8 V Nr. 35. Gießen, den 28. August 1904. 11. Jahrgang. ee ie Mitteldeutsche — Sonntags⸗Zeitn l 5 Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½%ͤ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 1 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Ferdinand Lassalle. Vierzig Jahre sind verflossen, als einer der bedeutendsten Führer der modernen Arbeiter⸗ bewegung, Ferdinand Lassalle, seine Augen für immer schloß. Ein arbeits⸗ und kampfesreiches Leben war hiermit zu Ende gegangen und zu⸗ gleich wurde mit diesem Ereignis eine wichtige Epoche in der Geschichte des deutschen Sozialis⸗ mus geschlossen. Ferdinand Lassalle, als Sohn reicher jüdi⸗ scher Eltern 1825 in Breslau geboren, war einer der reichbegabtesten Menschen, welche die Geschichte kennt. Gleichzeitig Philosoph, Histo⸗ riker und Nationalökonom, Dichter und Rechts⸗ anwalt, Organisator und Agttator hat er in allen diesen verschiedenen Tätigkeiten mensch⸗ licher Energie Hervorragendes, in mehreren von ihnen Bleibendes geleistet. Niemand hat der Arbeiterbewegung seines Landes, solange er am Leben war, so sehr den Stempel seines Wesens aufgedrückt, wie er. Ein Stürmer und Dränger, forderte er mit den ihm eigenen bedeutsamen Eigenschaften der Veidenschaft⸗ lichkeit und Großzügigkeit sein Jahr⸗ hundert in die Schranken. Bescheidenheit war ihm fremd. Wie die, damals noch politisch so unreifen Arbeitermassen ihn, den reichen, zu ihnen, dem armen Volk,„herabgestiegenen“ Mann, großen Gelehrten und feurigen Redner, gleich einem Halbgott verehrten, so dünkte auch er selber sich eine Art Uebermensch. Von demo⸗ kratischer Ordnung und Unterordnung war bei Lassalle und seiner großen Arbeitervereinigung, deren Präsident er wurde, noch nicht die Rede. Die Zentralgewalt lag allein in seinen Händen, und er handhabte sie in denkbar absolutistischster Weise. Er war nicht der von den Massen ge⸗ wählte„Führer“ der Arbeiterschaft, sondern ihr mittelst seines hohen Verstandes und seiner besseren Einsicht selbstrechtlich sich seinen ihm gebührenden Platz nehmende Anführer, ein seine Entschließungen nach eigenem Ermessen treffender Generalissimus.— Wie als Orga- nisator, so war derselbe auch als sozialistischer Wissenschaftler bei all seiner Begabung vielen Irrtümern unterworfen. Das sog n.„eherne Lohngesetz“, welches den Kernpunkt seiner volks⸗ wirtschaftlichen Lehre bildete, hat von der So⸗ zial demokratie, die als eine Partei positiver Wissenschaft niemals Schlacken, und mögen ste ihr auch noch so lieb geworden sein, mit sich herumtragen darf, längst preisgegeben werden müssen. Die zweite Grundidee des Lassalleschen Systems, die Forderung einer Schaffung von Produktiv⸗Assoztationen auf— Staatskredit — ein dem System des Franzosen Louis Blanc entliehener Gedanke!— ist ebenfalls eine irr⸗ tümliche gewesen, denn der Staat ist nicht als ein über den Parteien thronendes neutrales Wesen, sondern als Ausschuß bestimmter herr⸗ schen der Gesellschaftsschichten zu möglichster Be⸗ festigung ihrer Herrschaft aufzufassen. Auch dieses Postulat hat die Sozialdemokratie fallen lassen müssen, als sie sich mit marxistischem Geist durchtränkte. Der unvollkommenen Theorie entsprach auch eine unvollkommene Taktik. Mit der ganzen Leidenschaftlichkeit, deren er fähig war, wandte Lassalle die Schärfe seiner Waffen gegen den bürgerlichen Liberalismus und die bürgerliche 4 Demokratie. Darin lag gewiß ein großes Verdienst. Lassalle löste die deutschen Arbeiter⸗ eines allgemeinen Volksparteiendusels der Ver⸗ schmelzung aller sogenannten„Volksparteien“, indem er die Arbeiter, frei und unabhängig von der Kleinbürgeret, politisch auf eigene Füße zu stellen suchte und hiermit einer etwaigen Entwicklung der Linksparteien zu einer Art „jaureésistischen Blocks“ von vornherein kräftig entgegen wirkte. Aber Lassalle vergaß in dieser Bekämpfung der bürgerlichen Demokratie leicht die Notwendigkeit einer noch schärferen und— wenn möglich!— noch unversöhnlicheren Be⸗ kämpfung der Reaktionäre. Lassalle hat viel⸗ fach in gefährlichster Weise mit der Regierung paktiert und selbst dem sozialen Königtum zwei⸗ deutige Komplimente gemacht. Vernichtung der bürgerlichen Linken— eventuell selbst mit Hülfe der Reaktton— das war, grob ausgedrückt, der Kern von Lassalles nächstem politischem Programm. Er übersah auch hier den Klassen⸗ charakter der Regierung. Lassalle starb, wie bekannt, im Zweikampf. Selbst seine Todesart sollte noch bezeugen, wie unklar und romantisch dieser Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie noch war. Kein Sozialdemokrat von heute würde nicht er⸗ kennen, was Lassalle nicht erkannte: die ruch⸗ lose Torheit des feudalen Ehrenkodex. Hatte Lassalles heroischer Charakter die gr inneren und äußeren, praktischen und. peetischen Schwächen seiner Bewegung noc, notdürftig verdecken können, so deckte sie sein Tod nur desto krasser auf: Das System der Partei⸗ diktatur brach zusammen und lieferte die be⸗ kannten sauren Früchte: die Affaire Schweitzer und das Problem Gräfin Hatzfeldt. Seine Partei, die sogenannten Lassalleaner, beobach⸗ teten entscheidenden Fragen gegenüber eine un⸗ sichere Haltung. Im Kriege mit Frankreich 1870— als Bebel und Liebknecht, die Marxisten, in klarer Erkennung der Sachlage und mit einem Mut, von dem noch unsere spätesten Enkel singen und sagen werden, den kriegfüh⸗ renden Hohenzollernheeren jede Unterstützung verweigerten— bewilligten die Vertreter der Lassalleaner im Parlament Bismarck die Kriegs⸗ anleihe und erst nach Sedan fanden sie den sozialistischen Standpunkt wieder. sozialdemokratischen Partei und es begann jener Prozeß, in welchem sich die Marxisten mit den Lassalleanern allmählich zu jenem Ganzen ver⸗ schmelzen sollten, bas vir heute Sozialdemo⸗ kratie nennen. Lassabe war kein Marx. Ihm fehlte— um nur die Hauptsache zu sagen— jener tiefe Blick und jene klare Schätzung, die jeder Situ⸗ ation auf den Grund sahen, jedes Rätsel ent⸗ rätseln konnten. Ihm fehlte vor allem auch der revolutionäre Gesamtzug, jenes bewußte Antidynastentum, ohne welches eine Arbeiter⸗ partei auf die Dauer keine Politik zu treiben vermag. Es wäre falsch, ihn deshalb zu schelten. Lassalle war ein Kind seiner Zeit und seiner Umgebung. Hätte er statt Scharen ihn bewundernder Männer aus dem Volke, klassenbewußte und selbstbe⸗ wußte Proletarier, hätte er statt ihm blindlings folgende Jünger massen hierdurch 5 aus dem Banne Wenige Jahre später einten sich beide Richtungen zur kritisch denkende Parteigenossen neben sich gehabt, Lassalle wäre ein ganz anderer geworden. Und doch hat das Andenken Lassalles einen begründeten Anspruch auf die Dankbarkeit des deutschen Proletariats. Er war es zuerst, der das Evangelium der politischen Selbsthülfe unter die Arbeitermassen säte, er, der den schlafenden Riesen Proletarier mit den Posau⸗ nenstößen seines die Freiheit predigenden Pathos aus der Lethargie rüttelte. Um seinen Namen zuerst scharten sich— zu einer Zeit, als Marx in Deutschland fast nur den Gelehrten bekannt war— tausende und abertausende, wissens⸗ und freiheitsdürstende Arbeiter, in der hellen Begeisterung eines neu gewonnenen Ideals, 155 den Kampf der Besten lohnenden Lebens⸗ zieles. Er war es, der mit scharfem Blick erkannte, von welcher Bedeutung die Einführung eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts für die Emanzipation des vierten Standes sein würde. Er, Lassalle, endlich war es auch, der den Zusammenhang von der Arbeiterbewegung mit der Wissenschaft so gern betonte. Die Worte die er in seiner berühmten Rede vor dem Berliner Kriminalgericht einst aussprach, sie haben noch heute programmatische Bedentung: „Zwei Dinge allein sind groß geblieben in dem all⸗ gemeinen Zerfall, der für den tieferen Kenner der Ge⸗ schichte alle Zustände des europäischen Lebens ergriffen hat, zwei Dinge allein sind frisch geblieben und fort⸗ zeugend mitten in der schleichenden Ausdehnung der Selbst⸗ sucht, welche alle Adern des europäischen Lebens durch⸗ drungen hat: die Wissenschaft und das Volk, die Wissenschaft und die Arbeiter!“ Die Wissenschaft und die Arbeiter werden ihren Lassalle nie vergessen können.— Dr. R. Michels. Die Welt dem Sozialismus! „Hoch die Internationale!“ Mit diesen Worten schloß der Prästdent des Amsterdamer Sozialistenkongresses am Samstag Mittag dessen Sitzungen. Und der begeisterte Hochruf, in den die 470 Kämpfer aus allen Teilen der Erde einstimmten, war keine leere Formel, sondern brachte das Denken und Em⸗ pfinden der zielbewußten Arbeiter aller Länder, ihre Interessengemeinschaft zum Ausdruck. Ohne Unterschied der Nation und Rasse gelobten da⸗ mit die Vertreter der Arbeiter aller Länder, für ein Ziel, für das Ziel des völkerbefreien⸗ den Sozialismus wirken zu wollen. Die Amsterdamer Tagung hat einen erhbeben⸗ den, herrlichen Verlauf genommen. Mit Recht konnte Bebel in seiner Schlußrede sagen, der Kongreß habe die kühnsten Erwartungen über⸗ troffen. Er hat eine gute Arbeit geleistet, er hat in den wichtigsten Fragen Klärung geschaffen, die die internationale Arbeiterschaft bewegen. Gewiß, es wurde scharf gekämpft, aber der Kampf wurde in der vornehmsten Form geführt, wie auch bürgerliche Blätter anerkennen müssen. Natürlich konnte nur ein Teil der umfang⸗ reichen Tagesordnung erledigt werden. Das war vorauszusehen. Man muß bedenken, mit welchen Schwierigkeiten die Verhandlungen in⸗ folge der Vielsprachigkeit verbunden sind. Was unerledigt blieb, wird die Arbest des nächsten Kongresses bilden, der 1907 in Deutschland 5 —— Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗geitung. Nr. 35. und zwar in Stuttgart abgehalten werden soll. Kurz, wir können mit den Leistungen unseres Weltparlamentes sehr zufrieden sein und sein Verlauf, eine großartige Demonstra⸗ tion für den Völkerfrieden, für die Einheit der Arbeiterklasse, wird die Kämpfer für die Befreiung der Arbeit überall anspornen und begeistern. 0 Die wichtigste Debatte war aber diejenige über die sozialistische Politik und Taktik. Dieser Punkt der Tagesordnung war in der dafür eingesetzten Kommisston schon drei Tage lang vorberaten worden und im Plenum war die Diskusston verhältnismäßig kurz. Ueber die Verhandlungen der Kommission erstattete Vandervelde ausführlichen und zusammenfassenden Bericht. Nach dem legten Jaurés, der Führer der französischen„mini⸗ steriellen“ Sozialisten und unser alter Bebel ihre Ansichten über die sozialistische Taktik dar, was sie schon in der Kommision getan hatten. Es war ein gewaltiges Rededuell, das hier zwischen zwei der besten Redner, die es über⸗ haupt gibt, ausgefochten wurde. Wir können ihre Ausführungen allerdings nur in gedrängter Kürze wiedergeben. Jaures— bei seinem Erscheinen auf der Bühne mit stürmischem Beifall begrüßt— führt aus: Es ist eine schwere Aufgabe, nach einem Berichterstatter zu sprechen, der mit einem leiden⸗ schaftlichen Appell an die Einigkeit schloß. Denn ich muß eine These vertreten, die Widerspruch finden wird. Gewiß, auch ich bin für die Einheit, aber sie kann und darf nicht zu einer unterdrückenden Uniformität werden, das Recht der Minderheit muß gewahrt bleiben. Sein eigenes Recht würde sich der Sozialismus selbst nehmen, wenn er das Recht der Minderheit schmälern wollte. Die Dresdener Resolution bildet den Abschluß großer theoretischer und praktischer Auseinandersetzungen. Sie regt eine Welt von Gedanken an, die hier auszusprechen die Zeit fehlt. Ich kann nur sagen, weshalb ich mich zu ihr in Gegensatz stelle. Wir geben mit unserer Politik nicht den Klassenkampf auf. Auf alle Beschuldigungen können wir mit dem Hinweis auf unsre Taten antworten. Wir haben die bürgerliche Republik gerettet, wir haben dem freien Gedanken eine Stätte bereitet, wir haben den Klerikalismus zurückgedrängt, wir sind für den Weltfrieden eingetreten, wir haben den Chauvinismus, den Nationalismus und Zäsarismus zurückgeworfen. (Bravo!) Wir fürchten den Kampf in Frank⸗ reich gegen die sonderbaren Theoretiker nicht, die da behaupten, daß die Republik nicht wert sei, daß das Proletariat auch nur eine Stunde Arbeit zu ihrer Verteidigung opfere. Diese Theorie läuft auf den Glauben an den auto⸗ matischen Sieg des Kollektivismus hinaus und steht in vollem Widerspruch zur blanquistischen Tradition. Zu ihren glorreichen Ruhmestiteln gehört der Kampf für die Republik und die bürgerliche Freiheit.(Bravo!) Nicht die praktischen Bedürfnisse, sondern allgemeine Gesichtspunkte lassen mich gegen die Dresdener Resolution Stellung nehmen. Mit Recht betont diese Resolution, das sich das Proletariat auf dem Boden des Klassenkampfes zu organisieren hat. Wir wiederholen unauf⸗ hörlich, daß das Proletariat sich als Klassen⸗ partei in bezug auf Ziel und Organisation zusammen zu schließen hat. Wir fordern, wie alle Sozialisten, die vollständige Umwandlung des Privateigentums in Kollektiveigentum, wir bekämpfen jede Form der Ausbeutung. Auch darin sind wir einig, daß alle Reformen nicht bloß ein Mittel sind, die augenblicklichen Leiden des Proletariats zu mildern, sondern daß sie auch dazu dienen, die Kampfestüchtigkeit des Proletariats für sein Endziel zu erhöhen. Vandervelde hat es für nötig gehalten, sich gegen diejenigen Reformisten zu wenden, die die Re⸗ formen als Mittel wollen, um die bürgerliche Gesellschaft zu befestigen. Wo sind solche Re⸗ formisten? Ich kenne sie nicht. Alle Reformen sind nur die Stufen, auf denen wir zum Ziele hinaufsteigen.(Lebhafter Beifall.) Wir wollen den Klassengegensatz nicht verwischen. So weit stimme ich mit dem Wesen und 5. 805 5 ane n se dez er verkennt, daß es im Interesse de proletarischen Altenberge faber liegt, an all die zahlreichen, in der Gesellschaft schlum⸗ mernden demokratischen Kräfte außerhalb des Proletariats zu appellieren und diese bürger⸗ lichen Demokraten dem Interesse des Proleta⸗ riats dienstbar zu machen, um die Reaktion zu bekämpfen und Reformen herbeizuführen. Guesde hat in Versammlungen, die ich früher gemeinsam mit ihm abhielt, selber wie oft ge⸗ sagt, daß höchstens 100 000 Leute persönlich an der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ord⸗ nung interesstert seien. Wilhelm Liebknecht hat ähnliches gesagt. Es wäre unklug, alle die zahlreichen Elemente, die zwar ökonomisch nicht zum Proletariat gehören, nicht zusammenzufassen, sondern sie in der Vereinzelung zerkrümeln zu lassen. Die Bewegungen dieser Elemente müssen vom Proletariat beobachtet und seinen Be⸗ strebungen dienstbar gemacht werden. Was liegt dieser Resolution im tiefsten Sinne zu Grunde? Ein Art Mißtrauen gegen das Proletariat, daß es sich in Kompromisseleien verlieren, daß es von einer vorübergehenden Korporation mit der Demokratie verdorben werden könnte. Auf der einen Seite steckt man dem Proletariat die weitesten Ziele, sagt ihm, daß es eine Welt erobere, eine neue Gesellschaft schaffen wird, und auf der andern Seite hält man es wieder für so minderjährig und unreif, daß man be⸗ fürchtet, es könnte jeder Verführung erliegen. Je reifer, je kräftiger das Proletariat in einem Lande, desto entschiedener schließt es sich unsrer Taktik an. Wo volle Aktions- und Bewegungs⸗ freiheit herrscht, da tauchen neue Probleme auf. So ist es in Italien, so in Belgien, so in England. In England ist die sozialistische Bewegung nicht deshalb so schwach, weil, wie Bebel meint, die englische Bourgeoisie es treff⸗ lich verstanden hat, durch kleine Reformen die Arbeiter von selbständiger Organisation abzu⸗ bringen, sondern weil die englischen Sozialisten, von der Katastrophentheorie hypnotisiert, es nicht verstanden, durch praktische Tagesarbeit in enge Berührung mit der Arbeiterklasse zu kommen. Jetzt aber zeigt sich dort die Annäherung des sozialistischen Gedankens an die Gewerkschafts⸗ bewegung. Die Taktik der Deutschen allen Ländern aufzuerlegen, heißt nichts anderes als den Geist der Unsicherheit und des Zweifels ihnen einimpfen, der die deutsche Sozialdemo⸗ kratie beseelt. Was auf dem internationalen Sozialismus lastet, sind nicht die Kompromisse, nicht die angeblich abenteuerlichen Experimente eines Flügels des französischen Sozialismus, das ist in Wirklichkeit die politische Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie. Sie hat uns ein großes geschichtliches Beispiel durch ihre Agitation, Organisation und Disziplin gegeben, aber zwischen der Kraft, die sie zu repräsentieren scheint, und ihrer tatsächlichen politischen Macht besteht ein großer Gegensatz. Das wurde be⸗ sonders deutlich nach ihrem Dreimillionensteg und muß mit jedem weiteren Wahlerfolge noch deutlicher werden. (Die Redezeit ist abgelaufen; der Kongreß beschließt, sie für Jaures und Bebel zu ver⸗ längern.) Jaurès fährt fort: Woher kommt die poli⸗ tische Ohnmacht der deutschen Sozial demokratie? Einmal daher, weil das deutsche Proletariat keine revolutionäre Tradition hat. Es macht sich schwer fühlbar, daß das Wahlrecht vom deutschen Proletariat nicht auf der Barrikade erobert worden ist, sondern von oben geschenkt worden ist. Was aber geschenkt worden ist, das läßt sich auch leicht wieder nehmen. Daher die Er⸗ scheinung, daß im„roten Königreich“, in Sachsen, das Wahlrecht geraubt werden konnte, ohne daß die Sozialdemokratie ernsten Widerstand geleistet hat. Angesichts dieser Verhältnisse ist die deutsche Sozialdemokratie in einer schwierigen Lage. Sie weiß nicht, welchen Weg sie selber gehen soll und nun will sie andern den Weg versperren. Unser das Reich! Uunser die Welt! rief der Vorwärts nach dem Wahlstege. Was aber hat man in Dresden gemacht? Hat man dort etwa ein praktisches Akttions⸗ Programm aufgestellt, große Attionen vorbereitet? Diese von Kautsky mit theoretischen Formeln verdeckte Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie würde durch Annahme der Resolution dem Weltproletariat aufgedrückt werden. Es ist außerordentlich charakteristisch, daß der Widerstand gegen diesen Versuch gerade von demokratischen Ländern ausgeht, der Schweiz, Frankreich, England und Holland. Praktisch fruchtbare Politik muß der Grundsatz des internationalen Sozialismus sein. Unter dem stürmischem Beifall verschiedener Nationen schließt damit der glänzende Redner seine Ausführungen. Nach Uebersetzung derselben ergreift in der Nachmittagssitzung Bebel das Wort, der ebenfalls von anhaltendem Beifall begrüßt wird. Seine Rede müssen wir natür⸗ lich in Rücksicht auf unsere Raumverhältnisse ebenfalls erheblich kürzen. Bebel stellt nun zunächst fest, daß nicht die Deutschen, sondern ein Teil der französtschen Genossen die Dresdener Resolution eingebracht habe. Wenn man Jaurés gehört hat, führt er weiter aus, hat man sich immer nur fragen müssen: Wie ist es möglich, daß sich für eine solche Resolution in der Kommission eine Mehr⸗ heit finden konnte? Er stellte sie dar als Auf⸗ hebung aller Freiheit, allen selbständigen Denkens, als Unterdrückung der Minderheit, kurz, als den größten Geistesterrorismus, den man sich in der Sozialdemokratie ausdenken kann. Dabei ist es charakteristisch, daß ein Teil unserer Freunde sich zwar mit dem vollen Wortlaut der Resolution nicht hat befreunden können, daß aber auch das Amendement Adler⸗Vander⸗ velde nur eine verhältnismäßig kleine Abände⸗ rung bedeutet, während der ganze übrige Sinn und Inhalt unserer Resolution aufrecht erhalten wird. Schon aus diesem Gesichtspunkte wird Jaures ganze Kritik an ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung hinfällig. Jaurés sagt, sie paßt nur auf das monarchische Deutschland. Gewiß, Deutschland ist nicht nur eine Monarchie, es sind fast zwei Dutzend Monarchien, also für eine Monarchie sind mindestens fast zwei Dutzend zu viel.(Große Heiterkeit). Gewiß ist Deutsch⸗ land ein reaktionäres, feudalistisches, polizistisches Land, das am schlechtesten regierte Land Europas. Das wissen wir, die wir Tag für Tag mit diesenm System zu kämpfen haben und seine Folgen am eigenen Leibe spüren, am besten; das braucht uns niemand aus dem Auslande erst zu sagen, in welch elenden Verhältnissen wir sind. Aber die Sache steht so, daß unsere Resolution vielleicht auch die Taktik richtig an⸗ gibt, die in den andern Ländern befolgt werden muß. Meine Ausführungen über Monarchie und Republik sind ja in der bürgerlichen Presse in unerhörter Weise wiedergegeben worden. Ich wiederhole aus der Kommission. Es ist selbst⸗ verständlich, daß wir Republikaner sind. Das ist ja eine der schwersten Anklagen des Grafen Bülow, des Fürsten Bismarck und der ganzen deutschen Reaktion zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag gegen uns. Wir haben das nie bestritten, aber wir schwärmen nicht für die bürgerliche Republik. So sehr wir euch Franzosen um eure Republik beneiden und so sehr wir sie uns wünschen: uns deswegen den Kopf einschlagen zu lassen, das ist sie uns nicht wert.(Stürmischer Beifall). Ob bürgerliche Monarchie, ob bürgerliche Republik, beides sind Klassenstaaten, beide müssen sie ihrer Natur nach auf die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bedacht sein. Beide müssen mit aller Kraft dafür eintreten, daß die Bour⸗ geoiste die ganze Macht in der Gesetzgebung behält. Denn in dem Augenblick, wo sie die politische Macht verliert, verliert sie auch ihre wirtschaftliche und soziale Stellung. So schlecht, wie ihr die Monarchie macht, ist sie nicht, und so gut, wie ihr die bürgerliche Republik macht, ist sie auch nicht. Selbst in unserem militärischen, junkerlichen, polizistischen Deutschland haben wie Institutionen, die für eure bürgerliche Republik noch ein Ideal sind. Seht auf die Steuergesetz⸗ gebung in Preußen und anderen Einzelstaaten und seht auf die Frankreichs. Ich kenne kein anderes Land in Europa, das ein so nieder⸗ trächtiges, reaktionäres, ausbeuterisches Steuer⸗ system hat wie Frankreich. — ie Nr. 35. Mitteldentsche Sonutaas⸗ Zeitung. Seite 2. Und wenn es gilt, die Forderungen der Arbeiterklasse zu verwirklichen, bietet die bürgerliche Republik alle ihre Machtmittel gegen die Arbeiter auf. Ich beneide euch um eure Republik, beson⸗ ders um das allgemeine Wahlrecht zu allen Vertretungskörpern; aber ich sage euch ganz unverhohlen: Hätten wir das Stimmrecht in der Ausdehnung und mit der Freiheit wie ihr, wir hätten euch etwas ganz anderes gezeigt, abt Aer Beifall) als ihr uns bisher gezeigt abt. Aber wenn bei euch Arbeiter und Unter⸗ nehmer in Konflikt kommen, so wird bei euch in himmelschreiender Weise gegen die franzö⸗ sischen Proletarler vorgegangen. Was ist heute überhaupt das Militär noch anderes, als das vornehmste Instrument zur Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft! Kein größerer Kampf in den letzten vier Jahren, nicht in Lille, Roubaix, Marseille, Brest, Martinique, und noch jüngst in der Normandie, gegen streikende Glasarbeiter, bei dem nicht das Ministerium Waldeck⸗Rousseau⸗ Millerand, das Ministerium Combes gegen die Arbeiter Militär aufgeboten hat. Haben unsere Vertreter im Reichstag etwa eine Reform zurückgewiesen, einen Fortschritt nicht unterstützt? Gerade das Gegenteil. Wenn wir in Deutschland ein ganz klein bißchen poli⸗ tischen und sozialen Fortschritt zu verzeichnen haben, so können wir Sozialdemokraten dieses allein auf unser Konto schreiben. Das können wir, auf die Autorität selbst unseres Feindes Bismarck gestützt, den Angriffen unsres Freundes Jaurés entgegenhalten. Und die Sozialdemo⸗ kratie ist so weitherzig, alle Konzessionen, die sie den Gegnern abgerungen hat, von ihnen anzunehmen, wenn sie uns irgend einen Fort⸗ schritt wirklich anbieten, heute die Regierung, morgen die liberalen Parteien, übermorgen das Zentrum zu unterstützen, das um die Wahl⸗ stimmen der Arbeiter buhlt. Aber in der nächsten Stunde bekämpfen wir sie alle als unsere dauernden Feinde. Die abgrundtiefe Kluft zwischen uns und der Regierung sowtie den bürgerlichen Parteien ist nicht eine Minute lang vergessen. Wenn in den letzten Jahren in Frankreich die Republik gefährdet war— ich nehme das als Tatsache an— so tatet ihr vollkommen Recht, wenn ihr zusammen mit den bürgerlichen Verteidigern die Republik gerettet habt. Wir hätten es genau so gemacht. Auch aus dem Kampf gegen den Klerikalismus machen wir euch keinen Vorwurf. Verbindet euch, wenn ihr allein zu schwach seid, mit den Liberalen, wir machen es ebenso, aber nach dem Kampfe sind wir geschiedene Leute. Und wo war denn in den letzten Jahren der Weltfriede in Europa gefährdet, den Jaurès auch gerettet hat? Ge⸗ sprochen haben auch wir für den Weltfrieden. Aber im Gegensatz zu uns stimmt ihr für den Militär⸗ und Marine⸗Etat(Die Jauresisten: Nein!), für den Kolonial⸗Etat. Nun sprach Jaures weiterhin von der po⸗ litischen Machtlosigkeit der deutschen Sozial- demokratie. Was hat er denn von uns nach dem Dreimillionensieg erwartet? Sollten wir etwa die drei Millionen mobil machen und vor das königliche Schloß ziehen?(Heiterkeit.) Ich habe sofort nach diesem, mich gar nicht über⸗ raschenden Siege gesagt, daß sich vorläufig nicht viel ändern werde. Bet uns reichen die drei Millionen eben nicht. Aber lassen sie uns vier und acht Millionen haben, dann wollen wir einmal sehen. Heute verfügen wir nur über das moralische Gewicht einer starken Minder⸗ heit. Mehr können wir nicht verlangen. Ge⸗ wiß wandern die Gesetzesvorschläge, die mit unseren Stimmen angenommen werden, bei der Regierung oft in den Papierkorb, um so besser für unsere Agitation; wenn vernünftige und notwendige Anträge nicht Gesetz werden, damit kommen wir in die Höhe. Aber sofort nach unserem Dreimillionensieg, sagt Jaures, tauchte ja der Gedanke auf, das Reichstagswahlrecht abzuschaffen. Aber, Genosse Jaureés, was beweist das anders als nur die Furcht der Bourgeoisie? Aber was passiert denn in Frankreich, wenn ihr einmal 2 Milli⸗ onen Stimmen habt? Wird eure 0 ruhig zusehen?(Unruhe bei den Jauresisten.) Wartet nur ab. des Kongresses berückstchtigen! Eure Machtlosigkeit kommt daher, daß euch das allgemeine Wahlrecht geschenkt worden ist. Ihr habt keine revolutionäre Ver⸗ gangenheit, so sagt Janrés. Aber das fran⸗ zösische Bürgertum hat dem Proletariat 1848 das Wahlrecht erobern helfen, und als dieses soziale Reformen verlangte, unterlag es in der Julischlacht. Nicht der Kampfesmut des fran⸗ zösischen Proletariats gab ihm die Republik sondern der Sieg Bismarcks, der euren Kaiser nach Wilhelmshöhe führte. Das ist kein Schade. (Heiterkeit.) Und in Deutschland mußte Bis⸗ marck, als er das allgemeine Wahlrecht gab, an die revolutionäre Tradition von 1848/49 an⸗ knüpfen. Daß seine Berechnung, so die Bour⸗ geoiste mit einer kleinen sozialistischen Partei niederhalten zu können, nicht richtig wurde, ist das Verdienst der deutschen Sozialdemokratie. Bebel weist dann weiter darauf hin, daß seit der Episode Millerand sich bei jeder Ab⸗ stimmung im französtischen Parlament die jau⸗ resistische Fraktion in zwei oder drei Teile trennt, wie man es in Deutschland nur bei der verachtesten kapitalistischen Partei, den Natitonalliberalen, kennt. So bietet ein Teil der proletarischen Partei in Frankreich dasselbe Schauspiel. Wir müssen alles aufbieten, um dafür zu sorgen, daß diesem Schauspiel, für das wir aller Welt verantwortlich sind, ein Ende gemacht werde, daß endlich auch der französische Sozialismus den Platz einnimmt, der ihm nach seinen geistigen und materiellen Kräften zukommt. Und des⸗ halb stimmen Sie für die Dresdener Resolution. Das französische Proletariat wird die Mahnung Stürmischer Beifall, wiederholte Hochrufe und Händeklatschen folgt den Worten Bebels. Bei der nun folgenden Abstimmung wird der Zusatz Adler⸗Vandervelde mit Stimmen⸗ gleichheit— 21 gegen 21 Stimmen— abgelehnt. Darauf wird die Dresdener Resolution mit 25 gegen 5 Stimmen angenommen; 12 Nationen enthalten sich der Stimme. Unsern Genossen ist der Inhalt der Reso⸗ lution von unserm vorjährigen Parteitage be⸗ kannt. Darin weist der Kougreß die revisto⸗ nistischen Bestrebungen, welche an Stelle der steggekrönten, auf dem Klassenkampf beruhenden Taktik der Sozialdemokratie eine solche des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge setzen will und erklärt, daß die Sozialdemokratie die Verantwortlichkeit für die auf der kapitalistischen Produktionsweise be⸗ ruhenden politischen und wirtschaftlichen Zustände ablehnt, ebenso jene Bewilligung von Mitteln, welche geeignet sind, die herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten; daß ferner die Sozialdemokratie einen Anteil an der Regierung nicht erstreben kann und jedes Bestreben, die Klassengegensätze zu vertuschen, um Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern, verurteilt. Auf die übrigen Verhandlungsgegenstände, Arbeiterverstcherung, Kolontalpolctik, Genueral⸗ streik, Maifeier ꝛc., welche alle glatt erledigt wurden, wird sich noch später Gelegenheit finden einzugehen. Der Schluß des Kongresses gestaltete sich zu einer gewaltigen Kundgebung für die Einheit der Sozialdemokratie aller Länder. Nachdem der Engländer Hyndmann den Holländern den Dank für ihre Mühe bei den Vorbereitungen des Kongresses ausgesprochen, erklärten zwei Vertreter der beiden sozialistischen Parteien Frankreichs, daß sie alles tun würden, um die Einigkeit herbeizuführen. Es ver⸗ steht sich, daß der Kongreß diese Erklärungen mit freudigem Beifall begrüßte. Bebel gab der allgemeinen Freude darüber in warmen und anfeuernden Worten Ausdruck. Kein Zweifel, überall sind unsere Ziele die gleichen und bald werden auch unsere Wege zum Ziel die gleichen sein. In geschlossener Kampfeslinie stehen die Arbeiter aller Länder da! In sein Hoch auf die internctionale sozialistische Einigkeit stimmte der ganze Kongreß begeistert ein und sämtliche Nationen sangen den Refrain der französtschen „Internationale“ mit, die ein holländischer Männerchor anstimmte. —————— Politische Rundschau. Gießen, den 25. August 1904. Eine neue Kolonialbestialtität macht von sich reden. Der Unteroffizier Kossak von der deutschen südwestafrikanischen Schutz- truppe hat einen Neger in der raffiniertesten Weise zu Tode gequält. Der Unmensch kam mit einer ganz gelinden Strafe davon und der⸗ jenige, der das Verbrechen der Behörde mit- teilte, ein gewisser Groeneveld, hatte merkwür⸗ diger Weise alle möglichen Verfolgungen zu erdulden. Dieser neue Kolonialskandal wird hoffentlich im Reichstag zur Erörterung kommen. Ein Ordnungsblatt⸗Schwindel. In der bürgerlichen Presse war vor kurzem von dem Abg. Genossen Vollmar berichtet, daß er im bayr. Landtage beantragt habe, dem Kammerpräsidenten v. Orterer eine monatliche Zulage von 900 bis 1000 Mk, zu bewilligen, damit er in der Lage sei zu repräsentteren. Selbstverständlich ließ sich auch das Friedberger Bauernfänger-Blättchen den fetten Brocken nicht entgehen. Die Münchener Post bemerkt dazu, daß diese Mttteilung eine Ente sei. Im Finanz⸗ ausschusse wurde bei Beratung des Landtags⸗ etats von den Repräsentationsausgaben des Präsidenten gesprochen, der diese, obwohl er keine Diäten erhält, aus eigner Tasche bezahlen muß. Bei dieser Debatte wies Vollmar u. a. darauf hin, daß sogar in Sachsen der Präsident 900 bis 1000 Mk. Repräsentationsentschädigung für die Session beziehe. Diese Bemerkung hat der Berichterstatter der Täglichen Rundschau in einen Antrag umgedichtet.— Natürlich fällt es keinem der edlen Preßorgane ein, den Sach⸗ verhalt richtig zu stellen. Patriotischer Straßenschmuck. Kürzlich fand in Langenbielau(Oberschlesien) ein Kriegervereinsfest statt, das natürlich nicht ohne die übliche Sozialistenvertilgungsrede ab⸗ ging. Die Sozialdemokraten waren aber trotz⸗ dem gemütlich genug, etwas zum Schmuck der Straßen und Häuser betzutragen, wozu öffent⸗ lich aufgefordert worden war. Sie brachten darum an dem Hause Steinhäuserstraße 35, allwo sich die Redaktion des„Proletarier für das Eulengebirge“ befindet, ein Transparent an, auf welchem zu lesen stand: g Heer und Kriegsmarine kosten dem deutschen Volke jetzt jährlich über eine Wulltarde Mark oder pro fünfköpsige Familie rund 95 Mk. Diese Summe wird meist durch indirekte Ausgaben auf Lebensmittel und Verbrauchsgegenstände aufgebracht. Lange war diese Inschrift, die von Manchem mit verständnisinnigem Lächeln gelesen wurde, nicht zu sehen, denn die Polizeibehörde duldete es nicht und entfernte sie deshalb; aber zum Nachdenken wird sie doch Manchen angeregt haben. Wer aus Liebe zum Volk(und das ist doch Patriotismus) gegen die wahnsinnige Be⸗ lastung der schwachen Schultern durch den Militarismus protestiert, ist jedenfalls ein besserer Patriot, als derjenige, der bei jedem Anlaß blödsinnig Hurrah schreit. Beten und gewerkschaftlicher Kampf. Den Christlichen soll das Beten bei Gründung von Gewerkschaften helfen. In der neuesten, ofstziellen praktischen Anleitung zur Gründung christlicher Gewerkschaften ist folgender Satz enthalten, den die„Berliner Zeitg.“ ans Licht beförderte: „Eine christliche Gewerkschaft ist eine Inter⸗ essenvertretung auf christlicher Grundlage, we— sentlich ein Kampf⸗ und Unterstützungs⸗Verein. Aufnahme stimmberechtigter Mitglieder aus den andern Ständen ist unzulässig, da sonst die entschiedene Interessenvertretung gehemmt wäre. Man spreche sich mit einigen gleichgesiunten Freunden und gewinne diese fur den Plan. Ist derselbe Gott dem Herrn im Gebet vorgetragen, so habe man ein fröhliches Vertrauen auf gutes Gelingen der guten Sache.“ — 4 5 1 g 1. 1 n N 1 25 1 77 N n 4 5 9 ö a 0 —— Seite 4. Mitteldeutsche Souutaas⸗Zeitung. Nr. 35. Sehr fröhliches und sehr starkes Vertrauen wird allerdings notwendig sein. Auf der einen Seite will man Kampforganisationen schaffen und sich endlich von der Vormundschaft der Geistlichen ꝛc. befreien, und dann wieder ver⸗ quickt man religiöse Uebungen mit dem gewerk⸗ schaftlichen Kampfe. ˖ Heute weiß jeder Arbeiter, daß man zahl⸗ reicher Truppen und gefüllter Kassen bedarf, um im Kampfe für bessere Arbeitsbedingungen etwas zu erreichen und keiner kann zu Leuten Ver⸗ trauen haben, welche mit Beten und Fasten die Arbeitersache vorwärts zu bringen wähnen. 8 Nussisch⸗japanischer Krieg. Die Vernichtung der russischen Flotte ist nach den letzten Kämpfen vollendete Tatsache. Die Japaner haben die unbeschränkte Herrschaft zur See, die Russen können ihnen kaum ein einziges kampffähiges Schiff entgegen⸗ stellen. Die Lage Port Arthurs wird eine immer verzweifeltere, ein Fort nach dem an⸗ deren fällt den Japanern in die Hände. Auch in der Mandschurei rücken die Japaner stets weiter vor. am..—] ͤ—— ͤ von Nah und Lern. Hessisches. — Gegen die Wahlreform wühlt die Partei⸗Drehscheibe, besonders ihre rhein⸗ hessische Abteilung, die„Heylsarmee“ fortgesetzt. Am Sonntag hielt die letztere wieder eine Vertrauensmännerversammlung ab, in der eine „Protest“⸗Resolution gegen die Wahlkreisein⸗ teilung angenommen wurde. Es wird darin behauptet, daß die Einteilung in dem von der Kammer angenommenen Entwurf das Zentrum begünstige und die Regierung ersucht, die Zu⸗ stimmung dazu zu versagen.— In Wirklich⸗ keit wollen diese„Liberalen“ durch ihre ewige Bohrerei die Vorlage zu Fall bringen, aus Feindschaft gegen das direkte Wahlrecht. Hof⸗ fentlich haben sie kein Glück damit. „E Ueber das Vorgehen der Darm⸗ städter Polizei gegen die Arbeiter, gelegent⸗ lich der Bauarbeiter⸗Aussperrung führte Genosse Cramer in der Darmstädter Stadtverordneten ⸗Versammlung lebhaft Be⸗ schwerde. Er brachte in der Sitzung vom vorigen Donnerstag die Vorfälle zur Sprache, die sich damals vor dem Neubau des Darm⸗ städter Hofes ereignet hatten, übte scharfe Kritik an dem unnötig schneidigen und provozierenden Vorgehen der Polizei und gab seinem Befrem⸗ den über die Haltung der Lokalpresse Ausdruck, die durch sensationell aufgeputzte Notizen das Publikum in immer größeren Schaaren an den Schauplatz der Radauszenen gelockt habe. Die Ausführungen Cramers riefen natürlich in der Versammlung einigen Widerspruch hervor.— Das läßt sich leicht denken. Die Vertreter des Unternehmertums, die leider auch in der Darm⸗ städter Stadtvertretung in der Mehrheit sind, sähen es am liebsten, wenn die für bessere Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen kämpfenden Arbeiter mit Flinte und Säbel zu Paaren ge⸗ trieben würden. Auch hieraus sehen die Arbeiter wieder, daß sie für bessere Vertretung ihrer Klasse in der Gemeinde-Vertretung unbedingt sorgen müssen. ——— Preußisches in Hessen. Dem öster⸗ reichischen Reichsratsabgeordneten Perner⸗ storfer hatte bekanntlich die Frankfurter Polizei unter Androhung der Ausweisung verboten, dort in einer Versammlung zu reden. Darauf⸗ hin beschlossen unsere Frankfurter Genossen, den Vortrag Pernerstorfers in einer Versammlung in Offenbach am Sonntag den 28. August entgegenzunehmen. Dagegen wüteten Berliner Denunzianten-Blätter wie„Post“ und die Korrespondenz des berüchtigten Max Lorenz. Und wirklich, die hessische Regierung hat sich breitschlagen lassen und Pernerstorfer ver⸗ boten, in Offenbach zu reden! Wir ge⸗ stehen, das hätten wir nicht für möglich gehalten. In der Verfügung des hessischen Ministeriums, die das, Kreisamt dem Vertrauensmann in Offenbach mitteilte, wird das Verbot damit begründet, daß Pernerstorfer in der Versammlung in Frankfurt demonstrativ aufgetreten sei und in seinem in der Presse veröffentlichten offenen Briefe an den Reichskanzler dessen Politik in abfälliger Weise kritistert habe. Natürlich ist das ganz hinfällig; der Brief Pernerstorfers wurde erst durch den Mißgriff der Frankfurter Polizei veranlaßt, den die hessische Regierung durch ihre Maßnahmen noch verschlimmert. Selbstverständlich findet die Versammlung doch statt und sie wird sich zu einem gewaltigen Massenprotest gegen den Russenkurs in Hessen gestalten. Der Frankfurter Vertrauens mann hat Bebel ersucht, das Referat für Perner⸗ storfer zu übernehmen.— Alle Regierungen lassen sich übrigens nicht von der Berliner Polizei und dem Max Lorenz Vorschriften machen. Die badische soll erklärt haben, sie habe keine Veraplassung gegen Pernerstorfer, der diesen Freitag in Mannheim spricht, ein⸗ zu schreiten. Von dem Gießener Amtsblatt wird natürlich die verfehlte Maßnahme der hessischen Regierung, die doch nur wieder zu unserm, der Sozialdemokratie, Vorteile ausschlagen muß, als höchste Weisheit gepriesen. Das muß ja ein Reptilredakteur. Wäre das Gegenteil eingetreten, hätte man Pernerstorfer nicht geniert, so hätte der Anzeiger einen begeisterten Artikel gebracht, über die„Festigkeit der Regierung, die Berliner Einflüssen Widerstand leistet.“ Ganz wie's trefft! Wenn aber dieser Gesinnungs⸗ tüchtige in der Schulstraße den ihm ganzunbe⸗ kannten Redner, der an Stelle Pernerstorfers in Offenbach sprechen soll, einen nichtswissenden „wortgewandten Schwätzer“ schimpft, so wird diese dummdreiste Frechheit auf keinen verständigen Menschen Eindruck machen. Seine bübische Schimpferei schadet uns nicht, er bla⸗ miert sich damit nur selbst. Gießener Angelegenheiten. — Maurer⸗Lohnbewegung. Am Dienstag Nachmittag hielten die hier beschäftigten Maurer eine recht gut besuchte Versammlung im Wiener Hof ab, in der nach einem Referate Hüttmanns⸗Frankfurt eine Kommission niedergesetzt wurde, welche mit den Arbeit⸗ gebern wegen der bereits im Frühjahr gestellten Forde⸗ rungen verhandeln soll. Das ist bereits am Mittwoch geschehen. Einige zeigten sich zur Bewilligung der Forderungen geneigt, während andere erst mit den übrigen Rücksprache nehmen wollten. Falls eine gütliche Eini⸗ gung, die herbeizuführen die Arbeiter sich alle Mühe geben, nicht erreicht wird, soll die Arbeit niedergelegt werden. Das Komisstonsmitglied Winter, der bereits seit dreizehn Jahren bei Abermann arbeitet, wurde von diesem ent⸗ lassen. Abermann glaubt vielleicht, nun muß Winter verhungern. So eilig hats der aber nicht. — Der Brauerverband feiert diesen Sonntag auf der Pulvermühle sein Stiftungs- fest. Hoffentlich finden sich dazu die Gewerk⸗ schafts mitglieder und Genossen recht zahlreich ein. — Lafssallefeier in Gleiberg. Diesen Sonntag findet nachmittags ½4 Uhr im Saale des „Schwarzen Walfisch“ in Gleiberg eine öffentliche Ver⸗ sammlung zum Gedächtnis Ferdinand Lassalles stott, seit dessen Tod am 31. August 40 Jahre verflossen sind. Gen. Stadtverordneter Krumm⸗Gießen wird über Lassalles Bedeutung für die Arbeiterklasse sprechen. Unsere Freunde 5 für recht zahlreichen Besuch der Versammlung orgen. Aus dem Rreise gießen. — Die Gemeinderatswahl in Wieseck findet diesen Samstag von 4 bis 7 Uhr nachmittags statt. Als Kandidaten sind vom Wahlverein aufgestellt: Karl Dech II., Weißbinder, Friedrich Deibel III., Weißbinder, Philipp Walter, Schreiner und Wirt. An alle Parteigenossen ergeht die Mahnung, sich sämt⸗ lich an der Wahl zu beteiligen und ihre Stimmen auf die drei Genannten zu vereinigen. — Gemeindewahlen fanden u. a. in Leih⸗ gestern, Lollar und Steinbach(bei Gießen) statt. In letzterem Orte wurde von Seiten der Arbeiter zum ersten Male eine selbständige Liste aufgestellt, die 36 bis 62 Stimmen auf sich vereinigte, was einen ganz respektablen Erfolg bedeutet. Der Höchstbestimmte blieb nur um 12 Stimmen hinter dem gewählten Gegner zurück. Von der Gegenseite wurden vielfach Wähler durch Bier- und Schnapsspenden zum Wählen„ange⸗ regt“.— In Leihgestern blieben unsere Leute leider in der Minderheit und zwar hauptsächlich durch die 1 Der Verband hat hier über 300 Mitglieder. 5— Quertreibereien einiger„Auch⸗Genossen“. Unsere Liste erhielt 23 bis 49 Stimmen, der mit der niedrigsten Stimmenzahl gewählte Gegner erhielt nur 53 Stimmen. — Für uns aber geradezu kläglich ist der Wahl⸗ ausfall in Lollar. Auf unsere Liste entfielen nur 29 bis 38 Stimmen, während der Direktor der Main⸗ Weser⸗Hütte, Steinecke, 121 Stimmen erhielt und die übrigen drei Gewählten 109, 103 und 75. Wir werden noch Veranlassung nehmen, uns mit der Lollarer Wahl, wie mit dem Verhalten unserer Genossen bei den Gemeindewahlen überhaupt eingehender zu beschäftigen. Es liegt uns natürlich fern, den Lollarer Genossen aus ihrer Niederlage einen Vorwurf machen zu wollen. Das tut weiter nichts. Den Vorwurf müssen wir aber er⸗ heben, daß nicht bei Zeiten in eine regelrechte und grund⸗ sätzliche Agitation eingetreten wurde. Wie weit man mit der Leisetreterei kommt, das zeigt den Lollarer Genossen das Wahlergebnis. Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen — Die Gemeindewahl in Büdesheim— dem Sitze des Reichstagsabg. für den Wahlkreis Fried⸗ berg Grafen Oriola— fand unter sehr lebhafter Be⸗ teiligung am Samstag statt. Von 249 Wahlberechtigten machten 200 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Zum ersten Mal wurde hier zum Schrecken der gräflich Ortola'schen Sippe ein Sozialdemokrat, der Schreiner Wilhelm Wiesen bach, gewählt. Wiesenbach war offiziell von dem sozialdemokratischen Wahlverein als Kandidat aufgestellt. Er brachte es auf die höchste Stimmenzahl: 119 Stimmen. Dagegen blieben die beiden anderen Kandidaten, welche wir mit auf unseren Zettel genommen hatten, mit 12 bezw. 18 Stimmen hinter den zwei bisherigen Vertretern zurück. Teilweise ist das auf das Einwirken der gräflichen Aippe, te lweise aber auch darauf zurückzuführen, daß die beiden Bürger zu spät mit ihrer Kandidatur hervortraten. Jedenfalls wäre ihre Wahl für die Gemeinde von größerem Vor⸗ teil gewesen, wie die Wiederwahl der beiden alten Ver⸗ treter. Von der gräflichen Seite wurde damals wie heute Alles aufgeboten, um unseren Kandidaten zu Fall zu bringen. Vor drei Jahren gelang es noch; diesmal war der Liebe Mühe umsonst. Und wenn unser Genosse das erfüllt, was man von ihm erwartet, dann wird unser Erfolg das nächste Mal noch größer sein. — Wegen Sittlichk itsvergehen wurde der Arzt Dr. Metzner in Nied er⸗Florstadt von der Gießener Strafkammer zusechs Monaten Gefängnis verurteilt und sofort in Haft genommen. Die Verhand⸗ lung fand am vorigen Freitag unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Wie aus der Urteilsverkündigung hervorging, hatte der Arzt ein erst 14 jähriges Mädchen in Nieder⸗Florstadt, das er in Behandlung hatte, ge⸗ legentlich eines Besuches verführt, als es allein zu Hause war. Straferschwerend fiel ins Gewicht, daß der Ange⸗ klagte das in ihn als Arzt gesetzte Vertrauen verletzte und außerdem verheiratet ist. Zu seinen Gunsten kam in Betracht, daß die Tat für das Mädchen ohne weitere Folgen blieb. Vor einiger Zeit als der Fall bekannt wurde, bestritten verschiedene Blätter seine Richtigkeit. Aus dem Rreise Wetzlar. * Endlich eine Parteiorganisation! Die am Sonntag in Gießen stattgefundene Parteiver⸗ sammlung für den Kceis Wetzlar, die ziemlich gut besucht war, beschloß nach einem kurzem Referate des Genossen Vetters einstimmig einen Kreiswahlverein zu gründen. Es wurde eine Kommission niedergesetzt mit der Aufgabe, baldmöglichst einen Statutenentwurf vor⸗ zulegen. Jedenfalls wird die Kommisston ihre Arbeiten so fördern, daß der Verein mit dem 1. Oktober ins Leben treten kann.— Die Versammlung erörterte hierauf den zweiten Punkt der Tagesordnung:„Kommunalpoli⸗ tik“, worüber ebenfalls Vetters referierte. Mit seinen Ausführungen erklärte man sich im Allgemeinen einver⸗ standen. Als Delegierter für den Parteitag in Bremen wurde Gen. Fauth gewählt. h. Der Wetzlar⸗Braunfelser Konsum⸗ verein hält diesen Sonntag, den 28. August im Hotel Böhme in Braunfels seine ordentliche General⸗ versammlung ab. Die zahlreichen Arbeiter, welche dem Konsumverein als Mitglied angehören, sollten nicht versäumen, der Generalversammlung beizuwohnen. denn es müßte in vieler Beziehung Besserung eintreten. Würde der Verein im Sinne einer modernen Genossenschaft ge⸗ leitet, so könnte vieles zum Wohle und zum Vorteil seiner Mitglieder geschehen. In der Leitung sitzen ab er Leute, wie der Millionär Raab, Generaldirektor Kaiser und andere, die sich schwerlich viel um das Genossen⸗ schaftswesen und noch weniger um die Arbeiterinteressen bekümmern können. Herr Kaiser, der Vorsitzende des Aufsichtsrates ist Direktor eines großen Betriebes und hat außer seinem Stadtverordnetenamt noch eine Menge anderer Aemter, so daß ihm kaum Zeit übrig bleibt, sich mit den Angelegenheiten des Konsumvereins zu be⸗ schäftigen. In die Leitung einer solchen Genossenschaft, die doch den Zweck gaben soll, den Minderbemittelten und Arbeitsleuten Vorteile zu verschaffen, müssen Leute *. G cl die al om! daß b soust eb au Priba ur hndet nahe n 0 gohle kaum hletet. Fiche Besch 15 hlt f 1 zum aus, legte. roh aus die schle Stel den kein lecht Vor bis Sym er be Bedi welt dem er f S0 zuge die it, 721 öffe selte alle pöku dle Der mehr hört Fier Zul erst Sei kein, ihn, in d dem am daß die uf fc Gan gesa Det bra Ln Gel vel Mi bert unt zu und 0 uh spe mi sch bon en len. nur ain Mir rer den gen. aus dad und⸗ man rer Nr. 35. Mitteidentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. berufen werden, die sich eingehender damit befassen können, die aus eigener Erfahrung wissen, was dem Arbeiter frommt. Mit Recht wird belspielsweise darüber geklagt, daß viele Waren im Konsum erheblich teurer find, als sonst im Kleinhandel. In der Mitgliedschaft befremdet es auch, daß der bisherige Geschäftsführer Rücker ein Privatgeschäft käuflich erworben hat. Er läuft also zur Konkurrenz über. Das kann man zwar nun nicht hindern und dem Mann daraus auch keinen Vorwurf machen, aber für den„genossenschaftlichen“ Geist, der ihn beseelt, ist's doch bezeichnend.— Ferner find keine Kohlen im Konsum zu haben, ein Artikel, der doch wie kaum ein anderer bei gemeinsamem Bezug Vorteile bietet. Früher wurden Kohlen geführt und auch z. B. Fische, die es jetzt auch nicht mehr gibt. Alle diese Beschwerden muß die General⸗Versammlung abzustellen suchen und deshalb ist es nötig, daß die Mitglieder zahlreich erscheinen. h. Uebel belohnte Hilfe. In der Nacht zum Samstag brach in Hermannstein Großfeuer aus, das drei Scheunen und ein Wohnhaus in Asche legte. Bei der Dürre konnte leicht eine furchtbare Kata⸗ strophe entstehen und es eilten deshalb Feuerwehren aus der Umgegend hilfreich herbei. Aber man empfing die in menschenfreundlicher Absicht Gekommenen sehr schlecht. Man begoß sie mit Wasser und warf mit Steinen nach ihnen. Danach scheint es fast, als ob den Hermannsteinern es erwünscht war, wenn dem Feuer kein Einhalt geboten worden wäre. Eingesandt aus Wetzlar. Wie sich auch ein Pfarrer mausern kann, zeigt so recht deutlich der hiesige evangelische Pfarrer Günder. Vor seiner Anstellung verstand er es ganz vorzüglich, bis auf wenige(die ihn vieleicht näher kannten) die Sympathien der Wetzlarer Protestanten sich zu sichern, er vermochte sogar, diejenigen, welche sonst nicht das Bedürfnis empfanden, zur Kirche zu gehen, durch seine weltlich gehaltenen Predigten heranzuziehen. Aber seit⸗ dem er einige Jahre als Pfarrer angestellt ist, bedient er sich einer Sprache, die alles bisher Gehörte übersteigt. So war ihm am Dienstag den 16. August das Amt zugefallen, für den verstorbenen Rentner Georg Krafft die Grabrede zu halten. Als Pfarrer, der doch berufen ist, Liebe zu predigen, unterwarf er das Leben dieses 72jährigen Gre‚ses, welcher oft seine freie Meinung im öffentlichen Leben kundgab, was man ihm wohl in den seltesten Fällen verübelte, einer derartigen Kritik, daß alle Beteiligten des zahlreichen Trauergefolges mit Em⸗ pörung die Grabstätte verließ en und es jedenfalls bereuten, die Wahl obigen Pfarrers seinerzeit befürwortet zu haben. Derartige Leichenreden hat er in der letzten Zeit schon mehrere gehalten, doch übersteigt diese alles bisher Ge⸗ hörte. Denjenigen Wetzlarern, welche Angehörigen oder Freunden die letzte Ehre erweisen wollen, ist für die Zukunft zu gratulieren, denn dieser Trostspender steht erst in den dreißiger Jahren. e. Anmerkung der Redaktion. Wie uns von anderer Seite mitgeteilt wird, hat sich der Verstorbene allerdings keiner allgemeinen Sympathie erfreut und wir wollen ihn, indem wir der Zuschrift Raum geben, keineswegs in den Himmel heben. Mir verlangen auch nicht von dem Pastor, daß er der Wahrheit zuwider einen Toten am Grabe lobt. Was man aber verlangen kann, ist, daß der Pastor Rücksicht auf die Angehörigen nimmt, die in diesem Falle höchst peinlich von dem geistlichen Zuspruch berührt waren. Wer sich vor ähnlichen Dingen schügen will, verzichtet am besten auf geistlichen„Trost“. Aus dem Nreise Dillenburg⸗Herborn. — Bei den Bränden in Herborn sind im Ganzen 62 Scheunen und 25 Wohnhäuser zum Opfer gefallen. Brandstiftung liegt unzweffelhaft vor, doch ist Bestimmtes noch nicht ermittelt. Die Not der Abge⸗ brannten ist groß und bitten wir alle Genossen, die zur Linderung der Not ihr Scherflein steuern wollen, etwaige Gelder an unseren Gen. L. Trott⸗ Haiger zu senden, welcher Gaben entgegennimmt.(Quittung erfolgt in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg). Aus dem Areise Marburg⸗-Nirchhain. r. Pflichtgetreue Stadtväter. Eine Stadt⸗ verordnetensitzung sollte am Dienstag stattfinden. Allein unsere Stadtverordneten scheinen es nicht so sehr eilig zu haben, denn es war kaum der vierte Teil erschienen und die Sitzung mußte auf Freitag verlegt werden. Hoffentlich haben sich die Stadtväter bis dahin ausge⸗ ruht. Wie wäre es, wenn die Stadt ein Automobil speziell für säumige Stadtverordnete anschaffen würde, um sie zur Sitzung abholen zu lassen? Es würde sich mit der Zeit lohnen. 1. Kein besonderer Freund der Arbeiter scheint der frühere Beigeordnete Sch im pf zu sein. Seine n Reserveofftzierston und seine Gewohnheit, die Arbeiter von oben herunter zu behandeln, haben letztere schon kennen gelernt. Neulich, bei der Feier des hessischen Geschichts vereins bekamen die Kutscher davon ein Beispiel zu kosten. Als nämlich die geladenen Gäste bewirtet wurden, glaubten einige Kutscher, die mit ihrem Gespann warten mußten, es könnte wohl für sie auch ein Bissen abfallen, zumal es auf städtische Kosten ging. Da kamen sie aber schön an. Herr Schimpf erschien und jagte die hungrigen Proleten zur Tür hinaus, jedenfalls damit sie nicht der übrigen Gesellschaft den Appetit verderben.— Aber auch in anderer Beziehung zeigt er seine arbeiterfeindliche Gesinnung. So hatten kürzlich die Erdarbeiter zu einer Versammlung Plakate ange⸗ schlagen. Diese scheinen den ehemaligen Beigeordneten geärgert zu haben, denn er wurde am hellen Tage da⸗ bei beobachtet, wie er sich damit abquälte, eins derselben abzukratzen. Tatsächlich waren viele davon verschwunden. Daß er mit den Resultaten derartiger Bekämpfung der Arbeiterbewegung zufrieden ist, glauben wir kaum, er wird noch keine großen Erfolge zu berichten haben.— Ueber den Vorarbeiter der städtischen Arbeiter Sauer aus Ockershausen wird ebenfalls viel geklagt. Mit diesem Mann und seinem Verhalten gegen die Arbeiter wird sich demnächst eine Versammlung zu beschäftigen haben. Bis dahin sollte Sauer sich das Studium von Knigges, „Umgang mit Menschen“, angelegen sein lassen. * Von Muckern zu Grunde gerichtet. Aus Marburg berichtet unser Frankfurter Parteiblatt: Ein Stadmissionar, der allen Frommen wegen seiner zahlreichen Acquisitionen außerordentlich imponiert, hatte sich eine hiesige Familie, die bisher in schönster Eintracht lebte, als Tummelplatz seines Apostelehrgeizes ausersehen. Er bekehrte innerhalb dreier Jahre die ganze Familie und sogar deren ganzen Bekannten⸗ und Verwandtenkreis. Nur der Sohn des Hauses, der eines Leidens halber seinen Beruf hatte aufgeben müssen und sich mit An⸗ fertigung baugewerblicher Zeichnungen beschäftigte, setzte allen Bekehrungsversuchen des Stadtmissionars einen energischen Widerstand entgegen und verweigerte die An⸗ teilnahme an den Bibelstündchen, Gebetsübungen und erbaulichen Gesprächen der Pietistengemeinde Das wurmte den Stadtmissionar um so mehr, als er den Bruder des ungläubigen Thomas bereits so fromm gemacht hatte, daß er pietistischer Reiseprediger geworden war. Der Apostel steckte sich nun hinter sämtliche Angehörige des Unbekehrten, die diesem täglich und stündlich mit Bekehrungsversuchen zusetzen mußten. Alle Bitten, man solle ihn doch endlich damit verschonen, waren erfolglos. Das Nervensystem des jungen Mannes wurde schließlich so zerrüttet, daß er nicht mehr arbeiten konnte und sich, wenn er nicht brodlos werden wollte, dazu entschließen mußte, seine Familie zu verlassen. Aber Niemand wollte ihm glauben, daß er nervenkrank sei, Man erklärte die Krankheitserscheinungen einfach für eine Strafe Gottes und verweigerte dem jungen Manne jeden Pfennig Geld, um es ihm unmöglich zu machen, sich außerhalb des Muckerheims eine Lebensstellung zu schaffen. Ueberall klopfte er vergebens an; denn alle Verwandten des jungen Manues, die samt und sonders von dem Stadtmissionar bekehrt worden waren, erklärten das Nervenleiden für eine Strafe Gottes, der man nicht entgegenwirken dürfe, da man ja sonst die Bekehrung des Sünders unmöglich mache. Jetzt ist dieser der Verzweiflung nahe und trägt sich mit Selbstmord⸗ gedanken; die Bekehrungsversuche aber werden ruhig fortgesetzt und der Stadtmissionar erkundigt sich täglich, ob der ungläubige Thomas nicht endlich mürbe ge⸗ worden ist, um sich der pietistischen Mission als Reise⸗ prediger anzuschließen. Die Mucker scheinen also den Jesuiten noch über zu sein. — Eine öffentliche Versammlung findet am Montag(29. August) im Lokale Jesberg statt. Die Tagesordnung, zu der Habicht-Frankfurt sprechen wird, lautet:„Der Sieg der Frankfurter Bauarbeiter und was können wir daraus lernen.“ Aus erstklassigen Kreisen. Der dreißig Jahre alte Freiherr Hugo von Wangenheim, der sich kürzlich vor der Kölner Strafkammer wegen Betrugs und Unterschlagung in idealer Konkurrenz mit Zuhälteret zu verantworten hatte, wurde zu sechs Monaten Gefängnis, unter Anrechnung von drei Monaten Untersuchungshaft, verurteilt. Der Staatsan⸗ walt hatte 18 Monate Gefänguis beantragt. Ein Haftentlassungsantrag der Verteidigung wurde abgelehnt. Hugo v. Wangenstein hatte einem unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehen⸗ den Mädchen die Ehe versprochen, es vorher aber um 700 Mk. gebracht. Dann war er geflüchtet. — Das Kriegsgericht in München verurteilte den Rittmeister, Freiherrn v. Horn, wegen Betruges, Fahnenflucht und Stttlichkeitsvergehens zu 6 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Der Verurteilte ist der Sohn des bayrischen Generals v. Horn.— Leutnant Walter vom 63. Inf.⸗Regt. in Ratibor wurde wegen Unterschlagung und Fahnenflucht in Ungarn verhaftet. Das Ende eines aiten Kriegers. Der„Erfurter Allg. Anzeiger“, ein Ord⸗ nungsblatt erster Güte, das für die Erhaltung unserer herrlichen Zustände schwärmt, mußte kürzlich berichten.„Ein Heimatloser hat vor kurzem im nahen Eichenhölzchen bei Gebesee durch Erhängen seinem Leben ein Ziel gesetzt. Drei alte zusammengebundene Taschentücher haben genügt, um den noch einigermaßen Be⸗ kleideten ins Jenseits zu befördern. Tragisch ist, daß derselbe, wie aus den Papieren hervor⸗ ging, als Halberstädter Kürassier den Todes⸗ ritt bei Mars⸗la⸗Tour mitgemacht hat.“ So sorgt das dankbare Vaterland für seine Kämpfer. Wäre der Mann ein Offizier gewesen, oder gar ein Prinz oder so etwas ähnlich „hohes“, so hätte man für ihn ganz anders gesorgt. Treuer Vorsteher einer Gemeinde. Das Geschäftemachen scheint der Gemeinde⸗ vorsteher Klingenberg von Weißensee fein ver⸗ standen zu haben. Die Gemeindevertretung hat bei der Aufsichtsbehörde ein Disziplinarverfahren und die Suspendierung vom Amte gegen den Gemeindevorsteher beantragt. Beim Ankaufe eines Grundstückes für die Gemeinde soll der⸗ selbe viele Tausende als Proviston in seine Tasche gesteckt haben. Auch sonst soll er das Interesse der Gemeinde und seinen Dienst viel⸗ fach verletzt. Kleine Mitteilungen. k In den Brunnen gefallen. Am Donnerstag früh stürzte in Reißkirchen ein vierjähriger Junge in den 6 bis 8 Meter tiefen Gemeindebrunnen. Das Kind wurde von dem Straßen wärter Geiß gerettet. * Bei der Arbeit verunglückt. In Ber⸗ stadt stürzte vorige Woche der Arbeiter Göbel in die Trommel der Dreschmaschine. Ein Bein wurde dem Unglücklichen zermalmt. Ins Hungener Krankenhaus gebracht, starb er andern Tages.— Schwer ver⸗ letzt wurde ein Arbeiter in Oberscheld bei Dillenburg durch ein nachträglich explodierendes Geschoß bet Errichtung eines Hochofenwerkes. * Eine Mordtat wurde am Sonntag nachts in der Nähe von Dillenburg verübt. Montag früh fand man am Wege nach Manderbach einen verheirateten Backsteinarbeiter, der in der Ströher'schen Ziegelei be⸗ schäftigt war, tot in einer großen Blutlache liegend. Es haben bereits Verhaftungen in der Sache stattgefunden. Partei-Machrichten. Kreiswahlverein Friedberg⸗Büdingen. Die Filialen und Genossen, die noch im Besitz von den seither im Gebrauch befindlichen Ex tramarken sind, werden dringend gebeten, dieselben umgehend an den Kassierer einzusenden, da der Veesandt der neuen Marken erfolgen soll. Die Adresse des Vorsitzenden ist: Georg Repp, Bis⸗ marckstraße 22; des Kassiers: G. Kühn, Langgasse 14. Der Vorstand. Versammlungs kalender. Samstag, den 27. August. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbetterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei L. Sauer„z. gr. Baum“. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Lokale„z. grünen Baum“. T.⸗O.: 1. Bericht von der Kreiskonferenz. 2. Bevorstehende Gemeinderatswahl. Samstag, den 3. September. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahl verein. Abends 8/ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Briefkasten. Junger Bäcker in Wetzlar. Daß den Herren Junungs⸗Bäckermeistern jede neu auftauchende Konkurrenz sehr unangenehm ist und ste dieselbe zu unterdrücken suchen, ist doch eine bekannte Sache. Wenn die von Handwerkshebung reden, so meinen sie natürlich nur das ihre, nicht dasjenige anderer Leute. Aber stören Sie sich nur nicht daran. Liefern Sie gute Ware, machen Sie dabei die Brödchen etwas größer und geben das Brod etwas billiger— da werden Sie ein Bomben⸗ geschäft machen zum Aerger des„Deutschen Haus“⸗ Besitzers.— r.⸗Mrbg. Wir können nicht glauben, daß die Sache richtig ist. Wer wird sich dann vom Vorarbeiter treten lassen! Steinberg, Haiger und andere Einsendungen mußten leider zurückgestellt werden. Seite. Mitteldentiche E onntag- Zeitung. 2. Bericht des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei an den Bremer Parteitag. (Fortsetzung). Den Wahlen zu den Gemeindever⸗ tretungen bringen die Genossen allerorten das größte Interesse entgegen. In Baden sitzen Parteigenossen in 56 Orten, insgesamt über 800 Vertreter in den Ge⸗ meinden. Außerdem weist Baden noch 28 sozialdemo⸗ kratische Gemeinderäte und 3 Bürgermeister auf. In Württemberg zählt die Partei in 61 Orten 112 Partei⸗ genossen als Gemeinderäte und in 52 Orten 127 Partei⸗ genossen als Bürgerausschußmitglieder. In Anhalt hat sich die Zahl der Gemeindevertreter von 12 i. Jahre 1901 auf 40 gesteigert. Ueber den Ausfall der preußischen Landtagswahlen war den Fortschrittlern der Kamm ge⸗ waltig geschwollen. Sie fühlten sich in gehobener Stimmung und gaben in hochtönenden Phrasen der Zuversicht Aus⸗ druck, den Sozialdemokraten Berlins und der Ungegend bei den unmittelbar an die Landtagswahlen anschließenden Stadtverordnetenwahlen eine Anzahl Mandate zu entreißen. Bitter war die Enttäuschung der freisinnigen Wahl⸗ macher. Am 27. November fand die Wahlen für die Erneuerung des Stadtverordnetenkollegiums statt, woran die Partei mit 8 Mandaten partizipierte. Neben der glänzenden Behauptung des Besitzstandes eroberte die Partei noch 5 Mandate. Der Bericht führt im Weiteren noch eine Anzahl erfolgreiche Gemeindewahlen an. Bei den Gewerbegerichtswahlen, die am 27, März v. J. in Essen stattfanden, siegte zum ersten Mal die Liste des Gewerkschaftskartells mit 5873 gegen 5257 Stimmen der christlichen Gewerkschaften. Die letzteren legten Protest gegen die Wahl ein, dem sich das Gewerkschaftskartell anschloß, denn es mußte zugegeben werden, daß die Wahllok litäten unzureichend gewesen wären. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Die Neuwahl fand am 8. Januar statt. Die Liste des Gewerlschaftskartells siegte mit 7888 gegen 7247 Stimmen der vereini ien Gegner. In vielen andern katholischen Orten siegte ebenfalls die Liste der freien Gewerkschaften. Die Maifeier fiel in diesem Jahre auf einen Sonntag. Demzufolge war die Teilnahme an den Festveranstaltungen eine riesengroße. Doch kann dleselbe dafür nicht als Maßstab geltend gemacht werden, daß die Arbeitsruhe als würdigste Form der Maifeier Ge⸗ meingut großer Arbeiterkategorien geworden sel. Noch weniger aber können diejenigen mit dem Ausfall der diesjährigen Maifeier operieren, die der Meinung sind, wenn nicht in absehbarer Zeit die einheitliche Durch⸗ führung der Maifeier in allen Kulturländern gelänge, es besser sei, die Arbeitsruhe für die Maifeier fallen zu lassen. Maifestumzüge wurden in vielen Orten von der Polizeibehörde verboten. Ueber die Parteipresse teilt der Bericht mit, daß die Gesamtauflage derselben schon im März 600000 überschritten hatte. Seitdem haben eine große Zahl unsrer Blätter ihre Auflage wesentlich gesteigert. An der Gesamtauflage partizipiert der„Vorwärts“ mit 84000, das„Hamburger Echo“ mit 44000, die„Leipziger Volksztg.“ mit 36 000, das „Haller Volksblatt“ mit 17500, 2c. Für die Werbe⸗ krast des Sozialismus sind die steigenden Auflagen der Parteipresse das beweiskrästigste Zeugnis. Unsere„Mittel⸗ deutsche“ wird ebenfalls erwähnt und mitgeteilt, daß sie die Feier ihres 10 jährigen Bestehens beging.— Bei den Parteizeitungen und in den Parteidruckereien sind zusammen 1805 Personen beschäftigt. In den meisten Druckereien der Partei besteht der Achtstunden⸗ tag. Eine im März stattgefundene Konferenz der Geschäftsleiter der Parteidruckereien beschloß eine Reso⸗ lution, in der sich die Parteigeschäfte verpflichteten, tunlichst bald a) die achtstündige effektive Arbeits⸗ z eit in ihren Betrieben einzuführen; b) für alle minde⸗ stens ein Jahr im Betriebe beschäftigten Arbeiter Fer ten bis zur Dauer von einer Woche zu gewähren unter Fort⸗ zahlung des Lohnes; c) die Bebdträge zur Invaliden⸗ versicherung ganz zu bezahlen; d) die Differenz zwischen Lohn und Krankenkassen⸗Entschädigung bei im Geschäft erlittenen Unfällen zu vergüten. An Strafen wurden im Berichtsjahre erhebliche verhängt. Insgesamt wurden erkannt auf 43 Jahre, 2 Monate Gefängnis und 21552 Mk. Geldstrafe. Das sind gegen das Vorjahr mehr 7 Jahre Gefängnis und 4500 Mk. Geldstrafe. Sind auch die Opfer groß, die von zahlreichen tapferen Genossen an Freiheit und Gesundheit gebracht werden mußten, so tragen die Prozesse doch viel zur Aufklärung bei. Die meisten Freiheitsstrafen trafen solche Arbeiter, welche von dem Koalitions recht Gebrauch machten und bessere Arbeits⸗ und Lohn⸗ bedingungen herbeiführen wollten. Sind auch die Arbeiter in der Wahl der Mittel vorsichtig, und kommen von Seiten der Arbeiter auch nicht solche Gewaltmittel Unterdrückung der Arbeiter anwenden, so verurteilten doch die meisten Gerichte die Arbeiter zu Freiheitsstrafen und beweisen dadurch, daß auch sie den Spottsatz des römischen Lustspieldichters:„Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe,“ als Rechtsgrundsatz anwenden. Besonders bemerkenswert und von kulturgeschichtlicher Bedeutung waren zwei Prozesse der letzten Monate. In Saarbrücken wurde ein gemaßregelter Bergmann, der Genosse Krämer, angeklagt und zu drei Monaten Ge⸗ fängnis wegen angeblicher Beleidigung der Leiter der königlichen Bergwerke im Saarrevier verurteilt. In diesem Prozeß wurde die Praxis des„sozialen König⸗ tums“ aber so bloßgestellt, daß wohl selbst die welt⸗ fremdesten Professoren und größten Schmeichler des Hohenzollernhauses sich scheuen werden, je wieder die Phrase vom sozialen Königtum zu gebrauchen. Von hoher politischer Bedeutung war der Königs⸗ berger Prozeß. Als derselbe eingeleitet wurde, er⸗ kannten unsere Genossen, daß der Prozeß die deutsche Politik und die deutsche Rechtsprechung vor dem Auslande blamieren werde. Sie setzten alle Hebel an, jene Blamage zu hindern. Wo und wie sich im Reichstage Gelegenheit bot, wurde die Regierung auf das blamable Treiben aufmerksam gemacht. Aber der Reichskanzler Graf Bülow und die preußischen Minister glaubten Rußland einen Llebesdienst erweisen zu müssen. Die russische Polizei hatte auch wohl nicht ihre Zustimmung zur Einstellung, des Verfahrens gegeben, weil sie wohl glauben mochte, daß nur Deutschland resp. Preußen sich dabei blamieren könne. Aber die deutschen und preußischen Minister sowie die russische Polizei täuschten sich gewaltig. Nicht nur die deutsche Politik und Rechtsprechung, sondern anch das gewalttätige blutdürstige und korrupte System des russischen Absolutismus wurde vor der Welt bloßgestellt, wie noch nie. Es zeigt sich, daß die Staatsmänner und Richter noch immer glauben, mit Strafen eine Kulturbewegung aufhalten oder Handlungen hindern zu können, die natur⸗ gemäß aus den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen hervorgehen. Ganz wider Willen wirken sie agitatorisch für die Bewegung, die sie bekämpfen wollen. Werden auchzahlreiche Vorkämpfer des Proletariats schwer geschädigt, indem sie Freiheitsstrafen erdulden müssen und hierdurch oft an ihrer Gesundheit leiden, so wirken die Strafen doch in der Regel auf den Bestrasten und die Massen der Arbeiter begeisternd. Der Kampfesmut steigt, wenn Leute, die nach ihrem besten Wissen und Können für das Wohl der Arbeiter eintreten, wegen Handlungen und Aeußerungen bestraft werden, in denen sie selbst und kein Arbeiter eine Rechtsverletzung erblicken, wegen Hand⸗ lungen, die oft erst durch künstliche juristische Ausleg⸗ ungen zu Vergehen oder Verbrechen im Sinne des Strafgesetzes gemacht werden. Die Parteisinanzen. Die Gesamteinnahmen haben sich im abgelaufenen Rechnungsjahre ziemlich in gleicher Höhe wie im Vor⸗ jahre gehalten. Die allgemeinen Einnahmen, welche auch die eigentlichen Parteibeträge enthalten, sind sogar um 17 922,31 Mk. gestiegen. Dagegen sind die Aus⸗ gaben, die infolge der Reichstagswahlen im vorigen Rechnungsjahre besonders hohe waren, und rund 191000 Mk. gegen das Vorjahr niedriger. Höher geworden sind die Ausgaben für allgemeine Agitation, Unterstützungen, Prozeß⸗ und Gefängniskosten, Reichs⸗ tagskosten und Verwaltung um insgesamt rund 60 000 Mk. Niedriger waren die Ausgaben auf Darlehens konto und für Preßunterstützungen. Eine Anzahl von Preß⸗Unter⸗ nehmungen, die durch Jahre hindurch Beihilfen aus der Zentralkasse benötigten, haben sich geschäftlich so konso⸗ lidiert, daß sie nicht uur ohne Zuschüsse auskommen, sondern bereits anfangen Ueberschüsse abzuwerfen. Der besonders günstige Kassenabschluß des letzten Jahres ist überhaupt in erster Linie den Ueberschüssen unserer großen Geschäfte zu verdanken. Bezüglich der eigentlichen Parteibeträge ist, mit Ausnahme der bekannten Parteiorte, die, mit Berlin an der Spitze, von jeher Mustergültiges geleistet haben, eine wesentliche Besserung nicht eingetreten. Anerkannt muß indes werden, daß die süddeutschen Parteiorgani⸗ sationen in höherem Maße,] als ihnen dies früher möglich war, Beiträge an die Zentralkasse abgeführt haben. Bei den fortgesetzten Hetzereien der Scharfmacher⸗ Kliquen, die sozialdemokratische Partei wieder unter ein Ausnahmegesetz zu stellen, wird es unsere Parteimitglieder interessieren zu hören, daß bereits vor Jahren ein Parteigenosse unter dem Titel„Juliusturm“ einen Fonds in Höhe von 50 000 Mk. gestiftet hat, der nur in Not⸗ fällen unter bestimmten Voraussetzungen seitens des Gesamtvorstandes angegriffen werden darf. Die Zinsen dieses Fonds, dessen Bestehen wir auf Wunsch des Stifters erst jetzt mitt len, fließen wie bisher der Zentral⸗ kasse zu.— Fließen im neuen Geschäftsjahre die Ein⸗ nahmen wie in den beiden letzten Jahren, dann kann die Partei eine erhöhte organisatorische und agttatorische Tätigkeit entfalten und sie kann diese Tätigkeit auch auf bisher noch unerschlossene Gebiete Deutschlands in Anwendung, wie sie die Unternehmer in den Kartellen zur Steigerung der Preise ihrer Waren, oder gar zur gaben die bereits sprichwörtlich gewordene Op ferfreudigkeit unserer Parteigenossen abermals bewähren! Der Kriegs-Schrecken. Wie ganze, sonst tapfere Truppenkörper im Kriege von Entsetzen und Todesfurcht gepackt werden und sich zur Flucht wenden, von der ste keine„Disziplin“ und kein Machtwort eines Kommandierenden abhalten kann, schildert der Kriegs⸗Korrespondent eines russischen Blattes. Er gibt einen Bericht von der Schlacht bei Wafankau und beschreibt darin, wie eine Panik unter den russischen Soldaten durch die japanischen Granaten hervorgerufen worden war. „Habt Ihr jemals gesehen,“ schreibt er nach der Frkf. Z1g.,„wie Leute das Schlachtfeld ver⸗ lassen, sich zurückziehen, weglaufen— nennt es, wie Ihr wollt! Großer Gott, möge Euch der Anblick einer so vollständig verlorenen Armee erspart bleiben. Ich sehe die Soldaten an und kann es nicht versteßen. In dichtgedrängten Massen drängen sich die Leute in das Tal, das sich in den Bergen nach Norden windet, in vollster Unordnung, schweigend, eilig. Keinen Blick wenden sie zur Seite. Es ist wie ein Strom, der seine Ufer überschritten hat und der einzigen möglichen Oeffnung zufließt. Diese ganze große Masse ist sinnlos; blind und dumm strebt sie den Bergen im Norden zu. Die Leute hinten treiben die Leute vor sich vorwärts und selbst wenn einer stehen bleiben wollte, kann er es nicht. Unabänderlich wird vorwärts gedrückt. Ich kam selbst vom linken Flügel und war davon überzeugt, daß unseren Truppen der Sieg gehörte. Die Soldaten sahen mich nicht einmal an.„Wo geht Ihr denn hin?“, rufe ich. Sie schweigen.„Haben Sie die Flanke des Feindes um angen? Warum gehen Sie nach Norden? Dort ist Sieg, Soldaten, auf den linken Flügel. Die Japaner sind geschlagen!“ Keiner hört auf mich. Keiner scheint das Wort Sieg zu ver⸗ stehen. Mögen die anderen sich freuen, mögen sie lachen, aber hier bersten die Schrapnells über den Köpfen dieser Leute, und jeder hat nur den einen Gedanken— weglaufen. Endlich traf ich einen Offizier.„Was soll das heißen?“ Er antwortete:„Ich habe den Befehl erhalten, zurückzugehen.“„Wo sind Sie gewesen?“ Im Zentrum.“„Aber so halten Sie doch! Gene⸗ ral Gerngroß hat die Japaner geschlagen, und Sie laufen weg. So versuchen Sie doch die Leute zu halten, ich kann es nicht.“„Halt!“ rufe ich. Der Offizier tut das Gleiche.„Zweite mit. Die zweite Kompagnie nimmt absolut keine sich vorwärts. Kompagnie führt: schulin laufen?“ mir ists gleich“, „Wollen Sie so bis Fent⸗ antwortete der Offizier.„Aber will mir befehlen, hier zu bleiben 2“„Schicken Sie zum Korpskommandanten!“ 5 kommandant konnte nicht gefunden werden. 5 1 * 4 Der Bekehrte. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. Außer der Thetis Kriegsdampfer dort vor Anker, schien, jetzt abzulösen hatten. Er machte wenigstens nach den Depeschen, die ihm der Kapitän der Thetis übergab, schleunigst zur schnell als möglich eine Quantität Kohlen an ausdehnen. Möge sich auch gegenüber diesen neuen Auf⸗ Bord nehmen. Die Thetis borgte ihm daz Kompagnie halt!“ schreit er laut und ich schrie Notiz von dem Befehl. Schweigend schtebt sie 9 Ich frage den Offizier, der die „Meinetwegen zum Teufel, hier sind Sie vielleicht nötig,“ sage ich. Wer Der Korps⸗ CS N SS Unterhaltungs-Cril. 5 0 8— 2) I (Fortsetzung.) 1 2. N Die Gelegenheit sollte sich ihm bald bieten. 5 lag aber noch ein englischer den ste, wie es Abfahrt bereit und mußte, diese zu beeilen, so. satiol wiede auf. berflo mene erhielt atmen an und drängten Tal, das det, in Keinen wie ein und der „ Diese D dumm dle Nute ürts und kann er gedrückt. nd war der Sieg t einmal ich. Sie ö Feindes Norden? 1 Flügel hört auf hu ben u, mögen gell über nur den traf ich en?“ Er erhalten, 190 In 2—— * — 2 i A Nr. 35. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. ihre Mannschaft, und die Boote fuhren an Laud, das Material, so rasch als es gehen wollte, einzuladen. Wie bald sie damit fertig wurden, hat aber Patrick O' Kearney nie erfahren. Denn noch war das erste Boot nicht halb gefüllt und er eben wieder die Landung hinaufgeschickt, mit dem Rest seiner Wacht die oben schon gefüllten Säcke herunterzutragen, als er seine Zeit vor⸗ trefflich gut abpaßte, den wachttuenden Ser⸗ geanten der Marine, der dort oben hinbeordert war, ein Desertieren der Matrosen zu verhüten, mit einem kunstgerechten Schlag zu Boden warf und wie der Blitz in die engen und winkligen Straßen und Schluchten Valparaisos hinein⸗ sprang, in denen er auch gleich darauf spurlos verschwand. Von seiten des englischen Konsuls wurde allerdings ohne Zögern die vortreffliche chile⸗ nische Polizei aufgeboten, des Flüchtigen wieder Piper zu werden, doch umsonst. Durch den rüheren Schaden k ug gemacht, brachte er die Stadt und ein gut Stück Land bald zwischen sich und seine Verfolger und hielt sich in einem kleinen Städtchen, am Fuße der Kordilleren, tief im Innern des Landes versteckt, um dort so ruhig wie möglich das Segeln seines Schiffes abzuwarten. b Kriegsschiffe aber, die in irgend einem Hafen stationiert sind, verlassen diesen nicht sobald wieder, sondern halten sich dort oft Monate auf. So war auch weit über ein halbes Jahr verflossen, ehe Patrick O' Kearney die willkom⸗ mene Kunde von dem Segeln seines Schiffes erhielt und er endlich einmal wieder frei auf⸗ atmen durfte. Patrick O' Kearney hatte sich indessen trotz der halben Gefangenschaft vortrefflich amüsiert, und in einer chilenischen Familie, die ihn auf das freundlichste aufgenommen, so vollkommen gut und häuslich eingerichtet, daß er schon fast wie mit zu ihnen gehörte. Von offenem Kopf und einem großen Teil Mutterwitz, war es ihm auch in der Zeit schon so ziemlich gelungen, der spanischen oder der kastilanischen Sprache vielmehr, wie die Chilenen sagen, mächtig zu werden. Er begriff wenigstens genug davon, alles zu verstehen, was zu ihm gesagt wurde, und war im Stande, das, was er den Leuten sagen wollte, so ziemlich deutlich herauszubringen. Die oft drollige Aussprache des Fremden mit seinen eigenen gesunden Einfällen machten ihn dabei nur noch beliebter. Die guten Menschen lachten ihn auch wohl manchmal aus, halfen ihm jedoch auch jedesmal zurecht, und Patrick, der dabei seinen Wirten mit eisernem Fleiße zur Hand ging, war bald der allgemeine Lieb⸗ ling im ganzen Städtchen. Daraus würde er sich nun allerdings nicht so viel gemacht haben, aber— was mehr sagen wollte— er war auch der Liebling der Tochter des Hauses, der reizenden Beatriz, geworden, die ihn vor allen anderen jungen Leuten aus⸗ — en zeichnete. Der arme Patrick aber wurde auch wirklich bald von ein paar Dutzend Messern heißblütiger Nebenbuhler bedroht, die sich den fremden Eindringling nicht wollten gefallen lassen. Den kecken Iren kümmerte das aber entsetzlich wenig. l „Arrach Honey,“ hatte er gesagt, als ihm einer der jungen Chilenen mit der Hand am Dolch zur Rede stellen wollte,„hab' auf deine eigene Nase acht,“ und gab dabei dem hitztgen jungen Burschen einen solchen Schlag zwischen gebracht werden mußte. die Augen, daß er eine volle Stunde lang be⸗ wußtlos liegen blieb und mit kalten Umschlägen und Augenbädern erst wieder zur Besinnung Das schien wohl den Fremden bei den übrigen in Respekt gesetzt zu haben und wenn ihn Beatrizens verschiedene Anbeter deshalb auch nicht mit freundlicheren Augen ansahen, ließen sie ihn doch zufrieden. Der Chilene ist überhaupt lange nicht so blut⸗ gieriger Natur, wie sein östlicher Nachbar. Und Judith 2— Ja lieber Gott, von Chile nach Irland war ein weiter, weiter Weg. Wäre er aber selbst zurückgekehrt, hätte er denn nach dem, der Tante geschriebenen wirklich groben 1 Brief deren Haus je wieder betreten dürfen? Und dann Beatriz, die dunkelglühenden Augen des wunderschönen Mädchens hatten sich tief in sein Herz gebohrt, und Patrick gehörte leider Gottes zu jenen heißblütigen flatterhaften Ge⸗ sellen, die einem schönen Gesicht nun einmal nicht in die Augen schauen können, ohne Feuer zu fangen. Hier bei der bildhübschen, schwarz⸗ haarigen Tochter des Südens brannte er schon lichterloh. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn da auch hier eines Abends die Erklärung der alten Dame, Beatrizens Mutter, daß sie— nie einem Protestanten die Hand ihrer Tochter geben dürfe. Die Gesetze litten das überhaupt nicht, und ein solcher Bund würde von keinem Geistlichen eingesegnet werden. Und wie herzlich und herzbrechend hatte Beatriz dazu geweint, als ste erfuhr, daß er ein Protestant sei, und wie innig ihn gebeten, das Heil seiner Seele zu bedenken, jetzt da es noch Zeit sei, und in den Armen der allein seligmachenden Kirche Schutz gegen des Teufels Macht zu suchen. „Es ist doch eine höchst auffallende Sache,“ dachte Patrick bei sich,„daß ich gar nicht im⸗ stande bin, mich in ein protestantisches Mädchen zu verlieben. Immer kommt mir das verzwei⸗ felte Glaubensbekenntnis quer über den Weg, und— ich werde wahrhaftig noch am Ende Katholik werden müssen— es ist ordentlich, als ob es so sein sollte.“ „Als ob es so sein sollte“— ja wohl, das ist so unser gewöhnliches Sprichwort, wenn uns das Schicksal, wie wir meinen, aus dem befah⸗ renen Geleis hinaus und auf einen fremden Acker wirft— all unseren früheren Berechnungen zum Spott und Trutz—„als ob es so sein sollte,“ es ist die beste Ausrede, die wir dann meistens bei der Hand haben. Patrick ging ja übrigens auch noch etwas anderes im Kopfe herum. Beatriz war erstens ein bildhübsches und sogar sehr wohlhabendes Mädchen, denn ihr Vater hatte in und um Santa Rosa ziemlich bedeutende Besitzungen, und dann, wie freund⸗ lich, wie herzlich hatte ihm die alte Dame zu⸗ gesprochen, ihrem Glauben sich zuzuwenden. Keine Drohung, kein Zorneswort gegen seinen Glauben, gegen den Glauben seiner Vorfahren war dabei über ihre Lippen gekommen; und selbst der alte würdige Geistliche, der das Haus jetzt öfters als je besuchte, wie gutmütig, wle zutraulich hatte er mit ihm, dem Ketzer, stets gesprochen, und wie hochfahrend und grimmig war dagegen Pater Anselm zu Hause stets ge⸗ wesen, wenn er nur in dessen Nähe kam. Aber Judith— es ist wahr, die Erinnerung an das wackere rotbäckige, frische Kind, trat ihm, wenn er allein war, wie ein zürnender Engel vor die Seele. Sobald er aber wieder die tiefdunklen Sterne Beatrizens auf sich ge⸗ richtet fühlte, und in den magischen Zauberkreis kam, mit dem die Nähe des wunderschönen Mädchens ihn jedesmal umstrickte, so war die Judith mit allen ihren Gewissensbissen auf ein⸗ mal rein vergessen. Nur der alten bösen Tante dachte er dann noch und des Pater Anselem — als ob Judith damals nicht gerade so viel gelitten hätte, wie er selbst— und er suchte es sich dabei selber weis zu machen, daß er mit seiner Liebe für die junge Chilenin eigentlich 1910 1525 Tante und den Pater Anselm ärgern wollte. 3 So vergingen wieder einige Monate. Ein junger Mann war in der Zeit oft in das Haus gekommen, und Patrick hatte ihn im Anfang mit etwas eifersüchtigen Blicken betrachtet, wie er aber bald fand, von ihm in seiner Liebe nichts zu fürchten. Carlos, wie der junge Mann hieß, schien ein naher Verwandter der alten Dame zu sein und stand mit ihr auf sehr ver⸗ trautem Fuße, machte der Tochter auch nicht im mindesten den Hof, ja hatte kaum von seinen — Patricks— Absichten auf ihre Hand gehört, als er dem Iren selbst auf das freundlichste zuredete, zu ihrem Glauben zu übertreten und dadurch auch das letzte Hindernis zu entfernen. Es tut mir leid um Patrick; aber ich kann dem Leser das endliche Resultat nicht verschweigen mer war wirklich schwach genug, das hier in Chile zu tun, was er in Irland mit Entrüstung zurückgewiesen. An einem schönen Nachmittage hielt er, der arme pfenniglose, fremde Ire um die Hand der reichen, wunderreizenden Farmers⸗ tochter bei der Mutter an, und wurde nicht zur Tür hinausgeworfen, sondern die alte Dame erklärte ihm ganz freundlich, daß ste ihn liebe, lieb wie einen Sohn hätte, aber seiner Seele Heil liege ihr mehr am Herzen, als sein leib⸗ liches Wohl. Sie wolle auch deshalb jetzt auf seinen Antrag gar nichts erwidern, der bleibe der Zeit anheimgestellt, aber vorher würde es sie und— Beatriz glücklich machen, ihn in die Arme ihrer Kirche aufgenommen zu sehen. Patrick ging an dem Nachmittage wie in einem Traum herum, aber am nächsten Morgen schloß er sich mit Pater Antonius den ganzen Vormittag ein und mittags hatte er diesem die feste Erklärung gegeben, daß er, wie er meinte, ein Katholik, wie der Pater aber sagte, ein Christ werden wolle. Er ging selber hinüber, der zukünftigen— Schwiegermutter seinen Entschluß mitzuteilen, und diese sprang, wie sie die frohe Kunde ver⸗ nahm, von ihrem Stuhl auf, warf die Papier⸗ zigarre fort und fiel dem etwas überraschten jungen Manne eigenhändig um den Hals. Aber Beatriz, die mit Carlos gerade das Zimmer betrat, hörte kaum von der Mutter Lippen die frohe Botschaft als sie mit einem gar so lieben zauberischen Lächeln auf ihn zuging, ihm die Hand zum Danke bot und es still und errötend duldete, daß er sie— er glaubte sich die kleine Vorausbezahlung verdient zu haben— ohne weiteres umfaßte und herzlich abküßte. Carlos ging leer aus. (Fortsetzung folgt.) — r NU Splitter. Die Wahrheit ist stärker als ihre Gegner: sie überwindet ste; stärker als ihre Verteidiger: sie braucht sie nicht. Mensch dir wäre besser gewesen, Hättest du Glauben, hätt'st du Gebet, Nimmer gekannt und die Schrift nur gelesen, Die im Herzen geschrieben Dir steht! Denn die höchste der Religionen Ist die Liebe! Hörts ihr, Nationen! A. F. Graf von Schack. Um seinen Verstand auszubreiten, muß man seine Bedenken einschränken. Vinet. Lessing. Numoristisches. Ein Reinfall. Der Wirt eines oberhessischen Dorfes be⸗ merkte, daß die Zigarren in seiner Wirtschaft rascheren Absatz fanden, als ihm nach den da⸗ für erzielten Einnahmen lieb war. Der Ver⸗ dacht, die Schuld an dieser Differenz zu tragen, lenkte sich auf einen der Gäste, aber der Nach⸗ weis war nicht so einfach. Da kam unserem Wirt ein Einfall. Ehe der verdächtige Gast kam, begab sich der Wirt mit einem leeren Zigarrenkistchen in den Kuhstall, das er bald wohlgefüllt zurückbrachte und schmunzelnd auf den Schenktisch stellte. Der„treue“ Stamm⸗ gast kam auch bald. Der Wirt verließ das Zimmer, aber nur auf einige Augenblicke. Bei seiner Rückkehr war der reingefallene Zigarren⸗ liebhaber eifrig beschäftigt, sich mit dem Taschen⸗ tuch die Finger zu reinigen, die einen Fehlgriff getan hatten. Nach Ersatzleistung für die frü⸗ heren glücklicheren Griffe wurde der Gast, der froh war, daß er nicht der Polizei überliefert wurde, an die frische Luft gesetzt, die hoffent⸗ lich einen recht wohltuenden Einfluß auf ihn ausübte. Die Schutzpatrone der Bergleute.„Haben denn die Bergleute auch einen Schutzpatron?“—„Na⸗ türlich, sogar drei, St. Michael, Raphael und Gabriel.“ —„Warum denn gerade die?“—„Nun, das sind doch die Erzengel.“ Zur Uebung.„Wo reiten die Ulanen hin, Papa?“—„Nach dem Tempelhofer Felde.“—„Was machen sie denn da?“—„Stoob!“— Vor dem Sraßburger Münster.„Warum mag der eine Turm nicht vollendet sein?“—„Wahr⸗ scheinlich sind damals die Bankdirektoren schon vor der Vollendung eingesperrt worden.“ —— ——:.— —— —— —.— —— g i ——ů———ꝛ———.— 5 2 a N 2— — ——— Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. i Seite b. i 5— 6 Es gibt kein Geschäft Hessens, welches dem reellen Arbeiter dieselben Vorteile bietet wie der Oberhess. Kleider-Bazar Marburg a. d. Lahn Offeriere aus meinem Riesenlager(meine Räume umfassen Frauereiarb.-Verband, Tahlstelle Giessen. Sonntag, 28. August, nachm. 3 Uhr Feier des. Stftungsfestes in der Restauration Zur Pulvermühle, bestehend in Konzert, Tanz, Volksbelustigung und Kinderspielen Wir beehren uns hierzu sämtliche Gewerkschaften, sowie Kol⸗ legen von Gießen und Umgebung freundlichst einz aden. Eintritt 20 Pfg. Das Festkomitee. Carl Müller Giessen, Plockstr. 12 empfiehlt sein reichhaltiges Lager in Reisekörben Kinderwagen Waschkörben Sportwagen Marktkörben Leiterwagen Ta schen Holzkoffer Tür vorlagen Handkoffer Alle Arten Bürsten u. Besen, Haus⸗ u. Küchengeräte zu billigen Preisen Konsum- Verein 5(E. G. m beschr h.). Bilanz am 30. Juni 1904. l. Aktiva: Passiva: A. Kassenbestand 3284.53J Anteil der Mitglieder 3762.50 Anteil bei der Groß⸗ Reservefond 256.15 einkaufsgesellschaft 324.100 Guthaben d. 1 1574.67 Warenvorrat 3723.80[Noch zu zahl. Unkosten 87.25 500 Inventar nach 10% Absch. 882.—[Kautionenkonto. 36.80 Ausstände 616.12 Nichterhobene Dividende Emballage 50.— Reingewinn 2663.18 8880.55 8880.55 Mitgliederstand am 1. Juli 1903.. 230 ausgeschieden 16 eingetreten 8 42 Mitgliederstand am 30. Juni 1904 272 Die Haftsumme beträgt 8160.— Mk. Gießen, den 12. August 1904. Für den Vorstand: Michael Kessler, Geschäftsführer. Paul Niewisch, Kassierer. Für den Aussichtsrat: Karl Orbig, Vorsitzender. Sonntag, den 4. September 1904, nachm. 3 Uhr im Gambrinus(Albold), Kirchstraße: Oräentl. Generalversammlung. Tagesordnung: 1, Bericht über das abgelaufene Geschäfts⸗ jahr. 2. Kassenbericht. 3. Genehmigung der Jahresrechnung. 4. Remunerationen. 5. Ausschluß von Mitgliedern. 6. Wahl des Borstandes u. Aufsichtsrats. 7. Etwaige Anträge. 8. Verschiedenes. Vm pünktliches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Schirme Spazierstöcke kauft gut und billig in der Csseler Schirmfabrili Giessen, Seltersweg 9. Marburg Fulda Cassel Schirme werden repariert und neubezogen. Lassalle-Feler Sonntag, den 23. August, nachm. halb 4 Uhr: Oeffentliche Jersammlung im Saale„Zum schwarzen Walsisch“ in Gleiberg. Vortrag des Stadtv. Ed. Krumm- Giessen über: „bie Bedeutung Ferdinand Lassalles ffir genen Bens n beben fd. die Arbeiterklasse“. Zahlreichen Besuch erwartet 3000 Quadratmeter): gurkin-Barren Auge — Tederhosen in 0. schwerste Qualität. 4 2 Kammgarn- u. Cheviot-Anzüge, blau, hrann. schwarz 13,00„ Allerfeinste Herren-Anzüge, mit Seitentaschen, beste Verarbeitung 5 5 5 5 in prima Kammgarn, Cheviot, gurkin, in Ia. Qualität, früher 15 Mk., jetzt 6,00„ Herr.-Burkin-Hosen, in bester Ware, früh. 9 Mk.,„ Saccos in bester Ware, Kadfahrer Anke; früher 3 3,00„ O Mk., jetzt 2 10,00„ Qualitäten g 8 5 von 3,00„an 3,00 5 55 Burkin-Hosen, neneste Muster, mod. verarbeitet„ Manchester⸗Hosen, Mauchester⸗Röcke, Joppen und Westen.— Blaue Sammthosen, Filzhüte. Strohhüte von 10 Pfg. au. 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