ag en alle 1 lität. X — Nr. 38 Gießen, den 18. September 1904. II. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. N — Sonnt Mitteldeutsche 5-37 Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 38 ¼%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Bremen. In der nächsten Woche wird sich das öffent⸗ liche Interesse vorwiegend den Beratungen zu⸗ wenden, welche die Delegierten der Dreimillionen⸗ Partei in der alten Hansestadt Bremen ab⸗ halten. Wir können ohne jede Ueberhebung sagen, daß unsere Parteitage weit mehr als diejenigen aller andern Parteien die allgemeine Oeffenklichkeit beschäftigen, trotzdem sie es noch niemals versuchten, durch irgendwelche Aeußer⸗ lichkeiten, durch eitles Schaugepränge, wie es bei den Zusammenkünften der Zentrumspartei üblich ist, die öffentliche klufmerksamkeit auf sich zu lenken. Schon darin zeigt sich ihre nicht hinweg zu leugnende Bedeutung. Wie oft haben schon gegnerische Organe die Parole ausgegeben, den sozialdemokratischen Parteitag totzuschweigen, sie können es so wenig als die Sonne verhängen. Mögen sie dabei auch schimpfen, herunterreißen, höhnen— mit Still⸗ schwe gen übergehen können sie ihm nicht. Dem⸗ egenüber wird der dieser Tage in Dresden fta den antisemitische„Parteitag“ kaum erwähnt, und dies ist ein Zeichen des gänzlichen Verfalls dieser Partei⸗Ruine. Von der seihnigen Regsamkeit in der Partei legen die 117 Anträge Zeugnis ab, die jetzt schon vorliegen und die sich auf alle möglichen Partei- und politische Fragen beziehen. Mehrere Anträge drücken den Wunsch aus, daß so heftige und erbitterte Auseinandersetzungen, wie wir ste in Dresden erlebten, vermieden werden möchten. Das ist wohl der Wunsch aller Parteigenossen. So sehr auf freie und rück⸗ haltslose Aussprache gehalten werden muß und so wenig eine Vertuschung vorhandener Gegen⸗ sätze stattfinden darf, müffen doch Debatten wie die Dresdener verhütet werden. Dazu wird wohl jeder Delegierte sein Möglichstes tun. Die vom Parteivorstand vorgeschlagene Tagesordnung weist leine Gegenstände auf, bei denen besonders heftige Debatten zu er⸗ warten sind. Bei den Berichten des Partei⸗ vorstandes bietet sich dazu 99 05 Anlaß, hier werden höchstens einige kritische Spähne fallen, wie immer bei diesem Punkte, wo die Tätigkeit der Parteiorgane sowie alle die internen Partei⸗ angelegenheiten zur Erörterung stehen. Möglich ist allerdings, daß in dem Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der„Fall Schippel“ zur Sprache kommt, der vielleicht eine lang⸗ wierige zoll⸗ und handelspolitische Debatte her⸗ vorruft, wobei es kaum ohne scharfe Angriffe gegen Schippels Stellungnahme abgehen dürfte. Von großer Wichtigkeit ist der Pankt Ko m⸗ munalpolitik. Hierzu liegt eine umfangreiche Resolution des Referenten, Genossen Linde⸗ mann, vor, in der unsere Hauptforderungen auf diesem Gebiete niedergelegt und für unsere Genossen in den Gemeindevertretungen Rich⸗ tungslinien gegeben sin! Die Verhandlungen über diesen Gegensta ben bereits vor zwei Jahren auf den Parteitage begonnen und sollen nde geführt werden. Hier hande. g um eminent wichtige und auch soc gen, doch läßt sich eine glatte Erle! een erwarten. Eine wi ie Parteiangelegenheit 93frage, zu der eben⸗ ist die Orgen 1 55 borliegen. Die Bres⸗ falls zahlreig lauer Parteigenossen haben sogar ein neues vollständiges Organisationsstatut vorgelegt, das einen Zentralverband für das ganze Reich vor⸗ sieht. Darüber und über die vielen andern Vorschläge zur Organisation wird es voraus⸗ sichtlich zu einer weitläufigen und gründlichen Erörterung kommen, ob sie aber zu einer ent⸗ giltigen Entscheidung führen wird, muß stark bezweifelt werden. In den einzelnen Teilen des Reiches haben sich, vielfach durch die einzel⸗ staatliche Gesetzgebung veranlaßt, gewisse Orga⸗ nisationsformen herausgebildet, mit denen die Genossen vertraut und berwachsen sind und die ohne Weiteres zu beseitigen, seine Schwierig⸗ keiten haben wird. Daß unsere jetzige Organi⸗ sation verbesserungsbedürftig— wenn auch unser Finanzminister nach den Ergebnissen des letzten Jahres über ihre finanzielle Leistungs⸗ fähigkeit nicht zu klagen hat— eine gute schlag⸗ fertige Organisation aber eine Notwendigkeit ist, darüber herrscht überall Klarheit, nur über das„Wie“ bestehen Meinungsverschiedenheiten. Und falls in Bremen noch keine Uebereinstim⸗ mung zu erzielen ist, wird sicher der nächste fügten. diese Frage ihrer Lösung entgegen. ühren. Außer den erwähnten Fragen dürfte uns die Bremer Tagung noch eine Debatte über den„Generalstreik“ und die„Maifeier“ bringen, über welche Gegenstände, die Ansichten innerhalb der Genossenkreise auseinandergehen. Besonders über den Generalstreik, für den in letzter Zeit der Stadtverordnete Dr. Friede⸗ berg in Berlin eintrat. Ob viel praktischer Nutzen hierbei herausspringen wird, erscheint uns zweifelhaft, es genügt jedoch, wenn die Dis⸗ kussion zur Klärung der Geister in dieser Frage beiträgt. 5 Vor dem Parteitag tritt in Bremen eine Konferenz der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands zusammen, die sich hauptsächlich mit der Frauen⸗Agitation, dann mit dem Kinderschutz, Zehnstundentag und Volksschule beschäftigen wird. Gerade auf dem Gebiete der Frauenagitation muß noch eine Riesenarbeit geleistet werden, die uns aber bedeutende Erfolge versprtcht. Es muß anerkannt werden, daß in der soztal⸗ demokratischen Frauenbewegung durch die wenigen, aber ungemein eifrigen agitatorischen Kräfte bedeutende Fortschritte zu verzeichnen sind. So wird auch diese, wie die vorher⸗ gegangenen Frauenkonferenzen, Anregungen zu neuer, intensiver Arbeit geben. Hoffen wir, daß die Arbeiten des Bremer Parteitags wiederum zur Förderung unserer Sache und zur Weiterentwickelung unserer Be⸗ wegung beitragen werden. Gegenüber den fort⸗ währenden Augriffen, denen unsere geringfügigen Volksrechte, besonders das Reichstagswahl⸗ recht, von reaktionärer Seite ausgesetzt sind, gilt es, unsere Reihen fest zur Abwehr zu schließen. Bei keiner anderen Partei finden die Rechte des Volkes und die Interessen der Besitzlosen zuverlässigen Schutz! Möge unser Parteitag, den wir zu seinen Arbeiten herzlich beglückwünschen, sich die Worte Klaars im „Postillon“ als Richtschnur dienen lassen: Dem Feinde zeigt des Schwertes scharfe Schneide, Das ist's allein, was sicher vorwärts bringt. .— ů ů ů— Wit in den Kreis- und Amtsblättern die„öffentliche Meinung“ gemacht wird. Neulich hat einer, den das Schicksal dazu verurteilte, Kreisblatt⸗Redakteur in einem westdeutschen Städtchen spielen zu müssen, seine Erfahrungen als solcher in der„Frkftr. Ztg.“ mitgeteilt. Und was der arme Tinten⸗ kult da ausplaudert, läßt uns einen Blick tun in die Geisteswerkstatt jener edlen Organe für Sitte und Ordnung, die tagtäglich im Brust⸗ tone der Ueberzeugung ihre Stimme erheben für die heilige, gottgewollte Ordnung, für Königstreue, Religion, Zufriedenheit und andere schönen Dinge, dagegen dröhnend donnern gegen die verruchte, umstürzlerische Sozialdemokratie. Der Leser kann danach den Wert dessen beur⸗ teilen, was Blätter vom Schlage des Gießener Anzeigers, des Wetzlarer Kreisblattes, des biederen Marburger Oberhessen und ihrer sämt⸗ lichen anderen größeren und kleineren„amtlichen“ Kollegen ihren Lesepublikum vorsetzen. Doch lassen wir den Mann selber reden! Unter andern erzählt er darüber, dem ein junkerlicher Landrat ihm vorschrieb, was er als öffentliche Meinung von sich geben sollte, folgendes: „Es war die Zeit der Reichstags⸗ wahlen, die Sozialdemokratie hatte einen Erfolg errungen, der die reichs⸗ und bibeltreuen Thron- und Altarstützen aus allen Himmeln fallen ließ. Während alle Welt betonte, wie trefflich das herrschende Regierungssystem an dem Erfolge der Roten mitgearbeitet, gingen die„Stützen“ vor der Oeffentlichkeit mit hohler Phrasendrescherei über den Reinfall hinweg. Innerlich jedoch wurmte es die Herren furcht⸗ bar. Schließlich kam man auf den Gedanken, daß doch irgend jemand an dem betrübenden Ergebnis Schuld tragen müsse. Endlich hatte man den Prügelknaben gefunden. Er nannte sich das„Amtliche Kreisblatt“. Daraufhin erhielt ich die übliche Einladung zu einer Besprechung mit dem Herrn Landrat und wurde von diesem ziemlich ungnädig empfangen. „Ich muß Sie wirklich bitten, Herr Redakteur, fester auf die Sozialdemokraten ein⸗ zuhauen. In der jüngsten Reichstagswahl haben diese gegen früher allein in unserem Kreise über 300 Stimmen gewonnen. Sie müssen das Volk mehr bearbeiten. Vor allen Dingen bitte ich mir aus, daß Sie nichts bringen, was geeignet sein könnte, Majestät und Regierung in ein schiefes Licht zu stellen.“ Als ich eine Erwiderung stammelte, hieß es: „Wenn Sie das nicht wollen oder können, müssen wir uns eben den geeigneten Mann dafür suchen.“ Damit konnte ich den heimischen Penaten zusteuern. Das Schreckgespenst der Stellenlosigkeit und die bevorstehende Vergröße⸗ rung meiner Familie lehrten mich die bittere Pille schlucken, und ich parterte.“ Weiter hören wir über den Terrorismus, der da von„oben“ herunter ausgeübt wird: „Der politische Horizont, dessen erleuchtende Strahlen täglich auf meine bedauerns werte Leserschar scheinen sollten, ward mir in Form der Schweinburgschen„Neuen Reichskorre⸗ spondenz“, die mir täglich gratis auf den Re⸗ daktionstisch flatterte, vorgezeichnet. Diese manchmal mehr als alberne Zurechtstutzung r Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 38. wichtiger politischer Ereignisse im Sinne der Regierung war das Leitpferd meiner politischen Tätigkeit. Wehe mir, wenn ich einmal einen Seitensprung machte, der meinem hohen Gebieter nicht gefiel. Sofort drohte man mir mit Kündigung und sprach von„unerklärlicher, reichsfeindlicher Haltung.“... Hatte Richter, Bebel oder sonst ein Linksstehender der Re⸗ gierung im Parlamente eine Abfuhr zu teil werden lassen, so war ich angewiesen, von diesen Reden nur zu erwähnen,„daß die Herren Richter, Bebel usw. in ihrer üblichen Weise versucht hätten, den großen Eindruck des Re⸗ gierungsredners zu schmälern.“ Selbst über den Kindes ⸗Unterschiebungs⸗ prozeß der Gräfin Kwilecka wurde der Reptil⸗ Redakteur angewiesen,„so wenig wie möglich u bringen, da die hier zutage tretenden Miß⸗ stände geeignet seien, andere Standes per⸗ sonen in der öffentlichen Meinung herab⸗ zusetze n.“ Leben die Sozialdemokratie gewonnen hat. Die undankbare Aufgabe, die sächsischen Behörden wegen ihres Verhaltens in Crimmitschau zu verteidigen, fiel dem sächsischen Bevollmächtigten Geheimrat Fischer zu, dem diesmal die Mohren⸗ wäsche natürlich ebenso wenig gelingen konnte, wie bei früheren Gelegenheiten, wenn er der besonderen sächstschen Regierungsmethode im Reichstage das Wort zu reden hatte. Unser Vertreter hat dann in einer der folgenden Sitzungen, am 14. Dezember, mit dem Reichs⸗ kanzler wegen seines Angriffs auf die Sozial⸗ demokratie gründlich Abrechnung gehalten. Der Reichskanzler replizierte abermals, ohne auch bei dieser Gelegenheit den Beweis eines halb⸗ wegs anerkennenswerten Verständnisses für die sozialdemokratische Bewegung zu erbringen. Ihm assistierte der neue Kriegs minister, der bei Befehdung der Sozialdemokraten sich den denkwürdigen Ausspruch leistete: „Herr Bebel hat ausgeführt, es wäre hier noch gestrichen an den Forderungen für das ostasiatische Expeditionskorps. Gegen⸗ stand der ausgedehnten Debatten bildeten all⸗ gemeine Mißstände in unserem Heerwesen. Es wurde von unserer Seite an mehrfachen Bei⸗ spielen nachgewiesen, daß die Bemühungen der Heeresleitung, die Mißhandlungen im Heer auszurotten, scheitern müssen, weil man dem Uebel nicht an die Wurzel gehe. So lange eine nahezu unumschränkte Gewalt den Vorgesetzten in die Hände gegeben sei, während horrende Strafen der Soldaten warteten, denen die geringste Widersetzlichkeit nachgewiesen werden kann, so lange das Beschwerderecht nahezu illusorisch gemacht werde durch das Verhalt⸗n der Unteroffiziere und Offiziere den Beschwerde⸗ führern gegenüber, sei an eine Besserung nicht zu denken. Das gegenwärtige System des Kadavergehorsams und Drills habe obendrein die Tendenz, die Soldaten feige zu machen. Es sei ja schon so weit gekommen, daß häufig Soldaten, anstatt auf irgend eine Weise ihr 10 ee, W — Ueber die Kosten der Flottenpolitik durfte mehrfach anerkannt worden, daß die Sozial⸗ 0 er keine Zahlen bringen, damit das Publikum 3 die besten Soldaten seien. Meine Recht zu suchen gegen die Menschquäler, lieber 1 nicht erfahren sollte, was die Zukunft auf dem Herren! So wichtig es ist, daß ein Soldat sich das Leben nehmen. Als der Kriegs minister 0 Wasser kostet. sich gut führt, daß er ein guter Schütze ist, in Beschönigung der Mißhandlungen meinte, „Als im Pommernbankprozeß die Mirbachiana ein gutes Aeußere hat, den braven ordent⸗ gelegentliche Ausbrüche des Unmuts, die in 0 Aufsehen erregte, wurde mir schleunigst über⸗ lichen Soldaten macht die Gesinnung.“ einen kleinen Puff ausliefen, solle man nicht e —. mittelt, daß ich nur dann davon Notiz zu nehmen Also, ob der Soldat gut schießt, darauf] so schwer nehmen, wurde von einem unserer he 15 habe, wenn Mirbach selbst dazu Stellung ge-] kommt es weniger an; daß er„patriotisch“] Redner erwidert, daß es unter allen Umständen 0 1 nommen. Den Bilse⸗ und Hüssener⸗Pro⸗ wählt, das ist die Hauptsache bei unseren poli⸗ von einer großen Gemeinheit des Charakters de 1 get ich in 1 05 dell dürfe om tisterenden Obermilstärs! Srl. 1 1 senn ar 0 totschweigen, nur das Urteil durfte gebra ellung mißbrauche, um seinen Untergebenen werden. Kriegsgerichts⸗Verhandlungen, sowie bases Renn ee Een 1 Handlungen zuzufügen, wogegen sie sich nicht 10 alle Gerichtsverhandlungen, in denen höhere ö wehren können. Eine von der Sozial demokratie 1 Beamte hineingezogen wurden, bedurften zur Veröffentlichung im Kreisblatt der besonderen Erlaubnis des Herrn Landrates.“ Diese Geständnisse muß man sich vor Augen halten, wenn die Gießener, Wetzlarer, Marburger 2c. Amtstanten über„Begehrlichkeit und Genuß⸗ sucht der Arbeiter“,„Fürsorge für das Wohl Ler besttzlosen Volksklassen,“„Liebe des Volkes zum Herrscherhause“ ꝛc. deklamieren.— Und wie viele Arbeiter kaufen die geistige Schund⸗ ware für ihr gutes Geld! Die Sozialdemokratie im Reichstag. Fortsetzung.) Auf die umfassende Kritik des sozialdemo⸗ kratischen Redners bei der Etatsdebatte, der noch besonders das Vorgehen der sächsischen Behörden bei der Crimmitschauer Aus⸗ sperrung brandmarkte und weiter fragte, wie es denn eigentlich mit der gesetzlichen Durch⸗ führung des zehnstünpigen Normalarbeits⸗ tages, einer dringenden Kulturforderung stehe und schließlich die deutsche auswärtige Po⸗ litik und das Kriechen vor Rußland gehörig kritisterte, antwortete der Reichskanzler v. Bülow. Er hatte augenscheinlich erwartet, daß Bebel hauptsächlich die Militärmißhandlungen zum Gegenstand seiner Kritik machen werde und sich darauf präpariert. Die auswärtige Politik Deutschlands erklärte er für äußerst friedlich und verwahrte sich gegen die„zügellose Kritik“, die unser Redner an dem„befreundeten Nach⸗ barreich“ geübt habe. Ja, er verstieg sich zu der Erklärung, er sei überzeugt, die große Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich zu haben, wenn er nicht ablasse, auf das sorgsamste die Beziehungen zu Rußland auch weiterhin zu pflegen! Nachdem der leitende Staatsmann des Deutschen Reiches so mit einigen seichten Redewendungen sich seiner eigentlichen Aufgabe, die Reichspolitik zu verteidigen, entledigt hatte, stürzte er sich zu großer Belustigung der sozial⸗ demokratischen Abgeordneten Hals über Kopf in eine Sozialistentöterrede hinein, zu der ihm der Dresdener Parteitag und allerhand sozial⸗ demokratische Schriften älteren und neueren Datums Material zu liefern halten. Man braucht nur diese Tatsache zu konstatieren, daß der Reichskanzler gelegentlich der Generaldebatte über das Budget, die zur Aussprache über die Gesamtpolitik des Reiches dienen soll, seine Sache in solcher Weise führt, um zu zeigen, einerseits, wie wenig die Leitung der Reichs⸗ regierung ihrer Aufgabe gewachsen ist, anderer⸗ seits, welche Bedeutung für unser öffentliches gierungstisch gegen unsere Partei erhoben wurde, daß die Sozialdemokratie nichts Po⸗ sitives geschaffen hätte. Er wies an der Hand des Aktenmaterials nach, wie groß der indirekte Einfluß der Sozialdemokratie auf die Gesetzgebung gewesen ist, trotzdem es geradezu Brauch im Hause sei, daß die anderen Parteien jeden Antrag niederstimmen, der von den Sozial⸗ demokraten ausgehe. Nachher setzen sich den⸗ noch die von der Sozialdemokratie ergangenen Anregungen, häufig allerdings in abgeschwächter Form, durch. Mit vollem Recht gab er des⸗ halb dem Reichskanzler den Rat, doch die Ge⸗ schichte der deutschen Gesetzgebung einmal ein wenig zu studieren, dann werde er nicht wieder zu solchen Anzweiflungen der sozialdemokratischen parlamentarischen Tätigkeit kommen. So gab auch diesmal die Generaldebatte zum Etat unseren Rednern reichliche Gelegenheit, den Standpunkt unserer Partei in den großen Fragen des öffentlichen Lebens zu wahren, die Angriffe der Gegner zurückzuweisen und die argen Mißstände in Staat und Gesellschaft zu kritisteren. Der Fraktionsbericht erwähnt dann weiter den Diätenantrag, der mit jedem Jahre wiederkehre und diesmal von nationalliberaler Seite begründet wurde. Er forderte wie früher, Anwesenheitsgelder für die Reichstagsabgeord⸗ neten von 20 Mk. pro Tag, sowie freie Fahrt auf allen Eisenbahnen im Reich. Es ist ein beschämender Beweis für die Einflußlosigkeit des Reichstags, daß dieser An⸗ trag, für den alle Parteien mit Ausnahme der reaktionärsten Konservativen eintreten, von den verbündeten Regierungen Jahr für Jahr gleich⸗ mütig abgelehnt wird, ohne daß der Reichstag ernsthafte Gegenmaßregeln ergreift. Ausführlich schildert dann der Bericht, in welcher Weise die Fraktion bei Beratung der einzelnen Etatstitel eingriff. Besonders der Etat des Reichsamts des Innern gab ihr Gelegenheit, zahlreiche Beschwerden vorzubringen und Anträge zu stellen auf dem Gebiete der Gewerbe⸗Inspektion, des Arbeiterschutzes, namentlich in den Bergwerks⸗ betrieben, des Versicherungswesens ꝛc. Der Etat des Reichsheeres beläuft sich in diesem Jahre mit dem Invalidenfonds auf 688 368 989 Mk. Unsere Partei hat in der Kommission und im Plenum, da ste aus eigener Kraft keine Abstriche durchsetzen konnte, im wesentlichen sich darauf beschränken müssen, die Abstrichsanträge anderer Parteien zu unter⸗ stützen. Wir mußten aber leider wiederholt erleben, daß die Mehrheit in den späteren Lesungen von ihren anfänglich eingenommenen Positionen mutig zurückwich. Am meisten ist beantragte, gegen die Soldatenmißhandlungen gerichtete Resolution wurde abgelehnt.— Bei Erörterung der Affaire Arenberg stellte sich heraus, daß der Kriegsminister selbst als er noch Regimentskommandeur war, die Ein⸗ stellung dieses geistig minderwertigen Prinzen verfügt hatte. Es erhellte daraus, daß bei Einstellung von Prinzen ins Militär nicht die erforderlichen Nachforschungen über deren In⸗ telltgenz und Charakter angestellt werden. uf die weiteren Ausführungen des Berichts über die verschiedenen Gegenstände der Gesetz⸗ gebung wird noch zurückzukommen sein. Politische Rundschau. Gießen, den 15. September 1904. Wie der Lederkönig Heyl Bauern legt. Unser Münchener Parteiblatt macht auf eine amtliche Bekanntmachung in der Augsburger Abendzeitung aufmerksam, worin der hessische Kommerzienrat Freiherr von Heyl zu Herrns⸗ heim, Fabrikherr und Großgrundbesitzer in Worms, seine Absicht kund und zu wissen gibt, aus seinem in der Steuergemeinde Oberstdorf, Amtsgericht Sonthofen, gelegenen Grundver⸗ mögen samt den damit verbundenen Rechten ein Familienfideikommiß zu errichten. Der Gerbersprößling hat mit dem Reichtum auch die feudalen Manieren angenommen, bemerkt dazu die Münchener Post, und will sich nun in den Bergen eine standesübliche Jagd halten. Er hat zu diesem Zwecke nach und nach das ganze früher elf Hausnummern zählende Dorf Gerstruben zusammengekauft, und außerdem die Gemarkung Spielmannsau, so im ganzen reichlich 300 Hektar. Die erste Folge dieser Bauernlegere im großen, an der bezeichnender⸗ weise keines der liberalen und Zentrumsblätter Anstoß nimmt, machte sich in der Entvölkerung des noch vor 15 Jahren gegen 70 Einwohner zählenden Dörfchens geltend. Jetzt sind nur noch das Forsthaus und die Touristenwirtschaft bewohnt. 5 1 Wie die Ordnungsblätter versichern, wären die ehemaligen Bewohner froh, die in der rauhen Höhenlage wenig ertragreichen Grundstücke zu verhältnismäßig guten Preisen angebracht zu haben; ste hätten sich im Tale angestedelt. Schließlich werden uns die Organe der bürger⸗ lichen Ordnung, deren einziger Kultus der Respekt vor den Millionen ist 5258 erzaͤhlen, daß Herr v. Heyl nur aus Mitleid mit den armen Bewohnern ihnen ihre Höfe abkaufte, — 2 — . 2 2 = e eine setzten rende u die 1 Hahezu halten licht u des drein lachen. bfg se ihr lleher sinifter meinte, die in licht inserer fänden alters segierte gebenen ) licht oltate lungen .— alte st als e Ein⸗ grinzen aß bei cht die 1 In⸗ . richts Geset⸗ — 2 — — —— —— it U eee ————— ul, 11 1 J f ö Nr. 38. Mitteldeutsche Sonutags⸗geitung. Seite 3. versteht sich zu„verhältnismäßig“ guten Preisen. Einem dreißigfachen Millionär kann man frei⸗ lich nicht gut zumuten, mehr als den Markt⸗ preis zu zahlen. Das ist bei mangelnder Nach⸗ frage naturgemäß niedrig. So hat er denn für billiges Geld eine der besten Gemsenjagden der Voralpen. Und wie die anderen alt- und neufeudalen Herren wird er in den Bergen und mit den Wäldern schalten und walten nach seinem Willen und mögen sie noch so 1 5 Naturschönheiten enthalten und noch so ange zugänglich gewesen sein. Der Privat⸗ wille eines einzelnen entscheidet darüber, welcher Weg noch weiter bestiegen werden darf und welcher nicht. Andere große Nimrode haben bereits das Karwendelgebirge zum großen Teile ihren Jagdgelüsten dienstbar gemacht und für das übrige Volk abgesperrt und jetzt ist das Allgäu on der Reihe. Dieses Vorgehen sollte doch den Bauern, die noch immer dem Junker⸗ bunde Gefolgschaft leisten, die Augen öffnen. Denn eine Handvoll Leute wie Herr Heyl treibt Tausende Bauern von ihrer Scholle, macht sie binnen kurzem zu besitzlosen Proletariern. Solche Bauernlegerei betreiben in Hessen außer dem Lederkönig noch andere„Standes⸗ herren“. So haben die Grafen von Berk⸗ heim und Erbach nach und nach die Bauern des Dorfes Dürr⸗Ellenbach ausgekauft, wo jetzt nur noch eine Försterfamilie wohnt. Und letzt schon besitzen in Hessen 16 Standes herren 55 die Hälfte des gesamten Grund und odens! Fall Schippel. Mit dem Genossen Schippel, Reichstags⸗ abgeordneten für Chemnitz, hat sich die Partei⸗ presse in letzter Zeit lebhaft beschäftigt und es wird voraussichtlich auf dem Bremer Parteitage zu einer Auseinandersetzung mit ihm kommen. Und zwar einmal und hauptsächlich wegen seiner in der letzten Zeit mehrfach geäußerten handels⸗ polttischen Ansichten, die mit denen der Gesamt⸗ partet und der Haltung unserer Reichstags⸗ fraktion im schärfsten Widerspruch stehen, dann aber auch wegen seiner persönlichen zweideutigen Haltung als Parteigenosse überhaupt. Schippel hat in den letzten Monaten eine lange Reihe von Artikeln in der Chemnitzer„Volksstimme“ veröffentlicht, worin er, durch einen Fraktions⸗ beschluß dazu aufgefordert, seinen Standpunkt darlegte. Darin verhöhnt er beinahe alles, was die Partei und er selber mit in den Zollkämpfen gesagt und getan hat, stellt Agrarschutzzölle als eine Notwendigkeit hin, um zum Schluß zu erklären:„Es ist mir nie auch nur im Traume eingefallen, Agrarschutzzöll⸗ ner zu sein oder etwa gar die Partei für Agrarschutzzölle gewinnen zu wollen.“ Selbst⸗ verständlich muß eine derartig zweideutige Stellungnahme entschiedensten Widerspruch in der Partei herausfordern und alle Parteiblätter mit wenigen Ausnahmen wenden sich gegen ihn. Besonders scharf tut das Kautsky in der Neuen Zeit, der am Schlusse eines längeren Artikels über Schippel sagt:„Seine Seele gehört nicht mehr zu uns; sein Geist kann seine besten Fähigkeiten nur noch dort entfalten, wo er von uns abweicht... Zu den Politikern, die man achtet, auf deren Stimme man hört, wird ihn niemand mehr zählen.“ Und Berustein sagt, indem er sich gegen Schippel wendet:„Wir haben schon früher erklärt, daß wir diesen Stanppunkt nicht teilen. Wir stehen auf dem Standpunkt des unbe⸗ dingten Freihan dels zwischen den Kulturnationen. Wir sind der Ansicht, daß die Sozialdemokratie in unserem Zeitalter des entwickelten Welt⸗ verkehrs gar nichts anderes sein darf, als die Partei des freien Güteraustausches sans phrase. Gibt man diesen Standpunkt auf, leugnet man, daß die Sozialdemokratie prinzipiell die Partei des Freihandels ist, dann hat man dem Schutz⸗ zoll den kleinen Finger gegeben, und dann ist die Bestimmung von Höhe, Form ꝛc. des Schutz⸗ olls nur noch eine Frage der Technik. Wer ch nicht entschließen kann, unumwunden die Fahne des Freihandels aufzupflanzen, be⸗ gibt sich des Rechts, Schippel auf Grund seiner zollpolitischen Auslassungen einen Vorwurf zu machen. Er gibt aber noch mehr auf. Er gibt jede konsequente Friedenspolitik, jede konse⸗ quente Bekämpfung von Militarismus, Mari⸗ nismus usw. auf. Wer die Zollgrenzen stehen läßt, läßt auch die Wachtposten bestehen, welche den Zolldtenst schützen.“ S Mehr Soldaten, Panzer und Steuern. Der Reichstag soll, wie die„Sozial pol. Rundschau“ wissen will, bereits Mitte Oktober zusammentreten, da ihm die Regierungen ein reiches Arbeitspensum zuzuweisen gedächten. Außer mit der Erledigung der Handels verträge, werde er sich mit einer Militär- und einer Flottenvorlage zu beschäftigen haben. Die Staffelung der Biersteuer soll die Ouvertüre zur Erschließung neuer Steuerquellen werden. Deutsche Kulturverbreitung in Afrika. Die Kolontalskandale nehmen kein Ende. Wie von der deutschen Kolontalverwaltung in Kamerun verfahren wird, läßt ein Bericht erkennen, der der Chemnitzer„Allg. Ztg.“ vom 3. August aus Duala zuging. Darin heißt es:„Die ganz unglaubliche Behandlung, die die kaiserlichen Behörden in Kamerun den Eingeborenen gegenüber anwenden, nimmt noch immer kein Ende. Jetzt bekommen sogar gut⸗ gestellte Kanzlisten Prügelstrafen. Heute erhielten zwei beim kaiserlichen Bezirksamt Duala angestellte Kanzlisten je 10 Hiebe. Die beiden hatten geringfügige Vergehen be⸗ angen, für die sonst Geldstrafen festgesetzt sind. an hätte um so mehr das letztere erwarten sollen, als durch Anwendung der Prügelstrafe ihr Ansehen als Angestellte des Gouvernements in den Augen der Eingeborenen unbedingt ge⸗ schädigt werden mußte. Einer der beiden Kanz⸗ listen soll, wie man hört, nach der Bestrafung seinen Dienst aufgegeben und dies schriftlich dem gegenwärtigen Bezirksamtmann angezeigt haben. Er hatte im Sinn, sich nach Buea zu begeben, um bei dem stellvertretenden Gouver⸗ neur über die Behandlung des Bezirksamtes Duala Beschwerde zu führen, er wurde jedoch, bevor er sein Vorhaben noch ausführen konnte, vom Bezirksamt inhaftiert und darauf zu zwei Wochen Kettenhaft und weiteren fünfund⸗ zwanzig Hieben verurteilt. Ich will nicht unterlassen, mitzuteilen, daß es des öfteren vorkommt, daß Leute, die mit derartigen Prügel⸗ strafen bedacht wurden, schwer erkrankten und an den Folgen der Strafen zugrunde gingen. Im verflossenen Jahre und Anfangs dieses Jahres sind mehrere Eingeborene, die die rohe Behandlung nicht mehr ertrugen, in englische Kolonien gegangen.“ Diejenigen Eingeborenen, die nicht auswan⸗ dern können, versuchen zu gelegener Zeit in Putschen und Aufständen Rache zu nehmen. Zu ihrer Unterdrückung wird dann nicht nur geprügelt, sondern gehenkt und erschossen, was vor die Flinte kommt! Das Ganze nennt sich schließlich deutsche Zivilisationspolitik! Aus dem Hererolande kommen ungünstige Nachrichten. Es ist kein Zweifel mehr, heißt es in einem Bericht, daß der große Aufwand von Zeit, Kosten und Mühe, mit dem unsere Truppen am Waterberg zu⸗ sammengezogen worden sind, zudem erhofften Erfolge nicht geführt hat. Der größte Teil der Hereros ist trotz aller Vorkehrungen nach Südosten entkommen und schweift, in kleine Trupps geteilt, im Lande umher. Also viele Millionen Mark und zahlreiche Menschen⸗ opfer sind umsonst gebracht— ein Erfolg, den die Sozialdemokratie voraussagte. „Freisinnige“ Politik. Die Stichwahl im Wahlkreise Schaum⸗ burg⸗Lippe ist so ausgegangen, wie wir es in der letzten Nummer als wahrscheinlich be⸗ zeichneten. Die biederen Freisinnsmänner traten sämtlich für den konservativ⸗ antisemitischen Kandidaten Brunstermann ein, der denn auch mit 4516 Stimmen gewählt wurde. Unser Kandidat Klingenhagen erhielt nur 2656 Stim⸗ men, welche die Sozialdemokratie allein aufge⸗ bracht hat. Zwischen dem„Freistun“ und den konservativen Rückwärtsern gibts kaum noch einen Unterschied! Das zeigt auch ein Vorgang in Charlotten⸗ burg. Dort hatten die sozialdemokratischen Stadtverordneten einen Aatrag für das allge⸗ meine gleiche Wahlrecht eingebracht. Die Frei⸗ sinns⸗Mehrheit lehnte denselben jedoch ab. Es handelte sich bei dieser von den Sozial⸗ demokraten eingeleiteten und von dem bekannten Professor v. Liszt unterstützten Aktion, nicht um die Einführung des gleichen Wahlrechts, sondern nur um vorbereitende Schritte zur Er⸗ strebung des gleichen Wahlrechts. Aber selbst für eine solche recht platonische Liebeserklärung war die Freisinnige Volkspartei nicht zu haben. Ihr Führer, Stadtverordneter Otto, sprach sich gegen das gleiche Wahlrecht und für die Beibehaltung des Hausbesitzer⸗ privtlegs aus. Wirklich, nette„Liberale“ und Freisinnskämpen! Wieder ein Klassenurteil. Die Strafkammer in Stendal hat am Montag wieder ein Urteil gegen einen Strei⸗ kenden gefällt, das an die berüchtigten Bres⸗ lauer Urteile erinnert und diesen nichts nach⸗ gibt. Es wird ebenso wie das Urteil desselben Gerichts vom 28. Aug., das in voriger Nummer mitgeteilt ist, Erregung und Empörung hervor⸗ rufen. Der Maurer Franz Engel aus Tanger⸗ münde wurde wegen angeblicher Beleidigung und Bedrohung des bekannten Arbeitswilligen, Maurers Rauch, zu der überaus harten Strafe von acht Monaten Gefängnis und so⸗ fortiger Verhaftung verurteilt! Wegen desselben Rauch erhielt am 28. Aug. der Maurer Heitz⸗ mann aus Tangermünde 6 Monate Ge⸗ fängnis! Und dabei schreien Scharfmacher und Zünftler noch nach schärferen Strafbestimmungen gegen Streikende! —— Russisch⸗japanischer Krieg. Immer neue Opfer werden nach der ostastatischen Schlachtbank geführt. Rußland sieht sich genötigt, weitere Truppenmassen auf die Beine zu bringen und beruft eine Reserven⸗ klasse nach der andern ein.— Das Ostsee⸗ geschwader ist am Sonntag Nachmittag nach Ostasten in See gegangen; bis es aber in die japanischen Gewässer kommt, dürfte es dort Winter geworden sein und es wird nicht mehr viel ausrichten können.— Ferner hat die russ. Regierung 25 Unterseeboote eines verbesserten Typus bei einer amerikanischen Gesellschaft be⸗ stellt, wovon das Stück 800000 Mk. kosten soll. Ueber 50000 Menschen sollen bei den Kämpfen um Liaujang auf beiden Seiten ge⸗ fallen sein und zwar werden für die Russen 29600, für die Japaner 33000 Verwundete und Tote angegeben. Dazu hatten die Japaner vor Port Arkhur in den letzten Tagen mehr als 15000 Tote und Verwundete gehabt. Daß sich beide Völker nicht gegen diese verbrecherische Massenschlächterei empören, ist das Unbegreif⸗ lichste und Bedauerlichste zugleich. Der weitere Vormarsch der Japaner nach Norden soll nach einer rufsischen Meldung eingestellt sein. Ihre Vortruppen seien auf Jentat(nördlich von Liaujang) zurückgegangen. Die Hauptkräfte der Japaner lagern bei Liaujang. Es wird angenommen, daß die Japaner durch die Kämpfe bet Liaujang der⸗ maßen geschwächt sind, daß ein weiterer Vor⸗ marsch schwierig erscheint.— Die Japaner werden schon wissen, wann sie Pause machen und wann sie vorzurücken haben. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Lohn für 32jährige treue Dienste. Aus dem Breslauer„Gen.⸗Anz.“ gibt unser dortiges Parteiblatt folgende für sich selbst sprechende Anzeige wieder: „Infolge Auflösung des Gespannes sind die Dienste des Kutschers Rauer, welcher 32 Jahre meiner verew. Taute Gräfin Eberhard zu Stolberg⸗Wernige⸗ — Seite 4. Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung Nr. 3 8. rode, geborene Prinzessin Reuß treu gedient hat, entbehrlich geworden. Derselbe sucht zum 1. Oktober d. J. oder später eine Anstellung als Haus⸗ verwalter, Portier oder Kassenbote oder eine ähnliche Stellung, wozu ich denselben aufs Beste empfehlen kann. Rauer ist 56 Jahre alt, hat 2 Feldzüge mitgemacht, erfreut sich jedoch völliger Rüstigkeit, und seine Tüchtigkeit und Treue ist muster⸗ haft. Rauer ist verheiratet, seine Kinder sind schon selbständig. Graf Karl Pückler, Kaiserlich deutscher Gesandter.“ Das ist ein so herrliches Zeugnis von der „bis ins hohe Alter hinein gesicherten Existenz“ der deutschen Arbeiter, daß man nichts mehr hinzuzufügen braucht. Jeder Leser kann sich zu dem Text seine eigene Melodie machen. Dem christlichen Bergarbeiterfübrer Brust, Zentrumsabgeordneter im preußischen Landtage, wirft ein in Essen von einem Vor⸗ standsmitgliede des christlichen Gewerk⸗ vereins herausgegebenes Flugblatt vor, 30 000 Mark von den Grubenbesitzern zur Bekämpfung der oppositionellen Aeltesten und des Alten⸗Ver⸗ bandes persönlich erhalten zu haben. Brust wird zum Judas des Verbandes gestempelt. Für die Ermittelung des Verfassers des Flug⸗ blattes wurden 500 Mk. Belohnung ausgesetzt. — Der biedere Brust, welcher die Beamten der freien Gewerkschaften als Leute hinzustellen pflegt, die sich„von den Groschen der Arbeiter mästen,“ ist, wie kürzlich festgestellt wurde, der bestbezahlte Gewerkschaftsbeamte in Deutschland. Sieg des Bergarbeiterverbandes. Bei den Knappschaftswahlen im Ruhr⸗ revier hat der Bergarbeiterverband einen ent⸗ scheidenden Sieg über den„christlichen“ Zechen⸗ ee davongetragen. Die bisherige ehrheit der Knappschafts⸗Aeltesten warer Christliche; nunmehr ist eine Verbandsmajorität vorhanden. Pon Nah und Lern. Hessisches. — Gemeindewahlen. Wiederum einen f chönen Sieg erzielte unsere Partei bei der n Bürgel bei Offenbach am 8. Sept. voll⸗ zogenen Gemeinderatswahl. Von den vier in Frage kommenden Mandaten wurden drei von Unserer Partei erobert, und zwar erhielten von 717 abgegebenen Zetteln unsere Genossen Sutor 372, Heuß 361, Möbus 359 Stimmen. Das vierte Mandat fiel den Bürgerlichen mit 363 Stimmen zu. Dieser Wahlausfall ist umso bedeutungsvoller, als von den Gegnern mit allen Mitteln gegen unsere Partei gear⸗ beitet und den Wählern vor der roten vater⸗ 5 0 Sozialdemokratie angst gemacht wurde. Gießener Angelegenheiten. — In der Stadtverordneten⸗Ver⸗ d on am Donnerstage erklärte eingangs er Tagesordnung der Oberbürgermeister eine Notiz des„Gieß. Anz.“, in welcher behauptet worden war, daß die Gesundheitsverhältnisse in Gießen durch die Kanalisationsarbeiten un⸗ Mute beeinflußt wurden, für unrichtig. Nach litteilungen des Gesundheitsamts sei eine Steigerung der Sterblichkeitsziffer nicht ein⸗ getreten.— Im Laufe der weiteren Verhand⸗ lung werden die Mittel zur Anschaffung eines Steinbrechers(2 100 Mk.), einer Drehleiter für die Feuerwehr(6000 Mk.) bewilligt. Ferner wird zugestimmt, daß der ortsübliche Tagelohn gewöhnlicher Tagearbeiter auf 2,50 Mk. für männliche, 1,75 M. für weibliche festgesetzt wird. — Professor und Stadtverordneter Gaffky siedelt nach Berlin über, wo er als Nachfolger Prof. Kochs das Direktorat des preußischen Instituts für Infektionskrankheiten übernimmt. Die Stadtverordnetenversammlung ernannte ihn zum Ehreuhürger Gießens. — Sountags⸗Sadenschluß im Kon⸗ fumverein. In dem Bericht über die Ge⸗ neralpersammlung des Konsumpereins für Gießen a Anh end in der letzten Nummer ist ein ler enthalten. Es ist nämlich nicht be⸗ um zwei Uhr zu schließen— das geschah bis⸗ her schon— sondern es muß richtig um ein Uhr heißen. Die Mitglieder wollen das be⸗ achten und ihre Einkäufe am Sonntag danach einrichten. — Eine recht ,gutgesinnte“ Gehilfen⸗ Organisation muß doch der Deutsch⸗natio⸗ nale Handlungsgehilfen⸗Verband sein, denn für ihn wird sogar von den Militärbehörden agittert! Beim hiesigen Regiment wurde bei Parole den demnächst abgehenden Reservisten empfohlen, sich des Stellennachweises dieses Verbandes zu bedienen. Auch die Eintrittsbedingungen wurden bekannt gegeben und zugleich dabei bemerkt, daß der Verband treu zu Kaiser und Reich stehe, nicht etwa sozialdemokratisch sei. Ob diese Art Agitation viel Erfolg hatte, vermögen wir nicht zu sagen. Immerhin könnten wohl unsere Gewerkschaften mal die Frage erwägen, ob es sich nicht empfiehlt, die Reservisten durch Parolebefehl auf ihre Unterstützungseinrichtungen aufmerksam machen zu lassen! — Stadtvater und Bäckermeister Löber ist ein braver Mann und biederer Bürger. Das haben ihm seine Mitbürger da⸗ durch bescheinigt, daß sie ihn mit fast der höchsten Stimmenzahl ins Stadtparlament wählten, wo er zu ihrer größten Zufriedenheit seines Amtes waltet. Weniger zufrieden sind seine Gefellen mit ihm. Seines Sohnes Gesellen, muß es richtiger heißen, denn er selbst hat das Hand⸗ werk längst aufgegeben, er hat„es nicht mehr nötig“. Aber in der Backstube kommandiert Herr Löber sen. noch wie früher. Am Freitag klagten nun zwei Gesellen vor dem Gewerbe⸗ gericht wegen rückständigen Lohnes, außerdem brachten sie aber auch noch eine gute Portion anderer Beschwerden vor. So wurde sehr oft über die Zeit gearbeitet, ohne daß dies, wie in der Bäckereiverordnung vorgeschrieben, auf der Kalendertafel vermerkt wurde. Ferner beschwerden sich die Gesellen darüber, daß sie keine Waschschüssel haben und sich unter der Leitung waschen müssen. Dann aber beklagten sie sich auch über die Behandlung durch Herrn Löber sen., der mit ihnen verfahre, wie ein Unteroffizier mit Rekruten.„Flegel“,„Lümmel“ und andere, noch viel weniger salonfähige Aus⸗ drücke warf er ihnen an den Kopf, und wenn es sich die Leute gefallen ließen, hätten sie gar wohl noch Prügel bekommen. Der Herr Stadt⸗ vater sollte doch etwas glimpflicher mit Menschen umgehen. — Vor Schwindelkrankenkassen muß wiederholt auf das Dringendste gewarnt werden. Es sind in der letzten Zeit wieder mehrere solcher zweifelhaften Unternehmungen behördlich geschlossen worden, aber es giebt deren noch eine ganze Menge. Dunkle Ehren⸗ männer gründen„eingeschriebene Hilfskassen“ bloß zu dem einzigen Zwecke, sich von den Groschen der Versicherten eine Existenz zu schaffen, Zahlung von Krankenunterstützung er⸗ folgt in den seltensten Fällen. Gewöhnlich suchen diese Gründungen durch alle möglichen Versprechungen Mitglieder anzulocken und viel⸗ fach fallen auch Arbeiter darauf herein. So hat sich vor nicht langer Zeit ein solches Schwindelunternehmen unter dem Namen „Vaterländische Krankenversicherungskasse“ in Bremen aufgetan, das ebenfalls bankrott ging, Krankenunterstützung nicht leisten konnte. — Neulich richtete sich ein halbamtlicher Erlaß gegen die Schwindelkassen, in dem darauf hin⸗ gewiesen war, daß mit der staatlichen Zu⸗ nden ee die nicht verweigert werden könne, wenn das Statut sonst den ge⸗ setzlichen Anforderungen entspreche, keineswegs eine Garantie für reelle Geschäfts⸗ führung gegeben sei. Es sei daher Vorstcht am Platze, weil sich die Verstcherungsunter⸗ nehmer der staatlichen Zulassungserklärung mißbräuchlich bedienen. Auf manche naive Seelen mag es allerdings vertrauenerweckend wirken, wenn der Schwindelkassenunternehmer seine Prospekte mit der Aufschrift ziert: Staat⸗ lich genehmigt! Unter Oberaufsicht des Reichs⸗ kanzlers! und dergleichen mehr. Dieser Unfug mag nach Lage der Gesetzgebung nicht zu ver⸗ schlossen worden, die Verkaufsstelle Sonntags hindern sein. Wir sind aber doch der Ueber⸗ zeugung, daß sich bet einigermaßen guten Willen Mittel und Wege finden ließen, dem Kassen⸗ schwindel energischer auf den Leib zu rücken. Aus dem Rr eise gießen. — Kalender⸗Verteilung. Wie aus der Be⸗ kanntmachung des Landes⸗Komitees in voriger Nummer ersichtlich ist, sollen demnächst die Landkalender zur Ver⸗ teilung kommen. Damit dieselbe in exakter Weise er⸗ folgen kann, wollen die Parteigenossen im Kreise recht⸗ zeitig ihre Vorkehrungen treffen, die Touren einteilen und die nötigen Mannschaften dafür bestimmen. Seid zahlreich am Platze! Je mehr sich Genossen zur Ver⸗ fügung stellen, desto geringer ist naturgemäß die auf den Einzelnen entfallende Arbeit, der sich jeder gerne unterziehen wird. Besonders für die Radfahrer bietet sich hierbei Gelegenheit, für die Parteisache zu wirken. — Eine Parteiversammlung für Wieseck, Alten buseck,. Trohe und Rödgen findet nächsten Sonntag, 25. Sept. nachmittags 4 Uhr, im Lokale Karl Kreiling(früher Dorfeld) in Wie sseck statt. Auf der Tagesordnung steht Berichterstattung über die Landes⸗ konferenz, die der Delegierte Genosse Seuling aus Alten⸗ buseck geben wird, sowie sonstige Parteifragen. Die Parteifreunde der genannten Orte werden um recht zahl⸗ reiches Erscheinen ersucht. — Wieseck. Zu seinem am 3. Sept. gehaltenen Vortrag über die Schwindsucht und dem darüber in der letzten Nummer unseres Blattes gebrachten Vericht er⸗ sucht uns Herr Dr. med. Arndt in Wieseck um Auf⸗ nahme folgender Bemerkungen: „Die letzte Zeile der dritten Spalte(Seite 4 der Nr. 37), enthält einen von meiner Seite herrührenden, kleinen Irrtum; denn anstatt der dort angegebenen 34,2 Prozent, d. h. der Sterblichkeitsziffer der im letzten Stadium befindlichen Tuberkulösen, muß es selbstverständlich„42,8 Prozent“ heißen. Ferner ist da, wo in dem Bericht von dem„Zahlenverhältnis aller männlichen zu allen weiblichen Tuberkulösen“ Wiesecks(37: 24) die Rede ist, der nachfolgende Satz so zu lesen:„d. h. also: die Mädchen und Frauen sind, wie meist in der Gesamtbevölkerung, be⸗ züglich der Zahl der Tuberkulösen günstiger gegenüber den Männern gestellt, und zwar für Wieseck und umgegend um etwas weniger als um die Hälfte der männlichen Fälle.“ Denn die meisten, mit übermäßiger Staubentwickelung verbundenen und also die Schwindsucht fördernden Arbeiten werden sonst von Männern ausgeführt; dazu kommt, daß fast alle Alkoholkranken, die ja erfahrungsgemäß der Tu⸗ berkulose in sehr starkem Maße ausgesetzt sind, dem männlichen Geschlechte angehören. Bezüglich des Gießener Volksbades bemerke ich noch Folgendes(teilweise habe ich es schon in meinem Vor⸗ trage erwähnt): Meine Forderung, betreffend die baldige Errichtung einer Volksbadeanstalt in Wie seck, ist meiner Ansicht nach doch nicht so verfrüht, wie es vielleicht nach Ihrer Schlußbemerkung den Anschein haben könnte; denn für Personen, die u. A. auch durch Benutzung von Bädern sich gegen die Schwindsucht ꝛc schützen wollen, ist ein Bad wöchentlich() keineswegs zur Förderung bezw. Erhaltung ihrer Gesundheit ausreichend: gerade, weil für den großen Wert jeglicher Art Gesundheitspflege die gewohnheitsmäßige Uebung derselben aus⸗ schlaggebend ist, gerade deshalb wäre es erforderlich, jedem Mitglied einer Krankenkasse mehrmals wöchent⸗ lich ausreichende Gelegenheit zum Baden zu geben, wie dies schon lange in vorbildlicher Meise der„Berliner Verein für Volksbäder“(Vorsitzender: Prof. Dr. Lassar) tut. Wie ungünstig im Gegensatz hierzu die hiesigen diesbezüglichen Verhältnisse liegen, ergibt sich klar aus folgenden Erwägungen. Nach Schluß der Tages arbeit, also nach 6 Uhr, ist für die in Wieseck arbeitenden Personen kaum Gelegen⸗ heit zum Baden vorhanden, denn schon um 8 Uhr abends wird die Anstalt geschlossen, sodaß der Fußgänger — und alle Arbeiter machen der teuren Omnibus⸗ fahrten wegen, den Weg Gießen⸗Wieseck und umgekehrt zu Fuß— kurz vor Toresschluß die Anstalt betritt, ermüdet von der Arbeit und vom„Spaziergang“(). Dagegen ist die Zahl derjenigen Wiesecker, die in der Nähe der Anstalt in Gießen arbeiten und also bequem noch nach 6 Uhr baden können, verschwindend gering, zumal ihnen noch, zur„Erholung“, der lange Weg nach Wieseck bevorsteht. Es ist klar, daß der Vorteil, den das Bad dem Körper bringt(Anregung der Blutzirkulation, kräftigere Arbeit des Herzmuskels, tiefere Atemzüge usw.) wieder durch Uebermüdung rasch verloren geht. Daher halte ich die Frage, betrefsend die baldige Errichtung einer Volksbadeanstalt in Wieseck, mindestens für diskutabel. Das angeführte Beispiel der Berliner Volksbäder(3. B. kostet in Berlin ein Wannenbad 2. Klasse mit Seife und Hand⸗ tuch nur 25 Pfg.(ö); große Sauberkeit herrscht dort, diese Wannen, mit Brausen versehen, werden ge⸗ rade von den Arbeitern massenhaft benutzt; in Gießen kostet dasselbe Bad ohne Seife und Handtuch 1 1 N —— — 2 2 K. n ere erer // c c e S . 90. — Villen e Kusser lden, der Oe. Nummer zur Ver⸗ dee er. se recht⸗ eintellen u. Seid zur Ver⸗ die af et gerne er bietet i wirken. Diesec, kächsten lale garl Auf der Lundez⸗ us Allen⸗ en. Die echt zahl⸗ haltenen r in der richt et⸗ 0 um Auf⸗ ite 4 der ührenden, gegebenen der im muß es ner ist verhältnis erlulösen“ folgende dchen und erung, be⸗ gegenüber seck und um die ie meisten, een und ben sonst h fast all det Tu⸗ sud, den r ich loch nem Vo- die baldige Ist meiner leicht n ante; denn Aung bon en wollen, dime b gebe dheigplege aus- erforderlich ö wöthenk⸗ weil sie uns nicht vollständig erwiesen schienen, Ae 38. Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. 60 Pfg.(0) zeigt deutlich die ungeheure gesundheit⸗ liche Bedeutung wirklicher Volks bäder.“ Mit unserer Bemerkung wollten wir natürlich nicht sagen, daß die Errichtung eines Volksbades in Wieseck an sich verfrüht sei, sondern nur andeuten, daß man es damit in Wieseck kaum sehr eilig hat. Der Ge⸗ meinderat wird wohl nicht so schnell mit Bewilligung der Mittel bei der Hand sein. Im Uebrigen stimmen wir vorstehenden Ausführungen als vollkommen zu⸗ treffend bei. Aus dem Rreise Wetzlar. * Herr Bäckermeister Köhler sendet uns in Erwiderung auf die Notiz in voriger Nummer und eine früher erschienene, folgende Znschrift: „In Ihrem Blatte wurde in letzter Zeit zwei mal die Aufmerksamkeit Ihres Leserkreises von seiten vor⸗ maliger Gesellen auf meine Bäckerei gelenkt. Der erste Ihrer Gewährsmänner war nach 12 Tagen von mir entlassen worden, weil er trotz meiner Verwarnung die Stunden des Spätabends, die jeder Geselle zur Ruhe am nötigsten hat, zum Wirtshausbesuche verwendete. Als Revanche schickte er mir, vermutlich, die Reviston. Das von mir verbackene Mehl geht seit meiner Etablie⸗ rung durch die Siebmaschine. Die Verunreinigung einer Kiste Staubzucker durch Mäuse ist durch die Lässigkeit eines Gesellen, der die Kiste gegen meine Anordnung offen stehen ließ, geschehen. Nach der Entdeckung der Unreinheit wurde der Zucker sofort durch neuen ersetzt, nicht etwa wie Ihr Gewährsmann es darzustellen be⸗ liebt, in Folge der Revision, sondern vorher. Der zweite Gewährsmann ist am Abend des 2. Sept. von mir eingestellt worden. Am 3. Sept. mittags ver⸗ langte er seinen Abgang. Die 20 Stunden haben ihm schon genügt, sich über meinen Betrieb ein verächtliches Urteil zu bilden. Seine Behauptungen sind auch dar⸗ nach. Sein Vorgänger hat am 2. Sept. abends 6 Uhr das Gesellenzimmer bezw. mein Haus verlassen. Dieser war 8 Monate bei mir gegen 12 Mark Wochenlohn. Es ist bei mir Sitte, daß jedem neueingetretenen Gesellen sein Bett frisch überzogen wird. In dem Falle am 2. Sept. konnte dies am Abend nicht mehr geschehen, weil der zweite Geselle bereits in dem Zimmer schlief. Im übrigen wird die Bettwäsche alle zwei Wochen ge⸗ wechselt. Das Bett, welches der neue ingetretene Geselle die eine Nacht benutzte, war fünf Tage vorher frisch überzogen worden Der Abort liegt nicht neben der Backstube, sondern hinten im Hof und hat Klosettspülung mit Kanalanschluß. Die Backstube hat ihr Fenster nach der Straße bezw. nach dem Schillerplatz und ist vom Hof durch eine 2½ Backstein starke Mauer getrennt. Der Zugang zur Back⸗ stube ist ebenfalls von der Hoftüre etwa 2 Meter ent⸗ fernt und liegt zudem auf halber Tr ppenhöhe. Die Backstube kommt somit weder mit dem Abort noch mit dem Hof in direkte Berührung. Nun zur Mehlkammer. Ihr Gewährsmann stellt es so dar, als ob diese nur von der Hofseite Licht hätte. Sie hat aber außer dem Hoffenster je ein Fenster nach dem Schillerplatz und nach der Einfahrt zum Solmser Hof. Boden und Wände, auch der Backstube, find durch Zement und Blechbeschlag, so gegen Mäuse gesichert, daß sich solche nicht darin einnisten können. Außerdem halte ich gegen Ratten und Mäuse einen scharfen For⸗ terrier. Daß es diesem noch nicht gelungen ist, die ganze AUnterstadt, bis zu Herrn Brustus, von diesem Ungeziefer zu säubern, bedauere ich. Meine Kundschaft, die mit meinem Hause vertraut ist, weiß, daß ich keine Kosten gescheut habe und immer bedacht war, mein Haus in sanitärer Hinsicht zu verbessern. Meine Vorgänger haben 3. B. Schweine gehalten, während ich auf diesen Neben⸗ verdienst von vornherein verzichtet habe, und mich nur auf das notwendige leichte Wagenpferd beschränke. Da ich annehme, daß Sie es ablehnen, nur eine Seite in Ihrem Blatte zu Wort zu lassen, so erwarte ich, daß Sie meine Rechtfertigung in vollem Umfange aufnehmen.“ Selbstverständlich. Warum hat aber Herr Köhler nicht sofort die schon vor längerer Zeit erschienene Notiz berichtigt? Die darin enthaltenen Angaben stammen nicht nur von den Gesellen, sie wurden uns von anderen zuverlässigen Leuten bestätigt; sie werden ja auch nicht weiter bestritten. Wenn sich Herr Köhler bemüht, Besse⸗ rungen zu schaffen, so ist das gewiß lobend anzuerkennen. Umsomehr, als in sehr vielen Bäckereien Mißstände dieser Art herrschen. Wir haben schon zahlreiche uns darüber zugegangene Mitteilungen unbeachtet 1 1 5 wollen nicht das Allergeringste veröffentlichen, was nicht der Wahrheit entspricht. h. Im Wetzlarer Krankenhaus. Am 4. August erkrankte die Tochter eines achtbaren Arbeiters an Blinddarmentzündung. Auf Veranlassung ihrer Dienstherrschaft wurde sie vormittags 11½ Uhr ins Krankenhaus gebracht. Gegen 6 Uhr abends ging der Vater ins Krankenhaus und erfuhr dort zu seinem Schrecken, daß sich noch kein Mensch um die Kranke gekümmert habe. Auf seine Fragen bemerkte die Oberin, daß sie wiederholt nach dem Krankenhausarzt Dr. Herr 5———— geschickt habe, derselbe set jedoch noch nicht gekommen. Unterdessen war das Fieber der Kranken auf nahezu 40 Grad gestiegen. Der Vater eilte zu Dr. Herr, der ihm erklärte, daß er erst morgen Vormittag in das Krankenhaus gehe und wenn ihm(dem Arbeiter) das nicht passe, solle er seine Tochter auf den Buckel packen und heimtragen. Dieser Rat wurde befolgt und dann von anderer ärztlicher Seite eingegriffen. Das Verhalten des Dr. Herr, der sonst nicht unbeliebt ist, muß doch als höchst sonderbar bezeichnet werden. Uebrigens sollten die zuständigen Behörden doch mal eine eingehende Reviston der Krankenhausverhältnisse stattfinden lassen. O. Auf der Bahnstrecke Wetzlar⸗Lollar herrscht in der Personen⸗Beförderung eine recht eigen⸗ tümliche Praxis. In dem Frühzuge in der Richtung nach Lollar laufen zwei geschlossene Wagen IV. Klasse mit, die erst bei der Station Wismar, der letzten vor Lollar geöffnet werden. Man will damit offenbar die zwei Wagen für die in Wismar einsteigenden Passagiere freihalten. Weil aber hier auch nur wenig Leute ein⸗ steigen, so gestaltet sich die Sache so, daß die Leute in den andern Wagen von Krofdorf aus, wo mit diesem Zuge ein starker Verkehr ist, wie die Schafe zusammen⸗ gepfercht werden, während die zwei Wagen leer mit⸗ laufen! Die Bahnverwaltung sollte doch für Beseitigung dieses Mißstandes Sorge tragen. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. — Auf das Stiftungsfest der„Ein⸗ tracht“, das diesen Sonntag im Schloßgarten statt⸗ findet, machen wir nochmals aufmerksam. c. Ueber die berühmte Scheune des Bierbrauereibesitzers Bopp ist es nun zu einem Vergleich mit der Stadt gekommen. Bopp soll danach seine Scheune am Pilgrimstein der Stadt für 10000 Mk. überlassen und das zur Verbreiterung des Pilgrimsteins nötige Ge⸗ lände zur Verfügung stellen, wofür er ein leich großes Stück vom Haas'schen Grund⸗ stüc erhält. *Die Arbeits verhältnisse bei der Firma Niederehe. Zu der Berichtigung der Herren Nieder⸗ ehe wird uns von einem früher dort beschäftigten Ar⸗ beiter mitgeteilt, daß die Angaben der Firma über die verdienten Löhne keinesfalls zutreffend sein können. Ein Tagesverdienst von 4,70 Mk. könne höchstens in ganz vereinzelten Fällen und nur erzielt sein, wenn der Be⸗ treffende bis abends 10 Uhr arbeitete. Einen Durch⸗ schnittstagelohn von 2,85 könnten nur sehr gut einge⸗ übte Männer ohne Ueberstunden erzielen. Die besten Arbeiter kamen ohne Ueberstunden auf 15— 16, mit Ueberstunden 17—18 Mk. Wochenlohn.— Die Arbei⸗ terinnen wohnen meist in Schreck, Bauerbach, Großfelden, Sarnau ꝛc., hätten also bis zur Fabrik 1¼ Stunde zurückzulegen, also 3 Stunden pr. Tag. Luise von Koburg die angeblich„irrsinnige“ Gemahlin des Fürsten von Koburg befindet sich jetzt in Frankreich in völliger Sicherheit. Sie hielt sich einige Tage nach ihrer Flucht aus Bad Elster im Haufe des Abg. Genossen Südekum in Berlin auf, von wo aus sie ohne weitere Belästigung und unentdeckt teils per Automobil, teils per Bahn die französische Grenze erreichte. Südekum erklärt u. a. in dem Pariser Blatte des Ge⸗ nossen Jaurèes dazu: ... Die Prinzessin verlangt nur ihre Freiheit. Alle anderen Pläne, die man ihr zuschreibt, die Scheidung von dem Prinzen von Koburg und die Heirat mit Mattachich, beruhen auf reiner Erfindung. Sie ist eine gläubige Katholikin; vor der Scheidung müßte sie ihre Religion wechseln; daran denkt sie ja gar nicht. Sie hat nur einen Wunsch: ihre Bewegungs⸗ freiheit zu haben, wie der Gemeinste der Sterb⸗ lichen; die freie Verfügung über sich selbst will sie wiedererobern, die man ihr genommen hatte, um an Mattachich einen nichtswürdigen Justiz⸗ mord begehen zu können. Das ist alles. Die Sache liegt so klar, daß sie die öffentliche Meinung keinen Augenblick beschäftigt hätte, wenn es sich nicht um eine Prinzessin handelte. Aber soll eine Frau zu einem grausamen Schicksal verdammt sein, nur weil sie eine Prinzessin ist? Diese Frage stellen, heißt sie verneinen. Und zu gleicher Zeit ist es eine Zurückweisung der Histörchen der Freunde des Prinzen von Koburg, die aus sehr durchsichtigen Gründen sich alle Mühe geben, die Motive der Freunde Mattachichs in schlechtes Licht zu stellen. In dem in Genf erscheinende sozialdemo⸗ kratischen Blatte„Vooruit“ wird ein angeb⸗ n licher Brief der Prinzessin veröffentlicht, in dem sie erzählt, was sie von ihrem Herrn Gemahl zu erdulden hatte und plaudert auch sonst viel höfische Intimitäten aus. Es handelt sich dabei um eine Redaktions⸗Arbeit. Herbert Bismarck der älteste Sohn des ehemaligen Reichskanzlers ist unheilbar an Leberkrebs erkrankt. Sein Ableben dürfte nahe bevorstehen. Geheimer Kommerzienrat Hahn in Dresden, früher Mitinhaber der Bankfirma Rocksch Nachflar. wurde von der Strafkammer wegen Untreue und Unterschlagung zu 4 Jahren Gefängnis und 3000 Mk. Geldstrafe verurteilt. Der Brave aus„besseren“ Kreisen hatte mit Depotgeldern Grundstücksspekulationen getrieben, so daß seine Firma in Zahlungsschwlerig⸗ keiten geriet. Der Streiksünder. Von der Darmstädter Ferienstrafkammer wurde der Zimmergeselle Feyh, der während des hiesigen Streiks der Zimmerleute einen Arbeiter durch Drohungen veranlaßt hatte, die Arbeit niederzulegen, zu drei Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. —————— Kleine Mitteilungen. k Vom Blitz erschlagen. Bei dem Gewitter am Dienstag wurde in Niederursel bei Frankfurt der dort beschäftigte Landarbeiter Möller aus Geisa vom Blitz getroffen und getötet.— In Steinbach i. T. schlug der Blitz in das Haus des Zimmermanns Lenz und beschädigte Schornstein und Wände. Frau Lenz wurde von dem Schlage betäubt, glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen. Ein zweijähriges Kind lief in der Nähe der Station Frielendorf bei Treysa vor die Maschine eines Zuges und wurde entsetzlich zugerichtet. Man brachte es sofort mit dem Zuge in die Marburger Klinik, wo es bald unter qualvollen Schmerzen sta rb. Ein Gefangenenaufseher als Mörder. In Bracht im Rheinland wurde der Mörder einer Gärtnersfrau verhaftet. Es ist ein Gefangenenaufseher der Brauweiler Arbeitsanstalt, der in Beziehung zu der Frau stand. Bergarbeitertod. Auf der Zeche Borussia im Essener Bezirk riß das Seil des Förderkübels. Er stürzte herab und zerschmetterte dem Bergmann Kallmann den Schädel.— Auf der Zeche Mont Cenis stürzte der Bergmann Schurmann von den sogenannten Bremsen herab und blieb sofort tot. r I Partei-Uachrichten. Genosse Singer foll. wie Parteiblätter berichten, an einer schmerzhaften Venenentzündung erkrankt sein, die ihn für mehrere Wochen ans Bett fesseln wird, Der Parteitag wird den bewährten und umsichtigen Vorsitzenden stark vermissen. Totenliste der Partei. In Frankfurt starb vorige Woche der Parteigenosse Wel ker im hohen Alter. Er war einer der ersten, welche in Frankfurt für die Sozialdemokratie— damals für den allgem, deutschen Arbeiterverein agitierte. Wahlkreis Wetzlar. Quittung. Zum Partei⸗ fonds von Mitgliedern des Gesangvereins„Eintracht“ Krofdorf 27,95 Mk. Versammlungskalender. Samstag, den 17. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 19. Sept. Gießen. Schneider verband. abends 9 Uhr bei Orbig. Versammlung Mainzlar! Sountag, den 18. September 1904: Kirchweih-Fest bei Phil. Müller „Gasthaus z. Adler“ am Bahnhof. — U . 5 8 5 A ———— 25 3 ———— 2— i— 2.—. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 38. Von Nah und Lern. Gespritzte Patrioten. Vorige Woche gab es in Altona„Kaiser⸗ tage“ und dabei selbstredend auch„Zapfenstreich“. Wie gewöhnlich, strömte dazu viel Volks herbei, denn es gibt leider noch immer viele Gaffer, die bei jedem Rummel dabei sein müssen. Um den Kaiserplatz wurde das Gedränge derart, daß sich die Absperrmaßregeln als wirkungslos erwiesen, die Menschenmasse drängte immer mehr nach dem Kaiserplatze zu und um sie zu⸗ rückzudrängen, ließ die Polizei Feuerspritzen herbeischaffen und richtete die Schläuche gegen die vorderen Reihen des Publikums! Es ent⸗ stand nun ein furchtbares Gedränge, in dem Hunderte stürzten, getreten, gequetscht und sonst verletzt wurden. Von der Sanitätskolonne sind 300 Unglücks fälle behandelt worden! Die Empörung im Publikum über das rück⸗ sichtslose Vorgehen der Polizei war gewaltig, und es ist ein Wunder, daß sie nicht an Ort und Stelle zum Ausbruch gekommen ist, und den Polizisten die Wasserschläuche entrissen worden sind. In den Hamburger Blättern kommt die Entrüstung der Betroffenen zum Ausdruck. Einer der Bürger klagt:„Greise, Frauen und Kinder wurden jämmerlich gedrückt und erlitten mehr oder weniger schwere Verletzungen und ein herzzerreißendes Wehklagen durch⸗ hallte die Luft. Es schlugen die Soldaten sogar mit dem Gewehrkolben auf un⸗ schuldige Personen ein, um sie wieder zum Rückzug zu zwingen. Hätte es sich um eine Revolution oder dergleichen gehandelt, dann würde man eine Erklärung hierfür finden.“ Die gutgesinnte Presse nimmt sich der Miß⸗ handelten in keiner Weise an, sondern lobt den schneidigen Polizei⸗Inspektor noch ob seiner enialen Feuerspritzen⸗Idee und beschimpft die Aabigenden Patrioten als Pöbelhaufen! — Soviel wir mit den Gequetschten Mitleid haben, den Hurraschreiern gönnen wir eine solche Behandlung. Im Reichstag rühmte sich einmal ein preußi⸗ scher Kriegsminister, daß er die Sozialdemo⸗ kraten im Ernstfall mit Feuerspritzen zu Paaren treiben würde. Nun tritt zum ersten Male seit jener Renommage die Feuerspritze in Tätigkeit und durchnäßt nicht Sozialdemokraten, die ein militärischer Zapfenstreich nicht anlockt, sondern die treuesten Ordnungselemente, die mit ihrem Hurrageschrei vergessen machen wollten, daß die Parade im roten Hamburg ⸗Altona stattfand. Ein Diener des Herrn. Die Mannheimer Volksstimme berichtet: Vor kaum Jahresfrist heiratete ein protestan⸗ tischer Vikar die hübsche Tochter eines hiestgen angesehenen Möbelfabrikanten, die neben einer prächtigen Heiratsausstattung etliche 50 000 Mk. Vermögen mitbekam. Das junge Paar begab sich auf die Hochzeitsreise nach Italien und genoß dort einige Zeit stillen Glückes. Doch plötzlich verliert der Bräutigam einen Check im Werte von 50000 Mark. Die Hochzeitsreise wurde aufgegeben und in tiefer Niedergeschlagen⸗ heit die Heimreise angetreten. Man hätte glauben sollen, ein schönes Weib mit 50000 Mk. Vermögen würde selbst für einen protestantischen Vikar„den Himmel auf der Erde“ bedeuten, aber weit gefehlt. Unterwegs traf er eine junge Frau, die bereits ihren Mann mit zwei Kindern im Stiche gelassen, und brannte mit derselben durch. Seelisch gebrochen, kehrte die junge Dame zu ihren Eltern hierher zurück. Die Karten waren jedenfalls vorher von dem Geist⸗ lichen„gut gemischt“. Um durchbrennen zu können, brauchte man Geld, und zu diesem Zwecke wurde der Check— verloren, oder flüssig gemacht. Noch im Tode verfolgt. Es ist bekannt, daß der preußische Eisen⸗ bahngewaltige Budde innerhalb seines Macht⸗ bereichs die Sozialistenverfolgung unablässig betreibt. Das höchste darin leistete man aber kürzlich in Dortmund. Dort starb am 16. August ein Stellmacher, der dem Staate 37 Jahre lang treue Dienste geleistet hatte. Die Arbeitsgenossen wollten dem Verstorbenen das letzte Geleit geben. Die Staatsfahne war bereits herausgeholt, alles zum Ehrengeleit be⸗ reit— da, in letzter Stunde kam Gegenordre. Die„Arbeiterzeitung“ hatte bemerkt, daß der Verblichene ein stiller, treuer Parteigenosse ge⸗ wesen sei. Der Witwe des Verstorbenen wurde darauf am Abend vor dem Begräbnistage mit⸗ geteilt, die Verwaltung habe den Arbeitern die Beteiligung an der Beerdigung verboten. So wird im Reiche Buddes für fromme Sitte gesorgt. An der Spitze der Kultur 3— marschiert bekanntlich das deutsche Reich, wenig⸗ stens nach den Behauptungen unserer Ueber⸗ patrioten. In einem Kulturstaate müßten aber zum allermindesten tadellose Schul⸗Verhältnisse herrschen. Wie es damit aber vielfach aussteht, wird durch einen drastischen„Zwischenfall“ illustriert, der sich in der Schule des thüringi⸗ schen Dorfes Niedertopfstedt ereignete. Der Lehrer erzählte den Kindern gerade von der Schlacht bei Sedan, da— ein lautes Prasseln und Krachen an der Decke und im Nu füllen dichte Wolken von Lehm⸗ und Kalk⸗ staub die Schulstube. Als sich die Luft wieder klärt— einige Kinder waren entsetzt zum Fenster hinausgeflüchtet— sieht man die Scheuerfrau unter einem großen Loch in der Decke im Klassenzimmer stehen. Die arme Frau, die durch die altersschwache Decke hin⸗ durchgebrochen war, zum Glück, ohne Schaden zu nehmen, murmelte ein paar Worte der Entschuldigung und ging hinaus. Der Herr Lehrer sammelte seine Schar und suchte sich ein neues Schullokal. Er fand es im Tanz⸗ saal der Gemeindeschenke. Drei Monate Gefängnis für 7 Preß⸗ kohlen! Vor Kurzem hatte sich der Arbeiter Szepokat vor dem Berliner Landgericht 1 wegen Dieb⸗ stahls im Rückfalle zu verantworten. Er hatte auf einem Berliner Bahnhof zu tun, als dort gerade Preßkohlen abgeladen wurden. Geständ⸗ lich hat er sich von den beim Ausladen vorbei⸗ fallenden Preßkohlen 7 Stück angeeignet, die ihm alsbald wieder abgenommen wurden. Die Kohlen haben einen Wert von wenigen Pfennigen, da aber der Angeklagte schon wiederholt wegen Diebstahl vorbestraft und nach Paragraph 244 St.⸗G.⸗B. in solchem Falle drei Monate Gefängnis das niedrigste Strafmaß ist, so mußte der Gerichtshof diese Strafe aussprechen.— Die kleinen Diebe hängt man bekanntlich. Folgenschwerer Familienstreit. In Erbesbüdesheim bei Alzey erschoß der Baron von Lengercke seinen Schwiegervater, den Altbürgermeister Lebert, mit einem Jagd⸗ gewehr, nachdem Lebert vorher seinen Schwieger⸗ sohn durch einen Schuß verwundet hatte. ee sind die Ursache des Streites gewesen. Abschied von der Kirche. In Frankreich haben in der letzten Zeit eine Anzahl Priester nacheinander der allein⸗ seligmachenden Kirche den Rücken gekehrt. Einige gaben die Gründe öffentlich bekannt, die sie zu ihrem Schritte veranlaßten. So schreibt der Abbe Lemenuier, der ebenfalls seinen Priesterrock auszog, folgendes im„Rappel“: „Ich verlasse die Kirche. Mit schwerem Herzen lege ich das Kleid ab, nach dem ich mich in meiner Jugend so sehr gesehnt habe. Nach drei Jahren priesterlicher Wirksamkeit, in der Fülle meiner Rechte als aufrichtiger Mensch und im vollen Bewußtsein der Bedeutung meines Entschlusses sage ich auf ewig Lebewohl der katholischen Kirche, auf deren Knien ich erzogen wurde, und die mich in meiner Jugend begei⸗ sterte, die aber keine einzige der Ver⸗ sprechungen, die ihre Priester mir gaben, 3 hat. Ich beschuldige niemanden; eine Klage kommt aus meinem Munde. Ich verlasse nicht eine Partei, um mich einer andern zu verpflichten; ich schüttle bloß jede menschliche Vormundschaft ab, um frei und unabhängig leben zu können. Ich verlasse die Kirche, weil mein Gewissen es mir gebietet und weil die religiösen Hand⸗ lungen, die meine priesterliche Stellung mir vorschreibt, mit dem Rest von Glauben, der mir geblieben ist, nicht mehr harmonieren. Ich tadle jene nicht, die fortfahren, diese Hand⸗ lungen im guten Glauben zu vollbringen, noch jene, die sie vollziehen, ohne daran zu glauben. Erstere sind achtungswert wegen ihrer Aufrich⸗ tigkeit, die letzteren sind entschuldbar wegen der furchtbaren Schwierigkeiten denen, ein Priester begegnet, wenn er sich fret machen will in einer Gesellschaft, wo man von Brüderlichkeit und Toleranz nur spricht, während ihre Vorurteile tyrannisch herrschen. Ich habe alle Bedenken, so gewichtig sie auch waren, überwunden, weil ich der Meinung bin, daß der wahre Wert des Menschen nur in seiner Aufrich⸗ tigkeit besteht. Ob das Brot, das man ißt, weiß oder schwarz ist, daran liegt nichts, wofern das Brot nur ehrlich verdient und nicht in schmählicher Weise um den Preis der Heuchelei und der Lüge erworben ist.“ Der ehemalige Priester legt dann weiter dar, wie er immer mehr zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß zwischen den Lehren Christi und denen der Kirche ein tiefer Widerspruch bestehe und daß man, um ein wahrer Christ zu sein, die Kirche verlassen müsse. Dieser ruft er zu, daß ihre Gegner ste nicht mehr zu be⸗ kämpfen brauchte, sie bewirke selbst ihre Zerstö⸗ rung.— Alle Achtung vor der Ueberzeugung des Abbe Lemenuier. Was aber den letzten Satz betrifft, sind wir der Meinung, daß so⸗ lange der Unverstand der Massen noch derselbe bleibt wie heute, die Pfaffen um ihre Herrschaft nicht zu fürchten brauchen. . b Unterhaltungs- Cril. L Der Hekehrte. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. 5.(Schluß.) Jetzt war er nun Katholik, und was hatte es ihm geholfen? Ja, wenn er— ein Licht⸗ strahl schoß durch seine Seele. „Ich hab's,“ rief er, und sprang von dem Felsblocke, auf dem er draußen am Fuße der Berge gesessen, ungestört seine Pläne fassen und überdenken zu können, empor—„ich hab's, und die— Bande hier soll nicht länger über Patrick lachen Wee Am nächsten Morgen war Patrick aus Santa Rosa mit Sack und Pack verschwunden. Boten wurden allerdings gleich nach Mendoza hinüber⸗ geschickt, die jungen Eheleute zu warnen, denn man fürchtete von dem tollen Iren, der keine Vernunft schien annehmen zu wollen, das Schlimmste. Nirgends aber konnte man eine Spur von ihm entdecken, und dies fatale Ge⸗ fühl der Unsicherheit, das Don Carlos San Juan besonders in der nächsten Zeit empfand, mochte ihn wenigstens in etwas für die an dem Fremden 1 List bestrafen. Patrick dachte aber gar nicht daran, sich erst von den Chilenen auslachen zu lassen, und dann auch noch sein Leben den Messern der Argentiner preiszugeben. An der Sache selber ließ sich doch nichts mehr ändern, Beatriz war verheiratet und er Katholik, und jetzt den größt⸗ möglichsten Nutzen für sich selber daraus zu⸗ ziehen, sein einziges Ziel und das lag in Irland. Im Hafen von Valparaiso ankerte ein nach Liverpool besttimmtes deutsches Schiff. Der Kapitän brauchte glücklicherweise Matrosen, da ihm einige entsprungen, ihr Glück in den kali⸗ fornischen Minen zu suchen, und wenige Tage später segelte Patrick O Kearney unter einem angenommenen Namen der alten Heimat. wieder zu. ö 88. — kissen Hand. 9 mir er mir ereg, Hand⸗ „ U an fich. en der reer u einer it und lutteile denken, „ weil Wert frich⸗ 5 man nichts, it und den Lüge Weiler eugung Christt Ispruch Chiist ser ruft zu be⸗ erselbe uscaft e Nr. 38 Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. d Und was wollte er dort?— Wunderbare Frage: seine Judith natürlich heiraten! War er nicht ihrethalben Katholik geworden? — hatte er die Trennung von ihr denn ertragen können? Die alte Tante war dann auch schon zu versöhnen, wenn sie ihm des Briefes wegen im Anfang auch noch ein wenig gezürnt hätte. Das Haupthindernis— die Religtonsverschieden⸗ heit, hatte er überwunden, alles andere sollte ihm jetzt keine Sorgen machen. „Das Schiff lief nach einer raschen und glücklichen Fahrt im Liverpooler Hafen ein. Patrick, der sich nur für die Reise verpflichtet hatte, wurde ausbezahlt, ging dort gleich wieder an Bord eines kleinen Schoners, der, für die Galwaybat bestimmt, vor Anker lag, und landete vier Monate nach seiner Abfahrt von Valparaiso glücklich, und das Herz voll froher Hoffnungen in Iveran. Es war ihm aber doch ein eigenes Gefühl, mit dem er an dem Abend nach Dunkelwerden — er wollte sich vorher vor keinem Bekannten auf der Straße sehen lassen— das Haus von Judiths Tante wieder betrat. Ein fremdes Mädchen öffnete ihm hier auf sein Klopfen die Tür. „Ist Mrs. O' Flannagan daheim?“ „Mrs. O' Flannagan?— Gott segne Euch!“ schrie das Mädchen, entsetzt einen Schritt zurück⸗ prallend—„davor bewahre uns die Jungfrau Maria. Mrs. O'Flannagan liegt schon seit neun Monaten im Grabe.“ „Im Grabe?“ rief Patrick bestürzt—„und Judith Mac Neale?“ Ein Freudenschrei antwortete ihm von der andern Seite der Hausflur, eine Tür flog auf und Judith, das brave, treue, redliche Herz lag weinend und jauchzend an der Brust des Geliebten. Und verdiente Patrick solch ein Glück?— Das Herz schlug ihm allerdings vor Scham und Reue in der Brust; und es war gut für ihn, daß der düstere Vorsaal sein Rotwerden wie das Verlegene seiner Züge mit wohltätigem Schatten deckte. Judith dachte aber an kein Arges: der Freund war ihr zurückgekehrt, jedes Hindernis, das ihrer Liebe entgegenstehen konnte, entfernt, und sie jetzt glücklich— selig in dem Gedanken, ihm in sich selber die Mittel bringen zu können, mit Fleiß und Arbeit zwar, aber doch sonst ein sorgenfreies Leben zu beginnen. In jubelnder Hast zog sie jetzt den seinem Glück noch immer nicht trauenden Patrick in das vordere Zimmer, wo er Judiths älteste ver⸗ heiratete Schwester mit ihrem Gatten antraf. Herzlich begrüßten ihn diese, und so unbehaglich und fremd sich der arme Teufel im Anfang gefühlt, so wohl und heimisch wurde ihm bald unter den guten Menschen. Und was hatte er getan, alle diese Liebe zu verdienen?— sein eigenes Herz gab ihm die Antwort darauf:— „berwünscht wenig“— und das eigene böse Gewissen trieb ihn endlich an, um sich wenigstens in etwas vor der Geliebten zu rechtfertigen, dieser seinen Uebertritt zur katholischen Kirche mitzuteilen. Weshalb das geschehen war, brauchte er ja nicht dazu zu setzen, und Judith konnte und mußte den Schritt als nur ihr zu⸗ liebe geschehen betrachten. „Liebste, beste Judith,“ begann er endlich etwas verlegen, eine passende Einleitung zu finden—„wie ich draußen in fernen Landen an dich und unsere Liebe dachte, wie das Bild da vor mir aufstieg, daß nur der verschiedene Glaube an Gott uns trennen sollte, der uns doch allen Vater ist, da— „Du hast recht, Patrick,“ unterbrach ihn rasch das Mädchen,„hattest schon recht, als du mit meiner guten seligen Tante darüber sprachst. Das Weib soll dem Manne folgen, sagtest du damals, und als du fort warst und keine Botschaft mehr zu uns herüber kam, ja, als ich in Schmerz und Weh nicht wußte, was angeben, dich zurückzubringen: da mag auch wohl die gute Tante eingesehen haben, wie hart sie gegen uns gehandelt. Sie sprach mit Liebe von dir, und in dem Testamente, in dem sie mich zu ihrer Universalerbin einsetzte, war 11 Klausel des Glaubens wegen mehr ent⸗ alten.“— e „Und mein Brief?“ sagte Patrick zögernd. „Kam an demselben Tag, an dem wir sie begruben,“ erwiderte Judith— er liegt noch uneröffnet in meinem Schrein. Patrick fiel eine Zentnerlast vom Herzen. „Die gute Tante,“ sagte er seufzend— „doppelt freut es mich dann, ihrem hier auf Erden gehegten Lieblingswunsch begegnet zu sein. Die Religion soll uns kein Hindernis mehr in den Weg legen, Judith—“ „So weißt du schon?“ rief diese rasch, und barg, verschämt errötend, ihre Stirn dabei an Patricks Schulter. „Weiß ich? was?“ rief Patrik erschreckt, und eine eigene Ahnung zuckte ihm durchs Herz. „Patrick,“ nahm aber hier Judiths Schwester das Wort, indem sie freundlich des jungen Mannes Arm ergriff,„Patrick, Judith hat Euch ein großes Opfer gebracht. Unsere Priester trauen keine gemischten Ehen, selbst die prote⸗ stantischen Geistlichen machen darin große Schwierigkeiten. Pater Anselm war sehr böse darüber, und hat seit der Zeit ihr Haus nicht mehr betreten.“ —“ rief Patrick in Schreck „Und Judith ist und Entsetzen. „Zur protestantischen Kirche feierlich über⸗ getreten,“ erwiderte freundlich die Schwester, während Judith, in dem Bekenntnis ihrer Liebe, ihr Antlitz nur tiefer an des teuern Mannes Schulter barg.—„So nehmt sie denn hin,“ fuhr die Frau gerührt fort, des jungen Mannes Hand in die der Schwester legend— „nehmt sie hin und seid gut mit ihr. Denkt dabei stets ihrer Liebe, und ihr werdet in jedem Glauben glücklich miteinander sein.“ Patrick stand da wie in einem halben Traum. Das Geständnis seines eigenen Uebertritts schwebte ihm auf den Lippen und wieder schrak er vor der Kluft zurück, die sich dadurch ihrer Verbindung aufs neue entgegenstellte. Sein Schwager ließ ihn aber gar nicht zu Worte kommen, und die Sache gleich beim praktischen Ende fassend, fing er ohne weiteres an, mit Patrick zu überlegen, wie ihr Hausstand am besten zu ordnen sei, und auf welche Art Patrick sein Geschäft als Schiffszimmermann, jetzt mit den nötigen Mitteln ausgestattet, am vorteil⸗ haftesten beginnen könne. Patrick saß, Judiths Hand in der seinen, dabei und hörte ihm zu, aber die Worte schwammen ihm unbegriffen vor den Ohren. Als er an dem Abend das Haus verließ, für die Nacht sein eigenes Absteigequartier auf⸗ zusuchen, kam es ihm fast so vor, als ob ihn ein böser Zauber umfangen hätte, und irgend ein neckischer Geist ihn verlocke, herüber und hinüber über einen tiefen Graben zu springen, in vergeblicher Verfolgung seines Ziels. „Und jetzt? soll ich auf dieser Seite bleiben und warten, bis sie wieder zu mir herüber kömmt. Bah!“ rief er plötzlich entschlossen aus.„Patrick sei kein Esel und wirf die Ge⸗ legenheit, die sich dir hier ja bietet, nicht mit beiden Händen zum Fenster hinaus. Katholik geworden?— wer weiß hier etwas davon? wer wird je von Chile herüberkommen und mich verraten?— So viel für Pater Antonius,“ und er schnalzte dabei mit den Fingern. „Und ist die Sache denn überhaupt ge⸗ schehen?“ setzte er nach einer Weile ruhig über⸗ legend und halblaut mit sich selber dabei redend hinzu—„bist du denn überhaupt in Chile gewesen, Patrick, um dich dort von einer Bande nichtsnutzigen Gesindels zum besten haben zu lassen? und hast du das nicht alles bei irgend einem häßlichen und unnatürlichen Alpdruͤcken geträumt?— Es ist merkwürdig, wie lebendig wir das manchmal zustande bringen— man bildet sich am Ende nicht selten ein, es wäre wirklich geschehen. Nur den Leuten darf man's nicht sagen, sie lachen einen sonst am Ende gar noch aus, und man hat nur Schande und Spott davon.“ Patrick war viel zu praktisch, von solchem Einfall nicht den möglichst größten Nutzen zu ziehen. Er beschloß und führte es durch, Judith von seinem chilenischen Abenteuer nicht ein wechsel konnte überhaupt in Irland niemand die geringste Ahnung haben. Vierzehn Tage später legte denn auch ein protestantischer Geistlicher die Hände der beiden Liebenden ineinander, Patrick O' Kearney über⸗ nahm zu gleicher Zeit eine Schiffswerft und bekam bald vollauf gute und einträgliche Arbeit, bei der er sich an der Seite seines liebens⸗ würdigen Weibchens wohl und glücklich fühlte. Mrs. Judith O' Kearney weiß auch wirklich bis auf diese Stunde noch nicht, was für trans⸗ atlantische Abenteuer ihr Gatte im fernen Süden erlebt. Deshalb wird auch der deutsche Leser, falls er einmal zufällig nach Inveran an der 2 9 5 kommen sollte, hoffentlich diskret genug sein, dort kein Wort von der Geschichte zu erwähnen. Wäre das nur des fatalen Pater Anselmus wegen, der seine ganz besondere Freude daran haben würde. Splitter. Sucht nach einem Wege, die Arbeit zu einer Veredelung für die Menschheit zu machen, in⸗ dem ihr jedem Arbeiter ermöglicht, Freude an seiner Arbeit zu haben. aK * Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. Ebner⸗Eschenbach. Numoristisches. Militärische Religions Uebungen. Der Hauptmann von M. sst ein ganz besonders hervorragendes Exemplar christlicher Frömmig⸗ keit neuester Richtung geworden, seitdem die Umschiffung der Majorsecke für ihn mit gewissen Schwierigkeiten verbunden zu sein schien. Er macht sich um die Erhaltung der Religion u. a. dadurch in hohem Maße verdient, daß er seine Kompagnie jedesmal vor dem Kirchgang auf die Heiligkeit und für den guten Soldaten ab⸗ solute Notwendigkeit des christlichen Glaubens⸗ bekenntnisses hinweisen läßt. Die Ausführung der Sache hat der ebenfalls musterhaft königlich preußtsche gottesfürchtige Feldwebel zu besorgen. Die sonntäglich gemusterte Mannschaft erhält den Befehl„Stillgestanden“ und wird von dem besagten königlich preußischen gottesfürchtigen Feldwebel mit frommen und herzerhebenden Worten traktiert. Während dieser Handlung fällt es einmal dem etwas beschränkten Mus⸗ ketier Christian Balthasar Lehmann ein, die Hände andächtiglich zu falten und sein Haupt zu senken... der gute Bursche fühlt sich in seine Dorfkirche zurückversetzt... Da fällt des Feldwebels Blick auf den andächtigen Mus⸗ ketier Christian Balthasar Lehmann... das Wort bleibt in der Kehle des Gestrengen stecken .. seine Augen treten aus den Höhlen hervor und wutschäumend brüllt er den andächtigen Musketier an:„Du verdammter Sauhund, hab' ich„Rührt euch“ kommandiert? Dafür verschaff' ich dir drel Tage Kasten, du rebellisches 0 1 (Simpl.) Kleiner Irrtum. Frau(nachts ihrem Mann die Haustür öffnend):„Um Gotteswillen, Mann, ich denke, Du bist lange zu Haus? Da habe ich ja eben in der Schlaftrunkenheit einen ganz anderen Ehemann aus dem Haus durchgeprügelt.“ Ein Gendarm überrascht einen Mann, der splitternackt im Wasser umherplätschert.„Kommen Sie sofort heraus,“ schreit er.„Wissen Sie denn nicht, daß das Baden ohne Badehosen hier verboten ist?!“ —„Aber ich will ja gar nicht baden,“ erwidert der Wassermann,„ich will mir nur das Leben nehmen!“ —„Das ist etwas anderes,“ sagt der Gendarm, und geht weiter. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar, Preis 20 Pfg. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. John Ruskin. * einziges Wort zu sagen. Von seinem Glaubens- Wahrer Jakob; Süddeuischer Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. — Seite 8. , ⏑⏑,g e 6 Arb.-Cesangverein Eintracht Marburg. Sonntag, 18. Sept., abends 7 Uhr im Restauraut„Schloßgarten““, Haimweg No. 2 . Stiflungs-Fest Konzert, Gesang, Kouplets, Theater, Tanz. Eintritt: Mitglieder 50 Pf., 1 Dame frei.— Gäste: Herren 75 Pf., 1 Dame frei.— Damen 30 Pf. Zahlreichen Besuch erwartet Die Festkommission. 2 —U———— ———— ——. Sonntag, den 18., u. Montag, 19. September: schweppfest in Stendeng, Gutbesetzte Tanzmusik! Es laden freundlichst ein die Wirte Georg Häuser XIV.,„Zur Krone“ Gg. Schmandt WW.,„Zum grünen Baum“. 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