2 — 2 1 5 — — A 2 — S öcke, 9 S — * 00 el I 8 wie alle axel lalität. — N 3 3 * * 1 e ä —— Nr. 26. Gießen, den 26. Juni 1904. II. Jahrg. Redaktion: Mirchenplatz 11, Schloßgasse. Jöonnt Mitteldeutsche Nebaftionsschluk: Donnerstag Nachmittag& ß, Ahs. gs⸗Jeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung 335/0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindesten s Die hessische Wahlreform. Nächsten Mittwoch wird der hessische Land⸗ tag über das Wahlgesetz beraten, wie es aus den Beschlüssen des eigens dafür einge⸗ setzten Ausschusses hervorgegangen ist. Es hat nicht an Bemühungen gefehlt, welche darauf abzielten, die Beratung der Vorlage bis zum Herbste hinauszuschieben und damit die ganze Wahlreform im Sande verlaufen zu lassen, ste— wie in Bayern und Baden— zum Scheitern zu bringen. Erfreulicherweise blieb diese volks⸗ feindliche Tätigkeit, die nicht bloß von dem Wormser Lederkönig Heyl, sondern auch von gewissen andern, sich in der Oeffentlichkeit als Anhänger der Wahlreform und des direkten Wahlrechts aufspielenden„Volksfreunden“ aus⸗ ging, ohne Erfolg. Damit ist nun noch 1 gesagt, daß die Vorlage auch Gesetz wird. Es können ihr noch erhebliche Schwierigkeiten gemacht werden. Ob sich die nötige Mehrheit in der Zweiten Kammer findet, kann durchaus nicht als sicher gelten und dann ist es noch möglich, daß Heyl die Erste Kammer zum Witderstande aufzu⸗ stacheln vermag. Wir sind also des Gelingen der Wahlreform nicht so sicher, wie es unser Frankfurter Parteiblatt in seinem Artikel in Nr. 139 zu sein scheint. Daß in Hessen die politische Einsicht der Bürgerlichen größer sein soll als anderswo, trifft unseres Erachtens nur auf verhältnismäßig kleine Kreise derselben zu. Gegenüber dem jetzigen Wahlgesetz mit der indirekten Wahl mag die Vorlage wohl eine Verbesserung bedeuten und unsere Partei hat kein Interesse daran, sie scheitern zu lassen, aber ein„ideales“ Wahlrecht bietet sie nicht. Alle sozialdemokratischen Anträge, welche ein wirklich volkstümliches Wahlrecht zu schaffen geeignet waren, wurden abgelehnt und dafür das Gesetz mit allerlei„Kautelen“ der rück⸗ ständigsten Art behängt. Die unverständlichste und ungerechteste Bestimmung, gegen welche sich unsere Genossen in der Kammer noch mit aller Entschiedenheit wenden müssen, ist die Forderung einer dreijährigen Staatsange⸗ hörigkeit als Vorbedingung für das Wahlrecht. Das bedeutet eine Verschlechterung gegen den bisherigen Zustand; bis jetzt konnte jeder wählen, wenn er auch kurz vorher erst die Staatsangehörigkeit erworben hatte. Durch diese Bestimmung wird vielen Männern das Wahl⸗ recht vorenthalten, die schon Jahrzehnte in Hessen ansässig sind und ihre Pflichten gegen den hessischen Staat jederzeit erfüllt haben. Sie haben nur unterlassen, eine Formalität zu erfüllen! Und die in dieser Beziehung Nach⸗ lässigen sind keineswegs nur Arbeiter, sie fin⸗ den sich in großer Zahl in allen Kreisen und Parteien. Wer sich aber überhaupt die Mühe gibt, die Staatsangehörigkeit zu erwerben, der ist kein Zugvogel, dem„das genügende Verständnis und das notwendige Interesse fehlt.“ Von welcher Seite man diese Bestimmung auch betrachtet, sie ist ungerecht, rückständig, lächerlich. Bezüglich des Wahl verfahrens sind ja eine Reihe Verbesserungen anzuerkennen. Es wird vorgeschrieben, daß die Wählerlisten von den Gemeinden zu vervielfältigen und jedem Wahlberechtigten unentgeltlich abzugeben sind. Die Kammer kann auch dann, wenn für eine Ersatzwahl noch keine 6 Monate seit der ersten Wahl verstrichen sind, die Aufstellung neuer Wählerlisten beschließen. Die Wahlhandlung findet in den für die Masse der Bevölkerung e Stunden, von 12 Uhr mittags bis Uhr abends, statt. Alle bis dahin im Wahl⸗ lokal Anwesenden sind noch zur Wahl zuzulassen. Dafür hat die Regierung einheitliche und zweck⸗ mäßige Wahlurnen für alle Wahllokale, allerdings auf Kosten der Gemeinde, zu beschaffen, so daß den Wahlbetrügereien, die wir von der ersten Kuvertwahl bei der letzten Reichstagswahl her kennen lernten, eine neue Schranke gezogen ist. Alle diese Bestimmungen sollen der Ver⸗ fassungsurkunde einverleibt werden. * Die Wahlkreiseinteilung sieht 15 städtische und 45 ländliche Wahlkreise vor, statt bisher im ganzen 50. Die Städte wählen Abgeordnete: Darmstadt 3, Mainz 3, Gießen⸗Wieseck 2, Offenbach 2, Worms 2 u. Friedberg, Bingen und Alsfeld je einen. Ländliche Wahlkreise erhält die Provinz Starkenburg 19, Ober⸗ hessen 14 und Rheinhessen 16. In Ober⸗ hessen wurde ein neuer Wahlkreis: Altenstadt⸗ Heldenbergen⸗Nieder⸗Florstadt gebildet. * Neuwahlen. Die neu hinzutretenden städtisch en Abgeordneten werden zum ersten Mal im Jahre 1905 auf die Dauer von drei Jahren gewählt und zwar von den Stimmberechtigten der in Betracht kommenden Städte in der bisher für die Abgeordnetenwahlen maß⸗ gebend gewesenen Umgrenzung dieser Städte. In den Städten, welchen ein besonderes Wahlrecht zusteht, wird erst im Jahre 1908 nach der neuen Wahlkreiseinteilung gewählt. Im Jahre 1905 finden auf die Dauer von sechs Jahren in folgenden Wahlkreisen Neuwahlen statt: 1. Starkenburg: in Beerfelden, Höchst, Reichelsheim, Dieburg, Heppenheim, Pfungstadt, Bens⸗ heim, Griesheim, Rüsselsheim, Langen, Neu⸗Isen burg, Seligenstadt; 2. Oberhessen: in Vilbel, Bad⸗ Nauheim, Lich, Heuchelheim bei Gießen, Homberg, Groß⸗ und Klein⸗Felda, Nidda, Büdingen, Nieder⸗ Florstadt; 3. Rheinhessen: in Alzey, Sprend⸗ lingen, Osthofen, Wörrstadt, Nierstein, Kastel, Weisenau, Büdesheim, Ober⸗Ingelheim. Im Jahre 1908 finden auf die Dauer von sechs Jahren in folgenden Wahl⸗ kreisen Neuwahlen statt: 1. Starkenburg: in Darmstadt I, Darmstadt II, Darmstadt III, Offenbach I, Offenbach II, Michelstadt, Wald⸗Michelbach, Reinheim, Groß⸗Umstadt, Lampertheim, Groß⸗Gerau, Bürgel; 2, Oberhessen: in Gießen I, Gießen II, Friedberg, Alsfeld, Butzbach, Grünberg, Lauterbach, Herbstein, Schotten; 3. Rheinhessen: in Mainz I, Mainz II, Mainz III, Worms I, Worms II, Bingen, Pfedders⸗ heim, Oppenheim, Mombach. Das preußische Landarbeiter- Knebelgesetz im Reichstag. An seinem letzten Sitzungstage vor den Sommerferien hat sich der Reichstag mit dem im Dreiklassenhause eingebracht hat und der bezweckt, den ohnehin fast rechtlosen Landarbeitern die Möglichkeit zu nehmen, anderwärts Unter⸗ kommen zu finden, wenn sie bei ihrem Junker wegen allzugroßer Schinderei die Arbeit aufgeben mußten. Der Entwurf verstößt gegen eine Reihe von Reichsgesetzen und deshalb hatte unsere Fraktion im Reichstage eine Anfrage an den Reichskanzler eingebracht, was er zu tun ge⸗ 8 Gesetzentwurf befaßt, den die preußische Regierung denke um dem Bundesstaat Preußen gegenüber die Reichsgesetzgebung zur Geltung zu bringen.— Genosse Stadthagen begründete die Interpellation und führte in der Hauptsache Folgendes aus: Das preußische Kontraktbruchgesetz will die landwirt⸗ schaftlichen Arbeiter in einer Weise in Verruf erklären, die mit allem, was sonst Rechtens ist, in Widerspruch steht. Der Entwurf widerspricht den ausdrücklichen Be⸗ stimmungen einer ganzen Reihe von Gesetzen. Würde er aber auch nicht formell mit der Reichsgesetzgebung in Widerspruch stehen, so hätte der Reichstag doch das größte Interesse, dagegen zu protestieren. Denn er widerspricht dem ganzen Geiste der Reichs ver⸗ fassung wie auch der preußischen. Haben wir es doch in Preußen erlebt, daß selbst Peitschenhiebe und Verführung der Arbeiterinnen durch den Inspektor nicht für ausreichend erklärt wurden, um den Kontrakt zu lösen. Was wird da alles als Kontraktbruch bestraft werden! Der Gesetzentwurf will alle Arbeitgeber bestrafen, die kontraktbrüchige landwirtschaftliche Arbeiter in Dienst nehmen; er will ferner die Vermittler für Gesinde und landwirtschaftliche Arbeiter bestrafen, die solchen Arbeitern eine Stelle nachweisen; er will ferner jeden bestrafen, der einen landwirtschaftlichen Arbeiter verleitet oder zu verleiten unternimmt, widerrechtlich einen Dienst nicht anzunehmen oder zu verlassen, also z. B. auch den Ar⸗ beitskollegen, den Vormund, kurz jeden. Bedenken Sie doch, daß jeder Beamter auf die Ver⸗ fassung vereidet ist und einen Meineid begeht, wenn er ein verfassungswidriges Gesetz anwendet. Verfassungs⸗ widrig sind nun nicht nur die Gesetze, die dem direkten Wortlaut der Verfassung widersprechen, sondern alle, die mittelbar oder unmittelbar in Gebiete eingreifen, die die Reichsgesetzgebung durch ausdrücklichen Befehl oder stillschweigende Anordnung hat ergreifen wollen. So hat das höchste Gericht, das Reichsgericht, bei den einzel⸗ staatlichen Gesetzen über die Beihilfe und Verleitung zum Selbstmord, so auch bei den einzelstaatlichen Ausdehnungen des Grobenunfugsbegriffs entschieden. Freilich, wenn nach dem Prinzip des Fürsten Bismark genehme Richter ausgesucht werden, wird man auch so etwas für giltig erklären. Diese systematische Verrufserklärung, diese Aushungerung ländlicher Arbeiter widerspricht dem Stand⸗ punkt der persönlichen Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz, denn keine ähnliche Bestimmung gilt für die Großgrundbesitzer. Aber die Großgrundbesitzer find an⸗ scheinend gezwungen, ein solches Gesetz zu machen, das den Arbeiter seiner persönlichen Freiheit beraubt, nachdem sie es durch schlechte Behandlung und Entlohnung ihrer Arbeiter so weit gebracht haben, daß die italienische Re⸗ gierung und auch der galtzische Landtag sowie die rus⸗ sischen Behörden ihre einheimischen Arbeiter warnen, nach Ostelbien zu gehen. Die Verfassung bestimmt: Reichsgesetze gehen Landesgesetzen vor. Ferner sagt sie, daß Bestimmungen über die Freizügigkeit, über den Ge⸗ werbebetrieb, über das gesamte bürgerliche Recht und Strafrecht durch Reichsgesetze zu regeln find. Gegen diese Verfassun sbestimmungen verstößt das Kontrakt⸗ bruchgesetz. Weshalb kommt man nicht mit diesem Ge⸗ setzentwurf vor das Reich? Ich will es Ihnen sagen: weil Sie wissen, daß das Reich Ihnen einen derartigen Gesetzentwurf vor die Füße werfen würde. Durch das Gesetz werden die ländlichen Arbeiter für vo elfrei erklärt. Es treibt den schlimmsten Wucher, den Arbeitswucher. Es sucht in hinterlistiger Weise denselben Erfolg zu er⸗ zielen wie das Leibeigenschaftsgesetz. Wehe dem Arbeit⸗ geber, der sittlich und menschlich genug ist, um der Knute ihres Arbeitgebers davongelaufene Arbeiter in Schutz zu nehmen. Er verfällt dem Kontraktbruchgesetz. Wetter verstößt dieses Gesetz gegen den Geist des Frei⸗ zügigkeitsgesetzes, nach dem jeder Deutsche sein Brot suchen darf, wo er es findet. Wenn aber der ländliche Arbeiter ausgerissen ist, weil er seine Würde wahren wollte(Lachen rechte) nun, ich werde Ihnen nachher Bei⸗ spiele geben und ich nehme an, daß Sie soviel sittliche Würde haben, daß Sie in diesen Fällen selbst de. — Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 26. Arbeitern den Rat gegeben hätten, das Arbeitsverhältnis zu fliehen. Ferner verstößt das Gesetz gegen die Gewerbe⸗ ordnung, wonach irgendwelche Beschränkungen über die Zahl und Art der von einem Gewerbetreibenden anzunehmenden Arbeiter außer den in der Gewerbeord⸗ nung selbst angegebenen nicht stattfinden dürfen. Es ist ja geradezu lächerlich, wenn eine verwirrende Presse es so darzustellen sucht, als ob diese Verrufserklärung, diese Hungerstrafe sich nicht gegen die Arbeiter richtet. Ueber diese Presse, die gegen gute Bezahlung die In⸗ teressen der Großgrundbesttzer vertritt, und selbst nicht glaubt, was sie schreibt, lohnt es sich nicht, ein Wort weiter zu verlieren. Zweifellos verstößt das System der schwarzen Listen und der Verrufserklärung von Ar⸗ beitern auch gegen die guten Sitten. Im Jahre 1899 und 1900 haben, wie die Proto⸗ kolle des sogenannten preußischen Abgeordnetenhauses ergeben, die Minister v. Miquel und v. Hammerstein, wie die Protokolle des Reichstages ergeben, die Abgg. Bassermann, Spahn und Dr. Müller⸗Meiningen erklärt, daß diese Frage zur Kompetenz des Reichs gehöre. Aber jetzt auf einmal erklärt Herr v. Podbielski: Was wir brauchen, müssen wir haben. Ob noch ein paar beschworene Verfassungen darüber zu grunde gehen, ist„unter Kameraden janz ejal“. Selbst Herr Oertel erklärte die Gleichstellung der Landarbeiter mit den Industriearbeitern für das einzige Mittel zur Bekämpf⸗ ung der Landflucht und eine Forderung der Gerechtig⸗ keit, der man sich nicht werde entziehen können. Jetzt aber haben alle Parteien, auch das Zentrum, für das einst Reichensperger einen solchen Entwurf einen Schlag ins Gesicht der Gerechtigkeit nannte, im Abgeordneten⸗ hause diesem Entwurf zugestimmt. Das ist das Cha⸗ rakteristische, daß man die systematische Untergrabung der bestehenden Gesellschaftsordnung des Reichs durch Preußen zuläßt. Unsere Verfassung beruht auf der Freiheit und Gleichheit vor dem Ges ttz. Hier aber sollen Sklaven gezüchtet werden. Jetzt wollen Sie den bestrafen, der der Sittlichkeit und Familien⸗ ordnung entsprechende Ratschläge gibt, und heimlich hoffen manche, daß die kujonierten Landarbeiter zu Ge⸗ waltmaßregeln greifen werden. Die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man liest, daß die Landwirt⸗ schaftskammern darüber nachdenken, die Arbeiter noch mehr zu entrechten, noch mehr aus zubeuten, auszuwuchern, hungern zu lassen. Sie reizen die Leute zu Gewalttätigkeiten gegen die, die sie in rechtlose Stellungen herabdrücken, geradezu auf. Redner führt eine größere Zahl von Fällen von straflos ge⸗ bliebenen Mißhandlungen ländlicher Arbeitgeber gegen ihr männliches und weibliches Gesinde an. Er schließt unter lebhaftem Beifall unserer Genossen: Ich glaube gezeigt zu haben, daß der Entwurf einen Einbruch in die Reichsgesetze darstellt. Ich frage den Reichskanzler, was er zu tun gedenkt, um so klaren Verstößen gegen Recht und Gesetz, gegen jedes menschliche Recht entgegen⸗ zusetzen?“ Staatssekretär Nieberding beantwortete an Stelle des Reichskanzlers die Interpellation. Natürlich mußte sich seine Rede gegen die Sozial⸗ demokratie richten, er wäre sonst kein preußischer Minister. Dennoch kam das, was er über das Gesetz selbst sagte, einer Verurteilung desselben beinahe gleich. Es wird in der dem preußischen Landtage vorliegenden Form nicht zur Aus⸗ führung kommen. Das hält er für selbstver⸗ ständlich. elber die Versklavung und Aechtung der Landarbeiter wird auch in der anderen „Form“ versucht werden! Und noch etwas mutete wunderlich an: als er unseren Genossen zurief, warum ste nicht schon früher, als kleinere Bundesstaaten ähnliche Gesetze erließen, mit ihrer Interpellation gekommen seien. Man denke sich, der höchste reichsdeutsche Justizbeamte ruft die Sozialdemokratie auf gegen verfassungswidrige Gesetze. Welcher Faktor im Staatsleben sind wir geworden! Und der Erfolg der Interpellation? Zwar schwieg der preußische Ministerpräsident alias Reichskanzler Bülow. Aber daß es unsere Fraktion fertiggebracht hat, im letzten Augen⸗ blick in dieser gründlichen Weise eine Besprechung des Landarbeiterelends und des Junkerattentats herbeizuführen, das macht ihr keine andere Partei nach. Diese standen alle schon mit den Reisekoffern in der Reichstagstür— bah! was scheerten sie da die Landarbeiter! Für uns ist jederzeit Pflichterfüllung selbstverständlich, und es wäre sehr gut, wenn wir das Werk gleich außerhalb des vertagten Parlaments fortsetzten, in der Landarbeiteragitation. —— Politische Rundschau. Gießen, den 23. Juni 1904. Sozialdemokratischer Semeinde⸗ wahlsieg. Bei der am Sonntag in Mülhausen i. E. stattgefundenen Stichwahl zum Gemeinderat errangen unsere Genossen einen glänzen ⸗ den Sieg. Ihre sämtlichen fünf Kandidaten sind mit 4400 Stimmen gewählt. Von 36 Sitzen im Gemeinderat besitzt unsere Partei jetzt 20 und hat damit auf längere Zeit hinaus die Mehrheit. Trotz ihrer verleumderischen Kampfesweise ist es den Gegnern nicht ge⸗ lungen, die Sozialdemokratie aus ihrer Posi⸗ tion zu werfen.— Der sozialdemokratische Ge⸗ meinderat Mülhausens konnte auch mit Stolz auf die Zeit seiner bisherigen Herrschaft zurück⸗ blicken, bemerkt die Frkftr.„Volksstimme“ zu dem Wahlausfall. Was er z. B. zur Erleichter⸗ ung der Steuerlast für die Minderbemittelten tun konnte, das hat er, Hand in Hand mit der Aufhebung des Oktrois auf verschiedene notwendige Lebensmittel, für das laufende Steuerjahr getan durch Uebernahme der Lohn⸗ und Besoldungssteuer bis zum gesetzlichen Höchst⸗ betrag von 1300 Mk. Jahresverdienst auf die Stadtkasse. Diese Steuerbefreiung kommt nicht nur den Lohnarbeitern zu Gute, ihre Wohltat kommt auch den zahlreichen kleinen Angestellten und Bureaubeamten zu statten, welche weniger als 1300 Mark im Jahre verdienen. Selbst das rheinische Haupt⸗Zentrumsblatt, die„Köln. Volksztg.“ muß die bisherige Tätig⸗ keit des sozialdemokratischen Gemeinderats an⸗ erkennen. Er habe„mit dem alten Schlendrian“ aus der guten alten Zeit gründlich aufge⸗ räumt und eine Reihe nützlicher und notwendiger Maßnahmen getroffen. Eine der ersten Maßregeln, ohne welche der Gemeinderat diese Erfolge wohl auch nicht erreicht hätte, bestand darin, das er mit dem veralteten Systeme des Ehrenbürgermeisters brach und, wie altdeutsche Städte dies zu tun pflegen, die Stelle des Bürgermeisters— eines Berufsbürgermeisters von Mülhausen— öffent⸗ lich ausschrieb. Das Glück wollte es, daß die Wahl auf den tüchtigsten unter den Bewerbern fiel, den Regierungsrat Kayser vom Bezirks⸗ präsidium in Colmar, eine der besten Kräfte auf dem Gebiete des Gemeindeverwaltungs⸗ wesens im Reichslande. Es erregt geradezu Erstaunen, was dieser geschickte und kenntnisreiche Mann mit einem so⸗ zialdemokratischen Gemeinderat er⸗ reicht hat. Auch solche Mülhauser, die die demokratisch⸗sozialdemokratische Koalition auf dem Rathause gründlich verabscheuen, müssen doch zugeben, daß der neue Gemeinderat in den paar Jahren seiner Wirksamkeit mehr geleistet hat, als sein notabler Vorgänger in Jahrzehnten. Das Urteil dieses Gegners lautet ganz anders als die Verunglimpfungen und Schimpfereien, mit der gewisse Reptilredakteure oder z. B. ein Hirschel die Tätigkeit unserer Genossen in Par⸗ 1 und Gemeinderäten glauben abtun zu önnen. Arbeiter als Geschworene u. Schöffen. Es ist bekannt, daß gewöhnlich die„Richter aus dem Volke“ dem sattesten Mittelstande entnommen werden. Eine scharfe Kritik, mit der kürzlich unsere Parteigenossen imbayrischen Landtage diesen Uebelstand gekennzeichnet hatten, ist nicht ohne Eindruck geblieben. Jetzt hat der Justtzminister eine Verfügung erlassen, in der es heißt: Es stände nicht im Einklange mit dem Gesetze, wenn Personen zum Amte etaes Schöffen oder Geschworenen nur deshalb nicht berufen würden, weil sie zur Arbeiterklasse gehören. Besetzwid⸗ rig wäre es übrigens auch, wenn bei der Be⸗ rufung zum Amte eines Schöffen oder Geschwo⸗ renen auf die Zugehörigkeit zu einer politischen Partei Rücksicht genommen würde.— Das Selt⸗ same ist nur, daß es zur Regelung solcher Fragen immer noch gesetzlicher Verordnungen bedarf. Gelten die Arbeiter im heiligen Deut⸗ schen Reich etwa nicht als gleichberechtigte Staatsbürger? Gerechtigkeit für Streikende. Eine außerordentlich hohe Strafe wurde von der Strafkammer in Nordhausen gegen vier Arbeiter verhängt, die bei dem N e Streikposten gestanden und dabet durch Steinwürfe einen Arbeits willigen am Fuße nicht sehr erheblich verletzt hatten. Als der Verletzte die Angreifer mit Schimpf⸗ worten belegt hatte, haben diese ihm noch einige Stockschläge versetzt. Die Angeklagten wurden zu 21, 15, 8 und 6 Monaten, also im ganzen 50 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Verteidiger erbot sich aus Mitleid, für drei der Angeklagten zur Haftentlassung eine Sicherheit aus eigenen Mitteln zu stellen. Menschenopfer für Geldgier. Leider hat sich die Zahl der Opfer des fürchterlichen Brandunglücks auf dem New⸗ Yorker Vergnügungsdampfer„General Slocum“ noch größer als anfangs berichtet wurde, heraus⸗ gestellt. Nach den letzten Berichten beträgt die Zahl der Toten 1200. Eine solche Masse von Menschenleben in unmittelbarer Nähe der Küste zu Grunde gegangen! Daß da nicht die nötigen Vorsichts⸗ und Rettungsmaßregeln angewendet wurden, muß ohne weiteres angenommen wer⸗ den und nach den Mitteilungen über den Zu⸗ stand des Schiffs trifft das auch vollkommen zu. Das Schiff selbst hat sich in jeder Bezieh⸗ ung im elendesten Zustande befunden; und die Katastrophe ist durch die furchtbare Nachlässig⸗ keit verschuldet, die bezüglich der Löschgeräte an Bord des Schiffes herrschte. Die Löschuten⸗ silien waren in den untersten Kabinen unterge⸗ bracht, und kein Mensch konnte bei der herr⸗ schenden Panik auch nur daran denken, die Geräte heraufzuholen. 2500 Rettungsgürtel sollen sich an Bord des Schiffes befunden ha⸗ ben, aber von keinem einzigen wurde Gebrauch gemacht. In den untersten Kabinen lagen sie aufgeschichtet, doch sie waren unbrauchbar, die Umhüllung war total morsch und brach, wenn man sie anrührte. Dem Kapitän wird vorge— worfen, daß er nach dem Ausbruch des Brandes zu weit gegen den Wind fuhr. Das Feuer wurde dadurch immer von neuem angefacht, und viele Personen wurden in dem herrschen⸗ den Rauche ohnmächtig und stürzten zu Boden. Die Gewissenlosigkeit des Schiffseigentümers hat den schrecklichen Tod so vieler Menschen mitverschuldet.— Bei dem Unglück selbst spielten sich grauenvolle Szenen ab; verschiedene Männer und Frauen wurden über den Verlust ihrer Kinder irrsinnig, andere begingen Selbst⸗ mord.— Die amerikanische Regierung ist so besorgt um den Profit der Schiffsrheder, daß ste wirksame Vorschriften zur Sicherheit der Passagiere nicht zu erlassen wagt. Monarchische Reliquien sind sonst bei den königstreuen Leuten aller Länder sehr gesucht. Abgelegte Schnurrbart⸗ binden, weggeworfene Zigarrenstummel, besessene und von Gottesgnaden angewärmte Stühle— all das sind Gegenstände, mit denen ein förm⸗ licher Kultus getrieben wird. Nur in Serbien will man von dem Sammeleifer nichts wissen. Von der Versteigerung der Mobilien des er⸗ mordeten Königs Alexander schließt die Poltzei jene Sachen aus, die in der Mordnacht Be⸗ schädigungen erlitten, weil vermieden werden soll, daß ausländische Makler hiermit speku⸗ lierend„ein lärmendes Aufsehen in Serbien erregen“. Die Polizei beschloß, die fraglichen Gegenstände abzuschätzen und den Wert den Rechtsnachfolgern auszuzahlen, die Sachen selbst jedoch durch Verbrennen zu ver⸗ nichten; nur einige sollen ins Museum kommen.— Und doch müßte es interessant sein, einen blutbespritzten Teppich oder einen von Revolverkugeln durchlöcherten Vorhang zu be⸗ sitzen. Solche Reliquien erinnern so bn an die Vergänglichkeit des Gottesgnadentums und an die„Loyalität“ des ersten Standes, der Herren Offtziere. dus Hundt Süm 2 den delt dal eger 11 Vert hoss heit; und 1 Wal Gen liber Uebr Verl erhe 1 ie erst stöße eko bor Nr. 26. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Streikende Eisenbahner freigesprochen. Allerdings nicht in Deutschland da wäre so etwas heutzutage eine Unmöglichkeit — sondern in Ungarn, das man für ge⸗ wöhnlich nicht zu den vollwertigen Kulturländern rechnet. In Pest wurde am Samstag der Prozeß gegen 13 Mitglieder des Ausstands⸗ ausschusses der ungarischen Eisenbahner ver⸗ handelt, wegen des Streiks im Frühjahre. Sämtliche Angeklagte wurden freigesprochen. Wahlsieg in Holland. In Amsterd am wurde am Donnerstag bei den Ergänzungswahlen zum Gemeinderat im dritten Wahlkreise 8019 P. L. Tak, Haupt⸗ redakteur von„Het Volk,“ mit 2747 Stimmen gegen 1403 antirevolutionäre und 1241 liberale Stimmen gewählt. Im 9. Wahlkreise, wo zwei Vertreter zu wählen sind, blieben unsre Ge⸗ nossen Vliegen und Wollring in der Minder⸗ heit; es findet Stichwahl zwischen den klerikalen und liberalen Kandidaten statt. Bei den am gleichen Tage vollzogenen Wahlen zu den Provinzialräten kamen unsere Genossen van der Goes und Tak mit den liberalen Kandidaten in Stichwahl. Im Uebrigen erlitten hierbei die Liberalen starke Verluste. Gegen die russische Gewaltherrschaft erhebt sich immer mehr Widerstand in dem rausam unterdrückten und mißhandelten Volke. iederholt ist es in der letzten Zeit an den verschiedensten Orten zu blutigen Zusammen⸗ stößen zwischen der Bevölkerung und Polizei gekommen. Besonders in Finnland, wo bis vor einigen Jahren eine freiere Verfassung galt, befindet sich die Bevölkerung in gärender Er⸗ regung und die grausame Unterdrückungspolitik der Zarenknechte in Finnland, die seit Jahren auf die völlige Vernichtung der durch Verträge verbürgten finnländischen Verfassung hinarbeiten, trägt die vorauszusehenden blutigen Früchte. In Helsingfors wurde neulich der Gene⸗ ralgouverneur Bobrikow im Senate durch Revolverschüsse niedergestreckt. Der Täter hat sich ebenfalls erschossen, er heißt Schumann und ist Beamter und der Sohn eines früheren Senators. Offenbar hat seine eigene Familie unter der russischen Vergewaltigung unmittelbar und schwer gelitten. Er hat in der Person Bobrikows die russische Tyrannei getroffen. Wie hoch muß die Verzweiflung der unglück⸗ lichen Opfer zarischer Despotie schon gediehen sein, daß sie verzweifelt ihr Leben hinopfern, um einen der auf das geknebelte Land losge⸗ lassenen Henker zu beseitigen! Zum Nachfolger des Beseitigten ist der be⸗ rüchtigte Polizeibarbar von Wilna, General v. Wahl ausersehen, der Arbeiter und Studenten schändlich prügeln ließ und auf den infolge seiner Schurkereien schon früher ein erfolgloses Attentat ausgeführt wurde. Möge es den Finn⸗ ländern gelingen, gegen die Knutenherrschaft wirksam anzukämpfen! Zu einem blutigen Straßenkampf kam es ferner vor einigen Tagen in Warschau zwischen Polizei und Arbeitern. Ein Lemberger Blatt berichtet darüber: Anläßlich eines Fabrikbrandes kam es infolge des rohen Auftretens der Polizei gegen die zum Löschen herbeigeeilten Fabrikarbeiter zum Kampf zwischen Ar⸗ beitern und der Polizei. Ein Poltzist wurde so schwer verletzt, daß er auf dem Wege zum Spital starb. Als Kosaken herbeieilten, wurden sie von den Arbeitern mit Steinwürfen und dem Rufe empfangen:„Fort mit dem Z a⸗ ren! Es lebe die Freiheit! Hoch die Sozialdemokratie!“ Die Kosaken mußten vor der Uebermacht der Arbeiter zurück⸗ weichen. Die Polizei flüchtete schließlich vor den Arbeitern. Dabei wurde der Polizeimeister durch einen Steinwurf am Kopfe verletzt. Um Mitternacht wurde Militär requiriert, das zwei Salven abgab; dabet wurden acht Arbeiter, sowie eine am Fenster n Frau und ihr Sohn erschossen. Acht oldaten sind getötet und dreißig verwundet.— Es ist wirklich höchste Zeit, daß die zaristische Gewalt⸗ herrschaft beseitigt wird. Bekäme sie durch die Japaner den Todesstoß, so wäre wenigsten s ein Vorteil durch den Massenmord erreicht. Russisch⸗japanischer Krieg. Eine schwere Niederlage haben die Russen vorige Woche unter General Stackel⸗ berg bei Wafangkou erlitten. Stackelbergs Versuch, Port Arthur zu entsetzen, ist damit gründlich abgeschlagen; seine Armee soll fast ganz aufgerieben sein. Bei diesem Treffen hätten im ganzen 42 russische gegen 44 japanische Bataillone gestanden; hingegen seien die Ja⸗ paner den Russen an Artillerie sehr überlegen gewesen, da sie über 200 Geschütze verfügten. Die Japaner vollzogen ein geschicktes Umgeh⸗ ungsmanöver, durch welches sie der Armee Stackelbergs in die Flanke kamen. Ein mör⸗ derisches Geschützfeuer richtete großen Schaden unter den russischen Truppen an. Man spricht von Tausenden von Toten und Verwundeten auf russischer Seite. Aber auch die Verluste der Japaner sollen sehr bedeutend sein. Die Verluste der Russen werden auf 10 000 Mann angegeben. Durch einen kühnen Streifzu des Wladiwostok⸗Geschwaders sind aber 0 den Japanern bedeutende Verluste beigebracht worden. Das Geschwader erschien plötzlich in der Straße von Korea. Die Japaner haben sich anscheinend ganz sicher gefühlt und ihre Transportdampfer ohne Begleitung von Kriegs⸗ schiffen gelassen. Fünf japanische Transportschiffe mit Truppen, Lebensmitteln und Kriegs material an Bord fielen den Russen in die Hände und wurden zum Sinken gebracht, wobei mehrere Tausend Japaner umkamen. Diese Verluste sind natürlich geeignet, in Japan Aufregung hervorzurufen und es wurde auch berichtet, daß das Volk über das Unglück entsetzt sei und in Versammlungen vom Kriegsminister Aus⸗ kunft verlangt, welche Sicherheitsmaßregeln getroffen seien. Heftige Angriffe wurden gegen den Admiral Kumimura gerichtet und seine Ersetzung durch eine andere Persönlichkeit ver⸗ langt. Der Admiral machte sich sofort zur Verfolgung des Geschwaders auf, um es von Wladiwostok abzuschneiden, doch es gelang ihm dies wegen starken Nebels nicht. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Das Zechenlegen im Nuhrrevier geht immer weiter, trotzdem die Regierung diese Angelegenheit in Erwägung gezogen hat. Die Zeche Bickefeld bei Essen soll am 30. Junt stillgelegt werden. Wenn auch ein Teil der Bergleute auf den benachbarten Schächten Ar⸗ beit finden, die meisten liegen arbeitslos auf der Straße.— Ja einer Denkschrift, welche kürzlich die Gemeinde Weitmar bei Bochum an das Abgeordnetenhaus richtete, und die von der Amts⸗ und Gemeindevertretung unterzeichnet ist, findet sich u. a. folgende be⸗ werkenswerte Stelle:„Den Angaben, die Berg⸗ werke würden weiter betrieben, bitten wir dringend keinen Glauben schenken zu wollen, denn wenn auch die Arbeiter nicht direkt ge⸗ kündigt werden, so werden dafür aber die Lohn- und Akkordsätze so verschlech⸗ tert, daß die Leute schon von sel bst ab⸗ kehren, und neue werden nicht angenommen.“ Zum Kapitel Arbeiterfürsorge auf dem Lande bringt unser Breslauer Par⸗ teiblatt folgenden Beitrag. Es ist ein Schreiben der Gräflich v. Francken⸗Sierstorpff'sche Güter⸗ 7 1 8 an ihren Arzt Dr. Baumann und autet: Wir nehmen hierdurch Veranlassung, Sie freundlichst() zu ersuchen, fernerhin nur diejenigen Personen in ärztliche Be⸗ handlung zu nehmen, welche durch einen schriftlichen Anweis Ihnen zugewiesen werden. Für Waltdorf geschieht dies durch den dortigen Inspektor Herrn Behr. Außerdem bitten wir, Ihre Besuche aufs äußersteeinzuschränken. Sie waren bei der Knechtsfrau Drotschmann in einer Woche viermal und so häufige Be⸗ — suche entsprechen nicht unseren Wünschen. eee Dieser Brief redet in feiner Kürze ganze Bände. Wieviel ähnliche„Anordnungen“ mö⸗ gen im preußischen Agrarstaat unter der Herr⸗ schaft der Gesindeordnung ergangen sein, ohne daß der Anordnende so unvorsichtig ist, sie dem Papiere anzuver rauen. Es ist ein Bild aus dem patriarchalischen Ideallande unsrer Jun⸗ ker, das hier entrollt wird. Eine Frau— allerdings nur eine Knechtsfrau— liegt krank zu Bette. Der Arzt hält es für seine ver⸗ dammte Pflicht, öfter einmal nachzusehen, wie es der Patientin geht. Dann kommt aber der Bannstrahl: So häufige Besuche entsprechen nicht den Wünschen des„Brotherrn“! Lieber kann ja die Kranke geopfert werden, sie kann vergebens hoffen, den Herrn Doktor einmal zu sprechen, ihm ihr Leid zu klagen! Die„Wünsche“ der gräfligsen Verwaltung müssen respektiert werden! Das ist die„christliche“ Fürsorge der Großgrundbesitzer für ihre Arbeiter. Vom Buchdruckerverband. Aus dem jüngst erschienenen Jahresbericht des Verbandes Deutscher Buchdrucker für 1903 geht hervor, daß die Mitgliederzahl sich gegen das Vorjahr um 2743 erhöhte und am Schlusse des Geschäfts⸗ Jahres 37941 betrug. Die Jahreseinnahme beträgt ohne den Bestand vom vorigen Jahre 2 035 515 Mk., die Ausgabe 1784350 Mk. Der Verband besitzt ein Barvermögen von 3 428 014 28 Mark. Die Ausgaben für Un terstützungs⸗ wecke weisen folgende bedeutende Posten auf: eiseunterstützung 242 857,68 Mk. Arbeits⸗ losenunterstützung 542 789,50 Unterstützung nach § 2 der Vorstandsbeschlüsse 28 088,— Umzugs⸗ kosten 16599,— Unterstützung an vorübergehend Arbeitsunfähige 583 672,28 Unterstützung an dauernd Arbeitsunfähige 169 308,75, Begräbnis⸗ geld 33 291,95 ꝛc.— Die Zahl der Druckorte, in denen Verbandsmitglieder beschäftigt sind, beläuft sich auf 1187. Außer dem oben ge⸗ nannten Barvermögen besitzt der Verband noch in seiner Zentral⸗Invalidenkasse in e aus der Ende Dezember 1903 noch 127 Inva⸗ liden ihre Rente bezogen, eine Summe von 596 891,06 Mk. Die im Verbande organisierten Buchdrucker verfügen über mehr als insgesamt vier Millionen Mark.— Der Bericht kon⸗ statiert eine fortgesetzte Verallgemeinerung des Tarifs, der jetzt von 4251 Firmen mit ca. 40000 Gehülfen anerkannt wird. Christlich⸗soziale Entstellungen. In dem Dillenburger Blatte des Herrn Dr. Burckhardt, dem„Nass. Volksfr.“ findet sich über die Reichstagsverhandlungen vom 10. Juni, an welchem Tage eine Interpellation betr. die Ausführung des Fleischbeschau⸗ gesetzes verhandelt wurde, folgender, von Dr. Burckhardt selbst verfaßter Bericht: „Der Sozialdemokrat Fischer(Zittau), ein geborener Darmstädter, antwortete auf die Ausführungen des Abg. Held(natl.) Die Hausschlachtungen müßten vor allem überall eingeführt werden. Die Bauern verwerteten gern krankes Vieh. Sie wollten billiges Fleisch dem Arbeiter und daher amerikanische Fleisch⸗ einfuhr erleichtern. Im Uebrigen nutzte er die Schwächen der Held'schen Rede reichlich aus und zeigte die Widersprüche derselben. Ob wohl auf dem Lande aber später noch sozialdemokratische Stimmen abgegeben wer- den, nachdem nun der zweite Sozialdemokrat für die Untersuchung der Hausschlachtung eingetreten ist, was bekanntlich auf dem ganzen Lande verhaßt ist?“ Diese Verdrehung der Rede unseres Gen. Fischer ist ein gehässiges Produkt christ ⸗ lich⸗sozialer Wahrheitsliebe.— Allerdings hätten wir gegen Hausschlachtungen selbst nichts ein⸗ zuwenden, zumal deren Produkte sich allge⸗ meiner Beliebtheit erfreuen. Fischer hat aber doch nicht die„allgemeine Einführung der Haus⸗ schlachtungen“ verlangt— das wäre ja ein Unsinn— sondern er hat gesagt: „Wenn das Fleischbeschaugesetz wirklich zum Schutze der Konsumenten dienen sollte, dann müßte es allgemein eingeführt werden, auch Hausschlachtungen umfassen.“ Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. e e * Nr. 26. Bekanntlich suchen die Salon⸗Agrarier, zu deren Troß Dr. B. gehört, das Fleischbeschau⸗ gesetz dadurch zu umgehen, daß sie ihre Massen⸗ Hausschlachtungen kurz als„Hausschlachtungen“ bezeichnen, bei denen keine Fleischbeschau statt⸗ finden soll. Die in Zeitungen viel angepriesenen pommerischen und westfälischen Landschinken, entstammen wohl zum größten Teil diesen Massen⸗Hausschlachtungen. Und der unentwegte Dr. B. behauptet dann noch, das Fleischbe⸗ schaugesetz sei lediglich im Interesse der Volksge⸗ sundheit erlassen. Die Junker, denen die Christlich⸗ sozialen Handlangerdienste bei allen Knechtungen des Volkes leisten, wollen aber das arbeitende Volk und die Kleinbauern nur täuschen, um auch mit dem Fleischbeschaugesetz ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Wir Sozialdemokraten wollen aber diese Junker zu den sehr hart auf dem Bauernstand lastenden Kosten der Fleisch⸗ beschau heranziehen. Wir wollen auf keinen Fall einen Beschauzwang, der die wirtschaftlich schon viel bedrückten Kleinbauern zwingt, einen Tierarzt zur Beschau zuzuziehen und diesem hohe Gebühren zu geben. Absolut nicht, sondern wir wollen, wenn dann das gesundheitliche Interesse einmal maßgebend sein soll, die Här⸗ ten und Mängel der Fleischbeschau beseitigen. Die erbärmlichste Fälschung begeht Dr. B. aber, wenn er seine Dummen gegen die Sozialdemo⸗ kraten scharf machen will und schreibt: Genosse Fischer behauptet, die Bauern verwerten gern krankes Vieh. Diese Entstehung reiht sich wür⸗ dig in den christlich⸗sozialen Lügenkranz. In Wirklichkeit hat Fischer gesagt: „Zahllose Tatsachen beweisen, daß Bauern ihrem Gesinde krankes Fleisch vorgesetzt haben und mancher kleine Bauer nimmt es wohl auch für sich nicht so genau.“ Burkhardt entstellt also nach berühmten Mustern, stellt die Ausführungen Fischers so hin, als habe dieser behauptet, die Bauern verwerteten krankes Fleisch. B. versucht den Westerwälder Bauern vorzumachen, die Sozial⸗ demokraten behaupteten dies von allen Bauern. Man sollte doch wirklich annehmen, daß die parlamentarische Erziehung bei Dr. B. so viel gefruchtet habe, daß er sich zu solchen Aus⸗ legungen zu vornehm halten müßte. Aus den Worten Fischers geht doch klar hervor, denn er spricht ausdrücklich von Bauern und kleinen Bauern, daß die Vorsetzung oder Verwertung von krankem Fleisch, nur bei den Groß⸗ grundbesitzer vorgekommen ist. Für unsere Westerwälder Bauern kann es auch gar nicht zutreffen; hier gibt es fast keine großen Bauern mit„Gesinde“ und wenn ste Dienstboten halten, dann essen dieselben ge⸗ meinschaftlich mit am Tisch des Bauern, wäh⸗ rend bei den Großgrundbesitzer aber für die armen Dienstboten immer gesondert gekocht wird. Mithin ist es nur politischer Gimpel⸗ fang, wenn Dr. B. mit solchen Mätzchen ar⸗ beitet. Weil die Sozialdemokraten aber wissen, daß heute noch Hunderttausende von Arbeitern und Kleinbauern ohne Fleischnahrung sich be⸗ helfen müssen, deshalb kreten sie für billiges Fleisch im Interesse des werktätigen Volkes ein. Erleichterung der Einfuhr amerikanischen Fleisches trägt nebenbei mit zur Erzielung günstigerer Handelvertäge und damit zur Förderung unserer Industrie bei. Gerade unsere Westerwälder Kleinbauern haben ein hohes Interesse an der Entwickelung unserer Export⸗Industrie, denn sie sind großenteils auf den Verdienst ihrer Söhne in der Industrie angewiesen. Erst wo allmonatlich barer Ar⸗ beisverdienst der kleinen Landwirtschaft zufließt, fängt die„Hebung“ langsam an. Für die Zukunft wird Dr. B. schon mit einer noch größeren Zunahme der sozial⸗ demokratischen Stimmen auf dem Lande rechnen müssen, denn die Kleinbauern sehen immer mehr ein, daß nur die Sozialdemokratie es aufrichtig mit ihnen meint und ohne jegliche Vor⸗ spiegelungen, welche die Christlichsozialen so viel anwenden müssen, die Interessen der Klein⸗ bauern wahrt. Unerklärlich ist es aber, wie Dr. B. in seinem Handbuch versichern kann, daß die Fleischbeschau die Viehzucht hebe und dann feig den Stein auf die wirft, die sie gerecht ausbauen wollen. B. dokumentiert durch seine Entstellungen, daß er dem Christen⸗ tum innerlich fremd gegenüber steht, sonst müßten die Worte:„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ ihn an solchen Ausführungen hindern. Anscheinend steht er moralisch auf demselben Niveau, wie seine Fraktions⸗Kollegen Krösell und Wolff: diesen zieht der württembergische Minister Pischek der Lüge, und bei jenem hat das Gericht erkannt, daß er in 3 Fällen bewußt die Unwahrheit gesagt habe. Nette Gesell⸗ schaft. Burkhardts Prozeß dürfte auch noch in frischer Erinnerung sein. L. Trott. Don Nah und Fern. Hessisches. — Der Prozeß wegen der Kretsch⸗ mann⸗Briefe, der gegen unsere Genossen von der Mainzer„Volkszeitung“ angestrengt ist und auf den 29. Juni angesetzt war, mußte nochmals vertagt werden, weil an diesem Tage Genosse Adelung, der neben Döller angeklagt ist, durch die Tagung der Zweiten Kammer, die bekanntlich an diesem Tage mit der Beratung der Wahlreformvorlage beginnen will, am Er⸗ scheinen zum Termin verhindert ist. Gießener Angelegenheiten. — Bund der Bauernfänger. Der Bund der Landwirte beruft für Sonntag den 26. Juni eine Versammlung nach Hungen ein. Als Paradegäule reiten die Herren Dr. Röstcke⸗ Kaiserslautern und der unvermeidliche Lucke⸗ Patershausen in die Arena. Auch ein General⸗ major a. D. der aber immer noch kräftig genug ist nach einem Mandatchen zu streben, hält einen Speech.„Freundlichst eingeladen,“ werden auch Kaufleute, Gewerbetreibende, ꝛc. die man einfangen will, da man sich voriges Jahr überzeugt hat, daß pure Bauern fängerei nicht mehr genügt, um den„Bauern“ Dr. Oertel, Dr. Hahn, Dr. Rösicke ꝛc. Reichstagsmandate zu verschaffen. Wahrscheinlich will man den Schaafen von Kaufleuten ꝛc. einen Vortrag halten, wie ihnen der Handel mit Zigarren, Maschinen, Dünger ꝛc. des Bundes der Land⸗ wirte„nützt“, mögen ihnen die Plötz⸗Zigarren munden!— Einen Hauptschreier vermissen wir leider in der Versammlung, den bekannten Herrn Hirschel! Er, der den B. d. L. als Bauern⸗ fängerbund bezeichnete und die Bauern vor ihm warnte, sitzt seit geraumer Zeit am Futter⸗ trog des Bauernfängerbundes und singt seine Loblieder. Hirschel schreibt nach berühmten Mustern erst links gegen den Bund, und dann rechts für denselben. Daß der Junkerschutztruppe in Oberhessen, wo 17 Standesherrn 44% des Bodens„erarbeitet“ haben, die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ist sicher. Die Herren Köhler und Bindewald sind gegen den B. d. L. immer siegreich gewesen, seine Unterstützung kostetete beiden das Mandat; daran ändern auch einige Großmäuler nichts. — Mit der Lahnkaualisation beschäftigte sich am Samstag eine Versamm⸗ lung von Interessenten im Hotel Großherzog. Von Gießen aus wurde eine Jahresfracht von 650,000 Tonnen in Aussicht gestellt. Die Fracht⸗ ersparnis an Schwergütern würde bis ein Pfennig pro Kilometer-Tonne Wasserkraft, für den Bezirk Gießen allein 400 000 Mk. betragen. — Dem Professor Pfannenstiel brachte die Studentenschaft am Mittwoch Abend einen Fackelzug dar, zum Danke dafür, daß er die ehrenvollen Rufe nach Halle und Freiburg ablehnte. — Gebt auf die Kinder acht! Am Montag Nachmittag ist das achtjährige Töch⸗ terchen des im Asterweg wohnenden Arbeiters Zinn in der Lahn ertrunken. Der Mann hatte es mit nach seinem in der Nähe der Militärschwimmschule belegenen Acker ge— nommen, von wo es sich entfernte, angeblich um nach Hause zu gehen. Dort war das Kind aber nicht eingetroffen und bei den angestellten Nachforschungen fand man es am Dienstag als Leiche in der Lahn. — Feuerlärm erschallte Donnerstag Abend in Gießen. Es brannte ein Lagerhaus von Heß in der Schwarzlach. Von selbst kommt keine Besserung der Lage der Be⸗ sitzlosen, der Arbeiter und kleinen Leute, keine freiheitliche Ausgestaltung uuserer politischen Verhältnisse, alles muß erkämpft sein! Zu solchem Kampfe ist Aufklärung nötig, welche nur die Arbeiterpresse bringt. Für ihre weiteste Verbreitung zu sorgen ist daher Pflicht jedes Angehörigen der werktätigen Bevölkerung, der kämpfenden Arbeiterklasse. Wer gleichgiltig dem Be⸗ freiungskampfe der Unterdrückten gegen⸗ übersteht, wer die Presse der Arbeiter nicht unterstützt, schädigt sich und seine Klassen⸗ genossen! Darum werbt für den Quartalsbeginn fleißig neue Leser für die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich ein mal und kostet nur 25 Pfg. den Monat; 75 Pfg. das Vierteljahr. — Unser zweites Kreisfest.„So, Mann der Arbeit, sollst Du Feste fetten!“ ö Dieses Wort des Arbeiterdichters darf auf unser zweites Kreisfest durchaus Anwendung finden. Es verlief in allen seinen Teilen aufs Beste und wir glauben, daß es jeder Teilnehmer mit Befriedigung verlassen hat. Die Beteiligung war eine außerordentlich zahlreiche, bedeutend stärker als voriges Jahr in Trohe. Im über⸗ füllten Extrazuge kamen Hunderte Genossen von Gießen, Heuchelheim, Lollar, Marburg usw., während die Genossen von Altenbuseck, Wieseck, Krofdorf und andern Orten per Wagen an⸗ kamen. Mit dem Wetter hatten wir wieder Glück, obwohl in den letzten Tagen vorher die Aussichten wahrlich nicht die besten waren. Die ganze Nacht zum Samstag blitzte und donnerte es unaufhörlich und der Regen floß in Strö⸗ men. Das war ja nun für die Landwirtschaft recht gut und notwendig; für unser Fest hätte ein Regen auch nichts geschadet, es wäre sogar sehr angenehm gewesen, wenn der Staub ge⸗ löscht und die Temperatur etwas abgekühlt worden wäre. Als aber Samstag Vormittag der Regen noch anhielt, da sanken die Hoff- nungen auf gutes Festwetter ganz bedenklich, auch einige heitere Sonnenblicke um Mittag konnten sie nicht beleben, wenngleich der Wind eine günstigere Richtung angenommen hatte. Jedenfalls haben schon am Samstag infolge der Wetteraussichten manche Genossen ihre Ent⸗ schlüsse, das Fest zu besuchen, wieder umge⸗ worfen. Erfreulicherweise hellte es sich aber Samstag Mittag auf und der Sonntag brachte uns ein Wetter, wie es Sozialdemokraten zu ihren Festen brauchen und verdienen. Sehr zum Verdruß gewisser antisemitisch⸗verhetzter, mucke⸗ rischer Watzenbörner, die unserm Fest jedenfalls einen Wolkenbruch gegönnt hätten. Wir stehen aber mit dem Himmel auf gutem Fuße! Auch von Seiten des Bürgermeisters wurden unserm Feste Schwierigkeiten zu machen versucht, in— dem dieser den Festzug durch Watzenborn unter⸗ sagte und nur für Steinberg die Erlaubnis erteilte. Der gute Mann glaubte vielleicht auch sein Teil zur Sozialisteubekämpfung beitragen zu müssen, er täuschte sich aber, wenn er uns damit die Festesfreude zu stören dachte. Für die Zugteilnehmer war es im Gegenteil bequemer, daß ihnen der Weg nach Watzenborn erspart wurde; warum verbietet man uns aber, was jedem andern Verein erlaubt ist? Ueber solche kleinliche Nadelstiche wird jeder Einsichtige lachen; glaubt man damit unsere große Bewegung auf⸗ zuhalten? Das gelingt nicht, davon können sich gewisse Leute vielleicht schon bei der nächsten Bürgermeisterwahl überzeugen.— Unser Fest⸗ zug, der sich unter den Klängen des„Sozia⸗ listenmarsches“ durch Steinberg bewegte, wies eine imposante Länge auf; viele Vereine aus den Orten der näheren und weiteren Umgebung waren mit ihren Fahnen vertreten. f —. K 5 e 5 2 rere e ————̃— ——— r den Be⸗ egen⸗ nicht sen⸗ ginn sche ags⸗ mal fat; So, ßeste N auf kdung aufs hiler gung Utend über⸗ i bon usw., iesec, an ⸗ ieder 1 die Die erte Suh. schaft, hätte sogar b ge⸗ kühlt ittag Hoff klich, fittag Wind hatte. folge Eut⸗ 1 Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Nachdem der Zug auf dem Festplatze ange⸗ kommen war, begrüßte Gen. Häuse r⸗Steinberg die Festgäste, dankte für den zahlreichen Besuch und sprach die Hoffnung aus, daß auch durch dieses Fest unsere Bewegung gefördert werden möge. Dann erteilte er dem Genossen Abg. Scheidemann das Wort zur Festrede, der etwa ausführte: „Mit uns das Volk, mit uns der Sieg“. So lautet der Refrain des herrlichen Sozialistenmarsches, den uns eben die Musik im Festzug vorgespielt hat. Dieses Wort erhält heute so recht seine Bedeutung. Denken wir nur zurück an die Verhältnisse hier vor 10—15 Jahren, wäre es damals möglich gewesen, ein solches Fest hier zu feiern? Damals feierten die Antisemiten die Feste, von deren Partei heute nur noch einige brüchige Reste vorhanden sind; damals jubelte man hier einem Böckel zu, dessen Name heute kaum noch genannt wird. Wir haben Fortschritte gemacht; die Zeit der Böckel und Hirschel ist vorüber. Wir freuen uns dieser Entwicklung, die jenen Aerger verursacht, der sich in ihrem Verhalten zu unserm heutigen Feste zeigt. Mag ihnen der Herr vergeben! Die heute hier versammelt sind, kennen das Wort Arbeit. Was bedeutet jene antisemitische War⸗ nung vor unserm heutigen Feste, als Verachtung der Arbeit? Redner führt dann weiter aus, wie die Bauern noch vor 100 Jahren in der Leibeigenschaft steckten, geschunden und ausgebeutet von denjenigen, deren Nachkömmlinge heute als Freunde zu ihnen kommen, um sie vor ihren Interessen⸗Wagen zu spannen. Weiter wies Redner auf die kleinbäuerlichen Verhältnisse hin; viele hessische Bauernsöhne müssen in der Industrie außerhalb Hessens Arbeit suchen und in Oberhessen arbeitet der Galizier, der die Lebenshaltung herabdrückt. Auf das geistige Ni⸗ veau der Galtzier will man die Arbeiter herabdrücken, will sie verdummen, vermuckern. Der Arbeiter soll nicht denken. Die Bündler bekämpfen uns, weil der Erfolg unserer Aufklärungsarbeit das Ende der Junkerherrschaft bedeutet.— Mit Freuden können wir in die Zukunft blicken. Wie töricht handeln die Wahlrechtsräuber! Das Wahlrecht ist ein Ventil, zeigt, wie das Volk denkt. Wenn die Uhr 12 zeigt, wird's nicht wieder 11, wenn man die Uhr zertrümmert, ebensowenig verschwin⸗ det die Sozialdemokratie mit der Beseitigung des Wahl⸗ rechts. Aber wir müssen die Folgen ablehnen, wenn die Politik des Wahlrechtsraubes der Anarchismus großzieht!— Wir wollen gerechte Zustände! Alle Menschen sollen frei und gleich sein. Nicht der Inhalt des Geldsacks soll den Wert des Menschen bestimmen. Bessere, schönere Zeiten wollen wir herbeiführen. Dazu soll das heutige Fest mithelfen; ermuntern und stärken wollen wir uns zu neuer Arbeit! Leiste jeder sein Teil! Das geloben wir, indem wir rufen: Hoch die inter⸗ nationale Sozialdemokratie! Jubelnd stimmten die Zuhörer in das Hoch ein und spendeten der ausgezeichneten Rede Scheidemanns stürmischen Beifall.— Darauf folgten Gesangsvorträge der Arbeitergesang⸗ vereine Steinberg, Eintracht⸗Gießen, Eintracht⸗ Marburg, Heuchelheim usw., dazwischen wurde getanzt. Den Kindern bereitete man durch Verteilung einer Masse Bretzeln große Freude. Viel Heiterkeit erregte auch der Aufstieg zweier Luftballons; kurz, man vergnügte sich aufs all⸗ seitig beste, bis die Zeit der Abfahrt des Extra⸗ zuges wieder gekommen war. Jeder schied im Bewußtsein, einen herrlichen Tag verlebt zu haben mit dem Wunsche: Auf Wiedersehen im nächsten Jahre! Aus dem Rreise sriedherg⸗Pü dingen x. Der Bahnbau Vilbel⸗Stock⸗ heim macht gute Fortschritte, der Unterbau ist fast überall fertig gestellt. Mit dieser Bahn wird endlich ein Wunsch erfüllt, der von den Bewohnern der dabei interessierten Orte seit Jahren immer dringlicher wiederholt wurde. Jedenfalls wird dadurch eine bedeutend bessere Verbindung des Vogelsbergs, besonders des Büdinger Kreises, hergestellt als sie bisher vor⸗ handen war.— Wie berichtet wird, wendeten sich viele ländlichen Arbeiter dem Bahnbau zu, sodaß Arbeitermangel in den landwirtschaftlichen Betrieben bemerkbar werde. Das hat. in den Arbeitsverhältnissen in der Landwirt⸗ schaft seinen Grund; man kann es doch den Arbeitern nicht verübeln, wenn sie ihre Arbeits⸗ kraft dort verkaufen, wo ste den besten Preis dafür erzielen. 6 Aus dem Rreise Wetzlar. * Gewerbegerichtswahlen. Für das Gewerbegericht Wetzlar finden, nachdem ein neues Statut dafür errichtet ist, die Beisitzer⸗ wahlen am 15. Juli statt. Es sind folgende 5 Wahlbezirke gebildet worden; Der 1. Wahlbezirk, umfassend die Stadt Wetzlar einschl. Wetzlar⸗Niedergirmes, die Bürgermeistereien Rechtenbach und Schöffengrund und Garbenheim wählt 8 Beisitzer. Wahlzeit: von 12—1 Uhr mittags und 7—8 Uhr abends im Sitzungssaale des Kreishauses in Wetzlar. Der 2. Wahlbezirk, umfassend die Bürger⸗ meistereien Braunfels und Greifenstein mit Ausnahme von Daubhausen, Greifenthal, Greifenstein und Edingen, wählt 6 Beisttzer. Wahlzeit: Von 11—1 Uhr mittags im Sitzungs⸗ zimmer des Bürgermeister-Amts zu Braunfels. Der 3. Wahlbezirk unmfassend die Bürger⸗ meisterei Aßlar, ferner Daubhausen, Greifenthal, Greifenstein Edingen Oberlemp, Bermoll, Bellers⸗ dorf und Altenkirchen wählt 6 Beisitzer. Wahl⸗ zeit: vou 11—1 Uhr mittags im Sitzungs⸗ 1 des Bürgermeisterei⸗Amts zu Ehrings⸗ ausen; Der A. Wahlbezirk Krofdorf, umfassend die Bürgermeistereien Atzbach und Launsbach mit Ausnahme Garbenheim und die Gemeinden Ahrdt, Groß⸗Altenstädten, Blasbach, Erda Hohensolms und Mudersbach wählt 6 Beisitzer. Wahlzeit von 11—1 Uhr mittags im Sitzungs⸗ zimmer des Bürgermeister⸗Amts zu Krofdorf; Der 5. Wahlbezirk Rodheim, umfassend die Gemeinden Hermannstein, Naunheim, Wald⸗ irmes, Rodheim, Königsberg und Fellings⸗ haufen wählt 4 Beisitzer. Wah zeit: von 11—1 Uhr mittags im Saale des Gastwirts Stork zu Rodheim. Die Beisitzer sind je zur Hälfte aus den Kreisen der Arbeitgeber und Arbeiter zu ent⸗ nehmen. Wählbar sind die Wahlberechtigten, welche das 30. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens 2 Jahren im Bezirk des Ge— werbegerichts wohnen oder beschäftigt sind.— Wahlberechtigt als Arbeitnehmer ist, wer seit mindestens einem Jahre im Bezirke wohnt oder beschäftigt ist. Zwecks Aufnahme in die Wählerlisten müssen sich die Wähler unter Vorlage eines Ausweises über ihre Stimm⸗ berechtigung spätestens bis Montag den 4. Juli bet der Bürgermeisterei ihres Wohn- oder Be⸗ schäftigungsortes anmelden.— Umständ⸗ licher, als es hier geschehen ist, konnte die Wahl kaum gemacht werden. Diese Einteilung der Wahlbezirke! Stundenweit sollen die Wähler verschtedener Orte nach dem Wahlort trotten; das ganz nahe bei Wetzlar gelegene Hermann⸗ stein z. B. wählt in Rodheim! Dann die un⸗ günstige Wahlzeit. Wenn man schon den Frei⸗ tag als Wahltag nahm, dann konnte man doch wenigstens die Abend⸗ und nicht die Mittags⸗ stunden als Wahlzeit festsetzen. Warum haben das die Beisitzer nicht beantragt? Unter solchen Umständen klingt es bald wie Ironie, wenn der Vorsitzende zu zahlreicher Beteiligung einlädt. Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. t. Auf der Minerva⸗Hütte in Haiger, mit deren Arbeitsverhältnissen wir uns leider schon öfters beschäftigen mußten, drohte vorige Woche in der Formerei ein Streik auszubrechen. Der neu eingetretene Formermeister versuchte, wahrscheinlich auf An⸗ weisung die ohnehin niederen Akkordlöhne her— rabzusetzen und zog auch tatsächlich einem jugendlichen Arbeiter von seinem verdienten Akkordlohn 9 Mk. ab, sodaß demselben statt 19 Mk. nur 10 Mk. ausbezahlt wurden.— Das ging aber selbst den rückständigen Ar- beitern über die Hutschnur; sie rückten dem Meister zu Leibe, drohten mit sofortiger Arbeits⸗ einstellung, 9 Mann reichten auch sofort die Kündigung ein. Die Betriebsleitung entging der Arbeitseinstellung diesmal dadurch, daß sie die alten Lohn⸗Akkordsätze weiter bestehen ließ. (Wie lange?) Da der Ausbruch neuer Differenzen nicht ausgeschlossen ist, bitten wir alle organisierten Former den Zuzug nach Haiger streng zu meiden. Unter der früheren Leitung gingen die Arbeits- und Lohnverhältnisse noch einiger⸗ maßen an, die heutige Leitung scheint die Arbeiter dafür haftbar machen zu wollen, daß der Wertbetrag des Versandes der Hütte, um tausende Mark im letzten Jahr zurückgegangen ist. Sollen etwa die Arbeiter verantwortlich gemacht werden, wenn die Profite nicht reich⸗ lich genug ausfallen und die Finanzleute sich dem Unternehmen gegenüber zugeknöpfter zeigen. Den Herren Arbeitgebern scheint die bielge⸗ priesene Wohlfahrt ihrer Arbeiter nur am Herzen zu liegen, weun es sich um Knebelung und Ausbeutung der Arbeiterschaft handelt. t. Eine nationalliberale Parteiver⸗ sammlung fand am Sonntag in Dillenburg statt, um über die Schulfrage zu beraten. Die lieben Christlich⸗Sozialen erhoben ein großes Geschrei darüber, daß die Sache in einer Versammlung in dez nur Nationalliberale Zutritt haben verhandelt wurde. Rich⸗ tiger wäre es freilich gewesen, wenn Herr Hofmann über seine Tätigkeit als Landtagsabgeordneter in einer öffent⸗ lichen Versammlung berichtet hätte, was, wie wir hörten, im Herbste geschehen soll. Eingangs seines Vortrags behandelte Abg. Amtsrichter Hofmann die Welt⸗ und Flottenpolitik durch die nationalliberale Begeisterungs⸗ Brille betrachtet. Dann setzte er die Ansicht der Natio⸗ nalliberalen in der Schulfrage auseinander. Ein Lehrer sprach sich für Anstellung der Lehrer als Staatsbeamte aus. Von den anwesenden höheren Schulmännern erhob keiner Widerspruch gegen das Verhalten der National⸗ liberalen in der Schulfrage, das schließlich zur Auslieferung der Schule an das Pfaffentum führt. Dadurch zeigen sie und die Mehrheit der nationalliberalen Wähler, daß sie kein Verständnis für die Schulpolitik besitzen und bereit sind, bewährte Grundsätze derselben preiszugeben. Genau wie beim Zolltarif haben sich die Nationallibe⸗ ralen in dieser für die Zukunft unseres Vaterlandes äußerst wichtigen Frage ganz in das Schlepptau der Konservativen und Rückschrittler begeben.— Am Schlusse der Versammlung sprach Herr Lehrer Weider gegen die Christlich⸗Soztalen die auch unfähig seien, die bösen Sozis zu bekämpfen, denn die haben sich auch in unserm Wahlkreis über 50% vermehrt. Wir können den Leuten der Drehscheibenpartei versichern, daß in unserm Kreise die Sozialdemokratie noch ganz bedeutend gewinnen wird. Dafür werden wir sorgen und dafür sorgen auch — unsere Gegner. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. r. Von der Maurer⸗Aussperrung! Anfang der Woche verbreitete sich in Marburg das Ge⸗ rücht, die Aussperrung sei beendet. Dem ist jedoch nicht so. Zur Aufklärung diene folgendes: Die verschiedenen Unterhanolungen zwischen den Bauunternehmern und der Lohnkommission ergaben, daß die Unternehmer die 10 stündige Arbeitszeit und einen Lohn„je nach Leistung“ bis zu 38 Pfg. zahlen wollen. Vom 1. April 1905 ab, soll je nach Leistung 40 Pfg. ge⸗ zahlt werden. Die Lohnkommission wollte die Worte: „je nach Leist ung“ gestrichen haben und die Scheere dann sosort aufheben. Darauf ließen sich die Unternehmer jedoch nicht ein, und deshalb dauert die Aussperrung fort. — Bekanntmachung der Gewerkschafts⸗ kommission. Zwecks Revision der Bibliothek müssen sämtliche Bücher diesen Sonntag, den 26. Juni a b⸗ geliefert werden. Die Ausgabe erfolgt wieder am nächsten Sonntag um 11 Uhr. r Furchtbar verletzt wurde am Freitag ein bei dem Oberamtmann Flemming in Büdingen be⸗ diensteter Knecht, der bei der Mähmaschine auf der Wiese beschäftigt war. Jedenfalls wollte er bei der Maschine etwas in Ordnung machen, als die Pferde anzogen und der Knecht unter die scharfen Messer geriet. Der Verunglückte wurde in das Spital nach Büdingen gebracht, seine Verletzungen sind so schwere, daß an seinem lufkommen gezweifelt wird. * Opfer der Arbeit. In der Hafenmühle in Oberlahnstein verunglückte vorige Woche der Arbeiter Johann Schmidt auf grausige Weise. Er kam bei Bedienung der Sichtmaschine mit den Kleidern in die Transmission, wurde mehreremal heruntergeschleudert und so schwer verletzt, daß er bald darauf im Kranken- haus starb. Der Verunglückte stand im 46. Lebensjahre und hinterläßt Frau und 3 Kinder. Briefkasten. Watzenborn. Lassen Sie doch die Kerle schimpfen. Es kann uns ja auch ganz gleichgültig sein, wer den Kaffee bei Bürgermeisters trinkt. Mag er ihnen gut schmecken!— Bei Zuschriften an uns dürfen Sie aber nie vergessen, ihren Namen darunter zu setzen.— Wetzlar. Mit anonymen Einsendungen können wir absolut nichts machen. Nur wenn Sie sich uns nennen, ihre Adresse angeben und die betr. Mißstände genauer schildern, können wir darauf eingehen. Sie brauchen sich gar nicht zu genieren, von uns wird Ihr Name keinem Menschen genannt, auch keinem Staatsan⸗ walt und keinem Gerichte. b.⸗Wetzlar. Ueber 20 gr. schwere Briefe kosten 20 Pfg. Porto; bei ungenügend frankierten wird Strafporto erhoben— das solltest Du für Dein Alter eigentlich wissen.— Fall Bieker noch nicht erledigt. e e —— . —— ——ũ—— — — Mittel dentsche Sonutags · Zeitung. Nr. 26. Wieder ein meineidiger Polizist. Mit den Folgen eines interessanten Preß⸗ prozesses beschäftigte sich das Schwurgericht in Halberstadt. In den„Schwanbecker Nach⸗ richten“ wurde voriges Jahr mitgeteilt, daß der Bürgermeister Frommknecht aus der Wohn⸗ ung des Polizeisergeanten Grün im Rathause Nachts eine Frauensperson herausge⸗ holt habe. In dem darauf folgenden Prozeß egen das Blatt beschwor die ledige Mina 1 daß sie an dem fraglichen Abend nur geschäftlich in G's Wohnung zu tun gehabt und niemals in intimen Beziehungen zu G. estanden habe. Vor dem Schwurgericht ge⸗ tand sie, daß sie einen Meineid geleistet habe, und zwar auf Veranlassung des Polizei⸗ sergeanten Grün. Das Schwurgericht ver⸗ urteilte die Drewes unter Zubilligung mil⸗ dernder Umstände(sie beschwor ihre Aussage, um nicht wegen Ehebruchs angeklagt zu werden) zu 1 Jahr Gefängnis und den Polizei ⸗ sergeanten zu 3 Jahren Zuchthaus und zehn jährigem Ehrverlust. Ein hübsches Kriegervereinsfest wurde in Büßleben bei Erfurt gefeiert. Wie man sich dort in christlich⸗patriotischer Weise amüsierte, geht aus einer Notiz der evangelisch⸗ frommen„Thüringer Zeitung“ hervor, in der folgendes zu lesen war: „Nachklänge vom Kriegerfest in Büßleben. Pastor Frank erhielt bei der Schlichtung des Streites zwischen einem Melchendorfer und einem Büßlebener von dem ersteren einen Schlag ins linke Auge. Nach Feierabend rissen mehrere Bezechte die Guirlanden herunter und zerschnitten die Waschleinen. Einem Maschinenbauer aus Vieselbach wurde das Fahrrad ge⸗ stohlen. Während des Gottes dienstes wurde beim Landwirt Kleebauer der Sekretär erbrochen und um 40 Mk. erleichtert. Zwei junge Damen und ein 15jähriger Knabe aus Erfurt, welche per Rad abends nach Erfurt zurückführen, wurden auf der Urbicher Chaussee von sechs jungen Leuten angefallen und mißhandelt; ein Fräulein bekam einen derben Stockschlag gegen den Rücken und der Knabe wurde vom Rade gerissen und in den Graben geschleudert.“ Na, mehr kann man nicht gut verlangen. Bekanntlich sind die Kriegervereinler die be⸗ rufenen Hüter aller Ordnung, aller guten Sitte und des edelsten Patriotismus, während die umstürzlerischen Sozialdemokraten die immermehr überhand nehmende Sitten⸗ und Zuchtlosigkeit verschulden und das öffentliche Leben verrohen. So wird es beinahe jeden Tag von oben herunter gepredigt und wer's bisher nicht glaubte, dem wird hoffentlich das Büßlebener Kriegerfest da⸗ von überzeugen. Ein Sespräch. 18055 du Sozialist?“ 5 10 „Bist du in der Partei eingeschrieben? Be⸗ zahlst du deine Beiträge? Leistest du etwas für die Unterstützungen? Bist du auf die sozia⸗ listischen Zeitungen abonniert? Suchst du sie zu verbreiten, ihnen Abonnenten und Käufer zu verschaffen? Bist du in der Gewerkschaft . W eingeschrieben?“ „Nein.“ „Warum nennst du dich deun Sozilalist? Vielleicht weil du am Tage der Wahl deine Stimme für die Partei der Arbeiter abgibst, anstatt für die Partei der Ausbeuter zu stimmen? Vielleicht weil du merkst, daß in unsern Lehren ein reineres, erhabeneres Ideal vertreten ist? Und dir scheint, daß das genüge? Begreifst du nicht, daß für die ungeheuerliche Schwierigkeit der Befreiung der Proletarier die Arbeit aller Tage notwendig ist, nicht bloß die Arbeit eines Tages oder einiger Minuten alle zwei oder fünf Jahre? Wie könnte unsre Partei Fort⸗ schritte machen, wie könnte man in den Massen das Licht unserer Ideen verbreiten, wenn alle so handeln würden, wie du? Was strebst du an? Was erwartest du? Daß das Manna der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Wohlbefindens vom Himmel falle? Weißt du es nicht, daß sich die Arbeiter ihre Freiheit selber erobern müssen mit ausdauernder beständiger Kraft, indem ste sich unterrichten, aufklären, einigen? Du bist nicht würdig, dich einen Sozialisten zu nennen, du bist ein schwächlicher Spießbürger, du bist ein Egoist und ein geschwätziger Aufschneider, wenn du nicht tätigen Anteil nimmst an dem heiligen fand schweren Kampfe deiner Bundes⸗ genossen!“ Die Kriege und die Volkskraft. Daß der Sieg der Gewalt auf der Vor⸗ herrschaft der Waffen beruht und wiederum die Produktion der Waffen auf der ökono⸗ mischen Wirtschaftslage, wird heute auf keiner Seite mehr bestritten. Auf keinem Gebiete der Technik wird heute mehr gearbeitet, als auf dem der Waffenproduktion. Die ge⸗ samten Wissenschaften sind in den militärischen Dienst gespannt, und nicht bloß Infanterie⸗ und Artilleriewaffen, sondern auch die elektrischen Scheinwerfer, Spiegel⸗Signalapparate, Panzer⸗ züge, Luftschifferabteilungen, drahtlose Tele⸗ graphie, Riesendampfpflüge G schnelleren Her⸗ stellung von Trancheen usw.) sind heute in den Dienst des„grausam rohen Handwerks“, um ein Wort Schillers anzuwenden, gestellt wor⸗ den. Von der Verwendung der Panzertürme und andern belagerungstechnischen Neuerungen und den gesamten Marinerevoluttonen in tech⸗ nischer Hinsicht hier noch zu schweigen. Die Wirtschaftslage bestimmt die Entwicklungsfähig⸗ keit der Waffentechnik und wiederum wirken die besseren Waffen auf das Sol datenma⸗ terial zurück. Die Kampfes weise, sagt mit Recht Fr. Engels, hat sich den neuen Waffen und Kämpfen anzupassen. Seit Erfindung des Schießpulvers zu Anfang des 14. Jahrhunderts und dem Beginn der Feuerwaffen hat sich die Kriegsführung in fortwährender Umwandlung befunden. Jede Gewehrgallerie und historisches Museum gibt darüber Anschauungsunterricht in Fülle. Niemals aber ist die twicklung der Waffentechnik und damit der veränderten Kriegführung so sprungweise erfolgt wie in unsrer Zeit, wo ein neues Geschoß das andere verdrängt und der industrielle Fortschritt die Kampfesform weit mehr als das Genie des Feldherrn bestimmt. Heute ist die Artillerie die entscheidende Waffe geworden und wenn es, wie kürzlich im russisch⸗japanischen Kriege bei Kintschou, zum Nahkampf mit dem Säbel und Bajonett gekommen ist, dann erst, nachdem die Artillerie die nötige Vorarbeit geleistet und die Bastionen und Verschanzungen zerstört und je⸗ den Schlupfwinkel vernichtet hat. Die Gefechts⸗ stellung für Infanterie und Kavallerie richtet sich heute wesentlich nach der Stellung der Artillerie, weshalb denn die artilleristische Waffe vor allen andern Waffengattungen die weitaus meisten Umänderungen erleidet. Eben jetzt haben die Russen sich entschlossen, die Engelhardtschen Rohrrücklaufgeschütze in den Dienst der Armeen gegen Japan zu stellen, nachdem sie mit den chinesischen Kanonen, welche ebenfalls schon neuerer europäischen Konstruktion angehörten, bei Kintschou so schlechte Geschäfte gemacht und nicht weniger denn 68 Stück in dieser 16 stün⸗ digen Schlacht verloren haben. Um noch bei der Artillerie zu weilen, so verbrauchte nach einer statistischen Aufstellung Deutschland im 1870/ 1er Kriege nicht weniger denn 340000 Artilleriegeschosse. So gewaltig diese Geschütze auch gewirkt haben, so sollen die neuen deutschen Schnellfeuerkanonen doch 223 mal so stark als die von 1870/71, die fran⸗ zösischen Geschütze 116mal mörderischer als die gleichen von 1870 wirken. Auch die Schuß⸗ weiten sind infolge der fortgeschrittenen Technik bedeutender geworden. Das Geschoß eines 34 Zentimeter⸗Kaliber⸗Geschützes erreicht bei einer Anfangsgeschwindigkeit von 1200 Metern ein Ziel, welches in einer Entfernung von 30 Kilo⸗ metern aufgestellt ist, wogegen 1870 im deutsch⸗ französtschen Kriege bei den deutschen Belager⸗ ungsgeschützen die größte Schußweite 8,5 Kilo⸗ meter betrug. Bei den deutschen Schnellfeuer⸗ kanonen setzt jetzt eine Batterie 60 Schuß in der Minute ab. Dabei werden die neuen Schrapnells wie Aufschlagzünder bis auf 8000 einer deutschen Meile, verschossen. Die neue Hemmspornvorrichtung— ein sehr breiter, starker Spaten am Lafettenschwanz, der sich beim ersten Schuß festgräbt und den Rücklauf völlig aufhebt— trägt auch wesentlich zur Beschleunigung der Bedienung bei, da die Mann⸗ ann jetzt ruhig am Geschütz bleiben und der ann Nr. 2 sofort nach dem Schuß wieder richten kann, und zwar allein, ohne Hilfe des andern Richtkanoniers, da jetzt auch die seitliche 1 des Rohrs durch eine Kurbel vor eht. te mit der Artillerie, so ist es mit der Infanterie. Das Millimetergewehr hat eine 13 mal so große Wirkung als das Gewehr von 1870. Im chilenischen Kriege(1891) traten sich alte und neue Gewehre gegenüber. Das alte machte 34 Prozent, das kleinkalibrige neue Mannlicher⸗Gewehr dagegen 82 Prozent ge⸗ fechtsunfähtg. Daß die Buren im Burenkriege die Dum⸗Dum⸗Geschosse, mit welchen die ganze anglo-indische Armee ausgerüstet ist und die bisher nur gegen die Wilden in Anwendung gekommen sind, verwendet hätten, ist nicht be⸗ wiesen worden. Sie besatzen Mausergewehre. Die englische Infanterie verwendete dagegen ein Hohlspitzgeschoß, das an der Spitze mit einem 9 Millimeter tiefen Loch versehen ist, wodurch eine Stauchung und dadurch viele ge⸗ fährliche Wunden verursacht wurden. (Fortsetzung folgt.) 8 Unterhaltungs-Ceil. 5 Auf der Wanderschaft. Erzählung von Robert Schweichel, 5(Fortsetzung) Wenn mir dann endlich das Verständnis aufging, ach, das war schön wie ein Pfingst⸗ tag. Ein Fanatiker aber bin ich nicht, Fräu⸗ lein, wenn ich auch mein Leben ruhig für meine Ueberzeugung hingeben könnte und würde. Sehen Sie, Fräulein, der Unterschied zwischen uns und den herrschenden Klassen ist der, diese kämpfen für die Behauptung und Ausdehnung ihrer Macht, ohne Rückficht auf jede Kultur, um des Gewinnes willen; wir streben nach materieller Emanzipation als Grundlage einer neuen, wahren und höheren Kultur.“ „Und zerstören die bestehende!“ „Nicht ganz, Fräulein. Sie wissen, daß es schon im„Faust“ heißt: Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren. Ach, ich wollte, daß ich mit Engelszungen reden könnte. Denn es ist ein neues Evangelium in die Welt gekommen; aber die Menschen wollen nicht hören.“ Fräulein Julie Mohr zuckte die Schultern und schwieg. Ihre Freundin hatte nur stumm zugehört. Wer sich aber auf Physiognomien verstand, der hätte in ihren Mienen lesen können, wie ste allmählich zum Feinde überging, dessen Aeußer⸗ ungen ste anfangs betroffen gemacht hatten, und wie in ihren schönen braunen Augen nach und nach ein Feuer sich entzündete, das man fast Begeisterung hätte nennen können. Es war eine tiefe, aus dem Innern hervorleuchtende Flamme. Für Irma Schäfer redete Hans mit einer himmlischen Zunge, und ihr Ohr lauschte ihm gläubig. Auf den Weg, der, nur wenig sich senkend, zum Walde hinausführte, hatte keines von den Dreien 1 und ste achteten, mit ihren Ge⸗ danken beschäftigt, seiner auch nicht, als ste nun weiter über kürzlich gerodeten Boden und Haideland schritten, wo mächtige Steinblöcke lagerten und eine Viehheerde weidete, vorüber an jungen Schonungen und frisch besamten Forstboden. Am Horizonte stiegen zu ihrer Rechten Höhenzüge in bläulichem Duft gen Himmel. Tiefe Täler trennten ste wohl von den Wanderern. Nun wollte der Pfad sich wieder in Wald versenken, als Fräulein Irma Meter, also auf eine Entfernung von mehr als 1 83 indnis fing Fräu⸗ meine würde. vischen „diese nung kultur, nach elner daß es ht det a5 ic 0 0h it men; ultern Nr. 26. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7 aufschauend, über dessen Wipfeln die Ruinen eines Turmes bemerkte. Sie fragte, was das sei!? „Die Ruinen der Lauenburg,“ antwortete Hans nach einem Blick dorthin. 5 122 welches Geschlecht hat dort einst ge⸗ . au 10 Er machte ein verlegenes Gesicht.„Meiner Treu', ich habe den Namen des wackern Agrariers vergessen,“ lachte er dann. Fräulein Irma schielte ihn von der Seite an und um ihre frischen, blühenden Lippen schwebte ein neckisches Lächeln.„Warum nennen Sie ihn denn einen Agrarier?“ „Nun, Fräulein, die des Mittelalters nah⸗ men sich mit bewaffneter Faust, was sie brauchen konnten, die heutigen halten drohend die Hand auf und lassen es sich vom Staat schenken.“ Sie lachte laut auf, worauf sie sagte:„Sie sind in der Tat ein schlimmer Sozialdemokrat.“ „Und jetzt mögen Sie mich wie Ihre Freun⸗ din wohl gar nicht mehr leiden?“ fragte er und sah mit einem tiefen Zlick in die Augen, Sie ward rot.„Wenn es nur das wäre, was wir Ihnen zu verzeihen haben.“ „Bitte, und was noch?“ Sie schüttelte den Kopf und beschleunigte ihren Schritt. Er folgte ihr, indem er darüber grübelte, was sie meinen Nn Von der einst durch Feuer und Schwert verheerten Lauenburg sind nur noch wenige Trümmer vorhanden. Hinter den Burggräben ragen nur noch einige Mauerreste mit einem Stück Eckturm und der aus rohen Granit⸗ blöcken aufgeführte Hauptturm oder Berchfrit auf. Ein Balkengerüst in dem Innern desselben 0 1 den Zutritt zu dem hochschwebenden ltan. Auf diesen traten jetzt Fräulein Irma und Hans hinaus, nachdem sie in dem Innern der Burg sich flüchtig umgesehen hatten. Fräu⸗ lein Mohr war in einer von den Lauben vor dem nahen Förster⸗ und Wirtshause zurückge⸗ blieben, nachdem sie und die Freundin durch Milch und Butterbrod sich erquickt hatten. Sie fühlte sich ermüdet und wollte noch ausruhen, und Hans, den sie sehr kühl, ja fast ungnädig zu behandeln fortfuhr, seit er seine Gesinnung unverhohlen ausgesprochen, vermißte ihre Ab⸗ wesenheit in den Ruinen mit stillem Vergnügen. Ungeduldig aber machten ihn die Fremden, wenn es auch nur wenige waren, die er hier antraf; denn es drängte ihn, seine hübsche Be⸗ gleiterin nach seinen Sünden zu fragen. Auf dem Altan waren sie endlich allein; aber nun nahm die köstliche Ausstcht seine Begleiterin gänzlich in Beschlag. Da öffnete sich dem Blicke das weite, schöne Wurmtal und rechts die reiche Ebene mit ihren grünen Feldern und roten Dächern bis nach Quedlinburg hin, über⸗ gossen von dem Goldglanz der später Nach⸗ mittagssonne. „Ach, wie prächtig,“ rief Fräulein Irma entzückt, und Hans darauf:„Ja, und hier das adelige Herren- und Raubnest, für welches die armen Menschen dort unten im Schweiße ihres Angesichts schanzen mußten.“ „O, das hätten Sie nicht sagen sollen,“ rief sie vorwurfsvoll, indem sie sich lebhaft nach ihm hinwaudte. „Verzeihen Sie den Mißton! Aber Sie wissen ja, daß ich aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen weiß.“ „Es war wohl eine Hobelspänlocke von Ihrem Werktische?“ fragte das Fräulein mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck.„Denn Sie machen ja wohl nur in der Reisezeit den Fremdenführer?“ Er sah den Augenblick ge⸗ kommen, indem er die Maske fallen lassen mußte. Freimütig sagte er: „Nein, Fräulein Irma—“ „Schäfer,“ ergänzte sie. „Nein, Fräulein Schäfer, ich habe den Ho⸗ bel längst aus der Hand gelegt. Ich las nicht nur die sozialistischen Schriften, ich durstete nach Wissen. Ich redete in den Arbeiterver⸗ sammlungen, ich schrieb über uns wichtige Fragen in unser Parteiorgan, und eines Tages wurde ich als Redakteur an das sozialdemo⸗ kratische Blatt berufen.“ Sie stieß einen Laut der Ueberraschung aus. „Ich heiße Gruber, Hans Gruber.“ „Es war schlecht von Ihnen, daß Sie uns in unserm Irrtum ließen, als wir Sie in Thale trafen. Warum taten Sie das? Sie wollten sich einen Scherz mit uns machen, das war schlecht von Ihnen.“ „Vielleicht war es eine lustige Ferienlaune,“ lächelte er, und er fuhr fort, indem er mit einem tiefen Blick, vor dem ste errötete, in das Gesicht sah:„Zwei braune, seelenvolle Augen taten es mir an.“ Sie wendete den Kopf ab, um ihre Ver⸗ wirrung zu verbergen, und er sagte seltsam leise und erhaschte ihre schlaff herunterhängende Rechte, die sie ihm aber entzog:„Verzeihen Sie dem Sünder, wenn er auch nicht bereut, was er tat.“ Sie seufzte:„Ach, wir Frauen sind gar zu mitleidig. Meiner Freundin gegen⸗ über werden Sie keinen so leichten Stand haben. Doch lassen Sie uns gehen!“ „Sie werden mein Anwalt sein,“ meinte er, hinter ihr das Balkengerüst hinabsteigend. „Und Ihre Thron und Altar umstürzenden Ansichten?“ lächelte sie, während ste die Ruine verließen und in den Wald hinaustraten.„Meine Freundin ist streng konservativ gesinnt.“ „Ich werde sie von ihrer Richtigkeit über⸗ zeugen,“ sagte er zuversichtlich.„Sie wird ein⸗ sehen, daß auf ihnen die Zukunft beruht, daß sie uns gehört, trotz alledem und alledem!“ Sie fanden Fräulein Mohr noch in der Laube sitzend, den Kopf in die Hand gestützt. Ihre Freundin erschrak, als dieselbe zu ihr aufblickte, so tödlich blaß sah ste aus. Die drei Stunden Weges von Thale her hatten ihre Kraft erschöpft, ste fühlte sich unwohl. Fräulein Irma war ratlos.„Was nun be⸗ innen?“ wandte sie sich an Haus, der zum ufbruche sich fertig machte.„Sie kann un⸗ möglich in diesem Zustande noch nach Suderode hinuntergehen!“ Hans war im ersten Augen⸗ blicke ebenfalls bestürzt, um so mehr, als der herannahende Abend kein längeres Verweilen gestattete. Er eilte in das Haus, um mit dem Wirte zu sprechen. Mit aufgehellten Mienen kam er nach kurzer Zeit wieder und teilte mit, daß es einige Fremdenzimmer im Hause gäbe, und er gleich das beste davon für die Damen mit Beschlag belegt habe.„Sie werden nach der ungewohnten Anstrengung die Nacht gewiß gut ruhen und morgen wieder ganz frisch sein,“ wandte er sich tröstend an Fräulein Julie. „Freilich werden wir daun morgen von hier aus etwas weiter als von Suderode nach Alexis⸗ bad haben, aber dafür haben wir auch den ganzen Tag vor uns.“ Fräulein Julie dankte ihm mit einem matten Lächeln, und während er noch fortfuhr, ste zu ermutigen, erschien die Kellnerin, die die beiden Damen auf ihr Zimmer zu führen. Hans händigte ihr dann Tasche und Rucksack aus und wünschte gute Nacht, mit dem Zusatze: 8500 bleibe zum Dienst der Damen gegen⸗ wärtig.“ Fräulein Schäfer nickte ihm freundlich dankend zu. Als die Mädchen im Hause verschwunden waren, setzte sich Gruber an deren früheren Platz, warf den Hut den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen durch das dicke Blondhaar. Ihm war heiß und es war doch recht kühl auf der Höhe und wurde kühler und kühler, je tiefer die Sonne sank. Er war allein vor dem Hause. Die letzten Gäste hatten eben den 1 uach Suderode eingeschlagen.„Also rma Schäfer heißt ste,“ sprach er vor sich hin, zog sein Pfeifchen hervor und wollte rauchen. Aber nein, erst etwas essen! Er spürte einen Wolfshunger und läutete, indem er die Milch⸗ gläser seiner beiden Damen aneinander stieß, einen dienstbaren Geist herbei. Der Wirt kam. Er möchte ihm eine warme Fleischspeise bringen, gleichviel was es sei. Und er wußte nachher auch nicht, was er aß. Aber er bestellte bei der Kellnerin, welche ihm servierte, einen Grog. „Stark, heiß und süß wie die Liebe,“ fügte er hinzu. Die Kellnerin lachte, und er fiel ein.— lötzlich brach er ab. War es denn wirklich iebe, was er empfand? Ach was! Nur dessen war er gewiß, daß ihm noch kein Mädchen so gut gefallen hatte, wie Irma. Und er sah sie in dem fußfreien Kleide mit Bergstock und Rucksack vor sich herschretten, kräftig, anmutig, während der Tag leise verdämmerte und der Abendwind in dem Laube der Bäume wisperte und rauschte. Er rauchte und nippte von dem Grog, und über ihm tauchte ein Stern nach dem andern an dem stahlgrauen Himmel auf. Dieses Mädchen als Kampfgenosfsin an der Seite, als sein Weib! Ach nein, das waren zu kühne Hoffnungen. Morgen noch, und ste schie⸗ den— wohl für immer. Er sog stärkere Rauchwolken aus seiner Pfeife, und aus ihnen stieg eine andere Gestalt vor seinen inneren Augen auf— die einzige lichte Gestalt seiner Kindheit und seiner Kna⸗ benjahre. Es war die seiner um mehr als zehn Jahre ältern Schwester, die jetzt an einen Schiffszimmermann in Hamburg verheiratet war. An seine Mutter hatte er keine Erinner⸗ ung; ste war gestorben, als er noch klein ge⸗ wesen war. Sein Vater fing nach ihrem Tode zu trinken an, verlor seine Arbeit und ging als Kohlenzieher auf einem transatlantischen Dampfer nach Amerika. Die verlassenen Ge⸗ schwister hörten nie wieder etwas von ihm. Die Schwester arbeitete bereits in einer Spinnerei und ihr kärglicher Lohn mußte für sie und den Bruder ausreichen. Hans begriff nicht mehr, wie das möglich gewesen war, aber sein ganzes Herz hatte an der Schwester gehangen. Dann erbarmte sich ein Wohltätigkeitsverein des kleinen Knaben und tat ihn in eine fromme Erziehungs⸗ anstalt, aus der er zweimal zu seiner Schwester entlief. Als man ihn das letztemal zurückholte, ließ ihn die fromme Oberin— die Kinder mußten ste Mutter nennen— vor dem ver⸗ sammelten Volke binden und auspeitschen, bis sein Schreien und Wimmern verstummte. Ohn⸗ macht hatte den Blutüberströmten still gemacht. Die Sache wurde ruchbar. Es gab einen großen Skandal. Die Stadtväter mußten eingreifen und sie taten Hans in ein Waisenhaus, wo er bis zu seiner Einsegnung blieb. Aus dem Re⸗ gen unter die Traufe. Ein graues, ödes, liebe⸗ leeres Dasein! Durch welche Dornen hatte er sich hindurchreißen müssen! Grimm erfaßte ihn. Und er sollte sich gegen diese heuchlerisch barbarische Welt nicht auf⸗ bäumen? Er lachte grell auf, stürzte den Rest seines Grogs hinunter und suchte sein Lager auf. (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Aus dem Gebirge.„J glaub', der Steinhofer Sepp ist auch schon nervös.“— „Warum denn?“ „Als ihm neulich bei der Rauferei ein Ohr abge⸗ rissen wurde, hat er's gleich gemerkt.“ Zeitgemäßer Seufzer. Betrunkener:„Das ist auch wieder so eine dumme Erfindung, diese elektrische Beleuchtung!.. Wie gemütlich hat man sich früher an so einem Laternenpfahl anhalten können!“ (Fl. Bl.) Zur Beachtung für alle, welche an die Redaktion schreiben. 1. Wenn du etwas einer Zeitung mitteilen willst, tue dies rasch und schicke es sofort ein, denn was neu ist, wenn du es denkst, ist viel⸗ leicht nach wenigen Stunden nicht mehr neu. 2. Sei kurz; du sparst damit die Zeit des Redakteurs und deine eigne. Dein Prinzip sind Taꝛ:sachen, keine Phrasen. 3. Sei klar, schretbe möglichst mit Tinte und leserlich, besonde s Namen und Ziffern; setze mehr Punkte als Komma. 4. Schreib nicht„gestern“ oder„heute“, sondern den Tag oder Datum. 5. Korrigiere niemals einen Namen oder eine Zahl; streiche das fehlerhafte Wort durch und schreibe das richtige darüber oder daneben. 6. Die Hauptsache: Beschreibe nie beide Seiten des Blattes. Hundert Zeilen, auf einer Seite geschrieben, lassen sich rasch zer⸗ schneiden und au die Setzer verteilen. 7. Gieb der Redaktion in deinen sämtlichen Schriftstücken Namen und Adresse an. Anonyme Zuschriften kann die Redaktion nie berücksichtigen, Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. No. 26. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: (Bei kleineren Bestellungen von außerhalb wird ge⸗ beten, den Betrag nebst Porto— event. in Briefmarken — gleich beizufügen). Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. Ratgeber für Arbeiter, eine Zusammenstellung der wichtigsten Bestimmungen der Arbeiter⸗Verficherungs⸗ Kommunale Praxis, Zeitschrift für Kommu⸗ nalpolitik und Gemeindesozialismus. Herausgegeben von Dr. Albert Südekum⸗Berlin. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats mindestens 12 Seiten stark. Das Abonnement ist allen denen zu empfehlen, die sich für die wichtigen Fragen des Gemeindelebens interessieren. Probenummern versendet gänzlich kostenlos der„Verlag Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Taschenformat. Aktiengesellschaft. Preis gebunden 1,25 Mk. gesetze und der bürgerlichen Gesetzgebung ꝛc. 20 Bogen Leipziger Buchdruckerei⸗ Verlag der der Kommunalen Praxis, Berlin W 15“. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. ieee Gesangverein„Eintracht“, Krosdorf. Sountag, 10. und Montag, 11. Juli 1904: 2. Stiftungs-Fest verbunden mit Fahnenweihe Uhren, D. Kaminka Uhrmacher Glessen, Neustadt 19, Neubau Vorteilhafte Bezugsquelle für Gold⸗ und Silberwaren 10 bestehend in Gesangsvorträgen, Konzert und Tanz, 1 1: 0 N wozu ergebenst einladet 1 Der Vorstand. . Eintritt 20 Pfa. 1. eee 1 Ferd. Nennstiel Ciessen, Nochestu. 8. Lager in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Vorteilhaftes Angebot! von der Fabrik für Private unter Ausfall des Händler-Aufschlages! Die Fahrradfabrik„Schwalbe“ Act.-Ges. Gegründet 1896 klehweg e Franz Bock klehweg e Polster-, Tapezier- u. 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