lung 0 . 1 Ahr artell. f 8 scharf die angebliche chloßgasse. doch darauf hinau ziellen Grundlage freie 2 eb 8 te Gießen, den 31. Januar 1904. 11. Jahrg. Nr. 5.. zu dieser Frage an. herrschsüchtigen 5 beamten und forder der Selbstverwaltur unt Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. n gs⸗Jeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. bie Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate f Die ö5gespalt. Bei mindestens Vegriffsverwirrung und Klassenhaß. Es wirft ein trauriges Licht auf den ver⸗ worrenen Geisteszustand, in dem sich immer noch eine Anzahl selbst akademischer Lehrer in Deutschland befindet, wenn man sehen muß, wie völlig verständnislos und, was beinahe noch schlimmer ist, herzlos dieselben oft den Bestrebungen der sogenannten unteren Volk. ⸗ klassen gegenüberstehen, und wie leichtfertig sich dort Urteile angemaßt werden, ohne die Grundbedingung allen und jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebenden Urteils, nämlich eines ernsten und möglich st objektiven Studiums der zu behandelnden Frage, auch nur annähernd zu erfüllen. Ganz besonders befremdend muß es aber berühren, wenn selbst ein Mann, der sich als„Ethiker“ bezeichnet, nicht davor zu⸗ rückscheut, den Rest ethischen Empfindens unter seinen Klassengenossen auch noch zu vernichten. Dr. Hermann Schwarz, Privatdozent der Philosophie an der Universität Halle, liefert uns in seinem neuesten Werk, welches den schönen Titel:„Das sittliche Leben“) führt, den Beweis, daß Unkenntnis der einfachsten sozialen Tatsachen vereint mit einem wahrhaft krassen Mangel an liebevollem Verständnis für den behandelten Gegenstand direkt wissenschafts⸗ fälschend werden kann. Schwarz beschäftigt sich eingehend mit der sozialen Frage. Dabei kommt er zu folgendem klassischen Urteil: „Unsere Arbeiterbewegung macht es den Unter⸗ nehmern schwer, Edelsiun zu üben.“(S. 193.) Daß das Unternehmertum— seien wir gerechter als Schwarz und setzen wir deshalb hinzu, in seiner Ueberzahl— es auch den Arbeitern schwer macht,„Edelsinn zu üben“, erwähnt er nicht. Und doch ist gerade das der springende Punkt, zumal da— wie sich das auch Herr Schwarz bei einigen Nachdenken hätte sagen können— der Unternehmer dem Arbeiter gegen⸗ über im Besitz unendlich überlegener materieller Macht itt. Daß Schwarz in der sozialen Frage nur eine ethische, nicht aber auch eine ökonomische Seite sieht, wollen wir ihm hier nicht einmal anrechnen. Wohl aber, daß er fortfährt:„Un⸗ sere heutigen Arbeiter in ihrem Klassenl aß und mit ihrer Begriffsverwirrung sind nur zu ge⸗ neigt, das, was sie den Unternehmern schulden, zu vergessen. Das ist, da sich niemand anders über sie erbarmt(sic!), nicht mehr und nicht weniger als ihre Existenz. Dem Unternehmer verdankt der Arbeiter, daß er überhaupt leben kann und nicht Hungers stirbt.“ So Herr Schwarz im Jahee des Heils nicht 1703, son⸗ dern 19031! Jedoch von seinen krausen wirt⸗ schaftlichen Gedanken, die den Arbeitskontrakt als ein Liebeswerk des Unternehmertums und die Arbeit nicht als Mittel zum Zweck des Unternehmer⸗Gewinnstes, sondern als eine dem hungernden Arbeiter vom Kapitalisten menschen⸗ freundlich gewährte Beschäftigung auffassen, wollen wir an diesem Ort nicht reden. Hier soll nur die Naivität hervorgehoben werden, die da von den Arbeitern Dank⸗ barkei dafür beansprucht, daß sie täglich 11 bis 14 Stunden schuften dürfen, um für ihre Arbeit noch nicht einmal ein auch nur einiger⸗ maßen sorgenfreies Leben zu gewinnen, und zugleich daran erinnert werden, daß, wenn ) Berlin, Reuther und Richard. 417 Seiten. „Klassenhaß und Begriffsverwirrung“ bei den deutschen Arbeitern bestehen sollte, dieselben Eigenschaften offenbar, wie das Exempel lehrt, auch bei Universttätsgelehrten anzutreffen sind. Ueber die Begriffe„Arbeit“,„Erbarmen“,„Exi⸗ stenz» usw. herrscht bei Schwarz eine solche Verwirrung, daß es nicht glaublich erscheint, jemand könne noch stärker verwirrt sein, und die Wissenschaft im wenn auch unbewußten Dienste des Unternehmertums mit der dazu gehörigen Glorifizierung des Kapitals und Ver⸗ achtung der arbeitenden Klassen, das ist eine um so schlimmere Probe von„Klassenhaß“, als der Gebildete eigentlich doch die Fähigkeit haben müßte, ruhiger und gerechter zu empfinden als der brotlose Unbemittelte, bei welchem das Elend und die Unbildung schiefe und lieblose Urteile über die andere Klasse, wenn sie wirk⸗ lich einmal vorkommen, entschuldbarer scheinen lassen. Ob, wenn Herr Dr. Schwarz vielleicht keine Aussicht auf eine Professur haben sollte, sich die Crimmitschauer Fabrikanten nicht seiner annehmen? Dr. Robert ichels. Von der russischen Sozial⸗ demokratie. Von einer politischen Bewegung in Rußland hört man im Allgemeinen so gut wie nichts. Wer im Lande selbst es unternimmt, sich um politische Fragen zu kümmern und etwa ver⸗ sucht, offentlich im freiheitlichen Sinne zu wir⸗ ken, riskiert seine Existenz; bei der ersten besten Gelegenheit wird er nach Sibirien in die Verbannung geschleppt, und sieht in den meisten Fällen seine Heimat mie wieder. Endlose, gräß⸗ liche Qualen erwarten den, der sich bemüht, bessere Zustände in dem korrupten, auf Willkürherr⸗ schaft aufgerichteten Staatswesen herbeizuführen. Wir haben in der vorigen Nummer schon kurz auf die Schändlichkeiten des Zarismus hinge⸗ wiesen. Trotz der barbarischen Unterbrückungs⸗ maßregeln macht aber auch dort die Sozial⸗ demokratie Fortschritte und die öfteren, gegen Angehörige der Partei geführten Prozesse wirken agitatorisch. Bei einem derartigen, vor Kurzem in Odessa— natürlich hinter ver⸗ schlossenen Türen— stattgefundenen Prozesse hielt der Hauptangeklagte, Leon Goldmann zwei Reden, in denen er gewissermaßen das Pro⸗ gramm der russischen Sozialdemokratie dar⸗ legte und die auf die Richter starken Eindruck machten, natürlich ohne seine Verurteilung zur Verbannung nach Sibirien zu verhindern. Wer geben diese Rede nach einer Uebersetzung aus dem in Genf erscheinenden russischen Partei⸗ organ„Js kra“ wieder. Aus den Darlegungen des russischen Genossen geht unter anderm mit aller Deutlichkeit hervor, datz es durchaus falsch ist, die russischen Freiheitskämpfer als Anarchisten zu bezeichnen, wie das kürzlich bei Gelegenheit der sozialdemokratischen Interpellation wegen der russischen Spitzeleien von deutsch⸗offtzieller Seite geschah. Leon Goldmann führte aus: Richter und Geschworene! Ich gestehe zu, mich an der Einrichtung und d m Betrieb einer geheimen sozialdemokratischen Druckerei beteiligt zu haben. Es wundert mich aber, daß mich die Anklage einer Aufreizung zu Gewalttätigkeiten beschuldigt. Dies muß ich entschieden bestreiten, denn ich gehöre zur russischen sozialdemokratischen Partei. Diese, als sozialistische Parte, erstrebt die Be⸗ freiung der arbeitenden Klasse von dem Joche der⸗ Aus beutung. Die heutigen ökonomischen Verhältnisse will sie in sozialistische umgestalten. Grundsatz des Sozialismus ist, das Eigentum an Grund und Boden und Arbeitsmitteln zu vergesell⸗ schaften und damit Zustände zu schaffen, in denen sich der Mensch allseltig frei und harmonisch entwickeln kann. Ausgehend von der Ueberzeugung, daß die Be⸗ freiung der Arbeiterklasse nur durch sie selbst geschehen kann, sucht die sozialdemokratische Partei das Klassen⸗ bewußtsein der Arbeiter zu wecken, sie zu klassen⸗ bewußten Arbeitern zu erziehen. Sie zeigt und erklärt die Gegensätze zwischen Kapitalisten und Grundbesitzern gegenüber den besitzlosen Arbeitern, organisiert die letzteren für den Kampf mit dem Ausbeutertum und bereitet sie auf die historische Rolle vor, die sie in der Geschichte der Menschheit zu spielen berufen sind. Als eine demokratische Partei sucht die Sozial⸗ demokratie den größtmöglichsten Einfluß auf das poli⸗ tische Leben und die politische Entwicklung des Staates zu erringen. Sie erkämpft die politischen Rechte im allgemeinen für das ganze Volk und für die arbeitenden Klassen insbesoudere. Auf dem Wege zur sozialdemokratischen Ordnung der Dinge stößt das Proletariat Rußlands auf ein großes Hindernis: den absolutistischen Staat, jenen Staat, der noch als scheußliches Ueberbleibsel aus der Zeit der Leibeigenschaft in unsere Zeit hineinragt. Dieses Hindernis muß das Proletariat unbedingt beseitigen. Deshalb ist nächste Aufgabe der russischen sozlaldemokratischen Partei Befrelung von der Willkür⸗ herrschaft des Zarentums, und Herstellung einer freieren, demokratischen und konstitutlonellen Regierung. Die So zialdemokratie bietet alle Kräfte auf, um die Arbeiter⸗ klasse zur Erkenntnis ihrer schrecklichen Lage zu bringen, und die Notwendigkeit politischer Freiheit vor Augen zu führen Und wünklich, was kann schrecklicher sein als die Lage der Arbeiterklasse in Rußland? Hun⸗ derte und Tausende russischer Arbeiter rafft die Hungers⸗ uot dahin, alle aber fristen ein elendes, menschenun⸗ würdiges Dasein. Sie leiden unter gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen, der lange Arbeitstag ist mit schwerer, qualvoller Arbeits last ausgefüllt und dabei erhalten sie einen elenden Lohn, der noch nicht für Brot für die Familie ausreicht— so ist die ökonomische Lage der Fabrik⸗ und gewerblichen Arbeiter. Noch schlimmer ist die Lage der Bauern. Sie verfügen nur über kleine, ärmliche Schollen Land; seit zwei Jahrzehnten hört die Hungersnot unter ihnen nicht auf. In öffentlich⸗rechtlicher Beziehung sind sie, ebenso wie die Arbeiter, rechtlose Sklaven. Sie seufzen unter dem Joche der Großgrundbesitzer und der Semski- Natschalnikow;(Landes⸗Vorsteher, etwa dem preußt⸗ schen Landrat entsprechend) mit dem schmachvollen Mittel der Prügelstrafe in Botmäßigkeit und Unterwürfigkeit gehalten, zwingt man sie, vor jedem„Herrn“ den Hut zu ziehen. Jeder, der eine Kokarde trägt, sieht Arbeiter und Bauern als untergeordnete Wesen, als rechtlose Menschen an; jeder Polizist kann den Arbeiter straflos schlagen und schimpfen. Wir Sozialdemokraten entwickeln in den geknechteten N Arbeitern das Gefühl des Selbstbewußtseins, suchen ihnen Selbstvertrauen anzuerziehen, und ihnen den Weg zur Selbsthilfe zu zeigen. Wir stählen sie zum Kampfe für bessere Lebensbedingungen, flößen ihnen Interesse für das öffentliche Leben ein, entwickeln in ihnen bessere und höhere Kulturtriebe und ziehen ihn in das poli⸗ tische Leben unserer Heimat hinein. Unsere ganze Tätig⸗ keit inmitten der Arbeiterklasse bringt eminenten Nutzen für unser Vaterland; da wir die Arbeiter sklaven zu gleichberechtigten Arbeiter bürgern umwandeln. Die Anklage sagt von uns, daß wir in Kischinew eine geheime Druckerei errichtet haben zur Herstellung von Schriften, die zu Ungehorsam und Gewalttätigkeiten gegen die Obrigkeit aufzureizen bestimmt waren und wir hätten damit die Absicht bekundet, Staat und Re⸗ — 5 5 —— 0 2 .— —— 9 Seite 2. Mitteldeutsche Zonntags⸗Zeitung. Nr. 5. gierung zu stürzen. Wir sind aber keine Auarchisten undz wollen nicht die Vernichtung jeder Regierung, son⸗ dern kämpfen nur gegen den schlimmsten Feind der Ar⸗ beiterklasse, die Selbstherrschaft, welche die Inte⸗ ressen des ganzen Landes schädigt. Ja, des ganzen Landes! Deshalb vertritt die russische Sozialdemo⸗ kratie im Kampfe für politische Freiheit nicht nur die Interessen der arbeitenden Klassen, sondern aller Klassen der russischen Gesellschaft. In diesem Kampfe wenden wir keine terroristischen Mittel an. Nach unserer Ueberzeugung ist sogar der Terror ein verwerfliches Mittel, das uns nicht zum Ziele führt. Wir haben bis jetzt noch keinen bewaffneten Aufstand organisiert, wir haben nur das freie Wort gedruckt und verbreitet. Die Selbstherrschaft(Regierung) befindet sich wie in einem feindlichen Lager, im ganzen Lande verhaßt, als Krebsschaden empfunden. Mit Recht sieht sie deshalb in einer geheimen Druckerei eine Gefahr für sich. Um ihre Existenz zu sichern, sucht sie jeden Schein von einem freien Gedanken zu unterdrücken. Etne Milliarde (Rubel) des aus dem Volke gepreßten Geldes verwendet ste zur Unterhaltung von Militär, Polizet, Gen⸗ darmen und Spitzel n. Mit Kerker, Verbannung, Kosackenknuten, Flinte und Säbel beantwortet sie das Streben der Arbeiter und Bauern zur Verbesserung ihrer Lage und die Proteste der besten Bürger aus allen Schichten der Bevölkerung, die Freiheit und das Glück ihres Vaterlandes wollen. Das freie Wort zeigt die Unhaltbarkeit der jetzigen Zustände und insofern ist es allerdings eine für die Selbstherrschaft gefährliche Waffe. Der Tag, an dem Rußland die Preßfreiheit erlaugen würde, wäre der letzte des absoluten Re⸗ gimeuts. Ich und meine Mitangeklagten in diesem Prozesse ind Juden. Das ist selbstverständlich ein Zufall. Die große Beteiligung der Juden an der russtschen re⸗ voluttonären Bewegung ist aber kein Zufall. Ich selbst wurde auf das Verhalten der russischen Regierung gegen die Juden schon als Knabe von 12 Jahren ge⸗ toßen, als ich, weil damals die Aufnahme von Juden in die Mittelschplen sehr streng begrenzt war, in diese nicht aufgenommen wurde. Damals war ich zu jung, um die Bedeutung dieses Falles für mein späteres Leben beurteilen zu können; erst später begriff ich, daß dies nur ein Glied in der Kette der von der Regier⸗ ung geübten Judenverfolgung darstellt. Die russische Regierung hat das jüdische Volk in die Lage rechtloser Parias gebracht. 5—6 Millionen Juden schmachten in Elend und Rechtlosigkeit zusammen⸗ gepfercht in den„ Osedlosti tscherta(Orte, in denen die Juden wohnen dürfen), wo die Konkurrenz unter den jüdischen Proletariern die höchste Grenze erreicht (well die Juden keine Freizügigkeit besitzen), wo die Proletarier zu Hunger und Degeneration verurteilt sind. Die Regierung hat den Juden selbst die kümmerlichen „Rechte“ genommen, welche die russischen Bürger besitzen. Ste hat ihnen verboten, staatliche und öffentliche Dienste zu bekleiden, sie verschließt den Juden die Möglichkeit, mittlere und höhere Bildung sich anzueignen, sie hat ihuen das Recht genommen Acker zu bebauen und als Eigentum zu erwerben. Jüdische Arbeiter dürfen nicht in Fabriken und Werke hinein, die in irgend welcher Beziehung zur Krone stehen. Dazu kommen in letzter Zeit noch die Juden metzeleien, die von der Re⸗ gierung organisiert und unterstützt werden.“ (Fortsetzung der Rede folgt in nächster Nummer.) Aus dem Reichstage. Kaufmännische Schiedsgerichte. Am vorigen Mittwoch beschäftigte sich der Reichstag mit einem Gesetzentwurfe, der die Schaffung von Schiedsgerichten für Kaufleute auf ähnlicher Grundlage wie die Gewerbege⸗ richte bezweckt. Zuerst sprach dazu der Anti⸗ semiterich Lattmann⸗Kassel. Er sowohl, wie die meisten bürgerlichen Redner, die nach ihm sprachen, sind von der Regierungsvorlage um wesentlichen befriedigt. Demgegenüber ist die Sozialdemokratie die einzige ernsthafte Ver⸗ Se der Interessen der Handlungsgehlilfen. Genosse Singer, der in erschöpfender Dar⸗ stellung der wirklichen Verhältnisse mit genaue⸗ ster Sachkenntnis den Standpunkt unserer Fraktion vertrat, zerstörte zunächst die Legende des Abg. Lattmann von der bahnbrechenden Tätigkeit des Deutschnationalen Handlungs⸗ gehilfenverbandes. Dann formulierte er klar und scharf die Mindestforderungen, unter denen die Gehilfenschaft wie unsere Fraktion dem Entwurf zustimmen kann: Obligatorische Er⸗ richtung von Kaufmannsgerichten an allen Or⸗ ten wo ein Gewerbegericht besteht, aktives und passtves Wahlrecht für alle Handlungsgehilfen über 21 Jahre ohne Unterschied des Geschlechts, Fernhaltung der Rechtsanwälte von den neuen zerichten— ebenso wie sie bet den Gewerbege⸗ richten ausgeschlossen sind—, die nur das klare Recht zugunsten der Unternehmer ver⸗ wirren und die Prozeßführung verteuern, und Unterstellung der Streitigkeiten aus der Kon⸗ kurrenzklausel unter die Zuständigkeit der Kauf⸗ mannsgerichte. Daneben wies er die reaktio⸗ nären Einmischungsversuche der Berufsgenossen⸗ schaften energisch zurück und sprach noch manche andere wertvolle Anregung für eine wahrhaft soziale Ausgestaltung des Gesetzes aus. Dem allen gegenüber hat der Staatssekretär Graf Posadowsky nur ein klares„Nein“. Erklärt er doch, daß die Einführung des aktiven Frauen⸗ wahlrechts, für das selbst Herr Trimborn vom Zentrum, Herr Beck von den Nationalliberalen und Herr Blell von den Freisinnigen eintrat, die Vorlage der Regierung unannehmbar machen würde. Die Debatte über diesen Gegenstand wurde am Donnerstag fortgesetzt und füllte noch die ganze Sitzung aus, ohne daß etwas Be⸗ sonderes dabei herausgekommen wäre. In den bürgerlichen Fraktionen gehen die Ansichten über den Entwurf noch sehr auseinander. Während die Parteien durch die Fraktionsredner im allge⸗ meinen ihre Sympathie mit der Vorlage aus⸗ gedrückt hatten, fanden sich in den Abgeordne⸗ ten der nationalliberalen Partei Dr. Semler und Dr. Lucas, Vertreter des bornierten Unter⸗ nehmerstandpunktes, wie er von einigen Han⸗ delskammern zum Ausdruck gebracht worden ist. Sie behaupteten, daß die Kaufmannsge⸗ richte die angebliche Harmonie zwischen Prinzi⸗ pal und Angestellten störten und sahen in ihnen bereits wieder die Vorboten für den„Zukunfts⸗ staat des Herrn Bebel.“ Genosse Lipinski räumte mit diesen Scheingründen auf und stellte die soziale Bedeutung der Sondergerichte unter Hinweis auf die allseitig anerkannte treff⸗ liche Wirksamkeit der Gewerbegerichte ins rich⸗ tige Licht. Zum Schlusse gab es ein Zankkonzert zwischen Herrn von Gerlach und den Anti⸗ semiten. Herrn v. Gerlach wurden seine poli⸗ tischen Häutungen so gröblich und ungeschliffen, wie es eben nur Herr Liebermann von Sonnen⸗ berg fertig bringt, vorgeworfen. Herr v. Ger⸗ lach erwiderte mit Recht, daß derartige Wand⸗ lungen den Antisemiten nur dann unangenehm seien, wenn sie in der Richtung von rechts nach links erfolgten: aber gegen das grobe Maul des Antisemitrichs konnte er doch nicht recht aufkommen. „Festsetzung der Heerespräsenz⸗ stärke stand am Freitag auf der Tages- ordnung, nachdem Wahlprüfungen erledigt wurden. Natürlich sollen die Ausgaben für Militarismus nicht eingeschränkt werden. ach einer komisch⸗unbeholfenen Jungfernrede des konservativen Abgeordneten v. Elern erklärte Bebel im Namen der Fraktion in kurzen Worten, daß wir auch diese Militärforderung ablehnen, und verspottete die Begründung der Regierungsvorlage mit Recht wegen ihres höchst sonderbaren Versteckspielens. Auf sein Vorhalten bestritt der Kriegsminister, daß für nächstes Jahr eine bedeutende Heeresvermehrung ge⸗ plant sei, und das Zentrum erklärte durch Herrn Fritzen, daß es eine solche nicht bewilligen werde. Warten wir's ab! *— Montag begann die Einzelberatung des Etats. Der vor Weihnachten von den Mehr⸗ heitsparteien an den Tag gelegte Arbeitseifer ist schon wieder vollständig verflogen. Beschluß⸗ unfähtges Haus! Diätenlosigkeit ist dafür eine der Ursachen und die schon so oft erhobene Forderung der Diäten oder Anwesen⸗ heitsgelder, die im Anschluß an eine von den Nationalliberalen gestellte Resolution ver⸗ handelt wurde, erhielt durch die Leere des Hauses eine wirksame Begründung. Die Stel⸗ lung der Parteien zu dieser alten Forderung des Parlaments ist unverändert geblieben. Gegner der Diätengewährung sind die Kon⸗ servativen und ein Teil der Reichspartei, der andere Teil der Reichspartei gehört zu den Freunden der Diäten, aber zu jenen gefährlichen Freunden, aldie für die Einführung der Diäten Kompensationen in Gestalt einer Verschlechter⸗ ung der Geschäftsordnung des Reichstags for⸗ dern. Wäre es den Mehrheitsparteien Ernst damit, die Diäten durchzudrücken, so hätten sie genug Machtmittel in der Hand, um den Wider⸗ stand der Regierung zu brechen. An eine wirk⸗ liche Machtprobe denken aber sie nicht, und so bleibt alles leeres Gerede. Diese Gesichtspunkte wurden in der Debatte von den Rednern unserer Fraktion, den Genossen Pfannkuch und Da⸗ 5 vid, entwickelt. Nunmehr setzte, wie gewöhnlich bei dem Etat des Reichsamts des Innern, eine sozialpolittsche Debatte ein, wobei der Crimmit⸗ schauer Streik im Vordergrunde der Erörter⸗ ung stand und weiter über 10 Stundentag, Ge⸗ werbeinspektion, Aerztekonflikt u. s. w. geredet wurde. i Auf die Vorwürfe der Gegner, daß die Arbeiter keine monarchische Gesinnung betätigten, erwiederte Fisch er treffend: Graf Posadowsky meinte, die Arbeiter würden sozialpolitisch in Deutschland mehr erreichen, wenn sie nicht republikanisch, sondern monarchisch gesinnt seien. Woran liegt es denn aber, daß die deutschen Arbeiter so wenig monarchisch gesinnt sind. Sind nicht alle Verwaltungs⸗ und Polizeimaß regeln, alle Justtz⸗ urteile gegen die Arbeiter in den letzten Jahrzehnten im Namen des Königs ergangen? Hat man nicht die Koalitionen der Arbeiter zur Verbesserung ihrer wirt⸗ schaftlichen Verhältnisse stets bekämpft, unter dem So⸗ zialistengesez ihre Organisationen zertrümmert, ihre Presse unterdrückt? Glauben Sie, daß das alles aus dem Bewußtsein der Arbeiter ausgelöscht ist? Die Februar⸗Erlasse waren nur ein kurzer Traum, keine ihrer Versprechungen ist bisher erfüllt, nicht einmal in den Staatsbetrieben, die nach ihnen Musterbetriebe sein sollen. Ein Jahr nach den Februar⸗Erlassen brachte dieselbe Regierung ein Arbeiterschutzgesetz ein, so reaktio⸗ när, daß selbst Unternehmer dagegen stimmten. In Crim mitschau hat sich die sächsische Regier⸗ ung natürlich ohne weiteres auf die Seite der Unter⸗ nehmer gestellt, und nicht nur das: sie hat die Arbeiter im Namen des Königs an der Ausübung ihrer Grund⸗ rechte verhindert. Es ist nicht war, daß die„öffentliche Ruhe und Ordnung“ die Verhängung des Belagerungs⸗ zustandes in Crimmitschau notwendig gemacht hätte! Graf Posadowsky meinte, in Monarchien erreichten die Arbeiter mehr als in Republiken. Ist etwa in Australlen, in Amerika. in der Schweiz weniger für die Arbeiter getan worden als bei uns? Auch in Bezug auf poli⸗ tische Freiheit stehen alle Republiken Deutschland voran und Preußen an letzter Stelle. Herr Trimborn hat mit keinem Worte be⸗ wiesen, daß die Sozialdemokratie im Crimmitschauer Streik das parteipolitische Interesse in den Vordergrund geschoben habe. Die sächsische Regierung stellte die Frage so:„Hie Unternehmer und Polize' hie Arbeiter!“ Wir hätten uns vor der ganzen Welt schämen müssen, wenn wir da nicht Partei für die Arbeiter ergriffen hätten! Jetzt, nach ihrem Siege, halten die edlen, hochherzigen sächsischen Arbeitgeber natürlich fürchterliche Musterung unter den Besiegten! Hätten wir den Zehnstundentag gehabt, so wäre dieser Kampf vermieden worden. Sie werden die Arbeiter— schloß Fischer— niemals zur Ueberzeugung bringen, daß Sie ihre wahren Vertreter find. Wenn sie sich auch hinter den Terrorismus verschanzen, so fürchten Sie doch nur das Erwachen der deutschen Arbeiterschaft. Die sozialpolitische Debatte setzte sich am Dienstag fort, wo zunächst der sächsische Bundesratsbevollmächtige Fischer seine Regie⸗ rung wegen ihrer Haltung bei dem Crimmit⸗ schauer Streik zu verteidigen suchte. Er über⸗ häuft die Crimmitschauer Gendarmen mit Lobesüberhebungen über ihr„außerordentlich angemessenes Verhalten“, rechtfertigt nachträg⸗ lich noch einmal den kleinen Belagerungszustand, ja er verteidigt sogar die Nichteinführung des Zehnstundentages unter Ausfällen gegen die Kathedersozialisten, wie sie der selige Stumm nicht bitterer hätte erfinden können. Wen soll das Wunder nehmen? Als er eine gleichgültige Erklärung gegen Bebel verlas, sagte er doch selbst ausdrücklich, er tue es„im Auftrage“ der Crimmitschauer Unter nehmer. Die Redner aus dem Hause boten in ihren breiten Ausführungen ein paar dürftige sozial⸗ reformatorische Vorschläge und viel verständnis⸗ lose Polemik gegen unsere Partei. Dr. Mug⸗ dan von der Freisinnigen Volkspartei, der seit mehr als einem Jahrzehnt die freie Arztwahl unter seinen Kollegen propagiert, griff überaus — fl e lit gehe lt ac line ale lr fh 0 f 0 lle be 00 lber dan bal daß U 1 0 n 0 110 der 0 t l eredet b die nung würden enn sie gestnt uulschen d nicht Justtz zehnten cht dle wirt⸗ m So⸗ ihre 5 aus Die keine einmal triebe brachte altio⸗ Regler⸗ Unter⸗ irbeiter grund⸗ atliche rungs⸗ hätte! ten die rallen, tbelbet poli⸗ poran e be⸗ schauer in den gierung holtze, 1 Welt ir bie Siehe, geber iegten! „deset 19 9155 ngen, sie sich irchtel cat. 0 an —. Nr. 5. Mitteldeutsche Tountags⸗Zeitung. scharf die angebliche Stellung unserer Fraktion zu dieser Frage an. Er schalt tüchtig auf die herrschsüchtigen„sozialdemokratischen“ Kassen⸗ beamten und forderte verblümt die Aufhebung der Selbstverwaltung; aber schließlich kam es doch darauf hinaus, daß bei der jetzigen finan⸗ ziellen Grundlage der Kassengesetzgebung die freie Arztwahl ebensowenig etwas wirklich Be⸗ friedigendes leisten könne wle ein anderes System. Er kennt den Grund dafür genau so gut wie unsere Genossen:„Fast kein Proletarier ist im medizinischen Sinne gesund.“ Und nach⸗ dem Dr. Mugdan das festgestellt hat, feiert er den sozialen Frieden. Das Gemüt eines bie⸗ dern Freisinnigen merkt die soziale Kluft nicht, auch wenn er mitten darin steht. Schließlich sprachen noch zwet der bekanntesten sozialisieren⸗ den Scharfmacher, von Heyl zu Herrnsheim und Gamp. Ueber Arbeitskammern, Zehn⸗ stundentag und die Wirksamkeit vieler anderer Maßregeln auf sozialem Gebiet sind sie uneins, ein Herz und eine Seele aber bei den Repres⸗ stomaßregeln gegen die Arbeiterbewegung. Herr b. Heyl möchte durch exorbitant hohe Geld⸗ strafen die sozialdemokratische Provinzpresse ver⸗ nichten, das ist augenblicklich sein Spezialwunsch. Ganz nebenbei, anläßlich einer kleinen Polemik mit dem Zentrum, deckte v. Heyl dann wieder einmal den Untergrund der bürgerlichen Sozial⸗ heuchelei auf: Wenn man ihn den Zehnstunden⸗ tag nicht wenigstens beantragen lasse, erschwere man ihm den Wahlkampf. So sind's 5 wieder die Sozialdemokraten, die vorwärts treiben! — politische Rundschau. Gießen, den 28. Januar 1904. Volksfeindliche Zentrums politik. Eine Partei, die aufrichtig für das Wohl des Volkes und die Wahrung seiner Ehre ein⸗ tritt, wird das allgemeine, gleiche direkte und geheime Wahlrecht immer und überall als eine grundsätzliche Forderung ihres Programms be⸗ trachten müssen. Denn jedes Wahlrecht, das einen Teil des Volkes privilegiert und ihm einen größeren Einfluß auf die Gesetzgebung einräumt als dem„gemeinen Volke“, bedeutet nicht nur eine Ehrenminderung der großen Masse, sondern auch ihre schwerste wirtschaft⸗ liche Benachteiligung. Das Zentrum pflegt zwar bei jeder Reichs- ee so zu tun, als ob es diesen Satz an⸗ erkenne, der auch für die große Masse seiner Wähler eine Selbstverständlichkeit ist. Kaum aber sind die Wahlen vorüber, so wirft es auch schon die demokratische Maske ab. Am Sonn⸗ abend erklärte Herr Bachem im preußischen Landtag: Daran ist nicht zu denken, das Reichstags wahlrecht einfach auf das Land zu übertragen. Wir betrachten das Reichstagswahlrecht nicht als Ideal, und wir wissen alle, welch ein Mißbrauch mit diesem Wahlrecht getrieben wird. Der Mißbrauch, der mit dem Reichstags⸗ wahlrecht getrieben wird, besteht nämlich darin, daß die Aeichstagswähler nach ihrer Ueber⸗ zeugung wählen und daß diese Ueberzeugung nicht immer den Ansichten des Herrn Bachem und seiner protestantischen Bundesgenossen von der konservativen und nationalliberalen Partei entspricht. Wenn es in christlichen Arbeiterkreisen über⸗ haupt eine Spur von politischem Verständnis gibt, wird Herr Bachems Wort auch ohne weit⸗ läufige Erklärung seine Wirkung nicht verfehlen. Nur daran sei erinnert, daß das Zentrum in früheren Jahren einmal einem freisinnigen An⸗ trage auf Einführung des gleichen Wahlrechts zugestimmt hat. Das Zentrum ist bereit, für jede volkefreundliche Forderung zu stimmen, wenn es weiß, daß es damit in der Minderheit bleibt. Auf deutsch nennt man eine solche Po⸗ litik Falschspielen, Bet rügen. Ueber die Sittlichkeit im Heere peer richtiger das Nichtvorhandensein derselben ist schon oft geklagt worden. Jetzt werden die stttlichen Zustände in der Armee durch eine Forderung der Militärverwaltung von Col⸗ mar i. E. wieder einmal grell beleuchtet. Diese hat nämlich bei der Stadtverwaltung von Colmar den eintrag gestellt, in gesund⸗ heitlichem Interesse für die Wiedereinführung der Kasernierung der Prostitution einzutreten. Begründet wird dieser Antrag mit dem Hin⸗ weise auf die stets wachsende sexuelle In⸗ fizierung der Garnison. Der Gemeinde⸗ rat von Colmar hat anfangs der neunziger Jahre die Kasernierung aufgehoben und den Prostituierten den Aufenthalt in der Stadt überhaupt untersagt. Klerikalerseits war man des Lobes voll uber diese tapfere Tat und konnte die guten Folgen nicht genug hervor⸗ heben. Diese guten Folgen haben sich nun ge⸗ zeigt: trotz der Aufhebung der Kasernierung und trotz der Verjagung der Prostituierten— ein stetes Zunehmen der Geschlechtskrankheiten beim Militär. Ein erneuter Beweis, wie machtlos der heutige Staat gegen diese so un⸗ angenehme Begleiterscheinung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist, aber auch ein Beweis dafür, daß es im Reiche v. Einems im Punkte der Stttlichkeit recht schlecht bestellt ist. Doch warum sollten die„gemeinen“ Marsjünger nicht auch Frau Venus opfern, wird ihnen doch von„oben“ herab mit gutem Beispiel voran⸗ gegangen. Siehe Forbach, Pirna usw. usw. Mörderprinz Arenberg wird es schließlich doch noch fertig bringen, sich von der ihm zudiktierten Strafe ganz zu be⸗ freien. Das Reichsmilitärgericht hat den An⸗ trag auf Wiederaufnahme des Verfahrens für begründet erklärt und erneute Verhand⸗ lung angeordnet. Der Beschluß des Reichs⸗ militärgerichts stützt sich auf das Gutachten einer Kommission des wissenschaftlichen Senats bei der Kaiser Wilhelm⸗Akademie in Berlin, welches dahin geht, daß sich der Prinz zur Zeit der ihm zur Last gelegten Tat in einem Zu⸗ stand gestörter Geistestätigkeit be⸗ funden habe, durch die seine Willensbestimmung ausgeschlossen gewesen sei. Schon bei den ersten Verhandlungen bemühten sich die sehr reichen Angehörigen den Kolonialhelden als geistesgestört erscheinen zu lassen. Auch von einem Verteidiger wurde, wenn wir nicht irren, diese Frage aufgeworfen. Trotzdem ist die Verurteilung erfolgt ebenso zweifellos auf Grund der festen Ueberzeugung der Richter, daß der Verbrecher nicht geistesgestört sei. Wäre der Verbrecher ein armer Schlucker, so wäre es ihm resp. seinen Angehörigen jeden⸗ falls nicht gelungen, noch nachträglich den Be⸗ weis der Geistesgestörtheit zu erbringen. Man weiß, wie schwer es sonst hält, vor den Gerich⸗ ten ein Wiederaufnahmverfahren zu erzielen. Zwischen Rußland und Japan sind die Differenzen noch nicht beigelegt. Eine neuliche Meldung, die besagte, daß Rußland alle Forderungen Japans bewilligt habe, hat sich nicht bestätigt. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. „Göttliche Weltordnung“. In lako⸗ nischer Kürze melden bürgerliche Blätter aus Schönebeck an der Elbe folgendes erschüttern⸗ des Elendsdrama: Den Tod durch Erfrieren fand nachts der Arbeiter Kern von hier. In⸗ folge eines Unfalles, wie er sagte, war er auf einem Auge erblindet, so daß er keine Ar⸗ beit finden konnte. Eine Rente wurde ihm nicht bezahlt, da das fachmännische Gut⸗ achten die Erblindung auf andere Ursachen schob. Auf dem Rückweg von Magdeburg, wo er ver⸗ geblich Arbeit gesucht hatte, hat er sich— er⸗ müdet— auf den Wiesen niedergelassen, ist eingeschlafen und erfroren.— Und das trotz aller„Wohltätigkeitsbälle“ und„vollkommenster Armenfürsorge“! Der Krankenkassenkongreß in Leipzig war von ca. 1200 Delegirten besucht, die etwa 2 274 000 Mitglieder vertreten. Einziger Gegenstand der Verhandlung war:„Die Stellung der deutschen Kranken— Seite. kassen zu den Forderungen der Aerzteschaft“ wozu Cohn-⸗Berlin das einleitende Referat hielt. Er schlug eine Reso⸗ lution vor, in der in zwölf markanten und präzis gefaßten Thesen die ganze Sachlage des bestehenden Kampfes zwischen Aerzten und Krankenkassen aufgerollt und die Angriffe und alle überhebenden Forderungen der Aerzte scharf und sachlich zurückgewiesen werden. Alle Ver⸗ treter, ob aus Arbeitgeber- oder Arbeitnehmer⸗ kreisen, ob von Ortskrankenkassen, Betriebs-, Innung⸗ oder Hilfskassen delegiert, ob sie nun kleine Kassen oder solche, deren Mitgliederzahl nach Zehntausenden zählt oder gar ganze Ver⸗ bände von Kassen hinter sich haben, waren sich einig in der Notwendigkeit, das Verlangen der Aerzte, die es belieben, der Oeffentlichkeit gegen⸗ über sich in der Rolle der unterdrückten und ausgebeuteten Lohnarbeiter zu zeigen, gebührend in die Schranken zu weisen und das Unberech⸗ tigte eines Vergleichs der Aerztebewegung mit dem Lohnkampfe der Arbeiterschaft darzutun. So fand die Resolution mit Einmütigkeit An⸗ nahme. Damit wird allerdings der Kampf zwischen Aerzten und Krankenkassen noch nicht zu Ende sein, doch hat der Kongreß Klarheit geschaffen. Crimmitschau. Nachdem die Textilarbeiter in Crimmitschau den Kampf aufgegeben, füllten Erörterungen über denselben die Spalten der Blätter aller Richtungen. Daß die Reptil⸗ und Scharfmacher⸗ presse in ein Jubelgeheul ausbricht und den Anlaß benutzt, um in ganz gemeiner Weise gegen unsere Partei zu hetzen, ist ja selbstver⸗ ständlich. g Wir wollen demgegenüber einiges aus einem Artikel des Genossen Legien, des Vorsitzen⸗ den der Generalkommission der Gewerkschaften wiedergeben, der in ruhiger und sachlicher Weise die Gründe darlegt, die zu dem Be⸗ schlusse der Lohnkommission führten. „Die Unterstützungsmittel waren auf Wo⸗ chen hinaus gesichert,— sagt Legien— die Zahl der Streikbrecher noch nicht so groß, um den Kampf verloren geben zu müssen. Alles sprach dafür, dem Unternehmertum, das rück⸗ sichtslos die Arbeiter und Arbeiterinnen auf das Pfaster geworfen hatte, bis zum äußer⸗ sten Widerstand zu leisten. Trotzdem entschied sich die Lohnkommission in Gemeinschaft mit den Obleuten der Fabriken, den Kampf anschei⸗ nend auf seinem Höhepunkt abzubrechen. Zunächst sei bemerkt, daß die Arbeiterschaft, die im Kampfe stand, eine vorzüglich diszipli⸗ nierte, kampfgewohnte ist, daß in allen Sta⸗ dien, auch in den schwierigsten Situationen nicht augenblicklich aufwallende Leidenschaft, sondern ruhige Ueberlegung und sachliche Prüfung ent⸗ scheidend war bei allen Maßnahmen, die ge⸗ troffen wurden. So handelte die Leitung der Ausgesperrten und diese selbst befolgten in vollem Vertrauen zur Streikleitung alles, was von dieser geraten wurde. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, unter dem Drucke des Belagerungszustandes den Kampf 21 Wochen zu fuhren, ohne daß der Wunsch der Scharfmacher in Erfüllung ging, die Gewaltmittel gegen die Ausgesperrten zur Anwendung bringen zu sehen, die auf das Pflaster Geworfenen zum aktiven Widerstand gegen die bewaffnete Macht zu reizen. Ebenso ruhig und fachlich wurde beraten, als die Frage brennend wurde, ob es notwen⸗ dig sei, das Ringen jetzt abzubrechen. Ent⸗ scheidend waren zwei Momente. Es mußte ver⸗ hindert werden, daß ein allmähliches Abflauen des Kampfes eintrat, und zweitens, daß die Crimmitschauer Industrie zur Vernichtung ge⸗ führt würde. Beides stand zu befürchten, wenn die Ausgesperrten über Ende Januar hinaus Widerstand geleistet hätten. Eine Saison hatten die Fabrikanten fahren lassen, wobei ihnen allerdings eine Reihe Mo- mente zugute kamen, die außerhalb ihrer Be— rechuung lagen. Mitte Januar mußte sich eut⸗ scheiden, ob die Fabrikanten auch die zweite Saison preisgeben wollten. (Fortsetzung Seite 6). 1 0 — —— 5 ä—.. —ꝛ —— 2— SSS —— . ů——-——— ——— — „ 9 — — ———ů—— —ñ—ů— — „ 4—.—— —— — ä——— „..———— * — ——¾ —— ä————— ——— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 5. Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. e— Die beleidigten Hessen. In den vor einiger Zeit von Frau Lily Braun ver⸗ öffentlichten Kriegsbriefen des Generals v. Kretschmann, ihres Vaters, war unter andern erwähnt, daß die Hessen in Sens nicht wenig geplündert hätten. Unser Mainzer Parteiorgan druckte die Briefe ebenfalls ab und dadurch fühlen sich die tapferen hessischen Krieger be⸗ leidigt. Sie wollens nicht gewesen sein und beschuldigen damit den alten General, der durch und durch Soldat und Patriot war, der Un⸗ wahrheit. Und wirklich, die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen die Mainzer Volkszeitung erhoben! Dieser blüht nun die Aufgabe, den Wahrheitsbeweis für die Angaben in den Briefen Kretschmanns zu führen. Jedenfalls wollten die Hessen bloß auf Besuch in Sens gewesen sein und den Leuten dort Zuckerzeug itgebracht haben!— Von anderer Seite, 3. B. in der„Frkftr. Ztg.“ sind dagegen die Briefe Kretschmanns anders beurteilt worden. Da hieß es in einem Artikel darüber. „ein ehrlicher und echter Mann sprich: da zu uns, ein Mann, der nach oben sehr kritisch schaute und sich nicht scheute, die Dinge beim Namen zu nennen, und ein Mann, der nicht nur einmal das Wort sprach, daß alle und seine höchste Verehrung und Liebe dem„gemeinen“ Soldaten galt.“ — Zu Hetzereien gegen die Sozial⸗ demokratie giebt der Ordnungspresse der Crimmitschauer Streik willkommene Veran⸗ lassung. Mit den ungeheuerlichsten Fälsch⸗ ungen und Verdrehungen wird gegen unsere Partei operiert. In gleicher Weise arbeitete auch der„Gießener Anzeiger“, worauf wir schon in voriger Nr. hinwiesen. Dieser Tage plapperte das edle Blatt der„Nordd. Allg. Ztg.“ diese Gemeinheit nach: „Daß aber der Streik so ungewöhnlich lange sedauert und beiden Teilen so außerordent⸗ iche Opfer auferlegt, insbesondere aber eine fleißige Industriestadt der äußersten Gefahr wirtschaftlichen Ruins preisgegeben hat, ist das eigenste Werk der Sozialdemo⸗ kratie, deren Organe nicht müde wurden, die Ausständigen zum hartaäckigsten Wider⸗ stande aufzustacheln, und zu diesem Zwecke selbst die handgreiflichsten Lügen nicht scheuten.“ Daß von Seiten der Arbeiter wiederholt Versuche zur Beilegung des Streiks gemacht wurden, daß diese aber stets an dem Starrsinn der Unternehmer scheiterten, ist allgemein bekannt. Was da von dem Amtsblatt erzah“ wird, sind bewußte Lügen. Viel vernünftiger als man es bei Amte blättern gewohnt ist, bespricht die„Butzbacher Zeitung“ den Crimmitschauer Streik. Es heißt da nach einer sehr objektiven Darstellung des Verlaufes der Bewegung: „Deshalb Gerechtigkeit in der Behandlung der Arbeitergewerkschaften! Keine Parteinahme des Staates gegen diese Organisationen für die Unternehmerorganisationen! Wie unser Volk und alle anderen zivilisterten Völker aus der gefährlichen Enge des Absolutismus hinaus unter harten und opfervollen Kämpfen sich hindurchgerungen haben zu den menschenwür⸗ digeren konstitutionellen Verfassungsformen, so muß auch aus dem Fabrikabsolutismus heraus der Weg zu höhere! wirtschaftlichen Rechtsver⸗ hältnissen führen. Zu ohnmächtig steht der einzelne besitzlose Arbeiter dem Unternehmer oder gar einer Unternehmerorgantsation gegen- über, als daß wir ihm das Recht beschneiden dürften, sich auch seinerseits zu organisieren. Und wenn unsere Unternehme erbände vor⸗ länfig noch ihre Macht nicht besser zu gebrauchen wissen, als die Vernichtung der Arbeiterver⸗ bände zu versuchen, so hat der Staat wahr⸗ haftig wenig Veranlassung, sie darin noch zu unterstützen. Was bedeutet die„Freiheit des Arbeitsvertrages“ auf dem Papier, wenn die⸗ ser Vertrag zwischen dem wirtschaftlich absolut ohumächtigen Einzelarbeiter einerseits und der allmächtigen Unternehmerorganisation anderer⸗ seits abgeschlossen wird? Einmal müssen es Vertreter der Unternehmerorganisationen doch lernen, mit den Vertretern der Arbeiterorgani⸗ sationen als mit einigermaßen Gleichberechtigten, als Mensch mit Menschen zu verhandeln. An Stelle des individuellen muß der kollektive Ar⸗ beitsvertrag treten.“ Wie gesagt, ganz richtig und vernünftig. Wird aber eine Stimme in der Wüste bleiben! — Christlich⸗soziales. Zu der Ge schichte im Casseler Gewerkschaftshaus, die Herr Pastor Bernbeck in der neulichen Versammlung vorbrachte und die wir in voriger Nr. bespra⸗ chen, haben wir noch einiges hinzuzufügen. Zu⸗ nächst, daß dem„Evang. Sonntagsblatt“, das die Schauergeschichte von der unerhörten„sozial⸗ demokratischen Ausbeutung“ erzählte, eine Be⸗ richtigung von seiten der Kommission des Ge⸗ werkschaftshauses, wie auch des Genossen Hed⸗ derich zuging. Das wahrheitsliebende Blatt nahm aber die Entgegnung nicht auf.— Und etwas anderes passierte noch. Als Verfasser des Artikels in dem christlichen Blatte bekannte sich der Hausbesitzer, bei dem Hedderich zur Miete wohnt. Dieser christliche Mann kün⸗ digte nun unserm Genossen die Wohnung, weil er im„Volksblatt“ angegriffen worden war und diese Angriffe auf Informationen von Hedderich zurückführte. Es lebe die christliche Nächstenliebe! — Bäckermeisterliches. Zu unserer Notiz über die Innungsversammlung der Bäcker in voriger Nummer wird uns vom Vorstand der Bäckerinnung ge⸗ schrieben: „Der Antrag(die Verbandsgesellen auszusperren, D. R.) ist nicht vom Vorsitzenden selbst, sondern aus der Mitte der Mitglieder gestellt worden und zwar we⸗ der auf Aussperrung noch auf Maßregelung. Eine Aufforderung an die Versammlung, dem Beschluß des Vorstandes gemäß zu handeln, ist schon deshalb unwahr, als der Vorstand überhaupt einen diesbezgl. Beschluß garnicht gefaßt hat, sondern nur der Versammlung den Vorschlag unterbreitet hat, zusammen mit Gießen, Wetzlar und Marburg eine gemeinsame Versammlung einzuberufen, um die Verhältnisse in genannten Städten besprechen zu können und um evtl. Einflüssen auf unsere bessergesinnten Arbeiter vorzubeugen.“ Weiter wird in der Zuschrift noch gesagt, daß Herr Link keineswegs die Bestrebungen der Gesellen in Schutz genommen, sondern nur erklärt habe, daß er seinen Gesellen, wit dem er zufrieden sei, nicht ent⸗ lassen werde, wie ihm von einem Meister angesonnen worden sei. Auch wären gegen Link Rufe wie„Raus!“ oder„Schluß!“ nicht erfolgt. Demgegenüber haben wir nur zu erklären, daß unsere in voriger Nummer über die Versammlung ge⸗ brachte Notiz im allgemeinen zutreffend ist, wie uns von mehreren Seiten bestätigt wurde. Tatsache ist, daß auf der Tagesordnung„Herbergswesen und Gesellen bewegung“ stand und daß dazu von Vorstands mitgliedern der Innung Ausführungen wie wir sie angedeutet haben, gemacht wurden. Besonders Herr Frei spielte den Scharfmacher, er trat für ener⸗ gisches Vorgehen gegen die Gesellen ein, man solle die Verbandsmitglieder kurzerhand entlassen. Auf der zu errichtenden Innungsherberge sollten den„gutgestunten“ Gesellen Vergünstigungen gewährt werden und so würde man den Verband bald wieder los sein. Ob nun ein Beschluß des Vorstandes vorliegt oder nicht, ist sehr nebensüchlich. Eine formelle Abstimmung in der Ver⸗ sammlung hat allerdings nicht stattgefnnden; die Mehr⸗ heit der Versammlung zeigte aber eine zustimmende Haltung zu den Maßregelungsreden.— Mißbilligende Zurufe sind Herrn Link entgegengeschleudert worden, ob sie nun„Raus“„Oho“ oder sonstwie lauteten, darauf kommt es auch nicht an.— Jedenfalls würden die Herren Bäckermeister in ihrem eigenen Interesse klüger handeln, wenn sie die Organisation der Gesellen förderten, anstatt ihr in zunftzöpfig⸗beschränkter Weise Schwierig⸗ keiten zu machen. Ebenso bedauerlich ist, daß es noch Gesellen gibt, die dem Verbande fern stehen und Ver⸗ gnügungsvereinen nachlaufen, die keineswegs zur Wah⸗ rung der Gesellen⸗Interessen geeignet sind, sondern, in denen sich nur gewisse Leute auf Kosten jüngerer Kollegen Vorteile zu verschaffen suchen. — Ueber die Bedeutung der Me⸗ talle für den Kulturmenschen hielt am Diens⸗ tag abend auf Einladung des Gewerkschafts⸗ kartells Herr Chemiker Opificiu s⸗Frankfurt einen sehr interessanten Vortrag in Lony's Bierkeller. Leider war der Besuch nur mäßig; bei derartigen Gelegenheiten sollten die Gewerk⸗ schaftsmitglieder zahlreicher am Platze sein.— Eingangs seiner Darlegungen wies der Vor⸗ tragende daraufhin, daß Einrichtungen der Neuzeit, die heute jedermann als selbstverständ⸗ lich betrachtet, ohne die man sich das Leben kaum denken könne, doch erst möglich waren, nachdem die Gewinnung und Produktion der Metalle, besonders des Eisens, eine gewisse Höhe erreicht hatte. Der Redner warf einen Blick auf die Gewinnung der Metalle in früheren Zeiten und mit Einrichtungen, die gegenüber den heute angewendeten vollkommenen Appa⸗ raten fast lächerlich erscheinen. Jeder Fortschritt aber, der hierin gemacht wurde, brachte die menschliche Kultur ein Stück vorwärts. In fesselnder Weise besprach Redner weiter die verschiedenartigen Legierungen, wo durch Verbindung mehrerer Metalle wieder andere, neue hergestellt werden, die ganz andere Eigen⸗ schaften aufweisen. Hierin seien in neuester Zeit ungeahnte Fortschritte gemacht worden, obwohl diese Art der Metallverarbeitung schon seit früher Zeit bekannt ist. Reines Gold und Silber z. B. könnte man wegen der Weich⸗ heit dieser Metalle nicht zu Schmucksachen oder Geldstücken verarbeiten, erst durch Zusatz von Kupfer erhalten sie die notwendige Härte.— Wie nützlich für die Menschen sich die Metalle erweisen, bringen sie aber auch Schaden. Die mit ihrer Gewinnung und Bereitung beschäf⸗ tigten Arbeiter leiden unter den giftigen Gasen, welche dabei entstehen; zahlreiche Berufskrank⸗ heiten sind auf Metallstaub usw. zurückzuführen. Am schädlichsten und kulturfeindlichsten aber treten uns die Metalle in Form von Mord⸗ waffen entgegen, zu deren Vervollkommung alle Völker ungeheuere Aufwendungen machten. Hoffentlich— schloß der Redner unter leb⸗ haftem Beifall— erreichen wir endlich die Kulturhöhe, wo der Völkermord beseitigt ist! * Die„Freie Turnerschaft Gießen“ hält auch in diesem Jahre eine große Kappensitzung ab und zwar am Samstag den 6. Februar auf Lony's Bier⸗ keller. Wie aus dem uns vorliegenden Programm zu ersehen. beabsichtigt der Verein, seinen Mitgliedern und Gästen einige recht gemütliche, humorvolle Stunden zu bereiten, so daß ein Besuch dieser Veranstaltung schon zu empfehlen ist.(Siehe auch Inserat.) Aus dem Rreise gießen. ch. Wieseck. Nächsten Sonntag abend, den 7. Februar, wird im Saale des„Gam⸗ brinus“ eine allgemeine Versammlung statt⸗ finden, in der Frau Dr. Michels einen Vor⸗ trag über„Die soziale Frage“ halten wird. An die Parteigenossen ergeht das Ersuchen, für recht zahlreichen Besuch, besonders auch der Frauen wirken zu wollen.— Vor zirka 6 Wochen wurde ein Wiesecker Wirt aus dem sozialdemokratischen Wahlverein ausgeschlossen, weil er bei der Reichstagswahl für die Nationalliberalen agitiert hatte. Diese Selbstverständlichkeit erschien dem Gieß. Anz. so wichtig, daß er sie vor kurzem mehrere Mal hintereinander seinen Lesern als Neuigkeit vor⸗ setzte. Nicht mit Unrecht mißt das Blatt einem derartigen Ausschlusse eine größere Bedeutung bei, als wenn ein solcher bei einem Krieger⸗ oder Patrioten⸗Vereine wegen Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie erfolgt. In letzterem Falle kümmert sich niemand viel darum und wenn ja, so steigt der Betroffene in der allgemeinen Achtung, während im anderen Falle das Gegen⸗ teil zutrifft. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Hohe Polizeikosten hat die Stadt Wetzlar zu zahlen. Dieselben betragen nach dem Haushaltsetat nicht weniger als 37 500 Mk. Für eine Stadt von der Größe Wetzlars ist das eine sehr bedeutende Aufwendung. Wenn soviel blos für Schutz und Bewachung der kaum 10000 Einwohner aufgewendet werden muß, was soll da noch für andere Zwecke übrig bleiben? h Un parteiischer Abonnentenfang. Ein Frankfurter sog. unparteiisches Blatt, Neueste Nachrichten nennt es sich, betreibt eine höchst plumpe Reklame. Durch Riesen⸗Plakate kündigte es auch in Wetzlar an, daß es den Hinterbliebenen seiner Abonnenten, die durch Un⸗ fall den Tod erleiden 500 Mk. zahle. Jedenfalls wird das Versprechen nicht so glatt eingelöst werden, sondern die Sache wird ihre verschiedenen Haken haben; diese Art Reklame ist für Leute, die nicht alle werden, be⸗ e e . „ Wut Non ub lch 6 0 Ton fn Walt — Nr. 5. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Geite 5. rechnet. Vernünftige und denkende Arbeiter kennen die Qualität der unparteiischen Blätter, danken dafür und abonnieren sozialdemokratische. Ordnungsheldentum. Vergangenen Sonntag verteilte einer unserer Genossen in Odenhausen Landkalender. Er kam auch in die Wirtschaft L. Kreiling, wo er dem Wirt ebenfalls ein Exemplar einhändigte. Der Mann glaubte nun damit eine besondere Helden. tat auszuführen, daß er vor den Gästen das unschuldige Heftchen in den Ofen steckte. Nun, es gehörte ihm ja als sein Eigentum, er konnte damit machen, was er wollte. Doch hätte es seiner geistigen Entwickelung nicht geschadet, wenn er es gelesen hätte, dümmer wäre er jedenfalls nicht geworden. Und einen Orden wird ihm seine Heldentat auch schwer⸗ lich einbringen. Den Arbeitern Odenhausens ist aber zu raten, daß sie nur dort verkehren, wo sie nicht brüskiert und beleidigt werden. aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. *Professor Dr. Lehmann ist am Dienstag im Alter von erst 51 Jahren nach schwerem Leiden gestorben. Der Verstorbene war ein bedeutender Jurist und Verfasser zahl⸗ reicher Schriften. Bei den letzten preußischen Landtagswahleu kandidierte er für die Natio⸗ nalliberalen in Marburg, unterlag aber dem konservativen Landrat Negelein. f Konsumverein. In der am Samstag, 23. Januar stattgefundenen Generalversamm⸗ lung des Konsum vereins für Marburg und Umgegend erstattete der Geschäftsführer den Bericht vom 1. Quartal des neuen Ge⸗ schäftsjahres, wonach im allgemeinen ein Auf⸗ schwung des Geschäfts zu konstatieren war. Der Warenumsatz betrug ca. 1300 Mk. Die Mitgliederzahl ist auf 330 gestiegen. Auch die Sparkasse hat sich gut entwickelt.— Da der in voriger Versammlung gewählte Kontrolleur L. Prophet, an Stelle des freiwillig zurückge⸗ tretenen Chr. Weber, abgereist ist, mußte eine Ersatzwahl stattfinden und wurde als solcher Fr. Holzknecht gewählt.— Die Verträge mit dem Vorstande wurden debattelos auf ein Jahr verlängert. Ferner sprachen sich verschiedene Mitglieder im Prinzip für Errichtung einer eigenen Bäckerei aus und wurde der Vorstand beauftragt, die nötigen Schritte behufs Einrich⸗ tung einer Bäckerei einzuleiten, um der nächsten Versammlung eine bestimmte Vorlage zu machen. — Da in nächster Zeit Agitations⸗Versamm⸗ lungen in Cappel, Ockershausen, Marbach und Wehrda stattfinden, wird um rege Teilnahme an diesen Versammlungen ersucht.. t. Buchdrucker. An den beiden Oster⸗ feiertagen findet in Marburg der Gautag des Gaues Frankfurt⸗Hessen(Verband der deutschen Buchdrucker), welcher alle drei Jahre abgehalten wird, statt. Eine am Sonntag stattgefundene sehr zahlreich besuchte Buchdrucker⸗Versammlung besprach u. a. die zu treffenden Arrangements bei Gelegenheit dieses Gautages. Auf die ge⸗ faßten Beschlüsse in dieser Versammlung haben wir vielleicht später Gelegenheit, einmal zurück⸗ zukommen. Vergiftete Mahlzeit. Große Aufregung verursacht in Darmstabdt ein in der Kochschule des Alice-Frauenvereins vorgekommener Vergiftungsfall, der bisher 5 Personen das Leben kostete. In der Anstalt waren konservierte Bohnen zu Salat verwendet worden. Fast alle, die davon gegessen, er⸗ krankten. Elf liegen noch schwer krank dar⸗ nieder. Die Vorsteherin der Anstalt starb ebenfalls. Ein Streikkrawall⸗Prozeß at sich vorige Woche vor dem Mainzer andgericht unter kollossalem Andrange des Pub⸗ likums abgespielt. Angeklagt waren der Mau⸗ rer Mathias Orth, Johann Barth, Peter Barth, und Christian Ditt, die im August v. J. beim Maurer⸗Ausstand sich an dem Ueberfall auf die italienischen Arbeiter beteiligt haben sollen. Die zogen, mit Knütteln und Eisenstangen verpeü⸗ gelt, es sollen auch Revolverschüsse auf sie ab⸗ gegeben worden sein. In dieser Sache erfolg⸗ ten zuerst etwa 30 Verhaftungen, von denen jedoch nur die gegen die genannten Angeklagten aufrecht erhalten wurden. Von den geladenen 50 Zeugen sind die 15 ebenfalls vorgeladenen italienischen Maurer nicht erschienen; die La⸗ dung konnte ihnen nicht zugestellt werden, da ihr Aufenthalt unbekannt ist. Die Angeklagten bestreiten jede Teilnahme an dem Ueberfalle. Im weiteren Verlauf der Verhandlung stellte sich heraus, daß die der Anklage zu grunde liegenden Vorkommnisse bedeutend übertrieben dargestellt worden waren. Die beiden Barth wurden freigesprochen, Ditt und Orth da⸗ gegen wegen Körperverletzung zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt, wovon ihnen 4 Monate auf die Untersuche haft angerechnet wurden. Prügelpädagog. Vor dem Schwurgericht in Karlruhe stand am 22. Jan. der 52jährige Lehrer Eckert aus Brötzingen bei Pforzheim, um sich wegen Körperverletzung mit nachfolgendem Tode zu verantworten. Er hat einen schwächlichen, kränklichen Kna⸗ ben in einer Schulstunde dreimal derart mit einem Rohrstock mißhandelt, daß der untere Rückenteil, Gesäß, das Hüftbein und die Oberschenkel bis zur Kniekehle mit fingerdicken, blutunterlaufenen Striemen bedeckt war. Acht Tage nach der Mißhandlung starb das Kind an einer Lungenentzündung. Die Gerichtsverhandlung ent⸗ rollte ein tieftrauriges Bild der scheußlichen Prügelei in der Volksschule. Der Lehrer erzählte noch, daß der Knabe sonst immer gut, fleißig und aufmerksam gewesen sei. Statt sich zu fragen, was wohl an dem Tage mit dem Knaben sein möge, daß er so verstört und unauf⸗ merksam dasitzt, arbeitete er mit dem Stock.— Das Gericht sprach trotz des skandalösen Falles den Angeklagten frei. Furchtbare Grubenexplosion. Durch eine gewaltige Explosion schlagender Wetter wurde die Grube der Harwick⸗Coal⸗ Company bei Cheswick in Pennsylvanien voll⸗ ständig zerstört. Die Grube stürzte ein und sämtliche darin befindlichen Bergleute, 180 an der Zahl, wurden verschüttet und getötet. Die Mehrzahl der Verunglückten waren Aus⸗ länder.— Der Arbeiter geht elend zu Grunde, weil der Kapitalist immer mehr Reichtümer anzuhäufen trachtet und dabei die notwendigsten . für die Arbeiter außer acht äßt! Eine ganze Stadt abgebrannt. In der Nacht vom Freitag zum Samstag hat eine furchtbare Feuersbrunst die norwegische Hafenstadt Aalesund vollständig eingeäschert. Gegen 2 Uhr morgens brach der Brand in der Präservens aus und in nicht mehr als 2 Stunden wa der größte Teil der Stadt nieder⸗ gebrannt, und die Bevölkerung konnte nichts andres machen, als sich vor dem Feuer flüchten, das sie weiter und weiter aufs Land hinaus⸗ trieb. Das Ganze gestaltete sich beinahe vom ersten Augenblick an als eine Flucht, unter der man anfangs versuchte, etwas zu retten. Vieles wurde auch auf die Straße gebracht, aber die Schnelligkeit des Feuers war so groß, daß man alles liegen lassen mußte, um nur das Leben zu retten. Mehr als 11000 Menschen waren obdachlos und mußten auf freiem Felde kam⸗ pieren, nur mangelhaft bekleidet, dem Sturme und der Kälte ausgesetzt. Sogar mehrere Schiffe, die sich im Hafen befanden, sind ver⸗ brannt, andere mußten versenkt werden, um sie vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Von verschiedenen Seiten wurden Dampfer mit Nahrungsmitteln und Kleidern abgesandt; von Bremen ließ der Norddeutsche Lloyd zwei Dam⸗ pfer abgehen, wovon der erste bereits Dienstag Vormittag in Aalesund eintraf und sofort die Verteilung der Nahrungsmittel und warmen Kleider stattfand. Auch von anderen Orten aus wurden Hilfsaktionen ins Werk gesetzt. Aalesund ist eine Stadt von etwa 12000 Einwohnern, an der Westküste Norwegens unter dem 62. Breitengrad gelegen. Die Stadt be⸗ treibt bedeutenden Fischfang und Handel. italienischen Streikbrecher wurden damals am frühen Morgen, als sie nach ihren Baustellen —— 7 Kleine Mitteilungen. . Die Bahnsperre wird ab 1. Februar auf der oberhessischen Bahnstrecke Gleßen⸗Fulda eingeführt. r Vom Zuge überfahren. Der Stations⸗ vorsteher Müller in Flacht bei Diez(Strecke Diez⸗ Wiesbaden) wurde am Samstag Abend vom Zuge über⸗ fahren und total zerstückelt. e Opfer der Arbeit. Bei Dombrowa in Schlesien, wo die Erbauer einer Zweigbahn Schlacken von der Schlackenhalde der Paulinenhütte nach dem Bahnkörper abfahren ließen, löste sich plötzlich eine Schlackenwand und begrub gegen 30 Arbeiter unter sich. Nach angestrengter Rettungsarbeit wurden 7 Leichen herausgeschafft.— Fünf Bergleute verunglückten auf der Zeche„Constantia“ bei Sterkrade durch Erplosion eines Sprengschusses. Zwei sind tot.— Durch Schlag⸗ wetter sind auf Zeche Dorstfeld bei(Dortmund) zwei Bergleute verunglückt. 2—— Par tei-Nachrichten. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 28. Februar, vormittags 10 Uhr im Lokale Orbig in Gießen: Kreiskonferenz. Vorläufige Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes des Kreiswahlvereins. 2. Neuwahl des Vertrauensmannes. 3 Unsere Kreis⸗ organisation. 4. Die Gemeinderatswahlen. 5. Unser diesjähriges Kreisfest. Zu der Konferenz kann jeder Parteiort bis zu drei Delegierte entsenden, es können sich auch mehrere Orte auf einen Delegierten einigen. Auch solche Orte, wo ein Parteiverein nicht besteht, können Delegierte ent⸗ senden. Zu diesem Zwecke sollen die Vertrauensleute am Orte die Genossen zusammenberufen und die Wahl vornehmen lassen. Mandat sfor mulare sind bei dem Vertrauensmann A. Bock Gießen, Damm⸗ straße 22 erhältlich.— Wir ersuchen die Genossen im Kreise, zu der Konserenz Stellung zu nehmen und etwaige Anträge rechtzeitig— möglichst bis zum 20. Februar — an den Vorsitzenden, Gg. Beckmann, Gießen Grünbergerstraße 44 einzureichen. Der Vorstand des Kreis⸗Wahlvereins. Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! Samstag, den 30. Januar. Gießen. Soz.⸗dem.⸗Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag vom Stadtverord⸗ neten E. Krumm über kommunalpolitische Fragen. Marburg. Soz.⸗dem.⸗Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg. 5 Sonntag, den 31. Januar. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Schwarz. T.⸗O.: Jahresabrechnung. Marburg. Arbeiter⸗Gesang⸗Verein„Eiu⸗ tracht“. Nachmittags 2 Uhr Generalversammlung bei Jesberg. Darauf Familienabend. Montag, den 1. Februar. g Marburg. Schneider. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger.— Schuhmacher im gleichen Lokal. Dienstag, den 2. Februar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 lor Sitzung bei Orbig. Samstag, den 6. Februar. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr. Ver⸗ sammlung bei Hillberger. Quittung. Für die Crimmitschauer: Brauer⸗ Verband 10 Mk. H. G. Brauer 1. Mk. Liste Nr. 30. 13,55. Liste Nr. 31. 6,02. Liste Nr. 35. 10,22. Wirtschaft in der Rodheimerstraße Ertrag der Versteige⸗ rung einer Trompete und einer Flasche Sekt 8,50— In voriger Nr. ist zu lesen: Landsmann statt Landmann. Parteifreunde! Euer Blatt, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! äceei K LI Giessen, Seltersweg 6 hält sich zur Lieferung vorzüglicher Backwaren bestens empfohlen.— Lieferung frei ins Haus. Werbt stets neue Leser für —— Sette 6. Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung. Nr. 5. (Fortsetzung von Seite 3.) Alle Anzeichen sprachen dafür, daß dies ge⸗ schehen würde. Die Herren haben sich anschei⸗ nend durch die versprochene Unterstützung der größten Unternehmerorganisation blenden lassen, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß diese Unterstützung sie wohl momentan für den Aus⸗ fall der Produktion zu entschädigen, nicht aber davor zu bewahren vermag, daß ihnen das Absatzgebiet verschlossen wird, und sie somit zum Ruin getrieben werden. Wohl, wollten die Fabrikanten es nicht anders, so hätte man ste ihrem selbstberetteten Schicksal überlassen können. Mit ihrem Fall aber wären tausende von Familien gezwungen gewesen, aus dem Orte auszuwandern. So hatte die Arbeiterschaft Crimmitschaus zu entscheiden, ob das Gemein⸗ wesen zerstört, ein Industrieplatz ersten Ranges, als solcher in die letzte Stelle gereiht werden sollte. Sie hatte zu entscheiden, ob Massen von Arbeitern aus dem Heimatsorte hinausge⸗ trieben werden sollten. Mag auch die heimat⸗ liche Scholle noch so kümmerlich sein, so hängt doch der Arbeiter an ihr, hoffend, durch seine Kraft die schlimmsten Uebel leichter dort, als in der Fremde beseitigen zu können. Hier aber handelte es sich um viele Arbeiter und Arbeite⸗ rinnen, die, in sehr hohem Lebensalter stehend, an keinem anderen Orte Arbeit gefunden hätten, deren Lebensabend dank dem Terrorismus des Unternehmertums noch kümmerlicher sich gestaltet hätte, als wenn sie gegen kargen Lohn ihre Arbeitskraft bis zur letzten Lebensstunde preis⸗ eben. So haben denn schließlich hier wie in det und tausend anderen Fällen die Arbeiter gezeigt, daß sie ein größeres Gemeininteresse haben als die Unternehmer. Das Interesse des Gemeinwesens war das Entscheidende, was die Leitung der Ausgesperrten veranlaßte, diesem bedeutungsvollen Kampfe ein so tragisches Ende zu geben. Dazu kam das Bedenken, daß ein allmähliches Abbröckeln der Kämpferschar eintreten könne, daß auch die Mutigsten und Opferwilligsten schließlich kam⸗ pfesmüde werden könnten, weil keine Möglichkeit vorhanden war, sich gegenseitig auszusprechen und durch die Aussprache in Versammlungen den Kampfesmut anzufeuern, den Kleinmütigen neue Kräfte zum Ausharren zu geben. Besonders bei den älteren Webern ersetzte die Streikunter⸗ stützung, wenn sie auch in der letzten Zeit er⸗ höht werden konnte, nur einen Teil des Arbeits⸗ verdienstes. Wenn dann nach 21 Wochen auch alte bewährte Leute, die wiederholt schon von den Unternehmern in eine gleiche Lage gezwungen wurden, dem Drucke der Not nicht mehr zu widerstehen vermochten, so ist das begreiflich. Aber wenn auch, dank der Opferwilligkeit der deutschen Arbeiterschaft, die Unterstützung we⸗ sentlich erhöht worden wäre, was blieb schließlich als Preis des Kampfes, wenn dieser bis zum Herbst dieses Jahres hätte fortgeführt werden müssen? Nichts anderes, als daß die alten bewährten Leute hinausgetrieben worden wären aus dem Heimatsorte, ohne an anderer Stelle ein Unterkommen finden zu können. So stand denn zu befürchten, daß auch die Treuesten kampfesmüde würden, wenn sie sahen, daß ein. Platz nach dem anderen, dank den behördlichen Maßnahmen, die es hin⸗ derten, mit den Abfallenden und Zuziehenden in ausreichendem Maße verhandeln zu können, besetzt wurde. Ein allmähliges Abbröckeln war aber gleichbedeutend mit der Vernich⸗ tung der Organisation. Das aber war es, was die Unternehmer wollten. Wäre dann der Kampf nach Monaten beendet worden, so waren möglicherweise die Mittel nicht vorhan⸗ den, den Gemaßregelten so lange Unterstützung zu gewähren, bis sie ein anderes Unterkommen gefunden hätten. Täuschen wir uns darüber nicht, daß Kämpfe, welche auf die Leistung freiwilliger Beiträge hin geführt werden müssen, oft ein ungewolltes Ende finden, weil nach längerer Zeit die freiwillige Hilfe versagt. Alle diese Gründe waren es, die zu diesem anscheinend jähen Abbruch des Kampfes Ver⸗ anlassung gaben. In den Kreisen, welche zur Leitung berufen waren, kamen diese Gründe aber nicht erst am Tage der Entscheidung zur Geltung. So trat denn am Sonntag den 17. Januar, nachmittags die Lohakommission zu⸗ sammen, um sich über die Fortführung des Kampfes zu entscheiden. Fast einstimmig be⸗ schloß sie nach Prüfung aller in Betracht kom⸗ mendeu Fragen, den Kampf abzubrechen. Von Bedeutung war, ob nochmals mit den Unternehmern verhandelt werden solle oder be⸗ dingungslos die Arbeit aufzunehmen sei. Ein⸗ stimmig wurde erklärt, daß mit diesen Unter⸗ nehmern kein Verhandeln über das Streitob⸗ jekt möglich set und daß jeder Verhandlungs⸗ versuch nur dazu führen würde, daß die Unter⸗ nehmer sich darüber verständigen würden, in welcher Weise die zur Arbeit Zurückkehrenden am härtesten getroffen werden können. Abge⸗ lehnt wurde auch einstimmig der Vorschlag, bei dem Bürgermeister vorstellig zu werden, Ver⸗ saumlungen freizugeben, damit die Streikenden Gelegenheit hätten, über die Beendigung des Streikes zu beschließen. Die Gewährung des Versammlungsrechtes würde nach den bisheri⸗ gen Erfahrungen, die mit der Stadtverwaltung gemacht wurden, einige Tage hinausgezögert worden sein, wiederum Zeit genug für die Unternehmer, über die zu treffenden Maßregeln sich von dem Centralverband deutscher Indu⸗ strieller belehren zu lassen. So entschloß sich die Lohnkommisston, die Beendigung des Kamp⸗ fes sofort nach Beschlußfassung der Obleute der Fabriken durch ein Flugblatt bekannt zu geben und bis zu diesem Moment nichts über die gefaßten Beschlüsse verlauten zu lassen. Die erforderlichen Arbeiten für die Ausführung des Planes wurden noch in der Nacht getroffen. Die Auszahlung der Unterstützung vollzog sich am Montag wie an allen früheren Tagen. Nach Schluß der Auszahlung traten die Ob⸗ leute der Fabriken zusammen und die Lohn- kommission berichtete über die gefaßten Be⸗ schlüsse. Nur wenige Obleute sprachen sich gegen die Beendigung des Kampfes aus, mehr dem Ge⸗ fühl folgend, ohne die Erwägungen zu verken⸗ nen, die den schweren Schritt notwendig er⸗ scheinen ließen. Schwer ist es allen geworden und nicht nur den Mädchen, welche als Ob⸗ leute ihrer Fabrik eingetreten waren, um ältere Arbeiter vor Maßregelung zu schützen uad um⸗ sichtig ihres Amtes gewaltet hatten, sondern auch vielen im Kampfe um die Rechte der Arbeiterklasse ergrauten und abgehärteten Ar⸗ beitern standen die hellen Tränen in den Augen, als der Beschluß gefaßt wurde, be⸗ dingungslos die Arbeit wieder aufzunehmen. Nicht Sorge darum, nicht was aus ihnen wird, die in erster Reihe von der Wut und Rache der Unternehmer getroffen werden, war es, was ihnen die Tränen abpreßte, sondern das Ge⸗ fühl der Empörung, durch die Gewaltmaßregeln der Machthaber zu einem solchen Entschluß ge⸗ zwungen zu sein. Hier aber zeigte sich die Disziplin der Crimmitschauer Arbeiterschaft und das Ver⸗ trauen, das sie ihren zur Leitung berufenen Genossen und Genossinnen entgegenbringen. Auch diejenigen, welche ihre Gefühle nicht zu beherrschen vermochten und diesen laut Aus- druck gaben, sie stimmten den getroffenen Maß⸗ nahmen zu, nachdem ihnen klar gelegt worden war, warum nur so, wie geschehen, gehandelt werden mußte. Es gab kein Wort der Klage, auch bei jenen nicht, die wußten, daß für sie die Fabriken sich nicht wieder öffnen würden. Nur eines kam vielfach zum Ausdruck, was auch in der Sitzung der Obleute erwähnt wurde, die Frage:„Wird die deutsche Arbeiterschast uns nicht verachten, weil wir den Kampf auf— gegeben haben?“—— Gerade dieses Abrechen des Kampfes im entscheidenden Moment sichert den Erfolg weit mehr, als ein Fortführen bis zum Weißbluten. Das wird sich denen, welche heute über die Niederlage im Kampfe in Crimmitschau froh⸗ locken, recht bald und recht deutlich zeigen. Was immer die Fabrikanten auch auch be⸗ schließen mögen, den Zusammenhalt der Unter⸗ legenen werden sie nicht sprengen, ihre Organi⸗ sation nicht vernichten. Die Arbeiter kommen nicht als die Bittenden, von äußerster Not ge⸗ trieben, denn alle, die abgewiesen werden, sie finden in der, dank der Opferfreudigkeit der deutschen Arbeiterschaft mit genügenden Mitteln ausgestatteten Organisation einen Rückhalt und die erforderliche Hülfe. noch Einbuße des Vertrauens zur guten Sache ist bei den Ausgesperrten zu finden. Der Zehn- stundentag für die Textilindustrie wird errungen, trotz alledem und der gewaltige Kampf in Crim⸗ mitschau war das wirksame Vorgefecht. 5555 8 1 5 Anterhaltungs-Ceil. 7 — E Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 18.(Fortsetzung.) — Die Bäbe hatte eine Kamerädin, und diese eine Schwester. Es ist denkbar, daß ste der Ge⸗ treuen, die ohnehin schon Mitwisserin geworden in der Bedrängnis ihres Herzens, nach dem ab⸗ genommenen Versprechen einer vollständigen Ge⸗ heimhaltung natürlich, den Handel erzählt und diese wirklich keiner Seele davon gesagt, ausgenommen ihrer Schwester, die dann, durch ihre gleichfalls erteilte Zusage schon weniger be⸗ engt, das weitere sich erlaubt hatte. Auf der anderen Seite stand aber die Frau Pfarrerin in einem Verhältnis wechselseitiger Mitteilungen mit der Frau Lehrerin, und diese hatte wieder eine Beziehung zur Frau Wirtin. Es ist mög⸗ lich, daß die gute und im Grunde ihres Wesens heitere Dame dem Reize nicht widerstehen konnte, die ihr noch nie vorgekommene und darum höchst pikante Tatsache unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit der Vertrauten zu schildern, da nach der strengen Justiz, die ste gegen die Uebeltäterin geübt hatte, doch auch die komische Seite derselben ausgebeutet sein wollte. Daß dann die Frau Lehrerin die prächtige Geschichte nicht ganz und gar für sich behalten, sondern sie unter der nämlichen sichernden Bedingung der Wirtin vertraut, wäre ihr kaum zu verden⸗ ken gewesen. Um so weniger aber der Wirtin dte Mitteilung an irgend einen ihrer Gäste, für deren Unterhaltung zu sorgen ja zu ihren Pflich⸗ ten gehörte!— Genug, die Sache war ausge⸗ kommen, ging wie ein Lauffeuer im Dorfe her⸗ um, und der Schneider hatte die Folgen zu dulden.. 5 Mit welchen Empfindungen dieser den Wirts- garten verließ, kann man sich denken. Das ihm angeborene Ehrgefühl, durch die übelsten Er⸗ fahrungen nicht unterdrückt, war nach den gestrigen Siege über seinen Vater mächtig em⸗ porgelodert; seine Ansprüche auf Achtung hatten sich erneuert, und er glaubte sich durch die Er⸗ reichung seines Zweckes, die er für gewiß an⸗ nahm, allgemein in Ansehen bringen zu können. — Nun war alles wieder zu Wasser geworden. Das heutige Gesicht des Alten hatte ihn be⸗ lehrt, daß er seine Einwilligung in die Heirat mit der Bäbe weniger als jemals hoffen könne — daß er die Schläge fruchtlos erduldet hatte! Und zu alledem war seine Schmach öffentlich geworden— er, der Geschädigte, war dem Spotte und der Mißhandlung preisgegeben, wer weiß auf wie lange!— Der Boden brannte unter ihm, er fürchtete sich unendlich, jemand zu begegnen, und eilte auf dem kürze⸗ sten Wege aus dem Dorfe ins Feld, wo er den am wenigsten betretenen Fußpfad aufsuchte. Als er hier weitherum niemand gewahrte, entlastete er das gepreßte Herz und brach in laute Verwünschungen aus. Er sagte sich in wilder Veidenschaft vor, was er erduldet, schmähte, daß ihm— grad ihm das begegnen . malte sich aus, was er ferner werde zu lei⸗ en haben, und wühlte sich immer tiefer in sein Elend hinein. Die Worte gingen ihm endlich aus, aber nicht das Wallen und Sieden des Herzens, dem sie entstiegen waren. Er lief zwischen herrlichen Saatfeldern hin, aber er nahm Weder Mutlosigkeit rr 8— Nr. 5. Mitteldeutsche Sonntags⸗geitung. Seite 7. sie nicht wahr, so wenig als er die Lerchen hörte, die nach und nach die Luft zu beleben an⸗ fingen. Sein Geist war der Außenwelt ent⸗ nommen, seine Füße trugen ihn nur mechanisch weiter. Ein Markstein, an den er stieß, brachte ihn wieder zur Besinnung. Er sah auf und be⸗ merkte, daß er in die Feldung des Nachbar⸗ dorfs eingetreten und diesem näher war als dem seinen. Das stimmte ihn ruhiger. Es war sicherer hier und darum für ihn heimlicher. Einen Seitenpfad einschlagend, ging er lang⸗ samer, aber um vieles gemütlicher vorwärts. Nach und nach legte sich der innere Aufruhr ganz, der Mut kam ihm wieder, und die Kraft der Verteidigung regte sich in ihm. a Die Phantasie, die große Trösterin, erhob sich, fühlte sich und begann ihr Geschäft, die erlebten Unbilden umzubilden und das, was geschehen war, so darzustellen, wie es hätte ge⸗ schehen sollen. 5 Er dachte sich die Kerle im Garten, wie sie an der Tafel saßen und von ihm sprachen. Es gab ein Gerede hin und her, und mancher dumme Spaß wurde über ihn gemacht.„Wenn er jetzt käme,“ rief einer der Lümmel,„dem soll“ es gutgehen!“— Und stehe da, er kam, er setzte sich zu ihnen— aber die Sache ging anders, als sie dachten!— Das Trätzen fing an, einer half dem andern. Eine Zeitlang hörte er es ruhig an, indem er nur diesem und jenem eine Red' hinschmiß, daß er daran zu schlucken hatte. Endlich kriegte er's genug, und er rief zum Leard:„Halt's Maul jetzt! Ich hab' das dumme Gered' satt!“ Der Leard gab nicht nach. Nochmal rief er ihm zu:„Halt's Maul, oder es reut dich!“ Der Leard lachte laut und fing wieder an. Da war's mit seiner Geduld zu Ende; um nicht lange herumzufackeln, ergriff er den Maßkrug, holte aus und schlug den Kerl auf den Kopf, daß er ins Gras hinpur⸗ zelte.— Alle sprangen auf und schrieen:„Auf ihn! Er hat den Leard totgeschlagen! Haut ihn nieder!“— Aber solch Geplärr konnt' ihn nicht aus der Fassung bringen; er trat zurück, schwang den Krug und rief:„Drei Schritt' vom Leib! Wer mich anrührt, ist des Todes!“ — Die Bosheit und die Wut trieben doch ein paar Burschen vorwärts, obwohl ihnen der Schrecken aus dem Gesicht sah; grimmig gingen sie auf ihn los, der Kampf begann— und ihm gelangen die größten Taten seines Lebens.— Den ersten schlug er ins Gesicht, daß er rück⸗ wärts auf die andern stürzte und das Blut ihm aus der Nase lief. Dem anderen gab er eins hinter die Ohren, daß der taumelte, mit dem Gesicht auf den Boden fiel und Ach und Weh schrie. Nun wurden die übrigen rasend, einer hetzte den andern, und auf einmal stürz⸗ ten ste alle zugleich gegen ihn. Da half kein Ftuger! Er setzte mit der Schnelligkeit des Blickes und mit ungeheuerer Kraft den Schwung, daß er umging wie ein Triebrad und es ganz unmöglich war, ihm anzukommen. Wer am weitesten vorkam, der kriegt' es mit fürchter⸗ licher Gewalt an den Kopf, an die Arme, daß er beiseite geschleudert um und um torkelte. So ging's fort, bis sie alle zu Boden lagen und stöhnten, sogar flennten, ausgenommen die zwei Jüngsten, die sich hinten gehalten hatten und ihn zitternd baten, ihnen nichts zu tun! — Während dies geschah, waren die übrigen Gäste herbeigekommen, hatten zugesehen und ihm Lob zugerufen. Er setzte den blutigen Krug auf den Tisch, schnaupfte ein paarmal und rief: „So geht's den Kerlen, die mich für'n Narr'n haben wollen! Wem ich gut zum Rate bin, der läßt's bleiben!“— Die Umstehenden schau⸗ ten sich an und sagten:„Wer hätt' dem Schneider das zugetraut? Das ist ja ein Herr⸗ gottsakrament!“— Er aber griff in die Ta⸗ sche, warf dem Wirtsmädchen einen Zwölfer hin, und schritt triumphierend durch die Lente, die ihm rechts und links Platz machten!—— Als er mit diesem idealen Gebilde so weit gekommen war, hörte er Fußtritte. Ungern wendete er den Blick von der schönen Szene auf die gemeine Wirklichkeit, und vorwärts blickend erkannte er einen Bauern vom Nach⸗ bardorf, der in Begleitung eines Buben gegen ihn herankam. Schon von weitem nahm er in; dem Gesicht des Alten das unangenehme Lächeln der Schadenfreude wahr, und eine Ahnung er⸗ regte sein Herz. Der Bauer grüßte schmunzelnd und sagte: „Nun, Tobias, hast du's zu Hause nicht mehr aushalten können? Es geht dir wohl recht schlecht bei euch, daß du zu uns herüber⸗ kommst?—“ Er hatte recht geraten— der alte Esel wußte die Geschichte auch schon— der Teufel hatte in dieser Sache noch ein übriges getan. Allein jetzt war er im Zuge, und schnell gefaßt erwiderte er:„Bei euch, wenn ich deswegen gekommen wär', tät ich auch nicht viel profi⸗ tieren; denn da giebt's so große Narren, wie ich seh', als bei uns!“ Und rüstig schritt er vorüber, während der Alte und der Bube zu⸗ sammen lachten. Seine Wanderung hatte indessen ihr Ziel erreicht. Wenn es so stand, so war's hier nicht besser als bei ihm, und er konnte wieder nach Hause gehen. Die Sonne zeigte sich schon gegen Nordwesten— er drehte sich und ging langsam heimwärts. Gehend und zeitweise stehend und umherschauend, wußte er es so einzurichten, daß er just zur Dämmerzeit ins Dorf kam. Auf dem Rückweg hatten sich Wolken er⸗ hoben, die den Schein der untergegangenen Sonne verdeckten— es war ziemlich dunkel, als er die Hauptgasse entlang ging. Dennoch erkannte er sogleich eine Gestalt, die langsam gegen ihn heranwandelte, und die ihm Gott entgegensandte— die Bäbe. Nach gewechselten Grüßen begann das Mäd⸗ chen in melancholischem Tone:„Es ist gut, daß ich dich treff“; uns ist das Aergste passtert, was hat passieren können!“ „Was?“ rief Tobias auffahrend,„geht das so fort? Nun?“ (Fortsetzung folgt.) 5 n Einige Gedanken über das Kind. Von R. Gersuny, Wien. Du erziehst ein Kind durch Lehre und Bei⸗ spiel; weißt Du aber, wie das im Kinde wir⸗ ken wird? Oft ist ein„böses“ Beispiel für das Kind abschreckend und nützt ihm mehr, als die schönste Rede.—— Die ersten Lügen.— „Denke Dir, mein Kind fängt an, zu lügen!“ ruft die unerfahrene junge Mutter einer mütter⸗ lichen Freundin zu. Diese untersucht lächelnd den Fall, und was kommt heraus? Das Kind hat der Mutter ein freies Spiel seiner Phanta⸗ stie wie etwas Wirkliches erzählt, nicht um zu täuschen, nur um zu plaudern, etwa so, wie es früher gezappelt und gekräht hatte, nur aus Freude an der Bewegung, sonst ohne Zweck und Ziel. Sage dem Kinde lächelnd: Das hast Du nur ausgedacht, das hast Du gar nicht gesehen. Das Kind wird, stolz auf seine Leistung, ernst⸗ haft nicken und so allmählich den Unterschied zwischen dem Wirklichen und dem Erdichteten kennen lernen. Strafe ein Kind nie für Wahr⸗ haftigkeit, sonst— lehrst Du es lügen.—— Für jedes Geborene giebt es einen höchsten Grad der Vollkommenheit, den es erreichen könnte, wenn alle seine natürlichen Anlagen zielbewußt, harmonisch und ungestört ausgebil⸗ det würden. Dieses individuelle Ideal sollte während der ganzen Zeit der Entwickelung das Ziel der Erziehung sein; erst später be⸗ ginne das bewußte Streben nach Einseitigkeit: die Ausbildung für einen bestimmten Beruf. Wer so erzogen ist, hat noch andere Lebens⸗ freuden, als die Berufsarbeit, und ist kein ver⸗ lorener Mensch, wenn diese aufhört.—— Wenn die Kinder heranwachsen, sieht man all⸗ mählich das verkümmern, was das. so hold macht: die unbefangene Natürlichkeit, das freimütige Wesen und alle Keime schöner Men⸗ schennatur. Wie die Bienen ihre Brut durch Einschließen in enge Zellen zu Arbeitstieren verstümmeln, so engen die harten Forderungen des Lebens den heranwachsenden Menschen ein.— Wir armen Krüppel!—— Das Kind fühlt, wie in seinem Inneren die Welt eatsteht, der Jüngling baut sie aus; kaum ist die Jugend erfüllt von schöpfertschem Uebermut, von Herrsch⸗ begier— und Ihr alten Weltmüden und Schiff⸗ brüchigen verlangt von ihr— Bescheidenheit und Resignation! Waret Ihr denn selbst nie⸗ mals jung?— Mein Vater pflegte zu sagen: Man sollte die Kinder so behandeln wie Erwachsene mit kleinem Verstand. Der Rat ist gut, aber nur für die Umgangsform. Für die Erziehung muß man sich stets vor Augen halten, daß die Kin⸗ der treffliche Beobachtungsgabe, leichte Auffas⸗ sung, bewundernswürdiges Gedächtnis haben; ihnen fehlt jedoch die Erfahrung und ste müssen erst lernen, neu gewonnene Vorstellungen denen anzugliedern, die sie schon besitzen. Das treff⸗ liche Gedächtnis der Kinder sei dem Erzieher eine Warnung, daß er nie die Wahrhaftigkeit verletze; früher oder später würden die Kinder ihn durchschauen und dann die Achtung vor ihm verlieren oder— gar die vor der Wahrheit. Der Heizer der ersten Lokomotive, die George Stephenson dem öffentlichen Be⸗ triebe übergeben hat, Marshall, ist kürzlich in London gestor ben, wie man der„Fkf. Z. von dort schreibt. Er erreichte ein hohes Alter und überlebte seinen Meister länger als 55 Jahre, denn Stephenson starb am 12. August 1848. Die denkwürdige Fahrt, bei welcher wie es heißt, Marshall als Heizer diente, fand am 27. September 1825 zur Eröffnung der Eisenbahn⸗ linie der„Stockton and Darlington Railway“ statt, der ersten in der Welt, welche Passagiere beförderte. Für diesen Zweck war sie aber nicht eigentlich bestimmt, sondern zur Beförderung von Mineralien. Erst die Eisenbahnlinie Liverpool⸗ Manchester, die im Oktober 1829 dem öffent⸗ lichen Verkehr übergeben wurde, kann als die erste Eisenbahn für Personenbeförderung ange⸗ sehen werden. Auf seiner ersten öffentlichen Fahrt, am 27. September 1825, fungierte Stephenson selbst als Lokomotivführer und der junge Heizer, den er mitgenommen, zeigte sich der Ehre würdig, denn in dem Protokoll das über die denkwürdige Reise aufgenommen wurde, geschah dessen besondere Erwähnung, daß das Feuer trefflich unterhalten worden war. D Humoristisches. Auf dem Kasernenhof. Unteroffizier, Müller, wirste mal die Knie besser durchdrücken! Kerl du denkst wohl, du bist hier auf dem Forbacher Kasino⸗ ball?(W. Jakob.) Heiteres aus der Schule. Unter mehreren heiteren Antworten aus Kindermund werden der„Frkf. Ztg.“. die folgenden mitgeteilt: In Lu dwigs⸗ hafen gte der Schulinspektor bei der Prüfung: „Kannst Du mir sagen, warum der Krebs immer rückwärts in seinen Schlupfwinkel geht?“ Karlchen antwortet:„Damit er sich net erum ze drehe braucht, wann er wieder eraus geht.“ Ein Gegenstück zu diesem kleinen Phlegmatikus wohnt in einem Taunusörtchen. Dort fragte der Lehrer in der Schule: „Warum schläft der Ha se mit offenen Augen?“ Und der kleine Weise antwortete: „Damit hä, wenn der Jäger kommt, hä ihm seh en kann!“ Sg Beschichtskalender. 31. Januar. 1893: Zukunfts-⸗Debatte in Deutschen Reichstage. 1892: Der„Vorwärts“ veröffentlicht den Soldaten⸗Mißhandlungserlaß des Prinzen Georg von Sachsen. 1. Februar. 1903: Holländ. Elsenbahnerstreik sieg⸗ reich beendet. 1896: Stöcker muß aus der konser⸗ vativen Parteileitung ausscheiden. 1558: Uuiver⸗ sität Jena gegr. 1868: Ledru⸗Rollin, franz. 48er Sozialdemokrat F. 1829: Brehm, Naturforscher*. 1899: Löbtauer Zuchthausurteil. 53 Jahre Zucht⸗ haus, 8 Jahre Gefängnis über 10 Arbeiter wegen geringfügiger Vergehen verhängt. 1897: Achtstundentag⸗Debatte im Deutschen Reichs⸗ tage. 1890: Wilh. II. Arbeiterschutzerlasse. 5. 1880: Dynamit⸗Attentat im kaiserl Winterpalast in Petersburg. 1682: Böttger, Erfinder des Porzellans*. 1898: Tondichter Curti Dresden T. 1897: Ende des Hamburger Hafenarbetterstreiks. Seite 8. Mitteldeutsche Sountaas⸗ Zeitung. No. 5. Ju staunend billigen Preisen werden jetzt alle Sorten Winter- Schuhe verkauft im Frankfurter Schublager N. Reiss Giessen, Mäusburg 12 J käufen Vorteile genießen wollen, dann überzeugen Sie sich von der enormen meiner sämtlichen Artikel. Massenauswah“ in Damenkonfektion Damenputz, Kleiderstoffe Baumwoll war., Teppiche Gardinen, Kurzwaren Wenn Sie bei Ihren Ein⸗ Billigkeit Herren wäsche ꝛc. ꝛc. acobheilbronner Gießen, Marktstraße 17 Parterre, 1., 2. und 3. Etage. Konsumvereingiessen und Umgegend. Für die bevorstehende Faschingszeit empfehlen unseren Mitgliedern la. Weizenmehl la. Margarine 15 tadellose Marke la. Rüpö! la. Schweineschmalz sowie alle sonstigen Kolonialwaren in vorzügl. Qnalität und vollge— 5 wichtig. Neuaumeldungen von Mit⸗ gliedern können jederzeit in unserer Verkaufsstelle Bahnhofstraße 31 erfolgen. U. Maminka Giessen, Neustadt 9. Neubau Vorteilhafte Bezugsquelle für noren, Gold⸗ nud Silberwaren Samstag 6. Februar, abends 8 Uhr: Grosse Kappensitzung in Lonys Bierkeller Eintritt 20 Pfg. Kappen gratis. Reicsihulliges FVrogrumm. Freunde und Gönner des Vereins sind willkommen. Der Vorstand. eee — U A Beinrich Doll, Giessen 8 0 7 sllausburg 7—4 2 Papiet-PBandlung* e Buchbinderei* Geschäftsbülcher* Drucksachen— 2 a Einrahmen von Blldem. 9 CN Karl Müller(rüher Kohler mann) Miessen Plockstrasse 12. Reichhaltiges Lager in Holz⸗ Korb- u. Bürstenwaren Plockstrasse 12. 5 Zu zahlreichem Besuch ladet ein Zur bevorstehenden Saison bringe mein großes Lager von Trischen-, Dauerbrand-, Amerikaner⸗, Regulierhei, Koch-, Hopew- und Darmslädter⸗Oesen in diversen Fabrikaten, ferner: Ofenschirme, Ofenvorsetzer, Verdampfschalen, Feuergeräte⸗ ständer, Kohlenfüller u. ⸗Kasten, Kohlenlöffel, Stocheisen, Asch⸗ und Mülleimer usw., in empfehlende Erinnerung. Auch habe eine Volldampf- Waschmaschine sowie Dr. Kleins Fleischsaftpressen zu verleihen. Ganz besonders mache auf den Vertrieb der patentierten Schröders Tohlen- und Kälber-Faugapparate g sowie Feusterfeststeller aufmerksam. Hochachtungsvoll Edgar Borrmann Eisenhandlung, Haus- u. Küchengeräte. 40 5 54 Freunden und Bekannten N. bringe meine Schuhmacherei in empfehlende Erinnerung. Georg Baum, Schillerstr. 29. * 4 * 5 54 8 50009 8000 * 0 L * 2804 24 Briketts liefern in nur bester Qualität Dacpenbeimer& Schaumbegef Marburgerstrasse 22. 0 Samstag, 13. Februar, abends 8 Uhr im Saale des Cafè Leib: % Brauer-Ball 60 Eintrittskarten im Vorverkauf 75 Pfg., abends an der Kasse 1 Mark. Das Komitee. F. Schwars Söhne 2... (Inh.. Heinrich Möller) Reichhaltiges Lager in: Herren- u. Hnabenlaleidern Stasse iin Aus SHH] V Aferlti gung adult Mass Feste Preise! Streng reelle Bedienung! IAIZENN Kinder sollten niemals ihre Tasse Milch ohne Zusatz von einem Teelöffel„Maizena“ erhalten Tausende von Müttern haben ihre Babies mit„Maizena“ groß und kräftig ge⸗ macht. Man befrage alle, die es schon gebraucht haben. Lecpben Sesehalg eee ohne Rezept= erhältlich in allen Apotheken. Dasserkrüge in nur guter Qualität. d. Koln bod Bachaue Haus⸗ und Küchengeräte zu billigen Preisen. ö sowie sämtliche anderen 0 ö Packkorbe kaufen Beuner& Krumm Gießen, Bahnhofstr. 40. L. Müller Gießen, Bahnhofstraße 61. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Gießen. den ng Daß poke tern dere der den unn Han lu mar Und Fenz gen sche fach ul U im Wie wut eint ele Org.