31. — L e it iele e beitet, utter Runde 55 0 E, Jahren les ell iltt il plett. einsten Herrn Lager zelnen und L 9055 t ee . Nr. 32. Gießen, den 6. August 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche un tags⸗Zeitung RNebaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. — 4 Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bestellungen 1 Jnserate kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreirung. Die 5 gespalt. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½/0/ und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt Sterblichkeit in Arbeiterkreisen. Zu zwei Abhandlungen von Regierungsrat Knöpfel über hessische Sterblichkeits— verhältnisse macht H. S. in der Frkftr. Ztg. folgende bedeutsame Anmerkungen: „Wenn ich die Bedeutung der Knöpfel'schen Abhandlung voll anerkenne, so kann ich dem Verfasser doch in einem wichtigen Punkt nicht zustimmen, nämlich in dem was er über die Ursachen des Unterschiedes in der Stadt⸗ und Landsterblichkeit sagt.(Kn. schreibt, die höhere Stadtsterblichkeit sei zum größten Teil bedingt durch die ungünstige Einwirkung des städtischen Berufs.) Wenn wirklich die indu⸗ strielle Arbeit Gesundheit und Leben mehr ge— fährdet, als die land wirtschaftliche, dann wäre es doch höchst sonderbar, daß grade in dem Zeitraum(1863-1900), in dem die Indu— striealisierung der Bevölkerung die größten Fortschritte gemacht hat, zugleich die auffal— lendste Besserung der Sterblichkeits— verhältnisse der Gesamtbevölkerung eintreten konnte(wie Kn. selbst nachweist). Dieser herrschenden Ansicht widersp richt auch das Ergebnis der zweiten Knöpfel'schen Ab— handlung, worin die Sterblichkeitsverhältnisse, der Gemeinden Lampertheim und Neu. Isenburg miteinander verglichen werden(die industrielle Bevölkerung von Neu-Isenburg weist eine viel geringere Sterblichkeit auf, als die land— wirtschaftliche von Lampertheim). Wir gehen sicher nicht fehl, wenn wir die Erklärung in den Einkommensverhältnissen suchen. Denu darüber sind sich heute doch wohl alle Nationalökonomen und alle Aerzte einig, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Bevölkerungsklassen auf die Sterblichkeit einen ungeheuern alle andern in Betracht kommenden Faktoren an Bedeutung weit überragenden Einfluß haben. Daher ist es durchaus not⸗ wendig für die Sterblichkeitsstatistik nicht nur nach Alter und Geschlecht und Stadt und Land zu differenzteren(unterscheiden), sondern auch nach den Einkommensverhältnissen, nach der Lebenshaltung der einzelnen Volksschichten.“ H. S. zeigt dann an Beispielen, daß diese Unterscheidung möglich ist. Er führt dabei u. a. folgende interessante Zahlen aus Kopen⸗ hagen an: Im Alter von 35 45 Jahren starben dort jährlich(1865 1874) im Durch⸗ schnitt von tausend Männern: 1. der wohlhabenden Klassen 9 2. des Mittelstandes 10 3. der Arbeiterbevölkerung 19 Für das folgende Lebensjahrzehnt von 45 bis 55 Jahren stellen sich die Zahlen wie folgt: 1. in den wohlhabenden Klassen 16 2. im Mittelstand 17 3. bei den Arbeitern 36 Für das Alter von 55 65 Jahren: 1. bei den Wohlhabenden 317 2. im Mittelstand 37 3. bei den Arbeitern 64 H. S. fährt dann fort:„Der Tod fordert also während der Zeit, in der der Einfluß der Berufstätigkeit sich naturgemäß am stärksten eltend machen muß, im Alter von 35—65 ahren von der Arbeiterbevölkerung noch ein⸗ mal so viel Opfer als vom Mittelstand und gar erst von den wohlhabenden Klassen, und selbst noch in den höchsten Lebensjahren(über 65) besteht zwischen arm und reich noch ein gewaltiger Unterschied zu ungunsten der Armen.“ Es werden dann die Unterschiede zwischen Stadt⸗ und Landsterblichkeit und zwischen der Sterblichkeit der wohlhabenden Klassen und der Arbeiterbevölkerung in Prozenten ausgerechnet und miteinander verglichen. Daraus ergibt sich, daß auf 100 Sterbefälle auf dem Lande 143 in der Stadt kommen. Freilich schon ein Unterschied! Aber wie unbedeutend ist er gegen⸗ über dem andern: Auf 100 Todesfälle in den wohlhabenden Klassen kommen 224 bei den minderbemittelten. Gegen frühere Zeiten be⸗ deutet diese Zahl noch einen Fortschritt, eine Besserung:„Dies ist die von Caprivi gewollte und vorausgesagte Wirkung seiner Handels⸗ verträge“.„Die durch die neuen Han⸗ delsverträge in Aussicht stehende Verschlechterung der Lebensbverhält⸗ nisse wird die Sterblichkeits-Unter⸗ schiede zwischen den untern und obern Einkommensteuerstufen noch vergrößern.“(Das sind die Erfolge, zu denen Fürst Bülow gratuliert bekommt!) Eine genaue Aufhellung dieses Gebietes würde hoffentlich dazu beitragen, das soziale Gewissen der Nation zu schärfen!“ Ob diese Hoffnung des Arttkelschreibers sich erfüllen wird? Man wird es uns gewiß nicht verdenken können, wenn wir uns auf sie jeden⸗ falls nicht verlassen. Zu breit macht sich in unsern Tagen das moralisch so rasch befriedigte Philisterrum mit dem Reichskanzler an der Spitze. Wie klein war das Häuflein der Bürgerlichen, das in den Zolltarifdebatten fest blieb! Wie lächerlich schwer hält es den Liberalen, die Vorurteile zu überwinden, die sie trennen und ohnmächtig machen! Wie schreitet dagegen umgekehrt die Zusammen— koppelung der„Staatserhaltenden“, der„Gut— gesinnten“ überall mächtig fort, deren ganze tiefgründige Einigkeit und politische Weisheit in der„Erkenntnis“ liegt, daß man in der Sozialdemokratie den gemeinsamen Feind zu bekämpfen habe! Der Kampf des bequemen denkträgen Alten gegen die Zukunft! Nein, wir wollen lieber nicht darauf warten, bis ihnen die Erleuchtung kommt, bis ihnen das Herz gerührt wird von der großen sozialen Not! Wir setzen auf euch unsre Hoffnungen, Arbeiter und Arbeiterinnen, auf euer Verständnis, auf euer Gefühl der Zusammengehörigkeit. Was euch diese Zahlen lehren, es ist ja nichts Neues für euch. Geahnt, gefühlt, gewußt habt ihr's ja läugst. Aber ste machen's euch deutlicher, sichtbarer noch als das Gefühl: daß ihr gradezu für euer Leben kämpft, wenn ihr dieser Zollpolitik von heute, diesem indirekten Steuerwesen, dieser gedanken⸗ und herzlosen Spießbürgersattheit den Krieg erklärt. Denkt an eure eigne Zukunft und, ihr Mütter, denkt an die Zukunft eurer Kinder! Wollt ihr euch uns in den Weg stellen, wenn wir um bessre Lebensbedingungen für euch ringen? Wenn wir euer Leben und eurer Kinder Leben um Jahre und Jahrzehnte zu verlängern streben? Wenn wir euch dieses Leben auch nach Möglichkeit lebenswert zu machen wünschten? Oder wollt ihr auch nur untätig bei Seite stehen, da es sich um euer J Dasein handelt? Was aber könnt ihr, was wollt ihr an all den Mißverhältnissen ändern und bessern, wenn ihr euch nicht stark macht durch Einigkeit? Ihr habt ja sonst nichts, ihr seid in allem den herrschenden Klassen uater⸗ legen, ihr habt nicht ihr Geld, nicht ihre Schulbildung, nicht ihr Ansehen, nicht ihre Zeit, nicht einmal die Länge ihres Lebens! Was also wollt ihr gegen sie, wenn ihr nicht das einzige aufbietet, worin ihr ihnen gewachsen seid: eure Zahl? Nur wenn wir ste aufbieten können, das ganze Heer der Werktätigen, der Unterdrückten in den Fabriken wie auf den Aeckern draußen, nur wenn euer aller Fäuste vereint an die Tore des Lebens donnern, nur dann gibt es für euch, für eure Kinder, für euern Stand eige Hoffnung auf die Zukunft! Darum seid Schmiede eures Schicksals! Hinein in die Partei des arbeitenden Volkes, in die Gewerkschaften, in die Genossenschaften, in die große Arbeiterbewegung eurer Zeit— hinein in den Kampf um's Dasein! K. Wbr. Politische Rundschau. Gießen, den 3. August 1905. Politisches von der Woche. Das reinste Aussperrungsfieber scheint das Unternehmertum ergriffen zu haben. An allen Enden Aussperrungen! Die Diffe⸗ renzen im rheinisch-westfälischen Baugewerbe sind noch nicht beigelegt und schon hat sich in der Textiliudustrie im Vogtlande und Thüringen ein neuer Kampf entsponnen. Die Färber in Glauchau und Merane verlangten eine kleine Aufbesserung ihrer erbärmlichen Löhne, doch machten die Arbeitgeber nur lächerliche gering— fügige Zugeständnisse. Mit diesen Vorschlägen erklärte sich eine große Versammlung der Aus⸗ ständigen in»Keerane nicht einverstanden, worauf der sächstsch⸗thüringische Färbereiverband am Montag 12000 Arbeiter aussperrte. Ende der Woche dürfte sich die Zahl der Aus- gesperrten auf 30000 belaufen.— In Bres⸗ lau wurden am Dienstag in 14 Fabriken die Metall⸗ und Eisendreher ausgesperrt. Bis 9. August wurde die Aussperrung sämtlicher Metallarbeiter angedroht. Auch in Erfurt wurden Metallarbeiter ausgesperrt.— Ange⸗ sichts dieser vielen und schweren Kämpfe muß die Arbeiterschaft auf dem Posten sein und ihre Organisationen ausbauen und widerstands⸗ fähig gestalten! Freisinnige Gesinnungslumperet schlimmster Sorte spricht aus einem Dank⸗ schreiben, das der Vorstand des Frei⸗ innigen Vereins in Fürth an den— Reichsverband zur Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie gerichtet hat. Darin wird dem Sozialistenvernichtungs-Verbande und seinen Agitatoren, also käuflichen Subjekten, wärmster Dank und Anerkennung ausgesprochen! Schlimmer kann der Freistun nicht mehr auf den Hund kommen! Uebrigens, wenn dieser sogenannte Reichsverband überall mit dem Erfolge wie in Fürth⸗Erlangen arbeitet, wo unsere Stimmenzahl eine bedeutende Steige⸗ rung, die bürgerliche dagegen Rückgang auf⸗ weist, dann kann ihm unsere Partei bald Dankschreiben schicken. Die Landtagswahlen in Baden sind auf den 19. Oktober festgesetzt. Unsere Partei⸗ Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 2. genossen haben bereits vor längerer Zeit für alle 73 Kreise Kandidaten aufgestellt und haben ihr Wahlprogramm veröffentlicht. Eine Anzahl Genossen sind in mehreren Kreisen als Kandi⸗ daten aufgestellt. Für erhöhte Tabaksteuer machte die konservative„Kreuzzeitung“ Stimmung. Bei den in sehr hohe Berliner Kreise hinaufreichen⸗ den Beziehungen des Junkerblattes ist anzu⸗ nehmen, daß es bestimmte Pläne widerspiegelt und daß es sicher ist, daß im Rahmen der sogenannten Reichsfinanzreform auch höhere Einnahmen aus dem Tabak erzielt werden sollen, wie das übrigens schon im Laufe des Winters wiederholt angekündigt wurde.„Be⸗ ruhigend“ wird diese Ankündigung natürlich sicher nicht wirken, und es wird vergebliche Mühe der Anhänger der Tabalsteuer sein, diese als harmlos und nicht belastend hinzustellen. Freiheitskampf. Gegenüber alldeutschen, antisemitischen und sonstigen geist⸗ wie gemütsarmen Kriegshetzern, die mit mordspatriotischen Phrasen uns am liebsten gegen alle Welt in Rüstung bringen möchten, widmet der„Simplizisstmus“ eine Nummer dem Frieden mit Frank reich. Da finden wir ein Gedicht von Thoma, das jenen großsprecherischen Radaumachern gegen⸗ über auf einen viel dringenderen geistig en Kampf hinweist, für den wir, statt gegen Frank⸗ reich unsere äußerliche militärische Kraft zu messen, besser von diesem Nachbarn lernen sollten: Das ist der Kampf für die Freiheit, für die innere Freiheit, in politischer wie in geistiger Richtung. Die Verse werden allen, denen das sich immer breiter bei uns machende„schneidige“ und dabei innerlich so spießbürgerlich armselige Kraftmeiertum zuwider ist, aus tiefster Seele gesprochen sein. Sie lauten: Deutschland und Frankreich. Hebt hoch das Glas! Wir wollen sagen So lieben wir dich, deutsches Land, Wie Mutterschoß, der uns getragen; Und Ehrfurcht heiligt unser Band. Doch wer dich hegt in treuem Herzen, Der will für dich kein Heldentum, Erkauft um bitt're Mutterschmerzen, Der wünscht dir keinen eitlen Ruhm. Nicht was an dir die Fürsten preisen Und Pfaffen segnen, gilt uns wert. Sei du als Heimat uns der Weisen, Als Land der Arbeit sei geehrt. Es sollen dir die besten Siege Für Freiheit noch beschieden sein, Und reich die Hand in diesem Kriege Der edlen Schwester überm Rhein! Ja, wie große Aufgaben wären uns da noch zu erfüllen! Denken wir an unsre Zoll⸗ wirtschaft, unsre Kirchenpolitik, unsre Wahl⸗ beschränkungen, an die grundsatzlosen Willkür⸗ lichkeiten unsrer feudalen Regierung, an die vornehme Geheimniskrämerei in der äußern Politik usw.! Offenbar denkt der Dichter im Besondern an den französischen Kulturkampf, in dem auch unser Genosse Jaures eine so hervorragende Rolle spielte. Aber zu dem Allen gehörte noch ein viel kraftvollerer demokratischer Wind, als wir ihn leider, leider zur Zeit in Deutschland haben! Es ist zu traurig, daß da unsre bürgerliche Demokratie so jämmerlich versagt. Da stehen, wie in jedem Volk und zu allen Zeiten, die beiden großen Richtungen auch bei uns sich gegenüber: Aristokratie und Demokratie, die Herrschaftspartei und die Freiheitspartei! Statt nun die eine von beiden zu fördern, hat sich der bürgerliche Liberalismus zwischen sie gestellt, und ist zwischen ihnen förmlich zerrieben worden. So hat Eugen Richter seine Kräfte im„Zweifrontenkampf“ vergeudet, so ist Pfarrer Naumann bei der letzten Wahl mattgesetzt worden, weil er schließlich ebenso kräftig gegen uns, als gegen die Reaktion zu Felde zog. Wenn's anders würde, wenn wir einmal eine wirklich charakterfeste Demokratie, einen nicht nur sogenannten„Liberalismus“ hätten, da könnte vielleicht auch bei uns in Preußen⸗ Deutschland das immer energischere Rückwärts⸗ steuern aufgehalten werden, könnte eine frei⸗ heitliche, volksfreundliche Politik gemacht werden. Aber selbst auf die Demokraten, der am weitesten nach links stehenden bürgerlichen Partei ist nicht der geringste Verlaß. Nur die Sozialdemokratie ist die wahre Freiheitspartet. Ein„nationaler“ Entrüstungsrummel erhob sich kürzlich über einen Artikel der„Mün⸗ chener Post“, unseres dortigen Parteiblattes. Der Artikel weist darauf hin, daß bei dem Marokkokonflikt tatsächlich die Lage eine gespannte und gefahrvolle war. Es hätte leicht dahin kommen können, daß mehrere Millionen Menschen marschieren mußten und hingeopfert wurden, ohne daß die Volksver⸗ tretung nur mit einer Silbe gefragt worden wäre. Auf diese Art würde das Volk zum Schlachtokeh degradiert. „Wir wollen also den sehen, schließt der Artikel, der uns mit vernünftigen Gründen— Phrasen haben bei uns keinen Kurs— be⸗ streitet, daß ein Schwein, das zum Schlachten geführt wird, im Grunde besser daran ist, als ein deutscher Soldat, der für einen solch aus⸗ gemachten Humbug wie der Marokkokoller sein Leben hätte hingeben müssen.“ i Daraus fälschte die bürgerliche Presse, die Münchener Post habe die deutschen Soldaten, die den„Heldentod“ sterben, mit Schweinen verglichen und so war der Entrüstungs⸗-Tamtam fertig. Für den Artikel, dessen Verfasser der frühere Offizier Rud. Kraft ist, machte die „Tägl. Rundschau“ den Gen. v. Vollmar verantwortlich und Vollmar hatte merkwürdiger⸗ weise nichts Eiligeres zu tun, als durch ein Telegramm an das bürgerliche Blatt zu er⸗ klären, daß er mit dem Artikel nichts zu tun habe. Mit Recht tadelt die ganze Partei⸗ presse das Verhalten Vollmars. Was konnte ihm, was kann überhaupt einem Parteigenossen daran liegen, wenn sich die bürgerliche Presse über ihn entrüstet! Und hielt er eine Erklärung für nötig, so standen ihm Parteiblätter zur Verfügung. Nach seiner neueren Erklärung hatte er den Artikel noch gar nicht gelesen! Sonst würde er gewiß nichts dagegen einge⸗ wendet haben. Wir wenigstens sind mit dem Artikel vollkommen ein verstanden. Wem nützt die Kolonialpolitik? Noch präziser müßte die Frage lauten: Wer steckt einen großen Teil des Geldes ein, das für die Kolonien bewilligt wird? Antwort darauf findet man in einer neulichen Veröffent⸗ lichung in der„Deutschen Tageszeitung“, in welcher der Vorsitzende der Gruppe Meiningen der deutschen Kolonialgesellschaft Gersten⸗ hauer heftige Angriffe gegen die kapitalistische Ausbeutung, die die„Südwestafrikanische Sied⸗ lungsgesellschaft“ betreibt. Er wirft der mit Staatsmitteln glänzend unterstützten Gesellschaft vor, daß ste die Besiedlung der Kolonie er⸗ schwere, statt sie zu erleichtern, und aus dem Verkauf der ihr geschenkten Ländereien unge⸗ heuere Gewinne herauswirtschafte. Nach der eigenen Bilanz des Hauptmachers der Gesell⸗ schaft Herrn Vohsen⸗Essen habe seine Gesell⸗ schaft bei einem Aktienkapital von 163000 Mk. bis 1903 einen Gewinn von 517000 Mk. erzielt. Herr Gerstenhauer schreibt: „Wir müssen gegenüber den Sonderinteressen gewisser Unternehmer, die auf Staatskosten Profit suchen, das Staatsinteresse, die Interessen der Gesamtheit ver⸗ treten. Das ist eine Forderung, von der die ganze Existenz der deutschen Kolonien abhängt. Denn wenn wir ihr nicht gerecht werden, so werden allmählich die Steuerzahler und ihre Vertreter im Reichstage der un⸗ aufhörlichen zwecklosen Ausgaben müde werden, und damit wären die deutschen Kolonien überhaupt verloren. Diese Kolonialmüdigkeit ist jetzt schon da; schon jetzt ist durch die Konzessionspolitik, durch die Praxis gewisser Gruppen von kolonialen Unternehmern, die es liebte, mit Reichszuschüssen und auf Reichskosten zu operieren, unsere Kolonialpolitik in Mißkredit geraten. Am 20. Oktober 1902 schrieb uns ein hochangesehener Ansiedler, der bekannte E. Hermann⸗Nomtsas über die„Kolonial⸗ schmarotzer, Konzessionsjäger und Landspekulanten“: „So fließt der ganze Kolonialetat in die Taschen weniger„Wissenden“, und die Kolonie bleibt arm und wimmelt von rui⸗ nierten Existenzen.“ Herr Gerstenhauer, der für Kolonien ist, glaubt höchst irrtümlicherweise die Kolonial⸗ müdigkeit dadurch zu bekämpfen, indem er den kolonialen Kapitalismus bekämpft. Vergebliches Bemühen! Die Kolonialpolitik ist eine Teil⸗ erscheinung der kapitalistischen Wirtschaft und man kann mit ihr keinen Hund mehr vom Ofen locken, wenn mit ihr keine Geschäfte mehr zu machen sind. Unsere Kolonialpatrioten pfeifen in dem Augenblicke auf die ganzen Kolonien, wenn sie sich dabei nicht bereichern können. Und wie's gemacht wird, geht aus einem Briefe hervor, der sich im Organ der Deutschen Kolontalgesellschaft fludet. In Windhuk, heißt es da, herrsche ein mächtiges Leben und Treiben. Große herrsche; die Kaufleute machten große Geschäfte. Die meisten der früher in den Stores(Läden) Angestellten hätten sich selbständig gemacht. Ein früherer Handlungsgehülfe der Damara⸗ und Namaqua⸗Handelsgesellschaft hat vor einem halben Jahre einen Kramladen eröffnet und in der kurzen Zeit 15000 Mk. zurück⸗ elegt. Die Farmer haben dabei das Zu⸗ schen bis auf wenige, die durch Frachtfuhren schönes Geld verdient haben. Da bestreite einer noch den Segen der Kolonien! 15000 Mk. in einem halben Jahre erspart! Aber— dieser ungeheure Verdienst ist in der deutschen Heimat aufge⸗ bracht! Dadurch, daß ungeheure Truppen⸗ massen in die nutzlose Sandwüste geschickt werden, blüht dort„das Geschäft“! Aus dem Lande selbst ist nichts zu ziehen, durch Arbeit nichts zu verdienen. Aber wenn man die Situation benützt, um für alle Bedürfnisartikel Phantasiepreise zu nehmen, dann kann man zu „Ersparnissen“ kommen. Schließlich bezahlt ja das deutsche Volk alles, und auf einige Millionen, die nebenbei in die Taschen der Spekulanten fließen, kommt es nicht an. Diese Leute werden die Kolonialpolitik segnen und sich mehr Kolontalkriege wünschen. Auf der andern Seite müssen Tausende das Leben lassen in dem zweck⸗ und erfolglosen Kriege, andere Tausende kommen als Krüppel oder totkrank in die Heimat zurück. Zwei Begnadigungs angelegenheiten. Durch die Presse gingen dieser Tage zwei Mitteilungen, die als Gegenstücke zu einander zu verschtedenen Gedanken auxregen dürften: Am 27. Mai v. J. hatte sich der Leutnant Haupt vom Grenadierregiment Nr. 123 wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt zu verantworten. Das Urteil lautete wegen 59 Fällen fort⸗ gesetzter vorsätzlicher Mißhandlungen wäh⸗ rend der Ausübung des Dienstes, wegen neun Vergehen der Beleidigung, wegen sechs Vergehen der vorschriftswidrigen Behandlung, wegen zwei Vergehen der Anmaßung der Strafgewalt und wegen eines weiteren Vergehens der Anstiftung eines Untergebenen zu einer mit Strafe be⸗ drohten Abhandlung auf neun Monate Festung. Am 22. Februar d. J. wurde Leutnant Haupt, nachdem er sieben Monate der erkannten Strafe verbüßt hatte, begnadigt und mit schlichtem Abschied aus dem Heere eutlassen. Am 20. Juli d. J. meldet eine Extra⸗Ausgabe des Mil.⸗Woch.⸗Blattes Nr. 88: „Haupt, Kgl. Württemb. Leutnant a. D., zuletzt im Gren.⸗Regt. K. K.(5 Württb.) Nr. 123, in der Preuß. Armee mit Patent vom 7. Februar 1900 als Leutnant d. R. des Rhein. Train⸗Bat. angestellt und vom 1. Aug. 1905 ab auf 1 Jahr zur Dienstleistung bei diesem Bataillon kommandiert; während dieser Dienst⸗ leistung ist sein Patent als vom 16. Februar 1900 datiert anzusehen.“ Also ein Offizier, der wegen gröblicher Dienstverfehlungen, wegen schlimmsten Miß⸗ brauchs seiner Dienstgewalt zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, erhält nicht nur im Wege der Begnadigung einen Teil der Strafe erlassen, sondern er wird nach einer kurzen Karenzzeit von einigen Monaten wieder dem Offizierstande zugeführt. Es muß schon auffallen, daß dieser Mann nicht zugleich mit seiner Verurteilung den schlichten Abschied erhalten hat; er hat so bei der Festungshaft noch von dem Offizierstitel profitiert. Ihn aber am 22. Febr. entlassen und am 20. Jult als Reserveleutnant wieder anstellen mit ein⸗ Wohnungsnot lanten Leute mehr Seite dem lende n die ten. zwel zander en: utnant wegen orten. foll⸗ bäh⸗ neun ehen f wel t und ung fe be⸗ Hate Wurde Lonate adigt 5 Nr. 32. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite. jähriger Dienstleistung, das bedeutet doch, daß diese Entlassung kaum eine andere Bedeutung hatte, als ein Erholungsurlaub. Die Anstellung als Reserveleutnant ist natürlich nur ein Ueber⸗ gang zur Neuanstellung als aktiver Leutnant, und der Uebergang vom Train zur Infanterie wird dann auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Durch die Zurückdatierung des Patents wird die Wirkung der Strafe vollends aufgehoben, und der Herr Leutnant kann mit ungeschwächten Kräften seine Soldatenerziehung wieder aufnehmen. Allerdings in Preußen, in Württemberg will man ihn nicht mehr. Was man dort verschmäht, nimmt Preußen mit offenen Armen auf. Und auf diese Weise will der Kriegsminister die Soldatenmißhand⸗ lungen ausrotten! Weniger glücklich war der Sünder, von dem in der andern Mitteilung die Rede ist. Da wird berichtet: Der Kaiser hat das Gnadengesuch des Lehrers Zern in Hirzweiler bei Neunkirchen abschlägig beschieden. Zern war unter eigen⸗ artigen Umständen wegen Majestätsbelei⸗ digung zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Leute, mit denen er sich verfeindet hatte, und die aus sehr unedlen Motiven han- delten, sich auch keineswegs besonderen Ansehens erfreuten, waren die Denunztanten des durch⸗ aus unbescholtenen Mannes. Die weit über⸗ wiegende Mehrzahl der Einwohner Hirzweilers hält Zern nach wie vor für unschuldig. Ein der Majestätsbeleidigung nur Verdächtigter wird aber schon als größerer Verbrecher angesehen als ein Soldatenschinder. Deutische Streikjustiz. Weiler mit einem Arbeitswilligen nicht singen wollte, so berichtet man am 28. Juli aus Halle, wurde der Arbeiter Hermann Saupe aus Baursdorf bei Schkeuditz vom Schöffengericht zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Arbeiter Butzkuß war bei der Firma Schäfer, wo gestreikt wurde, in Arbeit getreten. Saupe, der mit Butzkuß in einem Gesangverein war, verlangte mit mehreren Mitgliedern, daß Butzkuß ausgeschlossen werden solle, und rief eines Abends, als Butzkuß dennoch wieder zur Singstunde kam,„Pfui!“. Das Schkeuditzer Schöffengericht sagte, dieses Tun Saupes zeuge von„niedriger Gesinnung“, und das Hallesche Landgericht bestätigte das merk⸗ würdige Gefängnisurteil, obwohl Saupe bisher Unbestraft ist. Der Arbeiter Wilhelm Zöllner von Schkeuditz hatte gelegentlich desselben Streiks dem Arbeitswilligen Dulke die wahrlich nicht ernst zu nehmenden Worte zugerufen:„Du Streikbrecher, ich fresse Dich mit allen Kal⸗ daunen.“ Diese Aeußerung brachte dem Manne in Schkeuditz wegen Beleidigung nicht weniger als— drei Monate Gefängnis ein. Dies war den Halleschen Richtern denn doch etwas zu bunt, und sie ermäßigten die Strafe auf sechs Wochen Gefängnis. Trotzdem die unerhörte Strafe für eine Redensart, die un⸗ gehobelt sein mag, aber die kein Mensch ernst nehmen wird und gewiß der Streikbrecher selber nicht. Betrachtet man dagegen die für Sol daten⸗ schinderei erkannten Strafen, so wird man die Wege der deutschen Gerechtigkeit für merkwürdig wunderbar erklären müssen. Menschenfett für den Kapitalismus! In Zeiten finsteren Aberglaubeus schrieb man dem Menschenfett wundersame Wirkungen zu. Manche schauervolle Untat ist auf diesen schrecklichen Irrwahn zurückzuführen. Aber auch im aufgeklärten 20. Jahrhundert glauben die Diener des Götzen Kapital des„Menschen⸗ fetts“ nicht entraten zu können, das ihnen helfen soll, schmutziges Gestein in gleißendes Gold zu wandeln. Die„Bergarbeiterzeitung“ bespricht in ihrer neulichen Nummer ausführlich die Ursacken des fürchterlichen Grubenun: glücks auf der„Borussia“, dessen Opfer immer noch nicht vollzählig zu Tage gefördert werden konnten und erinnert an den früheren Borussiaprozeß, in dem Genosse Hue zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden »Eine Probe war, weil die„Bergarbeiter-⸗Zeitung“ die Ur⸗ sachen der damaligen Wetter- und Kohlenstaub⸗ explosion besprach. Wie damals der Staats⸗ anwalt von frivolen Betrügereien auf Zeche Borussta gesprochen habe, so seien die selben Betrügereien auch bei der Untersuchungs⸗ kommisston passiert! Darn wird ein wahres Schreckensregiment auf Borussia ent⸗ hüllt. Ausdrücke des Betriebsführers, wie: „Ich sch.... auf Ihre Zeugen!“ und des Steigers Rost:„Ihr müßt den Kohlen⸗ berg mit Menschenfett schmieren, dann wird er weich!“ treibt jedem, der noch Mensch ist, das Blut zum Kopfe. Infolge der herrschenden Brutalität und des ausbeute⸗ rischen Raubbaues auf der„Borussia“ haben dort auf 100 Arbeiterplätzen 205 gewechselt; die Grube sei ein reiner Taubenschlag gewesen. Nach Aufzählung all' der Misstände wird die Hoffnung ausgesprochen, es möge abermals eine Anklage erhoben werden, um öffentlich aller Welt erzählen zu können, wie der deutsche Kapitalismus seine Räder mit Menschenfett schmiert und wilch' inniger Zusammenhang zwischen Gedingedrückerei, Schufterei, Entlassung und steigender Betriebsunsicherheit bis zur Katastrophe besteht. Ob die Beteiligten Lust zu einer neuen Klage haben werden? Gegen die Wahl Barbecks im Lgahlkreise Fürth⸗Erlangen haben unsere Parteigenossen, wie die„Fränk. Tagespost“ mitteilt, wiederum Protest eingelegt. Die Wahlmogeleien und Kassierungsgründe sind beim sozialdemokratischen Wahlkomitee so zahl⸗ reich eingelaufen, daß dieses beschloß, die Wahl Barbecks abermals anzufechten. Hatte beim letzten Protest der Reichstag nur zu entscheiden über die verwendete Stimmzettelgröße, so werden diesmal alle die unsauberen Manipulationen der bürgerlichen Parteien im Reichstage der Oeffentlichkeit preisgegeben werden. Nussisch⸗japanischer Krieg. Zu der in der Mandschurei erwarteten großen Schlacht ist es bis zur Stunde noch nicht ge⸗ kommen, doch wurde berichtet, daß die Japaner den Russen sehr nahe auf den Leib gerückt sind. General Lenewitsch schickt aber nach alter rus— sischer Gepflogenheit siegessichere Depeschen an den Zaren. Die Insel Sachalin haben die Japaner nun vollständig im Besitz. Sie sind sogar in der Castriesbucht, auf sibirischem also Rußlands eigenem Gebiete gelandet. Soziales. Kinderausbeutung im Junkerlande. folgender, von der Landwirtschaftskammer der Provinz Ostpreußen einstimmig gefaßte Beschluß: 1. Die Heranziehung von Schulkindern zu leichteren land⸗ und haus wirtschaftlichen Arbeiten ist bei dem durch die Abwanderung entstandenen Arbeitermangel, unter welchem am meisten die bäuerlichen Besttzer und die ärmsten Gebiete der Provinz leiden, un ver⸗ meidlich. Die Lohnhöhe für Hüte⸗ kinder bietet Gewähr dafür, daß nur in den zwingendsten Fällen und nur so lange, als der Arbeitermangel die Wirtschaftsführung und Viehhaltung der Bauern gefährdet, Kinder zum Hütedienst herangezogen werden. 2. Gefahren für Gesundheit und Sittlichkeit sind nicht notwendig mit solcher Lohnbeschäftigung verbunden, vielmehr sind die leichteren Beschaf⸗ tigungen im Freien einer gesunden Entwicklung der Kinder förderlich. 3. Wo ausnahmsweise eine Ueberanspannung der kindlichen Arbeits- kraft durch zu schwere Arbeitsleistungen oder durch zu geringe Bemessung der Ruhepausen stattfindet, muß ihr entgegengetreten werden. 4. Bei der Unterkunft, die lohnarbeitenden Kindern gewährt wird, muß auf die Interessen ihrer sittlichen Entwicklung Rücksicht genommen werden; die Möglichkeit hierfür dürfte in der Regel vorhanden sein. e Leider wird die Lohnhöhe nicht genannt; es wäre wirklich sehr interessant, zu erfahren, ostelbischer Sozialpolitik liefert wie viel Pfenagige im Durchschnitt ein Hütekind verdient. Von sehr weitherziger Auffassung zeugt die Behauptung, Gefahren für Gesundheit und Sittlichkeit seien nicht notwendig mit der Beschäftigung verbunden. Gewiß nicht; es kann ja vorkommen, daß die körperliche und moralische Konstitution eines Kindes so stark ist, daß sie sogar ostpreußische Zustände ohne Schaden erträgt; das beweist dann die Richtig⸗ keit der agrarischen Theorle.„In der Regel“ kann ja auck bei der Unterbringung der Kinder auf ihre sittliche Entwicklung Rücksicht genommen werden, und— wenn nicht, denn nicht!— So sorgen die deutschen Musterpatrioten für „Hebung“ deutscher Kultur. Wer getötet wird, erleidet keinen Schaden! Ein Ehemann, dessen Frau bei einer Eisenbahnfahrt tötlich verunglückte, erhob, nach der„Welt am Montag“, Anspruch gegen den Eisenbahnfiskus, den er durch alle Instanzen verfocht. Schließlich wurde vom Reichs ⸗ gericht durch Urteil vom 24. Mai 1905 die Revision des Klägers zurückgewiesen. Der klassische Schlußsatz dieses Urteils lautet wörtlich: „Einen Schaden hat aber die Frau, da sie getötet worden, nicht erlitten; nur das Fahrgeld könnten ihre Erben auf Grund des ehelichen Güterrechts zurückfordern; einen solchen Anspruch haben aber die Kläger nicht erhoben.“ Danach ist zu hoffen, daß bei künftigen Eisenbahnunfällen stets ganze Arbeit gemacht wird, dann tut sich der Verkehrsfiskus leicht. Landes-Konferenz der Sozialdemokraten Hessens Samstag, 19., Sonntag, 20. Aug. 1905 in Alzey im Saalbau. Vorläufige Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. 2. Rechnungsablage. 3. Der Parteitag in Jena und die Organisation der Partei. 4. Tätigkeit des Landtags und die bevorstehenden Land—⸗ tags wahlen. 5. Einlaufende Anträge. 6. Wahl des Landes⸗Komitees. 7. Wahl des Ortes der nächsten Landes-Konferenz. Partelgenossen! Wählt die Delegierten, damit die Landes⸗Konferenz zahlreich beschickt und die Wichtig⸗ keit der Tagesordnung erfordert die eingehendste Dis⸗ kussion derselben. Tretet unverzüglich in dieselbe ein! Etwaige Anträge sind an den Genossen Ulrich einzu⸗ senden. Die Delegierten müssen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare erhalten die Genossen ebenfalls durch den Genossen Ulrich. Die Delegierten, welche auf Nachtquartier und Mitlagessen rechnen, sind dringend gebeten, dies dem Gevossen Jakob Korell spätestens bis zum 12. August mitzuteilen. Das Landes⸗Komttee: C. Ulrich, J. Orb, Große Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. pon Mah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Sozieldemokratische Bilder⸗ stür mer sollen nach einer Schwindelnotiz der Ordnungspresse— selbstverständlich druckte auch der Gießener Anzeiger den Kohl nach— unsere Berliner Parteigenossen sein. Und zwar soll sich ihre Zerstörungswut gegen die Bilder des Genossen Vollmar richten. „In einem Versammlungslokal in Berlin, so heißt es in der Schauermär, wo das Gruppenbild der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten aushängt, haben empörte„Genossen“ das Gesicht des Abg. v. Vollmar mit Tinte vollständig unkenntlich ge⸗ macht und an einer anderen Stelle haben die Hände der Genossen dem Bilde desselben Abgeordneten einen Nagel durch die Stirn geschlagen.“ Schauderhafte Kerle, diese Berliner Sozial⸗ demokraten! Und warum diese Bildervernich⸗ tung? Weil— so verkündet die ordnungs⸗ blattliche Mär weiter— die bayrischen Genossen bei den Landtagswahlen das Zentrum unter⸗ stützt hätten! In Jena werde es darüber jeden⸗ falls zum Krach kommen. Na, das Amtsblatt 1— 2 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 32. und seine Geschwister mögen sich beruhigen. Wenns in Jena Auseinandersetzungen gibt, über die von den bayrischen Genossen befolgte Wahltaktik anz sicher nicht. Noch nicht ein einziges Parteiblatt hat sich dagegen gewendet. Das Schönste aber ist, daß der Anzeiger den Schwindel nachdruckte, als er bereits vom Vorwärts als solcher zurückgewiesen war! Für die Wahrheits⸗ 1 Amtsblattes ist dies sehr bezeich⸗ nend. — Ueber Teuerung der Lebens⸗ mittel wird jetzt allgemein und zwar mit vollem Recht geklagt. Die Fleischpreise haben eine Höhe erreicht, die noch nicht da war und die Arbeiterfamilien einfach zwingt, auf Fleisch⸗ nahrung zu verzichten. Butter kostete auf dem Markte am Samstag 1.30 Mark das Pfund, Eier sind für Minderbemittelte ebenfalls nicht zu bezahlen. Auch Gemüse, Beeren ꝛc. verzeichnen trotz der durchaus günstigen Witte⸗ rung überaus hohe Preise. Vielen Arbeiter⸗ familien ist es daher unmöglich, sich für den Winter einiges Gelee ꝛc. einzukochen, zumal auch der Zucker infolge der Preistreiberei des Syndikats fast so teuer ist als früher. Die profitgierigen Kapitalisten verstehen es, das Volk in jeder Beziehung zu schröpfen. Wehrt Euch dagegen! 5 — Der sozialdemokratische Wahl⸗ verein hält am Samstag den 12. August im Lokale Orbig seine Generalversamm⸗ lung ab. Diese sollte eigentlich schon am ver⸗ gangenen Nereinsabende stattfinden, doch es war die Versammlung wegen ungenügender Bekanntmachung sehr schwach besucht und des⸗ halb wurde sie auf die nächste Versammlung verschoben. Die Tagesordnung ist aus dem Inserat ersichtlich. Es ist Pflicht jedes Mit⸗ gliedes in der Versammlung zu erscheinen. — Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitungund Buchdruckertarif. Wir sind nochmals genötigt, die Leser mit einer Sache zu behelligen, die in unserem Blatte be⸗ reits mehrfach erörtert und vollkommen klar gestellt wurde. Es handelt sich um den im Buchdrucker. Correspondent erschienenen von uns schon in der Nummer vom 11. Juni zitierten Bericht über eine Gießener Buchdrucker Ver⸗ sammlung. Dieser Bericht, dessen ungeschickte und unrichtige Fassung von dem Einsender selbstbedauert und auch im„Correspon⸗ dent“ berichtigt wurde, gibt, wie das voraus- zusehen war, der bürgerlichen Presse Veran⸗ lassung zu Angriffen auf unser Blatt und unsere Partei. Besonders die Zentrums- und Stöcker⸗ presse geht damit krebsen. Wir müssen daher Folgendes erklären: J. Die Druckerei, in der unser Blatt her- 9 95 5 wird, gehört nicht der Partei. Die Firmeninhaber Heppeler& Meyer sind nicht Angehörige der sozialdemokratischen Partei. 3. In dem Druckvertrag zwischen unserm Verlag und der Firma ist festgelegt, daß die Firma die Bedingungen des Buch⸗ drucker⸗Tarifs erfüllen soll. 4. Letzteres ist der Fall. Ein von der Buchdrucker⸗Versammlung beschlossener Antrag an das Tarifamt, die Firma aus der Tarifgemeinschaft zu streichen, wurde als gänzlich unbegründet 1 Hinzugefügt set noch, daß die Buchdrucker verlangen, daß nur Verbands mitglieder an der Zeitung beschäftigt werden sollen und darüber schweben Verhandlungen. Dem stöckerschen„Nassauer Volksfreund“ in Herborn, der uns wegen dieser Sache an⸗ pöbelt, ließ die Preßkommission eine Erklärung mit obigen Tatsachen zugehen, das Blatt nahm sie aber nicht auf, hielt im Gegenteil seine schmutzigen Angriffe aufrecht. Dieses Verhalten des christlichen Blattes müssen wir als ehr⸗ los und gemein bezeichnen. — Die„Freie Turnerschaft“ hält diesen Sonntag auf der Pulvermühle ihr Sommerfe st ab, dessen näheres Programm aus dem Inserat ersichtlich ist. Die Turner dürfen wohl auf einen starken Besuch ihres Festes aus den Kreisen der Arbeiterschaft Gießens und Umgegend rechnen, schon wegen der dort gebotenen Unterhaltung, sie haben aber auch Anspruch auf urch weil sie die Arbeiterfeste stets durch ihre Leistungen ver⸗ schönern helfen. — Durch ein Schadenfeuer, daß am Montag Abend ausbrach, wurde das Lagerhaus des Elsoffer'schen Warenhauses i der Markt⸗ straße eingeäschert. Die Feuerwehr konnte den Brand auf das eine unbewohnte Gebäude be⸗ schränken. Die bei dem Feuerlärm entstandene Aufregung benutzte ein Dieb, um in dem Metzgergeschäfte von L. Sack Wtwe. eine Geld⸗ summe von 1500 Mk. aus einem unverschlossenen Pulte zu stehlen. Frau Sack hatte sich auf nur wenige Minuten nach der Brandstelle be⸗ geben und auch von dem übrigen Personal war niemand anwesend. Der Dieb wurde bis jetzt noch nicht ermittelt. Aus dem Rreise gießen. — In Garbenteich entwickelt sich unser vor wenigen Wochen gegründete Verein vor⸗ trefflich. Er zählt jetzt bereits 34 Mitglieder und es ist zweifellos noch auf weiteren nicht unbedeutenden Zuwachs zu rechnen. Von einem Orte wie Garbenteich, wo fast nur Arbeiter wohnen, darf man auch billigerweise verlangen, daß eine kräftige politische Arbeiterorganisation vorhanden ist. Es hätte schon längst der Fall sein sollen! Am Sonntag fand im„Kühlen Grunde“ eine Versammlung statt, welche ein Referat des Genossen Vetters über:„Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie“ entgegennahm. Den Ausführungen des Redners, welcher die Erbärmlichkeit der Angriffe kennzeichnete, die von den Gegnern und ihrer Presse täglich gegen uns erhoben werden, wurde allgemein zugestimmt. Mehrere Diskusstonsredner forderten zu einigem Zusammenhalt auf. Immer vorwärts! r. Watzenborn⸗Steinberg. Unser Wahlverein hielt am Samstag seine regelmäßige Versammlung ab, die angesichts der wichtigen Tagesordnung etwas stärker besucht sein konnte. Zum ersten Punkte erläuterte der Vorsitzende die Beratungsgegenstände der Kreiskonferenz und es wurde im Anschluß ein Antrag angenommen, wonach der Punkt„Unsere Presse“ mit auf die Tages⸗ ordnung gesetzt werden soll. Zwei Delegierte zur Kreis⸗ konferenz wurden gewählt. Ueber die Landeskonfe⸗ renz in Alzey sprach ebenfalls der Vorsitzende und er bemerkte hierbei, daß von Seiten des Landeskomitees in Bezug der Agitation für das direkte Wahlrecht mehr getan werden müßte. Auch die dem Landtage zuge⸗ gangene Vorlage über die Revision der Verwaltungs⸗ gesetze biete sehr viel Material, das ausgenützt werden könnte und über das Aufklärung geschaffen werden müßte. Ueber die Beschickung der Landeskonferenz be⸗ schließt eine am Sonntag, den 6. August stattfindende Bezirlsversammlung. Unter Verschiedenem wurden noch die politischen Tagesereignisse besprochen. — Die unpatrtotischen Heuchel⸗ heimer. Bei dem Bismarcksrummel wurde eine Urkunde in den Grundstein des zu er⸗ richtenden Denkmals eingelassen, in der es heißt: „Weniger entgegenkommend waret Ihr, Ihr Bauern von Heuchelheim, die Ihr von uns 1 Mark heutigen Geldes für den Geviertmeter Ackers verlangtet, der doch sonst nur 15 Pfg. gilt.“ Für den Zweck hätten die Heuchelheimer mindestens das Doppelte verlangen sollen. Aus dem Rreise qriedberg⸗Büdingen. n. Ein Volksbad soll in Friedberg errichtet werden und die Stadt hat bereits Gelände dafür ge⸗ kauft. Und zwar hat unser Genosse Bu sold der Stadt dazu verholfen. Es ist ihm gelungen, ein Grundstück von 2000 Quadratmeter in bester Lage der Stadt für rund 28 000 Mark zu erwerben und der Stadt zum gleichen Preis zur Verfügung zu stellen. Die Stadt hat das Angebot angenommen. Allgemein wird diese Tat besprochen und anerkannt; ist für uns doch die Errichtung eines Volksbades damit in die Nähe gerückt. Busold hatte schon früher, als er noch in der Stadtverordneten⸗Versammlung war, oft die Errichtung eines Volksbades ang⸗regt, immer wurde ihm entgegnet, daß kein Platz dafür da sei, jetzt hat nun Busold diese schwierige Frage gelöst. Das Amtsblatt, das sonst jeden Besitzwechsel meldet, bringt von dieser Sache kein Wort. Es scheint darüber unzufrieden zu sein, daß es gerade ein Sozialdemokrat war, der durch sein Bemühen diese Sache so weit gefördert hat, und sie fürchten, daß, wenn sie davon schreiben, der Name desselben hier noch popu⸗ lärer würde, als er ohnehin schon ist. Diese Todschweige⸗ Taktik wird aber dem Genossen Busold nichts schaden! V. Die Kreis konferenz für den Wahlkreis Friedberg, die am Sonntag in Heldenbergen tagte, war von 34 Delegierten besucht, die 20 Orte vertraten. Nach dem Geschäftsbericht, den der Kassterer, Genosse Kühn⸗Friedberg, erstattete, hat der Wahlverein im verflossenen Jahre gute Fortschritte gemacht. Neun Filialen wurden neu gegründet. Die Mitgliederzahl stieg von 750 auf 1050. Der Bezirk Friedberg hat in dem Genossen Repp, der nach Hamburg übergesiedelt ist, eine tüchtige Arbeitskraft verloren. In Friedberg selbst ruht die Agitation auf den Schultern weniger Genossen, weshalb ein Antrag gestellt ist, den Sitz der Kreisleitung nach Vilbel zu verlegen. Vilbel ist die größte Filiale; außerdem befindet sich dort ein Stamm tüchtiger, rühriger Genossen. Die Kassenverhältnisse haben sich auch gegen das Vorjahr besser gestaltet. An Ein⸗ nahmen sind 1662.79 Mark und an Ausgaben 1223.88 Mark zu verzeichnen. Der Kassenbestand beträgt 438.94 Mark. Gerügt wird in dem Bericht, daß in einzelnen Orten sogar die Verteilung des Agitationskalenders am Orte selbst den Genossen bezahlt worden sei. Den Genossen sollten nur die Ausgaben bei auswärtigen Verteilungen ersetzt werden,— Anschließend hieran er⸗ statten die Bezirksleiter ihre Berichte. Daraus ist hervorzuheben, daß die Vilbeler Genossen in ihrem Bezirke eine rührige Tätigkeit entfalteten. Vilbel selbst hat 320 politisch organisierte Parteigenossen. Bei der Gemeinderatswahl konnten Erfolge erzielt werden, weil man sich direkt an das Parteiprogramm hielt und nur überzeugte Genossen aufstellte. Auch in Ilbenstadt wurde ein Genosse in den Gemeinderat gewählt. In Burggräfenrode erzielten die Genossen zwar keinen direkten Erfolg, es wurde aber durch die Beteiligung der Genossen an der Wahl erreicht, daß der wütendste Gegner der Arbeiter, das Gemeinderatsmitglied Kost, abgehalftert und aus dem Gemeinderat hinausgewählt wurde. Im Ganzen zogen im Bezirk Vilbel sieben neue sozialdemokratische Gemeinderatsmitglieder in die verschiedenen Gemeindeverwaltungen ein. Schwieriger war schon die Agitation im Bezirk Rodheim. Nach weiteren Berichten und einer längeren Diskussion dar⸗ über wird der Antrag des Vorstandes, die Krersleitung nach Vilbel zu verlegen, angenommen und zum Vorsitzenden Karl Armbrust gewählt. Ueber die bevorstehende Landtagswahl referiert sodann Genosse Karl Armbrust. Er erläutert eingehend die Wahlrechtsbestimmungen. Die erste Voraussetzung sei, daß man charakterfeste Leute als Wahlmänner auf⸗ stelle. Bei einer einigermaßen geschickten Agitation könne der Landtagswahlbezirk Vilbel erobert werden. In 21 Ortschaften sind 34 Wahlmänner zu wählen. Die Arbeiter sollten ein wachsames Auge auf die Gegner haben, die oft noch in letzter Minute allerhand Wahl⸗ manöver anwenden. Ueber die diesjährige Landeskonferenz sprach Busold. An der Tätigkeit der Landtagsfraktion sei in diesem Jahre nichts auszusetzen. Höchstens könne man sagen, daß das Landeskomitee nicht im vollen Umfange seine Schuldigkeit getan habe. Dies liege aber in den Ver⸗ hältnissen. Die Anstellung eines besoldeten Partei⸗ sekretärs sei um so mehr notwendig, als auch das Zentrum bestrebt sei, immer mehr Sekretäre anzustellen. — In Bezug auf die Presse erklärte Busold, ein Wochenblatt, in dem die hessischen Verhältnisse berück⸗ sichtigt würden, für unbedingt notwendig und deshalb müsse für Verbreitung der„Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung“ das Möglichste getan werden.— Ferner müsse der oberhessische Bezirk besser vom Landeskomitee unter⸗ stützt werden.— Dann wurde über den Parteitag in Jena verhandelt, über den ebenfalls Busold sprach. Er erörterte besonders das Organisationsstalut. Er erklärt sich besonders mit der Bestimmung einverstanden, nach welcher der Parteivorstand dort mit zu entscheiden haben soll, wo es zu Meinungsverschiedenheiten kommt bei der Aufstellung von Kandidaten. Dies könne leicht vorkommen, wenn, wie es jetzt auch in Isenburg wieder geschah, ein Doktor als Landtagskandidat aufgestellt würde, der in der Partei ganz fremd sei. Manchen in der Agitation erprobten Arbeiter müsse dies vor den Kopf stoßen.— Als Delegierter zum Parteitage wird Busold gewählt. Aus dem Rreise Wetzlar. n. Die Parteiversammlung für den Wahlkreis Wetzlar, welche am Sonntag in Gießen abgehalten wurde, war nicht so gut be⸗ sucht, wie es hätte sein sollen. Im ganzen Jahre findet in der Regel nur eine solche Ver⸗ sammlung statt und es müßten sich dazu die Kollegen immer recht zahlreich einfinden. Als erster Punkt kommt der neue Organisations⸗ entwurf der Partei zur Beratung. Es werden die einzelnen Bestimmungen vom Vorsitzenden verlesen und erläutert und nach kurzer Debatte gutgeheißen. Im weiteren beschließt die Ver⸗ sammlung, die diesjährige Lassallefeier am 27. August in Gleiberg abzuhalten. 8.88 8.94 elnen am Den igen N er i it hem selbs der weil nur tabt einen gung dste Keost, wählt seben die riger Nach dar⸗ tung zum triert hend ung auf⸗ önne Ju Die oller gahl⸗ old. lesem agen, eine Ver⸗ attei⸗ daß ellen. „eln erüch⸗ halb tohz⸗ müse inter⸗ tag fach. Et den, eden umt leicht hledet felt n in dell wird — S Nr. 32. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitunc. Seite 5. Dem Vorstaud wu anheim gegeben, einen ge— eigneten Referenten zu gewinnen. Zu Punkt 3 teilt Gen. Fauth mit, daß die örtliche Organi⸗ sation in Wetzlar bereits beschlossen habe, den Parteitag zu beschicken. Es frage sich nun, ob wir die Delegation einem Nachbarkreis über⸗ tragen wollen, oder ob wir selbständig einen Delegierten entsenden wollen. Geu. Vonrhein beantragt, die Versammlung möge beschließen: „der Wahlkreis Wetzlar Altenkirchen entsendet zum diesjährigen Parteitag in Jena einen Dele⸗ gierten.“ Dieser Antrag wurde angenommen, Gen. Fauth wurde zum Delegierten bestimmt. Damit wurde die Versammlung gegen 7 Uhr geschlossen. W. Ueber die Lage der Bergarbeiter im Lahn⸗Dill⸗Bergrevier. Reich an Naturschön⸗ heiten, mit welchen aber der Reichtum an Erzen kon⸗ kurrieren kann, ist das Wetzlarer Bergrevier. Rühmt man aber bei den hiesigen Bergarbeitern dieses sein herrliches Heimatland, so erhält man zur Antwort, was hilft ein die ganze Naturschönheit, komme ich nach beendigter Schicht nach Hause, so kann ich mich nicht an der Natur ergötzen, sondern ich muß schleunigst auf's Feld, um der Natur noch in schwerer Arbeit, schwerer noch dadurch, daß ich schon matt und abgehetzt von der Grubenarbeit, noch das Nötigste abzuringen zum Lebens⸗ unterhalt. Was helfen mir auch all die Erdschätze, was hilft mir das ganze Eisenerz, welches doch so reichhaltig bis über 50% im Durchschnitt an Eisen ist, wenn ich nicht einmal soviel verdiene, um mir einen neuen Pflug von diesem Metall anzuschaffen. Es ist auch wirklich nicht übertrieben, was diese Leute sagen. Diese Kameraden mit ihrem kleinen Besitztum an Acker oder Wiese, sind wirklich schlimmer daran, als der besitzlose Bergproletarier des Ruhrgebiets und anderer Reviere. Schmutzig, zwar nicht schwarz wie eln Mohr, aber rot wie ein Indianer, geht der Eisenerzbergmann nach Hause, Waschkannen mit ihren für Gesundheit und damit auch Kräftigung der Arbeiter so hoch nötigen Brausen kennt er nicht. Zu Hause angekommen, kann er sich nicht ausruhen, um frische Kräfte für die kommende Schicht zu sammeln, nein mit Hast wird die dürftige Mahlzeit eingenommen, um in Eile auf sein Stückchen Land zu kommen, wo er nicht etwa zum Vergnügen ein wenig arbeitet, nein, mit allen Kräften, die er noch besitzt— und es sind wahrlich nicht mehr viel— muß er sich bis zur sinkenden Nacht abschinden Seine Seßhaftigkeit, sein kleines Besitztum, gereicht ihm zum Verderben, früher als andere Arbeiterklassen, ist sein Körper ruiniert, denn der Kapitalist benutzt diese Anhänglichkeit an die Scholle dazu, die schlechtesten Löhne auszuzahlen, er kennt die Liebe des Gatten zu seinem Heimatland. Wenn es ihm noch so schlecht geht, trösten sie sich mit dem Sprichwort„Dahem is Dahem“, und rücksichtslos beuten die Kapitalisten diese an die Scholle klebenden Arbeiter aus. Unterhält man sich hier mit einem Beamten über dieses elende Leben des Bergarbeiters, so heißt es doch, es werden ja hier noch ganz schöne Löhne verdient, ich habe Arbeiter, welche sechzig bis achtzig Mark verdienen. Leider haben aber nur wenige Kameraden das Glück, solch' riesige(9) Monatslöhne zu verdienen. Ich traf sehr viele Kameraden, welche monatlich mit 45, 40, auch 35 und noch weniger Mark nach Hause gehen. Was hilft diesen dann ihr kleines Eigentum oder Pachtland? Trotz des Ertrags ihrer kleinen Parzelle werden der Schulden immer mehr! Auch die Wetzlarer Knappschafts⸗ kasse läßt alles zu wünschen übrig. Mit Gicht und Rheumatismus behaftete Kameraden klagten mir, daß sie kaum mehr gehen könnten und doch sei ihnen anbe⸗ fohlen worden, wieder zu arbeiten. Es scheint diese ganze Kasse, nach ihren Ausgaben zu urtellen, eher eine Kasse für Doktor und Apotheker gegründet, als für die Bergleute zu sein. Versammlungslokale sind hier sehr schwierig zu bekommen, die Wirte haben Angst und wissen nicht weshalb. Erhält man hier glücklich ein Lokal, und hält der Wirt Stand, wie ich das Glück in Tiefenbach hatte, so stellen sich als die ersten im Saale sofort die besseren Herren ein, gefolgt von ihrem Anhang, Obersteiger usw. Auch die Ueberwachung läßt nichts zu wünschen übrig, es werden die größten Sicher⸗ heitsmaßregeln getroffen, damit dem Referenten nichts passieren kann. So hatte ich die Ehre in Tiefenbach mein Referat im Beisein eines berittenen Gendarmen, im Saale war er Gott sei Dank ohne Pferd, sowie dreier Polizisten, zu halten. Lust zum Diskutieren scheinen die Grubenbeamten hier nicht zu haben oder sehen sie selbst ein, daß die Zustände hier so schlecht sind, daß auch der beste Diskussionsredner sie nicht besser machen kann. Es kann ja auch sein, daß sie auf die 80 erschienenen Tiesenbacher Bergleute so Obacht geben mußten, daß sie keine Zeit hatten, ihre Brotherren und sich selbst zu verteidigen. Doch es geht vorwärts, alte Bergleute ermuntern ihre Söhne, dem Verbande beizu⸗ treten, dabei bedauernd, daß sie früher nicht selbst dem Verbande beitraten, um ihre Lage zu verbessern. Mö gen die Ruhrbergleute sich dies eine Warnung sein lassen, nicht von dem Verbande zu lassen, auf daß er hier wie dort vorwärts schreite. h. Mehrere Bergarbeiter⸗Ver⸗ sammlungen wurden in den letzten Tagen in verschtedenen Orten unserer Gegend ab— gehalten, so in Tiefenbach, Burgsolms, Obern⸗ dorf ꝛc. Als Redner trat das Vorstandsmit⸗ glied des Bergarbeiterverbandes Wißmann aus Bochum auf, dessen Ausführungen überall beifällig aufgenommen wurden. Wie not⸗ wendig es ist, daß sich endlich die Bergleute unseres Bezirks ein wenkg aufraffen, zeigt vor⸗ stehender Bericht über ihre Lage. n. Versammlung in Gleiberg. Diesen Sonntag, den 6. August, findet nachmittags 3/ Uhr eine Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins, Filiale Krofdorf⸗Gleiberg, im Lokale von Feußner in Gleiberg statt. Hierzu ist das Erscheinen aller Mitglieder notwendig und es ist sehr wünschens⸗ wert, daß sie noch aus ihren Bekanntenkreisen für recht guten Besuch sorgen. h. In Kempf's Steinbruch bei Burgsolms, wo dieser Tage der Stein- arbeiter Becker tötlich verunglückte, sind schon mehrere derartige Fälle vorgekommen. Danach zu urteilen schetnt's mit Beachtung der Sicher⸗ heitsvorschriften nicht besonders gut bestellt zu sein und eine behördliche Kontrolle wäre sehr empfehlenswert. h. Die Typhusgefahr in Erda, welche man schon vor längerer Zeit beseitigt glaubte, tritt wieder in stärkerem Maße auf. Eine Anzahl Neuer⸗ krankungen sind in den letzten Tagen vorgekommen, mehrere Erkrankte mußten in die Klinik nach Gießen verbracht werden. Der Ort wird infolgedessen von allen Leuten gemieden. Auch in Herbornseelbach (Dill) sind etwa 40 Personen am Typhus erkrankt.— Ferner wird noch aus anderen Orten, z. B. aus Frücht bei Nassau, aus Herbsleben bei Gotha, das Auftreten einer Typhusepidemie gemeldet. Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain. * Ein Arbeiter⸗Turnverein ist auch in Marburg in Gründung begriffen. Als sich im vorigen Jahre ein solcher in Ockershausen bildete, wirkte dies auch auf die Turnfreunde in der Marburger organisierten Arbeiterschaft anregend. Dort in Ockers⸗ hausen bestand seit Jahren ein Turnverein, der natürlich dem„Deutschen Turnerbunde“ angehörte, also auf „vaterländischem“, das heißt mit anderen Worten: ordnungsparteilichem, sozialisten⸗ und arbeiterfeindlichem Boden steht. Das waren eine Anzahl Turner endlich müde und gründeten einen Arbeiterturnverein. Natürlich hatte der sofort mit allen möglichen Chikanen zu kämpfen, in erster Linie mit Lokalschwierigkeiten. Doch er wußte sich zu helfen und zog nach Marburg in das Restaurant Hildmann und seine Mitglieder hielten Stand. Da nun auch in Marburger Arbeiterkreisen viele Turnfreunde sich befinden, so sei ihnen hiermit zum Anschluß an diesen Verein geraten. Damit kann der vielfach aus⸗ gesprochene Wunsch nach einem Arbeiterturnverein erfüllt werden. Auch die Genossen, die noch Mitglieder der „Turngemeinde“ nd und die ihre Mitgliedschaft bei dem„nationalen“ Vereine damit entschuldigten, daß kein Arbeitertuenverein vorhanden sei, haben jetzt Gelegen⸗ heit zu zeigen, daß sie wirkliche Turngenossen sind. Tretet also alle dem Arbeiterturnvereine bei! Die regel⸗ mäßigen Turnstunden finden jeden Dienstag und Don⸗ nerstag im Restaurant Hildemann, Barfüßerstraße, statt. * Ueber den Sozialismus in Holland sprach am Samstag der Parteigenosse Ankersmit aus Amsterdam in der gut besuchten Versammlung des Wahlvereins. Aus seinen Ausführungen, für die ihm am Schlusse lebhafter Beifall dankte, sei folgendes hervorgehoben. Im Jahre 1878 begann der Sozialismus in Holland Wurzel zu fassen. Allerdings bestanden schon früher zwei bis drei Sektionen der J iternationalen Assoziation, denen jedoch wenig Arbeiter angehörten. 1878 trat ber protestantische Pfarrer Domela Nieu⸗ wenhuis auf, gründete kurz darauf das erst sozta⸗ listische Blatt„Recht für Alle“ und entfalt te darin, wie auch sonst in der Oeffentlichkeit eine lebhafte sozial⸗ demokratische Propaganda. Die Erfolge blieben nicht aus, Nieuwenhuis, ein vorzüglicher Agitator, dessen Aeußeres ihm schon das Ansehen eines„Messias“ gab, gewann großen, begeisterten Anhang. Man sprach da⸗ mals schon vom nahen„Tage der Befreiung“. Als der jedoch länger als man glaubte auf sich warten ließ, wurden die Genossen wieder mutlos und vernachlässigten die Bewegung. Doch setzte sie einige Jahre später wieder ein und war nun vom Anfang an rein sozialistisch. Man forderte das allgemeine Wahlrecht und wirkte da⸗ für in ganz Holland durch Versammlungen und öffent⸗ lichen Demonstrationen. Verfolgungen blieben auch nicht aus; Nieuwenhuis wurde 1887 zu einem Jahre Ge⸗ 2 fangnis wegen Majestatsbeleidigung verurteilt. seiner Entlassung wurde er als erster Sozialdemokrat in die Kammer gewählt. Anfangs der neunziger Jahre geriet die Bewegung mehr ins anarchistische Fahrwasser mitsamt Nienwenhuis, der infolgedessen nicht wieder gewählt wurde. 1894 wurde nach Auflösung der alten wieder eine neue Partei, die jetzige sozialdemokratische, mit 300 Mitgliedern gegründet. Als im Jahre 1896 das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde, erhielt die Partei 13000 Stimmen. In 1900 stieg die Stimmen⸗ zahl bereits auf 39000 und bei der letzten Wahl auf 66000, obwohl bei dem Wahlrecht nur die Hälfte der Arbeiter wahlberechtigt sind. Von 100 Parlamentssesseln nimmt die Partei 7 ein. Eingeschriebene Parteimit⸗ glieder zählt man 7000, für das kleine Holland eine respektable Zahl. Aber auch die Gewerkschaften, welche früher von den Anarchisten geführt wurden, haben sich heute der sozialistischen Partei angeschlossen und die Gewerkschaftsbewegung selbst hat in Holland seit den letzten 5 Jahren bedeutenden Fortschritt zu verzeichnen. Der größte Verband ist der Diamantarbeiterverband mit 8000 Mitgliedern. Ihm folgen die Zimmerer mit 2500 usw. Selbst die Marinesoldaten sind zu 80%% organisiert, was man in Deutschland nicht für möglich halten würde. An sozialistischen Zeitschriften erscheinen in Holland 1 Tageblatt und 10 Wochenblätter; ferner verschiedene Monatsschriften.— Die Zusammen⸗ setzung der Partei ist in Holland jedoch anders wie in Deutschland. Holland hat eine große Zahl von Lehrern. Da deren Gehalt nicht höher ist wie der Lohn der Arbeiter, so kam es. daß die Lehrer sich früher um die Partei gekümmert haben wie die Arbeiter. Mit Recht sagt man daher in Holland, daß die Lehrer die Pioniere der Partei sind. Aber auch die evangelischen Pfarrer sind in Holland zumeist Sozialdemokraten. Daher kommt es, daß ganze Gemeinden sozialdemokratisch sind und die Pfarrer in der Kirche den Klassenkampf predigen. — Mit einem Gruße an die deutschen Arbeiter schloß Genosse Ankersmit seinen interessanten Vortrag und einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. Seine Ausführungen wurden noch durch Genossen Michels Nach ergänzt.— Es wurden dann eine Anzahl neue Mit⸗ glieder, meist Ockershäuser, aufgenommen. Unter„Ver- schiedenes“ wurde das„Eingesandt“ des Genossen Rösler zur Sprache gebracht und es waren alle Redner zu diesem Punkte, die Genossen Abel, Wolf und Härt⸗ ling, übereinstimmend der Meinung, daß Genosse Rösler durchaus keinen Grund zu seinen Auslassungen gehabt habe. Auch wurde nochmals von ihnen betont, daß Genosse Rösler unter allen Umständen seine Einwen⸗ dungen gegen den Vortrag des Genossen Michels sofort am Abend selbst hätte äußern müssen. Ein ganz gefährlicher Arbeitgeber muß der frühere Bahn⸗Assistent und jetzige Kartoffel⸗ händler Bode sein. Er schlug aus geringfügigen Anlässen vorige Woche seinen Knecht Wilhelm Weigandt mit einer Axt dermaßen gegen den Kopf, daß der Verletzte längere Zeit bewußtlos liegen blieb. Anzeige ist bereits erstattet und hoffentlich bekommt der Schlag⸗ fertige eine gehörige Lektion, daß er fernerhin nicht mehr wie ein Hunne oder ein Wilder mit den Leuten umgeht. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Parteigenossen! Die von uns auf den 13. August einberufene Kreiskonferenz wird Umstände halber auf Sonntag, den 27. August verlegt. Der Vorstand. Versammlungskalender. Samstag, den 5. August. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8¼ Uhr Versammlung bet Orbig. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. Zahlreich erscheinen! Briefkasten. d.⸗Wieseck. Wir halten eine nochmalige Rück⸗ sprache über die Angelegenheit für nötig. Wollen Sie deshalb im Laufe der Woche bei uns vorsprechen.— r.⸗Sinbg. Auf nächste Nummer zurückgestellt.— H. R.⸗Garbentch. Personen, welche sich nur vor⸗ übergehend in einem Orte aufhalten, z. B. sich bei einer befreundeten oder verwandten Familie zu Besuch befinden, brauchen polizeilich nicht angemeldet zu werden.— tt.⸗Haiger. Das fällt uns nicht ein. Es ist um jeden Federstrich und jeden Pfennig schade, der zur gerichtlichen Prozedur gegen einen solchen schmutzigen Burschen aufgewendet wird. Man gibt solchem Geschmeiß einen Tritt und damit basta.— Maurer L.⸗ Gleiberg. Wir werden die Angelegenheit in der nächsten Nummer besprechen.— Y.⸗Gßen. Die famose Müller'sche Fabrikordnung kommt schon noch dran. —— Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 52. Von Nah und Lern. Av. Eine Gemeinde⸗Vertreter-Konferenz fürtz den Wahlkreis Friedberg tagte am 9. Juli in Groß⸗Karben. Anwesend waren 17 Gemeinde-Ver⸗ treter aus 8 Orten des Wahlkreises. Genosse Kühn vom Vorstand des Kreiswahlvereins Friedberg- Büdingen eröffnete um 2½ Uhr die Konferenz, indem er dem Wunsche Ausdruck gab, daß die erste Konferenz das fernere Blühen und Gedeihen der sozialistischen Gemeinde⸗ vertretung fördern möge. Hierauf erhielt Gen. Busold⸗ Friedberg das Wort, um in 1½ stündigem Vortrage die Pflichten und Rechte der Gemeindevertreter eingehend zu erläutern. An Handen der Landgemeinde-Ordnung ging Redner auf deren wichtigste Stellen näher ein. Be⸗ sonders die Oeffentlichkeit der Gemeinderats-Sitzungen, welche vom Gemeinderat beschlossen werden kann, ist in vielen Orten nicht durchgeführt. Auch zum Besuch der Sitzungen ist jeder Gewählte verpflichtet und muß ge—⸗ nügende Entschuldigung zur rechten Zeit eingereicht sein, wenn ein Mitglied von einer Sitzung entbunden sein will. Redner geht hierbei auf den Fall in Vilbel näher ein. Nachdem er auf die Wichtigkeit der Voranschlags⸗ Beratung hingewiesen hatte, ging er auf die Grund und Bodenpolitit ein und empfahl, so viel wle möglich, wo es die Verhältnisse bedingen, Boden zu erwerben, um dadurch dem immer weiter umsichgreifenden Bodenwucher entgegen zu steuern. Hler wies Redner ebenfalls auf einige drastische Fälle hin. Auch ist die Gemeinde im Interesse billiger und gesunder Wohnungen verpflichtet, in diesem Sinne zu wirken. Ebenso soll sich die Ge⸗ meinde an Gründung von Baugenossenschaften, soweit sie ihre Interessen im Vorstande an erster Stelle wahren kann, beteiligen. Auch die Schulgebäude lassen viel zu wünschen übrig. Treffe man doch auch in unserer Gegend noch Schulen an, welche die reinsten Ruinen darstellen, und denen gegenüber die Ställe der reichen Bauern reine Paläste sind. Badegelegenheiten in den Schulen and die Anstellung von Schulärzten seien ebenfalls Forderungen, welche sozlalistische Gemeindevertreter im Interesse der Volkswohlsahrt zu stellen haben. Unentgeltlicher Heb⸗ ammendienst un) unentgeltliche Totenbestattung, sowie Errichtung von Leichenhallen, besonders letzteres wegen der äußerst beschränkten Wohnungsverhältnulsse, Haupt— forderungen seien. In der Diskussion, an der sich fast alle Anwesenden beteiligten, trat zu Tage, daß solche Konferenzen sehr notwendig sind und im Interesse der Beteiligten öfter im Jahre stattfinden müssen, um alles zu prüfen und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. In seinem Schlußwort betont Genosse Busold, die Konferenz habe gezeigt, daß noch sehr viel aufzuklären sei und erläuterte noch einige in der Diskusston berührte Fragen. Hoffentlich tragen derartige Konferenzen dazu bet, die Wirksamkeit der sozialistischen Gemefndevertreter möglichst einheitlich nach den Vorschriften unseres Kommunal-Programms zu gestalten. Pfäffische Bestrebungen. Von K. Wbr. I. Katholische. Dem„Mainzer Journal“, dem Hauptblatt der hessischen Katholiken, hatte der Erfolg des bayrischen Zentrums in die Augen gestochen, so arg, daß es ganz zu vergessen schien 1. mit wessen Hülfe allein dieser Erfolg möglich war und 2. zu welchem ganz ausnahmsweisen vor⸗ übergehenden Zweck unter den besonderen lokalen Verhältnissen ihm diese Hülfe zu teil geworden ist. Es möchte den bayrischen Landtagssieg bereits als sichres Fundament für weitere Vorstöße des Katholizismus ausgenutzt wissen und fragte deshalb vor einiger Zeit ganz naiv, ob denn bei uns in Hessen nicht ähnliches möglich sei. Und dann kam in rührender Offenherzigkeit das ganze ultramontane Schul⸗ programm, das nach dem Wunsche des Journals von der Zentrumsfraktton als nächstes Ziel der praktischen Politik verfolgt werden müsse. Die Konfesstonsschule, die uns 1874 verloren ging, habe uns zu den großen Erfolgen 1864 bis 1871 verholfen. Ste müsse wiederkommen. Es müßten, der Zahl der Katholiken entsprechend, mehr katholische Schulinspektoren und ein katho⸗ lisches Lehrerseminar geschaffen werden, der Religionsunterricht set allein durch den Bischof (unter Ausschaltung des Staats) zu kontrollieren. Katholische Schulen für katholische Kinder! Der Zentrumsfraktton des Landtages kam dieses allzuoffne Bekenntnis intimster Herzens⸗ wünsche offenbar verfrüht und ungelegen und in ihrem Namen mußte daher Dr. Schmitt die Verantwortung für solche Gedanken ablehnen. Er stellt fest, daß die Zentrumspartei„trotz der im Journal behaupteten angeblichen Volks⸗ stimmung in keiner Richtung von der von ihr seither festgehaltnen Politik des Friedens und der Ausgleichung der Gegensätze abzugehen denke.“ Und dieser gewundene, gummiartig dehnbare Ausdruck ist alles, was die Herrn Zentrumsvertreter gegen die Konfesstonsschule zu sagen haben? Man möchte mit Cicero sagen: cum tacent, clamant! Ihr Schweigen ist eigentlich ein lautes Geständnis! Und daß jene Konfesstonsschulpolitik in Wahrheit eben doch die Sehnsucht aller ultramontanen Gemüter ist, wird noch deutlicher aus der Ausdrucksweise der Köln. Volksztg., wo es heißt:„Daß nicht alle Forderungen des katholischen Volks, so auch auf dem Gebiete der Schule, erfüllt wurden, ist männiglich bekannt. Ein Aufrollen der Schulfrage im gegenwärtigen Augenblick würde zweifellos mit einem entschiedenen Mißerfolg abschließen.(Allerdings!) Da sowohl die Re⸗ gierung, als die überwiegende Mehrheit der Zweiten Kammer entschieden auf dem Boden der Simultanschule stehen.“— Also, im gegen⸗ wärtigen Augenblick nicht opportun! Sonst, später, wenn es möglich wäre... es ist wahrhaftig nicht schwer, die„einfältigen“ Herzen der Frommen zu durchschauen. Zum Schluß aber noch ein paar offene Anfragen unsrerseits: Wenn die katholischen Kinder katholische Schulen haben sollen, wird man dann wohl auch den füdischen jüdische, den Fretreligiösen freireligiöse, den Atheisten atheistische einrichten usw.? Wird man dann auch der Zahl dieser Richtungen entsprechend, für ein paar jüdische, atheistische ꝛc. Schul⸗ inspektoren sorgen und auch für ste besondere Lehrerseminare begründen? Oder ist es etwa nur Gewissenszwang und Sittenverderbnis, wenn katholische Kinder evangeltsch rechnen lernen, dagegen nichts Schlimmes, wenn jüdische oder freidenkende Kinder von einem katholischen Geschichtslehrer die Gottheit Christi und die Wunder der Heiligen erzählt bekommen? Und wenn der Religionsunterricht doch nicht mehr staatlich geprüft werden soll, ist das nicht ein Schritt zur Trennung von Religion und Schule? Als ob es mehr als eine Wissenschaft gäbe! Als ob es mehr gäbe, als ein ehrliches Suchen nach der Wahrheit! Als ob das schon Toleranz wäre, wenn alle denkenden Menschen nur in die fertigen Schemata von zwet oder drei Konfessionen gepreßt werden müßten! Ganz zu schweigen von den handgreiflichen pädagogischen Schattenseiten solcher kirchenpartei⸗ lichen Schulzerstückelung! 17 7 CC 1 b Anterhaltungs Keil. 155 3.— a NU“ A Die Dorfarme. Von K. H. Diefenbach. In Talkirchen lebte vor Jahren ein armes Weibchen. Das hatte einmal einen Mann ge⸗ habt, der war Leineweber gewesen und hatte ihr sechs Kinder und sonst nichts hinterlassen, als er im besten Mannesalter die Augen schloß für die Ewigkeit. Sechs Kinder und sonst nichts — da weiß man genau, wie reich die Lisbeth Fadenschneider war, als ste zurückkehrte in das enge Häuschen am Dorfende. Aber damals war die Lisbeth doch reich: sie hatte ein paar die Arbeit gewohnte Arme und mit Fleiß und Ausdauer brachte sie ihr halbes Dutzend Tra⸗ banten in die Höhe. Da flogen sie nach und nach aus— eins ließ sich hier nieder, eins dort, einem gings ein wenig besser, einem ein wenig schlechter, aber gut gings keinem, und das Sprichwort der Alten, daß eine Mutter eher sechs Kinder ernähren kann, als sechs Kinder eine Mutter, bewahrheitete sich. Für die Lis⸗ beth Fadenschneider konnte keines der sechs Kinder auch nur einen Taler jährlich von einem kärglichen Einkommen abzwacken. So hat denn die Lisbeth, ats sie siebzig Jahre alt geworden war und Nadel und Scheere nicht mehr halten konnte, sich auf ihre Truhe gesetzt, in der sie nach Art der alten Waschfrau unter andern Heiligtümern auch„ihr Hemd, ihr Sterbehemd“ bewahrte, und die Hände in den Schooß gefaltet, während sie sprach:„Jetzt eht's nicht mehr! Lisbeth, was meinste, was fol ich jetzt machen? Jetzt werd ich halt Hunger leiden müssen. O jeh!“ Und sie litt Hunger. Sie nährte sich von Kaffee, Brot und Kartoffeln und von Kartoffeln, Kaffee und Brot. Dabei ging's in rasender Schnelligkeit bergab mit ihr, und ehe sieben Wochen um waren, vermochte sie kaum einmal in der Woche zum Bäcker zu gehen, um sich einen Laib Brot zu holen. Da brachte ein Dorfältester die Geschichte mit der alten halbverhungerten Frau vor den Gemeinderat, und der hielt dieser Geschichte wegen eine Sitzung ab. „Also“, sagte der Bürgermeister,„Ihr wißt ja, Ihr Männer, um was wir heut' zusammen gekommen sind. Die Lisbeth Fadenschneider kann nicht mehr. Was sollen wir machen?“ Die Herren Gemeinderäte schwiegen stlll. „Will keiner was reden?“ fragte der Bürger⸗ meister. Keiner wollte etwas reden. Das Ortsoberhaupt kraute sich ob dieses Bescheides hinter den Ohren.„Ja, ja, hm, hm,“ fing er endlich an.„Ja, ja, hm, hm, was ich sagen wollte, wenn niemand etwas sagt — hm, hm— ich werde halt doch etwas sagen müssen.“ Die Gemeinderäte nickten zu diesen Aus⸗ führungen des Ortsoberhauptes eifrig mit den Köpfen. Der Bürgermeister nahm seine Kappe vom Tische, drehte sie zwischen den Fäusten hin und her und tat nach einer kleinen Weile auf's neue den Mund auf: „Ich hab' es gesagt, Ihr Männner, die Lisbeth Fadenschneider kann nicht mehr. Sie ist fertig, und es bleibt nichts übrig wir werden darüber raten müssen, was zu tun ist in dieser Sache. Will einer der Männer'was reden? Der Jakob Bäbbler will'was sagen. Du hast's Wort, Jakob!“ Jakob Bäbbler, ein knorriger, alter Bauer mit auffallend langen Armen und Beinen, er⸗ hob sich und sagte:„Nu ja, versteht sich, wir sind ja dafür da, für die alten Weiber. Was wollen wir machen? Mach' einmal einer einen Vorschlag.“ „Ja, mach' einmal einer einen Vorschlag,“ wiederholte der Bürgermeister. „Zum Beispiel“— mit diesen Worten er⸗ hob sich nun ein anderer Gemeinderat, ein schippelrundes Männlein mit himmelblauen Knopfäuglein.„Zum Beispiel, es muß etwas geschehen. Ich hab' sie gesehen, und ich weiß zum Beispiel, daß es so nicht weiter gehen kann. Aber was? Wenn ich zum Beispiel wüßte, daß es in der Gemeinde einen gäb', der ste für ein Geringes zu sich nehmen würde, da würde ich zum Beispiel sagen: Nimm sie! So mein' ich.“ Der Bürgermeister schüttelte den Kopf:„Das wird halt doch nicht gehen, Christian,'s nimmt sie keiner. So'ne alte Frau kann lange leben, und die Geschichte kann uns teuer kommen. Wenn ich einen Vorschlag machen soll, so mache ich den; geben wir der Lisbeth halt pro Jahr zehn Taler— ich denke, dann ist die Sache erledigt. Was meint Ihr dazu?“ „Da werden wir eine Steuer mehr erheben müssen,“ warf einer der Männer hin. „Hat sich denn die Lisbeth schon selbst um eine Unterstützung an uns gewandt?“ fragte ein anderer. „Das hat sie nicht getan. Von anderer Seite wurde ich darauf aufmerksam gemacht“, erwiderte der Bürgermeister. „Ich meine,“ versetzte darauf der Frage⸗ steller,„da sollten wir warten, bis sie selbst kommt. Fragen wir sie erst einmal, ob sie einer Unterstützung bedürftig ist. Dann haben wir immer noch Zeit, etwas zu beraten und zu be⸗ schließen.“ ——— — ke he ju in b a5 l ö 1110 er en fal te en le bt en hel 1 seß m, i, gt gen den hen piel der „ddl Das Amt hen, neu, ache Jaht ache eben ll gte derkl 4, wage fel ales lt 1 he 757 A „„. Nr. 32. Mitteldentsche Sountags⸗Zeuung. Seite 7. „Und wenn sie ihrer beburstig ut, dann kann man ihr ja das Häuschen verkaufen. So viel wird dabet herauskommen, daß man die Frau, ohne der Gemeinde eine neue Steuer auflegen zu müssen, erhalten kann. Was meint Ihr?“ wußte nun noch einer zu sagen. Nach einigem Hin⸗ und Herreden wurde der Beschluß gefaßt, die Witwe Lisbeth Faden⸗ schneider solle, falls sie sich in wirklich traurigen Verhältnissen befinde, ein schriftliches Gesuch um Unterstützung an den Gemeinderat einreichen. Das Weitere soll dann später besprochen und beschlossen werden. Die Lisbeth Fadenschneider bekam diesen Gemeinderatsbeschluß schriftlich zugestellt. Fürs erste konute ste nun nicht lesen, und als ihr eine Nachbarsfrau das Schriftstück plausibel gemacht hatte, da konnte sie nicht schreiben. Sie rief sich deshalb, als sie noch ein paar Tage ge⸗ hungert hatte, einen oft an ihrem Häuschen vorbeigehenden Gertchtsvollzieher in die Stube. Der schrieb ihr in säuberlicher stracker Schreib- gehilfenschrift auf einen Bogen Kanzleipapter folgendes: „Untertänigste Promemoria der Witwe Elisa⸗ beth Fadenschneider an den hochlöblichen Ge⸗ meinderat in Talkirchen. Ich bin siebzig Jahre alt und es fehlt mir an jeglicher Substanz. Sechs Kinder habe ich, die haben nichts; ein Häuschen habe ich, das trägt nichts, deswegen ich demütigst suppliciere um Suspension seitens des hochlöblichen Ge⸗ meinderats. A 4.15 Statt des Namens. Der hochlöbliche Gemeinderat kraute stch in den Haaren. Der Bürgermeister gab jedem das Schriftstück der Reihe nach in die Hand, denn er fürchtete sich, die vier sonderbaren Worte auszusprechen. Als alle gelesen hatten, fragte er:„Nun, Ihr Männer, was ist Eure Antwort auf dieses— Christtan, Du hast's ja noch in der Hand, les' einmal die Ueberschrift.“ Der Schippelrunde reichte dem Bürgermeister das Schreiben hin:„So weit reicht meine Ge⸗ scheithett nicht,“ sagte er,„da wird wohl schon ein Gescheiterer hermüssen.“ „Das Weibsbild, das unglückliche!“ rief das Ortsoberhaupt.„Jetzt macht sie's gar noch französisch. Wer ihr nur den Wisch auf⸗ gesetzt hat. Wissen möcht' ichs. Jetzt sind wir so fang wie zuvor— oder hat's einer be— griffen?“ Die Männer schwenkten die Mützen. „Wer ihr wohl den Zettel aufgesetzt hat, der Schullehrer vielleicht?“ Einer der Gemeinderäte kannte die Hand⸗ schrift des Gerichtsvollziehers, aber er hielt den Mund. Denn wer wird auch sagen, daß er die Pfote des Gerichts vollziehers kennt! „Wenn man nur wüßte, ob sie was will, oder ob sie nichts will, die Lisbeth? So weiß man aber gar nichts. Was fangen wir nun an?“ fragte der Bürgermeister. „Geben wir das Schreibwerk einem Stu— dierten,“ empfahl einer. „Um Himmelswillen! Wir werden ausge⸗ lacht, wenn wir unsere Unkenntnis an den Tag legen. Wir müssen's anders anfangen.“ „Ich wüßte was,“ sagte Bäbbler.„Da haben wir einen Buben daheim, der geht in die Schul'. Wenn man dem einen Zettel mitgeben würde, auf dem die vier Worte geschrieben ständen— der Schullehrer könnte die Geschichte vielleicht verdeutschen.“ Der Vorschlag fand Anklang. Der Ge⸗ meinderat Bäbbler trug die Weisheit des Ge⸗ richtsvollziehers in der Tasche heim, und sein Enkelkind fragte den Schullehrer, ob er ihm nicht die Worte verdeutschen wolle? Die Amtssprache hatte der Schullehrer auch nicht studiert: er ging deshalb zum Pfarrer. Dieser sah in einem Fremdwörterbuch nach und übersetzte glücklich: Merkzettel, Wesen, beantragen, einstweilige Amtsentsetzung. g Dem in der Amtssprache ebenfalls nicht kapitelfesten Gerichtsvollzieher war es passiert, daß er statt Subsistenz— Substanz und statt Sustentation— Suspension geschrieben hatte. Als dem Gemeinderat dermaßen der Sinn der merkwürdigen Eingabe klar gemacht worden war, geriet er fürchterlich in Aufregung. Also — die alte ungerleider'n wollte man unter⸗ stützen, und statt das gütige Vorhaben dankbar anzunehmen, macht sie sich über den Ortsvor⸗ stand lustig.„Wart' nur, alte Hexe, das soll Dir eingetränkt werden!“ schrien die Männer. Und sie erbosten sich dermaßen, daß sie allso⸗ gleich eine Beschwerdeschrift an das Gericht aufsetzten, in welcher sie die alte Lisbeth der Beleidigung beschuldigten. Die Antwort des Gerichts wirkte etwas sehr abkühlend auf die erhitzten Gemüter der wohl⸗ weisen Väter von Talkirchen. Ein findiger Amtsschreiber hatte die Fehler der streitigen Eingabe der„Petentin“ korrigiert und gleich eine verbesserte und verdeutschte Abschrift der⸗ selben mitgeschickt. Die Herren Gemeinderäte zogen die Köpfe ein und schämten sich. Die Lisbeth Faden⸗ schneider aber war inzwischen sachte des Todes verblichen. Die sechs Männer, die sie auf den Kirchhof trugen, sagten, daß sie noch nie eine leichtere Leiche getragen hätten. Allerlei. Winke für Obstesser. Wie alle Samen, so enthalten auch alle Früchte ihre nahrhaftesten und schmackhaftesten Bestandteile, die Nährsalze und das für den Aufbau des Körpers und die Blutbildung so wichtige Eisen, dicht unter der Schale gelagert. Deshalb ist es unzweckmäßig, das Obst zu schälen. Man esse es vielmehr, um ihres vollen Wohlgeschmacks und Nährwerts teilhaftig zu werden, mit der Schale, deren Oberfläche durch wiederholtes eintauchen in Wasser und nachheriges Abreiben mit einem Tuch von etwa darauf gelangten Verunreinigungen, wie Staub und Bakterien aller Art, gesäubert werden kann. Trauben und kleinere Früchte können durch Schwenken in Wasser von etwa anhaf⸗ tenden Schmutzteilen gereinigt werden. Damit genügt man den Forderungen der Reinlichkeit, ohne gegen die Zweckmäßigkeit zu verstoßen. Allerdings soll man die Säuberung der Früchte erst kurz bevor man sie genießt, vornehmen, weil die allzu lange feucht gehaltenenen Früchte leicht unansehnlich oder gar schimmlich werden. Mütter und Pflegerinnen kleiner Kinder sollben folgende zehn Mahnungen beherzigen, dann werden ihre kleinen Kinder auch im heißen Sommer gesund bleiben: 1. Die beste, gesündeste Nahrung für den Säugling ist die Mutter⸗ milch, darum sollte jede Frau ihr kleines Kind slillen. 2. Reicht ihre Milch nicht aus, so sollte sie wenigstens teilweise stillen; feder Tropfen Muttermilch ist wertvoll für das Kind. 3. Muß ein Säugling künstlich ernährt werden, so soll er nur Kuhmilch bekommen. 4. Die Kuh⸗ milch wuß im Sommer ganz besonders sorg— fältig behandelt werden, damit sie nicht ver⸗ dirbt und das Kind krank macht. 5. Die Milch muß gleich, wenn sie im Hause ist, in einem sauberen Topf aufgekocht werden; nach dem Kochen muß sie sofort im fließenden Wasser so lange gekühlt werden, bis der Milchtopf ganz kalt ist; dann wird der Milchtopf zugedeckt und in kaltes Wasser gestellt. Erst bevor das Kind trinken soll, wird die Milch in der Trinkflasche erwärmt. 6. Gleich nach dem Trinken muß die Flasche ganz sauber gewaschen werden; der Sauger muß auch gewaschen und in reines Wasser gelegt werden. 7. Sauberkeit und kühle Aufbewahrung sind also die wichtigsten Mittel, um die Milch gut zu erhalten. 8. Eine Mutter oder Pflegerin, die mit der Kindermilch im Sommer nachlässig umgeht, ist selbst schuld, wenn die Milch verdirbt und wenn dann das Kind an Brechdurchfall erkrankt und stirbt. 9. Sobald ein Kind an Erbrechen oder Diarr⸗ hoe erkrankt, darf es keine Milch mehr bekommen, sondern nur Tee und gekochtes Wasser und muß sofort zum Arzt gebracht werden; eine Ver⸗ zögerung kann den Tod des Kindes herbeiführen. 10. Der Brech durchfall im Sommer ist lebens⸗ gefährlich für kleine Kinder; er kann vermieden werden, wenn die Mütter und Pflegerinnen die obigen Mahnungen beherzigen. Splitter. Der unbedingte Verbrauch ist vielmehr der Endzweck, die Krone und Vollendung der Pro⸗ duktion, und weise Konsumtion ist eine viel schwierigere Kunst, als weise Produktion. John Ruskin. 1 1* Nichts erbittert die Menschen mehr, als wenn man ihre Bosheit nicht spürt. Hermann Bahr. ** * Einer der seltensten Glücksfälle, die uns werden können, ist die Gelegenheit zu einer gut angewendeten Wohltat. M. v. Ebner⸗Eichenbach. * * * Wo hört die Heimat auf? Wo fängt die Fremde an? Es liegt daran, wie weit Das Herz ist aufgetan. Humoristisches. Cordiales aus Oldenburg. Assessor: Aeh— äh— Kellner! Könnten Sie mir nicht die 5 Mark, die ich Ihnen vorhin als Trinkgeld an den Kopf geschmissen habe, wieder pumpen? Habe sonst morgen früh nichts zum Frühstück! Kapitalistenstandpunkt. Kommerzienrat: Unverschämtheit von den Arbeitern, sich über das Gruben⸗ unglück auf der„Borussta“ zu beklagen! Kerle sollten doch froh sein, wenn ihnen auf so bequeme Weise so eine Menge Konkurrenz vom Halse geschafft wird! Südd. Postillon. Versöhnung mit Frankreich.„Jetzt hamm ma koan Erbfeind aa nimma. Da müssen ja d' Vete⸗ ranaperein' mit G'walt z' Grund gehn!“ Literarisches. „Die Hohenzollern Legende“ von Max Maurenbrecher. Diese reich illustrierte Kulturgeschichte des preußischen Staates ist nunmehr bis zum 15 Heft erschtenen. In diesem Heste führt der Verfasser eine Stelle aus Droysen an, die ein eigenartiges Licht auf die damaligen Zustände des Brandenburgischen Staates unter der Regierung des„Großen Kurfürsten“ wirft, zugleich aber auch treffend illustriert, wie der Adel den Staat zu berauben verstand. Es heißt da: Diese„große Werbung“ ist das Jämmerlichste und Furchtbarste, was das Land im ganzen Kriege erlebt hat. 25000 Mann sollten zusammengebracht werden und wurden besoldet; aber nur 6000 waren wirklich vor⸗ handen.„Die 23 Obristen, ihre Leutnants und Haupt⸗ leute, fast durchgehend Brandenburger und preußische Edelleute, leisteten Unglaubliches in Betrügerei und Gaunerei bei der Werbung. Freilich noch ärger verstanden sie zu prellen und Gewinn zu machen, nachdem sie ihre Kompagnien und Regimenter bei ein⸗ ander hatten, Obrist von Kehrberg ließ sich für 1200 Mann Sold und Verpflegung anweisen und hatte nicht 80 unter den Fahnen. Des General von Klitzing Regiment sollte 2000 Mann und 600 Dragoner haben und war nicht 400 stark. Konrad von Burgsdorf hatte statt 2400 Mann nicht ganz 600.“(Droysen), und so geht es weiter, die Liste ist noch lange nicht erschöpfi. Wie furchtbar immer das Land gepreßt werden mußte, um den Sold für die Truppeu auch nur teilweise auf⸗ zubringen, wie unsagbar die Verarmung der Bürger und Bauern war, die großen Herren auf dem Lande halten doch auch jetzt noch mit dem Blute des Landes ihr Ge⸗ schäftchen gemacht. So rettete der Adel auf seine Weise den Staat. Alle Parteigenossen sollten auf das Werk abonnier n In jeder Woche erscheint 1 Heft für 20 Pfg. das in jeder Parteibuchhandlung zu haben ist. „Das neue Ausnahmegesetz gegen die Berg arbeiter“ ist der Titel des vierten Heftes der„Sozial⸗ demokratischen Agitations⸗ Bibliothek,, welches soeben bei der Buchhandlung Vorwärts, Berlin erschienen ist. Es ist eine aktenmäßige Schelderung des vom preußischen Klassenparla gent und vom Zentrum gegen die Bergarbeiter verübten Verrats. Die Broschüre enthält eine ausführliche Darstellung der früheren Ver⸗ hältnisse und der Versuche, die Verhältnisse der Berg⸗ arbeiter reichsgesetzlich zu regeln, eine Kritik der Regie- rungsvorlage den Wortlaut und eine eingehende Er⸗ läuterung des im Reichstage eingebrachten sozialdemo⸗ kratischen Gesetzentwurfes und endlich an der Hand der Preßäußerung den Verrat des Zentrums an den Berg⸗ arbeitern. Der Preis der Broschüre, die in aller Partei⸗ buchhandlungen erhältlich ist, beträgt 20 Pfg. Seite 8. — Mitteldeutsche Anuntogsegeitung. Nr. 32. Kirchweihfest in Wieseck! —— f Sonntag; den 13. und Montag, den 14. August Es laden freundlichst ein die Wirte: Wilh. Bier au, Ph. eee ee B. Wacker A. Ziegler. eee eee 8 8 8 38 6 8 28 0 8 S i 8 0 258 e e. 3 I. Giessener Fahr rer ulld Achat 2 3 Joh. Fr. 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