und men N 1 — * —— 2 i Nr. 22. eee Gießen, den 29. Mai 1904. 11. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche ns⸗ Zeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. n Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postaustalt und finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500 Rabatt. RJuserate Die 5gespalt. Bei mindesten s Die Landes⸗Konferenz der Sozialdemokraten Hessens findet Samstag 30. und Sonntag 31. Juli er. in Vöglers Bierhalle in Pfungstadt statt. Die vorläufige Tagesordnung lautet: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komités. Referent Genosse Ulrich. 2. Rechnungsablage. Referent Genosse Orb. 3. Der internationale Kongreß in Amsterdam. Referent Genosse Berthold. 4. Der Parteitag in Bremen. Referent Genosse Dr. David. 5. Tätigkeit des Landtags. Referent Genosse Cramer. 6. Die bevorstehenden Kommunalwahlen. Referent Genosse Ulrich. 7. Einlaufende Anträge. 8. Wahl des Landeskomités. 9. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz, Parteigenossen! Das Landeskomité hat, entsprechend den Wüunschen der letzten Landes⸗Konferenzen, zum erstenmal zwei Tage für die Konferenz vorge⸗ sehen. Es ist der Anschauung, daß am Samstag, abends 8 Uhr mit der Verhandlungen begonnen werden soll. Die Wichtigkeit der Tagesordnung macht eine zahl⸗ reiche Beschickung der Konferenz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Delegierte gewählt werden. Diskutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge recht⸗ zeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können. Die Delegierten sollen mit einem Mandat verse hen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komités und werden dieselben von Genossen Ulrich bezogen. Offenbach, den 30. April 1904. Das Landes⸗Komité. E. Ulrich. J. Orb, Gr. Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. Nachwahlen u. Parteifragen. Bei der Nachwahl in Frankfurt⸗Le⸗ hus ist die Stichwahlentscheidung so ausge⸗ fallen, wie es beinahe von vornherein für jeden Einsichtigen feststand. Unser Kandidat Dr. Braun ist mit 11882 Stimmen dem Natto⸗ nalliberalen Bassermann unterlegen, der 14 385 Stimmen auf sich vereinigte. Wir haben damit wieder ein Mandat verloren, das dritte seit den allgemeinen Wahlen und unserm Drei⸗ millionen⸗Siege. Aber nicht nur die Mandats⸗ verluste haben wir zu verzeichnen, sondern auch Stimmeneinbußen und zwar in einzelnen Fällen ziemlich erhebliche. Und wenn auch der Verlust einiger Mandate bei den jetzigen Stärke⸗ verhältnissen wenig oder gar nicht in Betracht kommt, so muß uns ein Stimmenverlust immer zu denken geben. Denn die Zunahme der für uns bei den allgemeinen Wahlen abgegebenen Stimmenzahl zeigt uns das Wachstum und die Fortschritte unserer Sache, ein wirkliches Fallen der Stimmen würde also Stillstand, Rückgang unserer Bewegung bedeuten. Der Ausfall der letzten Wahlen gibt nun verschiedenen Parteiblättern Veranlassung, einen tatsächlichen Rückgang unserer Partei festzu⸗ stellen und diesen Rückgang auf Konto des Dresdener Parteitags zu setzen. So sagt unser Magdeburger Parteiorgan, nachdem es die Stimmenverluste bei den nach dem Partei⸗ tag stattgefundenen Nachwahlen auf 17414 berechnet hat, folgendes: „Nicht allein, daß die unglückselige Sep⸗ temberwoche unsern Gegnern billige und zug⸗ kräftige Angriffswaffen geliefert hat; viel schwerer wiegt, daß die Massen der Partet vor den Kopf, die Mitläufer zurückgestoßen und daß vor allem die exponierten Genossen für geraume Weile matt gesetzt worden sind. Nicht die Wäh⸗ ler sind müde, sondern diejenigen Genossen sind ermattet, die in erster Reihe berufen sind, die Begeisterung unter die Wähler zu tragen. Die Parteigenossen mit der„gehobenen Lebens⸗ stellung“ können es so leicht nicht verschmerzen, daß ihnen von oben herab als Anerkennung für ihre Wahlleistungen in Bausch und Bogen das Klassenbewußtsein abgesprochen worden ist. Das alles und manches sonst müßte schließ⸗ lich ertragen werden, wenn die Bruderkämpfe des Dresdener Parteitages notwendig ge⸗ wesen wären. Das in diesen Tagen veröffent⸗ lichte Urteil des Schiedsgerichts wird von der Zwecklostgkeit der gegenseitigen öffentlichen Leib⸗ wäsche vermutlich auch diejenigen überzeugt haben, die auf Grund oberflächlicher Beurteilung noch geneigt waren, der Dresdner Selbstzer⸗ fleischung die Wunderkur eines„Jungbrunnens“ zuzusprecheu. Das Urteil des Schiedsgerichts bestätigt, daß auf beiden Seiten mit einem Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl vorge⸗ gangen ist, der seinesgleichen sucht. Das Allerschlimmste ist, daß immer noch kein Ende abzusehen ist. Schon kommen Er⸗ klärungen, Vorbehalte, Besprechungen der Ur⸗ teile; schon wird angekündigt, daß sich auch die Kontrolleure der Partei mit der Sache, die weniger eine Sache, denn ein verschlungenes Knäuel von Personenfragen ist, zu befassen haben werden. Ist auch von der Kontrollkommission ein andres Urteil als das ergangene nicht zu erwarten— dahinter dräut Bremen, das ein zweites Dresden werden kann. Und so geht das fort, wenn nicht die Ar⸗ beiter endlich den beteiligten Parteiführern wie Literaten die menschlichen⸗allzumenschlichen Mucken austreiben und ihnen nachdrücklich zu Gemüte führen, daß sie als Sozialdemo⸗ kraten ihre Rechthaberei, ihre Impulsivität und ihre Rachsucht gefälligst abzulegen haben.“ Daß wir den Dresdener Parteitag nicht gerade als das ruhmreichste Stück Parteige⸗ schichte bezeichnen können und daß dafür ge⸗ sorgt werden muß, daß stch ähnliche Dinge wie in Dresden in Bremen nicht wiederholen, darin sind wir mit unserm Magdeburger Parteiorgan sehr einverstanden. Wir können aber nicht anerkennen, daß allein der Dresdener Parteitag an dem Stimmenrückgange schuld sein soll. Er mag einige unsichre Kantonisten zur Deser⸗ tion veranlaßt haben, einen nennenswerten Ein⸗ fluß hat er unseres Erachtens nicht ausgeübt. Kann übrigens bei den Nachwahlen von einem wirklichen Rückgange die Rede sein? Ein solcher läge nach unserer Meinung vor, wenn die sozialdemokratischen Stimmen hinter dem Ergebnis von 18 98 zurückgeblieben wären, das ist aber nirgends der Fall, überall erzielten wir bedeutend höhere Ziffern als bei den 98er Hauptwahlen. Das war sogar in Zschopau der Fall, wo unser Verlust bei der Nachwahl am stärksten war. Dagegen haben wir im Straßburger Landkreise, wo am Samstag eine Nachwahl stattgefunden hat, weil das Mandat des Demo⸗ kraten Blumenthal für ungültig erklärt wur de, sogar 1600 Stimmen weniger als 1898 auf⸗ gebracht. Es erhielten diesmal Stimmen: Hauß(eklerikal) 8234, Blumenthal 7855 und Meyer(Sozdem.) 1479. Bei den Haupt⸗ wahlen am 16. Juni dagegen: Hauß 8304, Blumenthal 6398 und Meyer 3097. Hier könnte also von einem wirklichen Rückgang geredet werden. Und doch liegt ein solcher auch hier nicht vor, weil bei der Aussichtslosig⸗ keit unseres Kandidaten ein Teil unserer Ge⸗ nossen sofort für Blumenthal gestimmt hat, der ihrerseits bereits bei der Stichwahl im vorigen Jahre nachdrücklich unterstützt wurde und für den sie auch in dieser Stichwahl den Ausschlag geben werden. Nein, wir sind der Meinung, daß die Stim⸗ menverluste auch ohne den Dresdner Familien⸗ streit zu verzeichnen wären, ste erklären sich aus anderen für uns ungünstigen Momenten: alte Wählerlisten, Abzug vieler Arbeiterwähler aus den betr. Wahlkreisen und die immer für uns sehr ungünstig gelegten Wahltage. Die Haupt⸗ schuld trägt aber die mangelhafte Organisa⸗ tion! Diese schlagfertiger zu gestalten, muß unsere nächste Aufgabe und die des Bremer Parteitages sein. An diesem Punkte muß überall die Arbeit einsetzen; man soll aber in der Partei aufhören, über„Rückgang“ infolge des Dresdener Parteitags zu jammern. * In Hannover sprach sich das Parteivorstands⸗ mitglied Gen. Pfannkuch über die inneren Parteiangelegenheiten folgendermaßen aus: „Mit unsern Gegnern sind wir bisher immer fertig geworden und werden auch in Zukunft damit fertig werden. Aber in letzter Zeit haben sich in der Partei selbst Erschein⸗ ungen gezeigt, die ihr nicht zum Vorteil ge⸗ reichen können. Meinungsverschiedenheiten wer⸗ den immer vorhanden sein, aber wenn wir einer Welt von Feinden gegenüberstehen, muß auch verlangt werden, daß die Austragung derselben in einer Form geschieht, die das ge⸗ meinsame Ziel in den Vordergrund treten läßt und nicht zu einer persönlichen Verfeindung der Genossen führt. Nicht die eigentlichen Pro⸗ letarierkreise in der Partei sind es gewesen, die die Frage der Taktik aufgeworfen haben, sondern die Kreise der Partei, welche aus bür⸗ gerlichem Lager herübergekommen sind und eine andere Auffassung vom Kampfe haben, als die Arbeiter, welche stetig um ihre Existenz zu kämpfen haben. Jene würden gut tun, erst das proletarische Bewußtsein der im harten Tages⸗ kampfe stehenden Arbeiter zu studieren und erst, wenn sie dieses verstanden haben, können sie Führer der Arbeiter werden. Mit dem Ver⸗ ständnis der Theorie allein wird die Befähig⸗ ung zur Führung der Massen nicht erworben. Hier müssen sich Organisation und Agitation gegenseitig ergänzen und muß durch Aufklärung beides gefördert werden. 1 Pfannkuch besprach dann die Vorschläge, welche in Bezug auf die Verbesserung der Organisation gemacht worden sind und fuhr fort:„Wir haben drei Mandate verloren. Nun, das wird dem Wachstum der Partei keinen Schaden bringen, denn die Sozialdemokraten in den verlorenen Wahlkreisen gehen uns nicht N. 9 5 1 —.——ꝛ ͤ —r.. — ——————— ———— r . —— —— — —— — Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 22. verloren. Festen Besitzstand haben wir im übrigen nicht verloren, denn zum festen Besitz⸗ stand der Partei kann man nur die Kreise rechnen, in denen wir die absolute Majorität aller eingeschriebenen Wähler haben. Das ist in den drei Kreisen nicht der Fall. Aber das noch zu erreichen, darauf muß die Organisation zugeschnitten werden. Es ist sehr gewagt, zu behaupten und darauf hinzuweisen, daß die Autonomie der Wahlkreise eine absolute sei. Die Genossen in den einzelnen Wahlkreisen werden nicht sagen können, daß sie reglementiert worden sind, jedoch, wenn einmal eingegriffen werden mußte, da waren sehr zwingende Gründe maßgebend. Wenn der Parteitag eine Institu⸗ tion wie den Parteivorstand einsetzt, so ist es selbstverständlich, daß diese Institution ent⸗ sprechend den Beschlüssen des Parteitages han⸗ deln muß, dem letztern ist sie ja auch Rechen⸗ schaft schuldig. Wenn auch bei uns die Auto⸗ nomie der Wahlkreise Prinzip werden sollte, dann könnten wir auch Dinge erleben wie in Frankreich und Italien. Bei uns ist nicht der Abgeordnete der Erwählte des betreffenden Wahlkreises, sondern der der Gesamtheit. Ge⸗ wiß, die Genossen des Kreises, in welchem er gewähl“ ist, werden ihn zuerst zur Rechenschaft ziehen, aber die Gesamtheit, der Parteitag in letzter Instanz ist entscheidend.“ Politische Rundschau. Gießen, den 26. Mai 1904. Wahlrechts raub liegt im Unternehmer⸗ interesse. Das stellte die deutsche„Arbeitgeber- Zeitung“ fest, indem sie schrieb: „Bei Gelegenheit der letztjährigen Wahlen zum Reichstag wurde an dieser Stelle die Parole ausgegeben, daß kein Wahlkandidat die Stimme eines Arbeitgebers erhalten dürfe, der sich nicht offiziell dazu verpflichte, das Arbeitgeberinteresse rücksichts⸗ los zu vertreten. Es versteht sich von selbst, daß nach Lage der Dinge in eine der⸗ artige Vertretung der Arbeitgeberinteressen auch die Befürchtung einer i änderung des Reichstagswahl rechts einzubeziehen sein wird...“ Was das Organ der Mehrwertschlucker hier in etwas verschleierter Form von sich gibt, kannte man allerdings schon längst als den heißen Wunsch jener Herren. So unverschämt und offen rückte man aber noch nie mit den saubern Plänen heraus. Autisemitische Mittelstands rettung. Vorigen Donnerstag haben die Stadtväter in Dresden, fast ausschließlich antisemitische Spießbürger, die unverschämte Umsatzsteuer an⸗ genommen, trotzdem sich gegen das aus ödester Interessenpolitik geborene Projekt, durch das man künstlich die wirtschaftliche Entwickelung zurückschrauben zu können glaubt, eine starke Protestbewegung nicht nur in den Kreisen der Arbeiter geltend machte. Im Kollegium sitzen eben in der Hauptsache die Vertreter der Innungsmeister und anderer Mittelstauds⸗ gruppen, da sich die Vertreter der Intelligenz und der Großindustrie, angewidert von den niedrigen geistigen Niveau um das Stadt⸗ verordnetenkollegium nur wenig kümmerten und die Arbeiter noch vollständig unvertreten sind. Die Umsatzsteuer soll erhoben werden als solche, sowie als Filial⸗ und als Warenhaus⸗ steuer. Besonders hart werden natürlich die Konsumvereine betroffen. Ihre Extrabesteuerung bedeutet direkt einen Griff in die Taschen des arbeitenden Volkes. Einer der wenigen Dres⸗ dener Stadtverordneten, die eine soziale Ader haben, der Nationalsoziale Dr. Scheven, gab dem auch Ausdruck, indem er den wilbgewordenen Mittelstandsrettern zurief:„Unrecht Gut ge⸗ deihet nicht!“ Er mußte diese Freveltat, die Wahrheit in diesem Kollegium zu sagen, aller⸗ dings mit einem Ordnungsruf büßen. Auch die Filialsteuer wird für die davon Betroffenen hart wirken und ist gewissermaßen eine Be⸗ strafung kaufmännischer Intelligenz und Tüchtig⸗ keit. So berechnet ein Fllialgeschäftsinhaber sein Einkommen auf jährlich 15000 Mk., die Steuer aber beträgt 12,500 Mk. Das ist in der Tat die reinste Vermögenkonfiskation. Daß dem Mittelstande trotz alledem nichts geholfen wird, ist von vornherein klar. Die betroffenen Geschäfte werden mit allen Mitteln versuchen, ihren Umsatz zu erhöhen und neue Zweige in ihren Betrieb hereinzuziehen, um die Scharte wieder auszuwetzen. Man darf deshalb darauf gespannt sein, ob der Rat der Stadt(Magistrat) dem antisemitisch⸗bornierten Versuch, das Rad der Zeit zurückzuschrauben und Dresden zu einem Krähwinkel herabzudrücken, seine Zu⸗ stimmung geben wird. Wie die famose Mittel⸗ standsrettung durch die Umsatzsteuer aussieht, dafür brachte kürzlich unser Görlitzer Partei⸗ organ ein derartiges Beispiel. In Görlitz er⸗ halten nämlich die kleinen Gewerbtreibenden aus der Umsatzsteuer Rückvergütung auf ihre Poclage Gewerbesteuer und so wurde auch dem erlage unseres Parteiblattes die Riesensumme von— einer Mark und achtundzwanzig Pfennige übermittelt, worüber das Blatt quittiert und dafür dankt, daß er für den geringen Betrag vor der Konkurrenz der Waren⸗ häuser mitgerettet worden ist!— Kampfesweise christlicher Gewerk⸗ schaftsführer. Vor dem Schöffengericht in Köln standen der Gauleiter des christlichen Schnei⸗ derverbandes, Nolte aus Gelsenkirchen, sowie der Schneider Haufler aus Köln unter der Anklage derverleumderischen Beleidigung des Gauleiters Trilse vom Deutschen Schnei⸗ derverband. Die Angeklagten nahmen in der Verhandlung alle der Anklage zu grunde liegen⸗ den Behauptungen zurück, erklärten, keinerlei Absicht gehabt zu haben, Trilse einer ehren⸗ rührigen Handlung zu bezichtigen, und ver⸗ pflichteten sich, alle Kosten zu übernehmen. Darauf zog Trilse den Strafantrag zurück. Ehrung eines Sozialdemokraten. Die Beerdigung des belgischen sozialistischen Abgeordneten Gustav Defnet,“ die am Donners⸗ tag in Saint Gilles, seinem Wohnorte er⸗ folgte, gestaltete sich zu einer großen Trauer⸗ kundgebu ng. Die Trauer war eine allgemeine; von vielen öffentlichen und Privatgebäuden wehten Trauerfahnen, im Rathause war der große Sitzungssaal umgewandelt in eine Trauerkapelle. Massenhafte Ehrenspenden, nicht etwa nur von Arbeitervereinen und Partei⸗ Organisationen, sondern von fast allen bürger⸗ lichen Korporationen und Behörden von Saint⸗ Gilles und Brüssel sowie öffentlichen Anstalten aller Art waren aufgestellt. So unter anderm vom Gemeinderat selbst, vom Personal der Polizei von Saint Gilles usw. Liberale und katholische Gemeinde- und Stadträte, Bür⸗ germeister, Senatoren und Deputierte hatten es sich nicht nehmen lassen, den toten Gegner zu ehren, selbst der(klerikale!) Minister Trooz erschien mit seinem Geheimsekretär, um der Familie sein Beileid auszudrücken. Die Trauer⸗ feier selbst eröffnete der Bürgermeister von Saint Gilles mit einer tiefempfundenen Rede, in welcher er die Bürgertugenden des Ver⸗ storbenen, seinen nie rastenden Fleiz im Dienste der Allgemeinheit pries. Genosse Dewinne und andere folgten. So wurde ein Sohn der Arbeit geehrt, dessen Leben dem Dienste der Gemeinde und des Staats, dem Wohle der Arbeiterklasse ge⸗ widmet war. Besonders wohltuend wirkte die taktvolle Art, wie hier die Vertreter aller Par⸗ teien und Richtungen dem toten Gegner die ihm We Achtung und Ehrung darbrachten, ein Vorgang, wie er in Deutschland kaum denkbar wäre. Sozialistische Bürgermeister sind kürzlich in mehreren Städten und Gemein⸗ den Frankreichs, in denen bei den Ge⸗ meinderatswahlen die Sozialisten die Mehrheit erhielten, gewählt worden. In Lyon, der zweitgrößten Stadt Frankreichs wurde der so⸗ zialistische Bürgermeister Dr. Augagueur mit Siehe unter Parteinachrichten. 43 gegen 1 Stimme wiedergewählt und als Adjunkten für die Zentralmairie sowie für die Bezirksmairien(Unterbürgermeistereien) wurden ebenfalls Sozialisten und Radikale gewählt. In Dijon, das von den vereinigten Radikalen und Sozialisten den Reaktionären abgenommen worden ist, wurde der Sozialist Barabanut mit 34 von 35 Stimmen zum Bürgermeister ge⸗ wählt. Der erst 30jährige Genosse ist Bahn⸗ hofsarbeiter in Dijon mit einem Jahresein⸗ kommen von 1500 Francs. Der Gemeinderat beschloß, ihm ein Jahresgehalt zu bewilligen. Er wird seine Entlassung aus dem Bahndienst nehmen. Im Kriegshafen Brest, der gleichfalls von den Sozialisten erobert worden ist, ge⸗ staltete sich die Bürgermeisterwahl besonders feierlich. Als Bürgermeister wurde der So⸗ ialist Uhrmachergehilfe Aubert gewählt, als djunkten drei revolutionäre Sozialisten, da⸗ runter der Sekretär der Hafenarbeitergewerk⸗ schaft, und zwei Radikalsozialisten. Das Ergeb⸗ nis wurde mit ungeheuerm Jubel aufgenommen. Die Anwesenden scharten sich hinter der Musik⸗ kapelle zusammen und durchzogen in einem rasch anschwellenden Zuge unter dem Gesang der Internationalen und Hochrufen auf den Sozialismus die Stadt.— Die deutsche Spie⸗ ßerpresse findet es unerhört, daß einfache Ar⸗ beiter in die höchsten Gemeindeämter berufen wurden und meint, die Gewählten besäßen dazu nicht die genügende Fähigkeit. Aber es hat sich fast immer erwiesen, daß Leute aus der Arbeiterklasse das Gemeinwesen besser, unter allen Umständen aber ehrlicher geleitet ha⸗ ben, als die den bessern Kreisen Entstammten. Louise Michel, die vor Kurzem totgesagte Revolutionärin, ist nach Paris zurückgekehrt und kann nun an das Studium der zahlreichen Nekrologe und Biographien gehen, die über ste in französischen und ausländischen Blättern erschienen sind. Ihre Gesundheit ist fast vollständig wieder her⸗ gestellt und sie beabsichtigt, demnächst wieder in Pariser Versammlungen zu sprechen. Das russische Volk regt sich. Gegen die scheußlichen Drangsalierungen, welche die Schergen der russischen Gewaltherr⸗ schaft an dem Volke verüben, macht sich erfreu⸗ licherweise innerhalb des letzteren immer mehr Widerstand bemerkbar. So wurde über eine in Odessa vorige Woche ausgebrochene Er⸗ hebung berichtet: Mittwoch, vormittags gegen 9 Uhr versammelten sich einige hundert Uni⸗ versitätshörer und Arbeiter vor dem Hause des Bürgermeisters und riefen:„Nieder mit Rußland!“„Gebt uns Freiheit!“ „Lange genug schon sind wir Sklaven!“ Bleich⸗ zeitig wurden auf das Haus des Gradomat⸗ schelnik Schüsse abgegeben. Es wurde unver⸗ züglich um militärische Hilfe telephoniert, und bald darauf erschien eine Rotte Kosaken, die die Demonstranten zu zerstreuen suchte. Da aber die Studenten und die sich ihnen anschließen⸗ den Arbeiter in bedeutender Uebermacht waren, kam es zu einem erbitterten Kampfe. Die De⸗ monstranten erhielten durch 600 Arbeiter Hilfe und schossen mit Revolvern auf die Kosaken. Der regelrechte Kampf dauerte von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags. Von den Kosaken sollen fünf Mann getötet und fünf⸗ zehn verwundet, von den Demonstranten sollen dreißig Arbeiter und fünfzehn Studenten getötet worden sein. Die ganze Stadt sei gegenwärtig von Kosaken förmlich okkupiert. Russisch⸗japanischer Krieg. Der Vormarsch der Japaner in die Mandschurei sollte nach Meldungen von russi⸗ scher Seite ins Stocken geraten sein. Es ist ja möglich, daß die Japaner erst weitere Truppen⸗ transporte und Verstärkungen abwarten, ehe sie es zu einem Zusammenstoß mit der russischen Hauptmacht kommen lassen, aber als einen Rückzug wird man das nicht ansehen können. Gegenwärtig hat auch die Regenperiode in Ko⸗ rea eingesetzt, die Wege sind grundlos und J hemmen die Bewegungen der Truppen.— Die — 5 Nr. — fuse un 0 auf 9 beider ige Die lic. fand Russe en fegen, abpat solche betto Grun U eme on in de 901 lusch Nahe bon halle 9 fuss ein! gebä kurz 8 voll. mier 50 gege such mit den steh dur hoht land Bra is fe * ungen, ltherr⸗ erfreu⸗ mehr F eine le Er⸗ gegen Uni⸗ 1 dem leder geit.“ gleich⸗ domat⸗ Unber⸗ „ und ken, e. Da ließen warell, ie De⸗ . Hilfe osalel. bon 1 dell fü ollen enten t sei ett. eg · in die N rust⸗ it. pen, 00 fi f 3 Nr. 22. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. Russen sollen Niutschwang, was ste ge. räumt hatten, wieder besetzt haben, während sich die Japaner unter fortwährenden Gefechten auf Fönghwangtscheng zurückgezogen hätten. Die Japaner sollen beim Untergang der beiden Kriegsschiffe„Joschino“ und„Hatsuse“ insgesamt 900 Mann verloren haben. Die Schiffahrt ist für neutrale Schlffe gefähr⸗ lich. Man erwartet darum einen Protest der fremden Mächte. Wie es heißt, benutzen die Russen eine Anzahl chinesischer Boote, um Mi⸗ nen in den Kurs der japanischen Schiffe zu legen, die die Küsten der Liaotung⸗Halbinsel abpatrouillteren. Die Japaner haben mehrere solcher Schiffe bei dem Legen von Minen an⸗ getroffen und hätten dieselben daraufhin in den Grund gebohrt. Ueber Erfolge der Japaner wird gemeldet, die Japaner hätten Kaiping ge⸗ nommen und die Russen bis Masmihchima in der Richtung auf Niutschwang zurück g e⸗ worfen. Ferner wird mitgeteilt, daß in Ta⸗ kuschan gelandete japanische Truppen in der Nähe von Wanchiatun, sieben Meilen nördlich von Takuschan, eine Schwadron russischer Ka⸗ vallerie umzingelt und aufgerieben haben. Russische Korruption. In der russischen Hafenstadt Kronstadt brach jüngst ein Brand im Magazin- und Verwaltungs⸗ gebäude aus, der umsomehr auffiel, als es kurz vorher schon einmal dort gebrannt hatte. Es stellte sich heraus, daß Brandstiftung vorlag, weil ein vom Kriegsministerium rekla⸗ mierter, angeblich neu angeschaffter Posten Uniformen sowie Ausrüstungs⸗ gegenstände nicht existierten. Die Unter⸗ suchung ergab, daß eine Anzahl alter Uniformen mit Petroleum übergossen und angezündet wor⸗ den war. Mit dem Ergebnis der Untersuchung steht die Erkrankung einiger hoher Offtziere durch Vergiftung in Verbindung. Ein hoher Intendanturbeamter ist nach dem Aus⸗ lande geflüchtet. Es wurde erst versucht, die Brandstiftungen auf„Anarchisten“ oder japa⸗ nische Spione zurückzuführen, während es sich offenbar um eine Verzweiflungstat korrupter russischer Beamten gehandelt hat. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Entwickelung der Kousumgeuossen; schaften. Die Großeinkaufsgesell⸗ schaft deutscher Konsumvereine in Ha m⸗ burg, hat ihren Bericht über das zehnte Geschäftsjahr herausgegeben. Daraus geht her⸗ vor, daß das Unternehmen eine wahrhaft groß⸗ artige Entwicklung durchmacht und zu einer gewaltigen Organisation fee wasen ist. Der Gesellschaft gehören 305 Konsumvereine an; mit 1300 stand sie in Geschäfts verbindung. Der Waren umsatz erreichte in diesem Jahre die Höhe von Mk. 26455 888 gegen Mk. 21 568 549 im Vorjahre, das ist eine Zu⸗ nahme von Mk. 4 877339 oder 22,61 pCt. Der Reingewinn betrug 115 815 Mk.— Neben einem großen Zentrallager, das 1902 errichtet wurde, hat die Gesellschaft einen Kaffeeröstereigroßbetrieh eingerichtet, der über 1 Million Pfund Röstkaffee umsetzte. An Per⸗ sonal wurden von der Großeinkaufs⸗Gesellschaft 107 Personen beschäftigt. Nunmehr wendet man bereits der Eigenproduktion mehr Aufmerksamkeit zu und befindet sich eben in 175 e zur Einrichtung einer Seifen⸗ fabrik. Gerechtigkeit für Streikende. Weil er den Mund aufgemacht hatte, bekam ein Streikposten in Schweins furt sechs Wo⸗ chen Gefängnis! Er war vor einem Bau, auf dem Arbeits willige beschäftigt waren, als Streikposten aufgestellt, als plötzlich vor dem⸗ selben Bau eine starke Ansammlung von Ar⸗ beitern anderer Berufe entstand, die sich über die Lieblinge des Unternehmertums in wenig schmeichelhafter Weise äußerten. Die Poltzei verhaftete lediglich den Streikposten, der bis zur Verhandlung in Haft behalten wurde. Vor verhaftet hatte, nichts anderes auf Eid aus⸗ sagen, als daß der Angeklagte den Mund aufgemacht habe; ob und was er gerufen, das wisse er nicht. Trotz dieser Feststellung er⸗ kannte das Gericht auf sechs Wochen Gefäng⸗ nis, wobei nicht einmal die erlittene Unter⸗ suchungshaft in Anrechnung kam. Die bloße Mitteilung dieses Urteils ist Kritik genug. Höchstens könnte man noch hinzufügen, daß kürzlich Streikbrecher, die mit Revolvern auf ihre Mitmenschen schossen, mit lächerlich ge⸗ ringen Strafen davon kamen. Fortschritte des Bergarbeiterver⸗ bandes. Aus dem eben veröffentlichten Jahres⸗ bericht des sogenannten„alten Verbandes“ ergibt sich eine außergewöhnliche Kräftigung dieser vielberfolgten Arbeiterorganisation. Als im Jahre 1895 durch den Essener Meineids⸗ prozeß dem Verbande seine alten Führer Schröder und Meyer auf Jahre hinaus ent⸗ rissen wurden, besaß er nur noch 4—5000 Mitglieder. In der früheren Zeit, 1890/1 gehörten ihm schon 45000 bis 50000 Mit⸗ glieder an. Unglückliche Streiks(im Jahre 1893), mangelnde Festigkeit der schnell zusammen⸗ gelaufenen Angehörigen waren die Ursachen des Rückganges. Seit dem Meineidsprozeß dattert aber der neue Aufschwung. Das Jahr 1902 schloß die Organisation ab mit 48 278 Mitgliedern, am Schluß 1903 war ihre Zahl auf 69 028 gestiegen, also Zuwachs in einem Jahre 20 750 Mitglieder! Augenblicklich ist der Mitglieder⸗ stand zirka 75000, die Auflage des Verbands⸗ organs, die„Deutsche Bergarbeiter ⸗Zeitung“ beträgt 80 000! Dieser große Aufschwung ist der beste Beweis für das wachsende Vertrauen der Bergarbeiter zu ihrem Verbande. Der „christliche Gewerkverein“, mit dem bekannten Aug. Brust— jetzt Zentrumsabgeordneter— un der Spitze, befindet sich im Rückgange. Ende 1902 hatte er noch 40 000 Mitglieder; für Ende 1903 gab er nur noch 39000 au, da tausende„christliche Mitglieder“ im Siegerlande dem Gewerkverein des Herrn Brust den Rücken kehrten. Vor etwa fünf oder sechs Jahren war die Stärke des„christlichen Gewerkvereins“ der des alten Verbandes ziemlich gleich; zur Zeit ist der letztere bald doppelt so stark als der vom Zentrum inspirierte Gewerkverein. Auch in der fast ausschließlichen Domäne des Brust⸗Verbandes, im Ruhrgebiet, besitzt heute der Verband zirka 50000 Mitglieder, ist also auch hier viel stärker geworden als die bezeich⸗ nenderweise in Arbeiterkreisen„Zechengewerk⸗ verein“ betitelte ultramontane Bergarbetter⸗ organisation. Die fernere Entwicklung läßt sich leicht voraussehen. Der Bergarbeiterverband hat sich auch finanziell sehr gut entwickelt. Sein Vermögen betrug 1901 erst 160 000 Mk, 1902 waren es 260000 Mk. und 1903 rund 439000 Mk. Um sich von Scherereien zu be⸗ freien, hat der Verband ein großes Grundstück in Bochum gekauft, wo ein umfangreiches Ver⸗ waltungsgebäude nebst Druckerei und Wohn⸗ häusern errichtet werden. Der Besitz dürfte einen Wert von ca. 400 000 Mk. repräsentieren. Hoffentlich hält die erfreuliche Entwicklung weiter an, denn es sind noch zehntausende Bergleute unorganisiert. Aber schon jetzt müssen die Scharfmacher mit dieser Arbeiterorganisation rechnen!— Vergangene Woche hielt die Orga⸗ nisation ihren Verbandstag in Stadthagen ab. Es wurden hier eine Reihe Resolutionen beschlossen; unter anderem wird volle Vereins⸗ freiheit gefordert, sowie der Erlaß eines Reichsberggesetzes verlangt, worin die achtstündige Schicht und die sechsstündige bei einer Temperatur von über 28 Grad fest⸗ gesetzt, sowie das Verbot der Frauen⸗ arbeit in den Bergwerken enthalten sein soll. Der V. Verbandstag des Holzar⸗ beiterverbands hat vergangene Woche in Leipzig stattgefunden. Es waren 79 Delegierte anwesend sowie Abgesandte mehrerer ausländi⸗ schen Bruderorganisationen als Gäste. Gegen⸗ wärtig zählt der Verband, wie aus dem Vor⸗ standsberichte hervorgeht, über 84000 Mitglie⸗ der und seine Einnahme betrug in den Gericht konnte der Schutzmann, der bei dem Zusammenlauf anwesend war und den Mann letzten 2 Jahren 2,175,153 Mk. Zur Zeit sind 707 800 Mark in mündelsicheren Papieren als 24 Prozent. Reservefonds angelegt. Unter anderm beschloß der Verbandstag nach lebhafter Debatte das Verbandsorgan, das bisher in Hamburg er⸗ schien, nach Stuttgart, dem Sitze des Hauptvorstandes zu verlegen. Der Schneiderverband brachte es im verflossenen Jahre von 18 172 auf 20844 Mit⸗ lieder. Leider war der Wechsel unter den Mitgliedern äußerst stark. Der Vorstandsbericht beklagt, daß wohl 10 467 Mitglieder dem Ver⸗ bande beitraten, daß davon ihm aber nur knappe 3000 treu blieben. Trotzdem stieg die Leistungs⸗ fähigkeit des Verbandes ganz bedeutend. Die laufenden Einnahmen stiegen auf 224 967 Mark, das sind 43806 Mk. mehr als im Vor⸗ jahre. Ebenso wurden weit höhere Aufwendungen für Kranken⸗ und Streikunterstützung gemacht. Der Kassenbestand stieg auf 106 555 Mk., als o um 2547/9 Mk. Also 2789 neue Mitglieder und 25479 Mk. mehr Kassenbestand, das ist der Erfolg(von den Lohnkämpfen abgesehen) des Jahres 1903; immerhin ein ganz annehmbarer Fortschritt, der die Mitglieder allerdings noch nicht befriedigen darf. Der Küferverband veröffentlicht seine Jahresabrechnung für 1903. Die Mitglieder⸗ zahl beträgt 6350. Die Gesamteinnahme be⸗ trägt Mk. 71 312,91, welcher eine Ausgabe von Mk. 57 402,50 gegenübersteht, somit Mehr⸗ einnahme von Mk. 13 910,32. Unẽter den Ausgaben befinden sich für Reiseunterstützung Mk. 4871, Arbeitslosenunterstützung Mk. 2597, Notfallunterstützung Mk. 230, Sterbegeld 1100 Mark, für örtliche Verwaltung Mk. 609 3, Zeitung Mk. 9191, Gehalt der Vereinsbeamten Mk. 5700, Unterstützung an Streikende Mk. 21 147,88. 1 — von Rah und gern. Hessisches. — Stärke der politischen Parteien in Hesseu. Das statistische Amt in Berli n macht über das Ergebnis der Reichstagswahlen in Hessen folgende Angaben: Die Gesamtzahl der Wahlberechtigten betrug in Hessen 259,512, hiervon haben 194,297 oder 74,9 Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Es er⸗ hielten Stimmen: die Nationalliberalen 68,865 oder 35,5 Prozent, Sozialdemokraten 68,834 oder 35,5 Prozent, Zentrum 33,163 oder 17,1 Prozent, Antisemiten(deutsche Re⸗ formpartei) 10,595 oder 5,5 Prozent, Freisinnige Volkspartei 9748 oder 5 Prozent, Bund der Landwirte 2549 1,3 Prozent, zersplittert waren 91 oder 0,1 Prozent. Nicht ohne Interesse ist die Tatsache, daß die Wahlbeteiligung in den Städten mit über 10000 Einwohnern(79,9 Prozent) erheblich lebhafter war als auf dem flachen Land(71,5 Prozent). Den höchsten Prozentsatz ihrer Stimmen brachte die Sozialdemokratie in den größeren Städten auf und zwar 47,6 Prozent, in den Orten unter 2000 Einwohnern kam sie nur auf Die Nationalliberalen erhielten auf dem Lande 41,6 Prozent; in den Orten mit einer Einwohnerzahl von 2000 bis 10000 25,5 Prozent und in den großen Städten 63,3 Prozent. Es muß jedoch hinzugefügt werden, daß in den nationalliberalen Stimmen ein e große Anzahl anderer Parteien enthalten sind; in verschiedenen hessischen Wahlkreisen stimmten Freisinnige, Zentrumsleute und Antisemiten gleich bei den Hauptwahlen für die national⸗ liberalen Kandidaten. Die sozialdemokratische Partei ist auch in Hessen die stär kste. — Gegen die hessische Steuer ⸗ reform eiferte ganz besonders der Wormser Lederkönig Heyl. Schon vor einiger Zert richtete er im Reichstage heftige Angriffe gegen unseren Genossen Ulrich, dem er vorwarf, im hess. Landtage eine ganz unmögliche Steuer⸗ progresston beantragt zu haben. Und selbstver⸗ ständlich ließ er darum die Hetze in seinem Orgau, der„Wormser Zeitung“, durch seine Soldschreiber weiter betreiben. Auf die Heyl'⸗ schen Angriffe kam Genosse Ulrich kürzlich in einer Versammlung in Stuttgart zu sprechen und er legte dabei treffend dar, warum Heyl — . ——T——T—VT—T——— — — r T —— 7 —* —ä——— ũ— — 2— — Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung. Nr. 221 gegen die Steuerreform ist. Er führte u. a. aus: Heyl habe ihn im Reichstag beschuldigt, daß er die ganz unmögliche Progression von 118 Prozent im hessischen Landtag gefordert habe, und als der hessische Finanzminister die Sache in der Kommission dahin aufklärte, daß v. Heyl nach der neuen Progression eben 118,000 Mark mehr Steuern bezahlen müßte(woher der Irrtum gekommen sei), habe von Heyl nicht den Mut gefunden, zuzugestehen, daß er sich blamiert habe. Warum v. Heyl über Vermögens⸗ konftskation geschrieen hat, ist begreiflich, wenn man weiß, daß dieser Freiherr 1,400, 000 Markals Einkommen und 31 Millionen Mark als Vermögen deklariert. Er, Redner, habe eine Skala aufgestellt bis zu 100 /, wonach von Heyl anstatt 92,000 Mark 210,000 Mark zu bezahlen hätte. Dabet von Vermögens⸗ konfiskation zu reden, sei absurd, wenn man Riesenprofite aus der Lederindustrie und aus bayerischen und hessischen Grundstücksspeku⸗ lationen herausziehe. Die von ihm vorgelegte Skala habe nach einer Nachprüfung durch die Finanzkommission eine Erhöhung der 9,000,000 Mark betragenden Einkommensteuer um 1,899,000 Mark im Gefolge. Dies wäre in kleicher Progression auch bei der Vermögenssteuer zu erreichen, aber die Regierung bestreitet die gesetzgeberische Verwertung dieser Vorschläge ohne jede Begründung! Dabei ist noch gar nicht an eine Erhöhung der Progresston bei der Erbschafts⸗ und Schenkungssteuer gedacht worden, und trotzdem schreit man jetzt schon über„Ver⸗ mögenskonfiskation“. Dem Herrn v. Heyl z. B. tun die 118,000 Mark mehr an Steuern bei seinem jährlichen Einkommen von 1,400,000 Mark nicht so weh als dem Arbeiter, der 10 Pfg. mehr bezahlen soll, die er nicht hat. Deun der erstere bezahlt die Steuer aus dem Ueberfluß, der letztere aus seinem Existenz⸗ einkommen. Dabei schafft nicht der große Kapt⸗ talist sein Millionen⸗Einkommen selbst, sondern seine von ihm ausgebeuteten Arbeiter. — Eine Interpellation wegen eines Kindes mor des hat der Abg. Köhler⸗ Langsdorf in der Zweiten Kammer eingebracht. Dieser ungewöhnlichen Anfrage liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Auf dem Friedhofe in Eberstadt bei Lich wurde bekanntlich am 23. April die Leiche eines neugebornen Kindes gefunden. Die Untersuchung ergab, daß ein Kindesmord vorliege. Auf eine anonyme Denunziation hin wurden einige Tage später die 25 Jahre alte Minna Gör lach, Tochter des Maurermeisters Görlach I. und die Ehe⸗ frau des Konrad Görlach behördlich vorgeladen und als der Tat verdächtig durch den Kreisarzt einer körperlichen Untersuchung unterzogen. Die Folge war, daß der Staatsanwalt gegen die Minna Görlach Anklage wegen Kindes⸗ mords erhob. Das Mädchen ließ sich daraufhin freiwillig von dem praktischen Arzt Dr. Scha ad zu Lich noch einmal untersuchen, und dieser kam zu dem entgegengesetzten Resultat wie der Gerichtsarzt und gab seiner Ueberzeugung von der Schuldlosigkeit der Angeklagten Ausdruck. Später wurde die Görlach nochmals untersucht und verhaftet.— Dieser Sache hat sich nun der Abg. Köhler angenommen. Er fragt u. a.: „Welche Maßregeln gedenkt die Regierung zu ergreifen gegen diejenigen Beamten, die die empörenden ärztlichen Eingriffe angeordnet und ausgeführt haben, die in der Meinung aller Vorurteilslosen als Verbrechen gegen die persönliche Freiheit und die allgemeine Sittlichkeit sich charakteristeren?“ Schließlich fragt Interpellant, warum die Görlach in Haft behalten würde, trotzdem Dr. Schaad ihre Schuldlosigkeit mit Bestimmtheit begutachten könne.— Andererseits wird mitge⸗ teilt, daß Prof. Pfannenstiel sowohl wie Medizinalrat Haberkorn übereinstimmend ihr Gutachten dahin abgaben, daß die Görlach einem Kinbe das Leben gegeben, und daß die Geburt zeitlich mit dem Ableben des auf dem Friedhof vergraben gefundenen Kindes zusammenfällt.— Hoffentlich trägt Köhlers Anfrage dazu bei, Licht in die Affaire zu bringen. — Die Kretschmannbriefe. Zu dem Prozeß, der auf nächsten Montag gegen die Mainzer Volks⸗ zeitung angesetzt ist, weil dieselbe aus den Kriegsbriefen des verstorbenen Generals von Kretschmann einige hessische Offiziere angeblich beleidigende Stellen abdruckte, ist auch die Genossin Lilly Braun, die Herausgeberin jener Briefe, als Zeugin geladen worden. — Ueber die ländlichen Arbeiter⸗ verhältnisse in Oberhessen ist kürzlich ein Buch von Dr. Eugen Katz erschienen. Wir kommen auf den Inhalt der wertvollen und interessanten Arbeit noch zurück. Gießener Angelegenheiten. — Das Museum im alten Rathause ist, wie uns mitgeteilt wird, nächsten Sountag außer der üblichen bisherigen Besuchszeit von 11—1 Uhr zum ersten Male auch von 2—4 Uhr nachmittags geöffnet. Wir können unsern Lesern nur empfehlen, von dieser Neuerung Gebrauch zu machen und die dem Oberhessischen Geschichtsverein gehörenden Sammlungen zu besichtigen, welche teilweise Aufschluß geben über Verhältnisse längst vergangener Zeiten. Bei dieser Gelegenheit sei auch auf die Gemälde⸗ Ausstellung im Turmhause am Brand hinge⸗ wiesen, die Sonntags von 11—2 Uhr geöffnet ist. Hier kostet der Eintritt 20 Pfg. — Der„nationale“ Sängerwettstreit, der über Pfingsten in Gießen stattfand, wurde zwar von dem nicht besonders freundlichen Wetter etwas beein⸗ trächtigt, zeigte aber eine ziemlich große Beteiligung aus⸗ wärtiger Vereine. Im Festzug marschierten 40—50 Vereine, deren Mitglieder wohl mit wenigen Ausnahmen der Arbeiterklasse angehörten. An der Spitze des Zuges fuhren eine Anzahl Chaisen, worin die gewichtigen Per⸗ sönlichkeiten des Festausschusses, der Ehrenpräsidenten ꝛc. denen das Gehen schwer fällt, Platz genommen hatten. Bei Festen dieser Art bilden die Arbeiter eben nur Staffage und es ist bedauerlich, daß sie nicht auf sich selbst besinnen und sich mehr in den Arbeiter⸗ gesang vereinen zusammenschließen. Einem Ar⸗ beiter, der sich andern Menschen gleichachtet, muß es doch Ueberwindung kosten, wenn er, um ein Fest zu ermöglichen, von einem Kommerzienrat zum andern lau⸗ fen und um gütige Unterstützung bitten soll.— Ein anderer, freierer Geist herrscht in den Arbeiter ge⸗ sang vereinen! Und der kann so recht auf den beiden großen Gesangsfesten zum Ausdruck, die über Pfingsten in Bayreuth und in Mannheim abgehalten wurden. Sehr richtig sagte Genosse Dreesbach in seiner Festrede bei dem Mannheimer Feste: Die Arbeiterge⸗ sangvereine singen nicht um Kaiser⸗ oder andere Preise, nicht im Preiswettsingen versuchen sie ihre Kunst, sie singen, um das Lied zu feiern und in dem Lied die Freiheit. Möchten das alle Arbeiter beherzigen ll — Viele Arbeiter und Parteigenossen haben die hessische Staatsangehörigkeit noch nicht erworben, obwohl sie schon jahrzehnte⸗ lang in Hessen ansässig sind, haben also nur Pflichten, aber keine Rechte im Staate. Kein Arbeiter sollte sich die geringen Mühen und Kosten, die mit der Naturalisation verbunden sind, verdrießen lassen. Was alles dazu nötig 0 wird öfters in unserm Blatte bekannt ge⸗ geben. Aus dem Rreise gießen. — Staufenberg. Der Volks verein hält diesen Samstag, den 28, Mai, abends 9 Uhr bei Wirt Vogel eine Versammlung ab. Es liegt eine wichtige Tagesordnung vor, weshalb die Mitglieder recht zahl⸗ reich erscheinen wollen. Nichtmitglieder haben Zutritt. Es ist sogar wünschenswert, daß die Genossen ihre Freunde und Bekannte mit in die Versammlung bringen, denn die Stärkung der Organisation ist dringend nötig! Aus dem Rreise sriedberg-Büdingen. — Bei der Landtagsersatzwahl im Kreise Friedberg⸗Nauheim, die am vorigen Freitag vor⸗ genommen wurde, ist der nationalliberale Rechtsanwalt Windecker doch noch„gewählt“ worden. Der Bündler⸗Führer Schlenke, für den Hirschel in seinem Blatte sich gewaltig ins Zeng legte, ist durchgeplumpst, wie ihm das schon öfters passierte. Natürlich beklagen wir weder diesen Ausgang, noch begrüßen wir ihn; denn beide Kandidaten gehörten zur Kategorie der So⸗ zialistenfresser. Aus dem Rreise Wetzlar. * Als patentierter Sozialisten⸗ ver nichter stellte auf der Welegteren sammlung evangelischer Arbeitervereine, die in Frankfurt diese Woche stattfand, der Pastor Weber seinen Freund, den Gärtner Behrens vor. Der gute Pastor erklärte triumphierend: zin einer mehrmonatlichen Agitationstour habe Behrens die Sozialdemokratie gründ⸗ lich abgetan. Sie getrauten sich gar an 1 in 01 N Ver⸗ mlungen zu kommen. Bei den nächsten Wahlen dürfte die Sozialdemokratie, die Aer führerin des Vaterlandes, nicht die Erfolge erzielen wie bei den letzten Wahlen.“ Ein andrer Pastor, Arndt, sah sich veranlaßt, etwas Wasser in Webers Wein zu schütten. Er meinte, „daß sich die erfolgreiche Agitation der evan⸗ gelischen Arbeitervereine nur auf bestimmte Kreise beschränke. Davon könne keine Rede sein, daß man der Sozialdemokratie das Wasser abgraben könne.“— Auch in der Wetzlarer Gegend betrieb der christliche Behrens monate⸗ lang das Sozialistenvernichten und zwar unter Anwendung höchst unchristlicher Mittel. Er wird aber, wie so viele Sozialistentöter, die Erfahrung machen, daß die Sozialdemokratie lustig weiter lebt und wächst, die er so gründ⸗ lich totgeschlagen zu haben wähnte.— Vor Kurzem ist Herrn Behrens übrigeus in einer von seinen Leuten einberufenen Gärtnerver⸗ sammlung sein arbeiterfeindliches Treiben von seinen eigenen Berufskollegen vorgehalten und ihm gründlich heimgeleuchtet worden. h. Patrioten brauchen keine Steuern zu zahlen. Unser„Rechtsstaat“ erfährt eine drastische Illustration durch einen Zusatz zur Lustbarkeitssteuer⸗ Ordnung, der dieser Tage bekannt gemacht wurde und folgendermaßen lautet: „Lustbarkeiten, welche zur Feier patriotischer Feste, namentlich des Allerhöchsten Geburtstages veranstaltet werden, bleiben steuerfrei, sofern sie an dem Gedenk⸗ bezw. Geburtstage selbst statt⸗ finden. Trifft diese Voraussetzung nicht zu, so kann aber die Steuer für diese Lustbarkeiten vom Bürger⸗ meister nach pflichtmäßigem Ermessen erlassen werden.“ Sind nicht alle Staatsbürger vor dem Gesetze gleich? Wie konnten die Stadtverordneten einer solchen Verordnung zustimmen? h. Ein Handarbeitskursus für schul⸗ entlassene Mädchen wird ab 1. Juni in den obern Räumen der Herberge zur Heimat ab⸗ gehalten. Anmeldungen nehmen Fräulein Leon⸗ tine Meyer, Frau Justizrat Aldefeld und der Landrat Dr. Sartortus entgegen. Aus dem Nreise Marßurg⸗Rirchhain. r. Heinrich Weiershäuser, der langjährige Vorsttzende der Marburger Filiale des deutschen Holzarbeiterverbandes ist am ersten Pfingsttage in dem noch jugendlichen Alter von 27 Jahren verstorben. Seit etwa einem halben Jahre war er lungenleidend, sein Zustand verschlimmerte sich in den letzten Ta⸗ gen zusehends, bis ihn der Tod gerade am herrlichen Pfingstfeste erlöste. So lange er konnte, man kann sagen, bis zum letzten Atem⸗ zuge hat er als zielbewußter Arbeiter und Ge⸗ nosse redlich seine Pflicht erfüllt, fast immer in der vordersten Reihe gestanden, mit Hingabe und Opferwilligkeit unserer großen Sache ge⸗ dient. Das erkannten auch unsere Marburger Genossen und Gewerkschaftsmitglieder an, die überaus zahlreich seinem Sarge folgten. Von der Partei, allen Gewerkschaften, der Gewerk⸗ schaftskommission, dem Gesangverein„Eintracht“ wurden prachtvolle Kränze am Grabe nieder- gelegt, der Vertreter des Holzarbeiterverbandes widmete dem Verstorbenen tief empfundene Abschiedsworte, Grabgesänge des Gesangvereins begleiteten die einfache und würdige Trauer⸗ feier. Die von tolerantem Geiste durchwehte Grabrede des Herrn Pfarrer Metz stand in wohltuendem Gegensatz zu dem Verhalten, was öfters Geistliche bei Beerdigung von Genossen zeigten.— Weiershäuser hatte viel unter der Verfolgungswut der Schreinerinnung zu leiden, er wurde von einer Werkstatt zur andern ge⸗ jagt, nirgends fand er eine, sichere Stellung, trotzdem er als guter Schreiner bekannt war. — 1 tut 1 el Rel 41 ene nbi Rettun scehen die un daß ft 018 8 „wil cen d fragte kalult dom genom wollen dings, agel läden leicht gen ff licht. bern Bäcker betitel bereln Umge gehen hat se Bäcker sse a Schad 5 lung bew Zentre die 2 big j sch d 28. Auw sollen — 6 nahm. haben nomm die üb der L 5 bind sellt dit u matten 1. Ju donen lh e r. 2 — isten. senber. die 1 Var hrenz serend; t. habe ründ⸗ 0 gar Ver- lächten le Ver⸗ Erfolge andrer etwas meinte, T eban⸗ sümmte de fein, Vasser etlarer monate⸗ F unter l. Er er, die loklatie gründ⸗ — Vor n einer nerber⸗ en von en und euern draftische itosteuer⸗ urde und tischet urtslages i sofern hit statt⸗ so kaun Bürger⸗ rlassen 1 Geseze x solchen r schul⸗ in den lt ab⸗ f Leon⸗ ind der 22 T — Nr. 22. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Er mußte sich deshalb selbständig machen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man dieser Hetze mit die Schuld an seinem frühen Tode gibt. Der Haß des Spießertums steigerte stch noch, als W. bet den letzten Stadtverordnetenwahlen als Kandidat der Arbeiter auftrat. Umsomehr erwarb er sich die Anerkennung und das Ver⸗ trauen der Marburger Arbeiterschaft, die ihm ein 15 und dauerndes Andenken bewahren wird. r., Um das tägliche Brot ist jetzt in Mar⸗ burg ein besonders heftiger Kampf entbrannt. Als näm⸗ lich der Konsumverein, dank seiner erfreulichen Entwickelung dazu überging, Brot und andere Backwaren in eigener Bäckerei herzustellen und zu mäßigem Preise auch an Nichtmitglieder abzugeben, gab es große Entrüstung bei den Herren Bäckermeistern, die sich in demselben Maße steigerte, als der Absatz bei der Kon⸗ sumbäckerei wuchs. Da mußte unbedingt etwas zur Rettung des vermeintlich bedrohten Bäckerprofits ge⸗ schehen. Die Herren Bäckermeister fingen das aber auf die unklugste Art von der Welt an; sie verkündeten, daß sie den Preis des 4pfündigen Brotlaibes um 6 bis 8 Pfg. herabgesetzt hätten, auch noch eine „weitere Sorte“ Brot liefern würden,„um den Wün⸗ schen des Publikums entgegen zu kommen“. Natürlich fragte sich jeder, woher der plötzliche Preisabschlag; und kalkulierte weiter, daß dann bis her die biederen Ritter vom Backtrog dem Publikum unerhört hohe Preise ab⸗ genommen haben müssen, denn bet den jetzigen Preisen wollen sie doch auch noch verdienen. Fraglich ist aller⸗ dings, ob gehalten wird, was in der Bekanntmachung angekündigt war; zum Beispiel dürfte in vielen Bäcker⸗ läden der 36 Pfennig⸗Laib selten zu haben sein, viel⸗ leicht liefern auch nicht alle die versprochenen 12 Bröt⸗ chen für 30 Pfg., doch das merkt wohl das Publikum nicht. Hauptsache ist, den Konsumverein zu vernichten und das ist der Zweck des ganzen Bäcker⸗Manövers. In einem gutabgefaßten Flugblatte betitelt„Der Brotkrieg in Marburg“, das der Konsum⸗ verein in Tausenden von Exemplaren in Marburg und Umgebung verbreiten ließ, wurde dies denn auch ein⸗ gehend und überzeugend klargestellt. Und das Flugblatt hat seine Wirkung nicht verfehlt. Jedenfalls haben die Bäckermeister zu spät eingesehen, welch' törichten Streich sie ausgeführt haben. Der Konsumverein hat den Schaden davon sicher nicht. r. Eine öffentliche Maurerversa m m⸗ lung beschäftigte sich am Samstag mit der Loh n⸗ bewegung. Der Gauvorsteher Hüttmann vom Zentralverband und der christliche Becker besprachen die Bewegung und bedauerten, daß die Unternehmer bis jetzt noch keine Antwort gegeben haben. Man einigte sich dahin, daß man den Unternehmern noch bis zum 28. Mai Zeit gebe und an diesem Tage eine bestimmte Antwort erwarte. Sollte dieselbe ablehnend lauten, so sollen Montag weitere Maßnahmen beschlossen werden. — Eine diesbezügliche Resolution fand einstimmige An⸗ nahme. Anwesend waren 140 Personen.— Inzwischen haben die Unternehmer Maßregelungen vorge⸗ nommen. Sie glauben auf diese Weise abschreckend auf die übrigen Kollegen zu wirken. Dadurch wird der Stand der Lohnbewegung in ein sehr ernstes Stadium geführt. — Auch die Maler, Lackierer und Weiß⸗ binder haben Forderungen an die Unternehmer ge⸗ stellt und zwar: Einführung der 10stündigen Arbeits⸗ zeit und Erhöhung der Stundenlöhne. Es bleibt abzu⸗ warten, wie die Antwort der Unternehmer, die bis zum 1. Juni erwünscht wird, ausfällt. Da beide Organisa⸗ tionen zu Unterhandlungen bereit sind, so wird hoffent⸗ lich ein allgemeiner Bauarbeiter⸗Ausstand in Marburg vermieden werden. Und die Schreiner? r. Wegen zahlreicher Sünden hatte sich der Buchdruckereibesitzer und Dütenfabrikant Daniel Sömmering, eine ehemaliger Marburger„Größe“, vor der Marburger Strafkammer zu verantworten. Ihm wurden Konkursvergehen, Erpressung, Pfandbruch, Be⸗ trug und Unterschlagung zur Last gelegt. Im Laufe der Verhandlung stellte sich heraus, daß er sein Ge⸗ schäft in höchst unordentlicher Weise führte, von einer geregelten Buchführung keine Rede war. Durch ver⸗ schiedene betrügerische Manipulationen sucht er seine Gläubiger zu trösten und zu schädigen. Er wurde zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt.— Sömmering ist bei den Buchdruckern„gut“ bekannt.— Gegen ihr Todesurteil haben die in Frankfurt verurteilten Raub⸗ mörder Groß und Stafforst Revtston ein⸗ gelegt. Das Rechtsmittel wird in diesem Falle nicht viel helfen, wie schon der Vorsitzende des Schwurgerichts bet Schluß der Verhandlung betonte. Diese Bemerkung des Vorsttzenden wurde allerdings mit Recht kritistert, sie bedeutet für die Angeklagten eine Verschärfung der Todesstrafe. 0 Neues von Konitz. Zu der Winter'schen Mordsache, welche die Antisemiten zu einem„Ritualmord“ aufputzen wollten, wird mitgeteilt, daß die Staatsanwalt⸗ schaft der Annahme zuneige, daß der Gym⸗ nastast Ernst Winter am 11. März 1900 vor 4 Uhr nachmittags das Opfer eines Renkontres mit einem Manne geworden ist, zu dessen Frau er Beziehungen unterhielt. Die Behörde nimmt nicht an, daß es sich um einen mit Ueberlegung vorsätzlich verübten Mord handelt, sondern um einen im Affekt begangenen Tot⸗ schlag, oder eine Körperverletzung mit tötlichem Ausgang. Die Untersuchung richtet sich gegen den Schlosser Berg, dessen Frau eine Tochter der Gestndevermieterin Roß ist. Die Roß und der Ehemann ihrer zweiten Tochter, Masloff, haben in der Angelegenheit schon eine traurige Rolle gespielt. Um den Verdacht der Täter⸗ schaft auf den Schlachtermeister Levy zu lenken, haben sie Meineide geschworen und kamen des⸗ wegen ins Zuchthaus. Ob die Untersuchung genügendes Material zu Tage fördern wird, um die Erhebung einer Anklage zu rechtfertigen, wird abzuwarten sein. Ein Träger des vornehmsten Rockes. Das Kriegsgericht in Chemnitz verurteilte den Hauptmann Freiherrn v. Halkett vom 10. Pos. Inf.⸗Regt. Nr. 134 wegen öffentlich 57 50 unzüchtiger Handlungen zu drei Monaten Gefängnis. Sieben Damen waren als Zeugen abgehört worden. Zum Leipziger Aerztekrieg. Fünf große Versammlungen der Leipziger Orts⸗ krankenkassenmitglieder, die am Mittwoch stattfanden, beschlossen, die Familien behandlung nicht wieder einzuführen, sondern die Gründung eines Sani⸗ täts vereins vorzubereiten. Für einen solchen hätte das Mitglied 10 Pfg. pro Woche zu entrichten, wofür die Familienbehandlung geleistet würde. Der Beschluß bezweckt, die früheren Kassenärzte nicht in den Genuß des erhöhten Pauschale treten zu lassen und die neuen Distriktsärzte, welche die Kasse während des Aerztestreiks unterstützten, vor Schädigung zu schützen. Wegen Verrats von Geschäfts⸗ geheimn issen wurden kürzlich in der optischen Zeißschen Werkstatt in Jena vier Arbeiter sofort ent⸗ lassen. Drei von ihnen strengten daraufhin gegen die Geschäftsleitung wegen unberechtigter sofortiger Entlassung Klage auf Entschädigung beim Gewerbegericht an. Die Geschäftsleitung (Fortsetzung auf Seite 6). Kleine Mitteilungen. * Ein Lustmord wurde in Weidenau bei Siegen von dem Bäcker Hesse an einem 11jährigen Mädchen verübt. Die Leiche hatte er in einem Schrank in seinem Zimmer versteckt. Der Unmensch wurde ver⸗ haftet. * Mieder Einer! Pastor Plock in Hage(Pro⸗ vinz Hannover) wurde von der Auricher Strafkammer wegen Sittlichkeitsverbrechens zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. * Mordtaten. Am zweiten Pfingsttage wurde in Köln ein Diensrmädchen, dessen Herrschaft verreist war, ermordet aufgefunden. Die Wohnung der Herr⸗ schaft war erbrochen und ausgeraubt.— Bei Altenessen wurden zwei Männer in einem Graben mit klaffen⸗ den Wunden tot aufgefunden. Die Mörder sind noch nicht bekannt. * Ein gräßlicher Unglücksfal lereignete sich in der Nacht zum Dienstag in der Reenschen Bäckerei in Mainz. Dort geriet der Bäcker Fritz in das Getriebe der Teigmaschine und wurde voll⸗ ständig zermalmt. Sein furchtbares Gessprei rief die Hilfe zum Abstellen der Maschine zu spät herbei. Der Tod des gräßlich Verstümmelten war schon einge⸗ treten. Fritz war 35 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern. * Opfer der Arbeit. Auf der Zeche„Ger⸗ mania“ bei Essen wurden am Dienstag drei Bergleute verschütt et. Zwei sind tot. * Beim Einsturz eines alten Hauses in dem Dorfe Sillegny bei Metz wurden am Samstag sechs Kinder verschüttet, die aus der nahen Schule kamen. Die Kinder wurden als Leichen unter den Trümmern hervorgezogen. Die Bewohnerin des Hauses, eine 80 jährige Frau blieb unverletzt. Warum läßt dle Gemeinde ein so baufälliges Haus nicht niederlegen? Partei-Uachrichten. Gefallene Kämpfer. In Bochum starb der im Bureau des Bergarbeiter⸗Verbandes beschäftigte Ge⸗ nosse Gustav Gladewitz. Er war ein alter Mit⸗ kämpfer unserer Partei, stand seit mehr als 30 Jahren in der Bewrgung und hat viel gestritten und gelitten. Schon anfangs der siebziger Jahre als Webergeselle agitierte er für die Partei und gründete in Burgstädt und Mittweida die Parteizeitungen mit. In den Jahren 1889/90 war er Parteiselretär beim Genossen Bebel, ging dann als Redakteur an die Chemnitzer Parteipresse den„Beobachter“. Später übernahm er die Redaktlon der Bergarbeiterzeitung und war seit fünf Jahren, wie bemerkt, auf dem Bureau des Verbandes tätig.— Gustav Defnet, einer unserer hervorragendsten Genossen in Belgien und Abgeordneter für Namur ist am Sonntag vor 8 Tagen einem Schlaganfall er⸗ legen. Er hat nur ein Alter von 45 Jahren erreicht. In ihm verliert die belgische Sozialdemokratie einen ihrer tüchtigsten und eifrigsten Organisatoren. Von Be⸗ ruf war Defnet Setzer und ist als solcher in hervor⸗ ragendem Maße für seine Gewerkschaft tätig gewesen. Schon frühzeitig wurde er Lunhänger des Sozialismus und Mitbegründer der belgischen Arbeiterpartei. Unsere Parteipresse zählt jetzt 81 Blätter, davon erscheinen 55 täglich, 7 wöchentlich dreimal, 4 wöchentlich zweimal, 9 wöchentlich einmal(darunter die Neue Welt und die Freien Stunden), 3 alle 14 Tage (die Gleichheit, der Wahre Jakob und der Süddeutsche Postillon), 1 monatlich einmal, 2 monatlich zweimal — Gewerkschaftsblätter gibt es 66; 31 davon erscheinen allwöchentlich. ——— Versammlungskalender. Samstag, den 28. Mai Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). T. O.: Die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse der Holzarbeiter. Ref. Vetters. — Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Orbig.— Transportarbeiter. Abends 9 Versam lung im„Wiener Hof“. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Heinrich Volk⸗ mann. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr sammlung bei Wirt Philipp Walter. Tagesordnung. Montag, den 30. Mai. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Orbig. Samstag, den 4. Juni. Lauterbach. Soz.⸗de m.⸗Wahl verein. Abends 8 ½¼ Uhr. Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Briefkasten. 1 Br.⸗Staufenberg. Jedenfalls wird Genosse B. kommen. Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg. Grundsätze und Forderunen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Brun o Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung bes Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg die Nummer. Freie Stunden. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. . Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich ein mal und kostet nur 2s Pfg. den Monat 78 Pfg. das Vierteljahr. Hierzu eine Beilage. Ver Wichtige Abends 9 Uhr Beste Romanlitteratur. à 10 Pfg. — 5 —— D . .——— —. 2 5 9— g „„——————————.—......—— eite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 22. (Fortsetzung von Seite 5.) dagegen reichte eine Gegenklage auf 3000 Mk. Entschädigung ein. In zwei Sitzungen des Gewerbegerichts wurde über diesen eigenartigen Fall verhandelt. Es wurde dabei sestgettelt, daß bei den Arbeitern gegen früher(wo ste im Akkord beschäftigt waren) eine Schmälerung ihres Einkommens eingetreten sei. Einer der Kläger, der zuletzt einen Wochenlohn von 46 Mark hatte, verdiente trotzdem gegen früher zirka 500 Mk. weniger. Das Urteil des Ge⸗ werbegerichts lautet: Die beklagte Firma hat an die drei Arbeiter 92, 84 und 72 Mk. Ent⸗ schädigung für entgangenen Verdienst wegen der nicht eingehaltenen 14tägigen Kündigungs⸗ 750 zu bezahlen, jedoch wurde auch nach§ 273 es bürgerlichen Gesetzbuches der Widerklage stattgegeben nnd wurden die Arbeiter zu 3000 Mk. Schadenersatz, weil die Firma andere Leute anzulernen habe, verurteilt. Das Gericht nahm nicht eine„Entwendung“ von Geschäftsgeheimnissen an, höchstens komme eine Verletzung oder Beschädigung in Betracht, je⸗ doch habe kein Grund zu sofortiger Entlassung vorgelegen. Das Arbeitsverhältnis hätte ord⸗ nungsgemäß gekündigt werden müssen, nachdem hätte die Firma ihre Schadenersatzansprüche immer noch geltend machen können.— In Ar⸗ beiterkreisen darf man auf den weiteren Aus⸗ gang dieser Sache sehr gespannt sein. Ein Schutzmannseid. Der Schutzmann Uhlig in Meißen hatte gegen den Tischler Schöneich und den Eisendreher Rücker in Meißen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt, weil die Genannten behauptet hatten, der Beamte habe mit einem Mädchen sträflichen Umgang gepflogen. Vor dem Amtsgericht beschwor der Schutz ⸗ mann, daß die ihm zur Last gelegte Handlung böswillige Verleumdung sei. Auf Grund dieser Aussagen wurden die beiden„Beleidiger“ zu 60 resp. 50 Mk. Geldstrafe verurteilt. Später bekundete das Mädchen, daß der Schutzmann sie zum geschlechtlichen Verkehr veranlaßt habe. Die den genannten Personen auferlegte Strafe war bereits rechtskräftig geworden, als am 28. Januar d. J. der Schutzmann Uhlig vom Dresdener Schwurgericht wegen zweiter Meineide zu drei Jahren Zucht⸗ haus verurteilt wurde. Diejenigen aber, die auf Grund des vom Schutzmann verübten schweren Verbrechens unschuldig verurteilt wor⸗ den waren, beantragten die Wiederaufnahme des Verfahrens. Sie wurden am 10. Mat kostenlos fretigesprochen und sämtliche Kosten auf die Staatskosten übernommen.— Erfahrungsgemäß sind die Gerichte gern ge⸗ neigt, den Aussagen der Schutzleute unbedingte Glaubwürdigkeit beizumessen. b Unterhaltungs-Ceil.“ 5—. 2 Erwachtes Gewissen. Nach einer Skizze von Mathilde Serao. . So lange hatte ihn Flavia, seine Ge⸗ liebte, in einer ihrer Launen gebeten und gedrängt bis er endlich, entmannt von ihren Thränen, das Versprechen gab, seinen Knaben einmal zu ihr zu bringeu. Und er brachte ihn. „Paolo,“ sagte der Vater,„hier ist die fremde Dame, welche dich gern sehen wollte.“ Und er führte den Knaben zu Flavia. Der Knabe sah zu ihr empor und lächelte. Sie schlug erstaunt die Hände zusamm en: eite ist er schön! Wie ist er schön!“ sagte sie Darauf flüsterte sie leise zu Cäsar:„Frage ihn, ob er mir einen Kuß cel wil. 0 „Paolo, willst Du der Dame einen Kuß geben?“ „Ja,“ antwortete der Knabe. Und mit einer niedlichen Bewegung ergriff er Flavias schöne Hand, die von Diananten strahlte, und küßte sie. „Das war recht, Paolo! Wie ein höflicher kleiner Kavalier,“ lächelte stolz der Vater, während Flavia fortfuhr, den Knaben zu be⸗ trachten. „Willst Du bei der fremden Dame bleiben, mein kleiner Freund, während ich in der Nähe was besorge?“ „Kommst Du bald zurück, Vater?“ „Ich komme bald, mein Sohn!“ Während das Kind anwesend war, wagten sie nicht, sich die Hände zu reichen, sondern wechselten nur einen hastigen Blick. J Flavia beugte sich herab, nahm Paolo bei der Hand und führte ihn in die Wohnstube zu einem offenen Fenster, gleichsam um ihn besser betrachten zu können. i Er stand vor ihr in seinem kleinen grünen Sammtanzug und hielt seine Mütze mit beiden Händen fest. „Du hast ganz Deines Vaters Augen!“ flüsterte Flavia und ergriff seine Hand, welche sie streichelte. „Ja, aber mein Mund gleicht dem meiner Mutter!“ erwiderte der Knabe mit Stolz. „Willst Du nicht gern Deinem Vater ähneln?“ Und ihre Stimme war nicht ganz sicher. „Vater ist schön, aber Mutter ist noch schöner. Sie hat langes, langes Haar und ganz kleine Hände. Kennen Sie Mutter nicht?“ „Nein!—“ „Weshalb kennen Sie sie nicht?“ „Ich weiß nicht!“ sagte sie und beugte das Haupt, während sich ihre Augen mit Thränen füllten. a Paolo sah sie erstaunt an und schwieg. Sie erhob sich und ging fort, um ihm einige Leckereien zu holen. Er erklärte, daß sie sich nicht bemühen sollte, aber sie verstand doch, daß die Weigerung mehr aus Wohlerzogenheit als aus Mangel an Lust erfolgte. „Weshalb willst Du nichts?“ Er schüttelte den Kopf. „Wenn es Dir gefällt, so nimm es nur, Paolo! Hast Du das in der Schule gelernt?“ „Nein, das hat mich Mutter gelehrt. Ich gehe nicht zur Schule.“ „Wer unterrichtet Dich dann?“ „Mutter. Sie kann nur von morgens bis drei Uhr mittags allein sein, deshalb unterrichtet sie mich bis zwölf Uhr.“ „Und um zwölf Uhr?“ 5 „Speisen wir Frühstück, Mutter und ich.“ „Ganz allein?“ „Vater ist nie beim Frühstück zu Hause. Er hat viel zu viel zu tun. Er hat viele, viele Geschäfte.“ Ein kurzes Schweigen. „Nimm doch Konfekt, Paolo!“ „Das ist viel zu viel,“ kam es als ein letzter Versuch, der Verlockung zu widerstehen. „Da kannst es ja mit Deinen kleinen Freun⸗ den teilen!“ „Ich habe keine Freunde!“ „Mit wem spielst Du?“ „Mit Mutter, wenn sie Lust hat.“ „Hat ste nicht immer Lust?“ „Nein!“ „Weshalb?“ 805 Das Kind sah sie an und schwieg. Ein un⸗ erklärlicher, blitzartiger Ausdruck von Entsetzen glitt über Flavias Antlitz. Aber der Knabe antwortete nicht. Er hatte diese Frage wohl nicht verstanden. „Auf diese Weise hast Du also nicht viel Amüsement?“ „Ja, Mutter stickt und spielt Klavier, und ich besehe mir Bilderbücher oder spiele mit Holzklötzen und baue damit Hänser. Oefter sehe ich auch auf die Straße hinab und auf die Leute, die vorbeigehen.“ „Seit Ihr stets allein?“ „Ja, Vater hat so viele, viele Geschäfte!“ „Wer hat Dir von den Geschäften erzählt?“ „Das hat Mutter!“ 77 h, so!— „Sie erzählt mir auch Abenteuer, wenn ich mich langweile. Aber das sind stets so traurige Abenteuer, daß ich darüber weinen muß; kennen Sie keine drolligen Abenteuer?“ „Nein, liebes Kind. erzählt sie Dir die Abenteuer?“ „Ja, des Abends. Ich möchte gern ins Theater gehen. Einmal nahm mich Vater mit, als er mit Mutter hinging. Aber nun kann Vater nicht mehr mit uns gehen, deshalb gehen wir früh zu Bette. Er kommt des abends sehr spät heim und geht ganz leise in die andere Stube, um uns nicht zu wecken. Aber Mutter ist stets wach und hört ihn kommen. Aber zu⸗ weilen bin ich auch wach.„Das ist Vater! flüstert ste. Und wenn Vater hineinkommt, mich zu küssen, tun wir, als ob wir schliefen.“ „Und dann küßt Dein Vater Dich?“ „Ja, und dann geht er wieder hinaus auf den Zehenspitzen, gerade so, wie er ankommt.“ „Küßt er nicht Deine Mutter?“ „Nein,“ sagte der Knabe und sah gedanken⸗ voll aus. „Du schläfst also drinnen bei Deiner Mutter?“ „Ja, früher tat ich das nicht, aber dann welche recht bange war, allein zu sein, ließ ein Bett in ihr Schlafzimmer stellen, und eitdem blieb ich da.“ Flavia warf sich in einen Lehnstuhl zurück, als wollte sie in Ohnmacht fallen. Der Knabe sah sie mit seinen guten, erstaunten Augen an. Sie sprach nicht und rührte sich nicht, so daß Paolo vor der fremden Dame, die leichenblaß geworden war, Angst bekam. Er stand und zerdrückte seine Mütze mechanisch zwischen den Fingern und wünschte, daß sein Vater käme und ihn fortführe. Kurz darauf erhob Flavia das Haupt, und ein so tiefer Schmerz malte sich in ihren Zügen, daß ihr der Knabe die Arme, wie seiner Mutter, entgegenstreckte und sie fragte, was ihr fehle. Sie brach in starkes Schluchzen aus, wäh⸗ rend sie den zärtlichen, kleinen Knaben, der ganz überrascht vor dem Ausbruch war, küßte, Gal Thränen netzten sein Antlitz und seinen als. „Du darfst nicht weinen, Du darffst nicht weinen,“ sagte er,„das geht vorüber!“ Er schlang die Arme um ihren Hals und küßte ste. „Leb' wohl, Paolo! Bleib' einen Augenblick hier, dann kommt Dein Vater und holt Dich, ich muß nun gehen!“ „Darf ich Mutter sagen, daß ich hier ge⸗ wesen bin?“ „Weshalb?“ „Weil Vater sagte, daß ich ihr das nicht erzählen dürfe!“ Sie dachte einen Augenblick nach, aber darauf sagte sie, als ob sie den letzten Zweifel fort⸗ würfe:„Sag' Deiner Mutter, daß Du bei Flavia gewesen bist!“ Einen Augenblick weile ihre Hand segnend auf des Kindes Lockenhaupt.— a 3 Cäsar und Flavia trafen sich nie wieder.— 1 Humoristisches Witwenschmerz. Witwe(vor einer Vogel⸗ scheuche):„So oft ich da vorbeikomm', muß ich an mein' lieben, sel'gen Mann denken; g'rad' so hat er immer ausg'schaut, wenn er auf d' Nacht z' Haus kommen is— der Haderlump!“—(Fl. Bl.) Seltsame Jagdbeute. Frau: Nun, Männ⸗ chen— schon zurück von der Jagd? Was hast du denn getroffen? Er! Aeh— den Schneider hab ich unterwegs getroffen, dem ich noch den Anzug schuldig bin— und da bin ich lieber gleich wieder umgekehrt. 5 Ein⸗ und Aufschneider. Bürger: Sind doch wirklich tapfere Kerle, diese japanischen Offtziere! Ehe sie in die Gefangenschaft der Russen fallen, schneiden sie sich lieber den Bauch auf! Leutnant: Aeh— wenn weiter nichts ist! Auf⸗ schneiden tun deutsche Offtziere auch—— wenn auch nicht gerade Bauch! Bäterliche Mahnung. Pfarrer: Geh, Kathl! Wirst doch unsrer Kirch nit die Schand antun, daß d' an Ketzer heirat'st?'s gibt unter die Kathol'schen noch allweil Männer gnua. Un wenn d' koan kriagst, wirst halt Pfarresköchin! Da hast oalles, woas d' brauchst un woas d' in d'r Eh' hast— sogar Kinder mit oan Mann rumz' ärgern.(Südd. Postill.“) Abends, nicht wahr, reiste Vater für einen Monat fort, und Mutter, kannst hab'n, wannst magst— nun brauchst di nit 1 ö 1 0 1 . ——. 8 100 0 Kinde Sche —1 Wos . 22. Den f ah, ern in ter ni in kan lb gehen futter er dann Mutter, i, ließ en, und zurüc, 1 Knabe igen an. so daß chenblaß and und chen den er käme ) Flabia malte Habe die eckte und 6, wäh⸗ hen, der , küßte, d seinen ft nicht r!“ Er füßte ste. ugenblit lt Dich, her ge as nicht r darauf iel fort⸗ Du bei ö sehnend sch ne 0 NE 22. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. en ⸗ Hüte schön garniert, von 78 Pig. an ungarniert, von 38 an. Knaben⸗Hüte von 38 Pfg. an Stroh- Mmadceh Hütel 77 gonquets, Federn, Bänder, Seidenstoffe Sämtliche Zutaten für Putz: Nanken, Blumen, Große Auswahl in Handschuhen, Strümpfen, Kragen, Manschetten, Vorhemden, Kravatten dc. Richard Loewenthal& Go. Damen. Hüte schön garniert. von ,so Mk. an, nme von 75 Pfg. n. herren ⸗ Hüte von 70 Pfg. an, etr. Bahnnhofstr. 1. Juckerwaren Bahnhofstr. 1. Giessen 90 khe Premier Cycle C0. Ltd. 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Die auswärtigen Genossen, welche diesen Zug benutzen wollen, werden gebeten, uns die ungefähre Zahl der Teilnehmer bis 12 Juni mitzuteilen. Der Festausschuss. Freunden und Bekannten bringe meine Schuhmacherei in empfehlende Erinnerung. Georg Baum, Schillerstr. 29. Reparaturen werden gut und schnell ausgeführt. Bedeutende Preisermässigung! gewähre auf sämtliche Sommer-Schuhwaren Einige Gelegenheitskäufe ganz besonders preiswert. Frankl. Stroh Sehuhlager Hüte für Herren, Knaben und Kinder — Sommer⸗Mützen Alles zu bekannt billigen Preisen in guter Qualität Rudolf Richter Giessen, Marktstr. 26. MARBURG Nachruf! Sozjaldemokratische Partei in Marburg. Den Parteigenossen hiermit zur Kenntnis, daß der Genosse Heinrich Weiershäuser am 1. Pfingstfeiertag an der Proletarierkrankheit ver⸗ storben ist. Ehre seinem Andenken! Der Vertrauensmann. Nachruf! Deutscher Holzarbeiter-Verband. Filiale Marburg. Wir erfüllen die traurige Pflicht, unsere Kollegen von dem Ableben unseres langjährigen Vorsttzenden heinrich Weiershäuser r n Spezlasgeschäft 10 7 . für Taschen- u. Weckeruhren, Uhrketten Carl Geismar, Uhrmacher Schulstrasse 5 Giessen Schulstrasse 5 Icbeite-Bicungs-Veren Heuchelheim Sonntag, den 29. Mai Nachmittags 3 Uhr Vereinsunterhaltung bei Wirt Angust Ninn mit Gesangs-Vorträgen, turnerischen Auf, führungen, Preiskegeln, Preisschiessen. Alle Mitglieder und Freunde des Vereins nebst ihren Familien sind hierzu herzlichst eingeladen. Der Vorstand. in Kenntnis zu setzen. Ehre seinem Andenken! Die Ortsverwaltung. Nachruf! Am 1. Pfingstfeiertag starb nach längerem Leiden unser Mitbegründer und lieber Sangesbruder Heinrich Weiershäuser Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Arbeiter⸗Gesangverein„Eintracht“ Marburg. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur F. A. Vetters, Gießen. AL Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges 1 4 7 0 48 1 4 4 2 4 in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner Marktstrasse 34. Ein junger Schuhmächergeselle sofort gesucht von Balthaser Pitz III. uhmachermstr. u. Schuhhandlung 2 e bei Gießen. Tüchtiges Mädchen, welches bürgerlich kochen kann und die Hausarbeit versteht per alsbald gesucht von Frau Georg Wallenfels, Giessen, Marktplatz 21. Konsum-Verein Giessen u. Umgegend. Ia. weisse Kernseife Glanzstärke, lose Ia. Silberschmierseife Waschblau, lose, in Schachteln und Säckchen Veilchen-Seifenpulver Ia. Stärke, lose und in Packeten Creme-Stärke Kaiser-Borax Gioths Teigseife 5 Schuhwaren-Lager Henkels Bleichsoda Thompsons Seifenpulver Fettlaugenmehl, sowie alle Kolonialwaren in nur guter Qualität. 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Wir stützen unsere Hauptforderungen darauf, daß alle Menschen von Natur gleichgeboren sind, ale Kinder nur durch die Arbeit anderer und als Erwachsene wiederum durch vereinte Tätig⸗ keit aller sich am Leben erhalten können, und schließlich einer wie der andere der Natur den Tribut des Gewordenen in Form des Todes leisten müssen. Da gibt es keine Ausnahme. Ob Mann oder Weib, Fürst oder Bettler, Geistlicher oder Ungläubiger, Europäer oder Hottentot, alle unterliegen einem und demselben Naturgesetz und sind von einander gleichermaßen abhängig, um leben zu können. Ist dem aber so, wie konnten die Menschen zu der krassen Verschiedenheit ihrer Auffassung über ihren gegenseitigen Wert kommen? Wir wissen, daß das Menschengeschlecht nicht fix und fertig so, wie es heute beschaffen ist, auf die Welt gekommen ist, sondern daß es sich aus dem Tierreich Schritt für Schritt entwickelt hat. Davon wollen zwar die Geist⸗ lichen aller Religionen nichts wissen, aber das ändert nichts an der wissenschaftlichen Tat⸗ sache, daß die Natur keine Sprünge macht, auch nicht zugunsten des Menschengeschlechts, sondern daß alles, was existiert, sich aus un⸗ scheinbaren Anfängen zu dem entwickelt hat, was es ist. In der Natur gilt freilich nur das Recht des Stärkern. Die Stärke kann im einzelnen liegen, dann herrscht er, sie kann in dem Zu⸗ sammenwirken mehrerer oder vieler liegen, daun herrschen sie. Das aus einem Tiere zum Menschen gewordene Wesen hat sich, daran kann nicht gezweifelt werden, aber nur durch gemeinsames Leben mit mehreren seines⸗ gleichen im Kampfe gegen die Ungeheuer der Vorzeit behaupten können, denn dem Menschen hat, wie seinem Verwandten, dem Affen, die Natur nicht die Waffen gegeben, die nötig waren, um alle in den Kampf mit den großen Raubtieren mit Erfolg bestehen zu können. Was der einzelne Mensch nicht konnte, das vermochte aber die Menschen her de. Hätte in der Urzeit der Mensch vereinzelt gelebt, dann würde heute noch wenigstens bei einem der sogenannten wilden Völker ein solches Einzelleben der Paare zu bemerken sein. Das ist aber nicht der Fall. Alle Völker ausnahms⸗ los leben in weniger mehr oder minder großen Gemeinden, und bei allen wird innerhalb der ursprünglichen Gemeinschaft, der Verwandt⸗ schaft, in letzter Richtung in dem Zusammen⸗ leben zwischen Nater, Mutter und Kind, noch ein gewisses Maß von gleichem Recht auf den Lebensgenuß aufrechterhalten, ohne daß man so sehr peinlich, wie sonst darnach fragt, ob denn auch jedes Glied der Gemeinschaft Erfüllung der Ansere kommunistischen Forderungen können sich also nicht nur auf das Naturrecht, sondern auch auf die kulturgeschichtliche Ent⸗ wicklung des Menschengeschlechts stützen. Im Gegensatz zu vielen Tieren ist jeder Mensch Zeit seines Lebens auf andere Menschen ange⸗ heute noch, trotz aller seiner Kenntnisse. Hängt nun jeder Mensch vom andern ab, ist es dann nicht eigentlich Unsinn, an Standes⸗ und Klassenunterschieden festzuhalten, die die Menschen in Arme und Reiche, Beherrschte und Unterdrückte scheiden, dem Fürst z. B. erlauben, sich über alles und jedes ganz nach Belieben straflos zu äußern, den Nichtfürsten aber zum Kerker verdammen, wenn er über Fürsten ab⸗ sprechend urteilt? Selbst unsere Gegner werden zugeben müssen, daß in dieser Frage eine gewisse Berechtigung liegt und daß es viel besser wäre, wenn die Standes- und Klassenunterschiede nicht bestünden und alle Menschen wie Brüder und Schwestern leben würden. Dennoch hält man an den Klassenvorrechten fest. Warum? Zum Teile sind es Dünkel und Selbstsucht, zum größten Teile vielleicht ist es aber der Irrtum, daß die menschliche Gesell⸗ schaft unter einer kommunistischen Verfassung nicht werde bestehen können. Sie könnte unsrer Meinung nach aber sehr gut bestehen. Nehmen wir ein Beispiel an, worüber jeder unserer Leser und Leserinnen ein Urteil hat. Die Einwohner eines bestimmten Ortes brauchen gewisse Lebensmittel in einer Menge, die sich fast ganz genau ausrechnen läßt. Jeder braucht Brot, Milch, Butter, Fleisch und Kartoffeln, grüne und trockene Ge⸗ müse ꝛc. Die zum Leben in unserm Klima unbedingt nötigen Lebensmittel müssen be⸗ schufft werden, und sie werden beschafft, ganz gleich, ob der, der sie verzehrt, Geld hat oder nicht. Kann er sie nicht kaufen, so versorgt man jetzt ihn bis zu einem gewissen Grade im Armenhaus oder im Gefängnis. Ebenso braucht jedermann Bekleidung, und die Menge der Kleidungsstücke läßt sich ebenfalls fast genau berechnen. f Drittens braucht jeder eine Wohnung, was bei der Berechnung am allerwenigsten Schwierigkeiten macht. Nicht genau läßt sich berechnen der Luxus, den die Einwohnerschaft eines Ortes treibt. Der Luxus ist es denn auch, bei dem es am wenigsten eilt, ihn zu kommunisieren. Da kann wirklich der Privattätigkeit noch Spielraum zur Entfaltung gelassen werden. Aber warum soll die Beschaffung des not⸗ wendigsten Lebensunterhalts nicht nach kommunistischen Grundsätzen erfolgen können? Wie man heute schon die Versorgung mit Wasser durch die Gemeinden eingeführt hat, so müßte es doch auch möglich sein, jedem von Gemeinde wegen die notwendigsten Lebensmittel, die notwendigste Bekleidung und eine für seine Verhältnisse ausreichende Wohnung zu beschaffen, ohne daß er dafür im Augenblick Geld zu entrichten hat. Die Sache ließe sich doch auch so machen, daß die Kosten im Wege der Steuern aufgebracht würden, wie das jetzt schon bei der Versorgung mit Wasser geschieht. (Schluß nächste Nr.) Ueber die sittliche Erziehung“. Eine Fastenpredigt von Abraham a Santa Clara ll. Andächtige Leser! In dem christlichkatholischen Parlamente zu München haben drei Abgeordnete von der ultramontanen Partei gegen den„Simplizissi⸗ mus“ geredet. Sie Alle sind berufene Richter über das deutsche Schriftwesen. Der Eine ist Jurist und kann also überall mitreden; außerdem hat er sich in der Lateinschule so gründliche Kennt⸗ nisse in der Literatur erworben, daß er später nichts mehr dazu lernen mußte. Der Zweite war viele Jahre Kooperator und der Dritte ist noch heute Abonnent der„Augsburger Post⸗ zeitung“. Ihr seht also, daß alle Drei sich anstrengen, und daß man sich über ihre Bildung ganz und gar klar sein kann. * Vor einigen Monaten wurde die gegen das Zen⸗ trum gerichtete Nummer des Münchener Witzblattes „Simplizissimus“ wegen dieses Artikels von Dr. Thoma gerichtlich beschlagnahmt. Bei der kürzlich stattgefundenen Gerichtsverhandlung erfolgte die Aufhebung der Be⸗ schlagnahme. Wir hielten es für angezeigt, diesen Ar⸗ tikel, der dem Pfaff ntum gründlich die Wahrheit jagt, in unserm Blatte abzudrucken. Sie sind aber nicht bloß berufene, sondern auch strenge Richter. Denn, andächtige Leser, ich kann Euch nach⸗ weisen, daß niemals in Deutschland ein gutes Buch geschrieben worden ist, über welches diese Drei nicht ein vernichtendes Urteil abgeben. Und abgesehen von diesen Dreien, kann ich Euch nachweisen, daß jeder dumme Bauern⸗ lümmel— o verzeihet mir— in dem Augen⸗ blicke, wo er das geistliche Gewand anzieht, 115 Lessing, Goethe und Schiller verächtlich abtut. Ja, ich habe es selber gelesen, daß ein so schwarz lackierter Heiliger sein ungewaschenes Maul über die Unsittlichkeit unseres Johann Wolfgang Goethe aufgerissen hat. Wenn sie sich sogar an die Großen wagen, deren Namen allen Deutschen ehrwürdig sind, warum sollen die Rompilger nicht über ein Blatt schimpfen, das mitten im Streite steht? Meint Einer, weil das Rindvieh doch sonst gerne am Salz leckt, sollen die Ultramontanen den Witz lieben? Andächtige Leser, dem ist nicht so. Und Ihr dürft Euch nicht wundern darüber; diesen Leuten tut ein Witz weh. Weil sich die armen Menschen nicht helfen können. Denn schaut, wenn Ihr ein edles Tier ver⸗ wundet, das setzt sich zur Wehr und schlägt zurück, aber wenn Ihr einem Schaf einen Tritt gebt, das stellt sich hin und blöckt:„Bäh, bäh! Ist niemand da, der mir hilft?“ And gerade so stellen sich die Kerle hin und jammern:„Wo ist die Polizei? Bäh?“ Wären ihre Herzen auch so schafsmäßig ausgebildet, dann könnte Einen das Mitleid überkommen und man ließe sie in Ruhe. Aber das ist ein anderes. Kein reißendes Tier ist so tückisch, und kein Wurm so giftig, und keins 1000 mehr Schaden an wie so ein heiliger erl. Aber nie offen, immer heimlich, von hinten herum. Da macht er die Menschen unglücklich und freut sich an ihrem Elend, wenn sie ihm nicht dienstbar und willig sind. Deswegen, andächtige Leser, greifen wir zuweilen die heiligen Lügenväter an und wun⸗ dern uns nicht, wenn ihnen die Milch sauer wird. Glaubt Einer, daß ihr Schimpken uns ängstlich macht? So ein Abgeordneter, der die Literatur in der„Postzeitung“ und die Weltgeschichte im Monika⸗Kalender studiert, kann wohl im Mün⸗ chener Parlament ein Ansehen genießen, aber sonst wohl nirgends in der ganzen Welt. Sein Geschrei jagt höchstens einem bayer⸗ ischen Minister Schrecken ein⸗ Und wenn ich das Gerede der drei Abge— ordneten zum Gegenstande meiner heutigen Fastenpredigt mache, so geschieht es bloß, weil ste wieder einmal die Sittlichkeit durch die Gendarmerie eskortieren lassen wollen. Daß es der Jurist will, ist natürlich. Der ist in der Luft aufgewachsen; aber an den hochwürdigen Geistlichen muß ich ein paar Fragen richten. Wenn die europätsche Sittlichkeit alle Augen⸗ blicke aus dem Leim zu gehen droht, wie Ihr sagt, wo bleibt da die segensreiche Tätigkeit Eurer Kirche? Gut tausend Jahre seid Ihr am Ruder gewesen und habt das Heft in den Händen gehabt, und jetzt muß Euch der Gen— darm helfen? Wenn der Mensch in die Welt kommt, wenn er in die Schule geht und weich wie Wachs ist, kriegt er durch Euch den Unterricht, wenn er heiratet, müßt Ihr ihn kopulieren, wenn er tot ist, steht Ihr an seinem Grabe, und das alles, die ungeheure Macht über die Herzen, die tausendjährige Herrschaft, hat Euch nicht befähigt, den Menschen eine feste Sittlich⸗ 1 1 geben? Ihr braucht den Gendarm In allen Häusern habt Ihr Eingang, in allen Ständen habt Ihr Einfluß, die ganze Menschheit in Europa hat einmal fest und steif geglaubt, daß sie die Seligkeit bloß durch Euch 3 1 4 4 9 4 5 174 17 11 1 b 14 1 — . 6 75 74 1 1 1 8 14 8* 4 1. 14 1 N 14 4 7 1 1 0 1 0 8 1 1 . 7 U 5 a . Seite 10. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 22. erlangen kann. War der einzige Erfolg Eurer Herrschaft nur der, daß alle Klöster und Stifte, alle Bischöfe und Pfarrer reich geworden sind? Ist für die sittliche Erziehung nichts übrig ge⸗ blieben an Geld, an Zeit, an Mühe? Ihr braucht den Gendarm? Ja, gute Herren, den habt Ihr doch gehabt! Für Euch und mit Euch haben die Fürsten geköpft, gerädert, gehängt, gespießt, daß unser Erdteil in Blut geschwommen ist. Ihr selber habt die lustigen Scheiterhausen angezündet und dafür gesorgt, daß durch Eure Kirche unendlich mehr Märtprer qualvoll ge⸗ storben sind als für dieselbe in den ersten Zei⸗ ten des Christentums. Hat Euch die Blutarbeit nichts genützt? Haben die Folterknechte den Menschen Eure Moral nicht einbrennen können? Wenn Ihr zurückschaut auf die viehischen Zustände, die unter Eurer Herrschaft gewaltet haben, wenn jeder von Euch in einer ehrlichen Stunde sagen muß, daß die Menschheit erst wieder gottähnlich wurde, als man Euch die Gewalt aus den Fäusten riß, habt Ihr dann noch den Mut, zu sagen, daß Ihr das Volk zur Sittlichkeit erziehen könnt? Das wäre eine Lüge, und Ihr habt ja nie gelogen. Ihr gestehet heute— ehrlich und klöglich — daß nicht Eure Lehre das Volk erzieht, nicht das, was Ihr ihm gebt, sondern das, was ihm der Gendarm nimmt. Wenn die Menschen nicht mehr vorwärts schauen dürfen, dann, meint Ihr, seien sie wieder zufrieden mit dem, was Ihr ihnen bietet. Und das wäre die„Sittlichkeit“? O nein, meine Herren, bekennt uns nur frisch von der Leber weg, daß Euch dieses schöne Wort nur als Kampfmittel dient. Was schert Ihr euch darum, ob das Volk sittlich ist? Im Gegenteil, das ist Euch unlieb und muß Euch unlteb sein, denn die Sittlichkeit macht frei, und nur die Freiheit ist sittlich. Und Ihr wollt, daß Euch die Völker unter tänig sind; je viehischer und roher sie bleiben, desto besser habt Ihr sie in der Gewalt. Das zeigt die Gegenwart nicht weniger als die Vergangenheit. Es gibt ja gesegnete Fluren in Bayern, in welchen Ihr das Eindringen aller Bildung glücklich verhindert habt. Dort leben Menschen unter Eurer liebevollen Fürsorge, für welche die Güter des deutschen Volkes nicht gemehrt und nicht geschaffen wurden. Dort leben Menschen, von der Kultur Euro⸗ pas weiter entfernt als die Negerstämme in Afrika; sie wissen nichts von dem, was Ihr efährlich heißt. Keiner liest ein Buch, keiner iest eine Schrift, die Ihr verbietet. Und sie glauben an den Teufel Bitru und an alles, was ein Kaplan ersinnen kann. Sie stehen unter Euerm Einfluß, ste sind Euch gebunden und willenlos unterworfen, daß Ihr schrankenlos ihre Gedanken beherrscht. Und ihre Sittlichkeit? Wir wissen, daß sie um Pfennigswert Mein⸗ eide schwören, Nachbarn erstechen. Wir wissen, daß sie saufen, spielen, ihr Gut verprassen, ihre Eltern mißhandeln, ihre Kinder verwahrlosen. Das ist Eure Erziehung. Wir wissen, daß sie um Pfennigswert Mein⸗ eide schwören, daß sie nicht an Gott glauben, aber vor seinen Bildern die Hüte ziehen, daß sie meinen, um Geld sei alles feil, auch die Befreiung aus dem Fegefeuer, das Ihr ihnen schil dert. Das ist Eure Erziehung. Und hat jemals einer von Euch dafür ge⸗ redet, daß ein Lichtstrahl in diese Nacht dringt? Hat jemals einer von Euch gesorgt, daß diese vertierten Menschen Anteil erhalten an der wahren Sittlichkeit? Nein, Ihr Herren! Hier wie überall zeigt Ihr, daß die Güter der Menschheit stets ohne Euch und oft gegen Euch errungen werden müssen. Das ist wahr, und daran ändern die drei Abgeordneten nichts. Nicht der Jurist, nicht der Kooperator und nicht der Abonnent der„Postzeitung“. Amen! Allerlei. Die sozialdemokratische Großstadt. Nach den Ermittelungen des reichssta⸗ tistischen Amtes gab es in Deutschland bei den Reichstagswahlen 1903 34 Großstädte(über 100000 Seelen). Nun deckt sich bekanntlich oft der Wahlkreis nicht mit der Stadt, häufig kommen noch Landbezirke hinzu; es kommt aber auch vor, daß einzelne Teile der Stadt zu an⸗ dern Wahlkreisen gehören. Die sozialdemo⸗ kratischste Großstadt ist Altona, hier waren 70,1 Prozent der Stimmen auf die sozialdemo⸗ kratischen Kandidaten gefallen, dann kommt Berlin, dessen 222386 sozialdemokratische Stimmen 66,9 Proz. aller Wähler repräsen⸗ tierten, an dritter Stelle rangiert Kiel mit 64,3 Prozent, denen sich Chemnitz mit 64.0 Prozent, Hamburg mit 63,3 Prozent und Dresden mit 62,4 Prozent anschließt. An unterster Stelle steht Posen mit 7,7 Prozent und Aachen mit 21,6 Prozent. Ju den übrigen Großstädten war die Prozentzahl die folgende: München 56,5 Prozent, Leipzig 60,6, Breslau 51,5, Köln 37,8, Frankfurt a. M. 50,4, Nürr⸗ berg 58,7, Hannover 50,8, Magdeburg 49,6, Düsseldorf 43,7, Stettin 56,2, Königsberg 49,5, Charlottenburg 51,6, Bremen 52, Essen 29,9, Stuttgart 53,1, Elberfeld 51,2, Halle 50,6, Straßburg i. E. 45,8, Danzig 29,7, Dortmund 35,3, Barmen 50,9, Mannheim 55,4, Gelsen⸗ kirchen 35,0, Braunschweig 59,5, Krefeld 334, und Kassel 46,8 Prozent. war in den Großstädten eine verhältnismäßig sehr starke, schwach war sie in Frankfurt a. M., wo nur 56,9 Prozent der Wähler von ihr: m Wahlrecht Gebrauch machten. Rechtssprechung. Das Versammlungsrecht der Frauen in Preußen hat wiederum durch Gericht eine Einschränkung erfahren. Auf dem vorjährigen Provinzialparteitag für Brandenburg fanden sich auch die Genossin Ihrer und Hofmann als Delegierte ein. Der überwachende Beamte verlangte im Hinblick auf§ 8 des Vereinsgesetzes die Entfernung der Frauen, da diese den Versammlungen politischer Vereine nicht beiwohnen dürfen und die von der sozialdemokratischen Agitations⸗ kommission einberufene Versammlung als poli⸗ tischer Verein anzusehen sei. Die beiden Frauen strengten gegen den Polizeipräsidenten Klage an. Der Bezirksausschuß hielt aber ebenfalls § 8 des Vereinsgesetzes für anwendbar. Das Oberverwaltungsgericht trat dieser Entscheidung mit der Begründung bei, der Par⸗ teitag sei als eine von der Agitationskommission d. h. einem politischen Vereine veranstaltete Versammlung anzusehen. Der§8 des Vereius⸗ gesetzes müsse aber dahin ausgelegt werden, daß das Verbot der Teilnahme von Frauen sich auch auf solche von politischen Vereinen veraustaltete Versammlungen erstrecke, welche nicht nur für Vereinsmitglieder, sondern auch für Nichtvereinsmitglieder zugängig seien. Billige Verkaufstage fr Damen- unc Von Samstag, den 28. 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