— ate N Nr. 30. Gießen, den 24. Juli 1904. 11. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Redaktionsschlu: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 8 gs⸗Jeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate 2 Die 5gespalt. Bei mindestens Parteigenossen! Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Bremen statt. Auf Grund der Bestim⸗ mungen der 88 7, 8 und 9 der Partei⸗Organisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf: Sonntag den 18. September, Abends 7 Uhr, nach Bremen, in das Lokal„Casino“, Auf den Häfen, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 18. September, Abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Festsetzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungs⸗Kommission, Montag, den 19. September folgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: H. Meister. 3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Berichterstatter: G. Ledebour. 4. Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 5. Kommunalpolitik. Berichterstatter: H. Lindemann. 6. Der internationale Kongreß in Amsterdam. Berichterstatter: P. Singer. 7. Organisation, 8. Sonstige Anträge. 9. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommission und des Ortes des nächsten Parteitages. 5 Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an Euch die Aufforderung, die Vorbereitungen für den Parteitag— also die Wahl von Delegierten, sowie die Stellung von Anträgen— rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens den 4. September in den Händen des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstr. 30, sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 8 Absatz II der Partei⸗Organisation im Vorwärts ver⸗ öffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegenzeichnung der Vertrauensperson oder des Vorstands der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Ver⸗ öffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Parteigenossen, die zum Parteitage kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstande und dem Lokalkomitee rechtzeitig Mitteilung zu machen, damit ihnen die Vorlagen und eventuell weitere Mitteilungen zugesandt werden können. Die Adresse des Lokalkomitees lautet: Heinrich Schulz, Bremen, Hankenstraße 21/22. Mandatsformulare sind durch das Parteibureau J. Auer, Berlin SW. 47, Kreuzbergstraße 30, zu beziehen. Berlin, 17. Juli 1904. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand. und die Das Erfurter Programm. III. Ist aber damit das Erfurter Programm ad absurdum geführt, das von der Naturnot⸗ wendigkeit des Unterganges des Kleinbetriebes spricht? Mit nichten. Es handelt nur von dem Untergang jenes Kleinbetriebes,„dessen Grundlage das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktions⸗ mitteln bildet“. Das gilt, wie wir gesehen haben, nicht für den neuen Kleinbetrieb, dessen wichtigste Pro⸗ duktionsmittel das Kapital besitzt. Der neue 1 Kleinbetrieb ist ein ganz proletarisches Gebilde, dessen Angehörige immer mehr alles Interesse am Privateigentum an den Produktionsmitteln verlieren, immer mehr zum gleichen Klassen⸗ gegensatz wie das lohnarbeitende Proletariat kommen. Bildete der alte Kleinbetrieb das festeste Bollwerk des Privateigentums an den Produktionsmitteln und damit des Kapitalismus, mit gegen das Kapital. Da die in ihm Tätigen isolierter, gedrückter, überarbeiteter sind als die Arbeiter der Großbetriebe, ihre ökonomische Stellung auch nicht so einfach und klar, wie die der eigentlichen Lohnarbeiter, sind sie weit schwerer zu organisteren und zum Bewußtsein ihrer Lage zu bringen, als diese; sie können unter Umständen als Streikbrecher und konser⸗ vative Wähler den Emanzipationskampf des Proletariats verlangsamen, aber nirgends mehr bilden sie ein Element, auf dem das Kapital seine Herrschaft dauernd begründen könnte. Früher oder später treiben sie ihre Klasseninte⸗ ressen stets an die Seite der kämpfenden Lohn⸗ arbeiterschaft. Der alte, aus der Blütezeit des Handwerks überlieferte Kleinbetrieb bildete eine der festesten und unentbehrlichsten ökopomischen Grundlagen der Gesellschaft seiner Zeit. Der neue, prole⸗ tarisierte Kleinbetrieb bildet eines ihrer Abfalls⸗ produkte, das unter den gegebenen gesellschaft⸗ lichen Verhältnissen ebenso unvermeidlich ist wie etwa Verbrechen und Prostitution, das aber ebensowenig wie diese eine gesunde Grundlage der Gesellschaft sein kaun. Der neue Kleinbe⸗ trieb wird immer mehr ein parasitisches Ge⸗ bilde, ein Notbehelf, der die Gesellschaft nur belastet und dessen sich die von ihm Lebenden leicht und gern entledigen, so bald die Not auf⸗ Prosperitätsepoche die Kleinbetriebe in Stadt und Land scharenweise verlassen werden. Würde erst einmal das Proletariat die politische Macht und damit die Möglichkeit erwerben, die ganze Produktion seinen Interessen gemäß einzurichten, so müßte es vor allem dahin trachten, die in⸗ dustrielle Reservearmee aufzuheben. Das wurde aber zu einer raschen Verödung der Kleinbetriebe in den meisten Zweigen der Industrie, des Handels, der Landwirtschaft führen. Nichts irriger als die Auffassung, sozialistische Produktion werde erst dann möglich, wenn alle Kleinbetriebe aufgesaugt seien. Sie würde dann nie möglich, weil die Konzentration des Kapitals den Kleinbetrieb nicht völlig verschwinden läßt, sondern vielfach nur einen neuen an Stelle des alten setzt. Die Aufsaugung dieser neuen, parasttisch⸗proletarischen Kleinbetriebe wird erst durch die Einführung sozialistischer Produktion ermöglicht. Letztere ist die Vorbedingung, nicht die Folge des völligen Verschwindens des Klein⸗ betriebes aus allen Wirtschaftsgebieten, auf denen er technisch überflüssig geworden ist. Nicht das völlige Verschwinden des Kleinbetriebs auf der Betriebsstatistik, sondern seine Ausschaltung aus den das gesell⸗ schaftliche Leben beherrschenden Produktions⸗ prozessen, deren Unterwerfung unter das Kapital, das die Produktionsmittel und alle Vorteile ihrer steigenden Vervollkommnung monopolistert, das sind die Vorbedingungen des Sozialismus. Daß sie aufs rapideste wachsen, kann heute selbst 3 so bildet der neue ein Element des proletarischen Gegensatzes gegen dies Privateigentum und da⸗ hört. Heute schon sehen wir, wie während jeder ein 0 und politisch Blinder mit den Händen greifen. In diesem Sinne ist die in das Erfurter Programm übernommene Lehre des Marxismus von der Konzentration des Kapitals aufzufassen. So aufgefaßt, steht dieser Grundsatz nicht nur nicht im Widerspruch mit den wirklichen Tat⸗ sachen, er bietet vielmehr erst die Möglichkeit, sie völlig zu begreifen. Auch in diesem Punkte bedarf ebensowenig wie in den anderen, die der „kritische Sozialismus“ beanstandete, der grund⸗ Nevin Teil des Erfurter Programms einer eviston. Es ist nicht Selbstlob, wenn ich das aus⸗ spreche, denn das Erfurter Programm ist keines⸗ wegs mein ausschließliches Werk. Wohl wurde es auf der Grundlage des von mir vorgeschla⸗ genen Programmentwurfes aufgebaut. Aber die Erfurter Programmkommission hat diesen Ent⸗ wurf wesentlich erweitert. In dem Entwurf selbst aber waren jene Sätze, die später am meisten diskutiert wurden dem„Kapital“ von Marx fast wörtlich entnommen, ber allgemeine Teil des Programms selbst ist nur eine Para⸗ phrase des bekannten Absatzes über„Die ge⸗ schichtliche Tendenz der kapitalistischen Accumu⸗ lation“ im„Kapital“. Gerade darin sehe ich die Ursache der Kraft des Erfurter Programms und seiner Fähigkeit, den wechselnden Monden zu widerstehen. So lange es nicht gelungen ist, an Stelle des„Kapital“ eine andere theo⸗ retische Grundlegung des Sozialismus zu setzen, solange wird auch das Erfurter Programm einer Revision seiner Grundsätze nicht bedürfen. M. Kautsky. Die deutschen Gewerkschasts⸗ organisation im Jahre 1903. 1 Ein erfreuliches Bild des Fortschritts auf gewerkschaftlichem Gebiete gewährt uns wieder die von der Generalkommission veröffentlichte Statistik der deutschen Gewerkschaften für das Jahr 1903. Die Statistik zeigt, daß der Ein⸗ fluß, den die wechselnde wirtschaftliche Konjunktur auf die Entwicklung des Gewerkschaftslebens auszuüben vermag, von Jahr zu Jahr geringer wird. Die Mitgliederzunahme in den gewerk⸗ schaftlichen Zentralverbänden beträgt für 1903 134492 gleich 21 Proz. Das ist eine Zunahme, wie sie seit dem Jahre 1897 nicht mehr zu verzeichnen war und es ist keineswegs in allen Berufen ein besserer Geschäftsgang zu verzeichnen gewesen, als im Jahre vorher. Die Mitglieder⸗ zahlen der Zentralverbände bewegen sich seit 1894 ständig in aufsteigender Linie; nur 1901, in dem Jahre, in welchem der wirtschaft iche Rückgang sich am fühlbarsten machte, haben wir einen geringen Rückgang in der Mitglieder- zahl. Die Zunahme der Mitglieder in den einzelnen Jahren gestaltet sich folgendermaßen: 1894 Mitgliederzahl 246 494 + 22 694= 10,2 Proz. 1895 1 259 175 T 12681- 5,2„ 1896 8 329 230 + 70 055 27,0„ 1897 1 412349 + 83 129 25,2„ 1898 1 493 742 + 81383 19,7„ 1899 8 580 473 + 86731 17,5„ 1900 0 680 427 4+ 99954 17,2„ 1901 f F 1902 85 733 206 + 55696— 8,2„ 1903 5 887 698 + 154 492— 21,0„ eu —— 0 1 1 ö —— — G 8—— 5 — in Elsaß Lothringen 805, Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 30. 10 den in der Statistik für 1902 geführten 60 Zentralverbänden sind 3 neu hinzugetreten: der Verband der Blumen- und Federarbeiter mit 304 Mitgliedern, der Verband der Porte⸗ feuiller mit 2431 Mitgliedern und der Verband der Wäschearbeiter mit 667 Mitgliedern. Die Zahl der Mitglieder dieser drei Organisationen zusammen beträgt 3402 und beträgt also die Mitgliederzunahme für die bisher in der Sta⸗ tistik geführten Zentral verbände 151090. Die Gesamtzahl der auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegungen stehenden Gewerkschafts⸗ mitglieder— und hierzu darf man wohl auch die Lokalorganisierten rechnen— für das Jahr 1903 beträgt demnach 905 275. In der Statistik der Generalkommission wird seit 1893 für die Zentralverbände die Mitgliedsziffer nach dem Jahres durchschnitt an⸗ gegeben. Es ist dies die einzige, wenn auch nicht ganz zuverlässige Ziffer, welche für die weiteren Berechnungen(Einnahme und Ausgabe 15 Kopf der Mitglieder) in Betracht kommen ann. Es waren am Schlusse des Jahres 1903 in den 63 Zentralverbänden 941529 Mitglieder, also 53 831 Mitglieder mehr, als im Jahres⸗ durchschnitt. Die Zunahme an Mitgliedern hat im Jahre 1904 angehalten, und man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß Mitte des Jahres 1904 die erste Million Mit⸗ glieder in den auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Zentralverbänden erreicht ist. Nach ihrer Mitgliederzahl geordnet, gruppieren sich die Zentralverbände folgend: Metallarbeiter 160 135, Maurer 101 155, Holzarbeiter 79 732, Bergarbeiter 60 127, Tex⸗ tilarbeiter 54556, Fabrikarbeiter 37052, Buch⸗ drucker 35 970, Zimmerer 27265, Handels-, Transport⸗ und Verkehrsarbeiter 26 800, Schuh⸗ macher 25 566, Bauarbeiter 32 635, Schneider 21011, Maler 19037, Tabakarbeiter 17 540 Brauer 15766, Hafenarbeiter 13879, Buch⸗ binder 12 254, Töpfer 9488, Lithographen und Steindrucker 9184, Gemeindearbeiter 8967, Schmiede 8902, Steinarbeiter 8624, Porzellan⸗ arbeiter 8174, Maschinisten und Heizer 6927, Böttcher 5956, Bäcker 5565, Glasarbeiter 5514, Tapezierer 4985, Steinsetzer 4865, Lederarbeiter 4711, Bildhauer 3963, Stukkateure 3846, Hut⸗ macher 3761, Sattler 3635, Werftarbeiter 3628, Glaser 3355, Pachdecker 3273, Kupferschmiede 3199, Handschuhmacher 3077, Seeleute 2944, Buchdruckerei⸗ Hilfsarbeiter 2848, Handlungs⸗ gehilfen 2716, Gastwirtsgehilfen 2471, Porte⸗ feuiller 2431, Schiffszimmerer 2124, Müller 2092, Grayveure 2048, Fleischer 2028, Kürschner 1834, Vergolder 1567, Zigarrensortierer 1297, Konditoren 1293, Lagerhalter 1063, Buch drucker 5 Zivilmusiker 682, Wäschearbeiter 667, Gärtner 663, Barbiere, 458, Bureauangestellte 377, Notenstecher 328, Formstecher 321, Blumen⸗ und Federarbeiter 304, Masseure 260. Zwei Verbände haben jetzt über 100 000 Mitglieder, während 5 mehr als 50 000 und 12 mehre als 20000 Mitglieder zählen. Politische Rundschau. Gießen, den 21. Juli 1904. Der Königsberger Zaren⸗Prozesß hat in den beinahe zwei Wochen, die er dauerte eine Flut von Fälschungen und Spitzeleien und von Erniedrigungen deuts her Behörden an den Tag gebracht. Die deutsche Regierung, die Staats- anwaltschaft, die Polizei, sind zu jedem Liebes⸗ dienst für die Vertreter des brutalsten Despo⸗ tismus bereit, obgleich unter den letzteren die unsaubersten Elemente sich befinden, obgleich die russtsche Regierung nicht einen Finger rührt, um Licht in die trübe Vorgeschichte des Pro⸗ zesses zu bringen. Am Samstag erschien, so schreibt der„Vorwärts“, der russische Absolu⸗ tismus von seinen höchsten Behörden bis zu den russisch⸗lettischen Galgenvögeln, die zum Teil Bauern, Spitzel, Volizisten und Schmuggler sind, in all seiner Verworfenheit, Verlumptheit und Barbarei auf der Anklagebank. Und daneben saßen die journalistischen Begünstiger, die ge⸗ werbsmäßigen Denunzianten und Verleumder der Sozialdemokratie wie der Kriminalkommissar der Wos, der sich Redakteur Dr. Ruhkopf nennt. Dieser Reptilredakteur hatte sich den wegen Unterschlagung aus der Buchhandlung„Vor⸗ wärts“ entlassenen Angestellten Abel als Ge⸗ währsmann zugelegt und auf Grund der Mitteilungen desselben in der„Post“ geschrieben, daß in einem Keller des Vorwärts⸗Geschäftes, den keiner der Angestellten betreten dürfe, ver⸗ botene Schriften lagerten. Ein netter Ver⸗ trauensmann! Aus seiner Strafliste wurde festgestellt, daß er wiederholt wegen schweren Diebstahls Betrugs und Unterschlagung ziemlich hohe Gefängnisstrafen erlitten hat. Dieselbe Zeitung, welche sich nicht genug ent⸗ rüsten kann, wenn von sozialdemokratischen Blättern etwelche den Herrschenden unbequeme Aktenstücke veröffentlicht werden und über „Diebstahl“ schreit, bedient sich eines ehrlosen und gerichtsbekannten Subjektes zur redaktionellen Mitarbeit, die darin besteht, die Vorwärts⸗ Buchhandlung der Polizei wegen Vertriebs an⸗ geblich verbotener Schriften zu denunzieren! Vor Gericht erwiesen sich die Angaben der Post mit dem geheimnisvollen Keller als Schwindel!— Die Sache liegt nun so: Was die Angeklagten getan haben sollen, wird in Deutschland nur bestraft, wenn der andere Staat— in diesem Falle also Rußland— die Gegenseitigkeit verbürgt. Nach der An⸗ klageschrift wäre anzunehmen, daß dies hier zutrifft. Nun behauptet aber die Verteidigung, daß diese Gegenseitigkeit nur verbürgt sei, wenn es sich um tätliche Angriffe auf den Zaren handelt, nicht aber um Majestätsbeleidigung durch Verbreitung von Schriften. Würde dies zutreffen, so würde der Strafantrag nach deutschem Gesetz unzulässig sein und das ganze Ver⸗ fahren in sich zufsammenstürzen. Zwei Sachverständige bestätigen die Auffassung der Verteidigung.— Trotzdem die Anklage täglich mehr zusammenbricht, ist eine Verurteilung bei den deutschen Rechtsverhältnissen nicht unmöglich. Wie aber das Urteil ausfallen mag, für die deutsche Regierung bedeutet dieser Prozeß wirklich keine Ruhmestat. Die Soldatenschindereien im deutschen Heere zeigen leider keine Abnahme, vielmehr bleibt sich die Zahl der zur Bestrafung gelangten Fälle in den drei letzten Jahren ziemlich gleich. Im ersten Halbjahr 1904 wurden 138 Soldatenquäler gerichtlich abgeurteilt und dabei an Freiheitsstrafen 28 Jahre 9 Monate 18 Tage verhängt, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Strafen fast immer recht gelinde ausfielen.— Wegen Raummangel waren wir nicht in der Lage, die zahlreichen Fälle der letzten Zeit aufzuführen, es mögen deshalb einige der markantesten hier Platz finden. Vor dem Metzer Oberkriegsgericht wurde dieser Tage der Unteroffizier Peschel vom Fußartillerie-Regiment Nr. 8 zu einem Jahr Gefängnis und Degradation verurteilt. Dieser Unhold verdient mit ganz besonderem Recht den Namen eines„Rekrutenschinders“. Wenn die Rekruten mittags müde und hungrig ihr Mahl holten, mußten sie den Napf ins Spind setzen und erst drei tadellose Klimmzüge an einem eisernen Träger machen. Wer das nicht konnte, übte eben weiter, und so kam es, laut Beweisaufnahme, daß ein Soldat fünfundzwanzig Mal, ein anderer fünfundvierzig Mal ohne Mittag⸗ essen blieb. Ein Soldat sollte zur Strafe in der Mittagspause den eisernen Ofen wichsen. Der zeitweise hinausgegangene Unteroffizier überraschte den Mann beim heimlichen Speisen und schlug ihm ins Gesicht, daß Blut spritzte. Und so weiter! Wegen Mißhandlung Untergebener in 47 Fällen wurde ferner der Unteroffizier Hardel vom 34. Füsilier⸗ Regiment in Bromberg anfangs dieser Woche seitens des Kriegsgerichts der 4. Diviston zu sechs Wochen Mittelarrest verurteilt. Der Vertreter der Anklage hatte sechs Monate Gefängnis und Degradation be⸗ antragt. Das Gericht aber hielt den Schinderknecht für würdig, weiter, Stellvertreter Gottes“ zu spielen. Vor etwa 14 Tagen verurteilte das Kriegsgericht in Magdeburg den Unteroffizier Peter vom 26. In⸗ fanterie⸗Regiment wegen Mißhandlung in 27 Fällen, in einem mit tödlichem Lusgang und Verleitung zum Meineid usw. zu einem Jahr sechs Monaten Zuchthaus.— Um dieselbe Zeit verurteilte das Kriegsgericht in Frankfurt a. M. den Unteroffizier Pockel der 8. Kom⸗ pagnie des 87. Infanterieregiments wegen Mißhand⸗ lung Untergebener zu acht Monaten Gefängnis und Degradation. Wegen gemeiner Soldatenschindereien wurden ferner vor mehreren Wochen vor dem Kriegsgericht in Pil lau der Unteroffiziere Wannack, Christiant und Grigat abgeurteilt. Diese Burschen quälten ihre Opfer in u n⸗ erhört raffinierter Weise. Zwei Kanoniere, Borowski und Jelschuß wurden von dem Geigat gezwungen, in Gegenwart des Unteroffiziers Rautabak zu essen. Während sie mit dieser appetitlichen Mahlzeit beschäftigt waren, erschien der Unteroffizier Christiant und sagte: „Eßt's mit Schmalz, das schmeckt besser“ und nahm aus dem Schranke des Borowski Schmalz heraus. Natürlich würgten die Soldaten lange an dieser greulichen Speise und da das dem Unteroffizier Wannack, der mittlerweile auch als Zuschauer erschienen war, zu lange dauerte, so zog er mit den Worten:„Habt ihr es noch nicht auf⸗ gegessen,“ das Seitengewehr des Grigat aus der Scheide, versetzte erst dem Jelschuß mehrere Hiebe über den Rücken, packte den Borowski am Genick, dog ihn über den Tisch und bearbeitete auch diesen derart mit dem Seitengewehr, daß der Geschlagene vor Schmerzen laut aufschrie. Diese scheußliche Handhabung der mili⸗ tärischen Disziplin„sühnte“ der Gerichthof mit fünf Monaten Gefängnis gegen Wannack, drei Monaten gegen Grigat und vier Monaten Mittelarre st gegen Christia nt. Aber auch Offiziere gehen mit ihren Untergebenen in ungehöriger Weise um und geben so ein schlechtes Beispiel. Gegen sie wird jedoch fast stets unter Aus⸗ schluß der Oeffentlichkeit verhandelt. Es scheint überhaupt die Neigung bei der Militärjustiz vorhanden zu sein, die Sünden des Militarismus bei verschlossener Türe zu verhandeln. So geschah es auch in Thorn, wo der Hauptmann Grahl vom Pionier⸗Bataillon Nr. 17 sich wegen neunzig Beleidigungen Untergebener zu verantworten hatte. Sogar die Zeugen mußten vor Beginn der Plaidoyers den Saal verlassen und die Begründung des Urteils war wieder nicht öffentlich. Trotz der neunzig Fälle kam der Herr Hauptmann mit sechs Wochen Stubenarrest davon. Dagegen wurde der Gemeine Brühning vom 25. Infanterie⸗Regiment zu der furchtbaren Strase von 5/ Jahren Gefängnis verurteilt, weil er im Rausche sich gegen einen Unteroffizier widersetzlich ge⸗ zeigt hatte! Und ähnliche Urteile der Militärjustiz, un⸗ angebrachte Milde auf der einen und geradezu unverständliche Härte auf der andern Seite, könnten noch zu Dutzenden angeführt werden. Zum Tode des ehemaligen Buren ⸗ präsidenten Krüger konnte man in der deutschen Presse Artikel lesen, die den Verstorbenen als helden- und tugendhafte Idealgestalt erscheinen la ssen. Durch den jahrelangen Heldenkampf gegen die engliche Uebermacht hatten sich die Führer des tapferen Burenvolkes und dieses selbst die Sympathie des deutschen Volkes erworben und besonders„Ohm Krüger“ war eine der volks- tümlichsten und sagenumwobene Heldengestalt geworden. Die Wahrheit steht allerdings etwas anders aus. Was dem alten Herrn nachgerühmt wurde, ist zumeist freie Erfindung der Volksphantasie. Das Volk, an dessen Spitze Paul Krüger stand, war— unbeschadet sein er guten Eigenschaften— durchaus nicht das fromme Hirtenvolk mit milden Sitten, in das der britische Wolf mordend einbrach. Man braucht die Engländer nicht besser zu machen als sie sind, um auch die Buren als das, was sie sind zu erkennen. Tatsache ist, daß unter Paul Krüger die schlimmste Korruption in der Transvaal-Republik herrschte. Die beamteten Burenfamilien bereicherten sich auf Kosten der eingewanderten Bevölkerung, die sieben Achtel der Staatseinnahmen aufbrachten und dabei doch völlig rechtlos blieben. So wurde das einfältige fromme Hirtenvolk mehr und mehr zu einer Ausbeuter⸗Gesellschaft. Paul Krüger aber, der einst als wandernder Hirt nach Transvaal ge⸗ kommen war, hat sein ehemaliges Vaterland mit schweren Kisten und Kasten verlassen. Von der Not der Burenkämpꝛer, für die man in Europa sammelte, hat er nie etwas verspürt. Jetzt geht die Meldung durch die Presse, daß er ein Vermögen von zehn Millionen Franken hinterlassen habe! Hätte er nicht einen Teil des Riesenvermögens seinen mit dem bittersten Elende kämpfenden Landsleuten über⸗ SSS N . n ug tze er das das tan hen 1 tel del tell 0 e och lige el der bl lan 0 ill. pin. 1 1 10 Nr. 30. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite. weisen können?— Das muß im Interesse der Wahrheit zu den gerührten Leitartikeln der bürgerlichen Presse gesagt werden! Wahlreform in Baden. Nun ist das neue Wahlgesetz in Baden doch noch zu Stande gekommen. Am vorigen Freitag hat die Zweite Kammer die Vorlage nach den Abänderungsbeschlüssen der Ersten Kammer gegen die Stimmen der Sozialdemo⸗ kraten angenommen. Cbenso gelangte die Wahlkreiseinteilung zur Annahme, nach welcher das Land künftig 73 Abgeordnete zu wählen hat. Unsere Parteigenossen stimmten deswegen da⸗ gegen, weil das Gesetz der besitzenden Klasse bedeutende Vorrechte gewährt und somit dem Volke keineswegs ein gerechtes Wahlrecht bringt. Eine sozialdemokratische Gemeinde. In dem Orte Grün winkel bei Karlsruhe siegten unsere Genossen bei der Bürgerausschuß⸗ wahl in der dritten und zweiten Klasse. In der ersten Klasse siegte ein Genosse, einige andre müssen losen. Grünwinkel hat eine sozial⸗ demokratische Mehrheit im Bürgerausschuß, im Gemeinderat und dazu noch einen sozial⸗ demokratischen Bürgermeister. Die Tätigkeit des letzteren wird von der Behörde nur lobend anerkannt. Von dem gefürchteten„Umsturz“ hat man in Grünwinkel noch nichts bemerkt, im Gegenteil, es herrscht eine peinliche Ordnung. 0 Die russische Gewaltherrschaft ruft immer neue Verzweiflungsausbrüche der unter jochten Völker hervor. Am Sonntag Abend wurde der Vizegouverneur Andrejew des Gouvernements Jelisawetpol in Agd⸗ schakent in Transkaukasien ermordet. Der Attentäter feuerte fünf Schusse auf den Gouver⸗ neur, der sofort tot war. Vermutlich ist der Täter ein Armenier; die armenische Bevölkerung ist wegen der Konfiskation des armenischen Kirchenvermögens von glühendem Haß gegen Rußland erfüllt. Russisch⸗japanischer Krieg. Völkerrechtswidrige russische Uebergriffe. Dampfer der russischen Frei⸗ willigenflotte, die sich vor einiger Zeit als un⸗ schuldige Handelsschiffe die Durchfahrt aus dem Schwarzen Meer durch den Bosporus ermög⸗ lichten(Krieg sschiffen darf die türkische Re⸗ gierung die Durchfahrt nicht gestatten) haben sich nachher als Kriegsschiffe entpuppt und im roten Meer Postdampfer anderer Nattonen an⸗ gehalten. So den deutschen Postdampfer „Prinz Heinrich“, der von dem russischen Hilfs⸗ kreuzer„Smolensk“ angehalten und gezwungen wurde, 31 Säcke Briefpost, 24 Säcke und Kisten Paketpost herauszugeben, die für Japan bestimmt waren.— Auch englische Schiffe sind angehalten und durchsucht worden. Gegen diese Verstöße gegen das Völkerrecht hat natürlich die englische Regierung energisch Protest einge⸗ legt und auch Deutschland hat darüber Be⸗ schwerde geführt. Nach russischer Art lautete die Antwort, daß man erst Berichte über diese Vorfälle abwarten müsse! Vor Port Arthur fanden mehrere Ge⸗ fechte statt, über deren Ausgang die Nachrichten unbestimmt lauten.— Am Motten paß kam es am Sonntag zu einem hartnäckischen Kampf, welcher mit einer Niederlage der Russen endete. Von Nah und Fern. Hessisches. — Wegen der Kretschmann⸗Kriegs⸗ Briefe soll nun doch noch ein Prozeß gegen die„Mainzer Volkszeitung“ eingeleitet werden. Aus Darmstadt wurde Ende voriger Woche berichtet, daß der Strafantrag gegen das Blatt nicht zurückgezogen sei, wie es früher hieß, weil sich die Mehrheit der angeblich Belei⸗ digten dagegen erklärt habe und für alle Zeiten festgestellt zu sehen wuünschte, daß bie Hessen nicht geplündert hätten.— Wir möchten wissen, was für die Antragsteller und den Staat nun bei dem Prozeß herausspringen soll. Wenn festgestellt wird, daß die Plünderer in Sens nicht Hessen waren, sondern anderen deutschen Truppenteilen angehörten, so ist doch gar nicht einzusehen, was damit gewonnen werden soll. Man will uns doch nicht etwa erzählen, daß die Hessen die französtsche Bevöl⸗ kerung mit Blumensträußen und Zuckerplätzchen begrüßten. Wenn man sich die wüste Franzosen⸗ hetze bergegenwärtigt, die damals in Deutsch⸗ land getrieben wurde, so wird man Ausschrei⸗ tungen der Soldaten als ganz begreiflich finden und ihnen daraus keinen allzugroßen Vorwurf machen. Gegen was wir Anklage erheben, ist das Syste m, das derartige Dinge zeitigt.— Der Prozeß kann höchstens für die sozialdemo⸗ kratische Presse agitatorisch wirken und insofern beklagen wir ihn nicht. — Gemeindewahlen. Am Montag fand in Bieber bet Offenbach die Gemeinde⸗ ratswahl unter sehr starker Beteiligung statt. Von 697 Wahlberechtigten stimmten 642 ab. Für die Bürgerlichen wurden 251, für unsere Partei 239 geschlossene Zettel abgegeben; drei bürgerliche und ein sozialdemokratischer Kandidat wurde gewählt. Im Gemeinderat sitzen gegen⸗ wärtig 5 Sozialdemokraten und 5 Bürgerliche. — Hirschel und Comp. Das frühere Organ der hessischen Antisemiten, jetzt des Bundes der Landwirte(in ein paar Jahren vielleicht der Nationalliberalen und Konserva⸗ tiven) bringt in seiner Nummer vom Samstag einen Artikel von außergewöhnlicher Blödsinnig⸗ keit und das will bei diesem edlen Organ ge⸗ wiß etwas heißen. Aber auch der rückständigste und unwissendste seiner Leser wird herausge⸗ funden haben, daß es sich dabei um nichts weiter als um eine elende Verdächtigung der Sozialdemokraten handelt. Und was hat der Antisemitrich wieder an der Sozialdemokratie auszusetzen? Er wirft der sozialdemokratischen Presse vor, daß sie einen Beleidigungsprozeß, den die Berliner Versicherungs⸗Gesellschaft „Viktoria“ gegen ihren Wiener General⸗ agenten vor einiger Zeit geführt hat und in. dem festgestellt worden sei, daß der Direktor dieser Gesellschaft jährlich 380000 Mk. Ein⸗ kommen bezieht, während die unteren Beamten mit dem Hungerlohn von 900 Mk. abgespeist werden, geflissentlich verschwiegen habe, weil die Hauptkapitalisten jener Gesellschaft— Juden seien! Der Vorwurf ist so blödsinnig verlogen, daß man ihn für ein Produkt des dreschgräflich Pücklerschen Hirnkastens halten könnte. Man muß sich nur über die Unver⸗ frorenheit wundern, daß das Hirschelblatt seine paar Leser mit Dingen anulkt, über die nicht bloß jeder Sozialdemokrat, sondern jeder ver⸗ ständige Mensch, gleichgültig welcher Partei er angehört, herzlich lachen wird.— Den besagten Prozeß hat, soviel wir uns erinnern, unser Wiener Parteiorgan, die„Arbeiterzeitung“ sehr eingehend besprochen und auch die deutschen Parteizeitungen haben Auszüge gebracht, in den Ordnungsblättern aber, einschließlich der antisemitischen haben wir nichts gelesen. Was hat denn die antisemitische Presse gehin⸗ dert, den Prozeß gehörig auszuschlachten. Un⸗ seres Wissens hat das Friedberger Antisemiten⸗ blättchen noch kein Sterbenswörtchen davon gebracht! Es war wirklich sehr ungeschickt von ihm, gerade diesen Artikel irgendwo auszu⸗ schneiden!— Uebrigens kann man ähnliche Verhältnisse wie bei der Viktoria in Dutzenden anderer Gesellschaften und Banken finden, die unter Leitung frumber antisemitischer Christen stehen. Vielleicht liegen die Lohnberhältnisse in den Versicherungs⸗Gesellschaften, deren In⸗ serate das Hirschelblatt seit Jahren bringt, keinen Deut anders. Wenn es schlechte Arbeits⸗ verhältnisse ans Tageslicht zieht und kritisiert, so wird es dabei stets die Unterstützung der Soztaldemokratie finden, die für die Interessen aller Ausgebeuteten fortgesetzt und unter großen Opfern eingetreten ist, und das schon zu einer Zeit, als an Hirscheln, sein Blatt und seine Partei noch nicht zu denken war. Wir be⸗ nrelfsen ja, daß verschiedene Prozeße der lebten Zeit, in denen Gesinnungsverwande des Bündler⸗ blattes eine unrühmliche Rolle spielten, ihm sehr unangenehm sind, das giebt ihr aber noch lange kein Recht, unsere Partei zu verdächtigen. Schließlich machen uns die Hirschel und Kon⸗ sorten noch für die Sünden antisemitischer Schwindler verantwortlich. Ein Zlatt aber, das gegen die Riesengewinne der Versicherungsgesellschaften eifert, sollte unter keinen Umständen für Lotterieunternehmungen Reklame machen, denn dabei sind die Gewinne der Unternehmer und ist der Schwindel noch größer als bei ersteren. Das tut aber die antisemitische Friedberger„Volkswacht“ in derselben Nummer, in der sie ihre schmutzigen Angriffe gegen unsere Partei erhebt. In einer redaktionellen Notiz empfiehlt sie eine Straßburger Lotterie in dringlicher Weise, da⸗ mit diejenigen veser, welche darauf hereinfallen, dem Spielteufel überantwortend. Dagegen nimmt die sozialdemokratische Presse Lotterie⸗ Annoncen überhaupt nicht auf. Ja wir Wilden sind doch bessere Menschen! Unsere Parteiorganisation ist in den letzten Wochen wiederholt Gegenstand der Erörterung in der Parteipresse gewesen. Das Breslau er Parteiblatt brachte schon vor längerer Zeit einen Artikel, der auf die Mängel unserer jetzigen Organisation in finan⸗ zieller und agitatorischer Beziehung hinwies und vor kurzem machte es praktische Vorschläge zur Besserung. Diese Vorschläge gehen dahi n: Vom 1. Mai 1906 ab einen sozialdemo⸗ kratischen Zentralverband mit einem monatlichen Mitgliedsbeitrage von 10 Pfg. zu schaffen; ferner für die einzelnen Landes⸗ teile Bezirksleiter anzustellen, welche die Agitation intensiv zu betreiben und die Or⸗ ganisation zu unterstützen hätten. Seine Vorschläge erläutert und begründet das Blatt folgendermaßen: „Heute gibt es an vielen Orten kein anderes Kennzeichen der Zugehörigkeit zu unserer Par⸗ tei, als das einfache an keine Bedingungen ge⸗ knüpfte Selbstbekenntnis: ig Zukunft soll auf jedem Bau, in jeder Werkstatt der Gleichge⸗ sinnte seine Zugehörigkeit mit dem allerseits bekannten Mitgliedsbuch ausweisen, wie es heute durch das Verbandsbuch der Maurer, Metallarbeiter usw. geschieht. Wir haben mit einem Schlage eine genaue Uebersicht über die Zahl der wirklichen Sozialdemokraten und ihre politische Arbeit an den einzelnen Orten. Ueber den Zeitpunkt der Einführung muß natürlich nach eingehender Beratung Beschluß gefaßt werden, obiges Datum ist rein willkürlich ge⸗ wählt, es läßt sich vielleicht ein längerer Zeit⸗ raum festsetzen, innerhalb dessen die Vereine ihren Anschluß zu vollziehen haben. Und zur Forderung besoldeter Agitatoren wird gesagt: Diese Forderung ist nicht zum wenigsten darin begründet, das uns die Gewerkschafts⸗ und Genossenschaftsbewegung, die Versicherungs⸗ gesetzgebung und Arbeiterschutz⸗Gesetze immer mehr Kräfte entziehen. Die politische Be⸗ wegung wird heute oft genug schon hintenan gesetzt. Manchmal dachten wir einen neuen fleißigen Arbeiter für politische Propaganda gefunden zu haben, wenn eine Gewerkschaft einen Genossen durch Anstellung unabhängig machte. Das Gegenteil trat ein, die Beteiligung der Betreffenden am polttischen Leben war ge⸗ ringer als vor der Austellung und manchen Gewerkschaftssekretär sehen wir ein halbes oder ein ganzes Jahr nicht im sozialdemokratischen Verein. Wenn uns so die Gewerkschaftsbewe⸗ gung nach und nach die besten Männer wegholt, wird es für die politische Partei die höchste Zeit, zu lernen und sich einen Teil der Kräfte zu sichern. Deshalb unsere Forderung: An⸗ stellung besoldeter Parteisekretäre. Unsere Organisation ist zwar schon oft, so⸗ gar von den Gegnern als eine must er gültige hingestellt worden und viele von uns haben das auch geglaubt. Bei näherem Zusehen weist sie trotzdem mancherlei Mängel auf, sogar iu Hessen, wo wir eine gewisse Einheitlichkeit er⸗ c —— 3 8 — ————— — ——ͤ—————— r — r— Seite 4. FP Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeilung. Nr. 30. reicht haben. Wir müssen daher bestrebt sein, sie zu verbessern und den heutigen Bedürfnissen anzupassen. Beispielsweise kann durchaus nicht genügen, was heute an Agitation geleistet wird. Wir haben gewiß auch in den entlegen⸗ sten Gegenden Hessens bei der letzten Wahl an Stimmen erheblich zugenommen; das können wir uns aber getrost eingestehen: unsere Agi⸗ tation in jenen Bezirken hatte diese Fortschritte nicht bewirkt; denn wir sind damit noch nicht hingekommen. Wie wenig wird in der Zeit von einer Wahl zur andern in verschiedenen Wahlkreisen getan! In Alsfeld⸗Lauterbach, Bingen⸗Alzey und dem Odenwald geschieht so gut wie gar nichts. Und deshalb kann weder dem Landeskomitee noch den Genossen der Kreise selbst ein Vorwuf gemacht werden, es reichen eben die vorhandenen Kräfte zur wirk⸗ samen Agitation nicht aus. Die Genossen, welche noch ihrem bürgerlichen Berufe nachgehen müssen, können nicht ihre ganze Kraft in den Parteidienst stellen. Daß diese Mängel beseitigt werden müssen, wird auch die Landeskonferenz anerkennen. Wir wollen keineswegs behaupten, daß durch Anstellung eines Parteisekretärs mit einem Schlage allem abgeholfen wäre, aber sie würde zweifellos einen Fortschritt bedeuten, die Organisation würde gestärkt und die Agitation vertieft werden. Jedenfalls wird die Landes⸗ konferenz Beschlüsse fassen, wie ste im Interesse sind Partei liegen und ste zu fördern geeignet nd. Gießener Angelegenheiten. — Im Wahlverein wurde in der Ver⸗ sammlung am Samstag zunächst der Vorstands⸗ bericht erstattet. Die Kasse weist eine Einnahme von 278,63 Mk., eine Ausgabe von 141,31 Mk. auf, so daß ein Bestand von 137,32 Mk. zu verzeichnen ist. Bei der Vorstandswahl wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder sämtlich wieder gewählt. Hierauf sprach Stadtverord⸗ neter Krumm in interessanter Weise über kommunale Angelegenheiten. Er kritisierte die hohen Begräbnis⸗Gebühren, welche den weniger Bemittelten besonders schwer treffen. Wenn man die hohen Gebühren mit den Baukosten der Friedhofsanlage begründe, so müsse erwidert werden, daß solche kostspielige Bauten auch nicht nötig waren. Die Kapelle sei der reine Prunkbau. Gegen Wiedereinführung des Oktrois auf Backwaren, wozu Neigung in der Stadt⸗ vertretung vorhanden sei, müßten sich die Ar- beiter energisch wehren. Es sei klar, daß das Oktroi auf Brot seinen Einfluß in der Preis⸗ bildung ausübe und die Minderbemittelten belaste.— Die städtischen Ausgaben steigerten sich auch durch starke, in den Verhältnissen nicht a Vermehrung des Beamten⸗ stabes, es müsse in dieser Beziehung mal eine Ruhepause eintreten und nicht immer neue Stellen geschaffen werden. Nach unten hin dagegen, bei den Löhnen der Straßenkehrer z. B. sei man außerordentlich sparsam. Für Erhöhung des Schulgeldes für höhere Schulen haben unsere beiden Vertreter gestimmt. Unser Streben müsse darauf gerichtet sein, die Volks⸗ schule auf zeitgemäße Höhe zu bringen, wem diese dann nicht genüge, möge auch dafür bezahlen. Ebenso stimmten unsere Vertreter für die Zuschüsse für das Theater und den Omnibus. Das Theater sei gehalten, Volks⸗ vorstellungen zu geben. Hier hat sich aber gezeigt, daß die Einrichtung wieder nur den „besseren“ Leuten zu Gute kommt, die zeitiger als die Arbeiter ins Theater gehen können und die besten Plätze besetzen. Das Theater- bau⸗Projekt könne für die Stadt noch eine kostspielige Sache werden; Gießen sei für Derartiges zu klein. Redner besprach dann weiter noch eine Reihe städtischer Angelegen⸗ heiten: Polizeiverordnungen, Irrenanstalts⸗ Neubau, Altes Schloß, Wirtschaftskonzessions⸗ Erteilung, Sonntagsruhe und anderes, worauf wir gelegentlich noch zurückkommen. Nach kurzer Diskussion wurde beschlossen, sich mit aller Energie an den Wahlen zu beteiligen, und über die Aufstellung der Kandidaten in einer späteren Versammlung zu beschließen. — Gegen die Polizeiverordnung, nach welcher Milchkühe auf dem hiestgen Viehmarkt nur mit entleerten Eutern aufge⸗ trieben werden dürfen, protestierte am Montag eine Versammlung der Viehhändler. Es wurde beschlossen, dem Viehmarkte fernzubleiben, wenn diese Verordnung nicht aufgehoben wird. (Gen. Krumm tadelte die Verordnung und ihre Durchführung in seinem oben kurz wiederge⸗ gebenen Referate ebenfalls.) — Mißstände und Unfauber⸗ keiten in Bäckereien. Es sind schon beinahe 15 Jahre verflossen, seitdem Bebel seine bekanute Broschüre über die Zustände in den Bäckereien herausgab und die Welt auf die vielfach ekelerregenden Dinge aufmerksam machte, die bei der Herstellung unserer Haupt⸗ nahrungsmittel vorkommen. Es ist ja zweifel⸗ los seit dem Erscheinen der Broschüre etwas besser geworden infolge der behördlichen Maß⸗ nahmen(Bäckereiverordnung) und der polizei⸗ lichen Kontrolle, so mangelhaft die letzere immer⸗ hin noch sein mag. Das Hauptverdienst an der Besserung, wo eine solche zu verzeichnen ist, hat aber stets die Organisation der Bäckereiarbeiter, die in den letzten Jahren er⸗ freuliche Fortschritte aufzuweisen hat. Jetzt hat der Bäckerverband wieder das Ergebnis einer statistischen Aufnahme in einer Broschüre ver⸗ öffentlicht, die dieser Tage unter dem Titel: „Die Lage der Bäckereiarbeiter“ in Hamburg erschienen ist. Die Verhältnisse sind dort auf Grund von Fragebogen geschildert, die vom Verband ausgegeben und bearbeitet wurden. Von Gießen sind Fragebogen von 9 Betrieben eingegangen. Nur in einem dieser Betriebe beträgt die Arbeitszeit 9¼ Stunden, in allen übrigen jedoch 12—15 und außerdem werden noch stets Ueberstunden gemacht. In allen Betrieben wird sieben Tage in der Woche gearbeitet, nur an den hohen Feiertagen sind Freinächte eingeführt. Alle Gehilfen sind in Kost und Logis bei dem Arbeitgeber; bei voller Verpflegung beträgt der Lohn 9,40 Mark, bei halber 13 Mk. In zwei Betrieben wird über die Kost geklagt.„In vier Betrieben fehlt es in den Schlafräumen an Mobiliar, in einer Bäckerei steht direkt unter dem Schlafraumfenster etne Aborttonne, so daß wegen des Gestanks an einen ordentlichen Schlaf nicht zu denken ist. In den Arbeitsräumen finden sich gleich⸗ falls verschiedene Mißstände; von den in allen Betrieben fehlenden Spucknäpfen ganz ab⸗ gesehen, fehlen in zwei Betrieben die Bundes⸗ ratsverordnung und in einem die Kalendertafel, in zwei Betrieben werden die Waschgeschirre auch zu Betriebsarbeiten benutzt und in 2 wird das Kehrmehl gesiebt und wieder verbacken. Aus mehreren Betrieben kommen laute Klagen über Ratten und Mäuse, die im Mehl sitzen und dasselbe verun reinigen.“ Es ist schon mehr als ein Jahr her, seit diese Mißstände festgestellt wurden, doch dauern sie heute noch in einzelnen Bäckereien fort. Be⸗ sonders über die Schlafräume der Gesellen, so⸗ wie über die durch Ratten und Mäuse verur⸗ sachten Unsauberkeiten wird uns oft von den Gesellen Klage geführt. In den zum Brot⸗ streichen benutzten Handkübeln waschen sich die Leute auch die Hände. Wecktücher werden oft ein halbes Jahr lang nicht gewaschen und starren vor Schmutz. Die Gießener Bäcker⸗ meister hätten also alle Veranlassung, für die Sauberkeit und Ordnung in ihren Betrieben zu sorgen, anstatt ihre Nase in die Organisations⸗ verhältnisse der Gesellen zu stecken und diesen darüber Vorschriften zu machen. Andernfalls brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn der Ruf nach verschärfter polizeilicher Kontrolle lauter erhoben wird und das ist ihnen doch auch nicht angenehm. — Die Aussperrung der Bauarbeiter ist am Montag durch den Mitteldeutschen Arbeitgeber⸗ verband in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Mainz ꝛc. verhängt worden. In Frankfurt kommen etwa 1700 Maurer, 3— 400 Zimmerleute und mehrere Hundert Bauhilfsarbeiter in Betracht. In den übrigen Städten des Maingebietes sind ebenfalls Hunderte Arbeiter aus⸗ gesperrt, jedoch beteiligen sich nicht alle Arbeitgeber an der Maßregel. Soweit wir unterrichtet sind, haben die Gießener Bauunternehmer, die doch auch zu dem be⸗ rühmten Verband gehören, sich der Maßregel noch nicht angeschlossen. Halten die Arbeiter fest zusammen, was wir hoffen, so werden sie mit Hilfe ihrer guten Orga⸗ n'sationen diesen von den Scharfmachern im Baugewerbe herbeigeführteu brutalen Gewaltakt unwirksam machen. — Nette Zustände scheinen bei der Firma Jäger und Rumpf, die hier die Kanali⸗ sations⸗Arbeiten ausführt, eingerissen zu sein. In einer Versammlung der Erd- und Bauhilfs⸗ arbeiter, die am Montag stattfand, wurde vor⸗ gebracht, daß einzelne Partieführer den Arbeitern weniger Lohn, als sie von der Firma für sie ausbezahlt erhielten, verabfolgten. Die Firma sollte doch die Sache durch eine gründ⸗ liche Untersuchung klarstellen. — Infolge der anhaltenden Hitze und Dürre sind viele Unglücksfälle vorgekommen. Von allen Teiten wurden zahlreiche Todesfälle durch Hitzschlag ge⸗ meldet. So wurden am Schmelzofen des Hörder Ver⸗ eins(Essen) sechs Arbeiter vom Hitzschlag betroffen. Welche Qual für die Aermsten, die jetzt am glühenden Schmelz⸗ oder Glasofen sich den ganzen Tag abrackern müssen. Dagegen amüsieren sich die Leute,„die etwas haben“, in Bädern und Sommerfrischen.— — Vorsicht beim Baden! Recht zahl⸗ reiche Unglücksfälle beim Baden sind in der letzten Zeit vorgekommen; es vergeht fast kein Tag, ohne daß bald in diesem bald in jenem Flusse Badende ertrinken. Am Sonntag Nach⸗ mittag ertrank im hiesigen Freibade in der Lahn der auf der Durchreise befindliche Spengler⸗ geselle Zeitzmann aus Straßburg. Seine Leiche wurde erst am Montag gefunden.— Wer nicht schwimmen kann, gebrauche beim Baden im offenen Flusse die größte Vorsicht. Diese Vor⸗ sicht darf aber nicht soweit gehen, daß man das Baden im freien Wasser überhaupt unter⸗ läßt, das ist vielmehr als gesundheitsförderlich sehr zu empfehlen. — Die Gießener Freie Turnerschaft nahm am Sonntag an dem Bezirksfeste der Arbeiterturner in Offenbach teil, das sehr zahlreich besucht war und den besten Verlauf nahm. Die ausgeführten Uebungen klappten vorzüglich, einzelne Leistungen dürften schwer zu übertreffen sein. Unsere Arbeiterturner er⸗ hielten die Note gut bis sehr gut. — Die Biebertalbahn hat im Jahre 1903 39 496 Mk. Ueberschuß gemacht, ca. 2000 Mk. mehr als im Vorjahre. Aus dem Rreise gießen. r. Steinberg. In der Mitgliederver⸗ sammlung des soz.⸗dem. Wahlvereins, die am Sonntag stattfand, wurde beschlossen, folgende Anträge an die Landeskonferenz zu stellen: 1. Die Landtagsfraktion zu ersuchen, im Landtage einen Antrag auf Aenderung der hessischen Verwaltungsgesetze einzu⸗ bringen; 2. das Landeskomitee zu beauf⸗ tragen, die Ausgestaltung der„Mainzer Volks- zeitung“ und des„Offenbacher Abendblattes“ zu täglichen Landesorganen und der „Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ zum Wochen⸗ Landesorgan anzustreben, mit den beteiligten Genossen darüber zu verhandeln und der nächsten Landeskonferenz Bericht zu erstatten.— Wegen Entsendung eines Delegierten beschloß man, sich mit den Genossen in Hausen und Leihgestern in Verbindung zu setzen. s. Bürgermeister⸗Launen. Aus Großenlinden schreibt man uns: Ver⸗ gangenen Sonntag wollte der hiesige Gesang⸗ verein„Germania“ eine kleine Nachfeier von seinem am dritten Juli abgehaltenen Stiftungs- feste veranstalten. Dazu erteilte nun merk⸗ würdigerweise der Bürgermeister Leun die Er⸗ laubnis nicht und als der Verein Miene machte, sein Vorhaben dennoch durchzusetzen, erklärte er, das Bürgermeister⸗-Amt niederzulegen, wenn seinem Willen nicht Rechnung getragen werde. Der Gesangverein gab nach. Warum die Kabinetsfrage stellen, einer solchen Bagatelle halber?— In Lützellinden war Kriegerfest, das der Bürgermeister als eifriger Patriot und Kriegervereins⸗Präsident mit seinen Getreuen besuchen wollte und deshalb sollte keiner im Orte durch eine lokale Veranstaltung 1 5 halten werden! Die Affaire hat wirklich einen komischen Anstrich. Herr Leun glaubt doch wohl nicht, daß die Gemeinde zu Grunde geht, wenn er abdankt? Da haben schon viel bedeu⸗ tendere Männer ihr viel wichtigeres Amt ab⸗ — — 3————— — — — des) Ac Sonn in elne nicht du be wen bert gefll der Bult Unter legun ihuli UI can 5 45 in * * 1 he t K Il. . 0 ft er r en er er⸗ 0. Nr. 30. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. gegeben, sie wurden durch andere ersetzt und der Erdball drehte sich noch immer in der gleichen Richtung! Solche Pressionen sollte der Bürger⸗ meister nicht so oft anwenden, sonst lassen's die Großenlindener schließlich einmal darauf an⸗ kommen! — Der Eberstädter Kindesmord im Landtage. Bekanntlich hatte der Abg. Köhl er⸗ Langsdorf s. Zt. wegen der Verhaftung der Minna Görlach eine Interpellation in der Kammer eingebracht. Den Text dieser Anfrage hatte er jedoch in der Hungener„Landpost“ veröffentlicht, bevor sie als Kammerdrucksache erschten und deswegen ist gegen ihn wegen Beleidigung verschiedener Staatsbeamten Straf⸗ verfolgung eingeleitet. Die Anklage gegen Köhler hat nun seinen Parteifreunden zu einer weiteren Interpellation Veranlassung gegeben, in der sie der Staatsbehörde das Recht bestreiten gegen Köhler vorzugehen.— Daß Köhler in der Sache im guten Glauben handelte, glauben wir gerne, aber seine Voreiligkeit ließ ihn hereinfallen. Aus dem Areise Alsfesd⸗Cauterbach * Unsere Bemerkungen in voriger Nummer zu der Delegation zum intern. Kongreß sind, wie wir zu unserem Bedauern hören, mißdeutet worden. Wir er⸗ klären deshalb ausdrücklich, daß wir mit unsern Be⸗ merkungen nach keiner Seite hin einen Vorwurf erheben wollten. Die Redaktion. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Bei der Gewerbegerichtswahl war von einer nennenswerten Beteiligung nur in Wetzlar zu reden, in den übrigen Bezirken war sie infolge der ungünstig gelegten Wahlzeit eine äußerst schwache. In Wetzlar war von der Berg⸗ und Hüttenverwaltung eine Arbeit⸗ nehmerliste aufgestellt, die es aber nur auf 30 Stimmen brachte, während die Liste der Ge⸗ werkschaften 170 auf sich vereinigte. Auf der Arbeitgeberseite erhielt die vom Hüttenwerk präsentierte Liste die Mehrheit, infolge einer Zersplitterung wurde aber der von der andern Seite aufgestellte Bäckermeister Kyrmse gewählt. In Krofdorf drang die von unseren Genossen aufgestellte Liste sowohl auf der Arbeitgeber⸗ wie auf der Arbeiterseite durch.(Wir haben auf Wunsch einer Anzahl Arbeiter von Rodheim Bieber, Krofdorf ꝛc. bei dem Landratsamt um Verlegung der Wahlstunden auf 4 bis 8 Uhr nachmittags gebeten, dies wurde jedoch abge⸗ lehnt. D. Red.). h. Mit den Stadtverordnetenwahlen beschäftigte sich neulich ein Einsender im Wetz⸗ larer Anzeiger und weist besonders auf die Notwendigkeit hin, Einsicht in die Wählerlisten zu nehmen, die bis zum 30. Juli aufliegen, eine Mahnung, der wir uns nur anschließen können. Auch die Mahnung nur charakterfeste und tüch⸗ tige Männer in die Stadtvertretung zu ent⸗ senden, halten wir für sehr am Platze, denn gerade in der letzten Zeit erwiesen sich einige, mit dem Ehrenamt betraute Ordnungsstützen als brüchig. Wenn er aber weiter auch vor Leuten warnen zu müssen glaubt, die nach unten schielen, so kann er beruhigt sein, solch Männer gibts in Wetzlar nicht. Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. Herrn Dr. Georg Burkhardt, durch Zen⸗ trumsgnaden christlich⸗sozialer Reichstagsabge rdneter des V. Nassauischen Wa hlkreises, zurzeit unter der poli⸗ tischen Vormundschaft des Antisemitrichs Liebermann von Sonnenberg stehend sindsdie, Christlich⸗soziale Entstellungen“ in Nr. 20 dieser Zeitung arg in die Glieder gefahren. Er fühlt fich veranlaßt, den„nachdenkenden“ Lesern seines Organs vorzumachen, daß seine Entstellungen nicht so, sondern— nach berühmten Mustern— anders zu verstehen sind. Freund Burckhardt stellt an seine wenigen verständigen Leser die Zumutung, es als selbst⸗ verständlich hinzunehmen, daß, wenn er in seinem Be⸗ richt schreibt:„Die Hausschlachtungen sollen überall ein⸗ geführt werden“ es heißen müsse:„Die Untersuchungen der Hausschlachtungen.“ Sonderbare Zumutung. Herr Burckhardt schreibt Einführung und die Leser sollen Untersuchungen lesen. Eine solche christlich⸗soziale Aus⸗ legungskunst ist wirklich nicht jedem eigen.— Aber ähnlich gewagte Auslegungen macht er in seinen weiteren Ausführungen über das Fleischbeschaugesetz. Er ver⸗ schanzt sich dann, ohne auf das wie und worum des Gesetzes einzugehen, hinter die angeblichen Wünsche seiner Wähler; vergißt aber anscheinend, daß er auf Seite 15 seines Wahlbüchleins betont, das Fleischbeschaugesetz„er⸗ ziele zur Hebung der Rindvieh⸗, Schaaf⸗ und Schweine⸗ zucht gute Wirkung.“ Was er also in der Wahl⸗ bewegung empfohlen hat, schädigt nach seiner jetzigen Ansicht die kleinen Landwirte. Dieser Widerspruch wird nicht mit dem Hinweise beseitigt, daß es in unserm Kreise keine Junker und Großgrundbesitzer gäbe. Nach Ansicht Dr. B. ist das Fleischbeschaugesetz für das Land überflüssig. Es wird ihm aber als„viel⸗ erfahrener Rheinländer“ bekannt sein, daß im Jahre 1899, in Deutschland 162,657 Gehöfte verseucht waren und nach der Schlachtstatistik in Sachsen waren unter 138,015 im Jahre 1890 abgeschlachteten Rindern 5897 Stück tuberkulos; 1898 aber fand man unter 144,018 oeschlachteten Rindern nicht weniger als 31690 Stück tuberkulos. Diese Stastitiken sprechen wahrlich eine deutlichere Sprache als seine Ausführungen. Gerade eine sachgemäße und gründliche Fleischbeschau vermag die Seuchengefahr einzudämmen, wie das durch die amtliche Statistik nachgewiesen werden kann. Es ist grundfalsch, den Rückgang der Seuchen etwa auf die Grenzsperre zurückzuführen. Louis Trott. (Wir müssen die Fortsetzung der Erklärung Trott's auf nächste Nr. zurückstellen. D. R.) t. Der Militarismus frißt ganze Dörfer auf. Das 18. Armeekorps will auf dem hohen Westerwald einen Artillerie⸗Schießplatz anlegen und es sind darüber mit den Orten: Liebenscheid, Weißen⸗ berg, Willingen, Bretthausen und Nister⸗ berg Verhandlungen im Gange. Anstatt wüstes Land anzubauen, vernichtet der deutsche Kulturstaat fruchtbare Länderstrecken und macht sie zu Einöden dem Militaris⸗ mus zu Liebe! Aus dem Rreise Marburg⸗RKirchhain. r. Eine Stadtverordneten-Sitzung sollte am Freitag stattfinden. Es war eine ziemlich umfangreiche und sehr interessante Tagesordnung vorgesehen, die unter andern auch einige für die arbeitende Bevölkerung wichtige Punkte aufwies. Ob das vielleicht der Grund war, daß nur eine verschwindende Minderheit unserer Stadtväter es für ihre Pflicht gehalten hatte zu erscheinen. Selbst vom Oberbürger⸗ meister und dem Stadtverordneten-Vorsteher wurde die Saumseligkeit gerügt. So vernach⸗ lässigt ein großer Teil der Vertreter der Bürger⸗ schaft ihre Pflicht, deren pünktliche Erfüllung sie bei der Wahl feierlich versprochen haben. Wenn es gilt, für die minderbemittelten Lungen⸗ kranken einzutreten, bleibt man hübsch zu Hause; sind aber Gelder zur Ausschmückung von Straßen bei feierlichen Empfängen zu bewilligen, da sind die Stadtväter mit Hurra dabei und die Summen sind nicht hoch genug. Hieraus sieht man wieder, wie bitter notwendig es ist, daß Arbeit er⸗ Vertreter in das Stadtparlament geschickt werden. Arbeiter, seht Euch die Tätigkeit der Herren ein wenig an! — Eine Parteiversammlung findet diesen Samstag, den 23. Juli abends 9 Uhr im Restaurant Jesberg statt. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung— siehe Inserat — wollen die Parteigenossen recht zahlreich erscheinen. r. Der 8 Uhr⸗Ladenschluß soll in der Bekleidungsbranche eingeführt werden. Der kaufmännische Verein hat unter den Laden⸗ inhabern eine Abstimmung vornehmen lassen, bei welcher dem 8 Uhr⸗Schluß mit allen gegen 16 Stimmen zugestimmt wurde. Es wäre zu wünschen, wenn die andern Geschäfte bald in ähnlicher Weise vorgehen wollten. — Der Gesang verein„Eintracht“ hält diesen Sonntag, den 24. Juli, vormittags 10 Uhr, im Lokale Jesberg seine General⸗Versammlung ab. Auf der Tagesordnung steht: 1. Kassenbericht; 2. Stif⸗ tungsfest; 3. Verschiedenes. Der Vorstand richtet weiter das Ersuchen an die Mitglieder, die rückständigen Bei⸗ träge beim Kassierer Schäfer in der Hofstadt begleichen zu wollen. Bergmannslos Eine heftige Dynamitexplosion er⸗ folgte am Dienstag nachmittag in der Eisen⸗ steingrube„Auguststollen“ bei Oberscheld im Dillkreise. Zwei Leute wurden schwer im Gesicht verletzt. Der eine davon mußte der Gießener Augenklinik zugeführt werden, während der andere bald wieder hergestellt sein dürfte. — Ferner wurden infolge eines zu früh los⸗ gegangenen Sprengschusses in dem Bergwerk von Braubach a. Rh., vier Bergleute so lebens⸗ gefährlich verletzt, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Eiu frommer Gauner. 5 Vor der Strafkammer in Aachen hatte sich der Färbereibesttzer Heinrich Gustab Vogono wegen Urkundenfälschung zu verantworten. Der Angeklagte gehört einer der reichsten Familien im Rheinland an, war intim mit dem höchsten Klerus, trat vielfach im öffentlichen Leben her⸗ vor, z. B. auf dem Krefelder Katholikentag und bekleidete in seinem Wohnort Haaren bei Aachen das Amt eines Bürgermeisterab⸗ geordneten und Kirchenrendanten. Er ver⸗ büßt zur Zeit wegen Unterschlagung eine Ge⸗ fängnisstrafe von drei Jahren. Wie in dem früheren Strafprozeß festgestellt wurde, brauchte der fromme Mann das unterschlagene Geld, um eine von ihm ausgehaltene Prostituierte zu beschenken. Das Gericht erhöhte die drei⸗ jährige Gefängnisstrafe wegen der Fälschung um eine Woche. Partei-Uachriichten. Sozialdemokratische Partei Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 14. August, vormittags 10 Uhr im Lokale Orbig, Rittergasse 17 in Gießen: Kreiskonferenz. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Neuwahl desselben. 2. Beratung des Organisations⸗Statuts. 3. Der Parteitag in Bremen. 4. Die Kommunalwahlen. 5. Kreisfest 1905. Zur Kreiskonferenz kann jeder Ort mit einer Partei⸗ organisation bis zu drei Delegierten entsenden. Orte, in denen kein Parteiverein besteht, können ebenfalls einen Delegierten wählen. Mandatsformulare sind vom Ver⸗ trauensmann August Bock, Gießen, Dammstraße 22 zu beziehen. Anträge zur Tagesordnung sowie Wünsche in bezug auf den Ort des nächsten Kreisfestes wolle man rechtzeitig an den Vorsitzenden Gg. Beckmann Gießen, Grünbergerstr. 44 gelangen lassen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Anträge zur Landeskonferenz. Die Kreis konferenz Friedberg⸗ Büdingen beantragt: 1. neben der 10 Pf.⸗Marke noch eine 20 Pf.⸗Marke herauszugeben, 2. bei Beratung über Ausstattung und Inhalt des Landeskalenders sind alle Kreisvertrauensmänner zuzuziehen. Ferner wird das Landes-Komitee gebeten, auf der Landeskonferenz ein Muster der in Steinbach beschlosse⸗ nen einheitlichen Mitgliederlisten und Kassenbücher vor⸗ zulegen. — Versammlungskalender. Samstag, den 23. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag: Kosten des Lebenshaltung. Ref. Vetters.— Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Freie Turnerschaft. Festkomitee, abends 8 Uhr Sitzung bei Lö b. Sonntag, den 24. Juli. Gießen. Gewerkschaftskartell. Morgens/ 11 Uhr Sitzung bei Orbig. Steinberg. Wahl verein. Versammlung nachm. 4 Uhr, Wilhelmshöhe. T.⸗O.: 1. Delegiertenwahl zur Landeskonferenz. 2. Abrechnung vom Kreisfest. Montag, den 25. Juli. Gießen. Freie Turnerschaft. Versammlung bei Mißler, abends 8 Uhr. Sehr wichtige Tages⸗ Ordnung. Marburg. Schneider. Abend 9 Uhr bei Hillberger. Briefkasten. Al. ⸗Wizlr. Das muß ein Irrtum sein, wir haben keine Korrespondenz aus Haiger gebracht, in der dar⸗ gestellt war, wie O. zu Vermögen kam. Möglich ist, daß uns eine solche eingeschickt wurde, wir sie aber un⸗ beachtet gelassen baben, weil das Thema weniger von allgemeinem Interesse war. Vor längeret Zeit wurde allerdings bei einer Gelegenheit erwähnt, daß er eine Handschuhfabrik eigentümlich erworben habe. Daß er seinen Wohlstand seiner Intelligenz und seinem Fleiße verdanke, hat noch kein Mensch behauptet. — r.⸗Sinbg. Das andere zurückgestellt, die Geschichte war zu lang. E a——— eee 2. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 30„ 2————— Ueber Patriotismus äußerte sich der russische Dichter Graf Leo Tol⸗ stoi folgendermaßen: Ich weiß jetzt, daß alle Menschen überall gleich und Brüder sind. Wenn ich nun an all das Böse denke, das ich getan, das ich infolge der Feindschaften der Nationen erfahren und gesehen habe, dann wird es mir klar, daß die Ursache alles dessen jene grobe Täuschung war, die man„Patriotismus“ und„Liebe zum Vaterlande“ nennt. Ein Gefühl der Feindschaft gegen andere Völker empfand ich nie, es wurde mirkünstlich durch eine unvernünftige Er⸗ ziehung eingeimpft. Was man heutzutage Patriotismus nennt, ist einesteils eine Geistesrichtung, die durch die Schule, die Religion, die abhängige Presse, welche für die Regierung arbeitet, unter den Völkern hervorgerufen und erhalten wird, andern⸗ teils ist es eine zeitweise Erregung, die durch außergewöhnliche Mittel von den herrschenden Klassen unter denjenigen Volksschichten hervor⸗ erufen wird, deren sittliches und geistiges Niveau sich auf einer niedrigen Stufe befindet, und diese Erregung wird dann als der Ausdruck des Volkswillens bezeichnet. Der Patriotismus ist in unseren Tagen ein grausames Erbe einer überlebten Zeit; wenn er erhalten wird, so geschieht es durch die Macht des Beharrungsvermögens und auch deshalb, weil die Regierungen und die herr⸗ schenden Klassen, füh lend, daß ihre Macht und sogar ihre Existenz daran hängt sich bemühen, ihn durch List und durch Gewaltmittel im Be⸗ wußtsein des Volkes zu erhalten. Der gegen⸗ wärtige Patriotismus ist einem Gerüst ähnlich, das dazu gedient hat, einen Bau zu errichten; jetzt hindert es, um hinein zu gelangen, man beseitigt es aber deshalb nicht, weil es einigen Leuten von Nutzen ist. Der Patriotismus in seiner einfachsten und klarsten Form ist für die Regierungen nichts anderes als eine Waffe, die ihnen ermöglicht, ihre ehrgeizigen und selbstsüchtigen Ziele zu er⸗ reichen; für die Regierten dagegen ist es der Verlust jeglicher menschlicher Würde, jeder Vernunft, jedes Bewußtseins und die knech⸗ tische Unterwerfung unter die Macht⸗ haber. Das ist der Patriotismus überall, wo man ihn predigt. Der Patriotismus ist die Sklaverei! 5 15 Unterhaltungs-Ceil. 10 ————ů—ů Jo du mir, so ich dir. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. Salomo Schönbein war erster Kommis bei Hanke& Blenkert, einer großen Ausschnitt⸗ warenhandlung in Kheim und einen schmuckeren jungen Mann gab es kaum unter den weiteren 13000 Einwohnern der kleinen aber äußerst lebendigen Stadt. Mit der Hautevolee dabei fortwährend in Verbindung— denn Hanke& Blenkert führten nun einmal die billigsten und besten Waren im Orte— konnte es ihm auch nicht fehlen, daß er sich deren Sitten aneignete, soweit das näm⸗ lich den äußersten Menschen betraf. Er ging stets à quatre épingles gekleidet, trug Sonn⸗ tags wie Alltags den modernsten Frack, die brillanteste Weste, das größte Uhrgehänge, die engsten Beinkleider und das blaueste Halstuch, und die Art, wie er die Haare mitten über der etwas niederen Stirn scheitelte und an beiden Seiten in sorgfältig gebrannten Locken kräuselte, war nicht zu beschreiben. Kein Wunder, daß es wenige junge Mädchen in heim gab, von denen Salomo Schönbein nicht fest überzeugt gewesen wäre, daß sie für ihn schwärmten, und wenn es seinen Verdiensten galt, hätte er die Wahl haben können bei Hoch und Niedrig. Aber Salomo Schönbein trug auch ein Herz in der Brust, und mit dem Herzen ist es gar ein wunderlich Ding; das läßt sich auf keine Vernunftsgründe von Stand und Rang ein, das wiegt kein Geld und mißt keinen Grundbesitz, und was es einmal erfaßt, hält es fest— bis es wieder losläßt. Salomo Schönbein liebte also und zwar— dem Leser nicht länger etwas vorzuenthalten, was er doch erfahren muß— die Tochter seines Wirts, des Schneidermeisters Ehrlich in der Essiggasse Nr. 17 zwei Treppen hoch. Fanny war auch ein liebes und prächtiges Mädchen, aufgeweckt und heiter, mit regelmäßigen lebendigen Zü zen, und von schlanker reizender Gestalt, jedenfalls ein Mädchen, irgend einen jungen Mann, selbst von den Vorzügen, wie sie Salomo Schönbein besaß, zu fesseln. Fannys Vater, Herr Ehrlich, war nicht reich, aber er besaß doch ein kleines Häuschen in einem belebten Teile der Stadt, hatte eine vortreffliche Kundschaft, und— sollte auch Vermögen haben, eine Eigenschaft, die Salomo Schönbein fehlte. Der Meister besaß außerdem noch eine gute Portion gesunden Menschenver⸗ stand, und hatte schon mit dem jungen Manne darüber gesprochen, daß er bei seiner Bekannt⸗ schaft gar keine so üble Spekulation sein würde, wenn er sich selber etablierte. Kredit konnte ihm Herr Ehrlich schon verschaffen und manche der Geschäftsfreunde von Hanke& Blenkert , ihn ebenfalls mit Vergnügen unterstützt aben. Salomo Schönbein wollte im Anfang nicht recht daran, denn sein gutes Herz sagte ihm, daß er seine früheren Prinzipale, wenn er ihnen Konkurrenz eröffnete, ruinieren würde; aber, lieber Gott, jeder ist sich ja selbst der nächste. Meister Ehrlich erbot sich, ein kleines Kapital vorzuschießen, und die Trauung mit Fanny ward auf den nächsten Monat festgesetzt; vie ganze Sache aber noch vor Hanke& Blenkert geheim gehalten, da es sie dicht vor der Messe nicht verlassen konnte und nicht eher kündigen wollte, bis alles in Or) nung war. Arme Sterbliche, die wir sind— die wir Pläne für den nächsten Morgen machen, und nicht wissen, ob die Maschine, die wir unseren Körper nennen, noch bis zur Abenddämmerung zusammenhält, oder ob das Schicksal, jenes launische Ding, uns nicht jeden Augenblick ein Bein stellen und uns mit allen unsern Plänen über den Haufen werfen könnte. Fanny saß daheim und nähte mit dem Fleiße einer Biene an ihrer Ausstattung, und Salomo hatte sich von seinen Prinzipalen einen Tag Urlaub geben lassen, war hinaus vor das Tor in das dort befindliche Lustwäldchen gegangen und lag, die Rechte krampfhaft geballt, mit der Linken in seinen Locken wühlend, unter einem Baume. Das Unerwartete war geschehen. Salomo Schönbein, der schon seit fünf Jahren in der Lotterie spielte, und noch nie höher als mit seinem Einsatz herausgekommen, hatte ein Achtel vom großen Los gewonnen und in acht Tagen sollte die Trauung mit der Schneiderstochter stattfinden.— Der Kopf schwindelte ihm, die Gedanken jagten ihm wirr durchs Hirn und er folk. nicht, wo er beginnen und wo er enden ollte. Aber was war geschehen, das auf einmal eine solche Veränderung in dem sonst doch so treuen Herzen unseres unglücklichen Freundes hervor⸗ gerufen?— Das Unerhörteste! und zwar gleich nach dem Achtel vom großen Los— von dem Hanke& Blenkert jedenfalls Wind bekommen. — Hanke& Blenkert nämlich, das renommierteste Ausschnittwarengeschäft in heim, hatten dem Salomo Schönbein, ihrem ersten Kommis, als er ihnen anzeigte, daß er aus ihrem Geschäfte treten wolle— ihre einzige Tochter mit dem Zusatz angeboten, dem„Hanke& Blenkert“ noch ein„& Ko.“ hinzuzufügen. Hanke& Blenkerts einzige Tochter konnte sie insoferne sein, als Herr Hanke Junggeselle, Blenkert aber der glückliche Vater, und Rosa⸗ linde gewissermaßen als„die Tochter des Ge⸗ schaͤfts“ betrachtet wurde. Salomo fühlte jetzt, daß er Rosalinde schon lange im Stillen geliebt, aber selbst er hatte bis dahin noch nicht gewagt, die Augen so hoch zu erheben, und als ihm jetzt mit dem Achtel vom großen Los, das Anerbieten durch Herrn Blenkerts Lippen, der keine Ahnung haben konnte, daß er schon mit einer anderen verlobt sei— selber wie vom Himmel fiel, da brach er in sich moralisch zusammen und daß er da⸗ mals Herrn Blenkert um den Hals gefallen und ihm gesagt hatte: er mache ihn zum Glück⸗ lichsten der Sterblichen, kam ihm jetzt nur noch wie ein Traum vor. Was sollte er jetzt tun?— dem Schneider sein Wort halten und sein Schwiegersohn werden, während hier ein glänzendes Los seiner harrte? Hätte er denn überhaupt den Männern eine Konkurrenz eröffnen dürfen, die ihn mit offenen Armen in ihr Haus und ihre Familie aufnehmen wollten? ja die gewissermaßen schon seine Zu⸗ sage hatten? Die Tochter des Geschäfts sollte er heiraten? — er, Salomo Schönbein, der bis jetzt nichts als sein ärmliches Salär und drei Louisdor zu Weihnachten gehabt?— und jetzt— gerade jetzt, wo ihm das geboten wurde und er ein reicher Mann geworden, band ihn sein Ver⸗ sprechen an die Schneiderstochter. Salomo stand auf, ordnete fast bewußtlos seine zerstörte Frisur wieder, und ging wie in einem Traume den Waldweg entlang, der nach der Stadt zurückführte. Der Kopf wirbelte ihm dabei— er wußte nicht, was er tun— was er nur denken sollte, der Wald— die ganze Welt drehte sich mit ihm, und ehe er eigentlich selber begriff, wie er dahin gekommen, fand er sich in der Essiggasse Nr. 17 in seiner eigenen Stube wieder, in deren Türe Herr Ehrlich in seinem Sonntagsstaate stand. Der Mann hatte ihm auch schon eine ganz lange Rede gehalten, von der er nicht einmal die Worte gehört, noch viel weniger thren Sinn begriffen. Mit stierem Blick nur sah er in das freundlich zu ihm auflächelnde Gesicht des Schneidermeisters und folgte diesem dann, als er seine Hand ergriff, und ihn wieder die Treppe hinunter führte, rein mechanisch vor die Haus⸗ türe, wo schon ein Wagen, auf sie wartend, stand. Er stieg mit ein— wohin?— das war ihm ganz gleich. Unter anderen Umständen hätte er sich vielleicht darüber gewundert, daß sich Herr Ehrlich den ganz außergewöhnlichen Kosten eines Wagens zu einer Spazierfahrt nur unterziehen sollte, heute fiel es ihm aber gar nicht ein auch nur mit einer Silbe darüber nachzudenken, oder gar nach der Ursache zu fragen. Das einzige was ihm einfiel, war, die unverhoffte Gelegenheit mit Herrn Ehrlich eine kurze Zeit allein zu sein, auch zu benutzen und mit einer Art von verzweifeltem Mut das Ver⸗ hältnis mit seiner Tochter abzubrechen, aber— der verzweifelte Mut fehlte ihm eben. So oft er das Wort auf den Lippen spürte, blieb es auch zwischen den Zähnen stecken, er brachte es nicht heraus und gab indessen dem Schwieger⸗ vater in spe auf alle seine Fragen und Be⸗ merkungen die verkehrtesten Autworten. Herr Ehrlich wußte wirklich gar nicht, was er heute aus seinem Schwiegersohne in spe machen sollte. Nichtsdestoweniger verdarb das keineswegs dessen heute mehr als rosige Laune. Er lächelte oft still vor sich nieder, rieb sich ein paarmal ver⸗ gnügt die Hände, und wäre Salomo Schönbein nur ein klein wenig mehr für die Außenwelt zurechnungsfähig gewesen, so hätte er merken müssen, daß mit Herrn Ehrlich etwas ganz Absonderliches im Werke sei. Wie die Sachen aber standen, merkte er nicht das Geringste, und ehe er selber wußte wie er dahin gekommen, befand er sich auf dem Bahnhofe, sah sich in einem Coupee zwischen einer Menge von anderen fremden Menschen, und hörte, wie die Leute um ihn hersagten, es sei die höchste Zeit, daß sie angekommen seien, sonst hätten sie müssen zu⸗ rückbleiben. 5 Erst das Schütteln des Eisenbahnwagens brachte ihn wieder in etwas zu sich selbst. „Aber bester Herr Ehrlich,“ sagte er zu dem neben ihm sitzenden kleinen Manne,„ich begreife gar nicht— wohin fahren wir eigentlich?“ feigen Ihle! hätte, 2 Tat! ordent allen scch ke fühle dazu lassen, aber einer ein E denn kranz Ange die u zwei S daß e itttert baler mahl diese! Jann Gebu Sehn kenne Elter zu wi — Lag P A 4—. A Mitteldeutsche Sountagz⸗geitung. Seite 7. on hatte f Nr. 30. 10 Herr Ehrlich aber erwiderte kein Wort, er⸗ chll iff nur seine Hand, drückte sie aus Leibes⸗ ern räften und sah ihn mit einem unverkennbar ben gerührten Blicke an. l Salomo schwindelte es ordentlich— wußte brach nicht, wachte oder träumte er?— War das da⸗ wirklich, daß ihm heute vor wenigen Stun den allen Hanke& Blenkert ihre Tochter angetragen? lc— Hatte er wirklich die Nummer 17945 gesetzt och und war mit dem großen Los herausgekommen, i und befand er sich jetzt seinem unausweichbaren tiber Schwiegervater, dem Schneider gegenüber, der lden, im Begriffe stand ihn nach irgend einem frem⸗ tet den Lande, vielleicht nach einer wüsten Insel zu elne entführen?— Vor den Ohren summte und fenen hämmerte es dabei, das Rasseln der Wagen men formte wunderliche, wie aus weiter Ferne zu Zu⸗ ihm herüberklingende Melodien, und endlich fühlte er ordentlich, wie ihm die Luft ausging. 10— Er wollte schreien— er wollte um Hilfe 1 rufen.— isdor Da plötzlich hielt der Zug, Meister Ehrlich, erade hatte seinen Hut ergriffen, faßte ihn selber jetzt r ein unter den Arm, und aus dem geöffneten Coupee Ver steigend, hielt wieder ein Wagen dort, der sie ohne daß eine Weigerung irgend etwas genützt los hätte, in die Stadt hinaufführte. de in Salomo Schönbein war aber auch in der nag Tat willenlos wie ein kleines Kind und jetzt ihm ordentlich neugierig geworden, was aus dem bas allen heute werden würde. Immer dabei mit gate sich kämpfend, dem Schneidermeister seine Ge⸗ ullich fühle zu entdecken und doch nicht imstande Mut id er dazu zu fassen, hatte er wirklich mit sich machen gelen lassen, was der Mann wollte. Als der Wagen ich in aber endlich in einer engen Straße, dicht vor 1 einer Kirche hielt, fing ihm das Herz an wie an ein Schmiedehammer in der Brust zu pochen, mal denn hinter dem Fenster, den grünen Myrten⸗ Sinn kranz in den Haaren, mit lieblich errötendem 1 Das Angesichte stand seine Braut— und hinter ihr des die unvermeidliche Schwiegermutter mit noch U, als zwei anderen jungen fremden Damen. Trepe Salomo wurde hineingeführt, und er fühlte Haus- daß er dabei kaum imstande war zu gehen, so tand. zitterten ihm die Kniee.— Sein Schwieger⸗ vater in spe erzählte ihm dabei mit vor Freude strahlenden Augen, daß er und seine Frau sich diese Ueberraschung ausgedacht hätten— daß Fanny schon lange gewünscht habe, in ihrem Geburtsort getraut zu werden— daß er seine Sehnsucht, die Verbindung zu beschleunigen, kenne und die Tochter endlich den Bitten der Eltern nachgegeben habe, in diese Ueberraschung zu willigen. Während er ihm das alles gutmütig lächelnd mitteilte, und Salomo Schönbein auch nicht eine Silbe davon verstand, führte er ihn in die Stube zu seiner Brant, und was nachher da drinnen geschah, wußte er ebenfalls nicht. Wie ein Nachtwandler fiel er seiner Braut um den Hals— oder wurde ihr vielmehr umgefallen— begrüßte die übrigen, deren Gesichter, wie es ihm vorkam, alle einen Regenbogenschein hatten, trank dann Kaffee und aß Backwerk dazu, und kam erst eigentlich wieder zu sich selber, als er mit seiner Braut am Arme in die gerade gegen⸗ überliegende Kirche schritt. Die frische Luft draußen, nach der etwas schwülen Stube weckte ihn gewissermaßen aus seinem halbmagnetischen Schlafe. Er begann zu denken, und mit dem Denken überkam ihm auch auf einmal die Gewißheit seiner wahrhaft verzweifelten Lage. Seine ganze Pyramide von Luftschlössern, auf deren äußersten Gipfel Hanke & Blenkert mit der Tochter des Geschäftes zwischen sich, in Vaterhuld lächelnd standen, hatte einen furchtbaren Riß bekommen, und drohte im nächsten Augenblick prasselnd zusam⸗ men zu brechen, und in den dunklen Gewitter⸗ wolken, die an seinem Zukunftshimmel aufstiegen, lachte ihm auch nicht ein einziger Zollbreit blauen, reinen Himmels. (Fortsetzung folgt). Splitter. Es gibt keinen anderen Sklaven als den, der Böses tut: denn er tut es entgegen seiner besseren Einsicht. Humoristisches Der Börsenspuk. Zur Geisterstund um den Rabenstein Vereinen drei sich zum grausen Reih'n Nach alter höllischer Sitte. Untreue die erste heißt beim Tanz, Die zweite Verschleierte Bilanz, Und Pleite nennt sich die Dritte. Da wo sie tanzen steht eine Bank, Die ist schon leidend, die ist schon krank, Sie wackelt schon hin und wieder; Da setzen die fürchterlichen Drei, Wenn müd' sie sind von der Tanzerei, Um auszuruhen, sich nieder. Kladderadatsch. Sehr wahrscheinlich.„Elise was machst Du denn im dunklen Keller mit Deinem Vetter?“—„Wir unterhalten uns über den neuen Zolltarif, Mama.“ Deutsche Freiheit. A.: Na, der Tolstoi kann froh sein, daß er in Rußland lebt und nicht in Deutschland. B.: Wieso? A.: Na, in Deutschland, da hätt' er schon längst eine Anklage wegen Zarenbeleidigung oder wäre gar ausgewiesen. (Südd. Postill.) Moderne Wohltätigkeit.„Die Wohltätig⸗ keitsakademie, die wir neulich abgehalten haben, hat ein Defizit von vierhundert Mark ergeben.“—„Gott sei Dank. Wäre ein Erträgnis dagewesen, dann wären wir schön in Verlegenheit gekommen, es unter die vielen Armen zu verteilen.“ 1 Litterarisches. „Die Zukunft der Soztaldemo⸗ kratie“ von J. Dietzgen hat die Buchhand⸗ lung„Vorwärts“ wieder neu aufgelegt. Die Schrift ist eine treffende Antwort auf die Frage; Wie wird es im Zukunftsstaat aussehen? Sie legt dar, daß und wie die Sozialdemotratie ihre Zukunft schafft. Die Broschüre ist für 1 in allen Parteibuchhandlungen zu haben. „Das kommunistische Manifest“ von Marx und Engels im Jahre 1847 verfaßt, ist soeben in dem Parteiverlage, Buchhandlung „Vorwärts“ in Berlin, neu gedruckt. Das kommunistische Manifest ist eine der bedeutungs⸗ vollsten Schriften der sozialistischen Literatur. Trotz der 57 Jahre Zeitfortschritt haben die darin aufgestellten allgemeinen Grundsätze im ganzen heute noch ihre ichtigkeit; und die hier in unerreichter Meisterschaft und programma⸗ tischer Kürze entwickelte Marx⸗Engelssche Auf⸗ fassung ist beute die wissenschaftliche Grundlage der sozialistischen Parteien aller Länder geworden. Die Broschüre kostet 15 Pfennig und ist in allen Parteibuchhandlungen zu haben. —— Empfehlenswerte sozialistische Schriften Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. — Ferd. Nennstiel Giessen, NNochsdi. 8. Lager in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Leue bel . ständ. Ausstattung. 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Sonntag, den 31. Juli 1904: Grosses Gewerkschafts⸗Fest. Nachmittags 3 Uhr: Abmarsch des Festzuges von der Wirtschaft Valentin Zeiß nach der Schanze. Daselbst Waldfest, bestehend in Konzert, Gesangsvortr., Kinderbelustigungen ze. Abends ½ 9 Uhr: Lampionzug durch die Stadt nach Restaurant Schloßgarten, daselbst TANZ. Zahlreiche Beteiligung der Arbeiterschaft Marburgs erwartet Die Gewerkschaftskommission. Gesucht A gute Strohbinder bei einer Dreschmaschine in Heuchelheim. 25 Kreiling. Drucksachen aller Hirt fertigt die Buchdruckerei Peppeler 8[lleuer, Giessen Marburg. Sonnabend, den 23. Juli, abends 9 Uhr: Heffenbiche Patte-Jersammlang im Jesberg'schen Lokal, Wehrdaerweg 2. Tages⸗Ordnung: 1. Der Parteitag in Bremen. 2. Abrechnung der Kolportage⸗ Kommission. 3. Neuwahl der Kolportage-Kommission. 4. Ver⸗ schiedenes. Der wichtigen Tagesordnung halber ist zahlreiches Erscheinen dringend nötig. Der Vertrauensmann. 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