ie der ine et. u⸗ oK 05 ek. a5 3* N el . en 1j. Fr 1 JI 1 * Nr. 6. Gießen, den 5. Februar 1905. 12. Jahrgang. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. ——— Sonnt Mitteldeutsche Nedaftionsschlu 32 Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. — Ugs⸗Zeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unser Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträg Bestellung en 1 Juserate 2 e nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung er entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33söĩ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Die Wucherzölle nahen. Am vorigen Samstag sind von der Regie⸗ rung die neuen Handelsverträge, die sie mit Italien, Belgien, Rußland, Rumänien, der Schweiz, Serbien und Oesterreich⸗Ungarn ab⸗ geschlossen hat, veröffentlicht und bereits am Mittwoch dem Reichstage vorgelegt worden, wo sie der Reichskanzler mit einer großen Rede begründete. Die Verträge treten spätestens mit dem 1. Juli 1906 in Kraft und haben bis zum 31. Dezember 1917 Geltung. Sie find vereinbart auf Grund jenes Hungertarifs, den die Regierung im Bunde mit der zöllneri⸗ schen Reichstagsmehrheit vor zwei Jahren unter Bruch der Reichstags⸗Geschäftsordnung durch⸗ drückte. Sie bringen dem arbeitenden Volke keine Erleichterung, wie die vor etwa zehn Jahren von dem damaligen Reichskanzler Caprivi eingebrachten, sondern bedeuten im Gegenteil eine weitere und schlimmere Aus⸗ beutung der Arbeiterklasse, eine Verteuerung ihrer Lebenshaltung und damit Verschlechterung ihrer Ernährung. Diese Verträge bedrohen aber auch in höchstem Grade die fernere Ent⸗ wicklung der deutschen Industrie. Erhalten sie die Genehmigung des Reichstags— woran kaum zu zweifeln ist— dann tritt in viel höherem Grade, als Optimisten geahnt hätten, die Gefahr ein, vor der die Sozial demokratie unaufhörlich gewarnt hat. Bei steigenden Lebens⸗ mittelpreisen, die eine Erhöhung der Arbeits⸗ löhne notwendig machen, wird die deutsche Industrie ein Absatzgebiet nach dem andern verlieren. Die industrielle Ent⸗ wicklung des Auslands wird durch erhöhten Industrie⸗Zollschutz treibhausartig fortschreiten, die Gefahr künftiger Krisen in sich bergend, während die deutsche Volkswirtschaft durch die künstliche Aufpäppelung der Konkurrenz als erste in die Krise hineingetrieben wird. Verschtedene agrarische Blätter jammern heuchlerisch über Benachteiligung der Landwirt⸗ schaft, doch das sind nur Scheinmanöver, andere begrüßen die einzelnen Bestimmungen mit einem wahren Freudengeheul. Warum auch nicht? Sie haben alle Ursache dazu. Denn in der Einleitung sagt die Regierung selbst: Bei den Verhandlungen mit den fremden Staaten ist das oberste Prinzip, die möglichste Steigerung des Schutzes der land⸗ wirtschaftlichen Produkte ohne Schwanken festgehalten. Die Erneuerung der Tarifverträge gelang in einer Form, die unter sehr wesenklicher Besserstellung der landwirtschaftlichen Produktion es auch unserer Industrie ermöglichen wird, sich in befriedi⸗ gender Weise einzurichten. Wie und ob es der Industrie möglich sein wird, sich in„befriedigender Weise einzurichten“, wird die Zeit lehren. Diese Frage ist in ihren Nachwirkungen von sehr großem Interesse für die deutsche Arbetterklasse. In erster Linie sind die Arbeit er jedoch an der„sehr wefent⸗ lichen Besserstellung der land wirtschaftlichen Produktion“ interesstert, was deutlicher ausge⸗ drückt nichts anderes heißt, als daß sich die deutschen Arbeiter den Hungerriemen enger schnallen sollen und müssen, um die Grund⸗ rente des Junkertums zu steigern. Es wird noch oft Gelegenheit geben, auf die Einzelheiten der Verträge einzugehen. Vor⸗ läufig sei nur Folgendes hervorgehoben. Der Zoll auf Roggen wird für je 100 Kilogramm um 1.50 Mark höher als bisher, auf Weizen un 2 Mark, auf Hafer um 2.20 Mark, auf Mehl um 2.90 Mark, auf Malz um 2.15 Mark, auf Hopfen um 6 Mark, auf Schlachtochsen um 3.75 Mark(fast ver⸗ doppelt), auf Schlachtkühe um 5.75 Mark (fast vervierfacht), auf Jungvieh um 6 Mark(vervierfacht), auf Schweine um 5.67 Mark(fast verdreifacht), auf Fleisch um 10 und 12 Mark, auf Butter um 4 Mark, auf Margarine um 4 Mark. Das sind fast ausschließlich wichtige Nah⸗ rungsmittel, deren Bedarf durch reiche Zufuhren aus dem Auslande gedeckt werden muß. An Getreide, Mehl, Malz, Hopfen allein braucht Deutschland jährlich eine ausländische Zufuhr im Werte von mehr als 600 Millionen Mark. Für weitere 125 Millionen Mark mußte im Jahre 1903 Schlachtvieh nach Deutschland ein⸗ geführt werden. Es ist also für alle ange⸗ führten Lebensmittel, Brod, Butter, Fleisch, Bier, eine bedeutende Preissteigeru ng zu erwarten, die im günstigsten Falle etwas hinter den Zollerhöhungen zurückbleibt, in ungünstigem Falle, nämlich bei Steigen des Weltmarkts⸗ preises, diese Zollerhöhungen noch übertrifft. Genauere Berechnungen des Schadens, den der Arbeiterhaushalt durch diese Preiserhöhungen erleidet, werden gewiß noch versucht werden, wenn auch kein Berechnungsmodus die Gewähr absoluter Zuverlässigkeit bietet. Für heute mag die Feststellung genügen, die nach den ange⸗ führten Zahlen jeder Arbeiter und vielleicht besser noch jede Arbeiterfrau treffen kann, daß es nämlich über ihren Speiseschrank hergeht, daß im Haushaltsbudget die bloße Nahrung einen noch breiteren Raum einnehmen wird als bisher, daß für alles Uebrige, Kleidung, Wohnung, Kulturbedürfnisse aller Art noch weniger als bisher übrig bleibt. Die Erlaubnis, dem eigenen Volke sein Brod verteuern zu dürfen, hat sich aber das Deutsche Reich nur dadurch erkaufen können, daß es hin⸗ wiederum dem Auslande erlaubte, der deutschen Industriebevölkerung ihre Erwerbsmöglichkeiten zu verringern. Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung eine Tabelle, die der Vorwärts aufstellt und welche die Erhöhung einiger wichtiger russischer Industriezölle betrifft. Die deutsche Ausfuhr von Eisen⸗ und sonstigen Metallfabrikaten im Werte von 200 Millionen Mark(im Jahre 1903) wird durch neue Zoll⸗ erhöhungen eingeengt, wo nicht unterbunden. Welche Möglichkeit gibt es nun, solchen Zuständen entgegenzuwirken? Soll der Raub, den die Junkersippe an dem arbeitenden Volke zu vollziehen im Begriffe ist, in irgend einer Weise wieder zurückgeholt werden, so gibt es nur ein Mittel dazu. Die Zunahme der Ar⸗ beitslosigkeit in den Städten wird zwar bis zu einem gewissen Grade den landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt verschlechtern, auf der anderen Seite aber wächst für die landwirtschaftlichen Arbeitgeber durch die Preiserhöhung ihrer Produkte auch die Möglichkeit ihre Arbeitskräfte besser zu bezahlen. Die ländliche Arbeiterschaft zum Kampfe um eine Verbesserung ihre Lebens⸗ lage anzutreiben und sie in diesem Kampfe mit allen Mitteln zu unterstützen, muß darum die nächste wirtschaftspolitische Aufgabe der gesamten deutschen Arbeiterklasse sein. Die zerstreuten Massen auf dem flachen Lande so bald als mög⸗ lich in Bewegung zu setzen, ist ein Lebens⸗ interesse des ganzen deutschen Proletariats! Wenn das Brod schon teurer wird, so sollen die den Nutzen davon haben, die es erzeugen! In demselben Maße, wie sich in der neuen Aera die Klassengegensätze verschärfen, muß sich also auch die Solidarität des Proletariats ver⸗ schärfen. Besserer Lohn, bessere Lebensbedin⸗ gungen, Freiheit der Landarbeiter— das ist die Antwort, die wir der Junkersippe auf ihre Wucherverträge schuldig sind! Die Bewegung in Rußland. Die revolutionäre Bewegung hat seit dem Blutsonntag in Petersburg in ganz Rußland weitere Kreise gezogen. In einer Reihe Städte traten die Arbeiter in den Ausstand, der meist noch andauert. Vielfach kam es zu Zusammen⸗ stößen mit dem Militär, so in Warschan, Lodz und in anderen Industriestädten. Be⸗ lagerungszustand ist in vielen Orten verhängt, Massenverhaftungen werden vorgenommen. In Petersburg und Moskau ist äußerlich alles ruhig; aus den Nachrichten aus den Provinzen ist die Ausbreitung der Bewegung zu erkennen. Dabei ist noch zu beachten, daß die russtsche Zensur Nachrichten über die Vor⸗ fälle zu unterdrücken und zurückzuhalten sucht. Aus Warschau wurde vom 1. Febr. berichtet: „Die Straßenunruhen dauern fort. Die Revolutionäre griffen die Truppen und Polizisten auf offener Straße mit Revolvern und Dolchen an und versuchten, ein Regierungsdepot in Brand zu stecken, waren auch bereits beschäftigt, Petroleumfässer aufzuschlagen und zu entzünden, als Truppen anlangten, die sie vertrieben. Die Unruhen nehmen noch zu, der Aufstand erstreckt sich bis in das Dongeblet. Im ganzen sollen 100000 Arbeiter feiern.“— Und eine Meldung aus Lodz vom gleichen Tage besagt:„Die Stadt ist kaum wiederzuerkennen. Die großen Schaufenster der Geschäfte sind mit Brettern verdeckt, die Stadt gleicht einer belagerten Festung. Alle Geschäfte sind geschlossen. Pa⸗ tronillen von 50 Mann durchziehen die Stadt. Vor den Bäckereien warten Hunderte von Menschen auf Brot.“ Sogar in Mukden drohe nach einer Mitteilung aus Shanghai Aufruhr der dortigen Garnison. Wie vorauszusehen gewesen, hatten es die Japaner verstanden, den russischen Truppen die Nachrichten über das Blutbad in Petersburg und die sich anschließenden Unruhen in der fernen Heimat beizubringen. Der Zar soll sich in einem traumartigen Zustande befinden. Er soll nach den Aussagen eines nach Krakau zurückgekehrten Kaufmanns, an dem Feste der Wasserweihe an der Newa, wo von einer der Salut schießenden Batterien ein scharfer Kartätschenschuß abgegeben wurde, von einem Geschoßsplitter getroffen worden sein. Dem Großfürsten Wladimir wäre in der Haupt⸗ sache die Schuld an den Untaten am 22. Januar zuzuschreiben. Der Dichter Maxim Gorki befindet si! mit den übrigen verhafteten Liberalen und Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 5 Nr. 6.* Seite 2. Schriftstellern noch immer im Gefängnis. Es Bürger freier Länder können die Revolution, und Heim vertriebenen„Wilden“ zur Vohn⸗ 8 N wird vermutet, daß diese dem Henker überliefert welche der Freiheit durch Greuel und Schrecken arbeit auf ihrem früheren eigenen Besitztum 1 werden sollen. Von vielen Seiten im Aus⸗ des barbarischen Despotismus den Weg bahnt, durch den Hunger gezwungen werden. Wree 9 lande sind Proteste und Petitionen an die] unmöglich verdammen. Auf dem Altar der dabei die Eingeborenen aller Willkür und 1 russische Regierung geschickt worden, die für] Zivilisation, der Freiheit, des Weltfriedens legt Brutalität von Veamten und Soldaten preis de Gorki sich verwenden. Ob aber damit bei dem das Proletariat seine Opfer. egeben sind, wie grausam auch bei dem„Rache⸗ m Bluthund Trepo w, der in Petersburg un⸗ Bürger freier Länder, kommt zu feldgug⸗ verfahren wurde, dafür brachte Bebel e umschränkt herrscht, etwas erreicht wird, ist[Hilfe! Die Kämpfer der russischen Revolution] eine außerordentliche Fülle von Beispielen. 1 se fraglich. Im Uebrigen findet die revolutionäre ringen nicht nur für ihre eigene Sache, nicht Das„Recht“ zeigt sich denn als das, was es in Bewegung bei allen Freiheitliebenden im Aus- nur für Rußland, sondern auch für Euch, und überhaupt im Klassenstaate ist: ein Mittel, 0 0 lande die wärmste Sympathie. sie hegen die sichere Ueberzeugung, daß sie in um der herrschenden Klasse die Macht über die 1 le Von dem Generalrat der sozialdemokratischen dieser drohenden, entscheidenden Stunde bei beherrschte zu sichern. Und dann wundert man N Partei Rußlands, unterzeichnet von Plecha⸗ Euch Hilfe finden werden. sich über die allgemeine Empörung der Ein⸗ e now Axelrod, Vera Sas sulitsch und Am Schlusse des Aufrufs wird um Unter⸗ geborenen!„Das Recht auf Revolution“, rief uin Leo Deutsch, datiert aus Genf, ergeht ein stützung durch Geldmittel gebeten und ersucht, Bebel unter lebhafter Zustimmung unserer de Aufruf„An die zivilisierte Welt“, aus Gelder zu senden an: P. Axel rod, 4, Boulvd.] Fraktton,„hat jedes Volk, das in seinen li dem wir folgende Sätze wiedergeben: du Pont-d' Arve, Genf(Schweiz).(Wir er⸗ Menschenrechten verletzt wird.“ e Bürger! Die Ereignisse vom 22. Januar klären uns gerne bereit, Gelder in Empfang Was die Regierung und die Kolonialpatrioten sch sind in die Blätter der Weltgeschichte einge⸗ zu nehmen und an das Zentralkomitee weiter auf Bebels Angriffe zu erwidern wußten, war bel brannt. An diesem Tage erfaßte das russische zu befördern. Red. d. M. S. Z.) schwächlich genug. Die Debatte darüber füllte del 11 1 55 Best 1 J a 1959 ole,——— droch den Dienstag aus. ö Vve ener wilden Bestie, des russischen Despotismus. 595 7 i J d ee 15 0 5 15 Politische Rundschau. ueber die„Segnungen“ des Jolltarise 1 letarlats liegt die Retkung des russischen Volkes wurde kürzlich der Mannheimer„Volksstimm“ ö des geplagten, unterdrückten Rußlands welches Gießen, den 2. Februar 1905. aus Bruchsal geschrieben: Auch in unseren* 1 5 eine an ee Ph Wahrend Aus dem Reichstag. fegen Och die 1 Su 1 1 10 zur Verzweiflung gebracht wurde. ähren ontag saß der Reichstag über di hen Hochschutzzölle, die das Ausland zu Re⸗ 1 eines ganzen Jahrhunderts waren Zivilisation g Gerd Abi 1 Ger dis 12 Süd⸗ pressalien in Form von hoben Abgaben auf. und Freiheit unerreichbare Ideale für die besten] westafrika so herrliche Früchte gezeitigt hatte. importierte Produkte der deutschen Industrie f Bürger unsres unterdrückten Vaterlandes. Ein⸗ Mit Ach und Krach hat sich die Regierung zwingen, recht fühlbar in die Erschetnung. Das fl zelne Helden wagten den Kampf. Sie fielen] dazu bequemt, für die verfassungswidrigen bedeutendste industrielle Etablissement am hiestgen 1 durch die grausame Faust des Herrn des Winter. Ausgaben, die sie, nicht der Not, sondern dem Platz, die Maschinenfabrik Bruchsal, vormals del palastes. Gestützt auf Millionen rechtloser eigenen absolutistischen. Drange folgend, sich Schnabel und Henntg, steht sic gezwüngen, ne Sklaven, bespritzt mit dem Blute der unter⸗ geleistet hatte, die Indemnität“) beim Ausland zu flüchten, um deu hohen Zöllen auf 4 1 jochten Nationen errichtete der Zarismus seine ichst achzusuchen. Und natürli ren ihre Produkte aus dem Wege zu gehen. ein Hegemonie in dem zivilisterten Europa,. Er i nen Partelen 1 15 Adel d Haupfabsatzgebiet ihrer Erzeugnisse ist die säte überall Verderben, indem er als Stütze Indemnikät zu bewilligen. Sie freuten sich Schweiz, wo die Firma jetzt ein bankerottes der Reaktion und des nationalen Antagonismus wohl gar des Sieges, den sie im Namen der Anwesen übernommen hat, um die lästigen Zoll. . 15 1 gegen 955 3 Partamensveghe übe die Meng erfochten schranken zu umgehen. Das neue Etablissement 4 zugleich 1 e 5 1 7 75 15 hatten. Der Liberalismus bis in die Reihen kommt nach Wallisellen unweit Zürich. Für 6 ampf gegen die wilde Barbarei. Die Nieder der früher einmal Unentwegten, um Engen die Einwohnerschaft Bruchsals speziell aber für 1 lage des russischen Despotismus wird die letzte hinein erwies auf's Neue seine heillose Rücken- seine Arbeiterschaft, dürfte die Entschließunz. . Siufe zur Erreichung jenes Weltziites Jenn, warksschwinpsucht bezeichvende Weise betonte der Firma noch sehr nachteilig Folqen dane. 3 welches die große Revolution des 18. Jahr⸗ von allen bürgerlichen Fraktionsrednern am Mit der Einschränkung der Produktion geht „ hunderts gestellt hat. energischsten neben dem Polen ein Konservativer natürlich die Vermiaderung der Zahl der Ar⸗ 3 derte und Tausende der Vertreter der„beitskräfte Hand in Hand, die nicht nur für. b 3 Hun 9 ö Herr v. Staudy, das Budgetrecht des Reichs⸗ 1 0 90 g 5 1 lassen 1 e ide 1185 tages. Die Agrarier, die freilich auch für die die städtische Arbeiterbevölkerung von Nachtel *. 1 ane dt Macht d inte i b Kelonialpolitir nicht, allzu begeistert ind, haben ein“ sonvemm auch wa den umgebenden Lande 1 1 1 1 1 5 11 ach 10 nu 5 nicht jedenfalls ein stärkeres Rückgrat, als die Herren bezirken fühlbar werden wird, die einen Teil. 5 3 35 n b 105 uner Ae e nr Aen. Liberalen. f der ungelernten Arbeitskräfte für die Industrie⸗ ö verfolgte je 10 e e 1 8 mit e 115 Bebel tat sehr recht daran, den Schwer- bezirke am Ort stellen, dann aber auch beim 90 5 Zynismus und einer rausamkeit, welche bis punkt seiner zweistündigen Rede auf die Ur fache Absatz ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf f 5 zum Aeußersten getrieben wurde. Der Literatur des Hererpaufstandes und die ganze deutsche den Konsum der gewerblichen Arbeiterschaft der U Stadt angewiesen sind.— Treten erst die neren da wurde der Maulkorb der Zensur vorgelegt und f t zu legen. wi a die Schriftsteller waren bei ihrer Arbeit fort⸗ 8 Bel herpa deb u daß i Handelsverträge in Kraft, wird man über während durch Gefängnis und Verbannung perwaltun ähnliche Folgen der Zollpolittk berichten müssen. a 5. g samt dem Reichskanzler so mit dem bedroht. Die Wissenschaft wurde in Ketten Budgetrecht des Reichstags umspringt, Gelder] Zum Kapitel:„Not der Landwirtschaft'. geschmiedet; die Leitung der Universitäten in 1 baut um de die Hand der Pollzei gelegt, die unbedeutende ac e e ee 7115 99 07 ist pie Mit dem Geschrei über die Not der Land⸗ Zahl der Volksschulen dem blinden Fanatismus daß nun die Regierung wirtschaft erfüllen die Agrarier und ihre Presse der Popen preisgegeben. Hunger und Epidemie altre A 0 aug! Wenn alle Welt. So schlimm ist es aber mit der wüteten unter dem erschöpften, im höchsten bei den ersten Nachrichten, die aus Hereroland Not nicht, wie's gemacht wird. Das weiß zwar Grade ausgesogenen Bauerntum. Und das kamen, es manchem zweifelyaft schien, ob nicht jeder, der die Verhältnisse einigermaßen kennt. von dem Zariemus unterjochte Vole kam auf das Reich zur Niederwerfung des Aufstandes 6 wird aber beispielsweise auch durch ds den Gipfel der Verzweiflung. Das gesamte berechtigt sei, hit sich im Haufe des letzten] Ergebnis der preußischen Domänen ver pach⸗ Volt der Hauptstadt, die besten Bürger au: Monats unwiderlegt gezeigt, daß es einzig und tun gerwiesen. Im Jahre 1904 find 41 preußi⸗ den Kreisen der Bourgeoisie, mitgerissen durch allein die kapitalkstische Aus beukung sche Staatsdomänen nen verpachtet worden. den Ansturm des revolutionären Proletariats, war, welche die Hereros dazu trieb, sich ihrer] Der durchschnittliche Pachtertrag für 7555 verlangten in einer großartigen Manifestation Peiniger zu erwehren. Das Bauernlegen, den Hektar ist von Mk. 37,61 auf Mk. 39.244 . die Einberufung der Volksvertreter, um endlich das unsere Junker einst im Deutschen Reiche gestiegen. Die Zahl der im Jahre 190⁵ 1 die Heilung jener tiefen Wunde zu finden, mit solchem Erfolge getrieben, ist von den pachtfrei werdenden Domänen beträgt 48. Auch * welche die Herrschaft der Henker dem russischen Kapitalisten der modernen Zeit ins Aftikanische diese Domänen sind bis auf einige wenige bee. 5 Volke während Jahrhunderten beigebracht hat. überketzt worden, indem man den Eingeborenen reits neu verpachtet worden. Hier ist der! Die feierliche Demonstration wurde vom Zaren ihr Land nimmt, erst durch Ueberlistung durchschnittliche Pachtertrag für den Hektar mit Gewehrsalven und Kanonendonner beant⸗ und Bestechung der Häuptlinge, dann, wenn von Mk. 33,79 auf Mk. 36,60 gestiegen.. wortet. Es fielen tot Männer, Frauen, Kinder. sich das Volk wehrt, mit Waffengewalt. Es ist also unzutreffend, daß der landwirz. Es fielen tot Arbeiter, Studenten, Bürger und So macht man die Eingeborenen zu Besitz⸗ schaftliche Betrieb weniger ertragsfähig geworden 1 Pfarrer. Die Offiziere, welche vor den Japa- losen, die man teils niederschlägt, teils in die it, wie immer von agrarischer Seite zur Förde⸗- nern kapituliert haben, schlugen mit Gleichmut moderne Fron der sogenannten freien Lohn⸗ rung ihrer Liebesgabenpolitik behauptet wird. 1 Kinder und Frauen ihres Voltes tot! arbeit zwingt, wie sie seit den Ausplünderungen Wäre dem so, dann würde sich sicher kein ver⸗ Tod dem Zarismus! lautete die Antwort der deutschen Bauern im 15. und 16. Jahr⸗ ständiger Landwirt finden, der mehr Pacht des Proletartats auf dieses unerhörte Verbrechen. hundert bei uns zu Hause herrscht. Daher] für die Domäne bezahlt, als bisher bezahlt Die Kunde von der mörderischen Tat in Peters⸗ denn auch die ungeheuren Profite der Kolonial⸗ worden ist. 3 1 15 burg rief bereits Arbeiter demonstrationen in ö 5 3 60 andern Städten hervor. Die Sozialbemokratie beseaafaan 11 e ee Deutsche Kulturverbreitung in Aft treiben, für ein Nichts sich von der Reg erung Vorwärts“ wi 4 wird ihre ganze Energie aufwenden, um die in das Land zuweisen lassen, um es dann zu„Dem„Vorwärts wird der Brief eines in Petersburg bereits begonnene revolutionäre MWucherpreisen an Anstedler zu verkaufen Südwestafrika befindlichen Soldaten zur Ver⸗ Massenbewegung auf das Proletariat und das während die besitzlos gewordenen, von Haus fügung gestellt, in dem es heißt:„In der Bauerntum des ganzen Rußlands zu verbreiten.— 5„stillen Nacht“ haben sie 20 Kilometer von Die zivilisierte Welt kann nicht ein gleichgültiger 4) Eigentlich: Straflosigkeit; nachträgliche Bewilli⸗ hier einen Farmer ermordet und alles aus⸗ Zuschauer der russischen Vorgänge bleiben. gung der gemachten Ausgaben. geraubt. Wehe ihnen„wenn sie in unsere — 2.—— für chteil zand⸗ Teil strie⸗ beim e auf t der neuen über üssen. aft“. Land- Presse 1 del zwar kennt, 0 9¹⁵ pach⸗ eußi⸗ dem Nr. 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. Hände geraten. Weder Weib noch Junge wird verschont! Die Hunde sinds nicht wert! Ihr in Deutschland könnt Euch keine Vorstellung machen. Euch erscheint es grausam. Oberst Däumling konnte im vorigen Gefecht 75 Gefangene machen, hat sie aber alle nie⸗ dergeschossen. Man darfs nicht anders machen mit den schwurzen Hunden. Das Kind im Mutterleib darf man nicht schonen, dann ist man noch schonungsvoll im Verhältnis zu ihren Grausamkeiten. Was anders ist's ja mit den Witbois. Die sind sehr rücksichtsvoll, wenigstens die Anführer. Ohne diese erlauben ste sich ja auch Greueltaten. Aber die Anführer verschonen im allgemeinen Weib und Kind. Aber trotz dem muß aufgeräumt werden! Hoffent⸗ lich geht's schnell zu Ende mit den Witbois.“ Wie der„Vorwärts“ erfährt, soll der Brief⸗ schreiber früher stets eine weiche Gemütsart bekundet haben. Und jetzt eine solche Auffassung der Dinge. Jedenfalls ist das Dokument ein Beweis dafür, wie der Krieg verroht und auch für die Art, wie die deutschen Soldaten dort hausen. Russische Helden und deutsche Säuger. Was kein russisches Blatt zustande bringt, schrieb der„Vorwärts“ vorige Woche, hat das Organ der deutschen konservativen Partei, hat die„Kreuzzeitung“ vollbracht. Die Garde⸗ soldaten in St. Petersburg haben Tausende wehrloser Bittender hingeschlachtet— das Blatt der Mirbach und Manteuffel wagt es, in einem begeisterten Artikel das Lob der feigen Mörder zu singen, die das Höchste soldatischer Tugend vollbracht hätten. Es schreibt: Die schwerste Probe, der die Treue und der Gehorsam des Soldaten ausge⸗ setzt werden kann, ist am vergangenen Sonn. tag der Petersburger Garnison auferlegt worden. Was die tapfere Besatzung von Port Arthur dem stuürmischen Mute der Armee Nogis gegenüber und im monatelangen Ertragen von Not und Gefahr geleistet hat, ist mit der Aufgabe nicht zu vergleichen, die die kaiserliche Garde am Sonntag in der russischen Hauptstadt zu erfüllen hatte. Die eiserne Disziplin allein, der unbe⸗ dingte treue Gehorsam beherrschten die Truppe und haben sich zum Heile Rußlands bewährt. Die Schinderknechte des Zaren sind das Ideal christlicher preußisch⸗Leutscher Männer⸗ tugend; der organisierte Massenmord ist das höchste Ziel konservativer Politikl In Calbe⸗Aschersleben wurden nach der amtlichen Feststellung bei der Stichwahl für unsern Genossen Albrecht 21722 und für Placke 19434 Stimmen abge⸗ geben. Die Mittelständler haben darnach sämt⸗ lich für Placke gestimmt; es fehlen diesen nur 1 an der im ersten Wahlgange von ihm und Mittelstandskandidaten erreichten Zahl. Dagegen beträgt die Zunahme der sozialdemo⸗ kratischen Stimmen 2700, die ohne Ausnahme als Reserven anzusehen sein dürften. Gegen die Hauptwahl von 1903 bedeutet das eine Zunahme von fast 1500 Stimmen für uns. Dank des Ohrfeigen⸗Placke. Der im Wahlkreise Calbe⸗Aschersleben durch⸗ efallene Kaufmann und Major a. D. Placke hal es sich nicht nehmen lassen, seinen Getreuen huldreichen Dank zu spenden und er tut das in der„Akener Zeitung“ folgendermaßen: Herzlichen Dank allen patriotischen Wählern in Aken und Umgegend, die bei der jetzigen Wahl von neuem bewiesen haben, daß unser Bezirk nach wie vor durch unerschütterliche Treue zu Kaiser und Reich hervorragt. Möge es immer so bleiben! Georg Placke. Der Mann ist auf einmal sehr bescheiden geworden. Möge er es immer so bleiben! Wer nicht begnadigt wird. In dem Dessauer Aufruhrprozeß hat der Kriegsherr die Gnadengesuche der vom Magde⸗ burger Oberkriegsgericht zu je 1¼ Jahren Gefängnis verurteilten Soldaten Günther und Voigt abgelehnt. Ein anderes Gnadengesuch hat vielleicht mehr Aussichten. Nämlich dasjenige des Majors von Sydow in Braunschweig, der wegen Mißhandlung seines eigenen Kindes zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde und der um die Umwandlung der Gefängnisstrafe in Festungshaft ersucht. Wer ist ein Lump? „Wer nichts besitzt!“ antwortete der Staatsanwalt in Magdeburg auf diese Frage. Vor dem dortigen Gericht hatte sich ein Arbeiter wegen angeblichen Streikver⸗ gehens zu verantworten. Er hatte versucht, einen Streikbrecher zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen, erhielt aber die Antwort:„Gebt mir 500 Mark, Ihr Lumpen, dann ar⸗ beite ich auch nicht!“ Der so Angeredete geriet derartig in Erregung über die Antwort, datz er seinem Beleidiger eine Ohrfeige gab. Bei der Verhandlung gegen ihn machte sich nun der Herr Amtsanwalt die Beleidigung des Arbeitswilligen zu eigen. Er beantragte gegen den Verteidiger seiner Ehre fünf Monate Gefängnis und beleidigte ihn außerdem noch, indem er ausführte:„Mit dem Ausdruck „Lumpen“ hätte Gadau(der Streikbrecher, Red.) niemanden beleidigt, da man Be⸗ sitzlose gemeinhin als Lumpen be⸗ zeichne!“ Das Gericht erkannte auf 6 Wochen Gefängnis! Dieses Urteil wird wunderbar wirken in Arbeiterkreisen! Oldenburgische Praktiken. In Schwartau(Oldenburg) wählte der Gemeinderat zwei Sozialdemokraten, die Gen. Voß und Zeidler, als Beisitzer(Beige⸗ ordnete). Die Beiden wurden jedoch von der oldenburgischen Regierung nicht bestätigt. Jedenfalls, weil sie nicht gepokert haben! Zum Syveton⸗Skandal kamen aus Antwerpen vorige Woche sensationelle Nachrichten. Danach wurden dem Rechts⸗ vertreter Jules Lemaitre, ehemaligem Vorsitzenden der französischen Vaterlandsliga, Schriftstücke ausgehändigt, die der Geldschrank Syvetons in der Antwerpener Bank enthtelt. Der Schrank enthielt Ouittungen im Betrage von 1300000 Franks, die Syveton an Poli⸗ tiker und Blätter bezahlte. Davon ent⸗ fallen 100000 Franks auf ein Provinzblatt, um den Skandal über die Karthäuser⸗Million gegen Combes in die Presse zu lancieren, ein bekannter radikaler Zeitungsdirektor erhielt zur Unterstützung dieses Feldzuges 50000 Franks. Auch der Briefwechsel zwischen einem hohen Beamten des Ministeriums des Innern, zwei Mönchen und Syveton fand sich vor, ebenso Quittungen dreier Pariser Blätter über Beträge von 25000 resp. 50000 Franks. Aus anderen Schriftstücken geht hervor, daß außer Videgain noch ein anderer Angestellter der Freimaurer von Syveton Verratsgelder in Höhe von 200000 Franks erhielt. Kleine Politische Nachrichten. Von dem Fähnrich Hüssener meldeten kürzlich die Zeitungen, daß er von Ehrenbreitstein nach Weichsel⸗ münde gebracht worden sei, Er befindet sich jedoch noch im Lazarett in Ehrenbreitstein. Russisch⸗japanischer Krieg. Zu der Kapitulation Port Arthurs wird aus London berichtet, daß nicht der geringste Grund vorgelegen habe die Festung zu übergeben. Etwa 25000 Mann waren noch kampffähig. Die 14000 Kranken in den Lazaretten seien nur zum geringsten Teil ver⸗ wundet gewesen. Die Munition war nichts weniger als erschöpft, die Japaner erbeuteten ganz enorme Quantitäten. Proviant war eben⸗ falls reichlich yorhanden. Die 2000 Pferde waren in guter Verfassung, auf der Marine⸗ werft wurden allein 6000 Tonnen Mehl ge⸗ funden. Wein und Champagner war in Menge da. Die Japaner entdeckten an einem Tage 4000 Flaschen Wodka. An Brennmaterial war ebenfalls kein Mangel. Die Gebäude ge⸗ währten noch genügenden Schutz, die Neustadt war fast unberührt, ebenso war auffallender⸗ weise Stössels Haus ganz unberührt geblieben. Die Demoralssation, namentlich die der Offiziere, soll allerdings ganz kolossal gewesen sein. In der Stadt befanden sich 500 Frauen, darunter 50 Prostituierte. Alle in London eingehenden Meldungen verurteilen Stössel aufs schärfste. Stössel sei übrigens schon früher willens gewesen, zu kapitulieren. Nur der Widerstand Kondratenkos habe ihn davon ab⸗ gehalten. Niemand verdiene weniger den Titel eines Helden als Stössel.— Den Orden pour le mérite hat er doch! Der„Vor marsch“ Kuropatkins, den dieser selbst und die offizielle russische Presse mit soviel Lärm ankündigte, hat wieder, wie fast alle seine Operationen, mit einer Nteder⸗ lage geendet. Zunächst errangen die Russen einige kleine Vorteile, die sofort als große Er⸗ folge in breitester Ausführlichkeit nach Peters⸗ burg gemeldet wurden; aber gar bald wurde das Ganze halt geblasen. Der Vormarsch kam ins Stocken und schließlich ging es rückwärts. In Petersburg verlautete mit Bestimmtheit, daß die russische Armee in den letzten Kämpfen bei Mukden eine empfindliche Nieder⸗ lage erlitten hat.— Die Japaner trieben die Russen über den Hunho zurück und brachten ihnen schwere Verluste bei. 10000 Mann sollen vom 25.—28. Januar auf russischer Seite gefallen sein. Die Verluste der Japaner sollen 5000 Mann betragen. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Die Tabakarbeiter⸗Aussperrung in Halberstadt ist beendet. Es kam ein Ver⸗ gleich zu stande. Eine Anzahl Arbeiter und Arbeiterinnen konnte noch nicht eingestellt werden. Einige Zigarrenbetriebe sind durch die Aus⸗ sperrung stark zerrüttet, und es wird noch einige Zeit vergehen, bis wieder geordnete Ge⸗ schäftsverhältnisse eintreten. Jedoch sind Aus⸗ sichten vorhanden, daß auch die übrigen Tabak⸗ arbeiter bald wieder eingestellt werden können. Die Zugeständnisse, welche die Fabrikanten nach 23wöchigem Kampfe machten, waren die Forderungen der Arbeiter, als sie den Ober⸗ bürgermeister Dr. Oehler um Vermittlung er⸗ suchten. Wären damals die Fabrikanten darauf eingegangen, so konnte auf beiden Seiten viel Erbitterung gespart werden. Lohnkämpfe. Der Tischlerstreik in Osnabrück ist am Montag nach mehrwöchiger Dauer infolge Bewilligung eines Teiles der Arbeiterforderungen beendet worden.— Um den Neunstundentag sind 350 Tischler in Elberfeld in den Streik getreten. 150, denen der Neunstundentag bewilligt wurde, arbeiten weiter. Pon Rah und Lern. Hessisches. — Die Zweite Kammer des Land⸗ tags tritt nächsten Dienstag wieder zusammen. Auf der Tagesordnung stehen neben dem Etat noch eine Reihe Vorstellungen, Anträge ꝛc. — Land⸗Bürgermeister⸗Wünsche. Hessische Bürgermeister haben sich zu einem Verband zusammengeschlossen, dessen Vor⸗ sitzender der Langsdorfer Bürgermeister, Land- tagsabgeordneter Köhler ist. Am vorigen Donnerstag hielt der Verband in Frankfurt seine Generalversammlung ab. Es waren etwa 150 Bürgermeister anwesend; Mitglieder soll der Verband nach Herrn Köhlers Angaben 455 haben. Bei Erstattung des Jahresberichts er⸗ mahnte Köhler seine Kollegen, ihren hessischen Landtagsabgeordneten„Feuer unter den Schwanz zu machen“, damit sie die bäuerlichen Interessen mit mehr Energie wahrnähmen. Auf den „Kreisblattunfug“ näher eingehend, meinte Köhler, es sei das beste, wenn die Re⸗ .———.———————.———— 8 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. * Nr. 6. gierung die Kreisblätter monopolisiere, weil, wie es jetzt üblich, einigen wenigen Per⸗ sonen alles„zugeschustert“ würde. Dann folgte nach weiteren Ausführungen ein kleiner Vorstoß gegen unser Fortbil⸗ dungsschulwesen. Müller⸗Roßdorf wünschte, daß die Fortbildungsschulen ganz abges chafft werden. Köhler weist auf die Mängel dieser Schulen hin, die nicht nach richtigen pädagogi⸗ schen Grundsätzen geleitet würden, auch die Ackerbauschulen genuͤgten nicht. Der Bürger⸗ meister von Hungen wies darauf hin, daß das Kreisamt Gießen Beschwerden wegen der un⸗ zweckmäßigen Lage der Stunden des Fortbil⸗ dungsunterrichts kurzer Hand abgewiesen habe. Ein Beschluß wurde in dieser Angelegenheit nicht gefaßt. Da ist ja mal wieder nettes Zeug von den Herren verzapft worden. Hat denn der Bürger⸗ meister nur bäuerliche Interessen wahrzunehmen? Existieren die andern Menschen nicht für ihn? Gießener Angelegenheiten. — Herein in die Parteiorganisa⸗ tion! Mancher, der sich als Sozialdemokrat bezeichnet, glaubt seine Pflicht erfüllt zu haben, wenn er bei den Wahlen seine Stimme abgibt, hier und da einen Geldbeitrag leistet, sich aber sonst um nichts kümmert. Allerdings ist die finanzielle Unterstützung der Partei zweifellos eine Bedingung der Ausbreitung der sozialisti⸗ schen Ideen, aber sie ist nicht die einzige. Die Geldmittel allein können eine Partei nicht vor⸗ wärts bringen; sie bieten nur die Möglichkeit zu einer planmäßigen Werbearbeit. Besser und wirksamer kann agitiert werden durch das ein⸗ mütige Zusammenwirken aller Parteiangehörigen, wie es im Zusammenschluß, in der Vereinigung erzielt wird. Die Parteivereine sind die äußere Form der Partei, sind ihre materielle Grundlage. Die Parteiorganisationen sind gleich Wurzeln, die neue Kräfte der Partei heranziehen. Die Organisationen müssen die Parteimitglieder heran⸗ und ausbilden und alle zusammenfassen, die sich in den Dienst der Partei stellen. Wie überall, so liegt auch für die Sozialdemokratie die Macht in der Organisation. Daher muß mit aller Kraft auf den weiteren Ausbau der sozialdemokratischen Wahl- und Arbeitervereine hingearbettet werden. Insbesondere soll jeder Leser der Parteipresse sich organisteren und in seinen Bekanntenkreisen für die Ideen des Sozialismus und die sozialdemokratischen Orga⸗ nisationen werben. Jeder Parteigenosse soll organisiert sein! — Zu der Besichtigung der Biblio⸗ thek am Sonntag hatten sich die Gewerkschafts⸗ mitglieder sehr zahlreich eingefunden. Herr Dr. Tavernier hielt zunächst einen kurzen Vortrag über die Geschichte und die Entwicklung der Bibliothek, die jetzt etwa 200000 Bände umfaßt. Zirka 30000 kommen alljährlich zur Ausleihung, so daß durchschnittlich jedes Buch in sieben Jahren einmal ausgeliehen wird. Es folgten dann weitere Mitteilungen über den Bau selbst, der durchaus zweckentsprechend ein⸗ gerichtet und in seiner inneren Ausstattung künstlerisch vollendet ist. Sehr geschmackvoll und vornehm ist der in Marmor ausgeführte Treppenaufgang gehalten. Die Kosten des Baues belaufen sich auf 526000 Mk. Nach dem Vortrag wurde der Rundgang angetreten. Die Herren Dr. Koch und Tavernier gaben dabei in liebenswürdiger Weise die nötigen Erläuterungen. Für ihre Mühe und Entgegen⸗ kommen sei den Herren hiermit Dank gesagt! — Volksvorlesungen. Ein kürzlich ier zusammengetretenes Komitee ist bemüht, olksvorlesungen, wie sie schon seit Jahren in Frankfurt, Offenbach, Wetzlar ꝛc. abgehalten werden, hier zu Stande zu bringen. Diese Bestrebungen sind zu begrüßen und verdienen alle Unterstützung. — Bürgerverein. Unserer letzten Notiz über die konstituierende Versammlung des Bürgervereins, muß noch hinzugefügt werden, daß bei der Statutenberatung Herr Lehrer Knauß„vaterländische Gesinnung“ als Voraus⸗ setzung der Mitgliedschaft mit in das Statut aufgenommen wissen wollte. Das wurde zwar abgelehnt; es zeigt aber, in welcher Richtung —————— ü—— 1 man diese Vereinigung zu steuern gedenkt. Denn nach dem heutigen Sprachgebrauche hätte der Zusatz nichts anderes als antisozialistisch bedeutet. Trotz der Ablehnung des Antrages Knauß' sind wir nicht im Zweffel darüber, daß der Verein über kurz oder lang in dieses Fahr wasser geraten wird. Die Zeit wirds lehren!— Eine Redeblüte sei noch erwähnt, die sich Herr Bäckermeister Frey in jener Versammlung leistete. Er sagte:„Es kann einer freisinnig oder nationalliberal und doch ein guter Bürger sein.“ Demnach sind also Freisinnige und Nationalliberale in der Regel schlechte Bürger! p. In einer Metallarbeiter ver- sammlung, die am Sonntag im Lokale Orbig stattfand und einen recht guten Besuch aufwies, sprach Bezirksleiter Ehrler ⸗Frank⸗ furt über das Unterstützungswesen im Verband. Besonders führte er den Auwesenden die Vor⸗ teile vor Augen, welche die Vorlage des Haupt⸗ vorstandes biete, auch in agitatorischer Hinsicht. Durch die Krankenunterstützung, die danach noch zur Arbeitslosen⸗Unterstützung hinzugefügt wer⸗ den solle, sei es leichter möglich, die an der Rohstoff⸗Produktion in der Metallindustrie be⸗ schäftigten Arbeiter(Hüttenleute ꝛc.) zum Ver⸗ bande heranzuziehen. Dies sei aber jetzt die wichtigste Aufgabe des Verbandes, mit diesen Arbeitern im Verbande sei man in der Lage, nachdrücklicher als bisher dem Unternehmer⸗ verbande Widerstand zu leisten. Außerdem liege in den Gebieten, die hier in Frage kom⸗ men, das Krankenkassenwesen sehr im Argen und erheische unbedingt Besserung. Nach kurzer Aussprache wurde ein Antrag, welcher sich für Annahme der gesamten Vorlage des Haupt⸗ vorstandes aussprach, einstimmig angenommen. Aus dem Bericht des Delegierten von der am 22. Januar in Mainz abgehaltenen Bezirks⸗ konferenz des 8. Bezirks ist noch hervor⸗ zuheben, daß die Mitgliederzahl in 83 Ver⸗ waltungsstellen jetzt 10053 beträgt. Auch die Gießener Verwaltungsstelle ist in erfreulicher Entwickelung begriffen und zählt jetzt 129 Mitglieder. — Konzert. Drei streikende Bergleute aus dem Ruhrrevier geben Samstag Abend im Lokale Orbig ein Bandonion⸗Konzert. Sie sollen, wie uns von sachverständigen Beurtetlern versichert wird, auf diesen Instrumenten Aus⸗ gezeichnetes leisten und wir empfehlen daher und des guten Zwecks halber den Besuch. Aus dem Rreise gießen. n. Wahlverein in Wieseck. Nach Beschluß der letzten Generalversammlung finden die Vereinsver⸗ sammlungen fortan jeden zweiten Samstag im Monat statt. Die Mitglieder werden ersucht, dies zu beachten. Die nächste Versammlung wird Samstag, den 11. Febr., abends 9 Uhr im Lokale bei B. Wacker abgehalten. Bemerkt sei noch, daß in der erwähnten Generalversamm⸗ lung eine erfreuliche Zunahme der Mitgliederzahl des Vereins konstatiert wurde. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt. — In Lollar hielt am Dienstag Abend Genosse Dr. Michels seinen dritten geschichtlichen Vortrag vor sehr gut besuchter Versammlung im Gasthaus zum Schwanen. Mit großer Aufmerksamkeit lauschten die Versammelten, fast nur Arbeiter, den klaren und inter⸗ essanten Ausführungen des Vortragenden. Dleser ent⸗ wickelte zunächst die Ursachen der französischen Revolution und schilderte in großen Umrissen ihren Verlauf, dabei besonders die sozlalen Verhältnisse des damaligen Frank⸗ reichs betonend und erläuternd. Es ist eine sehr schwere Aufgabe, eine große und bedeutende geschichtliche Epoche in einem kurzen Vortrage zu behandeln, aber, es muß gesagt werden, daß es Michels sehr gut verstand, ein verständliches und abschließendes Bild der Geschichte dieser großen Tage zu geben, wobei er auch auf deutsche und heutige Verhältnisse Streiflichter warf. b. Staufenberg. Auf das Winterfest des Volks vereins, das diesem Samstag, 4. Februar, von ½8 Uhr abends ab im Lokale des Herrn Vogel stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam und bitten die Mitglieder, sich nebst ihren Verwandten und Freunden zahlreich zu beteiligen. r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozial⸗ demokratische Wahlverein hält Sonntag, den 5. Febr, abends 8 Uhr im Lokale„zur Wetterau“ seine General⸗ versammlung ab. Die Tagesordnung lautet: 1. Vor⸗ stands⸗ und Kassenbericht; 2. Bericht des Bibliothekars; 3. Wahl des Vorstandes. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich und vollzählig zu erscheinen. Ferner wollen diejenigen, welche noch Bücher aus der Bibliothek haben, Weise über den Wert des Turnens, inbesondere für die diese bis Sonntag 10 Uhr vorm. bel dem Bibliotheloer abliefern. f ö Aus dem Nreise Alssesd⸗Cauterbach. * Genosse Dr. Michels⸗Marburg spricht diesen Samstag(4. Febr.) in Groß⸗Felda, Sonntag Nach?⸗ mittag 4 Uhr in Fris born, Abends 8 Uhr in Anger sbach über:„Was wollen die Sozialdemokraten!“ r. Turnerisches aus Alsfeld. Am vergangenen 9 Sonntag fand im„Stadtpark“ eine allgemeine Ver⸗ 1 1 sammlung zu dem Zwecke statt, die Gründung eines Arbeiter⸗Turnvereins in die Wege zu leiten. Die Ver⸗ sammlung wies einen außerordentlich starken Besuch auf: es waren ca. 120 Personen erschienen, die sich zu etwa/ aus den Mitgliedern des alten Turnvereins rekrutierten, welche die Gründung eines Konkurrenzvereins verhindern wollten. Dabei spielten wohl auch einige materielle Gründe mit, denn es galt, den alten Verein, der, beiläufig bemerkt, an die Stadt noch 10000 Mk., die s. Zt. zum Turnhallenbau geliehen wurden, zurück⸗ zuzahlen hat, vor Erschütterungen durch Austritte u bewahren. N Auf Einladung war Turngen. Böttger von der „Fr. Turnerschaft Gießen“ erschienen, der in sachlicher arbeitenden Klassen sprach und sich dann mit der „Deutschen Turnerschaft“ beschäftigte. Sei diese bis zu den 70er Jahren bemüht gewesen, nach dem Vorbilde Jahns und seiner Anhänger die Jugend zu freien, rück! ä gradfesten Männern zu erziehen, so sei man heute in diesen Kreisen hiervon abgekommen. Heule sei die „Deutsche Turnerschaft“ nichts anderes, als der Tummel⸗ platz der sog.„nationalen, staatserhaltenden“ Parteien, 4 die bei allen„patriotischen“ Anlässen die Turner zur Staffage, Hurra kreischen ꝛc. mißbrauchten Vor 11 Jahren und früher sei nun gegen sozialdemokratisch ge⸗ sinnte aber auch nur im Geruche freiheitlicher Gesinnung stehende Arbeiter eine Hetze losgebrochen, die auch heute noch anhalte und die sich nur mit den Verfolgungen und Bedrückungen Jahns und seiner Anhänger ver- gleichen lasse. Die Ausgeschlossenen aus jenen Vereinen gründeten vor mehr als 11 Jahren den Deutschen Arbeiter⸗Turner⸗Bund, um allen Denen, die der Chikanen überdrüssig, den„Teutschen“ Valet sagten oder ausge⸗ schlossen worden waren, ein Heim zu bieten. Es traten sofort 4000 Mitglieder dem Bunde bei. Daß die Gründung des A.⸗T.⸗B. eine Notwendigkeit war, gehe schon daraus hervor, daß der A.⸗T.⸗B heute bereits über 60 000 Mitglieder zähle. Wie auf wirtschaftlichem Gebiete, hätten die Arbeiter auch hier gelernt, sich auf eigene Füße zu stellen; deshalb sei auch den Alsfelder Arbeitern zu empfehlen, sich nicht länger als Mitgliedern zweiter Klasse behandeln zu lassen und durch Gründung einer freien Turnerschaft sich dem Deutschen A.⸗T.⸗B. anzuschließen.— In der sich anschließenden Diskussion glaubte Herr Buchhalter Er nst, der sich großer Sachlich yt keit befleißigte und anerkannte, daß wohl in der Deut⸗ 9 19 schen Turnerschaft Politik getrieben werde, dies sei jedoch im Alsfelder Turnverein nicht der Fall. Es sei auch nicht richtig, daß, wie in der Mitteld. S.⸗Ztg. behauptet werde, im Statut stehe, daß Arbeiter nicht aufgenommen würden.(Anmerkung d. Red. Der betr. Satz ist in der Alsfelder Notiz in letzter Nr. in der Tat unrichtig 0 wieder gegeben. Er sollte richtig lauten, daß früher sich im Statut derartige Bestimmungen befanden. Später wollte Herr Ernst, als ihn Böttger auf das Zugeständnis von wegen der Politik im Deutschen Turnerbund festnagelte, dieses wieder zurücknehmen. Ein Herr Malermeister Martin redete sich arg in die Hitze und sprach von der erwähnten Einsendung in der M. S.⸗Ztg. als einem„hundsgemeinen Schmähartikel in dem Gießener Hetzblättchen“ und suchte durch einen Schwulst bombastischer Phrasen die für die deutschen Turner unangenehmen Behauptungen zu widerlegen. Böttger, den man wiederholt niederzubrüllen suchte, wies die Beschimpfungen der Arbeiterpresse zurück und forderte die anwesenden Arbeiter auf, die Quittung darauf in Gestalt des Beitritts zum Deutschen A.⸗T.⸗B. und Gründung einer Freien Turnerschaft Alsfeld zu erteilen. Dies geschah denn auch. 32 Anwesende zeichneten sih in die Mitgliederliste ein. dem jungen Verein in Aussicht, und rufen wir ihm, zu festem Zusammenhalt mahnend, ein kräftiges„Frei Heil!“ zu. h. Das Gewerbegericht Wetzlar hatte nach dem vor kurzem veröffentlichten Bericht im Jahre 1904 57 Streitsachen erledigt. Es wurden im ganzenn 43 Sitzungen abgehalten, jedoch nur 6 unter Zuziehung von Beisitzern. Durch Vergleich oder Zurücknahme der Klage erledigten sich 44 Sachen, 12 durch Versäumnis: und andere Endurteile, eine Klage wurde wegen un⸗ zuständigkeit abgewiesen. In 12 Fällen waren Arbeit? ö geber die Kläger, in 45 Arbeitnehmer. und zwar in 37 Fällen wurde wegen Entlassung oder Verlassens der Arbeit ohne Kündigung geklagt. Von den 12 Endesurteilen ergingen 5 zu Gunsten des Klägers, N 0 Aus dem Nreise Wetzlar. 1 —— Ein weiterer Zuwachs stet Am meisten 0 ela iesen ach, F iu e N enen et⸗ nes Ver⸗ euch N zu eng eln ge teln, M., tück⸗ iu der scher dle der ju bllbe rück e in dle smel⸗ een, zur 11 be. nung heule gen ber⸗ nen schen sanen usge⸗ Taten die gehe eit chem auf eldet lieder dung L. B. Ion lich Leut⸗ jcboch auch uptet men f det chli ther ben.) daß chen men. in die n der arte inen ilschen lehel. leb derte Nr. 6. Mitteitdentsche Sountags⸗Zeitung. Ss iie 5. 7 zu Gunsten des Beklagten. Die weitaus größte Zahl der Fälle und zwar 45 wurden in einer Woche erledigt; nur 2 dauerten länger als 14 Tage. Gerade darin liegt der Vorteil der Gewerbegerichte für den Arbeiter. h. Die Sophienhütte hatte kürzlich im Ruhr- revier Koaks aufgekauft, es fand sich aber dort niemand zum Verladen. Es rückten deshalb 16 Mann, meist aus Aßlar, von hier unter Führung des Jagdliebhabers Debus nach dort ab. Hoffentlich hat der Mann den Revolver nicht in Anwendung gebracht, den er nach seinen eigenen Worten stets bei sich zu führen für gut findet. k. Herr Fabrikant Ohlenburger soll, wie wir hören, aus der Firma Hensoldt Söhne ausgetreten ein. Ganz freiwillig scheint er aber diesen Schritt nicht getan zu haben, denn man spricht davon, daß er auf eine Abfindung in der bescheidenen Höhe von 100000 Mk. klage. Die Arbeiter der Firma, dessen sind wir ganz sicher, werden ihm keine Träne nachweinen. Einstweilen widmet er sich noch dem Jag dpergnügen und bald wird wieder, wie schon öfters, im„Anzeiger“ zu lesen sein, daß er die erste Schnepfe in diesem Jahre geschossen hat. Westerwald und Anterlahn. t. Christlich⸗soziale Sozialisten⸗Ver⸗ nicht ung. Es sind jetzt schon mehr als dreißig Jahre her, daß der Pfaffe Stöcker seinen Vernichtungs⸗ Feldzug gegen die Sozialdemokratie eröffnete. Trotz der schäbigen Waffen, die er führte und trotzdem während der 12 jährigen Dauer des Sozialistengesetzes— für das bekanntlich auch Stöcker stimmte— unter dessen Herrschaft unsere Parteigenossen in der niederträchtigsten Weise drangsaltiert wurden, hat der teure Gottes mann und seine vermuckerten Trabanten höllisch wenig Erfolg gehabl. Er mußte im Gegenteil zu seinem Schmerze sehen, wie die Sozialdemokratie mächtig anwuchs, von Wahl zu Wahl mit verdoppelten Heeresmassen ins Feld rückte. Und das, trotzdem die Stöckerei über unsere Partei und ihre Anhänger jahrein, jahraus Tausende von Schmutzkübeln ausschüttete. Wo blieben aber die Christlich⸗Sozialen? Sie stehen im Zeichen des Krebses in jeder Beziehung. Die Bevölkerung, nicht zuletzt auch die kleinbäuerliche, hat eben erkannt, wo das Recht und die Wahrheit ist! Das wird wohl auch fernerhin so bleiben; es wird den Stöckerschen nichts nützen und den Sozialdemokraten nichts schaden, wenn zum Beispiel das in Herborn erscheinende Stöcker⸗ blättchen, das sich heuchlerisch Nassauischer„Volksfreund“ nennt— Gott schütze das Volk vor solchen „Freunden“— die Sozialdemokratie in der Weise be⸗ schimpft und verleumdet, wie es ihm zur Gewohnheit geworden ist. Unser vor Kurzem verteilter Landkalender hat's dem Blättchen angetan und es zog in mehreren Artikeln gegen ihn und unsere Partei zu Felde. In bekannter Weise natürlich. Was da vorgebracht wird, ist dasselbe blöde Zeug, das schon seit Jahrzehnten von den„christlichen“ Verteidigern des Geldsackes gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung vorgebracht wird. In jeder Zeile tritt die muckerische Verlogenheit und Verleumdungssucht zu tage, zugleich aber auch die pyramidale Un wissenheit des Verfassers. Der Grünspecht, den Burckhardts Gnade dort Redakteur spielen läßt, sucht seine mangelnden Kenntnisse durch Frechheit und Schnodderigkeit zu ersetzen. Auf die Dauer wird er damit nicht auskommen. Man wird selne Unwahrhaftigkeit und die Hohlheit seiner Phrasen bald erkennen und die Sozialistenvernichtung wird die⸗ selben Resultate zeitigen wie bisher. Lassen wir das Kerlchen also weiter schimpfen. W. Christl.⸗soziale Denunztanten. Man schreibt uns aus Sinn: Im benachbarten Herborn traf sich's, doß in einer christl.⸗sozialen Versammlung unser Genosse Trott neben einem in Herborn beschäf⸗ tigten Drucker saß und sich mit ihm unterhielt. In der letzten Kriegervereinsversammlung brachte nun ein christlich⸗ soztialer„Vorgeschobener“,— der in der Hoffmann'schen Pumpenfabrik beschäftigte Schreiner Nickel— dies als Staatsverbrechen vor. Die„Krieger“ hielten sich aber für nicht„ordinär“ genug, auf den Fall e.nzugehen. Der schlechteste Kerl im ganzen Land ist stets der Donunziant. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. r. Die Wahl vereinsversammlung am Samstag war gut besucht. Vor Elntritt in die Tages⸗ ordnung ehrte die Versammlung die Opfer des Zarismus in üblicher Weise. Genosse Dr. Quarck⸗Frankfurt sprach hierauf über„Sozialdemokratische Kommunalpolitik“ in klaren, von den Anwesenden mit großer Aufmerksam⸗ keit verfolgten Ausführungen. Er wies zunächst darauf hin, daß, wenn der Ruf zur Reichstagswahl ergehe, so⸗ sort Bewegung in die Genossen komme und jeder pficht⸗ eifrig zur Stelle sei. Bei den Gemeindewahlen jedoch sel, besonders in Arbeiterkreisen, eine fast unverständliche Teilnahmslosigkeit bemerkbar. Vielfach erkennen unsere Genossen die Wichtigkeit der Stadtverordnetenwahl nicht an und doch sind im Stadtparlament oft ebenso wichtige, mitunter noch wichtigere Fragen zu behandeln, als im Reichstage. Für die Spießbürger ist dies umgekehrt. Diese betrachten die Gemeindevertretung in der Regel als ihre gemütliche Zusammenkunft, die sie durch Ar⸗ beitervertreter nicht gestört wissen wollen.— Für uns kommt bei den Gemeindewahlen die Art der Agitation in Betracht. Man redet immer so viel von einem An⸗ griff auf das Reichstagswahlrecht und von dem erbärm⸗ lichen Dreiklassenwahlrecht zum Landtage, doch denkt man viel weniger an das noch schlechtere Gemeinde⸗ wahlrecht! Hierauf müßte von unserer Seite mehr hin⸗ gewiesen werden.— Die Arbeiter haben das allergrößte Interesse daran, daß auf kommunalem Gebiete etwas Positives geleistet wird. Erfahrungsgemäß wird oft in den kleineren Orten mehr auf das Wohl der geringen Leute gesehen, als in den größeren und mittleren Städten. In einer ganzen Anzahl kleinerer Orte ist bereits die Unentgeltlichkeit der Lehrmittel, unentgeltliche Benutzung der Wasserleitung, gemeinsamer Backöfen ꝛc. eingeführt, während in vielen Städten für diese Institute schwere Abgaben entrichtet werden müssen. Redner besprach noch eine Reihe kommunalpolitischer Fragen sehr ein⸗ gehend und mit Sachverständnis. Er schloß mit der Aufforderung an die Marburger Genossen, alle diese Fragen, sowie die örtlichen Verhältnisse und Zustände genau zu studieren, damit sie bei der im Herbste statt⸗ findenden Neuwahl auf jede diesbezügliche Frage ant⸗ worten könnten und Erfolge erzielten.— Dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrage folgte eine Diskussion, in der sämtliche Redner speziell die Mar⸗ burger Verhältnisse zur Sprache brachten, wobei manche Dinge erwähnt wurden, die bisher keineswegs allgemein bekannt waren.— Nachdem noch eine Anzahl Genossen im Wahlverein aufgenommen worden waren, erstattete der Vertrauensmann Bericht über die Partelkonferenz in Frankfurt. Nach längerer Debatte wurde es abge⸗ lehnt, gegenwärtig ein Flugblatt gegen das Zentrum zu verbreiten. Es wurde jedoch den Genossen anheim gegeben, sich über die Bewegung der anderen Parteien so gut wie möglich zu informieren.— Zum Schluß wurde noch die Lokalfrage angeschnitten und die in der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ veröffentlichte Erklärung des Herrn Gastwirts Hildemann einer Kritik unterzogen. Eine Kommission wurde beauftragt, Mittel und Wege zu suchen, um womöglich die Errichtung eines eigenen Lokales in die Wege zu leiten. (O Kulturaufgaben leiden nicht! Herr Professor Opitz hatte an die hiesige Stadtverwaltung das Ersuchen gerichtet, ihm die sogenannte„Obere Sieche“ zur Verfügung zu überlassen, um dort ein Heim für Krebskranke zu errichten, in welchem solche sachgemäß gepflegt und gleichzeitig Studien gemacht werden sollten, um eine Heilung dieser schrecklichen Krankheit zu erzielen. Von Seiten der Stadt ist diesem Ersuchen stattgegeben worden. Die„Obere Sieche“ ist ein älteres Gebäude, am Waldrande gelegen, nur wenige hundert Meter ron der Abbdeckerei entfernt, in welchem bisher alte gebrechliche Personen Unterkunft fanden. Nun brachten die hiesigen Zeitungen in derselben Nummer, in welcher sie über die Festlichteiten am Kaisers Geburts⸗ tage berichteten, die Ankündigung einer Wohltätigkeits⸗ Vorstellung zum Besten des Heims für unbemittelte Krebskranke, veranstaltet von Damen und Herren der Gesellschaft. Für patriotische Veranstaltungen ist Geld denügend vorhanden, gemeinnützige Unternehmen sind trotz ihrer Unzulänglichkeit noch auf den besseren Bettel angewiesen! O Arbeitslosigkeit ist eine der unangenehmen Begleiterscheinungen des Winters für einen sehr großen Teil der Arbeiterschaft. Während die besser gekleidete Gesellschaft von Vergnügen zu Vergnügen hüpft, Theater, Konzerte, Bälle u. dgl. besucht, ist der Arbeiter vielfach gezwungen, sich die größten Entbehrungen aufzuerlegen, um über die Not des Winters hinwegzukommen. Die Arbeit im Baugewerbe und bei den Erdarbeitern ruht gänzlich, aber auch andere Betriebe leiden unter Mangel an Beschäfligung. In der Metallwarenfabrik von Gebr. Seidel wurde vorige Woche den Arbeitern anheimgestellt, entweder in Entlassungen zu willigen, oder die Arbeits- zeit täglich 2 Stunden zu verkürzen. Die Arbeiter wählten das letztere und haben dadurch e nen entsprechend geringeren Verdienst. Auch andere Werkstellen haben den Betrieb eingeschränkt. Die Holzarbeiter haben eine Anzahl Arbeitslose, von denen einige in Bezug von Arbeitslosen⸗Unterstützung sind und dadurch den Wert derselben richtig kennen lernen. Kann die Arbeitslosen⸗ Unterstützung auch die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen, so hilft sie doch über die größte Härte hinweg und sollte deshalb der Wert derselben wie auch der Gewerkschaften überhaupt in immer größere Kreise der Arbeiterschaft eindringen. Der Acht⸗-Uhr⸗Ladenschluß macht in Marburg erfreuliche Fortschritte. Bei einem Gang durch die Hauptgeschäftsstraßen, nach 8 Uhr, findet man nur noch wenige Geschäfte geöffnet. r. Das Gewerkschaftsfest am Sonntag er⸗ freute sich eines so starken Besuches, daß sämtliche Räume des Café Quentin überfüllt waren und viele Besucher keinen Platz finden konnten. Das Fest nahm den besten Verlauf. Die einzelnen Programmnumm ern fanden beifällige Aufnahme. Mit gespannter Aufmerk⸗ samkeit lauschten die Festtellnehmer besonders der Fest⸗ rede des Gen. Dr. Quarck, der darin auch auf den Russenkurs und den Streik der Bergleute zu sprechen kam. Die Rede fand begeisterten Beifall. Eine für die Streikenden veranstaltete Sammlung lieferte einen recht ansehnlichen Ertrag. Erst spät trennte man sich in dem Bewußtsein, ein echtes und wirkliches Arbelter⸗ fest gefeiert zu haben. Berg arbeiter⸗Tod. Ein schreckliches Grubenunglück er⸗ eignete sich am Donnerstag in dem Kohlen- werk zu Trifail(Steiermark). Durch Stick⸗ luft wurden dort vierzig Arbeiter getötet. Ein Zwischenruf 2 Wochen Gefängnis. Ein Nachspiel zur 200jährigen Jubelfeier des Bestehens der Werderschen Schützengilde fand vor dem Schöffengericht in Werder a. H. statt. Am Jubtläumstage, am 31. Juli v. J., hielt auf dem Marktplatz beim Kriegerdenkmal in Werder der Landrat des Kreises Zauch-Belzig, v. Tschirschky, die Festrede, wobei er von der Treue zu Kaiser und Reich sprach. Plötzlich ertönte aus der Menge der Ruf:„Mensch, das glaubst Du doch selber nicht!“ Der Landrat stutzte, setzte dann aber seine Rede mit der Be⸗ merkung:„Der Zwischruf soll uns nicht stören“ fort. Der Rufer wurde inzwischen als der Konditor Otto Rodenbeck aus Berlin festgestellt. Wegen öffentlicher Beleidigung des Landrates wurde ihm der Prozeß gemacht. Das Schöffen gericht verurteilte ihn zu zwei Wochen Gefängnis. Ein offenherziger Arbeiterverächter. „Es ift keine große Annehmlichkeit, wenn man fast nur Arbettern auf den Straßen be⸗ gegnet.“ Also sprach ein Justtzrat namens Röder in der Stadtverordnetenversammlung zu Zülltchau, als es sich um die Bewilligung einer Summe handelte, welche dazu verwandt werden sollte, um Industrielle zur Aulage von Fabriken in Züllichau zu animieren. Der Herr Bürger⸗ meister entgegnete auf diese skandalöse Herab⸗ würdigung des weitaus größten Teiles des berufstätigen Deutschland nur mit der schüch⸗ ternen Einwendung:„Der Arbeiter ist doch auch ein Mensch!“ Wenn es aber gilt, die Arbeiter als Stimmvieh einzufangen, dann steigen Leute wie Röder nicht nur von ihrem Kothurne herab, sondern schmeißen sich dem „Bruder Arbeiter“ förmlich an den Hals. Und leider fallen noch viele Arbeiter darauf herein und wählen dann wie die Kälber. Der saararabische Prozeß. Das Reichsgericht hob das Urteil der Straf- kammer in Saarbrücken im Prozeß Hilger⸗ Krämer(betreffend oie Wahlvorgänge im Saarrevier) auf und verwies die Sache an das Trierer Landgericht.— Aus Petersburg wird gemeldet, daß Maxim Gorki wieder in Freiheit gesetzt wurde. Partei-Uachrichten. Ein Parteisekretär soll für Hessen⸗Nassau angestellt werden, und die Frankfurter Agitatlonskommls⸗ ston hat die Stelle bereits ausgeschrieben. Für diesen Bezirk ist ein solcher sehr notwendig. Versammlungskalender. Samstag, den 4. Februar, Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeit er. Abends 6 ñ Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 5. Februar. Gießen. Gesangverein„Eintracht“. Abends 8 Uhr Generalversammlung bei Orbig. Gießen. Freie Turnerschaft. Nachmittags 3½ Uhr Monats⸗Versammlung bel Mitglied Orbig. Erscheinen aller Mitglieder dringend notwendig. Niedershausen bei Weilburg. Wahlvereln. Nach⸗ mittags 4 Uhr Zusammenkunft der Mitglieder bei Gastwirt Bender. Dienstag, den 7. Februar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Mehrere Einsendungen mußten wir zurück⸗ stellen und bitten die Betroffenen, dies zu entschuldige n. r.⸗Stbg. Wenn im lokalen Teil auf eine Versamm⸗ lung hingewiesen ist, erübrigt sich dies im Versammlungs⸗ kalender. Seite 6. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 6. Der fromme Helfer. Eine medizinische Treibjagd, peranstaltet von einem Arzte. Schluß. Wir wollen nun ganz davon absehen, daß wir von Herrn Semmel nichts über die Größe des zu bohrenden Loches erfahren haben; es hält einigermaßen schwer, zu glauben, daß eine solche Arbeit so schnell verrichtet werden konn, daß nicht nur„der kranke Arm“, sondern auch „die Seite“(offenbar die kranke Seite, und zwar die ganze) in den Boden gesteckt werden kann; dann hätten wir also schon mehr eine regelrechte Grube. Angesichts des offenbaren, sich hieraus er⸗ gebenden Unsinns sollte man eigentlich nicht erst in eine Beurteilung der Semmel'schen „Entdeckung“ eintreten, wenn nicht, wie die tägliche Erfahrung tausendfach beweist, viele Menschen überall an noch viel düm mere Dinge glaubten und— zu ihrem und vor allem ihrer Kranken Unglück darnach handelten! Daher mag Folgendes genügen: Angenommen, der Betreffende wäre wirklich an„Blutvergiftung“ erkrankt, so wäre z. B. der Arm stark entzündlich geschwollen, d. h. mehr oder weniger hochrot, verdickt und sehr schmerzhaft; an irgend einer Stelle findet sich eine kleine Wunde, die, zuerst kaum beachtet, als sichere Eingangspforte den Bakterien diente; diese erregten jene Entzündung. Es besteht ferner Appetitlosigkeit, Fieber, allgemeine Schwäche usw. Die Wirkung an dem in den Boden gesteckten kranken Arm wird uns sofort klar, wenn wir einen gesunden Arm längere Zeit ruhig herabhängen lassen: die Blutadern werden bald stark anschwellen, der Arm, nament⸗ lich die Fingerspitzen, werden sich kalt anfühlen, alles deshalb, weil das Blut, welches zum Herzen fließen soll, sich staut(etwa gleich der Schleusenwirkung). Ein entzündlich ge⸗ schwollener Arm, in welchem der Blut- umlauf durch die Schwellung schon von vorn⸗ herein erheblich geschädigt ist, muß durch das Hängenlassen oder„In ⸗den⸗ Boden: stecken“ noch viel mehr leiden; die Durchströmung eines solchen Armes mittelst frischen Blutes, also seine Ernährung, vermindert sich immer mehr; die Entzündung geht in Eiterung über, und der Kranke stirbt schließlich an einer wirk⸗ lichen Blutvergiftung— wenn er nicht vorher infolge der gräßlichen Schmerzen Herrn Semmel ausgerückt ist und ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hat. Außerdem aber enthält der Boden zahllose Bazillen(kleinste Lebewesen, welche schlimme Infektionskrankheiten, wie Typhus, Tuberkulose, Ketten⸗ und Kugelbazillen, vor allem Wund⸗ starrkrampf erzeugen); diese lassen sich, trotz Herrn Semmel, die Gelegenheit nicht entgehen, ihren Spezialbetrieb schnellstens zu eröffnen, d. h. sie erzeugen eine jener Krankheiten, unter denen der Wundstarrkrampf die gegenwärtig furchtbarste ist: ein sicheres Mittel gegen diese Krankheit gibt es noch nicht; die Mehrzahl dieser Patienten geht in wenigen Tagen elend zu Grunde. So würde, nach Herrn Semmels „Auffassung“, die„heilbringende“ Wirkung des schnell gegrabenen Lehmloches aussehen. Indes, der fromme Mann hat ein zu gutes Herz, als das er, wie wir schon wissen, nicht auch den allbekannten Rheumatismus mit Lehm kurieren möchte. Vermutlich verdankt der Gute sein neues„Mittel“ höchstwahrschein⸗ lich allein dem Umstand, daß seine Füße, wie schon vor ihm diejenigen vieler Menschenkinder, irgend einmal bei Regenwetter in einer Lehm⸗ schicht einsanken. Und da dieses Erdmaterial hierbei einen recht dicken Brei gibt, so dachte unser frommer Helfer, es einmal in diesem Zustande, so wie die Natur ihn gelegentlich darbietet, bei rheumatischen Personen anzu⸗ wenden. In der Tat will unser neuer Gesundheits⸗ apostel feuchten Lehm anwenden; aber— o Graus!— seine Kranken würden ihm keinen Dank wissen ob der fürchterlichen Kälte seines neuen„Mittels“, denn bei wirklichem Rheuma⸗ tismus sind Umschläge, Bäder und ähnliche Prozeduren bekanutlich nur in warmem Zustande nützlich. Ich will also das Gedanken⸗ labyrinth unseres„Frommen“ schnell verlassen und also annehmen, es handele sich um das Auflegen oder Umlegen feuchtwarmen Lehmes. Genaue Versuche, die ich darüber anstellte, ergaben: Lehm mischt sich mit warmem Wasser nur langsam bei stetem Um⸗ rühren und gibt dann einen dicken Brei, der sich aber sehr schnell des ihm aufgezwungenen Wassers entledigt und sich, soeben auf 85, Celstus erwärmt, in wenigen Sekunden bis gegen 60 Celstus abkühlt, auch wenn man ihn so schnell wie möglich in dicke Tücher hüllt. Wenn er wie bei allen warmen Umschlägen, mit dicken wollenen Tüchern(ich nahm sehr dicke Watte⸗ lagen) umgeben wird, dann sinkt die Temperatur z. B. von 69 Celsius nach 5 Minuten auf 620 Celsius, nach weiteren 5 Minuten beträgt sie 57 und fühlt sich eben noch warm an, ist aber schon halbfest; nach 17 Minuten, also 2 Minuten nach einer Viertelstunde, ist er deut⸗ lich lauwarm(52 Celsius!); in einem anderen Versuche fand ich fast genau dieselbe schnelle Erniedrigung der Wärme von 60 C. auf 540, 480, 435, 400; letztere Zahl nach 19 Minuten. Man müßte also mindestens alle 10 Minuten den sehr unbequemen Lehmbrei er⸗ neuern, d. h. mit heißem Wasser übergießen, eine sehr unsaubere und höchst umständliche Arbeit. Bestimmte Blechdosen, mit warmem Wasser(40 vis 60 C.) gefüllt, sog. Termophore, leisten weit mehr, denn sie bleiben mindestens 2, ja 3 und mehr Stunden sehr warm, auch trockener heißer Sand, der mindestens 3 Stunden seine starken Hitzegrade beibehält. Schon die bekannten Lein⸗ samen⸗ und Kartoffelbreiumschläge spenden min⸗ destens doppelt so lange Wärme, als Semmel⸗ scher Lehm; Termophore und heißer Sand halten die Hitze sogar 12, ja 24 mal läuger zurück als Lehm. Außerdem finden sich viel Steine und große Mengen von Stroh und Schmutz in diesem Erdmaterial; und endlich ist Lehm bekanntlich nicht überall zu haben. g Herr Semmel verkündet aber noch weitere Heilmittel; er behauptet, daß„die gichtischen und rheumatischen Schmerzen verschwinden werden“, wenn man„sich im Sommer mit entblößtem Körper auf die blanke Erde legt und sich von der Sonne bescheinen läßt“. Gewiß, sehr dankenswert; aber dieses„Sonnen- bad“ ist schon lange vor Herrn Semmel's Ankündigung bekannt gewesen, wenn auch nicht Jeder den Mund so voll nimmt, wie unser frommer Helfer, der unter Anderem auch mit der Sonne die gichtischen und rheumatischen Qualen des Menschen sicher(?) zu beseitigen behauptet. Herr Semmel verspricht aber noch viel mehr. Man lese und staune:„Auch die Nierenkrank⸗ heiten und die damit im Zusammenhang stehen⸗ den Leber⸗ und Gallensteinleiden können durch Auflegen von feuchtem Lehm günstig beeinflußt werden.“ Dagegen ist einfach vom sachver⸗ ständigen, hier also vom ärztlichen Stand⸗ punkt aus zu sagen, daß es zahlreiche Nieren⸗ kranke gibt, die nie an einer Leber⸗ oder Gallen⸗ steinkrankheit gelitten haben, und umgekehrt. Und was wir vom„feuchten Lehm“ zu halten haben, wissen wir ja bereits. Am Schlusse des inhaltsleeren Berichtes heißt es im Wetzlarer Anzeiger:„Diese Krank⸗ heiten(nämlich die Nieren-, Leber⸗ und Gallen⸗ steinkrankheiten) kämen übrigens daher, wenn dem Körper zu viel Flüssigkeit zugeführt werde.“ Auch hier ist Herrn Semmel das Mißgeschick passiert, einen platten Unsinn vom Stapel zu lassen. Allerdings leiden zahlreiche Alkoholiker, die Herr S. vielleicht meint, an Leber⸗, Nieren⸗ und noch vielen anderen Krankheiten, weil sie große Mengen Alkohol zu sich nehmen und der chronische Magenkatarrh ist zugleich eine Folge der großen Wassermengen, die gleichzeitig dem Magen einverleibt werden. Dagegen haben wir Aerzte noch niemals gewußt, daß große Flüssig⸗ keitsmengen auch Gallensteinleiden hervorrufen können. Erst die leichtbeschwingte Phantasie des Herrn Semmel hat jene„Enkdeckung“ her⸗ vorgebracht. Herr S. ist aber anscheinend so sehr lehmbegeistert, daß er an andere Ursachen jeuer Uebel gar nicht denkt! Außerdem kennen 5 wir keineswegs in jedem Falle die Ursache jener Krankheiten. Wir sind am Schlusse angelangt. Unsere Jagdbeute ist groß, aber nicht er⸗ freulich 3 denn es ist betrübend, daß ein Amts⸗ blatt sich im 20. Jahrhundert zur Aus- breitung eines offenbaren Schwindels überhaupt hergibt. Und damit der helle Unsinn auch noch eine höhere Weihe erhielte, entblödete sich unser frommer Helfer nicht, die Versammlung mit Gebet() zu schließen.(im Bericht steht: „Darauf wurde mit Gebet die Versammlung geschlossen“); vorher aber erdreistete er sich noch, „die Anwesenden zu dem Besuch der Vorträge aufzufordern.“ Wir haben also noch eine reiche Ausbeute an Unsinn und Gewissenlosigkeit zu erwarten. Vielleicht aber kommen wir den Beweggründen, die Herrn Semmel zu seinem blöden Auftreten veranlassen, ein Stück näher, wenn wir an⸗ nehmen, daß Herr S.— nur 3 Stunden zu schlafen pflegt, wie er dies ja bekanntlich auch von Anderen fordert. Allen aber, Kranken wie Gesunden, gebe ich den dringenden Rat, in Krankheitsfällen nur sachgemäße, d. h. ärztliche Hilfe zu suchen und allen Lockungen irgend welcher „Prediger“ zur Wiederherstellung der Gesund⸗ heit kein Gehör zu schenken, zum eigenen Wohle wie zu dem der Mitmenschen. Uah und Fern. Versammlungs, freiheit“ im Goetheländchen. Die Erfurter Tribüne publiziert ein neues Versammlungsverbot. Es ist ein ortho⸗ graphisches und stilistisches Kuriosum, das buchstäblich und wörtlich wie folgt lautet: Die auf heute anberaumte Oeffentliche Volksver⸗ sammlung wird, wie hiermit geschied, untersagt, da deren abhaltung und die Behandlung durch Sozialsche Agitator des Themas, gerade an den heutigen Tage an welchen Kirchlich der so früh heimgegangenen Landesherrin ge⸗ dacht wird, den Gefühlen der Ortsbevölkerung geradezu ins Gesicht schlagen, und daher hiermit eine dringende Gefahr für die öffentliche Ruh, und Ordnung in sich schließen würde. Neunhofen den 22. 1. 05. Der Gemeindevorst. Werther. Angemeldet war ein Vortrag des Tischler⸗ meisters Hohl in Neustadt a. O. über das Thema: Welches Recht hat der Ar⸗ beiter in Staat und Gemeinde, das, wie man sieht, im Goetheländchen wirklich rech zeitgemäß ist. Krieger vereinliches. In Ottendorf⸗Okrilla(Sachsen) sind die Konsumvereiustöter ganz närrisch geworden. So erhielt dieser Tage ein Mitglied des Krieger vereins die Aufforderung, aus dem Militär verein auszutreten, weil sein Sohn— Mitglied des Konsumvereins ist. Man muß dabei bedenken, daß der Sohn gar nicht bei seinem Vater wohnt, sondern einen vollständig selbständigen Haushalt führt. Der mit dem Schreiben beglückte„Kamerad“ hat es natürlich abgelehnt, seinem Sohne Vorschriften zu machen und lieber seinen Austritt erllärt. So kommt die ganze Treiberei nur dem Konsumverein zu gute. Elend in Warschau. In den ersten drei Wochen dieses Monats mußte der Rettungswagen in Warschau in 22 Fällen requiriert werden, wo Personen in⸗ folge Hungers auf offener Straße entkräftet hingestürzt waren. Eiver jeden dieser Personen wurde nicht nur entsprechend ärztliche Hilfe er⸗ teilt, sondern es wurden denselben vom Arzte des Rettungswagens auch zehn Bons zum Er⸗ halt von unentgeltlichen Mittagessen und ebenso viel Billets zum unentgeltlichen Nachtlager in dem Nachtasyl verabreicht. Was soll aber dann weiter mit den Unglücklichen werden?— Dieses schauderhafte Elend zu einer Zeit, wo viele hundert Millionen für den nutzlosen Krieg verpulvert werden! Ar 0 1 U 1 0 0 1 N 1 1 9 90 U g 1 0 9 0 1 N 1 f 0 f 0 g M 1 ö 0 l 1 l 1 b r 1 f 1 1 a 1 1 0 ö 4 ö 1 6 . 1 ö 1 * . n 5 N e 111 1 n . ü . 1 r 1 4 0 9 Nr er le 5 . a5 el⸗ ten tor hen ge⸗ zu ide 0 er⸗ has 905 55 acht die el. des em fuß bei dig del lich Hen mt feln * 0 1 Nr. 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeuung. Seite 7. Eine russische Freiheitskümpferin. Ungewöhnliches Interesse, so lesen wir in der„Leipz. Volksztg.“, erweckt augenblicklich in Amerika eine russische Frau, Katharina Bresh⸗ kowskaja, die die Hauptstädte der Vereinigten Staaten bereist, überall politische Versamm⸗ lungen abhält und durch ihre feurige Beredsam⸗ keit das tiefste Interesse für den geistigen Be⸗ freiungskampf der russtschen Nation wachruft. Wo sie auch sprach, in Newyork, in Boston, in Chilago, überall wandten sich ihr, wie Womans Journal berichtet, die Sympathien der besten Männer und Frauen zu, bildeten sich Zweig⸗ vereine der Liga der„Freunde der russischen Freiheit“ und flossen ihrem Hilfsfonds reiche Geldspenden zu. Katharina Breshkowskaja ist eine der vielen Märtyrerinnen, die die Liebe zu ihrem Volke mit unaussprechlichen Leiden bezahlen mußte. Aus vornehmer Familie und voll hoher Bildung, widmete sie ihr Leben dem Unterricht und der Aufklärung der Bauern. Für dies„Verbrechen“ wurde sie nach Sibirien verschickt und mußte dort viele Jahre im Kerker verbringen. Ihre Verbannung währte 25 Jahre. Vor 8 Jahren kehrte sie nach Rußland zurück und begann sofort ihre Arbeit von neuem. Sieben Jahre lang durchreiste sie Rußland kreuz und quer, überall lehrend und organisierend. Der Haß der Autokratie gegen sie war noch nicht erschöpft, man verfolgte sie von neuem. Aber obgleich die Regierung fast eine Million für ihre Ergreifung ausgab, gelang es ihr doch stets, zu entkommen, da ste so beliebt bei den Bauern ist, daß, obgleich Tausende sie kennen, niemand sie verrät. Im letzten Jahre bereiste die Breshkowskaja das Ausland, um dort Sympathien für die russischen Freiheitsbestreb⸗ ungen zu erwecken. In Kürze hofft sie, nach Rußland zurückzukehren. Auf die jetzt so viel umstrittene Frage, ob das russische Volk für die politische Freiheit reif sei, antwortet sie mit folgendem Beispiel: „Es gibt in Rußland zwei Provinzen, Viatka und Perm, in denen gar keine Edelleute wohnen, und in denen Bauern ihre N heiten selbst verwalten. Diese beiden„Bauern⸗ provinzen“ haben die besten Wege, die besten Schulen, die bestbezahlten Lehrer und die größte Anzahl Bibliotheken und technischer Schulen von allen russischen Landesteilen. Jede Stadt in Viatka enthält eine höhere Mädchenschule, und sie würde ebenfalls ein Knabengymnasium haben, wenn die Regierung es erlaubte. Aber diese gestattet nur ganz wenige höhere Knaben⸗ schulen. Die Bauerntöchter, die das Gymnasium mit Auszeichnung durchmachen, und die die Abgangs⸗ prüfungen bestehen, werden Lehrerinnen, Kranken⸗ pflegerinnen, Wundärztinnen usw. Aber nach⸗ dem alle verfügbaren Plätze in den höheren Berufen besetzt sind, bleibt noch eine große Anzahl gebildeter Mädchen übrig. Diese heiraten ungebildete Landwirte.„Aber“, sagt Katharina Breshkowskaja,„das Bemerkenswerte ist, daß solch gebildete Frau in ihrem Hauswesen stets peinliche Ordnung und Sauberkeit hält und ihre Kinder, Söhne wie Töchter, gut erzieht.“ „Diese Bauern,“ fährt sie fort,„erledigen ihre Gemeindeangelegenheit mit sehr viel gesundem Verstand und Besonnenheit, in starkem Gegen⸗ satz zu der stumpfsinnigen, verschwenderischen und korrumpierten Art, in der die Regierung die Gelder ausgibt and alle Geschäfte von der verkehrten Seite angreift.“ An das Beer der Arbeit! Sünde doch an allen Scken An dein rotes, heilges Feuer,— Daß die Lohe schlag' zum Himmel, Daß zerfall' das morsch' Gemäuer! Casse deine roten Fluten Ueber alle Cänder gehen,— Schwemm' der Feinde Burgen weg, Laß' sie stürzen, untergehen! Casse wilde Steppenstürme Alle dunklen Wolken teilen, Dulde keine Hindernissel! f Eil' den Pfad des Sieges! 3 13 Der Gottlole. Eine Dingskircher, Geschichte von K. H. Diefenbach. Fortsetzung. Stand sie darauf im Privatzimmer des Gutsbesitzers und brachte ängstlich ihre Bitte vor. Der Herr setzte seinen Kneifer auf und betrachtete sich lächelnd das in abgetragenem aber sauberen Kleide vor ihm stehende Weib, das auch in seiner Armut die Anmut des Weibes sich bewahrt hatte. Er lud Luise ein, näher zu treten. Luise tat es— rasch aber sprang sie zurück, denn der Herr wollte seinen Arm um sie legen und lächelte sie so eigentümlich an, daß sie in⸗ stinktiv fühlte, das Lächeln gelte dem Weibe und nicht der Bittstellerin.— Ihre Bitte wurde ihr darauf rundweg ab⸗ geschlagen; ja noch mehr: Eine Unzufriedene könne er nicht brauchen, sagte der Herr, und sie könne morgen daheim bleiben. ie Unzu⸗ friedenheit der Arbeiter sei eine Pest, die man im Keime ersticken müsse, wenn ste nicht folgen⸗ schweren Umfang annchmen solle. Dies war am Freitag und am Sonntag saß der Gutsbesitzer auf der Herrenbank in der Kirche, spielte mit der goldenen Uhrkette nnd sang aus voller Lunge:„Liebe, dir ergeb' ich mich“. In ihrem Stübchen aber saß um die⸗ selbe Zeit ein armes Weib, reichte ihrem Kindlein die leere Brust und weinte bitterlich. Da ging der Flickschuster einen Bündel auszubessernder Schuhe unter dem Arme tragend, an dem Häuschen Luisens vorbei. Er hörte das jäm⸗ merliche Schreien des Kindes und dachte:„Ich muß doch einmal gucken, was die arme Frau eigentlich macht.“ Er trat über die Schwelle, und die Armut, die er da sah, zerriß dem Armen das Herz. „In meinem Hause ist ein Stübchen frei“, sagte er,„und wenn du willst, so will ich dir einen Vorschlag machen. Du packst gleich jetzt deine steben Sachen zusammen und ziehst zu mir. Das Kleine wird meine Ammie versorgen, und es kostet dich nichts. Du bist frei und kannst, ohne dich um das Würmchen zu ängstigen, ein paar Mark in der Woche verdienen.' ist wahr, mein Haus wimmelt von Kindern; jedoch, wo das siebente ist, wird auch das achte nicht verhungern. Du verkaufst dein Haus, das du ja doch auf die Dauer nicht wirst halten können, bezahlst deine Schulden, und was du übrig be⸗ hältst, legst du deiner Kleinen auf Zinsen an. Mich dünkt, so wäre dir zu helfen. Willst du dich dabei meiner Trabanten ein bißchen an⸗ nehmen, so soll ihnen das auch nichts schaden.“ Wie der Flickschuster sagte, so geschah es, und es war gut so. Der Schuster aber ging nicht in die Kirche.— 21 50 den Mann eines Tages der Pfarrer rufen. Er steckte sein Maß in die Tasche und machte stich auf die Sohlen.„Schuster“, sagte der Pfarrer,„ich muß einmal ein ernstes Wort mit euch reden. Schon das stebente Jahr ist es, seit ich in dieser Gemeinde- meines Amtes walte, und ich habe euch noch nicht einmal in der Kirche gesehen. Hätte ich nicht vor sechs Jahren Euer Jüngstes getauft und Eure Frau darnach christlich beerdigt, ich dächte wahrhaftig ihr wäret ein Heide.“ Der Schuster war kein Redner. Er sagte: „Fünfzehn Jahre find's her, Herr Pfarrer, seit ich mein Handwerk treibe. Damals, als ich angefangen, dachte ich: Sechs Tage will ich arbeiten und den siebenten Tag der Ruhe pflegen. Doch das läßt sich nicht so machen. Für's erste kann ich in sechs Tagen nicht so viel verdienen, daß ich davon sieben Tage mit den Meinen zu leben hätte, und für's zweite gibt's in Dingskirchen der Leute genug, die am Montag barfuß laufen müßten, wollte sich der Schuster Sonntags in die Kirche setzen.“ „Hm, hm,“ meinte der Pfarrer.„Es mag sein, wie Ihr sagt, aber nichts destoweniger ist Eure Rede keine Entschuldigung. Wenn's das Seelenheil gilt, muß der Mensch immer Zeit haben. Doch habe ich Euch noch'was zu sagen Ihr gebt den Dingskirchern ein schlechtes Beispiel. Es erregt Anstoß, daß Ihr mit der Maurers⸗ witwe zusammenwohnt. Man munkelt so aller⸗ lei— es ist vielleicht nicht so schlimm wie die Leute sagen, aber immerhin— man soll kein Aergernis geben. Ihr versteht mich wohl?“ „Und ob“, sagte der Schuster.„Ich habe getan, was ein Christ tun soll. Ich habe mich mich einer Verlassenen angenommen. Deshalb bin ich in den Augen der Christen ein Uebel⸗ täter. Gut, was liegt mir dran. Ich bin aber ein so verstockter Christ, daß ich nicht ge⸗ willt bin, dem Gerede der Leute wegen das Weib auf die Straße zu setzen. Wir wohnen zusammen wie Bruder und Schwester, und das übrige ist mir gleichgiltig.“—— Bald darauf wurde der Schuster zum Bürgermeister beordert. „Ich habe vernommen, die Maurerswitwe will ihre Hütte verkaufen“, redete er ihn an. „Wollt ihr das Weib heiraten?“ „Fällt mir nicht ein, ich will ihr nurzdas Fortkommen ein bißchen erleichtern. Allein bringt sich die Frau nimmer durch.“ Der Bürgermeister sah den Mann zwei⸗ felnd an. „So, so. Wenn man's nur glauben könnte! Aber man glaubt's nicht. Und daß ich's Euch sage, eine Haushälterin zu halten, das gestatten Euch Eure Verhältnisse nicht— folglich wird das Weib wohl etwas mehr sein, als Eure Haushälterin.“— N „Was soll sie denn sonst noch sein?“— Der Bürgermeister zögerte mit der Antwont. Endlich sagte er:„Eure Konkubine“.— „So, das wollt' ich nur wissen. Das Wort soll Euch teuer zu stehen kommen, Herr Bürger⸗ meister.“— Der Schuster klagte gegen das Ortsoberhaupt wegen Beleidigung. Die Sache kam vor das Gericht. Ob er seine Behauptung beweiskräftig machen könne, fragten die Richter den Bürgermeister. „Nichts leichter als das“, behauptete dieser und ließ halb Dingskirchen vor den Richterstuhl kommen. Die Zeugen waren noch nicht zur Hälfte vernommen, da sagten die Richter, es genüge, was man vernommen habe, um auf Grund dessen ein gerechtes Urteil fällen zu können. Das Urteil lautet auf Freisprechung des Beklagten, die Kosten der Geschichte mußte der Schuster tragen. Die Zeugen hatten alle Anstoß an dem Zu⸗ sammenleben Luisens und des Schusters ge— nommen. Nur einer, der Baldusphilipp, hatte gemeint, er sei immer der Meinung gewesen, der Schuster habe ein gutes Werk getan, das er sich der von Gott und den Menschen ver— lassenen Frau angenommen habe. Er verkehre öfter bei dem Manne, aber nie habe er etwas Unrechtes in dem Verkehr der beiden Leute be⸗ merkt; sie seien zu einander wie Bruder und Schwester. Nach dieser Aussage war der Pfarrer auf⸗ gerufen worden, und man hatte ihn gefragt, ob er etwas Näheres über den Leumund des Zeugen melden könne. Eine übelberüchtigte Persönlichkeit, erklärte der Pfarrer, sei der Baldusphilipp. In der Kirche sei er gar nicht zu sehen, auch habe der Zeuge einmal wegen Jagdfrevels im Gefängnis gesessen.(Schluß folgt.) Humoristisches Aus dem„Simplieissimus“ Das siebenjährige Fritzchen kommt eiligst zu Mama gelaufen und ruft:„Mama, Mama komm mal schnell, beim Fräulein ist ein fremder Mann im Zimmer und küßt sie!“ Entrüstet eilt Mama, Fritzchen immer voran, zu Fräuleins Zimmer. Da, an der Türe angekommen, klatscht Fritzchen vergnügt in die Hände und ruft jubelnd aus:„April, April, April! Es ist ja gar kein fremder Mann, es ist ja der Papa!“ * Der kommandierende General, Mitglied des Königs⸗ hauses, inspiziert den Schießstand und schaut einem Einjährigen, der sehr gut schießt, längere Zeit zu. Sichtlich befriedigt über die hervorragenden Schießresul⸗ tate, wendet er sich an den Hauptmann mit der Frage, wie der Einjährige heiße.„Veilchenstock, Herr General!“ meldet der Hauptmann.„Veilchenstock, Veilchenstock, hm, hm, macht nichts, schießt doch gut.“ 1 Mitteldeutsche Sonntaas⸗ Zeitung. No. 6. Der Bergarbeiterkampf. Eine Veränderung der Lage ist in der letzten Woche nicht eingetreten. Die Zahl der Strei⸗ kenden befindet sich fast auf gleicher Höhe als bei Beginn der Bewegung und beträgt ca. 195000. Die Einigkeit und der Zusammenhalt der verschiedenen Organisationen haben noch keine Störung erlitten; im Gegenteil hat sich das Verhältuis zwischen dem christlichen Ge⸗ werkvereine und dem alten Verbande noch weiter gebessert. Zwischen beiden kam eine Einigung dahin zustande, daß beide Verbände fernerhin in den die Bergleute betreffenden An⸗ gelegenheiten nicht mehr wie bisher getrennt, sondern vereint vorgehen wollen. So nützt der Streik wenigstens nach dieser Seite hin! Seit dem Streik haben die Organisationen ganz gewaltig an Mitgliedern zugenommen. Der alte Verband um 36000, die drei andern Gewerkvereiue um zusammen ca. 30000. Der Geist der Bergleute und auch in der übrigen 111 Bevölkerung muß übrigens ein ganz ausge⸗ zeichneter genannt werden. So tagte am Dienstag in Dortmund eine außerordentlich stark besuchte Frauenversammlung. Lange vor Beginn der Versammlung mußte das Lokal wegen Uleberfüllung abgesperrt werden. Die Versammlun! nahm eine Sympathle⸗Erklärung an, in welcher die Männer aufgefordert werden, im Kampfe weiterhin unerschütterlich auszuhalten. 5 Kohlenmangel macht sich immer mehr 1 fühlbar, viele Eisen⸗ und andere Werke mußten 5 den Betrieb einschränken oder ganz einstellen. Da. Kohlen⸗Syndikat arbeitet darauf hin, daß man dadurch erreichen, datz die großen Eisen⸗ werke den Betrieb ganz einstellen müssen. Man erwartet dadurch eine Steigerung der Unzu⸗ friedenheit und hofft, damit den Streikenden die Sympathien zu entziehen, die sie überall genießen. Daraus geht wieder einmal klar hervor, daß die Grubenbarone nur in ihrem eigenen Interesse handeln und den Teufel nach dem Gemeinwohl fragen. Auf Zeche„Krone“ ist die sechste Sohle ersoffen. Die Aufräumungsarbeiten dürften viel Zeit und schwere Opfer erfordern. Auf Zeche„Bruchstraße“ erfolgte eine Einigung dahin, daß die Seilfahrt wie früher bleiben und nicht verlängert werden soll. Die Beseiti⸗ gung der Mißstände wurde zugesichert. Ueber die Festlegung eines Minimallohnes wurde noch kein Einigung erzielt. Arbeiter, Parteifreunde! Gedenkt der kämpfenden Bergarbeiter im Ruhrrevier! Gelder für die Bergarbeiter nehmen zur Weiterbeförderung entgegen: In Gießen: Redaktion sowie Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung; in Wetzlar: A. Fauth, Lahnpförtchen; in Marburg: R. Rösler, Aulgasse 4; in Friedberg: H. Busold; in Alsfeld: Jak. Eder, Roßmarkt. Außerdem können Gelder direkt gesandt Für die streikenden Bergarbeiter gingen folgende Beträge ein:. Bei der Redaktion der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung: von A. L. auf Liste Mk. 10.—; durch K. B⸗Dillen⸗ burg 3,—; H. Tr.⸗Merlau 5,—; V. 1,—; Stck. 0,50. Bei der Expedition der Mitteld. Sonntags, Zeitung: W. S. Mk. 2,.—; J. A. 2,—; Burschen⸗Abstand B. 2,—; Unbekannt Langsdorf 3,30; H. H.—,50; Wahl⸗ verein Lauter bach 25,.—; Genossen von Neustadt(Oden⸗ wald) 9,25; Reiskirchen, gesammelt auf Listen 15,10. Bei dem Gewerkschaftskartell: Liste 11 Mk. 5,25; L, 3 16,60; Maurer⸗Verband 10,.—; A. D. 10,.—; Liste(Aktienbrauerei) 6,70; Zigarrenfabrik Bock, L. 16 18,60. Wieseck, 1. Rate auf Liste 15 5,25; L. 17 24,30; L. 18 7,15; L. 10 3,30; L. 22 9,45. Alten⸗ Bu seck, 1. Rate 20.— Steinberg, durch K. H., Liste 20 3,90; L. 21 8,30. Lich, Liste 53 13,90; L. 36 5,—. Insgesamt bisher quittiert: 1008,75 Mk. Abgesandt nach Bochum: 700 Mk., a. d. Parteivorst. 208 M. Bei A. Fauth, Wetzlar: Liste 0756 Mk. 8,10(H.); L. 0757 14,80(R.); L. 0761 8,10(L. u. H.); L. 0762 37,20(organ. Handschuhmacher, bereits Mk. 10 abgeschickt); L. 0763 13,55(CE); L. 0772 20,60(Sch.); L. 0773 13,20(Ph. H., Kinzenbach); L. 0776 8,95 (P.); L. 0774 14.40(W.);[L. 0766 10.52, L. 0767 11,90, Nachtrag hierzu 13,10(Krofdorf, durch St., darunter Mk. 25 von Frauen und Mädchen)! 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