L — — D 222 Nr. 36. 2 Gießen, den 3. September 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Ags⸗Zeitung. MNedaktionsschlaß Doenuerztag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½%%è und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die Teuerungsperiode. In massenhaften flammenden Protesten er⸗ heben sich die deutschen Arbeiter gegen die von den Agrariern über das Reich gebrachte Fleisch⸗ teuerung. Es ist ein wahrer Kulturkampf, der hier geführt wird. Denn der größte Teil unseres Volkes leidet von jeher an Unterer⸗ nährung, die kapitalistische und agrarische Aus⸗ beutung haben einander zu diesem Zustande geführt, der eine Schande für das neunzehnte Jahrhundert war und für das zwanzigste eine ist. Die Kultur eines Volkes ist in der Tat bedroht durch ein System, welches die Volks⸗ ernährung in immer steigendem Maße ver⸗ schlechtert, verringert und verteuert. Und dabei stehen wir erst am Anfang der Teuerungs⸗ periode. Mit den Handels verträgen wird dieselbe den Gipfelpunkt erreichen. Das Volkselend läßt die Agrarier voll⸗ kommen kalt; nachdem es ihnen mit den Mitteln der gewissenlosesten Demagogie gelungen ist, der Regierung Grenzsperre und Wucherzölle abzutrotzen, freuen sie sich der„Ernte“, von der der Reichskanzler sagte, daß sie nunmehr ge⸗ kommen sei. Das Bürgertum in seiner großen Masse hat diesen Erscheinungen gegenüber nur eine stumpfe Ergebung und beschränkt sich auf das Räsonieren am Biertisch. Und die Regierung des jovialen Fürsten Bülow? Nun die macht sich die Sache so leicht, daß sie in diesem Punkte anderen Junker⸗ und Bourgeois⸗Regierungen geradezu als muster⸗ haft erscheinen muß. Der Minister der Land⸗ wirtschaft leugnet einfach die Fleischteuerung, und die Regierungsblätter rechnen dem deutschen Volke vor, daß aus der Durchschnittsstatistik sich ein fast überreichlicher Fleischgenuß des deutschen Volkes ergibt. Wie weit sind wir mit dem höheren Blödsinn in Deutschland denn eigentlich schon ekommen? Gibt es wirklich bei uns Zeitungs⸗ chreiber, die glauben, daß man knurrende Magen mit statistischen Ziffern beschwichtigen — Undenkbar wäre dergleichen gewiß nicht. Die Regierung will natürlich ihren agrarischen Freunden die„Ernte“ nicht verderben. Aber was wird sie denn tun? Nun, im November wird der Reichstag zusammentreten und wird sich mit der„Finanzreform“ zu beschäftigen haben. Was wird diese zunächst bringen? Neue Steuern! Welch eine„frohe Bot⸗ schaft“ für ein Volk, das mit einer äußerst empfindlichen und die große Masse so schwer schädigenden Teuerung kämpft! Zwar weiß man noch nicht bestimmt, welcher Art die neuen Steuern sein werden, allein man kann an⸗ nehmen, daß sie Artikel treffen werden, der n Verteuerung wiederum der großen Masse zur Last fällt. Bis jetzt scheint sich nur zu be⸗ stätigen, daß man dem Tabak energisch zu Leib gehen und aus der neuen Besteuerung etwa 60 Millionen Mark herausschlagen will. Damit wird aber die„Finanzreform“ schwerlich abgeschlossen sein, denn der Bedarf des Reichs ist ein viel größerer, namentlich wenn man die in die Nähe rückenden Mehr⸗ forderungen für Heer und Flotte in Anschlag bringt. Es wird ein ganzes Bukett neuer Steuer kommen und wenn der Reichstag sich entschließt, sie zu bewilligen, so wird das Reich darum doch nicht aus der Schulden⸗ und Pumpwirtschaft herauskommen, denn die „Weltpolitik“ wird immer kostspieliger. Zwei⸗ hundert Millionen für den Krieg in Südwest⸗ afrika und noch kein Ende abzusehen! Dazu ein drohender Aufstandl in Ostafrika, der einen gefährlichen Umfang annehmen und auch den Wiederausbruch von Unruhen an anderer Stelle nach sich ziehen kann. Und das alles um gänzlich wert⸗ und aussichtslose Ko⸗ lonien, die auch im Frieden alljährlich viele Millionen kosten! Die Regierung, die so nachgiebig gegen Junker und Großgrundbesttzer ist, glaubt dem Volke das alles bieten zu können. Im Besitze der Macht trotzt die Regierung den dringendsten Forderungen des Volkes, die auf Oeffnung der Grenzen und auf die damit verbundene Herabsetzung der Fleischpreise gerichtet sind. Die Junker und Agrarier triumphieren und hinter dem Fürsten Bülow stehen schon die„starken Männer“, welche ihre Zeit gekommen glauben, wenn der leitende Staatsmann einmal nachgiebig werden sollte den Forderungen des Volkes gegenüber? So steht es momentan trostlos aus. Aber glaubt denn die Regierung, daß sie werde in alle Zukunft so„fortwursteln“ können? Glaubt sie denn, das deutsche Volk werde eine solche Politik mit Schafsgeduld ertragen und sich zu Gunsten von Junkern und Agrariern einer ständigen Hungerkur unterwerfen. Nein, das wird es nicht geben. Eine nicht allzuferne Zukunft wird die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes gegen diese Regierung vereinigt sehen. Sie wird hinweg⸗ gefegt werden mit ihrem ganzen System, denn gegen eine solche Volksströmung kann sich keine Regierung am Ruder hal en. Mögen dann die „starken Männer“ kommen— ihre Regierung wird nur kurz sein. Sie werden nur beweisen, daß heute zum Regieren das Hirn ungleich notwendiger ist als die Faust. Wir kümmern uns wenig um die äußere und zeitweilige Form dessen, was zunächst kommen wird. Der Klassenkampf des Prole⸗ tartats wird nicht stille stehen, bis die kapita⸗ listische Anarchie von heute einer vernünftigen Gesellschaftsordnung Platz gemacht hat. Auf dem Marsche zu diesem Ziele wird das Proletariat der Klassenherrschaft in verschiedenen Neu⸗ bildungen begegnen, die es immer wieder be⸗ kämpfen muß, bis eine Gesellschaftsordnung mit 29551 Rechten und gleichen Pflichten er⸗ reicht ist. Bis dahin ist noch ein weiter Weg, denken die Machthaber von heute. Mag sein; mit dem historischen Maße gemessen erscheint er weniger weit. Die herrschenden Schichten halten die soziale und wirtschaftliche Anarchie von heute, die ste bürgerliche Gesellschaftsordnung nennen, obwohl ste noch halb feudal ist, immer noch für unaß⸗ änderlich. Es würde allen Entwicklungsgesetzen widersprechen, wenn nicht die innerhalb des Gesellschaftsorganismus wirkenden Triebkräfte darauf gerichtet wären, an Stelle des heute waltenden Chaos feste und sichere Formen zu schaffen. Wer sich diesem Gang der Entwicklung in den Weg stellt, über den schreitet ste hinweg. Und sie wird hinweg schreiten über die Kaste, die sich nur mit ihrer Beutepolitik noch künst⸗ lich erhalten kann. —— Der Friede zwischen Rußland und Japan ist nunmehr gesichert und es soll sofort ein Waffenstillstand abgeschlossen werden. Oefters hatte es den Anschein, als sollte die Friedens⸗ konferenz in Portsmouth resultatlos verlaufen, schließlich nötigle aber beide Gegner das dringende Friedensbedürfnis zur Verständigung und die Bemühungen des Prästdenten Roosevelt mögen auch ein gutes Teil mit dazu beigetragen haben. Japan hat schließlich ziemlich viel nachgegeben. Es blieb ihm am Ende auch nichts anderes übrig, als sich mit dem zu begnügen, was sich erreichen ließ. Denn es ist finanziell ebenso wie Rußland erschöpft und vielleicht noch mehr als dieses auf die Unterstützung des Auslandes angewiesen. Bei Fortsetzung des Kampfes konnte es nicht mehr erreichen als jetzt. Immer⸗ hin ist das Ergebnis des Friedensschlusses für Japan günstig, glänzend sogar. Genaueres über die Bedingungen ist zwar noch nicht be⸗ kannt, sicher ist nur seine Verzichtleistung auf eine Kriegsentschädigung. Dafür bleibt es im Besitze von Port Arthur und Liantung, bekommt das Protektorat über Korea und und nimmt Sachalin zurück. Dadurch wird zweifellos ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung Japans hervorgerufen und sein Einfluß auf China bedeutend gesteigert. Rußland dagegen hat kläglich abgeschnitten und mit seiner Vor⸗ herrschaft in Ostasien ist es jedenfalls für immer borbei, es muß auf seine ostastatischen Er⸗ oberungspläne verzichten, für die es den riestgsten Aufwand gemacht hat. Der Friedensschluß wird dem Kampfe gegen den Zarismus neue Nahrung zuführen. Und dieser Kampf endigt nicht eher, als bis der blutige Zarismus vernichtet am Boden liegt. So werden hoffentlich die zahllosen Blutopfer e die russtsche Freiheit mit herbeiführen elfen. —...— Politische Rundschau. Gießen, den 31. August 1905. Bebel über die Zentrumsparade im Straßburg. Die diesjährige Zentrumsparad⸗ wurde vorige Woche in Straßburg abge⸗ halten. Offiziell heißt sie: Generalversamm⸗ lung der Katholiken Deutschlands. Die Zen⸗ trumspolitiker sehen darauf, daß bei dieser Gee legenheit mit Aufgebot riesiger Menschenmassen gezeigt wird, über welche Macht das Zentrum in Deutschland verfügt. Zu dem Festzuge am Sonntag vor acht Tagen hatte es seine An⸗ hänger aus weitester Umgebung, aus ganz Elsaß, Baden, Württemberg, der Pfalz ꝛc. herangezogen und es ist schon möglich, daß, wie angegeben wurde, 30000 Mann daran teilge⸗ nommen haben. Was die auf dem Katholiken⸗ tag gehaltenen Reden betrifft, so bewegten sie sich in den bekannten Geleisen der Zentrums⸗ politik, die zugleich das Interesse des Kapitals und der besttzlosen Arbeiterschaft vertreten will, Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 36. wobei aber letztere regelmäßig schlecht weg⸗ kommt. In einer Riesenversammlung ant⸗ wortete unser Genosse Bebel am Sonntag auf die Anschauungen, welche die christlichen Zentrumsleute auf dem Katholikentag zum Besten gegeben hatten. Etwa 8000 Menschen drängten sich in der Westmarkthalle, um unseren alten Bebel zu hören, Tausende mußten jedoch umkehren, weil sie keinen Platz in dem kolossalen Raume mehr finden konnten. Es war eine wundervolle Veranstaltung, eine Versammlung, wie sie Straßburg noch nie erlebt hat. 8000 Menschen hatten sich zusammengefunden, nicht aus äußerem Zwang, nein, getrieben durch innere, fest gegründete Ueberzeugung, um den verehrten Führer der Sozialdemokratie zu hören. Auch von Orten der Umgebung waren viele Gäste eingetroffen. Schon bei den Begrüßungs⸗ worten Böhles zeigte sich die Freude und die Begeisterung über die Versammlung. Als aber Bebel die Tribüne betrat, erschollen stürmische, nicht endenwollende Beifall⸗ und ⸗Hochrufe. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgten die Massen nun den zweieinhalbstündigen Aus⸗ führungen unseres Genossen. Mit überzeugender Gewalt und oft starker Leidenschaft geißelte der Redner die Politik des Zentrums. Das Wort bestätigte sich wieder vom jugendlichen Greis. Denn wie verstand es unser prächtiger Redner, das Publikum zu packen! Bebel kennzeichnete treffend und unter brausendem Beifall das Christentum der Zentrumsherren, wie es sich namentlich in der Arbeiterpolitik zeigt. Auch die von dem Abg. Gröber auf dem Katholiken⸗ tag verteidigte„gottgewollte Ordnung“ charak⸗ terisirte der Redner meisterhaft, ohne zu über⸗ gehen, daß für die Kirche immer diejenige Ordnung die„gottgewollte“ gewesen sei, die ihren Zweck genützt habe. Im Gegensatz zur Zentrumspolitik begründete Bebel dann unter jubelnder Zustimmung der Versammlung die Auffassungen und Forderungen der Sozialdemo⸗ kratie. So konnte er treffend und glücklich das Christentum der Reichen und das Christen⸗ tum der Armen scheiden, von dem aber immer die Armen Schaden haben.„Ich bin überzeugt, wenn der Christengott die Wahl hätte zwischen Sozialdemokratie und Zentrum, dann wählte er die Sozial demokratie, zwar einfach deshalb, weil die Sozialdemokratie die Grundsätze des Christentums, die Befreiung und Hebung der Armen und Elenden am schärfsten vertritt.“ „Internationale Vaterlandsverräter sollen wir sein. Dabei sagt der Präsideut des Katholiken⸗ tags, der Erbprinz von Löwenstein:„Ich bin ansässig in Bayern, in Hessen, in Baden und zweimal in Oesterreich. Und wenn es mir hier noch weiter so gut gefällt, so werde sch auch noch Elsässer, vorausgesetzt, daß die Steuern hier nicht zu hoch sind“. Ich verstehe nicht, wie ein so furchtbar reicher Mann wie der Erbprinz von Löwenstein so etwas sagen kann.“... Ja ähnlicher Weise wurden mit eindringlicher Wucht die einzelnen, auf dem Katholikentag erfolgten Darlegungen kritisch erörtert. Der Wider spruch zwischen den Ausführungen unter sich und zwischen den Reden und den Taten des Zentrums trat unter dem steten Beifall, der Menge in das hellste Licht. An der Hand dieser Dar⸗ legung schilderte Bebel dann die gesamte politische Situation.„In der Schule lehrt man uns: Ohne Gottes Willen fällt kein Haar vom Haupte. Ja, wenn das richtig ist, dann hat das auch der liebe Gott gewollt, daß Sozialdemokraten in der Welt und wir die stärkste Partei in Deutschland geworden sind. Dann brauchte das christliche Zentrum nicht so sehr über die Sozialdemokratie zu zetern. Wir sind selbst unter dem Aus nahmegesetz stark und groß geworden. Ja, das Sozialistengesetz ist uns gut bekommen, daß es nicht wenige Sozial⸗ demokraten giebt, die sich ein neues Ausnahme⸗ gesetz wünschen.“ 5 Als Bebel über die Marokkoangelegenheit sprach, unterbrach ihn der überwachende Polizei⸗ beamte und meinte, diese Sache gehöre nicht zum Thema, das„die politische Situation und der Katholikentag“ hieß. Die von Bebel in geist⸗ voller Weise gegebene Antwort erweckte wieder stürmischen Beifall, namentlich als er aus diesem Vorkommnis den Schluß zog: Wir müssen gegen alle kirchliche und welt⸗ liche Autorität zu Felde ziehen. Uns gegenüber stützt man sich auf die Kanonen und Bajonette. Schließlich könnten auch die Ba⸗ jonette auch einmal zu denken anfangen. Stürmischer Beifall.) Wir wollen nicht die äuste, sondern helle Köpfe. Nicht die katholische Kirche, sondern wir Sozialdemokraten treten in allen Parlamenten gegen die Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes auf. Wir Sozial⸗ demokraten sind die Partei der Armen und Elenden, die der wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Unterdrückung ein Ende machen werden! Die imposante Versammlung stimmte Bebels Worten mit stürmischem Beifall zu und schloß mit einem begeisterten Hoch auf die inter⸗ nationale Sozialdemokratie. Zur Fleischnot. Minderwertiges krankes Fleisch für die Armen! In Ulm beantragte ein Polizeirat in der Stadtverwaltung, als stie darüber beriet, wie die Fleischnot für die ärmere Bevölkerung gelindert werden könne, die Anschaffung eines Apparats, womit das Fleisch, das für die Freibank nicht mehr taug⸗ lich ist und bisher verscharrt werden mußte,„gedünstet“ wird, so daß es für die ärmere Bevölkerung ein sehr billiges Nahrungsmittel abgeben könne. Der größte Teil der Stadträte konnte sich aber für diese Lösung der Fleischteuerung nicht recht erwärmen. Ein Stadtrat, der Fleischer von Beruf ist, meinte, es sei das Fleisch auf der Freibank schon nichts mehr wert und er möchte selbst der ärmeren Bevölkerung nicht zumuten, noch schlechteres zu essen. Das sei ein Fleisch, welches schon Ekel errege, wenn man es bloß ausehe! Die Stadtverwaltung beschloß schließ⸗ lich, einmal eine Probe mit solchem Fleisch zu machen bzw. machen zu lassen. Selber wollen die Stadtväter diese Leckerbissen natür⸗ lich nicht kosten. Aber das hungernde Volk — so hoffen sie— wird sich auf das Aas stürzen.— Mittelstandsrettung der Landwirts⸗ bündler. Bei der gegenwärtigen Fleischteuerung lernt der Mittelstand die agrarische Mtttel⸗ standspolitik am eignen Leibe kennen. Die so⸗ genannte Mittelstandsvereinigung hat sich bei den Reichstagswahlen den Junkern mit Haut und Haar verschrieben. Dieses Zusammengehen droht jetzt in die Brüche zu gehen. Das sieht man an einer Versammlung der bayrischen Mittelstandspartei in München, die gegen die Vieh⸗ und Fleichverteuerung protestierte. Gegen nur wenige Stimmen wurde eine Reso⸗ lution angenommen, in der als Ursache der Kalamität neben dem Fleischbeschaugesetz die ungerechtfertigte Grenzsperre und die Be⸗ strebungen des Junker⸗ und Agra⸗ riertums, sich ein felsenfestes Monopol zu schaffen, hingestellt werden. Da diese Be⸗ strebungen von seiten des preußischen Landwirt⸗ schaftsministers von Poddielski auf das kräftigste „und zwar anscheinend in seinem eigenen Interesse“ gefördert werden, der Landwirt⸗ schaftsminister aber zum allgemeinen Wohl des Volkes und nicht für Sonderinteressen bestellt ist, so ersucht die Resolution das bayerische Ministerium, beim Bundesrat die Einfuhr von lebenden Schweinen aus dem Auslande und eine Suspension der Zölle auf lebendes Schlachtvieh während der gegenwärtigen Krists zu erwirken. Wenn die Herren vom Mittel; stand ihre Augen ordentlich öffnen, so werden ste sehen, daß nicht nur in dieser Frage ihre Interessen denen des Agrariertums schnurstracks entgegenlaufen— daß es Wahnsinn ist, wenn Gewerbetreibende mit der junkerlichen Sippschaft gemeinsame Sache machen. Pücklerei. Mit dem Dreschgrafen Pückler, dem berühmten Anttisemitenheros wird sich demnächst die Oeffent⸗ lichkeit wieder einmal zu beschäftigen haben. Gegen ihn wird am 26. September wegen Auf⸗ reizung zum Klassenhaß, begangen durch eine Rede in Bernau verhandelt werden. Umfang⸗ reicher wird aber ein darauf folgender großer Prozeß sich gestalten, der dem Grafen wegen seiner letzten Berliner Reden und vor allem auch wegen der auf den Straßen verteilten Flugblätter gemacht wird. Es handelt sich hier um vier vom Grafen Pückler verfaßte Flug⸗ schriften. Um die Drucker und Verbreiter fest⸗ zustellen, waren die Vorstands mitglieder der Pücklervereinigung vernommen worden. Vor Kurzem wurde das Gräflein von der Glogauer Strafkammer zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil er eine Reiter⸗Attacke auf— eine Dresch⸗ maschine ausgeführt und den dabei beschäf⸗ tigten Aufseher beleidigt hatte. Später hatte der neue Don Quichote eine Kolonne Land⸗ arbeiterinnen, die auf dem Felde bei demselben Aufseher arbeiteten, ebenfalls mit seiner Reiter⸗ schaar attacktert und einige verletzt. Vor Ge⸗ richt legte er so recht seine Junkermanieren an den Tag und das Gericht übte große Nachsicht. Krieg im Frieden. Auf dem Truppenübungsplatz Senne ist blutig Krieg gespielt worden. Ein bayrisches Ula nenregiment hat das hesstsche Dragoner⸗ regiment Nr. 23 bei einer schneidigen Attacke so überrannt, daß eine Anzahl von Offizieren und Mannschaften schwerer oder leichter verletzt vom Platze getragen werden mußte. Der Komman⸗ deur der Hessen stürzte von seinem Pferde und erlitt eine schwere Beinverletzung. Einer der Angreifer stürzte gleichfalls und erlitt eine Ge⸗ hirnerschütterung. Andere kamen mit geringeren Verletzungen, Knochenbrüchen und Fleischwunden davon: über ihre Zahl ist nichts Näheres be⸗ kannt, denn eine amtliche Verlustliste wird nicht veröffentlicht. Acht bis zehn Pferdeleichen be⸗ deckten das Schlachtfeld. Dinge dieser Art waren schon öfters da. Diesmal scheint aber die Katastrophe einen so bedenklichen Umfang angenommen zu haben, daß ein Vertuschen unmöglich ist. Diese Ka⸗ vallerie⸗Schauspiele, wie sie jetzt bei den Manö⸗ vern häufig aufgeführt werden, haben bekannt⸗ lich nicht den geringsten Wert für die kriegs⸗ mäßige Ausbildung; unabhängige Militär⸗ schriftsteller ergehen sich in den respektlosesten Bemerkungen über die Siege dieser heldenhaft stürmenden Kavalleriemassen, von den im Ernst⸗ falle das feindliche Schnellfeuer keinen Mann und kein Roß lebendig ans Ziel kommen ließe. Und es ist nicht minder bekannt, daß diese zwecklosen Uebungen die an ihnen beteiligten Mannschaften in hohem Maße gefährden, daß es zumeist bei diesen Attacken eng zusammen⸗ gedrängter Reitermassen, wenn es noch leidlich gut abläuft, immer doch ein paar gebrochene Kniescheiben gibt. Trotzdem hat keine Kritik weder in der Presse noch im Reichstag gegen diesen Paradeunfug etwas auszurichten ver⸗ mocht. Jedenfalls wird die Schlacht von Senne noch im Reichstag Erörterungen nach sich ziehen. Denn es muß entschteden dagegen protestiert werden, daß durch den Paradeunfug zahlreiche Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden, die doch für militärische Spielereien zu kostbar sind. Und wenn die bürgerliche Presse dazu schweigt, so muß die sozialdemokratische desto lauter ihre Stimme erheben. Der„Heldentod für Kaiser und Reich“ auf dem Manöverfelde kann doch nicht wie der auf dem Schlachtfelde zu den Heiligtümern der Nation gezählt werden. Lustfahrt nach Kamerun. Auf Einladung und auf Kosten der Ham⸗ burger Reederfirma Wörmann hat eine An⸗ zahl Reichstagsabgeordnete eine Spritztour nach Kamerun unternommen. Die Firma kann sich so etwas schon leisten, sie hat ja allein oder wenigstens den größten Nutzen von der ganzen Kolonialpolitik. Die Parlamentarier sollen Kamerun„kennen lernen“. Daß ihnen das bei einem Aufenthalte von wenigen Wochen nicht nicht möglich ist, die Expedition also gar keinen Wert hat, ist klar. Aber selbstverständlich rechnet die Firma darauf, daß die Teilnehmer der Fahrt dann aus Dankbarkeit sich be⸗ —— .———.——.' . ————„-— — Auf. eine loher egen hier quer teilt, and. Alben er 1 an sicht, e sst schez oner⸗ ttacke ieren, tletz man⸗ und det geren den Han Al. ö nach Obel 1 falle 5 0 0 elle öl ien Nr. 36. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite&. willigungseifrig in punkto Kolonialforderungen zeigen und so dürften sich dann die gemachten Aufwendungen rentieren.— Uebrigens hat die Fahrt ein Opfer gefordert. Der Abgeordnete Fries ist an Bord des Wörmanndampfers gestorbeg. Er vertrat den Wahlkreis Eisenach⸗Dermbach und gehörte der national⸗ liberalen Fraktion an. Er war Oberförster in Marksuhl. Bei der letzten Wahl fielen auf die Sozialdemokratie 6018, die Nationalliberalen 3585, die Antisemiten 2145, die Freisinnigen 2049, Zentrum 1313 Stimmen. In der Stich⸗ wahl: Nationalliberale 8560, Sozialdemokratie 7835. Revolution in Rußland. Wegen der Greuel in Bialystok hat die dortige jüdische Gemeinde eine Eingabe an den Gouverneur gerichtet. Es wird darin fest⸗ gestellt, daß das Militär sich so benommen habe, als ob es sich in einem„Vernichtungs⸗ kriege gegen die jüdische Einwohnerschaft“ be⸗ finde. Während mehrerer Stunden wurde jeder Jude und jede jüdische Frau, gleichviel welchen Alters, die sich auf der Straße auf— hielten, unbarmherzig niedergeknallt; einige besonders eifrige Abteilungen drangen auch in die Häuser ein. Dabei wurden auch einige christliche Einwohner getroffen, aber an⸗ scheinend nur durch Irrtum oder Zufall. Die Polizei unterstützte das Militär. Auf Vor⸗ stellung bei der höheren Polizeibehörde wurde den Juden geantwortet, das Vorgehen des Militärs sei als Strafe anzusehen dafür, daß die Juden die Revolutionäre nicht an die Staatsgewalt auslieferten. Die jädische Ge— meinde sucht nun dem Generalgouverneur klar zu machen, daß man von ihr solche Dienste nicht verlangen könne, daß ste auch außerstande sei, ste zu leisten, da sie nicht besser über die Tätigkeit der Revolutionäre unterichtet sein könne als Polizei und Gendarmerie. Hungersnot droht in Rußland infolge der diesjährigen Mißernte auszubrechen. Wie einem Berliner Blatte berichtet wurde, nimmt der Notstand besonders im Gouvernement Tula große Dimensionen an; das Vieh wird infolge Futtermangels zu Schleuder preisen los- geschlagen, da bereits das Stroh von den Dächern, das letzte, was gewöhnlich draufgeht, als Futter aufgebraucht ist. In den Städten erscheinen in großen Scharen hungernde Bauern, die um Arbeit gegen Verpflegung bitten, eine Erscheinung, die auch aus Saratow und Woronesch berichtet wird. An einigen Orten ist sogar schon der Hungertyphus ausgebrochen. Das Volk verhungert, während die zarischen Kreaturen im Ueberflusse schwelgen! Die scheußliche Ausbeutung durch den Adel scheinen endlich auch die Bauern abschütteln zu wollen. In einer Ortschaft des Kreises Duschet 5 weigerten sich die Bauern dem Gutsbesitzer Fürsten Muchranski den ihm zu⸗ stehenden Teil der Ernte(das ist also der Tribut, den der Fürst den Bauern abpreßt) auszuliefern. Als drei„Rädelsführer“ ver⸗ haftet wurden, rotteten sich die Bauern zu⸗ sammen und befreiten die Verhafteten gewalt⸗ sam. Eine halbeSchützenkompagnie und einige Kosaken verhalfen dem Gutsbesitzer zu„seinem Recht“. Hierauf erschienen über 1000 Bauern aus verschiedenen Kreisen auf dem Gut des Fürsten, verlangten die Rückgabe des Getreides und drohten mit Stöcken und Heugabeln. Vor dem erschienenen Kreischef erklärten die Bauern, sie forderten ihr Getreide zurück, da sie dem Gutsbesitzer fortan nichts mehr zahlen würden. Es kam darauf zum Kampfe zwischen den Bauern und Kosaken, wobei es auf beiden Seiten Tote gab. In Sosnowice(Russ. Polen) wurde ein Dynamit⸗Angriff ausgeführt, weil das in der Fabrik einquartierte Militär gegen die Streikenden vorgegangen war. Tausende von Fensterscheiben wurden zertrümmert, ein Mann verletzt. Durch eine Bombe wurde am Sonn⸗ 106 der Polizeimeister in Czenstoch au ge⸗ ötet. Aus dem Berichte des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei Deutschlands an den Parteitag zu Jena 1905. Wie bereits mitgeteilt, sind die üblichen Be⸗ richte unseres Parteivorstandes und der Reichs⸗ tagsfraktion erschienen. Sie bieten eine Fülle wissenswerten und interessanten Materials und geben ein Bild von der Tätigkeit unserer Partei⸗ leitung und der Reichstagsfraktion. Wir können im Folgenden nur das Wichtigste daraus mit⸗ teilen und empfehlen unsern Genossen, sich nach dem Parteitag das Protokoll desselben anzu⸗ schaffen, wo die Berichte vollständig abge⸗ druckt sind. Nachdem der Bericht einleitend einer Anzahl ver⸗ storbener Parteigenossen gedacht und ihnen Nachrufe ge⸗ widmet hat, bemerkt er, daß in Bezug auf Agitation uud Organisation sehr oft Redner vom Parteivor⸗ stande verlangt würden, dieser aber nicht immer den Wünschen entsprechen könne. Es ist notwendig, daß die örtlichen Organisationen sich in der Hauptsache auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Unter der groden Zahl der Genossen gibt es sehr viele tüchtige Talente, die ver⸗ kümmern, wenn sie nie Gelegenheit haben, in großen Versammlungen unsere Grundsätze zu verteidigen. Uebung macht den Melster. Um vorhandene Talente weiter zu bilden, sind schon in vielen Städten Bildungsinstitute geschaffen. Zur Ausführung des Beschlusses des Bremer Parteitages sind in verschiedenen Agitationsbezirken Provinzialsekretäre angestellt, über deren Wirksamkeit aber noch nichts Näheres mitgeteilt werden kann, da sie meistens erst seit dem 1. April ihre Aemter belleiden. Ziffermäßige Nachweise über den Stand der Or ga ni⸗ sation lassen sich nicht geben, jedoch kann mit Sicher⸗ heit behauptet werden, daß mit wenigen Ausnahmen überall Fortschritte zu verzeichnen sind. Einzelne Bezirke haben erfreuliche Fortschritte gem acht. In Berlin, Tel⸗ tow⸗Beeskow und Niederbarnim stieg die Zahl der Mit⸗ glieder von 37 905 am 1 Januar 1904 auf 47 420 am 1. Januar 1905. In dem Agitationsbezirk Schleswig⸗ Holstein und Hamburg stieg die Zahl der Vereine von 63 am 1. Januar 1903 auf 65 am 1. Januar 1904. Die Zahl der Mitglieder von 31 209 auf 34.440. In Hamburg allein stieg die Zahl der Mitglieder im Jahre 1904 von 15431 auf 18 186. Im Agitationsbezirk Hessen⸗Nassau von 4520 am 1. Juli 1904 auf 6627 anfangs 1905. Einer musterhaften Beteiligung an der Organisation erfreut sich Fürth. Bei der Nachwahl im Juli d. J wurden in Fürth rund 6500 Stimmen für unseren Kandidaten abgegeben, organisterte Genossen zählt aber Fürth rund 3200.„Gehet hin und tuet des⸗ gleichen“. Durch diese erfreulichen Zahlen dürsen wir uns aber nicht täuschen lassen. An sich entspricht die Zahl der organisierten Genossen keineswegs den Anforderungen, die eine Partei von der Stärke wie die unserige stellen muß. Schließlich sind es doch die Mitglieder der Organi⸗ sation, die die Kämpfe führen, sie haben die Agitation zu besorgen, die Flugblätter zu verbreiten usw. Die schriftliche Agitation wurde durch unsere Partei⸗ presse und durch Flugblätter, Kalender und Broschüren betrieben. Eine Anzahl Agitationsbroschüren wurde herausgegeben; unter den preußischen Landarbeitern wurde durch das Flugblatt:„Landarbeiter wache auf!“, in welchem die Ausnahmegesetze für die Landarbeiter gegeißelt werden, Aufklärung verbreitet. Die Provinztal⸗ und Landesorganisationen sind im Berichtsjahre weiter ausgebaut worden.— Längere Ausführungen widmet der Bericht dann der Vorberatung des Organisationsstatuts und den Einigungs⸗ verhandlungen mit der polnisch⸗sozialistischen Partei. Das Kapitel„Wahlen“ nimmt in dem Berichte einen großen Raum ein. Was zunächst die Nach⸗ wahlen zum Reichstage betrifft, so geben die seit den letzten allgemeinen Wahlen vorgenommenen für uns kein günstiges Bild. Es werden die Wahlziffern der be⸗ treffenden Kreise vorgeführt, welche zeigen, daß mit Aus⸗ nahme der Kreise Fürth⸗Erlangen und Schwerin⸗Wismar unsere Stimmen im Vergleiche zu den Wahlergebnissen von 1903 zurückgegangen sind. Allerdings, im Vergleich zu den Wahlen von 1898 haben wir noch immer— worauf wir schon früher aufmerksam machten— einen Zuwachs ron 14 300 Stimmen insgesamt zu verzeichnen. Der Bericht, fährt dann fort: Für den Stillstand oder richtiger Rückgang an Stimmen hat man vielerlei Erklärungen gesucht. In dem Streite verschiedener Preßorgane unserer Partei untereinander beschuldigte ein Parteiorgan das andere, daß dessen Stellungnahme oder Nichtstellungnahme zu bestimmten Fragen die Ursache des Rückganges ei. Ferner wurde der Gebrauch einiger Kraftausdrücke als Ursache des Rückganges angegeben. Auch wurde be⸗ hauptet, daß die Regierung durch eine schlaue Politik dem aus den allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Reichstage jede Bedeutung nimmt und dadurch eine wachsende Gleichgültigkeit der arbeitenden Massen für den Reichstag und die Reichstagswahlen hervorgerufen hat. Diese Gründe erkennt der Bericht nicht oder doch nur zum geringen Teil ais zulreffend an. Tatsache sei allerdings auch, daß die Gegner mit viel größerer Energie und Rücksichtslosigkeit den Wahlkampf führen. Die Hauptursache des Rückgangs sei jedoch mangel⸗ hafte Organisation. Die Genossen dürfen nicht erst dann mit dem Ausbau der Wahlorganisation be⸗ ginnen, wenn eine Wahl in Aussicht steht, sondern ste müssen immer gerüstet sein. Sie müssen von jedem Winkel des Wahlkreises wissen, welcher Genosse ihn zu bearbeiten hat, dann kommt ihnen nie eine Wahl als Ueberraschung. Die Genossen sollten bedenken, daß die Eroberung von Reichstagssitzen nicht der alleinige und nicht einmal der Hauptzweck unserer Agitation und Organisation ist. Un ser Hauptziel ist doch, die ganze Arbeiterklasse für den Sozialismus zu gewinnen. Das Streben nach diesem Ziele darf nie und in keinem Bezirke unter⸗ brochen werden. Die Reichstagswahlen sind zuverlässige Gradmesser für die agitatorische und organisatorische Tätigkeit der Genossen. Wenn durch die Wahlresultate bekannt wird, daß in einem längeren Zeitraume in einem Kreise keine Fortschritte, sondern in vielen Fällen gar Rückschritte zu verzeichnen sind, dann ist damit bewiesen, daß es an dem nötigen Eifer und Geschick in der Agi⸗ tation und Organisation gefehlt hat, um dem verstärkten Ansturm der Gegner die Spitze zu bieten. Mit einem verstärkten Ansturm der Gegner müssen wir aber rechnen und zwar künftig mehr als je zuvor. Ein erfreuliches Bild boten die im Berichtsjahre stattgefundenen Landtagswahlen. Der Bericht führt eine Reihe für uns erfolgreichen Wahlen an. In Olden⸗ burg, Reuß j. O., Gotha, Eßlingen ꝛc. schnitten wir gut ab, ebenso in Bayern, wo die Wahlen einen Kampf gegen das indirekte Wahlrecht darstellen.— Noch mehr Erfolge haben wir bei den Gemeindewahlen zu ver⸗ zeichnen. In Württemberg sitzen 284 Genossen in den Gemeindevertretungen, in Sachsen 264. Der Bericht erwähnt ferner die Erfolge in Offenbach, Frankfurt, Leipzig, Straßburg, Karlsruhe und vielen andern Orten. (Siehe Fortsetzung Seite 6.) Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Ein neuer Scharfmacherverband soll in Deutschland ins Leben gerufen werden. Vor kurzem ist ein„Aufruf an alle Berufsgenossen der Installationsbranche(Gas-, Wasser⸗, Elek⸗ trizitäts⸗, Kanalisations⸗ und Heizungsfach usw.), insbesondere an alle selbständigen In⸗ stallateure, Klempner, Kupferschmiede, Schlosser usw.“ erschienen, in welchem zur Gründung eines großen Deutschen Verbandes selbständiger Installateure unter Anschluß bezüglicher In⸗ nungen, Vereine und Unterverbände aufgefordert wird. In dem von der„Bresl. Volkswacht“ veröffentlichten Aufrufe heißt es u. a.: Die Gehilfenfrage nimmt, wie besonders die letzten Essener Vorgänge zeigen, eine Form an, die den entschiedensten Widerspruch her⸗ vorruft. Kontraktbrüchige Bergleute werden von der Regterung als liebe Kinder behandelt, Arbeitgeber aber, die ihren Leuten ordnungs⸗ mäßig kündigen und sie entlassen, weil deren sozialistische() Organisation eine gedeihliche Weiterarbeit unmöglich mache, werden als schnöde Kontraktbrecher bezeichnet. Solche Be⸗ zeichnungen müssen sich unsere Kollegen in Essen von ihrem Oberbürgermeister gefallen lassen. Nicht genug damit fordert dieser Herr noch 20,000 Mk. aus dem Stadtsäckel zur Unter- stützung unlenksamer Arbeiter! Kollegen! Hat man uns deshalb mit den Gesellen⸗Ausschüssen beglückt? Jeder anständige Arbeitgeber weiß einen anständigen und tüch⸗ tigen Arbeiter zu schätzen, er bezahlt ihn gut(!) und gern.(Dafür liefert jeder Tag Beispiele, wie die Herren die guten Arbeiter bezahlen. D. R.) Jeder Arbeitgeber aber weiß auch, welche Plage, welche Scherereien und welche Verluste ihm untüchtige, unbotmäßige und un⸗ fleißige Arbeiter verursachen. 5 Sich vor solchen Elementen in den gesetzlich gestatteten Grenzen zu schützen, dagegen tüch⸗ tigen Leuten den Weg zu ebnen, wird nicht die geringste Aufgabe des neuen Verbandes sein. Die Tätigkeit des neuen Verbandes wird deshalb eine energische sein. Mit Halbheiten Seite 4. Mitteldentsche Sonuntags⸗Zeitung. Mr. 36. kommen wir nicht weiter, der allzu Bescheidene(J) wird zurückgedrängt.“ Das provisorische Komitee fordert zur Ausgabe von Anteilscheinen à 20 Mk. auf, um die Gründung zu finanzieren. Die in Frage kommenden Arbeiter haben allen Anlaß, auf der Hut zu sein und ihr Bollwerk gegen Unternehmer⸗Herrendünkel, die Organi⸗ sation, zu stärken. Unterschrieben ist der Aufruf u. a. von C. Frick in Friedberg, Chr. Nölcke und Ed. Leister in Kassel. Wie der Kapitalismus das Familien⸗ leben zerstört, zeigen die Auslassungen des oldenburgischen Gewerbeaufsichtsbeamten über die Mittagspausen. Es ist in den Arbeiter⸗ familien, in denen die Frau mit auf die Arbeit geht, zur Gewohnheit geworden, die gekochten Speisen abends zu bereiten und am folgenden Mittag aufgewärmt zu genießen. Natürlich wird nur allzuoft auf die Herrichtung gekochter Speise verzichtet, man begnügt sich auch mittags mit etwas Zukost(Wurst oder Käse) zum Schwarzbrot. Hier werden gerade die ärmsten Arbeiter am härtesten durch die Fleischteuerung betroffen. Wer bereitet den Kindern das Mit⸗ tagsmahl? Niemand; sie finden, wenn sie aus der Schule kommen, den ihnen zugemessenen Teil der kalten Spetsen zu Hause und werden ihn wahrscheinlich auch kalt verzehren. In einer Arbeiterwohnung fand der Gewerbein⸗ spektor ein achtjähriges Mädchen mit einem jüngeren Knaben mittags allein zu Hause. Es erzählte auf Befragen, daß seine Eltern in der Fabrik seien, die Kinder bekämen gewärmte Suppe, wenn der„große Bruder“, nach Hause komme. Der„große Bruder“ der die Suppe kochen mußte, war aber selbst erst elf Jahre alt. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Die Teuerung aller Lebens⸗ mittel hat einen Grad erreicht, wie noch nie vorher in den letzten Jahrzehnten. Das Fleisch ist für einen großen Teil der Bevölkerung zum seltenen Genuß geworden. Butter kostet trotz des Futterreichtums 1,25 bis 1,30 Mk. das Pfund; für Eier werden 8—9 Pfg. ver⸗ langt, vor wenigen Jahren waren sie um diese Jahreszeit für die Hälfte des Preises zu haben. Ein großer Teil des Volks muß tatsächlich hungern, es tritt in weit schlimmerem Maße als bisher Unterernährung ein! Und dies in⸗ folge der unverschämten agrarischen Wucher⸗ politik, die von der unter dem Einfluß der ostelbischen Junker stehenden Reichsregierung betrieben wird. Das Volk muß sich gegen eine solche Ausraubung zur Wehr setzen, Maßregeln zur Abhülfe des Notstandes verlangen! Des⸗ halb beruft die Gießener Parteileitung auf Dienstag den 5. September, abends /9 Uhr eine Protestversammlung auf Lonys Bierkeller ein, zu welcher Männer und Frauen der Gießener Bevölkerung und be⸗ sonders der Arbeiterschaft recht zahlreich er⸗ scheinen wollen. Voraussichtlich wird Abg. Dr. David über die Fleischnot und ihre Ursachen sprechen. — Ein Metallarbeiterstreik ist bei der Firma Schaffstaedt am Montag ausge⸗ brochen. Es sind im ganzen 27 Arbeiter beteiligt, meistens Dreher und Monteurschlosser, einige Kupferschmiede und Schleifer. Die Forderungen, welche die Arbeiter stellten und deren Nichtbe⸗ willigung den Ausstand nach sich zog, sind außer⸗ ordentlich mäßige und man muß sich wirklich wundern, daß Herr Schaffstaedt es deswegen zum Streik kommen ließ. Zunächst muß be⸗ tont werden, daß bei Schaffstaedt die Löhne im allgemeinen niedrige sind und deshalb eine mäßige Erhöhung derselben sowie eine Regelung der Lohn⸗ und Akkordoerhältnisse gefordert wurde. Die weiteren Wünsche betrafen die Ab⸗ stellung einer Reihe von Mißständen im Betriebe, die geeignet sind, die Gesundheit der Arbeiter empfindlich zu beeinträchtigen. Bezüglich der Mißstände sagte die Firma bei den gepflogenen Verhandlungen möglichste Abhülfe zu, doch lehnte sie wegen Regelung der Löhne jede Ver⸗ handlung ab. Deshalb blieb den Arbeitern nichts anders übrig, als in den Ausstand zu treten. Bisher ist es ihnen vollständig gelungen, Streikbrecher fernzuhalten und es dürfte der Firma sehr schwer fallen, für ihre alten und eingeühten Leute Ersatz zu finden. Sie ist denn auch bemüht, dafür zu sorgen, daß diese ander⸗ wärts keine Arbeit bekommen und hat folgendes Schreiben an die Arbeitgeber der Branche ge⸗ richtet: Gießen, 28. Augnst Ich mache Ihnen hierdurch die Mitteilung, daß ein Teil der in meinem Betriebe be⸗ schäftigten Eisen⸗ und Metalldreher, Schleifer, Fräser und Schraubstockarbeiter wegen Ab⸗ lehnung ungerechtfertigter und unerfüllbarer Forderungen vorgestern die Arbeit niederge⸗ legt hat. Im Interesse des Rechts und der Autorität der Arbeitgeber überhaupt richte ich das dringende und höfliche Ersuchen an Sie, Leute aus meiner Fabrik, die sich etwa bei Ihnen melden sollten, nicht einzustellen, sowie eventuelle diesbezügliche Engagements sofort wieder rückgängig zu machen. Mit Hochachtung H. Schaffstaedt. Wir meinen, dieses Schreiben charakteristert die Firma derart, daß wir nur wenig hinzuzu⸗ fügen brauchen. Natürlich, die Forderungen der Arbeiter sind stets„unberechtigt“ und„un⸗ erfüllbar“ und wean sie nur einen Pfennig mehr Tagelohn fordern. Unerfüllbar! Dabei bietet die Firma den Leuten, die ste zum Ersatz der Streikenden von auswärts heranzuziehen suchte, fast den doppelten Lohn, den sie ihren Ar⸗ beitern bisher zahlte! Tatsächlich bot sie aus⸗ wärtigen Arbeitern 60— 70 Pfg. Stundenlohn. Ihre alten, eingeübten seit Jahrzehnten im Ge⸗ schäft tätigen Leute speiste sie mit 30—36 Pfg. ab und läßt sie nicht nur in den Ausstand treten, sondern versucht ihnen auch noch die Existenzmöglichkeit abzuschneiden. So belohnt der Unternehmer die Treue in der Arbeit. Sollte Herr Schaffstaedt, der sich augenblicklich in einem Schweizer Bade befindet, davon Kenntnis haben? Er, der als humaner Mann gelten will und bedeutende Summen für den Theaterbau übrig hatte?— Am Donnerstag Abend fand eine sehr stark besuchte Metallarbeiter⸗Versammlung im„Pfau“ statt, die den Streikenden ihre Sympathie bekundete. — Die hessische Konsumgenossen⸗ scchaften hielten am Sonntag in Darmstadt eine Konferenz ab, zu welcher 90 Vertreter von 24 Vereinen erschienen waren. Es wurde hauptsächlich über die vom Landtage beschlossene Besteuerung der Konsumvereine verhandelt und dagegen entschieden protestiert. Barth⸗Mün⸗ chen sprach über genossenschaftliche Verwaltungs⸗ grundsätze; Frau Dr. David über Manipu⸗ lation der Gegner in Deutschland und Eng⸗ land; Prof. Dr. Staud inger über die Be⸗ steuerung der Konsumvereine in Hessen. Eine Protestresolution gegen die Besteuerung fand einstimmige Annahme. Vom Konsum⸗ verein Gießen waren ebenfalls zwei Vertreter in Darmstadt, die jedenfalls darüber in der am Sonntag in Restaurant Albold stattfinden⸗ den Generalversammlung Näheres berichten. Zu dieser Versammlung, welche um 3 Uhr nachm. beginnt, wird zahlreicher Besuch der Mitglieder erwartet. — Zu Differenzen im Schneider⸗ gewerbe wäre es in den letzten Tagen beinahe wiederum gekommen. Die Arbeitgeber legten einen Vertrag vor, den die Gehilfen zu unterschreiben sich weigerten. Eine sehr stark besuchte Schneiderversammlung am Montag beschloß jedoch, zu unterschreiben und so . der Konflikt vermieden. Wir kommen noch darauf zurück. * Volkskultur. Mit der theoretischen und praktischen Weiterentwicklung der Volkskulturarbeit im Rhein⸗Main⸗Gebiete befaßte sich der Vorstand des Ver⸗ bandes für Volks vorlesungen und verwandte Bestrebungen in seiner letzten Sitzung. Die Schiller⸗ spende, deren Ertrag durch die Mainzer Hauptversamm⸗ lung den allgemeinen Aufgaben der Volksbildung in unserem weiteren Heimatgeblete zur Verfügung gestellt wurde, soll zunächst der Förderung der praktischen Arbeit dienen, indem mit ihrer Hilfe eine Rhein⸗mainische Volksakademie ins Leben gerufen werden soll, um organisationswillige und bildungsfreudige Leute aus den verschiedensten sozlalen und Blldungsschichten in die Gedanken und Praxis der Voltskulturarbeit nach den Grundsätzen des Verbandes einzuführen. Dabei sollen mehrere in innerem Zusammenhang stehende Vortrags⸗ 10 reihen aus verschiedenen Wissensgebieten und damit ver⸗ bundene landes⸗ und volkskundliche Führungen statt⸗ finden, sowie musikalische und deklamatorische Abende, eine Ausstellung von Kunstreproduktionen, Erläuterung und Handhabung von Veranschaulichungsmitteln(Licht⸗ bilderapparaten usw), die Ausstellung einer Muster⸗ Dorfbibliothek mit heimatlichem Gepräge, gelegentliche Uebungen der Teilnehmer in der freien Rede usw, statt⸗ finden. Solchen Teilnehmern, die sich der praktischen Volkskulturarbeit an ihrem Wohnorte annehmen wollen, soll auf Verlangen kostenfreier Aufenthalt gewährt werden, während für Interessenten und Leute, die ihrer persönlichen Bildung wegen kommen, ein Aufenthalts⸗ geld von etwa 2 Mark für den Tag berechnet werden soll. Die Geschäftsstelle des Rhein⸗mainischen Verbandes für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen(Frank⸗ furt a. M., An der Schmidtstube 7) nimmt Meldungen entgegen und gibt alle gewünschten Auskünfte.— Nach Schluß der ersten Volksakademie beab ichtigt der Verband die Einberufung eines allgemeinen deutschen Volkskultur⸗ tages zu veranlassen, zu dem Vertreter aller verwandten deutschen Körperschaften behufs Verständigung in theore⸗ tischen, organisatorischen und praktischen Arbeitsfragen eingeladen werden sollen.— Aus dem Rreise gießen. — Kreiskonferenz des Wahlkreises Gießen. Die am Sonntag im Lokale Orbig in Gießen abgehaltene Kreiskonferenz wurde kurz nach 10 Uhr von dem Vorsitzenden des Kreisvereins Gen. Beck⸗ mann eröffnet. Sie war stärker besucht als ihre Vor⸗ gänger; es sind 40 Delegierte aus 15 Orten anwesend. Zu Vorsitzenden werden Beckmann und Häuser⸗Stein⸗ berg gewählt. standes und weist darauf hin, daß im verflossenen Jahre die Zahl der organisterten Parteigenossen sich erfreulich erhöht habe und Ende Juli 820 betrug. der Verein in Li sch wegen Lokal⸗ und anderer Schwierig⸗ keiten ein, doch es wurden neue Vereine gegründet in Bersrod, Lindenstruth, Reiskirchen und Garbenteich, die sich gut entwickeln. Ende vorigen Jahres wurden 12 000 Landkalender verteilt. Ferner wurden eine Anzahl Versammlungen abgehalten und außerdem war der Vorstand bemüht, darauf hinzuwirken, daß die nichthessischen Parteigenossen sich möglichst in den hessischen Staatsverband aufnehmen lassen und war bei Erledigung der Formalitäten vielfach behülflich. Der nach einem früheren Konferenzbeschlusse bei dem Kreis⸗ amt gestellte Antrag auf Errichtung eines Gewerbege⸗ richts für den Kreis Gießen hat den Erfolg gehabt, daß Erhebungen angestellt werden, die Errichtung eines Ge⸗ richts in Aussicht stellten. Das Kreisfest verlief aufs beste, doch ergab sich ein kleiner finanzieller Mißerfolg, ein Defizit von 29 Mk. Verschuldet ist das Defizit zum Teil durch das Regenwetter, dann aber auch durch ver⸗ hältnismäßig hohe Ausgaben für Umzäumung ꝛc. Der Kassenbericht vom 1. August 1904 bis 21. Juli 1905 weist eine Einnahme von 1055,92 Mk. und eine Ausgabe von 857,26 Mk. auf. Es verbleibt demnach ein Bestand von 198,66 Mk. Die Sterbekasse ver⸗ zeichnet 263,63 Mk. Einnahme und 248,30 Mk. Aus⸗ gabe. Das angelegte Vermögen beträgt 368,60 Mk. An den Bericht schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion. Wacke r⸗Wieseck cegte an, für die Kreisfeste eine trans⸗ portable Tribüne zu beschaffen. Vetters und Fourier wünschen, daß zur Winterszeit lebhaftere Agitation ent⸗ faltet werde, außerdem regt ersterer an, ob es sich nicht empfehle die Funktionen des Vertrauensmannes dem Vorsitzenden des Kreis wahlvereins zu übertragen. Dagegen spricht sich Krumm aus, der im übrigen der Meinung ist, daß in Bezug auf Agitation genügend geleistet worden wäre. Man könne auch nicht, alles vom Vor⸗ stand verlangen, die einzelnen Parteigenossen müßten auch das ihre tun. lich eine Gemeindekonferenz abzuhalten. Bock meint, daß in Gießen selbst noch für Agitation ein weites Feld sei. Die Kalender könnten auch nicht allzufrüh herausgegeben werden. Häuser tritt für Schaffung einer Bezirkseinteilung zur besseren Agitation ein. Beck⸗ mann geht im Schlußwort auf die einzelnen Kritiken ein. Der Vorstand habe getan, was in seinen Kräften gestanden. Der Antrag Wackers betr. Anschaffung einer Tribüne für das Kreisfest wird abgelehnt, derjenige von Häuser(Einberufung einer Gemeindevertreter⸗Kon⸗ ferenz) angenommen. gewählt: Beckmann, Vetters, Bock, Diehl, Steinmüller⸗ Heuchelheim, Haas⸗Steinberg, Becker⸗Altenbuseck. Hierauf folgte eine längere und sehr lebhafte Debatte über die Presse, die mit Annahme einer Resolution endete, in welcher der Kreisvorstand ersucht wird, die Schaffung eines täglichen Blattes in Erwägung zu ziehen. Im weiteren werden 3 Revisoren zur Prüfung der Jahresrechnung gewählt.— Zur bevorstehenden Land⸗ lagswahl sprach Gen. Beckmann einige einleitende Ausführungen. Er weist besonders darauf hin, wie Ersterer erstattet den Bericht des Vor⸗ Leider ging Häuser⸗Steinberg beantragt alljähr⸗ In den Vorstand werden VCC 90. — ch den pollen sragz⸗ t ber. satt⸗ bbenbe, teung (Acht luser⸗ eullche . statt⸗ lischen vollen, ewährt ihter chalts⸗ werden bandes Ftanl⸗ dungen Nach erband ultur⸗ andten cheote⸗ ragen isez ig in ach 10 „Beck e Vur⸗ vesend. Seit Vor Jahte reulich r ging wierig⸗ det i und rigen Fernen f uh wirken, bt. ib wal h. De Krelz⸗ ubege⸗ t. daß 1 Ge⸗ f auß jersolg, it zun ch bete „ Del Jul d elne nag e bel⸗ Auß⸗ 0 M., stoß trans rie! u ett b nich b del ageßel einn fla 1 Vol⸗ en auß ih meint, welle 10 afl 0 lte Kriftel 10 eilt ien allol Wendel mülle⸗ Nr. 36. Mittel deutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. durch die rückschrittliche Mehrheit die Wahlreform hinter⸗ trieben worden und manche das minderbemittelte Volk schwer schädigende Gesetzesbestimmung beschlossen worden sei. Es sei nötig, daß unsere Partei, die allein die Interesse der ärmeren Bevölkerung vertrete, mehr Ver⸗ treter in den Landtag entsende. Als Kandidaten für den Wahlkreis Gießen⸗Land schlägt er den Genossen Vetters vor. Dieser erklärt, daß er die Kandidatur annehme und im Falle der Wahl seine Pflicht gewissen⸗ haft erfüllen wolle. Die Vertreter der zum Wahlkreis gehörigen Orte beschließen hierauf einstimmig, Vetters als Kandidaten aufzustellen.— Ueber die Aufgaben des Parteitages referiert Vetters. Nach kurzer Dis⸗ kussion wird beschlossen, den Parteitag zu beschicken und Vetters mit der Vertretung unseres Kreises beauftragt, — Das nächstjährige Kreis fest soll in Hausen ab⸗ gehalten werden. Außer diesem Orte hatten sich noch Rödgen und Lollar darum beworben, für letzteres trat, Forbach⸗Lollar ein. Die Tagesordnung war damit er⸗ ledigt und der Vorsitzende schloß die Konferenz mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie. 8. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozial⸗ demokratische Wahl verein hielt am Samstag seire regelmäßige Versammlung ab. In An⸗ betracht der Wichtigkeit der Tagesordnung wäre es erwünscht gewesen, wenn die Genossen etwas zahlreicher erschienen wären. Zunächst erstattete Genosse Häuser Bericht von der Landeskon⸗ ferenz. Er erörterte die Beschlüsse und Ver⸗ handlungspunkte derselben in eingehender Weise. In der Diskussion erklärte man sich mit den Beschlüssen der Konferenz, sowie mit der Tätig⸗ keit des Delegierten einverstanden. Ferner wurde die Tagesordnung der Kreiskonferenz besprochen und den Delegierten aufgegeben, für eine bessere Ausgestaltung unserer Presse und intensivere Agitation einzutreten. Im Verschiedenen wurden noch die politischen Tagesfragen besprochen. — Versammlung in Trohe. Sonn⸗ tag, den 10. September findet im Lokale des Herrn Seipp in Trohe eine Versammlung statt, zu welcher die Parteigenossen von Alten⸗ buseck, Rödgen, Wieseck und Trohe hiermit eingeladen werden. Der Delegierte zur Landes⸗ konferenz, Genosse Wacker⸗Wieseck wird hier über diese Bericht erstatten. Außerdem wird voraussichtlich Genosse Vetters⸗Gießen über ein noch zu bestimmendes Thema sprechen. Zahlreiches Erscheinen der Parteigenossen wäre erwünscht. Aus dem Nreise Sriedberg⸗Püdingen. d. Antisemitischer Bauernfang. In Rommelhausen hielt am Samstag der Antisemitrich Reuter aus Offenbach eine Ver⸗ sammlung ab, um für die Wahl des Bauern⸗ bündler Bär in den Landtag zu agitieren. In seiner Einleitung schwafelte er zuerst etwas von Reichspolitik, wobei er über unsere Partei herzog. Seine Ausführungen waren wieder die alten, welche er vor etlichen Wochen hier in einer Versammlung dem Genossen Busold gegenüber zum Besten gab. Juden als sozial⸗ demokratische Führer, Börsenjuden als Sozial⸗ demokraten usw., das waren die Phrasen, mit denen er zu imponieren suchte. Als er dann auf die Landtagswahl zu sprechen kam, fing er an die Sozialdemokraten zu loben, weil die sozialdemokratischen Abgeordneten bei der Kom⸗ munalsteuergesetzborlage geschlossen mit den Antisemiten gegen einzelne Bestimmungen ge⸗ stimmt hätten. Nun, uns ist's gleich, welcher 94850 beiden Kuddelmuddel⸗Männern gewählt W 5„ Aus dem Rreise Wetzlar. *Die Fleischteuerung und ihre wahren Ursachen lautet die Tagesord⸗ nung einer diesen Sonntag, nachm. 3 Uhr im Lokale des Herrn Trinkhammer(Göth's Garten) stattfindenden Volksversammlunng. Die Metzgerinnung, sowie der lendwirtschaft⸗ liche Verein sind zu dieser Versammlung be⸗ sonders eingeladen. Der letztere sollte von dieser Einladung unbedingt Gebrauch machen und das seinige zur Abstellung der Fleischnot tun. Denn daß eine solche tatsächlich existtert, hat vor kurzem selbst der frühere konservative Ab⸗ geordnete Schlabach in einer Versammlung des land wirtschaftlichen Vereins zugegeben. Aber auch ohne dies wird sie ja jeder Familie auf das empfindlichste fühlbar. h. Einigkeit und Praktiken der Metzger. Während einige Innungsmetzgermeister durch Plakate an⸗ kündigen, daß sie Wurst zu den alten Preisen verkaufen, haben andere überhaupt nicht aufgeschlagen. Den Herren, welche die Kantine der Sophienhütte mit gefüllten Därmen versehen, hat der Generalgewaltige Kafser angekündigt, falls sie aufschlagen, würde die Wurst von sonstwo be⸗ zogen. Und die starken Helden beugten sich und lieferten zum alten Preis: 50 Pfg. das Pfund Blut⸗ und Leber⸗ wurst. Diplomat Kaiser denkt eben: alte Preise, alte Löhne. Aber weshalb verlangen dieselben Herren von ihrer Ladenkundschaft 70 Pfg. für die gleiche Ware? Gibt es eine besondere Sorte„Hüttenwurst“? h. Zum Gedächtnis Lassalles hielten die Wetzlarer Parteigenossen am Sonntag in Gleiberg eine Versammlung ab, in welcher Parteisekretär Rudolph⸗Frankfurt über Lassalles Leben und Wirken sprach. Die Ver⸗ sammlung war gut besucht und nahm das Referat beifällig auf. Ein merkwürdiges und ungewöhnliches Verlangen stellte der über⸗ wachende Gendarm, der jedenfalls zum ersten⸗ male in einer Versammlung war und diese mit einer Kontrollversammlung verwechselte. Er forderte nämlich die Besucher auf, ihre Stöcke und Schirme außerhalb des Lokales abzustellen! Später erst leuchtete ihm doch wohl das Zweck⸗ lose dieser Maßregel ein und von den zuletzt Erschienenen verlangte er es nicht mehr. Der Mann braucht keine Augst zu haben. Er wird die Erfahrung machen, daß die Sozialdemo⸗ kraten weder sich noch Andere verprügeln. k. Polizeiliche Krankheitsverhü⸗ tung. In Krofdorf bemüht sich die Poltzei sehr, die Verbreitung von Viehseuchen zu ver⸗ hüten. Es darf deshalb kein verendetes Vieh untergescharrt werden, bevor durch den Tierarzt festgestellt ist, an welcher Krankheit das Vieh gefallen ist. Nun ist es in letzter Zeit öfters borgekommen, daß verendetes Vieh eine Reihe von Tagen auf dem Rasen, wo es nach der Verendung hingebracht werden muß, unverscharrt liegen blieb, weil der Tierarzt es nicht eher besichtigen konnte. Am vergangenen Dienstag wurde sogar ein Schwein vergraben, das vom Montag, den 21. bis Dienstag, den 29. August, also volle acht Tage, frei auf dem Rasen gelegen hat! Den Besitzer des Tieres trifft daran keine Schuld, er hat sofort den Fall der Behörde angezeigt. Soll aber durch ein solches Verfahren die Seuchengefahr vermindert werden? Welches Unglück kann daraus entstehen! Wie leicht kann durch eine Fliege, die an den Kadaver ging, das Gift auf einen Menschen übertragen und so dessen Tod herbeigeführt werden. Die Behörde sollte doch hier etwas mehr Vorstcht walten lassen. k. Krofdorf. Unsere Nottz in voriger Nr. der Mitteld. Sonntagsztg. über die Zu⸗ stände in der Zigarrenfabrik Georgi bedarf einer kleinen Berichtigung. Es ist dort in Bezug auf Herrn Gerlach infolge eines Druckfehlers ge⸗ sagt, daß er jungen und älteren Fabrikarbeite⸗ rinnen gegenüber nicht liebreich sei. Damit tut man Herrn Gerlach unrecht. Das Gegen⸗ eil ist richtig, es muß heißen: sehr liebreich. Und es trifft auch dieser Ausdruck noch nicht das Richtige, es kann getrost gesagt werden, daß Werkmeister Gerlach seine Liebe geradezu verschwendet. Er verteilt sie nur etwas ungleich, die männlichen Arbeiter merken gar nichts davon. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Parteiversammlung. Ueber das neue Organisationsstatut und den Parteitag in Jena sprach Gen. Rudolph ⸗Frankfurt, der Parteisekretär für Hessen⸗ Nassau, in eiuer am Mittwoch vor 8 Tagen bei Jesberg abgehaltenen Parteiversammlung. In einem 1¼ stündigen Vortrage besprach Redner eingehend die wichtigsten B:⸗ stimmungen des Entwurfs, den die vom Bremer⸗Parteitag eingesetzte 23er Kommission ausgearbeitet hat. Wie groß das Interesse der Genossen im Reiche an der Or⸗ gauisationsfrage sei, gehe aus den nicht weniger als 350 Anträgen hervor, die zu dem Entwurfe einge⸗ gangen sind. Zu dem Parteitag in Jena meinte Redner, es werde voraussichtlich über die Frage des politischen Massenstreiks und die Maifeier zu lebhaften und ernsten Debatten kommen. In der sich an den Vortrag anschließenden Debatte wurde über einige Bestimmungen des Statuts und die dazu gestellten Anträge debattiert, ferner besonders die Frage erörtert, ob in Marburg neben dem Wahlverein noch die sogenannte lose Organi⸗ sation bestehen bleiben soll. Die meisten Redner 1 und auch Gen. Rudolph sprachen sich für Aufhebung der losen Organisation aus, doch wurde ein Beschluß darüber nicht gefaßt.— Mit den Stadtverord⸗ netenwahlen befaßte man sich nur kurz. Der Vor⸗ stand des Wahlvereins wurde mit den nötigen Vor⸗ arbeiten beauftragt. Maßregelung. Die Bauhilfsarbeiter haben die Forderung auf Einführung der 10 stündigen Arbeits⸗ zeit an die Unternehmer gestellt. Als der Vorsitzende der Bauhülfsarbeiter am Mittwoch die Forderung ein⸗ reichte, wurde er sofort von der Firma„Frankfurter Beton Gesellschaft“, wo er beschäftigt ist, entlassen. Hoffentlich lassen es seine Kollegen nicht an der nötigen Solidarität fehlen! Geisteskrank. Der Lehrer Minzel aus Weidenfeld, der vor einiger Zeit seine jugendliche Ge⸗ lieble erstach, wurde, nachdem er 6 Wochen in der Landesirrenanstalt zugebracht hatte, für geisteskrank er⸗ klärt und auf freien Fuß gesetzt. * Herr Lehrer Schulz in Redde⸗ hausen bestreitet in einer Zuschrift an uns, daß er es gewesen sei, der im Frühjahre einige sozialdemokratische Flugblattoerteiler grob ange⸗ fahren habe, wie das in unserem Blatte berichtet wurde. Uns ging die betr. Mitteilung von zuverlässiger Seite zu, doch haben wir keinen Grund an den Versicherungen des Herrn Lehrers zu zweifeln. Es kann ja immerhin bei den Flugblattverteilern ein Irrtum in der Person vorliegen. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 3. September vormittags 2 10 Uhr: Nreiskonferenz im Lokale„zum Stadtpark“ in Alsfeld. Tagesordnung: 1. Vorstands⸗ und Kassenbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes, 3. Agitation und Organi⸗ sation. 4. Vortrag des Gen. Dr. R. Michels über: Der Parteitag in Jena. Die Parteigenossen aus dem Kreise wollen sich zahl⸗ reich an der Konferenz beteiligen und ihre Delegierten entsenden. An die Parteigenossen von Hausen und Garbenteich. Parteigenossen! Sonntag, den 3, September nachmittags 4 Uhr findet in Garbenteich bei P. Becker„zum kühlen Grund“ eine Versammlung statt. Tages⸗Ordnung:„Berichter⸗ stattung von der Landeskonferenz in Alzey“. Referent: K. Häuser⸗ Steinberg. Wir ersuchen zu dieser Ver⸗ sammlung recht zahlreich zu erscheinen. Die Vorstände der Arbeitervereine Hausen und Garbenteich, An die baugewerblichen Arbeiter des Großherzogtums Hessen! Arbeitsgenossen! Auf Anregung der Bauarbeiter hat die Bauarbeiterkommission zu Offenbach a. M. im Einverständnis mit dem dortigen Gewerkschaftskartell beschlossen, Sonn— tag, den 1. Oktober ds. Is. eine Bauarbeiterschutz Konferenz nach Offenbach a. M. einzuberufen. Tagesordnung: 1. Der Bauarbeiter⸗ schutz der Gegenwart und Beratung weiterer Maßnahmen. 2. Unsere Forderungen an die Regierung und Kommunalbehörden. 3. Anträge. 4. Wahl einer Landeskommission für Bau⸗ arbeiterschutz.. Alle Anfragen und Zuschriften gehen an die Bauarbeiterschutz-Kommsssion Offenbach a. M., Gewerkschaftshaus, Austraße 9. J. A. der Bauarbeiterschutz⸗Kommission F. Weber, Domstraße 60. Versammlungskalender. Samstag, den 2. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 6¼ Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag von Kollege Weidner⸗Frankfurt.— Metallarbeiter. Abends 8 ¼ Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 3. September. Krofdorf⸗Gleiberg. Wahlverein. Nachmittags 31½ Uhr Mitgliederversammlung bei Gastwirt Feußer in Gleiberg. Mittwoch, den 6. September. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Wetzlar. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung in der„Glocke“. Samstag, den 9. September. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wacker. Wetzlar. Wahl verein. Jeden zwetten und vierten Samstag im Monat, abends 9 Uhr, Versammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 36. Von Nah und Fern. Eine Spielhölle in Mainz. Vorige Woche hatte sich vor der Mainzer Strafkammer der Restaurateur Eugen Ulrich, Besitzer einer Bodega„auf der Insel“ in Mainz, wegen Duldung des Glücksspiel zu verant⸗ worten. Aus der Verhandlung ging hervor, daß die Bodega eine Spielhölle ersten Ranges ist. Besonders O ffiziere spielten stark und namentlich Husarenoffiziere. Aber auch Zivilisten beteiligten sich, so ein Rechts⸗ anwalt aus Lauterbach, an den der Wirt selbst 1000 Mk. verlor und noch zu zahlen hat, und andere aus der„besseren Gesellschaft“. Der Buchhalter einer Brauerei, der kürzlich nach Unterschlagung von 15000 Mk. flüchtig geworden, war gleichfalls eifriger Spieler. Es wurde wie bei Ruhstrat in Oldenburg„ge⸗ pokert“, die„lustige Sieben“ und„Sieb- zehn vier“ gespielt. Der Angeklagte wurde zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt. Verhafteter Kassierer. In Bensheim im Odenwald wurde vorige Woche der Rechner der dortigen Ortskranken⸗ kasse, Adler verhaftet und in das Amtsge⸗ richtsgefängnis eingeliefert. Er wird be⸗ schuldigt, Kassengelder in Höhe von 4300 Mark unterschagen zu haben. Adler war Ordnungsstütze, Kriegervereinler und Zentrumsmann. Vor einigen Tagen machte er noch einen Ausflug nach Norddeutschland mit dem Kassenvorsitzenden. Bei der letzten Ver⸗ treterwahl verdächtigten auch in Bensheim die Ordnungsblätter auf alle mögliche Art und schrieen, die Sozialdemokraten wollten die Kasse ruinieren. Jetzt sieht man, wer die Kasse ruiniert. N Vorsicht mit Petroleum! Ein schreckliches Ende haben im Jahre 1904 zweihundert Personen in Deutschland deshalb gefunden, weil ste leichtsinnig genug waren, aus gewöhnlichen Kannen oder Flaschen Petroleum oder Spiritus nachzugießen. Diese Tatsache sollte allen, vor allem aber den Hausfrauen und Dienstboten zur Warnung dienen. Leider wird trotz aller Mahnung zur Vorsicht immer wieder die Unsitte geübt, Petro⸗ leum oder Spiritus ins Feuer oder in die noch heißen Kochapparate zu gießen, so daß die Mög⸗ lichkeit einer Explosion, die ganz erhebliche Ge⸗ fahren herbeiführen kann, nie ausgeschlossen ist. Fortsetzung von Seite 3 des Berichts des Parteivorstandes.) Wahlrechtser weiterung und Wahl⸗ rechtsraub. In Bayern, Württemberg, Ba⸗ den und Hessen wurden in den letzten Jahren Gesetze, betreffend Erweiterung des Wahlrechts, beraten und in Baden dieses Gesetz zur An⸗ nahme gebracht, so daß daselbst in diesem Herbst zum ersten Mal ein Landtag auf Grund des allgemeinen, gleichen Wahlrechts gewählt wird. In den unter Einfluß der Scharfmacher stehenden Staaten ging Sachsen voran und raubte bereits 1897, indem es das von Bis⸗ marck als elendeste aller Wahlsysteme bezeichnete Dreiklassenwahlsystem einführte, den Arbeitern jeden Einfluß auf die Landesgesetzgebung. Die⸗ ser Wahlrechtsraub hatte eine Wirkung, die von den Großkapitalisten weder vorausgesehen och gewollt ist. Man brachte den Industrie⸗ staat Sachsen unter eine agrarische Gesetzgebung. Wohl wollten die Großkapitalisten die Arbeiter ron der Gesetzgebung ausschließen. In dem blinden Haß gegen die Arbeiter übersahen sie bie weitere Wirkung des Wahlrechtsraubs. Die Sozialdemokratie in Sachsen wurde aber nicht geschwächt, sondern gestärkt, weil vielen sonst indifferenten Leuten die Augen geöffnet wurden, die nun einsahen, daß die sogenannte Gerechtig⸗ keitsliebe bei den Herrschenden im Klassenstaat völlig fehlt. Man hätte erwarten können, daß das Bei⸗ spiel Sachsens die Scharfmacher in anderen Staaten stutzig gemacht hätte, da sie meistens keine rein agrarische Herrschaft wollen. Dumm⸗ heit und Brutalität gehen bei den Scharf⸗ machern Hand in Hand und deshalb ließen sie nicht nach, auch in anderen Staaten ihre Zwecke zu verfolgen. Ein Hauptversuchsstaat für scharf⸗ macherische Gewaltpolitit ist Lübeck. Dort brachte man es zuerst fertig, den Erpressungs⸗ paragraphen gegen streikende Arbeiter anzu⸗ wenden; dort wurde auch das vom Reichsgericht aufgehobene Streikpostenverbot erlassen, also dieser Boden eignete sich vorzüglich für die Saat der Scharfmacher. Zwar hat Lübeck für seine Landesgesetzgebung kein besonderes moder⸗ nes Wahlrecht. Denn, obwohl bei der letzten Reichstagswahl 55,1 Prozent der Stimmen für den Kandidaten unserer Partei abgegeben wur⸗ den, ist es unseren Genossen bisher noch nicht gelungen, auch nur einen einzigen Vertreter in die Bürgerschaft zu bringen. Als nun die Ar⸗ beiter begannen das Bürgerrecht zu erwerben und dafür 30 Mk. opferten, wurden sie plötzlich um die ersparten Gelder betrogen, indem man den 1200 Mk.⸗Zensus einführte. Später machte man den Wahlrechts raub vollständig und man schaffte ein Wahlgesetz, wonach 14500 Reichs⸗ tagswähler mit weniger als 1200 Mark Jahres⸗ einnahme gar kein Wahlrecht haben. 6000 Bürger mit 1200 bis 2000 Mk. Jahreseinnahme wählen 15 Mitglieder und die 2000 Bürger mit mehr als 2000 Mk. Jahreseinnahme wählen 105 Mitglieder in die Gesetzgebung der Geldsacks⸗ republik. Hier zeigt sich auch der Freisinn wieder als Wahl rechtsräuber. Die früheren freisinnigen Reichstagsabgeordneten Poertz und Stiller und die lange Reihe der Freisinnsgrößen Lübecks traten für den Wahlrechtsraub ein. Das Schamgefühl ist bei den Vertretern der Geldsackspartei völlig geschwunden. Sie hören selbst auf, noch Heuchelei mit den Worten Gerechtigkeit und Freiheit zu treiben und zeigen mit brutaler Offenheit den wahren Charakter der Bourgeoiste. Der Staat ist für sie eine Institution zur persönlichen Bereicherung und Förderung ihrer Klasseninteressen. Das wurde hier ziemlich unverblümt zugegeben, indem man durch diese Gewaltmittel diejenigen aus der Gesetzgebung fern zu halten sucht, von denen man annimmt, daß sie für das Gemeinwohl eintreten werden. Lübeck fand bald in Ha m⸗ burg einen Nachahmer. Das reine Patrizier⸗ regiment hat Hamburg schon furchtbaren Schaden zugefügt. Die unter Oberleitung der Haus⸗ agrarier stehende Mißwirtschaft hat jene Zustände geschaffen, die im Jahre 1892 durch die Cholera aus Licht gezogen wurden und damals das Entsetzen der ganzen Welt erregten. In der Erregung hatte man damals etwas nachgegeben und eine geringe Verbesserung eintreten lassen. Der Bericht bespricht dann die Hamburger Wahlrechtsraub⸗Vorlage eingehend, die sich be⸗ kanntlich noch im Stadium der Beratung befindet. Fortsetzung folgt.) Kirche und Religion. Es wird so viel über die Gott⸗ und Religions⸗ lostgkeiten unserer Zeit geklagt. Brachte es doch neulich ein kath. Geistlicher sogar übers Herz, am Grabe der verunglückten Bergleute der„Borussia“ in seine Trostrede den Ge⸗ danken einzuflechten, die Gottlosigkeit der Menschen fördere derartige Unglücksfälle als Racheakte des zürnenden himmltschen Gebieters heraus! Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob das Bild, das sich dieser Priester von seinem Gott macht, wirklich allgemeiner, religtöser Verehrung würdig wäre. Dann erübrigt noch die zweite Frage: Woher wissen die Geistlichen, die mit solchen Vorwürfen freigebig sind, daß die Menschen so religionslos geworden seien? Haben sie etwa allen in die Herzen geschaut? Oder können sie etwa so genau nachweisen, daß die Summe von Schlechtigkeiten und Verbrechen so sehr zugenommen hätte? Man lese nur einmal was der heilige Gregor von Tours von seinem christlichen Gebieter, dem König Chlodwig erzählt! Man denke an die ewig weitherzige Moral, wie sie am Hofe Karls des Großen herrschte! Man versetze sich einmal in die Zeiten des allerchristlichsten Königs Ludwig XIV. Nach dem allen die fortschreitende Gottlostgkeit unserer Zeit beweisen zu wollen, das dürfte so leicht nicht sein. Aber freilich die Herren Theologen haben einen besonderen Maßstab, an dem sie die Frömmigkeit der Menschen messen. Es ist die Kirchlichkeit. Sie sehen, daß die Leute immer weniger zu ihnen in die Kirche kommen, das wachet—(um mit Wilhelm Busch zu reden)— die böse Zeit, man höret nicht auf die Geistlichkeit. Und wenn man dann die Kirche mit der Religion einfach gleichsetzt, dann ist freilich der Schluß leicht ge⸗ ae And die unkirchlichen Leute auch unreli⸗ giöse sind. Dieser Schluß aber ist falsch und eine bittere Ungerechtigkeit gegen viele, echt religtöse Menschen, weil seine Voraussetzung falsch ist. In Wahr⸗ heit ist die Kirche gar nicht die Religion selbst, sondern eine von menschlichem Denken geschaffene, daher auch eine unvollkommen und stets wieder reformbedürftige Ausdrucksform derselben. Auch im schwarzen Rock des Priesters steckt doch immer nur ein menschliches Herz und ein menschlicher Verstand. Daß das Wort„Priester⸗ hochmut“ so sehr geläufig geworden ist, ist leider ein Zeichen dafür, daß nicht alle Vertreter dieses Standes mit jener einfachen Tatsache sich be⸗ scheiden mochten. Nur allzuoft treten sie auf, als ob jeder Strich ihres Weltbildes eine gött⸗ liche Eingebung und eine unbedingte Wahrheit sein müsse. Sie lassen vor sich und vor andern nur zu gern außer acht, daß die Formulierung eines jeden Glaubenssatzes ihre Geschichte daß Alles was ste als geheiligte Weis⸗ heiten lehren, nur als Ergebnis von Streit und Widerstreit menschlicher Ansichten auf Synoden und Konzilen, in Büchern und Er⸗ lassen zu Stande gekommen ist. Was aber so wird auch im Lauf der Zeiten wieder ver⸗ schwinden, was sich gestern und vorgestern ge⸗ ändert hat, das wird auch morgen und über⸗ morgen nicht stille stehn. Und wo eine Geist⸗ lichkeit zu starr an veralteten Formeln festhält, fordert sie dadurch nur eine um so rücksichte⸗ losere Revolution gegen sich heraus. So ent⸗ stand die protestantische Kirche neben der katholischen, so entstanden auch andere Ab⸗ splitterungen noch, die Sekten. Dabei könnte es fast komisch wirken, wenn es nicht so traurige, moralische Folgen hätte, daß nun jeder abge⸗ splitterte Teil für sich die wahre Religion zu besitzen in Anspruch nimmt, ähnlich, wie jeder feh eines zerstückelten Wurms das Leben esthält. 5 Ein wirklich religiös empfindender Mensch wied sich die ewige, unendliche, göttliche Macht doch wohl erhaben vorstellen müssen, sowohl über die einzelnen entwicklungsgeschichtlichen Abschnitte der Kirche, als auch über die engeren oder weiteren Schranken der Sekten und Kon⸗ fesstonen. Jedes Volk hat dieses allgemeine religiöse Ahnen, in jedem Volk finden wir dann aber auch das Bestreben, dieses Ahnen und Fühlen in äußere Formen eines Bekenntnisses und Kultus zu bringen. Und diese Formen haben wiederum Alle eine Neigung: sich zu ver⸗ härten. Sie halten nicht leicht Schritt mit der übrigen Kulturentwicklung der Völker. Zere⸗ monien sollen erfüllt werden, bei denen der Mensch doch nichts mehr zu fühlen vermag, Lehren sollen geglaubt werden, bei denen sich ein fortgeschrittener Geist beim besten Willen nichts mehr denken kann. So kommen aus tiefinneren Naturnotwendigkeiten, ja gerade aus der tiefstempfundenen Religtösttät heraus, die Anstürme und Kämpfe gegen das nur noch künstlich erhaltene Gebäude. So tritt Buddha auf in Indien gegen den Kastenstolz der Brah⸗ manen, so weist Sokrates vor den glänzenden Marmortempeln der Grtechen auf die Gottheit hin, die im Herzen des Menschen wohnt, so vertreibt Christus Pharisäer und Schriftgelehrte aus dem himmlischen Zion, um es Zöllnern und Sündern einzuräumen. (Schluß folgt.) Bemüht Parteifreunde! nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! im Laufe der Zeiten entstand, das kann und 1 1 ie e E(— Kr r o — Oo VDO r e PPP — Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. 1 2 Es geht auch ohne Asuig. Der König rief:„Nein!“— Das Volk rief:„Ja!“ Sonst ward nicht viel gesprochen. Nun sitzt das Tand ohne König da; Das Bündnis liegt zerbrochen. Und sieh: Kein Gott zur Erde kam, Den gräßlichen Frevel zu rächen. Sum Teufel nur ging der höfische Kram, Das Volk muß weniger blechen. Sonst aber rauschen die Ströme all' Wie früher mit tosender Schnelle, Es bricht in den Fjorden mit Donnergeprall Am Fels sich die brandende Welle. Die Gletscher glitzern in gleißender Pracht, Als wäre nichts geschehen. Und hoch in der düster prangenden Nacht Sieht man das Vordlicht stehen. Und aller und jener Ehrfurcht bar Umtollt der Seehund die Schäre; Still über den Bergen kreist der Aar, Als ob's noch beim Alten wäre. Und auch der Frühling grünt und blüht, Es sprießt an allen Enden. Auf's Meer manch tanzende Barke zieht, Gelenkt von nervigen Händen. Und weiter die Sonne das Cand erhellt. Schier illoyal und höhnisch, Als wollte sie künden der staunenden Welt: „Es geht auch ohne König!“ (Aus d. Südd. Postillon.) Auf dem Holzweg. Humoreske von Viktor Lenz. „(Schluß. „Ich denke, jetzt müssen wir ihnen erst recht zuvorkommen,“ begann er.„Ueberlegen Sie einmal, was daraus entstehen kann, wenn wir sie nicht abfangen.“ „Vielleicht ist es möglich, es so einzurichten, daß sie diese... diese... Bomben, oder was es ist, für einen Augenblick hinlegen und inzwischen unschädlich gemacht werden,“ meinte der Bürgermeister. „Jedenfalls müssen wir uns besser be⸗ waffnen— ich hole auf alle Fälle meine Jagd⸗ flinte,“ sagte der Apotheker. Der Kandidat stand zähneklappernd da und sagte gar nichts. Das Herz war ihm plötzlich in die unterste Etage gefallen. „Vor Allem die anderen nichts merken lassen!“ flüsterte der Bürgermeister.„Wir rücken geschlossen nach der Waldschenke vor, be⸗ setzen dieselbe und warten ab, was kommt. Wer ein Gewehr besttzt, kann es holen.“ Gesagt, getan. Eine halbe Stunde später war die Waldschenke besetzt. Drei Mann mit Gewehren waren als Vorposten im Gehölz auf⸗ gestellt. Außer den vier Anführern hatte Nie⸗ mand eine blasse Ahnung von den Dingen, die da kommen sollten. Viertelstunde auf Viertel⸗ slunde verrann in banger Erwartung. Es war ein köstlicher Herbsttag, heilige Ruhe lag über Wald und Flur. Nur in den Herzen dieser Menschen sah es wild aus und finster. Endlich, kurz vor neun Uhr, wurden drei Gestalten auf der Landstraße sichtbar. „Da sind sie!“ rief der Apotheker, der sie zuerst erblickte. Ja, da waren sie— und sie trugen in der Tat Jeder etwas Rundes, in weißes Papier Gehülltes in der Hand. Und wie sie dabei lustig schwatzten und lachten— die entsetzlichen Menschen! 111 23 4 Schon überlegten die drei Scharfschützen, ob sie nicht anlegen und die Frevler, so lange ste noch nicht ganz dicht heran waren, ganz ein⸗ fach niederschießen sollten— da geschah etwas ganz Unerwartetes und unter den augenblick⸗ lichen Umständen schier Unerhörtes: Die drei Burschen legten die runden, weißen Gegen⸗ stände auf dem Straßenrande nieder und be⸗ gannen wie ein paar muntere Schuljungen über den Chausseegraben zu springen! „Jetzt oder nie!“ dachten die drei Mann auf Vorposten, und indem sie die Gewehre in die Luft abschossen und mit dem Kolben nach oben kehrten, stürzten sie mit lautem Hurrah! auf die Ahnungslosen ein. Und aus allen Winkeln der Schenke krochen nun auch die Anderen hervor und stürmten mit lautem Kampfgeschrei auf die Wahlstatt. Im Nu waren die drei Wanderer umzingelt, und unbarmherzig hieben die Biedermänner von Dingsdahausen auf die Wehrlosen ein, indem sie dieselben mög⸗ lichst von den drei„Bomben“ weg nach dem Wald zu drängen suchten. Im Hintergrund aber stand Bürgermeister Wansterl und rieb sich die Hände:„Das wär' soweit gelungen,“ sagte er im Stillen—„die kommen stcher nicht wieder.“ Aber die Bomben, die Bomben— was mit denen beginen? Mit scheuem Blick wandte er sich nach den gefährlichen Dingern um, da— sieh, was war das?— traten drei verschleierte Damen aus dem Gehölz ihm entgegen, und er erkannte zu seinem höchsten Erstaunen. seine Töchter!! „Nelli— Polli— Walli— was ist das?!“ stieß er mit dem Ausdruck des äußersten Be⸗ fremdens hervor. „Um Gotteswillen, Papa, die Herren wollten ja.. zu unt!“ schrie Walli ganz außer sich vor Schrecken, und ohne eine weitere Erklärung des entsetzten Papas abzuwarten, stürzte ste sich mit den beiden Schwestern in das Kampfge⸗ tümmel. Hieb auf Hieb sauste auf ihre zarten Körper nieder, aber ste achteten dessen nicht, sondern zogen eine Jede ihren Herzgeliebten aus dem Knäuel der Kämpfenden hervor und nach dem Chausseerande zu, wo der verblüffte Papa mit offenem Munde stand und einer leblosen Bildsäule gleich nach der seltsamen Szene hin⸗ starrte. g „Das ist ja Herr Müller aus Flinsdorf, Papachen— Studiosus Müller!“ stellte Walli unter heißen Tränen ihren Auserwählten vor, den der Kandidat so jämmerlich verbläut hatte, daß ihm das Blut aus Mund und Nase her⸗ vorquoll. „Und das Herr Feldmesser Meyer aus Grimmingen,“ wimmerte Polli, indem sie einen jungen Mann vor den gestrengen Herrn Papa führte, dem das ganze Gesicht braun und blau geschlagen war. f „Und das Herr Bahnasststent Schulze aus Flinsdorf,“ brachte Nellt schluchzend heraus, wobei ste auf ein bis zur Unkenntlichkeit zuge⸗ richtetes Menschenantlitz wies. Die Männer von Dingsdahausen, vom heißen Kampfe noch ganz erregt und gerötet, standen ganz verdutzt um den bestürzten Stadtvater und die drei Paare herum. 5 „Ein Mißverständnis, meine Herren— ein schreckliches Mißverständnis!“ murmelte endlich im Tone tiefsten Schuldbewußtseins Herr Wansterl, indem er den armen Opfern seines schlau angelegten Planes die Hand reichte, während gleichzeitig der Doktor, der Apotheker und der Kandidat sich an den Köpfen der Verwundeten zu schaffen machten.„Der Biskup ist an Allem schuld. Wo steckt er?“ „Hier bin ich, Herr Bürgermeister,“ versetzte der Poltzeisergeant, der soeben auf dem Kampf⸗ platze angelangt war.„Und hier sind die „Puketts“ für die jungen Damen— wohl ein Präsent von die Herren da!“. Mit pfiffiger Miene reichte er den tiefbe⸗ trübten Mägdlein die von der weißen Umhüllung befreiten„Bomben“. Der Bürgermeister maß ihn von oben bis unten mit einem vernichtenden Blicke. „Sie sind ein Esel, Biskup,“ brachte er endlich hervor—„ein ganz gewaltiger Esel!“ * 1 * Was aus den drei Pärchen weiterhin ge⸗ worden, das mögen unsere verehrten Leserinnen, wenn es ihnen Spaß macht, sich selber aus⸗ malen. Zum Schluß nur noch ein Wort von den Leuchtenburger Genossen, welche die Agitations⸗ Unbehelligt laugten sie mit dem zweiten Zuge im Städtchen an, wo sie bereits ein paar Freunde erwarteten und sogleich„in die richtige Schmiede“ geleiteten. Es war ein erfolgreicher, fröhlicher Tag für Gastgeber und Gäste. Niemand kümmerte sich um sie, die„Stützen der Gesellschaft“ hatten an der einen Blamage genug. Nicht Dynamit und Gewalt, nicht Aufruhr und Empörung wurden da gepredigt, sondern wahres Menschentum und Menschen⸗ würde, edle Brüderlichkeit und echter Geistes⸗ fortschritt. In aller Stille wurde das Samen⸗ korn in den frisch bestellten Acker gelegt, und die Zeit wird es lehren, daß selbst in Dings⸗ dahausen das Licht die Finsternis siegreich überwindet. Splitter. Das untrüglichste Armutszeugnis für eine gesellige Unterhaltung liegt dann vor, wenn sie auf Kosten anderer geführt wird. Klatsch jeder Art dokumentiert nicht allein leere Herzen, sondern auch hohle Köpfe. Reichel. *. * Dies über alles: sei dir selber treu, und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen. Shakespeare. Humoristisches Lieber nicht! Anläßlich der Diskusston über die Einrichtung des Befähigungsnachweises für Handwerker wurde von bürgerlicher Seite vorgeschlagen, auch den Antritt eines Ministerpostens gesetzlich von einem Nach⸗ weis der Befähigung abhängig zu machen. Sämtliche feudalen Familien Preußens haben sich jedoch mit einem überaus heftigen Protest gegen diesen Vorschlag gewandt. Kindermund. In der Familie kritisiert man den Ausspruch eines„hohen Herrn“ über den„inneren Feind“ und merkt plötzlich, daß das Söhnchen Zeuge des Gespräches geworden ist. Um nun zu hören, was es von dem Gespräch„aufgeschnappt“ hat, fragt man es: l „Nun, Freddy, welches ist der innere Feind?“ „Der Band wurm!“ Wenn Zwei dasselbe tun. Ver⸗ teidiger: Das Zeugnis dieser Frauensperson kann meinen Klienten, den Herrn Kommerzien⸗ rat Schürzenjäger durchaus nicht belasten, denn ein Weib, das sich für bares Geld dem ersten Besten zur Verfügung stellt, ist unter allen Umständen unglaubwürdig.— Zeugin: „Ach, sind's doch ruhig, Herr Rechtsauwalt! Wie Sie der Herr Kommerzienrat nich gut be⸗ zahlen tät, tätens auch nich an seine Unschuld glauben!“ Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka befindet sich jetzt Marktplatz 11 am Kriegerdenkmal. Literarisches. Dem sozialdemokratischen Parteitag ist das Septemberheft der„Sozialistischen Monats⸗ hefte“ gewidmet. Es enthält u. a. folgende Artikel: Eduard Bernstein: Zum sozialdemokratischen Partei⸗ tag in Jena.— Adolf v. El: Partei und Gewerk⸗ schaft.— Richard Calwer: Weltpolitik und Sozial⸗ demokratie.— Max Schippel: Die französische Handels⸗ politik in den Kolonieen. Ein Beitrag zu Marolkofrage. — Wolfgang Heine: Politischer Massenstreit im gegenwärtigen Deutschland?— Paul Kampfmeyer: Zur Maifeierfrage.— Dr. Hugo Lindemann: Zentralismus und Förderalismus in der Sozialdemo⸗ kratie.— Paul Hug: Der Entwurf eines neuen Organisationsstatuts für die sozialdemokratische Partei. — Otto Hue: Berggesetzgebung und Zentrums politik. — Wilhelm Kolb: Ueber das Zentrum und die Sozialdemokratie. Robert Schmidt: Ein Ausblick auf die nächste Zukunft unserer Sozialpolitik.— Julius Fräßdorf: Die Selbstverwaltung der Krankenkassen. Das 112 Seiten starke Heft kostet 50 Pfg. und ist bei der Expeditlou der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung reise nach Dingsdahausen unternommen hatten. zu beziehen. 1— . r — g. Seite 8. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeituna. Nr. 36. Dienstag, den 5. September abends 9 Uhr öffentliche Volkspersammlung im Saale Lony's Bierkeller, Schanzenstrasse 18. CTages⸗Orònung: Die jetzige Fleischnot und ihre Ursachen. Männer und Frauen! Erscheint zahlreich in dieser Versammlung zum Protest gegen die Aushungerung des Volkes! Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zestung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Wider die Pfaffen herrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert, Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 M. k Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Sonntag, den 3. und Montag, den 4. September: Kirchweihfest a2u Altenbhuseck wozu ergebenst einladet W. Becker, Wirt. Für gute Epeisen und Getränke ist bestens gesorgt. Staufenberg. Sonntag, den 3. u. Montag, den A. Septbr.; E Kirmes wozu höflichst einladet Louis Geissler, „Zum Kühlen Grund“. Glas., Porzellan- und Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen Lang& Wiederstein Marktstraße 4 Gießen Telephon 394 Edgar Borrmann, Giessen. Neustadt 11 2 Telephon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus⸗ und Küchengeräte⸗ Handlung Spaten Fandwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. 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