1 S —— — ͤ——Ü——ü—— ̃ Kr. 34. Gießen, den 21. August 1901. 4 i 11. Juhrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Font Mitteldeutsche Uns⸗Zeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr⸗ Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestelluug en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Das Weltparlament des Sozialismus und der Arbeit begann am Sonntag Vormittag in Amster⸗ dam, in dem großen, entsprechend dekorierten Saale des„Konzertgebouw“(Konzertgebäude) seine Verhandlungen. Der 2000 Personen fassende Saal war dicht besetzt. Auf dem breiten rot drapierten Podium hat das Bureau Platz genommen. Der holländische Abgeordnete van Kol prästdiert. Als Vizepräsidenten haben links der Russe Plechanoff, rechts der Japaner Sen Katayama neben ihm Platz genommen. Schon darin, daß am ersten Tage ein Russe und ein Japaner als Präsi⸗ denten fungieren, liegt eine Demonstration für den Weltfrieden und ein Protest gegen den 1% Massenmord des russisch⸗japanischen rieges. Die Delegierten, etwa 450 an der Zahl, haben, nach Nationen gegliedert, an langen Tafeln Platz genommen. Die Delegation Frankreichs bringt die Spaltung der französtschen Sozialisten auch äußerlich zum Ausdruck; sie sitzt in zwei Gruppen getrennt, die eine um Guesde, die andere um Jaures geschaart. Die deutsche Delegation ist ziemlich stark; Bebel, Kautsky, Molkenbuhr, Frohme, Ulrich, Bernstein, Richard Fischer und viele andere bekannte Persönlichkeiten gehören ihr an. Aus Oesterreich sind Viktor Adler und Pernerstorfer eingetroffen: die öster⸗ reichischen Polen sind durch den Abgeordneten Dascynsky, die Tschechen durch Nemec vertreten. Ferner sind noch die Franzosen Vaillant, Bracke, Briand, Cipriant, Rouannet; die Belgier Vandervelde und Anseele, weiter die Engländer Hyndmann, Quelch, Belfort⸗ Bax, Ben Tillet u. a. anwesend. Aus Ruß⸗ land sind außer Plechanoff noch Leo Deutsch und Wera Sassulitsch vertreten; Italien hat Enrico Ferri, Cabrini und Rochetta gesandt. Nachdem van Kol den Kongreß eröffnet, heißt Abg. Troelstra namens der hollän⸗ dischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei die hier versammelten Sozialdemokraten aller Länder willkommen. Die Sozialdemokraten Hollands, so führt er aus, wissen die Ehre zu würdigen. Er gedenkt derjenigen, die die Vertreter hierher gesandt haben, der zahllosen Millionen in Not und Elend. Er heißt willkommen die Vor⸗ kämpfer der Arbeiterbataillone, die Führer und Helfer der Bedrückten, die Repräsentanten des Proletariats, das mit seiner eigenen Befreiung zugleich die Befreiung der ganzen Menschheit erstrebt. Redner weist dann weiter hin auf die früheren Kämpfe und die Spaltung der Sozial⸗ demokratie Hollands, die aber jetzt, trotzdem die„christliche“ holländische Regierung die Organisationen der Arbeiter zertrümmerte, Entlassung von 5000 Arbeitern und dadurch Hunger und Verzweiflung verursachte, stärker und gefestigter als je dastehe. Er beglückwünscht den Kongreß zu seinen Arbeiten und bringt ein dreifaches Hoch auf die Internationale der Arbeit aus. Van Kol heißt gleichfalls die Delegierten willkommen, die alle für eine gleiche Sache, für ein gleiches Ziel fechten. Einen ganz besonderen Gruß aber entbiete er dem russischen und dem japanischen Delegierten an seiner Seite. Die russischen und japanischen Sozialisten haben den Mut gehabt, ein Bekenntnts zur internationalen Brüderlichkeit und zum Weltfrieden abzulegen, während in Ostasien die entfesselte Kriegsfurie rast.(Während dieser Worte haben sich Ple⸗ chanoff und Sen Katayama erhoben und schütteln sich unter dem minutenlangen Jubel des Kongresses die Hand.) Van Kol begrüßt dann weiter noch einen Vertreter der Indier, die unter englischer Herrschaft stehen und er⸗ innert dann an den letzten Kongreß der alten Internationale, der vor 32 Jahren im Haag stattfand. Die alte Internationale ging an schweren inneren Kämpfen zugrunde, aber sie gab uns die Kriegslosung: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Welche Fortschritte haben wir seit 1872 gemacht! Die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten müßten ehrlich aus⸗ gekämpft, die Kraft aber gegen den gemeinsamen äußeren Feind konzentriert werden. Nun ergreift zum ersten Male auf einem internationalen Sozialistenkongreß ein Vertreter des asiatischen Proletariats das Wort: Sen Katayama⸗Japan,(von minuten⸗ langem Beifall begrüßt): Ich empfinde die große Ehre und große Verantwortlichkeit, zum erstenmal als Vertreter der japanischen Sozia⸗ listen vor diesem internationalen Forum das Wort zu ergreifen. Aber ich koste heute auch zum erstenmale das Glück, Seite an Seite mit den Sozialisten aller Länder zu sitzen und mit⸗ arbeiten zu können an der Verwirklichung un⸗ seres sozialistischen Programms, das die Be⸗ freiung der Arbeit und damit die Befreiung der ganzen Menschheit zum Ziele hat. Beson⸗ dere Freude empfinde ich aber über das Zu⸗ sammenarbeiten mit den russischen Genossen, mit den Vertretern des Volkes, dessen Regierung mit der Regierung meines Vaterlandes einen der verhängnisvollsten, greuelreichsten Kriege entfesselt hat, den die Geschichte kennt. Tausende und zehntausende von Proletariern werden zur Schlachtbank geführt, nicht für ihr Wohl und ihre Ehre, sondern lediglich für die Vorteile und die Machtstellung ihrer Aus⸗ beuter und Unterdrücker, die ihnen alles Recht und alle Kultur vorenthalten. Wie sinn⸗ los und kulturwidrig dieser Krieg ist, das steht man erst mit voller Deutlichkeit ein, wenn man auf sein Gegenstück blickt, das brüderliche Zu⸗ sammenarbeiten der Proletarier aller Länder für ihr gemeinsames Ziel auf diesem Kongreß. So wird dieser internationale Soztalistenkongreß zur schärfsten Verurteilung jeden Krieges. Soweit die japanischen Arbeiter die Heilsbot⸗ schaft des Sozialismus erfaßt haben, fühlen sie keinen Gegensatz zu den russischen Brüdern. Ist auch die Zahl der Sozialisten in Japan noch klein, so wächst sie doch ständig und gerade die Regierung hat durch ihre Maßregelungen und Verfolgungen festgestellt, daß es über 3000 Sozialdemokraten in Japan gibt. Das ist wenig, aber doch viel angesichts der Jugend der Bewegung. Sie werden aber ebenfalls ihre nationale und zugleich internationale Pflicht tun: Unablässig laut ihre Stimme zu erheben für den Weltfrieden und werden mit daran arbeiten, daß das Wort Karl Marx Wahrheit wird: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! (Großer Beifall.) Plechanoff⸗ Rußland, ebenfalls mit stürmischem Betfall begrüßt, sagt: Ich bin glücklich, mit Katayama zusammen zum Vice⸗ präsidenten des internationalen Kongresses ge⸗ wählt zu sein. Ich rufe es allen Ländern zu: Nicht das russische Wolk hat diesen unheilvollen Krieg heraufbeschworen, sondern sein Todfeind, die russische Regierung, der russische Despotis⸗ mus. Wenn Rußland stegen sollte, wird nicht Japan, sondern das russische Volk der eigentlich Besiegte sein, der die schlimmsten Lasten, die schwersten Leiden zu tragen, zu ertragen haben wird. Nicht Japan hat den Krieg begonnen, sondern der russische Despotismus, durch das System des Raubes, der Abenteuer, der Aus⸗ beutung und Unterdrückung, die jederzeit zum Wesen des russtschen Despotismus gehört haben. Rußland hat einen ganzen Kranz fremder Nati⸗ onen infolge dieser Politik um sich herumge⸗ wunden und hält ste alle an der gleich drückenden, einschneidenden Kette, mit der es das russtsche Volk geknechtet hält. Aber alle diese unter⸗ drückten Völker geben an Haß zurück, was sie an Unterdrückung empfangen. Kein Volk kann frei sein auf Kosten der Freiheit durch die Unterdrückung des Nachbarvolkes. Rußland ist ein Koloß mit tönernen Füßen und Japan wird ihm jetzt einen Fuß zertrümmern. Das Proletariat ist die einzige Klasse, die die Sache der Kultur und des Fortschrittes vertritt. Die Bourgeoisie selbst einer sogenannten Republik wie Frankreich ist die festeste Stütze des rus⸗ sischen Despottsmus geworden und bezahlt mit threm Golde den Henker aller Reußen. So ist die Sache der Sozialdemokratie immer mehr die große, gute und gerechte Sache der allge⸗ meinen Kultur geworden und alles, was Fort⸗ schritte erwartet und für die Freiheit kämpft, schart sich um ihr Banner. Der proletarische Klassenkampf ist die Sache der Befreiung, des Fortschritts der ganzen Menschheit geworden. Hierauf wird folgende Resolution der sozia⸗ listischen Partei Frankreichs angenommen: „In Erwägung, daß die Verständigung und die gemeinsame Aktion der Arbeiter und Sozialisten aller Länder die wesentliche Bürgschaft für den Weltfrieden ist, entbietet der Kongreß in dem Augenblick, wo der Zarismus gleichzeitig durch Krieg und Revolution bedroht wird, seinen brüderlichen Gruß den russischen und japa⸗ nischen Proletariern, die geopfert, hingemordet werden, sowohl durch die Verbrechen des Kapitalismus wie der Regierung. Der Kongreß fordert die Sozialisten und Arbeiter aller Länder auf, die Hüter des Friedens sind, sich mit aller Kraft jeder Ausdehnung des Krieges zu widersetzen. 7* Am Sonntag Nachmittag fanden auf einer großen Wiese in der Nähe von Amsterdam eine internationale Riesenversammlung statt. In den 4 Ecken der Wiese waren Tribünen aufgestellt, von welchen herab nacheinander die Vertreter der Sozialdemokratie aller Länder sprachen. Von der einen Tribüne aus sprachen Ferri, Adler, Branting⸗Stockholm, Vandervelde und van Kol. Ferri feierte den Sieg der italtenischen Partei, die trotz ihrer kleinen Zahl den Zar von Italien ferngehalten habe.— Dr. Victor Adler⸗Wien betont die Gemeinsamkeit der holländischen und der öster⸗ reichischen Parteibewegung, die beide gegen die Wahlrecht kämpften. christliche Demagogie und für das allgemeine Vandervelde-Brüssel . 88— ——— — —— —— —— ——————— —PPTPTVPFPVVPTPTPTPTT—T—T—T—T—— — —— Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 34. preist die Sozialdemotratie als die Partei des Friedens. Auf der nächsten Tribüne sprachen unterdes Katayama und der Russe Luga⸗ no witsch. Beide reichten sich die Hand. Der alte Vaillant⸗Paris feierte die sozialistische Einigkeit.— Mit großer Begeisterung wurde Bebel begrüßt, der entblößten Hauptes unter einer mächtigen roten Fahne sprach. Er be⸗ handelte eingehend die Gefährdung des Reichstagswahlrechts in Deutschland. Eine Verschlechterung des Wahlrechts werde die Sozialdemokratie niemals gestatten. An dem Tage, an dem dieser Streich versucht werde, habe die Arbeiterschaft an dem Fortbestehen des Reiches nicht das geringste Interesse mehr. Nur Pflichten ohne Rechte für die Volksmassen seien in unserer Zeit nicht mehr möglich. * Die einzelnen Tagesordnungs⸗Gegenstände sind zur Vorberatung an Kommisstonen ver⸗ wiesen, deren sechs eingesetzt sind. Diejenigen für Sozialpolitik und Kolonialpolitik haben bereits ihre Beratungen erledigt und dem Plenum ihre Resolutionen zur Beschlußfassung vorgelegt. Das Hauptinteresse ziehen die Ver⸗ handlungen der Kommission für„Internationale Regeln der sozialistischen Politik“ auf sich, denn dieser Kommission gehören die hervorragendsten Genossen aus allen Ländern an, die Debatten sind naturgemäß hochinteressant und werden von den übrigen Delegierten mit Spannung verfolgt. Bebel und Kautsky verteidigen die vom Dres⸗ dener Parteitage in dieser Frage beschlossene Resolution, während von Vandervelde eine mehr vermittelnde eingebracht wurde. Die Debatten darüber werden wir in der nächsten Nummer besprechen. Vor dem Kongresse und während desselben fanden verschiedene internationale Gewer E ⸗ schafts kongresse statt, von den Holzarbeitern, den Metallarbeitern und Transportarbeitern, bei allen bildete der engere internationale Zu⸗ sammenschluß ihrer Organisationen den Bera⸗ tungsgegenstand. Politische Rundschau. Gießen, den 18. August 1904. Immer mehr Panzerkähne. Die deutschen Flottenpatrioten haben mit aller Lungenkraft über Deutschlands Ohnmacht zur See geschrieen und in den Kreisen der 1 15 Unternehmer hat ihr Geschrei liebevolles erständnis gefunden. Die wüste Agitation für wahnsinnige Flottenvermehrungen scheint sich jetzt in den maßgebenden Kreisen zu der For⸗ mulierung einer Vorlage verdichtet zu haben. Mit einer Bestimmtheit, die sichere Information voraussetzen läßt, teilt die Norddeutsche Reichs⸗ korrespondenz mit, daß man eine Novelle zu erwarten habe, die ein drittes Doppel⸗ geschwader mit den dazu gehörigen Kreuzern 5 55 und den beschleunigten Bau des⸗ elben neben den in den Flottengesetzen vorge⸗ sehenen Schiffsbauten verlangen werde. Eine Verquickung zwischen der neuen Marinevorlage und der verhältnismäßig unbedeutenden Heeres⸗ forderung werde unter keinen Umständen statt⸗ finden. Falsch sei es, wenn behauptet werde, man wolle noch länger zögern und die Erfah⸗ rungen des ostasiatischen Krieges abwarten. Die Erfahrungen habe man bereits im ersten Teile des Krieges gemacht. Das Portemonnaie des deutschen Steuer⸗ zahlers kann sich also auf eine neue Bescherung gefaßt machen. Es gibt kein zweites Forbach! rief der Kriegsminister im Reichstage aus, als der Bilse⸗Prozeß im Reichstage besprochen wurde. Auf diese seine Worte hätte aber schon damals keiner, der die Verhältnisse kennt, schwören mögen, er selbst würde es jetzt auch nicht tun. Gegen den Leutnant Hemman vom 32. Infanterie⸗ Regiment in Meiningen ist nämlich die kriegs⸗ i Untersuchung wegen Beleidigung von orgesetzten durch Verbreitung von Schriften eingeleitet worden. Hemman ist geständig, einen Roman„Erfahrungen einer Amerikanerin in einer kleinen preußischen Garnison“ im Verlag von Sattler⸗Braunschweig veröffentlicht zu haben, in dem eine Reihe„erster Familien“ stark kompromittiert erscheint. Daß sich diese„ersten Familien“ im Spiegel des Romans erkannt haben, ist ja interessant genug. Trotzdem braucht das preußische Offizierkorps ein zweites Forbach nicht mehr zu fürchten, denn nach dem bekannten Erlaß des Kaisers ist es ganz selbstverständlich, daß der Prozeß gegen den Leutnant Hemman hinter verschlossenen Türen verhandelt werden wird. Die Staatsrettung der Frankfurter Polizei, welche, wie wir bereits in voriger Nummer berichteten, dem österreichischen Reichsrats⸗ abgeordneten Genossen Pernerstorfer verbot, in einer Versammlung über„Entwickelung der Sozialdemokratie in Oesterreich“ zu reden, hat überall, wo man nicht gerade kosakisch denkt, die größte Heiterkeit hervorgerufen. Perner⸗ storfer selbst richtete in der Frankfurter Volks⸗ stimme einen offenen Brief an den Reichs⸗ kanzler, in dem er erklärt, daß er zwar inter⸗ nationaler Sozialdemokrat sei, aber durchaus 9555 denke und fühle. Er schließt seinen rief: „Ich wende mich, Herr Reichskanzler, an Sie,.. einzig deswegen, weil mich Ihr Polizei⸗ verbot in meinen nationalen Empfindungen ebenso gröblich wie schmerzlich beleidigt hat, und weil ich als Deutscher öffeutlich Protest einlegen will gegen eine Polizeimaßregel, die ich als eine dem deutschen Namen angetane Beschimpfung fühle. Ich füge meinen Protest den tausend und abertausend Protesten bei, die von den deutschen Arbeitern schon er⸗ hoben worden sind gegen die Herabziehung der deutschen Ehre. Neuerdings ist mir an diesem mich persönlich kränkenden Falle klar geworden, wo Deutschlands Größe und Zukunft liegt: nicht in Deutschlands Reichsregierung, sondern in Deutschlands Volke, in Deutschlands sozial⸗ demokratischer Arbeiterpartei.“ Pernerstorfer wird nun gelegentlich seiner Rückkehr von Amsterdam in Offenbach reden und zwar über dasselbe Thema, das man in Frankfurt so staatsgefährlich fand. Und die Frankfurter Polizei steht vor der ganzen Welt blamiert da! Antisemitische Weltmachtspolitik. In Frankfurt hielt am Dienstag Abend der neue Stern des Antisemitismus, der Reichs⸗ tagsabgeordnete Graf Reventlow eine Rede. In seinem Vortrage übte er, wie die„Frankf. Zeitung“ berichtet, scharfe Kritik an der Reichs⸗ regierung, die ihm zu wenig Weltmachts⸗ politik treibt, bedauerte unter Hinweis auf den Hererokrieg, daß man die Eingeborenen in unseren Kolonien mit zu großer Huma⸗ nität behandle!„Ueberall da, wo Deutsche ihren Fuß hingesetzt, müsse die Angliederung an das deutsche Reich in der einen oder andern Form erstrebt werden, ko ste es, was es wolle!“ Solchem Weltmachts-Dilirium sind noch nicht einmal die Nationalsozialen verfallen, als sie noch auf der Höhe ihrer„Bewegung“ standen. Ob der edle Graf mit einer derartigen Politik die„Landwirtschaft heben will? Für seine christliche Gesinnung ist bezeichnend, daß er trotz der zahllosen Kolonialbestialitäten und oft grausamen Unterdrückung der Eingeborenen, die Behandlung derselben noch zu„human“ findet! Ein Weltmachts⸗ und Kolonial⸗Pückler! Deutscher Sieg über die Hereros. Aus Südwestafrika telegraphierte der General v. Trotha, daß die bei Waterberg verschanzten und von den Deutschen eingekreisten Schwarzen am 12. August vollständig geschlagen worden seien. Nach den Berichten haben aber auch die Deutschen nicht unbedeutende Verlnste gehabt. Es sind sehr teuere„Siege“, die wir dort erkämpfen und die dem deutschen Volke gar nichts nützen. Eine neue Mittelstandspartei zu gründen haben die Vertreter verschiedener Handwerksorganisationen und Mittelstandsver⸗ bindungen in einer vertraulichen Koferenz in Berlin beschlossen. Man will einem demnächst in Magdeburg stattfindenden allgem. deutschen Innungstage das diesbezügliche Programm zur Beratung vorlegen.— Na, mit Mittelstands⸗ e und Handwerksrettung und⸗Hebung haben doch die Antisemiten, Konservativen und Stöckerleute die Welt schon so vollgeschrien, daß man doch meinen sollte, das Handwerk müßte bis in alle Himmel gehoben sein. Ebensowenig aber, wie die bisherigen patentierten Mtittelstandsretter von antisemitischer ꝛc. Farbe werden die neuen etwas erreichen. Sittlichkeit in der Kaserne. Ueber ein sfkandalöses Vorkommnis, wie es bei einer Schöffengerichtsverhandlung in Mainz offenbar wurde, berichtet die Mainzer Volksztg. Danach war das 17 jährtge, leichtsinnig veranlagte Dienstmädchen Eva Käs aus Nier⸗ stein, welches seit zwei Jahren in Mainz in Stellung gewesen, nach kurzem Aufenthalt im Elternhause, wo es mißhandelt worden sei, wieder nach Mainz gekommen. Eines Abends trieb sie sich am Zentralbahnhof herum, woselbst sie ein Husar ansprach und mit in die Kaserne nahm. Der Weg mußte über die Mauer ge⸗ nommen werden, weil das Tor bereits geschlossen war. Das Mädchen wurde am andern Morgen von ihrem Galan an einen Futter meister ab egeben, der sie drei Tage in seinem Zimmer behielt. Für ihre„Gefälligkeiten“ erhielt die Käs Essen und Trinken. Der Futter⸗ meister führte sie einem anderen Futtermeister zu, der sie ebenfalls drei Tage bei sich aufnahm. Von hier wurde sie an die zweite Eskadron abgeliefert, die sie in eine Stube einschloß. Der Schlüssel zu dieser Stube wanderte von Hand zu Hand, bis die Mehrzahl der Husaren das Mädchen in Anspruch genommen hatte. Damit noch nicht genug, ging die„Schweinerei“ weiter, indem das Mädchen wie ein Stück Vieh an andere verkauft wurde. Die K. wurde 14 Tage in der Husarenkaserne behalten, bis sie von der Polizei, die durch einen Zufall Kenntnis erhielt, verhaftet wurde. Auf Grund der kreisärztlichen Untersuchung wurde die Käs in das Spital verbracht, woselbst sie vier Wochen zu ihrer Heilung zubrachte.— Das Schöffengericht ver⸗ urteilte das Mädchen wegen Gewerbsunzucht zu zwei Wochen Haft, außerdem wurde ste mit ihrem Einverständnis einem Asyl überwiesen. Das ist auch ein nettes Bildchen aus der Kaserne, wo bekanntlich eitel Tugend und Sitte herrscht und der Deutsche nach Ansicht unserer Staatslenker erst zum richtigen Menschen er⸗ zogen wird. Und an den Schamlosigkeiten be⸗ teiligen sich auch noch die„Stellvertreter Gottes“! Haben diese, indem sie das unerfahrene Frauen⸗ zimmer entehrten, mit Gewalt bedrohten und der Freiheit beraubten, nicht weit abscheulicher gehandelt, und eine weit härtere Strafe ver⸗ dient, als die Verurteilte? Aber wie konnten die Soldaten ihr schweinisches Treiben z wei Wochen lang fortsetzen, ohne daß ein Vorgesetzter etwas bemerkte? Mordspatriotische Verrücktheiten. Ueber ein Kriegerverbandsfest, das am ver⸗ gangenen Sonntag in Leimstruth im Kreise Wittgenstein unter Leitung des Landrats abge⸗ halten wurde, wird berichtet:„Bei strömendem Regen hielten die Kriegervereine zunächst eine Felddienstübung ab, bei der die Vereine aus dem Süden des Kreises nach fast sechs⸗ stündigem Marsch die Höhe bei Leimstruth, die vom Nordkorps besetzt war, stürmten. Sogar die Sanitätskolonnen traten in Tätigkeit, um die markierten„Toten“ und„Verwundeten“ fortzuschaffen und nach dem Feldplatz zu tragen. Mancher brave Jüngling sank zur Erde, und die Sanitätskolonne hatte ihre Mühe, all die zahlreichen Verwundeten aus der Feuerlinie zu schaffen. Mit einem allgemeinen Sturmangriff wurde indes der Widerstand des Feindes ge⸗ brochen, sodaß an den obersten Kriegsherrn .. d e Nr. 34. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. nachstehendes Telegramm gesandt werden konnte: „Hauptmann Imgard tot, Oberleutnant Skrozi schwer verwundet, 30 Gefangene gemacht. Der eind auf der ganzen Linie geschlagen, zieht ch in großer Unordnung zurück.“ So schildert die„Wittgensteiner Zeitung“ die Schlacht. An die Felddienstübung schloß sich Parade und Feld⸗ n worauf die durchnäßten und mit ot bedeckten Krieger am Fest teilnahmen. Die Festrede hielt Herr Landrat v. Gersdorff, der Vorsitzende und Veranstalter des Ganzen. Sollte man nicht die sämtlichen Krieger mit⸗ samt dem Landrat in ärztliche Behandlung geben? Ein Opfer des Löbtauer Prozesses, der Bauarbeiter Schmieder, ist anläßlich des Geburtstages des Königs von Sachsen be⸗ gnadigt worden. Jetzt sa machtet nur noch der Bauarbeiter Zwahr, der zu der unerhörten Strafe von 11 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, im Zuchthause zu Waldheim. Russisch⸗japanischer Krieg. Die russissche Flotte fast vernichtet — das ist das Ergebnis der Kämpfe, die in der letzten Woche stattgefunden haben. Die Lage der Russen in Port Arthur wurde eine immer verzweifeltere, weshalb die dort einge⸗ schlossene Flotte am 10. August einen Durch⸗ bruchsversuch unternahm. So versuchten über Nacht sechs Linienschiffe, vier Kreuzer und die Hälfte der Torpedoboote aus dem Hafen zu entkommen. Der Zweck war offenbar, die Port Arthurflotte mit der Wladiwo⸗ stokflotte zu vereinigen und dann gemeinsam die japanische Flotte anzugreifen. Der japanische Admiral Togo bemerkte jedoch rechtzeitig das Auslaufen der Flotte und es kam zu einer Seeschla ht, die mit einer schweren Niederlage der Russen endete. Ihre Flotte wurde voll⸗ ständig auseinander gesprengt; einige Schiffe suchten in fremden Häfen Schutz, wo sie ent⸗ waffnet wurden, einige andere zogen sich wieder in den Hafen von Port Arthur zurück und mehrere sanken.— Die russ. Kreuzer„No⸗ wik“ und„Askold“ liefen nebst zwei Torpe⸗ dobootzerstörern in den deutschen Hafen Tsingtau ein. Von der deutschen Regierung wurde Weisung gegeben, diese Schiffe zuentwaffnen, was in Gegenwart des Gouverneurs von Tsingtau auch geschah. Ebenso wurde der Panzer „Cesarewitsch“, der nach einem schweren Kampfe schwer beschädigt im Hafen von Tsingtau Schutz suchte, entwaffnet. Dieses Schiff hatte am 10. August von mittags bis abends im Kampfe gestanden und war dem feindlichen Feuer fortwährend ausgesetzt gewesen. Der an Bord befindliche Admiral Witthöft wurde durch eine Granate zerrissen, man fand nur noch ein Bein von ihm. Mehrere andere Offiziere wurden getötet; im Ganzen verlor das Schiff 15 Tote und 40 Verwundete.— Das Torpedo⸗ boot„Retschitelny“ hatte in dem chinesischen Hafen Tschifu Schutz gesucht, die Japaner ver⸗ folgten es dorthin und forderten den russischen Kapitän zur Uebergabe oder zum Verlassen des Hafens auf. Beides wurde verweigert und ver⸗ sucht, das Schiff in die Luft zu sprengen. Es wurde jedoch nur beschädigt, sank nicht und die Japaner nahmen es weg und schleppten es nach den Elltot⸗Inseln.— Zwei weitere russische Torpedoboote strandeten in der Nähe von Weis⸗hai⸗ wei. Die Wladtwostok⸗ Flotte, die offenbar Port Arthur zu Hilfe kommen wollte, stieß am Sonntag früh 5 Uhr mit dem japanischen Ge⸗ schwader unter Admiral Kamtmura an der koreanischen Küste zusammen. Es kum zum Gefecht, das bis gegen Mittag dauerte. Der russische Kreuzer„Rurik“ sank. 450 Mann der Besatzung wurden durch die Japaner ge- rettet. Die russischen Kreuzer„Rossija“ und „Gromoboj“ wurden beide stark beschädigt.— Das Resultat der ganzen Seekämpfe ist also, daß die russische Flotte in alle Winde zerstreut, außer Gefecht gesetzt ist. Die Japaner scheinen dabei sehr geringe Verluste gehabt zu haben. Die Landkämpfe vor Port Arthur werden unterdes immer heftiger, immer enger schließen die Japaner die Stadt ein. Sie sind bis dicht an die Festungswerke herangerückt und beschießen die Stadt und den Hafen fortgesetzt. Die Be⸗ lagerungsarmee soll 90000 Mann betragen und über 400 Geschütze verfügen. Auf beiden Seiten hat der Kampf um Port Arthur schon ungeheuere Verluste gekostet. Aus der Mandschureti wird zwar von neuen Kämpfen nichts berichtet, doch dringen auch dort die Japaner stets weiter vor. Die Räumung Liaojangs durch die Russen und ihr Rückzug auf Mukden wird gemeldet. Es regnet fortgesetzt und die ganze Gegend gleicht einem Sumpfe. Die Postsäcke, welche die Russen s. Z. auf dem deutschen Dampfer„Prinz Heinrich“ beschlagnahmten, sind in Nagasaki eingetroffen. Sie wurden in Gegenwart des deutschen, fran⸗ zösischen und englischen Konsuls geöffnet und geprüft. Viele eingeschriebene und gewöhnliche Briefe fehlen.— Ja, was den Russen durch die Finger geht..! — Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Flieden im Baugewerbe des Main⸗ ebletes. Die Einigungs⸗ Verhandlungen des itteldeutschen Arbeitgeberverbandes mit den Organisationen der Maurer und Zimmerleute haben zu einem günstigen Resultate geführt. Es wurden zwischen beiden Parteien Tarifverträge vereinbart, in denen die Arbeitsbedingungen bis 1908 festgelegt sind. In großen Ver⸗ sammlungen der Maurer und Zimmerleute, die in Frankfurt, Darmstadt, Mainz, Offenbach und Wiesbaden stattfanden, wurde den Verein⸗ barungen zugestimmt. Allerdings wurde hier und da zum Teil heftige Opposition dagegen gemacht.— Aber zweifellos haben die Arbeiter günstig abgeschnitten. Nicht nur gelang es ihnen den brutalen Gewaltstreich des Unternehmer⸗ tums, den dieses mit der elussperrung versuchte, abzuwehren, sie haben auch ganz erhebliche Zu⸗ geständnisse herausgeschlagen. Für die Maurer wurden die Verhandlungen von dem Vorsitzenden des Maurerverbandes Reichstagsabg. Bömelburg geführt, der darüber am Samstag Nachmittag in einer großen Versammlung im Gewerkschafts⸗ hause in Frankfurt berichtete. Er besprach ausführlich die in dem Tarifvertrage enthaltenen Bestimmungen. Bei der Lohnfrage sei nur ein Mindestlohn vereinbart; die Unternehmer können auch mehr zahlen. Jedenfalls könne man behaupten, daß alle Wünsche der Arbeiter in der weitgehendsten Weise berücksichtiat worden sind. Die einzelnen Bestimmungen im Vertrage sind so klar, daß es kaum zu Meinungsver⸗ schiedenheiten kommen dürfte. Mit der Be⸗ seitigung des Partieführerunwesens waren die Unternehmer selbst einverstanden. In Wiesbaden, Aschaffenburg und Friedberg⸗Nauheim, wo sich die Unternehmer zu weiteren Zugeständnissen nicht herbeilassen konnten, hat deshalb der Ver⸗ trag auch nur auf ein und zwei Jahre Giltigkeit. Aber auch in diesen Orten müßten die Verhält⸗ nisse in zufriedenstellender Wetse geregelt werden. Bömelburgs Ausführungen wurden von Hütt⸗ mann und dem Führer der christlichen Maurer, Becker, unterstützt. Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden. Die Löhne sind für die in Betracht kommen⸗ den Orte um 1—2 Pfennig per Stunde erhöht worden und steigen für die folgenden 2 Jahre alljährlich um 2 Pfenuig. So kann man ruhig sagen, daß der große Kampf mit einem Siege der Arbeiter endete, den sie ihrer guten Orga⸗ nisation verdanken. Der jetzt geschlossene Friede liegt aber auch im Interesse der Unternehmer, die jetzt längere Zeit Ruhe im Gewerbe und viel leichter mit den vereinbarten Löhnen ihre Arbeit kalkulieren können, als es vordem der Fall war. Die mögen aber aus diesem Kampfe die Lehre ziehen, daß sich heutzutage die Ar⸗ beiter nicht mehr nach Willkür behandeln und durch Scharfmachereien nicht imponteren lassen. — Die Kosten des Kampfes betrugen allein für den Maurerverband 242 000 Mk. Der Deutsche Bergarbeiterverband befindet sich fortwährend in erfreulicher Ent⸗ wicklung. Jetzt hat er sich ein eignes Heim gegründet und am 1. August bezogen. Dieses ist um so erfreulicher, als gerade der Berg- arbeiterverband sehr vielen Stürmen und Ver⸗ folgungen seitens der Gegner der modernen Arbeiterbewegung ausgesetzt war; hierbei braucht man u. a. nue an den Essener Meineidsprozeß zu denken. Sein eigentlicher Aufschwung datiert vom Jahre 1895. Damals hatte der Verband eine Jahreseinnahme von 11796 Mk. zu ver⸗ zeichnen und die Auflage des Verbandsorgans betrug 5400. Im Jahre 1903 weist dagegen die Abrechnung eine Gesamteinnahme von nicht weniger als 642890 Mk. auf und das Verbandsorgan erschien in 74000 Exemplaren! Jetzt dürfte die Mitgliederzahl etwa 8384000 betragen, während das Gesamtvermögen ohne den Immobilienwert auf 540000 Mk. ange⸗ wachsen ist. Das Gebäude des Verbandes in Bochum repräsentiert einen Wert von 300 000 Mark. Es sind darin außer den Verbands⸗ lokalttäten noch Redaktion und Druckerei der Bergarbeiterzeitung sowie das Arbeitersekretariat von Bochum untergebracht. Ferner hat der Arbeiterkonsumverein seine Lokalitäten darin und außerdem sind 20 Wohnungen und ein Laden für ein großes Schuhwarengeschäft ein⸗ gerichtet. Pon Rah und Lern. Hessisches. — Ueber den Losholzbezug der Ortsbürger fällte der hessische Ver⸗ waltungsgerichtshof eine Entscheidung, die für viele Gemeinden von grundsätzlichem Interesse ist. Die Entscheidung betrifft den Losholzbezug der Ortsbürger in Heppenheim. Dort be⸗ zogen bisher 1000 Ortsbürger eine bestimmte ortsstatutarisch festgesetzte Holzmenge. Mit Rücksicht auf den steigenden Geldwert dieses Holzbezuges hatte nun die Verwaltungsbehörde in Aussicht genommen, diese Wertsumme ein für allemal zu fixieren und nur Holz in diesem Werte unter die Ortsbürger zu verteilen. Dies hätte zur Folge gehabt, daß jetzt schon nur 850 Ortsbürger statt 1000 Los- holz hätten erhalten können; bei weiterer Er⸗ höhung der Holzpreise hätte die Zahl der be⸗ zugsberechtigten Ortsbürger noch mehr herab⸗ gesetzt werden müssen. Demgegenüber hat der Verwaltungsgerichtshof, wie aus Darmstadt geschrieben wird, nunmehe auf den von der Stadt Heppenheim eingelegten Rekurs ausge⸗ sprochen, daß es bei dem seitherigen Los⸗ holzbezug der Ortsbürger sein Bewenden habe, daß also den Ortsbürgern, deren Zahl seit 1872 nicht gestiegen ist, ohne Rücksicht auf den inzwischen gestiegenen Holzwert dauernd dieselbe Holzquantität als Losholz zu verabfolgen ist, auf die sie damals bereits An⸗ spruch hatten. Das Gesetz vom 22. November 1872, die Gemeindeausgaben betreffend, hat nämlich zwar die seitherigen Rechte der Orts⸗ bürger auf den Genuß am Gemeindevermögen anerkannt, eine fernere Ausdehnung dieser Nutzungsrechte zum Nachteil der Steuerpflichtigen dagegen untersagt. Die Entscheidung des Ver⸗ waltungsgerichtshofs hat nunmehr festgestellt, daß in einer bloßen Wertserhöhung des Los— holzes eine unzulässige Ausdehnung der Nutzungs⸗ rechte nicht zu finden ist. Gießener Angelegenheiten. — Amtsblatt⸗Phantasien. Der „Gieß. Anz.“ schrieb in seiner Moutagsnummer: „Man fühlt den Pulsschlag sozialdemo⸗ kratischer Blätter, vornan den„Vorwärts“ und merkt die Anstrengungen zur Vor⸗ bereitung zum Parteitag. Diese Presse bemächtigt sich des„Stoffes“ und schlachtete ihn gründlich aus. Bedauerlich ist nur, daß andere Kreise hierauf zu viel eingehen, und erst in den letzten Stunden haben wir es erleben müssen, daß in der Frankfurter Angelegenheit des österreichischen Sozialdemo⸗ kraten Pernerstorfer, liberale und demo⸗ —. Seite 4. Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung. Nr. 34. kratische Blätter dessen offenen Brief an den Reichskanzler, der in der„Volksstimme“ stand, wörtlich nachdruckten. Man mag zu der Sache felbst stehen, wie man will— so weit durfte man nicht gehen, dem„Genossen“ feierlichst Schleppträgerdienste zu leisten.“ Weshalb unsere Partei„Anstrengungen“ um Parteitag machen soll, wird wohl kein . begreifen, das ist das Geheimnis des Jünglings, der die öffentliche Meinung im Amtsblatt macht. Unsere Parteitage sind stets bedeutungsvoll und interessant, dazu bedarf es gar keiner Anstrengung. Nationalliberale Par⸗ teitage hingegen sind bedeutungslos und lang⸗ weilig trotz aller Anstrengung!— Dann will das gute Männlein in der Schulstraße die Sozialdemokratie totschweigen. Das Rezept ist ja sehr oft schon empfohlen und angewandt worden, es har sich aber als eben so untauglich erwiesen als das Totreden. — Der Konsumverein Gießen und Umgegend hält Sonntag, den 4. September, nachmittags 3 Uhr, im„Gambrinus“ seine dies⸗ jährige Generalversammlung ab. Das Ergeb⸗ nis des verflossenen Geschäftsjahres ist als ein recht günstiges zu bezeichnen. Es wurde ein Reingewinn von 2663 Mk. erzielt, während der des Vorjahres nur 593 Mk. betrug und der vom Jahre 1902, dem ersten Geschäftsjahre, gar nur 53 Mk. Außerdem konnte im letzten Jahre eine Anleihe von 2000 Mk. abgetragen werden. Somit zeigt die Genossenschaft eine ganz erfreuliche Entwickelung. Der Mitglieder⸗ stand beträgt 272. — Der saarabische Prozeß, der den nationalliberalen Terrorismus im Saargebiet so herrlich offenbarte und deswegen von der Ordnungs- und Amtsblatt⸗Presse mit Schweigen übergangen wurde, ist im Verlage des„Vor⸗ wärts“ als Broschüre erschienen. Die Ver⸗ handlungen sind nach stenographischen Aufzeich⸗ nungen wiedergegeben. Sie zeigen, wie der Staatskapitalismus mit der persönlichen Frei⸗ heit der Arbeiter und ihrem Bürgerrechte um⸗ springt— für jeden Arbeiter lehrreich zu lesen! Die Broschüre kostet 50 Pfg. und ist in unserer Expedition erhältlich. — Ferienl Mit dieser Woche beginnen für die Kinder der Volksschule die von den Kleinen lange er⸗ sehnten großen Ferien. Es ist eigentlich eine tolle Ein⸗ richtung, daß man die Ferien in die Zeit legt, wo die Tage kürzer, herbstlicher und kühler werden, während in der heißesten Zeit die Kinder in der Schule schwitzen mußten! — Ueber hohe Marktpreise klagen mit Recht unsere Hausfrauen. Infolge anhaltender Dürre haben Kartoffeln und besonders grüne Gemüse für Minderbemittelte fast unerschwing⸗ liche Preise erreicht. Darunter haben natürlich die Arbeiter schwer zu leiden. Und das Fried⸗ berger Antisemitenblatt leitartikelt über den Wohlstand in Arbeiterkreisen. — Der Revolver. Einem jedenfalls aus geringfügiger Ursache entstandenen Streite fiel am Sonntag ein Menschenleben zum Opfer. Gegen 4 Uhr kam der Geschäftsreisende Kehrein an den Bahnhof, nachdem er mit einem Freunde mehrere Wirtschaften in der Städt besucht hatte. Im Schalterraum geriet er mit 3 Monteuren aus Köln, die hier gearbeitet hatten und nach Hause reisen wollten, in Wortwechsel, der in Tätlichkeiten überging. Im Verlauf des Streites zog Kehrein seinen Revolver und schoß auf den Arbeiter, der sofort zu Boden stürzte und nach wenigen Minuten starb. Der Getötete heißt Lucht und hinterläßt ebenfalls Familie. Ueber den Streit werden verschiedene Darstellungen gegeben und erst die Gerichtsverhandlung wird klarstellen, wer der Schuldige ist. Wenn aber auch, wie behauptet wird, die Monteure Herrn Kehrein zuerst angegriffen hätten, so ist dessen Tat trotzdem höchst verurteilenswert. Er hat doch wahrhaftig nicht nötig, in der Stadt den Revolver nachzutragen und mit Menschenleben so umzuspringen, wie er es gethan. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gieß en⸗ Grünberg tagte am Sonntag im Lokale Orbig in Gießen. Sie war von 24 Delegierten besucht, welche 14 Orte vertreten. Gegen 11 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Kreiswahlvereins, Beckmann dieselbe und begrüßte die Delegierten. Nach der Wahl des Bureaus, das aus Beckmanu⸗Gießen und Häuser⸗Steinberg als Vorsitzenden und Diehl⸗Gießen als Schriftführer be⸗ steht, erstattet Beckmann den Bericht des Kreiswahlvereins. In agitatorischer Beziehung konnte im letzten halben Jahre nicht viel getan werden. Doch wurde in Lich ein Wahlverein gegründet, der sich recht gut entwickelt und in andern Orten sind solche im Entstehen begriffen. Das Kreisfest verlief auf das beste. Infolge der ziemlich bedeutenden Ausgaben war das finanzielle Ergebnis kein allzu glänzendes, aber immerhin zufriedenstellend. Es sei uns unser alljährliches Kreisfest immer mehr zum Bedürfnis geworden als ein Rendezvous der Genossen im Kreise und der weiteren Umgebung. Daß es auch von agitatorischer Wirkung ist, konnte man mehrfach wahrnehmen. Die wütenden Angriffe, welche das Antisemitenblatt anläßlich des Festes gegen uns richtete, beweisen ebenfalls, daß wir damit Erfolg hatten. In den Herbst⸗ und Wintermonaten wird mit der Agitation wieder stärker eingesetzt werden. Der vom Kassierer Bock erstattete Kassenbericht für das erste Halbjahr weist eine Einnahme von 610,51 Mk. und eine Ausgabe von 397,56 auf, sodaß ein Bestand von 203,01 Mk. ver⸗ bleibt.— Bei der Sterbekasse blieb in diesem Halb⸗ jahr die Rein⸗Einnahme hinter der Ausgabe zurück, weil nicht weniger als neun Sterbefälle vorkamen, we für 180 Mk. ausbezahlt wurden und außerdem noch einige Rückstände an Beiträgen zu verzeichnen sind. Die Einnahme betrug 155,30 Mk., die Ausgabe 191,25 Mk. Zinstragend angelegt sind 242,25 Mk.— Die Revisoren bestätigen, daß Bücher und Kasse in Ordnung befunden wurden. Es schloß sich an den Bericht eine kurze Dis⸗ kusston, die sich meist um geschäftliche, unsere Organi⸗ sation betreffende Dinge drehte. Häuser⸗Steinberg betonte noch besonders, daß gerade das teilweise Verbot des Festzuges beim Kreisfest für unsere Sache außer⸗ ordentlich agitiert habe.— Die hierauf folgende Vor⸗ standswahl ergab Wiederwahl des bisherigen Vor⸗ standes. Derselbe besteht aus: Beckmann, Orbig, Vorsitzende; Bock, Kassierer; Diehl, Schriftführer, sämtlich in Gießen; ferner Stein müller⸗Heuchelheim, Häuser⸗Steinberg; Becker-Alten⸗Buseck, Beisitzer.— Das vom Vorstand ausgearbeitete Statut für die Kreis⸗ organisation und die Mitgliedschaften wird hierauf dur Beratung gestellt und nach längerer Diskussion mit einigen unwesentlichen Abänderungen angenommen. — Zu Punkt„Parteitag in Bremen“ referiert Beckmann. Er weist auf die Anträge hin, welche von verschiedenen Seiten auf Aenderung des Organisations⸗ statuts für die Gesamtpartei gestellt sind und namentlich die Beitragsleistung und den Ausschluß betreffen. Seine Ausführungen werden durch Genossen Vetters ergänzt, der den Verlauf und die Wirkung des Dresdener Partei⸗ tags bespricht. Es wird beschlossen, wie alljährlich einen Delegierten zu entsenden und als solcher Beckmann gewählt.— Ueber den letzten Punkt:„Kommunal⸗ wahlen“ referiert Genosse Vetters. Er schildert die Mißstände, welche in vielen Gemeindeverwaltungen be⸗ stehen und bespricht kurz die Aufgaben der Gemeinde⸗ vertretung, sowie die Forderungen unseres Kommunal⸗ programms. In der kurzen Diskussion wird besonders die Wahlberechtigung zur Gemeindevertretung besprochen und unser Vorgehen bei Gemeindewahlen erörtert.— Zum letzten Punkt:„Kreisfest“ wird beschlossen, dasselbe im nächsten Jahre in Staufenberg abzu⸗ halten.— Im„Verschiedenen“ wird noch folgender Antrag angenommen:„Von Zeit zu Zeit eine Liste derjenigen Lokale in der Mitteldeutschen Sonntags⸗Ztg. zu veröffentlichen, welche uns zu Versammlungen zur Verfügung stehen und in denen die Parteipresse aufliegt.“ — Gegen ½5 Uhr erfolgte Schluß der Konferenz. Wer kann zum Gemeinderat wählen? In vielen Landgemeinden finden dieses Jahr Gemeindewahlen statt. Es erscheint daher geboten, wiederholt auf die Bestim⸗ mungen über die Wahlberechtigung hinzuweisen. Nach Artikel 13 der Land⸗ gemeindeordnung sind stimmberechtigt: 1. alle steuerpflichtigen Orts bürger; 2. alle männlichen Einwohner, welche die Reichsangehörigkeit besitzen und seit minde⸗ stens 2 Jahren den Unterstützungswohnsitz erworben haben, vorausgesetzt, daß sie zur Zeit der Wahl 25 Jahre alt sind und seit dem 1. Januar des vorigen Jahres zur Einkommensteuer herangezogen sind.— Also: Alle Gemeindewähler müssen das 25. Lebensjahr überschritten haben. Die Einwohner, welche nicht Ortsbürger sind, müssen seit vier Jahren in der Gemeinde wohnen. Nicht stimmberechtigt ist, wer mit der Steuer im Rückstande ist. Wir machen deshalb unsere Freunde darauf aufmerksam, die Staats⸗ und Ge⸗ meindesteuern zu entrichten. Es muß, wo die Wahl noch vor dem 1. Oktober statt⸗ findet, das erste Ziel, also die Monate April, Mai, Juni bezahlt sein. Aus dem Nreise gießen. — Gemeindewahl in Lich. Bei den bisberigen Wahlen zur Gemeindevertretung ging es meistens sehr ruhig zu. Die große Mehrheit der Einwohner, besonders die Minderbemittelten kümmerten sich wenig darum und überließen das Rathaus den Vertrauensleuten der besser Situierten und den Ergebenen des Fürsten. Diesmal kam etwas mehr Leben in die Bude. Der erst kürzlich gegründete sozialdemokratische Wahlverein beteiligte sich und stellte eine Kan⸗ didatenliste auf. Darob große Aufregung. Man war in den Kreisen derjenigen, die sich allein für fähig und befugt halten, die Gemeinde zu lenken und zu leiten, offenbar aufgebracht da⸗ rüber, daß die übrigen Ortseinwohner auch noch etwas in Gemeindeangelegenheiten hinein⸗ reden wollten. Man ging soweit, unsern Freun⸗ den, die für Dienstag abend eine Versammlung einberufen hatten, die Lokale abzutreiben, die uns sonst in Lich jederzeit zur Verfügung standen. Trotzdem fand die Versammlung doch in einer anderen Wirtschaft statt un) Genosse Vetters konnte seinen Vortrag über Kommunal⸗ politik halten, worauf Schöne noch lokale An⸗ gelegenheiten besprach.— Das Ergebnis der Wahl bedeutet für uns einen vollen Erfolg! Einer der von uns aufgestellten Kandidaten— Dietz— wurde gewählt, er erhielt 180 Stimmen. Schöne erhielt 81, Roth 72 Stimmen. Sie blieben um ca. 40 Stimmen hinter den Gegnern zurück. Ein sehr guter Anfang! — In Leihgestern findet diesen Frei⸗ tag die Gemeinderatswahl statt. Unsere Ge⸗ nossen haben dazu drei Kandidaten aufgestellt und zwar Gg. Eiff, Joh. Mattern und Jak. Schmidt. Donnerstag Abend fand im Adler eine Versammlung statt, in welcher Vetters⸗ Gießen über sozialdemokratische Gemeindepolitik sprach und Gemeinderatsmitglied Faber über seine bisherige Tätigkeit Bericht erstattete. Das Wahlresultat können wir erst in nächste. Nr. mitteilen. Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Püdingen — Ueber die Verunreinigung der Usa bei Friedberg hat der Landtagsabge⸗ ordnete Damm eine Interpellation in der Zweiten Kammer eingebracht, warum die Regierung, der doch die jedes Jahr in der Hochsaison wieder⸗ kehrenden, höchst gesundheitsgefährlichen Zustände lange bekannt seien, nicht eingreife? Interpellant sagt in der Begründung seiner Anfrage: Der Zustand der Usa bei Friedberg und Unterhalb der Stadt ist in Folge Einlassens der Abwässer aus dem Bad⸗Nauheimer Klärbecken wieder ein solcher, daß er jeder Beschreibung spottet. Eine dickflüssige, dunkle, schmutzige, weithin die Luft verpestende Brühe bedeckt das Flußbett, aus dem alle Lebewesen, außer Maden und Würmern verschwunden sind. Es ist nur als ein glücklicher Zufall zu bezeichnen, daß Epi⸗ demien noch nicht ausgebrochen sind, die natürlich ebenso verhängnisvoll für Bad⸗Nauheim wie für Friedberg wären. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Auf die Parteiversammtung für den Wahlkreis Wetzlar, die diesen Sonntag im„Wiener Hof“ in Gießen stattfindet, wird nochmals hingewiesen. h. Steuern für den Dom baul Die letzten Steuerzettel haben in Wetzlar eine größere Aufregung hervorgerufen, als sie sonst zu tun pflegen. Und zwar deswegen, weil man extra Steuern für den Do mbau verlangt. Nach einem Beschlusse der Stadtverordneten soll die evangelische Gemeinde 16 000 Mk. und die katholische 4000 Mk. dazu beitragen, welche Summen in Form von Kirchensteuern eingezogen werden. Es mag ja ganz löblich sein, wenn man das alte Kunst⸗ denkmal zu erhalten sucht. Aber anderseits sollten doch — dene kalle drück der mehrt icht Leg Säle Be öfter und deut und der Wülr auf Was die der Jag entst find, Rede schäd hand suche hlete die! mein eince berli zu f alljä Sum zu tl zur Mein Aus suche bei! zelne el ge⸗ fen der el⸗ de ant der . del el. die ett, 5 als l 0 ble den euer en, gen ung wol 540 letel die mel 05 l boch —.——.. ——̃̃ä—̃ r——— Ki A. Liegler, Ph. Kreiling, dust. Schneider gerserrng, Erie d 50 Nr. 34. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. dienLeute den Dom aufbauen, die ihn brauchen. Wer keine kirchlichen Bedürfnisse hat und diese Steuern drückend empfindet, kann sich nur mit dem Austritt aus der Kirche davon befreien. Vielleicht finden sich dazu mehrere zusammen und sammeln das Geld für Er⸗ richtung eines Versammlungslokals auf, denn die hiesigen Wirte gehen lieber bankrott, als daß sie ihre Säle zu Versammlungen hergeben. — Ueber Wildschaden wurde uns von Bewohnern verschiedener Orte im Kreise Wetzlar öfters geklagt. Das Wild, besonders Hirsche und Rehe hat sich in der letzten Zeit ganz be⸗ deutend vermehrt und richtet auf den Hafer⸗ und Kartoffeläckern großen Schaden an. Wie der„Frankf. Zeitung“ dieser Tage geschrieben wurde, findet man stellenweise Kartoffeläcker, auf denen fast die ganze Ernte vernichtet ist, was umso schmerzlicher empfunden wird, als die ganze Kartoffelernte schon ohnedies infolge der Dürre, wenig gute Aussichten bietet. Die Jagdpächter aber, die doch zur Zahlung eines entsprechenden Wildschadenersatzes verpflichtet sind, suchen die Geschädigten vielfach mit schönen Redensarten hinzuhalten, oder mit Geldent⸗ schädigungen abzufinden, die dem wirklich vor⸗ handenen Schaden keineswegs entsprechen. Auch suchen einzelne Jagdpächter sich große Jagdge⸗ biete auf längere Zeit zu erwerben, indem sie die Jagdgebtete einer ganzen Anzahl von Ge⸗ meinden zusammenpachten und durch Zahlung eines höheren Pachtpreises sich die Pachtzeit verlängern lassen. Um sich vor Wildschaden zu schützen, wird vielfach den Gemeinden alljährlich außer dem Pachtzins eine kleinere Summe gezahlt, wofür diese den Wildschaden zu tragen haben. Da diese aber nur sehr selten zur Zahlung einer Entschädigung an die Ge⸗ meindeglieder bereit sind und durch allerlei Ausreden sich ihrer Verpflichtung zu entziehen suchen, so stehen sich zwar die Gemeindekassen bei diesem Geschäft nicht schlecht, aber die ein⸗ zelnen Bürger, und nicht zum wenigsten der „arme Mann“ hat unter diesen Verpachtungs⸗ bedingungen oft schwer zu leiden. Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. t. Von einer großen Brandkatastrophe wurde am Donnerstag(11. Aug.) Herborn heimgesucht. Gegen 8 Uhr morgens brach in der Schaafgasse, einem engen winklichen Teile des Städtchens, wo nur uralte Fachwerksbauten und Scheuern stehen, Feuer aus, das sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete. Als die Feuerwehr auf der Brandstelle erschien, waren bereits vier Gebäude von den Flammen ergriffen worden. Infolge des Wassermangels konnte dem umsichgreifenden Feuer vorerst nur geringer Widerstand geleistet werden. Auf telefonischem Anrufe öffneten die Hüttenbetriebe in der Nach⸗ barschaft ihre Stauwerke. Nach kurzer Zeit waren fast sämtliche Feuerwehren des Dillkreises und der benachbarten Orte des Kreises Wetzlar, insgesamt 25 Wehren, zur Stelle. Sie arbei⸗ teten mit großer Energie; da aber die Gebäude ohne isolierende Brandmauern waren, so dehnte sich das Feuer immer weiter aus, sodaß gegen 11 Uhr vormittags, als dem Weiterschreiten endlich Einhalt getan werden konnte, zirka 30 Scheunen und 15 Wohnhäuser in Asche lagen. bersichert. Und wie immer, sind die ärmeren Leute am meisten geschädigt. Bei den Rettungs⸗ arbeiten ging leider auch ein Menschenleben zu Grunde. Ein Schornstein stürzte um und er⸗ schlug den verheirateten Feuerwehrmann Kegel aus Hörbach. Der Verunglückte hinterläßt drei unversorgte Kinder und seine Frau liegt krank darnieder. Wie uns mitgeteilt wurde, wollte man den Schornstein niederlegen, der Bürger⸗ meister habe es jedoch untersagt.— An der⸗ selben Stelle, brach letzten Donnerstag zum zweiten Male Großfeuer aus, das den ganzen uoch stehenden Teil der Schaafgasse in Asche legte. 12 Wohnhäuser und 23 Scheunen sind abgebrannt. Die Löschungsarbetten wurden durch den Wind sehr erschwert, obwohl wieder 25 Wehren in Tätigkeit traten. Pioniere aus Kastel trafen noch Abends ein. Es wird Brand⸗ stiftung vermutet. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. r. Nette Zustände in bezug auf Lohn⸗ verhältnisse herrschen in der Tabak fabrik von Stephan Niederreh. Die Firma be⸗ schäftigt ungefähr 40 Personen, 30 davon sind Mädchen im Alter von 14—20 Jahren. Die Arbeitszeit beträgt 10 Stunden. Ueberstunden werden sehr häufig gemacht, öfters bis abends 10 und 11 Uhr. Die Mädchen erhalten einen Stundenlohn von 5 bis 7 Pfennig, daher nehmen dieselben die Ueberstunden mit, um ihren Wochenverdtenst etwas höher zu bringen. Das weiß der Unternehmer ganz genau und hat selbstverständlich den Vorteil davon, da Ueber⸗ stunden nicht höher bezahlt werden. Die Mäd⸗ chen haben täglich einen Weg bis zu 3 Stunden zurückzulegen, was bei normaler Arbeitszeit 13 Stunden ausmacht, bei Ueberstunden 15 bis 17 Stunden. Ohne die Pausen! Die aschfahle Gesichtsfarbe der Mädchen zeigt, wie nachteilig die überlange Arbeitszeit auf die Gesundheit der Arbeiterinnen einwirkt. Die bei der Firma beschäftigten Männer sind meist seit ihrem 14. Lebensjahre in dieser Fabrik, haben also ihre besten Jahre, womöglich den größten Teil ihrer ganzen Lebenszeit da verbracht. Diese Jubi⸗ läumsarbeiter verdienen 20 bis 29 Pfennige. Feiert ein Arbeiter sein 25. Arbeitsjubiläum bei der Firma, so wird er mit einer silbernen Taschenuhr beschenkt und diese Wohltat selbst⸗ verständlich in den hiesigen Zeitungen breitge⸗ treten.— An Organisation zur Verbesserung threr Lage, denken diese Arbeiter und Arbeite, rinnen natürlich nicht, sie kennen kein anderes Leben und verfügen nicht über die nötige Energie sich aufzuraffen. 1. Die Wahlvereins⸗Versammlung, welche am 27. August stattzufinden hätte, fällt aus. Dafür findet am darauffolgenden Samstag, am 3. September eine Versammlung statt, in welcher der Stadtverordnete Dr. Quarck⸗Frankfurt über Handelspolitik und Sozial⸗ demokratie sprechen wird. Zu dieser Versammlung wird zahlreicher Besuch erwartet, ebenso sind auch Gäste will⸗ kommen. r. Die Marburger Holzarbeiter feiern diesen Sonntag das 11 jährige Bestehen ihrer Zahlstelle durch ein Stiftungsfest in dem Restaurant Hildmann. Jedermann hat freien Eintritt. Kleine Mitteilungen. Ein großer Teil der erst eingebrachten Ernte ist vernichtet und war zum Teil noch nicht k Mord in Offenbach. Die 24 Jahre alte tag früh nahe der Offenbacher Gasfabrik ermordet. Als Täter wurde der erst 18jährige Geliebte des Mädchens verhaftet, der den Mord aus Elfersucht verübt haben soll. eber fahren wurde in Großkarben der 13. jährige Sohn des Eisenbahnarbeiters Bohlert durch einen Mistwagen. Die Räder waren dem Jungen über Beine und Leib gegangen, so daß er schwer verletzt in die Gießener Klinik verbracht werden mußte. Und wieder: Bergmannstod. Auf der Zeche„Dahlbusch“ bei Essen wurde der Bergmann Friedrich durch herabstürzende Gesteinsmassen erschlagen. * Wegen Unterschlagung ist der Rendant der städtischen Armenverwaltung in Aachen, Josef Krückel verhaftet worden. Der durch jahrelange Fälschungen verursachte Betrag beläuft sich auf 150 000 Mk. * Einen grausigen Tod erlitt der Arbeiter Steffen auf dem Hüttenwerke in Malstadt⸗ Burbach bei Saarbrücken. Er fiel aus einer Höhe von 2½ Metern in einen mit glühenden Schlacken gefüllten Kasten und verbrannte in wenigen Minuten bis zur Unkenntlichkeit. Er hinterläßt eine Witwe und drei Kinder. Schlimmer Jugenderzieher. Der Schul⸗ direktor Schubert in Zwickau wurde wegen Sittlich⸗ keitsverbrechens, das er an einem Mädchen unter vier Jahren beging, zu 1 Jahr und 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Gebrochene Ordnungs- und Innungs⸗ st ü tze. Vom Dresdener Landgericht wurde der Innungskrankenkassenkassterer und Mineralwasserfabrikant Uhlig aus Pirna wegen Betrugs und Unterschlagung zu einem Jahr drei Monat Gefängnis verurteilt und ihm außerdem die Ehrenrechte aberkannt. Der Brave unterschlug Krankenkassen⸗Unterstützungen, indem er den Arbeitern nach Willkür von den Unterstützungen Beträge abzog, die Quittungen aber auf die vollen Beträge aus⸗ stellte. Einen Baumeister hatte er um dreitausend Mark geprellt. * Ein Zusammenstoß zweier Gisenbahnzüge ereignete sich am Sonntag bei Zittau in Sachsen auf der Schmalspurbahn Zittau⸗Oybin. Zehn Reisende sind verletzt, darunter einige schwer, außerdem haben auch Bahnbeamte Verletzungen davongetragen. * In Vilbel brannte am Mittwoch Abend die mit Futtervorräten angefüllte Scheuren des Schweinehändlers Klöß nieder. Versammlungskalender. Samstag, den 20. August. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbi g. Montag, den 22. August. Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt des Kurinstituts Spirro⸗Sperro in Niederlößnitz bei Dresden bei. Freie Turnerschaft Giessen. Mittwoch, 24. Aug., abends 8 ¼ Uhr Mitglieder⸗ Versammlung im„Pfau“(Dreher). Tages⸗Ordnung: 1. Abrechnung vom Sommerfest. 2. Stiftungsfest. 3. Betr. Standarte. 4. Obligat. Einführung der Turnzeitung. 5. Verschiedenes. Da wichtige Tagesordnung, wird um zahlreiches Erscheinen gebeten. Fabrikarbeiterin Reiß aus Gelnhausen wurde am Diens⸗ Der Vorstand. Sonntag, den 21. und Montag, den 22. August rchweih· Fe wozu ergebenst einladen die Wirte B. Wacker, Karl Kreiling. Dienstags und Frestags Zwiebelkuchen in tadelloser Ware, sowie alle feineren Backwaren stets frisch und gute Qualität. IL. Müller Gießen, Bahnhofstraße 61. Zur Rettung v. Trunksucht! 1 Anweisung nach 32.“ Lager in jähr. approb. Methode, radikale Beseitigung, mit, auch ohne]& Vorwissen zu vollziehen, keine in Briefmarken beizufügen. Man! adressiere: Privat-Anstalt Villa Christina, Post Säckingen, G 53. Baden. Ferd. Nennstiel Ciessen, Mochstu. S. sämtlichen Kasteumöbeln, poliert und lackiert, als Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Les E,, Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung iebernahme voll- . ständ. Ausstattung. —— 3 ——*— ——— 5 =——— — —— ——— — — ̃—... — Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 34. Der Bericht des Vorstaudes der sozialdem. Partei an den Parteitag in Bremen ist dieser Tage erschie⸗ nen. Er weist zunächst auf die Verluste hin, welche die Partei durch den Tod einer Reihe im Vordertreffen stehende Genossen erlitten hat. Es werden Meiling, der in Dresden starb, als er dort sein Delegiertenmandat zum Parteitag ausübte, ferner Levy von der Erfurter Tribüne, und unser Landtagsabgeordneter Haas ge⸗ nannt. Weiter erwähnt der Bericht den Verlust der Genossen Wenzel und Merke l⸗Ludwigshafen; der Abg. Hofmann und Rose now, dann Agster Glade witz, Toelge, Jakobs, letztere beidenin Ham⸗ burg und noch eine Anzahl andere werden genannt, darunter drei s. Zt. von dem Sozialisten⸗Gesetz nach Amerika vertriebene. Ohne Schmerz dagegen erlitt die Partei den Verlust, den sie durch die offizielle, bezw. öffentlich erfolgte Aus⸗ trittserklärung von drei Genossen und einer Genossin zu verzeichnen hat. Es sind dieses: Lebius⸗Dresden, Wessel⸗ Düfseldorf, Mayer⸗Tübingen und Fräulein Imle⸗Düssel⸗ dorf. Wäre der Austritt der bier Genannten aus der Partei von der bürgerlichen Presse nicht als ein beson⸗ deres beachtenswertes Zeichen für die innere Zersetzung der sozialdemokratischen Partei ausposaunt worden, sie wären im Strome der Vergessenheit sang⸗ und klanglos untergegangen. Am 8. August vorigen Jahres sind drei weitere Opfer des Löbtauer Urteils vom 3. Februar 1899 be⸗ gnadigt und in Freiheit gesetzt worden. Es sind dies die Zimmerer Karl Moritz, Johann Gedlich und Karl Wobst, die ca. 4½ Jahre von der über sie verhängten Strafe im Zuchthaus zu Waldheim verbüßt haben. 3½ bezw. 2½ sind den Bedauerns werten durch den Gnadenakt erlassen, durch den auch die Einsetzung in die bürgerlichen Ehrenrechte erfolgte. Zur Zeit befinden sich noch 2 Opfer des Löbtauer Urteils in dem Zuchthaus zu Waldheim. Es sind dies die Bauarbeiter Zwahr und Schneider, die seinerzeit zu 10 resp. 9 Jahren Zuchthaus perurteilt worden sind.(Siehe unter Pol. Rundschau. D. R.) Nach Verbüßung einer zweijährigen Zuchthausstrafe ist am 2. Mai der Genosse Harder aus Kamin bei Neubuckow in Mecklenburg aus dem Zuchthaus Drei⸗ bergen entlassen worden. Wir sind von der Unschuld des Genossen Harder ebenso fest überzeugt, wie von der seines Leidesgenossen Holst in Wismar, dessen Fall wir im vorjährigen Bericht behandelten. Wie Genosse Holst so wurde auch Genosse Harder wegen Meineids verurteilt. 21. Oktober v. J. feierten wir das 25jährige Jubiläum des Erlasses des Sozialistengesetzes. Das Ausnahmegesetz, erlassen, um die deutsche Sozial⸗ demokratie mit Stumpf und Stiel auszurotten, wurde die Ursache zu einem Zusammenschluß der Genossen, in dem die freiwillige Disziplin die Zusammenfassung der Parteikräfte in einer Weise herbeisührte, wie vordem durch die peinlichst ausgearbeiteten statutarischen Satzungen und Vorschriften nicht zu erreichen war. Die ersten Schläge, die nach dem Erlaß des Gesetzes fielen, brachten die Auflösung aller sozialdemokratlschen und sozialdemo⸗ kratisch anrüchigen Vireine. Und sozialdemokratisch an⸗ nüchig zu sein, dazu gehörte nicht viel. 352 Vereine verfielen der Auflösung. 1299 Druckschriften wurden verboten. Auf Grund des über die Stäcte Berlin, Hamburg⸗Altona, Harburg, Leipzig, Frankfurt a. M. Hanau, Offenbach, Stettin, Spremberg und ihre Umgebung verhängten sogen. kleinen Belagerungszustandes wurden 898 Personen ausgewiesen, darunter 504 Verheiratete mit 973 Kindern. Die Strafliste während der Dauer des Sozialistengesetzes weist inkl. 119 Jahre 5 Monate und 13 Tage Untersuchungshaft, Gefängnisstrafen von 731 Jahren 6 Tagen auf, ohne Anspruch auf Vollständig⸗ keit zu erheben. Je härter die Schläge fielen, je rück⸗ sichtsloser die Verfolgungen einsetzten, um so opfermütiger und opfersreudiger wurden die Genossen, deren freiwillige Disziplin die Grundlage der Erfolge bildete, welche in jeder Wahlperiode vom Jahre 1881 ab in stetig steigenden Wahlziffern Ausdruck fanden. Deshalb war der Tag der 25jährigen Wiederkehr des Erlasses des Sozialisten⸗ gesetzes wert, unter die Jubiläums tage in der Partei⸗ geschichte aufgenommen zu werden. Städtische und staatliche Verwaltungen wetteifern miteinander, den in ihren Betrieben beschäftigten Ar⸗ beitern das geringe Maß von gesetzlich gewährleisteten politischen Rechten streitig machen. Beschränkte man sich früher darauf, den Arbeitern zu verbieten, Mitglied eines sozlaldemokratischen Vereins oder der Gewerkschaften zu sein, so wird vielfach jetzt dem Arbeiter und Angestellten die wirischaftliche Bewegungsfreiheit so eingeengt, daß von einer freien Verfügung über den Arbeitsverdienst kaum noch geredet werden kann. So trat z. B. im Oktober v. J. der Magistrat der Stadt Dresden einem Beschlusse der Stadtverordneten bei, der den städtischen Arbeitern die Zugehörigkeit an den Konsum vereinen ver⸗ bietet. Einer rückständigen Wirtschaftspolitik der sogen. Mittelstandsretterei zur Liebe, verbietet man den Arbeitern, in vorteilhafter Weise den verdienten Lohn zu verwenden, wehrt ihnen, billig gute Ware einzukaufen. Wer sich dem Verbot nicht fügen will, muß darauf verzichten, seine Arbeitskraft der städtischen Verwaltung zu verkaufen. Das ist moderne Sklaverei. Der Bericht erwähnt dann den Kampf in Crimmit⸗ schau und stellt seinen Verlauf dar. Die Opferwilligkeit der deutschen Arbeiter, besonders der Berliner und Leip⸗ ziger wird dabei rühmend hervorgehoben. Im ganzen wurde die riesige Summe von 1011 000 Mk. für die Streikenden aufgebracht. Nachwahlen zum Reichstag fanden in dem Berichtsjahre 10 statt, an denen sich die Partei betei⸗ ligte und zwar in den Kreisen Dessau, Mittweida, Reichenbach⸗Kirchberg, Eschwege⸗ Schmalkalden, Osnabrück, Zschopau⸗Marienberg, Lüneburg, Altenburg, Frankfurt a. O. und Straßburg⸗Land i. Elsaß. 5 der erledigten Mandate waren im Besitz der Partei, Reichenbach, Mittweida, Zschopau, Altenburg und Frankfurt a. O. Mittweida und Reichenbach wurde von der Partei glän⸗ zend behauptet, wenn auch ein kleiner Stimmenrückgang gegen die bei den allgemeinen Wahlen erzielten Ziffern zu verzeichnen war. Die Mandate der Kreise Zschopau, Altenburg und Frankfurt a. O. gingen der Partei ver⸗ loren. Das Mandat des Kreises Mittweida war durch die Niederlegung des Mandats durch den Gen. Göhre erledigt, die erfolgte, ohne daß Gen. Göhre sich weder mit den Genossen seines Wahlkreises, noch mit dem Parteivorstand in Verbindung gesetzt hatte, ein Vorgang, der sich bisher noch nicht zugetragen hatte und in den weitesten Kreisen der Partei böses Blut machte. Reichen⸗ bach und Zschopau war durch den Tod der Genossen Hofmann und Rosenow frei geworden und die Mandate der Kreise Altenburg und Frankfurt a. O. für ungültig erklärt worden vom Reichstage. Die Ungültigkeitserklä⸗ rung der beiden Mandate durch die Reichstagsmehrheit entbehrt jeder rechtlichen Unterlage. Sie ist nur erklär⸗ lich, wenn man die Ausbrüche wütenden Hasses gesehen und gehört hat, mit denen die sozialdem. Fraktion bei jeder Gelegenheit von den Mehrheitsparteien überschüttet wird. Die Wahl in Altenburg wurde für ungültig erklärt, weil der konservative altenburgische Minister noch vor Ausschreibung der Wahl im konservativen Verein Zweifel darüber geäußert hatte, ob ein Herr v. Blödau dir geeignete Kandidat sei, den Kreis zu behaupten. Der Grund, weshalb das Frankfurter Mandat kassiert wurde, ist ebenso fadenscheinig. Die Kassierung erfolgte, weil der Regierungspräsident noch vor Ausschreibung der Wahl einen konservativen Wahlruf zugunsten des Herrn Felisch unterzeichnet hatte. Würde der Reichstag die bei der Kassierung der Wahlen in Altenburg und Frankfurt geübte Praxis fernerhin konsequent durchführen, dann hätten es die bürgerlichen Parteien in der Hand, sich in unsicheren Kreisen einen zielsicheren Protestpunkt zu schaffen, um im Falle des Sieges dem sozialdemo⸗ kratischen Vertreter ein Bein zu stellen, Der Verlust des 20. sächsischen Wahlkreises ist viel⸗ fach bemängelt und auch dem Parteivorstand der Vor⸗ wurf gemacht worden, durch seinen Einspruch gegen die Kandidatur des Genossen Göhre den Verlust des Kreises mitverschuldet zu haben. Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Der Parteivorstand würde seine Pflicht versäumen, würde er unter gleichen Umständen nicht ebenso handeln, wie er im Falle Göhre gehandelt hat. Genosse Göhre legte am 1. Oktober v. J. sein Mandat nieder, ohne vorher weder den Genossen des 15, sächsischen Wahlkreises noch einer andern Partei⸗Instanz von seinem Vorhaben Kennt- nis zu haben. Diese Handlung des Gen. Göhte stand mit allen Parteitraditionen im schroffsten Widerspruch. Der Bericht gibt im Weiteren eine eingehende Darstellung der Kandidatenfrage und der ahl in diesem Kreise. Landtagswahlen haben im Berichtsjahre stattgefunden in Sachsen⸗Meiningen, im Königreich Sachsen, in Baden, in Sachsen⸗Weimar, in Preußen, in Sachsen⸗Altenburg und in Sachsen⸗Koburg⸗Gotha. Den Landtagswahlen z zuzählen sind die Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft, und die Wahlen zu den reichsländischen Bezirkstagen. In Baden wurde der seitherige Besitzstand— 6 Mandate— behauptet. Pforzheim verlor die Partei, dafür wurde Karlsruhe-Land gewonnen, Außerdem brachte die Wahl noch eine Personenverschiebung, indem in Durlach an Stelle des bisherigen Abgeordneten Ge⸗ nossen Fenderich Genosse Horst gewählt wurde. In Mannheim wurde an Stelle des verzogenen Genossen Geiß und des eine Wiederwahl ablehnenden Genossen Dreesbach die Genossen Lehmann und Süßkind gewählt. Desgleichen behaupteten die Genossen in Sachsen⸗ Weimar den Besitzstand. Die Genossen Baudert-Apolda und Neidt Ilmenau wurden wiedergewählt. Auch in Sachsen⸗Meiningen behaupteten die Genossen ihren Be⸗ sitzstand mit sechs Mandaten. Den Genossen in Sachsen(im Oktober) wie auch (den Genossen in Preußen(am 12. November) war es unter dem Dreiklassenwahlrecht nicht möglich, ein Mandat zu gewinnen. Durch das erzielte negative Resultat find weder die Genossen in Sachsen noch die in Preußen entmutigt, vielmehr hat namentlich die glänzende Stimmenzahl, die in Berlin und in einer Anzahl anderer preußischer Städte die Partei erlangte, gezeigt, daß unter Unmständen selbst unter dem elenden Dreiklassenwahlsystem Siege möglich sind. Wäre die Haltung des Liberalismus nicht eine gar so erbärmliche gewesen, Liberale und Sozialdemokratie hätten den Vorteil gehabt. Wie auch immer die Reaktionäre beider Staaten versuchen werden, das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht dem Volke vorzuenthalten, der Kampf für dies grund⸗ legende Volksrecht wird von den Genossen mit gesteigerter Kraft geführt werden. Einen glänzenden Sieg erfochten die Genossen Ham⸗ burgs am 12. Februar, an dem die Wahlen für die halbschichtige Erneuerung der Bürgerschaft— dem gesetz⸗ gebenden Körper des Staates— stottfand. Die Partei, die bis dahin nur einen Vertreter, den Gen. Stolten, in der Bürgerschaft besaß, gewann zwölf Mandate. Die Sitze wurden der„Linken“ und den Antisemiten abge⸗ nommen. Letztere büßten ihre sämtlichen Mandate ein. Der Sieg der Hamburger Genossen war das Resultat jahrelanger, zäher Tätigkeit in der Erwerbung des Bürgerrechts, an das das Wahlrecht gebunden ist. (Fortsetzung folgt.) ———— Alkohol und Befreiungskampf. Ueber dieses Thema schreibt der in der Antialkohol⸗Bewegung sehr tätige Genosse Dr. Viktor Adler(Wien): Der Kampf gegen die Alkoholvergiftung ist zunächst ein Kampf für individuelle Hygiene, für die Gesundheit des Einzelnen. Der Verderb des Körpers und seiner einzelnen Organe, die Hemmung und Wertverminderung ihrer Funktion, die ganze Skala der Alkoholübel bis zum völligen Zusammenbruch, das sind zunächst persönliche Uebel, herbeigeführt durch individuelle Ursachen, zu vermeiden durch persönliches Ver⸗ meiden dieser Ursachen. Das Individuum trinkt, das Individuum wird alkoholkrank und wenn wir das Individuum zur Enthaltung vom Trinken bringen, so bewahren wir es persönlich vor diesem Uebel, oder retten es vor seinen Folgen. Der Kampf gegen den Alkohol ist also vor allem ein Werk persönlicher Aufklärung und Erziehung, ein Kampf von Mann zu Mann. Wer ihn aber ernst nimmt, sieht bald, daß ihm noch ein anderes entgegentritt, als der Hang und die Gewohnheit des Individuums, der steht bald, daß die Alkoholvergiftung auch eine soziale Tatsache ist, bedingt und befördert durch soztale Dinge, durch gesellschaftliche Zusammenhänge, durch den gesamten Zustand unserer wirtschaft⸗ lichen und politischen Verhältnisse. In gewissem Sinne könnte man von einem Status alcoholicus“) der kapitalistischen Gesellschaft reden. Der Al⸗ kohol ist ein Teil der Unterdrückungsmaschinerie, er trägt dazu bei, die ausgebeuteten Klassen in jenem Zustaude der Täuschung und der Un⸗ wissenheit, der Schwäche des Intellekts und des Willens zu erhalten, der bewirkt, daß sie sich Unterdrückung und Ausbeutung gefallen lassen. Aber eben diese Unterdrückung und Ausbeutung, eben dieses Elend ist auch der Boden, anf dem die Alkohol vergiftun aus einem persönlichen Uebel zu einer sozialen Seuche erwächst. Wie in allen großen Zusammen⸗ hängen, haben wir hier ein ganzes System der Wechselwirkungen von Alkoholismus und soztalem Elend mit einander verknüpft, das sie beide als Ursache, beide als Wirkung erscheinen läßt. Wer also den Alkoholismus brechen will, muß sich entschließen das System zu brechen, auf dem er wuchert und das er seinerseits wieder stützt. Mit persönlicher Propaganda allein ist der vestegen, wie die Tuberkulose aus der Welt zu schaffen ist durch Medikamente und Heilstätten allein. Gewiß: die Menschen werden erst ge⸗ sund werden, wenn sie frei geworden, sind. Aber wiederum: Was ist das größte Uebel im Befreiungskampf? Was ist die Macht, die endlich die Summe ziehen wird der kulturellen Entwicklung?—: Das täglich heller wer de Bewußtsein der arbeitenden Massen des Baie ihr täglich stärker werdender Wille. ie Revolutionierung der Gehirne, das ist die Hoff, nung, das ist die Arbeit aller, die für die Zukunft der Menschheit kämpfen. Nun at aber die Masse kein Gehirn, das nicht Schädel des Individuums säße und von er Gefundheit aller einzelnen Gehirne wird es in „ Alkoholischer Zustand. 1 —'. Alkohol so wenig endgiltig zu D = 7 — E 10 ahr Bra brau doch Tan furl und i ö bret ic Pat befe werden, allkech grunde gert n gan ür die 1 gesetz⸗ Parte, Suolten, te. Be n abge⸗ ö ate ein. ü ng dez . pf. in dern se Dr. ung itt bgiene, Berderb me, die unktton, 3 zum zunächst biduelle s Ver- n trinkt, d wenn 9 bol ersonlich r selnen 3 lso bol ng und Mann. daß hn r Hang der steht 0 so ale b sosale enhänge, ewissen fes 1 Der schinelk lasen der U. es u) daß. fall 15 10 auch 15 U 2 usamme“ sten. 1 bol se b inen H, ell 50 5 brech eur copogal, a allt, 1 Men f alta. bea 74 fd 0 ac tung 4 alte Tante. fahrung wissen, was alte Tanten bei jungen noch alles regulieren. Nr. 34. ——. ——. jg e. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. hohem Grade abhangen, wie schnel,, wie grund⸗ lich und wie erfolgreich sich die Revolutionierung der Gehirne vollzieht. Wir brauchen die Ge⸗ sundheit der Gehirne auf dem Wege zur Be⸗ freiung— die Organisation des Proletariats, die politische wie die gewerkschaftliche, wird umso leistungsfähiger, umso schlagfertiger sein, je nüchterner sie sein wird. Wir brauchen die Gesundheit der Gehirne erst recht, je näher wir dem Siege kommen. Das kämpfende Proletariat braucht Disziplin, das siegende Proletariat wird erst recht Selbstbeherrschung, Ruhe und Festigkeit brauchen. Wer die Emanzipation von der Ausbeutung will, muß die Befreiung vom Alkohol wollen; und wer die Menschheit von dem Fluche der Alkoholpergiftung erretten will, muß eintreten in die Reihen der Kämpfer für die soziale Be⸗ freiung der Menschheit. Nicht individuelle Bekämpfung des Alkohol⸗ mißbrauchs oder Kampf gegen seine sozialen Ursachen, sondern beides muß unsere Aufgabe sein. Noch einmal: die Welt wird nicht ent⸗ alkoholistert werden, solange sie nicht frei wird; aber sie wird umso früher, umso leichter frei werden, je mehr nüchterne, gesunde Gehirne den Kampf für die Zefreiung führen. 7 Unterhaltungs-Ceil. 7 ———ů—ů 2 Der HGekehrte. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. Patrick O' Kearney war ein wackerer junger Bursch, und seinem Geschäft nach ein Schiffs. zimmermann. Die fleißigste Hand bei der Arbeit, die kräftigste Schillelagh bei einer Schlägerei, und außerdem von gutem ehrlichem Herzen gewann er sich besonders die Liebe und Achtung der Nachbarn durch die Zärtlichkeit, mit der er seine alte und kranke Mutter pflegte, bis sie in seinen Armen starb. Er hätte auch sicherlich in Inveran ein so ruhiges und stlll⸗ zufriedenes Leben geführt und sich eine wackere Hausfrau genommen, wie eben andere junge Burschen— ja wenn die Sache nicht einen Haken gehabt. Patrick liebte nämlich— wie sich das von selbst versteht, denn ein Irländer ohne Liebe, Prügel und Whisky ist nicht denkbar— ein junges, hübsches, aber armes Mädchen in In⸗ veran und da er selber ebenfalls kein Vermögen besaß, schloß er, der Himmel müsse sie beide sicherlich für einander bestimmt haben. War das nun wirklich der Fall, so hatten die Menschen desto mehr dagegen. Judith Mac Neale mochte den wackeren jungen Burschen freilich wohl eben so gern leiden, wie er sie, und ein hübscheres, passenderes Paar gab es sicher an der ganzen Galwaybai“) nicht mehr, aber Judith hatte eine Denen nun, die schon aus Er⸗ Braut- oder Liebesleuten zu bedeuten haben, brauchte ich eigentlich gar nichts weiter zu sagen. Denen aber, die es noch nicht wissen, bin ich doch eine nähere Erklärung schuldig. Diese alte Tante gedachte nämlich Judith einmal, wenn sie starb, ein paar hundert Pfund zu hinterlassen, Und glaubte dafür gerechte Ansprüche zu haben, ihr künftiges Lebensglück zu regeln, wie sie es für gut finden würde. In einer Verbindung ihrer in der rechtgläubigen Lehre erzogenen Nichte mit dem Ketzer Patrick O' Kearney konnte sie keinen Segen erblicken oder hoffen, und nur als sich Judith ihren Machtspruch gar so sehr zu Herzen nahm, beschloß sie aus über⸗ großer Milde selber einmal den abtrünnigen Patrick ins Gebet zu nehmen und ihm anzu⸗ befehlen, wieder zur alten rechtgläubigen Kirche zurückzukehren! nachher ließ sich vielleicht Daß seine Elternzund *Irländische Küste des atlant. Oceans Großeltern schon Protestanten gewesen waren, und ihn in diesem Glauben hatten taufen und erziehen lassen, kümmerte ste nicht. Patrick kam und Judith erwartete mit Herz⸗ klopfen das Resultat der Verhandlung, das aber keineswegs ihren Wünschen nach ausfiel. Die alte Dame, anstatt dem jungen trotzigen Patrick mit Milde und Sanftmut zuzureden, goß gleich von Anfang an das Kind mit dem Bade aus, nannte ihn einen blinden Heiden und schmählichen, gottvergessenen Ketzer, der von einer eben solchen Bande von Ketzern abstamme, und verlangte von ihm ohne weiteres, daß er sich noch an demselben Tage bekehren und dem reinen und einzig wahren Glauben zuwenden solle. Zu ihrer Unterstützung hatte sie dabei noch einen dicken wohlgenährten Geistlichen— ihren Beicht⸗ vater— zugezogen, und dieser ging für den erhofften Bekehrungsversuch gleich so ins Feuer, daß Patrick O' Kearney erst ärgerlich und nach⸗ her böse wurde, dem Pater einige bitterböse Sachen, sehr zum Entsetzen der Tante, unter die Nase rieb und zuletzt erklärte, wenn einer von ihnen beiden zur andern Religion absolut übertreten solls, so könne das auch eben so gut Judith tun wie er. In der Bibel stehe über⸗ haupt geschrieben: Die Frau soll dem Manne folgen, nicht der Mann der Frau und jemand zu seiner Religion zu gewinnen, müsse man nicht damit anfangen, die seiner Vorfahren vor die Hunde zu werfen. Kurz und gut, Patrick O' Kearney arbeitete sich dermaßen in Zorn und Galle hinein, daß er noch alles mögliche weiter sagte, und auf das lebendigste dabei gestikulierte. Pater An⸗ selem behauptete sogar später, er habe ihn— prügeln wollen. Die Tante endlich, ebenfalls keine von den Sanftmütigen und jetzt auf das äußerste gereizt, schloß damit, zu erklären, daß ste Judith enterben würde, falls diese es wagen sollte, ihrem Glauben abtrünnig zu werden und Patrick O' Kearney zu bitten, sich aus dem Hause zu scheren und dessen Schwelle nie im Leben wieder, wenigstens nicht als Protestant und Ketzer, zu überschreiten. Damit war nun dem Faß der Boden aus⸗ gestoßen. Patrick hatte allerdings noch eine heimliche Zusammenkunft mit Judith, in der er sie einfach aufforderte, mit ihm durch, nach Amerika zu gehen; Judith konnte sich aber, so sehr sie den jungen Mann liebte, nicht dazu ent⸗ schließen; und Patrick, als auch sie ihn endlich aufforderte, den Wunsch ihrer Tante zu erfüllen und Katholik zu werden, faßte in Verzweiflung seinen Hut und lief fort. Dabei tat er etwas, was junge tollköpfige Burschen nur zu leicht und törichterweise tun, wer m ihnen etwas der Quere geht, und ste ihr bißchen Verstand gerade erst recht zusammen⸗ nehmen sollten, es zu besiegen. Er betrank sich an dem Abend auch noch um das Letzte, was ihm an Verstand wie Geld geblieben war und ließ sich in diesem Zustand von einem englischen Werber ins Garn locken. Wie das alles so kam, wußte er eigentlich selber nicht recht, als er aber am anderen Morgen erwachte, fand er sich, sehr zu seiner Ueberraschung, in einer Hängematte schaukeln, hatte furchtbare Kopfschmerzen und erfuhr von einem Landsmann, der eben das Frühstück für die Leute in den untern Raum brachte, daß er sich an Bord Ihrer Majestät Fregatte, der Thetis, befinde, die gerade die Anker gelichtet habe und hinaus in die See steche— woh in wisse natürlich niemand als der Kapitän. Patrick schloß die Augen und fiel wieder in seine Hängem itte zurück, als ob er totgeschossen wäre. An Bord aber wurde ihm aber nicht viel Zeit zum Ueberlegen oder Nachdenken ge⸗ lassen; sie brauchten ihre Leute notwendiger. Patrick wollte nun allerdings gegen ein solches gewaltsames Vorgehen, das Menschen wider ihren Willen hinaus in die See schleppe, pro— testieren; das half ihm aber weiter nichts, als daß man ihm bedeutete, er würde die neunge⸗ schwänzte Katze zu kosten bekommen, sobald er den Mund noch einmal auftue. Was wollte er machen? Die Seekrankheit bekam er auch; daß die Offiziere an Bord die Macht und Gewalt hatten, ihre Drohung vollkommen ungestraft auszuführen, wußte er ebenfalls, und er tat, was er doch am Ende hätte tun müssen— er fügte sich auch darum sehr vernünftig dem Un⸗ abänderlichen. Die Thetis kreuzte indessen eine ganze Weile im Atlantischen Ozean umher, lief erst New⸗ Vork, dann Rio de Janeiro an und Patrick O' Kearney hatte wenigstens die Genugtuung, einen Brief an Land zu schicken, in welchem er Judith seine ganze gewaltsame Entführung meldete und zugleich ein paar Zeilen an die Tante beilegte, in denen er seinen ganzen Zorn gegen diese ausließ— die verwünschte Tante war ja an seiner ganzen Seefahrt schuld. In dem Brief erklärte er ihr nochmals feierlich, seinen Glauben nie abschwören zu wollen, doch jedenfalls kehre er aber einst nach Irland zu- rück und dann heirate er Judith, ihr und allen Tanten der Welt zum Trotz. f Daß der Brief die Tante nur noch ärger gegen ihn stimmen und seine Hoffnungen jetzt eigentlich völlig untergraben müsse, wußte er allerdings, als er ihn absandte, aber die ganze Welt fing an, ihm gleichgültig zu werden; er war ja überdies aus seiner Arbeit, aus seinem ganzen Leben herausgerissen, und zwischen den Abschaum der Gesellschaft hier an Bord eines Kriegsschiffes geworfen worden, auf wen brauchte er also Rücksichten zu nehmen? Wie sie Land sichteten, stieg in ihm allerdings eine schwache Hoffnung auf, und der Gedanke kam ihm, zu desertieren. wirklich geglückt, wenn er es eben gescheiter angefangen hätte. So aber wurde er auf frischer Tat ertappt, bekam fünfundzwanzig mit der Katze und mußte unten im dunklen Raum in Eisen sitzen, bis das Schiff wieder unter⸗ wegs war. Es kam ihm freilich sonderbar vor, daß er als freier Untertan ihrer britischen Majestät, gerade so behandelt wurde, als ob er auf Raub und Mord irgendwo eingebrochen und dabet erwischt wäre. Jede darüber geäußerte Be⸗ merkung hätte aber ebenfalls wieder Strafe nach sich gezogen und er trug sein Leiden ge⸗ duldig— bis zu einer nächsten passenden Ge⸗ legenheit. Patrick O' Kearney war nämlich nicht der Mann, aus Mangel an Energie irgend ein Unternehmen aufzugeben, weil es beim ersten Mal mißglückte. Deshalb, als die Thetis in Valparaiso anlief, dort vor Anker ging, und das Gerücht das Schiff durchlief, sie seien vor der Hand hierher stationiert worden, und sie würden eine Zeitlang im Hafen liegen bleiben, beschloß er fest, was es auch koste, bei der ersten passenden Gelegenheit einen neuen Flucht⸗ versuch zu machen. (Forsetzung folgt.) Splitter. Was sich nicht in den Angeln der Gewohn⸗ heit dreht, das, meinen die Menschen, ist auch nicht in den Angeln der Vernunft; aber wie unvernünftig diese Meinung ist, das weiß Gott. Montaigue. Das untrüglichste Armutszeugnis für eine gesellige Unterhaltung liegt dann vor, wenn sie uuf Kosten anderer geführt wird. Klatsch jeder Art dokumentiert nicht allein leere Herzen, sondern auch hohle Köpfe. Reichel. Humoristisches Hübsch gesagt. Auf dem bayerischen Handwerker⸗ tage in Neustadt a. D. leistete sich ein Redner den folgenden Hymnus:„Das Handwerk ist das Genie, das seine Fittige schützend über Thron und Altar ausbreitet und seine Eier an den Stufen des Thrones niederlegt.“ — Mehr kann man nicht verlangen. Der Fremdkörper. Doktor(zum kranken Schreiber):„Vielleicht ist Ihnen gar ein Fremdkörper in den Magen gekommen?“— Schreiber:„Ach ja! Ich habe gestern ein Stück Fleisch gegessen!“ o—— 7 Bemüht Parteifreunde! big es nach besten Kräften für die immer weitere Verbrettung Eueres Blattes. Es wäre ihm auch in New⸗Pork Seite 8. Brauereiarb.-Verband, Zahlstelle Giessen. Sonntag, 28. August, nachm. 3 Uhr Feier des. Süftungsfestes in der Restauration Zur Pulvermühle, bestehend in 0 Konzert, Tanz, Volksbelus tigunggund Kinderspielen Wir beehren uns hierzu sämtliche Gewerkschaften, sowie Kol⸗ legen von Gießen und Umgebung freundlichst einzuladen. Eintritt 20 Pfg. Das Festkomitee. Glas-, Porzellan- und Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen Lang& Wiederstein Marktstraße 4 Gießen Telephon 394. Ausfall des Händler-Aufschlages Die Fahrradfabrik„Schwalbe“ Act.-Ges. Gegründet 1896 Duisburg-Wanbeimerort 7 IJ versendet zu Händler-Preisen ihre E Fahrräder und Zubehörteile. Fahrrader schon zu ca. 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Vetters, Gießen, Druck von Heppeler& Meyer, Gießen.