Nr. 4. Gießen, den 24. Januar 1904. 11. Juhra. Jonn Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche tags⸗Jeitung. MRedaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. n Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindesten s Eine verlorene Schlacht. Der Kampf in Crim mitschau ist be⸗ det. Am Dienstag waren Telegramme in den Zeitungen zu lesen, daß die Lohnkommission nach Rücksprache mit dem Vorstand des Textil⸗ arbeiterverbands den kämpfenden Webern durch ein Flugblatt empfohlen habe, die Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen. Die Nachricht überraschte. Man wußte, daß es den Ausgesperrten nicht an Geldmitteln fehlte, die Unterstützung war noch auf viele Wochen gesichert. Aber die Fabrikanten hatten das gesamte Unternehmertum Deutschlands hin⸗ ter sich, das gewillt war, die armen ausge⸗ beuteten Weber unter allen Umständen und mit allen Mitteln niederzuzwingen. Und dazu reichte ihnen der Klassenstaat hilfreiche Hand. Wohl noch nie in einem Lohnkampfe hat sich der Staat, der alle Bürger in ihrem Rechte schützen soll, so unverhüllt auf die Seite der Ausbeuter gestellt, zu ihren Gunsten von seinen Machtmitteln gegen die Arbeiter Gebrauch gemacht. Diesen staatlichen und polizeilichen Bedrückungen gegenüber und angesichts der Tatsache, daß fremde Streikbrecher in immer größerer Zahl importiert wurden, daß es fer⸗ ner den Kämpfern nicht möglich war, sich in Versammlungen über die Lage zu beraten, wo⸗ durch auf die Dauer der erforderliche Zusam⸗ menhalt gefährdet war, mußten sich die Aus⸗ gesperrten fragen, ob es zweckmäßig und klug wäre, den Kampf weiter fortzusetzen. Sie haben diese Frage verneint. Damit haben sie zwar das Odium einer schweren Niederlage auf sich genommen, aber sie haben damit doch im In⸗ teresse der Gesamtarbeiterschaft Deutschlands ehandelt. In dieser letzten Phase des Kampfes onnten die Crimmitschauer doch nicht mehr den Sieg erringen. Was sie aber in dem bis⸗ herigen Verlauf des Kampfes für sich und für die Gesamtarbeiterschast gewonnen hatten, dürfte ihnen genügen, um— wenn auch mit schwerem Herzen— die Waffen vor dem kapitalgesättigten Unternehmertum zu strecken. Viel ist durch den Kampf in Crimmitschau gewonnen worden. Es ist eine heroische Leist⸗ ung der armen, hungrigen Weber und We⸗ berinnen gewesen, 22 Wochen mutig im Kampfe auszuharren. Dieses Beispiel wird weithin in spätere Zeiten leuchten und für zukünftige Kämpfe ein glänzendes anfeuerndes Beispiel sein. Aber nicht minder glänzend ist das Bei⸗ spiel, das die Arbeiterschaft Deutschlands ge⸗ geben hat. Ueber 7000 Menschen fast ein halbes Jahr über Wasser zu halten, ihnen eine Weih⸗ nachtsbescherung anzurichten, wie sie die armen Ausgesperrten bis dahin überhaupt noch nicht nicht gesehen hatten, bis auf die letzte Minute mit voller Anteilnahme und Begeisterung das Interesse am Kampfe m achzuhalten, das ist eine Leistung der deutschen Arbeiterschaft, die ihr so leicht nicht nachgemacht werden kann. Und das Objekt des Streites? Dient es nicht auch in demselben Maße zur Ehrung der tapferen Kämpfer, wie es die Hartherzigkeit und Gefühlsroheit des Unternehmertums an den Pranger stellt? Die bescheidene, im Interesse der Kultur so bitter notwendige Forderung der Herabsetzung der täglichen Arbeitszeit auf 10 Stunden— das war alles! Diese geringfügige Verbesserung der Lebenshaltung der armen Weber wollten die reichen Fabrikanten nicht bewilligen! Dabei handelte es sich gar nicht einmal um eine Bewilligung auf jeden Fall. Durch güt⸗ liche Einigung wären die Arbeiter zu Konzessionen bereit gewesen. Jeder Versuch einer Einigung, ob er von privater oder behördlicher Seite aus⸗ ging, hat bei den Arbeitern stets rückhaltslos Entgegenkommen gefunden, die Fabrikanten da⸗ gegen haben jeden derartigen Versuch brüsk abge⸗ schlagen. Da sie sich dabei auf ihre dicken Geldsäcke, auf Polizei und sonstige Behörden stützen konn⸗ ten, so waren sie ohne weiteres im Vorteil. Die brutale und ausbeutungswütige Haltung des Unternehmertums regte sogar bürgerliche Kreise auf und verschiedentlich nahm man für die Arbeiter Partei. Natürlich, daß die Sold⸗ schreiber des Kapitals nunmehr ihre Jubelar⸗ tikel loslassen. Doch in den Jubel fällt man⸗ cher Wermutstropfen. Denn der„Sieg“ hat bedeutende Opfer auch auf jener Seite gefordert und die Kapitalisten werden die Wunden noch lange fühlen, die sie in diesem Kampfe em⸗ fingen. Selbstverständlich wird die arbeiterfeindliche Presse den Ausgang des Kampfes in Crim⸗ mitschau als eine„Niederlage der Sozial⸗ demokratie“ registieren und in ihrem Sinne anszubeuten suchen. Auch die Amtsblätter unseres Bezirks plappern den Blödsinn der Berliner Scharfmacherpresse nach und versuchen den Glauben zu erwecken, als habe die Sozial⸗ demokratie den Streik angezettelt. Für unsere Leser und für jeden, der die Arbeiterbewegung nur einigermaßen kennt, liegt das Verlogene solcher Behauptungen auf der Hand, wir brauchen zu ihrer Widerlegung keine Worte zu verlieren. Dagegen sei anerkennend erwähnt, was der Abg. für Marburg, v. Gerlach in einem Artikel der„Hess. Landesztg.“ sagt: „Nicht die Sozialdemokratie hat den Schaden von diesem Ausgang. Sie hat den Streik nicht hervorge⸗ räfen, wie oft es auch scharfmacherische Verleumder be⸗ hauptet haben. Sie hat allerdings später sich der Aus⸗ gesperrten mit aller Kraft angenommen. Aber kein Arbeiter wird sie dafür antwortlich machen, daß der ihr aufgezwungene Kampf verloren gegangen ist. Man wird es ihr im Gegenteil Dank wissen, daß sie schon zu Zeiten mit der Tat den Arbeitern beigesprungen ist, wo man sich im bürgerlichen Lager noch fast aus⸗ nahmslos passiv verhielt.“ Ganz richtig. Für jeden denkenden Arbeiter geht aber aus diesem Kampfe eins mit aller Deutlichkeit hervor: Innerhalb der heutigen „Ordnung“, in dem heutigen Klassenstaat ist es dem Arbeiter nicht möglich, eine men⸗ schenwürdige Lebenshaltung zu erringen. Er ist verurteilt, sich bis zur Erschöpfung aus⸗ saugen zu lassen. Auch die kleinste, bescheidenste Besserung seiner Lage wird ihm verweigert! In harter, endloser Fron muß er sich abrackern für seine Ausbenter, die dadurch in der Lage sind, ein üppiges Leben zu führen und alle Genüsse der Erde sich bieten zu können. Darum muß der Klassenstaat besei⸗ tigt werden! Erst mit dem Siege des Sozia⸗ lismus wird Gerechtigkeit und Wohl⸗ fahrt allen Menschen zuteil werden! r Aus dem Reichstage. Die Zwangs versicherung der Hand⸗ wer ker, mit der sich der Reichstag amDonners⸗ tag in einer langen Sitzung infolge einer na⸗ tionalliberalen Interpellation beschäftigte, stellt eine alte sozialdemokratische Forderung dar, die unsere Genossen bereits im Jahre 1882 erhoben haben. Durch die Interpellation wollte sich die Fraktion Drehscheibe wohl bei den Handwerkern in empfehlende Erinnerung bringen. Sie schmückte sich deshalb mit sozialdemokra⸗ tischen Federn und betraute ihre neugewonnene Kraft, den in Offenbach gewählten Dr. Becker mit der Aufgabe, eine Interpellation zu begrün⸗ den, die die Einbeziehung der Handwerker in die Alters⸗ und Invaliditätsversicherung for⸗ derte, während die ebenso wichtige Unterstellung der Handwerker unter die Krankenversicherung beim eiligen Abschreiben unserer alten Anreg⸗ ungen offenbar vergessen worden war. Herr Dr. Becker hatte am Mittwoch schon ein Bei⸗ spiel von der Art gegeben, wie er den Wahl⸗ kampf gegen die Sozialdemokratie geführt hatte — mit törichten Unterstellungen, Verdrehungen und wirren, konfusen Behauptungen. Donnerstag vervollständigte er das Bild seiner Persönlich⸗ keit durch die überaus große Unwissenheit, die er in seiner Rede hervortreten ließ. Dieser offizielle Fraktionsredner einer Partei, die sich gerne selber als die von Besitz und Bildung bezeichnet, weiß in unserer sozialen Versicher⸗ ungsgesetzgebung durchaus nicht Bescheid. So ist er der Meinung, daß den Gesellen, wenn sie sich selbständig machen, ihre Versicherungs⸗ beiträge herausbezahlt werden! Die Antwort, die Graf Posadowsky gab, klang sehr ableh⸗ nend. Prinzipiell ist ihm der Gedanke sehr un⸗ sympathisch, die Wohltaten der staatlichen Für⸗ sorge fur das Alter und die Invalidität nicht nur dem Arbeiter, sondern auch dem selbstän⸗ digen Handwerker zuteil werden zu lassen. Er wittert dahinter Sozialismus, und die armen Nationalliberalen mußten sich den Vorwurf ge⸗ fallen lassen, daß sie mit ihrer Interpellation dem„Staate des Herra Bebel“ vorarbeiteten. Im Laufe seiner Ausführungen teilte der Staatssekretär mit, daß für die berühmten Witwen⸗ und Waisenversorgung, mit der das Zentrum seinen Arbeiterwählern den Zolltarif schmackhaft zu machen suchte, so gut wie nichts übrig bleiben wird. Eine solche Versicherung sei nur möglich, wenn Arbeiter und Unternehmer zu Beiträgen herangezogen würden. Herr Trimborn nahm diese Mit⸗ teilung, die den hohlen Redensarten des Zen⸗ trums über den Segen der von ihm angebahn⸗ ten Witwenversorgung den Boden entzog, mit philosophischer Ruhe auf. Dieser Drahtzieher hat von vornherein gewußt, was es mit dem Schaugericht auf sich hat, das den katholischen Arbeitern aufgetischt worden ist. Im übrigen stellte sich Herr Trimborn ganz au die Seite des Grafen Posadowsky und wies den Ge⸗ danken einer Ausdehnung der Versicherungs⸗ pflicht auf die Handwerker als noch nicht aus⸗ gereift zurück. Um die Handwerker zu trösten, hat er eine andere Attrappe für sie in Bereit⸗ schaft: er stellt den Innungsmeistern das aus⸗ schließliche Recht der Lehrlingsausbeutung in Aussicht.— Gen. Molkenbuhr ging mit 0 r „„ 1 6 r 5 Seite 2. Mitteldentsche ZTeuntags⸗Zeitung. Ar. 4. den Soztalpolitikern des Zentrums und den Nationalliberalen scharf ins Gericht. Herrn Dr. Becker fertigte er mit glücklicher Ironie ab und Herrn Trimborn erinnerte er daran, wie das Zentrum immer versagt habe, wenn es sich um die Einbeziehung der Landarbeiter in die Kranken- und Altersversicherung gehan⸗ delt habe. Dem Grafen Posadowsky wies er nach, daß seine finanziellen Bedenken gegen die Unterstellung der Handwerker unter den Ver⸗ sicherungszwang unbegründet seien.— Die weitere Debatte ergab, daß die Freunde der Ausdehnung des Versicherungszwangs nicht zahlreich waren. Der nationalliberale Patzig zog ziemlich unvermittelt den Crimmitschauer Streik herein, um die von dem Erfurter Land⸗ gerichtsdirektor Hagemann im schneidigsten Tone vorgetragene Behauptung zu recstfertigen, daß die Sozialdemokratie politische Gegner boy kottiere. Molkenbuhr wies die verdächtigende Behauptung würdig zurück. Am Schluß der Debatte kam es zu einer scharfen Auseinander⸗ setzung zwischen Sozialdemokratie und Zentrum, in der Bebel ausführte: „Der Vorwurf, daß wir im Jahre 1889 gegen die Sozialgesetze gestimmt haben, ist uns sehr oft gemacht worden, hat bei den letzten Wahlen den Hauptbestand⸗ teil der Agitation gegen uns gebildet; und die Wirkung hat der Wahlerfolg bewiesen. Wir haben unsere Gegnerschaft niemals geleugnet, aber immer betont, was Sie zum Zentrum stets verschwiegen haben: die Motive, die uns dazu veranlaßt haben; daß das Gebotene weit hinter den Erwartungen zurückstand, die wir glaubten hegen zu müssen, und daß wir damals völlig recht gehabt haben, beweist Ihre Tätigkeit der letzten 20 Jahre. Denn Schritt für Schritt waren Sie genötigt, eine Forderung nach der an⸗ dern zu erfüllen, die schon damals erfüllt worden wäre, wenn Sie gewollt hätten, und deren Erfüll⸗ barkeit jetzt längst durch die Erfüllung bewiesen ist. Was wir fordern, ist„unmöglich“, weil Sie, die Mehrheit, dagegen sin d. Durch unsere„wüste Agitation“ haben wir ste moralisch gezwungen, den Weg zu gehen, den Sie nachher betreten haben. Der Gegensatz zwischen der Sozialdemokratie und dem Zentrum war 1889 besonders scharf. Das Zen⸗ trum verlangte entgegen der Regierungsvorlage eine be⸗ deutende Einschränkung der versicherungspflichtigen Per⸗ sonen. Wir aber wollten das Gesetz erweitern in der Richtung, die die heutige Interpellation nach 15 Jahren endlich verlangt. Wir haben uns stets bemüht, die Majorität von der Berechtigung unserer Anträge zu überzeugen. Wenn aber alle unsere Anträge abgelehnt wurden, waren wir schließlich gezwungen, gegen das Gesetz zu stimmen. Unsere Wähler haben uns recht gegeben. Auch ein großer Teil der Handwerker hat bei den Reichstagswahlen für uns gestimmt. Dabei haben wir uns nie als Handwerksretter aufgespielt, sondern immer die Mittelstandsretterei der rechtsstehenden Parteien als wirkungslos verurteilt. Die Handwerker selbst sehen es heute zum Teil ein, daß Befähigungsnachweis, Hand⸗ werkerkammern und all die Knochen, die man ihnen sonst hingeworfen hat, schließlich nichts wert sind, son⸗ dern daß auch für sie das Heil im Sozialtsmus liegt. Wir haben noch nie die Handwerker getäuscht und ihnen goldene Berge versprochen. Wenn Herr Patzig meinte, mit unseren weitgehenden Forderungen würfen wir der Mehrheit nur Knüppel zwischen die Beine, so ist das nicht richtig. Bei aller Schärfe der Opposition gegen die Regierung muß ich doch anerkennen, daß auf ihrer Seite noch immer mehr sozialpolitisches Verständnis ist, als bei der Mehrheit dieses Hauses.(Große Un⸗ ruhe bei der Mehrheit.) Uns ist agitatorisches Vorgehen vorgeworfen wor⸗ den. Es giebt aber keine leidenschaftlichere Agitation, als die agrarische in den letzten Jahren. Die agra⸗ rischen Angriffe gegen die Regierung, den Kapitalismus u. s. w. stellen alles in den Schatten, was seitens der Sozialdemokratie auf diesem Gebiete geäußert wor⸗ den ist.(Lebhaftes Oho! rechts.) Wir müssen uns schon um deswillen eine große Reserve auferlegen, weil wir vom Staatsanwalt angeklagt werden wegen Aeußerungen, die Sie(nach rechts) ruhig riskieren können.“ * Aufhebung des Zeugniszwanges gegen Redakteure war am Freitag Ge⸗ genstand der Verhandlung. Eine von national⸗ liberaler Sei“ e eingebrachte Interpellation fragt an, weshalb noch nichts von der Regierung in dieser Frage geschehen ist, trotzdem der Reichstag wiederholt Beschlüsse faßte. Hier, wo es sich doch um eine alte liberale Forder⸗ ung handelt, zeigte sich die Schwäche und Un⸗ entschlossenheit des Liberallismus sehr deutlich. Zur Begründung brachte der Nationalliberale Dr. Jänecke, bei der großen Fülle des zu Gebote stehenden Materials ganz gute Argu- mente für die geforderte Reform vor, konnte sich aber nicht enthalten, selbst bei dieser Ge⸗ legenheit seinen Haß gegen die Sozialdemokra⸗ tie durch allerlei Angriffe gegen ihre Presse zum Ausdruck zu bringen. Kein Wunder, daß dieser Liberalismus nichts durchzufetzen vermag. Der Regierungs⸗ vertreter Dr. Nieberding hält die Frage des Zeugniszwangs nicht für dringlich und will sie bis zur Reform des gesamten Straf⸗ und Zivilprozesses verschieben, die Gott weiß wann kommen mag. Einstweilen 1 mit einer Statistik, die nachweisen soll, daß gar nicht so sehr oft die Zeugniszwangshaft ver⸗ hängt werde. Das Zentrum sprach sich ganz in seinem Sinne aus. Gegenüber diesen schwächlichen Beschwich⸗ tigungsversuchen vertrat Genosse Heine den prinzipiellen Standpunkt unserer Partei. Er verhöhnte geschickt das endlose Hinausziehen einer notwendigen Reform, auf die man nun schon mehr als 30 Jahre warte, und bot einige Fälle, die das ganze Verfahren als höchst ver⸗ werflich erscheinen lassen. Dem nationalliberalen Interpellanten zeigte er, wie seine Partei von jeher jeden freiheitlichen Fortschritt vereitelt habe und daß sie die Schuld treffe, wenn 1879 der Zeugniszwang und der fliegende Gerichts⸗ stand überhaupt eingeführt worden seien.— Bei dieser Gelegenheit hielt u. a. der Mar⸗ burger Abgeordnete v. Gerlach seine Jung⸗ fernrede, in der er sowie andere Redner noch eine ganze Menge von Tatsachen und Urteilen gegen das Zeugniszwangsverfahren vorbrachten, die die Immoralität des nun schon lange be⸗ stehenden Gesetzes in helles Licht setzten. * Mit dem Wucherzolltarif beschäftigte sich der Reichstag am Montag, nachdem der Reichskanzler eine feierliche Erklärung über den Aufstand der Hereros in Südafrika abge⸗ geben hatte. Es kam eiue Interpellation der Konservativen über die Kündigung der Han⸗ dels verträge zur Beratung. Junker Graf Kanitz begründete sie, er hatte dazu die alte Zollkämpferrüstung vom Vorjahre angezogen und führte die alten Streiche. Aber seine Ge⸗ folgschaft blieb ihm nicht treu. Die Mannen Kardorffs ließen überhaupt nichts von sich hören. Das Zentrum verkündete, daß es im Gegen⸗ satze zu den Konservativen keine Kündigung der alten Handelsverträge wünsche vor dem Abschluß der neuen, und die Nationalliberalen wissen noch nicht recht, was sie wollen. Graf Posadowsky aber, der Vertreter der Regierung, welche die Mehrheit zu dem Bruch der Ge⸗ schäftsordnung beglückwünscht hatte, konnte sich nur mit Mühe seiner einstigen Bundesgenossen, der Grafen Kanitz und Schwerin-Löwitz, er⸗ wehren. Die Regierurg fühlt sich wie ein Ar⸗ beiter, der die Hand in weißglühendes Eisen getaucht hat. Unser Genosse Bernstein konnte mit einer gewissen Schadenfreude auf die Ver⸗ wirrung der Schutzzöllner hinweisen. Die zoll⸗ politische Lage ist eben so verworren wie vor⸗ her. Die Mehrheit hat wieder einmal feierlich erklärt, Zollverträge ohne Mindestzölle, unter keinen Umständen anzunehmen. Das Land aber wird noch gesucht, das sich auf einen derartigen Vertrag einließe. Auch für unsere Fraktion gab Genosse Bernstein die bestimmte Erklärung ab, daß sie niemals für solchen Handelsvertrag stimmen werde. 1. Die russischen Polizeispitzeleien waren der Gegenstand einer sozialdemokratischen Interpellation, die am Dienstag unser Genosse Ha ase⸗ Königsberg begründete. Während seiner Rede verließ der Reichs⸗ kanzler den Saal; es wäre ihm doch sehr nützlich ge⸗ wesen, diese Rede zu hören! Es sind empörende, be⸗ schämende Zustände, die Genosse Haase in wirkungs⸗ voller Rede darstellte. Er beleuchtete eingehend die ein⸗ zelne Fälle, iu denen die deutschen Behörden dem russischen Zarismus Schergendienste leistete und damit verschiedene russische Staatsangehörige Sibirien überantwortete. Staatssekretär v. Richthofen suchte natürlich das Ver⸗ gehen der Regierung zu rechtfertigen. Den Beweis da⸗ 1 für, daß die in Deutschl and lebenden Russen Anarchisten seien oder auch nur einen einzigen Nihilisten? unter sich hätten, der die Propaganda der Tat triebe, den blieb er freilich völlig schuldig. Zum Schusse sprach er die in der Tat allgemein geteitte Erwartung aus, daß die bürgerliche Mehrheit des Parlaments das Vorgehen der Regierung billigen werde. Aber es kam anders. Noch einmal warf Bebel bald nach dem Staatssekretär ein blendendes Licht in das Dunkel deutscher Kultur⸗ feindlichkeit. Dann war der Sieg errungen. Mit Aus⸗ nahme der Konservativen stellten sich alle Redner auf unsere Seite. Mit geringer Entschlossenheit Dr. Satt⸗ ler von den Nationalliberalen, aber ohne viele Um⸗ schweife und Vorbehalte der Abg. Spahn für das Zen⸗ trum, Schrader und Müäller-Sagan für die beiden frei⸗ sinnigen Gruppen. Es wäre dringend zu wünschen, daß die Regierung aus dieser eklatanten parlamentarischen Niederlage die Einsicht schöpft, daß ihre Behandlung unserer Gastfreunde von der gewaltigen Mehrheit des deutschen Volkes für verkehrt gehalten wird und eine Aenderung dringend notwendig ist. politische Rundschau. Gießen, den 21. Januar 1904. Koloutalfreuden. Deutschland erlebt an seinen Kolonien recht wenig Freude. Zunächst wird das Volk bei jeder neuen Etatsberatung sehr unliebsam da⸗ ran erinnert, daß sich Deutschland kolonialen Besitzes erfreut. Dreißig Millionen Mark und mehr muß das Volk jedes Jahr für das Vergnügen bezahlen! Dabet bringt uns dieser Besitz nicht den geringsten Nutzen. Wenn bisher von den deutschen Kolonien die Rede war, handelte es sich um Skandale, die geeignet waren, das Ansehen Deutschlands im Auslande herabzusetzen. Selbst für die„Pachtung“ Kiaut⸗ schou, auf die man große Hoffnung setzte, müssen Millionen über Milltonen geopfert wer⸗ den. Seit fünf Jahren sind annähernd 100 Millionen Mark in die Kolonien verpulvert worden. Wieviel segensreiches könnte mit die⸗ sen ungeheuern Summen in Deutschland ge⸗ leistet werden!— Jetzt ist wieder eine Erpedi⸗ tion nach Südafrika nötig, wo einer der Ein⸗ geborenenstämme, die Hereros, sich ein Auf⸗ stand befindet. Also muß ein Kreuzzug dahin inszeniert werden! Jedenfalls sind die armen Schwarzen von den christlichen Weißen so behandelt worden, daß sie sich nicht anders mehr zu helfen wußten. Denn die von den Weißen dort geleistete„Kulturarbeit“ schildert ein Missionsbericht in einer dem Reichstag zu⸗ gegangenen Denkschrift folgendermaßen:„Be⸗ sonders Unzucht und Trunksucht herrschen in hohem Grade. Leider sind oft Weiße nicht allein schlechte Vorbilder in dieser Beziehung, sondern auch direkte Verführer. Venerische Krankheiten haben besorg⸗ niserregender Weise um sich gegriffen.“ Dazu Prügelstrafe und sonstige barbarische Be⸗ handlung der Schwarzen!— Unsere Genossen hatten daher ganz recht, die Mittel für die Expedition nicht mit zu bewilligen, sondern sich der Abstimmung zu enthalten. Neuer Militärskandal. „Es giebt kein zweites Jorbach“ rtef der Kiegsminister v. Einem bei der Etats⸗ debatte dem Abg. Bebel zu, worauf unser Ge⸗ nosse sehr treffend erwiderte:„So lange kein zweiter Bilse kommt!“ Jetzt wird wieder eine Geschichte bekannt, die hinter der For⸗ bacher in bezug auf moralische und stttliche Bedenklichkeiten in Offizierskreisen nicht zurück⸗ steht und Bebel vollkommen Recht giebt. Die se „kleine Garnison“ ist Pirna, einige Stunden oberhalb Dresden in herrlicher Lage an der Elbe gelegen. Dort spielt eine Affaire, durch die eine Offiziersdame in ein höchst bedenkliches Licht gestellt wird und auch die Moralbegriffe mehrerer Offiziere als sehr minderwärtige er⸗ scheinen läßt. In einem Restaurant in Pirna unterhielten sich mehrere in angeheiterter 1 befind⸗ liche Leutnants über die Frau des Oberleut⸗ nants Krohn, von den intimen Beziehungen derselben zu verschiedenen jüngeren Offizieren. unge der if mei macht gegn fein, ein J baklä eine Vette Urte Geld schral dem 9 er de hate für stattg Wurd und Sim Wahl! men user ginge nun Oder hlt. Eche g 904. lecht k bei l da⸗ alen tark das dieser Wenn Rede ignet, lande faut setzte, Wer⸗ 100 llbert die⸗ ) ge⸗ edi⸗ Ein⸗ Auf⸗ dahin ren 1 so ders den dert g J Be schen eiße dieser ret. f en. e Be⸗ osen die n sich . —— .. ß — eine Freiheitsstrafe zu nehmen, während der Nr. 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite. Ein älterer Stabsoffizier hatte die Aeußer⸗ ungen gehört, forderte weitere Erklärungen und nun kam die Geschichte heraus. Der betrogene Ehemann wurde unterrichtet und die Folge davon war, daß er seine Frau aus dem Hause jagte und eine Anzahl seiner lieben und„treuen“ Kameraden vor die Pistole forderte. Krohn soll ein sehr guter Pistolenschütze sein und alle seine Gegner schwer verwundet haben; einer soll so⸗ gar den Wunden erlegen sein. Nach alledem hätten die Ordnungsleute mit dem Reichskanzler und dem Kriegsminister an der Spitze alle Veranlassung, sich mehr um die Verhältnisse in Offiziers⸗ und sonstigen„besseren“ Kreisen u bekümmern, als um den sozialdemokratischen Parteitag und den Zukunftsstaat! Wenn ein Minister vor Gericht steht. Dieser Tage wurde in Oldenburg eine Peivatklage des Redakteurs Biermann vom „Residenzboten“ gegen den Justizminister Ruh ⸗ strat verhandelt. Es handelte sich darum, daß der Minister gegen die Frau Biermanns die Aeußerung gebraucht haben soll:„Ihr Mann ist ein Lump!“ Der Angeklagte war nicht erschienen; für ihn war Rechtsanwalt Wißner als Verteidiger anwesend. Frau Biermann als einzige Zeugin bekunc det, daß sie auf Rat ihres Anwalts zu dem Minister gegangen sei, um ihn um Zurück⸗ nahme der Privatklage gegen ihren Mann zu bitten. Er habe sie angefahren und Aeuße⸗ rungen wie:„Der Mann ist mir viel zu wenig, der ist mir weniger als der Kot an meinen Stiefeln, er hat's zu schlimm ge⸗ macht“ ihr entgegengehalten. Auf ihre Ent⸗ gegnung, ihr Mann könne unvorsichtig gewesen sein, habe der Minister gesagt:„Ihr Mann ist ein Lump, ein Jahr muß er haben.“— Pri⸗ vatkläger Biermann beantragt, den Minister in Verteidiger auf Freisprechung plaidirte. Das Urtetl des Gericht lautet auf ganze 20 Mark Geldstrafe. Dieses Urteil ist mit einer ge⸗ schraubten Begründung versehen. Was würde dem Redakteur aufgebrummt worden sein, wenn er den Minister einen Lump genannt hätte? Eine Ersatzwahl hat am Montag im Wahlkreise Osnabrück für den verstorbenen Abg. v. Schele(Welfe) stattgefunden. Für den Zentrumskandidaten wurden 12 686, den Nationalliberalen 11 927 und für unsern Genossen Schrader 4974 Stimmen abgegeben. Bei den letzten Haupt⸗ wahlen wurden 6371 sozialdemokratische Stim⸗ men abgegeben. Es ist sehr begreiflich, daß unsere Genossen in geringerer Anzahl zur Wahl gingen, da ein Erfolg ausgeschlossen ist. Ob nun in der Stichwahl der Nationalliberale a der Zentrümler siegt, ist ebenfalls gleich⸗ gültig. Ausland. Schandtaten der russischen Regierung. Zahlreiche politische Prozesse haben in der letzten Zeit stattgefunden, die der Regierung sehr unbequem werden. Trotzdem die Prozesse meist hinter geschlossenen Türen verhandelt wer⸗ den, werden doch die Reden der Angeklagten und ihrer Verteidiger allgemein bekannt und tragen zu der allgemeinen Agitation sehr wesent⸗ lich bei. Die Reden der Rosto wer Demon⸗ stranten, die Plaidoyers der bekannten russischen Anwälte vor den Gerichtsschranken in Kischi⸗ new, Odessa, Nischni⸗Noworod und anderen Städten bilden die besten Flugschriften der revolutionären Massenliteratur. Die Regierung scheint nunmehr beschlossen zu haben, gegen die Anwälte in den politischen Prozessen Repressivmaßregeln zu er ⸗ greifen. In Ufa wurden zwei Advokaten, die freiwillig den wegen des Streiks im vorigen Frühjahr angeklagten Arbeitern der Slatouster Waffenfabriken ihre Unterstützungen angeboten hatten, wegen Verdachts der Sympathie für die revolutionäre Bewegung verhaftet und nach verbannt. Viel 1 7 5 noch sist das Vor⸗ gehen des Polizeiminssters Pleh we gegen einen Verteidiger der Kischinewer Juden, den in Kischi⸗ new wohnenden Rechtsanwalt Sokolow, der in dem Prozeß durch sein mutvolles Auftreten sehr viel zu der Entschleierung der wirklichen Schuldigen an den Greueln beigetragen hat. Plehwe will sich nun rächen und er besorgt es auf dem kürzesten Weg. In der Nacht vom 22. anf den 23. Dezember wurde Sokolow auf ein Telegramm von Petersburg verhaftet. Jeden⸗ falls wird es ihnen gehen, wie seinen Kollegen in Ufa. Aehnliche Fälle sind noch in anderen Orten zu verzeichnen. Japanische Sozialisten gegen den Krieg. Kürzlich gab ein französisches Blatt einen Artikel des japanischen Genossen Katayama wieder, worin sich dieser im Namen seiner Partei gegen einen Krieg mit Rußland erklärt. Allerdings gebe es in Japan eine Kriegspartei; das seien neben der Militärkaste die Unter⸗ nehmer, die als Lieferanten von Kriegsartikeln interessiert seien. Die Regierung scheine selbst nicht sehr für den Krieg zu sein; sie habe aber Angst vor der Kriegspartei. Die arbeitenden Klassen von Japan hätten vom Kriege keinen Gewinn; siege Japan, würden der Arbeiterklasse doch nur neue Steuern aufgebürdet werden. So habe auch der chinesische Krieg dem Volke neue Lasten für die Erhaltung und Vergrößer⸗ ung der Marine und der Armee gebracht. Ein neuer Sieg würde den Militarismus noch mehr stärken. Die Arbeiter haben kein Interesse an der Besetzung der Mandschurei und haben nicht das Verlangen— selbst nicht um Koreas willen—, sich mit den russischen Ar⸗ beitern gegenseitig hinzuschlachten.— Weiter weist Katayama auf die Ungerechtigkeiten des Militärdienstes in Japan hin, von dem sich die Besitzenden befreien könnten. So zahle das Volk auch den hauptsächlichsten Teil der Blut⸗ steuer und sei deshalb gegen den Krieg, der nur im Interesse der herrschenden Klasse liege. Im Uebrigen ergeht man sich sowohl auf Seiten Rußlands wie Japans in Friedensbe⸗ teuerungen— beide Teile betreiben aber trotz⸗ dem die Kriegsrüstungen auf das eifrigste. Eine entscheidende Wendung ist noch nicht erfolgt. *— Pon Nah und Fern. Hessisches. Aus dem Landtage. Der Finanz⸗ ausschuß der Zweiten Kammer beendete die Verhandlungen über das nächstjährige Staats⸗ budget mit der Regierung und wird in dieser Woche dazu übergehen, seine Beschlüsse im Ein⸗ zelnen zufassen. Von Interesse bei den Ver⸗ handlungen war die schließliche Erklärung des Finanzministers Gnauth, daß die Rechnung für das laufende Rechnungsjahr weit günstiger abschließt als im Voranschlag an⸗ gesetzt, sodaß ein Vermögensrest von mehr als 1 000 000 Mk. vorhanden sein wird, statt der angesetzten 285720 Mk. 21 Pfg. Das ist eine ganz bedeutende Verbesserung der Finanzen des Landes. Im Anschluß an diese steigende Tendenz der Finanzverhältnisse hat die Regie⸗ rung das Gesetz betreffend die Bildung eines Ausgleichsfonds eingebracht. Dieser Ausgleich⸗ fonds will aus den Einnahmen der Eisenbahnen, Staatslotterie etc., nur einen bestimmten Be⸗ trag 2000 000 Mark in das Budget einstellen, die darüber hinausgehenden Einnahmen in die⸗ sen besonderen Fonds abführen, bis er 6000 000 Mark beträgt, von welchem Augenblick an diese Ueberschüsse zur Deckung außerordentlicher Aus⸗ gaben der Vermögensrechnung, für Ergänzungs⸗ und Erweiterungsbauten bei Eisenbahnen sowie zu Staatszuschüssen für Nebenbahnen verwendet werden sollen. Der Finanzausschuß war ein⸗ stimmig im Prinzip für den Ausgleichfonds, doch stellte sich der Abg. Ulrich auf den Standpunkt, daß in dem Gesetze auch die Mög⸗ lichkeit einer außerordentlichen Schul⸗ dentilgung gewahrt werden sollte. e. einem entfernten Gouvernement im Norden Gießener Angelegenheiten. 5 Eim allgemeiner Krankenkassen⸗ kon greß findet Montag, den 25. Januar in Leipzigestatt. Einziger Beratungsgegenstand ist:„Die Stellung der deutschen Krankenkassen zu den Forderungen der Aerzte.“— An vielen Orten Deutschlauds sind Differenzen zwischen den Aerzten und den Krankenkassen wegen Einführung der freien Arztwahl und höherer Honorierung ausgebrochen und vielerorts steht solches leider noch bevor. Dem geschlossenen Vorgehen der Aerzte soll nunmehr ein solches der Krankenkassen entgegengesetzt werden. Jeder verständige Arbeiter wird gewiß den Wunsch haben, daß die Aerzte anständig be⸗ zahlt werden. Was aber jetzt die Herren for⸗ dern, das geht wirklich ins Aschgraue. Sie haben sich organisiert und handhaben die Waffe des Streiks besser wie irgend eine Arbeiter- organisation. In vielen Orten haben sie ihre Tätigkeit eingestellt und warnen ihre Kollegen vor Zuzug und das in einer Art, die sie ins Zuchthaus bringen würde, wenn die berühmte Zuchthaus vorlage Gesetz geworden wäre. Bei der Leipziger Ortskrankenkasse haben die Aerzte ebenfalls ihre Verträge auf 1. April gekündigt. In verschiedenen bürgerlichen Blättern wurde behauptet, daß den Aerzten in Leipzig„Hunger⸗ löhne“ von der Ortskasse bezahlt worden wären. Demgegenüber stellte der Vorstand der Kasse fest, daß im letzten Jahre 26 Aerzte Honorare von je 6000— 12000 Mark er⸗ zielten. Das wird man wohl nicht gut als Hungerlohn bezeichnen können. In Wetzlar wurde ebenfalls das Aerzte-Honorar ganz er⸗ heblich gesteigert, um 140 Prozent. Tatsache ist ja auch, daß sich die materielle Lage der Aerzte seit Einführung der Krankenverstcherung bedeutend gebessert hat. Allerdings ist in den letzten Jahren eine Ueberfüllung im Aerztebe⸗ ruf eingetreten und infolgedessen eine starke Konkurrenz unter ihnen entstanden. Daran sind aber die Arbeiter und ihre Kassen nicht schuld; und jedenfalls muß verhütet werden, daß aus der Arbeiterversicherung eine Aerzte⸗ Versicherung wird. Die Gießener Ortskasse beteiligt sich eben⸗ falls an dem Kongreß in Leipzig und zwar entsendet sie die Herren Dahmer, Winn, Judt und Fourier als Delegierte. Hoffentlich werden die Delegierten genauen Bericht über die wich⸗ tigen Verhandlungen des Kongresses in öffent⸗ licher Versammlung erstatten, damit die Mit⸗ glieder über diese Dinge unterrichtet werden. Ob es nun unbedingt nötig war, vier Dele⸗ gierte zu entsenden, möchten wir dahingestellt sein lassen. — Mit dem Wunderdoktor Becker von Sprendlingen, dem der bürgerliche Misch⸗ masch in Offenbach zu dem Reichstagsmandat verhalf, glauben die nattonalliberalen Ord⸗ nungsseelen eine ganz bedeutende Acquisttion gemacht zu haben. Trotzdem er sich mit seinen Reden, besonders mit der über die Zwangs⸗ versicherung für Handwerker ganz gehörige Blamagen holte, feiern ihn nationalliberale und Amtsblätter als großes Licht. Für den „Gießener Anz.“ ist Becker„ein gewandter Redner, kenntnisreicher und mit frischer Initiative begabter Sozialpolitiker.“ Nach seiner zweiten Rede, die gerade von heilloser Unkennt- nis der Versicherungsgesetze zeugt, könnte man eher sagen: In Dr. Becker hat die liberale Partei einen neuen Schwadroneur gewonnen, dessen Fähigkeit sich in Phrasendrechseln und Schimpfen über die Sozialdemokratie erschöpft. Für Amtsblattschreiber allerdings— so schreibt man uns— mag Dr. Becker schon einen Geistesriesen darstellen. Unter Blinden ist der Einäugige König. — Amtsblatts⸗Schwindeleien. Mit welchen lügnerischen Unterstellungen und bewußten Verdrehungen Kreis- und sonstige Ordnungsblätter gegen die Sozialdemokratie arbeiten, davon legen einige Auslassungen Zeugnis ab, die sich der„Gießener Anzeiger“ in seiner Montagsnummer über den Kampf in Crimmitschau leistet. Er schreibt da: „Zu der moralischen Niederlage, die den Get nossen die Debatte über die Wurmkrankhei⸗ — . des Lokals„Bunter Bock“, den Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 4. im Reichstag brachte, gesellt sich aller Wahr⸗ scheinlichkeit auch noch die Niederlage ihrer Agi⸗ tation in Crimmitschau. Das Odium des gan⸗ zen, für Crimmitschau verhängnisvollen Kon⸗ flikts fällt ann auf die Agitatoren, die mit hohlen Siegesversprechungen eine blühende Industriestadt ver⸗ ödet, Tausende in Not und viele Arbeiterfamilien dauernd um ihr Brot gebracht haben. Die„Vorwärts“ Journalisten werden freilich schon dafür sorgen, daß die Arbeiter nichts aus dem Streik lernen und der fester Ueberzeugung bleiben, daß nur die Per fidie des Staates, der die Arbeitswil⸗ ligen vor den Mißhandlungen der armen Strei⸗ kenden schützte und die Bosheit der Unterneh⸗ mer daran schuld waren, daß ste unrecht be⸗ kommen haben.“ Daß die sozialdemokratische Partei nicht den mindesten Einfluß darauf hat, ob irgendwo in eine Lohnbewegung eingetreten oder eine solche beendigt werden soll, weiß heutzutage bald jeder Schuljunge. Uaser Parteivorstand erlaubt sich eine derartige Einmischung in die gewerkschaft⸗ lichen Dinge nicht und ist schließlich froh, daß er es nicht braucht. Die Gewerkschaften wür⸗ den aber auch jeden Versuch nach dieser Richtung mit Enischiedenheit zurückweisen. Wir halten die Redaktion des„Gieß. Anz.“ nicht für so veschränkt, daß ihr diese Sachlage nicht bekannt sei. Wider besseres Wissen sucht man aber nach bekannter Methode die sozialdemokratische Partei für den Konflikt in Crimmitschau ver⸗ antwortlich zu machen. Also nickt die Textil⸗ barone sperrten 8000 Arbeiter aus, sondern die Sozialdemokratie! Jeder nur halb⸗ wegs rechtlich Denkende wird für solche unehr⸗ liche Verdrehungen nur ein„Pfui“ übrig haben. Daß sich das Blatt dabei auch noch die säch⸗ sischen Polizeipraktiken verteidigt, sei nur nebenher erwähnt. Man kann sich das für spätere Fälle merken, wo es sich das arbeiter⸗ freundliche Mäntelchen umzuhängen für gut findet. —„Sozialdemokratische Ausbeu⸗ tung.“ Das ist ein Lied, was christlich⸗soziale Agitatoren beständig auf der Walze haben. Auch in der neulichen Versammlung im Felsen⸗ keller wußte der Herr Pfarrer Bernbeck aus Okarben zu erzählen, daß im Gewerkschafts⸗ hause in Kassel ein Angestellter während der Feiertage eine 16⸗ oder ga: 20 stündige Arbeits⸗ zeit gehabt habe. Das zitierte der Herr Pfarrer nach dem wegen seiner Wahrheitsliebe sattsam bekannten„Evangelischen Sonntagsblatt.“ Das hatte eine rührselige Geschichte darüver erzählt, natürlich nicht etwa um der Sozialdemokratie eins auszuwischen, sondern aus lauterer christ⸗ lichen Nächstenliebe. Nach unsern Erkundigungen handelt es sich da um den Geschäfts führer Genossen Hedderich. Dieser führt im Verein mit dem Wirt Weddig das Geschäft im Gewerkschafts⸗ haus, eine von den Kasseler Gewerkschaften ge⸗ wählte Kommission führt die Aufsicht. Weder der sozialdenokratische Verein, noch das Gewerkschaftskartell haben etwas mit der Verwaltung zu tun. Hedderich kaun sich seine Arbeit nach seinem Ermessen einteilen und Hilfskräfte einstellen, wenn es nötig ist. Allerdings soll er sich während der Feiertage mehr, als er nötig gehabt hätte an⸗ gestrengt haben. Daraus aber der Sozialdemo⸗ kratie einen Strick drehen zu wollen, ist ebenso unsinnig, als es von Herrn Behrens war, von schlechten Arbeitsverhältuissen in der„Vor⸗ wärts“-Druckerei zu reden, obwohl ihm sehr genau bekannt ist, daß dort die Arbeitsverhält⸗ . besser wie in jeder andern Druckerei ud. — Bäckermeisterliches. Die Ritter vom Backtrog tragen sich mit saubern Plänen. In einer am Mittwoch stattgefundenen Ver⸗ sammlung der Bäckerzwangsinnung kündigte der Obermeister Pfeifer an, daß nach Be⸗ schluß des Innungsvorstandes eine Aussperr⸗ ung der Gesellen, soweit ste Verbandsmitglieder stud, möglichst sofort stattfinden solle. Er for⸗ derte die Meister auf, dem Beschlusse des Vor⸗ standes gemäß zu handeln. Diese unerhörte praktisch bemängelt. Maßregel begründete der Vorsitzende damit, daß 1 2 von Seiten des Bäckerverbandes in Umlauf gesetzt seien, zur Ermittelung der Zustände in den Bäckereien. Einige Meister wandten sich entschieden dagegen. Herr Link betonte, daß man doch den Gesellen nicht das Recht, sich zu vereinigen, verkümmern dürfe, die Meister beanspruchten dasselbe. Die Gesellen behaupteten, keine Lohnbewegung zu beabsichti⸗ gen; die ausgegebenen Fragebogen haben nur den Zweck, sanitäre Mißstände in den Bäckereien zu bekämpfen, und dies liege im Interesse der Gesellen, wie nicht minder in dem des gesam⸗ ten Publikums. Diese Ausführungen sanden aber nicht den Beifall der Innungsleute, viel⸗ mehr wurden diese Redner mit allerhand un⸗ liebenswürdigen Zurufen, wie„Raus“!„Schluß“ usw. überschüttet. Besonders traten die Herren Hahn, Frei und Deibel für sofortige Maß⸗ regelung ein. Es wurde dem Beschlusse des Vorstands zugestimmt; ferner sollen noch Ver⸗ sammlungen in Wetzlar, Marburg usw. statt⸗ finden, damit die Gemaßregelten in der Um⸗ gebung keine Arbeit bekämen.— Das sind ja recht wohlwollende und arbeiterfreundliche Ar⸗ beitgeber, die Herren Zunft⸗Bäcker! Sie scheinen alle Veranlassung zu haben, daß gewisse Backstuben⸗Geheimnisse nicht offenbar werden! Wir haben davon übrigens noch einiges in unserer Mappe und können gelegentlich damit aufwarten. — Der Wahlverein hielt am Samstag seine Generalversammlug ab, zu der die Par⸗ teigenossen ziemlich zahlreich erschienen waren. Der vom Kassierer erstattete Kassenbericht weist eine Einnahme von Mk. 261,38 und eine Ausgabe von Mk. 163,12 nach, so daß 98,26 Mark Bestand für das laufende Jahr vorzu⸗ tragen sind. Resultat der Vorstandswahl ist solgendes: Beckmann, Vorsitzender; Pe⸗ tersen, Kassierer; Gg. Baum, Schriftführer; Hohmeyer und Schmidt, Beisitzer.— Nachdem der Kartelldelegierte noch über die letzten Sitz⸗ ungen des Gewerkschaftskartells berichtet und eine kurze Debatte über agitatorische und organisatorische Fragen erledigt war, wurde beschlossen, auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung ein Referat des Gen. Krumm über Kommunalpolitik zu setzen. — Die Gewerkschaftsversammlung am Sonntag hatte einen recht zahlreichen Besuch aufzuweisen. Nach Verlesung des Protokolls der letztjährigen allgemei⸗ nen Versammlung wird zum ersten Punkte der Tages⸗ ordnung: Geschäfts⸗ und Kassenbericht des Gewerkschafts⸗ kartells übergegangen. Bock berichtete über die Tätigkeit des Kartells. Er erwähnt zunächst die letzten Gewerbe⸗ gerichtswahlen, die zum erstenmale nach dem Proportio⸗ nalsystem stattfanden. Unsere Liste erhielt 763 Stimmen, während sich die der Christlichen mit nur 69 begnügen mußte. Auch auf der Arbeitgeberseite erhielten wir 2 Bei⸗ sitzer, so daß wir deren im ganzen 13 im Gewerbegericht haben.— Die Maifeier mußte mangels eines geeigneten Lokals in Wieseck stattfinden.— In zwei Brauereien entstanden Lohndifferenzen, die jedoch gütlich beigelegt wurden. Jetzt haben sich die Brauereien zu einem Ring vereinigt.— An die Eisenbahner sind wiederholt Auffor⸗ derungen zum Eintritt in den Eisenbahnerverband ergangen, bis jetzt jedoch mit wenig Erfolg.— Ferner weist Bock noch auf die vom Kartell veranstalteten Vorträge hin, womit man den Wünschen der Mitglieder entgegenzukom⸗ men hoffte. Mit der Aufforderung an die Delegierten pünktlich und regelmäßig in den Kartellsitzungen zu er⸗ scheinen schließt Redner den Vericht. Kassierer Baum giebt hierauf den Kassenbericht. Die Gesamteinnahme, einschließlich des Streikfonds betrug Mk. 1588,17, die Ausgabe Mk. 1405, bleibt also ein Bestand von 183,01. Für Streikunterstützung wurden im Ganzen Mk. 712.05, hauptsächlich nach Crimmitschau und Schlierbach abge⸗ sandt Außer diesem Betrag ist noch von einzelnen Gewerkschaften Geld direkt nach verschiedenen Streik⸗ orten geschickt worden.— Der Bibliothekar führt die Zahl der Bücher an, die von den Mitgliedern der ein⸗ zelnen Gewerkschaften entliehen wurden, beklagt aber im übrigen die geringe Benützung der Bibliothek.— Bock erwähnt noch, daß das Kartell bei der Stadt Beteiligung an dem Gewerbegerichtskongreß beantragte, die Stadtverordneten lehnten jedoch eine Vertretung ab. — In der Diskussion wird besonders gewünscht, daß in Zukunft darauf geachtet werden müsse, daß die Vor⸗ träge nicht allzu kostspielig würden, wie das z. B. mit dem über die Entstehung der Erde der Fall gewesen sei. Ferner wird die Beschaffung eines Bibliothek⸗Katalogs gewünscht, der neuangeschaffte Bibliothekschrank als un⸗ Auch über die Verteilung der Ko⸗ sten der Vorträge werden mehrere Beschwerden vorges bracht, die vom Kassierer als unbegründet zurückgewiesen werden.— Zum zweiten Punkte:„Saalbaufrage“ weist der Vorsitzende auf die Lokalschwierigkeiten hin, die für die Gewerkschaften wie auch für die Partei bestehen, wenn sie hier größere Versammlungen abhalten wollen. Es müsse endlich ernsthaft die Errichtung eines eigenen Hauses in's Auge gefaßt werden. Das Kartell habe bereits in anderen Städten, wo Gewerkschaftshäuser bestehen, Erkundigungen eingezogen und ersuche nun die Versammlung weitere Beschlüsse zu fassen. In einer sehr eingehende Debatte wird die Frage nach jeder Richtung hin ventiliert und schließlich ein Antrag angenommen, wonach dem Kartell anheimgegeben wird, eine Kommis⸗ sion mit weiteren Schritten in dieser Angelegenheit zu betrauen. Hierauf erfolgt Schluß der Versammlung. — Auf den Vortrag von Opificius aus Frankfurt, der am Dienstag Abend in Lonys Bierkeller stattfindet, machen wir noch⸗ mals aufmerksam. Aus dem Rreise gießen. Aus Leihgestern berichtet man uns: Allgemeinen Unwillen verurscachte kürzlich die Verhaftung eines jungen Menschen, der auf dem Bergwerk arbeitete. Er war als Waisenkind bei einem Schuhmacher in Großenlinden unter⸗ Faubrachn hatte sich aber von dort entfernt, wo⸗ zu er auch allen Grund gehabt haben soll. Ruhig ging er seiner Arbeit nach und wohnte bei seiner Schwester in Grüningen, als er plötz⸗ lich verhaftet und geschlossen in die Er⸗ ziehungsanstalt Dillenburg gebracht wurde. Der Fall beschäftigte den Gemeinderat.— Daß man den armen Burschen geschlossen abführte, wird als eine harte und unnötige Maßregel bezeich⸗ net. Der Krofdorfer Bürgermeister wurde per Chaise abgeführt! Aus dem Rreise Wetzlar. h. Gewerbegericht. Nach dem Bericht des Vorsitzenden des Gewerbegerichts waren vor diesem im verflossenen Jahre 33 Streit⸗ sachen anhängig. Davon wurden nicht weniger als 28 durch Vergleich oder Zurücknahme er⸗ ledigt und nur ein einziger Fall durch Urteil unter Zuziehung der Beisitzer. Hoffentlich wird beim Zustandekommen von Vergleichen nicht allzusehr nachgeholfeu, denn dabei ist in den meisten Fällen der Arbeiter der Leidtragende. Auffällig ist noch, daß vier Schriftsetzer, eine ver⸗ hältnismäßig große Zahl, Klagen anstrengten. h. Herr Reichstagsabgeordneter Krämer erstattete am Sonntag vor 8 Tagen „Bericht“ über seine Reichstagstätigkeit, aber nicht, wie es sich gehörte, in öffentlicher Versammlung, sondern in einer Mitgliederver⸗ sammlung des nationalliberalen Vereins. Er beschäftigte sich nach dem Bericht des„Wetzl. Anz.“ besonders mit dem Ausfall der letzten Wahl. Dabei habe sich gezeigt, daß der natio⸗ nalliberale Gedanke noch eine tüchtige Werbe⸗ kraft besitze. Ach du lieber Gott! Ohne Bür⸗ germeister und Polizeidiener wäre es mit der Werbekraft gründlich Essig! h. Eine recht anstän dige Lohnerhöhung haben die Aerzte der Ortskrankenkasse erreicht. Während bisher das Honorar 900 Mk. betrug, ist es jetzt auf 2000 Mk. erhöht worden. Wir gönnen den Aerzten gewiß ein anständiges Einkommen. Was würde sich aber für ein Geschrei erheben, wenn Arbeiter eine gleiche prozentuale Erhöhung ihres Lohnes forderten?(Auch in Offenbach verlangen die Aerzte 100 Prozent Honorar⸗Erhöhung. Weiteres über die Aerzte Forderungen siehe unter Gieß. Angel.) Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. *„Terrorismus“. Ueber sozialdemokratischen „Terrorismus“ wissen die„Staatserhaltenden“ und ihre Presse nicht genug zu erzählen; auch christlich⸗so⸗ ziale Agitatoren faseln in Versammlungen davon und machen mit solchen Märchen ihren Schäflein bange. Am Sonntag war eine Metallarbeiterversammlung nach Haiger in die dortige neuerbaute Turnhalle einberufen. Die Halle war für diesen Zweck von uaserm Genossen Trott für den Metallarbeiterverband gemietet worden. Am Samstag Abend wurde Trott vom Vorstand des —.— — Turnvereins benachrichtigt, daß die Halle nicht zur Verfügung stehe, weil der Metallarbeiterverb and„sozial⸗ demokratische Tendenzen“ verfolge. In der Agnesen⸗ Minervahütte wurden die Arbeiter durch Anschlag ge⸗ warnt, die Versammlung zu besuchen, well sie das 1 lehr j gute Einvernehmen() zwischen Arbeiter und Unternehmer. mission Matbut Crimn hatte d Versam führung mit eil Mbeil zalister Vellsch einigen in Crit mertte nur! halten chan zu berz der F ist die Frauen zuhlt Vöhue jhrlic der R 1400 Arbeit D. eines kaun Aung dann Von! schaut dung ab. Jahre. Hauri das g da die denen wochen 15 sa her mit ef wandt baten. rell, g bande Vemer bewil, polgen L0 fh llb e age, u w gelle, bort Mbeit U. mt 5 4. — bonhe eulen ta ge bu, de ssehe, wollen eigenen U bi häu nun die ler schr 1 ichn anne, om heit zu ung fieluz ud in roc Uns: ich die f dem senkind unter⸗ 1 wo⸗ soll. wohnte r plüz⸗ le Er⸗ k. Der ib man bird bezeich⸗ lde per Bericht waren Streit seniger ne er⸗ Urteil 0 wird licht in den agende. ne ber⸗ engten. neter Tagen „ aber licher derbel⸗ 16. „Vet. 5 lettel natio⸗ Werbe- e Bür⸗ mit del, des Turnvereins zu verstecken. schien selbst in Haiger, nahm sich die Vorstandsmitglieder —— Nr. 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗ Zeitung. Seite 5. zu stören geeignet sei. Sogar der Landrat befaßte sich mit der Affaire und hinter ihm suchte sich der Vorstand Der Herr Landrat er⸗ vor und das Ende vom Liede war, daß Gen. Trott aufgefordert wurde, seinen Austritt zu erklären. Dem kam natürlich Trott nicht nach und so soll eine Ver⸗ sammlung über seinen Ausschluß befinden. Auf die Gründe, die man dafür in's Feld führen wird, darf man mit Recht gespannt sein. Denn Trotts sozialdemokra⸗ tische Gesinnung kann doch den Ausschluß nicht recht⸗ fertigen, mit Politik hat sich der Verein doch nicht zu befassen. Es ist auch nicht ersichtlich, weshalb sich der Land⸗ rat in die Vereinsangelegenheiten des Turnvereins mischt, was kümmern ihn denn diese?— Wenn Herr Burckhardt wieder ma' von Terrorismus reden will, soll er diesen Fall nicht vergessen. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. r. Eine Volks versammlung tagte am Freitag im Hildemannschen Saale, von der Gewerkschaftskom⸗ misston zu dem Zwecke einberufen, die Einwohnerschaft Marburgs über den wahren Sachverhalt des Kampfes Crimmitschau zu unterrichten. Dr. Qu arck⸗Frankfurt hatte dazu das Referat übernommen und die zahlreiche Versammlung folgte mit Aufmerksamkeit seinen Aus⸗ führungen. Redner bemerkte eingangs, daß wir es hier mit einem der größten Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit zu tun hätten, die sich seit dem Falle des So⸗ zialistengesetzes abgespielt haben. Er ging auf eine Denkschrift ein, die ein königlich sächsischer Beamter vor einigen Jahren über die Lohn und Arbeitsverhältnisse in Crimmitschau herausgegeben hatte. Der Beamte be⸗ merkte in seinem Vorwort, daß er sämtliches Material nur von den Crimmitschauern Fabrikanten er⸗ halten habe.— Nach der Denkschrift ist in Crimmit⸗ schau seit Jahren ein steigender Aufschwung der Industrie zu verzeichnen, an dem vor allem die große Ausnützung der Frauenarbeit viel beiträgt. Crimmitschau ist die erste Stadt im deutschen Reiche, in der die Frauen am meisten ausgenützt und am schlechtesten be⸗ zahlt werden. Alsdann geht die Denkschrift auf die Löhne der„Meister“ ein. Danach verdiente ein Meister jährlich höchstens 1400 Mark. Mit Recht hob deshalb der Referent hervor, daß wenn ein Meister nur 1400 Mark verdient, wie dann erst der Verdienst eines Arbeiters sein muß. Darüber giebt die Denkschrift Auskunft. Den Lohn eines Krempelarbeiters giebt sie mit 14 Mk. an, dav on kann eine Familie nicht leben und so ist die Frau ge⸗ zwungen, mitzuarbeiten. Beide zusammen bringen es dann höchstens 110 1350 Mark Jahresverdienst. Von der schlechten Lebenshaltung, welche die Crimmit⸗ schauer Weber unter solchen Umständen zu führen ge⸗ zwungen sind, legt die große Kindersterblichkeit Zeugnis ab. Von 100 Lebendgeborenen sterben 37 im ersten Jahre. Die am Leben gebliebenen haben eine trübe, traurige Kinderzeit vor sich. Einige Wochen alt wird das Kind zu fremden Leuten„in die Ziehe“ gebracht, da die Mutter wieder in die Fabrik gehen und mitver⸗ dienen muß. So kommt es, daß die Eltern ihre Kinder wöchentlich nur einmal zu sehen bekommen, von einem Ta nilienleben kann also keine Rede sein.— Auf die Ursache des gegenwärtigen Kampfes übergehend, wies Referent darauf hin, daß schon 1899 sich die Weber mit einem sehr höflichen Schreiben an die Fabrikanten wandten und um ½istündige Verlängerung der Mittagspause baten. Damals erklärten sich die Unternehmer erst be⸗ reit, mit dem Textilarbeiterverband darüber zu ver⸗ handeln, dann lehnten sie aber das Gesuch mit dem Bemerken ab, daß sie es der Konkurrenz halber nicht bewilligen könnten. Ebenso wurden die Arbeiter in den folgenden Jahren vertröstet, bis sie im Frühjahr den 10 stündigen Arbeitstag forderten. Man verlangte inner⸗ halb 8 Tagen Antwort und als wieder Ablehnung er⸗ folgte, reichten einige hundert Arbeiter die Kündigung ein mit dem Vorbehalt, daß sie als zurückgenommen gelte, wenn die Fabrikanten inzwischen bewilligen. Aut⸗ wort der Fabrikanten war: Aussperrung sämtlicher Arbeiter und Arbeiterinnen. Durch diese brutale Maß⸗ nehme glaubten die Fabrikanten, die Arbeiter zur Rück⸗ kehr zu bewegen, Aber die Ausgesperrten hielten Stand. Weder gute Worte noch Prämien konnten dieselben ver⸗ leiten. Wußten sie doch, warum sie kämpften.— Der Referent brachte darauf noch einige bereits bekannte Tatsachen über Aussperrung vor und stellte darauf die Frage, wie es komme, daß die Crimmitschauer Arbeiter⸗ schaft diesen Kampf in solch' einer musterhaften Weise bisher geführt habe. Die Antwort darauf sei leicht. Nur dadurch, daß sie aufgeklärt ist, daß sie vor allen Dingen Sozialdemokraten sind, dem Umstand haben wir es zu verdanken, daß Unruhen vermieden wurden. Die ausgesperrten Arbeiter in ihrem Kampfe zu unterstützen, ist die Aufgabe der Arbeiterschaft Deutschlands. Auch die Marburger Arbeiterschaft möge dafür sorgen, daß ihre gewerkschaftlichen und politischen Vereine immer kräftiger werden, denn nur eine geschulte und disziplterte Arbeiterschaft kann einen derartigen Kampf führen, wie ihn unsere Brüder in Crimmitschau durchgefochten haben. Damit schloß der Referent seinen mit stürmischem Beifall aufgenommenen Vortrag.— In der Disku ssion sprachen noch die Gen, Dr. Michels und Wolf. Beide ermahnten die Marburger Arbeiterschaft zum Beitritt in die Gewerkschaften. Eine am Schlusse vorgenommene Sammlung ergab einen hübschen Betrag. f. Wahl verein. Diesen Samstag findet im Lo⸗ kale Jesberg eine Mitgliederversammlung statt, zu der die Genossen zahlreich erscheinen wollen. Die Denunziantenseuche. In erschreckender Weise mehren sich in letzter Zeit die Majestätsbeleidi⸗ gungsprozesse. Unter anderem wurden in Zwickau der Genossin Luxemburg 3 Monate Gefängnis auf⸗ diktiert, weil sie in einer Rede während der Reichstags⸗ wahl den Kaiser beleidigt haben sollte.— Sechs Mo⸗ nate erhielt ein Händler in Mühlheim a. d. Ruhr, den ein frommer Hausbesitzer aus Rache denunzirt hatte.— In Trier wurde der 63jährige Schreiber Schmidt gar zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Der Mann war betrunken, als er die majestätsbeleidigende Aeuße⸗ rung tat.— Der letzte Fall erinnert an Burggräfenrode. Möchte doch die elende Denunziantensippe das Lied aus 1848 beherzigen: Von allem Schlechten, was da ist, Was wühlt im Schlamm, was kramt im Mist! Voll Gift und Gall, voll Schmach und Schand, Das Schlechste ist der Denunziant! Wo Friede herrscht und Freude thront, Gemütlichkeit und Frohsinn wohnt, Da ganz verborgen und boshaft spannt Die Netze aus der Denunziant! Genau wird von ihm Buch geführt Und jedes Wort schnell aufnotiert, Gefälscht, gelogen, umgewandt Kalfakterts dann der Denunziant! Er drängt in Freundeskreis sich ein, Steckt überall die Nas' hinein. Das heiligste Familienband Nicht schont der schuftige Denunziant! So lange geht, vergiß es nicht, Der Krug zum Brunnen, bis er bricht, Bis heimgeschickt mit Schimpf und Schand, Für alle Fäll' der Denunziant! Ans dem Gerichtssaal. Sauberer Chef. Die Strafkammer in Fulda verurteilte den inzwischen bankerott ge⸗ gangenen Kaufmann Joseph Edelmuth von dort wegen Sittlichkeitsvergehens(Verführung seines minderjährigen Ladenmädchens) zu einem Jahr Gefängnis. Ein anderer Prozeß schwebt noch gegen ihn.— Mogelnde Bauer n. In Er⸗ langen bemerkte der städtische Wagenmeister in mehreren Fällen, daß beim Abwägen von Getreide ete. einzelne Bauern auf die Deichsel drückten, so daß sich das Gewicht erhöhte und der Geschäftsmann jedesmal um einige Mark geprellt wurde. Ein Kalchreuther Bauer, der auf diese Art einen halben Zentner Gerste im Werte von 3.50 Mark herausgedrückt hatte, wurde vom Schöffengericht zu 25 Mark Geldstrafe verurteilt. Zeigt, daß sich auch biedere Bauern auf„jüdische“ Praktiken verstehen. Kleine Mitteilungen. * Schauerlicher Selbstmord. Ein Wirt in Oberin gelh eim der an Wassersucht litt, schlitzte sich am Sonntag Abend mit einem Messer den Leib auf, rieß sich die Eingeweide heraus und warf diese auf den Boden. Der Unglückliche verstarb alsbald unter den größten Schmerzen. * Un vorsichtigkeit oder Totschlag? In Hachen burg hat der städtische Förster Carpent ier am Montag seine Frau in seiner Wohnung durch einen Schuß getötet. Nach der einen Darstellung liegt Fahrlässigkeit vor, nach der anderen ist die Tat im Jähzorn während eines ehelichen Streites verübt wor⸗ den. Der Förster befindet sich in Haft. * Mord. Am Montag Nacht wurde in Heusen⸗ st am der Nachtwächter Karl Jakob von dem Knecht Friedrich Grimm niedergestochen. Jakob st arb wenige Minuten darauf. Grimm wurde noch in der Nacht verhaftet. * Seine Frau aus Un vorsichtigkeit er⸗ schossen. Als am Samstag der Polizeisergeant Paneck in Derne bei Dortmund seinen Revolver lud, ging ein Schuß los, der die Frau Paneks tötete. .————— ë—————— Partei-Uachrichten. Ein Monat Gefängnis wurde dem Genossen Zander von der Frankf.„Volks⸗ stimme“ aufgebrummt für einen Artikel über militärische Gerechtigkeit. Er hatte das Urteil in Heidelberg, das einen Soldaten zu 10 Jah⸗ ren Gefängnis verurteilte, weil er einem Un⸗ teroffizier einen leichten Schlag auf die Schul⸗ ter gegeben hatte, einen andern in Ulm gefällten Urteile gegenüberstellt, wo ein Offizier nur 10 Wochen Festungshaft erhielt, obwohl er Sol⸗ daten so geohrfeigt hatte, daß einer von der Mißhandlung taub wurde. N Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 23. Februar, vormittags 10 Uhr im Lokale Orbig in Gießen: Kreiskonferenz. Vorläufige Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes des Kreis wahlvereins. 2. Neuwahl des Vertrauensmannes. 3 Unsere Kreis⸗ organisation. 4. Die Gemeinderatswahlen. 5. Unser diesjähriges Kr isfest. Zu der Konferenz kann jeder Parteiort bis zu drei Delegierte entsenden, es können sich auch mehrere Orte auf einen Delegierten einigen. Auch solche Orte, wo ein Parteiverein nicht besteht, können Delegierte ent⸗ senden. Zu diesem Zwecke sollen die Vertrauensleute am Orte die Genossen zusammenberufen und die Wahl vornehmen lassen. Mandatsfor mulare sind bei dem Vertrauensmann A. Bock Gießen, Damm⸗ straße 22 erhältlich.— Wir ersuchen die Genossen im Kreise, zu der Konferenz Stellung zu nehmen und etwaige Anträge rechtzeitig— möglichst bis zum 20. Februar — an den Vorsitzenden, Gg. Beckmann, Gießen Grünbergerstraße 44 einzureichen. Der Vorstand des Kreis⸗Wahlvereins. Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! Samstag, den 23. Januar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag von Vetters. Gießen. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Abends 8 Uhr bei Wirt Aug. Riun„zur Wilhelmhöhe“. Sonntag, den 24. Januar. Wieseck. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung bei Adam Zjegler. T.⸗O.: die Uufall⸗ versicherung. Ref. Vetters. Friedberg. Sozialdemokr.⸗Verein. 8¼ Uhr Versammlung bei Ihl. Montag, den 25. Januar. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. Samstag, den 30. Januar. Marburg. Soz.⸗dem.⸗Wahlverein. 9 Uhr Versammlung bei Jesberg. Briefkasten. F. in Wetzlar. Ueber die Fragen müssen wir erst Erkundigungen einziehen. Quittung. Für die Crimmitschauer: Von ei⸗ nem Landmann Mk. 5.—(Bei früheren Quittungen ver⸗ gessen worden.) Bock. S—— Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 19. Januar: Butter per Pfd. Mk. 0,85—0,95, Hühnereier 1 St. 8— 10 Pf., Enteneter 1 St. 8—9 Pf., Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg.. Kartoffeln per 100 Kilo 5,50 6,00 Mk., Weiß⸗ kraut pr. Stck. 5— 7 Pfg., pr Zentner 1,30— 1,60 Mk. Zwiebeln per Ztr. Mt. 4,50—5,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,30—1,40 Mk., Hahnen per St. 0,80— 1,70 Mk., Enten per St. 1,70 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00— 70 Pfg. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 68— 78 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 62—66 Pfg., Schweinefleisch 66 bis 76 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 80 Pfg., Kalb⸗ fleisch 70— 76 Pfg., Hammelfleisch 65—74 Pfg. 88— Die innerpolitischen Zustände des deut. schen Reiches und die Sozialdemokratie⸗ Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Die Volksschule wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg. 6 Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Abends Abends — Von Otto ——. . 55 9 2 2 2— — 2 e———„FF—F—FT—TC—T—T—T—T—VwT—TCTCTCTCT0——T——T— . VTTbbTTTTbTfTWTTTTT 55— 3 e FFP ˙ Cc. e.——— 2 . . 2 rr Seite 6. Mitteldentsche Sonntags- Zeitung. Nr. 4. 1 7 Unterhaltungs-Ceil. 7 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. 17. a(Fortsetzung.) Ein vierschrötiger Bursch ergriff jetzt das Wort und sagte:„Ich hab' bis jetzt geschwiegen; aber weil der Schneider gar nicht bekennen will, so muß ich doch reden. Gestern in der Früh' bin ich in meinem Garten gewesen und hab' ihn sechs Schritt hinter seinem Vater nach der Wiese gehen sehen. Das Gesicht, das er da gemacht hat, wird mir im Gedächtnis bleiben. Wie soll ich nur gleich sagen? Er hat ausgesehen, als ob ihn die„Wura'moesa“ (Ameisen) auf'm Brachacker'rumg'schleift hätten!“ „Da haben wir's,“ rief Leard.„Also gestern? Dann muß ihm das Unglück am Freitag nachts zugestoßen sein!“— Und vor sich hinsehend, fragte er sich:„Was ist's wohl gewesen?“ Der feine junge Bursch sagte lachend:„Ich glaub', er ist auf'm Geißbock spazieren geritten und der hat ihn'runtergeworfen!“ Leard entgegnete:„Nichts da! Das ist eine alte Sag'! Heutzutag reiten die Schneider nicht mehr auf Geißböcken, sie sind auch aufgeklärter geworden und suchen sich jetzt schon andere Rößlein!“ Heiteres Lachen erscholl um die Tafel, und ein entfernter Schein von Lächeln flog sogar über das verlegene Gesicht des Gehöhnten. „Das mag sein,“ erwiderte der Feine;„wie ist er dann aber zu dem Gesicht von gestern gekommen?“ „Nun, wie geht's nicht?“ versetzte Leard gemütlich.„Wenn einem ein rechtes Glück an⸗ gestanden ist, dann wirft der Teufel immer Heu runter! Ist's etwa das erstemal, daß einer, der just von seinem Schatze herkommt, tüchtige Prügel kriegt?“ Und den Schneider betrachtend, setzte er hinzu:„Nun, nun, du brauchst dich nicht zu schämen, Tobias. Von seinem Vater kann man am End' noch Schläg' annehmen, und daß dich der Alte gezwungen hat, das nimmt dir kein Mensch übel.“ Der Sch eider saß da mit den peinlichsten Empfindungen. Alles war heraus, alles— so⸗ gar die Art, wie er in die Kammer der Bäbe befördert worden!— Wie konnte man das wissen? Hatte das Mädchen geschwätzt? Hatte man sie im Pfarrhaus gesehen?— Er wußte nicht, was er denken sollte; ratlos sah er auf den Tisch, der Schweiß ging ihm aus.— Wenn er noch einige Hoffnung gehabt hätte, die geheimsten der geringsten Vorgänge könnten doch noch unbekannt sein und er möchte nur falsch geraten haben, so wäre er gleich ent⸗ täuscht worden. Der Feine richtete seinen Blick auf ihn und sagte:„Freund Tobias, du nimmst dir die Geschichte mehr zu Herzen, als nötig ist. Geh, sei gescheit! Ein Glied hat er dir nicht abge⸗ schlagen, und für so einen Schatz, wie die ist, kann man schon was aushalten!“ „Das mein' ich auch!“ rief Leard.„Das schönste Mädchen im Dorfe— sogar die meine nicht ausgenommen!— Und solch ein Einfall! Gocken!— So gescheit sind sie nur im Kessel⸗ tal— bei uns täte keine draufkommen!“— Und zu der Kellnerin gewendet, rief er:„Nicht war, Mädle?“ „O wahrlich nein,“ entgegnete diese mit einem Gesicht, das vor Vergnügen leuchtete. „Im Ries sind wir nicht so g'studiert!“ Leard ergriff den Maßkrug und rief:„Nun, so stoß an, Schneider! Sie soll leben!“ Tobias versuchte noch auszuweichen und entgegnete noch mit der wankenden Stimme eines schlechten Gewissens:„Aber was willst du denn? Ich weiß ja gar nicht, wen du meinst!“ In das neue Gelächter hinein rief aber Leard:„Nun, wir wissens schon. Komm, stoß' an“ Tobias, gedrängt und in Ermangelung eine bessern Auskunft, nahm den Krug, ließ den andern anstoßen und tat einen großen, weit hinausgedehnten Zug. Leard, nachdem er ebenfalls keinen schlechten getan, rief:„Bravo! Nun hast du gehandelt wie ein rechter Bursch! Seinen Schatz muß man nicht verleugnen, am wenigsten, wenn man so einen hat wie du!“ Tobias erwiderte hierauf nichts, und auch die andern, die einigermaßen genug zu haben schienen, ließen ihre Zungen in Ruhe. Der Geplagte hoffte es überstanden zu haben. Diese Hoffnung hätte sich vielleicht erfüllt und die Burschen beliebt, einen andern Gegen⸗ stand vorzunehmen und den Schneider für heut in Ruhe zu lassen. Aber nun fuhr der böse Feind in ihn selber und bewog ihn, sich ein unbefangenes Ansehen gebend, zu fragen: „Giebt's nichts Neues?“ Das Gelächter, das auf diesen schwachen Versuch, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sich hören ließ, war nicht das schlech⸗ teste, und Leard rief mit angenehmer Ver⸗ wunderung:„Wie, hast du noch nicht genug an dem, was geschehen ist? Kotts Tausend, bei uns kann nicht jeden Tag so was passieren! Seit gestern spricht man von nichts anderem im ganzen Dorfe, und in vier Wochen haben wir noch genug daran!“ Der Feine bemerkte:„Das Neueste, Tobias, mußt du machen! Du bist jetzt inn Schusse— mach vorwärts und sorg dafür, daß wir bald auf die Hochzeit gehen können! Wenn auch der Alte nochmal wild wird und die„Ehlamäß“ (das Ellenmaß) nimmt! Das kommt fetzt auf eins heraus!“ „Ja freilich,“ rief Leard.„Etliche Schläg' mehr oder weniger, das bedeutet nichts; aber seinen Schatz heimführen, das muß ein rechter Kerl, bieg's oder brech's! Wenn ich die Kessel⸗ talerin kriegen könnt', hol' mich der Teufel, ich ließ mir eine Woch' lang jeden Tag auf⸗ messen! So ein Mädchen bekommt man nicht umsonst! Eine„Langrockete“ und rund wie ein Apfel! Ein Kreuz und ein paar Schultern, die noch einen ganz andern tragen könnten als einen Schneider, und die geschicktesten Manieren, und einen Gang, den sich jede im Dorfe zum Muster nehmen könnt'.— Tobias, Tobias, du hast noch den Besten gezogen und lachst uns noch alle aus!“ 6 „Ja, ja,“ rief der Vierschrötige ein,„wenn er sich nicht abschrecken läßt, dann glaub' ich's selber!“ „Abschrecken?“ rief Leard.„Der Tobias? Die Schneider sind von je die bockbeinigsten Kerle gewesen, und das ist natürlich! Der führt die Sache'naus, das werdet ihr sehen!“ Und mit aller Teilnahme, welche die lachende Bosheit aufkommen ließ, fragte er:„Wann wirst du Hochzeit machen, Tobias? Fällt's noch in den nächsten Monat?“ Tobias zitterte vor Verdruß. Er hatte das Gefülll eines angespannten Rosses, das von Bremsen bedeckt und umflogen ist und, trotz alles Schüttelns, des Geplagtwerdens von seiten des blutgierigen Ungeziefers kein Ende sieht. Seine Seele trachtete hinwegzukommen; er nahm seinen Krug, setzte an und leerte den Rest auf einen Zug. Der Uzer hatte ihn beobachtet; seine Absicht erratend, faßte er schnell den Krug und rief: „Mädle, da ist's leer!“ Der Schneider ergriff deu Krug ebenfalls und schrie:„Nichts da! Ich muß fort!“ „Wie,“ entgegnete Leard,„du willst fort, jetzt, wo wir in der besten Unterhaltung sind? Latz mit dir handeln! Eine Halbe!“— Er lenkte den Krug nach der Kellnerin und rief: „Geschwind, Mädle! Nimm und lauf!“ „Nein,“ rief Tobias ergrimmt, indem er sich mit dieser um den Krug stritt;„ich trink' nichts mehr, Kotts Himmelsakerment!“ Er war aufgestanden, setzte die Pelzkappe fest auf den Kopf und sagte:„Ich bin nicht hergekommen, um mich von euch für'n Narr'n halten zu lassen, das könnt ihr mir glauben!“ „Wir glauben's auch,“ versetzte Leard,„und drum fällt's uns gar nicht ein. Bleib da!“ „Ja, bleib da!“ riefen mehrere Burschen. Das Mädchen, die nun im bestrittenen Be⸗ sitz des Kruges war, fragte:„Wie ist's, soll hat man angestochen!“ „Nein,“ entgegnete der Schneider energisch, „ich mag nichts“. „Komm,“ rief Leard, seine Hand fassend, 1 nach! Setz dich wieder! Wir haben dich o gern!“ „Ihr könnt mich auch gern haben!“ rief der Schneider, seine Hand losreißend,„alle miteinander!“— Und unter allgemeinem Ge⸗ lächter schritt er von dannen. Bevor wir ihn weiter begleiten, müssen wir auf eine Frage antworten, die auch der Leser anfgeworfen haben wird. Daß der nächtliche Besuch im Pfarrhaus und die darauf erfolgte Szene durch jenen Vetter Hans, der die letztere mit angesehen haben konnte, verraten worden sei, wird man sich selbst gesagt haben. Es war auch in der Tat so. Wie konnte aber auch der eigentümliche Liebesdienst bekannt geworden sein, den die Bäbe dem Schneider erwiesen hatte? Dieser, wie sein Staunen gezeigt, hatte ihn keiner Seele mitgeteilt. Außer ihm war aber die Tatsache nur der Bäbe und der Pfarrerin bekannt— der Pfarrerin, welche die Geheimhaltung befohlen, der Bäbe, die ste zugesagt hatte! Der Autor muß bekennen, daß er eine be⸗ stimmte Erklärung in dieser Frage selbst nicht abzugeben vermag. Er kann nur auf Möglich⸗ keiten hinweisen und bittet den Leser, seine Entscheidung selber zu treffen. (Fortsetzung folgt.) Ein Stück Mittelalter. Haus Nr. 13. 7 Von Wladimir Korolenko. (Schluß). V Am nächsten Morgen erschien der Schutz⸗ mann Nr. 148. Besorgt um das Schicksal der Juden, rief er ihnen mit lauter Stimme, sich in den Wohnungen zu verstecken und die Straße nicht zu betreten. Die Juden befolgten den Rat. Bald herrschte in der Astatischen Gasse Totenstille. Dieses Bild geschlossener Fenster⸗ läden, leer gewordener Straßen und passiver Erwartung ist ein erschütterndes Merkmal für die Vororte Kischinews am zweiten Schreckens⸗ tage. 9050 sprach einen Juden, der in einer andern. Vorstadt gemartert wurde. Dies ist ein ge⸗ wisser Mater Selmann⸗Weißmann. Vor dem Gemetzel war er einäugig, und während des Tumults fiel es einem Mitmenschen ein, ihn auch des anderen Auges zu berauben. Maier erklärte, er wisse nicht genau, wer das gewesen sei, aber ein Knabe aus der Nachbarschaft habe sich gerühmt, dieses Resultat durch ein eisernes, ben Schnur befestigtes Gewicht erzielt zu haben. Maier wohnte in der Nähe des Schlacht⸗ hofes, im Vororte Mahala. Gleich den Be⸗ wohnern des Hauses Nr. 13 hatten auch hier die Juden während der Nacht das Eintreffen des bewußten Befehls erhofft, und auch hier erschien am nächsten Morgen ein Schutzmann, der den Juden riet, sich versteckt zu halten. Am folgenden Tage brach das Elend los. Maier flüchtete mit seiner Tochter und rettete sich in eine Seifenstederei, dann aber kamen die Rumänen und begannen zu„schlagen“. ails Maier dann im Krankenhause erwachte, fragte er 5 nach seiner Tochter:„Ita, wo bist du?“ Sie neigte sich zu ihm und wiederholte, sie sei an seiner Seite. Maier fuchtelte mit den Armen in der Luft und klagte, daß er das Mädchen nicht sehe. Er konnte sie aber nicht sehen, weil jener Nachbarsknabe ihm, wahr⸗ scheinlich der Symmetrie haber, sein einziges Auge mit einem Gewicht ausgeschlagen hatte. . Wie es scheint, begann die Tragödie im ause Nr. 13 genau so wie die eben geschil⸗ dene Nähe 5 Schlachthofes. Dort derte in der 1 ich einschenken? Das Bier ist fürnehm, grad — — — = — Manner Aan Bef Tuottol ellen welk be Put. Büchern stern! Hltten Geschrei un der leben, sürzten in dem Lekannt ihm sof Uaglück uf ih erschlug zt die Die nen de eine Fr Bluttat hon eln Wurde. tiefer U Mordta o lebe Ahute elsten Ng 50 el en Ar Ale Ig hi flchtet Nacht hinter lungen Ziegeln Hauses ler die süsel den mu Uattze u schle ber Nh id fir g schen 6 8 Männer. — eee r Nr. 4. Mitteldentsche Sountgs⸗Zeitung. Seite 7. und da ein Schutzmann, der„warnt“, der aber zu weiterem Einschreiten keine Befehle hat. Da und dort schlossen sich die christlichen Bewoh⸗ ner des Viertels den heranstürmenden Zerstörern unter den Augen der Behörde an. Um 11 Uhr vormittags erschien die Menge, begleitet von zwei Militärpatrouillen, denen bedauerlicher⸗ weise auch kein Befehl erteilt worden war. Der Haufe bestand aus etwa 50 bis 60 Personen, Und man erzählt, daß sie zuerst in die Schnaps⸗ schenke stürmten.„Gieb 30 Rubel“, sagten ste zum Wirt„sonst töten wir dich!“ Er gab die 30 Rubel und blieb verschont. Dann begann die Menge ihr Zerstörungswerk. Links vom Haustor, an der Hofecke, wo noch die vertrocknete Blutlache zu sehen ist, be⸗ befanden sich einige kleine Holzverschläge. In dem einen versteckte sich der Glaser Grünspuß mit Frau und Kindern, ferner Itar Paskar mit zwei Kinder und schließlich ein 14jähriges Dienst⸗ mädchen. Von innen war der Verschlag nicht zu sperren. Im Hause befanden sich nur acht Der Schutzmann Nr. 148, der kei⸗ nen Befehl erhalten hatte, saß ruhig auf dem Trottoirpfosten, und die zwei Militärpatrouillen hielten sich beschaulich abseits. Das Zerstörungs⸗ werk begann mit brutaler, immer wachsender Wut. Fenster klirrten, Blätter aus zerrissenen Büchern flogen umher, ein Gestöber von Bett⸗ federn bedeckten die Bäume wie Schnee. In⸗ mitten dieser Wahunstunshölle, dieses wüsten Geschreis, Gelächters und Wehklagens erwachte nun der Blutdurst. Sie hatten es zu weit ge⸗ trieben, um noch Menschen zu bleiben. Jetzt stürzten sie sich zuerst auf den Holzverschlag, in dem der Glaser Grünspuß war. Sein guter Bekannter, ein rumännischer Nachbar, rannte ihm sofort das Messer durch den Hals. Der Unglückliche versuchte zu entkommen, man er⸗ griff ihn aber, schleifte ihn auf der Erde und erschlug ihn mit Knüppeln an der Stelle, wo jetzt die vertrocknete Blutlache zu sehen ist. Die Witwe des Ermordeten nennt den Na⸗ men des Mörders. Es ist aber freilich noch eine Frage, ob sie sich nicht„trre“ und ob die Bluttat nicht von einem zugelaufenen Räuber, von einem Albaner aus der Türkei vollbracht wurde. Allein die Judenfrau versichert mit tiefer Ueberzeugung:„Ich hielt während der Mordtat das Kind auf meinem Arm, wir sollen so leben, daß wir gute Bekannte waren.“ Der „gute Bekannte“ hatte im Hause Nr. 13 den ersten Messerstich geführt. Nach dieser Tat wurde die Sachlage klar. Das erste Todesröcheln zeigte den Juden und den Angreifern, was weiter zu erwarten sei. Wie„Mäuse in der Falle“ begannen die Juden jetzt hin und her zu rasen. Einige von ihnen flüchteten zuf den Dachboden, unter ihnen Machlin, er Hausbesitzer, mit seiner Tochter, hinterbrein die Mörder. Zwei schwarze Oeff⸗ nungen umrahmt von durcheinander geworfenen Ziegeln, steht man noch auf dem Dach des Hauses Nr. 13. Als ich dort war, lag an ei⸗ ner dieser Oeffnungen eine blaue eiserne Wasch⸗ schüssel. Die Verzweiflung der bedrohten Ju⸗ den muß sehr start gewesen sein, sonst hätten ste es nicht vermocht, in wenigen Minuten ohne Werkzeug zwei solche Breschen durch das Dach zu schlagen. In der Todesangst war es ihnen aber gelungen! Sie wollten unbedingt auf das Dach. Dort sah man das Licht der Sonne, und rings um das Haus herum waren Men⸗ schen versammelt. Der Schutzmann Nr. 148 war da, die Militärpatrouillen... es war doch heller Tag, Sonnenschein Als erste schlüpfte die Tochter aus einer Oeffnung auf das Dach; ihr folgte der Vater, aber ein Mordgeselle ergriff ihn am Bein. Vor den Augen der Menge begann ein verzweifeltes Ringen. Plötzlich ließ das erschöpfte Mädchen von dem Alten ab, 19 955 sich herab und flehte den Angreifer um das Leben ihres Vaters. Der ließ von dem Greise ab. Möge ihm ein Teil seiner Schuld verziehen sein. Drei Verfolgte waren auf dem Dache, sie erblickten abermals die Gotteswelt, den Platz, den blauen Himmel, die Sonne, den Schutzmann Nr. 148, die Milt⸗ tärpatrouillen, die auf Befehle warteten, vielleicht auch den Geistlichen, der die Masse zu beschwich⸗ tigen suchte. Dieser Geistliche war zufälliger⸗ weise vorübergekommen und von den übrigen Juden angefleht worden, die Verfolgten zu be⸗ schützen. Er war, wie es scheint, ein guter Mensch und wußte nicht, daß es in Rußland Leute giebt, die das Recht haben, Wehrlose zu morden, ohne sich vor dem Lichte der Sonne und des Tages zu schämen. Mit christlichen Worten wandte sich der Priester an die Menze, 1100 die Augreifer bedrohten ihn, und er schlich davon. Vor den Augen von Hunderten von Zu⸗ schauern wurden nun die drei Opfer ergriffen und vom Dache herabgeschlendert. Das Mädchen fiel auf einen Haufen Bett⸗ federn und blieb unverletzt. Die andern ver⸗ wundeten sich bei dem Sturze. Sogleich aber fiel die Menge über sie her und ermordete sie alle drei mit eisernen Stangen. Unter wildem Gelächter bedeckten sie die Sterbenden mit Bett⸗ federn. Einige Fässer Wein wurden sogleich über sie ausgegossen, und die Bedauerns werten — Machin soll noch einige Stunden gelebt ha⸗ ben— erstickten in dieser schmutzigen, mit Straßenstaub, Wein und verfilztem Flaum be⸗ deckten Lache. Als erster wurde Nissenson ermordet. Er war zuerst mit seiner Frau im Keller versteckt gewesen, flüchtete aber auf die Straße und hätte das gegenüberliegende Haus wohl noch erreichen können. drängnis geriet, machte er kehrt, um ihr beizu⸗ stehen. Vor dem Hause Nr. 7 in der Astatischen Straße wurde er niedergeschlagen. Die Menge stürzte sich auf ihn und zerrte den Schwerver⸗ wundeten in den Regenlachen hin und her. Für eine Weile trat Ruhe ein. Die Juden kamen aus ihren Häusern hervor, um Nissenson beizu⸗ stehen. Sie zogen ihn ans dem Kot, labten ihn und begannen ihn vom Schmutze zu reinigen. Nissenson lebte noch, nur Arme und Beine wa⸗ ren ihm gebrochen. Ein einzelner Exzedent verscheuchte die Juden, stürzte sich auf Nissen⸗ son, versetzte ihm mit einer Brechstange einen Hieb auf den Kopf und befreite ihn von seinen Qualen. Erst um 5 Uhr nachmittags wurde bekannt, daß der sehnsüchtig erwartete„Prikas“(Befehl) endlich eingetroffen sei. Nach kaum einer Stunde war die Ruhe ohne Blutvergießen, ohne Gewalt, ohne Schuß vollkommen wiederhergestellt, der Befehl hatte genügt. Jetzt aber sind ganze Jahre nötig, um die schmachvolle Erinnerung an diesen blutigen Tag wegzuwischen, der als ein Brandmal auf dem Gewissen derer in Kischinew lastet. VII. Ich fühle, wie wenig ich in dieser Skizze zu schildern vermochte. Ich wollte aber wenig⸗ stens eine einzelne Episode aus dem entmenschten Chaos, das„Pogrom“ genannt wird, lebendig darstellen. Zu diesem Behufe benutzte ich die lebhaften Eindrücke von Augenzeugen, Eindrücke, die sicher unvergeßlich waren. Allerdings, ich benützte die Zeugenaussagen von Juden, aber es ist wenig Grund vorhanden, ihnen nicht zu glauben, die Leichen beweisen ja die Wahrheit: im Hause Nr. 13 hatte man wehrlose Menschen haufenweise hingemordet, mordete stundenlang inmitten der bevölkerten Stadt. Ist es den Juden nicht gleich, auf welche Weise ihre Väter und Brüder hingeschlachtet wurden? Warum sollten sie Einzelheiten hinzudichten?.. Die Moral davon muß jedem einleuchten, in dem sich noch ein menschliches Gefühl regt. Ist solch ein Gefühl aber wirklich bei vielen lebendig? Diese peinliche Frage taucht unwill⸗ kürlich auf, wenn man steht, was in Kischinew geschah. Alfred Agster. Ueber unseren Genossen Agster, von dessen tragischen Ende wir in voriger Nummer be⸗ richteten und dessen Beerdigung Mittwoch vor 8 Tagen unter großer Beteiligung in Deger⸗ loch bei Stuttgart stattfand, schrieb unser Stutt⸗ garter Parteiblatt: Agster war eine Reihe von Jahren hindurch der beliebteste Agitator unserer Partei in Württemberg. Er war ge⸗ Weil aber seine Frau in Be⸗ boren am 12. April 1858 in Ilsfeld bei Besig⸗ heim, hat also ein Alter von nahezu 46 Jahren erreicht, besuchte die Lateinschule in Wildber und Winnenden, lernte dann 1874 bis 187 Apotheker und war bis 1882 Apothekerprovisor. Dann wandte sich Agster nochmals dem Stu⸗ dium zu. Er besuchte das Gymnastum in Tü⸗ bingen und studierte in Jena und Basel Medi⸗ zin. Hierauf ging er wieder zu seinem Apo⸗ thekerberuf zurück, beschäftigte sich nun aber mit sozialpolitischen Fragen und bekannte sich bald zur Sozialdemokratie. Von 1889 ab hielt's ihn nicht mehr in der Apotheke. Er trat offen für die Sozialdemokratie ein, war bald ein vielbegehrter Redner, wurde Mitarbei⸗ ter der„Schwäbischen Tagwacht“, der er bis in den Sommer 1895 blieb, und erlangte in unserer Partei in Württemberg bald eine große Popularität. Von seinen schriftstellerischen Ar⸗ beiten sei hier besonders die aufsehenerregende anonyme Broschüre in der Simolin⸗Bathory⸗ Sache genannt, die die Stuttgarter Polizei und Staatsanwaltschaft in begreifliche Aufregung versetzte, aber dennoch den großen Erfolg hatte, den Genossen Geiger von der ihm zuerkannten Gefängnisstrafe zu befreien und den Hofmar⸗ schall zum Verschwinden von der Bildfläche zu zwingen. i Bei Reichs⸗ und Landtagswahlen wurde Agster iu den verschiedensten Kreisen als Kan⸗ didat aufgestellt und überall erzielte er über⸗ raschende Erfolge. Bei der Landtagswahl 1895 blieb er in Aalen bei der Stichwahl hinter seinem ultramontanen Gegner nur um 13 Stim⸗ men zurück. Als im Frühjahr 1897 das Stutt⸗ garter Arbeitersekretariat errichtet wurde, wurde Agster zum Sekretär berufen, in welchem Amte er verblieb, bis ihn die Pforzheimer Parteige⸗ nossen 1898 zu ihrem Reichstagsabg⸗ordneten wählten. Dann stedelte er nach Pforzheim über und gründete dort ein Zigarrengeschäft, das er aber als lediger Mann, der häufig ortsabwesend sein mußte, nicht zu halten vermochte. Schon in jener Zeit machten sich krankhafte Symptome bei ihm geltend. Trotz wiederholter gründ⸗ licher Kuren war der Keim der Krankheit nicht auszutilgen. Es besteht kein Zweifel, daß er im Zustand geistiger Umnachtung Hand an sich gelegt hat. Die württembergischen und alle deutschen Parteigenossen werden Agster nicht vergessen. Humoristisches. Unbegreiflich. Gatte(ur jungen Frau): „Das Gulasch, das Du zubereitet hast, ist nicht zu ge⸗ nießen!'— Junge Frau:„... Und im Kochbuch steht doch, daß es so vorzüglich schmeckt!“ Ein harter Schädel.„.. Also ein Auto⸗ mobil ist Dir über den Kopf gegangen, Girgl? Wie lang hat denn die Heilung gedauert?“— Girgl:„No, so a vier Woch'n is itz beim Mechaniker g'standen!“ Verdächtig. Mutter:„Warum willst du denn zu dem Ausflug mit Deinem Bräutigam nicht deine weiße Bluse anziehen?“ Tochter:„Ach, da sieht man immer gleich alle Finger drauf!“ Protest. Junger Ehemann(lresigniert):„Ein handgroßes Loch im Rock.... so geht's, wenn man verheiratet ist!“ Frau:„Bitte, das war schon drinn, wie du noch Junggeselle warst!“ Fl. Bl. Geschichtskalender. 24. Januar. 1890: Reichstag beschließt mit 166 gegen 111 Stimmen die Ewigkeitsdauer des Soz.⸗ Gesetzes. 25. 1890: Sozialisten⸗Gesetz⸗Verlängerung mit 169 gegen 69 Stimmen verworfen. 26. 1895: Wilh. II. fordert Einschreiten gegen die sozialist. Jugendliteratur. 1894: Versöhnung Bismarcks und Wilh. II. 27. 1902: Zapf, sozial. Liederdichter in Wien 7. 1897: Miquel wird geadelt. 1878: 1. Franz. Arbeiter⸗ kongreß nach der Kommune in Lyon. 28. 1898: Achtstundenkampf in England beendet. 1888: Lockspitzeltreiben im Reichstage enthüllt. 29. 1902: Sozialist. Reichstagswahlsieg in Döbeln. 1895: Untergang des Dampfers„Elbe“, 374 Tole. 30. 1903: Eisenbahnerstreik in Holland. 1649 König Karl I. von England geköpft. England Republik: Seite 8. Mitteldeutsche Sountaas⸗ Zeitung. Inventur⸗Aus verkauf! 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