aten! — Nr. 48. Gießen, den 27. November 1904. 11. Jahrgang a Redaktion: Nedaktionsschluß; Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhse 3 N Anntags⸗ Mitteldeuts che n eitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die 2 JInserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Sozialdemokratie und Landwirtschaft. Unsere Gegner bemühen sich stets, den Bauern einzureden, daß die Sozialdemokratie ihnen, überhaupt der Landwirtschaft feind⸗ lich gegenüberstehe. Das behaupten nicht bloß die bezahlten Agitatoren des Bundes der Land⸗ wirte, sondern auch die Kreisblatt⸗, antisemitische 2c. Presse leiert dieses Thema in kurzen Zwischen⸗ räumen immer wieder herunter. Da werden einzelne Sätze aus Schriften und Reden einzelner Sozialdemokraten aus dem Zusammenhang herausgerissen und oft in gefälschter Form den Bauern als Beweise für die Bauernfeindschaft der Sozialdemokratie vorgeführt. Erst in der vorletzten Nummer beschäftigten wir uns mit einem derartigen Produkt, das der Gießener Anzeiger seinen Lesern zu servieren sich nicht schämte. Es war ein Sammelsurium von Zitaten, die schon ein sehr respektables Alter aufwiesen und zum Teil gefälscht waren. So der angebliche Satz des Vorwärts, der geschrieben haben sollte:„Die Ernte gehört nicht den Bauern“, während er richtig lautete: „Die Erde gehört nicht den Bauern“. Kein Mensch wird darin, daß der Vorwärts diese Binsenwahrhett aussprach Feindschaft gegen die Bauern herausdestillieren können, während das Fälscherkunststückchen allerdings geeignet war, die Bauern auf uns zu hetzen. Natürlich konnte es sich auch das antisemi⸗ tische Papier in Friedberg nicht versagen, dem in Gießener Amtsblatt zum soundsovielten Male aufgetischten Schwindel wiederzukäuen. Sonst hält das Anttsemitenorgan durchaus keine Freundschaft mit dem Amtsblatt, gilt es aber die Sozialdemokratie zu verdächtigen, gehen beide brüderlich Arm in Arm. Heute lassen sich aber die Bauern nicht mehr so leicht ver⸗ hetzen. Der Erfolg der Verleumdungen bleibt hipter den Erwartungen zurück. Das mußte neulich selbst das Blatt des Herrn Hirschel eingestehen. Es teilte nämlich aus der Zu⸗ schrift eines seiner Vertreter mit, daß dieser den antisemitischen Landkalender nicht absetzen könne, weil die Bauern auf den soztal⸗ demokratischen Landkalender warten! Trotzdem man seit vielen Jahren die Sozial⸗ demokraten als Bauernfeinde schwarz macht! Die Bauern wissen's besser. Warum sollte die Sozialdemokratie bauernfeindlich sein! Sie hat kein Interesse daran, daß die Landwirtschaft und die durch ste Beschäftigten irgendwie in ihrer Eutwicklung und Lebenshaltung beein⸗ trächtigt werden. Je eher es den Bauern möglich ist, mit ihren Angehörigen aus dem Ertrag ihres landwirtschaftlichen Betriebes zu leben, je weniger sind sie gezwungen, den Kreisen der Industriearbeiter Konkurrenz zu machen. Aber diese Möglichkeit ist in den letzten Jahrzehnten, und zwar nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, immer mehr selbständigen Landwirten genommen worden. Vielen Land⸗ wirten genügt der Ertrag ihres eigenen Grund und Bodens längst nicht mehr, ihren Nach⸗ kommen auf diesem Besitz eine gesicherte Zukunft zu garantieren. Sie sind gezwungen, eines rer Kinder nach dem andern der Industrie 18 Arbeits⸗ und Ausbeutungsobjekte aus zu⸗ liefern, und der von diesen verdiente Arbeits⸗ lohn hat in vielen Fällen dazu dienen müssen, den landwirtschaftlichen Betrieb aufrecht erhalten zu können. Damit wird der Bauer wesentlich an der Entwicklung der Industrie interesstert, es kann ihm nicht mehr gleichgültig sein, wie die Arbeits verhältnisse der Industriearbeiter sich gestalten, ob die Industrie sich fortentwickelt oder stille steht. Es kann ihm also auch nicht mehr gleichgültig sein, ob die Sozialdemokratie mit ihren Bestrebungen um Hebung der Lage der Arbeiter Erfolg hat oder nicht. Für den Landwirt kommt als Besitzer von Grund und Boden die Steuergesetzgebung sehr in Betracht. Die Sozialdemokratie tritt auf diesem wichtigen Gebiet für die vollste Gerechtigkeit, für Besteuerung nach der Leistungs⸗ fähigkeit ein, also auch hier hat der Bauer kein Rue an der Bekämpfung der Sozialdemo⸗ ratie. Der Bauer braucht die Ausdehnung der politischen Rechte und die Ein⸗ schränkung des Militarismus und der Militärdienstzeit so gut wie der Arbeiter. Gerade in der Zeit, wo die Söhne der Land⸗ wirte ihren Vätern von Nutzen wären, werden sie auf Jahre hinaus in die Kaserne gesteckt. Auch in diesen Dingen tritt die Sozialdemokratie für die Interessen der Landwirte ein, so daß also kein Grund für diese besteht, der Soztal⸗ demokratie die Vertretung ihrer Interessen un⸗ möglich zu machen. Daß ganz besonders die Handelspolitik im Sinne der junkerlichen Agrarier den kleinen und mittleren Bauern nur Schaden bringen würde, ist bei der Abhängigkeit der Existenz dieser Gruppen von der Entwicklung der In⸗ dustrie ganz erklärlich und wird von allen objektiv denkenden Männern zugegeben. Auch hier ist die Sozialdemokratie die Partei, deren Standpunkt am meisten den Interessen der Bauern entspricht. Nicht bekämpfen darf also der Bauer die Sozialdemokratie, sondern er muß ihr Erfolg wünschen, er muß sie in ihren Bestrebungen unterstützen, weil er von diesem Erfolg nur eine Beseitigung aller politische: und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten zu er⸗ warten hat. Vom„ewigen Leben.“ Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, Wir kennen auch die Verfasser. Heine In seiner Totensonntagsnummer bringt der „Frankfurter Generalanzeiger“ an leitender Stelle eine fromme Betrachtung über das ewige Leben von R. Falke. Auch ein Zei 0 Zeit! Zuerst kommt, wie gewöhnlich b elegenheit, ein an sich sehr schönes, überhäufige Wiederholung etwas ah Bibelwort, in dem unser flüchtiges rasch welkenden Blumen verglichen wir. wird behauptet, daß nur der Glaube ewiges Leben uns die„freie Posttion“ über den Dingen dieser Welt ermögliche. geht nichts über eine schöne Elikette besoagt der Ausdruck in Wirk ken? auf die ewige Seligkeit abzutun. er geistliche Herr, fern dem großen Ringen der regelmäßigen Kirchenbesuchern gehört. Zeit um eine höhere Kulturstufe, in Gemütsruhe sein Gehalt verzehren. O, welch' schwere, schwere Moral! Wenn aber nun unsern armen leidenden Mitmenschen der himmlische Trost nichts hilft, weil sie nicht an ihn glauben können? Ja, das ist doch dann ihre Schuld! Diese niedrigen Diesseitssorgen brauchen doch einen christlichen Geistlichen nicht anzufechten! Fühlen Sie nicht selbst, Herr Pfarrer, ein bißchen von der Ironie, die in dem Wort von der„freien Posttion“ liegt, wenn es jemand ausspricht, der in den irdischen Dingen so „freie Position“ gefunden hat, wie Sie? Anzuerkennen ist, daß Sie den Leuten den Glauben an das Jenseits wenigstens möglichst leicht machen, indem Sie einräumen, daß kein Sterblicher über das„Wie“ dieses Jenseits nähere Auskunft zu geben in der Lage sei. Aber wie wär's, wenn wir noch ein kleines Schrittchen in der Toleranz weiter gingen? Zugegeben nämlich, daß kein Häckel und keine Natur wissenschaft den Jensettsglauben wider⸗ legen kann, so kann ihn andrerseits doch auch kein Theologe beweisen, nicht wahr? Denn das verrät uns ja jedes Lehrbuch der Logik (3. B. Wundt), daß der„Glaube“ immer just erst da anfangen kann, wo das Be⸗ weisen, und damit das Wissen aufhört. Also, meine ich, wollen wir doch auch keinen, unsrer Mitmenschen deshalb allein schon irgend⸗ wie hinter uns stellen, weil er unsern Jenseits⸗ glauben nicht teilt? Oder? Aber da fällt mir ein, Sie„glauben“ ja gar nicht an die Existenz solcher Menschen, da Sie schreiben, Häckel, dem einen Mann, ständen die Millionen der Jenseitsgläubigen entgegen! Der alte hinkende Beweis ex con- sensu gentium, aus der allgemeinen Ueberein⸗ stimmung. Wie, meinen Sie wirklich, alle denkenden Menschen so unbedingt auf Ihrer Seite zu haben, daß ein Anhang für Häckel überhaupt nicht mehr übrig bliebe? Sind nicht doch vielleicht die„Welträtsel“ in etwas mehr Exemplaren unter das Volk gekommen, als etwa ein Buch von Ihnen? Und glauben Sie, daß man schöne Bücher, wie die von Bölsche, dem feinsinnigen Verbreiter der Entwicklungs⸗ idee, nur läse, um sie bei sich zu widerlegen? An die paar Millionen Sozialdemokraten haben Ste wohl zufällig auch nicht gedacht, als Sie jenen Satz geschrieben? Und ferner scheint Ihnen bisher noch entgangen zu sein, daß nicht gerade die Mehrzahl der Gebildeten zu den Und das müßte uns doch immerhin auch in der Jenseits⸗ frage zu einiger Vorsicht im Urteil mahnen. Daß in unserem Jahrhundert so oberfläch⸗ liche Anschauungen noch sich in der Oeffentlich⸗ keit spreizen können! Aber freilich, was ist in einer Zeit kirchenfrommer Streberei nicht alles möglich! Wenn doch du noch einmal wieder zuferstehen könntest, lieber, alter Gotthold Ephraim Lessing, du mit deinen scharfen, klaren Gedankenblitzen, wie herrlich könntest f du dreinfahren in diese drückenden Weihrauch⸗ nebel unserer Tage! Und wie not täte es uns! Mit zwei Worten aus seinen„Theologischen Strettschriften“ will ich schließen: sozialen Mißstände sind nur mit dem Hines „Gott, Gott! Worauf können Menschen einen Glauben gründen, durch den ste ewig gluͤcklich zu werden hoffen!“ * N . e 2.— * 7 —T————— 2 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 48. „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend[Voigt, beide im anhaltischen Jufanterie⸗Regi⸗ Nattonalliberaler Erenmann.. 5 ein Mensch ist, oder zu sein meint, sondern] ment Nr. 93, wegen militärischen„Aufruhrs Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete 4 die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat,] und Angriffs auf einen Vorgesetzten“ zu je 5 für den Wahlkreis Hof, Münch⸗ Ferber, 05 hinter die Wahrheit zu kommen, macht den] Jahren 1 Tag Zuchthaus, den Unter- wurde vor einigen Monaten vom Gericht über 15 Wert des Menschen. Denn nicht durch den] öfftzier Heine von demselben Regiment wegen] aus unehrenhafter Manipulationen in Vermögens⸗ oc Besitz, sondern durch die Nachforschung der] Körperverletzung unter Anwendung einer Waffe und Erbschaftsangelegenheiten überführt. Er Wahrheit erweitern sich seine Kräfte... zu drei Monaten Gefängnis. Heine hatte, hatte Verwandte, die ihn beschuldigten, verklagt, a Der Besitz(auch der nur eingebildete) macht als er sich betrunken in einem Tanzlokal auf:] wurde jedoch durch den von ihnen erbrachten ah ruhig, träge, stolz—“ hielt, die beiden andern Angeklagten gereizt] Wahrheitsbeweis moralisch vernichtet und selbst N 1 Er gibt die„freie Position“ gegenüber den] und war mit dem Seitengewehr auf sie losge. zu einer Geldstrafe verurteilt. Gleichwohl hat Di großen Aufgaben der Zeit! K. Wbr. gangen, worauf diese ihn niederwarfen und ihm die nationalliberale Fraktion den Gerichteten 1 a — das Seitengewehr wegnahmen. Und dafür er⸗ noch gehalten. Man erklärte, erst die Ent. 1 olitische Rundschau halten sie fünf Jahre Zuchthaus! Die un- scheidung der höchsten Gerichtsinstanz abwarten 1 8. *. d ee e g 15 a8. zu wollen. Nun hat auch das Oberlandsgericet 5 5 2 2 1904. tungen über die Wess heit er Militärjustiz an⸗ die Revision Münch⸗Ferbers verworfen, da das 7 stellen. Und wenn sie wieder aus dem Zucht. Landgericht alle Fesistellungen in gesetzlich enn. J Der Reichstag 8 1„. wandfreier Weise vorgenommen habe. Damit 05 tritt am Dienstag, den 29. Nopember wieder sogleich dem friegervmein beitreten, und ter“ hat Kommerzienrat Münch⸗Ferder in der pol zusammen. Er 9 5 sich voraussichtlich zunächst I seits das Nötige zur Pflege der vaterländischen tischen Oeffentlichkeit ausgespielt. Die Nieder:. mit den neuen Handelsverträ gen zu Gesinnung beizutragen. 5 Der Unteroffi⸗ legung des Reichstagsmandats ist für ihn nicht. 10 beschäftigen haben. Wenigstens besteht in den zier Arthur David vom Grenadierregiment mehr zu vermeiden.— Bei der letzten Wahl* 6 0 f f i j Nr. 11 in Breslau hatte sich vor dem dortigen te Münch⸗Ferber nur mit ei in 1 maßgebenden Regierungskreisen die Absicht, ri icht Sold i 52 stegte Münch⸗Ferber nur mit einer ganz geringen diese sofort dem Reichstag vorzulegen, unbe⸗ fun 17 70 9 1 50 190 515 10 Majorität in der Stichwahl gegen unsern Gre. 1 kümmert um den Ausgang der deutsch⸗österreich⸗ 115 len zu. e 90 1 ˖ 185 308 1. ist] nossen Stücklen, der inzwischen in Mittweida ö ischen Handelsvertragsverhandlungen. Ferner 1 ö 8 12 f 1 1 9 8 85 gst 199 gewählt wurde. 5 hen dee werigne deer dee e aich oed, ee aud bein Eeereren zelle der Rewe Fuß. Ein seltener Staatbauwalt 1 Fleischbeschau, betreffend Einführung des Be⸗ schla 15 Maße ung 1 lab Scehn 905 ö a N Ru fähigungsnachweises für das Handwerk, betref⸗ 8 ck 8 dias 285. 6 5 e Mit Strafanträgen sind gewöhnlich die im fend die Unterdrückung schlechter Literatur und] Seeme⸗ 10 05 1 Hie 5 11 171 1 15 125 Herren Staatsanwälte schnell bei der Hand. 0 Kunsterzeugnisse(Lex Heinze), betreffend Aende⸗ Seis u 905 10 905 115 Ni* 0 e ins] Das hat auch unser Genosse Quint von der 51 rung des§ 175 des Strafgesetzbuchs(wider⸗( 1 0 11 enden 1 Euch, Frankfurter„Volksstimme“ empfinden müssen, A1 natürliche Unzucht), Bericht betreffend die Ein⸗ 1 955 e fallt* 1795 5 ag e der in der letzten Zeit ein recht nettes Bündel sh fuhr russischer Schweine in die Schlachthäuser 0 Ihr h 11 0 1 Aa er 118 Strafen aufdiktiert bekommen. Es ist daher fa des oberschlesischen Industriebezirks ꝛc. auf der 5 0 5 ciel 4 e etwas ganz Ungewohntes, daß Quint partout* Tagesordnung.— Für Abänderung des Reichs⸗ Unie 1 1 85* I 0 25 1 ein Strafverfahren wegen Beleidigung gegen g tags wahlrechts sucht das Berliner Scharf⸗ De e a 1 5 5 1 di 1 5 sich eingeleitet wissen wollte, worauf der Staats⸗ 85 macherorgan„Die Post“ wiederholt Stimmung 529 riegsgerich 50 min auf diese el anwalt aber gar nicht eingehen will. Es fen * zu machen. Man will bei der Behandlung der 0 e 1 in 1 Fa 15 handelt sich um eine Anzahl Artikel und Notizen Dt 6 Diäteufrage eine kleine Wahlrechtsräuberei ver⸗ Von Liner Vegradattion wurde stand in der Frankfurter„Volksstimme“, in denen 5 6 suchen. Annen. gegen den Verwalter 5 fi ilcen Zubrwsefe ge 0 3 2 iffe enthalten waren, di enn 1 Der südwest,afrikauische Platz an der Schaumschläger und Phraseuhelden. e 110 1 75 1 dei Vene 2 15 0 9 Sonne Der Frankfurter„Volksstimme“ schrieb man hebliche Strafen eiatragen müßten. Die Staats⸗ 8 1 wird immer kostspieliger. Jetzt wird die Oeffent⸗ dieser Tage: Ein Mann mit etwas bewegter anwaltschaft hat aber bis jetzt noch keine An⸗ ni 1 lichkeit in der„gutgesinnten“ Presse schon dar-] Vergangenheit ist bekanntlich der bayrische] klage gegen Quint erhoben. Dagegen hat, sie 0 1 auf vorbereitet, daß die von der Regierung] Landtagsabgeordnete Anton Memminger in durch die Polizei bei Quint anfragen lassen, 0 f geforderten 86 Millionen Mark nicht entfernt] Würzburg, der Besitzer der bauernbündlerischen wie denn die Anklage gemacht werden soll. a 1 ausreichen. Man wird noch nicht mit 200[N. bayr. Landesztg. Herr Memminger war vor Das ist wirklich einmal etwas Neuss in der 5 Millionen auskommen, sonderu die Kosten zirka 30 Jahren Redakteur unseres fränkischen deutschen Preßgeschichte. Ein Staatsanwalt, * des Neger⸗Aufstandes dürften diejenigen des Parteiorgans, des Fürther demokratischen der bei dem sozialdemokratischen Beleidiger einer K chinesischen Abenteuers— eine Viertel Mil⸗ Wochenblattes, der späteren Fürther Bürger⸗ Ordnungsstütze anfragt, wie die vom Beleidiger fü 1 9 liarde— erreichen.— Darum biederer Deut⸗ zeitung, und Mitglied der Nürnberger Partei- gewünschte Strafverfolgung gemacht werden Et scher, öffne deinen Bentel und bewundere die organisation. Nachdem er hier einen kleinen könnte! eit dige Gonberten Beuteekn, va lc be: sec Küche zen aetsenush biederen Gemeindewahlen. 1 T mühte, eine leidlich vernünftige Kolonialpolitik] Reaktionär durchzumausern. Die Zentrums⸗ Einen schönen Sieg erkämpften unsere ein zu berfolgen, ist unter dem Jubel der Kolonial⸗ presse hat ihm den schönen Titel: Flunker⸗ Genossen in Rirdorf. Bei den Stadtverord⸗ l km 9 fexe, die für Kulturträgerei à la Peters und toni augehängt. Kürzlich war nun Herr netenwahlen der dritten Abteilung eroberten fe bil Leist schwärmen, seines Amtes enthoben] Memmugger in seinem niederbayrischen Wahl-[sieben Mandate.— Nach einem heißen Wahl⸗- de worden. kreis, wo er in einer Versammlung auch auf kampfe siegten auch unsere Genossen in Crim⸗ 4 beß 5 0 Die seine e zu sprechen kam. Er be⸗ 1 0 a nur ee 8 4 Da merkte:„Es ist wahr, daß ich in meiner Jugend men Mehrheit. Die Gegner machten dort aber 9 D Vaterlandsliebe des Handwerksretters. ein großer e 8570 der auch 1 auch niestge are und arbeiteten mit 1. Der Vorsitzende des deutschen Handwerker- Klinge einen über den Schädel schlug, daß er allen Mitteln. In ihren Reihen kämpften auch 1 lic bundes, Schneidermeister Vogt aus Friedenau, fast Plattfüße bekam, und wer das nicht kann,— zu ihrer Schande sei es gesagt!— die 14 der führte nach einem der„Hilfe“ zugesandtenist kein rechter Bursche.“ Ein Zentrumsblatt„nationalen“ Arbeiter.— In Dessa u ode Bericht am 9. November in einer Programm- sagt zu dieser Renommisterei, Herr Memminger] wurden 3 Sozialdemokraten gewählt. Dort zu rede zu Quedlinburg aus: habe während seiner ganzen Studentenzeit keine[gingen die Sozialdemokraten zum Teil mit den Er „Die viel gerühmte nationale Gesitnnung J Klinge in der Hand gehabt, und es werde ver⸗ Freisinnigen zusammen und es gelang ihnen, 1 for läßt sich nicht durch Worte herbeiführen, sichert, er wäre bestimmt in Ohnmacht gefallen,] vie bisherige konservativ⸗nationalliberale Mehr? de sondern dadurch, daß auch dem Handwerker wenn neben ihm eine Pistole losgegangen wäre. heit des Gemeinderats zu sprengen.— In gu von der Regierung die helfende Hand dar-] Memminger sei nur mit Worten tapfer, was Darmstadt, wo die Wahlen am Dienstag N m. gereicht werde. Die Vaterlandsliebe vielleicht mit seiner Abstammung zusammen⸗ stattfanden, siegten die Bürgerlichen mit 3467 de sei eine Magenfrage; nur wenn der hänge. Er habe nämlich früher, als er noch] Stimmen. Unsere Parteigenossen, die über die da 19 Handwerker existieren könne, dann könne] Sozialdemokrat war, selbst behauptet, er] Hälfte() Gegner mit auf die Liste genommen 1 1 man von ihm auch Liebe zu Fürst und stamme von Juden ab. Das erwähnte hatten, brachten nur 2110 Stimmen auf.— 0 un 0 Vaterland fordern.“ Zentrumsblatt scheint nicht ganz unrecht zu] Mit nur wenigen Stimmen Minderheit unter⸗ de Der Bund der Handwerker scheint demnach] haben, wenn es sagt, der große Würzburger] lag auch die soztaldemokratische Liste in Gera. 90 denselben Patriotismus auf Kündigung zu ver- J Antisemit set ein sehr„vielseitiger“ Mann.— In Greiz dagegen brachten unsere Genossen 5 treten, wie der ihm eng befreundete Bund der] Allerdings. Und das ist wieder ein Beispiel] in der 3. Klasse sämtliche acht Kandiduten durch. Landwirte. Die Mittelständler drohen mit dem] dafür, wie recht seiner Zeit der Antisemit]— Zum ersteumal beteiligten sich unsere G. Krachen der Throne, wenn den Warenhäusern] Wilberg hatte, als er erklärte:„In keiner] nossen in St. Johann⸗( Saarbrücken) an der nicht ordentlich zu Leibe gegangen wird. Und Partei hat es soviel Schaumschläger und Wahl. Unser Kandidat erhielt 53 Stimmen. solche Leute bekämpfen die„vaterlandslose“] elende Phrasenhelden gegeben, als in der— In Stettin eroberte unsere Partei sechs Sozialdemokratie! antisemitischen.“— Der schönste dieser Sorte Sitze von neun, die in der dritten Klasse zu 0 Militärjustiz ist natürlich der tapfere Dreschgraf 1 Wahl standen.. f 1 5 Ein schauerliches Zuchthausurteil fällte e eee erich die] Neichstagswabhl n Schwerin Wismar. 10 das Kriegsgericht in Dessau. Es verurteilte[Beobachtung seines Geisteszustandes angeordnet Für den Konservativen Dröscher, der sein ö in f den Gefreiten Günther und den Musketier wurde. Mandat niederlegte, bevor es vom Reichstage 1 1 g 5 9 U 4 —— Nr. 48. * Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. . c ˙ Seite. sür ungultig erklärt wurde, fand am Mitlwoch eine Ersatzwahl statt. Bis zum Augenblick, wo wir dies schreiben, ist folgendes Resultat bekannt: Antrick(Soz.) 9937, Büsin g(natl.) 6016 und Dr. Da de(kons.) 5876 Stimmen. Es ist Stichwahl zwischen Antrick und Dade wahrscheinlich.— Bei den Hauptwaßlen 1903 erhielt unser Kandidat 10380, die Gegner zu⸗ sammen zirka 13500 Stimmen. Die Ersatzwahl in Calbe⸗Aschersleben für unsern verstorbenen Genossen A. Schmidt ist auf den 13. Januar festgesetzt. Von unserer Seite wurde Schneidermeister A. Albrecht⸗ Halle als Kandidat aufgestellt, der im vorigen Reichstage den zweiten Dessauer Kreis vertrat. Die Nationalliberalen stellen den Major Placke (den Ohrfeigen-Placke) wieder auf. Die Gegner machen gewaltige Anstrengungen, um der So⸗ zialdemokratie das Mandat zu entreißen, hoffent⸗ lich bemühen sie sich vergeblich. Russisch⸗japanischer Krieg. Die baltische Flotte bedeckt sich auf ihrer Fahrt nach Ostasien immer mit neuem Ruhme. So wurde aus Kane a(Insel Kreta im Mittelländischen Meer) Folgendes gemeldet, was sich oem Verbrechen gegen die englischen Fischerboote würdig anreihr:„Während des Aufenthaltes eines Teiles des baltischen Ge⸗ schwaders fanden furchtbare Szenen statt. Viele Offiziere und Mannschaften waren beständig betrunken, beleidigten und griffen die Einwohner an. Wenigstens fünf Personen solleu ermordet worden sein und etwa 40 russische Seeleute desertierten.“ Ob die Mächte nicht bald dafür sorgen, daß dem vom Delirium befallenen Gesindel sein gemeingefährliches Handwerk gelegt wird! Aus der Mandschurei kommen Berichte über kleine Gefechte. Es heißt, daß eine große Schlacht bevorstände.— Vor Port Arthur nichts Neues. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Er wird vom Genosseu Orb des Längeren begründet. Ministerialrat Eisenhut charak- terisiert den sozialdemokratischen Antrag als eine ideale Forderung, die leicht aufzustellen, aber in absehbarer Zeit praktisch nicht durch⸗ zuführen sei. Fast mehr noch als die finan⸗ ziellen Bedenken, fiele hier der herrschende Lehrermangel ins Gewicht. Auf jeden Fall werde die Regierung bestrebt sein, eine Herab⸗ minderung der Durchschnittsziffer allmählich durchzuführen. Abg. Dr. David: Der hessische Staat dürfe in dem Tempo, in dem dieses Ziel er⸗ reicht werden könne, nicht zu langsam sein. Durch Aufhebung der Vorschulklassen und durch Schaffung der Einheitsschule würde ein nicht unbedeutendes Material an Lehrkräften frei und durch eine Reform des e e könne diesem Berufe reichlich neues Material zugeführt werden. Wir werden, wenn die Kammer ihn heute nicht annimmt, unseren An⸗ trag immer wieder einbringen.— Der sozial⸗ demokratische Antrag wird mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Eine weitere Interpellation Köhlers, ob die Regierung gewillt sei, sommerliche Unter⸗ richtskurse für Lehrer an den ländlichen Fortbildungsschulen einzurichten, wird vom Staatsminister mit einer Ablehnung beant⸗ wortet. Köhler kritisiert daraufhin die Stellung⸗ nahme der Regierung, der es an genügendem Wohlwollen der Landwirtschaft gegenüber fehle. Auch unser Genosse Ulrich erklärt sich für den Antrag Köhler, denn den Landwirten müsse eine gute Ausbildung ermöglicht werden. Im Weiteren wird noch über eine Anfrage Rein⸗ hardts betr. die immer mehr um sich greifende Verseuchung des Rheins und des Mains durch Fäkalien und Abwässer aus Fabriken verhandelt. Am Dienstag brachte erst der Präsident Haas dem Großherzog seine Glückwünsche zur Verlobung dar. Darauf beantwortete der Staatsminister Rothe eine Anfrage des Abg. Weidner dahin, daß die Regierung beabsichtige, noch im Laufe der Dauer dieses Landtages ein Gesetz zur Ausführung des Generalkulturplanes für den oberen Vogelsberg einzubringen.— zu mäßigeren Preisen verabfsolgt wurden, von den Herren Aufsichtsräten wieder aufgehoben wurde. Dagegen ließ der Vorstand des Volks⸗ bads eine„Berichtigung“ im Anzeiger los, in der er folgendes erklärte: „Die Krankenkassen, der Sanitätsverein und Innungen hatten vom Bestehen des Volksbades an 50 Prozent Ermäßigung auf Wannen⸗ und Heilbäder für ihre Mitglieder. Mit dieser Begünstigung ist Mißbrauch ge⸗ trieben worden, indem Karten an Nicht⸗ berechtigte, Gutsituierte abgegeben wurden. Wir mußten uns deshalb entschließen, die Vergünstigung aufzuheben, gewähren aber nach wie vor auf Anweisung eines Arztes an wirklich Bedürftige Karten zu obigem Nachlaß.“ Dazu müssen wir uns schon einige Bemerk⸗ ungen erlauben und zwar erst heute, weil wir in der letzten Nummer keinen Raum mehr hatten. Daß die Wannenbäder hier doppelt so teuer sind als anderwärts, bestreitet der Vorstand nicht. Er wird aber ebenfalls zugeben müssen, daß die Bedingungen, unter welchen jemand Bäder zu mäßisgerem Preise erlangen kann, solche sind, daß davon kaum Gebrauch gemacht wird. Wenn einer erst an soundsoviel Türen laufen soll, damit er seine Bedürftigkeit nachweise, um ein billigeres Bad zu bekommen, wird er lieber darauf verzichten. Und wie ist denn der Arzt in der Lage, die Bedürftigkeit zu bescheinigen? Der kann es auch nur auf Grund der Mitteilungen des Nachsuchenden, die er nicht nachprüfen kann. Glaubt man sich gegen Mißbrauch schützen zu müssen, so kann das wohl noch auf andere Artz, erreicht werden; wie die Sache jetzt gehandhabt wird, widerspricht sie durchaus den Anforderungen, die man an ein wirkliches„Volksbad“ zu stellen berechtigt ist. Uebrigens hat doch die Stadt hier ein Wörtchen hineinzureden, sie ist mit 60000 Mk. an dem Unternehmen beteiligt, hat also von dem etwa entstehenden Defizit einen guten Teil zu tragen und sollte dafür sorgen, daß dieses Institut nützlich für die Gesamtheit wirkt. Wie aber die Maßnahme des Aufsichts⸗ rats wirkt, das zeigen folgende Zahlen. Es wurden Bäder genommen: f e e, e iedrige Löhne bilden ein Hemmnis andwirtschaf en Instituts an der Lande s⸗ Jahre Insgesamt Wannenbäder ermäß. Preisen für den Fortschr der Prout Diese[univ ersität Gietz en beantwortet der Staats⸗ 1899 83914 15012 2 Erfahrungstatsache kann augenblicklich wieder[minister dahin, daß die Regierung bereit sei, 1900 92141 17318 2 einmal in Oesterreich festgestellt werden, deinen zweiten Lehrstuhl für Landwirtschaft mit 1901 97692 18038 2779 wo einige Schuhfabrtikanten den Versuch machten, einem Privatdozenten zu besetzen, und daß eine 1902 96394 17505 748 die maschinelle Erzeugung auch in Oesterreich einzuführen. Die Versuche mußten schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt werden, da die billigen Wiener und böhmischen Handarbeiter den Kampf gegen die Maschine erfolgreich zu bestehen vermochten. Es ist bemerkenswert, daß die Arbeiter den Versuch vereitelten. Be⸗ deutet doch vom Standpunkt der Arbeiter ge⸗ rade der maschinelle Betrieb einen wirtschaft⸗ lichen und sozialen Fortschritt. Daß aber trotz der niedrigen Löhne die Konkurrenzfähig keit Oesterreichs in Schuhen auf dem Weltmarkt zurückgeht, das zeigt die Gestaltung des Exports im Vorjahre. In England, einem sonst sehr aufnahmefähigen Absatzgebtet, erringt der amerikanische Schuh, der maschtnell von gut bezahlten Arbeitern hergestellt wird, immer mehr Erfolge, und auch in Deutschland geht der Umsaz in österreichischen Schuhen zurück, da die deutsche Schuhwarenindustrie durch Be⸗ nutzung amertkantscher Maschinen ihre Stellung ungemein befestigt hat, und außerdem ein Teil des Bedarfs durch die Vereinigten Staaten gedeckt wird. Pon Nah und Fern. Hessisches. Hefsischer Landtag. Am Freitag voriger Woche verhandelte die Zweite Kammer über den sozialdemo⸗ kratischen Antrag, die Durchschnitts⸗Schülerzahl in den Volksschulklassen auf 40 festzusetzen und nur unter besonderen Umstäuden einem Lehrer bis zu 60 Kinder zum Unterricht zu überweisen. neue Prüfungsordnung ausgearbeitet werde, die den Besuchern des Instituts einen geeigneten Abschluß ihres Studiums ermögliche.— Hier⸗ auf entspann sich eine längere Debatte wegen der Zugehörigkeit des freireligiösen Predigers in Mainz zum Schulvorstand, woraus man ihn entfernt hatte. Seine Wiedereinführung wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. — Der Gemeindesteuer⸗Gesetzent⸗ wurf ist dem Landtage zugegangen. — Gegen die Wahl des Dr. med. Ascher zu Eberstadt i. O. in den Gemeinde⸗ rat, welche mit Hilfe der Arbeiterschaft erfolgte, wurde Einspruch erhoben, weil der Arzt als Schul⸗ und Armenarzt Gemeindebeamter sei. Das Kreisamt erkannte den Protest als begründet an und erklärte die Wahl für un⸗ iltig. Dr. Ascher legte gegen diese Ent⸗ cheidung Rekurs beim Kreisausschuß in Darm⸗ stadt ein, der auch die kreisamtliche Auffassung für falsch und die Wahl für giltig ertlärte, da ein Schul⸗ und Armenarzt kein Gemeinde⸗ beamter sei. Gießener Angelegenheiten. — Die Preise im Volksbad. Mit Recht hob unser Flugblatt zur Stadtverordneten⸗ wahl hervor, daß im hiesigen Volksbad die Preise für Wannen bäder viel zu hoch und für Minderbemittelte fast unerschwinglich sind. Für ein Wannenbad müssen hier bekanntlich 60 Pfg. bezahlt werden, während man in andern Städten für 25 und 30 Pfg. ein solches bekommt. Ferner war getadelt, daß die Ein⸗ richtung, wonach an Krankenkassen ꝛc. Karten Also bis 1901 eine ganz erfreuliche Steigerung der Frequenz, 1902 jedoch, als es keine billigeren Karten mehr gab, wurden 500 Wannenbäder weniger genommen! Unser Flugblatt hatte also ganz recht, wenn es bemerkte, daß das „Volksbad“ seinen Beruf verfehlt— infolge der weisen Leitung der Herren Hanbach und Genossen. — Studenten-Rüpeleien. Ueber Aus⸗ schreitungen und nächtlichen Skandal, die von Studenten verübt werden, ist schon öfters Klage geführt worden. Den jungen Herrchen wird nur immer sehr viel nachgesehen, sie werden im Uebertretungsfalle nicht so scharf von den Hütern der öffentlichen Ordnung angefaßt, als es sonst wohl andern Sterblichen und ganz besonders Arbeitern passtert. Diese Leutchen, die alle Abkömmlinge der besitzenden Klassen sind, glauben sich deswegen mehr als andere herausnehmen zu dürfen und sie werden darin auch bis zu einem gewissen Grade durch die heutige Rechtsprechung unterstützt. Wir erinnern nur an die Vorkommnisse, die sich um Weih⸗ nachten 1902 in Marburg ereigneten. Dort verübten die Studenten tatsächlich Aufruhr und Landfriedensbruch. Sie skandalierten die ganze Nacht hindurch auf dem Marktplatze, prügelten die Polizisten, bombardierten das Rathaus mit Steinen. Sie wurden aber auch bestraft. Und wie! Der Haupträdelsführer bekam, wenn wir nicht irren— 40 Mk. Geldstrafe.— Vor dem Gießener Schöffengericht spielte sich am Dienstag ein ähnlicher Fall ab. Im Café Rohal hatten die Schutzleute eines schönen Nachts Feierabend geboten und weil einer der jungen Herren den Schutzmann beleid igte, wollte dieser 0 0 9 1 1 6 ** 6 3 1 0 1 1 1 r — — 2 2 ——— ——.— Seite 4. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Nr. 48. den Namen feststellen. Den wollte aber der Bruder Studio nicht angeben und deshalb wollte ihn der Schutzmann mit zur Wache am Selterstor nehmen. Dahin folgten nun die Zechbrüder. Und vor der Türe des Wacht⸗ lokals gab es eine lebhafte Auseinandersetzung mit den Schutzleuten, in deren Verlauf der Student Bausch dem Schutzmann Brasch einen Stoß versetzte, daß dieser N hinschlug. Nun zog dieser den Säbel, ohne indessen von seiner Waffe weiter Gebrauch zu machen. Nun hatten sich die Studenten vor Gericht zu ver⸗ antworten. Etwa zehn Studenten, die alle zugeben mußten, mehr oder weniger betrunken gewesen zu sein und die zwei beteiligten Schutz⸗ leute wurden als Zeugen vernommen. Das Verfahren war von mustergültiger Objektivität. Man vereidigte sogar die Schutzleute, die bei dem Vorfall nicht betrunken gewesen waren, erst nachträglich, während die Studenten alle vor der Zeugenaussage vereidigt wurden. Die Angeklagten verteidigten sich sehr gewandt— es sind ja Studierte— und die Zeugenaussagen der Studenten lauteten alle recht günstig für die Angeklagten. Der Amtsanwalt beantragte 40 und 80 Mk. Geldstrafe für die beiden An⸗ geklagten. Das Gericht verkündete, daß das Urteil erst über acht Tage— nächsten Diens⸗ tag— verkündet werden wird. Jedenfalls erwägt das Gericht, ob der Fall nicht auf Grund des§ 115, 1 oder 116, 2 vor das Landgericht gehört.— Nun, mögen sie glücklich davon kommen! Wir haben kein Interesse an ihrer Bestrafung. Arbeitern möchten wir aber nicht raten, etwa in ähnlicher Weise ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und so mit den Poltzeileuten umzuspringen. Erstens mal, weils unanständig ist, nachts zu krakehlen und andere Leute im Schlafe zu stören, dann aber könnten sie sich eine recht böse Suppe einbrocken. Neh⸗ men wir mal an, es sei bei einem Streik zu einem Renkontre mit der Polizei gekommen und es wäre dabei einem Schutzmanne ein Stoß versetzt worden, daß er hinstürzte. Wir wetten hundert gegen eins— der Uebeltäter wäre, wenn nicht ins Zuchthaus, so doch auf lange Zeit ins Gefängnis gekommen. — Zum Saalbau⸗Projekt. Für den geplanten Theater- und Saalbau hat der Professor Dülfer⸗München einen Entwurf an⸗ gefertigt, der bei Hirz am Seltersweg ausge⸗ stellt ist. Wenn dieser Entwurf zur Aus⸗ führung gelangen sollte, würde man den Bau kaum als schön bezeichnen können. Er hat entschieden mehr Aehnlichkeit mit einem Fabrik⸗— als einem Theaterbau. Wenigstens macht die Skizze diesen Eindruck, es ist ja möglich, daß das fertige Gebäude sich viel gefälliger darstellt. Der Entwurf sieht einen Doppelbau vor, ein Gebäude ist für das Theater, das andere für den Saalbau bestimmt. Bis jetzt sollen 200 000 Mark von Privaten zu dem Bau zur Verfügung gestellt worden sein. Ueber die Art der Aus⸗ führung des Projekts bestehen noch viele Meinungsverschiedenheiten— — Die Verlobung des Großherzogs mit der Prinzessin Eleonore von Lich, die in diesen Tagen publiziert worden ist, gibt der „gutgesinnten“ Presse Veranlassung zu über- schwenglichen Artikeln. Es gibt danach keine Tugend und keinen Vorzug, den die Prinzessin, von der man vorher nie etwas hörte, nicht besäße. Der„Gieß. Anz.“ hat sich sogar einen 5 zugelegt, der u. a. diese Verse ver⸗ richt: „Heil Dir, Du Stern des Hauses Solms, Nun aller Hessen Sonne, Dein Licht verwandelt Sorg und Leid In eitel Freud und Wonne.“ Nachbarin! Euer Fläschchen! — In der Stadtverordneten-⸗Sitz⸗ ung am Donnerstag wurde mitgeteilt, daß das Gas- und Wasserwerk Anschlüsse an die Kana⸗ lisation ausführt. In dem Statut für das Kaufmannsgericht wurde einigen Aenderungen zugestimmt. Es tritt am 1. Februar 1905 in Kraft. Ferner wurden die Gehalte der Volksschullehrer nach deren Anträgen konform der in Worms, Friedberg ꝛc. geltenden Skala festgelegt, was jährlich 7000 Mk. mehr als bisher ausmacht. — Konfektionsarbeiterschutz und der preußische Handelsminister. So war der Vortrag betitelt, den der Genosse Mirus⸗Frankfurt in einer zahlreich besuchten Schnei derversammlung hielt, die am Dienstag, 15. Nov., im Orbig'schen Lokale stattfand. Die Lage der Konfektionsarbeiter, führte Redner aus, kam im Reichstage das erste Male im Jahre 1879 zur Erörterung, als der Zoll auf Näh garn eingeführt werden sollte. Man stellte damals eine Untersuchung an, deren Resultat erst 1887 dem Reichstage vorgelegt wurde. Ueber die schlimme Lage der Konfektionsarbeiter war man also unterrichtet, doch geschah nichts, um dieselbe einigermaßen zu bessern. Erst 1896, gelegentlich des Konfektionsarbeiterstreiks beschäftigte sich der Reichstag wieder mit der Materie und wieder gab es eine „Enquete“. Diese ergab, daß in diesem Berufe eine 11 stündige Arbeitszeit herrscht und Stundenlöhne von durchschnittlich 18 Pfg. bezahlt werden. Nachdem ein Gesetzentwurf zum Schutze dieser Arbeiterkategorie in der Kommission stecken geblieben war, trat 1897 eine Bundesratsverordnung in Kraft, die jedoch, weil sie sich nur auf die Konfektion im Großen bezog, wirkungslos war. Eine umfangreiche, mit vielem Material belegte Denkschrift reichte der Schneiderverband im Jahre 1901 ein, erhielt sie aber 1903 mit dem Bemerlen zurück, daß der Reichstag keine Zeit gehabt hätte, sich damit zu befassen. Im laufenden Jahre wurde die Verord⸗ nung von 1897 auch auf die Damenschneiderei ausge⸗ dehnt. Diese Verordnung, nach welcher Arbeiterinnen über 16 Jahre täglich nur 11 Stunden arbeiten dürfen und Samstag um ½6 Uhr abends entlassen werden müssen, durchlöcherte ein Erlaß des Handelsministers Möller, der die Beschäftigung der Arbeiterinnen auch nach ½6 Uhr des Samstags erlaubt. Gegen diesen Erlaß des Ministers, der im Widerspruch mit den Ab⸗ sichten des Gesetzgebers steht, muß energisch protestiert werden. Die Konfektionsarbeiter haben von der Gesetz⸗ gebung nichts zu erwarten, müssen sich vielmehr dem Schneiderverbande anschließen, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erzielen.— Eine in diesem Sinne ge⸗ haltene Resolution gelangte nach dem beifällig aufge⸗ nommenen Vortrage zur einstimmigen Annahme.— Ueber den gleichen Gegenstand sprach Mirus bereits am Samstag vorher in Wetzlar und Sonntag in Mar⸗ burg in gut besuchten Versammlungen. m. Die„Freie Turnerschaft Gießen“ hielt am Sonntag, den 13. Nov. in der Restauration„Zum Pfau“ ihre diesjährige General⸗Versammlung ab. Aus dem Geschäfts⸗ und Kassenbericht war folgendes zu er⸗ sehen: Der Mirgliederbestand stieg von 105 im Vor⸗ jahre auf 135, mithin eine Zunahme von 30 Mit⸗ gliedern. Die Gesamt⸗Jahreseinnahme betrug 790,38 Mark, die Ausgabe 480,11 Mk., verbleibt ein Kassen⸗ bestand von 310,27 Mk. Den Turnbericht erstattete Turnwart Böttger. Es turnten danach im Riegen⸗ turnen 3327 Turner an 90 Abenden in 424 Riegen (im Durchschn. pro Abend 37 Turner) gegen 2437 Turner an 87 Abenden(pro Abend 29 Turner) im Vorjahre. Mithin eine Zunahme von 890 Turner. Im Allgemeinen turnten insgesamt 3542 an 101 Aben⸗ den gegen 2684 Turner an 101 Abenden im Vorjahr. (858 mehr.) Der Verein wirkte auch bei verschiedenen Festlichkeiten anderer Vereine turnerisch mit. Bei dem Bezirksturnfest in Offenbach am 18. Juli erhielt die dorthin entsandte Musterriege die Note„Gut bis sehr gut“— In den Vorstand wurden gewählt resp. wieder⸗ gewählt: Als 1. und 2. Vorsitzender: Gg. Baum, Gg. Schmidt; Kassenwart: Krausch; 1. und 2. Schrift⸗ wart: A. Roseubaum, Frenzel; 1. und 2. Turnwart: A. Böttger, W. Kalweit; 1. und 2. Zeugwart: G. Mitze, A. Guntrum. —Feste. Diesen Samstag hält die„Freie Turnerschaft“, wie in voriger Nummer bereits erwähnt, ihr zweites Stiftungsfest im Saale des Café Leib ab. Wer es zu besuchen keine Gelegenheit hat, dem sei das Fest der Braner, das acht Tage später, am 3. Dezember im gleichen Saale stattfindet, zum Besuche em⸗ pfohlen. Das ist vor Weihnachten die letzte Festivität, die von Seiten der organisterten Arbeiterschaft veranstaltet wird. Die Brauer kommen stets ihren Verpflichtungen gegenüber den andern Gewerkschaften nach und verdienen somit auch die allseitige Unterstützung. — Verschwunden. In der Nacht zum 6. Novpbr. hat die 30 jährige Emmy Winkler, Tochter des hiesigen Professors, ihre elterliche Wohnung verlassen und ist seitdem verschwunden. Weil man annimmt, daß sie sich ein Leid an⸗ getan hat, wurde die Lahn wiederholt abgesucht, jedoch vergeblich. Das Polizeiamt hat 300 Mk. Belohnung für denjenigen ausgesetzt, der über die Vermißte Nachricht gibt. Aus dem reise gietzen. — Unser Landkalender, der„Hessische Land⸗ bote“, ist am Sonntag in 10000 Exemplaren in unserm Wahlkreise zur Verbreitung gelangt. Die Aufnahme war überall eine freundliche, nur in ganz vereinzelten Fällen mußten die Verteiler grobe, höhnische, manchmal auch unanständige Redensarten über sich ergehen lassen. Derartiges muß ja ein sozialdemokratischer Flugblatt⸗ verteiler stets mit in Kauf nehmen, wird sich aber da⸗ durch natürlich nicht im Geringsten beirren lassen. Es wäre auch ein Wunder, wenn die verlogenen Hetzereien und wüsten Beschimpfungen, welche in den Blättern der „Ordnungs“parteien, besonders der antisemitischen und Amtsblattpresse jahrein, jahraus gegen unsere Partet und ihre im Vordertreffen stehenden Vertreter geschleudert werden, auf rückständige und ungebildete Menschen nicht ihre Wirkung ausüben sollten. Wie gesagt, tritt aber die Frucht dieser Hetzerei nur vereinzelt in Erscheinung; grobe Ausschreitungen, wie sie noch vor 15, vor 10 Jahren auf dem Lande gegen unsere Leute verübt wurden, kommen nicht mehr vor, im Allgemeinen läßt sich die Landbevölkerung nicht mehr vor der Sozialdemokratie bange machen, sie wendet sogar unserer Partei vielfach ihre Sympathie zu. Immer mehr dringt die Ueber⸗ zeugung in die ländlichen Kreise, daß die Sozialdemo⸗ kratie als die einzige Partei die Interessen des Volkes nachdrücklich vertritt und seine Rechte verteidigt und so erobert sie sich mehr und mehr das allgemeine Vertrauen. Die gegnerischen Schwindeleien haben, wie alle Lügen, eben kurze Beine und werden nur eine Zeit lang ge⸗ glaubt. Was den Inhalt unseres„Landboten“ betrifft, so muß derselbe als recht belehrend und interessant bezeichnet werden. Zuerst sind unter der Ueberschrift„Der Sozial⸗ demokrat kommt!“ die Zicle und Bestrebungen unserer Partei kurz und verständlich dargelegt. Dann wird das objektioe Urteil des badischen Ministers Schenkel über die Sozialdemokratie angeführt, das dieser in Februar im Landtage abgab, weiter folgt die Verurteilung des Brot⸗ wuchers durch einen englischen Bischof, ferner wird an dem Beispiel Amerikas die Verderblichkeit der Zollpolitik für das arbeitende Volk dargeran, dann folgen statistische Notizen über Genossenschaftswesen, Sparkasseneinlagen, Kohlenförderung, Eisenbahnen, Handelsflotten ꝛc., da⸗ neben eingestreut viele humoristische Stückchen. Zum Schluß sind die vor längerer Zeit auch von unserem Blatte besprochenen Ausführungen des Züricher Pfarrers Kutter über die Sozialdemokratie wiedergegeben und der lezte Artikel erzählt eine Affaire aus der Geschichte des schwedischen Gottesgnadentums.— Wir hoffen, daß auch der diesjährige Landbote— es ist der fünfte Jahrgang — aufklärend wirken und unserer Sache neue Freunde zuführen wird. Einige Wünsche möchten wir aber noch aussprechen. Vielleicht könnte unser Kalendermann im nächsten Jahre einen kurzen Ueberblick der wichtigsten politischen Ereignisse des Jahres, sowie der Tätigkeit des Reichstags und des Landtags geben. Sehr belehrend dürfte auch eine Wiedergabe der Ziffern des Reichshaus⸗ haltsetats wirken; die riesigen Summen, welche Militär und Marine und die nutzlose Kolonialpolitik verschlingen, dürften weite Kreise der ländlichen Leser zum Nachdenken anregen. — In Bersrod haben sich seit Kurzem unsere dortigen Parteifreunde zu einem soztaldemokratischen Wahlverein zusammengetan. Sie sorgen hoffentlich dafür, daß der neue Verein sich zu einem kräftigen Mitgliede unserer Organisation entwickelt, das sein Möglichstes zur politischen Aufklärung der dortigen Be⸗ völkerung und zur Verbreitung sozialdemokratischer An⸗ schauungen beiträgt. Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Püdingen. — In Friedberg unterlag leider bei den Stadtverordneten wahlen unser Genosse Busold dem vereinigten, aus Nationalliberalen, Zentrum und Juden bestehenden Mischmasch. Gegen die letzte Wahl zeigten die sozialdemokratischen Stimmen Zunahme. Aus dem Rreise Als fesd-Cauterbach. Im Kampfe gegen die Staatsgewalt. Einige aufregende Tage hat die Gemeinde Wal len rod bei Lauterbach hinter sich. Der dortige Gastwirt Fenner war wegen eines Prozesses, den er mit einem Nachbar hatte, in hochgradige Aufregung geraten. Am Samstag schoß er aus seinem Hause auf den vorübergehenden Prozeßgegner und traf ihn in die Lunge. Als die Lauterbacher Gendarmerie den Wirt verhaften woll te, bedrohte dieser die beiden Gendarmen von der Haus treppe aus mit dem Jagdgewehr, worauf sich die Gendarmen zurückzogen. Nunmehr wurde noch in der Nacht die Gendarmerie des Kceises, sowie die aus der Nachbar⸗ kreisstadt Alsfeld aufgeboten. Fenner erklärte, j-den niederschießen zu wollen, der sich dem von drei Seiten frei liegenden Hause näherte und hat auch etwa sechs Der Staatsanwalt, sowie Kreis arzt Dr. Wallau⸗Lauterbach begaben sich Sonntag an Ort Leute angeschossen. des Um gege sorg zeug der 0 gutb gebl werk für kenn fein! des tun spiel dure fold zutt Aus den ist Nfa und nich gege auft alle Vet Sc dern zulr wiss 5 fall so chnet zial⸗ serer wird über c im rot⸗ h an litik liche igen, da⸗ Zum rem tels der des auch gang unde noch im ten igkeit rend aug⸗ lität gen, eln sere chen ullich Agen fein Nr. 48. e ee ee eee eee ee Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. und Stelle. Obwohl auch der Kriegerverein und die Feuerspritze des Ortes in Tätigkeit traten, gelang es nicht, den Fenner in die Gewalt zu bekommen. Der offenbar Wahnsinnige hatte reichlich Munition und galt als sicherer Schütze. Man konnte auch nicht schärfer gegen ihn vorgehen, weil sich noch Kinder im Hause befanden. Schließlich, am Montag, erschoß sich der Belagerte. g. In einer Holzarbeiter⸗Versammlung, die am Sonntag in Alsfeld stattfand, hielt der Gau⸗ vorsteher Buckendahl⸗ Frankfurt einen Vortrag über ⸗Arbeitgeber⸗Verbände und Arbeiter⸗Organisationen“. Die Ausführungen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und beifällig aufgenommen. Kollege Wiegand munterte in der Diskussion zu unablässiger Agitation unter den Holzarbeitern Alsfelds und der Umgebung auf, damit endlich einmal ein fester Zusammenschluß derselben herbeigeführt und die jämmerlichen Arbeitsver⸗ hältnisse gebessert werden könnten. Nach Wahl dreier Revisoren wurde noch aufgefordert, diejenigen Wirte zu besuchen, wo auch die Arbeiter freundliche Aufnahme finden: Johanichen(Vereinslokal), Gg. Grundberger und Fr. Hahn Wtwe. In der nächsten Versammlung wird voraussichtlich Redakteur Vetters Gießen einen Vortrag halten. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Bei der Stichwahl zur Stadtverordneten⸗ Versammlung wurde Mechaniker Michaeli mit 242 und Landwirt Reinhardt mit 286 Stimmen gewählt. Der Gegenkandidat des letzteten, Marmorarbeiter Frei⸗ tag, unterlag leider mit 186 Stimmen, derjenige Michaelis, Mechaniker Schrader, erhielt 233. Freitag und Michaeli wurden von unsern Parteigenossen unter⸗ stützt. Michaelis Wahl wird überall mit Genugtuung aufgenommen, er genießt wegen seiner bedeutenden Kenntnisse allgemeine Achtung und es wird von ihm erwartet, daß er als Gemeindevertreter den Interessen der werktätigen Bevölkerung besondere Beachtung schenken wird. h. Das Spielen mit Schießgewehren hat wieder einmal ein Opfer gefordert. Am Samstag spielten die Gymnasiasten Amend und Cloos mit einem Revolver. Plötzlich ging ein Schuß los und Cloos stürzte tot nieder. Schuld an diesem für die Eltern des Getöteten fürchterlichen Unglücks ist jedenfalls der Umstand, daß den Jungen aller Wille gelassen wird. Herr Amend, Besitzer der Lahnmühle, der so schneidig gegen die Arbeiter aufzutreten weiß, konnte wohl dafür sorgen, daß sein Söhnchen nicht so gefährliches Spiel⸗ zeug in die Finger bekommt. O Niedershausen. Ein Agitator des Bundes der Landwirte produzierte sich hier am Mittwoch in einer gutbesuchten Versammlung im Saale des Herrn Neu. Der gute Mann machte den in Niedershausen ganz ver⸗ geblichen Versuch, Mitglieder für den Junkerbund zu werben und bemühte sich, den„Segen“ der Zollpolitik für den Kleinbauern darzulegen. Gen. Vetters⸗Gießen kennzeichnete in einer kurzen Entgegnung die volks⸗ feindlichen und die Gesamtheit schädigenden Bestrebungen des Junkerbundes, mit dem der kleine Bauer nichts zu tun haben dürfe. Weiter wies er an zahlreichen Bei. spielen die Belastung und Schädigung des Bauernstandes durch die Zollpolitik nach. Unter allgemeiner Zustimmung forderte er auf, dem Bunde der Landwirte nicht bei⸗ zutreten. Der Bündler-Agitator geriet durch diese Ausführungen in nicht geringe Aufregung. Er hielt den Genossen für den Pfarrer und rief entrüstet:„Das ist ja sehr gut, Herr Pfarrer. Danke schön, Herr Pfarrer!“ Dann versuchte er aber doch zu erwidern und begann mit der Erklärung, daß er eigentlich nicht wisse, was er den Ausführungen des Pfarrers seinen Irrtum gegenüber sagen solle. Als er auf aufmerksam gemacht wurde, meinte er:„Nun, der Herr hat gepredigt wie ein Pfarrer!“ Dann erzählte er allerhand Geschichten von amerikanischen Eisenbahnen. Vetters antwortete ihm nochmals und forderte zum Schluß auf, nicht dem Bunde der Landwirte, son⸗ dern der wahren Volkspartei, der Sozialdemokratie, bei⸗ zutreten.— Die hiesigen Kleinbauern und Arbeiter wissen schon, was sie zu tun haben.— Der sozlal⸗ demotratische Wahlverein zählt bereits 40 Mitglieder. Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. t. Opfer der Arbeit. Ein gräßlicher Unglücks⸗ fall ereignete sich am Freitag in dem Steinbruchbetrieb der Grube„onstanze bei Langen aubach. Der Stein⸗ brecher Schmidt lud ein Bohrloch. Beim Reinschieben der 8. Dynamit⸗Patrone explodierte auf unerklärliche Weise die ganze Ladung und richtete Schmidt gräßlich zu. Der ganze Körper war mit Steinen gespickt. A u schlimmsten sind die Hände zugerichtet. Aerztliche Hilfe war rasch zur Stelle, doch reichten die Verbandsmittel, die auf ber Grube sein sollten, nicht aus. Der Be⸗ dauernswerte wurde in die Klinik nach Gießen trans⸗ portiert. Aus dem Rreise Marburg⸗Kirchhaun. r. Stabtverordneten⸗-Versammlung. Die letzte Sitzung der Stadtverordneten beschäftigte sich u. a. wieder mit dem zu errichtenden Elektrizitäts⸗ werke. Das Stadtverordnetenkollegium unternahm bereits vor kurzem einen Ausflug nach Haina, um die dortige Einrichtung und besonders die Art der Kraft⸗ maschinen zu besichtigen. Viel scheint bei dieser Tour nicht herausgekommen zu sein, denn in der Stadtver⸗ ordnetensitzung wurde man sich über die Krafterzeugung nicht einig. Einer eingesetzten Kommission, die die Vorarbeiten betreiben soll, wurden 3 000 Mk, bewilligt. Die Gesamtkosten sind auf 5-600 000 Mk. veranschlagt. Fuhrwerksunternehmer E. Heppe, der die Marburger Pferdebahn übernommen hat, ist wieder mal darum ein⸗ gekommen, die Zinsen für das Anlagekapital 60 000 Mk. herabzusetzen, da er nitt auf seine Kosten komme. Bei früheren Debatten über das Kapital Pferdebahn wurde stets ihre gute Rentablität hervorgehoben, und jetzt stellt es sich heraus, daß dem doch nicht so ist. Das eine wird sich aber Marburg sagen können: wenn die Pferdebahn noch einmal gebaut werden sollte, würden die Kosten sicherlich nicht genehmigt werden.— Der Magistrat hatte bei der Stadtverordneten⸗Versammlung angefragt, wann die noch zu erledigenden Stadtver⸗ ordneten⸗Wahlen vorgenommen werden sollten. Es sind zu wählen 2 in der 1. und 2 in der 3. Klasse. Be⸗ schlossen wurde, die Wahlen der 1. Klasse vorne zmen zu lassen, während die Wahlen der 3. Klasse erst dann vorgenommen werden sollen, wenn der Prozeß mit Spediteur August Heppe erledigt ist. In einer geheimen Sitzung faßten die Stadtväter Beschluß über Bewilligung von Mitteln zum Hochzeitsgeschenk für den Kronprinzen. * Zurückgekehrter Durchbrenner. Bürger⸗ meister Kohmann in Gemünden an der Wohra, welcher durchgebrannt war, weil eine große Uuregelmäßigkeit in der Gemeindekasse entdeckt wurde, ist wiedergekommen. „Er wurde vom Amte enthoben“ sagt die betreffende Zeitungsmeldung. Es wäre auch noch schöner, wenn man ihn seierlich wieder auf seinen Posten gestellt hätte. Zum Raubmord iu Heldenbergen. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, den Mörder des Pfarrers Thöbes zu ermitteln. Ein Ausschreiben der Gießener Staatsanwalt⸗ schaft bezeichnet den Metzgergesellen August Marklein, geboren am 9. November 1873 zu Schönwiese(Kr. Preußisch⸗Eylau) und den Schlossergesellen Michael Reger geb. am 29. Juni 1975 zu Michelsfeld(Kreis Eichenberg) als nicht unverdächtig, zu dem Raubmord in Beziehung zu stehen. Um ihre Festnahme er⸗ sucht die Staatsanwaltschaft.— In Langen⸗ selbold wurde ein 33 jähriger Betsler festge⸗ nommen, der etwa 40 Mk. bares Geld und einen Revolver bei sich trug. Auch diese Ver⸗ haftung wird zu dem Heldenbergener Morde in Beziehung gebracht. An den Fall Krohsigk erinnert eine Bluttat, die sich in Troppau in Schlesien ereignete. Dort schoß am Montag der Feldwebel Schwab vom 54. Infanterie⸗ Regiment seinen Leutnant Franz Gruß im Rausche nieder und tötete darauf sich selbst durch einen Schuß. Kleine Mitteilungen. * Einbruch in die Gemeindekasse. Bei dem Gemeinderechner in Petterweil b. Fries berg wurde in der Nacht zum Dienstag eingebrochen und aus dem Kassenschranke 3000 Mk. gestohlen. Merkwürdig, daß der Rechner nichts gehört hat, obwohl der Kassen⸗ schrank in seinem Schlafzimmer steht! * Ein gräßliches Unglück ereignete sich auf dem bei Oberroßbach belegenen Eisenstein-Bergwerk. Dort stürzte am Donnerstag ein Maurerpolier in den einige 60 Meter tiefen Schacht und wurde vollständig zerschmettert. Der Verunglückte hinterläßt Fran und drei kleine Kinder. * Automobil⸗Zusammenstoß. Auf der Straße von Niederlahnstein nach Ems stießen zwei Automobile zusammen. Der Chauffeur des einen, dem Rentier Hophé in Reims gehörigen Wagens erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß er bald nach set er Ankunft im Krankenhause zu Oberlahnstein verstarb. ** Verschiedenes. In Lich sind viele Schul⸗ kinder von Keuchhusten und Scharlach befallen.— In Stockheim wurde am Samstag ein Schreiner⸗ geselle unter dem Verdacht verhaftet, im vorigen Jahre den Mord an der Telephonistin Haas am Bügelberg bei Aschaffenburg begangen zu haben.— Am Samstag erschoß sich der bei der 5. Schwadron des Ulauenregiments Nr. 6 in Hanau dieuende Ulan Georg Glock aus Eltville auf einer Mannschaftsstube. Glock diente im zweiten Jahre.— Beim Bahnbau Hersfeld⸗ Treysa wurde ein Arbeiter, Familienvater mit 5 Kindern, verschüttet und getötet.— Gegen den evangelichen Pfarrvikar Jos. Herkert in Beilngries wurde ein Haftbefehl wegen Sittlichkeits vergehen erlassen. Versammlungskalender. Samstag, den 26. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Parteiversammlung. 9 Uhr bei Jesberg. frage. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker. Tagesord⸗ nung: 1. Konsumgenossenschaften; Ref. M. Keßler⸗ Gießen. 2. Weihnachtsfeier. Sonntag, den 27. November. Sarnau. Erdarbeiter⸗Versammlung. mittags 4 Uhr, Montag, den 28. November. Gießen. Schneider verband. Versammlung abends 9 Uhr bei Orbig. Marburg. Schneider. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Hillberger.— Tapezierer. Abends 9 Uhr Versammlung bei Hildemann. Briefkasten. g.⸗Alsfeld. Besten Dank für freundliche Be⸗ mühung. Wir konnten aber zu unserm Bedauern nicht den ganzen Bericht aufnehmen. Außerdem wurde der Inhalt, des Vortrags vor mehreren Wochen schon einmal in unserm Blatte wiedergegeben. Wollen Sie immer berücksichtigen, daß unsere Raumverhältnisse möglichste Kürze gebieten, lassen Sie sich aber trotzdem niemals abschrecken, über Dinge von allgemeinem Interesse Mit⸗ teilung zu machen. Das gilt für alle unsere werten Korrespondenten und Leser! H.⸗Mrbg. Soll in der nächsten Nr. behandelt werden. g Letzte Nachrichten. Reichstagsersatzwahl in Schwerin. Endgültiges Resultat: Dr Dade(kons.) 7033, Büsing (natlib.) 7002, Antrick(sozdem,) 10,490 Stimmen. Stichwahl zwischen Dade und Antrick. Abends Vortrag über die Schul⸗ Nach⸗ Ein Großmütiger. Vor wenig Tagen feierte man die 400. Wiederkehr des Geburtstages des Landgrafen Philipp von Hessen, genannt der„Groß⸗ mütige“, der am 13. November 1504 in Mar⸗ burg geboren wurde. In ihm erblickt der Protestantismus einen seinen ersten Helden, den er daher auch anläßlich seines Geburls⸗ tages in überschwenglicher Weise verherrlichte. Zur Feier des Tages verfehlte natürlich auch die Ordnungspresse— besonders die hessische— nicht, den Landgrafen alle möglichen Tugenden anzudichten. Das gilt gewissen Blättern für ihre„patriotische“ Pflicht, nicht bloß den leben⸗ den, sondern auch den toten Fürsten gegenüber. Diese Lobhudeleien stehen aber fast immer mit der geschichtlichen Wahrheit in direktem Wider⸗ spruch. So auch bei Philipp, über den Wilh. Blos in der Leipziger Volkszeitung auf Grund der geschichtlichen Tatsachen folgendes schreibt. Philipp wurde schon mit 18 Jahren vom Kaiser für mündig erklärt, und das mag seinen Eigendünkel nicht wenig gefördert haben. Seine erste Tat war, daß er als Mitglied des schwäbischen Bundes mit dem reaktionären Kur⸗ fürsten von Trier gegen Franz von Sickingen zu Felde zog und dessen Erhebung niederschlug. Der Protestantismus, der heute Sickingen uno Hutten Denkmäler setzt, hat gewiß keine Ursache, den„großmütigen“ Philipp dafür zu preisen, und spricht darum heute nicht gerne von dieser Episode. Philipp war es beiläufig auch der den sterbenden Sickingen nach der Einnahme von kbessen Burg Landstuhl fragte, wo er seine Schätze verborgen habe, worauf er die bekannte Einladung erhielt, die Götz von Berltchingen im Goctheschen Drama an den kaiserlichen Hauptmann richtet. Noch weniger„großmütig“ zeigte sich Phi— lipp zwei Jahre nachher im großen Bauer n⸗ krieg von 1525. Dort erscheint er unter den grimmigsten Verfolgern der aufstän⸗ dischen Baueun und als Teilnehmer an den blutigen und mutwilligen Grausamkeiten der —— 3 —:. r 1 r r 1 — — Seite 6. Mittel dentsche Sountaas⸗ Zeitung. Fürsten und Herren dazumal. Mit einem wohlgerüsteten Heere brach er gegen die Bauern los und rückte auf Fulda, wo sich ein großer Bauernhaufe unter dem Uhrmacher Hans Dol⸗ hopt festgesetzt hatte. Die Bürger von Fulda verzagten und öffneten die Tore; ein Teil der Bauern entfloh, 1500 wurden vom Landgrafen im Schloßgraben eingeschlossen, wo ste drei Tage und drei Nächte dem Hunger und Durst preisgegeben wurden. Als man ste herausließ, balgten sich die Unglücklichen um das Spülicht der Schloßküche. Philipp verhöhnte ste und ließ fünf Hauptleute enthaupten. Alsdann zog er mit Georg von Sachsen und Heinrich von Braunschweig gegen Thomas Münzer. Nach dem leichten Stege über dessen Heer zu Frankenhausen ward unter den Flie⸗ henden ein furchtbares Gemetzel angerichtet; das Blut floß in Bächen. Siebentausend Bauern wurden auf der Flucht erstochen; in Franken⸗ hausen wurden 300 enthauptet. Die Reichsstadt Mühlhausen ward aufs grausamste behandelt; Münzers Genosse Pfeifer ward mit 92 Mann enthauptet und außerdem noch eine Menge Mühlhauser Bürger am Leben gestraft. Der Hinrichtung des bis zum Wahnstinn gefolterten Münzer wohnte Philipp mit den anderen Fürsten bet; sie behandelten ihn sehr von oben herab und auch der einundzwanzigjährige Philipp wollte dem gefangenen Revolutionär noch Moral predigen. Aber Münzers Geist war unge⸗ brochen. Er antwortete ihnen, sie möchten das Buch Samuels und der Könige lesen; da würden sie sehen, welch ein Ende Tyrannen nehmen, und darin möchten sie sich spiegeln. Dann fiel sein Haupt. Selbst Luther, der doch in einem grimmigen Pamphlet aufgefordert hatte, man soll die Bauern„stechen, schlagen und würgen“, er⸗ füllten die Greuelszenen in Thüringen mit Ab⸗ scheu und er meinte, ihm sei vor dem Sieg der Herren ebenso bange gewesen, wie vor dem der Bauern.„Hätten die letzteren gestegt, so würde der Teufel Abt geworden sein; würden aber die Tyrannen Herren, so würde des Teufels Großmutter Aebtissin werden.“ Der Geschichtsschreiber Schlosser sagt, Phi⸗ lipp habe„wie ein Tamerlan““ gehaust. Philipp selbst aber leugnete damals, daß dem Volke überhaupt Unrecht geschehen sei und meinte: „Die Bauern vergessen unsere Sorgen und Mühen, gegen welche ihre Abgaben und Lasten noch gering sind.“ Sehr„großmütig“, in der Tat! Eine erschöpfende Charakteristik Philipps kann hier nicht gegeben werden, allein wir haben die obigen Tatsachen angeführt, weil ste von der offiziellen protestantischen Geschichts⸗ schreibung übergangen oder vertuscht zu werden pflegen. a Wenn es also den Gläubigen des Prote⸗ stantismus überlassen bleibt, Philipp zu ver⸗ herrlichen, so müssen wir den egoistischen Zug betonen, der den Handlungen Philipps anhaftet. Kirchengüter jedenfalls ein Hauptmotiv seines Anschlusses an den Prolestantismus, wenn er auch die schönsten„evangelischen“ Sprüche zu tun pflegte. Aus dem Streit der Fürsten um die Kirchengüter ging jener fürchterliche Krieg hervor, der Deutschland dreißig Jahre lang verheerte. Philipps Egoismus zeigte sich am deutlichsten in der interessanten Affäre seiner Doppelehe. Er war seit 1523 mit einer sächsischen Prinzessin Christine vermählt. Später faßte er eine heftige Neigung zu einem Fräulein Margarete von der Saal und wollte sie zu seinem„zweiten Eheweib“ machen. Wie dies geschah, zeigt deutlich, daß Philipp den Prote⸗ stantismus nur als Mittel zum Zweck auffaßte, denn sonst hätte er nicht die Sache unternommen, die dem Protestantismus unendlichen Schaden bringen mußte. Die Mutter Margaretes ver⸗ langte für die Doppelehe die Zustimmung von Luther und Melanchthon. Philipps Gemahlin gab ihre Zustimmung, nachdem auf nicht sehr noble Art auf sie eingewirkt worden war. Luther und Melanchthon waren in der * Ein astatischer Eroberer im 14. Jahrhundert. Er sah in der Konfiskation der peinlichsten Verlegenheit, als der verliebte Landgraf die Zustimmung zu der Doppelehe verlangte. Aber sie wollten sich diesen mächtigen Verbündeten nicht entfremden, und so gingen sie und der bekannte Theologe Butzer auf die Sache ein. Der Briefwechsel der drei Theo⸗ logen mit dem Landgrafen läßt in recht erbau⸗ liche Zustände hineineinblicken. Luther und Melanchthon schrieben an den Landgrafen, ein Gesetz, wonach ein Mann mehr denn ein Eheweib haben dürfe, sei nicht zu erlassen, weil„daraus in allen Heuraten ewige Unruhe zu besorgen.“ Bestehe aber Philipp darauf, schrieben sie,„noch ein Eheweib zu haben, so bedenken wir, daß Solches heimlich zu halten sei, nämlich daß Ew. Gnaden und dieselbe Person mit etlichen vertrauten Personen wissen Ew. Gnaden Gemüt und Gewissen Beichtweise.“ Daraus folge„keine besondere Rede und Aergernis.“—„So ist auch nicht alles Rede zu achten, wenn das Gewissen recht steht, und dieses halten wir für recht. Denn was vom Ehestand zugelassen im Gesetz Moses ist nicht im Evangelium verboten. Also hat Ew. Gnaden nicht allein unser Gezeugnis im Falle der Notdurft, sondern auch unsre Er⸗ innerung.“ Schließlich baten die beiden Refor⸗ matoren dringend, die Sache nicht an den Kaiser gelangen zu lassen.„Denn fromme deutsche Fürsten nichts zu tun haben mit den Praktiken des Kaisers usw.“ Die Trauung fand 1540 zu Rotenburg an der Fulda statt. Der fromme Melanchthon, der auch so sehr gegen die Bauern gehetzt hatte, und Butzer war zugegen. Die Doppelehe wurde indessen bald bekannt und erregte un⸗ gemeines Aergernis. i Gewiß kann die ganze Persönlichkeit Phi⸗ lipps nicht allein nach dieser Affäre beurteilt werden. Aber ungemein charakteristisch bleibt ste für ihn und für die Reformatoren. Wir glauben mit der Anführung aller dieser Tatsachen den Beweis erbracht zu haben, daß Philipp den Namen des„Großmütigen“ nicht verdient, der von Schmeichlern erfunden und vom offtziellen Protestantismus aufrecht erhalten worden ist. b Unterhaltungs- Ceil. ——ů— A Dyllen aus einem Gebirgsdorse. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. 2.(Fortsetzung.) 1 5 Das Dorf war in drei Häuserreihen ange⸗ legt, die an einem gewissen Punkte zusammen⸗ trafen. Dort kreuzte der elende Dorfweg eine breite Reichsstraße, die zwei Landstädtchen ver⸗ band. Die armen, einfältigen Dorfleute nannten sie die Kaiserstraße; denn sie waren der festen Meinung, der gute Landesfürst, der im nahen Städtchen das Gericht unterhielt, habe sie von seinem eigenen Gelde bauen lassen, um ihnen damit eine kleine Freude zu machen. Sie ver⸗ gaßen, daß der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, vor fünf Jahren auf dem schlechten Wege, der damals die zwei Landstädtchen ver⸗ band, aus dem Wagen geschleudert wurde und mit seinem schönen, grünen Sammtrocke in eine Pfütze zu liegen kam. Sie wußten nicht, daß es der Graf seiner Großmutter geklagt hatte, die es ihrer Tante vertraute, deren Onkel ein gewaltiger Kammerherr war. Sie ließen sich's nicht träumen, daß dieser Kammerherr einen Bruder besaß, welcher mit dem guten Landes⸗ fürsten, der im nahen Städtchen das Gericht unterhielt, jeden Monat fünf Wort sprechen durfte. Jene fünf Worte verhalfen dem Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, zu einem breiten Wege ohne Pfützen und den armen, einfältigen Dorfleuten zu einer Kaiserstraße. Fouhrwerk und elegantes Reisegefährt rollte jetzt zuweilen daher; aber die niederen Hütten Humanität verborgen. Nur zwei Schornsteine lugten etwas übern den Damm und lauschten gleich einem ausge streckten Ohrenpaar nach den tiefsinnigen Reden, die aus den vorbeieilenden Wagen erschollen. „Mon Dieu!“ sagte einst ein brauner Voll⸗ bart zu zwei runden Wangen, die ihm gegen⸗ über saßen,„mon Dieu! ich glaube mein Schatz, es wohnen sogar Menschen hier!“ Die zwei runden Wangen lachten durch zwei niedliche Grübchen eine stumme Antwort. Etwas fühl⸗ barer wurde die reisende Humanität den kleinen Dorfjungen, welche die Eskimohütten bauten; der eine und der andere vorbeieilende Wagen 4 ließ ihnen einen saftigen Peitschenhieb zurück. Die Häuserreihen des Dorfes nannte man „Seiten“. Auf der einen lag ein steinernes Gebäude, das zur Hälfte eingestürzt war. In dem noch erhaltenen Teile hauste ein alter Jude, der den Arbeitern Branntwein verkaufte. Einst hatten Aecker und Wiesen einen Grund⸗ besitz zu diesem Gebäude gebildet. Die Leute nannten es das„Erbgericht“. Dieser Grund- besitz war, wie vieles andere, Eigentum des Grafen geworden, dem die Hirsche im Walde gehörten. Nun stand das alte Haus wie eine Ruine da, und der alte Jude mit seinen großen Brillengläsern und seinem krächzenden Hüsteln war die Eule, die darin ihr Nest gebaut hatte. Der Steinhaufen gab der Häuserreihe den Namen: sie hieß die„Richterseite“. In der Mitte der zweiten„Seite“ lag ein Teich. Cr lieferte die Wasserkraft für das gräfliche Eisenwerk, das an jener Stelle mit zwei Schorn⸗ steinen— den Kirchtürmen des Kapitals qualmte. Man fing da den dürftigen Dorfbach ein und spannte seine armselige Flut durch Schleusen, wie man einen störrigen Arbeiter durch Hunger antreibt, immer und immer wieder seine Hand im fremden Interesse zu rühren. Es war dabei nicht in Betracht gezogen, daß dadurch die Hütten tiefer unten oft ohne Wasser waren. Die Dorfjungen, welche die Esktmohütten bauten, eilten dann um die Mittagszeit mit hölzernen Geschirren, die lustig aneinauder klapperten, den Weg hinauf und trugen den erfrischenden Trank für die Mittags⸗ tafel heim. Es verschlug dabei nicht viel, daß fetlige Kohlenschüppchen auf der Oberfläche schwammen. Die Tafelnden, die während des Vormittags genug Kohlenstaub eingeatmet hatten, empfanden derlei nicht besonders tief. Man blies vor dem Trunke in das Gefäß, jene Kohlenschüppchen wegzufegen, wie der Stamm⸗ gast im Hofbräuhause den Bierschaum vom soliden Deckelglase entferut. Freilich, seit die„Stubendirn“ des Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, in den Teich gesprungen war, sich und das Leben 1 unter ihrem Herzen zu ertränken, wollte den. Leuten der Trank nicht mehr munden, und manche Hand ballte sich zur Faust, ehe sie den g Krug faßte. Aber die Einsichtigen unter ihnen glaubten der ausgestreuten Meinung, der junge Graf habe nur das„Beste“ des armen Mädchens? Und die Einsichtigen haben immer Von diesem Wasserbecken hieß die Häuser⸗ ewollt. echt. reihe die„Teichseite“. Der dritte Teil des Dorfes war der arm; seligste. Er führte tief in den Wald, und das Wasser fehlte ihm gänzlich. Hier wohnten die Holzarbeiter des Grafen,* i dem auch die Bäume im Walde gehörten. Weiter oben stand das schmucke Forsthaus mit dem Hirschtopf am Giebel und den Blumen. töpfen am Fenster. Es war ungemein bezeichnend, daß hier zwei Drittel der Bewohner den Namen„Köhler? Man hätte diese Häuserreihe die „Waldseite“ nennen können, aber sie ward 5 führten. anders getauft. An ihrem Beginne lag der Kirchhof mit seinen Holzkreuzen. Denn auf dem Lande hat jedes Dorf drei Dinge: ein Armenhaus, einen Arrest und einen Kirchhof. Mr. 48. waren vom hohen Damm der Straße aus nicht 1 zu sehen. Sie duckten sich verschämt gegen den Bach; darum bließ die Dorfidylle der reisenden — nicht den —— —— — ͤ—— —. ͤ— . Nr. 48. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. welches der gute Landesfürst in dem nahen schlechter der Köhler, Lux, Zoth und Holzer sich auch der stumme Hügel, unter dem Fridolin vor der Mauer. „Zimmermann⸗Engel“ von seiner Heldenlauf⸗ ansteckenden Krankheiten, der Typhus und die Hirsche und Bäume, die in den Wäldern ge⸗ die Aecker, die hinter den Hütten lagen; das Eisenwerk, das neben dem Teiche aus zwei Der stirchof ist fur die Toten, das Armen⸗ haus für die Bettler und der Arrest für die arbeitslosen Vagabunden, die an das Gericht, Städtchen unterhält, eingeliefert werden müssen. Der Kirchhof war besät mit Kindergräbern. An den Holzkreuzen hingen Täfelchen mit ge⸗ dankenreichen Inschriften. Da lagen die Ge⸗ mit ihren biblischen Taufnamen; lauter Arbeiter, die es im Dienste ihres„Brotgebers“, des Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, zu jenem kümmerlichen Durchschnittsalter ge⸗ bracht hatten, wo die Menschenkraft noch hin⸗ reicht, das Sterben zu ertragen. Hier befand und Fridolina, das arme Zwillingskinderpaar, ruhten. Hoch über ihm, am Nachthimmel, funkelte ein Doppelstern. Die Selbstmörder hatten ihr eigenes Reich Besitzes. Dort lag die hübsche Stubendirn und der wahnsinnige Müller, der seinen blonden Kindern den Hals abgeschnitten. Dort ruhte auch der bahn aus. Die Leute nannten diese Seite den„Totscher“; eine Bezeichnung, die eine unheimliche Wahrheit enthielt. Denn hier pflegten regelmäßig die Blattern, zuerst auszubrechen. III. Die Wälder, die das Dorf einschlossen; die diehen; die schlanken Forellen, die sich zuweilen im Dorfbache blicken ließen; der Dorfbach selbst; tigkeit Schornsteinen qualmte.. gehörte dem Grafen Aurich. Und die armen Dorfleute, die Eltern der kleinen Jungen, welche die Eskimohütten bauten „.. Uannten nichts ihr eigen? O! ihuen blieb viel und mannigfach! Man mußte nur recht zusehen! Da war einmal die Luft, die klare, harz⸗ duftige Waldluft. Auf Meilen in der Runde war solch' reine, prächtige Luft nicht zu sinden. Da war ferner die Arbeit, die„Göttin im härenen Gewande“, wie die geistreichen Schrift- steller sagen; die Arbeit, die den Körper stählt und das Selbstvertrauen weckt; die Arbeit mit ihrem echt„evangelischen Inhalt“, von dem der Pfarrer so schön sprach. Und dann die Hütten, die traulichen Hütten! Zeugen Freiheit nichts kosteten. Einen gab. Grund eines Raubes, den ein Gesalbter des Herrn im Hinweis auf die„historische Gerech⸗ Weisheit an dem der Engel frtedvollen Behagens ruht. Weißt Du, wie süß ihnzdie Dichter befingen? „Der Mann ist schaffensmüde heimgekehrt Des Weibes Auge schmachtet schlummertrunken, Und einem goldnen Kirchlein gleicht der Herd. Denn wie zum Meergrund Taucher niedersteigen, Versenkt er sich ins eigene Herz und find't es Voll Perlen, und den Weg zu ihnen zeigen Die Atemzüge des entschlaf'nen Kindes.“ O! man mußte nur recht zusehen! Freilich waren die Hütten mitunter recht ärmlich; aber dafür durfte man dem guten Landesfürsten, der im Städtchen das Gericht unterhielt, Ab⸗ gaben entrichten. Das war ein Sporn mehr zur Arbeit, und ein Hindernis mehr für den Dämon der Unzufriedenheit: man spricht so bezeichnend von der„bändigenden“ Kraft des Die Aurich's waren ein altes Geschlecht; die Wurzeln ihres Stammbaumes lagen im Paradiese. Sie waren ein kraftvolles, rühriges Geschlecht: jeder verstorbene Sproß desselben war der Ahne des folgenden. Wie sie zu ihrem Reichtume kamen? Die Geschichte, die große Lehrmeisterin der Menschheit, gab darüber genauen Aufschluß. In einem Kriege, der so lange dauerte, daß man ihn nach der Zahl seiner Jahre benannte, hatten sie dem Beherrscher eines heiligen Reiches irgend einer Nation Handlangerdienste geleistet. Der Landesvater belohnte solche Treue um so reicher, als die Mittel dieses Lohnes ihn selbst Er nahm Andern, was er dem So herrschten die Aur begehen durfte. Sie bauten in der Gegend ein Schloß mit vier Türmen, mit luftigen Ställen für Pferde und Jagdhunde, mit einer Kanzlei für den Amtmann und mit einem engvergitterten Ge⸗ mache, dessen einziger Schmuck eine Holzbank war, auf der jener Amtmann die Urteile seiner vollstrecken ließ. War der Verbrecher eine hübsche Verbrecherin, so sprach der jeweilige Graf unter Geheim⸗ haltung des Verfahrens das Urteil in Person. In diesem Falle fehlten auch die Aussagen von im kurzen Wege im Protokoll. Dann kam das goldene Jahr irgend einer Revolution, das allen Menschen auf Erden die brachte. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Hohle Zähne. Um den Zersetzungsprozeß hohler Zähne aufzuhalten und die daraus ent⸗ stehenden Zahnschmerzen zu heben, hat man in neuerer Zeit ein wirklich gut bewährtes Mittel efunden. Man läßt sich eine konzentrierte Zösung von übermangansaurem Kali in der Apotheke anfertigen, die prachtvoll violett er scheint und bewahrt sie in einem Glasstöpsel⸗ fläschchen auf. Von dieser Lösung gießt man in ein mit erwärmtem Wasser halbgefülltes Trinkglas 5 bis 6 Tropfen, so daß das Wasser eben nur rötlich wird, und spült den Mund damit recht gut aus. Es lösen sich dadurch nicht nur alle Speisereste in den hohlen Zähnen, sondern der Zerstörungsprozeß der Zähne wird auffällig aufgehalten und die Schmerzen ver⸗ lieren sich bald und bei längerem Gebrauch dauernd. Man muß diese Mundspülungen täglich mindestens einmal vornehmen. Splitter. Der Zeiten Zeiger stehet niemals still, Und jene, die ein Gott verderben will, Die hat er alle Zeit vorerst verblendet. Anzengruber. Humoristisches ichs auß Boshaft. sich eben eine neue Stelle gesucht hat):„Was, die Dame hat Sie genommen, trotzdem Sie nur vier Wochen bei mir ausgehalten haben?“—„Ja, die kennt Sie nämlich!“ Nach der Kirchweih'. Bäuerin!“„Jo was! Soll i an Doktor hol'n?“„Na, mir könn bloß no der Pfarrer helf'n!“„Mariandjosef, is so weit g'fehlt!“„Jo, geh umi und hol bei ihm dö Medizin, wo eahm allweil hilft, wenn er sich übe r⸗ essen hat!“(Simpl.) Das Mutterherz. Sohn(eines Protzen, der mit seinen Eltern entzweit war, als er wieder ins väterliche Haus zurückgekehrt, der Mama erzählend): „Den letzten Monat hab' ich leben müssen mit drei⸗ hundert Mark!“— Mama:„Armer Junge, was hast du leiden müssen!“ Realpolitik. Bayrischer Bauer:„Wann 1 net zum Bauernbund geh, kimm i in'n Himmi), sagt da Pfarra; und wann i dazua geh, gibt ma da Burgamoasta a Geld auf mei Haus.— Ah was, i geh dazua, sicher is sicher!“ ) In den Himmel. Ihr Dach hütet den Herd, den heiligen Herd, Ferner große Billige Preise. Reelle 9 54 5 14 55 2 iehlt sein großes Schuhlager in allen Sorten Schuhwaren.— e 1195 Ben ue bis zu den hochfeinsten für Herren, Damen und Kinder. Stets grosse Auswahl in Arbeterschuhen und Stiefeln. Auswahl in Stoff⸗ und Filzhüten. 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