d. chen. aden, und leg, läuft laute . tatz woc dier. beer icht. ings⸗ man tags se * U Nr. 10. Gießen, den 5. März 1905. 12. Jahrgang. Nedattion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. lgs⸗Zeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellung en finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33 ½% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 Juserate Die 5 gespalt. Bei mindestens Die Ernte der Wucherzöllner. Nun haben die Agrarier ihr Schäfchen im Trockenen: die von der deutschen Regierung mit Belgien, Rußland, Rumänien, der Schweiz, Serbien und Oesterreich-Ungarn auf Grund des neuen Zolltarifs vereinbarten Handels⸗ verträge sind vom Reichstage am Mittwoch in dritter Lesung endgültig angenommen worden. Zur Abstimmung hatten sich die parlamentarischen Vertreter der„Notleidenden“ in großer Anzahl eingefunden, Zentrumsbauern, Zentrums pfaffen und junkerliche und national⸗ Uberale Agrarier, die sich sonst im Reichstage weder hören noch sehen lassen, waren haufen⸗ weise angerückt, um die Erute hereinbringen zu helfen. So fielen für die Wucherzölle 226 Stimmen und nur etwa 80 dagegen. Letztere, die Gegner des Hungerzolles, setzten sich zur großen Mehr⸗ heit aus unsern Parteifreunden zusammen, nur die sechs demokratischen Volkspartetler stimmten eschlossen mit unsern Genossen, ein Teil der Freihlnalgen schlug sich jedoch au die Seite der Zöllner, verrieten also damit ihre politischen Grundsätze. Dieser Ausgang der Zollkämpfe war ja längst gewiß, aber die Komödie wurde doch überraschend schnell erledigt. Aber nicht bloß die Agrarier selber haben geerntet, sondern auch die Regierungsleute, die ihnen gefällig waren. Posadowsky und andere haben Orden und Anerkennungsschreiben vom Kaiser erhalten, dem Reichskanzler Bülow spendete Wilhelm II. sogar seine Büste in Marmor als Dank für Durchsetzung der Handelsverträge. Wie sich die Zeiten ändern! Als 1891 mit Hülfe der Sozialdemokraten im Reichstage nach harten Kämpfen gelungen war, die Zollreform durchzusetzen und der Handelsvertragspolitik zum Siege zu verhelfen, bezeichnete dies Wilhelm II. am 18. Dez. 1891 in einer Ansprache an den damaligen Reichs⸗ kanzler Caprivi, der in den Grafenstand erhoben wurde, als eine„rettende Tat“, als„eines der bedeutendsten und erfreulichsten ge⸗ schichtlichen Ereignisse“, das„Millko⸗ nen dereinst segnen“ würden! Molkenbuhr legte noch einmal den Standpunkt der Arbeiterklasse gegenüber dieser Ausbeuter⸗Politik dar. Er führte u. a. aus: Wir sehen in den Verträgen geradezu ein nationales Unglück. Der Reichskanzler will den Prozentsatz der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung konstant erhalten. Dann müßte er dafür sorgen, daß mit der Bevölkerung auch das Land immer größer wird. Da das nicht geht, so bleibt ihm, wenn er sein Ziel erreichen will, nichts übrig, als die Bevölkerungszunahme aufzuhalten und das wird allerdings eine der hauptsächlichsten Wirkungen unserer jetzigen Handelspolitik sein. Der Reichskanzler ver⸗ gleicht die Getreidepreise von früher und jetzt. Er möge doch einmal die Stahl preise von früher mit den jetzigen vergleichen, dann würde er finden, daß nach seiner Betrachtungsweise die Stahlproduktion längst bankrott sein müßte. Die Preise sind eben allgemein gefallen, weil die Produktion billiger geworden ist. Der einzige durchschlagende Grund für die Zoll⸗ erhöhung ist die Absicht der Vermehrung der Reichseinnahmen. Das Reich hat Geld nötig, um seine geplanten Rüstungen durchzuführen und dazu werden vie Zölle erhöht. Hätte der Reichskanzler die hohen Zölle damit begründet, daß er erklärt hätte, das Reich brauche für die großen Ausgaben für Heer, Marine und Koloniensneue Eninahmequellen, so hätte man darüber streiten tönnen. Oder wenn es darauf ankäme, Millionäre zu züchten, so wären die neuen Verträge ebenfalls geeignet. Die andern hohen Tarife sind durch unsern erst provoziert. Der Reichskanzler sprach pathe⸗ tisch von der Entvölkerung des platten Landes. Wenn es seine Art wäre, den Dingen auf den Grund zu gehen, so würde er die Hauptursache dieser Erscheinung in der materiellen und rechtlichen Beein⸗ trächtigung der Landarbeiter sehen. Hier müßte der Hebel eingesetzt werden, wollte man der vielbeklagten Landflucht wirklich steuern. Statt dessen denkt die Regierung an neue Knebelungen des Landarbeiters. Man wird damit noch mehr Landarbeiter vom Lande scheuchen. Jetzt behilft man sich ja mit russischen Wanderarbeitern. Aber auch dies wird auf⸗ hören, sobald die gräßlichen Zustände in Rußland sich geändert haben, die Herrschaft jener Leute aufgehört hat, welche Tausende von Wehrlosen erschießen lassen. Wenn die russtsche Sachsen⸗ gängerei aufhört, wird man sich schon entschließen müssen, den deutschen Landarbeiter als Menschen zu behandeln. Wenn man etwa glaubt, daß die Drangsalierung der Industrie durch die neuen Verträge brotlos gemachte Industrie⸗ arbeiter auf das Land zurückscheuchen wird, so trrt man sich: der Industriearbeiter wird lieber über das Weltmeer gehen, als daß er seinen Nacken unter das agrarische Joch beugt. Capribi suchte den Export zu heben, jetzt wird er erschwert. Unsere Großindu⸗ striellen wollen den Schutz der„nationalen Arbeit“, und wo solche Zölle bestehen, da suchen sie ihre Vorteile herauszuschlagen. Ihnen ist es gleich, wo sie ihre Aktien haben. Die Nation ist ihnen gleichgültig. Ueberall haben z. B. die Elektrizitätsgesellschaften ihre Niederlassungen. Der einzige, der darunter leiden muß, ist der Arbeiter, der nicht be⸗ weglich genug ist, wie das Kapital. Darüber geht man aber mit Stillschweigen in den Ver⸗ handlungen hinweg. Freilich arbeiten sich die Kapitalisten mit dieser Politik entgegen; denn die freie Konkurrenz wird ja überall eingeschränkt. Wieder aber muß gerade der Arbeiter darunter leiden. Wenn der Arbeiter immer mehr herunter⸗ gedrückt wird, dann schädigen sie die nationale Produktion um so mehr: der Arbeiter, der sich nicht satt essen kanu, wird notwendigerweise weniger arbeiten können. Wir müssen unsern Landarbeitern doch dasselbe bieten können, was sie z. B. in Dänemark haben. Wie Handelsverträge auch agttatorisch wirken können, haben die Caprivi'schen bewiesen. Es hieß damals, die Landwirtschaft müsse die Kosten tragen, und alle Grundbesitzer vom Osten bis zum Westen erhoben stch. Jetzt werden die Arbeiter die Kosten tragen. Wir lehnen diese Verträge ab, und zwar deshalb, weil sie keine Handelsverträge sind, sondern das Gegenteil. Treiben Sie nur die jetzige„Handels politik“ recht stark, so werden Sie uns die besten Agitationsmittel liefern. Wir aber wollen gern, daß Sie uns die Agitations⸗ mittel nehmen, daß jeder sage, es ist so gut, daß es nicht besser werden kann. Aber sie schaffen Zustände, daß jeder sagt, es ist so schlecht, daß es nicht schlechter werden kann. Warten Sie ab, welche Wirkung ihre Politik haben wird! Der Flotten-Wahnsinn und das geradezu frivole Treiben des Flotten⸗ vereins waren am 1 Gegenstand der Reichstagsverhandlungen. rster Redner zu dem Etat des Marineamts war unser Genosse Bebel, der vor einer Fortführung einer ufer⸗ losen Flottenpolitik dringend warnte, während die Abg. Oriola, Kardorff und Arendt als Wortführer des Flottenvereins auftraten. Bebel wies besonders auf die Unterstützung hin, die der Flottenverein bei Fürsten und Reglerungs⸗ leuten findet. Von diesem Verein seien Be⸗ schlüsse gefaßt worden, die beleuchtet zu werden verdienten. In seinem Programm steht, führte Bebel weiter aus, daß er es sich zur Aufgabe mache, für die Flotten⸗Politik des deutschen Kaisers zu wirken. Da frage ich, weiß denn der deutsche Kaiser von diesem Ziele, ist die Gründung mit seiner Zustimmung erfolgt? Es scheint allerdings so. Der Protektor des Vereins ist Prinz Heinrich, sämtliche Landes⸗ fürsten sind Protektoren der in ihren Gebieten bestehenden Zweigvereine. Die Beschlüsse im letzten Frühjahr gingen dahin, daß die Ferlig⸗ stellung des Flottenprogramms statt 1917 schon 1912 erfolgen solle, und daß in derselben Zeit auch noch ein drittes Doppelgeschwader nebst Zubehör gebaut werden soll. Die Ausführung dieser Beschlüsse würde einen Kostenaufwand von 3165 Millionen in neun Jahren machen. Der damalige Kronprinz, jetzige König von Sachsen hat auf dieser b. J eine An⸗ sprache gehalten. Herr v. Metzsch, der sächsische Premierminister, hat auf derselben Versammlung eine Rede gehalten und versichert, daß von Seiten der sächstschen Regierung alles geschehen würde, um die Tätigkeit des Vereins zu unter⸗ stützen. Er hat hinzugesetzt, daß auch das sächsische Volk es sich zur Ehre anrechnen würde, daß der Flottenverein in Dresden getagt habe. Das letztere stimmt nicht, denn von 23 sächsischen Abgeordneten gehören 21 zu meiner Partei und im Namen dieser muß ich das verneinen. Als beim Jahreswechsel der Vorstand dem Kaiser gratulierte, antwortete der Kaiser, indem er den Wunsch aussprach, die Ziele des Vereins möchten sich erfüllen. Offlzieller, nachdrücklicher kann von der höchsten Stelle im Reiche die Agi⸗ tation des Flottenvereins nicht unterstützt werden. Verschiedene Handelskammern im Ruhrgebiet haben dem Flottenverein Sympathie ausge⸗ sprochen. Die große Mehrheit dieser Handels⸗ kammern ist am Flottenausbau persönlich iate⸗ ressiert, denn das Ruhrgebiet ist hauptbeteiligt am Flottenbau, aber dieselben Leute, denen nicht genug Schiffe gebaut werden können, er⸗ heben schärfsten Protest, von den Millionen, de ste am Flottenbau verdienen, einen winzigen Teil in Form direkter Steuern dem Retche zurückzuzahlen. Wenn wir die Reichsein⸗ kommen- und Vermögenssteuer eingeführt hätten, so würde die Agitation des Flotten ver⸗ eins sofort auf ein Minimum zurückgehen.(Abg. Witteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Ar. 10. von Kardorff lacht.) Ja, Herr von Kardorff, Ihnen geht auch der Flottenausban nicht schnell genug. Und zugleich gehören Ste zu den Leuten, die keinen Pfennig direkter Steuern für das Reich bewilligen. Nur in direkte Steuern, neue Zölle, neue Massenbelastung. Eine solche Politik ist so schamlos, daß ich nicht verstehe, daß man sie öffentlich ver⸗ treten kann. Flottenpolitik und Kolonialpolitik stehen im engen Zusammenhang. Man hat es ja jetzt für notwendig erklärt, aus Kiautschau ein zweites Port Arthur zu machen, damit wir jeder Zeit unsere Schlachtflotte nach dem Osten senden können. Was das im gegebenen Falle kostet und wozu dies führt, hat ja die Flotte Rosch⸗ djestwenskis gezeigt. Wir sollten uns auf's Aeußerste vor solchen Gedanken hüten. Das eine steht fest, daß die Agitation des Flotten. vereins Ziele verfolgt, die das Deutsche Reich von seinen eigentlichen Aufgaben abziehen und der Nation ungeheure Lasten auferlegen. Die Agitation des Flottenvereins geht geradezu ins Grenzenlose. Wie soll das enden? Wozu das alles? Ich bin zwar davon über⸗ zeugt, daß wir mit England, welches auf dem Prinzip der freien Konkurrenz steht, nicht in Konflikt geraten werden, auch wenn unsere Konkurrenz auf dem Weltmarkte noch weiter wächst. Aber erklären muß ich doch, eine Ver⸗ mehrung unserer Flotte kann nur dann einen Sinn haben, wenn man an einen Krieg mit England denkt. Gegen Frankreich und Ruß⸗ land brauchen wir keine Flotte. Wie der Kampf im Osten endigen wird, wissen wir noch nicht. Aber eins steht fest, daß das Gespenst, welches seit Jahrzehnten über unserem Haupte geschwebt, das Bündnis zwischen Rußland und Frankreich gegen uns, schon jetzt zerstoben ist, weil das schöne Gemälde von Rußlands Macht verschwunden ist. Der Krieg und jetzt die Revolution haben das bewirkt. Statt nun mit den Rüstungen aufzuhören, sind die Bestrebungen unserer leitenden Kreise darauf gerichtet, all die Summen für die Flottenvermehrung aus⸗ zugeben, die man sonst für die Heeres vermeh⸗ rung ausgegeben hätte. Außerdem ist Ihre Zollpolitik eingestandenermaßen dahin gerichtet, die Einfuhr zu vermindern. Damit treibt man aber keine Weltpolitik. Ihre Flottenpolitik und Ihre Zollpolitik stehen in unlösbare m Widerspruche. Wir mußten das rück⸗ haltlos zur Sprache bringen, damit die Nation bei Zeiten gewarnt wird: Auf der einen Seite verteuern Sie dem Volke die Lebensmittel, auf der andern legen Sie ihm die Kosten der Flotten⸗ rüstungen auf. Wenn das einmal zur Kenntnis der großen Mehrheit der Nation kommt, daan sage ich: Wehe Ihnen! Diesen Ausführungen Bebels konnten die flottenbegeisterten sogenannten Pol tsvertreter nichts entgegenstellen. Erfreulicherweise wandten sich auch Redner des Zentrume und der frei⸗ sinnigen Parteien entschieden gegen die Agitation des Flottenvereins, die Gröber als gemein⸗ gefährlich bezeichnete. Der Silberapostel Arendt hatte die— Kühnheit, den Flotten⸗ verein als unpolitisch hinzustellen! Bebel ergriff nochmals das Wort und hielt den Flottenvereinshelden ihre Abneigung vor, die Kosten für ihre„Ideale“ aufzubringen. Es ist aber eine alle Erfahrung: Die Begeiste⸗ rung nimmt in den besitzenden Klassen in demselben Maße ab, als Opfer von ihnen gefordert werden! Letzteres müssen sich beson⸗ ders hie deutschen Arbeiter vor Augen halten. Oft genug versuchen ja die Flottenvereinler, durch Lichtbildervorträge ꝛc. auch Arbeiter für ihre Tollheiten einzufangen. Man lasse sie mit solchen Versuchen gehörig abblitzen! politische Rundschau. Gießen, den 2. März 1905. Keine Reichs ⸗Erbschaftssteuer. Nachdem eine Zeitlang mannigfache Gerüchte davon zu erzählen wußten, daß man im Reichs⸗ schatzamt die Einführung einer Reichserbschafts⸗ steuer ernstlich plane, wird jetzt berichtet, daß der Bundesrat seine ablehnende Stellung gegen⸗ über dieser Steuer nicht aufgeben werde. Das mag schon stimmen. Denn die Einführung einer Reichs⸗Erbschaftssteuer hat nur dann einen Sinn, wenn auch die direkte Linie von ihr getroffen wird, wie das in England, Frankreich und der Schweiz mit großem Erfolg geschieht. Die deutschen Einzellandtage aber, die meist Privilegienparlamente sind, haben gegenüber einer solchen Besteuerung der besitzenden Klassen immer eine starke Abneigung bekundet, die sich wohl auch auf die Einzelregierungen übertragen haben wird. Die Einführung der Reichs⸗Erb⸗ schaftssteuer läßt sich aber nur dann vermeiden, wenn andere materielle Mittel zur Ordnung der Reichsfinanzen gefunden werden. Daß von dem neuen Handelsvertragstarif eine Füllung der Reichskassen nicht zu erwarten ist, wird allgemein anerkannt und ist auch von dem Reichsschatzsekretär Freiherrn v. Stengel in seiner letzten betrübten Etatrede ohne weiteres zugegeben worden. Da nun die Reichs⸗Erb⸗ schaftssteuer immer noch die mildeste Art ist, die besitzenden Klassen zur Tragung der Reichs⸗ lasten heranzuziehen, und eine Reichs⸗Ein⸗ kommensteuer oder eine Reichs⸗Ver⸗ mögenssteuer ihnen sicher noch viel unwill⸗ kommener sein würde, so ist es klar, daß die Lasten der wachsenden Reichsausgaben abermals auf den Rücken der breiten Volksmassen abge⸗ schoben werden sollen. Ist es erst so weit, daß die Sozialdemokratie einen neuen Plan zur Besteuerung des Massenkonsums im Interesse der von ihr vertretenen Volkskreise bekämpfen muß, wie sehr wird dann die ordnungsliebende Presse wieder gegen die„infame Hetze der Volksaufwiegler“ zetern. Daß die besitzenden Klassen ganz im stillen ihnen unbequeme Steuerprojekte zu Tode„hetzen“, ist ihr gutes Recht. Das Volk aber hat zu schweigen und zu zahlen!— Gegen die Russenschmach! Die sozialdemokratische Fraktion hat folgende Resolution im Reichstage eingebracht: Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, bei den Re⸗ gierungen von Preußen und Bayern dahin zu wirken, daß die Auslieferungsverträge, welche die genannten Regierungen am 13. Januar beziehungsweise 1. Oktober 1885 mit der rus⸗ sischen Regierung abgeschlossen haben, sofort gekündigt werden. Bebel und Vollmar werden die Resolution begründen. Wahnsinn der heutigen„Ordnung“. Der Geschäftsbericht der Chemnitzer Aktien⸗ spinnerei berichtet, wie die Chemnitzer„Volks⸗ stimme“ mitteilt, daß man in den Kreisen der Baumwollproduzenten ernstlich den Vorschlag gemacht habe, eine Million Ballen Baumwolle zu verbrennen, um die Preise dieses Spinnstoffes hochzu⸗ halten, welcher infolge der großen Ernte auf ein sehr niedriges Niveau gedrückt worden war. Die Nachricht von der großen Ernte und von dem niedrigen Preise hatte wie ein Donnerschlag in der ganzen Baumwollen⸗Region gewirkt. Ganz naturgemäß lam man zu der Frage, wie ist der Preis der Baumwolle mindestens so hoch zu treiben, daß die Farmer beim Ver⸗ kauf derselben nicht noch Geld 1 7 haben. Man erwog den verzweifelten Plan, einen großen Teil der Ernte zu zerstören, damit die Verminderung des Angebots die Konkurrenz verringert und den Preis hoch treibt. Man wollte sich des überquellenden Segens der Baumwollernte durch Vernichtung der ge⸗ wonnenen Produkte erwehren, weil der erzeugte Reichtum die Preise verbilligt. Tausende und Abertausende von Menschen gehen in Lumpen. Millionen würden mit Freuden ihre abgetragene Kleidung gegen neue vertauschen. Hundert⸗ tausende gehen müßig; sie würden, ach, wie gerne, mit den müßigstehenden Maschinen jene überschüssige Rohbaumwolle zu Kleidungsstücken verarbeiten. All das erlaubt die heutige Gesell⸗ schaftsordnung nicht, die sich auf das Privat⸗ eigentum stützt und die Produktion und den Austausch durch die Konkurrenz regeln läßt. Man will Millionen und Millionen von Werten verbrennen, um die am Reichtum der Produktion schaft, für die Menschheit! erstickenden Farmer vor dem wirtschaftlichen Ruin zu retten. Ist größerer Wahnwitz mö lich? Eine Gesellschaftsordnung, die diese Z stände zeitigt, muß zu Grunde gehen, und zwar je eher, desto besser für die arbeitende Gesell⸗ Die Reichs tagsersatzwahl in Hof hat mit dem Siege des liberalen Mischmasch. Kandidaten geendet, der in der Stichwahl mit 14718 Stimmen gegen unsern Genossen Geißler, der nur 11063 Stimmen erhielt, gewählt wurde. Die bürgerlichen Blätter bejubeln dieses Wahl⸗ ergebnis als eine„Niederlage“ der Sozial⸗ demokratie, die sich nach ihnen wieder einmal auf dem„absteigenden Aste“ befindet. Nun, wenn auch unsere Hoffnung auf Eroberung des Kreises fehlgeschlagen ist, so haben wir doch fast genau dieselbe Stimmenzahl wie im Jahre 1903 aufgebracht, der Stimmenverlust ist ganz . und bedeutet keineswegs eine Niederlage. er neue Vertreter, ein Freisinnskämpe, zieht auf den Krücken des Bundes der Landwirte in den Reichstag. Kurz vorher bekämpften die Bündler den Freisinnigen als Vertreter des Großkapitals und der Börse und den Feind der Bauern aufs heftigste— bei der Stichwahl wählten sie ihn als einen Freund der Land. wirtschaft, der versprochen hatte, immer Fühlung mit den heimischen Brotverteuerern zu nehmen. ——— „———T—́—2ꝗ2ĩ5ẽ—: Ste sind einander wert! Das militärische Zuchthaus urteil von Saarburg, das wir in voriger Nummer kurz erwähnten, hat begreiflicherweise wiederum große Erregung in der Bevölkerung und in der Oeffentlichkeit hervorgerufen. Kein Mensch war auf derartige Strafen gefaßt gewsen und der neue Fall Militärjustiz wurde tagelang er⸗ örtert. Folgendes ist kurz das„Verbrechen“, weswegen 2 Soldaten zu je fünf Jahren Zuchthaus und zwei zu je fünf Jahren G⸗ fängnis verurteilt wurden.— Am zweiten 1 Weihnachtstage 1904 hatten mehrere Ulanen, darunter ein Gefreiter, auf mehrere Stunden Urlaub erhalten. Sie besuchten einige Bier⸗ lokale, und als sie des Guten schon ein wenig viel genossen hatten, entstand in einer Wirt⸗ schaft ein kleiner Streit zwischen dem Gefreiten und einem auch anwesenden Sanitätssoldaten. Der Streit wurde beigelegt, aber eine Infanterie⸗ Patrouille, die gerade eintrat, stellte die Ulanen zur Rede. Aus den Zeugenaussagen erscheint als festgestellt, daß auch der Patrouillenführer nicht mehr nüchtern war. Als nun die Pa⸗ trouille unter der Führung ihres Unteroffiziers die Straße wieder betrat, folgten mehrere Ulanen, und es entstand eine Keilerei, bei der keinen der Beteiligten verletzt worden ist. Die Ulanen eilten auch sofort der Kaserne zu, als einige Gendarmen der Patrouille zu Hülfe eilten. Also eine ganz gewöhnliche Sonntagsprügelei, jedenfalls hervorgerufen durch die vielfach von oben herunter begünstigte Rivalität der„Kou⸗ leurs“, der Uniformen untereinander, hat zur Verurteilung wegen„Aufruhrs“ geführt Selbst der Vertreter der Anklage gab zu, daß die Strafen ungegeuerliche sind und die Aenderung der Aufruhr⸗Paragraphen geboten ö erscheine.— Ein weiterer Aufruhr⸗Prozeß beschäftigte das Oberkriegsgericht des 16. Armee⸗ korps. 12 Dragoner aus Diedenhofen hatten sich in der Trunkenheit an einem Unterofftzier vergriffen. Sie wurden ebenfalls zu schweren Strafen verurteilt, einer zu 4 Jahren Ge⸗ fängnis. Und die Vorinstanz, das Kriegsgericht, hatte dieselben Leute freigesprochen!— Solche Urteile müssen das Rechtsgefühl des Volkes aufs tiefste verletzen und die schärfsten Proteste herausfordern. 9 Gegen den Befähigungs nachweis, eine der Hauptforderungen der Zünftler und Mittelstandsretter, sprach sich kürzlich eine in r ö — — Erfurt stattgefundene Konferenz von 27 Hand⸗ werkskammern, also eine durchaus sachverstaͤndige und berufene Vertretung des Handwerks, aus. Die Konferenz erklärte, daß die Einführung des Befähigungsnachweises nicht nur aussichts⸗ los, sondern geradezu für das Handwerk schäd⸗ ., e „537 ³ AAA .„ r re r e — t. 10. 07 ice Mög. . b zwar Gesel. hof hasch ahl nit heile, Wurde. Vahl⸗ Sujill einmal Mun, ug dez Ir doch n Jaht st gan derlage , zieht victe il ten die ter dez Feind ichwahl r Land- fühlung nehmen. dteil tummer dederum und in Mensch sen und lang er⸗ rechen“ zahren en Ge⸗ zweiten Ulanen, Stunde e Beer; u wenig Wirk gefreiten oldaten. fanterie⸗ Ulanen erschein euführer ie Pa- hier Ulanen, r keiner Ulanen h einige len. ügele. ach bol „ol al zi fühlt, J, Dab und die gebotel Prozeß 15 halle fen Wer 1 Ge Nr. 10. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. lich set. Diese Kundgebung ist um so beachtens⸗ werter, als sich ihr alle süddeutschen Kammern ohne weiteres angeschlossen haben. Infolge⸗ dessen sind jetzt die meisten von den 71 deutschen Kammern Gegner des Befähigungsnachweises. Uebrigens haben sich schon früher Handwerker und Handwerker⸗Vertretungen in gleichem Sinne ausgesprochen, wir erinnern nur an den früheren Reichstags abgeordneten und Innungsmeister Jakobskötter in Erfurt. Den„Rettern des Handwerks“ ist es natürlich unangenehm, daß sie jetzt, nachdem sie seit Jahrzehnten mit dem Befähigungsnachweis krebsen gegangen sind, von den berufenen Vertretern des Handwerks erfahren müssen, daß die zu Rettenden selbst auf das Rettungsmittel pfeifen. Bei dem An⸗ tisemitenhäuptling Hirschel sind daher jene Handwerkskammern schwer in Ungnade gefallen. Sauberer antisemitischer Stadtvater. Eine schmutzige Geschichte wird von dem Stadtverordneten Claußen in Dresden bekannt. Dieser brave Antisemiterich und Sozialistenfresser hat versucht, sein Stadtver⸗ ordnetenmandat zu persönlichen Vorteilen aus⸗ zubeuten. Es wird ihm in bestimmtester Weise nachgesagt, er habe sich gegenüber dem Eigen⸗ tümer eines Grundstücks dazu erboten, gegen eine bestimmte Entschädigung im Stadtverord⸗ neten⸗Kollegium dahin zu wirken, daß sein Bauplatz von der Stadt zur Errichtung eines städtischen Gebäudes gekauft werde. Später scheint dem Herrn aber der vereinbarte Gewinn nicht hoch genug erschienen zu sein, denn er hat dem Grundstücksbesitzer erklärt, es kämen noch mehr Stadtverordnete in be⸗ tracht, die ebenfalls Anteil haben wollten. Auf diese Weise versuchte er eine dreifach höhere Summe, als vereinbart war, zu ergaunern. Die Sache scheint aber schließlich schief gegangen zu sein. Denn der Antisemitenhäuptling Claußen hat sich erhängt. Er soll sich auch in finan⸗ ziellen Schwierigkeiten befunden haben, aus denen der schmutzige Vermittlergewinn ihn be⸗ freien sollte. Als die Sache fehl schlug, griff er nach dem Strick. Am Grabe Claußens hat der antisemitische Stadtverordneten⸗Vizevorsteher Dr. Häckel noch das„uneigennützige Wirken“ seines toten Gesinnungsgenossen gerühmt.— Natürlich versuchte die Mehrheit der Dresdener Stadtväter, die Machenschaften ihres Kollegen nach Möglichkeit zu vertuschen, ste wurde aber trotzdem bekannt. Der Vorsitzende der Stadt⸗ verordneten— das ist auch bezeichnend— widmete dem Toten an demselben Tage einen ehrenden Nachruf, an dem eine ihn(den Claußen) schwer kompromittierende Untersuchung abgeschlossen war! Die Revolution in Rußland. Alle Nachrichten aus Rußland lassen er⸗ kennen, daß die Lage fortgesetzt sehr er nst ist. Auf vielen Eisenbahnstrecken ruhte der Betrieb vollständig, verschiedene Städte sind von jeder Verbindung abgeschnitten. Georgien(Süd⸗ rußland) hat tatsächlich seine Unabhängig⸗ keit erklärt. In Armenien sind die Unruhen allgemein. Kurz, das gewaltige Reich erbebt unter revolutionären Erschütterungen.— Der Dichter Maxim Gorki ist gegen eine Kaution von 10000 Rubel freigelassen und ihm Riga als Aufenthaltsort angewiesen worden. Die italienischen Eisenbahner führen gegenwärtig einen nachdrücklichen Kampf um ihr Koalitionsrecht, wobei sie ein neues und eigenartiges Kampfmittel, das der „Obstruktion“ anwenden. Das heißt, ste führen Dienst so genau und peinlich nach den Vor⸗ schriften aus, daß dabei großer Zeitverlust ent⸗ steht und nur ein kleiner Teil der fahrplan; mäßigen Züge befördert wird. Das Mittel er⸗ weist sich fast als wirksamer, als Streik. Der Staat will nämlich die großen Eisenbahnlinien, die sich zurzeit in den Händen von Privatge⸗ sellschaften befinden, in eigne Regie übernehmen. Dabei will die Regierung gleichzeitig einen Schlag gegen die Eisenbahner führen. Die paar Zugeständnisse, welche die Regierung den Eisen⸗ Hahnern macht, sollen diese erkaufen mit der Preisgabe ihrer Selbstandigkeit, die Regierung will nichts Geringeres als den Anugestellten das Koalitionsrecht oder doch das Recht zum Streiken entziehen. Das ist die Ursache dieses Kampfes. Kleiue politische Nachrichten. Die Wahl unseres Genossen Bock in Gotha zum Landtagsabgeordneten war wegen formaler Verstöße für ungültig erklärt worden. Am Donnerstag voriger Woche wurde Bock jedoch mit großer Mehrheit wieder⸗ gewählt. r Russisch⸗japanischer Kriog. Vom Kriegsschauplatze am Schaho kamen in den letzten Tagen Nachrichten, welche das Vorrücken der Japaner auf Mukden meldeten. Nach einer heftigen Schlacht, die drei Tage dauerte, wären die Russen zur Auf⸗ gabe Mukdens und zum Rückzuge auf Tien ling gezwungen worden. Dem General Kurokt scheint es gelungen zu sein, den linken russischen Flügel zu umgehen und einzuschließen. Der Simplon⸗Tunnel. Am Freitag früh, 7 Uhr 20 Minuten, erfolgte der Durchschlag des Simplon-Tunnels. Dieser Zeitpunkt bedeutet einen wichtigen Mo⸗ ment in der Geschichte der Kultur; dieses riesen⸗ hafte Bauwerk dürfte nun in wenigen Monaten vollendet sein und Zeugnis ablegen von der gewaltigen Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes und der menschlichen Arbeit. Ungeheuer waren die Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich dem Werke immer wieder in den Weg stellten. Das Hervorbrechen starker heißer Quellen verhinderte oft die Fortsetzung der Arbeiten und furchtbar waren die Leiden, welche den Arbeitern durch die heiße Luft bereitet wurde. Das Projekt eines Simplon⸗Durchstichs bestand schon vor einem halben Jahrhundert. Im Jahre 1854 hatte schon eine französische Gesellschaft die Konzession erworben, aber keinen Gebrauch davon gemacht. Später wurde das Projekt zu wiederholten Malen aufgenommen und auch dafür Konzessionen erworben, ohne daß etwas geschehen wäre. Die französische Regierung nahm die Angelegenheit im Jahre 1873 ebenfalls auf, ihre diesbezügliche Vorlage jedoch, die 48 Millionen Franken forderte, kam nicht zur Verabschiedung. Die späteren Verhandlungen wurden also nur zwischen der Schweiz und Italien geführt und nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten zu einem erfolgreichen Abschlusse gebracht, wo⸗ bei freilich alle Vorteile auf Seite Italiens waren und sind. Entgegen der ursprünglichen Absicht der Schweiz, einen Simplontunnel von 16070 Meter Länge zu erstellen, wovon nur 240 Meter auf italienisches Gebiet entfallen sollten, gelangte das nun durchgeführte Tunnel⸗ projekt zur Annahme, wonach der Tunnel eine Länge von 19730 Meter erhielt, wovon 9100 Meter auf schweizerisches und 10620 Meter auf italienisches Gebiet entfallen. Die Kosten dieses definitiven Projektes inklustve der Zufahrtslinien auf beiden Seiten wurden auf 70 Millionen Franken veranschlagt und davon sollten die Schweiz 20, Italien 15 Millionen Franken Subventionen zahlen. Ge⸗ leistet wurden von der Schweiz 16260000 Frks., wovon 4½ Mill. vom Bund und 11 760 000 Frks. von den welschen Kantonen und Städten. Der italienische Staat aber leistete gar nich s, hin⸗ gegen übernahmen die zunächst interessterten Landesteile und Städte(Mailand und Genua) eine Beitragsleistung von 4 Mill. Franken. Die italienische Regierung verpflichtete sich nur, was doch selbstverständlich war, für die Er⸗ stellung der Anschlußlinien auf ihrem Gebiete zu sorgen, ferner eine Jahres⸗Subvention von 7 5 Frks. an die Simplongesellschaft zu leisten. Die Ausführung der Bauarbeiten übernahm ein unter dem Namen„Simplonunternehmung“ gebildetes Konsortiu m, das aus den Fimen Brandt, Brandau u. Cie., Bauunternehrmung in Hamburg, Locher u. Cie. in Zürich, Gebr. Sulzer, Maschinenfabrik in Winterthur und der Bank in Winterthur gebildet wurde. Das Konsortium übernahm den Tunnelbau für die Summe von 69½½ Millionen Franken und wurde der bezügliche Vertrag am 13. April 1898 abgeschlossen und mit dem 13. August 1898 in Kraft erklärt. Ein Vierteljahr später, am 13. November 1898, wurden die Arbeiten auf der Nordseite, einige Wochen später auch auf der Südseite begonnen. Die Bauzeit war auf 5 Jahre festgesetzt, die Tunnelanlage sollte am 13. Mai 1904 fertiggestellt sein. Der Bau hat also über ein Jahr länger gedauert, als vereinbart wurde. Mit seinen rund 20 Kilometern ist der Simplontunnel der längste Tunnel der Erde. Der Gotthardtunnel hat eine Länge von 14920 Metern. Der Mont Cenistunnel von 12240, der Arlbergtunnel von 10270, der Bergallo⸗ tunnel von 7972 Metern. Der Simplontunnel übertrifft also den bisher längsten Gotthard⸗ tunnel um fünf Kilometer. Jedoch ist die längste unterirdische Straße der Erde noch immer der Ernst August⸗Stollen im Oberharz mit seinen über 27 Kilometern. Der neue Tunnel beginnt bei Brieg auf der Schweizerseite und endigt bei Isella auf italienischer Seite. Der Anfang liegt in einer Meereshöhe von 686 Metern. Mit einer Steigung von 2 Metern pro Kilometer steigt der Tunnel bis zur Höhe von 704 Metern an, geht dann auf einer Strecke von 500 Metern horizontal und sinkt hierauf mit 7 Metern pro Kilometer langsam nach dem südlichen Ausgang hinab, der in einer Meereshöhe von 634 Metern liegt. Zwi⸗ schen den beiden Ausgangspunkten besteht also ein Höhenunterschied von 52 Metern. Der Simplontunnel ist ein sogenannter Baststunnel, d. h. er ist im Gegensatz zu anderen, durch hohe Berge führenden, Tunnels in einem verhältnismäßig tiefen Teile des Berges gebohrt, 3518 Meter unter dem Gipfel des Mont Leone. Diese geringe Steigung hat zur Folge eine Verbilligung der Betriebskosten. Da die Bahn⸗ züge nicht so hoch geschleppt werden müssen, wie z. B. zum Gotthardtunnel, der 1145 Meter hoch liegt.(Monte Cenistunnel 1269, Arlberg⸗ tunnel 1394 Meter.) Anderseits verursachte allerdings die tiefe Lage des Simplontunnels seine bedeutendere Länge, die das Bauwerk kostspieliger machte. Es ist der Durchschlag des Simplontunnels ein neuer großer Sieg des menschlichen Geistes und der menschlichen Arbeit, ein neuer großer Fortschritt der Kultur— aber er fällt gerade in eine Zeit, da durch die neuen Handels⸗ verträge neue und höhere Zollschranken aufgerichtet werden. Der Wahnsinn des Kapi⸗ talismus, der seiner eigenen Werke spottet. Aber dennoch ist das große Werk nicht umsonst getan, es ist eine wertvolle Vorarbeit für eine spätere und bessere Zeit, für Völkerverbrüderung und Völkerverbindung! Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Der Streik bei der Firma Winkler und Co., Segeltuchweberei in Kassel, hat nach stiebenwöchiger Dauer mit einem Siege der Arbeiter geendet. Die Firma hat sich ver⸗ pflichtet, den in Kassel in der Textil⸗Industrie übl ichen Lohntarif mit einigen Verbesserungen zu zahlen. Ferner soll bei vorkommenden Streitigkeiten zwischen der Firma und den Arbeitern das Gewerbegericht als Einigungsamt angerufen werden. Dieser Ausgang bedeutet einen Erfolg der Organtsation.— Die Schreiner in Kassel haben mit den Unternehmern einen neuen bis zum 31. Dezember 1907 gültigen Vertrag abgeschlossen, der ihnen eine größere Zahl von Vorteilen gegen den bisherigen Tarif bringt. Danach soll vom 1. April 1905 die Arbeitszeit wöchentlich 55 Stunden und vom 1. April 1906 54 Stunden bei entsprech⸗ endem Lohnaufschlag betragen.— Vor zwei Jahren sträubten sich bekanntlich die Kasseler Tischlermeister mit aller Macht gegen den Abschluß des jetzt abgelaufenen Vertrages. ——————— Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. * Nr. 10 30 Wochen mußten damals die Tischler kämpfen, und um ihnen den Sieg zu entreißen, verlangten die Unternehmer der Baubranche von den übrigen Bauarbeitern, daß diese die Tischler zur Wiederaufnahme der Arbeit bewegen sollten. Als dies nicht geschah, sperrten die Unternehmer saͤmtliche Bauarbeiter aus, eine Scharfmachertat, die mit einer schweren Niederlage der Unter⸗ nehmer endete. von Rah und Fern. Hessisches. — Der Landtag beschäftigte sich in seinen letzten Sitzungstagen noch mit der Einzelbera⸗ tung des Etats. Dienstag und Mittwoch kam der Eisenbahnetat zur Beratung, bei welcher Gelegenheit verschiedene Abgeordnete ihre Eisen⸗ bahnschmerzen vorbrachten. — Vergebliche Mühe. In Bürgel bei Offenbach wurden bei der letzten Gemeinde⸗ rats wahl drei sozialdemokratische Kandidaten gewählt. Von gegnerischer Seite wurde gegen die Gültigkeit der Wahl reklamiert und merk⸗ würdigerweise wurde dem Protest vom Kreis⸗ ausschuß auch stattgegeben, in erster Linie, weil auf einer Anzahl sozialdemokratischer Stimm⸗ zettel in Folge zu starken Druckes die Namen der Kandidaten auf der Rückseite sichtbar waren wenn auch nur sehr schwach, kaum erkennbar. Gegen das Urteil des Kreisausschusses wurde Rekurs beim Provinzialau schuß in Darmstadt eingelegt, der die Wahl am Samstag für gültig erklärte. — Einen schönen Sieg erfochten unsere Genossen in Urberach bei einer Gemeinderats⸗ Nachwahl. Trotz ungeheurer Anstrengung der Schwarzen vom Zentrum wurde der sozial⸗ demokratische Kandidat Schwab mit 177 von 339 abgegebenen Stimmen gewählt. Schwab's bereits früher erfolgte Wahl war für ungültig erklärt worden; es gelang aber den Gegnern nicht, uns das Mandat zn entreißen. — Die reine Kosaken⸗Gesinnung bekundet das Friedberger Antisemiten Organ, das seinem Titel„Volkswacht“ wirklich sehr wenig Ehre macht. Als die zarischen Bestien in Petersburg Tausende wehrlose Menschen nieder⸗ knallten, hatte das famose Organ des„Volks⸗ vertreters“ Hirschel kein Wort des Tadels. Desto mehr beschimpft es aber diejenigen, die ihr Leben für die Freiheit des russiscken Volkes einsetzen. Kein Wort ist zu roh und gemein, mit dem Hirschel's Sudelblatt nicht die russischen Freiheitskämpfer belegt und in gleicher Weise schimpft es natürlich gegen unsere Partei. Nun, wir wünschen allen Menschen Gutes, auch unsern Gegnern und Herrn Hirschel. Ihm wünschen wir höchstens, und zwar im Interesse der Allge⸗ meinheit, daß er bei Wahlen zum Reichs⸗ oder Landtage durchfallen möge, weil er eben zum Volksvertreter nichts taugt. Angesichts seiner Verunglimpfungen der russischen Revolutionäre wünschten wir ihm aber, daß er einmal nur ein paar Wochen in die Behandlung russischer Polizisten käme, dann würde er jedenfalls zu anderer Meinung kommen.— Im Uebrigen ist es ja ganz gleichgültig, was der Jammer⸗ Wisch seinen paar Lesern über unsere Partei und die russische Bewegung erzählt. Wir wollten nur auf die niedrige Gesinnung hin⸗ weisen, die in jenem Papier zu tage tritt und die— davon sind wir fest überzeugt— auch von keinem nur einigermaßen vernünftigen Bauer geteilt wird. Gießener Angelegenheiten. — In der Stadtverordneten⸗ sitzung am Donnerstag kam u. a. der schauerliche Zustand des Brandplatzes, der bei dem jetzigen Wetter einfach unpassierbar ist, zur Sprache. Der Oberbürgermeister er⸗ klärte, daß man hier nichts tun könne, weil der Platz dem Staate gehöre. Hoffentlich käme er bald in den Besitz der Stadt.(In mancher Straße siehts übrigens nicht viel besser aus als auf dem Brand.) Die Straßen⸗Absperrungen bei Aken der Hausanschlüsse an die Kanalisation sind sehr mißlich. Es wird gerügt, daß Unternehmer ohne polizeiliche Genehmigung absperrten. Dem Unfug soll in Zukunft gesteuert werden.— Für das Klärbecken wird die Anschaffung eines Dampfkessels für die Schlammpumpe beschlossen. Preis; 12000 Mk. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Herr Bau⸗ rat, daß die Preise aller Materialien gewaltig steigen, durch Syndikate in die Höhe getrieben werden.— Das vorjährige Jugendfest schloß finanziell günstiger ab, als das vorher⸗ gegangene. Das Defizit beträgt nur 1103 Mk. Wird bewilligt.— Das Elektrizitätswerk zeigt gute Entwickelung.— Für die Kriminalpolizei wird ein zweites Fahrrad bewilligt.— Die Räumlichkeiten im Bürgermeisterei⸗ Gebäude erweisen sich als unzugänglich. Es soll durch einen Neu⸗ oder Umbau Abhilfe geschaffen werden, doch wird darüber noch kein Beschluß gefaßt. l — Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen tritt am Montag, den 6. März 9/ Uhr vorm. unter Vorsitz des Landgerichtsrats Koch zusammen. Es liegen ihm nur drei Fälle zur Aburteilung vor. Am Montag wird verhandelt gegen die Witwe Faitz aus Ilbes⸗ hausen wegen Meineid; Dienstag gegen Paul Becker, Knecht aus Schlitz wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen; Mittwoch gegen Chr. Faust aus Uellershausen wegen Meineid.— Bei Durch⸗ sicht der Geschworenen⸗Liste fällt auf, daß fast sämtliche Geschworenen Bauern sind. Wie das wohl kommen mag? Und warun nicht einmal auch ein Arbeiter als Geschworener herange⸗ zogen wird? Wir haben wenigstens noch nie einen auf der Liste verzeichnet gefunden. Hier müssen doch die Arbeiter als gleichberechtigte Bürger angesehen werden. — Den Schulzensuren wird von vielen Eltern eine viel zu große Bedeutung beigelegt und oft genug werden die Kinder bestraft, wenn sie schlechte„Noten“ nach Hause bringen. Demgegenüber verweisen wir auf das, was darüber in dem Arttkel„Zensuren“ in der vorigen und dieser Nummer ausgeführt wird. Wir empfehlen allen Eltern, denselben genau durchzulesen und die nötigen Nutzanwendungen daraus zu ziehen. d. Denunziationen der Arbeits⸗ kollegen gegen einander sind ganz besonders häßliche Sachen. Wenn ein Arbeiter dadurch seine Lage zu verbessern sucht, daß er sich bei dem Arbeitgeber herausstreicht, seine Neben⸗ arbeiter aber anschwärzt und diese dadurch schädigt, so wird das jeder anständige Mensch als Aus fluß niedriger Gesinnung und in jeder Beziehung verwerflich finden. Mit Recht werden diese Leute von ihren Kollegen möglichst gemieden. Glücklicherweise gibt es noch Arbeitgeber, die Angebereien kein Gehör schenken. Der in einer hiesigen Brauerei beschäftigte Fahrbursche Th. Simon gertet mit einem Brauer, gegen den er durchaus unberechtigte Vorwürfe erhob, in Streit und es kam schließlich zur gerichtlichen Klage. Die Sache drohte aber für den Angeber un⸗ günstig zu verlaufen, er suchte sich deshalb mit dem Schwindel herauszureden, daß er die organisterten Brauer als gewalttätige Menschen hinstellte, die ihn den ganzen Tag chikanierten. Also der berühmte„Terrorismus“. Diese freie Erfindung und schofle Verdächtigung konnte als unwahr sofort zurückgewiesen werden und ver⸗ fehlte ihren Zweck vollständig. Bei dem Personal der Brauerei hat aber der Fall derartige Auf⸗ regung hervorgerufen, daß allgemein öffentliche Zurückweisung in der Sonntags⸗Zeitung ver⸗ langt wird. Dem betreffenden Angeber wäre zu raten, statt sein Geld zu den Rechtsanwälten zu tragen, es lieber seiner Familie zukommen zu lassen. Außerdem möge er, wie alle der Arbeiterbewegung gleichgültig Gegenüberstehen⸗ den erkennen, daß die organisierten Arbeiter auch für sie Vorteile durch Schaffung besserer Arbeitsbedingungen erkämpft haben. Ueber Konsumgenossenschaften und ihre Bedeutung wird demnächst in einer vom Konsumverein für Gießen und Umgegend einzuberufenden Versammlung Herr Professor Staudinger⸗Darmstadt einen Vortrag halten. Voraussichtlich findet diese Versamm⸗ lung Mittwoch, den 15. März in Lon y's Bierkeller statt. Zu der Versammlung, in welcher zugleich die Geschäftsleitung des ge⸗ nannten Konsumvereins über die Entwickelung desselben berichten wird, hat jedermann Zutritt. — Der Braumeister Jos. Wester⸗ mayer der Brauerei Friedel und Asprion ist am Mittwoch früh plötzlich verstorben. Er ö erfreute sich allgemeiner Beliebtheit, auch, was man nicht oft findet, bei den ihn unterstellten Arbeitern, denen er stets eine vernünftige und anständige Behandlung angedeihen ließ und die ihn deshalb hochschätzten. Er dürfte auch das Vertrauen der Arbeitgeber im vollsten Maße genossen haben und es wird nicht leicht sein, für ihn vollen Ersatz zu finden. Von einem schweren Unglück wurde vorigen Freitag unser Genosse Muhl in der Bahnhofstraße betroffen. Sein Töchterchen fiel bei Bekannren, wohin es seine Mutter mit- genommen hatte, in einem unbewachten Augen⸗ blicke in einen mit heißem Wasser gefüllten Topf und verbrühte sich so schwer, daß es am andern Tage seinen Verletzungen erlag. — Das Frankfurter Gewerkschafts⸗ haus hat im vergangenen Jahre, wie aus dem kürzlich veröffentlichten Geschäftsberichte hervorgeht, wiederum ein ganz erfreuliches Resultat aufzuweisen. Der Reingewinn ist allerdings im Verhältnis zu dem riesigen Umsatz als mäßig zu bezeichnen, doch das Unternehmen zielt ja auch nicht darauf ab, große Ueberschüsse zu erzielen, als vielmehr darauf, den das Gewerkschaftshaus aufsuchenden Gästen und Fremden bei möglichst niedriger Berechnung gute und preiswerte Waaren zu liefern. Der Umsatz belief sich im abgelaufenen Jahre auf 306,000 Mk., der Reingewinn beträgt 13,382,738. Mark, also etwa 4½ Prozent vom Umsatz. Dieser Ueberschuß wurde, wie im Vorjahre, zun Schuldentilgung benutzt. Im Vorjahre betrug der Reingewian 13,795,30 Mark. Die Umsätze ö der beiden letzten Jahre sind ziemlich gleich geblieben; der Bier⸗, wie auch der Schnaps⸗ umsatz ist etwas zurückgegangen. Dagegen hat der Umsatz an Speisen wiederum ganz ansehnlich zugenommen. Aus dem Bericht ist besonderns erwähnenswert, daß im vergangenen Jahre die Beköstigung, sowie das Biergeld der Kellner abgeschafft worden ist; die Kellner erhalten nur noch Baarlöhne. Die Ablösung der Beköstigung, erfolgte nach den Sätzen der für die Gäste üblichen Preise. Es übernachteten im ver⸗ flossenen Jahre 27747 Personen im Gewerk⸗ schaftshaus, fast genau soviel als im Vorjahre. Augesichts dessen, daß das Gewerkschaftshauns mit seinen gut eingerichteten Räumlichkeiten einen sehr angenehmen Aufenthaltsort für Arn⸗ beiter bietet, könnte der Verkehr, wie der Berichet meint, noch lebhafter sein.— Unsere Partei⸗ 4 freunde, welche gelegentlich nach Frankfurt kommen, sollten nicht versäumen, das Gewerk- schaftshaus am Schwimmbad— in der Nähe der Allerheiligenstraße— aufzusuchen.— Und wann wird sich die Gießener Arbeiterschaft. 1 ein eigenes Heim schaffen? Aus dem Areise gießen. — Die Tabakarbeiter⸗Versammlungen in Heuchelheim und Wieseck finden nicht, wie neulich irrtümlich in der M. S.⸗Ztg. mitgeteilt wurde, diesen Sonntag, sondern erst am 19, März statt. 8 Aus dem Rreise Iriedberg⸗Büdingen. v. Eine Parteikonferenz für den südlichen Bezirk des Wahlkreises Friedberg⸗Büdingen tagte am Sonntag in Nieder⸗Wöllstadt. 37 Delegierte und Vertrauensleute waren vertreten. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurden die in Petersburg gefallenen 5 Arbeiter durch Erheben von den Sitzen geehrt. Zum ersten Punkte: Agitation macht dann Repp⸗Friedberg längere Ausführungen und gibt Anregungen, wie nach seiner Meinung praktisch agitiert werden könne. Vor ö allem sollten sich die Parteigenossen über das Partei⸗ programm klar sein und darüber in den Vereinsver⸗ sammlungen diskutieren. Die Broschüre„Grundsätze und Forderungen“ von Kautsky biete hierzu einen wert⸗ vollen Leitfaden. Bezüglich der Maife ier wird be⸗ schlossen, dieselbe wieder in Vilbel abzuhalten, außerdem sollen in den einzelnen Orten natürlich Versammlungen stattfinden.— Schließlich referiert Kühn⸗Friedberg über die Landtagswahlen. Er bespricht die ein⸗ zelnen Bestimmungen des Wahlgesetzes und die Voraus⸗ setzungen des Stimmrechts. In der Diskusston bemerkt Repp, daß man darauf sehen müsse, als Wahlmänner gen i. lich dice . nien te 0 2 110 iu de falenel gun Aedberh e fl . 5 7. Nr. 10. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Es ite 5. prinzipienfeste Leute zu bekommen, denn daß bis zur Wahl das neue Wahlgesetz in Kraft getreten ser und direkt gewählt werde, scheine ausgeschlossen. Arm brust⸗ Vilbel weist auf das wichtigste Kampfmittel, die Presse hin, es müsse tüchtig für Verbreitung der„Volkzstimme“ gewirkt werden.(Auf dem Lande darf man auch die „Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung nicht vergessen! D. R.) Als Kandidat für den Wahlbezirk Vilbel wird Genosse Schreinermstr. Busold einstimmig ernannt. * In der hessischen Landgemeindeordnung befindet sich die rückständige und die Besitzenden bevor⸗ zugende Bestimmung, daß mindestens die Hälfte der Gemeinderatsmitglieder dem höchstbesteuerten Drittteil der Einwohner angehören muß. Auch in dem Entwurf der neuen Landgemeindeordnung, der dem Landtage vorliegt, hat dieses Privileg der Reichen wieder Aufnahme gefunden. Auf Grund dieser Bestimmung hat der Kreis⸗ ausschuß die im November erfolgte Gemeinderatswahl in Rödgen bei Nauheim für un gültig erklärt, weil einer der neugewählten Gemeinderäte angeblich dem höchstbesteuerten Drittel nicht angehören soll. Das wird zwar bestritten, der Betreffende(A. Kreuter) soll viel⸗ mehr in den Wahllisten als Angehöriger des höchst be⸗ steuerten Drittteils aufgeführt sein— aber auch wenn dies nicht der Fall wäre, muß das Unhaltbare dieser Gesetzvorschrift ohne Weiteres einleuchten. Denn es kann sehr wohl der Fall eintreten, daß sich in den Kreisen der Höchstbesteuerten gar nicht soviel zu Ge⸗ meindevertretern geeignete oder fähige Personen finden, oder es kann auch die Mehrheit der Gemeinde jene Höchstbesteuerten als Gemeindevertreter nicht haben wollen und dann bedeutet eine derartige Bestimmung ein schreiendes Unrecht. —g.— Die Kaiserschleife. Dem Krlegervereine in Schwalheim sollte zu seinem 25 jährigen Bestehen eine Kaiserschleife verliehen werden. Die Sache hatte aber einen Haken. Vom Kreisamte Friedberg lief ein Schreiben ein, daß dem Kriegerverein 8 Sozis als Mitglieder angehörten und diese müßten vorher entfernt werden. Man scheint also gründliche Reinigung halten zu wollen. Merkwürdigerweise hat im Januar der Dorheimer Kriegerverein auch eine Schleife erhalten, obwohl dort auch freie Gewerkschaftler Mitglieder sind. Da mülssen nun entweder diese, oder die Schleife entfernt werden! Für unsere Freunde muß die Parole lauten: Heraus aus den Kriegervereinen! Aus dem Odenwald. n. Neu stadt i. O. Bei der Bürger⸗ meisterwahl stegte am Montag der Weiß⸗ bindermeister Koch mit 74 Stimmen in der Stichwahl gegen Bäckermeister Rodenhäuser. Der bisherige Bürgermeister kam nicht in Stichwahl. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Ein Gewerkschaftskartell ist nun endlich auch in Wetzlar ins Leben getreten. Hoffentlich entfaltet es eine lebhafte Tätigkeit im Interesse der Arbeiter, die es natürlich energisch unterstützen müssen. Als Vor⸗ sitzender wurde A. Fauth bestimmt. h. Kapitalistengewinne. Für die Buderus⸗ schen Eisenwerke brachte das vergangene Jahr wiederum ein sehr günstiges finanzielles Ergebnis. Nach dem kürzlich veröffentlichten Rechnungsabschluß beträgt der Brutto⸗Gewinn über 1½ Millionen Mark. An Abschreibungen und Zurückstellungen wurden über eine Million Mark eingestellt, so daß ein Reingewinn von 556658 Mk, verbleibt. Davon bekommt ber Auf⸗ sichtsrat 17699 Mk., 450000 Mk. werden als Divi⸗ dende verteilt, 20 000 Mk. als Belohnungen an Be⸗ amte ꝛc. verausgabt.— Die Arbeiter, die doch diesen Riesengewinn erarbeiteten und von denen ein großer Teil mit 2— 2,50 Mk. Tagelohn abgespeist wird, er⸗ halten— nichts!— Man beabsichtigt, das Eisenwerk Lollar zu erwerben und mit dem Wetzlarer Unter— nehmen zu verschmelzen, wozu das Aktienkapital auf 10½ Millionen Mark erhöht werden soll. h. Teure Futtermittel. Vom Lande läßt sich der„Wetzl. Anz.“ schreiben:„Die Preise der Schweine sind in letzter Zeit bedeutend gestiegen und zwar sowohl was die Mastschweine als auch die Ferkel angeht... In Anbetracht der hochpreisigen Futterstoffe ist den Ver⸗ käufern der nun verhältnismäßig gute Verdienst sehr wohl zu gönnen.“— Schön. Die Leidtragenden sind aber die Arbeiter, die sich kaum noch einen Brocken Fleisch kaufen können. Uebrigens werden die Bauern, wenn erst die Handelsverträge in Kraft treten, noch ganz andere„hochpreisige“(ein hübsches Wort!) Futter⸗ mittel bekommen und dann den„Segen“ der famosen Zollpolitik recht empfindlich spüren. bh. Die Musterungen für Stadt und Bezirk Wetzlar werden dieses Jahr in der Zelt vom 7. bis 16, März im„Schützengarten“ abgehalten. Für die Stadt Wetzlar am 7. und 8. März; an den fol⸗ genben Tagen der Reihenfolge nach für die Bürger⸗ meistereien: Aßlar(9.), Atzbach(10.), Braunfels(11.), Greifenstein(13.), Hohensolms und Launsbach(14), Rechtenbach(15.), Schöffengrund 9 Die Militär- pflichtigen müssen um 9 Uhr erscheinen. Westerwald und Unterlahn. t. Wahlprotest. Gegen die Gültigkeit der Stadtverordnetenwahl in Haiger hatte unser Genosse Kaufmann Trott Einspruch er⸗ hoben, über den am 23. Febr. vor dem Kreis- ausschusse in Wiesbaden verhandelt wurde. Der Protest stützte sich auf eine Reihe formeller Verstöße. Es waren nicht nur Wähler zurück⸗ gewiesen worden, es war auch die Einteilung der Wählerklassen unrichtig vorgenommen worden. Der Kreisausschuß wies jedoch die Klage ab. Gegen diesen Entscheid wird Trott Revision einlegen.— Der Stadtverordnete, um dessen Wahl es sich dabei handelt, ist Herr Weber, den die Christlich⸗Sozialen unterstützten. Das nattonall. Herborner Tageblatt will es nicht Wort haben, daß Weber Christlich⸗Sozialer sei. Allerdings, der Mann wurde mit natto⸗ nalliberaler Hilfe gewählt, was das Blatt sich jedenfalls schämt einzugestehen. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Ueber den Generalstreik sprach am Samstag der Genosse Habicht⸗Frankfurt in der Versammlung des Wahl vereins. Den uns darüber von unserem r.⸗Berichterstatter zugegangenen sehr ausführlichen Bericht können wir heute wegen Raummangels nicht zum Ab⸗ druck bringen. Wir werden uns übrigens dem⸗ nächst einmal eingehender mit der Frage des Generalstreiks befassen. Genosse Habicht will denselben als politisches Kampfmittel angewendet wissen; er führte in seinen sehr eingehenden und betfällig aufgenommenen Darlegungen aus, wie es möglich sei, damit politische Rechte zu er— obern oder zu verhindern, daß der Arbeiterklasse Rechte genommen werden.— Dem Vortrage folgte eine längere Diskussion.— Die Ver⸗ sammlung beschloß noch, eine Schillerfeier ab⸗ zuhalten und am 18. März eine Parteiver⸗ sammlung. Alte Ladenhüter setzt die„Oberh. Ztg.“ wieder ihren Lesern vor, indem sie über die„hohen“ Gehälter in der sozlaldemokratischen Partei und die „reichen“ Sozialdemokraten lamentlert. Von den Ge⸗ hältern der konservativen Redakteure ist in dem Artikel keine Rede, neben diesen würden sich die sozialdemokra— tischen Gehälter als recht winzig erweisen. Verglichen mit der Arbeitsleistung, welche die sozialdemokratischen Angestellten zu verrichten haben, sind die Gehälter der⸗ selben eher alles andere als zu hoch, während die Ar⸗ beitsleistung eines konservativen Kreisblatt-Redakteurs anch von einem angehenden Schneiderlehrling gemacht werden könnte. Uebrigens kann über die Bezahlung unserer Angestellten nur reden, wer dazu beisteuert. Das tun Reptil⸗Redakteure aber nicht, somit gehts sie nichts an. Umgekehrt sind aber Sozialdemokraten ge⸗ zwungen, zu den sehr sehr hohen Gehältern anderer Leute beizutragen. Ein mildes Urteil fällte das hiesige Schöffen⸗ gericht in voriger Woche über vier Studenten. Dieselben hatten am 1. August v. J. morgens gegen 4 Uhr im Bahnhofsgebäude gelärmt, die Beamten beleidigt, tell⸗ weise mit Stöcken auf sie eingeschlagen und mußten mit Gewalt entfernt werden. Einer dieser„gebildeten“ Leute rief dem Beamten zu:„Wenn ich den Hund fordern könnte, würde ich ihn fordern, aber da ich dies nicht kann, schleße ich ihn tot wie einen Hund!“ Das Urteil lautete für drei der Rowdys auf 30 Mk, und für einen auf 90 Mk. Geldstrafe. Man vergleiche da⸗ mit die Urteile, welche von deutschen Gerichten über ehrliche Arbeiter gefallt werden, welche Streilbrecher „beleidigt“ haben sollen. Unser Wahlkreis ist von jeher von den verschledensten Parteien als ein politisches Versuchs⸗ kaninchen angesehen worden. Die Antisemiten haben ihn als ersten durch Dr. Böckel gewonnen, verschledene „Volksparteien“ haben hier ihr Glück mit weniger Er⸗ folg versucht, augenblicklich ist er als erster und einziger im Besitz der Nationalsozialen, und die Christlich⸗sozlalen richten auch schon verlangende Blicke darnach. Während jedoch früher zwischen den Wahlen absolute Ruhe herrschte, sind die Partelen jetzt eifrig bemüht, die Wähler für sich zu gewinnen. Der Bund der Landwirte hat in letzter Zeit eine Anzahl Versammlungen abgehalten, wobei er hauptsächlich den Kreis Frankenberg, das für den Bund günstigste Feld, bearbeitet, die Christlich⸗ sozialen hielten einige Versammlungen ab und auch Herr v. Gerlach tut dasselbe und verbreitet seine Reichstags⸗ reden. Die Antisemiten wollen trotz ihrer glänzenden Niederlage bei der letzten Wahl auch sich wieder um das Mandat bemühen und wird gerüchtwelse schon ihr Kan⸗ didat genannt. Unsern Genossen sollte diese rege Tätig- keit der verschledenen Parteien ein Ausporn sein, auch ihrerseits eine kräftige Agltation zu entfalten. Zwar stehen uns Versammlungslokale fast nicht zur Verfügung und auch mit Rednern sind wir nicht stark gesegnet, desto mehr muß daher die mündliche Agitation der ein⸗ zelnen Genossen betrieben werden, wozu die jetzt wieder begonnene Arbeitssaison genügend Gelegenheit bietet. Vor allem aber muß in der Verbreitung der Partei⸗ presse, der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“, viel mehr geschehen. Jeder Partelgenosse sollte es sich zur Aufgabe machen, immer mehr neue Abonnenten für die „M. S.⸗3“ zu gewinnen. Die gelesenen Exemplare werfe man nicht fort, oder gebrauche sie zum Frühstück einwickeln, sondern gebe sie den Arbeitsgenossen zu lesen, nicht einmal, sondern oft, bis ein neuer Abonnent ge⸗ wonnen ist. Auch hei den bald wieder zu unterneh⸗ menden Sonntagsausflügen sollte sich jeder mit Agita⸗ tionsschriften versehen, denn es bietet sich öfter Gelegen- heit, solche passend anzubringen. Wenn wir auf solche Weise die Zeit bis zur nächsten Wahl durch unablässige Agitation auszunutzen verstehen, dann werden wir auch wieder einen guten Erfolg erzielen und die voraussicht⸗ liche Katzbalgerel der bürgerlichen Parteien kann uns dann nur von Vorteil sein. Eingesandt. Eine Anzahl Wähler des Stadtverordneten Engel fragen ihn hiermit an, ob er nicht gewillt ist, in der Stadtvertretung den Antrag auf Bewilligung einer Summe von etwa 5000 Mk. für Uunterstützung der Opfer des Bergarbeiter⸗ kampfes im Ruhrrevier zu stellen. Die Wähler glauben umsomehr in Herrn Engel den rechten Mann dazu zu sehen, da er vor der Wahl ja versprach, für soziale Dinge etwas übrig zu haben. Er würde sich durch die Stellung des Antrages ein Verdieust erwerben und die e e Marburgs würde hinter ihm ehen. Partei-Machriichten. Wahlkreis Gießen⸗ Grünberg. Diejenigen Orte unseres Wahlkreises, welche zur Malfeier Referenten durch den Kreiswahlvereinsvorstand vermittelt wünschen, wollen ihre diesbezüglichen Gesuche bis 18. März bet dem Unterzeichneten anbringen. Der Vorstand: Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44. Wahlkreis Dillenburg⸗ Herborn. Der Kreis⸗Wahlberein hat sich nunmehr konstitutert. Anmeldungen wolle man an L. Trott in Hatger gelangen lassen. Der Monatsbeitrag beträgt 20 Pfg. Die Genossen aus dem Amt Selters wollen sich eben- falls wegen Aufnahme in die Organisatlon an diese Adresse wenden, worauf ihnen das Mitgliedsbuch sofort zugesandt ird. Versammlungskalender. Samstag, den 4. März. Wahlverein. Abends 8sæ Uhr Ver⸗ bei Wirt Müller. Mitgliedsbücher Schotten. sammlung mitbringen! Sonntag, den 5. März. Lollar. Wahlverein. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Fr. Schupp. T.⸗O.: 1. Ab⸗ rechnung; 2. Vorstandswohl. Zahlreich erscheinen! Für die streikenden Bergarbeiter gingen folgende Beträge ein: Bei der Expedition der Mitteld. SonntagsZeitung: Bezirks⸗Verein Gießen(Buchdrucker) Mk. 50,—(2. R.), Bei dem Gewerkschaftskartell: Liste 48, Mk. 2,30; Lollar, L. 81, 21,35; Alten⸗Buseck, L. 49, 50, 51 (2. Rate) 16,75; L. 64, 3.50; L. 35, 1,90; L. 4, 1,;. 59, 10,05; L. 87, 5,90; 8 78, 1169 L. 1, 4,.—; Trohe, L. 65, 14,50, L. 71, 5,90; Genosse Krumm 10,—; Heuchelheim, L. 43, 4,— und Abendunterhaltung 15,70; Rödgen, L. 67. 7,95; Wahl- verein 5,.—; V. 1,.—. Bei A. Fauth in Wetzlar; Liste 0780, Mk.—,50; L. 0786, 18,25(W.⸗Gleiberg); L. 0781, 2,—(D.) L. 1615, 2,—(G,); L. 0777, 5,30(Dr.). Bel L. Trott⸗Haiger(5. nass. Wahlkreis): Liste 29, Emmerichenhain Mk. 7,15; L. 26, Dillenburg 4,20, Erbitte sämtliche Listen retour. L. Trott. Briefkasten. Marburg. Ihre Angaben sind zu unvollständig. Außerdem wandert jede vom Einsender nicht unter⸗ zeichnete Zuschrift in den Papierkorb! Mehrere Einsendungen mußten zurückgestellt werden. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. von Nah und Lern. Arbeitswilliger, Patriot und— Zuchthäusler. Das Landgericht Zwickau verurteilte den Fabrikarbeiter Rabe wegen Rückfalls diebstahls zu zwei Jahren neun Monaten Zuchthaus. Er hatte seinen Arbeitgeber Pfau in Leitelsheim bei Crimmitschau wiederholt bestohlen. Bei einer Festlichkeit vom Nationalen Unter⸗ stützungsverein in Rudelswalde nahm er einen 57 und Ueberzieher mit sich. Sehr interessant ist es, daß dieser Dieb in Rudelswalde eine sehr hübsche patriotische Rede vom Stapel gelassen und der großen deutschen Männer, wie Bismarcks, Moltkes und Waldersees gedachte. Der Vorsitzende vom Nationalen Arbeiterverein konnte es deshalb nicht unterlassen, im Namen des Vereins dem Redner den besten Dank dafür abzustatten. Man soll sich dabei noch mit dem Gedanken getragen haben, diesem die Ehren⸗ mitgliedschaft anzubieten. Und doch war dieser Mensch ein ganz geriebener Spitzbube, der allerdings würdig ist, in die Ehrentafel des Nationalen Arbeitervereins tief eingegraben zu werden. Ibr laßt die Armen schuldig werden Ein Jahr Zuchthaus wegen Entwen⸗ dung einiger Kohlen wollte der Staats⸗ anwalt Schaeffler in Bromberg von der dortigen Strafkammer einer 64 jährigen Wit we aufdiktiert wissen. Diese arme Frau hatte auf der Kohlenentladestelle des Bahnhofs Schwersenz auf dem Wege verstreut liegende Kohlen im Gewichte von etwa 25 Pfund aufgelesen. Ob der ungewöhnlichen Höhe des Strafantrages erfolgte zwischen dem Vorsttzenden Landgerichts⸗ direktor Myltus und dem Staatsanwalt folgende Auseinandersetzung: Es handelt sich um ein Diebstahlsobjekt im Werte von nur einigen Pfennigen, Sie beantragen 1 Jahr Zuchthaus? St.⸗A.: Die Angeklagte ist bereits zweimal wegen Diebstahls vorbestraft(mit 3 und 5 Tagen Gefängnis); sie befindet sich also im Rückfalle. Uebrigens kann ich die Strafen beantragen, wie ich will. Der Gerichtshof entschied wie folgt: Die geständige Angeklagte hat den Dieb⸗ stahl erwiesenermaßen aus Not begangen, weshalb ihr mildernde Umstände zugebilligt wurden und auf die gesetzlich niedrigste Strafe n Monaten Gefängnis erkannt wurde. Schamlose Kellnerinnen⸗Ausbeutung brachte kürzlich eine Gewerbegerichts-Verhand⸗ lung in München an den Tag. Die zehn dort in dem Café⸗Restaurant„Habs⸗ burg“, einem der besseren Münchener Cafés, beschäftigten Kellnerinnen erhalten, wie in den meisten feineren Cafés in München, keinen Pfennig Lohn, dagegen haben die Mädchen täglich folgende Beiträge am Buffet zu ent⸗ richten: 15„ Bruchgeld, trotzdem sie jeden einzelnen zerbrochenen Gegenstand extra be⸗ zahlen mußten, 20„ Putzgeld, 15. täglich —— für die Benutzung des Aborts, jeden fünften Tag eine Mark für den Ausgang und die vollständigen Invaliden⸗ und Kranken⸗ versicherungsbeiträge! Dazu kommt noch, daß die Mädchen keinerlei Kost bekommen und die Speisen nach der Karte und bei Menu⸗ Portionen sogar um 10 teuerer bezahlen mußten, als die Gäste. Drei Kellnerinnen verlangten die ihnen auf eine sonderbare Art abge- nommenen Beträge zurück und beanspruchte die erste V 60, die zweite M, 101 und die dritte, die nur 12 Tage die„feine“ Pfründe inne hatte,, 5,34. Der Gewerberichter meinte zur beklagten Restaurateursgattin, sie täte wohl am besten, dieses Geld, das auf eine höchst eigentümliche Art in ihren Besitz geflossen sei, vergleichsweise zurückzuerstatten, welchen Rat die Beklagte, wohl ahnend, wie das Urteil ausfallen würde, auch befolgte. Die Tatsache, daß die Kellne⸗ rinnen sogar für die Befriedigung eines natür⸗ lichen Bedürfnisses bezahlen mußten, spricht dafür, daß der Restaurateur zum Café Habs⸗ burg den Gipfel kapitalistischer Profitgter erreicht haben dürfte. Mit den oben ausgeführten Be⸗ trägen sind die Leistungen der Kellnerinnen aber noch lange nicht erschöpft. Jede Kellnerin hat außer dem das ihr beigegebene Bier⸗ oder Wasser⸗ mädchen mit täglich 50% zu entlohnen, außer⸗ dem für die nötigen Zahnstocher, Streichhölzer aufzukommen und die für ihr Service not⸗ wendigen Zeitungen herbeizuschaffen. Dies alles haben sie aus ihrem Trinkgelderalmosen zu be⸗ streiten. Und da wundert man sich noch über die Zunahme der Prostitution. Zensuren. Ein Kapitel aus der Schule von H. G. (Schluß aus voriger Nr.) Wie oft übrigens das fachliche Urteil des Pädagogen durch subjektwe Empfindungen, Vor⸗ urteile und Animosität getrübt ist, so daß er nicht selten nach Gunst und Ungunst Zensuren erteilt, wissen wohl alle, die Kinder in die Schule schicken. Da auch der polttische Gesichts⸗ punkt des Lehrers zuweilen mit hineingespielt — leider! müssen wir sagen!— so erhalten Kinder von Sozialdemokraten von irgend einem eifrigen antisemitischen Lehrer weit öfter Prügel oder schlechte Zensuren als andere Kinder. Glücklicherweise bilden letztere Fälle nur Aus⸗ nahmen, ste zeigen indessen, daß auf die absolute Richtigkeit der Zensuren kein Verlaß ist. Unter solchen Umständen erscheint es wirklich fraglich, ob den Zensuren überhaupt ein Wert beizu⸗ messen ist. Dagegen dienen schlechte Zensuren auf die Dauer dem Lehrziel gar nicht, da in den mit solchen Zensuren bedachten Kinder die Schaffens⸗ lust und Selbstzuversicht gestört wird. Aner⸗ kennung! fordern wir, also auch Anerkennung als Tadel. Nicht aber vermag dauernder Tadel den innerlichen Menschen aufzurichten, denn wir sind nicht immer gut und nicht immer schlecht, wir haben allzumal unsere guten und schlechten„Momente“, wie man zu sagen pflegt und so hat selbst das verstandesschwache, inferiore (untergeordnete) Kind seine guten, wie ein begabtes, wohlorganisiertes seinen schlechten Tag. Dauern⸗ der Tadel drückt danieder, während ein gelegent⸗ licher Tadel Aulaß zu gesteigerter Leistung werden kann. Hierzu kommt jedoch noch eins, und diese Beobachtung müssen viele Eltern machen. Da die Zensur 1 als abso lut gilt, so bildet diese das Ideal für alle weiteren Ziffern der Zensur⸗ reihe. Das Ideal wird indessen nur höchst selten erreicht und so kommen die Kinder selbst bei ihren besten Leistungen auf 2 oder 1 b und es eutsteht bei ihnen wie bei den Eltern der Verbacht, daß die„Eins“ wohl überhaupt nicht erteilt würde, d. h. man schiebt es der Lehr⸗ kraft in die Schuhe, wenn allgemein bloß Zen⸗ suren zweiten und dritten Grades erteilt werden. Am fragwürdigsten erscheinen mir Zensuren wegen der Hausarbeiten. Wenn wir Eltern wenig zu beurteilen vermögen, wie sich das Kindermaterial und die Lehrkraft in der Schule zueinander verhalten, so kennen wir doch„unsere Jungen“ oder„unser Mädel“ und beobachten es bei der Hausarbeit. Wir wissen, was die Kinder zu leisten vermögen und was nicht. Wir beobachten daher aber auch, welcher Art und Umfangs die Hausaufgaben sind und bemerken mit Staunen die Unmasse von Schreib-, Rechnen⸗ und Memorieraufgaben und wir be⸗ dauern die Kinder, wenn sie all das„Zeugs“ zu Hause unter der„Kontrolle der Eltern“ lernen und arbeiten sollen. Doch ist dies vielen, besonders jüngeren Flachsmännern in der Pädagogik einerlei. Sie„geben auf“, was sie glauben aufgeben zu dürfen und ob das Kind übermüdet und abgespannt ist, ob es Vor⸗ und Nachmittags Schule hat, ob es mit zu Brote arbeiten muß, kleine Kinder zu warten, oder sonstige Aufgaben für die Eltern hat,— es zählt einfach nicht:„die Schularbeiten gehen vor!“ Das ist natürlich eine völlige Verkennung der Aufgaben der Schule, wie der Macht des Lehrers und Genosse Otto Rühle, selbst ein Lehrer, hat völlig recht, wenn er in einem seiner pädagogischen Schriftchen“ ausführt, daß die Schule auf Hausaufgaben überhaupt ver⸗ zichten sollte. Bei dem heutigen Stande der Methodik, meint er, bei der fortschreitenden Entwickelung des Lehrerstandes und bei der der Schule zugeteilten Zeit bedarf unsere Schul⸗ erziehung zu ihrer Unterstützung der Hausauf⸗ gaben nicht mehr. Die Begriffe: Arbeiten, Arbeitenlernen, Energieentfaltung, haben für einen großen Teil unserer Volksschüler in der gegenwärtigen Zeit schon früh genug eine so ernste Bedeutung, daß nicht auch noch die Schule mit Hausaufgaben zu kommen braucht, um das Kind an die Arbeit zu gewöhnen, ganz abge⸗ sehen von dem Widerstreit der Pflichten, in den die Kinder mitunter durch die Hausaufgaben gebracht werden. Was diesen Widerstreit der Pflichten be⸗ trifft, welcher die soziale Seite der Hausauf⸗ gaben berührt, so hat seinerzeit der Lehrer Schanze in Dresden, der die Hausaufgaben verwirft, in einem Schriftchen ausgeführt: Die wirtschaftlichen und häuslichen Ver⸗ hältnisse in der Familie sind— bei der Ueberzahl unserer Arbeiterfamilien angefangen — bis weit in die bürgerlichen Kreise hinein derart, daß Hausaufgaben als etwas recht Ueberflüssiges erscheinen, ja anderseits als etwas das Familienleben Störendes em⸗ pfunden werden. Die Licht⸗, Raum⸗, Wärme⸗ und sonstigen Verhältnisse sind ihnen ganz besonders da ungünstig, wo mehrere Kinder Schularbeiten zu fertigen haben. Es ist ganz unverantwortlich, daß die Kinder mit ihren Arbeiten in die Essenszeit hineinkommen, und es dürfte nicht allzu viele geben, denen ein anderer Platz als der Eßtisch zur Ver⸗ fügung steht. Wie bald kommt da ein Fett⸗ fleck ins Buch und wie schnell ist da eine schlechte Note(Zensur) in Ordnungsliebe verdient. Das willigste Kind kann unter ungünstigen Verhältnissen bald zum unsauberen und unordentlichen Schüler gemacht werden! Es kann auch beim Fertigen der Hausauf⸗ gaben meist nicht die nötige Aufmerksamkeit aufgewendet werden. Da stören kleinere Geschwister durch ihr Spiel, dort größere durch ihr Gespräch, häusliche Verrichtungen, Besuch und unzählige ungünstige Umstände aller Art beeinträchtigen die Schularbeit im Hause. Die Abschaffung der Hausaufgaben würde eine Erlösung für viele bedeuten. Die Schule büßte nichts ein und Eltern, Lehrern, Kindern würde ein Leid erspart. Dieses Urteil des Dresdener Schulmannes ist nur zu unterschreiben. Es bestätigt übrigens unser Urteil über die Fragwürdigkeit von Zen⸗ suren. Derselbe Lehrer führt an anderer Stelle noch aus, daß infolge der Abhetzung bei der Anfertigung der zu vielen Aufgaben an Stelle der anfangs vielleicht ganz netten Handschrift des Schülers eine elende Schmiererei tritt; beim Ausrechnen vergaloppiert sich das Kind einmal über das andere, weil es durch die übermäßige geistige Anstrengung ermüdet; das Memorieren von Sprüchen wird zur qualvollen Marter des Gedächtnisses, die dem Schüler alle Lust und Liebe zum Lernen verekelt. So schlägt der erstrebte gute Zweck in sein Gegen⸗ teil um. g Die Ueberlastung unserer Schuljugend ist eine alte Klage, zumal da die Auswahl der Lehrstoffe und die einseitige Hervorhebung des religiösen Memorierstoffes im Lehrplan der Volksschule jedem zum Selbst denken und Selbsturteil erzogenen Menschen anwidern muß. Wenn z. B. nach einer ministeriellen Verordnung vom Jahre 1877 im„Lande der Schulen“, dem Königreich Sachsen, nicht weniger denn 150 Bibelsprüche, 168 Gesongbuchstrophen, 140 biblische Geschichten, 35 Choralmelodien und die fünf Hauptstücke nach Luthers kleinem Katechismus vom Schulkinde zu lernen sind, so mag man sich eine Vorstellung von der Ver⸗ wüstung des Kindergehirns machen. Die dem Gedächtnis eingeprägten toten Memorierstoffe tragen einen großen Teil Schuld an der *Die Volksschule wie sie sein soll, von Otto Rühle. Berlin 1908, Buchhandlung Vorwärts. Preis 30 Pfg. Ein lesenswertes Schriftchen. . — — e 1 0 1 0 . — Nr. 10. Mitteldentsche Sountags⸗Zenung. Seite 7. schlechten Präparation des Gehirnes, mit der das aus der Schule entlassene Arbeiterkind ins Leben hinaustritt. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, unsere Arbeiterväter und⸗Mütter zu mehr Gerechtigkeit gegen ihre von der Schule mißhandelten Kinder, dagegen zu mehr Gleichgültigkeit gegen die Schulzensuren zu bringen. Aus dem„Tabakarbeiter“. 8 Unterhaltungs-Cril. 1 Bergmannstrost. Sie blieben Sieger, die Protzen, Sie durftens wagen, zu trotzen, Sie haben dazu die Macht. Wir fahren hinab in den Schacht, Gebändigt und geschlagen, a Die Herzen zum Verzagen— Verloren ist die Schlacht! Sie dürfen ihr Mütchen kühlen Und wieder mit uns spielen, Wie Katzen mit der Maus— Der große Kampf ist aus! Sie dürfen uns wieder büttelr, Sie dürfen uns knuten und knütteln. Sie sind die„Herrn im Raus!“ Doch kommt dereinst die Stunde, Da steigen aus tiefem Grunde Wir rächend wieder empor. Und wie ein jeder jetzt schwor, So schlagen mit Totesverachten Wir wieder die alten Schlachten— Und gehen als Sieger hervor! Ernst Klaar. (In der neuesten Nummer des Südd. Postillon“.) Das Siebente. Von K. H. Diefenbach. Schluß.) Rothtann überlegte sich's. Seine Frau riet ihm ab. Wenn sie wieder glücklich durch sei, meinte sie, könnte sie auch etwas verdienen, und dann sollte es schon gehen. Der Mann aber erwog die Geschichte mit dem Siebenten und nahm den Nachtwächterposten an. Nun hatte er eine tägliche Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden. Er hielt aber aus— um der Kinder willen. „Wenn nur jetzt das Siebente ein Bub wird, dann muß der Herzog zu Gevatter stehen. Es gibt ein ordentlich Stück Geld, und damit helfen wir uns auf. Vielleicht kann ich dann mein Nachtwächterhorn wieder an den Nagel hängen,“ sagte er zu seiner Frau. „Und wenn's ein Mädchen gibt, dann brauchst du keinen Gevatter mehr anzusprechen. Du weißt ja doch nicht mehr, zu wem du gehen sollst,“ entgegnete darauf Marie. „Es ist ein Elend mit den vielen Kindern!“ stöhnte Rothtann.—— In der ersten Adventnacht wurde er von der Straße weg heimgerufen. Als er in seine Stube trat, hielt ihm die Wehmutter ein neu⸗ geborenes Kindlein unter die Augen. „Ein Bub!“ rief Rothtann.„Gott sei Dank!“ Die Wehmutter brachte das Kind zurück hinter den Kattunvorhang, welcher das Wochen. bett von der übrigen Stube abschloß, und trat dann nochmals vor den Mann. Wieder hielt sie auf den Armen ein Kind. „Was ist denn das?“ fragte er erstaunt. „Ein Mädchen,“ antwortete die weise Frau. „Ein Mädchen— ein Mädchen. Ich hab's noch eben selbst gesehen, daß es ein Bub war,“ stammelte Rothtann. „Ja, ja, lieber Rothtann, Ihr seid ein ge⸗ segneter Vater“, lachte die Wehmutter:„Ihr abt Zwillinge.“ 1 0 machte der Mann. Er wußte 3 en den. 6 setzte sich und stierte 0 T setzte es nicht zu fassen Zwillnger den ausgetretenen Fußboden an. Es war also noch nicht einmal mit einem Nase zwet mußten es sein! Welch' ein Unglück as denn nun?„Da nützt ja auch der Nacht⸗ wächterposten nichts,“ unterbrach er seinen Ge⸗ Ua e und krach! flog das Horn in eine e „Johann, Johann, was machst du denn?“ rief die Wöchnerin ängstlich. „Sei ruhig, das dumme Horn ist mir ge⸗ fallen,“ antwortete Rothtann.„Hat es dich erschreckt? Wie geht dir's denn? Nein, Marie, aber so was?“ Die Kindbetterin wimmerte:„Ich kann ja nichts dafür. Man kann die Kinderchen doch nicht fortwerfen.“ „Seid nur ruhig,“ sagte die Wehmutter. „Wo sieben essen, wird auch das achte nicht verhungern. Euer Mann ist ein Rindvleh, wenn er das nicht einsieht. Legt Euch jetzt schlafen, Rothtann, Ihr seid übermüdet; morgen früh wird Euch das nicht so schlimm vorkommen. Was man sich eingebrockt hat, muß man auch austunken!“ Rothtann dachte;„Schlafen legen? Nu, das Dorf wird nicht fortgetragen werden, wenn kein Nachtwächter da ist.“ Und er legte sich schlafen. Am nächsten Morgen klopfte ihn der Schult⸗ heiß heraus.„Wo war't Ihr die Nacht?“ fragte er streng. „Wir haben Zwillinge kriegt,“ antwortete indirekt der Nachtwächter kleinlaut. „Das ist ja eine schöne Bescherung,“ meinte der Schultheiß.„Sind sie denn gesund?“ „Es scheint so.“ „Nu, dann ist's gut. Wißt Ihr, der Gensdarm hat heute Nacht die hiesige Wache revidiert. Er hat Euch nicht gefunden und erstattete Anzeige.“ „Heiliger Gott, und was gibts jetzt?“ fragte Rothtann. „Was jetzt? Jetzt bekommt Ihr eine Geld⸗ strafe und werdet Eures Amtes entsetzt.“ „Dann können wir uns alle begraben lassen,“ erklärte der Nachtwächter. Seine schwieligen Hände ballten sich zu Fäusten. „So schlimm wird's nicht werden,“ tröstete der Schultheiß. „Kaputt schlag' ich alles!“ schrie der Nacht- wächter.„Eins kommt zum andern. Nichts wie Unglück und Unglück! Das Haus geht flöten, die Kinder verhungern! Donnerkeil, Herr Schultheiß, warum habt Ihr mich Eure Weisheit nicht früher gelehrt!“————— Seines Amtes wurde Johann Rothtann nicht entsetzt. Auch schlug er nicht alles kaputt, wie er angekündigt hatte. Er ging vielmehr hin und ersäufte seine Sorgen in Doppelkümmel — er ward zum Säufer. In einer Nacht bekam er dann auf der Wachtstube das Delirium, und ein paar Monate später war er tot. Die Gemeinde Dingskirchen hatte viele Jahre lang seine Hinterbliebenen zu versorgen. Es kostete die Gemeindekasse jedes Jahr dreißig Gulden — das ganze Nachtwächtergehalt— damit die armen Würmer zu ihren Kartoffeln auch Brot zu essen hatten. Jetzt ist es in Dingskirchen mit dem Kinder- segen der armen Leute leidlich bestellt. Der Bürgermeister hat zu Nutz und Frommen seiner Gemeinde sein Geheimnis verraten jedem, von dem sich nichts Gutes erhoffen ließ. Splitter. Ueber den Adel. Ein schamhaftes Lächeln glänzt auf der Wange des wahrhaft Edlen, wenn er die sonderbare Etymologie des Wortes„Ahnen“ in einer Glosse des Sachsenspiegels liest:„Das Wort Ahnen“, heißt es dort,„ist aus dem Latein gezogen, von dem Wörtlein anus, welches heißet, der Hindere an dem Menschen.“ Schölzer. * 1* Als im Jahre 1719 zu Dresden ein Turnier gehalten werden und ein Jeder seine Ahnen beschwören sollte, erklärte der bekannte drollige General von Kiau:„er könne das nur in An⸗ ehung seiner Mutter tun.“ 0 50 f Schummel. —— r Ber Räuber verliert den Adel. Aber falsch spielen ist eine freye Kunst, und verliert man deshalb dend Adel in unsern Zeiten nicht. Peckenstein. * Durch folgende Dinge verliert man in unsern aufgeklärten Zeiten den Adel nicht: wenn man Schulden macht, und nichts bezahlt; wenn man unschuldige Mädchen verführt und sitzen läßt; wenn man uneheliche Kinder in die Welt setzt, und sich nicht weiter um sie kümmert; wenn man den Freund im Zweikampf ermordet; wenn man faulenzt und dumm ist. v. Kotzebue. Humoristisches. Der Brummer. Von Alfred Scholtz. Kennst Du das unglücksel'ge Tier, Das brummt und kann dabei nicht fliegen? Es brummt und kann oft nichts dafür!— Oft brummt's auch nur, weil es geschwlegen,— Doch brummt es niemals zum Vergnstgen? Es ist kein Brummer, auch kein Bär; Zweit Beine hat's und keine Flügel; Doch, wenn es brummt, brummt's regulär Auf Wochen— hinter Schloß und Riegel; In Rußland kriegt's noch extra Prügel.— Je öifter's schon gebrummt, je mehr Und länger brummt es in der Regel;— Des Rätsels Lösung ist nicht schwer: Es ist— ein Zeitungsredakteur, Der seine Strafe brummt in Tegel. Die Kohlenlunge. Zechen besitzer:„Berg⸗ mann Müller, Sie feiern heute Ihren sechzigsten Ge⸗ burtstag. Die Bergleute werden meistens nur 35 Jahre alt. Sie werden also bald sterben. Daß mir dann ja Ihre Lunge abgeliefert wird, damit ich die unterschlagenen Kohlenteilchen wieder bekomme.“ Im christlichen Gewerkverein.„Ihr solltet wieder arbeiten, denn es steht geschrieben: Im Schwelße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“—„Ja, Hochwürden, aber die Zechenbesitzer tun das doch auch nicht.“—„Die sind nicht gemeint. Denn nicht mal der liebe Gott würde sich getrauen, Herrn Stinnes oder Herrn Thyssen mit Du anzureden.“ Litteraris ches. Zu Friedrich Schillers Gedächtnis erscheint in diesem Jahre an Stelle der„März⸗Zeitung“ eine reich illustrierte Zeitung, die Schiller, als dem gelstigen Vorkämpfer der bürgerlichen Revolution Deutschlands, gewidmet ist. Je mehr sich die bürgerliche Welt von heute unter Führung eines Ministers Studt bemüht, die Schiller⸗Feler zu einem leeren Schaugepränge byzan⸗ tinischer Entartung zu gestalten, um so wichtiger ist es für die Sozialdemokratie, den bürgerlichen Revolutionär in seiner Kraft und Reinheit dem deutschen Volke dar⸗ zustellen. Statt der widerwärtigen bürgerlichen Schlller⸗ legende, die die Gestalt des kämpfenden und ringenden Dichters in einem blassen und schwächlichen Ideologen zu verkümmern sucht, bedarf dies Jahr, in welches der hundertjährige Todestag Schillers fällt, der Schiller⸗ wahrheit. Die Buchhandlung Vorwärts hat deshalb, statt zum Mai eine Schiller-Festschrift herauszugeben, diese Publikation an die Märzfeter geknüpft, denn in der Revolution von 1848 wurde doch wenigstens ein Hauch von Schillers Geist wirklich und lebendig. Die Festschrift wird diesmal 16 Seiten umfassen, besonders reich geschmückt mit dokumentarischen Bildern sein und das Wesen und Wirken des Dichters, des Philosophen, des Historikers, möglichst umfassend in einer Reihe von Einzelaufsätzen darstellen. Die Herstellung wird auf feinem Papier in braunem Tondruck erfolgen. Der Preis für die Nummer ist 20 Pfg. Sozialdemokratisches Bücher⸗ und Schriften verzeichnis der Buchhandlung Vorwärts in Berlin ist soeben wieder neu ausgegeben. Es enthält auch diesmal kurze Auszüge oder Erläuterungen zu den auf⸗ geführten Titeln, so daß es jedermann leicht ist, sich über den wesentlichen Inhalt einer Schrift zu orientieren. Für Vereine und ihre Bibllotheken ist dies ein wesent⸗ licher Ratgeber bei Anschaffung oder Ergänzung lhrer Bücherbestände. Empfehlenswert ist auch die Durchsichet der unter„Gelegenheitskauf“ aufgeführten Bücher, die zu teilweise recht erheblich ermäßigten Prelsen manchen gute Buch, das sonst fast unerschwinglich ist, enthalts., Das Verzeichnis wird auf Verlangen gratis und franko von der Buch handlung Vorwärts in Berlin SW. 68 Lindenstr. 69, versandt. Es ist auch in allen Partel⸗ buchhandlungen erhälllich. —— u— 8 —— 6 3 Seite 8. Mitteldeutsche Sonntaas⸗geituna. Antenstehende Zahlen sind nicht etwa aus der — L u ft— gegriffen, sondern sind ein Auszug aus dem Inventar welches zum Zweck der Steuerveranlagung aufgenommen. Es sollen unbedingt verkauft werden: 2026 Hosen jeder Art und Grögee von Mk. 1.50 an, ane eder Art.„ Sairste Bare Anzügen% Kammgarn⸗ und Pique⸗ Anzüge„„ 12— 650 Paletots, Havelocks und Capes: Gute Flocone⸗ u. Double⸗Paletots mit Futter u. 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