken ist, daß während der Manöver die Militärge⸗ richte nur ausnahmsweise Sitzungen abhalten. An Strafen wurden ausgesprochen 11 Jahre 3 Monate 21 Tage Gefängnis, 11 Monate 15 Tage mittlerer Arrest, 3 Monate 7 Tage gelinder Arrest, 1 Monat 28 Tage Stuben⸗ arrest, 6 Degradationen. Im ganzen 12 Jahre 8 Monate 11 Tage Freiheitsent⸗ zug. Unter den wegen Mißhandlung verur⸗ teilten Offizieren befinden sich 1 Major und 2 Hauptleute. Der Major gehört zum bayrischen Heere und dürfte nicht mehr lange im Dienste sein; möglich aber, daß er dann in Preußen Stellung bekommt, wie schon mehrere in seiner Lage befindlichen Kollegen. Die Essener Wahl. Nach den amtlichen een sind bei der Stichwahl in Essen am 28. September für Giesberts(Zentrum) 41799, für unseren Genossen Redakteur Wilh. Geweh r⸗Elber⸗ feld 37524 Stimmen abgegeben, während 603 ungültig waren. Mit rund 4000 Stimmen hat also das Zentrum nochmals gestegt und zwar mit Anstregung aller Kräfte. Ueber den Aus⸗ fall dieser Ersatzwahl liest man in der bürger⸗ lichen Presse bewegliche Klagelieder. So schrieb die„Nationalzeitung“:„Die Ziffern müssen dem Zentrum ernstlich zu denken geben. Vor zwei Jahren war es dem Sozial⸗ demokraten in der engeren Wahl noch um 6300 Stimmen voraus, jetzt nur noch um 4000. Und dies, trotzdem in der ersten Wahl die Summe der neben dem 17— abgegebenen bürgerlichen Stimmen 21 500 betrug. Wo sind diese in der engeren Wahl geblieben? Der Sozialdemokratie sind 10 000 davon zugewachsen, 5000 Wähler sind zu Hause geblieben und nur 1. eder Nr. 41. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. 6500 haben sich entschlteßen können, den Zen⸗ trumskandidaten als das kleinere Uebel zu nehmen und zu wählen. Trotz Jena, trotz der ernsten Mahnung, die von den maßgebenden Organen der bürgerlichen Presse an die national⸗ gesinnte Wählerschaft des Kreises Essen er⸗ gangen und trotz der unzweideutigen Parole, die von der nationalen Vereinigung in Essen selbst ausgegeben worden war, auf keinen Fall der Sozialdemokratie Vorspanndienste zu leisten. Wir bedauern es aufs Lebhafteste, daß diese Parole nicht streng befolgt wurde....“ I Aehnliches war in vielen andern bürgerlichen Blättern zu lesen. Diese Klagen beweisen nur, daß die Sozialdemokratie stets vorwärts mar⸗ schiert, trotzdem die liberalen und sonstigen bürgerlichen Organe immerfort davon fabeln, daß sie den„Höhepunkt“ überschritten habe und sich im„Rückgange“ befinde. Hinzugefügt muß noch werden, daß die Agitation von Seiten der Gegner in einer Weise betrieben wurde, wie wohl noch nie vorher. Hunderte von Pfaffen wurden auf die Wähler losgelassen, um sie für das Zentrum zu ge⸗ winnen und mit allen nur denkbaren und schoflen Mitteln wurde gegen unsere Partei ge⸗ arbeitet. Trotzdem ein glänzendes Resultat für die Sozialdemokratie! Kläglich hat dagegen der Stöckerjüngling Behrens abgeschnitten, der trotz riestaster Anstrengung nur reichlich zweitausend Stimmen aufbrachte! Sozialdemokrat im Dreiklassenlandtag. Nun ist doch trotz des Dreiklassenwahl⸗Un⸗ rechts ein Sozialdemokrat in den sächstschen Landtag eingedrungen. Unser Gen. Gold⸗ stein, dessen Wahl wir nach dem Ausfall der Wahlmännerwahlen bereits in voriger Nummer als sicher bezeichnen konnten, wurde mit 52 gen 44 Stimmen als Abgeordneter für den 7. Wahlbezirk(Zwickau ⸗Land) gewählt. Gold⸗ stein, der Redakteur des Sächs. Volksblattes in Zwickau und Reichstagsab geordneter für den Wahlkreis Stollberg⸗Schneeberg gehörte bis 1895 dem Landtage bereits an, von wo ab die Wahlrechtsräuberel die Wahl von Sozialdemo⸗ kraten zunächst unmöglich machte. Seine Wahl beweist nicht etwa, daß wir auch unter diesem erbärmlichen Wahlgesetz Aussichten haben, sondern ste ist dem Umstande zu verdanken, daß in diesem Bezirk die Massenarmut so groß ist, daß schon wenige Mark Steuerleistung zu dem Wahlrecht in erster und zweiter Klasse genügen. Unsere sächsischen Genossen werden daher mit ver doppelter Energie gegen das Dreiklassensystem ankämpfen. Insgesamt haben bei diesen Wahlen die Konservativen vier Sitze eingebüßt, die National⸗ liberalen gewinnen zwei, die Freisinnigen und die Sozialdemokratie je einen. Die Zusammen⸗ setzung des neuen Landtags ist: 53 Konservative, 24 Nationalliberale, zwei freisinnige Volkspartei, je ein Wildliberaler, Reformer und Sozial- demokrat. Die konservative Zweidrittel⸗Mehr⸗ heit ist beseitigt, womit allerdings das Volk noch nichts gewonnen hat. Wahlen. In Schwarzburg⸗Rudolstadt hat sich doch keine sozialdemokratische Mehrheit er⸗ 1 da in der Nachwahl im Kreise Stadt⸗ Im der bürgerliche Kandidat über unseren Genossen, Lagerhalter Scholl, siegte. Doch halten sich die Bürgerlichen und die Sozial⸗ demokraten die Wage, es befinden sich 8 sozial⸗ demokratische und 8 bürgerliche Abgeordnete im Landtage. In Mannheim ging bei der Ge⸗ meindewahl in der Niederstbesteuerten⸗Klasse die sozialdemokratische Liste ohne Gegenliste durch. Eine empfindliche Niederlage haben die Kronjuristen der sächsischen Regierung sich vor den Geschworenen in Stuttgart geholt. Dort wurde gegen den Redakteur Keil von der Schwäb. Tagwacht verhandelt wegen Beleidig⸗ ung des Königs von Sachsen. Das Delikt sollte begangen sein durch einen Artikel, der gleichlautend in mehreren Blättern erschien, und das Verhalten der sächsischen Regierung anläßlich des Versuchs der Gräfin Montignoso, zum Weihnachtsfest ihre Kinder wiederzusehen, be⸗ handelte. In Zwickau ist ein Redakteur wegen dieser Sache zu vier Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt worden, in Stuttgart aber wurde Keil freigesprochen. Schwäbische Geschworenen sind eben keine sächsischen Richter! Soziales, Gewerkschastliches. Der Neunstundentag in der Offenbacher Schuhindustrie. Im Bericht der hessischen Fabrikinspektoren ist das Gutachten eines Offenbacher Schuh⸗ fabrikanten über die Wirkung der auf neun Stunden verkürzten Arbeitszeit wiedergegeben. Die betreffende Firma beschäftigt 75 Arbeiter und der Inhaber berichtet der Fabrikinspektion: „Die von mir seit etwa drei Jahren eingeführte 9 stündige Arbeitszeit bewährt sich vorzüglich. Ich habe damit erreicht, daß die Frühstücks⸗ und Vesperpausen mit dem unvermeidlichen Biertrinken wegfallen. Die Arbeiter sind und bleiben nüchtern, leisten dadurch in 9 Stunden mindestens dasselbe wie in 10 Stunden, was ich durch mehrwöchige Ver⸗ suche genau feststellte. Der Kraftverbrauch des Motors reduzierte sich infolge der kürzeren Arbeitszeit um 10 Proz., und im Winter ist eine Stunde Lichtarbeit weniger, zwei Vorteile, die meinens Erachtens allein schon die allge⸗ meine Einführung der 9 stündigen Arbeitszeit empfehlen.“ Dieses Urteil war durchaus geeignet, die Bestrebungen der Offenbacher Fabrikschuhmacher zu unterstützen, aber auch die Fabrikanten scheinen etwas daraus geiernt zu haben. Nach⸗ dem kürzlich die Arbeiterschaft eines Betriebes den Neunstundentag forderte, hat der Fabri⸗ kanten verband beschlossen, ihn allge⸗ mein zur Einführung zu empfehlen. Sechs Offenbacher große Schuhfabriken haben darauf⸗ hin beschlossen, auf acht Wochen einen Versuch zu machen; der siebente und größte Betrieb, ebenso ein dem Unternehmerverband ange⸗ hörender Betrieb in Niederrad wird wahrschein⸗ lich folgen.— Bemerkt sei noch, daß vor reich⸗ lich zwei Monaten eine Offenbacher Seifen⸗ fabrik versuchsweise die 8 ½ stündige Arbeitszeit einführte. Aus den Genossenschaften. Der Kon⸗ sumverein Leipzig⸗Plag witz hat dieser Tage seinen Jahresbericht veröffentlicht. Dieser erweckt diesmal größeres Interesse, weil diese Genossenschaft im Laufe des Geschäftsjahres den zusammengebrochenen Konsumverein Conne⸗ witz zum Teil mit aufgenommen hat. In dem Berichte wird auch betont, das verflossene Ge⸗ schäftsjahr sei eins der schwersten gewesen, denn die Liquidation des Konsumvereins Connewitz habe eine starke finanzielle Belastung verursacht, 280000 Mk. mußten für die Uebernahme auf⸗ gewendet werden. Trotzdem könne der Abschluß als befriedigend bezeichnet werden. Der Umsatz betrug 13 092 082 Mk., also 1006 736 Mark mehr als im Vorjahre. Ein Reingewinn von 1293 321,67 Mk. wurde erzielt, von dem 3 104 868,80 Mk. an die Mitglieder— 10 Proz. ihres Wareneinkaufs— zurückgegeben werden sollen.— Man ersieht aus alledem, daß es ein glücklicher Ausweg gewesen ist, daß der Konsum⸗ verein Plagwitz die Vermögensmasse des zu⸗ sammengebrochenen Brudervereins übernommen hot. Selbst das Schmerzenskind, die Fleischerei, eröffnet unter der jetzigen Leitung alle Aussicht, lukrativ zu werden. Vor allem ist aber dadurch den Gegnern des Konsumvereinswesen der größte Triumph zunichte gemacht worden. Ein wirtschaftlicher Riesenkampf ist in der Berliner Elektro- und Metall⸗ Industrie ausgebrochen. 33 000 Arbeiter der Allgemeinen Elektrizitäts⸗Gesellschaft und der Siemens⸗Schuckertwerke waren bereits vorige Woche ausgesperrt, ihre Zahl hat sich bis zum Augenblicke, da diese Zeilen gedruckt werden, noch um Tausende vermehrt und beträgt über 60 000 und zum 14. Oktober kündigt der Bund der Metallindustriellen die Aussperrung aller bei seinen Mitgliedern beschäftigten Arbeiter an. Wird diese Drohung ausgeführt, so dürfte sich die Zahl der von den Berliner Kapital⸗ protzen aufs Pflaster gesetzten Arbeiter auf mehrere Hunderttausende belaufen. Der eigentliche letzte Anlaß zum Ausbruch dieses kolossalen Kampfes war nach dem Vorwärts äußerst Mirela ez Natur. Vier- bis fünf⸗ hundert Arbeiter des Werner⸗Werkes und des Kabelwerkes Ober⸗Schöneweide hatten gering⸗ fügige Lohnforderungen gestellt. Sie zu erfüllen weigerten sich die Unternehmer und warfen erst 10000, dann 33 000 Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Straße, damit dieser Gewaltakt die Lohnerhöhung Fordernden zum Verzicht auf ihre Forderung zwinge. Kein Zweifel: das Unter⸗ nehmertum, das sich durch Androhung solcher Mittel oder durch Anwendung derselben einen widerrechtlichen Vermögens vorteil verschafft, in⸗ dem es die unzureichenden Löhne weiterzahlt, begeht nichts anderes als einen Erpressungs⸗ versuch an der Arbeiterschaft, der sogar gerichtlich zu ahnden wäre, wenn man gegen Unternehmer dieselbe Judikatur zur Anwendung brächte, wie gegen streikende Arbeiter! Von der Berliner Elektrizitätsindustrie gilt tatsächlich, daß sie heute nicht nur auf dem deutschen, sondern sogar auf einem großen Teil des Weltmarktes eine monopolistische Macht⸗ stellung einnimmt, und deshalb, sucht sie da⸗ mit, daß sie die bescheidenen Lohnerhöhungs⸗ forderungen einiger kleiner Arbeiterkategorien brusk zurückwies, den Standpunkt des unbe⸗ schränkten„Herrn im Hause“ zur rücksichtslosen Geltung zu bringen. Die Gesellschaften, denen viele gewesene hohe Beamte als Mitglieder an⸗ gehören, haben stets reichliche Dividende gemacht. Es wäre deshalb für sie eine Kleinigkeit, die außerordentlich bescheidenen Forderungen der Arbeiter zu gewähren, die kaum iusgesamt so viel betragen als die Tantiemen einiger Aufsichts⸗ ratsmitglieder. Aber sich den aus der Arbeits⸗ kraft der Arbeiter herausgepreßten Profit schmälern zu lassen, verspüren die Herren nicht die geringste Neigung. Verschiedene andere Arbeitergruppen be⸗ schlossen zur Unterstützung der Metallarbeiter ebenfalls Einstellung der Arbeit. Man ver⸗ sucht durch Heranziehung von Ingenieuren und Beamten, die auch die Elektrizitäts⸗Gesellschaft zur Verfügung stellt, und vor Allem mit Hilfe leider stehengebliebener Arbeiter den Betrieb aufrecht zu erhalten. Die Straßenbahn mußte den Betrieb wesentlich einschränken, aber nicht einstellen. Die Beleuchtung funktioniert angeb⸗ lich vollständig. Die Polizei unterstützt wie gewöhnlich das Unternehmertum. Der jetzige Stand der Dinge gibt den Aus- gesperrten und Streikenden Recht, wenn sie hoffnungsvoll in die Zukunft sehen. Selbst wenn die Zustände des Kraftbetriebs sich nicht weiter verschlechtern, sondern so bleiben wie ste sind, so ist damit ein Zustand geschaffen, den Berlin anf die Dauer nicht ertragen kann. Der Oberbürgermeister Kirchner hat seine Bereitwilligkeit dazu ausgesprochen, den beiden Parteien bei etwaigen neuerlichen Einigungs⸗ versuchen behilflich zu sein. Er hat erklärt, daß er die Lage für sehr er ust und sehr bedenklich halte. Die Schuld an dieser ernsten und bedenklichen Lage tragen aber allein die Unternehmer, die einer 49000 f laben par⸗ tielleu Lohndifferenz wegen 40000 Arbeiter in Not und die ganze Reichshauptstadt in Sorge und Aufregung gestürzt haben. Von Nah und Fern. Hessisches. — Die hessischen Standesherren machen gegen die Gemeindesteuer⸗Reform mobil. Wie es heißt, habe der erweiterte Finanzaus⸗ schuß der ersten Kammer beschlossen, die Regier⸗ ung um eine grundsätzliche Umarbeitung der von der zweiten Kammer bereits im zustim menden Sinne erledigten Gemeindesteuervorlage zu ersuchen. Da sich das Plenum der ersten Kammer dem Ausschußantrag anschließen wird, ist das Zustandekommen des hessischen Steuer⸗ resormwerkes in diesem Landtag als ausge⸗ schlossen anzusehen. Wie bei Vereitelung der Wahlrechtsreform soll auch hier der reaktionäre Einfluß des Herrn v. Heyl die Hauptschuld — Seite 4. Miiteldeutsche Sounutags⸗ Zeitung. Nr. 41. tragen. Die neuen Gemeindesteuergesetze, waren ja bekanntlich Halbheiten, aber ste waren doch besser, als der bisherige Zustand. Sie nahmen wenigstens einen Anlauf zur sozialen Ausbildung des Gemeindesteuersystens. Wenn die erste Kammer auch diesen kleinen Anfang vernichten will, so ruft sie damit hoffentlich endlich jene Volksbewegung in Hessen wach, deren Losung heißen muß: fort mit der ersten Kammer! Wie es jetzt heißt, soll die Zweite Kammer vor Schluß des Landtags gar nicht mehr zusammentreten, es würde also nicht nur die Wahlrechts vorlage, sondern auch die Gemeindesteuer⸗Vorlage und diele andere Vorlagen unter den Tisch fallen. Gießener Angelegenheiten. — Etberale Ueberzeugungstreue. Fast die gesamte liberale Presse einschließlich der„liberal“ schillernden Amtsblätter findet seit längerer Zeit scharfe Worte gegen die Fleisch⸗ und Lebensmittelverteuerungs⸗Politik der Re⸗ terung und des dicken preußischen Landwirt⸗ schaftsminssters. Wer das liest, dem möcht es scheinen, als ob die Liberalen wirkliche Freunde des kleinen Mannes wären, und wer dann noch sieht, wie z. B. in Gießen Herr Heyligen⸗ staedt mit für die Oeffnung der Gren⸗ zen stimmt(d. h. nur in der Stadtverord⸗ netensitzung), der muß die Liberalen für Feinde der agrarsschen Politik halten. Sie sind aber nichts weniger wie das, gerade den Herren, die heute in ihrer Presse schreien, toben und lärmen über die unkluge Politik der Regierung, ist es zu verdanken, daß die ganze unglückselige Schutz⸗ zollvorlage zur Annahme gelangte. Sie haben in, Reichstag, unter Bruch der Geschäftsordnung, unter Verachtung von Recht und Gerechtigkeit erst die Verabschiedung eines Zolltarifs ermöglicht, der dem arbeitenden Volke dauernd den Brot⸗ korb höher hängt, ihm den Fleischgenuß uner⸗ träglich beschränkt. Entweder haben diese Ab⸗ geordneten sich die Wirkung ihrer Abstimmung nicht klar gemacht, oder sie haben bewußt auf Wucherpreise hingearbeitet. Man mag es be⸗ trachten wie man will: auf alle Fälle ist das heutige Gebahren der Etberalen eine große Heuchelei; wie ste mit ihrer Zöllnerei den Bauernfang unter den Bauern betrieben, so versuchen ste jetzt durch ihr Klagen über die Fleischteuerung die städtische Bevölkerung zu täuschen und zu betrügen. Bei der bevor⸗ stehenden Landtagswahl bitten wir unsere Ge⸗ nossen namentlich die Abstimmungen der Libe⸗ ralen in den Stadtparlamenten agitatorisch zu verwerten. — Das Gießener Amtsblatt macht sich's zur Aufgabe, bei jeder Gelegenheit der „Sozialdemokratie eine„Niederlage“ anzureden, trotzdem die Tatsachen jeben Tag das Gegen⸗ teil beweisen. Nach ihm sollen wir bei den Wahlen in Oldenburg wieder eine „Niederlage“ erlitten haben. Wie diese aus⸗ sieht, mögen unsere Leser daraus ersehen, daß unsere Stimmen in den in Betracht kommenden 6 Wahlkreisen von 2167 auf 4748 gestiegen sind, ebenso gewinnen wir ein Mandat. Noch eine solche„Niederlage“, und der ganze vereinigte bürgerliche Kuddelmuddel wird zum Tempel hinausgeworfen. Im Uebrigen finden wir es ganz in der Ordnung, daß die bürgerlichen Parteien sich immer mehr und mehr zusammen⸗ schließen, wir sind sogar überzeugt, daß uns dieses Zusammengehen hier und da ein Mandat kosten kann. Aber viel höher ist der Gewinn zu bemessen, daß auch bei den dümmsten bürger⸗ lichen Mitläufern sich die Ueberzeugung Bahn brechen muß, daß die gesamte bürgerliche Sipp⸗ schaft, vom freisinnigen Hirsch bis zum bauernbündlerischen Hirschel eine einzige reaktionäre Kapitalistenschutz⸗ truppeist. Das erleichtert die Agitation, macht den Kampf fröhlicher und genußreicher für uns. Gerade dieses Zusammengehen um jeden Preis zeigt auch dem blödesten Auge, daß sich die bürgerlichen Parteien, trotz aller großen Worte der„Generalanzeigerpresse“, so schwach fühlen, daß sie nur noch gemeinschaftlich(wie der Blinde und der Lahme) ihren Weg machen können. Verbreiten wir nur die nötige Aufklärung, zeigen wir, daß der ganze Mischmasch arbeiterfeindlich tst, dann wird der Erfolg früher oder später ganz auf unserer Seite sein. — In der Stadtverordneten ⸗Sitzung am Donnerstag teilte der Oberbürgermeister mit, daß der Bezug von Fischen durch die Stadt nunmehr in die Wege geleitet sei. Es ist ja recht anerkennenswert, daß die Stadtverwaltung schnell eingreift um den Not⸗ stand zu mildern, aber man würde unseres Erachtens fehlgehen, wenn man von dieser Maßnahme alles Heil erwarten wollte. Die Zubereitung der Flschkost stellt sich nicht gerade billig und bei nicht sorgfältiger Zubereitung bekommen sie die nicht daran gewöhnten Leute bald satt. Doch immerhin bedeutet die Maß⸗ nahme eine Linderung und wird von den Hausfrauen willkommen geheißen werdeu. Wir können nur raten, von dem Angebot reichlich Gebrauch zu machen.— Weiter wurde in der Sitzung mitgeteilt, daß Samstag, den 14. Oktober das Museum im alten Schloß eröffnet werden soll.— Vor der Sitzung besichtigten die Stadtväter den für den Theaterneubau abgesteckten Platz in Schülers Garten. — Die Parteibersammlung am Dienstag in Lonys Bierkeller war leider nur mäßig besucht. Sie nahm den Bericht des Gen. Vetters über den Jenaer Parteitag ent⸗ egen, bis auf den Punkt„Politischer Massen⸗ streik“, den man in einer weiteren Versamm⸗ lung zu behandeln beschloß. 8 — Der Konsum verein für Gießen und Umgegend hat das im Asterweg gelegene, früher dem Sattlermeister Kuhne gehörige Haus käuflich erworben und gedenkt dort in Bälde eine zweite Verkaufsstelle zu errichten. — Eine Bauarbeiterschutzkon⸗ ferenz fand am Sonntag unter zahlreicher Beteiligung in Offenbach statt. Wir werden in nächster Nummer eingehender dar⸗ über berichten. — Das Lob der Amtsblätter hat sich der Redakteur des Organs der Buchdrucker, Herr Rexhäuser, verdient. Er hat über die Maifeierdebatte auf dem Parteitage recht un⸗ sinniges Zeug geschrieben, daz der Gießener Anzeiger dazu sagt, die Auffassung Rexhäusers stimme mit der des Bürgertums völlig überein. Das ist Strafe genug für Rexhäuser. Ob die Dien Buchdrucker dazu nichts zu sagen aben? — Das Gießener Stadttheater hat am Dienstag die Saison mit Sheake⸗ speares„Kaufmann von Venedig“ eröffnet. Der Saal war gut besetzt und die Spieler leisteten vorzügliches. Aus dem Rreise gießen. — In Wieseck beabsichtigt man wie aus dem Inserat in dieser Nummer ersichtlich, einen Verein der Kaninchenzüchter zu gründen. Dazu wird uns ge⸗ schrieben:„Für manchen mag die Gründung eines solchen Vereins lächerlich erscheinen, doch es handelt sich um eine Angelegenheit von volkswirtschaftlicher Be⸗ deutung. Die Zeiten sind vorüber, wo die Kaninchen⸗ zucht als Spielerei angesehen wurde und mehr und mehr schwindet auch das Vorurteil gegen den Genuß des Kaninchenfleisches. Viele Vereine haben sich bei uns die Aufgabe gestellt, die Kaninchenzucht einzu bürgern, damit sie hier zu derselben Bedeutung gelangt wie in Frank⸗ reich, Belgien ꝛc. Das kann aber nur geschehen, wenn die Zucht rationell betrieben wird, und deshalb wollen auch die Züchter in Wieseck belehrend wirken und richten an jeden Interessenten die Bitte, in der Versammlung zu erscheinen.“— Bei der jetzigen Fleischnot mag ja die Produktion von Kaninchenfleisch als Notbehelf gelten; wir sind aber der Meinung, daß die Arbeiterschaft auch Anspruch hat auf vollwertige Fleischnahrung und danach streben muß, daß alle Arbeiter in der Lage sind, sich solche zu bieten. 9—5 h. Alten⸗Buseck. Seit dem 1. Oktober verfügt Alten⸗Buseck über einen neuen Orts⸗ und Polizeidiener. Zu dem reich dotierten Posten— er wird mit 400 Mk.(1 Mk. 9 Pfg. pro Tag) honoriert— hatten sich 6 Bewerber gemeldet. Der Steinhauer Karl Becker errang den Sieg und wird nun die Aufgabe haben, die Gemeinde, die ihn so neuzeitlich bezahlt, vor allem möglichen Unheil zu schützen. Hoffentlich gelingt ihm das in einer Weise, daß ihm die Gemeinde aus purer Zufriedenheit baldmög⸗ lichst seinen Gehalt entsprechend aufbessert. s. Garbenteich. Am Sonntag vor 8 Tagen fand hier eine von hiestgen und Hausener Parteigenossen gut besuchte Versammlung statt, in der Genosse Häuser⸗Steinberg von der Landeskonferenz in Alzey Bericht erstattete. Er eigte bei Erörterung der Verhandlungsgegen⸗ fande, welche erfreuliche Fortschritte unsere Partei auch in Hessen gemacht habe. Wir dürften aber damit nicht zufrieden sein, müßten vielmehr durch unermüdliche Agitation dafür sorgen, daß auch die Beschlüsse der Landeskon⸗ ferenz für unsere Sache fruchtbringend wirken. Nur wenn sich das arbeitende Volk fest zu⸗ sammenschließe und über die politischen und wirtschaftlichen Dinge aufkläre, könne es den reaktionären Anschlägen wirksam entgegentreten. An die beifällig aufgenommenen Ausführungen Häusers schloß sich eine kurze Diskusston, in der sich mehrere Genossen für bessere Ausge⸗ staltung unserer Presse aussprachen. Häuser bemerkte darauf im Schlußwort, daß vor Allem für weiteste Verbreitung unseres Parteiblattes gesorgt werden müsse, die Amtsblätter und so⸗ genannten„unpartetischen“ Zeitungen solle der Arbeiter aus seinem Hause lassen.— Mit den Beschlüssen der Landeskonferenz und der Tätig⸗ keit des Delegierten erklärte sich die Versamm⸗ lung einverstanden. 8. Vortrag in Lollar. Am 10. September hielt(wie uns erst jetzt etwas verspätet geschrieben wird) Genosse Dr. Michels ⸗ Marburg seinen Schluß⸗ vortrag in dem von den Lollarer Metallarbeitern ver⸗ anstalteten Zyklus über die Kulturgeschichte des deutschen Volkes. Vor den zahlreich erschienenen Zuhörern behandelte Michels hauptsächlich den Krieg von 1870 und beleuchtete unter Hinweis auf die berühmte Emser Depesche und besonders die Art, wie unsere Regierenden und Besitzen⸗ den ohne jede tiefere Veranlassung und über die Köpfe der vielen Millionen des ihnen„untertänigen“ arbeiten⸗ den Volkes hinweg Krieg machen. Der Vortrag wurde sehr beifällig aufgenommen und erhielt seine besondere Bedeutung noch dadurch, daß, wie Genosse Schupp als Versammlungsleiter mitteilte, ein junger franzöfischer Student, Monsieur Colanèri aus Marburg herüberge⸗ kommen war, der, obgleich nicht oder noch nicht Genosse, doch soviel Verständnis besaß, sich einmal eine deutsche Arbeiterversammlung ansehen zu wollen. Nach der freundlichen Begrüßung des Gen. Schupp erhob sich der Franzose und dankte auf deutsch, indem er erklärte, er werde es nie vergessen, daß deutsche Arbeiter so brüder⸗ liche Gefühle gegenüber Frankreich hegten und könne seinerseits verfichern, daß auch die Franzosen nichts sehnlicher wünschten, als Friede und Freundschaft mit Deutschland. Dann trank er auf Deutschlands Wohl, worauf sich die ganze Versammlung erhob, um auf das arbeitende, kulturelle Frankreich ein Hoch auszubringen. Nach Schluß der Versammlung blieben wir noch zusammen sitzen, es war ein rechtes Verbrüderungsfest! Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach. k. Die Alsfelder Stadtväter sind auf die„Freie Turnerschaft“ offenbar nicht gut zu sprechen. Letztere hatte nämlich ein Gesuch um mietweise Ueberlassung eines städ⸗ tischen Lokals zu Turnzwecken eingereicht, weil man ja während der Wintermonate nicht gut im Freien turnen kann. Aber die Arbetter⸗ Turner hatten mit ihrem Anliegen kein Glück bei der Stadtvertretung. Gemeinderal Berk meinte, die mögen sehen, wo sie Platz bekommen und Herr Braun trat für sofortige Ablehnung des Gesuchs ein, und so wurde auch beschlossen. Ein Arbeitervertreter befindet sich bekanntlich nicht in unserem Gemeinderat, wie nötig ein solcher wäre, ersehen die Arbeiter wieder an diesem Beispiele. Dreht es sich darum, 971 für Sportvereine zu bewilligen, so find die Herren immer zu haben.— Aber trotzdem macht unsere Freie Turnerschaft gute Fort⸗ schritte. Kürzlich hielt sie einen geselligen Abend im Stadtpark ab, der so stark besucht war, daß viele Späterkommende umkehren mußten. Der Abend verlief aufs beste und die gebotenen Vor⸗ träge, sowie eine Ansprache des Mitgliedes Wiegand wurden sehr beifällig aufgenommen. Die Kasse erzielte einen hübschen Ueberschuß. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Abonnentenfang der„unpar⸗ tetischen“ Presse. Ein Frankfurter sog. unpartelisches Blatt, die„Neuesten Nachrichten“ versprechen in ihren Prospekten und Reklamen, daß sie ihren Abonnenten bei einem ihnen etwa zustoßenden Unfalle 500 Mk. zahlen. Auf die näheren Voraussetzungen und Bedingungen wollen wir hier nicht weiter eingehen, fest steht, daß sich der Verlagz jenes Blattes durch alle den mm⸗ eber kleben cluß⸗ u ber⸗ ulschen delle ichtete und stgen⸗ köpft elten⸗ wurde ondere 0 als cher berge⸗ tnosse, eulsch 9 det ich der tte, el rüdel⸗ könne nichts t ut Wohl, f dag Augen. zune ——̃ͤ—e¾ e ar. 41. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. moglichen Hintertürchen davor gesichert hat, daß er nicht allzuoft in die Lage kommt, 500 Mk. auszahlen zu müssen. Als vor einiger Zeit der Maurer Becker aus Burgsolms in Wetzlar verunglückte, erhoben seine Angehörigen An⸗ spruch auf die 500 Mk. Ste wurden jedoch damit von den„Neuesten Nachr.“ abgewiesen, der Verlag zeigte sich erbötig, 200 Mk. zu zahlen. Das lehnten die Leute ab. Natürlich kamen sie auch auf dem Wege des Rechtsstreites nicht weiter, denn wie gesagt, hat der Verlag dafür gesorgt, daß er rechtlich nicht belangt werden kann. Möge das andern zur War nung dienen!— Ueberhaupt: Eine Zeitung hält man sich doch ihres Inhaltes wegen und nicht um sich zu versichern. Dazu sind andere Ein⸗ richtungen da. Daß jenes„unparteitsche“ Blatt zu solchen Mitteln zum Abonnentenfang greift, beweist nur, daß es selbst seinen Inhalt für wertlos und ungeeignet hält, damit Leser zu gewinnen. z. Wahl verein. In der am 23. v. Mts. statt⸗ gefundenen Versammlung wurde unter anderem eine Resolution eingebracht und einstimmig angenommen, die den ruhigen Verlauf, sowie die sachlichen und gründlichen Debatten des Jenaer Parteitags mit voller Genugtuung begrüßt. Denen, die ein Jena der Sozialdemokratie erwarteten zum Trutz und unserer Sache zu Nutz! z. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich, auf die wir in unserer heutigen Gesellschaft auf Schritt und Tritt stoßen, kommen selbst im Tode der Menschen noch zum Ausdruck. Je nachdem einer im Leben der befitzenden oder nichtbesitzenden Klasse an⸗ gehörte, erfährt er im Tode die entsprechende Behand⸗ lung. Selbst von der Geistlichkelt, den Dienern Christi. Vor kurzer Zeit ertränkte sich eine 68 jährige Frau in der Lahn. Schwere Schicksalsschläge, wie Tod des Mannes in der Irrenanstalt, der Tod einer Tochter und verschiedenes andere mögen die Frau zu dem Schritte veranlaßt haben. Kein Geistlicher begleitete ihre Leiche. Das ist nun gewiß nicht schlimm; tausende verzichten ja schon zu Lebzeiten freiwillig darauf. Geht aber einer aus den„besseren“ Kreisen freiwillig aus dem Leben, da geht nicht oft bloß einer, sondern manchmal sogar zwei Pfarrer mit und halten schöne Grabreden. Auch die„Religion“ respektiert die Klassenunterschiede, die erst die Sozialdemokratie beseitigen wird. h. Vom Zuge überfahren. Einem schrecklichen Unglücksfalle fiel am Dienstag früh der auf der Wetz⸗ larer Röhrengieß ere beschäftigte Arbeiter Ludwig Weber aus Niederhausen zum Opfer. Er wollte von Station Löhnberg nach Wetzlar fahren und war eben auf das Trittbrett aufgestiegen, als sich der Zug, der noch nicht an seinem gewöhnlichen Haltepunkte angelangt war, wieder in Bewegung setzte. Weber fiel herunter und kam unter die Räder, so daß ihm der linke Arm an der Schulter und die rechte Hand abgefahren wurde. Fürchterlich verstümmelt wurde er hervorgezogen und mit demselben Zuge nach der Gießener Klinik überführt. Weber ist ein braver, nüchterner und bei seinen Arbeits⸗ kollegen beliebter Arbeiter und Genosse. Die eigentliche Ursache des Unglücks konnten wir nicht ermitteln. Jeden⸗ falls der ewige Platzmangel und der kurze Aufenthalt des Zuges, was die Arbeiter veranlaßt, mit aller Hast in die Wagen zu stürmen. h. Fische bietet nun endlich auch der Wetzlarer Konsumverein seinen Mit⸗ gliedern. Die an dieser Stelle gegebenen An⸗ regungen haben also, scheint es gefruchtet. Hoffentlich sind die Fischpreise nicht höher wie bei den Kleinhändlern, wie das bei manchem anderen Artikel zutrifft. b. Aus Niederscheld schreibt man uns: Wir erhalten hier jetzt eine zweite Eisenbahn⸗Haltestelle und zwar an der rechts⸗rheinischen Eisenbahn. Die Unter⸗ führung am Ausgang des Ortes soll als Durchgangs⸗ tunnel benutzt werden. Mit der Haltestelle soll eine Blockstation verbunden werden, um die Bahuhöfe Dillen⸗ burg und Herborn zu entlasten. Damit wäre für Nieder⸗ scheld und Umgebung einem Bedürfnis, das sich in der letzten Zeit immer fühlbarer machte, abgeholfen und der Fortschritt wird dankbar begrüßt, wenn auch die Ge⸗ meinde ein Opfer bringen maß. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. Zu den bevorstehenden Stadtverord⸗ netenwahlen brachten wir vor Kurzem eine Notiz, in der gesagt war, daß unter hiesigen gutgefinnten Ver⸗ ein en das Gerücht verbreitet sei, es sollten gemeinsame Kandidaten aufgestellt werden, um damit, wie dann weiter ausgeführt wurde, die Arbeiterschaft von der Aufstellung eigener Kandidaturen abzuhalten. Darauf antwortet ein Herr F. in der„Hess. Landesztg.“: wer die hiesigen Verhältnisse kenne, müsse über so was lachen; er hätte noch nichts davon gehört. Letzteres glauben wir gern, vielleicht will auch Herr F. noch nichts ge⸗ hört haben; wir haben aber davon gehört und zwar vou durchaus glaubwürdigen und einflußreichen Personen. Herr F. meint dann weiter, daß die bürgerlichen Vereine wohl so klug sein würden, auch einen den Arbeiter genehmen Kandidaten aufzustellen(wohl um einen jeden gerecht zu werden, Herr F. 2) damit die Ar⸗ beiter die bürgerliche Liste durchbringen helfen, den ohne die Arbeiterstimmen würden die bürgerlichen Kandidaten nicht gewählt werden. Merkt euch das, ihr Arbeiter! In böchst phantastevollen Aus⸗ führungen beschreibt Herr F. dann die Aufgaben, die ein Arbeiter oder ein Sozialdemokrat im Stadtparla⸗ ment hätte und sagt dann zum Schluß:„Will der Bürgerverein eine Liste in der dritten Wählerklasse durch⸗ bringen, so wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben, als mit den Arbeitern ein Kompromiß zu schließen und wir dürfen wohl die Erwartung aussprechen, daß zu einer diesbezüglichen Wählerversammlung auch die Arbeiter eingeladen werden, um bei Aufstellung einer Llste mit⸗ zuwirken.“ Herr F. scheint sehr wenig Ahnung von der ganzen Geschichte zu haben, denn sonst könnte er so etwas nicht sagen. Jun seinem Leben wird es dem Bürgerverein nicht einfallen, Sozialdemokraten zu Rate zu zlehen, wer aufgestellt werden soll. Oder aber, wenn die gute Absicht da wäre, warum hat man es denn schon früher nicht getan? Seitdem feststeht, daß unsere Partei eigene Kandidaten aufstellt, macht man vom Bürgerverein Ausstreuungen, die Arbeiter für gemein⸗ same Listen zu ködern. Auf diesen Leim werden wir jedoch nicht kriechen, Herr F! O Ueber die Fleischnot ließ sich die hiesige„Oberhessische Zeitung“ aus Frankfurt einen Brief schreiben, in welchem ge⸗ sagt wurde, daß von eine Fleischnot nicht geredet werden könne, das Fleisch sei nur teuerer ge⸗ worden, ein Mangel an Fleisch set nicht zu ver⸗ spüren. Als ob es nicht für einen Arbeiterhaus⸗ halt dasselbe ist! Für einen kapitalistischen Geldbeutel mag es wohl ohne Bedeutung sein, ob das Fleisch 25 bis 33/ Prozent im Preise steigt oder nicht, solange als solches überhaupt vorhanden, ist der Kapitalist auch nicht gezwungen, seinen Bedarf einzuschränken. Für den Arbeiter ist eine solche Preissteigerung aber gleichbedeutend mit dem Nichtvorhandensein dieses notwendigen Nahrungsmittels. Aber der Frankfurter Brief⸗ schreiber will sogar von Arbeitern auf die Frage, ob eine Einschränkung im Fleischverbrauch der Familte eingetreten sei, nur ein Lächeln zur Antwort erhalten haben. Um diese Frage zu beantworten, hätte die Redaktion der„Oberh. Ztg.“ nicht nötig gehabt, ihren Frankfurter Briefschreiber sich bemühen zu lassen. Auch in Marburg gibt es Arbeiter, wir glauben sogar in eigenem Betriebe, die der Redaktion eine andere Antwort hätten geben können. Oder hat der reiche Verlag der„Oberh. Ztg.“ seinen Arbeitern eine Zulage gewährt, um die Fleisch⸗ teuerung nicht zu verspüren? Dann hätte die Redaktion aber auch ein siebenjähriges Schul⸗ kind befragen können, ob es keine Einschränkung des Fleischverbrauchs sei, wenn im Haushalt anstatt 1 Pfd. Fleisch nur noch ¼ Pfd. auf den Tisch kommt. Durch die Beantwortung dieser Frage würde ein siebenjähriger Junge aber beweisen, daß er schon zu viel gelernt hat, um Redakteur eines konservativen Amtsblattes zu werden.— Just in derselben Nummer vom letzten Sonntag, in welcher dieser Frankfurter Brief enthalten ist, macht der Gastwirte⸗Verein für Marburg und Umgegend bekannt, daß in⸗ folge der Fleischteuerung ein Preisaufschlag für Speisen eintreten werde! Diese Notiz steht allerdings im Anzeigenteile. g. Schlagfertiger Werkführer. Unser Blatt beschäftigt sich mit einzelnen Personen und ihren Eigenschaften nur dann, wenn diese letzteren anderen Leuten unangenehm werden, Kritck in deren Interesse wie auch im Interesse der Oeffentlichkeit geboten ist. Viel fach wirkt diese öffentliche Kritik erzieherisch auf die Betreffenden und so ist dann Abhülfe geschaffen und allen gedient. Wir hoffen, daß diese gute Wirkung auch bei dem Werkführer Koch in der Sckreineret Schäfer nicht ausbleibt. Dieser vor einiger Zeit aus Aschaffenburg hierher gekommene Herr springt mit den ihm unterstellten Schreinern in einer Weise um, daß die Beschwerden bei der Verbands verwaltung nicht ab⸗ reißen. Wer ihm nicht paßt, bei dem findet er soviel auszusetzen, daß des Betreffenden Bleibens in der Werkstelle nicht mehr lange ist. Bei dem Kollegen Werner, der zum Militär einrücken mußte, kam er dieser Tage aber schief an. Diesem wollte derß Herr Werkführer zum Abschiedgeineß Tracht Prügel mitzz einer Latte verabreichen. Doch packte Werner seinen Angreifer und drückte ihn sanft in ein Kalkloch. Er sah davon recht nett aus und hatte zum Schaden noch den Spott. Hoffentlich lernt er, wie man Leute zu behandeln hat. Der Konsumverein für Marburg und Umgebung hat ein eigenes Grund⸗ stück erworben. Das dem Kaufmann Diehl gehörige Haus in der Wilhelmstraße 6 ging in Besitz des Konsumvereins über. Daselbst wird der Konsumverein eine moderne Bäckerei er— richten. h. Die„Freie Turnerschaft Ockershausen“ hält diesen Sonntag, den 8. Oktober von 7¼ Uhr abends im Restaurant Hildmann ihr Rekrutenabschieds⸗ kränzchen ab, wozu alle Gewerkschaftsmitglieder und Parteigen ossen aufs freundlichste eingeladen werden. —„Gebildete“ Leute. Ueber das unanständige Benehmen und Auftreten vieler Studenten ist schon oft und mit Recht Klage geführt worden. Die Herrchen erlauben sich auch gegenüber den Gesetzeshütern Dinge, die andern Sterblichen schwere Strafen eintragen würden. So machte, wie uns mitgeteilt wird, ein Student am Sonntag vor acht Tagen uachts gegen zwei Uhr einen solchen Lärm in der Wettergasse, daß ein Schutzmann sich genötigt sah einzuschreiten und den Namen des Kra⸗ kehlers feststellen wollte. Da kam er aber schön an, der gebildete Herr überhäufte ihn mit groben Redensarten, schrie ihn an, er sei Reserveleutnant und er(der Schutz⸗ mann) solle mal die Knochen zusammen nehmen, und weiter drohte er, den Schutzmann niederzuschlagen, wenn er Miene ache gegen ihn vorzugehen. Der Gesetzes⸗ hüter ließ den Herrn laufen und war froh, daß ihm selber nichts passterte. Was wäre wohl einem Arbeiter heschehen, der sich solches Auftreten erlaubt hätte? h. Ueber den Parteitag wird in einer am Sonntag, den 16. Oktober im Jesberg'schen Lokale stattfindenden Parteiversammlung Bericht er⸗ stattet werden. Als besonders wichtiger Punkt steht ferner noch, wie aus dem Inserat hervorgeht, das Organi⸗ sationsstatut auf der Tagesordnung. Die Parteigenossen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. Versammlungskalender. Samstag, den 7. Oktober. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Daubringen. Volks versammlung abends 1/9 Uhr bei Wirt Schäfer. T.⸗O.:„Ver⸗ kümmerung der Volksrechte“. Ref. Vetters⸗Gießen. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr bei Hildberger.— Freie Turnerschaft⸗ Ockershausen bei Hildemann. Sonntag, den 8. Oktober. Garbenteich. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Peter Becker im„Kühlen Grunde“. Zahlreich und pünktlich erscheinen! Gießen. Tabakarbeiter. Nachm. 3 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Alten⸗Buseck. Volksverein. Versammlung bei Wirt Becker. Staufenberg. Volks versammlung. Nach⸗ mittags 3 Uhr bei Wirt Geißler. Tages⸗Ord. „Verkümmerung der Volksrechte“. Ref. Vetters. Samstag, den 14. Oktober. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Briefkasten. N. N. Gießen. Es freut uns ja, daß W. Huthmann und Frau das Fest der silbernen Hochzeit begingen und wir beglückwünschen die glücklichen Ehe⸗ leute. Wenn Sie aber etwas in die Zeitung aufge⸗ nommen haben wollen, so müssen Sie vor allen Dingen Ihren Namen unterschreiben, sonst wandert die Sache in den Papierkorb.— W. R. Soviel uns be⸗ kannt ist, wurde bis jetzt in Hessen noch kein Sozial⸗ demokrat als Bürgermeister gewählt, es brauchte also ein solcher auch nicht bestätigt zu werden. Ob ein solcher von der Regierung bestätigt werden würde, können wir auch nicht sagen, möchten aber ein großes Fragezeichen dahinter machen, denn in dieser Beziehung sieht es auch in Hessen mit der Gleichheit der Staats⸗ bürger windig aus. Genossen! Erwerbt die Staatsangehörigkeit! 7 V p p—— Der heutigen Nummer unseres Blattes liegt der Preis⸗Courant des Eugros Versaudhanses Gebr. J. u. P. Schulhoff in München bei, welches seine Artikel der Weiß⸗, Woll⸗, Schuitt⸗, Kurz⸗ und Spielwareubranche besonders Wiederver⸗ käufern empftehlt. Nachm. 3 Uhr — Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 41. Aus]Not. 8 Die bisher unbestrafte 31 Jahre alte Dienst⸗ magd Völker aus Gießen mietele sich in Mainz im August mit ihrem Kinde in einer Wirtschaft auf der Rheinstraße ein. Sie nannte sich Frau Gruber und gab an, zur Erholung hier zu weilen und von ihrem Manne monat⸗ lich das Geld geschickt zu bekommen, auch habe ste auf der Sparkasse in Kassel 680 Mk. Eines Tages lieh sie sich 12 Mk., um nach Kassel u fahren und ihr Geld auf der Sparkasse zu olen. Sie reiste aber nach Marburg, wo ste dieselben Schwindeleien machte. Am 12. Sep⸗ tember wurde sie verhaftet uud ihr Kind kam ins Waisenhaus. Vor Gericht behauptete sie in großer Not gehandelt zu haben, ste hätte außer ihrem Vater nimand mehr und der wäre im Irrenhaus in Hofheim. Arbeit hätte sie des Kindes wegen nirgends be⸗ kommen und da ste dasselbe nicht verhungern lassen wollte, hätte ste die betrügerischen Sachen gemacht. Das Mainzer Schöffengericht verur⸗ teilte ste zu 20 Tagen Gefängnis. Saubere Bäckerei. Ekelhafte Zustände in einer Bäckerei gaben den Anlaß zu einer Beleidigungsklage des Bäckermeisters Kranke in Dresden gegen seinen ehemaligen Gesellen Lehmann. Während des letzten Bäckerstreiks hatte Lehmann in einer Gehilfenversammlung gesagt, Bäcker⸗ meister Kranke verbacke stinkige Butter, auch habe er Schrot verbacken, in dem mehr Mäusedreck als Schrot enthalten gewesen sei, und als er(der Gehilfe) sich darüber auf⸗ aufgehalten habe, hätte Meister Kranke ge⸗ äußert:„Die Leute fressen alles!“ Vor Gericht wurden diese Angaben durch ver⸗ schiedene Zeugen bestätigt und die Verhandlung endete deshalb mit der Freisprechung des An⸗ geklagten Lehmann. Sämtliche Kosten wurde dem Privatkläger Kranke auferlegt. Jus Gefängnis wegen 10 Pfennigen! Der Pastor Schall in Goslar machte bei dem Weggange seiner Dienstmagd Anna Nitsche eine fürchterliche Entdeckung. Man fand nämlich bei der Verworfenen ein dem pastoralen Dienstherrn gehöriges Kontobuch im Werte von zehn Pfennigen, und in diesem offenbar, „gestohlenen“ Kontobuch hatte sie— der er⸗ schreckendste Ausfluß ihrer verworfenen Gesinn⸗ ung— Kochrezepte notiert! Eilends zeigte der Herr Pastor diese Morttat an und erreichte denn auch sein menschlich o so schönes Ziel: das Mädchen wurde vom Goslarer Schöffen⸗ gericht zu fünf Tagen Gefängnis verur⸗ teilt!„Die Nitsche“(wie es in dem edlen Jargon der bürgerlichen Gerichtsberichterstattung heißt) legte jedoch Berufung ein unter der Be⸗ ründung, daß ihr das Kontobuch von einer itbediensteten geschenkt worden sei. Darauf kam es nun zu erneuter Verhandlung vor der Strafkammer. Es wurde aber Vertagung be⸗ hufs Ladung weiterer Zeugen beschlossen. Hoffent⸗ lich wird es dem Herrn Pastor doch noch ge⸗ lingen, dies Mädchen ins Gefängnis zu bringen. Für die„gestohlenen“ 10 Pfennig! Denn die kleinen Diebe müssen schonungslos gehängt werden, während die großen, die Teuerung und Elend aller Art über ein ganzes Volk bringen, um sich in Form rechtens den Wanst zu füllen, mit ihren Titeln und Würden frei herumlaufen. Das ist der gerechte Ausgleich der Interessen! Solches nennt man Christentum! Ein weiblicher Verteidiger vor Gericht. Den überaus seltenen Anblick eines weib⸗ lichen Verteidigers genoß man bei einer Ver⸗ handlung vor der Berliner Berufungskammer des Landgerichts II unter Vorsitz des Land⸗ gerichtsrat Koch. Es handelte sich um eine Anklage gegen einen Bauerngutsbesitzer Götze in Koepenick, der fortgesetzt wegen des ihm streitig gemachten Rechtes zur Benutzung eines über fiskalischen Grund und Boden führenden Weges in Konflikt kommt und schon mehrmals freigesprochen worden ist, obwohl seit einiger Zeit eine Tafel mit der Inschrift„Verbotener Weg“ daselbst prangt. Als Verteidigerin dieses Rechts erschien die Schwester des Angeklagten, Frau Gutsbesitzer Rückert, die auf Grund des § 138 der Strafprozeßordnung durch Gerichts⸗ beschluß zugelassen worden war, weil sie am besten mit den recht verwickelten Rechtsverhält⸗ nissen in Gemäßheit ihres Familienarchivs Be⸗ scheid wußte. Der weibliche Anwalt, der mit großem Aktenstoß im Saale erschien, erfreute sich einer so zuvorkommenden Behandlung, daß ihn mancher zünftige Kollege darum beneiden konnte. Die Dame n sich übrigens ihrer Aufgabe mit einer bewundernswürdigen Sach⸗ kunde und brachte dem Gerichtshofe die Ueber⸗ zeugung bei, daß ihrem Bruder mindestens der gute Glaube innegewohnt habe. Der Gerichts⸗ hof erkannte auf Freisprechung. 3 1 Unterhaltungs-Ceil. In der Zwickmühle. Erzählung von R. Schweichel. (Fortsetzung.) So frohndete er geduldig weiter, einen Tag nach dem anderen, und bereickerte seine Pflanzen⸗ kenntnis; aber die Pflanze, welche Mensch heißt, blieb ihm verhüllt. Eines jedoch entging ihm nicht. Anna wurde mit jedem Tage wort⸗ karger, kälter und fremder gegen ihn. Ver⸗ gebens suchte er die Ursache zu ergründen. Er wußte nicht, daß die Dorfwirtshäuser es mit den Börsen gemein haben, daß man daselbst Alles erfährt, Alles weiß. Von seiner Pflanzen⸗ suche hatte er in der„Sonne“ nichts erzählt, aber man hatte ihn und Amalie oft genug da⸗ bei gesehen und beobachtet und davon im Wirts⸗ hause geschwätzt, vielleicht mehr, als zu sagen war. Die Mittagsstunde war bisher die glück⸗ lichste für ihn gewesen; da hatte sich alles Trübe für ihn gelöst, da hatte ein heiteres Wort, ein tellnehmender Blick von Anna selbst die Plackereien mil Eulenrieds hoffnungsvoller Kindlichkeit, die ihm seine Schwäche bald ab⸗ gelauscht, vergessen lassen. Nun legte sich ein Reif darüber, den seine traurig fragenden Mienen nicht hinweg zu schmelzen vermochten. Eine Gelegenheit, mit Annerl unter vier Augen zu reden, wußte er nicht zu finden. Es war Alles für ihn zu Ende. 4 * Eines Mittags trug er einen schweren Vor⸗ satz in die„Sonne“. Er wollte sich fortan das Essen durch die Frau des Küsters, die ihm aufwartete, aus dem Wirtshause holen lassen. „Ja, warnm denn das?“ fragte die Sonnen⸗ wirtin verwundert, als er mit seinem Anliegen endlich herausrückte.„Der Mensch soll mit den Menschen leben und nit einsam wie, ein Uhu in seinem Nest. Da kriegt er erst den richtigen Verstand, den er braucht. Nehmen's mir nit übel, Herr Greiner.“ Er drehte und wandte sich. Der Pastor hatte„seinem jungen 18 wohlmeinend den Rat gegeben. Es ele ihm durchaus nicht ein, die ihm unter⸗ stellten Lehrer irgendwie in ihrer Freiheit zu beschränken, hatte er geäußert, indessen gebe er doch Greiner zu bedenken, daßder täg⸗ liche Wirtshausbesuch mit dem Berufe eines Bildners der Jugend sich nicht gut ver⸗ einigen ließe. Zum Diplomaten fehlken dem jungen Lehrer jede Anlage, und so quälte er es denn endlich heraus:„Der Herr Pfarrer meinte—“ Die Wirtin fiel ihm in's Wort, während die Tochter unauffällig die Stube verließ: „Freilich, freilich, wenn's der Herr Pfarrer meint... Ich hab's nur nit gewußt, daß Sie den Berg hinauffahren wollen. Da tut ein Vorgespann halt gut. Greiner schlug das helle Feuer aus den Wangen.„Ich verstehe Sie nicht, Frau Firstmann,“ rief er, und sie ver⸗ setzte, indem sie mit der fleischigen Hand] das Tischtuch glatt strich:„Tut halt nichts.— Lassen Sie also das Essen nur holen! Lang wird's ja nicht dauern. Und gute Unterhaltun in ihrem Nest!“ Sie stand vom Tische auf. Er wollte ihr danken, aber ste wehrte ab. Mit schwerem Herzen war er gekommen, mit schwererem schlich er zur„Sonne“ hinaus. „Er könnt' einem leid tun, der Kindskopf,“ grollte die Wirtin, und ihre Tochter, die dar⸗ über wieder in die Stube gekommen war, rief mit unterdrückter Leidenschaft:„Aber es ist⸗ doch nicht auszudenken, daß er die alte Jungfer heiraten soll!“ „Warum denn nit?! Hat der Pfarrer nicht auch mit ihren beiden jüngeren Schwestern die Sach' zu deichseln gewußt?“ Sie zuckte die vollen Schultern. In der Schule schienen Nachmittags die wilden Indianer ihr Lager aufgeschlagen zu haben. Ruprecht ließ es gehen, wie es wollte. Es war ihm alles gleichgültig. Lange aller⸗ dings nicht. Denn als er nach dem Unterricht in den Wald eilte, um von der schnöden Welt nichts mehr zu sehen, da ward ihm so unsäg⸗ lich weh zu Mut, daß er sich unter ein Hasel⸗ ußgebüsch auf die Erde warf und weinte. Dann brannte der Zorn in ihm auf über sich wegen seiner Schwäche und über das Annerl, das sich so bald von ihm gewendet hatte. Was hatte er sich denn zu Schulden kommen lassen? Daß er mit der Amalie von Pastors botanistert ate Es war zum Lachen— wenn er nur qätte lachen können! Aber gut ste sollten Recht behalten in der„Sonne“! Pastor Köschke sollte sein Schwiegervater werden und das Annerl 15 erkennen, wie ungeheuer gleichgültig sie m war. Es durchblitzte ihn anfangs nur. Allmälig aber fraß es sich in sein Herz ein, wie ein Wurm in das Fleisch eines Apfels. Nun wollte er die Gunst auch verdienen, die ihm Amalie entgegengebracht hatte. Daß er es in der ungeschicktesten Weise tat, schmeckte dem Fräulein Amalie wie die ersten Weintrauben. Der Pastor schien nichts zu bemerken. Nur einst, als er des Abends Kühle genteßend in seinem Garten wandelte, gleich dem Herrn im Paradiese, nur mit dem Unterschiede, daß er aus seiner langen Pfeife dampfte, während setne Frau, verschüchtert wie immer, auf einer Bank saß, ließ er, vor der Gattin stehen bleibend, die Worte fallen:„Ich glaube, meine Liebe, wir haben demnächst an eine Aussteuer zu denken!“ 5 „Der Herr erlöse uns,“ rief die Fran, ohne den Satz zu vollenden, indem sie von der Bank auffuhr und wieder zurückftel. „Amen!“ rief er und lachte, und die Frau murmelte, indem sie ganz in sich zusammen⸗ sank:„Golt verzeih' mir die Sünde, sie ist ja doch mein Kind!“ Am Pfingstsonntag sah Ruprecht vom Chor aus das Annerl unten im Gestühl sitzen, und er erschrak ob ihrer Blässe. Während der ganzen Predigt ließ er die Augen nicht von ihr, und fort und fort rief es ihm:„Ach, wie blaß, wie blaß!“ Der jammervolle Anblick wendete ihm das Herz um. Am zweiten Feiertage suchte sein Blick sie vergebens in der Kirche. Nachmittags sollte er im Pfarrhause Kaffee trinken und den Kuchen rühmen, den Amalie zum Feste gebacken hatte, daran ein gemeinsamer Spaziergang nach dem Forsthause sich schließen. Die im Buchenwalde auf der Höhe gelegene Försterei war ein be⸗ liebter Ausflugsort von Eulenried und den be⸗ nachbarten Dörfern. Man konnte dort Milch, Kaffee, Bier haben, und die reizende Aussicht ins Tal kostete nichts! In der Pfarre wartete man vergebens auf den Lehrer. Man mußte ohne ihn den Keffee trinken, ohne ihn auf den Weg sich machen. Auf der Stirn des Pastors, der schweigend vorausschritt, braute ein Gewitter. Plötzlich stieß Amalie einen Schrei aus. Was es denn ebe? fragte der Vater unzufrieden und wandte scch. Amalie konnte nicht reden; sie deutete mit der Hand nach einer Anhöhe, die nicht weit ab von der Försterei aus dem Grün der Buchen hervorsprang.„Wohl ein Liebespaar, das sich dorthin geflachket hat,“ sprach der Vater. „Meine Augen sind nicht mehr scharf genug, Nr. 41. Mitte Ideutsche Sountags⸗Zeitung Seite 7. — 0 0 um die Gesi . in der T esichter zu erken lit Kopf a at, denn die w nen.“ Ein Lieb n die S eibliche Ge espaar nt er lieh ste n 115 N l e n ab. And 1 50. und be mfc fungen 11 er seit 5585 Papa halte 1 vergilbtes B r. auf. 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