18. e ee 2 ts⸗ , leidet Röcke, f u. 1 en zu M.. 50 täten. und rnacht ufer lach u * Nt. 14. Gießen, den 2. April 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Solnt Mitteldeutsche 8-30 MNebaktion sing. Deunerztag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abounementspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗icung. Die 5 gespalt. Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) 33¼%% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Nabbi und Mönch oder Liberaler und Antisemit. In dem recht erbaulich zu lesenden Gedichte „Disputation“ schildert Heinrich Heine ein hitziges Wortgefecht, das sich in der Aula zu Toledo vor versammeltem Hofe zwischen Rabbiner und Kapuziner abspielt. Jeder der beiden will die„Wahrheit“ seiner Religion nachweisen und den Gegner dazu bekehren. Dabei beschimpfen sie sich und reißen einander derart herunter, daß schließlich die Königin Donna Blanka auf die Frage des Königs Pedro, ob der Jude oder der Mönch recht habe, erklärt: Welcher recht hat, weiß ich nicht— Doch es will mich schier bedünken, Daß der Rabbi und der Mönch, Daß sie alle beide stinken. Dieser Disputation aufs Haar glich die Debatte, schreibt die„Leipziger Volkszeitung“, die am Donnerstag voriger Woche im Reichs⸗ tage zwischen den antisemitischen und den freistnnigen Kämpen geführt wurde. Sie war politisch ohne alle und jede Bedeutung, aber kulturhistorisch hatte sie einen gewissen Wert. Man uacht den sozialdemokratischen Abgeordneten den Vorwurf, die Verhandlungen des Reichstags[durch„endlose Reden zu ver⸗ schleppen“, und es soll auch nicht bestritten werden, daß sie sich nicht kurz fassen können, wenn sie den gerechten Beschwerden der arbeiten⸗ den Klassen einigermaßen gerecht werden wollen. Aber wie unendlich hoch steht auch die un⸗ bedeutendste soztaldemokratische Rede über dem tronlosen Gewäsche, das am Donnerstag im Reichstage vollführt wurde, wo die„staatser⸗ haltenden“ Parteien unter sich waren. An dieser Sitzung läßt sich studteren, wie sehr die moderne Arbeiterbewegung das Salz des bürger⸗ lichen Parlamentarismus geworden ist, der sich schon mitten in der Liquidation durch seine historischen Erben befindet. Man wird uns nicht im Verdacht irgend⸗ welcher Sympathie für den Antisemitismus haben. Er ist die historisch reaktionärste Be⸗ wegung, die es im modernen Leben überhaupt ibt und die Hegel schon vorahnend mit den orten gekennzeichnet hat, daß sie von nichts durch nichts zu nichts komme. Er ist der dumpfe Widerstand, der von den rückständigsten Elementen der kleinbürgerlichen und kleinbäuer⸗ lichen Bevölkerungsklassen gegen die umwälzende Macht der kapitalistischen Produktionsweise er⸗ hoben und von einigen Demagogen, die sonst zu nichts in der Welt taugen, mit abgehausten Schlagworten genährt wird. Er hat kein Pro⸗ gramm und kann auch kein Programm haben, denn wenn er wirklich der kapitaltstischen Pro⸗ dukttonsweise an den Kragen wollte, so müßte er entweder die realen Ziele der Sozialdemokratie verfolgen oder aber sich zu der rückläufigen Utopie bekennen, daß die geschichtliche Entwick- lung des letzten Jahrhunderts umzukehren und die zivilisterte Welt wieder in die Verfassung zu setzen sei, worin sie sich vor hundert Jahren befand. Diese Utopie ist freilich auch für ihn zu dumm, während er wieder zu dumm ist, die sozialistische Weltanschauung zu begreifen, so daß er sich nicht anders zu helfen weiß, als durch bloßes Schimpfen auf die jüdischen Kapt⸗ talisten, das in aller Welt zu nichts führen kann, den Untergang zu bekämpfen, den die[Kapitalisten die Offtzierslaufbahn zu er⸗ kapitalistische Entwicklung über die kleinbäuer⸗ liche und kleinbürgerliche Bevölkerung verhängt. Wenn diese Bevölkerung selbst in ihren zurück⸗ gebliebensten Schichten den Juden als den eigentlichen Träger des ihr todfeindlichen Kapi⸗ talismus ansieht, so erklärt sich ihre Verblen⸗ dung aus dem Umstande, daß sich das Wucher⸗ kapital, das ihr unmittelbar auf den Leib rückt, zumeist in jüdischen Händen befand oder befindet. Allein auf eine so plumpe Verwechslung hin eine politische Agitation zu treiben, bekundet ein Maß reaktionärer Demagogie, wie es sonst nicht leicht zu entdecken ist. 5 Natürlich ist der Antisemitismus als poli⸗ tischer Faktor mit gänzlicher Unfruchtbarkeit geschlagen, und kommt auch über verhältnismäßig enge Grenzen nicht hinaus. Er kann nie mehr hinter sich bekommen, als dea kurzstchtigsten Rest einer Bevölkerungsklasse, die ohnehin dem historischen Untergange geweiht ist. Aber soweit es überhaupt noch möglich ist, entwickelt er ein verhältnismäßig zähes Leben. Das verdankt er in erster Reihe seinen freisinnigen Geg⸗ nern, die das Interesse des jüdischen Kapi⸗ talismus mit so törichten und, wenn es sein muß, auch so schnöden Mitteln vertreten, daß man den Antisemitismus schon sehr genau durch⸗ schauen muß, um nicht unwillkürlich auf die Vermutung zu geraten, daß an einer, in solcher Weise bekämpften Richtung doch wohl etwas sein müsse. In hunderten Fällen ist die Waffe der Denunziation gegen den Antisemitismus in einer Weise gehandhabt worden, die nur um so schimpflicher war, weil sie von angeblich frei⸗ sinnigen Leuten ausging. Und wenn es noch etwas intellektuell Trostloseres gibt, als die antisemitischen Schlagworte, so sind es die „geistigen Waffen“, mit denen der Freisinn diese Schlagworte bekämpft. Da ist z. B. die Behauptung, daß Kaiser Friedrich in seiner kronprinzlichen Zeit den Antisemitismus die„Schmach des Jahrhunderts“ genannt haben soll. Wäre es wahr, was wäre damit bewiesen, als daß dieser Fürst, wie üblich, keine blasse Ahnung von den sozialen Zusammen⸗ hängen der Zeit hatte? Auf keinen Fall mehr, als wenn der Oheim Kaiser Friedrichs, der König Friedrich Wilhelm IV., den Liberalismus mit noch viel schmeichelhafteren Kosenamen be⸗ ehrte. Und dabei ist noch gar nicht einmal be⸗ wiesen, daß Kaiser Friedrich wirklich das ungemein geistreiche Wort von der„Schmach des Jahr⸗ hunderts“ gesprochen hat. Durch allerlei Vor⸗ zimmer⸗ und Hintertreppenklatsch kann nur be⸗ wiesen werden, daß er mit einem jüdischen Manne gesprochen hat, der dann später be⸗ hauptet hat, der damalige Kronprinz habe sich genau so ausgelassen. Und dieser Klatsch wird von einem freisinnigen Abgeordneten lang und breit auf der Tribüne des Reichstags ausge⸗ quatscht, als handle es sich um eine Offenbarung, die, wenn sie erst bewiesen wäre, die antise⸗ mitische Bewegung mausetot schlagen müßte. Darüber gecken sich die Antisemiten natürlich nur und verhöhnen den ganzen Freisinn im Schillerjahre mit dem Schillerworte: Männer⸗ stolz vor Königsthronen! Womöglich noch abgeschmackter steht es um den heutigen Kampf, den der Freisinn führt, um den Juden oder— denn das wäre ja noch schließen. Die Offizierkorps treiben den feudalen Sport⸗Juden nicht zu Offizieren zu wählen, aber ste treiben denselben Sport auch gegenüber Bauern, Handwerkern und Arbeitern, deren Söhne, seien sie noch so tauglich, auch nie zu Offizieren gewählt werden. Jedoch darüber läßt sich eine„demokratische“ Partei, wie der Freisinn, keine grauen Haare wachsen. Erst wenn die verfassungsmäßig garantierte„Gleich⸗ heit vor dem Gesetz“ zu ungunsten der jüdischen Kapttalistensöhnchen verletzt wird, ist Holland in Not. Glaubt denn der Freisinn dem jüdischen Kapitalismus dadurch die Sympathie der Massen erwerben zu können, daß er ihn als demütigen Supplikanten vor die Tür einer feudalen Kaste stellt? Auf diese Weise arbeitet er der anti⸗ semitischen Demagogie nur in die Hände, denn das wäre wirklich keine große Eroberung im Reiche der Freiheit, wenn die Cohn und Levy unn auch die schnurrbärtigen und säbelrasseln⸗ den Schwerenöter spielen könnten, wie die Itzen⸗ plitze und die Zitzenwitze. Mit einem Worte, die antisemitische Dema⸗ gogie hat gar keine besseren Eintreiber, als ihre freisinnigen Gegner. Diejenige Partei, der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft der Vor⸗ kampf für die bürgerlichen Ideale gebührt, weiß nichts besseres zu tun, als der rückständigsten aller Parteien mühsam den Rücken zu steifen! Zu dieser Karikatur, zu der sich in aller Geschichte schwer ein Gegenstück finden lassen wird, ist in Deutschland der bürgerliche Parlamentarismus geworden, sobald er unter sich ist. Politische Rundschau. Gießen, den 30. März 1905. Gewinne der deutschen Industrie. Der Reingewinn einer großen Unternehmung drückt sich annähernd in deren Dividenden aus. Der durchschnittliche Reingewinn einer Gruppe von Unternehmungen entspricht also der durch⸗ schnittlichen Dividende der einzelnen Unterneh⸗ mungen. Faßt man die 466 größten deutschen Aktiengesellschaften als typische Vertreterinnen unserer Industrie auf, so ergeben sich nach Jastrows„Arbeitsmarkt“ für den industriellen Reinertrag Deutschlands von 1895 bis 1904 folgende Ziffern: Berücksichtigtes Berechnete Dividenden⸗ Jahr Gesamtkapital Dividendensumme ziffer Mill. Mk. Mill. Mk. in Prozent 1895 1576,02 11557 7,34 1896 1695,19 152,47 8,89 1897 1766,72 164,68 9,32 1898 1748,34 171,81 9,82 1899 2649,15 263,55 9,94 1900 2513,31 275,53 10,96 1901 2374,22 189,48 7,98 1902 2433,88 161,57 6,64 1903 2511,72 180,88 7,20 1904 2554,15 204,56 8,01 Die Krise von 1901/2 kann also als nahezu überwunden gelten, wenn auch die Prosperität der günstigsten Jahre 1896 bis 1900 noch nicht wieder erreicht worden ist. Am stärksten war im letzten Jahre der Aufschwung in der chemi⸗ schen Industrie, am geringsteu in der Textil ⸗ industrie.— Die Dividenden unserer Industrie⸗ eine Art Prinzip— vielmehr nur den jüdischen! Kapitalisten sind also ganz leidlich. — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 14. Schädigung der Tabakinduftrie durch den Zolltarif. Wie schwer auch die Tabakindustrie von dem Zolltarif betroffen wird, darüber schrieb kürzlich der„Tabakarbeiter⸗ in einem längeren Artikel: „Sind im neuen Zolltarif auch die Tabakzölle von einer Erhöhung verschont geblieben, so ist doch bekannt, daß jede Krise die Tabakindustrie ungleich schwerer trifft, als manche andere Indu⸗ strie. Müssen die Arbeitermassen ihre Bedürf⸗ nisse einschränken, dann schränken ste zuerst den Verbrauch von Genußmitteln, wozu der Tabak gehört, ein. Die Zigarrenindustrie spürt ja in sogenannten normalen Zeiten, wie der Verbrauch jedes Jahr um die Zeit der Wintermonate zurück⸗ geht, wenn die große Masse der Autzenarbeiter, die durch die Kälte ihrer Arbeitstätigkeit beraubt werden, sich immer mehr einschränken muß und bei länger anhaltender Arbeitslostgkeit auf das Borgen von Lebensmitteln angewiesen ist. Um diese Zeit geht natürlich der Verbrauch billiger Zigarrensorten, die von den Arbeitern geraucht werden, stark zurück und besonders die kleinen Industriellen atmen auf, wenn im März und April die Arbeit im Freien wieder beginnt, denn dann steigt der Konsum ihrer Waren. Wie aber, wenn durch den Zollwucher der Konsum der Massen dauernd eingeschränkt wird? Wir vermögen nicht ohne schwere Sorge daran zu denken, wie sich dann das Los der Tabakarbeiter gestalten muß. Sie wissen ja selbst, wie sich ihre Lage verschlimmern müßte, wenn durch höhere Tabakzölle der Verbrauch an Zigarren eingeschränkt würde; ste haben sich mit Zähnen und Nägeln gegen die unaufhörliche Wühlerei für höhere Tabakzölle gewehrt— nun, für sie ist es gleich schlimm, wenn durch die Verteuerung aller Lebensmittel die werktätigen Klassen gezwungen werden, ihre Ausgaben für Genußmittel, speziell für Zigarren einzuschränken, weil ihre geringen Mittel von den künstlich durch die Zölle verteuerten Lebensmitteln schneller als sonst verschlungen werden. Für sie ist es kein Trost, daß kein höherer Zoll img neuen Zolltarif auf Tabak gelegt worden ist— wäre es geschehen, dann wäre es für sie natürlich ein doppeltes Unglück— denn sie wissen doch, daß sie unter dem neuen Zolltarif am allerersten und am schlimmsten zu leiden haben. Außerdem hängt die Drohung höherer Tabakszölle jederzeit über ihrem Haupke, weil trotz der neuen Zoll⸗ einkünfte in der Reichskasse der Dalles herrscht. Dazu neue Forderungen für Heer und Marine, eine Aussicht, die die ruhigsten Menschen zur Verzweiflung treiben kann, die aber die Steuer⸗ räte immer wieder auf das Projekt höherer Tabaksteuern hinführt.“ O welche Lust, Soldat zu sein. Vom Ende Dezember 1904 bis Ende März 1905 wurde die gerichtliche Verurteilung von 47 militärischen Vorgesetzten wegen Mißhand⸗ lung, vorschriftswidriger Behandlung und Be⸗ leidigung von Untergebenen bekannt. An Strafen wurden ausgesprochen: 3 Jahre 9 Monate 26 Tage Gefängnis, 1 Jahr 2 Monate 5 Tage mittlerer Arrest, 3 Monate gelinder Arrest, 1 Monat 16 Tage Stubenarrest, 2 Monate Festungshaft, 3 Degradattionen. Im ganzen 5 Jahre 6 Monate 17 Tage Freiheitsentzug. Die Bestrafung der Soldatenmißhandler wird in Preußen immer milder. Her Unter- offizier Becker vom preußischen Infanterie⸗Regi⸗ ment Nr. 71 mißhandelte und ließ einen Mann derart mißhandeln, daß der Gequälte z wet Selbstmordversuche unternahm. Urteil nur 35 Tage mittlerer Arrest! Der Unter⸗ offizier Lamprecht vom Infanterie⸗Regiment Nr. 85 ließ sich 62 Fälle von Mißhandlungen usw. zuschulden kommen und schlüpfte dennoch mit 4 Monaten Gefängnis ohne Degrabation durch. Der Unterofftzier Marx vom Ulanen⸗ Regiment Nr. 18 befahl einem Rekruten, auf einen anderen Soldaten zu schießen, dieser wurde dabei verwundet, und dennoch wurde Marx nur zu 45 Tagen Gefängnis verurteilt! Der wohlgemeinte Erlaß des Kaisers, daß mit Unteroffizteren, die wegen Mißhendlung bestraft sind, nicht mehr kapituliert werden darf, hat eine neue Blüte der„Verteidigungskunst“ gezettigt. Die als Verterdiger fungierenden Offiziere bitten seit neuerer Zeit den Gerichtshof manchmal, er möge nicht auf Mitzhandlung, sondern nur auf vorschriftswidrige Behandlung erkennen, weil sonst der Angeklagte nicht mehr kapitulieren könne. Dies läuft auf den Versuch hinaus, den kaiserlichen Erlaß fllusorisch zu machen, wenn es nur ein bißchen geht. Herr v. Einem meinte im Reichstage, die Mißhandlungen hätten im letzten halben Jahre abgenommen. Nach unserer Anschauung ist nur die Bestrafung noch milder geworden, als sie es bisher war. Wieder ein militärisches Schreckensurteil. In Thorn verurteilte das Oberkriegs⸗ gericht den früheren Musketier, jetzigen Reser⸗ visten Keppel⸗Berlin, der gelegentlich eines Biwaks im Manöver bei Schneidemühl sich einen gelinden Rausch angetrunken, dann Unter⸗ offiziere angerempelt und sich diszi⸗ plinarisch vergangen, wegen Achtungsverletzung, Beleidigung, Ungehorsam gegen Befehl in Dienst⸗ sachen, Selbstbefreiung als Gefangener, Wider⸗ setzung und tätlichen Angriffs gegen Vorgesetzte zu 5 Jahren Gefängnis, während das Kriegsgericht 3 Jahre Gefängnis als aus⸗ reichende Sühne erachtet hatte. Die Berufung des Angeklagten, er habe die Vergehen in un⸗ zurechnungsfähigem Zustande begangen, wurde verworfen.— Ein Leben vernichtet wegen geringfügiger Exzesse im Rausch! Von der deutschen Justiz. Ein entsetzliches Urteil fällte dieser Tage das Braunschweiger Schwurgericht über pier junge Burschen, die des Raubes auf öffent⸗ licher Straße angeklagt waren. Ihr Verbrechen bestand darin, daß sie nach einer Kneiperei in der Herberge über einen ihrer Zechkumpane auf der Straße hergefallen waren und ihn seiner Barschaft von fünf Mark beraubt batten. Nach der eigenen Darstellung des Beraubten, der selber auch nicht gerade der beste Bruder und schon zweiundvierzigmal bestraft ist, hat sich der Vorfall so zugetragen, daß ihm von einem der Angeklagten ein Bein gestellt wurde; dadurch sei er zu Fall gekommen und dann habe man ihm das Geld entrissen. Die Geschworenen er⸗ kannten gegen alle vier auf schuldig des sch weren Straßenraubes, unter Versagung mil⸗ dernder Umstände. Das Urteil lautete gegen den Rädelsführer auf sechs, gegen z wei seiner Genossen auf je fünfeinhalb und gegen den vierten auf fünf Jahre Zuchthaus. Zwei⸗ undzwanzig Jahre Zuchthaus wegen fünf Mark!— Das Düsseldorfer Schwur⸗ gericht verurteilte den 24 jährigen Metzger Hetnrich Loges, der in der Nacht zum 24. De⸗ zember in der Nähe von Mülheim a. Rh. einem Arbeitskollegen gewaltsam die Börse mit 40 Mk. Inhalt abgenommen hatte, wegen Straßenraubes zu fünf Jahren Zuchthaus. Die Geschworenen hatten gegen den bisher noch unbescholtenen Angeklagten die Schuldfrage unter Ausschluß mildernder Umstände bejaht, worauf das Gericht dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf die für diesen Fall geringste zulässige Strafe erkannte.— Auch dieses Urteil gehört zu den Ausgeburten des Rechtsbewußtseins der Klasse, aus denen die Geschworenen hervorgehen. Knirhosen als. Todesursache. Ueber die letzten Tage des kürzlich verstorbenen „Ministers v. Hammerstein wurde der„Täglichen Rundschau“ geschrieben: Als einer seiner Räte den Herrn Minister auf dessen leidendes Aus⸗ sehen aufmerksam machte, meinte dieser, das habe nicht allzuviel auf sich.„Ich habe mich nur wieder einmal im Schloß, und zwar neulich beim Fastnachtsfest, erkältet. Ich kann das Herumstehen im Zug in den verdammten Es⸗ karpins in den Tod nicht vertragen.“ Man sollte nicht meinen, daß ein alter Mann solche Maskerade mitmacht. Die französischen Sozialisten halten gegenwärtig in Rouen ihren Kongreß ab, dessen hauptsächlichsten Beratungsgegenstand die Einigung der sozialistischen Gruppen bildet. großen Rede Bombe, wodurch fünf P nach dem Tatort. Unweit der Weichselbrücke in der Nowy Swiatstraße wurde auf ihn eine Baron Nolken erhielt Bombe geworfen. schwere Verletzungen im Gesicht, an der rechten Hand und am rechten Fuß und wurde in seine Wohnung gebracht. Der Täter, auf den die Polizisten feuerten, ist entkommen. Aus allen Ecken des„heiligen“ Rußlands meldet der Telegraph Unruhen, so daß es keinen Zweifel unterliegt, daß sich in dem Knutenstaate eine wirkliche Revolution vollzieht. Der Dichter Maxim Gorki ist unter Anklage gestellt und der Prozeß gegen ihn soll am 11. Mai stattfinden. Als Verteidiger ist der Rechtsanwalt Grusenberg von Gorki er⸗ wählt worden. Die Verhandlung wird bei Fee Türen, sogar mit Ausschluß er Verwandten des Angeklagten, stattfinden. Maxim Gorki ist angeklagt der Verbreitung von Proklamationen, die den Umsturz des be⸗ stehenden Staatssystems bezweckten, was even⸗ sh c. Festungshaft von drei Jahren nach zieht. Kleine politische Nachrichten. Sozialistische Gemeindewahlsiege. Bei der Gemeindeverordnetenwahl in Sande fiegten unse re Kandidaten, der Genosse Krell mit 154 Stimmen, Zimmermann mit 152 Stimmen. Die Gegner erhielten je 6 Stimmen.— Auch in Kopenhagen brachten die Kommunalwahlen der sozialdemokratischen Liste den Sieg. Sieben Sozialdemokraten wurden gewählt.— Vor der Stuttgarter Strafkammer hatten sich die Simpltzissimus⸗Redakteure Ludwig Thoma in München und Linnekogel in Stuttgart wegen Beleidigung der Königsberger Polizei zu verantworten. In dem inkrimi⸗ nierten Artikel„Staatshoheit“ von Mitte März 1904 wurde die bekannte Studentenauslieferung an Rußland scharf gegeißelt. Beide Angeklagten wurden kostenlos freigesprochen. . Aus dem Reichstage. Am Freitag kam trotz langer Sitzung die zweite Lesung des Militäretats noch nicht zu Ende. Der Gehalt des sächstschen Kriegsministers gab den Genossen Nitzschke und Schöpflin Gelegenheit, auf den Militärboykott hinzuweisen, der in Sachsen über alle Lokale, in denen sozialdemokrattsche Zeitungen aufliegen, verhängt zu werden pflegt. Das überreichliche Schreib⸗ eld der Kriegsgerichtsräte wurde vom Genossen Südekum scharf getadelt, dagegen vom Abg. Roeren, Zentrum, zärtlich in Schutz genom⸗ men. Bei zahlreichen Positionen kam der agrarische Hunger ungeniert zum Ausdruck. So verlangte der berühmte Liebhaber inländi⸗ schen Pökelfleisches, das er selbst auf weiten Seereisen nicht entbehren will, der Welfe Bern⸗ storff allen Ernstes, daß die Militärverwaltung die Pferde genau um den Betrag des neuen Pferdezolles teurer bezahlen soll, als bisher. Bei der weiteren Beratung des Militäretats am Montag brachte Genosse Zubeil die zahlreichen Mißstände in den Spandauer Mili⸗ tärwerkstätten zur Sprache.— Dann stritt man sich eine Weile darum, welche von den beiden Kanonenfirmen Krupp und Ehrhardt es am besten verstanden hat, den Staat über die Ohren zu hauen. Der Nationalliberale Beumer lobte die Firma Krupp bis in den Himmel hinein, obwohl diese früher ihre Panzerplatten ꝛc. dem Deutschen Reiche zu Wucherpreisen aufge⸗ hängt hat. In der Firma Ehrhardt ist Krupp nun einige Konkurrenz erwachsen, durch welche die hohen Preise etwas herabgegangen find, wie der Kriegsminister zugestehen mußte. Der Frei⸗ Dazu scheint es auch endlich kommen zu sollen; am Mittwoch trat Jaures in einer für die Verschmelzung mit den Guesdistischen(antiministeriellen) Richtung ein. Die 1 revolutionäre Bewegung in Rußland. Ein neues Bombenattentat wurde am Sonntag gegen den Oberpolizeimeister in Warschau ausgeführt. Abends explodierte im Hofe der Pragaschen Poltzeiverwaltung eine ersonen verwundet wurden, darunter zwei tödlich. Der Oberpolizei⸗ meister Nolken eilte sofort in seinem Wagen staate Unter n soll er it fi er⸗ d bel gc inden. 0 bol 5 be⸗ eben⸗ nach Bel unsett mmen, hielten achten te den l.— ch die nchen 9 der rimi⸗ 1904 land los Nr. 14. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite. funige Eichhoff bekampfte die Begünstigurg der Firma Krupp durch die Reichsbehörden. Senosse Singer hob scharf den Standpunkt unserer Fraktion hervor: der Konkurrenzkampf der beiden Eisenfirmen geht uns nichts an; das Reich aber hat ein dringendes Interesse daran, unter der Voraussetzung gleich guter Waren, so billig wie möglich zu kaufen. Wenn der Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten, Richthofen, die beiden lonkurrierenden Firmen zur Einigung auffordert, so leistet er damit den Reichsfinanzen einen schlechten Dienst. Nach Erledigung des Mtlitäretats und des Etats für Ostafien— einer„teuren“ Erinnerung an das chinesische Abenteuer und Waldersees Vorschuß⸗Lorbeerkronen— wurde die zurück⸗ gestellte Abstimmung über die 21 Resolutionen zum Reichsamt des Innern vorgenommen. Das Zentrum setzte olle seine mittelstands⸗ politischen und den größten Teil seiner sozial⸗ polittischen Resolutionen durch, dagegen warf une Vereinigung aller bürgerlichen Rückschrittler ünsere sämtlichen Resolutionen unter den Tisch, obwohl das Zentrum für einige derselben stimmte. Am Mittwoch begann die dritte Lesung des Etats, wobei Bebel in einer großen Rede die arbeiterfeindliche Haltung der preußischen Regierung bei Beratung der Berggesetze im Landtage scharf kritisterte. Bülow antwortete darauf mit seinen bekannten Mätzchen. Russisch⸗japanischer Krieg. Die Greuel des Krieges, wie sie sich hei den Massenschlächtereien in der Mandschuret zeigten, beschreibt der Kriegsberichterstatter eines heutschen halbamtlichen Blattes folgendermaßen: Man sehe nur die blinde, rasende Wut, bie sie beim Bajonettkampf zum Ausbruch ommt, dieser gräßlichen stummen Schlächter⸗ arbeit der russischen Lieblingswaffe. In diesen Augenblicken sind die Leute wie zu Tieren herwildert, mit geschlossenen Augen stechen sie drauflos, auf alles, was ihnen in den Weg lommt, ob Freund, ob Feind, ob Leichnam oder Verwundeter, und man hört kein Wort, klein Kommando, nur das Krachen der Knochen und die entsetzlichen Aufschrete der Verwundeten. So äußerten sich die Offiziere, welche derartige Bajonettagen mitgemacht haben; sie glauben, haß der Mensch bei einem solchen Gen'etzel sich neiner Art Wahnsinn befindet und cht weiß, was er tut.„Beim Sturm auf den Puttlowhügel“— erzählte mir ein Leutnant —„sehe ich, als wir die Stellung der Japaner krreicht hatten, vor mir einen vereinzelten panischen Offtzter, der Revolver und Säbel sortwirft und beide Hände in die Höhe hebt, zum Zeichen, daß er sich gefangen gibt. Ich wollte ihn durch einige Mannschaften abführen lassen, doch plötzlich, ehe ich es verhindern konnte, kürzen sich sechs von unseren Leuten mit dem Bajonett auf ihn, und in wenigen Se⸗ kunden lag vor mir eine zuckende, Hutige Masse. Als ich später die Leute zur Rede stellte, konnten sie sich nur unklar des ganzen Vorfalles erinnern und sagten, sie hätten soviel Blut rauchen sehen, daß sie ganz die Besinnung verloren hätten— einer erklärte, ihm sei zu Mute, als ob er drei Flaschen Wodka getrunken habe.“ Und zu solchen Kriegen, in denen der Mensch zur wilden Bestie wird, rüsten in wahnsinnigem Wetteifer alle unsere ebenso christlichen wie spilisierten Kulturstaaten. Wirklich, wir leben einem Zeitalter hoher Kultur!— Die Russen haben ihren fluchtartigen Rückzug bis fast nach Charbin fortgesetzt. Diese Stadt ist von Mukden etwa soweit, wie Berlin von Frankfurt a. M. entfernt ist. Auf dieser ungeheueren Strecke waren die Japaner den Fliehenden stets auf den Fersen und brachten ihnen schwere Verluste bei. Die letzten Nach⸗ lichten vom Kriegsschauplatze besagen, daß die Russen in Gefahr schweben, umgangen und gänzlich abgeschnitten zu werden. Sie müßten daran denken, nach Wladiwostock zu entkommen und dieses wirklich zu verpro⸗ hantieren. Diese von russischer Seite aus⸗ gehende Nachricht läßt die verzweifelte Lage der Russen erkennen. Bisher haben ste ihren Proviant nicht aus Rußland über die stbirische Bahn bezogen, sondern meist durch Requisttionen und Käufe in der Mandschurei selbst aufgebracht. Nach der Besetzung Charbins durch die Japaner wären die Russen zum Hungertod verurteilt. Abgesehen davon, daß auch Streifzüge in dieser menschenleeren Gegend ergebnislos sein würden, würde auch der Proviantmangel die Russen hindern, die Bahnlinie zu verlassen.— Eine Meldung aus Petersburg vom Mittwoch besagte: 6057 sind die pesstmistischsten Gerüchte über die age des Generals Linjewitsch in Umlauf. Es soll den Japanern gelungen sein, die russische Armee zu umgehen, indem ste durch die Mongolei vorrückten. Ueber den Frieden sollen innerhalb der russischen Regierung wiederholt Beratungen stattgefunden haben, wie berichtet wurde, sei der Zar aber für Fortsetzung der scheußlichen Menschenschlächterei. In seinem prunkvollen Schlosse spürt Nikolaus allerdings nichts von den Schrecknissen des Krieges. Ueber den Bergarbeiterstreik haben sich innerhalb der Parteipresse heftige Diskussionen entsponnen. In einigen Partei⸗ blättern erscheinen Artikel, die meist von den Genossen Hämisch⸗Dortmund und Düwell⸗Essen ausgingen und an der Leitung des Streiks scharfe Kritik übten. Es wurde gesagt, daß der Streik in vollkommener Verwirrung abgebrochen worden sei, gegen den Willen der Bergarbeiter, die erbost über die Aufgabe des Kampfes zu tausenden aus dem Verbande ausgetreten seien. Gegen Sachse und Hueé wurde der Vorwurf erhoben, daß sie sich von den Christlichen hätten ins Schlepptau nehmen lassen. Uns schien diese Kritik zum mindesten voreilig. Nebenbei hielten wir es für wenig angebracht, beiden Genossen und den übrigen Führern des Verbandes, die einen außerordentlich schweren Standpunkt hatten, solche Vorwürfe zu erheben. Mit Recht erklärten diese denn auch, daß ihre Taktik die Zustimmung der Generalkommission der Gewerkschaften und der maßgebenden Faktoren unserer Partei ge⸗ funden habe.„Schon daß diese Massendemon⸗ stration so großartig verlief, wie sie verlaufen ist“, hieß es am Schluße einer Erklärung Sachsc's, „sichert unserem Streik weitreichenden Erfolg. Die Siebener⸗Kommission hat so gehandelt, wie ste nach Erwägung aller Möglichkeiten handeln mußte; wir haben unsere Pflicht getan. Die Bergleute werden lernen, auch noch den vollen Sieg zu erlangen.“ In der„Neuen Zeit“ äußerte sich Kautsky in einem längeren Aufsatze über die Lehren des Bergarbeiterstreiks. Er sagte da u. a.: „Die Diskussionen nach dem Abschluß des Streiks galten vor allem der Frage: Bedeutete er eine Niederlage oder einen Sieg? Aber damit, daß man diese Frage überhaupt stellte, hatte man sie auch schog beantwortet. Ueber Siege diskutiert man nicht; nur Niederlagen gesteht man sich und anderen ungern ein und sucht man ein möglichst trostreiches Gesicht zu geben. Man hat den Abschluß einen Waffenstillstand genannt. Wollte man damit sagen, daß der Klassenkampf weiter geht und bet nächster Ge⸗ legenheit wieder eine akute Form annimmt, dann ist das selbstverständlich, dann ist aber damit auch nicht das Resultat des Streiks besonders charakterisiert, denn das gilt von jedem Streik. Wollte man aber mit dem Worte Waffenstillstand mehr sagen, dann war es falsch; denn unter einen Waffenstillstand versteht man einen Vertrag, der vorübergehend beide Seiten der Kämpfenden bindet. Die Bergarbeiter aber haben die Arbeit bedingungslos aufgenommen. Und sie haben sie aufgenommen, ohne etwas von dem Ziele erreicht zu haben, das ste sich gesteckt: durch die Einstellung der Arbeit den Grubenbesitzer direkt Konzessionen abzuringen. Eine Aktion, die ihr Ziel nicht erreicht, bedeutet aber eine Niederlage. Andererseits hat man sogar einen Sieg daraus deduzieren wollen, daß der Streik die Massen aufgerüttelt, den gewerkschaftlichen Or⸗ ganisationen neue Mitgliederß zugeführt und die Schädlichkeit des Kapitalismus weiten Kreisen klar gemacht habe. Aber wenn man darin einen Sieg sieht, dann gibt es überhaupt keine patriotische Aktion, die nicht mit einem Siege endet.... Gerade die gewerkschaftliche Organisation ist in ihren Anfängen durch eine Reihe von Niederlagen groß geworden. Alles das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Gegner den Angriff auf ihn abgeschlagen hat. Dieser Mißerfolg ist unleugbar.— Man kann indes noch mehr sagen: er ist nicht blos unleugbar, er war auch unvernteidlich, sobald man sich das Ziel steckte, die Gruben⸗ besitzer direkt zu Konzesstonen zu zwingen; er stand von vornherein fest. Mögen Fehler in der Führung des Streiks begonnen worden sein.... Aber auch bei bester Führung ließ sich die Niederlage nicht vermeiden. Denn die Position der Unternehmer ist eine so starke, daß sie mit rein gewerkschaftlichen Machtmitteln nicht mehr zu erschüttern ist. Und so kann man noch weiter gehen und sagen: Wie umfangreich immer die Organisationen der Bergarbeiter werden mögen, wie groß die Geldmittel, die ste ansammeln, sie werden nie ausreichen, um einem Gegner ihren Willen direkt aufzudrängen, der eine Monopolstellung besitzt, wie die organisterten Zechenbesitzer im Ruhrgebiet. Hier versagen alle gewerkschaftlichen Machtmittel alten Stiles.“ Kautsky legt dann eingehend die Entwickel⸗ ung der Unternehmerverbände dar und führt weiter aus, wie angesichts dessen der proletarische und gewerkschaftliche Befreiungskampf geführt werden müsse. Zum Schluß spricht er sich für engeres Zusammenwirken der politischen und gewerkschaftlichen Organisation aus. Wir werden hierauf später noch zurückkommen. * Der preußische Bergarbeitertag trat am Dienstag in Berlin im Gewerk⸗ schaftshause zusammen. Es sind vertreten vom alten, von Hue und Sachse geleiteten, Verband 70, vom christlichen 40, vom Hirsch⸗Dunckerschen 8 Delegierte. Auch die Polen haben einige Vertreter entsandt. Die Regierung ist nicht vertreten. Mit allerlei Aus flüchten hatte ste eine Vertretung abgelehnt. Sie würde den Zorn der preußischen Junker und deren bürgerlichen Hilfstruppen noch mehr entfachen, wenn sie diesen Kongreß besuchte, aus dessen Verhandlungen ste reichliches Material über die Zustände im Bergbau hätte sammeln können. In der vorigen Woche hatte Graf Posadowsky einen Geheimrat übrig, als es galt, den von einer muckerischen Gräfin geleiteten Kongreß der Gewerkschaft der Heimarbeiterinnen zu be⸗ schicken. Dafür waren von der sozialdemokra⸗ tischen Reichstagsfraktion eine größere Anzahl Abgeordneter anwesend, auch vom Zentrum und den Freisinnigen einige. Genosse Abg. Körsten begrüßte die Dele⸗ gierten im Namen der Berliner Arbeiterschaft und rühmte die eiserne Disziplin der Bergleute während des Streiks und bet dessen Beendigung. Abg. Sachse erläuterte dann in ruhiger Weise, daß die Wünsche der Arbeiter und sogar die Versprechungen der Regierung nicht erfüllt seien. Dann referierte Abg. Hué über„Berggesetz⸗ gebung im Allgemeinen“. Er erklärte, keine Parteipolitik zu treiben, wie dies im preußischen Abgeordnetenhaus geschehen sei. Wenn den Bergleuten nicht ihr Recht werde, dann werden sie nicht wieder 15 Jahre lang still sein. Die Bergarbeiterschaft ist einmütig mit dem Regierungsentwurf unzufrieden. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Aus den Gewerkschaften. Der Berg⸗ arbeiterverband hat den Entwurf für ein neues Statut veröffentlicht, in dem auf Grund der Erfahrungen beim Ausstande eine Neu⸗ regelung und Erhöhung der Beiträge vorgesehen ist. Diese sollen sich nach dem im Revier ver⸗ dienten Durchschnittslöhnen richten. Der neue Entwurf sieht ferner für wichtige Angelegen⸗ heiten eine Urabstimmung vor und ermächtigt den Vorstand, bei besonderen Veranlassungen Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Ne. 14. Extrabeiträge zu erheben. Weiter soll eine Neuregelung des Unterstützungswesens und eine neue Bezirkseinteilung eingeführt werden. von Nah und Fern. Hessisches. Die Erste Kammer des Landtags hielt am Mittwoch seit langer Zeit wieder einmal eine Sitzung ab. Der Wormser Leder⸗ könig Heyl richtete eine Anfrage an die Regierung wegen den in Hessen hervorgetretenen Bestrebungen der Sozialdemokraten auf Errichtung von Arbeiterkammern. An die Absicht eines einseitigen Vorgehens der hessischen Regierung in dieser Frage könne er nicht glauben. Der Redner verzapft seine An⸗ schauungen über Sozialpolitik, polemistert gegen das Steuerprogramm und schimpft auf den Abg. Ulrich und die Steuerpolitik des Finanz⸗ ministers Gnauth. Die Regierung scheint ziemlich matt geantwortet zu haben. Minister Rothe erklärt, die Regierung sehe sich gar nicht in der Lage, auf dem Gebiete der Arbeits⸗ kammern selbständig vorzugehen. Finanzminister Gnauth läßt es gegenüber einer Bemerkung des Freiherrn v. Hehl dahingestellt, ob sich die Expropriations⸗Politik der Sozialdemokraten mit der hessischen Finanzpolitik decke und tritt den einzelnen Angriffen Heyls entschieden ent⸗ gegen. Er verteidigt seine Finanzpolitik und erklärt, daß er nach wie vor eine Steuerent⸗ 5 der unteren Schichten anstreben werde. Gießener Angelegenheiten. — Schneiderstreik in Gießen. Seit Mittwoch früh streiken die hiesigen Schneider. Die Erwartung Vieler, daß es noch vor Ab⸗ lauf der Kündigung zu einer Verständigung kommen werde, hat sich also— leider!— nicht erfüllt. Daß es dazu nicht kam, ist lediglich die Schuld der Unternehmer, denn bei einigermaßen gutem Willen konnten sie sehr wohl— was schon vor acht Tagen an dieser Stelle gesagt wurde— die sehr mäßigen For⸗ derungen der Gehülfen bewilligen. Sie haben es sich also selbst zuzuschreiben, wenn sie nun durch den Ausstand Schaden haben. Denn die Sache liegt in Wirklichkeit nicht so, wie es die Herren darzustellen belieben, als ob der Streik sie gar nicht genierte. Mit ganz vereinzelten Ausnahmen haben sämtliche Schneider die Arbeit niedergelegt; was in Arbeit ge⸗ blieben ist, sind ganz minderwertige Arbeitskräfte, die nicht ins Gewicht fallen. Es streiken 80 Mann.— Am Mittwoch Nach⸗ mittag fand die erste Versammlung der Strei⸗ kenden statt, in der 76 Mann anwesend waren. Verbandsleiter Mirus⸗Frankfurt referier'e. Er legte zunächst die Lohnverhältnisse der hiesigen Schneider dar, deren Jahresverdienst durchschnittlich 900 bis 1000 Mk. betrage, bei unerhört langer Arbeitszeit. Von ihrem Lohne müßten die Schneider sich außerdem noch Näh⸗ zeug beschaffen, wofür(wie in der vorigen Nr. bereits dargelegt) ein ganz erheblicher Betrag aufgewendet werden müsse. Es sei lächerlich und eine grobe Täuschung, wenn ein hiesiges Geschäft(Frensdorf), das in auswärtigen Blättern Schneider suche, 1200 bis 1500 Mk. Jahreslohn in Aussicht stelle. Warum bewillige man dann den Tarif nicht? Selbst bei den darin vorgesehenen Preisen würde der tüchtigste Schneider diesen Betrag nicht verdienen und wenn er Tag und Nacht arbeite. Schließlich forderte der Redner die Versammelten zu festem Zusammenhalt auf und ermahnte sie, während des Ausstandes die musterhafteste Ordnung zu beobachten und den Anweisungen der Streik⸗ Einladung der Arbeitgeber sofort Folge zu leisten. Die Versammelten geloben im Kampfe auszuharren, bis das Arbeitgebertum weitere Zugeständnisse gemacht hat.“ Unterdessen war der„Gieß. Anzeiger“ zur Ausgabe gelangt, der eine Notiz über den Schneiderstreik enthielt, die jedenfalls von den Unternehmern inspiriert war und in rührender Unkenntnis der Dinge oder bewußt unwahr erzählte: „Ein großer Teil der organisierten Arbeiter ist aber, wie wir hören, von der Bewegung abgefallen und arbeitet ruhig weiter. Die hiestgen Maßschneidereien lassen ihre Arbeiten von auswärtigen Schneidern herstellen, und die Schneiderei erleidet daher keine Unterbrechung. Da die Arbeit⸗ geber auch organistert sind, liegt es im In⸗ teresse der zur Aushilfe herangezogenen aus⸗ wärtigen Maßschneidereien, die ihnen zuge⸗ wiesenen Arbeiten prompt zu besorgen, denn auch ste könnten ja einmal in die Lage kommen, auswärtige Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Die Verlesung der Notiz rief allgemeine Heiter⸗ keit hervor. Es verlohne sich nicht, wurde vom Vorstandstische gesagt, auf diesen plumpen Schwindel einzugehen. Wenn's die Anzeiger⸗ Redaktion selber glaube, sei sie zu bedauern, traurig sei allerdings, daß sich das Blatt nicht besser informiere, so leichtfertig würde in der Redaktion eines Arbeiterblattes nicht verfahren. Von Organisterten, die angeblich weiter arbei⸗ teten, müsse man auch etwas wissen, alle, mit Ausnahme der Streikposten, sind ja anwesend! Und was die„auswärtige Maßschneiderei“ betreffe, so würde wohl die Kundschaft bald merken, wie es damit aussehe. Es wurde beschlossen, dem Blatte eine Berichtigung zu⸗ gehen zu lassen.(Die ist am Donnerstag denn auch erschienen.)— Die Streikunterstützung ist nicht zu karg bemessen, sie erreicht annähernd die Höhe des durchschnittlichen Arbeits verdienstes. — In Kasseler Blättern suchen Gießener Geschäfte Schneider und versprechen für ein Sacco 16 Mk. Arbeitslohn. Die hiesigen Schneider fordern nur 11 Mark, welche die Arbeitgeber zu zahlen sich weigern. Man sieht also, daß die Herren noch mehr bezahlen können, als die Arbeiter verlangen. — Die Maurer hielten am Samstag Nachmittag bei Löb(Wiener Hof) eine Ver⸗ sammlung ab, die riesig besucht war. Gau⸗ leiter Hüttmann berichtete über die Ausein⸗ andersetzungen mit den Unternehmern. Die kürzlich in der Mitteldeutschen Sonntags⸗Ztg. erwähnten Differenzen sind sämtlich beigelegt. Der Verband hat jetzt in Gießen und Umgegend 500 Mitglieder, er ist infolgedessen auch in der Lage, die Interessen der Berufskollegen nachdrücklich wahrzunehmen. s. Die Bauhilfsarbeiter beginnen sich endlich auch einigermaßen zu regen und etwas für die Verbesserung ihrer Arbeits verhältnisse zu tun. Diese lassen außerordentlich viel zu wünschen übrig. Nicht bloß in Bezug auf die Löhne, sondern auch was Schutzvorrichtungen sowie Behandlung durch die Arbeitgeber und besonders die Parliere betrifft. Da werden die Leute mit den gröbsten Schimpfworten tituliert; voriges Jahr kamen sogar wiederholt Miß⸗ handlungen vor. Das Unglück im Vorjahre an der Grünbergerstraße, bei dem mehrere Menschenleben zu Grunde gingen, ist auf mangelnde Vorsichtsmaßregeln zurückzuführen. Hoffentlich sehen auch diese Arbeiter ein, daß ste sich rühren und zusammenschließen müssen, wenn sie eine Besserung erzielen wollen. S. Risiko der Arbeit. In der an der Mar⸗ burger Straße gegenüber der Restauration„Karlsruhe“ gelegenen, den Gebrüdern Zutt gehörigen Sandgrube wurde am Donnerstag nachmittag der Arbeiter Balth. Wagner aus Allendorf a. d. Oda. durch herabstürzende Sandmassen verschüttet und konnte nach anstrengen⸗ leitung unbedingte Folge zu leisten. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: „Die heutige im Lokale des Herrn Orbig tagende öffentliche Schneiderversammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Sie ver⸗ urteilt entschieden den Herren⸗Standpunkt der Arbeit⸗ geber, die jede Verhandlung mit den Arbeitern abgelehnt haben. Die Versammelten erklären sich zu jeder Zeit bereit, mit den Arbeitgebern in Verhandlung zu trelen und geben der Lohnkommission Vollmacht, einer etwaigen der Arbeit nur als Leiche hervorgezogen werden. Zwei andere, mit Aufladen beschäftigte Arbeiter wurden bei⸗ seite geschleudert, blieben jedoch unverletzt. — Wegen Majestätsbeleidigung verurteilte die hiesige Strafkammer am Dienstag den Küfer Karl Frey von hier zu 2 Monaten Gefängnis, weil er bei einer Geburtstagsfeier in der Bierlaune eine unpassende Bemerkung über den Großherzog gemacht hatte. Man ist aber nirgendwo vor schmutzigen Denunzianten sicher 1— ein Zechgenosse ging hin und zeigte ihn an. — Unser Genosse Scheidemann, der bisher das Offenbacher Parteiblatt leitete, siedelt in diesen Tagen nach Kassel, seiner Heimatstadt, über, wo er die Redaktion des„Volksblatt“ übernimmt. Für die hessische Partei bedeutet der Weggang Scheidemanns einen Verlust. Er war mit den hessischen Verhältnissen sehr vertraut und ist, wie unsere oberhessischen Genossen wissen, ein ausgezeichneter Agitator. — Die Maifetier soll nach einem in der letzten Sitzung des Gewerkschaftskartells ge⸗ faßten Beschlusse in Gießen wieder in derselben Weise wie in früheren Jahren begangen werden. Am Abend des 1. Mai findet eine allgemeine Versammlung slatt und Sonntag, den 7. Mai soll das übliche Waldfest abgehalten werden. Aus dem Rreise gießen. n. Die Tabakarbeiterversammlungen, die am Sonntag in Heuchelheim und Wieseck abge⸗ halten wurden, hatten das Ergebnis, daß dem Tabak⸗ arbeiter⸗Lverbande eine Anzahl Mitglieder gewonnen wurden. In Wieseck mehr als 20. In beiden Ver⸗ sammlungen sprach Hermann⸗Wiesbaden über die Erfolge des Verbandes. Ebenso am Donnerstag in Steinberg, wo ebenfalls verschiedene Beitritte zur Organisation erklärt wurden. Wir haben schon oft betont, wie notwendig der Zusammenschluß der Tabak⸗ arbeiter in hiefiger Gegend angesichts der schlechten Lohnverhältnisse ist. So machte Fabrikant Fießer in Gießen, dem kürzlich eine Affaire in Frankfurt bedeutende Kosten verursachte, seinen Leuten Lohnabzüge. Da solls vielleicht wieder herauskommen. r. Kommunales aus Watzenborn⸗Steen⸗ berg. Was das Submissionswesen oft für Blüten treibt, zeigt auch ein Fall aus unserer Gemeinde. In vorigem Herbste wurde die Herstellung von Gruben zu Baumpflanzungen im Submissionswege von unserer Ge⸗ meinde vergeben. Die beteiligten Submittenten trieben sich dabei bis auf 50 Pfg. für das Loch herunter, ein viel zu geringer Lohn. Jedenfalls sind die Leute nun nicht auf ihre Rechnung gekommen, denn ste haben nachträglich 80 Pfg. für das Loch bekommen. Mit der Mehrzahlung ging die Sache nicht ihren richtigen Weg. Denn hätten die Submittenten Echöhung ihres Akkordsatzes gefordert, so mußte die Sache doch dem Gemeinderat zur Beschlußfassung vorgelegt werden und wenngleich der Vertrag abgeschlossen war, hätte sich der Gemeinderat wohl nicht verweigert, etwas mehr zu be⸗ zahlen. Aber ohne den Gemeinderat zu fragen, find die Mehrbezahlungen erfolgt, man hat sich über den Gemeinderat hinweggesetzt. Wohin soll es schließlich führen, wenn bei Vergebung von Arbeiten eine solche Praxis angewandt wird. Es führt zu Unterbietungen, für die ein reeller Arbeiter nicht zu bekommen ist und jene Leute, welche in obigem Falle die Billigsten sind, erhalten dann auf Umwegen und durch die Gutmütig⸗ keit des Bürgermeisters ihren gewünschten Lohn. Für unsere Genossen aber, welche dem Gemeinderate angehören, dient dies zur Mahnung, in Zukunft etwas mehr da⸗ rauf zu sehen, daß eine derartige Praxis nicht gang und gäbe wird. ö r. Watzenborn⸗Steinberg. Hier wurde in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch in die Zigarren⸗ fabrik von Rinn und Cloos eingebrochen und zirka 4000 Zigarren gestohlen. Als der Tat verdächtig wurde ein früherer in der Fabrik beschäftigter Mann bezeichnet. Bei demselben wurde denn auch gehaussucht, doch fand man nichts Belastendes. traut man hier auch eine solche Tat nicht zu, die Ver⸗ dächtigung wird vielmehr als ein Racheakt bezeichnet. Wer der oder die Täter sind, ist bis jetzt noch nicht bekannt. Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach. 8 n. Der Wahlverein Schotten hält am Samstag, den 8. April abends 8 ½ Uhr im Lokale des Herrn Gastwirt Müller eine Versammlung ab. In derselben wird der Genosse Gg. Repp aus Friedberg einen Vortrag über das Parteiprogramm halten. Die Parteifreunde werden ersucht, nicht nur selbst vollzählig zu erscheinen, sondern auch ihre Be⸗ kannten mitzubringen. Beiträge können in der Ver⸗ sammlung entrichtet werden, ebenso werden neue Mit⸗ glieder aufgenommen. Aus dem Odenwald. t. Eine Agitationstour wird demnächst der Genosse Gemeinderat Peter Zahn⸗Mühlheim a. M. in den Odenwald unternehmen.[Er wird in Beerfelden, Gammelsbach, Rothenberg und andern Orten Versamm⸗ lungen abhalten. Für Gammelsbach ist die Volks⸗ versammlung auf den zweiten Osterfeiertag, nachmittags festgesetzt. Unsere Parteifreunde wollen für diese Ver⸗ sammlungen nachdrücklichst agitieren. gewirt⸗ Der Gemeinderat in Eberstadt i. O. — Wie mit Gemeindegeldern schaftet wird. Diesem Manne —— erer e Wr e eee eee e ——ü—:————————-— SS SS e S S= r S o r GSS D= S SSS K n, die ab Tü. wonnen u Ver⸗ ber die tag in tte zur hon ot Tabal⸗ clechten er in deutende d soll Stel n⸗ Blüten de. In ben zu rer Ge⸗ trieben cer, ein ute nun haben . Mit richtigen ng ihres och dem den und sich det r zu be⸗ en, find ber den hließlich e solche tungen, ist und ien find, utmütig⸗ u. Fit sgehöten, nehr da⸗ cht gang vurde in gigarren⸗ md zirla erdächtig er Mann aussuch, Manne die Ver⸗ theichnet. och nicht 5 r —— 3 . Nr. 14. Mitterdentsche Sountaos⸗Zeitung. Seite 5. hat auf das Gesuch des Kriegervereins, einen Zu⸗ schuß zu einem Fest zu leisten, das aus Anlaß der Ueberreichung einer vom Kaiser gestifteten Fahnenschleife diesen Sonntag abgehalten werden soll, beschlossen, sämtliche Kosten auf die Gemeindekasse zu übernehmen.“ In der Tat, das ist ein Entgegen⸗ kommen, wie es sich die Patrioten und Hurrarufer des Kriegervereins nicht besser wünschen konnten, sagt dazu mit Recht unser Mainzer Parteiorgan. Was hätten die mit gebührender Hochachtung zu befragenden Gemeinde⸗ weisen von Eberstadt wohl getan, wenn der sozialdemo⸗ kratische Verein ein Gesuch irgend welcher Art eingegeben hätte? Das Geschrei hätten wir hören mögen, das da über die„unverschämten Roten“ angestimmt worden wäre! Es ist unglaublich, wie da mit den Gemeinde⸗ mitteln gewirtschaftet wird! Da, wo krasse, bittere Not herrscht, da haben diese satten Bürger kein Gefühl, kein Verständnis. Wenn es aber gilt, eine private Fest⸗ lichkeit mit Gemeindegeldern herauszuputzen, deren Zweck wir absolut nicht verstehen können, da spendet man mit vollen Händen! In einer am Sonntag vor acht Tagen abgehaltenen Versammlung unserer Partei⸗ genossen in Eberstadt wurde dieser Gemeinderats beschluß scharf verurteilt und eine Protestresolution angenommen, in welcher die Versammlung die Ansicht ausspricht, daß die Gelder der steuerzahlenden Einwohnerschaft von Eber⸗ stadt zu anderen und nützlicheren Zwecken als zur Deckung privater Vereinskosten Verwendung finden können. Aus dem Rreise Wetzlar. * Stöckerischer Wahl⸗ Kuddelmuddel. Das „Volk“ in Siegen teilt in seiner Nummer vom 25. März unter Wetzlar⸗Altenkirchen mit: „Die Vorstände der christlich⸗sozialen Partei und der Reformpartei in Berlin haben sich schrift⸗ lich dahin geeinigt, daß bei der nächsten Reichstagswahl in Wetzlar⸗Altenkirchen seitens der Reformer der christ⸗ lich⸗soziale Kandidat, in Marburg und Gießen der Re⸗ former seitens der Christlich⸗Sozialen unterstützt wird. Die Vorsitzenden der konservativen Partei in Wetzlar und Altenkirchen haben erklärt, daß sie nicht gegen die christlich⸗sozlale Kandidatur seien. Die Christlich⸗Sozialen werden dafür bei den Landtagswahlen die Konservativen in beiden Kreisen unterstützen.“ Der Kuhhandel wäre also perfekt. Ob er sich aber für beide Teile gewinnbringend gestaltet, fragt sich sehr. Nach unserer Meinung dürfte weder der„reform“ parteiliche Itzig, noch der stöckersche Schmuhl etwas profitieren. Die Christlich⸗Sozialen im Kreise Gießen zum Beispiel, die dort den Pückler⸗Antisemiten unte cstützen wollen, haben wirklich nicht viel in d'e Wagschale zu werfen. Die besetzen zusammen noch keine zwei Skattische. h. Die Ortskrankenkasse hat nach dem in der Generalversammlung am Samstag vor 8 Tagen erstatteten Bericht eine Einnahme von 13 913 Mk. und eine Ausgabe von 13803 Mk. zu verzeichnen. Die Mitgliederzahl betrug im Durchschnitt 746, was gegen das Vorjahr einen Rückgang um 100 Mitglieder be⸗ deutet. Das ist auffällig, denn die Zahl der in Wetzlar beschäftigten Arbeiter nimmt doch sicher nicht ab. Da scheints an der nötigen Kontrolle zu fehlen. h. Kontrollversammlungen finden an fol⸗ genden Tagen statt in: Wetzlar, Schützengarten, 4. April 10 Uhr vorm. nur für Landwehr von Wetzlar einschließlich Wetzlar⸗Niedergirmes. Aßlar, Bahnhof, 4. April 1 Uhr 15 nachm.; für Aßlar, Berg⸗ hausen, Blasbach, Klein⸗Altenstädten, Werdorf. Wetzlar, Schützengarten, 5. April 11 Uhr vorm. nur für Re⸗ serve von Wetzlar einschließlich Wetzlar⸗Niedergirmes. Dutenhofen, Bahnhof, 5. April 2 Uhr 40 nachm. für Atzbach, Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach, Münch⸗ holzhausen. Oberndorf, Ausgang nach Wetzlar, 6. April 1 Uhr 45 nachm. für Albshausen, Bonbaden, Braunfels, Burgsolms, Oberndorf. Wiß mar, Bahn⸗ hof, Wirtschaft Brück, 7. April 2 Uhr nachm. nur für Reserve von Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Oden⸗ hausen, Salzböden, Vetzberg, Wißmar. Wißmar, Bahnhof, Wirtschaft Brück, 7. April 3 Uhr nachm. für Landwehr und Ersatz⸗Re serve von denselben Orten. Wetzlar, Schützengarten, 10. April 10 Uhr vorm. nur für Ersatzreserve von Wetzlar einschließlich Wetzlar⸗Niedergirmes. a X. Meineidiger Pfarrer. Das Landgericht in Koblenz hat gegen den evangelischen Pfarrer Zi m⸗ mermann in Bacherach das Verfahren wegen Mein⸗ eid eröffnet. Z. war früher Pfarrer in Le un bei Wetzlar und tat sich im Kampfe gegen die Sozialdemo⸗ kratie besonders hervor. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. r. Unsere Stadtväter legen seit kurzer Zeit einen außerordentlichen Eifer an den Tag. Während sie im Sommer ost die Sitzungen schwänzten, reiben sie sich jetzt vor der Neuwahl geradezu im Interesse des Gemeinwesens auf. In der letzten Woche hielten sie sogar drei Sitzungen ab. Eine Erhöhung der Löhne für die Putzer der Petrollaternen(von Mk. 1,50 auf Mk. 2,— pro Monat) brachte die erste Sitzung. der zweiten dagegen ging es lebhaft zu. Zuerst kam ein Entschädigungsprozeß des Schuhmachermeisters Schwalm gegen die Stadt zur Erledigung. Sch. war bei einem Straßendurchbruch zu Schaden gekommen und verlangt 750 Mk. Entschädigung. Die Sache wird durch Vergleich erledigt. Alsdann erfolgte die Fest⸗ stellung des Haushaltsplanes mit 884000 Mk. in Ein⸗ nahme und Ausgabe. Im Anschluß daran begründete Stadtv. Stroinsky seinen Antrag auf Einführung einer Wertzuwachssteuer auf Baugrundstücke. (Den ausführlichen Bericht unseres Korrespondenten über die Verhandlungen darüber können wir erst in nächster Nummer bringen. D. R.) O Der Beschluß der Stadtverordneten, daß die untersten Stufen der Gemeindesteuer nicht zur Erhebung kommen sollen, zeigt, daß das Bürgertum häufig gezwungen ist, auf die Arbeiterschaft Rücksicht zu nehmen, wenn diese die Vorgänge des öffentlichen Lebens mit Interesse behandelt. Wenn der erwähnte Beschluß in Kraft treten sollte, so ist damit doch noch nicht genug geschehen! Es müßten auch die Steuerstufen bis zu 1800 Mk. wenigstens teilweise entlastet werden. Ferner müßten von den Gebühren für Müllabfuhr die Woh⸗ nungen bis zu 250 Mk. jährlicher Miete(statt wie bisher 150 Mk.) befreit werden. Die Wohnungsmieten sind in den letzten Jahren in so unerhörter Weise ge⸗ stiegen, daß eine Aenderung in diesem Sinne lediglich dem Geiste des früheren Beschlusses entspricht. O Die Allgemeine Marburger Beamten⸗ Vereinigung hat nach dem in der Versammlung vom 17. März erstatteten Bericht trotz ihres kurzen Bestehens eine Mitgliederzahl von 488 aufzuweisen. Dieser Beamten⸗Verein ist zwar nicht das geworden, was er zuerst werden sollte: ein Rabattverein, welcher seinen Mitgliedern beim Bareinkauf direkte Vorteile sichern sollte. Die Geschäftsleute mußten, dem Drucke der öffentlichen Meinung nachgebend, auch anderen Leuten den dem Beamten⸗Verein zugestandenen Rabatt gewähren, welchen sie selbstverständlich vorher auf die Marenpreise aufgeschlagen hatten. Desto mehr dürfte der Beamten⸗ Verein, wie auch aus Aeu serungen in dieser Versamm⸗ lung hervorgeht, auf kommunalem Gebiet Einfluß ge⸗ winnen. In der ersten Wählerklasse sind die Professoren und höheren Beamten stark vertreten, während das ganze Heer der unteren Beamten bei der Post, der Eisenbahn und in den zahlreichen Büreaus nur für die dritte Wählerklasse in Betracht kommt. Es bleibt natürlich abzuwarten, welche Erfolge der Beamtenverein im Herbst bei der Stadtverordnetenwahl erringen und wie sich dann sein Einfluß äußern wird. Jebenfalls müssen sich die Arbeiter tapfer rühren. r. Eine Bauarbeiterversamm lung. in der Hüttmann⸗Frankfurt sprach, fand am Mittwoch vor 8 Tagen bei Hildemann statt. Es hat sich mehrfach gezeigt, daß die Unternehmer die im vorigen Jahre ab⸗ geschlossene Vereinbarung, nach der vom 1. April ab 40 Pfg. Stundenlohn zu zahlen sind, zu durchbrechen versuchen. Deshalb ist Vorsicht am Platze. Hüttmann wies ferner darauf hin, daß die Bauhilfsarbeiter eben⸗ falls ihre Forderungen gestellt hätten, beide Organi⸗ sationen müßten deshalb Hand in Hand gehen, damit bei etwaiger Nichtbewilligung der nötige Nachdruck ge⸗ geben werden könne. Leider ist von den Christlichen verschiedentlich Zwietracht unter den Kollegen gesäet worden. Anstatt, daß diese Leute nachdrücklich auf allgemeine Einhaltung der Vereinbarungen, besonders auf Zahlung des 40 Pfg.⸗Stundenlohnes ab 1. April hinarbeiteten, schimpften sie auf die Mitglieder des Zentralverbandes, namentlich auf die Gauvorstände. Darin sind die Leiter der Christlichen überhaupt groß und zeigen damit, daß es ihnen mit dem wirtschaftlichen Kampfe nicht ern st ist. In Schröck und Bauerbach suchten sie und besonders die Geistlichkeit, die Kollegen zum Austritt aus dem Verbande zu bewegen und zu den Christlichen überzuführen. Leider sei ihnen das bei einigen gelungen. Deshalb müßten die Kollegen fest zusammenhalten und eifrig agitieren, bis der letzte Marburger Bauarbeiter im Verbande sei.— In der Diskussion suchten mehrere Christliche ihre Hände in Unschuld zu waschen, sie wurden jedoch gehörig heimge⸗ leuchtet. Man sprach sich im Weiteren dahin aus, ab⸗ zuwarten, ob die Unternehmer ab 1. April den Ab⸗ machungen gemäß handeln werden; eine anfangs April einzuberufende Versammlung soll dann über die zu er⸗ greifenden Maßnahmen beschlleßen. r. Versammlungen. Am Mittwoch, 5. April, abends 7 Uhr, findet im Restaurant Hildemann eine Allgemeine Bauarbeiter⸗Versammlung für Maurer, Bauhülfs arbeiter, Bauschreiner, Töpfer, Dachdecker, Zimmerleute, Maler, Weißbinder und Tape⸗ zierer statt. Redner der genannten Berufe werden über die Bauarbeiterbewegung in Marburg sprechen. Zahl⸗ reiches Erscheinen sämtlicher Bauarbeiter wird daher erwartet. r. Ortskrankenkasse. Am Mittwoch, 5. April, abends 8 Uhr, findet die Generalversammluug der Orts⸗ krankenkasse im Lokale statt. Professor Brauer wird In 1 einen Vortrag über Kinderernährung und Kindersterb⸗ lichkeit halten. r. Kontrollversammlungen finden für Marburg am Montag, 3. April, auf den Kämpf⸗ rasen statt und zwar: Vormittags 9 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1897, 1898 und 1899; vormittags 11 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1900, 1901, 1902, 1903 und 1904, sowie die zur Disposition der Truppenteile und Ersatzbehörden ent⸗ lassenen Mannschaften; nachmittags 2 Uhr für sämtliche Lan dwehrleute 1 Aufgebots; nachmittags 4 Uhr für sämtl iche Ersatz Reservisten.„Jeder ohne Entchuldigung Fehlende wird mit Arrest bestraft“ heißt es in der amtlichen Bekanntmachung weiter. Jeder brave und kontrollpflichtige Deutsche weiß also, wie er sich zu ver⸗ halten hat. Partei-Machrichten. f An die Parteigenossen des Ag itationsbezirks Hessen ⸗Nassau. Parteigenossen! Das vom vorjährigen Provin⸗ zia l⸗Parteitage eingesetzte erweiterte Agitationskomitee für unseren Bezirk hat in seiner gestrigen Sitzung über den diesjährigen Provinzial⸗Parteitag Beschluß gefaßt und das unterzeichnete engere Komitee mit der Ausfüh⸗ rung dieses Beschlusses beauftragt. Demgemäß berufen wir hiermit den Provinzial-Parteitag ein auf Sonntag, den 16. April, Vorm. 10 uhr. Er findet statt im großen Saale des Gewerk⸗ schaftshauses in Frankfurt a. M., Am Schwimm⸗ bad 8/10. Die vom erweiterten Komitee festgesetzte vorläufige Tagesordnung ist folgende: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht, sowie Berichterstattung der Wahlkreisleitungen. 2. Agitation und Organisation. Hüttmann⸗Frankfurt a. M. 3. Die Landgemeindeordnung für Hessen⸗Nassau. ferent: Genosse Hoch⸗Hanau. 4. Die preuß isch⸗süd deutsche Elsenbahn⸗Betriebsgemein⸗ schaft. Referent: Genosse Leh mann⸗Mannheim. Frankfurt a. M., 27. März 1905. Das Agitations-Komitee für den Bezirk Hessen⸗Nassau. J. A.: Wilh. Dittmann. Referent: Genosse Re⸗ Versammlungskalender. Samstag, den 1. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 8½ Uhr Versammlung beit Orbig. Lauterb ich. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abenos 8 Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutz er. Sonntag. den 2. April. Steinberg. Sängerabteilung des Wahlvereins. Morgens 10 Uhr Singstunde im„Grünen Baum“. Watzenborn. Arbeiterbildungsverein. Nach⸗ mictags 4 Uhr Versammlung im Lokale„Zur Ludwigshöhe“. Wichtige Tagesordnung. Zahl⸗ reich erscheinen! Dienstag, den 4. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ½9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 8. April. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker. T.⸗O.: Die Maifeier. Sammlungen für die Bergarbeiter. Abrechnung. Einnahme: Vom Gewerkschaftskar tell Mk. 200.— Auf Sammellisten und durch die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗ Zeitung„ 1561.83 Sa. Mk. 1761.83 An die Streikenden abgesandte„ 1718.65 Rest Mk. 43.18 Berichtigung. In der neulichen Quittung muß es heißen L. 75 Großen⸗Linden 6.— nicht 5.— Mk. Brauerverband 20.— Mk. Die Metallarbeiter Gießens sandten außerdem Mk. 180.— für die Bergarbeiter an ihren Vorstand nach Stuttgart. I mh W- — 8 —— ——— rr R — — r Seite 6. Mitteldentsche Sonutags⸗ Zeitung. Ne. 14. Von Nah und Lern. Der wütende Bauer. Vorige Woche kam in Mainz, wie unser dortiges Parteiblatt berichtet, eines Morgens ein Bäuerlein in greulichem Zorn an den Rhein gestapft. Ehe die Zuschauer recht wußten, was mit dem Mann los sei, machte der sich daran, drei Körbe, also zirka vier Zentner Feldsalat in den Rhein zu enkleeren! Ein Neugieriger richtete schüchtern die Frage an den Zerstörungsbeflissenen, was denn der Grund seines Tuns sei, worauf dem Gehege der bäuerlichen Zähne folgender Wutschrei ent⸗ schlüpfte:„Seither hunn eich 50 Pfennig for's Pund krieht, unn jetzt gewwe se des nit meh, eich geb' en nit billiger, liewer solle ßen garnit hunn!“ Es hätte wenig gefehlt und der Bauer wäre samt seinem Sohn auch gewässert worden. Geistliche Sünder. In Stadelschwarzbach bei Würzburg ließ der Amtsrichter den Pfarrer Englert aus dem Pfarrhaus durch einen Gendarmen abholen und in einem Landauer in das Untersuchungs⸗ gefängnis schaffen, weil sich der Seelenhirt an Kindern sittlich vergangen haben soll.— Der katholische Pfarrer Holweck von Schaff⸗ hausen bei Hochfelden ist nach Unterschlagung von mehr als 10000 Mk. geflohen. Pücklers Ruh'. Der streitbare Graf hat jetzt endgültig den Berliner Staub von seinen Füßen geschüttelt, er will sich vom politischen Leben zurückziehen und in Klein⸗Tschirne seinen Kohl bauen. Nachdem ihm das polizeiliche Redeverbot die Abhaltung von Versammlungen in Berlin un⸗ möglich gemacht hatte, setzte er sein„Aufklä⸗ rungswerk“ in Flugblättern fort. Er setzte schließlich direkt Prämien für Einbrecher und Bombenwerfer aus, die ihr edles Gewerbe bei den Berliner Juden ausüben sollten. Dafür fand er nun aber keinen Drucker. Das hat den Grafen sehr verschnupft. Er erklärte seine Freunde für„schlappe Kerls“, die sich vor ein paar Jahren Gefängnis fürchteten. In be⸗ schaulicher Ruhe will er nun ben Rest seines Lebens in Klein⸗Tschirne verbringen — Ein Brief an die Frauen. Liebe Leserin! Du bist Arbeiterfrau. Wirst du mich an⸗ hören? Die Zeilen lesen? Darüber nachdenken? Gewiß wirst du es tun. Warum arbeitest du? Um für dich und die Deinen Lebensunterhalt zu beschaffen oder be. schaffen zu helfen. Und du arbeitest zuweilen schwer, sehr schwer, nicht wahr? Gewiß. Vom frühen Morgen bis späten Abend. Und trotz der schweren Arbeit geht es in deiner Familie knapp her! a Wie kommt das? Warum gehen andere Frauen in Seide und Samt, behängt mit Perlen und Edelsteinen, wohlgenährt, wohl⸗ gepflegt— warum? Und doch arbeiten sie wenig oder gar nicht! Jene Frauen sind die glücklichen und unglücklichen Gattinnen derjenigen Herren, welche andre für sich arbeiten lassen, von dem Schweiß und Blut der armen Arbeits⸗ leute leben und dann tun, als ob sie selbst göttliche Wesen wären.„Das läßt sich nicht ändern! Es ist immer so gewesen, wird auch immer so bleiben!“ So hört man die Leute gewöhnlich sagen. Aber das dürfen wir heute nicht mehr glauben, denn es ist eine Lüge. Als die Arbeiter kürzere Arbeitszeil und bessere Entlohnung und Behandlung forderten, sagte man ihnen auch:„Das geht nicht! Es ist immer so gewesen, wird auch immer so bleiben!“„Das ist nicht wahr!“ erwiderten die Arbeiter.„Wir sind nicht mehr so dumm, um das zu glauben. Wir wollen Menschen sein, als Menschen menschlich arbeiten, mensch⸗ lich leben, uns des Lebens freuen! Wir bestehen darauf: Es muß anders werden!“ Und es wurde auch anders. Ob Arbeiterin oder kleine Geschäftsfrau, du mußt dich Tag für Tag bis an des Grabes Rand abschinden und abrackern, haft wenig Freude und Lebensgenuß, bist weiter nichts, als die schwer arbeitende Magd eines schwer arbeitenden Knechtes, und als Magd und Knecht führt ihr— du und dein Gatte— ein Leben, das eben des Lebens kaum wert ist. Das Tier hat gar oft mehr Freiheit als du. Es braucht sich nicht so abzuquälen für das elende bißchen Nahrung wie du. Soll es ewig so sein? Nein, liebe Leserin. Denke doch, wie kurz dein Leben ist. Kaum hast du mit Schmerzen, Sorgen und Qual drei, vier oder fünf Kinder groß gezogen, so bist du alt; es geht bergab. Deine besten Jahre sind dahin. Aber wer soll helfen, wer soll uns helfen? fra st du. Niemand kann das für dich, für uns. ir müssen uns selbst helfen, wir alle, Frauen und Männer der Arbeit. Die Arbeiter haben das Feld bestellt, aber sie durften die Frucht nicht genießen. Die Arbeiter haben kostbare Stoffe gemacht, aber sie und ihre Kinder gingen in Lumpen einher. Die Arbeiter haben Paläste und Schlösser ge⸗ baut, und ste hausten in Löchern. Die Arbeiter beteten von jeher sehr viel und lebten in der Hölle auf Erden, während die Reichen sehr wenig beten und sich den Himmel auf Erden bereiteten— auf Kosten der Arbeiter. Niemand hat den Arbeitern geholfen. Sie müssen sich selbst helfen. Deshalb haben sie ihre Gewerkschaften gegründet, ihre Arbeiter vereine, ihre sozialdemokratische Partei. Nur da⸗ durch können sie ihre Lage verbessern. Ich bin Sozialistin, das weißt du. Der Sozialis⸗ mus ist ein neues Evangelium für Arbeitsleute. Er sagt ungefähr folgendes: Wer die Welt geschaffen, darüber streiten wir uns nicht. Die Welt ist da. Das genügt uns. Eine große, schöne Welt. Es wächst und grünt, es keimt und sproßt und blüht. Regen und Schnee, Wärme und Kälte wechseln einander ab, alles Nutzen bringend. Die Lüfte wehen, die Sonne scheint— nicht für wenige, sondern für alle Menschen. Als Frau habe ich dieselben menschlichen Rechte wie der Mann. Wir sind nicht als Mägde und Herren zur Welt gekommen, sondern als gleichberechtigte Menschen. Solange ich am Elterntische saß, gab's keinen Unterschied, kein Vorrecht für Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester. Wir waren gleichberechtigte Geschwister und Kinder unsrer Eltern. Als ich heiratete, sagte man mir, der Mann sei des Weibes Haupt, die Frau müsse untertänig sein dem Manne, in andern Worten: die Frau sei des Mannes Magd. Das ist eine alke Lüge, denn wie können Mann und Frau glücklich zusammen leben, wenn sich er als Herr, ste als Magd fühlt? Wie köanen ste als Herr und Magd freie, glückliche Kinder erziehen, tüchtige Menschen heranbilden? Nein, liebe Leserin, da ist irgendwo ein alter, verrosteter Haken, der nur durch den Sozialismus beseitigt werden kann. Also was wollen wir durch unsre Ar⸗ beiterbewegung erreichen? Kurz folgendes: Hier ist eine schöne Welt, ein irdisches Paradies. Die Natur erzeugt Nahrung in Hülle und Fülle. Millionen fleißiger Arbeiterhände sorgen dafür, daß der Reichtum noch unendlich vermehrt wird. Heute braucht niemand mehr Not zu leiden. Wenn es doch geschieht, Arbeiter selbst. Liebe Leserin: du bist fleißig, sparsam, gut. Du bist zu einem schönen Heim berechtigt. Du bist berechtigt zu einem guten Auskommen bei mäßiger Arbeit. Du bist berechtigt, dich anständig und gut zu nähren und zu kleiden. Du bist berechtigt, deinen Kleinen eine frohe Jugend zu sichern, damit sie sich am frischen, schönen Grün, Blätterschmuck und Blütenduft erfreuen. Du bist berechtigt, deinen Kindern eine gute Schulbildung und Erziehung zuteil werden zu lassen. Du hast Anspruch auf hie nötige Zeit und Gelegenheit, um dich selbst zu belehren, zu bilden, damit du dich erfreuen kannst an den Schönheiten des modernen Fort⸗ schritts, der dir heute noch verschlossen ist. Auch dich sollte ein gutes Buch, ein schönes so ist das die Schuld der Bild, alles was gut und groß und schön ist, ö erfreuen. Dein Gatte soll nicht müde und abgerackert von der Arbeit zurückkehren. Der Sozialismus sagt: Acht Stunden täglich Arbei wäre genug, um alle Menschen in Ueberftur zu erhalten. Wer nicht arveitet, soll auch nicht essen. Das sollte auch für reiche Faulenzer und deren faulenzende Dämchen gelten. Man sagt, Gott habe die Welt für alle Menschen erschaffen. Gut. Dann wollen wir dahin wirken, daß alle Menschen ihr gebührendes göttliches Erbteil erhalten. Noch niemand hat seinen Geldsack in den Himmel oder zur Hölle getragen. Also warum sollen die Massen der armen Menschen leiden, weil es etlichen rück⸗ stchtslosen Beutejägern gestattet ist, alles in ihre Säcke zu füllen? Und wenn sie sterben, können sie ihre Milltonen mit zu St. Petrus nehmen, wenn sie können. Die Welt erscheint mir bald wie ein großes Narrenhaus. Wollen denn die Arbeiter ewig die Narrenrolle spielen? Was sagst du dazu, liebe Leserin? Was ich sage, kommt nicht aus Professorenmund, aber ich denke, jede Arbeiterfrau sollte das begreifen können. Wenn du meinst, kannst du obige Zeilen auch deinen Mann lesen lassen. Viel⸗ leicht schadet's ihm auch nicht. Wie immer herzlich grüßend Eure Mathilde Sorge. Volkesloos. Schau' ich, o Volk, auf deinen Immenfleiß, Mein armes Volk, wie muß ich dich bedauern! Du düngst die Erde fort mit Blut und Schweiß, Und statt der Ernte hast du Not und Trauern. Du türmest auf der Schlösser stolze Pracht, Du bau'st das Land und pflügst die Meereswogeu, Von deinen Schlägen widerhallt der Schacht, Doch um der Arbeit Preis wirst du betrogen. Und wo ich immer auch dein Antlitz schau', Trüb' blickt dein Aug' und blaß sind deine Wangen. Du trägst die Cast, dein Lebenspfad ist rauh, Du gibst und gibst, um niemals zu empfangen. Heinrich Kämpchen. Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel. 3.(Fortsetzung.) In neuester Zeit erwähnte er häufiger gegen die Seinigen einen Herrn von Unkenstein. Röschen lachte über den Namen, den sie komisch fand. Der Vater aber meinte:„Der Namen ist ganz egal, wenn einer Baron ist. Und jung ist er auch noch, der Herr Baron von Unkenstein, höchstens 30, 31, und sehr reich muß er auch sein, denn er hat auf der Welt gar rein nichts zu tun, als herumzureisen. In aller Herren Lander ist er schon gewesen, auch in Amerika und im Kapland, und Geschichten weiß er von allerwärts zu erzählen, daß einem Hören und Sehen vergeht. Vielleicht krieg' ich ihn einmal dazu, uns zu besuchen; denn sowas wie adelsstolz oder hochmütig, das ist er nu ganz und garnicht.“ Die Gottheit der Diebe und der Verliebten lächelte dem würdigen Meister. Denn als er eines Sonnabends gegen Ende des Sommers mit Frau und Kind einen Ausflug nach Treptow machte, siehe, wer war auf dem Dampfboote an der Jannowitzbrücke der Erste, den zu be⸗ grüßen er die große Ehre hatte? Kein Ge⸗ ringerer als Istdor Baron bon Unkenstein in höchst eigener Person! In eleganter Sommer⸗ toilette, den leichten Ueberzieher über dem linken Arm, Monokel im Auge, die Hacken zusammen gezogen, das Hütchen über dem pomadisierten Scheitel in der Schwebe haltend, so ließ er, ein Kavalier bis zu den gelben Schuhen her⸗ udter, die Vorstellung der Damen Adersen über sich ergehen. Die Mutter war verlegen, die 7 ————— .— 5 1 Nr. 14. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Seite 7. Tochter blickte ihm offen in das von der Sonne Afrikas gebräunte Gesicht. Es war nur ein Augenblick; aber er gab ihr zu denken. An wen erinnerte sie nur dieses uustreitig wohl⸗ gebildete Männerantlitz mit dem scharf ausge⸗ prägten Zuge von Energie? Um ungestört in ihrem Gedächtnis nachzublättern, trat sie, als das Boot bereis in der Fahrt begriffen, an das Deckgeländer und betrachtete die Spreeufer. „Gnädiges Fräulein bewundern die Fluß⸗ landschaft,“ fiel ihr die Stimme des Barons, die etwas schnarrte, als ob sie einem Leutnant gehörte, in's Ohr.„Aeh, ganz hübsch! Gnädiges Fräulein sahen wohl den Rhein noch nicht? Urtetle vielleicht nicht ganz objektiv, wenn ich diesem den Preis zuerkenne. Die Heimat be⸗ sticht unser Urteil. Aeh, gnädiges Fräulein, bin von Geburt Rheinländer. Auf den Reben⸗ hügeln dort stand das Schloß meiner Ahnen. Sie kennen gewiß das Lied, worin es heißt: Zwar die Dächer sind zerfallen Und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin. Burgruinen gewähren einen hübschen Anblick. Gnädiges Fräulein malen vielleicht? Nicht? Aeh, für den modernen Menschen ist der Auf⸗ enthalt nur in den Mittelpunkten der Zivilisation möglich. Berlin, London, Paris.“ „Sie waren in Paris, Herr Baron?“ „War auch dort, gnädigstes Fräulein. Eine Zauberstadt, die uns mit allen Sinnen gefangen nimmt.“ Meister Adersen, der neben seiner Frau unter dem Sommerzelt saß, stieß diese mit dem Ellen⸗ bogen an und winkte mit den 1 bedeutungs⸗ voll nach dem jungen Paare. Er schmunzelte. Rosalte kam zu ihnen, der Baron folgte und unterhielt sie Alle durch Schilderungen der Goldgräber im Lande der Boeren. Meister Adersen war ganz Bewunderung, was er durch ein starkes Schnaufen ausdrückte. Als das Boot Treptow stch näherte, stellte er sich auf die dicken Säulen seiner Beine und sprach: „Der Herr Baron äußerten vorhin, daß Sie noch weiter, nach Grünau, fahren wollten; das kann ich aber nicht zulassen, Herr Baron. Sie bleiben bei uns als unser hochverehrter Gast, Herr Baron. Mitgefangen ist mitge⸗ hangen! Ha, ha, ha!“ Und der Herr Baron von Unkenstein stieg mit der Familie in Treptow aus und würdigte ste, ihr hochverehrter Gast zu sein. Man wählte einen Tisch an der Hecke, von wo aus man das bunte Leben auf dem Flusse beobachten konnte, und als der Kaffee kam, öffnete Frau Karoline einen riesigen Pompadour und ent⸗ nahm demselben eine schier erschreckende Menge von Kuchen.„Selbstgebacken,“ bemerkte Meister Adersen mit einem 1 Kopfnicken.„Essen Sie nur ordentlich, Herr Baron, es ist genug da!“ Nun, dieser ließ es sich schmecken; aber die Zigarren, die ihm der Meister darauf aus seiner gestickten Tasche selbst auswählte, lehnte er dankend ab; das Kraut mochte ihm wohl einiges Mißtrauen erregen. Der Meister traf umständ⸗ lich seine Vorbereitungen zum Rauchopfer. Es dauerte eine gute Weile, bis er eine Zigarre ausgesucht, sie abgeschnitten und angezündet und endlich in die ungeheuere Meerschaumspitze mit einem Mundstück von Bernstein geschoben hatte. Der kunstvoll geschnittene Meerschaum, den der Baron sehr bewunderte, entlockte ihm eine lange Geschichte, die er mit den Worten schloß:„Das Ding kostet auch ein gutes Stück Geld, Herr Baron. Na, was wollen Sie? Man hat's ja dazu.“ „Nun aber gehen wir in den Park,“ ent⸗ schied seine Frau mit einem Nachdruck, in dem sich ihre Unzufriedenheit mit ihres Mannes Prahlen verbarg. Der Baron sprang sofort auf und gab den Damen das Geleit. Der Meister blieb paffend sitzen. Als die Anderen zurückkehrten, hatte er dem Kellner eben den Auftrag gegeben, zwei Flaschen Berncastler Doktor zum Abendessen kaltzustellen und ihm die Speisekarte zu bringen, sobald sie zu haben sei. Er war in rosiger Laune und äugelte seine liebe Gattin schlau an. Herr von Unkenstein hatte die Damen wun⸗ dervoll unterhalten; über Alles und Jedes, was 3 ste nur uugend umeressieren tounte, wußtez er zu reden. Rosalte hatte es längst aufgegeben, darüber zu grübeln, wem er ähnlich sähe, und wenn ihr Goethe's„Faust“ bekannt gewesen wäre, so würde sie mit Gretchen gedacht hoben: Du lieber Gott, was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschämt aber fühlte ste sich garnicht, son⸗ dern plauderte munter, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war. Die Augen der Mutter strahlten, 8 entzückten sie die feinen Manieren des Herrn arons. Und dann kam das Abendessen, das Meister Adersen umständlich nach der Speisekarte zu⸗ sammengestellt hatte: Fisch, Braten, Gemüse, Dessert— und der Berncastler tat seine Schul⸗ digkeit als Basis einer Flasche Pommery, die Papa Adersen noch heimlich bestellt hatte. Es war jedoch weniger die Heiterkeit der kleinen Tafelrunde, welche die Aufmerksamkeit der Gäste an den benachbarten Tischen erregte, als das Zauberwort„Baron“, das Papa Adersen so oft wie möglich und mit erhobener Stimme zu hören gab. Diese Aufmerksamkeit berauschte ihn mehr als der Schaumwein. Auch sein Töchterchen hatte einen kleinen, ganz kleinen Spitz, als das Glockenzeichen zur Heimfahrt ertönte. Die Abendröte, in welche sich die Stadt wie in einen Purpurmantel mit goldenem Saum zu hüllen begann, lockte sie von den Ihrigen fort auf den Vorderteil des Deckes. Wie ste die Augen in die feierlich sttlle Glut vor ihr versenkte, dachte sie an ihren Vetter Otto. Morgen war Sonntag und ste würde wieder mit ihm radeln. Sie wünschte, daß er ein Bildermaler wäre; dann wäre er freier als jetzt und sie könnte auch an den Wochentagen mit ihm radeln. Sie seufzte, aber dann tat ihr der arme Junge leid; wußte sie doch, wie gern er ein Künstler wäre und wie fleißig er in seiper freien Zeit zeichnete. Und sie seufzte wieder. Er war doch ein gar zu lieber, prächtiger Junge, und er hatte ste lieb und sie wollte, daß sie ihm zur Höhe empor⸗ helfen könnte. Ach, es war doch gar zu dumm, daß dieser Baron von Unkenstein so viel Geld hatte und Otto ein armer Teufel war. Und sie seufzte zum dritten Male. Unterdessen versicherte ihr Vater in seiner Weinlaune den Baron, daß er ein verdammt netter Kerl wäre, wobei er ihn auf das Knie schlug. Aber als Junggeselle stände er wie der Storch gewissermaßen nur auf einem Bein; er müßte sich endlich seßhaft machen und heiraten. „Das ist leichter gesagt als getan,“ antwortete der Baron.„Ja, wenn ich ein Herz fände, eine Seele—.“ Frau Adersen gewahrte, daß seine Blicke nach der Richtung sich lenkteu, in der ihre Tochter stand und sie wußte nicht, ob ste sich freuen sollte oder nicht. Ihrem Manne kamen seine Bibelerinnerungen zu Hülfe und er sagte: „Suchet, so werdet ihr finden.“ „Ehen werden im Himmel geschlossen,“ be⸗ merkte die Frau. Alle Drei lachten. Rosalie kam langsam zu ihnen und man sprach von Anderem. Der Baron suchte ihre Augen, aber sie vermied die sein igen. Als man landend von einander Abschied nahm, sagte Meister Adersen:„Das war ein himmlischer Tag, nicht, Barönchen? Wie wär's, wenn wir ihn morgen fortsetzten und Sie bei uns zu Mittag äßen?“ Seine Frau erschrak, und es war für sie eine große Erleichterung, als Baron von Unken⸗ stein mit dem herzlichsten Danke ablehnte, de er bereits versagt sei. Er äußerte erwas von einer Excellenz von Moorenbruch, einem alten Kriegskameraden seines verstorbenen Vaters, wo er zur Tafel geladen sei. „Na, denn ein andermal,“ versetzte der Meister, und man trennte stich. (Fortsetzung folgt.) e Splitter. Eins steht fest: so lange es Krieg gibt, hört die Menscheit nicht auf, Bestie zu sein. Sollen wir abermals einer listigen Ironie der Weligeschichte zum Opfer fallen? Denn der Militarismus, der bewaffnete Gegner des gewaltsamen Umsturzes, arbeitet demselben mit allen Kräften in die Hände. Der Militarismus ist darauf bedacht, eine ungeheuere Volkskraft, bestehend aus Arbeitszeit, Körperstärke und Geld, für sich allein zu absorbieren und zu überspannen. Der überheizte Kessel muß endlich springen und die Explosion nennt sich Anarchie. Allerdings bildet sich der Militarismus ein, er werde sie— über den Haufen schießen. Das ist aber gerade die listige Ironie der Welt⸗ geschichte, daß sie diejenigen zu unbewußten Werkzeugen der verderblichsten Zwecke macht, welche diese Zwecke am grimmigsten zu be⸗ kämpfen glauben. Hyronimus Lorm. ** * Jeder Herrscher, der sich als solcher be⸗ haupten will, muß in gewissem Sinne ein Sklave sein. Ein freier Mann kann man nur unter freten Männern sein. Humoristisches. Zustimmung. Student:„Warum lächeln Sie über meine Worte, mein Herr? Sehen Sie mich vielleicht nicht für voll an? Herr: Für sehr voll sogar! Aprilwetter. Früher hat a Schäfer leicht de Zukunft prophezei'n kinna; aba seit d'Welt preißisch is, geht dds nimmer. Dö machen z' viel Wind und alle Tag an andern.. (Simpl.) Die„ungegessenen“ Interessenten. Der Ortsvorstand von Freienstein au hat an die hesstsche zweite Kammer eine Vorstellung gerichtet um Errichtung eines Amtsgerichts in Freiensteinau. In der Begrün⸗ dung dieser Vorstellung heißt es u. a.::„... Und wenn Großh. Amtsgericht für die Interessenten aus unserer Gegend die Termine so legt, daß der Mittags⸗ zug herwärts benutzt werden kann, so ist und bleibt es für die Beteiligten doch eine Hetze. Lange vor Tag auf dem Wege, müssen sie am Mittag ungegessen eilen, um zu rechter Zeit den von Herbstein ziemlich 1½ Kilometer entfernten Bahnhof zu erreichen.“ Litterarisches. Die Sozialistischen Monatshefte bringen in dem soeben erschtenenen Aprilhefte u. a:: Eduard Bernstein: Revolutionen und Rußland.— Olan Kringen: Der Sozialismus in Norwegen.— Oda Olberg: Polemisches über Frauenfrage und Sozialis⸗ mus.— Prof. Dr. Franz Staudinger: Ein Streit um Erkenntnis.— Dr. Paul Landau: Der Dichter Baudelaire.— Anton Fendrich: Zur Frage der Jugendliteratur.— Willem Hubert Vliegen: Die soziale Gliederung und Entwickelung der Niederlande.— Konrad Fink: Vom Bäckergewerbe.— Wirtschaft von Max Schippel.— Politik von Richard Cal⸗ wer.— Sozialpolitik von Paul Kampffmeyer.— Soziale Kommunalpolitik von Dr. Hugo Lindemann. — Ferner brengt das Heft ein Portrait von Cha r⸗ les Baudelaire, gezeichnet von Felix Valloton. — Der Prais des Heftes beträgt 50 Pfg., viertel⸗ jährlich Mk. 1.50. Zu beziehen durch alle Buchhand⸗ lungen, Kolporteure und durch jede Postanstalt. ee, 1 eee — 2——— Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg, komplett in 50 Heften. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Von Otto Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. a Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Wochenschrift der deutschen —— r —— — 2 Seite 3. 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