Sr * 5 N ee FFF N——* „ ee ee— 3 e ee 1 Mr. 47. Gießen, den 20. November 1904. II. Jahrgang. 8 Redaktion: 0 attion uz: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche ee Lachuittag 4 Uhr. e g 2 nntags⸗JZeitun Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Dit verdammte Bedürfnislosigkeit. „Unter allen erstrebenswerten Tugenden, die den Angehörigen der arbeitenden Klassen zieren, steht die Tugend der Bescheidenheit obenan.“ In diesem Satze erschöpft sich gleichsam die Quintessenz der etwas siech und altersschwach gewordenen bürgerlichen„Weltweisheit“. Zu⸗ frieden mit den bescheidenen Verhältnissen, die einem das Schicksal zugewiesen habe, nicht an⸗ spruchsvoll und begehrlich dürfe man sein, dann kehre wahres und echtes Glück in die„stillen Hütten der Arbeiter ein“. Wie oft ist den deutschen Arbeitern dieses Lied in dem einen oder andern Ton vorgesungen worden. Die christlichen Parteien und christ⸗ lichen Organisationen sprechen es rund und nett so aus und verweisen den Arbeiter auf das Jenseits, wo er für alle Leiden dieser Welt reichlich entschädigt würde. Derweilen die dem Namen nach gleichfalls gut christlichen Kapitalsverehrer sich hier auf Erden ein„Ränz⸗ lein rund und dick“ anmästen. Die liberalen Parteien sagen ähnlich so: Seid hübsch bescheiden, ihr Arbeiter, spart eure Pfennige und laßt vor allen Dingen nach, Forderungen an eure Arbeitgeber oder an den Staat oder die Gemeinde zu stellen. Solches tut nicht gut, denn ihr reizt damit nur eure Herren zum Zorn. Seid hübsch brav, und wenn ihr Wünsche habt, so bringt diese ganz still für euch allein dem Arbeitgeber vor, aber um des Lebens und des Sterbens willen, nur keine gemeinsame Sache mit den Kollegen machen. Das sieht nach Streikgelüsten aus— und schädigt euch mehr als es nützt. Wie oft haben die Arbeiter diese Mahn⸗ und Trostsprüchlein zu hören bekommen, wenn es galt, sie von den Bestrebungen der modernen Arbeiterbewegung abzuhalten und mit der„Milch der frommen Denkungsart“ zu erfüllen. Die Schulweisheit lehrt uns mit dem Brusttone der Ueberzeugung, daß jede Tugend pflichtgemäß belohnt wird, deshalb könne auch der Bescheiden⸗ heit der Preis und die Palme des Ruhmes nicht vorenthalten bleiben. Doch die Welt mit ihren realen Tatsachen und ihrer lebendigen Wirklichkeit ist in der Regel anders als uns die idealistische Philosophie gerne vor unsere Seele zaubern möchte. Grausam und nüchtern vollzieht sich innerhalb der menschlichen Gesell⸗ schaft der Kampf ums Dasein, und er folgt in allen seinen Variationen und Regeln be⸗ stimmten ökonomischen Gesetzen, die die Not⸗ wendigkeit datiert. Und inmitten dieser trei⸗ benden Kräfte, die das wirtschaftliche und politische Leben beherrschen, standen lange die Arbeiter, bescheiden, gleichsam träumend in sich versunken und warteten, bis auch sie enttäuscht ihre Stellung änderten und fest entschlossen von der Gesellschaft ihren berechtigten Anteil am Geuuß und an der Lebensfreude forderten. In dieser veränderten Stellung liegt die treibende Kraft alles fortschrittlichen Gedethens. „Ihr müßt unzufrieden sein, denn eure verdammte Bedürfnislosigkeit ist viel Schuld daran, daß ihr unglücklich seid,“ rief schon Lassalle den deutschen Arbeitern zu, als er ihnen vorhielt, daß ste schon zufrieden sind, so ange sie noch, ein Glas Bier und ein Stück schlechte Wurst haben. Die kapitalistische Moral versteht eben nach dem wohlfeilen Sprüchlein „Ducke dich und strecke dich nach der Decke“ den Arbeiter unterzuordnen und für uneinge⸗ schränkte Ausbeutung zu präparieren. Während der„Bruder Arbester“, diesem unchristlichen Grundsatz folgend, in christlich⸗frommer Demut die linke Wange hinhielt, wenn man ihn auf die rechte geschlagen hatte, ist der„Bruder Kapitalist“ reich geworden und hat, empor⸗ klimmend zum Gipfel seiner Macht, seinen Herrschaftsgelüsten in uneingeschränktestem Maße gefröhnt. Das Gesetz erlaubt den Arbeitern ausdrück⸗ lich, sich zur Erlangung besserer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen zu vereinigen; auch der Streik ist gesetzlich erlaubt. Die Privatunter⸗ nehmer benutzen ihre wirtschaftliche Uebermacht, um den Arbeitern die Ausübung des Koalitions⸗ rechts möglichst schwer oder gar unmöglich zu machen. Sie wissen die Strafbestimmungen des Gesetzes zu umschiffen. Die Staats⸗ und Gemeindebeamten sind aber dafür da, darüber zu wachen, daß die Gesetze befolgt wer⸗ den. Von ihnen sollte man also in erster Linie erwarten, daß ste, entsprechend dem Gesetz, völlige Vereinigungsfreiheit gewähren und so den Privatunternehmern mit gutem Beispiel voran gehen. Nichts davon geschieht. Im Gegenteil gehen die Staats⸗ und Gemeindebetriebe gerade mit recht bösem Beispiel voran, indem sie viel⸗ fach die Arbeiter maßregeln, welche für eine auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende Organisation tätig sind. Es ist der reine Hohn auf das gesetzlich garantierte Koa⸗ litionsrecht, wenn diese Herren sagen, sie hätten nichts dagegen, wenn sich die Arbeiter organt⸗ sterten, nur dürften diese dann nicht in ihren Betrieben Arbeit beanspruchen! Man komme uns nicht mit„Umsturz⸗ bestrebungen“ auf der einen und„staatserhalten⸗ dem Prinzip“ auf der anderen Seite. Die große Masse des Volkes hat kein Interesse an der Erhaltung der Beamtenhierarchie, im Gegenteil, diese lastet schwer auf dem Volk. Wohl aber hat die große Mehrheit des Volkes ein le b⸗ haftes Interesse an der besseren Lebens⸗ haltung der Arbeiter. kluf der Arbeit, der nutzbringenden Arbeit beruht der Fort⸗ schritt der Menschheit. Und deshalb muß die Arbeit geachtet, müssen die Arbeiter an ihren Bestrebungen auf Besserstellung ihrer Lage und Erlangung größerer Freiheit geschützt werden. Das ist wahre Kulturarbeit. Die mehr als drei Millionen sozialdemo⸗ kratischen Wähler haben durch ihr Votum dokumentiert, daß ste nicht mehr zu den Rück⸗ ständigen gehören wollen, für welche die Worte von der Knechtsseligkeit und der verdammten Bedürfnislosigkeit gelten. Sicher gibt es noch viele Millionen, welche genau so denken, die aber bis jetzt noch nicht den Mut fanden, dies auch durch die Tat zu dokumentieren. Ihnen gilt vor allen Dingen das Mahnwort: es ist Unrecht, die Brüder allein im Kampfe zu lassen, helfen, mitkämpfen müßt ihr, desto rascher wird der Feind, der Drache des Kapitalismus besiegt sein. Und dann werden auch diejenigen Arbeiter bald auf unserer Seite stehen, die heute offen in den Rethen der Gegner kämpfen und somit gegen ihr eigenes Fleisch und Blut wüten. politische Rundschau. Gießen, den 17. November 1904. Sozialdemokratischer Parteitag für Preußen. Der Parteivorstand beruft auf Mittwoch, den 28. Dezember einen Parteitag für Preußen nach Berlin ein. Für die Tagesordnung sind vorläufig folgende Punkte vorgesehen: 1. der Wohnungsgesetzentwurf; 2. der Gesetz⸗ entwurf betr. die Bestrafung kontraktbrüchiger Arbeiter; 3. der Sckulgesetzentwurf; 4. das Landtagswahlrecht. Berichterstatter zu diesen Gegenstanden sind der Reihenfolge nach: Hei⸗ 1 Stadthagen, Arons und Lede⸗ our. Neuer Vernichtungsfeldzug gegen die Sozialdemokratie. Um der bösen Sozialdemokratie, die trotz aller„Niederlagen“ und trotz allem„Rückgang“ lustig weiter lebt, entgültig das Lebenslicht auszublasen, hat der„Reichsverband gegen die Sozialdemokratie“ in Berlin eine Redner⸗ schule eingerichtet. In einem dreiwöchent⸗ lichen Kursus wollen da verschiedene national⸗ liberale Abgeordnete die Kämpfer gegen den „inneren Feind“ einochsen, dieser hat dann hoffent⸗ die Freundlichkeit, vom Erdboden zu ver⸗ schwinden. Ist der große Rednerdrill zu Ende, meint das„Hamburger Echo“, dann werden die neuen Apostel hinausziehen in alle Lande und den Völkern die sozialdemokratischen„Uto⸗ pistereien“ ausreden; sie werden aus bösartigen „Terroristen“ lammfromme Schäflein machen, die, wenn sie von Gegnern einen Backenstreich auf die rechte Wange erhalten, gleich auch noch die linke hinhalten, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Der tobende Klassenkampf der Gegenwart wird sich in lauter Frieden und Harmonie auflösen. Die Sache hat nur noch einen Haken. Der Reichsverband muß seinen neuen Aposteln auch erst so viel Mut aner⸗ ziehen, daß ste sich ins Lager der neuzeitigen Heiden hineinwagen, die sie bekehren wollen. Aber wie sollen nationalliberale Schwätzmeister ihrem Schüler Mut einflößen? Haben doch die Herren selbst nie die Kourage, sth den Sozial- demokraten zum Redekampf zu stellen, und tagen vorsichtigerweise stets hinter verschlossenen Türen! Woher aber die Proselyten nehmen, wenn man sich nicht hinauswagt ins Volk! Und dabei sind die Sozialdemokraten gar nicht einmal so schlimm, wie ihre Bekämpfer sich vorstellen. Sie sollen nur kommen. Sie werden würdig empfangen werden mit— einem riesigen Hohngelächter! Agrarische„Kulturarbeit“. Gegen die preußische Kanalvorlage macht der Junkerbund gehörig mobil und läßt überall im Lande Protestversammlungen ab⸗ halten und Resolutionen beschließen, die den Mittellandkanal als eine schwere Schädigung der Landwirtschaft bezeichnen. Nur durch Ein⸗ führung des staatlichen Schleppmonopols auf ä—— —— r ä — 3 9 ——— —— — ———ͤ— a * — ——— N — R 8 — — ————. ů— — r 3—— * 2 ————ä —— e — ——— S————— — Seite 2. Witteldeutsche Sountass⸗RNeitung. sämtlichen Wasserstraßen, also auch auf öffent⸗ lichen Flüssen, könne diese wieder gut gemacht werden.— Das könnte den Herren Agrariern passen, wenn die Rhein- und Elbeschiffahrt dom preußischen Staate monopolistert und die Frachtsätze von der preußischen bis in die Knochen agrarischen Bureaukratie festgesetzt würden. Von einer Verbilligung der Frachten würde dann keine Rede sein und die agrarische Preispolitik bliebe auch von den Kanälen un⸗ berührt.— Von der Kanalkommission des Dreiklassenhauses wurde übrigens die Kanal⸗ vorlage, soweit sie die Kanalisterung der Weser von Minden bis Hannover, sowie den Dortmund⸗ Rhein⸗Kanal betrifft, ferner die Kanalisterung der Lippe beschlossen, diejenige der Mosel, Saar und Lahn jedoch abgelehnt. Noch etwas Saarabinisches. Im Frühjahr traten im Saarrevier eine Anzahl Parteigenossen zu einem Klub zusammen, der sich die Schaffung eines Fonds zur Gründung eines Parteiblattes zum Zweck gesetzt hatte. Diese Vereinigung gibt gelegentlich in Mitglieder⸗ Versammlungen des in St. Johann⸗Saarbrücken besteh⸗nden sozialdemokratischen Vereins über den Fortschritt ihrer Geschäfte Rechenschaft. Wegen einer solchen Berichterstattung wurden die Genossen Drunna und Osterroth unter An⸗ klage gestellt, weil die Versammlung, die eine solche des sozialdemokratischen Vereins und als solche auch angemeldet war, eine Versammlung des Presseklubs gewesen und nicht angemeldet worden. Der Gendarm als Zeuge hatte der Versammlung nicht beigewohnt, er hat nur später gehört, daß über das soztaldemokratische Blatt verhandelt worden sei.— Das Gericht verurteilte die Angeklagten zu je 30 Mk. Geld⸗ strafe und so kann man sagen, daß das neue Parteiblatt des Saarreviers seine erste Strafe schon vor seiner Geburt bekommen hat. Furcht vor der Wahrheit. Im preußischen Abgeordnetenhause hat Minister Möller anerkannt, daß die im„Vor⸗ wärts“- Verlage erschienene Broschüre„Saarabien vor Gericht“ eine zutreffende Darstellung des Prozesses Hilger gegen Krämer gibt. Diese wahre Darstellung der Zustände im Saarrevier ist am Sonntag dort unter strengster Beobach⸗ tung der polizeilichen Vorschriften unentgeltlich verbreitet worden. Die Polizei des Reviers, die seit Wochen auf das Ereignis wartete, war aber mit Feuereifer dahinter her und konfiszierte die Wahrheit in zahlreichen Fällen. Nicht weniger als 27 Protokolle wurden aufgenommen. Doch das hilft nun auch im Saarrevier nicht mehr. Die Wahrheit läßt sich auch dort durch kein Polizeiprotokoll mehr unterdrücken. Aus der Ferienkolonie. Zwei Soldatenschinder schlimmster Sorte hatten sich am Freitag vor dem Kriegsgericht in Koblenz zu verantworten. Der Sergeant Klusmaier und der Unterofftzier Al band von der 4. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 29 in Trier. Klusmaier war vom Kriegs- gericht der 16. Division wegen fortgesetzter Miß⸗ handlung Untergebener ꝛc. in mehreren hun⸗ dert Fällen zu einem Jahr Gefängnis und Degradation, Unteroffizier Alband zu 4 ½ Monaten Gefängnis verurteilt worden. Beide legten Berufung ein. Klus maier ließ wegen ganz geringer Vergehen die Mannschaften bis zu zwanzigmal hintereinander sich auf die Erde legen, dutzende Male jagte er sie treppauf, treppab. Er teilte Oorfeigen und Faustschläge zu Hunderten aus; mit einer Helmschiene schlug er einem Musketier die Nase blutig, der Mann mußte dann melden, er sei gefallen. Hunderte Male stieß und warf er die Leute mit den Köpfen gegen die eisernen Betten, die Spinde und Holzgestelle, und versetzte den Soldaten Fußtritte gegen den Unterleib. Einem Mann trat er mit dem Stiefel ins Gesicht; mit dem Säbel schlug er die Leute in den Rücken und auf die Oberarme. Bei Abgabe von Sachen hieb er mit einer scharfkantigen Latte blindlings auf die Leute ein. Eines Tages steckte Klus⸗ maier einem Musketier den Zeigefinger in den Hals, drückte ihm mit dem Daumen die Kinn⸗ lade herunter und stieß ihn dann mit dem Hinterkopf gegen die eiserne Bettstelle. Einmal mußten sämtliche Mannschaften der Korporal- schaft auf die Spinde klettern. Unteroffizier Alband mißhandelte die Leute in ähnlicher Weise. Das Oberkriegsgericht verwarf die Berufung. Während bet der ersten Verhandlung in Trier die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, wurde vor dem Oberkriegsgericht öffentlich verhandelt. Sozialdemokratische Geistliche. Wir in Deutschland sind es gewohnt, daß die Seelenhirten aller Schattierungen zu den besitzenden Klassen halten und sich— mit nur vereinzelten Ausnahmen— ganz besonders berufen fühlen, im Kampfe gegen die böse Sozialdemokratie die Führerrollen zu über⸗ nehmen. Weniger feindlich stehen in andern Ländern die Geistlichen dem Sozialismus gegen⸗ über. In Holland gibt es schon eine bedeutende Zahl evangelischer Pfarrer, die Sozialdemo⸗ kraten sind. In Friesland haben selbst einige ein eigenes Blatt gegründet: De blyde Wereld (Die glückliche Welt). Augenblicklich gibt es in Holland mindestens, wie dem Vorwärts ge⸗ schrieben wird, 1¾ Dutzend sozialdemokratische evangelische Pfarrer. Die Synode hat wieder⸗ holt versucht,„etwas“ dagegen zu tun, aber wenn die örtlichen Kirchenbehörden nicht mit⸗ wirken, ist das„Rausschmeißen“ ziemlich schwer. Also sozialdemokratische evangelische Geistliche sind nichts Neues. Großes Aufsehen aber macht das öffentliche Auftreten eines katho⸗ lischen Geistlichen, Dr. Van den Brink, als Sozialdemokrat. geschrieben, worin er mit christlichen Gründen die Sozialdemokratie verteidigt. Die Redaktion Het Volk sagt bei der Besprechung dieser Broschüre:„Es sind uns mehrere sozialdemo⸗ kratische katholische Geistliche bekannt, aber keiner spricht sich offen aus als dieser.“ Sobald etwa in Deutschland ein Geistlicher einen Schein von sozialistischer Gesinnung merken ließe, würde man ihm sofort den Brotkorb höher hängen, und zeigen, was deutsche Meinungsfreiheit ist, wie das in einigen Fällen schon passterte. Er würde nur dann seine Ueberzeugung betätigen können, wenn er materiell gesichert und unab⸗ hängig dastände. Sozialistische Wahlsiege. In Breslau waren am Montag Stadt⸗ verordnetenwahlen. Unsere Genossen erzielten einen guten Erfolg, sie behaupteten ihre zwei Sitze und brachten dret weitere Kandidaten in die Stichwahl. Die sozialdemokratischen Stimmen stiegen von 2610 auf 4340.— Recht gut schnitten unsere Genossen in Halberstadt ab. Dort wurden am Dienstag zum ersten Male zwei Sozialdemokraten, die Genossen Crohn und Gerlach mit je 1700 Stimmen gewählt, Schönfeld und Volkmann kommen in günstige Stichwahl. Bei den Wahlen der Großräte im Kanton Genf gewannen die Sozialisten 7 Sitze, sodaß sie jetzt 13 Mann stark in dieser Körperschaft vertreten sind. Die Wahl bedeutet einen großen Verlust der regierungsfreundlichen Radikalen, welche ihre sieben Sitze zu Gunsten der Sozia⸗ listen verlieren.— Die Gemeinderatswahlen in Graz(Steier⸗ mark) brachten der Sozialdemokratie einen glänzenden Sieg im dritten Wahlkörper. e acht Kandidaten wurden ge⸗ wählt. Fort mit der Todesstrafe! Vorige Woche ist der Maler Reimann, den das Schwurgericht in Königsberg wegen Ermordung des Rentiers Rahlke im Juni zum Tode verurteilte, auf dem Hofe des dortigen Gerichtsgefängnisses durch den Scharfrichter Schwitz aus Breslau mit dem Beile enhauptet worden. Als dem Delinquenten durch den Ersten Staatsanwalt die königliche Kabinettsordre, nach welcher der Monarch von seinem Begnadigungs⸗ rechte keinen Gebrauch gemacht, zur Einsicht⸗ nahme vorgelegt worden war, rief er mit — hofe zu Preungesheim hingerichtet. halben Jahre ist das Todesurteil über diese Dieser hat eine Broschüre lauter Stimme in den Hof hinein:„Meine Herren, ich erkläre Ihnen, ich ster be un⸗ schuldig. Ich sterbe nicht als Mörder, sondern bin unschuldig!“ Auch am Abend zuvor, als ihm die Ablehnung seiner 1 in der Mörderzölle mitgeteilt wurde, soll Reimann sowohl dem Staatsanwalt wie auch dem Geist⸗ lichen gegenüber fortgesetzt seine Unschuld be⸗ teuert haben. Ist es nicht grauenhaft, wenn der Mann wirklich unschuldig war?? Die Möglichkeit liegt jedenfalls vor. Und das allein genügt, die Todesstrafe zu beseitigen, wie es die Sozialdemokratie stets gefordert hat. Vergangenen Samstag wurden ferner die beiden Raubmörder Groß und Stafforst, die am 26. Februar den Klavierhändler Lichten⸗ stein ermordeten und beraubten, im Gefängnis⸗ Seit einem beiden schon gefällt. Und seit dieser Zeit lebten sie natürlich in beständiger Todesangst. Selbst die Anhänger der Todesstrafe müssen zugestehen, daß die lange Verzögerung der Urteilsvoll⸗ streckung eine gesetzwidrige Verschärfung des Urteils bedeutet. Wie verlautet, soll die Er⸗ ledigung des Gnadengesuches durch die Reisen des Kaisers verzögert worden sein. Sãchsische Wahlrechts räuber. Die antisemitischen und nationalliberalen Städtväter in Dresden planen schon lange eine Verschlechterung des Wahlrechts zur Stadt⸗ verordneten⸗Versammluug. Die Wahlen stehen vor der Tür und die Spießer haben nicht wenig Angst bekommen. Alljährlich ist ein Drittel der Stadtverordneten zu wählen und zwar das ganze Drittel auf einer Liste. Die relative Mehrheit entscheidet und daß ste dies⸗ mal zugunsten der Sozialdemokratie ent⸗ scheiden könnte, die dann mit einem Schlage ein Drittel der Rathaussessel einnehmen würde, das ist die bange Sorge, die unsere Stadtväter und die gutgesinnten Bürger ohne Unterschied der Partei drückt. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, obwohl schon das jetzige Wahlrecht unseren Genossen schwere G bietet.— Der saubere Entrechtungsplan liegt jetzt schon fix und fertig bis zur formellen Beschlußfassung vor. Man will ein sogenanntes Berufs⸗ wahlrecht schaffen, nach welchem die ver⸗ schiedenen Berufsgruppen mit einem Einkommen unter 2500 Mk. 24 Vertreter, diejenigen über 2500 Mk. aber 60 erhalten sollen. Auf diesen gemeinen Streich durch den neun Zehntel der Dresdener Einwohnerschaft ohne Weiteres rechtlos gemacht werden sollen, dürfte die . schon die entsprechende Antwort nden. Rück tritt des französischen Kriegsministers. General André hat seine Entlassung ge⸗ nommen. Die letzten Kammerdebatten über sein Denunziations-System haben ihm den Hals gebrochen. Als sein Nachfolger wurde der radikale Deputierte Berteaux ernannt. Die Blätter der Linken bezeichnen diese Lösung als eine Stärkung des Ministeriums Combes. Parlamentswahlen in Italien. Die Stichwahlen, welche am Sonntag in ganz Italien vollzogen wurden, haben die Regierungsmehrheit noch erhöht. Den Sozia⸗ listen, die an mehreren zwanzig Stichwahlen beteiligt waren, haben sie nur vier Mandate gebracht, weil die Radikalen und Republikaner unsere Genossen im Stiche ließen. Die Bürger⸗ lichen trieben dort dasselbe verräterische Spiel, was die Freisinnigen bei uns oft genug übten. In der Kammer befinden sich nun 29 Sozia⸗ listen gegen 33 in der vorigen. Wie in der letzten Nummer bereits mitgeteilt, stiegen die sozialdemokratischen Stimmen gegen die letzte 5 Wahl von 162000 auf 301000. Das russische Volk regt sich. Der Polizeioberst von Czenstochan in Russisch⸗Polen wurde auf dem dortigen Bahn⸗ hofe von einem Unbekannten durch zwei Messer⸗ stiche lebensgefährlich verwundet. Der„Zeit“ ern fell un⸗ dern lz der Hann elf. be⸗ venn Die Und igen, hat. die orst, ten puis, nem dlese 105 elbst chen, voll⸗ J des Er⸗ eien ralen lange tadt⸗ stehen nicht ein und Die dies⸗ e ent⸗ lage ürde, bäter schied t die recht 5 schon sung rufs⸗ bel⸗ mmen ühet diesen chntel teres fe die wort ———— 2 ——— — 75 ß ß ßßTßTTTTT Nr. 47. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Sei te. wird dazu gemeldet: Das Attentat ist eine Folge der ungeheuren Poltzeiwillkür, mit der die Unruhen in Czenstochau unterdrückt werden. Seit Tagen dementiert der offiziöse russische Regierungsapparat die Meldungen von den ernsten Unruhen in Russisch. Polen, während sich dort in der Tat die Bevölkerung geradezu in Empörung gegen das russische Regime befindet. Vielfach leisten die 10 Kriegs dienst einberufenen Reservisten Widerstand und vergeblich wird derselbe mit Flinte und Säbel niederzuschlagen gesucht. In Warschau kam es am Samstag zu Unruhen, zu deren Unterdrückung Militär aufgeboten wurde. Russisch⸗japanischer Krieg. Vom Kriegsschauplatze in der Mand⸗ schurei liegen Meldungen von Bedeutung nicht vor. Es finden stets kleinere Kämpfe statt, doch haben sich die feindlichen Armeen stark verschanzt. Eine Meldung, daß General Kuroki gestorben sei, wird von japanischer Seite bestritten. Vor Port Arthur bemühen sich die Japaner das letzte Bollwerk der Russen zu Falle zu bringen. Die Besatzung der Festung soll noch 20000 Mann betragen.— In dem Hafen von Tschifu suchte der russische Torpedo⸗ bootzerstörer„Rastoropny“ aus Port Arthur Schutz. Nachdem der Kapitän von chinesischer und amerikanischer Seite aufgefordert worden war, das Schiff abzurüsten, sprengten es die Russen in die Luft. a Die baltische Flotte passiert soeben den Suezkanal. Sie wird nicht vor 15. März in Wladiwostock eintreffen. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Vom Versicherungswesen. Nach dem Geschäftsbericht der Invaliden⸗Verstcherungs⸗ Anstalt des Großherzogtums Hessen ist die Zahl der in Heilanstalten Behandelten im Jahre 1903 auf 1382, gegen 1285 im Vorjahr gestiegen. Auch bei der Landes ⸗Versicherungs⸗ Anstalt Hessen⸗Nassau, die bisher recht zögernd die Invaliditätsverhütung durch Heil⸗ behandlung betrieb, ist im Jahre 1903 die Krankenfürsorge für ihre Versicherung um ein Kleines erweitert worden. 1902 ließ sie 591 tuberkulöse und 294 nichttuberkulöse Kranke behandeln, 1903 dagegen 692 tuberkulöse und 383 nichttuberkulöse Kranke. Dem Drängen des Ortskrankenkassen⸗ Verbandes Wiesbaden, die Errichtung eines eigenen Sanatoriums, gab die Anstalt leider nicht nach. Dagegen hat diese Anstalt für Ober⸗ und Unterwester⸗ wald⸗Kreis eine Rentenstelle mit dem Sitz in Montabaur errichtet.— Sehr erfreulich ist es, daß die Landes⸗Versicherungs⸗Anstalten sich die Förderung des Arbeiter-⸗Wohnungs⸗ baues, wenn auch teilweise noch recht minimal, angelegen sein lassen. Nach den Mitteilungen des sozialen Museums legten die Versicherungs⸗ Anstalten von ihrem Vermögen in Arbeiter⸗ wohnungen an: Hannover 43,3%, Hessen⸗ Nassau 18,4%, Großherzogtum H essen 16,7%— Schlesien 0,3%. Arbeiter⸗Invaliden⸗ heime hat bis jetzt nur die Thüringer Landes⸗ Versicherungs⸗ Anstalt errichtet(65 Betten). während in sämtlichen anderen Bezirleu de unglücklichen Arbeiter-Invaliden, die völlig vereinsamt, in keiner Famili« ehr eine Stütze finden, mit der knapp zugemessenen Invaliden⸗ rente, die nicht mal zur Befriedigung der aller⸗ notwendigsten Lebensbedürfnisse reichten, schwer⸗ lich vor der Demütigung der Armenfürsorge bewahrt bleiben. Ja, Preußen in Deutschland voran. Einfuhr und Ausfuhr. Nach den vom Kaiserlichen Statistischen Amt herausgegebenen Nachweisen hat sich in den ersten 9 Monaten d. J. die Einfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen um 3,2 Millionen Doppel⸗ zentner bermindert. Ebenfalls hat Deutsch⸗ land in derselben Zeit weit weniger Roggen, Hafer und Mais eingeführt, wie auch die Ein⸗ fuhr von Vieh und Fleisch abgenommen hat. Dagegen hat die Einfuhr von Butter um 50 Prozent zugenommen. Der Einfuhrwert hierfür stellt sich auf 44½ Millionen Mark.— Doch nicht allein die Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten hat abgenommen, sondern die Aus⸗ fuhr derselben ist um 2,8 Doppelzentner ge⸗ stiegen. An dieser Steigerung sind vornehm⸗ lich die Kartoffeln beteiligt, von denen in den ersten 9 Monaten d. J. 640000 Doppelzentner mehr aus- als eingeführt wurden, während im Vorjahre 440000 Doppelzentner Kartoffeln mehr ein⸗ als ausgeführt worden sind.— Von Industrieerzeugnissen hat die Ausfuhr von Kupferwaren, Maschinen, Glas und Glas⸗ waren, sowie Kurzwaren und Drogen zu ge⸗ nommen. Ungünstig dagegen hat sich das Aus fuhrgeschäft besonders für die Eisenindustrie gestaltet. An Eisen und Eisenwaren ist für zirka 34 Millionen Mark, weniger ausgeführt, dagegen für 5 Millionen Mark mehr eingeführt worden, sodaß sich der Wertausfall hierfür auf 29 Millionen Mark berechnet. Dieser Ausfall wird hauptsächlich auf den geringen Bedarf Englands und die verstärkte Konkurrenz der vereinigten Staaten von Amerika zurückgeführt. Der 5. Gewerkschaftskongreß, welcher im nächsten Frühjahre in Köln a. Rh. abge⸗ halten wird, soll sich nach den Mitteilungen des Korrespondenzblattes der Generalkommisston mit der Maifeterfrage, sowie mit der Frage Generalstreik oder politischer Massen⸗ streik beschäftigen. Eine vom 24. bis 26. Oktbr. in Berlin abgehaltene Konferenz der Vertreter der Zentral verbände hat sich gegen die General⸗ streikidee ablehnend verhalten, doch hielt es die Konferenz für zweckmäßig, daß diese ablehnende Haltung auch in einem Beschlusse des Gewerk⸗ schaftskongresses zum Ausdruck komme. von Nah und gern. gessisches. — Der Schulantrag unserer Land⸗ tagsfraktion, der die hessische Regierung ersuchte, alsbald den Landständen eine Gesetzes⸗ vorlage zugehen zu lassen, durch welche der zweite Ahsatz des Artikels 3 des Gesetzes vom 16. Jont 1874, das Volksschulwesen betreffend, abgeändert wird wie folgt: Die Schülerzahl einer Klasse darf 40 nicht übersteigen; unter besonderen Umständen können einem Lehrer bis zu 60 Kinder zum Unterricht zugewiesen werden.— Dieser Antrag scheint nach dem nun vorliegenden Bericht des Ausschusses dem⸗ selben Schicksal zu verfallen, wie unsere weiteren Schulanträge und der Antrag Schönberger und Genossen. Das heißt, er wird abgelehnt werden. Die Regierung erklärt, darauf zur Zeit nicht eingehen zu können. In Hessen würden jetzt 177743 Kinder von 3035 Lehrern und Lehrer⸗ innen unterrichtet. Wollte man nun ohne jede Ausnahme einem Lehrer nicht mehr als 40 Kinder zum Unterricht zuweisen, so würden im Ganzen 1648 mehr, als jetzt zur Verfügung stehen, nötig werden, die bei dem gegenwärtigen Lehrermangel nicht aufzutreiben wären. Selbst wenn die Normalzahl der Klasse auf 60 fest⸗ gesetzt werden sollte, würde die Vermehrung der Lehrerstellen um 400 nötig sein und eine Kostenaufwendung von mindestens eine Million Mark jährlich verursachen. Der Vierte Aus⸗ schuß beantragt deshalb gegen eine Stimme, den Antrag des Abg. Orb und Genossen abzu⸗ lehnen.— Natürlich. Für Kulturaufgaben ist eben nie Geld da. Der Unterricht, die Er⸗ ziehung der Jugend sollte die höchste Aufgabe des Staatswesens sein, ste aber gründlich zu erfüllen, ist aus Mangel an Mitteln nicht möglich. Für nutzlose Kolonialkriege werden aber Hunderte von Millionen Mark verpulvert! — Von dem glänzenden Siege unserer Parteigenossen in Offenbach konnten wir unsern Lesern in voriger Nummer nur kurz Mitteilung machen. Jetzt liegt das amt⸗ liche Wahlergebnis vor und die von unseren Genossen erzielten Stimmenzahlen lassen im Vergleich zu denen der Gegner und zu den bei früheren Gemeindewahlen abgegebenen sozialdemotratischen Stimmen unsern Sieg uo h viel großartiger erscheinen. Gewählt sind die Genossen C. Ulrich, Ph. Weipert, G. Stange, K. Wiehle, K. Schäfer, O. Schulze, R. Winkler, A. Hamel, G. Peine, J. Winter, K. Spieß, A. Schmidt, Fr. Haas. Ulrich erhielt 4163 Stimmen, Weipert die zweithöchste Stimmen⸗ zahl mit 4008 und so fallen die Stimmen in kleinen Abständen bis herunter zu 3924, die Haas erhielt. Gegen die Wahl von 1901, wo unsere Liste unterlag, macht das eine Zunahme von 1300 Stimmen! Dagegen hat der Kuddel⸗ muddel etwa 3300 Stimmen aufgebracht, gegen die letzte Wahl einen Rückgang von 300 Stimmen erlitten! Dieses Resultat hat eine Bedeutung, die über Offenbach hinausgeht: die Mehrheit einer großen Stadt erklärt damit klar und deutlich, daß sie das Gemeinwesen e Sinne geleitet wissen will. Vor neun Jahren, schreibt dazu unser Offenbacher Parteiblatt, wurde zum erstenmal ein Sozialdemokrat in das Offenbacher Stadt⸗ parlament gewählt: Genosse Ulrich. Bis dahin hatten die„Bürger“ unbestritten auf dem Rathause schlecht und recht gewurstelt, in keiner Weise angekränkelt von irgend welchen Gedanken, die mit moderner Sozialpolitik auch nur in Zusammenhang gebracht werden könnten. Ulrich benahm sich wirklich als„Hecht im Karpfen⸗ teiche“. Er brachte Leben in die muffige Bude. Die Einwohner fingen an, den Vorgängen auf dem Rathause Interesse abzugewinnen. Nach drei Jahren— im Jahre 1898— wurde zur größten Ueberraschung unserer eigenen Genossen die ganze sozialdemokratische Liste gewählt! Mit einem Schlage erhielt Ulrich 16 Mann zur Seite. Die Gegner waren entsetzt. Zwei der bürgerlichen Stadträte legten sofort ihre Mandate nieder; sie wollten nicht mit„Kohlen⸗ schippern“ und„Taglöhnern“ gemeinsam über das Wohl und Wehe der lieben Vaterstadt beraten. Durch diesen Austritt erhielten unsere Genossen die Mehrheit in der 36 Mann starken Vertretung. Sie nutzten die Mehrheit gut aus. Die Stadt Offenbach gedieh prächtig unter dem soztaldemokratischen Regiment. Es steht kein öffentliches Gebäude, keine große kommunale Anlage aus neuerer Zeit in Offenbach, die die Sozialdemokraten nicht mit geschaffen haben. Was für das Gedeihen der Stadt getan werden konnte, das wurde getan. Unsere Genossen wirkten„kulturverwüstend“, in dem sie mitwirkten an der Errichtung eines modern ausgerüsteten Hafens; sie halfen ein mit allem Raffinement moderner Technik aus⸗ gerüstetes Schlachthaus bauen; sie halfen ein neues Gas⸗ und Elektrizitätswerk errichten; sie zeigten ihre ganze„Bildungsfeindlichkeit“, in⸗ dem sie das Schulwesen verbesserten und neue Schulhäuser bauten. Auf dem Gebiete dessen, was man gewöhn⸗ lich zuerst im Auge hat, wenn man von kommunaler Sozialpolitik spricht, wirkten ste geradezu vorbildlich. Sie sorgten, soweit das die gesetzlichen und finanziellen Grenzen zul ießen, für die Arbeitslosen und Erwerbsbeschränkten; also auch weniger leistungsfähige Arbeiter, die keine Beschäftigung finden konnten, nahm die Stadt in Dienst, auch im Sommer. So lange es irgend anging, sollte in Offenbach jeder Arbeiter vor der Notwendigkeit der Armenpflege bewahrt bleiben, keiner so leicht seine politischen Rechte verlieren. Es wurde die unentgeltliche Hebammenhilfe eingeführt; wer diese Hilfe ge⸗ brauchte, konnte sie in Anspruch nehmen, ohne Bedürftigkeit nachzuweisen. Ebenso wurde die unentgeltliche Totenbestattung eingeführt. Man konnte also unter sozialdemokratischem Regime „umsonst“ auf die Welt kommen und sich auch umsonst begraben oder verbrennen lassen. Weiter schafften unsere Geunossen das Oktroi auf Mehl und Backwaren ab. Ueber ihre Niederlage von 1898 waren die Gegner wütend. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, um die sozialistische Mehrheit wieder zu beseitigen. Es gelang ihnen dies auch bei der Wahl im Jahre 1901 unter den riesigsten Austrengungen. Den letzten Spießer hatten sie r 8 2 2 —ñ—— —— Seite 4. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. damals auf die Beine gebracht. Nun rissen die Bürgerlichen zum guten Teil wieder ein, was die Sozialdemokraten aufgebaut hatten und diese müssen sich jetzt wieder von neuem an die Arbeik machen, um wieder zu schaffen, was bürgerlicher Unverstand eingerissen hat. Die Gewählten haben eine schwere Verant⸗ wortung übernommen, aber wir sind überzeugt, sie werden ihrer Aufgabe gerecht werden. — Die Zweite Kammer hat am Mitt⸗ woch ihre Sitzungen nach längerer Pause wieder aufgenommen. Nach Eröffnung der Sitzung durch Präsidenten Haas verliest Abg. Köhler⸗ Langsdorf eine Erklärung in betreff seiner Interpellation in Sachen des Eberstädter Kindesmordes. Er nimmt die gegen eine Anzahl Personen ausgesprochenen Beleidigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Sodann kommt die Regierungsvorlage betr. die Neubauten in Bad Nauheim zur Be⸗ ratung. Der Ausschuß beantragt, für das Etatsjahr 1904 den Betrag von 1688000 Mk., für 1905 1239000 Mk. einzustellen im Wege des Staatskredits.— In der Debatte bean⸗ tragt Abg. Adelung(Soz.), daß die Kranken⸗ kassenmitglieder besondere Erleichterungen bei der Aufnahme in Bad⸗Nauheim erhalten sollen. Nach weiterer Debatte, an der sich auch die Genossen Ulrich und Cramer noch beteiligen, wird die Vorlage angenommen. Am Donnerstag rief ein Antrag des Bauern⸗ bündlers Köhler, der wegen Stillegung des Hungener Braunkohlen⸗Bergwerks das Einschreiten der Regierung fordert und die Erwerbung der Grube für den Staat verlangt, eine lebhafte Debatte hervor. Ministerialrat Braun erklärt, daß der Umfang der Mißstände, wie er sich speziell im hessischen Bergbauwesen herausgebildet habe, den Staat veranlasse, auf diesem Gebiete refor⸗ matisch vorzugehen. Der Regierungsvertreter teilt in dieser Beziehung den Standpunkt der Bodenreformer,. Vor allem müsse eine gesetzlich wirksame Bestimmung geschaffen werden, daß solche Mutungsgerechtsame, die nicht ausgenutzt werden, an den Staat zurückfallen. Er stellt eine Revision des hessischen Bergwerksgesetzes in diesem Sinne in Aussicht. Dr. David ist mit diesen Ausführungen einverstanden, meint aber, daß die Frage rationell doch nur auf reichsgesetzlichem Wege gelöst werden könne. Die Schwierigkeiten, die sich bei einer gesetzlich wirksamen Regelung dieser Materie immer geltend machen würden, seien im letzten Grunde nur durch die Verstaatlichung des Bergwerkseigentums zu beheben. Gießener Angelegenheiten. — Um die Stadtväterwürde. Dies⸗ mal war der Wahlkampf zu den Stadtverord— netenwahlen ein außerordentlich lebhafter und auch die Wahlbeteiligung war stärker als bei früheren Wahlen. Fast genau zwei Drittel der Wahlberechtigten machten von ihrem Wahl⸗ rechte Gebrauch, ein im Vergleich zu den bis⸗ herigen Wahlen hoher Bruchteil der Stimm⸗ berechtigten.— Das heißt, von einem„Wahl⸗ kampf“ im wirklichen Sinne, einem sachlichen Kampfe um Prinzipien, um kommunalpolitische Grundsätze und Forderungen kann, soweit die bürgerlichen Kandidaten in Betracht kommen, eigentlich gar nicht die Rede sein. Denn mit einem Programm trat nur die sozialdemokra⸗ tische Partei auf; bei den bürgerlichen Kandi⸗ daten war— mit Ausnahme des Boden⸗ reformers Dr. Ebel— von einem solchen nicht das Mindeste zu hören. Wenn daher in einem anonymen, offenbar von den„liberalen“ Parteien ausgehenden Inserat im Anzeiger, behauptet wurde, ein Teil unserer Forderungen sei dem liberalen Programm entnommen, so reizt das geradezu zum Lachen! Sucht Brot im Hundestalle! Nehmt aus einem Programm, wo keins da ist! Oder wenn die Liberalen ein Programm haben, warum sind sie dann nicht damit herausgerückt? Hatten sie es sorgfältig in den Geldschrank eingeschlossen? Das er⸗ wähnte Inserat war überhaupt eine Muster⸗ leistung„liberaler“ Unverfrorenheit und Ver⸗ drehungskunst. Man scheute vor direkten Unwahrheiten nicht zurück und behauptete, die sozialdemokratische Mehrheit in Offenbach habe am Oktroi festgehalten. Jeder weiß, daß unsere dortigen Genossen die Verbrauchsabgabe auf Mehl und Backwaren sofort beseitigten und auch allmählich die übrigen indirekten Gemeinde⸗ steuern beseitigt haben würden, wenn nicht der Kuddelmuddel bei den vorigen Wahlen gestegt hätte. Das Drolligste an dem Machwerk war wohl, daz es unsere Genossen Or big und Krumm in die besitzende Klasse einreihte! (Na, warte Alter, gut, daß wir das wissen, in der nächsten Mitglederversammlung teilen wir mit Dir!) Auf die Dummheiten, welche die „Liberalen“ in ihrem Inserat sonst noch ver⸗ zapften, alle einzugehen, verlohnt sich nicht; im Ganzen zeigte sich darin die ganze Spießer⸗ Beschränktheit und ⸗Rückständigkeit. Aus dem Inserat war weiter die Absicht zu entnehmen, unsern Genossen Krumm, der auf allen Listen stand, zu streichen und dies veranlaßte einen Teil unserer Genossen, ein Gleiches mit den auf unsere Liste genommenen bürgerlichen Kandidaten zu tun. Trotzdem wurde Dr. Ebel mit unsern Stimmen gewählt und unser Ge⸗ nosse Krumm erreichte die zweithöchste Stim⸗ menzahl. Die„Liberalen“ haben insofern eine Niederlage erlitten, als zwei der auf ihrer Liste Vorgeschlagenen(Friedberger und Habe⸗ nicht) schmählich durchplumpften. Wenn das Amtsblatt von einem„glänzenden Siege der Bürgerlichen“ sprach, so ist das insofern un⸗ richtig, als eben der„liberale“ Vorschlag nicht vollständig durchdrang. Und an einen Sieg der sozialdemokratischen Liste war doch bei den hiestgen Verhältnissen gar nicht zu denken. Gewählt wurden auf neun Jahre fol⸗ gende zehn Kandidaten, von denen alle mit Ausnahme des Dr. Haberkorn dem Stadtver⸗ ordnetenkollegium bisher angehörten: Justizrat Dr. Gutfleisch, 2084 Stimmen, Ed. Krumm, 2005 5 Karl Loos, 1997 5 Med.⸗Rat Dr. Haberkorn, 1148 5 Wilh. Wallenfels, 1695 5 Kom.⸗Rat Heichelheim, 1659 5 Jean Kirch, 1536 1 Louis Petri II., 1526 5 H. E. Jughardt, 1497 5 Theodor Haubach, 1493 5 Auf sechs Jahre: Karl Aug. Faber, 1466 Stimmen, Friedr. Helm, 1187 5 Hermann Eichenauer, 1169 5 Auf drei Jahre: August Gabrtel, 1024 Stimmen, Dr. Wimmenauer, 102¹ 5 Dr. Ebel U Auf die übrigen sieben Kandidaten unserer Liste fielen folgende Stimmenzahlen: H. Fourier 652, F. Vetters 595, G. Beckmann 566, J. Diehl 559, Ch. Peter⸗ sen 523, H. Baum 518, K. Muhl 474. Außerdem erhielten folgende bürgerlichen Kandidaten Stimmen: Friedberger 760, Habenicht 736, Simon 723, Dörr 657, Homberger 622, Plank 245, Heb— streit 146. Gegen die Wahl von 1901 haben wir eine Zunahme von zirka 100 Stimmen zu verzeichnen. Viel ist das nicht. Richtig ist ja, daß der weitaus größte Teil der hier beschäftigten Ar⸗ beiter außerhalb wohnt und als unsere Wähler also nicht in Frage kommt. Aber eine Menge der ihrer wirtschaftlichen Lage nach zu uns gehörigen Wähler und selbst Arbeiter stimmen noch für die Liste der Kommerzien⸗, Justiz⸗ und Medtizinalräte. Es muß unsere Aufgabe sein, diese Elemente durch energische Agitation und Aufklärung über unser Kommunalprogramm zu gewinnen. Nach unserer Meinung wäre es unbedingt notwendig gewesen, einige Versamm⸗ lungen abzuhalten, die mündliche Agitation muß die schriftliche wirksam unterstützen. Aller⸗ dings stehen der Veranstaltung von Versamm⸗ lungen vielfach Schwierigkeiten entgegen, doch die wären wohl zu überwinden.— Im Uebrigen waren unsere Genossen auf dem Platze und allen, die mitgearbeitet haben, sei dafür der Dank der Partei ausgesprochen! — Von den Land⸗Gensdarmen. Man schreibt uns:„Seit ungefähr 2 Jahren ist in Hessen bei den reitenden Gensdar⸗ men ein Gebrauch eingeführt worden, der durchaus geeignet ist, tüchtige Leute von diesem Berufe fernzuhalten. Leute die 6, 8, 10 Jahre gedient haben, die beim Militär ihren Putzer hatten, sind verpflichtet, dem Wachtmeister das Pferd Gefühl für solch langgediente Unteroffiziere, Leuten, die mit ihnen in gleichem Rang standen, nun als Stallbursche zu dienen. Wie wir hören, soll eine Vorlage vorbereitet werden, wonach den Herren für ihre Tätigkeit als Pferde⸗ putzer täglich zirka 11 Pfennige werden sollen. Die davon Betroffenen sind aber gerne bereit, von ihrem, wenn auch knappen Gehalte, selbst weitere 11 Pfennig täglich zu zahlen, um von dieser drückenden, ihrer sozialen Stellung durchaus unangemessenen Arbeit befreit zu werden. Wir haben zu ihr das Vertrauen, daß sich die sozialdemokratische Land⸗ tagsfraktion dieser Sache annehmen wird und einen Zustand beseitigen hilft, der Aerger und Verbitterung erregen muß.“— Soweit die Zuschrift! Auch wir sind der Ausicht, daß man den Gensdarmen unbilliges zumutet. Brauchen die Wachtmeister einen Pferdeputzer, dann muß ihnen finanziell er⸗ möglicht werden, sich einen zu besorgen, aber in gleichem Range stehende frühere Kameraden sind dazu nicht zu verwenden; wir empfehlen unseren Abgeordneten sich der Sache anzunehmen. — Die„Freie Turnerschaft“ hält Samstag, den 26. November, ihr zweites Stiftungsfest im Saale des Café Leib ab. Das Programm ist ein sehr reichhaltiges und es wird an gediegener Unterhaltung nicht fehlen. Unsere Arbeiterschaft wird, davon sind wir überzeugt, den jungen Arbeiterturnverein durch zablretchen Besuch unterstützen. Aus dem Nreise gießen. — Parteiversammlung in Trohe. Diesen Sonntag nachmittag 4 Uhr findet in Trohe im Saale des Herrn Gastwirt Seipp eine Parteiversammlung statt, in welcher Genosse Beckmann ⸗Gießen über den Bremer Parteitag Bericht erstatten wird. Die Genossen von Alten⸗Buseck und Rödgen werden ersucht, recht zahlreich in der Versammlung zu erscheinen, da es kaum möglich sein wird, auch in diesen beiden Orten Versammlungen zu gleichem Zwecke abzuhalten. 1. Wer ersetzt Arbeitern die Zeitversäum⸗ nis bei Feuerwehrübungen? Neulich, Freitags Nach⸗ mittag, war in Watzenborn⸗Steinberg Feuerwehrübung. Für die dabei beteiligten Arbeiter bedeutet das einen empfind⸗ lichen Lohnausfall, denn die meisten verloren einen halben Arbeitstag. Nach beendigter Uebung hielten die Herren Feuerwehrinspektor Loos und Kreisamtmann Hechler kleine Ansprachen, wobei Letzterer in Bezug auf den Lohnausfall meinte, der Arbeitgeber sei auf Grund des§ 616 des B. G. B. gehalten, für die Zeit⸗ versäumnis keine Abzüge zu machen. Feuerwehrmann Häuser entgegnete, daß sich die Arbeitgeber darauf schwerlich einlassen würden, richtiger wäre es, wenn die Gemeinde dafür aufkomme. Darauf erklärte der Herr Kreisamtmann, er könne weitere Auskunft nicht geben; wer geschädigt sei, solle seinen Anspruch schriftlich geltend machen. Das werden die Mannschaften nicht versäumen und es werden zu diesem Zwecke Listen in Umlauf gesetzt werden.(Anmerkung d. Red. Es mag wohl richtig sein, daß die Herren Arbeitgeber Schwierigkeiten machen, die Kleinigkeiten zu bezahlen. Trotzdem hat der Herr Kreisamtmann ganz recht. Die Arbeiter müssen danach streben, daß sie erhalten, was ihnen das Gesetz zubilligt und die Arbeitgeber müssen daran eben gewöhnt werden.) r. Watzenborn⸗Steinberg. In einer am Sonntag in Watzenborn abgehaltenen, gut besuchten Versammlung sprach Genosse Häuser über„die Sozial⸗ demokratie und ihre Gegner“ in wirkungsvoller Weise. Er wies auf den klaffenden Gegensatz zwischen der be⸗ sitzenden und der nichtbesitzenden und unterdrückten Klasse hin, Angesichts dessen ein fester Zusammenschluß aller derjenigen, die der letzteren angehören, notwendig sei. Den stets drohenden Plänen der Machthaber, dem Volke noch sein bißchen kümmerliches Recht zu nehmen, müsse energisch entgegengetreten werden. In der Diskusston ergänzte noch Genosse Haus die Ausführungen des Referenten, er forderte die Versammlung auf, die Mahnung nicht unbeachtet zu lassen. Es sei an der Zeit, daß auch in Watzenborn eine Organisarion wieder zustande käme. Hierauf wurde zur Gründung eines Wahl⸗ vereins geschritten, dem sofort 20 Genossen beitraten. Nächsten Sonntag findet wiederum eine Versammlung nachmittags 4 Uhr bei Wirt Faber statt, in derselben wird die Wahl des Vorstandes vorgenommen. Drum auf Genossen frisch ans Werk, immer unablässig agitiert, damit sich unser Kreis erweitert. 8 Versammlung der Maler, Lackierer und Wei ß⸗ binder fand am Sonntag in der Krone in Steinberg statt, zu welcher auch einige Kollegen aus den Orten u putzen. Es ist ein drückendes l. Gewerkschaftliches aus Steinberg. Eine — die beite diese Arb dene die nehr elend man herr dor fie arbe well —— N 5 3 „ eee eee eee 8 1 — J 2 rr 8 Nr. 47. Mitteideutsche Sonntags⸗Zeitung. 14 iere Garbenteich und Hausen sich eingefunden hatten. Kollege fang betreibt, glaubt seiner Sache durch die gröbsten— Im Wahl verein steht auf der Tages—. den. Knauf aus Frankfurt sprach über:„Die deutschen J Albernheiten gegen unsere Partei am besten zu dienen. ordnung der nächsten, am Samstag, den 26. 1 bir Gewerkschaften und deren Einfluß auf die wirtschaftliche] So druckte es neulich eine Notiz aus dem Berliner[November bei Jesberg stattfindenden Versamm⸗ 10 0 Lage der Arbeiterschaft.“ Sein Vortrag wurde beifällig[Organ der Stöckerei ab, die so recht zeigt, wes Geistes lung ein Vortrag des Genossen Hei den-Frank⸗ 45 i en, aufgenommen und mehrere Kollegen von Watzenborn J Kinder diese Sorte Arbeiterfreunde sind. Unser Zentral⸗ f f a 5 145 rde N 5 urt über die Schulfrage. Ferner wird der 1 und Steinberg ließen sich in den Verband der Maler organ hatte vorige Woche dem aus dem Gefängnis Punkt„Lokalfrage“ die Genossen veranlassen 9 rden und Weißbinder aufnehmen. Immer vorwärts, Kinder![ zurückkehrenden Genossen Kaliski einige Willkommen⸗[ hlr; de Ver 1 ü. 0 erne a. Wissenschaftliche Vorträge in Lollar. zeilen gewidmet, worin u. a. gesagt war,„daß die recht zahlreich in der Versammlung zu erscheinen. 3 lte, 10 e der Lollarer W hält Dr. Zeit, die ein sozialdemokratischer Redakteur im Gefängnis Raubmord in Heldenbergen. 0 g U els⸗Marburg dort mehrere Vorträge. Der erste J zubringen muß, die höchste Ehre sei, die der Klassenstaat 0. ä N.. 0 10 fand bereits am Dlenstag vor acht Tagen statt(leider[an einen Sozialdemokraten zu vergeben hat.“ Dazu Gesdaguse die 3 0— W Jod f war es versäumt worden, denselben in der Mitteld.] schreibt der stöckersche Bruder in Christo:—„Wie 6 0 1 N. r a zu S. Zt. tündi 5 Stafforst dem Henker überliefert wurden, kam uen N„Ztg. anzukündigen) und der nächste ist auf Freitag, werden nun alle Vagabunden K und Spitzbuben stolz aus Heldenbergen die Kunde von einem 5. den 25. Nov. im Saale zum Schwanen festgesetzt. drein schauen, wenn sie der„höchsten Ehre“ teilhaftig li Raub da um um ud⸗ 0— In Lang⸗Göns verursachte der dem Trunke] werden. Der Vorwärts hat dies gesagt und was der men scheußlichen Raubmord. zum Sam ag ultd stark ergebene Landwirt Luh am Sonutag eine Brand- sagt, ist für 3 Millonen Deutsche eine Weisheit“.— früh wurde der dortige katholische Pfarrer ger katastrophe. Er steckte am Morgen seine eigene] Und ferner macht sich dieses Männlein die Behauptung] Thöbes in seinem Bette tot aufgefunden. Hofraite in Brand und bald hatte das Feuer vier An⸗[ zu eigen, Kaliski sei Sitzredakteur und Prügeljunge. Der Leichnam wies zahlreiche Messerstiche der wesen ergriffen und fand reiche Nahrung an den Heu- Er nimmt wahrscheinlich das Maß von sich ab, denn in der Brust und am Halse auf. Der Pfarrer iges und Strohvorräten. Mit Mühe konnte das Vieh ge- er verzapft doch nur, was ihm aus der Berliner Fabrik, galt als wohlhabend und jedenfalls ist dem inen rettet werden. Gegen Wittag war man des Feuers geliefert wird und was er bloß mit der Scheere aus-] Mörder eine größere Summe Geld in die eu— ziemlich Herr geworden. Als man den Brandstifter zuschneiden braucht. Wie der gute Mann aber mit der Hände gefallen, sowie auch verschiedene Wert- aber 0 verfolgte, beging er Selbstmord, indem er sich mit[Wahrheit umspringt, dafür lieferte er neulich einen sachen, Uhren ꝛc. Offenbar hat der Täter in Den seinem Taschenmesser den Hals durchschnitt und zwei drastischen Beleg. Er hatte nämlich in seinem wahr⸗[dem Pfarrhause Bescheid gewußt; er soll von Schüsse auf sich abgab. heitsliebenden Blättchen behauptet, nach einem von ihm dem Garten aus durch ein kleines Fenster ein— blen— Wie es bei Gemeindewahlen oft zugeht,[in Ballersbach gehaltenen Vortrag hätten sich die ed sein und der Kü in Tranchier len. zeigt ein Inserat, das im„Rockenhausener Tageblatt“ J dortigen, dem freien Verband angehörigen Maurer dem 9 zusgen 117 4* 0 85 ein 5 Morb hilt kürzlich erschien und das folgendermaßen lautete:„Auf christlich⸗sozialen Verbande angeschlossen. Diese törichte aner en, 10 em 10 en 85 8 zur Wahl! Wähler, wählt einstimmig Herrn Jakob Renommage wurde aber sofort als Schwindel aufge- ausgeführt hat. Das blutige esser wurde eib Giehl, denn derselbe gibt folgendes zum besten: 600 Ltr.] deckt und zwar von den betreffenden Maurern selber,, Im Garten gefunden. 1 Als der Tat verdächtig g i965 0 Wein, drei Rehböcke, zwei Fasanen, sechs Hasen. Solche die im„Herborner Tageblatt“ folgende Erklärung ver⸗ wurde der bei den Ausgrabungen der Limes⸗* mat Leute müssen in den Gemeinderat, denn die sorgen auch öffentlichten: kommission beschäftigte Arbeiter Bausch ver⸗ 9 für ihren Nächsten. Mehrere Bürger.“— Dinge ähn⸗„Die von Herrn Redakteur Schmidt- Herborn in haftet, er mußte jedoch wieder freigelassen werden, 5 fd licher Art kammen auch anderwärts vor, wenn auch die Schönbach gemachten Aeußerungen: Die Ballersbacher[weil sich der Verdacht als unbegründet erwies. 1 eln Korruption nicht immer so offen zu tage tritt. Wir Maurer hatten sich bereit erklärt dem christlich sozlalen] Auch die Verhaftung eines Arbeiters aus. möchten nicht wissen, was manchem Gemeinderat in Verbande bei- und aus dem freien Verbande auszu:] Büdesheim sowie eines Metzgergesellen von dort f ö unserer Gegend seine Wahl kostet. Und leider gibts treten, wessen wir als unwahr zurück. Auch die fonnten nicht aufrecht erhalten werden. Dem 4 noch viele, die bereit sind, ihre Stimme für ein paar Zahl der Mitglieder, die er angibt, ist falsch. Wir ie A 0. 17 . 5 Täter sollen etwa 12- 1300 Mk., darunter 1 a Un Glas Bier oder ein Essen zu verkaufen! Nun 7 e e guten 1 7 die ein Betrag von 1000 Mk., der dem Pfarrer 1 ul Aus dem Rreise griedberg-Büdingen. dier kent. Die Mauer don Ballesbah und Um- zu Wohltätigteitszwecken zur Verfügung gestelt 1 fat,— Landtagsab geordneter Joutz-Butz bach, gegend.“ worden war, in die Hände gefallen sein.— 1 17 jener geschäftskundlge Herr, der bei dem Bau der Butz⸗ Nun steht er da mit seinem Talent. Ein würdiger][ Die Beerdigung des Ermordeten erfolgte am 19 von bach⸗Licher Nebenbahn seinen Vorteil so gut wahrzu-] Stöckerjünger! Dienstag unter sehr großer Beteiligung. Etwa leich nehmen verstand, daß dabei etliche Zehntausend Markeln N N b 70 Geistliche im Ornat befanden sich im 19 duc in seine Taschen flossen, wurde zum 19 1 855 der 2 Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. Leichenzuge. 4 ungen berger Handelskammer wiedergewählt. Wegen seiner l g N 1 er bei dem erwähnten Bahnbau wurde er im. In der General ver sammlu ng Klei Mitteil 6 iun⸗ Landtage scharf angegriffen, er wollte aber durchaus der Ortskranken kasse am vorigen Don⸗ eine Ute! ungen. 1 lug nicht einsehen, daß Geschäftchen dieser Art sich für einen][nerstag hielt Herr Prof. Bonnhoff einen* Eine Liebestragödie. In Alsfeld hat 145 bung. Volksvertreter nicht schicken und er legte sein Mandat Vortrag über„Volksbäder“, der von den sich am Sonntag Nachmitkag ein junger Mann von 4 170 nicht nieder. 5 1 8 5 e sünstem 8 l ae etwa 23 Jahren erschossen. Er wohnte seit eintgen 191 einen 8 5 5 verfolgt und m ebhaftem eifall aufge-] Tagen unter dem Namen Max Arnold aus Dessau 1 n die Aus dem Rreise Alssesd-Cauterbach. nommen wurde.(Wir kommen auf die Aus- in einem dortigen Hotel. Vor etwa 3 Jahren war er Hann b. Der sozialdemokrattsche Wahl⸗ führungen noch zurück. D. R.) in Alsfeld bel einem Bäckermeister in Stellung und hat dezug. verein beschäftigte sich in seiner gut besuchten Schlossermeister Seebinger sprach sich in[ sich da in die Tochter eines Nachbars verliebte. In auf 1 Mitgliederversammlung am Sonntag mit der der Diskussion ebenfalls für Errichtung eines hinterlassenen Briefen gibt er an, daß ihn diese Zel⸗* Gemeinderatswahl. Es herrschte Ein. Bades aus und erklärte, daß er in der Stadt- boffnungslose Liebe zu dem Schritt veranlaßt hat. Geld m stimmigteit darüber, in den Wahlkampf mit verordneten⸗Versammlung dafür eintreten werde.] wurde nicht bei der Leiche gefunden; mit seiner legten 1 6 einer reinen Liste einzutreten, ein e d Vor allen Dingen müsse dahin gewirkt werden, f hatte sich der junge Mann noch acht gute Tage 1 i N nicht einzugehen. Als Kandidaten wurden die 1 Wassergeld herabsetze, das[ demacht. 2 bu Genossen J. Eder und W. Jakob in Aus⸗ ue um die Hüfte er feln. f W. 1 9 5 Schuseurkangulgg rettete der 13 geben; 5 sicht genommen, die bereits bei der vorigen bemerkte Gen. Weber, daß, wenn die Stadt jährige 55 Steuernagel ein vierführig er Kind unter 1 cltend 8 Wahl aufgestellt waren und eine nicht unbe⸗ 0. 1 N 9 bad f eigener Lebensgefahr vom Tode des Ertrinkens in dem 14 juten 5 8 A belagten etwas tun wolle, sie ein Volksbad auf eigene durch das Dorf fließenden Bach. 10 W deutende Stimmenzahl pen sich 2 11: Rechnung errichten und nicht mit einem so* In Holzhausen bei Kirchhain stürzte am uachtig 1 Von een Seite werden 14059 m Sblatt lächerlichen Almosen, das Wasser um 10 Pfg.[ Sonntag Nachmittag dee Wagen des Freiherrn von 1 ö ahn, eine ganze Menge, 0 05 Teil sehr„gewichtiger billiger zu geben, es genug sein lassen solle.] Stummischen Hausmeisters Winkler um. Frau Winkler 177 bn(wörtlich genommen!) Persönlichkeiten in Vor- Hätten die Herren auf dem Rathause ein so blieb tot und der Kulscher wurde schwer verletzt. ö nin schlag gebracht. großes Interesse für ein Volksbad, dann mußten Geständiger Mörder. Ein gewiser Mück* 15 9 aus dem Rreise Wetzlar. sie es schon lange für ihre Pflicht halten, etwas] aus Malstatt-Burbach, welcher zur Zeit eine 15 jährige 1 f wöhnt 0 0 je hätte Zuchthausstrafe in Ensisheim(Elsaß) verbüßt, wurde 1 wohn„An den Stadtverordneten-Stichwahlen, für Errichtung eines solchen zu tun, sie hätten F e 4 2 10 5 0 0 0 gsgefängnis 1 die am nächsten Donnerstag zwischen den Kandidaten J dabei sicher den größten Teil der Marburger gas Sag drice en e e e e ee 3 * an der dritten Abteilung stattfinden, sollte sich jeder Ar] Einwohner hinter sich gehabt, Jetzt, wo sich] eingestanden, den vor zwei Jahren auf der Saarloulser 5 4 fen 5 beiter betelligen. Obwohl unsere Partei als solche in[der Sache die Ortskasse annimmt, denken die Landstraße 15 der 18 jähr. Katharina Dell aus Nledersal⸗ 0 il 1 diese Wahl nicht eingriff, weshalb auch ein Teil unserer[Stadtväter auch daran, daß es eigentlich ihre bach verübten Raub⸗ und Lustmord begangen zu haben. Veil. Genossen nicht wählte, halten wir es für Pflicht jeden] Pflicht wäre, für bessere gesupdheitliche Ver⸗ 8 9 t bee Arbeiters, den Kandidaten zum Siege zu verhelfen, von] hältnisse zu sorgen und auch etwas für die Versammlungskalender. 9 glass denen anzunehmen ist, daß sie in der Gemeindevertretung arbeitende Klasse zu tun. Leider ist von der Samstag, den 19. November. 4 * die Juteressen der werttätigen Eiuwohnerschaft wahr.] Stadt nichts zu hoffen, da diese wohl für alles[Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 uhr 1 1 f, nehmen werden. Wir wisen wohl, daß diesen mögliche andere Geld übrig hat, nur nicht für Versammlung bei Orbig. 1 Voll elende Wahlsystem mit seiner öffentlichen Abstimmung i 5 ltsbad Nachde 1 mehrere Rebner Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr 1 nsse manchen an der freien Wahl hindert. Allerdings ein N f ad. 75 5 475 Nen e Versammlung bei Hil dem ann. Referent Koll. 1 lusson herrscht auf Seite der Arbeiter oft viel zu vlel Furcht ihrer Meinung Ausdruck gege 55 an 1 8 n⸗ Buckendahl⸗ Frankfurt.* 1 des vor Maßregelung. Kein Arbeiter soll sich seine kümmer⸗ trag, den Vorstand zu ermächtigen, baldigst Sonntag, den 20. November.* bung lichen Bürgerrechte beeinträchtigen lassen! Unterstützt] Schritte zur Errichtung eines Volksbades einzu⸗ Eunhausen bel Marburg. Erdarbelter⸗Ver⸗ 1 „ dab daher die Wahl von Kasp. Michael i und Marmor- leiten, einstiumige Annahme. Bei der Vor⸗ sammlun g. Nachmittags 4 Uhr. unde arbeiter Freitag! standswahl wurden die Genossen Faulstich und Watzenborn⸗Steinberg. Nachmittags 4 Uhr 5 zahl— Mehrere Sittlichkettsvergehen,[ Röster in den Vorstand gewählt.— Zum Versammlung bei Wirt Faber. T.⸗O.: Vor⸗ 1 cle die sich zwel Wetzlarer Einwohner zu sch lden kommen Schlusse gab der Vorsitzende bekannt, daß die standswahl und Verschledenes. 1 lung ließen, sind Gegenstand des Tagesgesprächs. Kürzlich[Bäckerinnung eine Innungskrankenkasse ge⸗ Montag, den 21. November. a aachen wurde ein Mechaniker wegen eines solchen in Haft ge.] gründet habe. Er wies darauf hin, wie wenig] Marburg. Schuhmacher, Abends 9 Uhr Ver- 4 12 nommen und dieser Tage eln anderer Arbeiter. Letzterer leistungsfähig derartige kleine Kassen seien und sammlung bei Hillberger. 1 gran, weil er sich an seiner Stieftochter vergangen haben soll. daß solche Experimente stets Schaden für die Briefkasten. Mehrere Einsendungen mußten zu⸗ Aus dem Nreise Dillenburg⸗Herborn. Arbeiter und teilweise auch für die Arbeitgeber[ rückgestellt werden.— Sch.⸗Wizlr. Die betr. Vorwürfe . 1 Das Stöckerblättchen in Herborn, das] haben. Man müsse solchen Zersplitterungs⸗ des Dr. Herr sind ja nicht in die Oeffentlichkeit gekommen, * mit allen möglichen Gaullerstüccchen den Abonnenten⸗ versuchen mit Energie entgegentreten. wir haben daher keine Veranlassung darauf einzugehen. — — 2 — ———— 2——p———ç—ð—%é1₄ʃ N— 3 Selle 6. Mittelbenticde Senntagg-Beitung:— Nr. 47. Die Angst vor dem Kind. Die Engelmacherin Wiese wird nach dem Urteil des Hamburger Schwurgerichts wegen fünffachen Kindesmordes dem Fallbeil des Scharfrichters anheimfallen. Damit wird die öffentliche Meinung der besttzenden Klasse sich beruhigen; der Gerechtigkeit ist Genüge geschehen. Die Bresl. Volkswacht“ schreibt hierzu: Emile Zola hat in seinem Roman„Frucht⸗ barkeit“ dieselben Zustände geschildert, welche in dem Prozeß Wiese als entsetzliche Wahrheit utage traten: nicht eine Schauermär aus den finsteren Togen der Mittelalters, sondern ein Bild aus unserer modernen„zivilisterten Gesell⸗ schaft,“ aus dem Staate des„praktischen Christen⸗ tums“ tut sich unserem Auge auf. Für uns, für die Arbeiterklasse, ist die Strafe keine Ge⸗ nugtuung, welche die Mörderin trifft; wir fragen nach den Ursach en des Massenmordes und nach den Ursachen der noch schlimmeren Verbrechen, denen so viele nicht getötete Kinder anheimfallen. Wie viele Opfer der Wiese mögen nicht noch existieren, von denen kein Staatsanwalt, keine Polizei etwas erfahren hat, trotzdem die Frau Jahre lang ihr entsetzliches Gewerbe betreiben konnte, ohne daß die Polizei etwas davon merkte. Aber nicht alle sind getötet— manches von den Kindern erleidet den grausamen langsamen Tod der Pflegeeltern, die es für eine geringe Geldsumme übernommen haben, um selbst an der kleinen Summe noch etwas verdienen zu köunen; in den Werkstätten der Hausindustrie kann man frühzeitig die kleinen Händchen ge⸗ brauchen und sich bezahlt machen, wenn man die Ernährung der Verlassenen auf das Min⸗ destmaß herabdrückt. Manches kleine Mädchen „diskreter Geburt“, über dessen Verbleib die Wiese im Gerichtssaal ihr furchtbares Schweigen bewahrte, wird irgendwo in der Welt, in Budapest oder Bukarest, in Argentinien oder Peru aufgezogen, um die„Lusthäuser“ der Prostitutton zu füllen; sichere Asyle für die Ueberzähligen, deren die Mütter sich entledigten, zuweilen mit Gleichmut, zuweilen mit blutendem Herzen, aus Angst vor dem Kinde. Wirtschaftliche Bedürfnisse werden immer dar erfüllt und ist die Erfüllung mit lebensläng⸗ lichem Zuchthaus oder mit dem Tode strafbar, 1 grausame Menschen das tollkühne benteuer für einen um so höheren Preis Je härter die Strafe für das Verbrechen, m so höher der Lohn, wenn es nicht entdeckt wird. Und wie leicht man Verbrechen begehen kann, ohne der Polizei aufzufallen, beweisen ja die langen Jahre, während deren Frau Wiese ihre Untaten trieb. Und ein Bedürfnis besteht für hunderte von Vätern, für tousende von Müttern, sich ihrer Kinder zu entledigen. Die bürgerliche Gesell⸗ schaft setzt eine Prämie auf die Unfruchtbarkeit; wer keine oder wer wenige Kinder zu ernähren und zu erziehen braucht, kann weit sorgenloser leben, weit mehr an den Genüssen des Lebens teilnehmen als der, welcher ein ganzes Haus voll Kinder aufzuziehen hat. Deshalb beherrscht Hunderte von Ehepaaren die Angst vor dem Kinde, namentlich, wenn sie schon mehrere Kinder haben; noch mehr aber zittert das ge⸗ schwängerte Mädchen vor dem unglückseligen Kinde, das es unter dem Herzen trägt und das die Mutter in bitterste Not, in grauen⸗ hafteste Armut treiben soll. Die Väter der unehelichen Kinder zittern or dem Tag, der ihnen unangenehme Pflichren auferlegen wird, Pflichten, die innerhalb der bürgerlichen Gesell⸗ schaft unbedingt notwendig sind und auf deren Erfüllung der Staat nicht streng genug dringen kann, die aber gerade in der Arbeiterklasse oft einen Mann gleichwie mit eisernen Ketten an ein Mädchen klammern können, das zu ihm gar nicht paßt und dem er vielleicht nur durch eine unglückselige Stimmung, durch einen Zufall, durch die laue Wärme eines Sommerabends, durch den natürlichen Zwang seiner unbezwing⸗ baren Jugend, durch die Leidenschaft einer verführerischen Stunde nahe trat. Uebrigens würde manche arme, ledige Mutter den Kampf in der Armut noch aufnehmen, wenn nicht eine sinnlose, heuchlerische Moral ihr Kind als einen Flecken auf ihre Ehre be⸗ zeichnen und die Anhänger dieser Moral ste als „unsittlich“ verdammen würde. O Pfui über diese Eunuchenmoral, die um so abscheulicher ist, weil sie von Männern ausgesprochen wird, die wissen, daß kein geistig und körperlich gesunder Mann lebt, wie es von dem einsamen Mädchen oder von dem zu früh zur Witwe gewordenen Weib verlangt wird. So beherrscht die Angst vor dem Kinde die Welt: in der Arbeiterklasse und auch im Klein⸗ bürgertum und einem großen Teile der Bour⸗ geoisie, in welcher eine„standesgemäße“ Haus⸗ haltung nur bei geringer Kinderzahl möglich ist. Da geht man dann in verschwiegenen Stunden mit dem fatalen, neugeborenen Kind lein in eine stille Straße und entledigt sich für eine einmalige Zahlung des fatalen Kindes, das sorgsam von so„treuen“ Pflegerinnen wie der Wiese aufgenommen wird, die versprechen, daß„es eine feine Gräfin“ nach England mit⸗ 1.—3 und zu Freude und Reichtum erziehen wird. Der Staat braucht Kanonenfutter und be⸗ straft darum mit harten Strafen die Kindes⸗ abtreibung, die gewiß nichts Schönes ist, aber ein tausendmal geringeres Uebel wie ein Kindes⸗ mord, der Menschenhandel oder die entsetzliche „Erziehung“ der verlassenen Kindlein zu Siech⸗ tum, Verbrechen und Schande. Der Staat erzwingt Geburten und läßt die Geborenen verhungern. Die Wiese ist das Erzeugnis einer Gesell⸗ schaft, welche die Angst vor dem Kinde hervor⸗ bringt. Und deshalb rechtfertigen auch ihre massenweisen Verbrechen die Todesstrafe nicht. — Erst wenn für und durch die Gesellschaft für jedes Kind gesorgt wird, wenn jedem Kinde die denkbar beste Erziehung durch gesellschaft⸗ liche Fürsorge unter maßgebender Teilnahme und Kontrolle seitens aller Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern wollen, zu teil wird, wird das Verbrechen am Kinde aufhören. Nicht mehr„in Sünden“, sondern in Schönheit ge⸗ boren wird dann das Kind; die Angst vor dem Kinde wird der stolzen Freude am Kind Platz machen. „ Anterhaltungs-Cril. ———— A Den zugendliehen Proletariern. Wir sind der junge Staat, erzeugt Vom Proletarierweibe. Uns hat die Mutter Not gesäugt An ihrem dürren Leibe. Aus Elends dunkler Hütte Schoß, Mit wunden Füßen, nackt und bloß Sind wir emporgestiegen, Vor uns der sonnentrunk'ne Tag, Nun geht's hinein mit Schwerterschlag Sum Sterben oder Siegen. Des Reichtums Kinder können froh Am Wissensquell sich laben, Ob sie auch Hoffart nur und Stroh Im stolzen Schädel haben. Doch hat man unsern Feuergeist Mit Stock und Bibelspruch gespeist, Er ist noch nicht gestorben, Und schaffen wir auch ohne Glück In Nacht und dunstiger Fabrik, Wir sind noch nicht verdorben. Noch glüht in unserm Arm die Kraft, Der Stolz des roten Blutes, Noch gährt und braust die Leidenschaft Des starken Jugendmutes. Und tragen wir auch Huckepack Den steinbeschwerten Bettelsack, Und müssen wir gleich hungern Und ohne Arbeit, ohne Brot, Getrieben von der blassen Not Auch lumpen oft und lungern! Der Sukunft Morgen bleibt uns doch, Den hoffnungskühn wir schauen, Wir brechen doch das alte Joch Der Sklaverei und bauen Ver Menschheit eine reiche Flur, And klingt auch jetzt im Liede nur Das Maienglück der Erden Hinaus! Hinan! Der Morgen naht Der Freiheit Mutter ist die Tat! Das Lied soll Wahrheit werden! Otto Krille. Sr Dyllen aus einem Gehirgsedorfe. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. Das Dorf hat zweihundertfünfzig Häuser. Es liegt am Südabhange eines mäßigen Ge⸗ birgszuges in einer flachen Mulde, die von einem Bächlein kümmerlich durchrauscht wird. Dieser Wasserlauf kriecht immer tiefer in den Erdboden. Als kleiner Junge konnte mancher seine nackten Beinchen vom Ufer hineinhängen lassen; nun führen Stufen einsachster Art, die dem erwachsenen Manne das Wasser⸗ schöpfen erleichtern sollen zu ihm hinab. Wen das Wasser verläßt, den verläßt das Glück, sagt man im Gebirge, wenn der Haus- brunnen ausgeht; und so liegt auch das alte Dörfchen schier gott⸗ und glückverlassen da. Die Zahl der Häuser vermehrt sich nicht. Baulust zeigen nur die kleinen, schlechtgenährten Arbeiterjungen, die vom Staube des Dorfweges einen grauen Teig kneten und backofenförmige Eskimohütten daraus fabrizieren. Aber gebessert muß an den Wohnhäusern häufig werden. Es sind Holzbauten; sie halten warm und brennen leicht. Der Erbauer trug vor einem halben Jahrhundert die Baumstämme auf der Schulter aus dem Walde. Damals zeigte der gräfliche Besitzer jenes Waldes dem neuen Ansiedler noch ein freundliches Gesicht, wenn er Bauholz brauchte oder selbst einen Hasen in der Schlinge fing. Heute ist dies anders geworden; ein Körbchen Klaubholz oder eine Bürde dürres Walolaub bildet ein Delikt. für eine Anzeige an das Bezirksgericht, das der Landesfürst im nahen Städtchen unterhält. Die Dorspaläste sind aber nicht für die Ewigkeit berechnet worden. Fugen und Risse künden die eilende, ändernde Zeit. Dabei ist es merkwürdig, wie sehr die kleinen Fenster jenen sonderbaren Augengläsern ähnlich werden, welche die alten Leute mit einer groben Schnur am Kopfe festbinden, wenn sie Sonntags im Gebetbuche leseu. Vor einigen Jahren zählte das Dörfchen drei Häuser mehr: ein Wirtshaus, ein Armen⸗ haus und einen Bauernhof ohne Aecker. Die verschwanden auf sonderbare Weise. Das Wirtshaus gehörte einem Müller, der sich mit erspartem Gelde in das stille Anwesen zurückgezogen hatte, um seine Tage in Ruhe zu verleben. Ein Zwillingskinderpaar versüßte ihm die Waldeinsamkeit. Der Knabe hieß Fridolin, das Mädchen Fridolina. Sie hatten gesunde, rote Wangen und geringeltes Flachs⸗ haar. Durch ihre Namen, ihr Aussehen und ihre Kleider stachen sie sehr ab von der Menge der Dorfkinder, welche die Eskimohütten bauten. Hätten sie in einer Stadt gelebt, so würden ste von einer empfindsamen Gouvernante ohne Zweifel mit rotwangigen Pfirsichen verglichen worden sein. In der Oede dieses Dorfes waren die Leute weniger poetisch; außerdem gediehen hier nur herbe Aepfel, deren trüb⸗ grüner Schimmer zu einem Vergleiche nicht herausfordern konnte. Der Müller wurde ein Wilderer. Sein Haus lag am Waldraude; die Hirsche, durchaus gräfliches Eigentum, kamen zur Winterszeit in seinen Hof und fraßen den Hafer vor dem„ Tore der Scheune. Eine Flinte hing über dem Ofen, und der Alte schoß von der Holz⸗ bank, auf der er saß, durch das offene Fenster. Die Zwillinge lachten vor Lust, als eines de Aber dass Nach einigen Tagen kamen zwei Federbüsche schlanken Tiere zusammenbrach. Lachen verging ihnen. den Dorfweg herauf. Die kleinen Jungen ließen ihre Eskimohütten im Stiche und starrten* la den Sie 5 an Um in gin del So urs bef der das 45 Kal selt Be wei nic we. uni auf 48 das hat der hat ein sau ber S beg Ass 0 Er And 0 höf nac Flo fün fan 12 e⸗ pon —(ä— 2 —— Nr. 47. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung. Seile 7. die Gendarmen mit jenem Gesichtsausdrucke an, der bei erstaunten Haustieren sprichwörtlich geworden ist. Die Federbüsche verschwanden in dem Hause am Waldrande. Bald darauf schritten sie den Dorfweg wieder hinunter; in ihrer Mitte der Hände mit erdfahlem Gesichte und gebundenen änden. Der gräfliche Waldbesitzer ließ ein Exempel statuteren. Als der Müller nach Wochen zurück⸗ kehrte, lachte er nicht mehr. Aber er trank desto mehr; er war bald der einzige Gast in seiner einsamen Schenke. Als die Herbstnebel und die trostlose Novemberzeit einbrachen, verlor er den Verstand. Er schnitt seinen Kindern im Schlafe die Kehle durch und steckte sein Haus in Brand. Dann rannte er mit ver⸗ glasten Augen das Dorf hinab. Am andern Morgen lag er im Bache, mit dem Gesicht nach unten, tod und starr. Das„Armenhaus“ gehörte der Dorfgemeinde. Sie genoß diesen Besitz durch die Lasten, die es verursachte. Seine Bestimmung stand ihm an der Stirne geschrieben; ein Gürtel von Unrat umgab es nach allen Seiten. Selbst die in keiner Hinsicht verwöhnten Arbeiterjungen gingen ihm scheu aus Wege. Zur Zeit hatte es nur einen Bewohner: den„Zimmermann⸗Engel“. Das war ein alter Invalide mit einem Stelzfuße und einem Sol datenrocke, der nur an jener Stelle das ursprüngliche Tuch zeigte, wo die zwei Medaillen befestigt waren, die der gnädige Landesfürst, der im Städtchen das Gericht unterhielt, für das zerschossene Bein gespendet hatte. Denn es muß leider berichtet werden, daß der alte Kauz den weichen Pfuhl der Lehmgruben nicht selten dem unreinen und mannigfach bevölkerten Strohlager vorzog, das ihn in seiner freudlosen Behausung erwartete. Außer seiner Brannt⸗ weinflasche liebte der„Zimmermann ⸗Engel“ nichts so sehr als jene Medaillen. Ihn aber liebte Niemand. Die Dorfhunde bellten ihn an; die Jungen, welche die Eskimohütten bauten, verhöhnten ihn und jubelten, wenn er mit dem Stocke drohte. Auch im„Armenhause“ lohte eine Flamme auf, mitten im Winter. Es war ein mäßiges Feuer, das den Schnee im Umkreise ein wenig schmolz; aber es reichte gerade aus, den alten Säufer, der das Unglück offenbar im Trunke angerichtet hatte, ins Jenseits zu befördern. Die Kanonen der Schlachten irgend eines„Freiheits“⸗Krieges hatten ihn verschont, weil ihm das Schicksal ein anderes Ende zugedacht. Kein Dichter saug dem Helden einen Nachruf; das Dorf verwünschte sein Andenken. Der„Bauernhof“ war das Eigentum eines Spekulanten, dem die Luft des im Niedergange begriffenen Dorfes längst nicht geheuer war. In jener Zeit erfanden die Menschen die Assekuranzen, und der Schlaue hatte die neue Einrichtung sogleich begriffen. Er war der Erste, den der„Agent“ in sein Register schrieb, und der Erste, dem jene Gesellschaft die Ent⸗ schädigungssumme für das ausgebrannte Ge— höft auszahlte, das in einer warmen Sommer⸗ nacht auf so unerklärliche Weise ein Raub der Flammen geworden. So hatte das Dorf neben zweihundert⸗ fünfzig Häusern noch drei Brandplätze. Es fand sich kein baulustiger Käufer. r empfiehlt sein großes Schuhlager in allen Sorten Schuhwaren.— 5 * 0 Jon. Afachsten bis zu den hochfeinsten für Herren, Damen und Kinder. Stets grosse Auswahl in Arbeiterschuhen ung Stiefeln. Ferner große Auswahl in Stoff⸗ und Filzhüten. Stets Neuheiten in allen Sorten Mützen für Herren und Kinder. Anfertigung aller Sorten TM on- HHiiteen als: Eisenbahner⸗, Hotel⸗Diener⸗, Gesellschafts⸗ und Vereinsmützen nach Maß. Preise. * Reelle Bedienun Bald wuchs Gras auf den Stellen, wo das Zwillingskinderpaar gespielt, der„Zinmermann⸗ Engel“ getrunken und der Assekuranzbauer spekultert hatte. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Pfarrer und Sozialdemokrat. Zwischen dem sozialdemokratischen Agitations⸗ komitee in Poll(Rheinland) und dem dortigen Ortspfarrer fand nach unserm Kölner Parteiorgan folgender originelle Briefwechsel statt. Unsere Parteifreunde in Poll hatten dem Ortspfarrer folgendes sehr höfliche Schreiben zugehen lassen: Geehrter Herr Pfarrer! Unterzeichneter erlaubt sich hiermit, Sie höflichst im Namen des Agitationskomitees zu der am Sonntag stattfindenden öffentlichen Volksversammlung ein⸗ zuladen; in dieser Bersammlung wird Herr Dr. Lauffen⸗ berg(Düsseldorf) über das Thema referieren:„Kann ein Katholit Sozialdemokrat sein?“ Da dieser Vortrag Sie sehr interessteren wird, so erwarten wir Ihr be⸗ stimmt es Erscheinen und sichern Ihnen im voraus die vollste Redefreiheit zu, um die Ausführungen des Referenten zu widerlegen. Sollten Sie wider Erwarten nicht in der Versammlung erscheinen, so nehmen wir an, daß Sie mit den Ausführungen des Referenten einver⸗ standen sind. Mit vorzüglicher Hochachtung: Das Agitations⸗ komitee. J. A.: Jakob...„ Vertrauensmann. Der Pfarrer hat darauf wie folgt geant⸗ wortet: Lieber Jakob! Die in Deinem Briefe aufgeworfene Frage, ob ein Katholik auch Sozialdemokrat sein kann, ist für mich längst gelöst. Seitdem Du und andere Pfarrkinder unter die Sozialdemokraten gegangen seid, habt ihr Euch vom kirchlichen(Leben) Gottesdienste an den Sonntagen gänzlich zurückgezogen, keine Ostern mehr gehalten usw. Und das sind jetzt schon viele Jahre!— Wie die Sozialdemokratie auf das klatholische Glaubensleben wirkt, ist also bekannt, und daran wird auch die Rede des Herrn Dr. Lauffenberg nichts ändern.„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Da aber eine Ehre die andere wert ist, lade ich Dich mit samt dem Agita⸗ tlonskomitee wieder zur Kirchs ein, und besonders zur Mission, die in hiesiger Kirche um Weihnachten beginnen wird. Dein alter Pfarrer. Ein zweites Schreiben unserer Parteifreunde deckte den hochwürdigen Herrn und sein„gleiches Recht für alle“ wie folgt zu: Lieber Alex! Da eine Ehre die andere wert ist, so sind wir gerne bereit zu der Mission zu erscheinen, falls uns in gleicher Weise Redefreiheit zugebilligt wird, wie sie Dir für unsere Versammlung versprochen worden ist. Dieser schriftlichen Zusicherung sehen wir entgegen. In alter Liebe Dein Jakob Hierauf hat der Herr Pfarrer merkwürdiger⸗ weise nicht mehr geantwortet. Moralische Erzählungen. Es waren einmal zwei Leutnants. Die hießen Fridolin und Robert, woraus man schon erkennt, wie verschieden sie von Charakter waren. Die beiden bandelten, jung, wie sie waren, Verhältnisse mit hübschen Mädchen an, welche Verhältnisse beiderseits den Storch zur Folge hatten. Jetzt aber, als die zwei Mädchen mit den ganz kleinen Kindern dasaßen und weinten, offenbarte sich so recht der moralische Unterschied zwischen Fridolin und Robert. Der erste sagte zu seinem Verhältnis:„Liebe Marie, da kann man nichts machen. Die Standesehre verbietet mir, dich zu heiraten, darum höre auf zu weinen, ich bezahle dir monatlich 10 Mark Alimente!“ Anders der plebejisch gefinnte Robert: Er kam um den Heiratskonsens ein, und als man ihm diesen verweigert hatte, nahm er seinen Abschied und heiratete die Gefallene. Er wurde bitter für seinen Mangel an moralischer Kraft bestraft, denn heute bringt er sich mühsam als Journalist durchs Leben, während der edle Fridolin vom Himmel mit einer reichen Braut gesegnet und persönlicher Adjutant des Prinzen Hugibert von Schuurr⸗Pfifflingen wurde, wes⸗ halb er jetzt schon so viele Orden hat, wie ein Hoftheaterintendant. Wer ängstlich ist in Nebendingen, Wird's niemals zu was Rechtem bringen. (Aus der Sittlichkeits⸗Nummer der„Jugend“.) ———— Litterarisches. Der Königsberger Hochverrats⸗Prozeß beginnt soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts zu erscheinen. Das erste Heft dieses auf 11 Lieferungen à 20 Pfennig berechneten Werkes liegt bereits vor. Der Prozeß ist mit Einleitung und Erläuterungen von Kurt Etsner herausgegeben. Der Herausgeber hat sich nicht beschränkt auf die Wiedergabe der bekannten Gerichtsverhandlung, sondern er schildert in historischer Folge die ganze Entwicklung, die diese neue Epoche des Russenkurses genommen hat. Das Studium der Akten hat reiches Material zutage gefördert, das die amtlichen Inszenterungskünste in einem neuen Licht erscheinen läßt und zeigt, welche Zustände der Rechtsunsicherheit sich unter dem Deckmantel eines ge⸗ heimen Vorverfahrens entwickeln dürfen. Der Bericht selbst gibt die Verhandlungen des Prozesses in seinem vollen Umfange authentisch wieder; auch ist das gesamte im Prozeß vorgebrachte Material aus russtschen revolu⸗ tionären Flugschriften abgedruckt. Das Buch enthält außerdem eine größere Anzahl Illustrattonen: das be⸗ rühmte Bild von seltener Scheußlichkeit, russische Kriegs⸗ und Siegesbilder, an Ort und Stelle aufgenommene Photographien vom Schauplatz des Schriftenschmuggels. Humoristisches. Althergebrachte Einrichtung. Unter einer Anzahl Anekdoten über nossauischen Dorfhumor erzählt H. Haubold in der„Frkftr. Ztg.“ auch die folgende: Einer Bäuerin, der Besitzerin eines kleinen Gehöfts in dem Dorfe K., war vom Bürgermeister ein Straf⸗ mandat zugegangen, weil sie— alter Gewohnheit gemäß — die Abwässer und Jauche von ihrem Grundstücke quer über die Dorfstraße in einen Bach hatte laufen lassen. der jenseits des Weges an ihrem Hause vorbeifloß Zugleich war ihr bedeutet worden, daß sie die Abwässer in eine auf der hinteren Seite des Hofes befindliche Grube leiten müsse. Die Frau erhob Einspruch, und so kam die Sache vor das Gericht. Der Amtsrichter war ein freund⸗ licher Mann und ließ sich von der Frau in weitschweifiger Rede geduldig erzählen, daß der gegenwärtige Zustand schon uralt sei, daß es schon zu Zeiten ihres Groß⸗ vaters und Vaters so gewesen wäre, und daß sie selbst das Grundstück schon dreißig Jahre im Besitze habe und, so schloß die tapfere Frau ihre Verteidigungsrede: „Herr Amtsrichter, dreißig Johr hunn eichs nu vorrne raus laafe losse un nu soll eichs uff eimol hinne raus laafe losse?... Na, Herr Amtsrichter, des konn eich nit!“ 5 Die Wirkung dieser Worte war die, daß das gesamte Gericht für einige Minuten seine Würde vergaß und der Amtsrichter, der sich vor Lachen kaum beruhigen konnte, das Recht der Bäuerin als ein wohlerworbenes aner⸗ kannte und einen Freispruch fällte. Leder⸗, Filz! und Edgar Borrmann, Giessen Eisenhandlung Neustadt 11 r 2 T Telephon 298 empfiehlt: Herde und Oefen— Landwirtschaftl. Geräte Fruchtpressen— Keltern— Bohnenschneider Petroleum⸗, Spiritus⸗ u. 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