Jahrgang. 11. Nebaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Gießen, den 25. Dezember 1904. Mitteldeutsche Igs⸗Ztitung. Juserate 7 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzelle oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 390% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50%»0Raba 1 Rr. 52. Redaktion: Kurchenplatz 11, Schloßgasse. J Abonnementspreis: Bestellungen Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) . 5 ao Friede a uf Erden. deo, f ö Da die Hirten ihre Herde 0 Doch es ist ein ew'ger Glaube, Ließen und des Engels Worte 0 Daß der Schwache nicht zum Raube Trugen durch die niedre Pforte 90 Jeder frechen Mordgebärde Su der Mutter und dem Rind, 90 Werde fallen allezeit: Fuhr das himmlische Gesind' 0 Etwas wie Gerechtigkeit Fort im Sternenraum zu singen, 0 webt und wirkt in Mord und Grauen, Fuhr der Himmel fort zu klingen: 0 Und ein Keich will sich erbauen, „Friede, Friede! auf der Erde“ Das den Frieden sucht der Erde. 0 g Seit die Engel so geraten, 4 6 Mählich wird es sich gestalten, O wie viele blut'ge Taten 9 Seines heil'gen Amtes walten, 5 Hat der Streit auf wildem Pferde, 6 Waffen schmieden ohne Fährde, 5 Der geharnischte, vollbracht! 0 Flammenschwerter für das Recht, In wie mancher heil'gen Nacht 6 Und ein königlich Geschlecht ö Sang der Chor der Geister zagend, 0 Wird erblüh'n mit starken Söhnen, ö Dringlich flehend, leis verklagend: 95 Dessen helle Tuben dröhnen: „Friede, Friede... auf der Erde d“ 6 Friede, Friede! auf der Erde! ö 5 C. F. Meper. 5 S 1 ö 141 1 8 8 f darüber den Gelehrten! Wir fühlen und er⸗ wir, was aus ihm geworden ist. Aus der 1 4 Erlöser der Menschheit. kennen aber, das zwischen dem, was uns als Liebes⸗ und Gleichheitslehre des Nazareners 5 0„Euch ist heute der Heiland geboren!“ So Jseine Lehre überliefert wird, und unserem Streben hat das Pfaffentum ein düsteres, unvernünftiges, 1 65 sollen nach der christlichen Legende vor mehr und Zielen eine innige Verwandtschaft besteht. unnatürliches Formelwesen gemacht, das die deres. f als neunzehnhundert Jahren die Engel den Wir erkennen seine Lehre von der reinen Men- Herrschenden benutzten, um die Völker in Un⸗ 0 10 armen Hirten auf dem Felde verkündet haben. schen⸗ und Nächstenliebe, der Gleichberechtigung] wissenheit und Knechtseligkeit zu erhalten und 12 Und wie immer an dem Weihnachtsfeste wird und Ebenbürtigkeit der Aermsten und Geringsten die unerhörtesten Verbrechen an ihnen zu ver⸗ 1 auch heute wieder die frohe Botschaft der lei⸗ mit den Reichsten und Mächtigsten gerne und üben und zu beschönigen. f 1 517 0 denden und bedrückten Menschheit gebracht. vollkommen an. Sein Ideal der Menschen⸗ Keine christliche Kirche protestiert gegen die 5 Bekanntlich feierten unsere alten heiduischen[verbrüderung und des Weltfriedens ist auch das grauenvolle, in der Geschichte noch nie dage⸗ ir die* Vorfahren lange, Jahrhunderte, vielleicht Jahr⸗ der Sozialdemokratie. Allerdings, der„Ton“, wesene Menschenschlächterei in Ostasien, keine bt ja tausende vor Christus, das Weihnachtsfest als] den er bei seiner Agitatton gegen die Heuchelei] hat etwas gegen die Vertreibung der armen das Fest der Wintersonnenwende, des und Habgier der besitzenden Klasse. von damals afrikanischen Eingeborenen aus ihrem Vaterlande was Zeitpunktes, an dem sich die nördliche Erdhälfte] anschlug, fand diese ebenso umstürzlerisch und einzuwenden. Wir hören auch nichts davon, et* wieder der Sonne zuwendet, den Bewohnern gotteslästerlich, als die heutigen Ordnungsleute daß sich das offizielle Christentum gegen die 5 dieser Zone wieder längere Tage, Wärme und und Kirchenlichter sozialdemokratische Reden Ausbeutung der besitzlosen Arbeiter durch die ban 70 Leben bringt. Als das Christent im sich aus. und Schriften finden. Und Christus führte Kapttalisten, noch dagegen wendet, daß raff⸗ 4 breitete und auch die nordischer, Völker ge⸗ noch eine ganz andere Sprache als die, welche gierige Junker dem Volke die notwendigsten wann, legte es dem alten Sonnen wendfeste eine der Reichskanzler Bülow der Leipziger Volks⸗ Lebensmittel verteuern. Alle christliche Kirchen andere Bedeutung, die christliche, unter. Es zeitung zum Vorwurf machte!„Wehe euch, sehen ruhig zu, wie die Mehrheit der Menschen 5 feierte Weihnachten als den Gelhurtstag des ihr Phartsäer und Schriftgelehrten, ihr Heuchler, trotz aller Arbeit in Not und Elend dahinleben, III Messias, des Heilandes, Welte rlösers, des die ihr die Schüsseln und Becher auswendig während die Mächtigen alle Schätze der Erde . 1 großen, kühnen Mannes, der allen Völkern reinhaltet, inwendig aber ist es voll Raubes sich aneignen und in Pracht und Reichtum fast 0 10 l Freiheit, Glück und Wohlfahrt bringt. Und und Fraßes!“ Diese zornigen Worte an die ersticken. Es rührt sie nicht, wenn infolge dieser 1 17 schon lange vor Christus hofften die Völker„bessere und gebildete“ Klasse der Juden würde„Ordnung“, die sie als heilig und gottgewollt 1 auf Erfüllung der aus grauer Vorzeit über⸗ er heute gewiß auch unsern Zollräubern und preist und verteidigr, Tausende dem Verbrechen 1 lieferten Prophezeihungen von dem Erlöser, der][ihren Handlangern entgegenschleudern. Noch und der Schande auheimfallen, läßt es zu, daß 14 das tausendjährige Reich des allgem einen Glückes viel schärfere vielleicht! 3 die Kämpfer für Recht und Freiheit verfolgt, 5 und der Liebe begründen werde.——— Der Verkünder der hohen Menschheitsideale in den Kerker geworfen werden. N 5 0 Uns, die Sozialdemokraten, nennt man erlitt den schimpflichen Kreuzestod. Seine prole⸗ Der allerchristlichste russische Staat peinigt N 1„Feinde des Christentums““ Mau tut uns tarischen Anhänger wurden verfolgt, gepetuigt, alljährlich Tausende seiner Angehörigen zu Tode, ö 51! damit Unrecht, wir sind es nicht. Es liegt gemordet. Trotzdem griff die Bewegung immer läßt Hunderttausende verhungern und im Elend u e 0 vielmehr an dem heutigen Christontum selber, weiter um sich, neue Massen Uunterdrückter be⸗ vertteren. Der erste Minister des frommen, U 14 wenn wir ihm entgegentreten und sein unchrist⸗ geisterten sich für das Evangelium der Freiheit christlichen dentschen Reiches verhöhnt die auf 5 110 ö liches Wesen und Auftreten bekämpfen müssen.] und Gleichheit, bie schließlich das Christentum] Beseitigung der sozialen Mißstände gerichteten 1 12 0 Wir werfen hier nicht die Frage auf, ob Christus] die ganze damals bekaunte Welt erobert hatte.] Bestrebungen, macht platte Späße über die 8 13* wirklich existiert habe, überlassen wir den Streit Hat es aber die Ideale erfüllt? Heute sehen hohen Menschheitsideale, die Christus verkündete 5 144 1 ä ö . 1 ö N E e 0 — 3 — 5 5* 7 f 0 1 3 1— 1 N 1 K 14— . 4 Vermögenssteuer verschont Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 52. und denen heute allein die Sozial demotraten nachstreben. Und diese Kämpfer für Gleichheit und Recht wurden von dem Sprößling des christlichen Reichsoberhauptes als Elende bezeichnet. 4 Und das Christentum soll uns Erlösung bringen? Nimmermehr. Für jeden, der mit offenen Augen um sich blickt, muß das„Friede auf Erden“ aus christlichem Munde wie der reine Hohn klingen. Nein, heute wartet das unterdrückte Volk auf keinen Erlöser mehr, es hat längst erkannt, daß es sich selbst erlösen und befreien muß von Knechtschaft und Ausbeutung. Der So⸗ zialis mus ist der Erlöser der Menschheit! Auf diesen Erlöser braucht das Volk nicht mehr zu warten, er ist längst gekommen. Wir müssen ihn nur erkennen, an der Ver⸗ wirklichung der soztalen Idee arbei⸗ ten, um Erlösung zu erlangen! Geloben wir uns dies auch beim heutigen Weihnachtsfeste, halten wir ferner treu und unverbrüchlich zu der Fahne, die uns auf dem Wege zu unserem Ziele voranschwebt, zur Fahne der Sozialdemokratie! Politische Rundschau. Gießen, den 22. Dezember 1904. Patriotismus und Steuerzahlen. Das sind zwei Dinge, die man selten bei⸗ sammen findet. Bei den letzten Reichstags⸗ verhandlungen wurde die Einführung einer Reichsvermögenssteuer verlangt und die Regierung scheint davon nicht ganz abgeneigt. Kaum ist aber das Wort gefallen, so protestieren die besitzenden Klassen auch schon dagegen. Ganz besonders das Agrarier- und Junkertum. Das Organ derselben, die„Deutsche Tagesztg.“ verlangt, daß der Grundbesitz von der bleiben solle! Die notleidenden„Bauern“ von 100000 Mark aufwärts sind zwar, wie der Freiherr v. Richthofen im Reichstag erklärt hat, bereit, für das Heer jede beliebige Summe zu be⸗ willigen; zu ihrer Beschaffung aber auch nur einen zpten Heller beizutragen, fällt ihnen gar nicht ein. So betätigt sich die bewährte patriotische Gesinnung unserer Edelsten und Besten aufs neue in durchaus würdiger Weise. Sie erklären in ihrem berufenen Organ, allem Finanzelend zum Trotze, daß ste jede Reichsfinanzreform als „indiskutabel“ verwerfen, die auch ihren Geldbeutel in Mitleidenschaft zieht. Hier ist keine Verdrehung und keine Ausflucht möglich! Kleinbäuerliche Interessen können hier unmöglich vorgeschoben werden. Denn es handelt sich ja nur um die Besteuerung der großen Vermögen von 100000 Mark an auf⸗ wärts bis zu ungezählten Millionen. Die Pleß, Ratibor, Puttbus, Arenberg, Ballestrem usw.„vertragen eine stärkere Belastung nicht mehr“! Die Gewinne, die sie aus der Liebes⸗ gabenwirtschaft, aus den neuen brotwucherischen Handelsverträgen, aus einem drohenden Zoll⸗ krieg herausschlagen, können sie wohl in die Tasche stecken! Aber einen Pfennig davon zu⸗ rückzuzahlen und an der Verbesserung der Reichs⸗ finan en mitzuhelfen sind die patentierten und tausendfach privilegierten erstklassigen Muster⸗ patrioten nicht imstande. Diese„staatserhaltenden Elemente“ über⸗ lassen es dem arbeitenden Volke, im Schweiße seiner Arbeit den„Staat zu erhalten“, sie können nicht genug neue Soldaten, Kanonen und Gewehre bekommen, sie bewilligen dem Militarismus jede Forderung und stacheln seine Begehrlichkeit immer wieder von neuem auf. Sie haben ein angeborenes Recht, in den„feu⸗ dalsten“ Regimentern mit ihren Söhnen die Offiziersstellen zu besetzen. Dabei bleibt immer noch Geld genug übrig, um jenen schrankenlosen Luxus im Heere zu treiben, über den gerade bürgerliche Kreise am allerlautesten klagen. Ueberall haben sie den größten Mund und den besten Appetit und den ersten Platz! Aber heißt es„Zahlen!“, so machen sie sich dünne! „Die Sozialdemokraten“, zetert der Reichs⸗ kanzler,„wollen ein neues Jena haben!“ Und die Rechte heult Beifall und Entrüstung. Wer war es doch, der Preußen nach Jena führte? Die Urgroßväter der notleidenden Patrioten von heute. Und ihre Urenkel sind ihnen aus dem Gesicht geschnitten.— Mit dem Militärpensions gesetz hatte sich der Reichstag an den beiden letzten Tagen vor den Weihnachtsferien, in die er sich am 15. Dezember bis 10. Januar begeben hat, u befassen. Es sind eigentlich zwei Vorlagen, ie unter der obigen Bezeichnung zusammen⸗ efaßt werden. Die eine dieser Vorlagen er⸗ höht die Bezüge der Offiziere, die andere die der Mannschaften. Der Kreis der von der zweiten Vorlage Betroffenen ist zehnmal größer als derjenige der Offiziere; die Summe aber, um die die Offiziere aufgebessert werden, ist größer als die Summe, die zur Erhöhung der Mannschaftspenstonen verwandt wird. Da⸗ bei beziehen heute schon die 1100 penstonierten Offiziere 33 Millionen Mark, während die pensionierten Unteroffiziere und Mannschaften nur 20 Millionen Mark erhalten.— Kriegs⸗ minister v. Einem begründete am Mittwoch die Vorlage, wobei er ein Lobeslied auf das deutsche Heer sang, über die Deckungsfrage aber nichts sagte. Den sozialdemokratischen Standpunkt präzisterte Genosse Gradnauer. Er unter⸗ stützte die Anregungen des Zentrumsredners, daß die Deckungsfrage eingehend erörtert und den massenhaften Offizierspenstonierungen ge⸗ steuert werden soll. Außerdem sollte man den wegen Soldatenmißhandlungen Bestraften den Anspruch auf Penston oder Zivilversorgungs⸗ schein nehmen. Gradnauer betonte weiter, daß die Sozialdemokratie trotz ihrer prinzipiellen Ablehnung des Militarismus, bemüht sein wird, wirklichen Notständen in Offizierskreisen Abhilfe zu schaffen. Sie stimmt deshalb der Vorlage bei, wenn die auffällige Bevorzugung der höheren und höchsten Chargen beseitigt und die völlig unzureichende Bemessung der Unterofftziers⸗ und Mannschaftspensionen anders geregelt wird. Gegen die zahlreichen Kritiken verteidigte am Donnerstag der Schatzsekretär Stengel die Vorlage. Offenherzig, wie er ist, rückte er mit dem wirklichen Zweck mindestens der Offiziers⸗ penstonsvorlage heraus: es handelte sich darum durch Erhöhung der Pensionen die Möglichkeit, die Offiziere zu verabschieden, zu erhöhen und somit den so beliebten— Verjüngung s⸗ prozeß zu beschleunigen. Leider ging die Offenherzigkeit Herrn v. Stengels nicht so weit, daß er auch die Deckungsmittel dem Hause verriet. Von unserer Partei ergriff an diesem Tage Genosse Dr. Südekum das Wort: er überführte aufs neue das Zentrum der Mit⸗ schuld an der Verzögerung der Penstonsrege⸗ lung und legte am Falle des Generals Kretsch⸗ mann die Art und Weise dar, wie Offiziere von unbequem selbständiger Meinung verab⸗ schiedet werden.— Kriegsminister v. Einem beklagte sich über die Nörgelei an dem tadel⸗ losen Kriegsheere; die Vorlage soll dazu dienen, dieser Nörgelsucht den Eingang in die Offtziers⸗ kreise möglichst zu verschließen; was die Ver⸗ abschiedung des Generals Kretschmann be⸗ trifft, nun, so kann ein General, der„des jetzigen Kaisers Majestät“ zu kritisteren sich nicht scheut, sich nicht verwundern, wenn er verabschiedet wird. Damit war die erste Lesung der Vorlage beendet, die Vertagung wurde be⸗ schlossen und die Reichsboten steuerten ihren heimischen Gefilden zu. Aus unserm„Rechtsstaate“. Die Verurteilung von zwölf Arbeitern in Geestemünde zu insgesamt 63 Mo⸗ naten Gefängnis haben wir bereits in voriger Nummer kurz mitgeteilt. Zu diesem überaus harten Urteil müssen noch einige er⸗ läuternde Worte gesagt werden. Dieser Prozeß war eine Folge der von dem Unternehmertum des Unterwesergebiets verhängten Aussperr⸗ ung. Behörden und Unternehmer machten den ausgesperrten Bauarbeitern das Inver⸗ bindungtreten mit den nach dem Aussperr⸗ ungsgebiet herbeigelockten Arbeits willigen, das doch ihr gutes Recht war, künstlich un⸗ möglich und daraus ergaben sich die Situa⸗ tionen, welche die Ausgesperrten in Konflikt mit den Landfriedensbruch-Paragraphen brachten. Die Leute waren ausgesperrt, und zwar ausgesperrt deswegen, weil sie ein von den Unternehmern errichtetes Maßregelungs⸗ bureau nicht anerkennen wollten.— An dem Tage, an dem sich die der Verurteilung zu⸗ grunde liegenden Vorgänge abspielten, kehrte eine Anzahl Arbeitswilliger nach Geestemünde zurück, die schon einmal Unterstützung von den Organisationen der Angeklagten erhalten und mit dieser in der Tasche unter dem Ver⸗ sprechen der Solidarität Geestemünde verlassen hatten! Nun arbeiteten wieder die Behörden. Die Polizei sperrte den Bahnhof ab und die Bahnbehörde ließ die Streikbrecher durch einen sonst nicht benutzten Ausgang in das vom —.— umgrenzte Gebiet, wo ste einen emser besteigen konnten. Der Wagen passierte das Tor des Zollgitters, an dem sich eine Menge Ausgesperrter und Neugieriger gesammelt 5— Diesen Augenblick benutzten zwei der ngeklagten, das Pferd einen Augenblick anzu⸗ halten und ein dritter rief den Streikbrechern zu:„Kollegen, wollt ihr denn Streik⸗ brecher machen?“ Da zogen die Schutzleute blank, trieben die Menge auseinander und nun raste der Wagen im schnellsten Trabe die Bahnhofstraße entlang. Wütende Rufe und einige Steinwürfe folgten ihm. An demselben Abend wurden in der Bahnhofstraße noch einmal Steine auf einen Wagen mit Arbeitswilligen eworfen, ohne daß jemand verletzt wurde. n Unternehmer schoß aus dem Revolver! Und dafür bekommen die Aermsten, die, wie das Gericht in der Urteilsbegründung selbst sagt, sämtlich ältere, unbescholtene Männer sind, die durch lange Arbeitslosigkeit erbittert waren, dreiundsechzig Monate Gefängnis! Schon vorher kostete dieser Kampf 20 Monate Gefängnis, so daß im Ganzen, Untersuchungs⸗ haft mitgerechnet, mit fast zehn Jahren Gefäng⸗ nis die Brutalität des Unternehmertums der Unterweser an den— Arbeitern gestraft werden dürfte! 1 Folgender fast unglaublich klingender Fall wird aus Lüneburg berichtet: Das noch nicht. 14 Jahre alte Mädchen F. M. hatte einen Kinderwagen, in dem statt eines Kindes sich einige Körbe befanden, auf dem Fußsteig in der Lünentorstraße vor sich hergeschoben. Für dieses Staatsverbrechen erhielt das noch nicht 14 Jahre alte Kind einen polizeilichen Strafbefehl von 3 Mark. Da die Pflege⸗ mutter nicht in der Lage war, diese Summe zu bezahlen, mußte das Kind 24 Stunden brummen. Das Mädchen erhielt einen Straf- befehl, daß es sich zur Verbüßung seiner Strafe in sauberer Kleidung in dem Lüneburger Ge⸗ fan genenhause einzufinden habe.— Es lebe die Gerechtigkeit! Stöckersche Schwindel⸗Politik. Vor einiger Zeit hat der Stöcker⸗Klüngel ein neues Blatt in Berlin unter den Titel „Das Reich“ herausgegeben, das die Verdum⸗ mungsarbert besonders in Arbeiterkreisen be⸗ treiben will. Bei seiner Gründung wurde all⸗ gemein und ohne Widerspruch von irgend einer Seite behar tet, daß es vom„Reichsver⸗ baud gegen die Sozialdemokratie“ ausgehalten würde. Dagegen verwahrt sich das Stöckercblatt jetzt erst. Zugleich schimpft es über die„Ausländerei“, die die Sozialdemo⸗ kratie im Königsberger Prozeß bewiesen habe, lobt den Reichskanzler, der diese„Ausländerei festgenagelt“ habe, und schreibt wörtlich:„Wie kann man es von einer Partei anders erwarten, die von Ausländern geführt wird? Singer mit seinem gleichgestammten Stabe, der Pole Bebel(), der Tscheche Kautsky — ste führeen die Sozialdemokratie und charak⸗ teristeren d ieselbe als eine Invasion des Aus⸗ landes“.— Das ist Stöcker'sche„Wahrheits⸗ liebe“, wie man sie schon seit Langem kennt. Heldenstück i eines christlichen Gewerkschaftlers. In eimer großen Kölner Buchbinderei, so berichtet unser dortiges Parteiblatt, fand dieser 2 0 * itt en t, ein 98. de on ten er⸗ sen en. die len om len tte ine ult der zu⸗ ern ik⸗ ute un die ind hen nal gen de. er! wie lbst nd, ren, 181 late 93 g der del. all licht ien ides eig bel. noch chen sehe⸗ mme den nuaf⸗ trafe Ge⸗ leb —ů— EK5944«4«4««!« S4 Nr. 52. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. . — ä————— 7 Seite 3. Tage ein Mitglied des christlichen Verbandes der graphischen Berufe in der Tasche seines im Schranke hängenden Rockes ein Packet, dessen Inhalt sich als Menschenkot erwies. Hätte man nicht den Urheber dieser Schweinerei er⸗ mittelt, so wäre diese Geschichte ganz zweifellos in den nächsten Tagen in der 1 8 0 gewerk⸗ schaftschristlichen und zentrümlichen Skandal⸗ presse als neuester scheußlicher Terrorismusfall der freien Gewerkschaften in der bekannten Art breitgetreten worden. Der Kölner Lokal⸗Anzeiger hätte die stinkende Geschichte in der ihm eigenen Weise gegen die„sozialdemokratischen“ Gewerk⸗ schaften ausgebeutet, und die Versammlungen der Siegerwald, Kurtscheid, Göbhard und an⸗ derer Märchenerzähler hätten einen neuen „Schlager“ gehabt. Aber es hat nicht sollen sein. Die Nachforschungen ergaben, daß der Urheber des Attentats der christliche Werkstättenvertrauensmann war, ein Herr, der auch im katholischen Gesellen verein eine Rolle spielt. Die christliche Gewerkschafts⸗ größe hatte einen Lehrling zu dem infamen Streich verleitet, nachdem schon kurz vorher ein von ihm angestiftetes ähnliches Attentat auf den nämlichen Buchbinder fehlgeschlagen war. Er beabsichtigte, auf diese Art den Betreffenden aus dem Betriebe hinauszuekeln, weil dieser bei seinen Kollegen als Streber und Anträger gilt. Dabei gehört dieser letztere, was sehr bemerkenswert ist, zu den führenden Mitgliedern des christlichen Verbandes der graphischen Be⸗ rufe; es heißt sogar, er sei im Hauptvorstand dieser Zentrumsgewerkschaft.— Wenn die Behrens, Burckhardt ꝛc. wieder mal ausziehen, um rückständigen Leuten von sozialdemokratischem „Terrorismus“ vorzuschwefeln, sollten sie dieses „christliche“ Stückchen auch mit in ihr Register aufnehmen. Großherzog in der Finanzklemme. Der Großherzog von Mecklenburg hatte eine Forderung um Erhöhung seiner Einkünfte um 350 000 Mk. bei dem Landtage eingereicht, dieser weigerte sich jedoch, die Summe dem Schweriner Landesvater zu begleichen und lehnte die Jorderung ab. Der Landtagsabg. Bürgermeister Susserot⸗Güstrow erklärte dazu: Hier handelt es sich darum, ob wir Mittel für die Bezahlung der Schulden des Landesherrn bewilligen sollen. Dies können wir bei unserer eigenen bedrängten Lage nicht. Wenn ich nach Hause komme und meinen Bürgern sage, wir haben zwei Zehntel mehr bewilligt, das heißt für Güstrow 16 000 Mk., so würde sich eine allgemeine Entrüstung geltend machen. Friedrich Franz will sich jedoch die Ab⸗ lehnung nicht gefallen lassen und hat dem Landtage eine neue Vorlage unterbreitet, in der er„die unbedingte Erwartung“ ausspricht, „daß ihm die für die Führung des Landregi⸗ ments erforderlichen Mittel in voller Summ⸗ gewährt werden“. Der Landtag hat die neue Vorlage einst⸗ weilen einer Kommission überwiesen Wenn auch dieses Mal nicht bewilligt wird, bleibt Friedrich Franzen nichts weiter übrig als— die Arbeit niederzulegen. Mecklenburg würde dann Republik werden, falls sich nicht jemand finden sollte, der es zu dem bisherigen Lohn weiter regiert. Die Stichwahl in Jerichow, dem Bismarck'schen Wahlkreise, hat mit dem Siege des Freisinnigen, Lehrer Merten, geendet. Derselbe erhielt 16302 Stimmen, unser Genosse Voigt nur 7105. Dieses Resultat war ja vorauszusehen und unsere Genossen werden daher bei der Stichwahl größere Anstrengungen nicht gemacht haben. Der ganze gegnerische Mischmasch hielt natürlich zusammen. Antise⸗ miten, Junkerpartei— alles stimmte für den Freisinnsmann. Ist ja schließlich auch kein großer Unterschied zwischen ihnen. Sozialistische Wahlerfolge. Bei den Landtagswahlen in Lippe wurden zwel Sozialdemokraten gewählt. Im ersten Wahlkreis siegre Genosse Auderer mit 759 Stimmen über den Liberalen, im zweiten Genosse Schmuck mit 876 Stimmen über den Freisinnigen.— In Heddernheim bei Frank⸗ furt waren am Freitag Gemeindewahlen. Von den dabei abgegebenen 332 Stimmen erhielten die sozialdemokratischen Kandidaten 180, siegten also glänzend. Die Sozialdemokratie hat also im Verlaufe von zwei Jahren in ihrer Stim⸗ menzahl 120 Prozent zugenommen. In Norwegen hat die Sozialdemokratie bei den Gemeindewahlen erheblichen Stimmen⸗ zuwachs zu verzeichnen. So erschienen in der Hauptstadt Christiania 35000 Wahl⸗ berechtigte, darunter 15000 Frauen zur Wahl. Die Sozialdemokraten erhielten hier 9500 Stimmen gegen 4500 bei der letzten Wahl und da dort das Proportionalsystem besteht, wird auch die Zahl der sozialdemokratischen Gemeinde⸗ vertreter steigen.— Aehnliche Ergebnisse brachten amefe norwegische Städte. Geld Syveton. Der Fall Syveton bedeutet für die Nationalisten— das sind Gesinnungsverwandte unserer Antisemiten— eine nRiederschmetternde Blamage. Die weitere Unter⸗ suchung hat nicht nur festgestellt, daß der Bursche tat⸗ sächlich Selbstmord beging, sondern auch, daß er ein ganz gemeiner Sittlichkeits verbrecher war, der seine Stieftochter und andere Mädchen vergewaltigt hatte. Außerdem soll er Gelder veruntreut haben. Als er keine Rettung mehr sah und ihm von seinem Schwieger⸗ sohne mit Enthüllung seiner Schandtaten gedroht wurde, beging er die Tat noch einer heftigen häuslichen Szene. — Für das Hirschelblatt in Friedberg ist es be⸗ zeichnend, daß es diesen Hallunken weiß zu waschen sucht, und den Schwindel, als sei er von seinen poli⸗ tischen Gegnern ermordet worden, glauben machen will. Wir haben allerdings noch stets die Wahrnehmungen gemacht, daß dieses saubere Organ ehrliche Leute ver⸗ unglimpft und gewissenlose Lumpen herausstreicht. Kleine politische Nachrichten. Der Zentrumsabgeordnete Bachem hat sein Land⸗ tagsmandat niedergelegt, wie es heißt, um Herrn Spahn in der Führung der Zentrumsfraktion Platz zu machen. Das Reichstag smandat behält ee bei.— Gegen den Reichstagsabg. Drees bach soll ein Strafverfahren ein⸗ geleitet werden, weil er sich eines Vergehens gegen das badische Vereinsgesetz schuldig gemacht haben soll, indem er bei der Pernerstorfer⸗Versammlung in Mannheim nach der erfolgten Auflösung über eine Resolution ab⸗ stimmen ließ.— In Ludwigshafen wurde ein Sozialdemokrat, der Bäckermeister Binder zum Stellver⸗ treter des Bürgermeisters gewählt. Das dürfte der erste derartige Fall in Bayern sein. Russisch⸗japanischer Krieg. Bei der Belagerung Port Arthurs haben vorige Woche heftige Kämpfe stattge⸗ funden. Aus dem Hauptquartier wurde nach Tokio berichtet:„Am 18. Dezember um 2¼ Uhr nachmittags führte eine Abteilung in der Brust⸗ wehr des Nordforts von Tun⸗Kikwanschan eine große Explosion herbei und machte dann einen Sturmangriff, dem ein heftiges Gefecht mit Granaten folgte. Der Feind leistete hartnäckigsten Widerstand. Um 7 Uhr abends rückte General Samejtma vor, machte einen großen Sturm⸗ angriff und nahm das obengenannte Fort. Wir eroberten 5 Feldgeschütze, 2 Maschinen⸗ kanonen und eine Menge Munition.“ Die baltische Flotte nähert sich. immer mehr. Die Japaner sollen nach einer Meldung vom Dienstag bereits ein mächtiges Geschwader nach dem Süden abgeschickt haben, um die Russen anzugreifen. Aus der Mandschuret liegen nur Mel⸗ dungen über unbedeutende Scharmützel vor. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Wahlen zu den Kaufmannsgerichten haben in verschiedenen Städten stattgefunden. In Straßburg i. Els. stegte die Liste des Zentralverbandes der Handlungsgehülfen, der auf den Standpunkt der freien Gewerkschaften steht.— Die sozialdemokratischen Handlungs⸗ gehülfen in Leipzig brachten vier Beisitzer durch.— In Hamburg wurden drei Zentral⸗ verbändler gewählt. Lohnkämpfe. Der Bergarbeiter⸗Ausstand in den Habichtswalder Zechen bei Kassel ist nach 14 tägiger Dauer beendet. Dagegen geht der Kampf in Neurode in Schlesten noch weiter.— Die Gährung im Ruhrreptier ist eine ganz gewaltige unter den Bergarbeitern, doch gelang es den Führern des Verbandes bisher einen Ausstand zu verhüten. Ob es ihnen aber gelingt, ist sehr fraglich. Ueber das Vorgehen der Unternehmer, die bestrebt sind, die Schichtdauer zu verlängern, herrscht Erbitterung. Die Bergleute fordern: Achtstun⸗ denschicht einschließlich Ein⸗ und Ausfahrt, 5 Mk. Minimallohn für Hauer und 3.50 Mk. für Schlepper und für Ueberstunden 50 Proz. Aufschlag. Sämtliche Zahlstellen sollen zu diesen Forderungen Stellung nehmen.— Holz⸗ arbeiter⸗Aussperrung in Berlin. Wie in einer Vertrauensmänner⸗Versammlung mit⸗ geteilt wurde, sind gegenwärtig 3284 Holz⸗ arbeiter ausgesperrt. Außerdem gibt es 532 Arbeitslose. Die Arbeitgeber beschlossen, noch vor Weihnachten die Aussperrung zu erwei⸗ tern, jedoch haben mehrere bedeutende Firmen Ausgesperrte wieder eingestellt. Die Vertrauens⸗ männer⸗Versammlung beschloß, an der bisherigen Taktik festzuhalten und den Ausgesperrten zu Weihnachten eine Extra⸗Unterstützung zu be⸗ willigen. Warnung für Buchdrucker! Der Verleger der Frankfurter„Neuesten Nach⸗ richten“, Spandel, der auch in Nürnberg und Bamberg Geschäfte besitzt, hatte vor kurzem auf Drängen seines Personals den Tarif schriftlich anerkannt oder sich wenigstens dazu bereit er⸗ klärt. Dazu wurde der Frkftr.„Volksstimme“ aus Nürnberg berichtet, daß dieses Nachgeben nur ein Scheinmanöber sei. In Provinzblättern, namentlich am Rhein, sucht Herr Spandel jetzt fortwährend Personal. Der Nürnberger Ver⸗ trauensmann der Buchdrucker erläßt eine War⸗ nung vor Spandel und bittet alle Gehilfen, erst mit den Vertrauensleuten Rücksprache zu nehmen, ehe sie in eines der Spandelgeschäfte eintreten.— Wie weiter mitgeteilt wird, sucht Rudolf Mosse in den Lokalzeitungen in Hof i. B. Schriftsetzer für die Druckerer der Frank⸗ furter Neuesten Nachrichten unter ausdrücklicher Zusicherung der Rückerstattung des Fahrgeldes. Letztere Zustcherung ist im Buchdruckergewerbe diesem Fall nur um Herstellung von Streik⸗ arbeit handeln kann. Pon Rah und Fern. Hessisches. Aus dem hessischen Landtage. Die Zweite Kammer verhandelte am Freitag voriger Woche über die Gebühren Ordnung für die Notare. In der General⸗ debatte sprechen der Antisemit Wolf und der Zentrumsmann Brentano dazu, welche an⸗ erkennen, daß die Regierungsvorlage den Wün⸗ schen der Bevölkerung im allgemeinen entgegen komme. Abg. Korell wünscht Anfklärung von der Regierung, ob die Ortsgerichtsvorsteher verpflichtet seien, den Staatsanwälten und den Notaren unentgeltliche Auskünfte zu erteilen, worauf der Justizminister erwidert, daß man dies von dem Ortsgerichtsvorsteher, der staatlicher Stempelgelderheber sei, verlangen müsse. Voraussichtlich werde die Frage aber durch eine Novelle zum Stempelgesetz und eine Reviston der Gebührenordnung der Ortsgerichts⸗ vorsteher behandelt.— Die einzelnen Artikel werden dann meist ohne Debatte genehmigt. Eine solche en spinnt sich jedoch bei Art. 37, der von den Gebühren für Abschriften handelt und 10 Pfg. pro Seite festsetzt. Der Ausschuß beantragt, diese Schreibgebühr auf 20 Pfg. resp. 30 Pfg. zu erhöhen. Abg. Gutfleisch tritt energisch für diese Erhöhung ein, da da— mit Gelegenheit geboten sei, den Schreibgehilfen, die schon viele Petitionen gemacht hätten, endlich eine Gehaltsverbesserung zu bewilligen. Die Abg. Bähr und Wolf glauben nicht an diese Gehaltsaufbesserung, ebenso bezweifelt Ulrich, daß der Lohn heraufgesetzt werde, viel eher sei durch Mehrangebote der Schreibgehilfen eine Preisdrückung zu erwarten. Die Mißstände, so etwas außergewöhnliches, daß es sich in für den ersten Feiertag ein Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 52. welche durch die Verbindung des Notariats mit der Rechtsanwaltschaft verbunden sind, lassen hoffen, daß die Anwaltskammer sich baldigst mit der Frage beschäftigt und Mittel und Wege sindet, um eine Trennung herbeizu⸗ führen. Die übrigen Artikel werden angenommen. Am Samstag wurde zunächst das Gerichts⸗ kostengesetz mit den von dem Gesetzgebungs⸗ ausschuß vorgeschlagenen Aenderungen angenom⸗ men.— Dann wird über eine Anfrage der Abgg. Schlenger und Reinhardt betr. die Verun⸗ reinigung der Flüs se verhandelt. Abg. Schlenger (Str weist in längeren Ausführungen auf die großen Nachteile und Schäden hin, die die Flußverunreinigung infolge der Fäkalien Einleitung erfolgen. Von Seiten der Regierung wird erklärt, daß die Gefahr nicht so groß sei, jedenfalls werde die Staatsregierun ihre Schuldigkeit tun. Nach weiterer kurzer Debatte wird der Gegenstand für erledigt erklärt und die Kammer vertagt sich bis nach Neujahr. Wegen der Kriegsbriefe des Generals Kretschmann wollten die hesst⸗ schen Offiziere, die sich durch die Angaben des verstorbenen Generals von Kretschmann über die„Plünderung“ von Sens durch hessische Truppen im Jahre 1870 beleidigt gefühlt haben, eine Privatklage gegen die Herausgeberin Frau Lily Braun pee, Jetzt erläßt Oberst⸗ leutnant a. D. Balser eine Erklärung, daß man von einer Klage Abstand nehmen wolle. Das Strafverfahren gegen die Mainzer Volks⸗ zeitung habe nach der Anschauung der maß⸗ gebenden Instanzen klar und unverrückbar fest⸗ gestellt,„daß die Anklagen des Generals von Kretschmann gegen das Verhalten der hessischen Truppen in Sens völlig unrichtig seien“; da⸗ mit wäre der Oeffentlichkeit, sowie dem Inter⸗ esse der beteiligten Offtztere Genüge geschehen, zumal in den späteren Ausgaben der Kriegs⸗ briefe die beleidigenden Stellen der ersten Auf⸗ lage weggelassen seien. — Efnen erfreulichen Erfolg er⸗ rangen unsere Genossen bei der Gemeinderats⸗ wahl in Pfungstadt am vorigen Freitag. Bekanntlich war die letzte Wahl dort für un⸗ gültig erklärt worden und die Nachwahl vollzog sich unter außerordentlich starker Beteiligung. Von 1200 Wahlberechtigten stimmten 1081 ab. Drei unserer Genossen wurden gewählt und zwar Raab mit 574, Gilbert mit 518 und Weigel mit 495 Stimmen. Außerdem wurden zwei Liberale gewählt. Gießener Angelegenheiten. — Glückliche Weihnachtstage! Allen unsern Leseru, allen Freunden und Genossen wünschen wir von Herzen ein frohes Weih⸗ nachtsfest! Mögen sie alle, trotz der Sorgen und Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens, die besonders schwer auf der arbeitenden Klasse lasten, ein paar Tage ungetrübter Festesfreude genießen! Glückliche Tage sind bei dem arbeitenden Volke wirklich selten genug. Die Arbeiterfamilie muß froh sein, wenn sie sich das allernotwendigste leisten kann, außergewöhn⸗ liche Aufwendungen können nicht gemacht werden. Die herrschende Ordnung sorgt dafür, daß die Arbeiter nicht zu üppig werden und gerade in der letzten Zeit sind die Lebensmittel und not⸗ wendigsten Gebrauchsartikel infolge der Zoll⸗ politik erheblich im Preise gestiegen, so daß dem Arbeiter die Lebenshaltung immer mehr verteuert wird, während die Löhne eher fallen als steigen. Darum müssen wir durch gemeinsame Arbeit Besserung herbeizuführen suchen und diese Arbeit auch während der Feiertage nicht versäumen! Von festlicher Veranstaltung t st Familienabend des Gesangvereins„Eintracht“ im Lokale von Orbig vorgesehen, während die Freie Turner⸗ schaft einen solchen am zweiten von 8 Uhr abends ab im„Gambrinus“ bei Albold abhält. Unabweisliche Pflicht jedes Sozialdemokraten ist es, unsern Reihen stets neue Kämpfer zu⸗ zuführen und damit uuserer Bewegung immer weitere Ausbreitung und damit größere Macht und mehr Einfluß zu verschaffen. Wer sich zur Sozialdemokratie bekennt, darf es nicht damit die durch genug sein lassen, Mitglied der Parteiorgani⸗ sation zu werden und unsere Presse zu lesen, sondern er erfüllt seine Pflicht erst, wenn er soviel in seinen Kräften steht für Ausbreit ung der sozialdemokratischen Ideale und Grund sätze arbeitet. Bei den letzten Wahlen musterten wir die stattliche Zahl von drei Millionen Wählern. Gewiß fein gewaltiges Heer! Aber im Ver⸗ hältnis zu den vielen Millionen der zur arbeiten den und besitzlosen Klasse Zählenden noch viel zu wenig. Es sind erst eln, Viertel der Wahl- berechtigten! Gewinnt in den fünf Jahren bis zur nächsten Wahl aber jeder nur einen ein⸗ igen unserer Sache, so verfügen wir über sechs Millionen Wähler! Und das ist nicht so schwer. Vor allen Dingen muß jeder Ge⸗ nosse für Verbreitung unserer Presse sorgen. Welche Bedeutung diese für unsere Bewegung hat, ist schon so oft dargelegt worden, daß wir uns weitere Worte darüber sparen können. Es ist mit einem Wort unsere schärfste Waffe im Kampfe. ö Die Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung beschließt mit dieser Nummer ihren elften Jahrgang. Sie darf wohl sagen, daß sie jeder⸗ zeit auf dem Posten war, die Interessen der Besitzlosen und Unterdrückten stets wahr⸗ genommen und zur Aufklärung beigetragen hat. Trotzdem müßte noch mehr geschehen. Helfe jeder Genosse mit zur Ausgestaltung unserer Preßverhältnisse! Das könnt ihr, wenn ihr zum neuen Jahre für euer Blatt, die„Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung“ z ahlreiche neue Abonnenten werbt. während der Feiertage ja nicht. Wenn ihr das tut, so arbeitet ihr nicht für einen Kapi- talisten, der eine Zeitung des Geschäfts wegen herausgibt, um sich dadurch seine Taschen zu füllen, dabei euch, eure Sache und eure Vorkämpfer tagtäglich verhöhnt und beschimpft, sondern ihr arbeitet für euch und eure Ange⸗ hörigen! Darum au die Arbeit, Genossen! — Auf Konsumvereine ist der„Gieß. Anz.“ durchaus nicht gut zu sprechen, besonders nicht auf sogenannte„sozialdemokratische“. Solche gibt es zwar nicht, einmal, weil jede politische Betätigung den Genossenschaften gesetzlich untersagt ist(die Konsumvereine würden sich übrigens selbst schwer schädigen, wenn sie Politik trieben) und zweitens haben die; Sozial⸗ demokratie und die Konsumvereine über ihre Stellung zu einander nie einen Zweifel gelassen. Oft genug und klipp und klar hat unsere Partei erklärt, daß sie als solche mit den Konsum⸗ vereinen nicht das Geringste zu tun hat und von diesen ist ebenso oft das Bleiche festgestellt worden. Jeder mit dem Konsumvereinswesen einigermaßen Vertraute weiß auch, daß es sich in Wirklichkeit so verhält. Alles das hält natürlich das ehrenwerte Gießener Amtsblatt nicht ab, von sozialdemokratischen Konsumver⸗ einen zu reden, um bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit unsere Partei und die Konsumvereine zu verdächtigen. Für seine Stellungnahme gegen die Konsumvereine werden ihm allerdings nicht bloß prinzipielle, sondern auch materielle Gründe maßgebend sein. Würde es sich den Konsumvereinen freundlich gegenüberstellen, so dürfte sich seine Inseraten⸗ Plantage sehr bald weniger ergiebig zeigen.— In der Dienstagsnummer wußte das Blatt wieder sehr schlimme Dinge von einem„sozial⸗ demokratischen“ Konsumvereine zu erzählen. Nach dem„Berl. Tagebl.“ berichtet es, daß der Konsumverein in Sorau seinem Lager⸗ halter einen Wochenlohn von nur 13 Mark gezahlt habe, trotzdem 10% Prozent Dividende verteilt wurden, keine Mangogelder gab und ihn schließlich wegen eines Manlos von 158 Mk. auf die Straße gesetzt habe. Wenn sich die Sache in Wirklichkeit so verhält, so trifft die Leitung des genannten Vereins ein schwerer Vorwurf und jeder Parteigenosse wird mit uns diese Dinge verurteilen. Gerade dort, wo die Arbeiter etwas drein zu reden haben, müssen anständige Arbeitsverhältnisse herrschen. Wir sind überzeugt, daß unsere dortigen Genossen die Mißstände sofort beseitigen werden, nachdem sie ja, wie der Anzeiger selbst zugibt, von dem Versäumt diese Pflicht recht überflüssiger leute der Feuerwehren betrachten erst dann ihre dortigen sozialdemokrotischen Organ an das Tageslicht gefördert worden find.— Wenn doch das Amtsblatt auch sonst so eifrig wäre, schlimme Zustände in Bezug auf Arbeitsver- hältnisse an die Oeffentlichkeit zu bringen! Wie viele Privatunternehmer und Aktiengesellschaften gibt es, die schwere Gewinne einstecken und doch ihre Arbeiter mit Hungerlöhnen abspeisen! Da weiß es aber nichts zu sagen, im Gegenteil, es schimpft noch auf die Arbeiter, wie voriges Jahr beim Crimmitschauer Streik. — Söhnchen der„Gebildeten“. Unter hiesigen Schülern höherer Lehranstalten wurden verschiedene„Ver⸗ bindungen“ entdeckt, welche nicht nur die studentischen Korpsfaxen nachäfften, sondern auch noch Dinge trieben, mit denen sich jedenfalls die Staatsanwaltschaft noch weiter bef assen wird.„ — Mit der Polizeiverordnung be⸗ treffend das Aus m elken des auf den hiesigen Viehmarkt aufgetriebenen Mel kviehes hatte sich am Dienstag das Oberlandsgericht zu be⸗ schäftigen. Die Viehhändler hakten gerichtliche Entscheidung angerufen, das Oborlandsgericht erkannte dahin, daß die Polizeiverordnung zu Recht bestehe. Wegen dieser Verordnung hatten bekanntlich die Händler über den hiesigen Vieh⸗ markt den Boykott verhängt und deuselben erst wieder aufgehoben, als ihnen die behördliche Zusicherung gegeben worden war, daß die Ver⸗ ordnung nicht so streng gehandhabt werden solle. — Feuer. Dienstag Nacht brannte eine Scheuer am Rodberg nieder. Es soll Brand⸗ stiftung vorliegen. Bei solchen Gelegenheiten wird bei uns in Gießen ein unseres Erachtens Lärm gemacht. Die Signal⸗ Aufgabe als gelöst, wenn sie durch stundenlanges Trommeln und Blasen die ganze Stadt in Aufregung gebracht haben. Warum verursacht man hunderten schlaflose Nächte, wenn ein Strohhaufen brennt? Aus dem Rreise gießen. — Sylvesterfeier in Wieseck. Samstag, den 31. Dezember hält der Wahlverein im Verein mit dem Arbeiter⸗Gesangverein„Sängerkranz“ im Saale zum„Gambrinus“ eine Sylvesterfeier, bestehend in Theater, Gesangsvorträgen und Ball ab. Eintritt kostet 20 Pfg., eine Dame ist frei. Eine Geschenkverlosung ist mit der Feier verbunden. Unsere Wiesecker Partei⸗ freunde werden um recht zahlreiche Beteiligung ersucht. ch. Die Arztverhältnisse auf dem Lande 1 liegen bekanntlich in sehr vielen Orten außerordentlich mißlich. Vielfach wohnt der Arzt in einem stunden⸗ weit entfernten Orte, welcher Umstand bei plötzlichen Erkrankungen oder Unglücksfällen für die Betroffenen sehr verhängnisvoll werden kann. Man kann ja nicht verlangen, daß in jedem Orte ein Arzt angestellt wird, immerhin müßten Einrichtungen getroffen werden, daß ärztliche Hilfe so schnell als möglich zur Stelle ist. Dazu mahnt ein in Wieseck vorgekommener Fall. In der Nacht zum Sonntag starb die erst 23 Jahre alte Frau unseres Genossen Weller an Verblutung im Wochen⸗ bett. Wei“ der Wiesecker Arzt nicht zu Hause war, mußte erst ein solcher aus Gießen gerufen werden, der leider zu spät eintraf. Bei sofortiger ärztlicher Hilfe wäre bas Leben der Frau erhalten worden,— Dem schwer betroffenen Parteifreund sei hiermit unser herz⸗ lichstes Beileid ausgesprochen., Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach. * Landtagsabgeordneter Weidner ist am Mittwoch Abend plötzlich gestorben. Er war von seinem Heimatsorte Herchenhain nach Grebenhain gefahren 1 und als der Wagen abends von dort zurückkehrte, saß 1 Weidner tot darin, unterwegs war er einem Schlag⸗ 1 anfall erlegen.— Im Landtage vertrat er den 11. 1 oberhessischen Kreis Laubach⸗Schotten⸗Nidda und zählte 1 sich zuletzt zu den Bauernbündlern, früher zu den Libe⸗ 1 ralen. Lange Jahre war er Bürgermeister in Herchen⸗ ö hain, bei der letzten Wahl erhielt er aber als solcher nicht eine einzige Stimme. 1 * 1 Aus dem Rreise Wetzlar. h. Ju der letzten Stadtverordnetensitzung wurde u. a. mitgeteilt, daß das Gas⸗ und Wasserwerk glänzende finanzielle Resultate zu verzeichnen habe, wäh⸗ rend doch im Vorjahre Dr. Herz noch ausführte, daß die Bilar z nicht richtig aufgestellt sei und in Wirklich! keit das Werk mit Defizit arbeite. Das wurde uns früher auch von anderer Seite bestätigt. Woher mag jetzt auf einmal der günstige Stand kommen? Aller⸗ 1 dings, für den Zentner bezahlen, statt früher nur Kooks muß man jetzt 90 Pfg. 75, also müssen auch die U le an 0 8 68 en en Nr. 52. Mitteideutsche Sonntoas⸗Zeitung. Eile 5. Arbeiter wieder dazu beitragen, die Kasse des Gaswerks zu füllen. Bei der Debatie über diesen Etat verlangte Dr. Herr ganz mit Recht Einführung von Wassermessern. Was er aber sonst über den Wasserverbrauch sagte, stimmt entschleden nicht. Wenn er 3. B. sagt, in größeren Häusern gehe man sparsamer mit Wasser um, so müssen wir dahinter ein großes Fragezeichen machen. Und wenn er dann weiter allgemein empfiehlt, mit dem Wasser zu sparen, so steht das doch im Widerspruch mit den Geboten der Gesundheitspflege. Wasserverschwendung ist gewiß zu verurteilen, Wasserspursamkeit aber auch nicht zu empfehlen. Für genügend Wasser muß das Gemeinwesen in erster Linie sorgen. * Herr Fanz Behrens, der zukünftige Stöcker'sche Reichstagsabg. für den Wahlkreis Wetzlar— bekanntlich wollen die Stöckerianer das nächste Mal den Kreis er⸗ obern— war bekanntlich früher Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Gärtnervereins. Seine Tätigkeit als solcher war dieser Tage Gegenstand einer Verhand⸗ lung vor dem Schöffengericht Berlin I. In Herbst 1903 beschlossen die 1 itglieder dieser Organisation in einer Urabstimmung mit großer Mehrheit den Anschluß an die Generalkommission der Gewerkschaften. Behrens trat darauf von seinem Amte zurück, um nach christ licher Gepflogenheit eine Zersplitterung der Organisation der Gärtnerarbeiter zu betreiben. Sein Nachfolger im Amte, der frühere Redakteur des Fachblattes Otto Albrecht fand nun die Geschüftsführung, wie sie Behrens beliebt hatte, in geradezu un verantwortlichem Zustand vor. Aus den Büchern war erst nach schwerer Mühe ein Einblick in die Verhältnisse der Organisation zu ge⸗ winnen, die verschiedenen Buchungen waren durcheinander⸗ geworfen, Zweigvereine anstatt für Summen debitiert zu werden kreditiert und umgekehrt usw., kurz die ganze Geschäftsführung war, wie man zu sagen pflegt,„gänzlich perlottert“. Da die Mitglieder des Verein natur gemäß Rechenschaft über die Lage der Geschäftsführung zu fordern berechtigt waren, so mußte der neue Geschäfts⸗ führer Albrecht diese im Verbandsorgan der„Allgemeinen Deutschen Gärtnerzeitung“, bloßlegen. Behrens ant⸗ wortete hierauf mit einer Flut von gemeinen Bes chi mpf⸗ ungen und warf A. vor, die Urkunden über den Ver⸗ bleib der Bücher vernichtet zu haben und dergleichen mehr. Es ent wickelte sich eine heftige Polemik und schließlich führte diese zu einer Beleidigungsklage vor obigem Gericht. Albrecht, durch Rechtsanwalt Dr. Lieb⸗ knecht vertreten, erklärte sich zu einem Vergleich bereit unter der Bedingung daß die rein sachliche Seste seiner Ausführungen bezüglich der verwahrlosten Geschäfts⸗ führung des Herrn Behrens unberührt blieb. Behrens ging hierauf ein, so daß ein Vergleich zustande kam. Damit bleibt das, was A. bezüglich der Behren'schen Geschäftsführung festgestellt hat, bestehen. h. Agitation skalender sind noch in verschie⸗ denen Orten zu verteilen. Wer irgend kann, trete zur Partelarbeit an. Zu melden bei Fauth, Mühlgraben⸗ straße 9. „Seht wie hübsch, ihr guten Leute! Folgendes ließ sich kürzlich der Wetzl. Anz. aus Braunfels schreiben: „Unser junger Fürst Georg Friedrich welcher zur⸗ zeit in Italien weilt, feiert heute seinen 1 4.(wier⸗ zehnten! Red. d. M. S.⸗Z.) Geburtstag, Aus diesem Anlasse findet heute abend 8 Uhr im„Solmser Hof“ ein Festkommers statt“. Ein Verständiger lacht ja über derartiges, es ist aber zum Heulen. . Gefährliche Beschlagnah me. Kürzlich nahm der Gensdarm Bechstein in einem Steinbruch bei Oden⸗ hausen eine Quantität Dynamit weg, weil es nach seiner Meinung nicht vorschriftsmäßtig aufbewahrt war. Er brachte das gefährliche Zeug im Spritzenhaus unter! Dort könnte unseres Erachtens weit eher ein Unglück passieren als in dem Steinbruch, selbst wenn es hier nicht„vorschriftsmäßig“ lagerte. Westerwald und Anterlahn. 2 angenaubach. Schon öfter mußten an dieser Stelle— als Hort für Wahrheit und Recht— die traurigen Zustände auf der Grube Constanze zu Tage gebracht werden. In dem Reich des Gruben⸗ paschas Va h! enstec herrscht nach 8 11 der Arbeits⸗ ordnung eine 13 stündige Arbeitszeit, dabei werden in § 12 die armen Lohnsklaven daran erinnert, daß, wenn sie über diese 13slündige Schichtzeit arbeiten wollen, sie Genehmigung einholen müssen und in 8 14 werden dieselben zu einer weiteren/ Stunde verurteilt und müssen 15 Minuten vor und nach der Schicht zur Ver⸗ lesung da sein, also 13½ stündige Arbeitszeit. Die Löhne und Arbeits verhältnisse sind erbärmlich. Die Einlader verdienen Mk. 2.40 und die Steinbrecher 2.63 bis 2.93 und die armen Bergknappen sind froh, wenn der Durchschnittslohn Mk. 1.60 pro Schicht beträgt. Bei dem Brecher wird aber vom Lohn noch der Geldbetrag für den verschossenen Dynamit abgerechnet. Arbeiter⸗ nuten vom Steinbruch entfernt. Die Schutzbude(für die Arbeiter während dem Schießen) ist notdürftig zu⸗ sammengeflickt von alten Eisenbahnschwellen, sogar von 2 Seiten offen— also nicht im Geringsten zum Schutz hinpeichend. Die Einlader müssen bei Dunkelheit auf der Mittelsohle bei einer Beleuchtung von— zwei Benzinlämpchen arbeiten.— Ein Arbeiter⸗Ausschuß eplstiert auch, aber ist seit Jahren noch nicht zusammen⸗ getreten, ebenso hat für die nicht mehr auf der Grube arbeitenden Arbeiterausschußmitglieder noch keine Ersatz⸗ wahl stattgefunden. Natürlich hat die famose Arbeits⸗ ordnung auch Strasbestimmungen; Strofgelder sollen in die Arbeiter⸗Unterstützungskasse des Werkes fließen. Von einer Unterstützungskasse hat noch kein Arbeiter etwas gemerkt, desto mehr aber von den Strafen. Kürzlich wurden einige Arbeiter mit 2 Mk. bestraft, weil sie auf einem Feldweg gesungen hatten! Andere vier Mann bekamen 5 Mk. Lohnabzug, weil„angeblich“ durch ihre Schuld ein Muldenwagen entgleist war. Diese Strafen verstoßen sogar gegen die Arbeitsordnung, wonach sie nicht mehr als die Hälfte des durchschnitt⸗ lichen Tagelohns betragen dürfen. Die Gewerbeordnung scheint der Verwaltung überhaupt gänzlich unbekannt zu sein.— Muckt sich ein armer Sklave mal im Geringsten, flugs fliegt er raus. Die in Aubach bestehende christ⸗ liche Gewerkschaft,„Arbeiter⸗Verein“ genannt, dessen Vorsitzender Dr. Burkhardts intimer Freund ist, tut nicht das Geringste gegen diese Knebelungen. Nur Beten!— Den Arbeitern kann nicht anders geraten werden, als sich in freien Gewerkschaften zu organisieren und so vereint die Beseitigung der Mißstände herbeizu⸗ führen. . Die Spielerei mit Schußwaffen hat am Freitag voriger Woche wieder ein Opfer in Rodenroth bei Herborn gefordert. Ein dort zu Besuch weilendes 24 jähriges Mädchen wollte bei dem Bäckermeister Theismann Brot holen. Nach einem Be richt des Herb. Tagebl. sollen dabei dort Anwesende einen Revolver herumgezeigt haben, wobel sich ein Schuß entlud und das Mädchen tötlich traf. aus dem Nreise Marburg-Rirchhain. r. Konsumverein. Die am Sonntag stattge⸗ fundene Generalversammlung war sehr gut besucht. Der Geschäftsführer gab zunächst Bericht über das verflossene Jahr. Mit Genugtuung konnte er mitteilen, daß sich der Umsatz seit dem letzten Jahre verdoppelt habe. Die Mitgliederzahl betrug am 1. Oktober 403. Der Verein errichtete im Berichtsjahre eine eigene Bäckerei, zwei neue Verkaufsstellen, sowie eine Bierabfüllerei, Der Kampf nach außen, daß heißt mit den Kleinkrämern und Bäckermeistern, war überaus heiß. Die Bäcker⸗ meister setzten bekanntlich die Bro preise plötzlich herab, wodurch der„Brotkrieg“ entstand. Die Konsum⸗Bäckerei hatte selbstverständlich auch unter den Anfängerkrank⸗ heiten zu leiden, die es verursachten, daß dabei im Berichtsjahre kein Ueberschuß erzielt werden konnte. Glücklicherweise sei jetzt alles überstanden und man könne mit Zuversicht der Weiterentwicklung der Bäckerei ent⸗ gegensehen.— Auch die Kaufleute in Marburg versuchten auf allerhand Art den Konsumverein zu schädigen, was auch schon früher in der M. S. 3. mitgeteilt wurde.— An dem Bericht des Ges äftsführers schloß sich noch eine rege Debatte. Sämtliche Redner erkannten an, daß „die finanzielle Grundlage der Genossenschaft eine solide sei und gaben ihrer Freude über ihre günstige Entwick⸗ lung Ausdruck.— Bezüglich der Verteilung des Rein⸗ gewinnes wurde beschlossen, daß 3 Prozent Rückvergütung auf bezogene Waren und 4 Prozent Zinsen auf die Geschäftsanteile vergütet werden sollen.— In den Auf⸗ sichtsrat wurde Herr Werner gewählt— Ferner wurde die Anstellung eines Geschäftsführers erörtert und eine Resolution angenommen, worin der Aufsichtsrat ersucht wird, in der nächsten Versammlung einen defini⸗ tiven Antrag einzubringen.— Im Verschiedenen wurden noch verschiedene Wünsche seitens der Mitglieder hervor- gebracht. r. Ein besonderes Weihnachtsgeschenk er⸗ hielt eine Anzahl Holzarbeiter des Bauunternehmers EEK ˙²˙ schutzgesetze scheinen für die Verwaltung nur auf dem Papier zu bestehen— der Abort ist z. B. za. 5 Mi⸗ W Weishaupt. Denselben wurde mitgeteilt, daß sie am Weihnachtsvorabend ihre Arbei sstätten verlassen müssen. Warum sie gerade zum heiligen Christfest auf die Straße geworfen werden, darüber haben die Be⸗ troffenen vergeblich nachgedacht. Der Unternehmer wird sich darüber wohl gar keine Gedanken machen und sich in seinem— hoffentlich— christlichen Gemüte nicht im Geringsten beunruhigt fühlen, a, Ein Waschfrauenstreik. anstalt Ochs stellten kürzlich die dort beschäftigten Waschfrauen die Arbeit ein, weil ihre Forderung auf 1.80 Mk.— schreibe eine Mark achtzig Pfennige— nicht bewilligt wurde, Bisher erhielten sie nur 1 50 Mk. neben der Kost. Nachdem der Streik einen Tag ge⸗ dauert hatte, wurde die Forderung bewilligt. Den tapferen Frauen ist der Erfolg gewiß zu gönnen und an ihrem Verhalten köunen sich viele Männer ein Bei⸗ spiel nehmen. i.. In der Wasch⸗ Ein Familiendrama hat sich anscheinend in Maulbach bei Homberg a. d. Ohm abgespielt. Dort wurde am Mitt⸗ woch früh eine ganze Familie, Eltern nebst zwei Töchtern tot aufgefunden. Ob Mord oder Selbstmord vorliegt, ist noch nicht bekannt. Messerstecherei der Streikbrecher. Vor denn Schöffengericht in Mainz standen die Maurer Joseph Schumacher und Ludwig Keim aus Weisenau, die während der letzten Aussperrung im Juni gearbeitet hatten. Nach einem Feierabend gerieten sie mit zwei Ausge⸗ sperrten in einer Wirtschaft der Neutorstraße in Streitigkeiten. Auf dem Heimweg überfielen die Arbeits willigen die ausgesperrten Maurer und mißhandelten sie. Bet dieser Gelegenheit hatte Schumacher von dem Messer Gebrauch gemacht und einem der Gegner einen Stich versetzt. Das Gericht verurteilte Schumacher zu 2 Monaten und Keim zu 3 Tagen Gefängnis. Diese für den Staat nützlichen Elemente sind ja außerordentlich billig davon gekommen. Furchtbares Unglück bei Sprengarbeiten. In der Nähe von Olshausen(bei Kassel) wurden durch das Pionierbataillon von Hau⸗ növerisch⸗Münden Sprengarbeiten vorgenommen. Plötzlich explodiert. eine Mine vorzeitig und es wurden der Oberleutnant Neumann, ein Pionier und Vizefeldwebel Sachs in Stücke gerissen. Der General war dabei auwesend. Ein schweres Bauunglück hat sich am Samstag in Bremerhaven er⸗ eignet. Der dort in der Kaiterstraße von dem Maurermeister Platow aufgeführte fünfstöckige Neubau stürzte nachmittags 3½ Uhr plötzlich zusammen. Fünfzehn Arbeiter sind der Katastrophe zum Opfer gefallen. Bis Sonntag Nachmittag wurden 10 Tote aus den Trümmern hervorgezogen, während vier weitere Vermißte trotz der angestreugtesten Rettungsarbeiten nicht aufgefunden werden konnten. Ursache des Un⸗ glücks soll mangelhafte Fu ndamentierung sein; es wurden in dem sumpfigen Grunde kaum 4 m lange Rammpfähle verwendet, während fester Grund erst in einer Tiefe von 15 m vorhanden ist. Briefkasten. Bersrod. Wir haben von Veröffentlichung der Sache Abstand genommen. Wenn der Mann in den Graben fällt, so hat das weiter kein Interesse für die Oeffentlichkeit und uns soll es auch wenig genieren, Konrad Brumm Marktplatz 18 G61E SSE I Moderne Herrenhüte Seidenhũüte Chapeaux claques shützen dller flirt, Rnaben- und Kinderhüte Stets grösste Auswahl. wenn er ab und zu auf die Sozialdemokratie schimpft. Lassen wir ihn schimpfen. Darktplatz 18 1 1755 N 1 66 g 7 1 15 0 19 1 N 10 N ö 0 1 66. 5 en 16 i 6 g 5 1 N 1 UN 44 0 ee 1 n 0 7 13 ö 15 1 0 4* 11* 10 5 5 1 1 4 liche Stimmung brachte. uns. J 1 2* 1 f 1 Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung. Nr. 52. 31 Unterhaltungs-Uril. 1 ——ů—ů—— Weihnachten in der Fremde. Eine Erinnerung von H. Burmeister. Das erste Weihnachtsfest in der Fremde verlebte ich im Staate Maryland(Nordamerika) bei einer Negerfamilie Adams. Wir, d. h. mein Reisegefährte Otto und ich, befanden uns am Weihnachtsabend gut bei Kasse; wir hatten jeder etwa 40 Dollars in der Tasche. Ein Umstand, der uns in gemüt⸗ Hierzu kam noch, daß wir unser sauer verdientes Geld einem habgierigen Yankee abgejagt hatten. Dieser Erfolg hatte uns so hoch erfreut, daß wir un⸗ gefähr in der Laune waren, zu fragen was ganz Amerika koste. Dies sollte ein vergnügtes Weihnachtsfest werden! Aber wo sollten wir es feiern? Bei den Arbeitern auf dem Gute, wo wir gearbeitet hatten? Nein, das ging nicht. Die Familie, die uns aufgenommen hätte, würde sich den Zorn der Gutsherrschaft zugezogen haben. Bei den Farmern in der Umgegend? Bei diesen kalten, engherzigen Menschen würden wir uns nicht heimisch gefühlt haben; wir wären eben nur geduldet worden. Nein, dann noch lieber nach der Stadt fahren, eine Kneipe aufsuchen und in irgend einer gemütlichen Ecke bei einem Glase Grog sich in Gedanken mit seinen Lieben in der Heimat beschäftigen. Jeder, welches Glaubens er immer sein mag, weiß ja, daß das Weihnachtsfest mit seinen Erinnerungen aus der Kinderzeit mehr als jedes andere den in der Ferne Wetlenden veranlaßt, seiner Heimat, seiner Lieben zu gedenken. Heute abend in der Kneipe sitzen, paßte uns aber auch nicht. Wir wollten diesen Abend unter fröhlichen Menschen zubringen, wir sehnten uns nach einem Kreise guter Menschen, die gern jede Freude mit uns teilten, nach Kindern, deren Augen das reine Glück wiederspiegeln würden, wenn sie den Festtisch betrachteten. Viele Familien kannten wir nicht, es blieb uns also keine große Wahl. Wir beschlossen, zu Sam Adams, einem Neger oder colouredman, einem„Farbigen“, wie die Neger sich lieber bezeichnen hören, zu gehen, der einige Meilen entfernt inmitten des Busches wohnte. Seine Bekanntschaft hatten wir acht Tage vorher gemacht, als wir uns bei einem Sonntagsausfluge im Busch verirrt hatten und er uns mit in seine Blockhütte ge⸗ nommen, mit heißem Tee bewirtet und dann nach unserem Orte zurückbegleitet hatte. Sam war Holzhauer und mußte sich tüchtig rühren, sollten seine zehn Kinder und seine hochbetagten Eltern, die bei ihm wohnten, satt werden. Wir schätzten also, daß jedenfalls von seiner Seite keine unnötigen Ausgaben gemacht worden seien. Hier hatten wir, was wir suchten; hier hatten wir gute Menschen, die, wenn wir auch ohne einen Heller gekommen wären, ihr Stück Brot mit uns geteilt hätten: hier konnten wir Freude bereiten. Den Weihnachtsabend fröhlich zu verleben, das sollte unser eigenes Geschenk sein. Einmal entschlossen, die zwei Stunden zu gehen, machten wir uns sofort auf den Weg. Unterwegs kauften wir in einem Geschäftsladen Kaffee, Tee, Zucker, Mehl ꝛc., sowie Geschenke für die Kleinen und für die Erwachsenen. Wir schleppten jeder eine ziemlich schwere Last mit In unserer Freude verspürten wir aber das Gewicht gar nicht, trotz unseres schweren Gepäckes waren wir in zwei Stunden an Ort und Stelle. Auf unser Klopfen wurde sofort aufgetan. ie Familie schickte sich gerade an, die Abend⸗ iahlzeit zu nehmen, Tee und Pellkartoffeln lit Speck. Wir wurden eingeladen, mitzuessen und unsere Wirte deckten fuͤr uns einen be⸗ sonderen Tisch! Wir setzten uns jedoch nicht, sondern gingen mit Sam hinaus, erzählten ihm, was wir auf den Herzen hatten und baten ihn um seine Mithilfe bet der Ueberraschung. Sein Staunen war groß. Zwei Fremde, Weiße, kamen, um inmitten seiner Familie, einer der ärmsten Negerfamilien, Weihnachten zu feiern! Das war ja ganz unerhört. Wir ließen ihm aber keine Zeit nachzudenken, da wir auch nicht eine Minute verlieren wollten, um den Festtisch fertig zu stellen. Die Kinder erhielten zuerst einen Kuchen, damit der größte Hunger gestillt werde. Dann mußten sie mit ihrer Mutter und den Groß⸗ eltern hinter einen Verschlag treten, da es nur einen Raum in der Hütte gab. Sam, Otto und ich holten nun schnell einen Baum aus dem Busche. Mit Flocken aus Watte, Netzen aus buntem Papier, Nüssen und Aepfeln, sowie mit drei Dutzend Lichtern ausstafftert, konnte unser Baum sich sehen lassen; dann wurden die Geschenke darunter gelegt, und nun wurde die Familie herbeigerufen. Dieses Staunen, diese Freude und dieses Aufjauchzen der Kleinen bei Anblick des Baumes und der Spielsachen — das war es was wir hatten haben wollen! Bald lagen Otto und ich mit den kleinen Schwarzen am Fußboden, um die Spielsachen zu probieren, bald mußten wir die Kleinsten hoch heben, damit ste den schönen Baum ordent⸗ lich betrachten konnten. Dann fing Otto an, der von Beruf Bäcker war, Pfannkuchen(Eier⸗ plinsen) zu backen, während ich einen Punsch braute. Wie das uns allen schmeckte! Nach⸗ dem die Kinder sich ordentlich satt gegessen hatten, suchten sie ihre Lagerstätten auf. Ich bereitete noch einen Grog und reichte Zigarren herum, die jedoch nur von den Männern ange⸗ nommen wurden, da die Alte ihren Kalkstummel behielt, während die jüngere Frau nicht rauchte. Und nun ging es ans Erzählen! Beide Adams waren ganz intelligente Leute. Der Alte war bis zu seinem 40. Jahre Sklave gewesen, hatte alle Bitternisse jener Zeit durch⸗ gekostet, haßte die Weißen der Sklaven ⸗Staaten ebenso sehr, wie er die der Nordstaaten verehrte; an seiner und seines Sohnes ärmlicher Lage war nach seiner Meinung ihre schwarze Haut⸗ farbe schuld. Adams junior dagegen fühlte sich als freier Amerikaner. Er hatte lange im Süden und im Norden gearbeitet und sagte sich ganz richtig, daß seine Lage nicht der Unterschied in den Rassen verursache, sondern daß diese einzig auf dem Gegeunsatze zwischen „arm“ und„reich“ beruhe; denn ein Weißer, der eine so große Familie zu ernähren hätte, würde sich auch nicht besser stehen, als er. Sam begründete seine Ansicht, wie folgt: „Im Norden der Vereinigten Staaten steht sich ein Neger, mag er Geschäftsmann oder Arbeiter sein, ebenso gut wie ein Weißer. Keinem Menschen würde es einfallen, einem Neger weniger Lohn anzubieten, als einem anderen Arbeiter. Es läge auch gar kein Grund vor; denn der Neger ist ebenso fleißig und tüchtig, wie jeder andere Mensch. Er würde überhaupt auch nicht billiger arbeiten, wie denn unter den Negern im Verhältnis zu den Weißen sich wenig Streikbrecher finden. Daß sich unter den Weißen des Nordens noch einige finden, die in dem Neger nicht den Gleichberechtigten sehen wollen, ist wahr, doch bilden diese nur eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.“ Ich mußte Sam junior recht geben und bat noch um seine Meinung über die Lage der Neger im Süden. „Die Neger in den ehemaligen Sklaven⸗ staaten stehen sich nicht so gut, wenigstens nicht diejenigen, die sich auf den Plantagen und in den kleinen Ortschaften befinden. Ihre früheren Herren können sich noch immer nicht daran ge⸗ wöhnen, die ehemaligen Sklaven und deren Abkömmlinge als freie Bürger zu betrachten. Auf jede Weise versuchen sie, die Schwarzen zu unterdrücken und sie durch Beschränkung des Wahlrechts zu Bürger zweiter Klasse zu stem⸗ peln. Die Schwarzen wollen sich das nicht gefallen lassen, und so ist ein Haß zwischen den Rassen entstanden, der oft zu blutigen Kämpfen führt.„Blut um Blut!“ heißt es dort. Die Farbigen sind im Nachteil, da sie keine unparteiischen Richter finden. Taucht doch mal ein Richter auf, der sein Amt ernst auffaßt, so rotten sich die Weißen zusammen und spielen „Richter Lynch“. Wenn die alten Farmer und Plantagenbesitzer nicht mehr sein werden, daun werden sich auch allmählich die Gegensätze zwischen den beiden Rassen abstumpfen, und die alten Gebräuche aus der Sklavenzeit ver⸗ schwinden. Es liegt ja auch gar kein Sinn darin, wenn, wie in den Suͤdstaaten und sogar in Maryland“) kein Neger auf einer Farm an demselben Tisch mit den Weißen essen darf, selbst wenn er fester Vorarbeiter ist und die anderen Arbeiter nur zur Aushilfe dort sind“. Das Urteil des jungen Adams deckte sich ganz und gar mit meiner Ansicht. Wenn man nun noch in Erwägung zieht die kurze Zeit seit der Befreiung der Schwarzen, die Kämpfe um ihre Existenz als freie Menschen, die Ver⸗ hältnisse in Amerika an sich, das Benehmen der Weißen gegen sie, so muß man sagen, daß die Neger in den Vereinigten Staaten sehr schnell den Stand des Durchschnitts-Amerikaners erreicht haben. a Die Frauen hatten sich bisher nicht an dem Gespräch beteiligt; jetzt aber flüsterte die junge Frau ihrem Manne etwas leise ins Ohr, wo⸗ rüber Sam herzhaft lachte. Von ihrem Manne ermuntert, mich selbst zu fragen, rückte sie endlich mit ihrem Antiegen heraus. „Gibt es ber Ihnen in Deutschland auch Zwillinge?“ fragte sie.„Seien Sie mir nicht nöse über diese Frage, aber ich habe schon zweimal Zwillinge gehabt und möchte gern wissen, ob dies bei den deutschen Frauen auch vorkommt.“ Na, auch wir mußten über diese naive Frage lachen, konnten aber der guten Frau die Versicherung geben, daß so etwas in Deutschland ebenfalls passiere. a Nach dem zweiten Glase Grog wurde auch der alte Adams gesprächiger. Er erzählte uns aus seinem Sklavenleben, aus dem Befreiungs⸗ kriege, aus der ersten Zeit seiner Freiheit. Den letzteren Abschnitt namentlich schilderte er so lebhaft und so rührend, daß wir uns hinein⸗ denken konnten in das merkwürdige Gefühls⸗ leben eines Mannes, der so lange Zeit Sklave gewesen war und daun auf einmal als freier Mann dastand. Mittlerweile war es 1 Uhr geworden und die Zeit gekommen, das Lager aufzusuchen. Die jungen Eheleute wollten uns durchaus ihr Bett abtreten, aber Otto und ich, an Ent⸗ behrung gewöhnt, lehnten es ab, und legten uns auf die Ofenbank. In dieser Nacht beherbergte die kleine Hütte wobl mehr Glückliche als mancher Palast. ) Maryland, seiner Lage nach zu den Nordstaaten zu rechnen, hatte sich in dem Kriege zwischen Nord und Süd den Südstaaten, also den Sklavenstaaten, ange⸗ schlossen. Allerlei. ueber das Pokern. Was ist Poker? Die Beantwortung dieser Frage ist nach dem Ruhstrat⸗Prozeß sicher nicht uninteressant. Wie bei fast allem Glücksspiel— das Pokerspiel ist durch ein Richterwort in Oldenburg als harmloses Spiel erklärt worden— besteht die ganze Geschicklich⸗ keit des Spielers darin, durch anfängliches Setzen kleinerer Summen seine Mitspieler zu locken, immer höhere Summen zu setzen. Sind dieselben in die Falle gegangen, so setzt er selbst eine so hohe Summe, daß die übrigen Mitspieler verblüfft und in den Glauben versetzt werden, er habe so hohe Karten, daß die iheigen nicht heranreichen, in den meisten Fällen passen sie dann. Das Spiel ist ein sogenanntes Vierblatt. Jeder Spieler ist bestrebt, vier gleichwertige Blätter zu bekommen, die in der Reihenfolge Aß, König, Dame, Bauer, bis herunter zu den sechs Augen bewertet werden. Ist der Spieler im Besitz eines der vier Blätter, so hat er das Recht, wie beim Dreiblatt, sie zu ergänzen, indem er von den übrig gebliebenen Karten eine oder mehrere kauft und dadurch versucht, so viele gleichwertige Karten wie möglich in seinen Besitz zu bekommen. Der rücksichtsloseste — —— ö * 5 f 7 —— 1 e. 2 F— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Sezie 7. 1 . 0 Nr. 52. en 1 Mensch wird den raffiniertesten Pokerspieler die wieder extra gedruckt und verteilt wird, gibts wieder gesagt: Ja der Mittelstand, das ist der Schwanz, den d abgeben. Daß eine weitere Geschicklichkeit als billiges Klosettpapier. die Sozialdemokraten dem Hunde nicht stückweis, sondern U 10 die genannte zu dem Spiele gehört, ist unzu— Er will ja gar nicht arbeiten.. Folgende gleich ganz abhacken wollen. Handwerker: So? be treffend. Das preußische Oberverwaltungsgericht Geschichte wird jetzt aus Anlaß des Streiks in der Na, wenn das wahr ist, so geh' ich zu den Sozialdemo⸗ 50 hat denn auch das Pokern als ein verbotenes Waggonfabrik zu Gotha von Augen⸗ und Ohrenzeugen kraten; da dauert die Operation wenigstens nicht so r f Glücksspiel erklärt dessen Duldung Gast⸗ berichtet. Ein schlicht gekleideter, hochgewachsener Mann lange und tut nicht so weh.(Südd. Postill,) 0 1 7—„ 1 geht auf der in Gotha jetzt belebtesten Straße der. 7 1 0 wirten bei Strafe verboten ist, wonach sich na-] Waggonfabrit zu. Bald drängt man sich an ihn heran Litterarisches. ur 4 türlich ein oldenburgischer Staatsanwalt nicht und ersucht ihn, kein Streilbrecher zu sein, diewell die„Die Zerrüttung des Protestantismus“ an 0 zu richten braucht. Fabritleitung ja doch nur„falsche Vorspiegelungen“ wird in dem 19. Kapitel des Werkes„Wider die f—— mache. Gelassen versichert er, daß man ihn ganz ver⸗ Pfaffenherrschaft“ behandelt. Der Verfasser legt die. kenne. Als man ihm das aber trotz wiederholter Ver⸗ in diesem Kapitel dar, wie die Habgier der deutschen 1 Humoristisches sicherungen nicht zu glauben scheint, ruft er endlich un⸗ Fürsten der eigentliche Hebel der Reformation gewesen 1 geduldig:„Ja, liebe Leute, ich will ja gar nicht ar⸗ ist und wie mit der Konfiskation der katholischen Kirchen⸗ an 1 Christabend in der Dachstube.„Warum beiten, ich bin ja ein— Pfarrer...“ güter zugleich auch das Interesse der Fürsten an der eit kommt das Christkind nur zu den Reichen, die sich doch Oldenburgische Konjugation. Reformation erlosch. An der Billigung der Doppelehe f selber was koufen können?“ Ich pokere, Philipps von Hessen durch Luther und seine 15 Weihnachten in Dessau. Unter dem Schutze Du jeust, Freunde bringt er den Nachweis der Bedientenhaftigkeit, der Krieg sgerichte feiern die Dessauer Unteroffiziere den Er hazardiert, der protestantischen Geistlichkeit. Die Illustrationen des el Christabend in würdiger militärischer Weise. Jeder Wir tempeln, Heftes sind dem textlichen Inhalt angepaßt. a5 Mann muß mit dem Christbaum hundert mal Kniebeuge Ihr knobelt, Jede Lieferung des Werkes kostet 20 Pfennig und qr und Armbeuge machen. Sie mauscheln. kann noch von Heft 1 an durch die Expedition der 18 Es hat alles sein gutes. Bürger: Na,(Aus dem Kladderadatsch.)] Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung nachbezogen werden. der Bülow, hat ja wieder eine mächtige Rede gegen Wenn man geistreich sein will und kann's Unsere Parteifreunde wollen für dieses Werk eine rege em euern Bebel gehalten. Arbeiter: Weiß schon! Wenn] nicht. Ober amtmann: Der Abgeordnete Raab hat! Tätigkeit entfalten. ige l N 5 2 . N 1 Ferd. Nennstiel 1 Es gibt kein Geschäft Hessens, Welches dem reellen. 0 5 5. 5 Giessen, NMochs ti. 8. 1 Arbeiter dieselben Vorteile bietet wie der Lager in sämtlichen Keastenmöpein, pokert und lad 1 2 Vertikows, Kleiderschränke I oberhess. Kieider-Bazarf e 9* 8 ä Lart ame 7 5 Küchenmöbel 1 Marburg à. d. Lahn„ Balten und übe Otferiere aus meinem Riesenlager(meine Räume umfassen 3000 etten 5 die Quadratmeter]: Polstermöpel nd urkin-Herren- Anzüge 8,00 Mk. eigener Anfertigung 8 9 d Auzüg lität 10.00 1 Uebernahme voll- 0. schwerste nalität 8 5 9 9 tünd. 0 gammgarn- u. Cheniat-Anzüge, blau, braun, schwarz 13,00„ ständ. 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Da kam mir denn, unter dem unmittelbaren Eindruck der Wahlniederlage der Gedanke, ein Agitationsorgan, speziell zur Gewinnung der Landbevölkerung, zu gründen, das ich heimlich in meinen Mußestunden redigieren wollte. Der Plan wurde im engeren Kreise von Freunden und Parteigenossen beraten und ge⸗ billigt. Die Vertreter der Parteiorganisation wurden durch ein hektographiertes Zirkular über den Zweck des Unternehmens aufgeklärt. In einer Konferenz im Lokal des Genossen Orbig wurde die Sache durchgesprochen mit dem Re⸗ sultat, daß die Zeitung als Parteiorgan aner⸗ Jem 1 2 3 4 5 6 7 8 6 8 7 rr—V—ꝗ n—̃ʃ—ͤ— i dann waren, so hofften wir bestimmt, tausend Abonnenten da, und dann würden wir uns chon weiter durchschlagen. Die Redaktion Denn ste wird ihnen die Wahrheit sagen. Die Wahrheit aber hören sie nicht gern. Darum werden sie darauf ausgehen, sie niederzudrücken. So heißt es denn gleich von Anfang an, fest zusammengestanden. Jedermann aus dem Volke muß mithelfen, damit das Werk gelinge. Frisch auf drum zur Werbung unter Freunden und Bekannten bei Jungen und Alten in Stadt und Land! Seid fest und beharrlich!— Dann wird die Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung frisch und fröhlich gedeihen Und gar bald eine treffliche Wehr und Waffe sein im Kampf für Wahrheit, Recht und Volkswohl!“ Nun galt es, den Expeditionsapparat in Bewegung zu setzen. Da mußte manches erst noch gelernt werden. Ein Hinterzimmer im Hause Wallthorstraße 27, wo der Vater von Adolf Schmidt eine Wirtschaft eröffnet hatte, diente als Expeditionsraum. Die Probenummer fand allerorts eine freudige Aufnahme und als die letzte Januarnummer heraus war, da hatten wir in der Tat unsere 1000 Abonnenten. Da⸗ mit war das neue Unternehmen gerechtfertigt. -Nun-aind'-mit-frischem Mut weiter. 9 10 11 12 13 14 5 merkte und bei der zu erwurrenven posso Nachspürung nach dem eigentlichen Redakteur keine Liebesdienste leisten könnte. r ankunelnumumunumlumual“* iich Ats der Gießener Sphäre herauszureißen. Allein die Annahme dieses Anerbietens würde mich moralisch verpflichtet und festgebunden haben. So lehnte ich ab und nahm, um auf gute Manier aus der unerträglich gewordenen Situation herauszukommen, Ostern 1894 Urlaub auf unbestimmte Zeit„behufs literarischer Ar⸗ beit.“ Nach ein paar Wochen öffentlicher Tätig⸗ keit für die Partei erhielt ich dann die amtliche Mitteilung, daß ich aus der Liste der Lehramts⸗ Assessoren gestrichen sei. Ich zog in eine Mansardenwohnung in der Mar burgerstraße 22; wohin später auch die Redaktion verlegt wurde. Nun konnte ich mit voller Kraft an dem Wachs⸗ tum der Zeitung arbeiten. Der erste Jahrgang schloß mit einem Abon⸗ nentenstand von zirka 1800. Das Gros der Leser waren die Industriearbeiter in und um Gießen, die ihr neues Organ rasch lieb ge⸗ wonnen hatten und wacker unterstützten. Da⸗ neben aber hatten wir auch manchen treuen Freund in der kleinbäuerlichen Bevölkerung gewonnen. Waren unsere Hoffnungen auf Massenabonnement in den rein bäuerlichen Orten auch nicht in Erfüllung gegangen, so waren doch gute Anfänge erzielt worden. Der Frankfurter Parteitag brachte die Agrar⸗ des Aan 17 18 19 20 21 0 8— 2 0 1 ö für einige Jahre darauf zu konzentrieren und ging auf die Suche nach Jemandem, dem ich . a nnt ein- vluR. Man