1 sptese ——— Nix. 31. Gießen, den 18. Dezember 1904. 11. Jahrgang. Repaktion: 2 mebaftionsscluß: Kurchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Kachnitag 4 Uhr. Sonnt cu Zeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche i Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expeditton unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½ o und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Eine Anklage wider die Gesellschaft. Das soeben erschienene neue Heft der„Zeit⸗ schrift des königlich preußischen Stattstischen Bureaus“ veröffentlicht einen Aufsatz über „Verbrechen und Vergehen in Preußen im Jahre 1902“, der, wie eine Parteikorrespondenz mitteilt, eine starke und bedauerliche Zunahme des Verbrechertums feststellen muß. Die Zahl der rechtskräftigen Verurteilungen ist von 340,580 im Jahre 1900 und 361,987 im Jahre 1901 auf 371,735 im Jahre 1903 gestiegen. Das ist eine Zunahme von 31,155 Fällen oder 9,1 Prozent gegen das Jahr 1900! Der Diebstah! weist im Zeitraum 1900 bis 1902 von allen Straftatgruppen bei weitem die größte Steigerung auf. Die Verurteilungen wegen einfachen Diebstahls sind um 10 Prozent, die wegen schweren Diebstahls um 28 Prozent gestiegen. Was sagt nun das amtliche Publikations⸗ organ des königlich preußischen Statistischen Bureaus über die Ursachen dieser auffallenden Erscheinung? Darüber wird wörtlich ausgeführt: „Diese nicht unbedeutende Steigerung der Kriminalität ist in der Hauptsache zweife]⸗ los auf die seit dem Jahre 1900 eingetretene Verschlechterung der Erwerbs- und Wirtschaftsverhält⸗ nisse zurückzuführen. Dies erhellt ins- besondere auch aus der verhältnismäßigen Zunahme der Verwögensdelikte.“ Der Staat bestraft die Eigentumsdelikte mit der furchtbarsten Strenge. Die preußischen Richter urteilen streng nach dem Gesetz, und die„guten Richter“ Frankreichs nach Art Mag⸗ nands, die das menschlich natürliche Rechts⸗ empfinden über den kalten, Haren Wortlaut des geschriebenen Rechts setzen, sind unter ihnen nicht zu finden. Sie sehen in jeder Straftat im Sinne der alten Rechtsauffassung ohne weiteres ein persönliches Verschulden, das sich bei einigem guten Willen des Angeklagten leicht hätte ver⸗ meiden lassen. Was aber lehrt dagegen die amtliche Sta⸗ tistik? Sie erblickt nicht, wie sie es in folge⸗ richtiger Durchführung der geltenden strengen Rechtsauffassung tun müßte, in der Steigerung der Kriminalität eine„Vermehrung“ der bösen Instinkte, sondern sie erkennt in ihr eine furcht⸗ dare soziale Gesetzlichkeit, die noch viel strenger und bindender ist als die des Strafgesetzbuches. nen drei Jahren haben 31,155 Personen 75 hr als vorher den Weg ins Zuchthaus oder ins Gefängnis genommen, und die Ursachen dieser Vermehrung werden nicht im Willen der einzelnen, 1 55 5 991 0 00 105 kapita⸗ istischen Wirtschaftsordnung gefunden. . e Notstand eines Teiles der Bevölkerung, ohne den diese gesegnete Wirtschafts⸗ ordnung nicht denkbar ist, entspricht einer dau. ernden Verbreitung der Kriminalität. Die mit dieser Wirtschaftsordnung notwendig verbunde⸗ nen Krisen verschärfen diesen Notstand und füllen Zuchthäuser und Gefängnisse. Das Dichterwort„Ihr laßt die Armen schuldig werden, bann überlazt ihr sie der Pein! findet in den Gesetzen der kapitalistischen Wirtschafts⸗ ordnung seine furchtbarste Erfüllung. Die amtliche Staristik muß diesen Tatbestand zu⸗ geben; das Statistische Bureau jener Regierung, die es für ihre vornehmste Aufgabe ansieht, die Gegner dieser Gesellschaftsordnung unablässig zu verfolgen, sieht sich, dem Zwange der Zahlen⸗ wahrheit folgend, genötigt, dieser Gesellschafts⸗ ordnung dieselben Anklagen ins Gesicht zu schleudern, die von den Umstürzlern erhoben worden sind. Der Versuch der Frommen, die Zunahme der Kriminalität auf eine Abnahme der„from⸗ men Gesinnung“ im Volk zurückzuführen, wird an diesem Zahlenmaterial kläglich zuschanden. Zeigt bekanntlich schon die Reichsstatistik, daß Bayern trotz der Zentrumsherrschaft und der Frömmigkeit des größten Teils seiner Bevölke⸗ rung an der Spitze der Kriminalität(in Eigen⸗ tums-, Körper- und sogar Eidesdelikten!) mar⸗ schiert, so beweist diese preußische Statistik vollends, daß jeder Versuch, im Sinne der Frommen einen Zusammenhang zwischen Auf⸗ lärung und Verbrechertum zu konstruieren, an den Tatsachen scheitern muß. Die Regieruugs⸗ bezirke Gumbinnen, Danzig, Marienwerder, Oppeln, Köln, können ganz gewiß nicht als besonders gottlos bezeichnet werden. In diesen Kreisen wurden nun im Jahre 1902 auf Hun⸗ derttausend der Bevölkerung 1607, 1716, 1629, 1780, 1673 Personen verurteilt, beirächtlich weniger in Berlin, nämlich 1473. Es soll nun durchaus nicht behauptet werden, daß hohe Kriminalitätsziffern eine notwendige Be⸗ gleiterscheinung der Frömmigkeit seien, nur der umgekehrte Versuch,„religiös⸗stttliche Erziehung“ als Schutzmittel gegen das Verbrechertum an⸗ zupreisen, soll damit verdiente Widerlegung gefunden haben. Weder fromme, noch gottlose Menschen fühlen, wenn sie nicht etwa krankhaft veranlagt sind, einen besonders lebhaften Trieb zum Bösen in sich. Die Verwahrlosung des Kindes aber im Elternhause, wie sie die selbstverständ⸗ liche Folge mißlicher sozialer Verhältnisse ist, mehr noch als diese die Sorge ums tägliche Brot, der Hunger, das Mitgefühl für hungernde Angehörige— sie treiben der Verbrecherarmee täglich neue Rekruten zu. Die amtliche Statistik gibt uns recht! Und wenn es einem königlich preußischen Beamten erlaubt wäre, seine Ge⸗ danken zu Ende zu denken, dann würde er zugeben, daß man das Verbrechertum nicht bekämpfen kann, ohne diese Gesell⸗ schaftsordnung zu bekämpfen, die es so notwendig erzeugt, wie der Krebs die Ver⸗ jauchung. Hunderte von Millionen sollen jetzt aber⸗ mals dem Militarismus geopfert werden. Würde man solche gewaltigen Mittel zur Linde⸗ rung der soztalen Not verwenden— nicht im Sinne barmherziger Wassersuppenpolitik, son⸗ dern in dem einer energischen Sozialreform—, so könnten uns bald unsere Kriminalstatistiker Tröstlicheres berichten. Wenn aber der neue Wuchertarif, durch Handelsverträge gemildert oder durch Zollkrieg verschärft, in Kraft tritt, und sich eine neue Elendswelle über das deutsche Volk ergießt, werden die Ziffern der Krimina⸗ lität am Schmach⸗ und Sündenpegel der bürger⸗ lichen Gesellschaft nicht sinken, sandern steigen. Die Kardorff und Genossen werden auch dem Richter viel zu tun geben. Wenn das Volk keine Arbeit hat, hat die Justiz die meiste! r—— — p— 5 1 — 1— n 0 n 3 Die Etatsberatung im Reichstage. Bei der Fortsetzung der Beratung des Reichsetats am Mittwoch(7. Dez.) kamen die kleineren bürgerlichen Parteien zum Wort. Die Debatte war nach keiner Richtung hin von Bedeutung. Zuerst sprach der Freisinnige Schrader, ein alter 70 jähriger Herr, dessen Ausführungen in der allgemeinen Unruhe fast unverständlich blieben. Er verlangt unbegrenztes Steuer⸗Bewilligungs⸗ und»Abschaffungsrecht für das Parlament, trotzdem erklärte er es für dessen Pflicht, alles, was für Heer und Flotte verlangt werde, zu gewähren und wagt für die Kolonten höchstens bescheidene Anreg⸗ ungen zu geben. Ebenso ging die übliche Mittelstandsrettungs⸗ rede des bayrischen Bauernbündlers Hilpert in der allgemeinen Unruhe unter. Etwas lauter schrie der Antisemitenhäuptling Zimmer⸗ mann die seine vom gleichen Kaliber hinaus. Er forderte die Regierung auf, für die 6 ¼ Millionen artiger Kinder vom Kittelstand besser zu sorgen als für die schon so reich bedachten 5¾ Millionen unartiger Kinder vom Prole⸗ tartat. Herr Zimmermann irrt nur darin, daß er die modernen Proletarier für Kinder hält; es sind erwachsene Menschen, die sich seine Auf⸗ fassung, daß ihnen der Staat schon genug oder zu viel gegeben habe, merken werden. Nachdem der Reichsparteiler Stockmann wiederum eine Ehrenrettung Mirbachs versucht hatte, ergriff der Volksparteiler Storz das Wort, während dessen Rede, in der sich übrigens manche treffende Bemerkung befand, die Unruhe so groß wurde, daß Präsident Ballestrem im Interesse der Gesundheit des Redners um Ruhe bat. Dieser erwiderte darauf, er freue sich über die gute Gesundheit des Prästdenten, von dem man ja immer befürchtet habe, er werde ersterben. Graf Ballestrem verbat sich diese Kritik, die in dem Hinweis auf sein byzantinisch⸗devotes Telegramm zur Verlobung des Kronprinzen lag, aber Genosse Singer wahrte gegenüber dem wiederum byzantinischen Absolutismus des Präsidenten der Zolltarifmehrheit energisch das Recht der einzelnen Reichstagsmitglieder auf freie Rede. Bei der Fortsetzung der Debatte am Frei⸗ tag ergriff zuerst der Reichsschatzsekretär Stengel das Wort, um zu erklären, daß er die Reichsfinanzen nicht durch Erhöhung der Matrikularbeiträge, sondern, wie er durchblicken ließ, durch neue Steuern auf die Volksmassen „sanieren“ will. Dann trat der konservative Graf Stollberg für die Militärvorlage ein und verteidigte den Russenkurs. Hierauf ergriff unser Genosse Vollmar das Wort. Er er⸗ kannte zunächst die Offenheit des Staatssekretärs bei seiner Schilderung der schwierigen finanziellen Lage au. Für diese Finanzschwierigkeiten trägt aber die Regierung und die bürgerlichen Parteien die Verantwortung. Weiter führte Vollmar u. a. aus: Mit Recht macht sich der Reichsschatzsekretär sehr skeptische Vorstellungen über die finanziellen Ergebnisse des neuen Zolltarifs. Man mag sich drehen und wenden wie man will— um neue Steuern kommt man nicht hinweg. Nun heißt es wieder. die Schwachen sollen nicht belastet werden. Jegt schon hat der Reichsschatzsekretär einschränkende Wendungen zu dem Schlagworte von der Nichtbelastung 22 — ͤ——H——ę—-—-—t— — — 2 —————L——„- — 2 * —— — — — Seiter 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 51. der Schwachen gemacht. Dem Kollegen Spahn ist nun endlich das Eingeständnis abgerungen worden, daß der neue Zolltarif eine Verteuerung der Lebensmittel bedeutet. Wir werden von diesem Eingeständnis Gebrauch machen, wenn der neue Zolltarif erst seine Wirkung geltend machen wird. Wie es mit dem Schönheitspflästerchen gehen wird, das vom Zentrum in Gestalt des Witwen⸗ und Waisenversicherungspro jektes auf den Zolltarif geklebt worden ist, werden wir ja sehen. Ein anderes Schönheitspflästerchen des Tarifes, die Aufhebung des städtischen Oktrois, ist ja schon im Begriff, ab zubröckeln. Wollen die deutschen Regierungen ernsthaft an dem Grundsatze festhalten, daß die breiten Massen nicht weiter belastet werden müssen, so bleibt uichts anderes übrig, als die Einführung direkter Reichs steuern, Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuer. Man sträubt sich dagegen aus föderalistischen Gründen, hauptsächlich aber, weil die herrschenden Klassen zwar gerne neue Ausgaben bewilligen, die Ehre des Zahlens aber Anderen überlassen. Auf keinen Fall bewilligen wir die Zuschußanleihe. Dann noch lieber Erhöhung der Matrikularbeiträge— die immerhin einen Anreiz für die einzelstaatlichen Vertreter im Bundes rate ist, auf Sparsamkeit zu drängen. Ich komme auf die Aus⸗ gaben. Wir haben die Kolonialpolittk stets be⸗ kämpft, tragen also für die südwestafrikanischen Ereig⸗ nisse keine Verantwortung. Von einer Kriegsgefahr kann man augenblicklich nicht sprechen, speziell von einer russischen nicht! Rußland ist durch den astatischen Krieg stark geschwächt worden: eine Befreiung Europas von elnem Alpdrucke! Der Reichskanzler sprach von den französischen Revanche⸗Ideen, er spielte auf Jaurès an. Er sollte wissen, wie sehr Jaurss und die sozia⸗ listische Partei im Sinne des Friedens und des Ent⸗ gegenkommens gerade auch Deutschland gegenüber tätig sind. Freilich gibt es auch in Frankreich Elende, die deshalb Jaurès und seine Freunde als Vaterlandsver⸗ räter bezeichnen, wie es ja auch bei uns solche Elende gibt. In die Lobeshymnen über die augenblickliche Mäßigung der Kriegs⸗ und Marine verwaltung im Fordern einzustimmen, sehe ich gar keine Veranlassung. Zeigen sich doch die Umrisse der kommenden großen Flottenvorlage schon. Nun zu dem Reichskanzler! Er hat sich über den Ton meines Fraktionsgenossen Bebel beklagt. Nun— der Ton, den er bei der vorjährigen Etatsberatung anschlug, ist von konservativen englischen Blättern als eine mutwillige Herausforderung der größten Partei Deutschlands bezeichnet worden. Was bezweckt der Reichskanzler mit diesen sich kaum innerhalb der parla⸗ mentarischen Grenze haltenden Angriffen? Nicht einmal das Wohlgefallen der Scharfmacher, Staatsstreichler, Ausnahmegesetz⸗Schreier erwirbt er sich damit; diese wollen Taten und nicht Worte sehen, sie wollen, daß man der Sozialdemokratie an die Gurgel springt. So viel ich weiß, will doch der Reichskanzler diesen Weg nicht gehen, der in der Tat totgefährlich sein dürfte. Dazu gehört nach Ihrer(nach rechts) eigenen Schilde⸗ rung ein Mann mit wenig Hirn und mit Nerven von Eisen— und ein solcher Mann ist doch der Reichs⸗ kanzler nicht.(Heiterkeit.) Wer sich in dieser Zeit der tiefgehendsten Umgestaltungen des sozialen Körpers nicht bemüht, in das Wesen des Sozialismus und der Sozial⸗ demokratie einzudringen, der mag ein pllichtgetreuer Beamter oder ein feingebildeter Diplomat sein; ein Staatsmann ist er nicht. Der Reichskanzler hat, als er über unser Verhältnis zu Rußland sprach, nicht genügend die Pflichten der Regierung einerseits und der Parteien und der öffentlichen Meinung anderer⸗ seits auseinandergehalten. Niemals ist es uns einge⸗ fallen, zu verlangen, daß die Regierung ihre staatlichen Machtmittel zur Einmischung in die inneren Angelegen⸗ heiten Rußlands benutzt. Es gibt keinen Sozialdemo⸗ kraten, der den Krieg mit irgend einer Macht gewünscht hätte; am wenigsten gibt es einen, der eine Niederlage Deutschlands herbeigesehnt hätte. Wohl aber habe ich in einem Scharfmacherblatte den Gedanken gelesen: eine russische Invasion in Deutschland würde wenigftens den Vorteil haben, Deutschland vor der Pest der Sozialdemokratie zu bewahren! Was wir Rußland gegenüber verlangen, ist Neutrolität, aber volle tatsäch⸗ liche und nicht bloß sormelle Neutralität; eine Neutra⸗ lität, die nicht durch den Wunsch beeinträchtigt ist, sich dem nächsten Nachbarn gefällig zu erzeigen. Zu meinem Bedauern hat der Reichskanzler auf die Anschuldigungen Bebel's, daß bie Regierung im Liefern von Material und Menschen an Rußland alles Mögliche tue, nichts erwidert. Wir werden uns durch nichts davon abhalten lassen, diese Dinge wieder und immer wieder hier im Reichstage vorzubringen. Ich begreife es, wenn der Reichskanzler sich über die innerpolitischen Verhältnisse Rußlands ausschweigt, aber daß er aus Freundschaft für Rußland den zarischen Despotismus verteidigt und seine Bekämpfung durch Deutsche als Verbrechen und Gefährdung deutscher In⸗ teressen darstellt, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich kann mir das nur aus jener spezifisch preußischen Vorliebe für Rußland erklären, die dort zu dem Gedanken führt, Deutschland sei eine russische Satrapie. Hat es doch Fürst Uchtomski offen ausgesprochen: aus politischem und wirtschaftlichem Interesse schweif wedelt man vor Rußland. Es handelt sich um die Absicht einer Rückversicherung gegen die Sozialdemokratle; man sieht in Rußland ein Bollwerk des Absolutismus. Der Reichskanzler wirft uns vor, daß wir die Beseitigung der bestehenden Ordnung in Rußland wünschen. Gewiß, Herr Reichskanzler, wir wünschen das und das ganze Europa, das ganze gebildete Rusland wünscht das mit uns.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Der Königsberger Prozeß hat die preußische Justiz in einer Weise geschädigt, daß der Schaden sich nicht wieder gut machen läßt. Der Reichskanzler sucht jetzt unter Berufung auf diesen Prozeß die Nentralitäts⸗ pflicht der einzelnen Staatsbürger in einer Weise aus⸗ zudehnen, wie sie nicht einmal von russischen Staats⸗ rechtslehrern verlangt wird. Man ift eben im offiziellen Deutschland russischer als in Rußland selbst. Im Uebrigen hat der Reichskanzler erklärt, die Reichsregie⸗ rung werde sich an„zuständiger Stelle“ über den Konigs⸗ berger Prozeß äußern. Nun, die zuständige Stelle ist eben der Reichstag.— In der Depesche an den Präsidenten Roosevelt gibt das Reichsoberhaupt seiner aufrichtigen Bewunderung für Amerika Ausdruck. Wir schwärmen nicht für den republikanischen Kapitalismus, der um kein Haar besser ist, als der monarchische; aber in Bezug auf demokratische Selbstbestimmung und frei⸗ heitliche Einrichtungen ist Amerika, das kein Gottes gnadentum kennt, uns allerdings weit voraus. Möge das deutsche Volk sich in dieser Beziehung den von dem Kaiser bewunderten Amerikanern immer mehr nähern. Vollmar hatte seine von dem Beifall unserer Genossen begleitete Rede kaum beendet, als auch schon Graf Bülow, des deutschen Reiches fein gebügelter Kanzler auf die Tribüne kletterte, um darauf zu antworten. Er erklärte erst, daß er sich nicht ärgere und dann beschwerte er sich unter Bezugnahme auf einen Artikel in der „Leipz. Volksztg. über den Ton der sozial⸗ den-okratischen Presse. Dann sagte er noch sehr viel Witziges und sonst alles Mögliche. Doch weiß er nichts über die verfahrenen Reichs- finanzen, die Belastung der Armen, die Steuer⸗ reform zu sagen. Auf die Frage Vollmars nach den Deserteur⸗Auslieferungen schweigt er. Gegners auf die Monarchie findet er kein Wort der Abwehr. Doch er hält seine lange Aus⸗ einandersetzung über Revisionismus und Radi⸗ kalismus und beklagt sich über die angebliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit— in der Sozialdemokratie. Dem sozialdemokratischen Redner, der eben erst die schwersten Angriffe gegen die Reichspolitik erhob, gibt er den Rat, ein deutscher Jaures zu werden! Wirklich einzig! Der deutsche Reichskanzler rät einem deutschen Abgeordneten, dem Vorbilde eines Maunes zu folgen, der ein überzeugter Rep u⸗ blikaner, ein leidenschaftlicher Gegner der Monarchie, ein sicherer Sozialist ist, er rät ihm, dem Vorbilde des Mannes zu folgen, der in Amsterdam der deutschen Sozialdemokratie den Vorwurf gemacht hat, sie lege zu wenig Gewicht auf die Bekämpfung der Monarchie! Nach dem Reichskanzler nahm nochmals der Zentrumsmann Spahn das Wort, um mit ungewöhnlicher Schärfe die südwestafrika⸗ nische Denkschriftspolitik, den Königsberger Prozeß und die Haltung der Regierung in der Diätenfrage zu verurteilen. Dann hielt Stöcker seine übliche Fastenpredigt gegen die Sozial⸗ demokratie und zum Schluß wandte sich der Vertreter für Marburg, v. Gerlach, der die nationalsoziale„Fraktion“ im Reichstage dar⸗ stellt, mit erfrischender Schärfe gegen das Dessauer Zuchthausurteil, den Kadavergehorsam und die Liebedienerei gegen Rußland. Am Samstag, dem letzten Tage der dies⸗ jährigen Generaldebatte des Etats sprach zuerst der Vertreter für Straßburg⸗Land, der Demokrat Blumenthal in witziger und temperament⸗ voller Weise. Er sagte dem Zentrum unan⸗ genehme Wahrheiten, beging aber die Torheit, sich an unseren bayerischen Genossen wegen ihres Kompromisses mit dem Zentrum zu reiben, das doch die bayerischen Liberalen durch ihre feige und kopflose Haltung in der Wahlrechtsfrage selbst heraufbeschworen haben. Danach heiterte der Zentrümler Heim, der sich in vergnügter Stimmung befand, das Haus durch derbe Witze auf. Dann jammerte der heilige Paasche über die gute Behandlung der Sozfaldemokratie Gegen den logisch vernichtenden Angriff seines und die schlechte Behandlung seiner national⸗ 3 liberalen Pariei durch die Regierung; mit einem förmlichen Paulskirchenpathos richtete er an den nicht anwesenden Reichskanzler die übrigens vom ganzen Hause beifällig aufgenommene Aufforderung, endlich einmal mit der Bewilli⸗ gung der Diäten ernst zu machen. Nun kam Bebel wiederum, um mit dem Reichskanzler abzurechnen. Derselbe hatte, wie oben bemerkt, mit einem ungeschickt gehaltenen Artikel der„Leipz. Volksztg.“ gekrebst; Bebel lehnte im Auftrage der Fraktion jede Verant⸗ wortung für diesen Artikel ab, wies aber nach, daß die reaktionären Parteien, deren Blätter im Ton der kölnischen Fischweiber von den Sozialdemokraten zu reden pflegen, wahrhaftig keine Veranlassung haben, Knigge⸗Vorlesungen zu halten. Und dann nahm sich Gen. Bebel den Reichskanzler vor. Graf Bülow entrüstete sich über die angebliche Beschränkung der Ge⸗ dankenfreiheit innerhalb der Sozialdemokratie; er selbst aber verrät nur allzu deutlich Verlangen nach einem Preßgesetz gegen die Witzblätter. Der Reichskanzler hat es auch für nötig ge⸗ halten, sich über Marx zu äußern. Nun— der Name Marx wird noch in der Geschichte fort⸗ leben, wenn der Name des vierten Reichskanzlers des Deutschen Reiches längst vergessen sein wird. Nicht minder scharf rechnete Bebel mit den Vertretern der bürgerlichen Parteien ab, die im Laufe dieser Debatten zu Wort gekommen waren; als er Mirbach nach Gebühr kennzeichnete, empfing er einen zornigen Ordnungsruf des Präsidenten; einen zweiten nachträglichen Ord⸗ nungsruf erhielt er, als er das klownartige Auftreten des Herrn Liebermann von Sonnen- berg beim rechten Namen nannte. Nach Bebels Rede verlor sich die Debatte in Einzelheiten. Gröber vom Zentrum fand wenigstens noch ein scharfes Wort gegen das ungeheuerliche Dessauer Urteil, während sein Parteigenosse Heim mit dem gräflichen Antisemiten Reventlow und dem ruppigen Lieber⸗ mann v. Sonnenberg in Verunglimpfung ihrer politischen Gegner wetteiferten. Der Etat wird, wie immer an die Budgetkommission verwiesen. politische Nundschau. Gießen, den 15. Dezember 1904. Im Reichstage verhandelte man am Montag über zwei sozial⸗ politische Resolutionen zum Bergrecht, die unsere Partei und das Zentrum gestellt haben. Die des letzteren wurde angenommen, während die sozialdemokratische so gut wie abgelehnt wird.— Am Dienstag stritt man sich bei sehr schwacher Besetzung um ein Stück Mittelstands⸗ rettung, nämlich um die von dem Nationallibera⸗ len Becker geforderte obligatorische Invaltoen⸗ und Altersversicherung für Handwerker. Die betreffende Resolution wurde mit Hülfe unserer Genossen angenommen. Gegen das Dessauer Zuchthausurteil protestierten zwei große Versammlungen, die am Montag Abend in Dessau stattfanden. In der einen, die von unseren Genossen einberufen. war, referierte der Abg. Gen. Peus, in der anderen, die vom liberalen Verein ausging, der Abg. v. Gerlach. Beide Versammlungen waren glänzend besucht und nahmen scharfe Protest⸗ resolutionen an.— Die verurteilten Soldaten haben übrigens eingelegt. Von der Militärjustiz. Zwei Militärgerichtsurteile, welche zur Gegenüberstellung herausfordern, wurden in den letzten Tagen gefällt. Das Kriegsgericht Dresden verurteilte ö Schölze, der außer einer außerdienstlichen Ver⸗ fehlung Georg getan hatte, wegen Majestätsbelet digung zu 1 Jahr 9 Monaten sich zwei Off Neisse hatten Artillerie⸗Depot in Neisse wegen Diebstahls, g Berufung gegen das Urteil den Infanteristen in einer Eingabe an die Milttärbehörde eine achtungswidrige Aeußerung über König (0 Gefängnis. Vor dem Kriegsgericht der 12. Diviston in tziere vom lief bra zur, din den geft Wa Zei Ab bat ert der ent 51. nal. lem an geng mene dem Wie enen dehel rant⸗ nu, aͤtter den afttg gen Bebel istete N Ge⸗ alle; gen iter. ge⸗ der fort⸗ lers fein n ab, Amen hnete, des Ord⸗ tige nen⸗ chatte fand das rend lichen leber⸗ ihrer Wird, nien. UU ———— Nr. 51. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. N N WW — e Seite. Verleitung zum Meineide und Beleidi⸗ gung eines Untergebenen zu verantworten. Nach 13 stündiger unter Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit geführten Verhandlung wurden die Angeklagten freigesprochen.— Ferrer hat das Kriegsgericht der 8. Division, das sich durch das Dessauer Urteil einen Denkstein ge⸗ setzt hat, wieder zwei Aufsehen erregende rtelle gefällt. Der Musketier Max Seidel vom In⸗ fanterie⸗Regiment Nr. 72 in Bernburg war am Abend des 7. November von seinem Vor⸗ gesetzten, Unteroffizier Gebhardt, befragt worden, warum der Schmutz in der Stube nicht ord⸗ nungsgemäß zusammengekehrt sei. Seidel ent⸗ gegnete darauf, daß er keine Müllschippe gehabt und mit den Händen den Dreck nicht 1 zu⸗ sammen machen können. Er will darauf von dem Unteroffizier mit den Worten:„Wenn Du nicht ruhig bist, schlage ich Dir ein paar in die Fresse“, einen Stoß vor die Brust er⸗ halten haben. Der Unterofstzier stellt in Abrede, gestoßen zu haben, und Seidel erhielt eine Anklage wegen Verleumdung, Achtungsver⸗ letzung usw. Seidel's Verteidiger hatte darauf hingewiesen, es sei im hohen Grade wahrschein⸗ lich, daß der Unteroffizier gestoßen habe. Der Ankläger beantragte gegen Seidel 8 Monate, und das Urteil lautete auf 6 Monate und 14 Tage Gefängnis mit dem Hinweise, es sei eine schwere Beleidigung, einem Unterofftzier so etwas vorzuwerfen.— Hierauf nahm der be⸗ reits wegen Mißhandlung Untergebener vorbe⸗ strafte Unteroffizier Max Sschramm auf der Anklagebank Platz. Er wurde be⸗ schuldigt, den Musketier Sperber durch einen heftigen Stoß vor die Brust mißhandelt zu haben. Sperber, der auch von dem Feldwebel Kleemann geschurigelt worden ist, geriet am 25. Oktober in eine derartige Verzweiflung, daß er einen Selbstmor dversuch unter⸗ nahm. Er versuchte zunächst auf den Eisen⸗ bahnschienen seinem Leben ein Ende zu machen, lief dann in den Wald, befestigte dort an einem Steinhäuschen sein Seitengewehr und brachte sich, indem er auf das Seitengewehr zurannte, unterhalb der Herzgegend zwei aller⸗ dings nicht lebensgefährliche Stiche bei. Nach⸗ dem er besinnungslos und blutend zu Boden gefallen und schließlich wieder zu sich gekommen war, schleppte er sich in's Lazarett, wo er eine Zeit lang behandelt werden mußte. Vor dem Selbstmordversuch hatte er seinem Bruder einen Abschiedsbrief geschrieben, indem er den Bruder bat, sich der alten Mutter anzunehmen; er als Soldat werde so geschliffen, daß er nichts mehr ertragen könne. Auch in diesem Fall leugnete der Unteroffizier, dem Untergebenen den letzten entscheidenden Stoß vor die Brust versetzt zu haben. Er wurde aber durch die glaubwürdigen Zeugenaussagen Sperber's überführt und zu —— 14 Tagen Mittelarrest verurteilt. Wenn das keine ausgleichende Gerechtigkeit ist! Kriegervereinliches. Von der Bundesleitung der Kriegervereine soll, wie im Kriegerverein in Hannover mitge⸗ teilt wurde, entschieden worden sein, daß die Kriegervereinler einer freien Gewerkschaft nicht angehören dürfen und daß solche Kriegervereins⸗ mitglieder, die zugleich Mitglieder einer sozial⸗ demokratischen Gewerkschaft sind, bis zum 1. Januar ihren Austritt aus der letzteren zu erklären haben. Tun ste das nicht, so haben sie bis zum 1. März aus dem Kriegerverein auszutreten, widrigenfalls sie auszuschlteßen sind. Es ist nur gestattet, einer„christlichen“ Gewerkschaft beizutreten. Natürlich wird dieser Beschluß jeden Gewerkschaftler sehr kalt lassen, aber er zeigt doch wiederum, welche arbeiter⸗ feindlichen Gebilde die Kriegervereine sind. Unsere Parteifreunde müssen ihre Bekannten und Arbeitskollegen jederzeit davor warnen, einer Vereinigung beizutreten, die sich zur Schädigung der Arbeiterinteressen gebrauchen läßt. Krupp'sche Profite. wanzig Millionen Mark erzielte die Attenge ellschaft Friedrich Krupp in Essen im Geschäftsjahre 1903/4 an Gesamtüber. schuß. Davon gehen ab für Steuern Mark 3236119, für Arbeiterversicherung Mk. 2124527, für Wohlfahrtsausgaben Mk. 3239269. Nach Verrechnung dieser Ausgaben mit zusammen Mk. 8600015 ergibt sich ein Rein gewinn von Mk. 11562762. Hiervon werden 5 Pro⸗ zent gleich Mk. 578138 der gesetzlichen Rücklage überwiesen, daneben soll eine Sonderrücklage in Höhe von Mk. 600000 eingerichtet werden. Die Arbeiterpensionskasse soll einen außerordent⸗ lichen Zuschuß von Mk. 500000 erhalten; von dem Rest soll eine Dividende von 6 Prozent gleich Mk. 9600000 auf das 160 Millionen Mark betragende Aktienkapital verteilt werden. — Das N dürfte diese Zahlen mit gemischten Gefühlen betrachten. Protest der„Elenden“. Wie in mehreren Städten, so berieten auch kürzlich die Stadtväter von Bielefeld über einen Beitrag von tausend Mark für ein Hochzeitsgeschenk an den Kronprinzen. Unsere Parteigenossen lehnten dies selbstverständlich ab und zwar unter folgender f „Unsere grundsätzliche Stellung zur Monarchie verbietet uns, uns an einer Ovation zu beteiligen, welche nach dem Vorschlage des Magistrats einem Mitgliede des regierenden Hauses der Hohenzollern dargebracht werden soll. Weiter aber sprechen wir einerseits unsere Verwunde⸗ rung aus über die Höhe des darin liegenden Geschmackes, daß der Kronprinz hierdurch in die Verlegenheit gebracht werden soll, ein Ge⸗ schenk anzunehmen, das zum größten Teil aus der Tasche von Männern bezahlt ist, welche er selbst Elende zu nennen beliebt hat; andererseits fühlen wir uns als Vertreter dieser„Elenden“ verpflichtet zu erklären, daß diese„Elenden“ keinen Pfennig frei⸗ willig zu einem Geschenk für den Kronprinzen beitragen würden. Wir halten es endlich mit den Pflichten eines Stadt⸗ verordneten für unvereinbar, in einem Augen⸗ blick, wo die Ausgestaltung wichtiger Zweige der städtischen Verwaltung aus Mangel an Mitteln unterbleiben muß oder hinausge⸗ schoben wird, wo durch Arbeitslosigkeit und die Härten des herannahenden Winters die bitterste Not manche Familien der Steuerzahler heimsucht, die Groschen der Aermsten zu Flitter⸗ und Prunkgeschenken zu verwenden.“ Diese Erklärung ist Millionen von Arbeitern aus den Herzen gesprochen. Wahlen. In Stuttgart erzielten unsere Partei⸗ genossen einen erfreulichen Erfolg bei der Bürgerausschußwahl am Samstag. Zwar brachten die vereinigten bürgerlichen Parteien ihre Liste mit zirka 2000 Stimmen Mehrheit durch, doch dürften sie zum letzten Male den Sieg an ihre Fahne geheftet haben, denn die sozialdemokratischen Stimmen weisen eine Zunahme von 15 Prozent auf, die Bürger⸗ lichen nur eine solche von 2 Prozent. Für unsere Partei wurden diesmal 5031 Stimmen abgegeben gegen 4363 im vorigen Jahre. Die Bürgerlichen brachten 7200 gegen 7000 im Vorjahre auf. „Guter Ton“ der Bürgerlichen. Im ungarischen Parlament kam es am Dienstag zu einem vollständigen Aufruhr. Die Opposttionsparteien wollten die Abhaltung einer Sitzung verhindern und schlugen deshalb im Sitzungssaale alles kurz und klein. Dieser Körperschaft gehört nicht ein einziger Sozialdemokrat an. Mögen dorthin unsere Ordnungsbrüder schauen, wenn sie sich mal wieder über den„rohen Ton“ der Sozialdemo⸗ kratie beschweren. Unehrliche Politik treibt der frühere Minister Millerand, der sich vor seiner Ministerschaft zur sozialistischen Partei zählte, sich aber nachdem mehr und mehr von derselben entfernte. Gegenwärtig richtet er öfters unter dem Beifall der Klerikalen und übrigen Reaktionäre Angriffe gegen das Ministerium Combes, in der Absicht, es zu Fall zu bringen und seine Stelle einzunehmen. Bts jetzt ist ihm das allerdings noch nicht ge⸗ lungen, wenn auch die Mehrheit des Ministeriums keine bedeutende war. Syveton beging Selbstmord. Der am Donnerstag voriger Woche erfolgte plötzliche Tod des nationalistischen Abgeordneten Syveton hat in Paris nicht geringe Aufregung hervorgerufen. Syveton machte sich bekanntlich dadurch„berühmt“, daß er in der Kammer dem Kriegsminister André unversehens ins Gesicht schlug. Für diese Tat sollte er sich am Freitag vor dem Schwurgericht verantworten. 5 5 vorher wurde er jedoch, durch Kohlengas erstickt, in seinem Zimmer tot aufgefunden. Von anti⸗ republikanischer und reaktionärer Seite versuchte man die Schuld an seinem Tode den Republi⸗ kanern aufzubürden. Jetzt hat sich jedoch her⸗ ausgestellt, daß er Selbstmord beging. Sein Schritt soll, wie berichtet wird, durch ein abstoßendes Familiendrama veranlaßt worden sein; seine Frau habe mit einem„Hausfreunde“ intime Beziehungen unterhalten. Kleine politische Nachrichten. Der frühere nationalliberale Führer Ha mmacher ist in Berlin, 80 Jahre alt, gestorben.— Die an⸗ geblichen Mörder Plehwes, Sassonow und Sikorski, wurden in Petersburg, ersterer zu lebenslänglicher, letzterer zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit verurteilt.— In Rußland kommen in letzter Zeit zahlreiche revo⸗ lutionäre Unruhen vor. Russisch⸗japanischer Krieg. Vom Kriegsschauplatze in der Mand⸗ schurei wurde anfangs der Woche berichtet, daß die Russen sich nach 72 stündigem hartem Kampfe nach dem südlichen Hunho⸗ ufer zurückgezogen haben. Am 4. Dezember hatten die Japaner die Offenstve ergriffen. Bei der Station Mukden herrscht große Ver⸗ wirrung. Eine andere Meldung dagegen be⸗ sagt, daß die Lage unverändert sei.— Die Japaner haben sich zum Schutze gegen die Kälte— nachts soll das Thermometer auf 20 Grad unter Null sinken— unterirdische Räume hergestellt. Von Port Arthur wird berichtet, daß die ganze russische Flotte durch die japanischen Geschosse vernichtet ist. Der Widerstand der Besatzung der Festung, die nur noch 8000 Mann betragen soll, wird täglich schwächer. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. 0 Die Holzarbeiter⸗ Zeitung wird vom 1. Januar ab von Hamburg nach Stuttgart verlegt. Der bisherige Redakteur Röske hat jedoch seine Stellung gekündigt und bleibt aus* ö Familienrücksichten und weil er auch Mitglied des hamburgischen Parlaments ist, in Hamburg. Ebenso der Expedient Stubbe. Von der Verbandsleitung wurde daher als Expedient der seitherige Hülfsarbeiter im Verbandsbureau Eduard Steinbrenner in Stuttgart gewählt. Dagegen wird der Posten eines Redakteurs zur Bewerbung ausgeschrieben.— Ferner wird im Holzarbeiterverband im ersten Quartal 1905 von allen Mitgliedern ein Extrabeitrag von 10 Pfg. pro Woche erhoben. Dieser Beschluß des Vorstandes ist durch die gegenwärtige Aus⸗ sperrung der Tischler in Berlin veranlaßt, mittels welcher der Arbeitgeberschutzverband der deutschen Tischlermeister und Holzindustriellen nach eigener Aussage die Kasse des Holzarbeiter⸗ verbandes zu sprengen beabstchtigt. Diesem Plane zu begegnen, soll bei Zeiten Vorsorge getroffen werden. Lohn bewegungen. In der Frank⸗ furter Gummifabrik von Louis Peter haben 180 Motorreifenmacher die Arbeit einge⸗ stel lt.— Die Frankfurter Brarereiarbeiter find in eine Lohnbewegung eingetreten. Es soll den Arbeitgebern ein Tarifentwurf vorge⸗ legt werden, in dem möglichste Beseitigung der Sonntagsarbeit, Erhöhung der Löhne der Brauer und Hilfsarbeiter nach einer festgesetzten Skala, Regelung des Schichtwechsels und der — en 9 1 * 11 —ʒͤ̃—ͤi Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 51. Arbeitszeit der Fahrer, einheitliche Bezahlung der Landtouren ꝛc. gefordert wird. glieder des(nationalen) Brauerbundes haben erklärt, mit dem Zentralverbande für die ge⸗ stellten Forderungen einzutreten. —̃—ꝛ von Nah und Lern. Hessisches. — Die Zweite Kammer des Landtags trat am Mittwoch wiederum zusammen. Zur Beratung stand unter anderm die Erweiterung des land wirtschaftlichen Instituts an der Uni⸗ versität Gießen. Herr Köhler hatte deswegen eine Anfrage gestellt und warf bei Begründung derselben der Regierung u. d. vor, daß sie kein Herz für die Landwirtschaft habe. Von der Regierung wurden ihm aber ahlenmäßig die staatlichen Aufwendungen vorge ührt. Nach⸗ dem Gutfleisch für die Bewilligung der dazu erforderlichen Summe von 6800 Mk. eingetreten war, beschloß das Haus in diesem Sinne. — Die Gemeinderatswahl in Pfungstadt, bei der unsere Genossen einen recht schönen Erfolg erkämpften, war für u n⸗ gültig erklärt worden und so findet Freitag, den 16. Dezember, eine neue Wahl statt. Die Aussichten unserer Genossen sind noch günstiger als vorher, denn bei den Gegnern, welche am letzten Mal mit einer geschlossenen Liste auf⸗ traten, herrscht diesmal arge Zersplitterung und dem reinen Zettel unserer Genossen werden verschiedene Mischmaschlisten entgegenstehen. Hoffentlich dringt unsere Liste durch und wir können in nächster Nummer von fünf neuen sozialdem. Gemeindevertretern berichten. Gießener Angelegenheiten. — Bücher als Weihnachts⸗Ge⸗ schenke. Wir haben bereits in letzter Nummer einige Anregungen gegeben, welche Art von Büchern der Arbeiter auswählen soll, wenn er solche zu Weihnachtsgeschenken einzukaufen beabsichtigt. Heute sei noch auf einige sehr empfehlenswerte Werke aufmerksam gemacht. Seit Jahren verlangen z. B. die Parteigenossen nach Jugendschriften, die, frei von religiösen und byzantinischen Heucheleien, zur Erziehung unserer Jugend im modernen Sinne beizutragen geeignet sind. Ein solches Buch hat die Buch⸗ n Vorwärts herausgegeben. Es ist freilich kein neugeschriebenes Werk, das uns vorliegt; aber es ist eine der besten Erzählungen aus der Weltliteratur, die uns Erkmann⸗ Chatrian hinterlassen hat.„Frau Therese“ ist der Titel des Buches. In dieser gemüts⸗ vollen Erzählung führen uns die Dichter die große Zeit der französischen Revolution vor Augen mit ihren begeisterten erhabenen Ideen der allgemeinen Völkerbefreiung und Völker⸗ verbrüderung und ihrer Rückwirkung auf Leben und Treiben eiuer veutschen Kleinstadt jener Zeit. Zu Geschenken eignen sich ferner folgende Werke, die sämtlich von unserer Expedition be⸗ zogen werden können: Bos, Die franzbösische Revolution. 5 Mk. — Die deutsche Revolution. 5.70 Mk.— Zimmermanns großer deutscher Bauernkrieg. 5 Mk.— Mattha ei, Deutsche Baukunst im Mittelalter. 1.25 Mk.— Otto, Deutsches Frauenleben im Wandel der Jahrhunderte. 1.25 M.— Simon, Die Gesundheitspflege des Weibes. 2.50 Mk.— Wurm, Gesund⸗ heitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie. 6.50 Mk.— Darwin, Entstehung der Arten. 1.75 Mk.— Abstammung des Menschen. 3 Mk. — Köhler, Weltschöpfung und Weltunter⸗ gang.— Bommeli, Die Geschichte der Erde. 5 Mk.— Büchner, Kraft und Stoff. 3 Mk. — Janson, Meeresforschung und Meeres⸗ leben. 1.25 Mk.— Scheier, Der Bau des Weltalls. 1.25 Mk. und viele andere. — Der Wahlverein hält diesen Sams⸗ tag seine letzte Versammlung für dieses Jahr ab. Auf der Tagesordnung steht ein Referat des Genossen Vetters über„Politische Rund⸗ schau“. Die Parteigenossen wollen sich recht zahlreich einfinden. — Besichtigung der neuen Uni⸗ versitäts-Bibliothek. Nach Neujahr soll Die Mit⸗ an einem Sonntage eine Besichtigung des neuen Bibliothek⸗Gebäudes von Seiten der Gewerk⸗ schaften unternommen werden. Die Herren Bibliothek⸗Beamten haben sich in entgegen⸗ kommender Weise erpötig gezeigt, dabei die Führung zu übernehmen. Die Vorstände der Gewerkschaften wollen dem Kartellvorsitzenden in Bälde mitteilen, auf wieviel Teilnehmer von ihrer Seite zu rechnen ist. — Die Geschäftsleute in der Bahnhof⸗ und Marktstraße beschwerten sich bitter darüber, daß jetzt kurz vor Weihnachten Straße und Trottoir zum Legen der Telegraphen⸗Kabel aufgerissen und ihnen ganze Berge Erde vor den Läden aufgehäuft wurden. Dadurch erlitt das Ladengeschäft natürlich erhebliche Beein⸗ trächtigung. Durch die Beschwerden wurde aber wenigstens erreicht, daß man die Arbeiten beschleunigte.— Eine über diese Angelegenheit in der Frankfurter„Kl. Presse“ erschienene Einsendung behauptete, daß die Gießener Lokal⸗ blätter die Aufnahme der Beschwerden gegen die Postverwaltung abgelehnt hätten. Dem gegenüber erklärte der„Anz.“, daß er die ihm vorgelegte Einsendung wegen der darin ent⸗ haltenen Beleidigungen habe ablehnen müssen. — Ein merkwürdiger Unglücksfall, der sich am Samgtag in der Brauerei Friedel und Asprion ereignete, kostete dem dort be⸗ schäftigten Maschinenmeister Kreuter das Leben. Derselbe wollte die Eismaschine zum Reinigen auseinandernehmen, wobei ihm Säure in den Mund spritzte und er davon schlucken mußte. Innerlich schwer verletzt, wurde er in die Klinik gebracht, wo er am Mittwoch ver⸗ storben ist. — Das Winterfest der Gewerk⸗ schaften Gießens wird am 14. Januar im Leib'schen Saale abgehalten. Es soll damit eine Verlosung verbunden werden, zu welcher die Gewerkschaftsmitglieder ersucht werden, Ge⸗ schenke zu stiften. Diejenigen, die in der Lage sind, solche selbst anzufertigen, würden damit der Sache einen besonderen Dienst erweisen und wesentlich zur Erhöhung der Festesfreude beitragen. — Bei dem Organ der Pückler⸗ garde in Friedberg muß die sogenannte „Schriftleitung“ wirklich der kompletten Hirn⸗ erweichung verfallen sein. Was das Blättchen in letzter Zeit für unglaubliches Zeug preodu⸗ ziert, übersteigt alles vorher Geleistete. Und das will gewiß etwas bedeuten. Der reine Pückler⸗„Geist“ der aus ihm spricht. Neulich behauptete es, unsere Frankfurter Parteigenossen hätten für Unterstützung der Juden⸗Demokraten bei den Stadlverordnetenwahlen 5000 Mk. be⸗ kommen! Auf dieser„Höhe“ steht der ganze Inhalt des junker bündlerischen Papiers. Man muß wirklich die Geduld der Bauern bewundern, die sich das bieten lassen. Aus dem Rreise gießen. — Versammlung in Wieseck. Ueber Entwickelung der Konsumgenossenschaften und ihre Bedeutung für die Arbeiterklasse sprach am Donnerstag Abend Herr J. Dejung aus Mann⸗ heim im Saale des„Gambrinus“ vor ziemlich gut besuchter Versammlung. Redner legte dar, daß die Arbeiterschaft in der früheren Zeit der modernen Arbeiterbewegung vor und nach dem Sozialistengesetz aus ganz begreiflichen und erklärlichen Gründen keinen besonderen Wert auf das Genossenschaftswesen gelegt habe. Erst in den letzten Jahren habe dasselbe einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen, es gebe jetzt in Deutschland eine außerordentlich große Zahl Genossenschaften, darunter allein etwa 2000 Konsumvereine. Der Arbeiter habe mehr und mehr erkannt, daß die etwaigen durch die gewerkschaftliche Organisation erkämpften hö⸗ heren Löhne durch Verteuerung der Lebens⸗ mittel und Gebrauchsgegenstände wieder mehr als ausgeglichen werden und so die Lebens⸗ haltung keine Besserung erfahre. Dieser Um⸗ stand habe dazu geführt, daß man Mittel und Wege suchte, um der Ausbeutung, der die Ar⸗ beiter als Konsumenten ausgesetzt sind, einiger⸗ maßen zu begegnen. Ein solches Mittel find leistungsfähige, vom richtigen Geiste geleitete Konsumgenossenschaften. Redner legt des Wei⸗ leren die Vorteile des gemeinschaftlichen Waren⸗ einkaufs dar, weist auf die Erfolge der Konsum⸗ tar vereine in Sachsen hin und schließt seme Aus⸗ cc führungen unter lebhaftem Beifall der Ver⸗ er sammelten. In der Diskuston erklärte der 155 Leiter des Konsumvereins Gießen und Um 5 gegend, daß, wenn in Wieseck eine hinreichende 10 Anzahl Mitglieder beitreten würden, eine Fili⸗ uf ale des Gießener Vereins hier errichtet werden die solle. Eine Anzahl Wiesecker find denn auch wu bereits beigetreten. 1 ir g. Altenbuseck. Ein gefallener Kämpfer. die In der Nacht zum Sonntag starb hier unser braver de Parteigenosse, der Zigarrenmacher Wilhelm Körber, 9 in dem jugendlichen Alter von 32 Jahren. Wie schon. 6 viele seiner Berufskollegen hat auch ihn die Lungen⸗ N m1 schwindsucht dahingerafft. Der Verstorbene war ein 2 edel denkender Mensch von ausgezeichnetem Charakter, 15 ein liebevoller Gatte und Vater und ein pflichteifriget 9 11 Parteigenosse. Schon als Jüngling von 19 Jahren 5 trat er dem damaligen Arbeiterverein bei und sofort nach beendeter Militärzeit trat er wieder in unsere Organisation ein, der er bis zu seinem Tode treu ge: 5 9 blieben ist. Selbst während seiner Krankheit verfolgte 8 er mit eifrigem Interesse unsere Parteipresse und er ö 9 strahlte vor Freude, wenn er von einem irgendwo er- U kämpften Erfolge unserer Genossen las.— Die Beerdi⸗ 6 gung fand am Dienstag unter großer Beteiligung statt. 1 9 Der Volksverein und Gesangverein legten Kränze am* E Grabe nieder. Wir werden dem braven itkämpfer ein 2 dauerndes Andenken bewahren.. 0 s. Lohn für treue Dienste. Wenn sich ein 0 Arbeiter Jahrzehnte oder gar ein halbes Jahrhundert 5 lang bei einem Unternehmer abgeschunden, so kann man 9 in der Regel recht erbauliche Schilderungen über Treue 5 in der Arbeit, gutes Verhältnis zwischen„Herr“ und 0 Arbeiter und andere schöne Dinge in den gutgefinnten Blättern lesen. Vielleicht bekommt der treue Arbeiter 1 sogar eine Medaille. So gehts aber nicht immer. U 1 Manchmal blüht den treuen Arbeitern auch die Ent⸗ So ging's zum Beispiel einem Arbeiter in lassung. seit 21 Jahren in der dortigen Alten buseck, der Zigarrenfabrik der schäftigt ist. Vor Kurzem wurde derselbe, der als zweiter Werksführer fungierte, nach dreiwöchentlichem Kranksein plötzlich entlassen. Als Grund wurde allge⸗ meiner Geschäftsrückbang angegeben, weshalb man keinen zweiten Werkführer mehr brauche. Das ist jedoch keines⸗ falls zutreffend. Natürlich ist der Firma hierüber weder in rechtlicher noch sonstiger Beziehung ein Vorwurf zu machen, sie ist ihren Verpflichtungen voll und ganz nach⸗ gekommen und kann ja einstellen und entlassen, wen sie will. Die Arbeiter können aber daraus die Lehre ziehen, daß noch so lange„treue Dienste“ sie nicht davor schützen, bei bester Gelegenheit auf die Straße zu fliegen. + In Lich beabsichtigt man dem Fürsten Ludwig von Solms⸗Lich ein Denkmal zu setzen, zu dem am 23. Januar, dem 100. Geburtstag des Fürsten der Grundstein gelegt werden soll. Dieser gute Mann ist in den weitesten Kreisen unbekannt und deshalb hat man jedenfalls ein Denkmal als ein„dringendes Bedürfnis“ empfunden. Die Mehrheit der Licher Bevölkerung wird allerdings der Meinung sein, daß es auch in Lich noch viel notwendigere Dinge zu machen gebe, als ein Stand⸗ bild für einen Fürsten, Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. g. Falsche Spekulation. Eine Alsfelder Holz⸗ firma hat in Bebra eine Spottpreis in Submission übernommen. Dabei fehlen ihr aber die nötigen Arbeiter zur Ausführung, weil die eigenen Leute keine gelernten Schreiner sind. Nun sucht die Firma solche bei den hiesigen Schreinermeistern zu bekommen und glaubt, daß ihr die Gesellen in Menge und mit Hurra zulaufen, um in Bebra arbeiten zu dürfen. Derart sind aber die Löhne nicht. Es wird 3 Mk. wöchentliche Vergütung und freies Logis gewährt und darauf lassen sich die hiesigen Arbeiter nicht ein. aus dem Nreise Wetzlar. * Die Landwirts⸗Bündler hielten am Sonn⸗ staatliche Arbeit für einen Herren Emmelius(Gießen) be⸗ — 2 * 1 1 4 1 tag im Hotel Kessel eine Versammlung ab. Der Besuch, war außerordentlich mäßig, etwa eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit waren etwa 30 Mann an⸗ wesend, bis zum Schlusse hatten sich noch einige Wetz⸗ larer Bürger eingefunden, Bauern aber, für welche die Versammlung doch einberufen war, dürften noch keine zwanzig dagewesen sein. Bley aus Berlin auf. Als Redner trat ein Herr Angetan mit einem mindestens 15 Centimeter hohen Stehkragen muß dieser„Bauern: agitator“— er ist jedenfalls ein Angestellter des Junkerbundes— den paar anwesenden Landwirten ges waltig imponiert haben. Den größten Teil seiner Aus⸗ führungen widmete er der Sozialdemokratie, gegen die er alle bekannten Vorwürfe der Sozialistentöter all. Zeiten wiederholte. Im Uebrigen ging ihm der 30 bet, schon ugen⸗ t eln alter, rige uhren pofon unsen 1. ge⸗ folgte ud et vo er⸗ erdi⸗ att. E an fer ein ch ein undert u man Trtue 1 und sinnten libeitet immer. Ent⸗ eller in ortigen 0 b⸗ er als lichem e allge⸗ n keinen kelneg⸗ r wedet wurf zu i nach⸗ wen sit E ziehen, davor fegen. Ludwig dem am fun det u ist in hat man hürfuis g wird ich noch 1 Staud⸗ 1 der bol i einen 90 fehlen vil l sun duch eltern in i W betten vlld 1 g ct ein Fonll⸗ m 01 gesuch e eur — —̃ — — Nr. 51. N F Mitterdentsche Wonntaas⸗Hestung. S. ile 5. tarif noch nicht weit genug; dem Mittelstand gehts schlechter wie den Arbeitern und er muß unbedingt gerettet werden, die Sozialdemokratie will ihn aber vernichten! Weiter forderte der gute Mann das Verbot des Terminhandels, das bekanntlich im Börsengesetz schon aus gesprochen ist. Das sagte ihm Genosse Vetters⸗ Gießen, der zufällig anwesend war und in der Dis⸗ kusston das Wort ergriff. Außerdem wies unser Gen. die Angriffe auf unsere Partei entschieden zurück. Dabei wurde er oft von einigen wohlbeleibten Spießern unter⸗ brochen, die sich später noch eingefunden hatten. Durch diese Ausführungen war aber der Landwirtsbündler, der offenbar geglaubt hatte, sich in einer durchaus „sozialistenreiner“ Versammlung zu befinden, in gewaltige Erregung geraten und suchte sich mit alleelei falschen Unterstellungen und Behauptungen zu verteidigen. Schließlich hielt auch Herr Keiner aus Werdorf, der den Vorsitz führte, eine Pauke von triefendem Patriotismus und schloß dann schleunigst die Versammlung, Vetters das Wort zur Erwiderung zu geben. h. Vorm Limburger Schwurgericht hatte sich unter anderem auch der Optiker Förster aus Wetzlar wegen Sittlichkeüs⸗ vergehen zu verantworten, weil er sich an einem Kinde unter 14 Jahren vergangen hatte. Das Gericht verurteilte ihn zu einem Jahre 10 Monaten Gefängnis, zwar nicht wegen ohne Sittlichkeitsvergehen, sondern wegen tätlicher Beleidigung. In Wetzlar wird es kaum jemand geben, der den Verurteilten bedauert, man hätte ihm wohl noch eine höhere Strafe ge⸗ gönnt. Förster bewegte sich in Kreisen, die durch ihre Ausschreitungen schon öfters den allgemeinen Unwillen herausforderten. h. Eine christliche Ordnungsstütze. In der letzten Nummer der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung war eine Verhandlung der Strafkammer in Koblenz er⸗ wähnt, die sich gegen mehrere Einwohner aus Bacherach am Rhein wegen Beleidigung des dortigen Pfarrers Zimmermann richtete. Die Angeklagten wurden freigesprochen, dem Pastor aber in den Urteilsgründen gesagt, daß seine eidliche Bekundung bewußt wahr⸗ heitswidrig sei. Es soll auch gegen ihn die Vor⸗ untersuchung wegen Meineids eingeleitet sein. Dieser Seelenhirte, der mit dem achten Gebote auf so gespanntem Fuße steht, stammt aus Leun und soll sich auch gegen⸗ wärtig dort befinden. Vor mehreren Jahren war er Pfarrer in Oberquembach, wo er noch heute bei verschiedenen Einwohnern in keineswegs freundlicher Erinnerung steht. Er war aber auch ein eifriger So⸗ zialistentöter. Als bei der Wahlagitation von 1898 unser Flugblattverteiler ihm ein Flugblatt anbot, zerriß es der würdige Pastor vor den Augen unseres Genossen und maßte sich an, diesem zum Verlassen des Ortes aufzufordern. Der lachte ihn natürlich aus und setzte seine Arbeit fort. K. Aus Krofdorf. Von gewisser Seite wird jetzt hier die Werbetrommel für die Gründung eines „Soldatenvereins“ gerührt. Man sollte doch meinen, in Krofdorf wären die Leute so weit vorgeschritten, daß solche Kinkerlitzchen keinen Boden mehr fänden. Gerade, wenn man sich die gegenwärtigen Vorgänge in Ostasien vor Augen führt und sieht, welche ungeheuren Massen an Gütern und Menschen der wahnsinnige Krieg ver⸗ schlingt, müßte man annehmen, daß kein vernünftig denkender Mensch sich für mords patriotische Vereine be⸗ geistern könnte. Man verwende die Groschen doch lieber für nützlichere Dinge, man unterstütze die Organisationen, welche die Verbesserung der Lage der Arbeiter und ihre Aufklärung anstreben. Dazu ist auch hier Gelegenheit vorhanden. Ein neuer patriotischer Verein ist ganz überflüssig, da hier ein derartiger(riegerverein) schon besteht, an welchem wir schon mehr wie genug haben. Hoffentlich wird den Werberittern von den Bürgern Krofdorfs die richtige Antwort zu teil und verwenden sie ihre Groschen, wenn sie noch welche übrig haben, zu besseren Zwecken. Westerwald und Anterlahn. Der unbequeme Berichterstatter. Ueber die Verhandlungen der Stadtverordneten in Haiger erschienen in„Herborner Tageblatt“ öfters Berichte, die manchmal auch ein kritisches Wort zu den Beschlüssen sagten. Das war den Haigerer Stadtvätern unbequem und sie sandten dem genannten Blatte eine Erklärung zu, in der unter anderem gesagt wird, daß jener Bericht⸗ erstatter wiederholt„durch unzeitige Mitteilungen über schwebende Angelegenheiten die Erledigung der Geschäfte erschwert und die städtischen Interessen geschädigt habe.“ Mit Recht antwortete das Blatt darauf, daß doch die Stadtverordneten selbst daran schuld wären, wenn sie eine geheim zn haltende Sache öffentlich erörtert hätten. — Die Herren Stadtväter empfinden es offenbar un⸗ angenehm, wenn ihre Tätigkeit eine öffentliche Beleuch⸗ tung erfährt. * Eine Exploston versetzte am Samstag früh die Einwohner von Haiger in große Aufregung. Auf dem Hochofenwerke„Agnesenhütte“ wollte man den Ofen, der einige Tage ausgelöscht war, wieder anblasen, als die angesammelten Gase mit gewaltigem Donner explo⸗ dierten. Ein Arbeiter wurde dabei schwer am Kopfe verletzt, sowie auch bedeutender Materialschaden angerichtet. II m. Der verdächtige Braten. Heutzutage ist die Lebenshaltung zahlreicher Arbeiter eine solche, daß bei vielen eine Mahlzeit mit Fleisch ein Ereignis be⸗ deutet und es allgemein auffällt, wenn ein Proletarier einmal von den bewährten Kochrezepten des Herrn Kaplan Hitze abweicht und sich etwa einen Braten leistet. Das beweist folgende Geschichte, die nicht etwa mut⸗ willige Erfindung eines Spaßvogels ist, sondern einen Vorfall schildert, der sich buchstäblich so in dem schönen Städtchen Oberlahnstein ereignet hat. Dort entströmte der Küche eines Arbeiters dieser Tage ein aromatischer Bratengeruch, der den Nachbarn das Wasser im Munde zusammenfließen ließ und sie wohl auch mit einem ge⸗ wissen Neid erfüllte.„Wie mag der Hungerleider zu so etwas kommen?“ Diese Frage ging von Mund zu Munde, schließlich verstärkten sich die Verdachtsgründe dermaßen, daß man es für geraten hielt, die Polizei in Kenntnis zu setzen. Diese erschien mit der ihr in Oberlahnstein eigenen Pünktlichkeit sofort und war, nachdem sie einige Nasen voll von dem köstlichen Dufte eingesogen, überzeugt, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Also Haussuchung! Richtig, da entdeckte das scharfe Auge des Gesetzes ein ganzes Fäßchen Fleisch! Sofort wurde es an das Tageslicht befördert und von dem Polizisten, der zugleich das Amt des städtischen Fleischbeschauers ausübt, einer Unter⸗ suchung unterzogen, doch er konnte nicht herausbekommen, zu welcher Gattung das edle Tier zählte, dem das Fleisch bei Lebzeiten angehört hatte. Dann wurde es beschlagnahmt und an die Amtsstelle verbracht. Betrübt und hungrig schaute der bisherige Besitzer des Bratens den abziehenden Poltzeileuten nach. Bald erschienen sie jedoch wieder und stellten dem geängstigten Manne sein Fleisch wieder zu. Die eingehende amtliche Untersuchung hatte den Verdacht, daß es sich um einen gestohlenen Kalbs⸗, Rinds⸗ oder gar Rehbraten handelte, nicht bestätigt, sondern ergab vielmehr, daß man den ganzen amtlichen Apparat um ein Stück— Pferdefleisch in Bewegung gesetzt hatte! Aus dem Rreise Marburg⸗RNirchhain. r. Folgen der Maureraussperrung. Von der in diesem Frühjahre stattgefundenen vierwochigen Aussperrung der Maurer zeigen sich jetzt noch gewisse Folgen. Als sie beendigt war, glaubte man allgemein, daß jetzt keine weitere Geschäftsstockung eintreten werde. Man hat sich jedoch darin getäuscht, viele Neubauten sind in diesem Jahre verhältnismäßig weit zurück. Dazu kommt noch, daß die Bauunternehmer trotz des günstigen Wetters Arbeiter entlassen. Davon werden jedoch meist die Mitglieder der„christlichen“ Organisation und die — Streikbrecher vom Frühjahr betroffen. Jedenfalls haben auch die Unternehmer bei der Aussperrung gelernt, daß zwischen gewissen„Christlichen“ und Streikbrechern kein großer Unterschied ist. Beklagten sich doch selbst die Christlichen in einer kürzlich stattgefundenen Ver⸗ sammlung, daß es gerade ihre Glaubensgenossen waren, die als Streikbrecher stehen blieben. Dafür bekommen sie nun diesen schnöden Dank! Im nächsten Frühlahr wird es sich zeigen, ob nun die christlichen eine Lehre daraus gezogen haben. h. Als eine morsche Ordnungsstütze hat sich der Bezirksschornsteinfegermeister Kemmelein in Rauschenberg erwiesen, dessen Verhaftung wegen Sittlich⸗ keitsvergehen dieser Tage erfolgte und großes Aufsehen erregte. Bei der letzten Reichstagswahl tat er sich als eifriger Bekämpfer der Sozialdemokratie hervor und agi⸗ tierte in vielen Versammlungen für Herrn v. Pappen⸗ heim. Unter anderem sagte er einmal, wenn die Arbeiter 1,50 Mk. verdienten, so sei das genug, denn die brauchten nicht jeden Tag Beefsteak zu essen, sonst würden sie zu üppig. Nun hat sich aber bei ihm die Ueppigkeit in einer Weise gezeigt, die voraussichtlich noch recht unan⸗ genehme Folgen für ihn haben wird. Er verging sich an einem geisteskranken Mädchen. Also die Wähler des Kreises Kirchhain sehen hier wieder ein neues Beispiel dafür, daß es mit Tugendhaftigkeit derjenigen Leute, welche öffentlich nicht genug über die Vaterlands⸗ und Sittenlosigkeit der Sozialdemokratie zetern können, ost sehr übel bestellt ist. 1. Der Arbeiter⸗Gesang verein„Eintracht“ hält am 1. Weihnachtsfelertage eine„Weihnachts⸗ feier“ im Lokale Jesberg ab, an der jeder Genosse teilnehmen kann. Einzeichnungslisten liegen in den bekannten Lokalen auf. r. Der Konsum⸗Verein hält diesen Sonntag, den 18. Dezember, seine General versammlung im Restaurant Hildemann ab. Siehe Inserat.) r. Die Wahlvereinsversammlung fällt diesen Monat aus. lAus dem Gerichtssaal. Von der Gießener Strafkammer wurde am Dienstag der Gemeindehirt Eberhardt Frank in Lollar wegen Blutschande zu 3 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Seine 27 jährige Tochter, mit der er in unlauterer Beziehung stand, erhielt 8 Monate Gefängnis. Wegen Streikvergehen wurde in Geestemünde gegen 15 Bauhand⸗ werker vor der Strafkammer verhandelt. Sie hatten im August dieses Jahres, als bei Ge⸗ legenheit des Bauarbeiterstreiks der Arbeitgeber⸗ verband auswärtige Streikbrecher heranzog, diese zur Rückkehr zu bewegen gesucht und den Polizeileuten, die sie daran zu verhindern suchten, Widerstand geleistet. 12 Angeklagte erhielten 2½ bis 8 Monaten Gefängnis, drei wurden freigesprochen. Alle saßen seit Ende August in Untersuchung. Kleine Mitteilungen. „ Eisenbahner⸗Tod. Bei der Station Ober⸗ schmitten(Strecke Nidda⸗Schotten) wurde am Sams⸗ tag der 31 Jahre alte Eisenbahnschaffner Holzauer überfahren und war sofort tot. Der Verunglückte war erst kurze Zeit verheiratet und seine Fran wird durch das Unglück doppelt hart betroffen, da sie kurz vor ihrer Niederkunft steht.— Am gleichen Tage stürzte bei Han a u⸗West der Schaffner Lindenberger aus Frank⸗ furt vom Personenzuge Frankfurt⸗Eberbach, wobei ihn ein entgegengesetzt fahrender Zug erfaßte. Er st arb auf dem Transport zum Krankenhaus. z Opfer der Arbeit. Vorige Woche wurde der Bergmann Mauden auf der Grube Concordia bei Siegen durch einen Sprengschuß, der verspätet explo⸗ dierte, sofort getötet. Partei- Nachrichten. Eine illustrierte Sylvester⸗Zeitung wird die Vorwärts⸗Buchhandlung zur Jahreswende heraus⸗ geben. Sie führt den Titel„Hau mich aus“ und trägt dem allgemeinen Denkmalsfieber dadurch Rechnung, daß sie die politischen Ereignisse des verflossenen Jahres in humoristischer Weise und in Marmor ausgehauen dem Leser vorführt. Königsberg. Von der Vorwärts⸗Buchhandlung wurde soeben das zweite Heft des Königsbe's ger Pro⸗ zesses herausgegeben. Die parlamentarischen Verhand⸗ lungen über die russisch deutsche Spitzelwirtschaft werben dargestellt und die Beziehungen zwischen Polizei⸗, Post⸗ und Zollbehörden auf Grund des Aktenmaterials nach⸗ gewiesen. Das Werk umfaßt 11 Lieferungen à 20 Pfg. Totenliste der Partei. In Merseburg starb am Sonntag der Genosse Orto Mittag im Alter von 53 Jahren an einer Lungenentzündung. Er hat sich um die Ausbreitung unserer Sache in der Saale⸗Gegend sehr verdient gemacht und dabei jederzeit große Opferwilligkeit gezeigt. Versammlungskalender. Samstag, den 17. Dezember. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 18. Dezember. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Hch Volkmann. Driefkasten. P.⸗Oduhsn. Lichtbilder muß man doch im Dunkeln vorführen, selbst auf die Gefahr hin, daß Zu⸗ schauer im Dunkeln munkeln wollten. Und daß die Kirche lieber Silberstücke als Kupferpfennige nimmt, wußte man schon vor dem alten Goethe. Recht haben Sie aber mit Ihrem Tadel, daß die Mitglieder des Gesangvereins. trotzdem sie alle Arbeiter sind, sich wenig um die Arbeiterbewegung kümmern und die gegnerische statt die Arbeiterpresse lesen.— R.⸗Mbg. Vor dem Schreinermeister, der seine Gläubiger mit Lattenstücken „auszuzahlen“ pflegt, müßten die Arbeiter allerdings gewarnt werden. Es müssen aber bestimmte Tatsachen angeführt werden.— Nach Daubringen. Gen. Kr. ist diesen Sonntag verhindert, dort Versammlung abzu⸗ halten; soll ein anderer Redner kommen, hierher geben.— t.⸗Haiger. Die Sache mler Gemeindearbeit des Vürgermeisters ist uns nicht klar.— H.⸗Wizlr. Daß die Mehrheit unserer Fi derartigen in das theologische Gebiet eingreifenden An 59 einandersetzungen vollkommen gleichgültig gegenüberstehrs ist uns wohl bekannt. Trotzdem haben diese Artikel vielfach Anklang gefunden, sie boten ja auch sonst vie des Interessanten.— Brn.⸗Naeine. Für die Brie(F besten Dank! Selbstverständlich beobachten unsere 628 nossen mit Vergnügen die Fortschritte unserer Sache 88 euerer großen Republik. sofort Nachricht, 4 Seite 6. Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeitung. Von Nah und Fern. Ein grausiges Verbrechen wurde in Niedersteina bei Pnlsnitz in Sachsen verübt. Dort brannte in der Nacht zum Sonntag das Bauerngut des Bestitzers Freudenberg nieder. Dabei fanden sieben Personen den Tod, der Besitzer Freuden⸗ berg, seine Frau, zwei erwachsene Töchter, ein 14 Jahre alter Sohn und zwei Enkelkinder. Der Mann der älteren Tochter, Steinbruch⸗ besitzer Domschke, wurde bald darauf unter dem Verdachte des Mordes und der Brand⸗ stiftung verhaftet. Man vermutete, daß Domschke die ganze Familie mit einer Radhacke er⸗ mordet und darauf das Gut seines Schwieger⸗ vaters, um die Spuren zu verwischen, ange⸗ zündet habe. Ein tragischer Vor fall spielte sich am Montag in Neustadt bei Stolpen(Sachsen) ab. Die dort wohnende Witwe Heintzmann war mit ihrem Sohne in Streit geraten, weil er tagsüber nicht gearbeitet hatte. Infolgedessen beschloß der Sohn seinem Leben ein Ende zu machen. Er verschaffte sich auf noch nicht aufgeklärte Weise Cyankali, tat es in ein gefülltes Wasserglas, zeigte letzteres der Mutter mit den Worten:„Siehst du Mutter, ich vergifte mich!“ und trank das Glas halb leer. Die nichtsahnende Mutter glaubte natürlich nicht an den Ernst dieser Worte und setzte das nur halb geleerte Glas ebenfalls an die Lippen und trank es leer. Inzwischen tat das furchtbare Gift schon seine Wirkung bet dem Sohne. Er brach zusammen und starb vor den Augen der entsetzten Mutter. Aber auch diese spürte schon das Gift. In ihrer Todesangst stürzte sie auf die Straße, um zu ihren Verwandten zu eilen. Aber auch sie brach zusammen und starb. Gerechtigkeit! In Fraulautern bei Saarlouis ging eine alte Frau von 82 Jahren, die bereits kindisch ist, in den Gemeindewald, wo sie Blätter holte, die mau dort als Ziegenfutter verwendet. Zwei Gemeinderatsmitglieder sahen sie, zeigten sie an, worauf die alte Frau ein Strafmandat von 5 Mk. erhielt. Die Schwiegertochter der Alten konnte die Strafe nicht bezahlen, weil sie selbst in den kümmerlichsten Verhältnissen lebt. Die Strafe wurde darauf umgewandelt in einen Tag Haft, deu die kindische alte Frau absitzen sollte. Der Schutzmann, der sie holen sollte, ließ sich durch das Gejammer der Fa⸗ milie erweichen und ging unverrichteter Weise wieder fort. Die Schwiegertochter ging zum Bürgermeister und erbot sich, den Tag für die alte Frau abzubüßen. Umsonst, die kindische alte Frau muß zahlen oder— sitzen. 5 UAnterhaltungs-Cril. 7 Dyllen aus einem Gebirgsdorse. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. 3(Fortsetzung.) Aber ste dringen in ihn. Da springt er lachend auf und geht für ein Weilchen aus der Stube. Das ist dem flinken Schneider ein gefunden Essen. Er stellt einen gefüllten Wasser⸗ krug auf den Ofen; vorher befestigt er eine Schnur am Henkel. „Du hast's gewollt, Klipp tritt ein. Schneider!“ spricht er. Und nun hebt ein anderes Singen an; ein rauher, ungefügiger Klang, ein richtiger Hammerton rollt durch die Stube. „Singt der Meister Hammerschmied, Bum, bum, bum. Giebt es ein gewaltig Lied, Bum, bum, bum!“ Den Refrain markiert Klipp mit seinen Fäusten auf dem Tische. „s ist kein Lied für Schneiderlein, Bum, bum, bum!———“ Beim zweiten Faustschlage hat der Meister an seinem Schnürlein gezogen; bet dem dritten rauscht aus der Höhe eine ansehnliche Wasser⸗ flut über das mähnenreiche Haupt des Sängers, der aus purem Schreck über die unvermutete Wirkung seines Liedes sogleich innehält. Dann springt er, von einer plötzlichen Ein⸗ gebung erleuchtet, triefend auf und langt nach dem Schneider, der unter dem Gelächter der Uebrigen unter dem Tische eine Zuflucht sucht. Es setzt eine kleine Balgerei, die der Meister nicht übel nimmt. „Schneider!“ lacht Klipp, als sie fertig sind, „Dein Spaß war gut; aber der Krug kommt auf Deinen Beutel!“ So half sich die uugeschminkte Natur der armen Dorfleute zu einer kleinen Unterhaltung. In dem viertürmigen Schlosse trank um diese Zeit der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, mit seinen Gästen Champagner. Es war ein vornehmes Gläserkli den Spiegelsaal erfüllte. Dazwischen man das letzte Rennen und den letz den der gute Landesfürst, der im S das Gericht unterhält, mit seiner Anwesen beehrt hatte. 3 7 Zwet jüngere Herren stritten üher mageren Beine einer Tänzerin, die im T der Residenz aufgetaucht war. 8 Die feine Sitte des Salons verpönt F das Lied kommt erst zu Raum, die Seele in den Banden des Rausches VI. 8 0 Die Bewohnerzahl des Dorfes stieg. Lohnweber, die viel Kartoffeln aßen, fruchtbare Frauen. Um die Hütten kroch Kindervolk wie die Ameisen. Ihre unruß Stimmchen drangen durch das geöffnete Fenf bei dem der Weber Stunde um Stunde Ruhelied der Genügsamkeit trat. Das seine Beine zu wohltätiger Eile an und unnütze Gedanken immer seltener aufkomm Es machte ihn immer demütiger, wenn der 5 Leinenfabrikant, der ihm das Brot gab, das jüngste Gericht abhielt. Ach ja, die Keime des Kindersegens schlum⸗ mern nicht in den Schüsseln der Reichen; sie liegen weit mehr im Schoße des armseligen, eintönigen Males, mit dem der Arme des Dorfes seinen Hunger stillt! Die rußigen Hüttenleute hatten weniger an den Folgen jenes Segens zu tragen. Ihre harte anspannende Arbeit, die ihnen nicht selten den Frieden der Nacht raubte, machte ihr Liebesleben weit dürftiger. Dafür verloren sie ihre Nachkommenschaft fast ganz aus den Augen. Wie waren diese Väter glücklich! Sie sahen es nicht, wenn ihre Knaben aus einer Balgerei in die andere gerieten. Sie hörten es nicht, wenn ein mutwilliger Steinwurf klirrend das Fenster traf. Sie ahnten es nicht, wenn der junge Sünder lieber den grünen Dom des Waldes als die halbgelüftete Stube des Schul⸗ meisters aufsuchte. Hinter dem Walde waren zwei Kolonien von je fünfzig Häusern aufgeblüht. Das Aurichs⸗ dorf und das Nelkendorf wurden von fremden Ansiedlern gegründet. Es ging nichts über die Freigebigkeit, mit welcher der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, Bauholz und Geld auf den Altar des öffentlichen Wohles niederlegte. Die Räume des Eisenwerkes, das mit i Schornsteinen qualmte, wuchsen. Alles strömte nach den Schmelzhütten und Walzwerken; herab: gekommene Bauern halfen sich mit dem Erträg⸗ nis eines Lohnfuhrwerkes aus der Klemme. (Fortsetzung folgt.) Ales . Uarktplatz 18 Stets grösste Auswahl. 6 „—. Ronrad Brumm 1 GIESSEN Moderne Herrenhüte Seidenhùte Chapeaux claques lützen dller frt, Rnaben- und Kinderhüte Uarktplatz 18 J. Burgmayer Ramstock's Nachf. Seltersweg 2 Seltersweg 2 empfiehlt zu Weihnachten: Gold. Herren-Uhren v. 40 Mk. an 8 5 Damen-„„ 20„ 1 J Silb. Herren-Uhren„ 12,„ 7* Damen-*„ 12„5 1 Trauringe in allen Preislagen. Großes Lager in: Regulateuren, Freischwinger und 72 Wecker, sowie Gold- u. Silberwaren Reparaturen an Uhren u. 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