N. gasser⸗ il. 19 Uhr N00 a0 NI l. el pe 1 gliedern Artikel. gliedern erkaufs⸗ ymmen. — ebot! ug ate wee elbe 5 1806 Nr. 29. Gießen, den 17. Juli 1904. 11. Jahrgang. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Kaachuitlag 4 Uhr. e Sonnt gs⸗Jeitung. Abonnemeuntspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 5 Juserate Die 5gespalt. Bei mindestens Das Erfurter Programm. II. Die Konzentration des Kapitals führt bekanntlich nach Marxscher Anschauung nicht bloß zu einer Auflösung des überkommenen selbst⸗ ständigen, im wesentlichen ohne dauernde Lohn⸗ arbeit im Gange gehaltenen Kleinbetriebs, son⸗ dern auch zu einer Vermehrung der Reserve⸗ armee von Arbeitskräften. Sie wirft weit mehr Arbeitskräfte auf den Markt als dieser auf⸗ nehmen kaun. Jedoch nichts ist irriger, als die Anschauung, die ganze industrielle Reservearmee bestehe aus Arbeitslosen. Im Gegenteil, diese bilden nur einen Bruchteil davon, nur ihre höchsten und tiefsten Schichten— hier Lumpen⸗ proletarier, Tagdiebe, die die Arbeitslosigkeit nicht scheuen, dort organisierte Arbeiteraristo⸗ kraten, deren Organisation stark genug ist, ihre Arbeitslose eine zeitlang über Wasser zu halten. Aber die große Mittelschicht derjenigen, die noch Lohnarbeit suchen und keine ihren beruflichen Fähigkeiten entsprechende finden, sind gezwungen, sich an andre Möglichkeiten der Verwertung ihrer Arbeitskraft anzuklammern. Die einzige Alternative zur Lohnarbeit bietet aber heute die Arbeit in einem eigenen Kleinbetrieb— der genossenschaftliche Betrieb kommt als Massen⸗ erscheinung noch nicht in Betracht. Je rascher also die Konzentration des Kapitals vor sich geht, je rascher sie den ursprünglichen Klein⸗ betrieb ruiniert und die industrielle Reserve⸗ armee ausdehnt, desto größer der Drang unter den freigesetzten Arbeitskräften nach Begründung oder Erhaltung von Kleinbetrieben. Der Ver⸗ drängung des Kleinbetriebs hier entspricht seine Ausdehnung dort. Die Konzentration des Kapitals beseitigt heute in Deutschland den Kleinbetrieb am ra⸗ schesten in der Industrie der Leuchtstoffe, wo von 1882 bis 1895 die Kleinbetriebe um 54 pit. abnahmen, der Industrie der Steine und Erde(Abnahme 24 pt.) Bergbau und Hüttenwesen(Abnahme 34 pzt.), Textilindustrie (Abnahme 42 pzt.) Aber dieselbe Entwickelung vermehrte die Kleinbetriebe im Handelsgewerbe um 39 pzt., im Versicherungsgewerbe um 60 pZt., im Gewerbe der Beherbergung und Erquickung um 35 pzt. Bei der Herstellung von Tabak und Zigarren vermehrten sich die Kleinbetriebe von 5465 auf 9708, um 78 pZt., im Hausierhandel, von 202709 auf 312059, das sind 54 pt. Diesen Zahlen gegenüber sind die Zuwachszahlen der land⸗ wirtschaftlichen Betriebe unter 2 ha(5,8 pzt.) und von 2 bis 5 ha(3,5 pzt.) höchst gering⸗ fügiger Natur. Wenn man auf die bloßen Zahlen der Statistik ginge, könnte man auch für den Handel, die Schenkwirtschaft, die Tabak⸗ fabrikation und noch ein paar kleinere Indust⸗ riezweige den Grundsatz verkünden, daß für sie das Gesetz der Kapitalskonzentration nicht gelte. Und doch wissen wir ganz genau, daß es auch hier in Kraft ist. Die neuen Kleinbetriebe, die aus der Kon⸗ zentration des Kapitals hervorgehen— Heim⸗ arbeiter, Hausierer, Zwergbauern usw.—, sind eben ganz anderer Natur als die durch die Konzentration des Kapitals beseitigten. Diese beruhten auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, die das freie Eigentum ihrer Besitzer waren; der neue Kleinbetrieb er⸗ hält die wichtigsten seiner Produktionsmittel vom Kapital vorgeschossen, dem er dafür dienstpflichtig wird— der Kleinbauer auf dem gepachteten oder verschuldeten Boden nicht min⸗ der als der Heimarbeiter, dem das Rohmaterial vom Verleger übergeben wird, oder der Schenk⸗ wirt, der nur der Beauftragte der Brauerei ist, ebenso wie der Hausierer oder Kleinkrämer, der die Waren, die er vertreibt, auf Kredit bezieht. Der alte Kleinbetrieb bildete einen Mittel⸗ stand— sein Besitzer, halb Kapitalist, halb Lohnarbeiter, stand zwischen beiden. Der Be⸗ sitzer des neuen Kleinbetriebs steht unter dem Lohnarbeiter; er ist viel wehrloser als dieser, seine Lebenshaltung steht oft tiefer, seine Ar⸗ beitszeit wird länger ausgedehnt, Weib und Kind viel mehr ausgebeutet. Der neue Klein⸗ betrieb bildet nicht eine Position, in die der Lohnarbeiter aufsteigt, sondern eine in die er herabsinkt— neben den zu ihr herabkommenden, selbständigen Besitzern von Kleinbetrieben. Der alte Kleinbetrieb, der durch die Kon⸗ zentration des Kapitals beseitigt wird, bildete einen Konkurrenten des letzteren; er stand dem einzelnen Kapitalisten freundlich gegenüber als Mitglied der gleichen Klasse selbständiger Pro⸗ duzenten. Der neue Kleinbetrieb bildet ein Ausbeutungsobjekt des Kapitals und als Reserve von Arbeitskräften des Großbetriebs eine Voraussetzung für dessen Gedeihen; er steht dem Kapitalisten feindlich gegenüber nicht als Mitglied der gleichen Klasse, sondern als Mit⸗ glied einer anderen, von ihm unterdrückten und ausgebeuteten Klasse des Proletariats. Der kapitalistische Großbetrieb kann sich nicht entwickeln, wenn ihm nicht eine Reserve von Arbeitskräften zu Gebote steht, die einerseits auf den Lohn der beschäf⸗ tigten Lohnarbeiter drückt, andererseits dem Kapital gestatter, jede Konjunktur auszunützen und die Produktion zeitweise sprunghaft durch rasche Einstellung neuer Arbeitskräfte zu er⸗ weitern. Diese Reserve bietet ihm weniger die Schar der Arbeitslosen als die neue Sorte von, man kann sagen, proletarisierten Kleinbetrieben. Nur in verhältnismäßig wenigen Arbeitszweigen ist bisher eine ausreichende längere Arbeitslosen⸗ unterstützung möglich gewesen. Die Masse der eine größere Zeitlang Arbeitslosen verkommt, entwöhnt sich der Arbeit, wird für die Aus⸗ beutung durch das Kapital unbrauchbar. Ganz anders die Arbeiter und Besitzer der proletari⸗ sierten Kleinbetriebe. Sie sind stets geneigt, der Großindustrie zuzuströmen, sobald dort lohnende Arbeit vorhanden ist, und sie kommen zu ihr mil aller der Arbeits willigkeit, Geschicklichkeit und Unterwürfigkeit, die der proletaristerte Klein⸗ betrieb erzeugt. Sobald eine länger dauernde Aera der Prosperität sich fühlbar macht, verlassen zahl⸗ reiche Arbeiter von ländlichen und städtischen Kleinbetrieben ihre bisherige Arbeitsgelegenheit, um sich dem Großbetrieb zuzuwenden. Der Besitzer des Kleinbetriebs selbst ist, namentlich in der Landwirtschaft, meist zu sehr an ihn ge⸗ fesselt, um ebenfalls ohne weiteres seine Arbeits⸗ kraft dem Großbetrieb zuwenden zu können. Aber er sendet ihm die energischsten und intellt⸗ gentesten seiner Familienmitglieder zu, so daß der Kleinbetrieb öft nur noch von Greisen und Kindern betrieben wird, so am deutlichsten seine neue Funktion in der kapitalistischen Aera be⸗ zeugend, die als Produktionsstätte von neuen Arbeitern und Depot für überflüssig gewordene Arbeiter zu dienen. Nicht blos der industrielle, auch der land⸗ wirtschaftliche Großbetrieb bedarf immer mehr dieser vom Kleinbetrieb gelieferten Reserve⸗ armee; ja der landwirtschaftliche Großbetrieb noch mehr als der industrielle. Denn einer der Umstände, die ihn im Gegensatz zum letzteren bedrängen, rührt daher, daß die neue Technik, namentlich die Arbeitsteilung und das Maschinen⸗ wesen, die Landwirtschaft dort, wo sie kapita⸗ listisch betrieben wird, immer mehr zu einem Saisongewerbe machen, das zeitweise großer Arbeitermassen, in der Zwischenzeit aber nur weniger Arbeitskräfte bedarf. Daher die Ar⸗ beiternot der Großgrundbesitzer, die noch viel ärger wäre, ohne die Reserve des Kleinbauern⸗ tums, namentlich im Osten Deutschlands und jenseits seiner Grenzen, die jahraus jahrein als Wanderarbeiter den Großbetrieben die sehnlichst erwarteten Arbeitskräfte liefern. Ohne diesen von den kleinen Bauern gelieferten Ueberschuß an Arbeitskräften wäre der landwirtschaftliche Großbetrieb in Deutschland in noch viel größerer Bedrängnis als er ist. Insofern ist also bei der heutigen Organisation der Produktion der Kleinbetrieb für den Fortgang der Landwirt⸗ schaft unentbehrlich; nicht als technisch über⸗ legener Konkurrent des Großbetriebs, sondern als der sicherste und ausgiebigste Lieferant von Proletariern für den Großgrundbesitz. Dieser sucht denn auch selbst Kleinbetriebe künstlich zu schaffen, um mehr Proletarier geliefert zu be⸗ kommen. So sehen wir, daß die Konzentration des Kapitals selbst wieder ein Bedürfnis nach einer sprba von Kleinbetrieben erzeugt und ste ördert. Um das Wahlrecht. Nun hat die Zweite Kammer in nur zwei Tagen den Rest der Wahlrechts vorlage erledigt. In der letzten Lesung kam es auch über die schwierigste und am meisten umstrittene Frage der Wahlkreiseinteilung zu einer Verständigung, für welche die Aussichten sehr gering geworden waren. Wir wissen wohl, daß die Wahlkreiseinteilung keinesweg eine gerechte genannt werden kann— einzelne Kreise sind an Bevölkerung doppelt so stark als andere— doch muß man sich doch einstweilen damit zu⸗ frieden geben. Die Hauptsache ist, daß wir in Hessen das direkte Wahlrecht haben, wenn diese Vorlage Gesetz wird und außerdem noch eine Reihe vernünftiger und volkstümlicher Wahleiurichtungen. Das bedeutet zweifellos einen Fortschritt, gegen welchen die Ungleichheit der Wahlkreise weniger ins Gewicht fällt. Die Freude an dem Fortschritt kann höchstens die noch rückständige Bestimmung der dreijährige n Staatsangehörigkeit als Vorbedingung für das Stimmrecht beeinträchtigen. Die Regierung hat sich ihre Entschließung zu den Kammerbeschlüssen vorbehalten. Obwohl sie sich früher entschieden gegen die Aufhebung des besonderen Wahlrechts der Städte Alsfeld, Friedberg und Bingen aussprach, so darf trotz⸗ dem erwartet werden, daß sie der neuen Wahl⸗ ——U— Industrielle, Adelsherren ꝛc. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. kretseinfeslüng, an deren Beratung sie sich be⸗ teiligte, schließlich ihre Zustimmung gibt. Und wenn sie ernstlich gewillt ist das Gesetz zu Stande zu bringen, so wird ihr die Erste Kammer trotz aller Hetzereien Heyls kaum Widerstand entgegensetzen. Und daß diese dem drolligen Protest der Freisinnigen wegen der Aufteilung der drei kleinen Städte Beachtung schenken wird, ist schwer anzunehmen. So ist zu hoffen, daß wir demnächst ein leidlich gerechtes und modernes Wahlrecht bekommen und das wird dem Hessen⸗ ländchen nicht zum Schaden gereichen. Nach der neuen Wahlkreiseinteilung erhält Oberhessen 16 Wahlkreise, 2 städtische, — Gießen J. und II. nebst Heuchelheim und Wieseck— und 14 ländliche; Rheinhessen ebenfalls 16, 5 städtische— Mainz 3, Worms 2 — und 11 ländliche; Starkenburg 23, 5 städtische— Darmstadt 3, Offenbach 2— und 18 ländliche. Von den Beratungen am Donnerstag und Freitag voriger Woche sei Folgendes angeführt. Bei Artikel 2, der über die Zusammensetzung der Ersten Kammer handelt, entspinnt sich eine längere Debatte. In pos. 9 ist die Berufung von 12„ausgezeichneten“ Staatsbürgern vor⸗ gesehen. Nach dem Ausschußantrag soll die Dauer der Berufung statt immer„auf Lebens⸗ zeit“ auch„auf die Dauer des Landtags“ vor⸗ gesehen werden und das Wort„ausgezeichnete“ gestrichen werden. Der Ausschuß beantragt weiter, statt 12 15 Staats bürger vorzusehen, dafür aber die drei Stadtbürgermeister zu streichen. Gegen diese Anträge wenden sich mehrere Redner, die für die Fassung der Regierungsvorlage eintreten. Dagegen vertei⸗ digten die Abg. Brentano und Dr. David den Ausschußantrag, damit nicht nur die Ober⸗ bürgermeister der Städte, sondern auch andere geeignete Leute in die Kammer gewählt werden könnten. Dr. David bestreitet die Ausfüh⸗ rungen des Staatsministers, daß nur in ihrem Berufe„ausgezeichnete“ Männer in die erste Kammer gewählt würden, denn noch niemals habe man erlebt, daß ausgezeichnete Arbeiter, Landwirte ꝛc. in die Erste Kammer berufen würden, immer nur seien es mit äußerlichen Auszeichnungen versehene Persönlichkeiten, Leute, die mit Orden, Ehrenzeichen und einem„großen Geldsack“ versehen sind, große Handelsleute, Der Strich des Wortes„ausgezeichnet“ soll ein zarter Wink dafür sein, daß es auch in anderen Kreisen „ausgezeichnete“ Menschen gebe. Abg. Bähr hat unter den ausgezeichneten bisher auch nie⸗ mals Zentrums⸗ oder liberale Leute gesehen. Zu dem Großherzog selbst habe er das nötige Vertrauen, daß er die richtigen Leute wähle, seine Ratgeber seien aber nicht die richtigen. In der Abstimmung wird das Wort„ausge- zeichnete“ in pos. 10 gestrichen, der übrige Teil angenommen. Artikel 6 handelt von den Bedingungen für den Eintritt in den Landtag, unter welchen die Forderung der dreijährigen Staatsan- gehörigkeit und dreijähriger Wohnsitz in Hessen die hauptsächlichsten„Kautelen“ darstellen. Dr. David weist hier auf die Ungerechtig⸗ keit dieser Bedingungen hin, welche nur die Sozialdemokraten treffen sollen. Man treffe hier aber die ganze lohnarbeitende Be⸗ völkerung, welche die gleiche Pflichten dem Staat gegenüber haben. Es gehe nicht an, den Arbeitern in dieser Weise das Wahlrecht zu erschweren. Wenn das Gesetz in dieser Form durchgehe, werde man die Arbeiterschaft sicher nicht zufrieden stellen, sondern neue Aufregung hervorrufen. Die Behauptung, daß erst ein dreijähriger Wohnsitz das nötige Interesse an dem Lande herbeiführe, sei völlig irrig, denn viele Arbeiter seien durch ihren Beruf zu häu⸗ figem Wechsel gezwungen, müßten vom ersten Tag ihrer Anwesenheit ab aber alsbald ihren Steuerpflichten nachkommen; die Arbeiter⸗ klasse werde dadurch entrechtet. Schon durch die Kautelen sei ein großer Teil am Wahlrecht behindert, was der Unterschied zwischen dem Reichstagswahlrecht und dem Landtagswahlrecht beweise. Durch die Annahme dieser Bestim⸗ mungen werde man aber den Abstand noch verschärfen, dies lasse sich mit den Grundbe⸗ dingungen der Verfassung, welche allen Staats⸗ bürgern gleiche Rechte zusage, nicht vereinbaren. Staatsminister Rothe tritt für die Be⸗ schränkungen schon deshalb ein, weil man nach Artikel 12 des Gesetzes von den Wahlberech⸗ tigten auch die eigene Wählbarkeit voraussetze. Nachdem noch Abg. Reinhart die Annahme empfohlen, erfolgt diese gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Freistnnigen. Art. 7 enthält die Ausschließungen vom Stimm⸗ recht. Dr. David hält die in Pos. 10 ent⸗ haltene Bestimmung, nach welcher der Empfang von Armenunterstützung auch rückwirkend auf 12 Monate vom Wahlrecht ausschließe, für ungerecht, da manche Leute ohne ihr Ver⸗ schulden in ungünstige Verhältnisse geraten. Humanitätsrücksichten und die oft gepredigten Pflichten christlicher Liebe gebieten, daß man diese Leute nicht noch entrechte. Es wird jedoch nach den Anträgen des Ausschusses entschieden.— Im Weiteren werden die einzelnen Artikel meist in der Fassung der Ausschußanträge genehmigt, nur bei Art. 15, der von der Wählbarkeit der Beamten handelt, entspinnt sich eine längere Debatte, welche mit der Annahme der Regierungsvorlage endet, wo⸗ nach Beamte in solchen Wahlkreisen nicht wähl⸗ bar sein sollen, welche„zum größten Teil“ zu ihren Dienstbezirken gehören. In der Freitagssitzung beschäftigte man sich in erster Linie mit der Wahlkreisein⸗ teilung, die bekanntlich den hauptsächlichsten Stein des Anstoßes bildete. Nach den Vorbe⸗ sprechungen war indessen die Annahme der neuen, vom Ausschuß beantragten Einteilung gesichert, welche das besondere Wahlrecht der drei kleinen Städte Friedberg, Alsfeld und Bingen aufhebt. Trotzdem reichte der nationalliberale Abg. Pitthan noch eine von ihm aufgestellte Wahlkreiseinteilung ein, weil nach seiner Meinung diejenige des Ausschusses „eine Mache zu Gunsten des Zentrums“ sei. Sein Fraktionskollege Reinhart tritt ihm jedoch entgegen. Er betont die Schwierigkeiten einer gerechten Wahlkreiseinteilung und plau⸗ derte aus, daß die getroffene Regulierung die Gewähr biete, den Besitzstand der bürger⸗ lichen Parteien zu sichern! Staatsminister Dr. Rothe erklärt, daß die Regierung sich wie zur Beschlußfassung des Hauses über die Zusammensetzung der Kammer, so auch zur Wahlkreiseinteilung im Interesse des Zustandekommens des Gesetzes alle Ent⸗ schlteßungen vorbehalte.— Die namentliche Abstimmung über den Artikel 19 und damit über die ganze Wahlkreiseinteilung ergibt, nach⸗ dem noch verschiedene Redner spezielle Wünsche geäußert hatten, die Annahme der vom Aus⸗ schuß neu beschlossenen Fassung mit 32 gegen 12 Stimmen. Dagegen stimmen die prinzipiellen Gegner des Gesetzes sowie auch die drei Frei⸗ sinnigen, welche sich über die Beseitigung des besonderen Wahlrechts von Friedberg, Alsfeld und Bingen nicht trösten können. Die Artikel 20—21 regeln die Handhabung der Wählerlisten. Abg. Ulrich verlangt mit der Ausschußmehrheit, daß die Wählerlisten ge⸗ druckt und den Wahlberechtigten unentgeltlich zugestellt werden sollen. Dieser Antrag wird abgelehnt. Artikel 27, welcher die Zeit der Wahlhandlung festsetzt, veranlaßt eine längere Debatte. Der Ausschuß hatte die Zeit von 12—8 Uhr vorgeschlagen, wogegen Buff(natl.) 10—6 Uhr beantragt. David bezeichnet diesen Vorschlag als eine Verkümmerung des Wahl⸗ rechts der arbeitenden Bevölkerung und stellt den Antrag die Wahlzeit von 10—8 Uhr fest⸗ zulegen. Was gegen die Ausdehnung der Wahlzeit bis 8 Uhr angeführt werde, trage den Stempel der Chikane. Der sozialdemokratische Vorschlag diene den Interessen der Lohnarbeiter und der bäuerlichen Bevölkerung, ja sogar der Arbeitgeber selbst, deren Betriehe nicht durch Unterbrechungen in der Arbeitszeit gestört zu werden brauchten. Die namentliche Abstimmung ergibt die Annahme des Vorschlags auf Aus⸗ dehnung der Wahlzeit von 10 bis 8 Uhr. Der Rest der Vorlage wird meist nach den Ausschußanträgen und ohne wesentliche Debatte erledigt und somit die erste Lesung der Vorlage geschlossen. Eine zweite Lesung wird nicht verlangt. Nach Erledigung einiger anderen Gegenstände vertagt sich die Kammer auf unbestimmte Zeit. Politische Rundschau. g Gießen, den 14. Juli 1904. Fäulnis unter glänzender Hülle. Vorige Woche ist in Berlin ein Strafprozeß verhandelt worden, der getrost als eine Blase aus dem Sumpfe der heutigen Ordnung be⸗ zeichnet werden kann. Professor Dr. Moritz Mayer und seine um ca. 40 Jahre jüngere Frau standen wegen eines Haufens kleiner Hochstapeleien und Zechprellereien unter der Anklage des Betrugs vor Gericht. Schneider und Schuhmacher, Schneiderinnen und Putz⸗ macherinnen, Weinlieferanten und Restaurateure, Maler und Journalisten traten an den Zeugen⸗ tisch, und immer ist es fast dieselbe Geschichte. „Ich habe mein Portemonnaie vergessen, lieber Freund, können Sie mir geschwind zwanzig Mark leihen?“ Oder zum Lieferanten der zum dutzendsten Male mit der Rechnung kommt: „Bedauere sehr, die Herrschaften sind verreist.“ Nun brach das brüchige Glashaus zusammen, staunend erfährt die Welt die vielgearteten dunklen Manöver des feinen Ehepaares und die Leute, die sich einbilden, es sei ihr eigenes Geld, mit dem sie den vielen Champagner be⸗ zahlen, den sie trinken, sehen jetzt verächtlich auf die nunmehr Verurteilten herab. Vordem aber strahlten Meyers als Sterne in der feinen Gesellschaft des Tiergarten⸗Viertels. Obwohl man mußte, daß Herr Prof. Dr. Mayer ein wegen Bestechung entlassener Handelsredakteur und aus dem gleichen Grunde gemaßregelter Beamter war, daß Herr Mayer fortab Geschäfte der dunkelsten Art betrieb, selbst die Liebens⸗ würdigkeit seiner jungen Frau kaufmännisch aus⸗ nutzte, im Uebrigen aber von seiner Professoren⸗ vergeßlichkeit lebte, die ihn immer im richtigen Augenblick die Geldbörse vergessen ließ, nahm die vornehme Gesellschaft am Verkehr mit Mayers durchaus keinen Anstand. Und die Lieferanten, gewiegte Geschäftsleute, lieferten und pumpten. Oft richtete der Gerichts vorsitzende an Zeugen die Frage:„War bei der Lieferung von Bezahlung die Rede?“ worauf allemal ein „Nein!“ antwortete. Der Mann mit weichem Hemdkragen, der bei dem Krämer Brot auf Kredit haben will, mag suchen, wo er so ver⸗ trauensvolle Gläubiger findet. Er schaffe sich tadellosen Gesellschaftsanzug an, miete sich eine Equipage, er heiße— Professor, Graf oder Baron— und wenn er im feinsten Geschäft von Berlin die teuersten Sachen ohne Geld gekauft hat, wird man ihn mit tiefen Bücklingen zur Tür begleiten. Alle diese Lieferanten der vornehmen Gesellschaft— und Mayers fand man nur, wo es vornehm war— sind an die längste Kreditgewährung gewöhnt, und dürfte man ihre Geschäftsbücher aufschlagen, so würde man noch sehr viele solcher Kunden finden.— Es ist ein richtiges Stück aus der Welt des aufgedonnerten Protzentums mit einem hohlen Luxus der aller wahren vergeistigten Lebens⸗ freude völlig bar ist. Hätte Herr Mayer mit Erfolg bankgeschwindelt, oder Arbeiter ausgebeutet, oder in Terrains spekuliert, hätten Frau Mayers Roben auch richtig bezahlt werden können! So aber muß„Er“ 2 Jahre und„Sie“ fünfviertel Jahre brummen und darum stößt sie die Gesellschaft in den Orkus hinab! Selbst auf die„Not der Landwirtschaft“ fiel in diesen Verhandlungen ein Licht, als ein Weinhändler erkärte, er kreditiere seiner Stadt⸗ kundschaft regelmäßig drei Monate, aber den Rittergutsbesitzern ein Jahr! Der Bürgermeister als Wahlfälscher. In Michelstadt i. O. fand am 5. Juli eine Schöffengerichtsverhandlung statt, die von allgemeinem Interesse ist und für den Bürger⸗ meister Weyrauch von Würzberg, auf 10 el tte ige ct de it. 4 Nr. 29. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite à. dessen Veranlassung gegen den Angeklagten, Gemeinderatsmitglied Walter III. aus Würz⸗ berg Verfolgung eingeleitet wurde, einen reckt unerfreulichen Ausgang nahm. Dieser sollte dem Bürgermeister u. a. nachgeredet haben, er habe sich grobe Unregelmäßigkeiten in seiner Eigenschaft als Gemeindewiegemeister zu schulden kommen lassen, er habe ferner bei den Ein⸗ wohnern in Würzberg eine verleumderische Schrift zwecks Unterschrift herumgehen lassen und diese dann an das Kreisamt Erbach ge⸗ schickt, und er habe schließlich bei der letzten Reichstagswahl die Wahl gefälscht. — Wegen dieser Beschuldigungen erhob die Staatsanwaltschaft auf Antrag der vorgesetzten Behörde des Bürgermeisters öffentliche Anklage. — Bei der Verhandlung machte nun der Poli⸗ zeidiener Löw folgende für den Bürgermeister niederschmetternde Bekundungen: „Bei der letzten Reichstagswahl habe der Bürgermeister Weyrauch, während er als Wahlvorsteher fungierte, nach⸗ dem ein gewisser Heinrich Trumpfheller 2. gewählt und das Wahllokal verlassen hatte, die Wahlurne bezw. den als Wahlurne dienenden Kasten geöffnet, das Wahl⸗ kouvert mit dem Stimmzettel des genannten Trumpf⸗ heller herausgenommen und, nachdem er gesehen habe, daß der Wahlzettel auf den sozialdemokratischen Kandidaten Rau lautete, diesen Wahlzettel mit einem auf den Namen des nationalliberalen Kandidaten Haas lautenden Wahlzettel ver⸗ tauscht. Das Wahlkouvert mit dem Wahlzettel Haas habe der Bürgermeister sodann wieder in die Wahlurne eingelegt, während der auf den Namen Rau lautende Wahlzettel auf Geheiß des Bürgermeisters verbrannt worden sei.— Auch noch andere, für den Bürgermeister höchst unliebsame Dinge förderte die umfang⸗ reiche Zeugenvernehmung zu tage, während der Bürgermeister, auf die Frage des Richters, ob er sich eine Wahlfälschung habe zu schulden kommen lassen, bezeichnenderweise das Zeugnis verweigerte.— Trotzdem beantragte die Staatsanwaltschaft, indem sie allerdings die Anklage wegen der Nachrede der Wahlfälschung fallen ließ, eine Gefängnisstrafe von 1 Monat gegen den Angeklagten. Der Verteidiger hin⸗ gegen verlangte Freisprechung, indem er in der denkbar schärfsten Weise mit dem Gebahren des Weyrauch speziell dessen Wahlfälschung ins Gericht ging.— Das Gericht nahm an, daß hinsichtlich der Vorwürfe der Wahlfälschung und der unlauteren Manipulationen an der Gemeindewaage Freisprechung einzutreten habe, daß aber im übrigen der Beweis der Wahr⸗ heit nicht vollständig habe erbracht werden können und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 40 Mark. In dem Urteile wurde ausdrücklich ausgesprochen, daß die Ver⸗ handlung sehr Bedenkliches für den früheren Bürgermeister zutage gefördert habe und daß sein Verhalten als Wahlvorsteher auch den Schluß zulasse, daß andere ihm gemachte Vor⸗ würfe, wenn auch nicht völlig nachweisbar, immerhin nicht unbegründet erschienen. Das gerichtliche Nachspiel, welches die frag⸗ liche Verhandlung zweifellos für den früheren Bürgermeister Weyrauch haben wird, wird wohl auch Aufschluß darüber bringen, wie es möglich war, daß der Wahlvorsteher trotz Anwesenheit der Wahlvorstandsbeisitzer diese dreiste Wahl⸗ fälschung vornehmen konnte. g Ein anderes Ortsoberhaupt, der Gemeinde⸗ vorsteher Steszun aus Stallupönen erhielt kürzlich dret Wochen Gefängnis ebenfalls wegen Wahlfälschung, die er bet der Gemeinde⸗ wahl dadurch begangen hatte, daß er die Namen von den Wählzetteln falsch ablas. Ueber die badische Wahlreform, deren Aussichten recht ane geworden waren, schreibt die Mannheimer„Volksstimme“, daß in dieser Sesston schließlich doch noch etwas zustande kommen könne.„Die Ur⸗ sache dieser Situationsänderung liegt in der Er⸗ klärung des Zentrums, nunmehr die hinstchtlich der Budgetrechte vom Herrenhaus gestellten Forderungen zu akzeptieren und damit dem letzte⸗ ren einen wenn auch nicht entscheidenden, so doch gegenüber dem jetzigen Zustand wesentlich er⸗ weiterten Einfluß namentlich auf die Gestaltung des Budgets einzuräumen. Die Zweite Kammer tommen des Reformwerkes zu ermöogrichen, zu schwerwiegenden Konzessionen bereit ist; ste hat damit die Herrenhäusler in einer Weise ver⸗ pflichtet, die ihnen jedes moralische Recht nimmt, nun ihrerseits hartnäckig auf der Herauspressung einseitiger Vorteile zu bestehen.“— Wenn die Herrenhäusler nun trotzdem die Reform ver⸗ hindern, so würde man jedenfalls auch in Baden, wie es in Württemberg geschehen, die Frage der Beseitigung der Ersten Kammer auf die Tagesordnung setzen. In Bayern, wo die Liberalen die Einführung des direkten Wahlrechts verhinderten, indem ste das neue Wahlgesetz ablehnten, kam die Wahlrechtsfrage in den letzten Tagen erneut zur Erörterung in der Kammer. Die Libralen brachten einen Antrag ein auf Einführung des direkten Wahlrechts unter Zugrundlegung de⸗ Proportionalsystems. Ob auf diesem Wege eine Wahlreform zu Stande kommt, ist mehr als fraglich. Prozeß für den Zarismus. Am Dienstag hat der sogenannte Geheim⸗ bundsprozeß gegen 9 Angeklagte in Königs⸗ berg begonnen. Noch vor einigen Monaten hätte es wohl selbst der polizeifrommste deutsche Spießer für unmöglich erklärt, daß ein Deutscher auf deutschem Boden vor den Richter gestellt werden könnte, weil er bei der Einführung von Schriften nach Rußland geholfen haben soll, die in Rußland verboten sind, denen aber mit dem deutschen Strafgesetze nicht beizukommen ist. Daß dieser Prozeß aber eingeleitet wurde, zeigt, wie weit wir es in Deutschland im Wett⸗ kriechen vor der russischen Knute gebracht haben. Und bei dem herrschenden Russenkurs muß man sogar mit der Möglichkeit einer Verurteilung rechnen.— Die Angeklagten erklärten sich sämtlich bei der Vernehmung für unschuldig. Verteidiger sind die Rechtsanwälte Liebknecht, Haase, Heinemann, Schwarz. Menscheuschinderei in Rußland. Fürchterliche Mißhandlungen verübten die Büttel des Zaren an den politischen Gefangenen in Kalisch(Russ.⸗Polen). Unter irgend einem nichtigen Vorwande drangen besoffene Polizisten und Soldaten in die Zellen der Gefangenen (unter denen sich auch viele Sozialdemokraten befinden) ein und richteten ein wahres Blutbad an. Die Leute haben gebrochene Rippen, Beine, Arme, herausgeschlagene Augen; einige liegen von den Bajonetten durchbohrt da. 70 Personen sind im Lazareth. Ein Soldat faßte einen ge⸗ bundenen Gefangenen und brach ihm den Arm am Knie ab, wie ein Stück Holz. Jeder Ge⸗ fangene wurde von 8 bis 10 Soldaten geschlagen. Manche Genossen haben so zersäbelte und zer⸗ schlagene Gesichter, daß man sie nicht wiederer⸗ kennen kann. Die Gefangenen wurden mit Füßen gelreten, es wurde auf sie gespuckt, mit gebundenen Händen und Füßen wurden sie an Stangen gehängt, worauf ihnen mit im voraus vorbereiteten Knütteln die Arme gebrochen wurden. Im Lazareth wurden die Gefangenen in derselben Weise vom Gefängnisvorsteher be⸗ handelt. Die Gefangenen haben diese Scheußlich⸗ keiten mit einem Hungerstreik beantwortet.— Jeder Kulturmensch kann nur dem Zarentum und seinen hohen und niederen Schergen von Herzen den Untergang wünschen. Gegen das französische Ministerium und besonders gegen den Ministerpräsidenten Combes wurden vor einiger Zeit von Seiten der Klerikalen, Antisemiten und sonstigen Reak⸗ tionären schwere Anschuldigungen erhoben. Be⸗ sonders wurde ihm vorgeworfen, von den Kart⸗ häuser⸗Mönchen ein Millionen⸗Geschenk verlangt oder gar angenommen zu haben und als Gegen⸗ leistung dafür habe er jenem Mönchs⸗Orden die „Autorisation“— die Anerkennung als gesetzlich berechtigte Korporation— in Aussicht gestellt. Man warf dem Ministerprästdenten also kurz gesagt Bestechlichkeit vor. Natürlich beab⸗ sichtigten die Angreifer damit den Sturz des Ministeriums, das außer den Pfaffen auch noch andern Leuten schon viel zu lange am Ruder ist. Der ehemalige Sozialist Millerand, hat damit bewiesen, daß sie, um das Zustande⸗ früherer Handelsminister, beteiligte sich ebenfalls man der schofeln Hetze und hat dadurch sein Renomms vollends eingebüßt. Es wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission ein⸗ gesetzt, die, trotzdem sie in der Mehrheit aus Gegnern Combes bestand, absolut nichts gegen ihn finden konnte. Am Dienstag erstattete die Kommission Bericht und schlug trotz des jämmer⸗ lichen Ergebnisses eine den Ministerpräsidenten tadelnde Resolution vor. Die Kammer beschloß jedoch mit großer Mehrheit eine von Jaureés, Sarrien ꝛc. beantragte Tagesordnung, in der erklärt wird, datz die Ehre Combes und der Regierung über jeden Verdacht erhaben ist und die den anonymen Verteumder brandmarkt. — So ist dieser pfäffische mit großem Lärm begonnene Angriff auf das Ministerium zur Freude aller ehrlichen Republikaner schmählich verunglückt. Russisch⸗japanischer Krieg. Die Russen weichen einer entscheidenden Schlacht möglichst aus. Wie es heißt, verfüge Kuropatkin noch nicht über genügend Truppen, um zum Angriff vorzugehen. Es sei daher bestimmt, daß die russischen Truppen sich solang zurückziehen würden, wie die Ueber macht des Feindes dies notwendig erscheinen lasse. — Am 9. Juli erstürmten die Japaner Kaiping und nahmen es nach verzweifeltem Widerstand der Russen. General Oken gelang es, die Russen zum Rückzug auf Haitscheng zu zwingen. Nach einer russischen Meldung hätten bei den Kämpfen vor Port Arthur die Japaner 30000 Mann verloren. Das ist jeden⸗ falls wieder ein russischer Schwindel. Vor Port Arthur. Nach einer Meldung aus Tschifu vom 10. Juli hätten Flüchtlinge aus Port Arthur berichtet, daß die Ostdiviston der Japaner mit Unterstützung der Flotte ohne Unterlaß im Kampf begriffen ist, um eine die Stadt und das Hafenba ssin beherrschende Stellung zu gewinnen. Die japanische Flotte schösse ohne Unterbrechung von Morgen bis Abend. Tote und Verwundete kämen alle Augenblicke an; Privathäuser seien zu Feldlazaretten eingerichtet. Dem Berichte eines Russen zufolge hätten die Japaner in der Nacht vom 6. auf 7. Juli die Spitze des Berges Takushan besetzt und eine Batterie dort errichtet. Die Russen behaupten, die Japaner hätten mindestens 10 Torpedoboote bei den Versuchen, an die auf Vor⸗ posten liegenden russischen Schiffe heranzukommen, ver⸗ loren.— Nach späteren Nachrichten haben die Japaner Einngtow, den Schlüssel zur Festung Port Ar⸗ thur, erstürmt. Die Russen zerstörten den Retwisan und ein anderes Schlachtschiff. Danach muß die Lage der Russen in Port Arthur eine ganz verzweifelte sein.— Das russische Geschwader lief am Samstag aus dem Hafen von Port Arthur aus und wurde von der japa— nischen Torpedobootsflotille angegriffen. Es zog sich am Nachmittag in den Hafen zurück. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Zu der angedrohten Bauarbeiter⸗ Aussperrung in Mitteldeutschland haben die beteiligten Arbe iter in allen in Betracht kom⸗ menden Orten Stellung genommen. Alle Ver⸗ sammlungen waren sehr stark besucht und die vorgelegten Bedingungen des Mitteldeutschen Arbeitgeberverbandes, welche für die Arbeiter unannehmbar sind und sie auf Jahre hinaus fesseln, wurden überall einmütig abgelehnt. Das Gleiche tat auch eine Versammlung der christlichen Bauarbeiter, die vorige Woche in der„Goldenen Zange“ in Frankfurt statt⸗ fand. Ueber den Ausgang der Versammlungen ist an den Zeutralvorstand der Maurer Bericht erstattet worden, der dem Mittel deutschen Arbeit⸗ geberverband für das Baugewerbe dieses Resultat zugestellt hat. Der Arbeltgeberverband fordert infolgedessen seine Mitglieder auf, den organi⸗ sierten Maurern und Zimmerern von Mittel⸗ deutschland auf den 18. Juli zu kündigen. Die Herren wollen also den Arbeitern ohne vor⸗ herige Unterhandlung einen Arbeitsvertrag auf⸗ diktieren. Kommt es zum Kampf, so werden besonders die kleinen Unternehmer, welche eine längere Arbeitseinstellung nicht aushalten können, die aber unter dem unerhörtesten Terrorismus 40 ö Seite 4. Mitteldentsche Sonutaas⸗Zeilung. Nr. 29. der Großen zu leiden haben, den Schaden davontragen. Die Vernichtung der kleinen Unternehmer ist auch zweifellos eine Neben⸗ absicht bei dem Vorgehen des Arbeitgeber⸗ verbandes.— Bei der Aussperrung kommen in erster Linie Frankfurt, Darmstadt, Offenbach, Hanau, Höchst a. M. und Mainz in Betracht. — Der Hauptscharfmacher des Arbeitgeber⸗ verbandes ift der Frankfurter Stadtverordnete Lüscher, mit dessen Unterschrift die Arbeits⸗ bedingungen versehen waren, die für die ge⸗ nannten Städte in Geltung kommen sollten. Das betreffende Schriftstück ging am 1. l bei den Maurer⸗ und Zimmerervorständen in Hamburg ein und am 2. Juli wollten die Herren in Frankfurt schon die zustimmende Antwort in den Händen haben. Wenn ein solches unerfüllbares Verlangen gestellt wird, so ist es klar, daß die Unternehmer ab⸗ sichtlich den Konflikt herbeiführen wollten. Der Trans portarbeiter⸗Verband hat im vergangenen Jahre seine Mitgliederzahl von 20 912 auf 29682 gebracht. Verwaltungsstellen gab es 151 gegen 106 im Vorjahre. Die Gesamt⸗ einnahmen stiegen von 247 137 auf 370 897 Mk. An Unterstützungen wurden insgesamt ver⸗ ausgabt 128 890 gegen 85 366 Mk. im Jahre 1902. Die Mehrausgabe wurde hauptsächlich von der Streik⸗ und Gemaßregelten⸗Unterstützung in Anspruch genommen; diese Ausgabe stieg von 23 458 auf 59 510 Mk. Die Arbeitslosen⸗ Unterstützung verursachte eine Ausgabe von 15891 Mk., die Kranken ⸗Unterstützung er⸗ forderte 35018 Mk., die Ster befall⸗Unter⸗ stützung 8092 Mk. und die Extra⸗Unterstützung 5782 Mk. Außerdem wurden 5658 Mk. für Rechtsschutz ausgegeben. Während des ver⸗ gangenen Jahres konnte eine große Reihe von Lohnbewegungen ohne Arbeits niederlegungen durchgeführt werden, und es wurden vielfach Tarifverträge abgeschlossen, durch die bessere Arbeitsverhältnisse erreicht wurden. 5——. —̃ä— Von Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Ueber die Partetorgantsation und ihre Verbesserung brachte dieser Tage das Breslauer Parteiorgan einen recht beachtens⸗ werten Artikel, in dem besonders Anstellung besoldeter Parteisekretäre gefordert wurde. Dem stimmt auch unser Offenbacher Parteiblatt bezüglich Hessens zu und bemerkt dabei:„Wir verraten hier kein Geheimnis, wenn wir fest⸗ stellen, daß bei unseren Vorschlägen zur vor⸗ jährigen Landeskonferenz der hessischen Sozial⸗ demokratie, die Mitteld. Sonntags⸗Zeitung zu einem Landesorgan auszubauen, die Ueberzeugung obwaltete, daß der Redakteur dieses Landesorgans ganz naturgemäß allmählich alle Funktionen eines Parteisekretärs auszuüben haben würde“. Wir werden uns mit diesen Vorschlägen in nächster Nr. eingehender be⸗ schäftigen. Doch auch wir halten einen Partei⸗ sekretär für notwendig, derselben Ansicht war auch die letzte Gießener Wahlvereinsversamm⸗ lung. Hoffentlich gelingt auch die Umgestaltung der„Mitteld. S.⸗Ztg.“ zum Landesorgan. — Im Wahlverein beschäftigte man sich in der letzten, am 2. Juli stattgefundenen Versammlung mit der Landeskonferenz. Nach kurzer Besprechung einiger Tagesordnungspunkte derselben wurde beschlossen, einen Delegierten zu entsenden und als solcher Georg Beckmann gewählt. Ferner soll Gen. Vetters als Vertreter der Zeitung an der Konferenz teilnehmen.— Zur nächsten Versammlung, welche diesen Samstag stattfindet, steht außer dem Berichte des Vorstandes und der Vorstandswahl der Bericht über die Tätigkeit unserer Genossen in der Stadtvertretung auf der Tages⸗ ordnung und außerdem ein Referat über die hess. Wahl⸗ reform. Die Parteigenossen werden deshalb ersucht, recht zahlreich und pünktlich zu erscheinen, damit die reichhaltige Tagesordnung ordnungsmäß erledigt werden kann. Im übrigen verweisen wir auf das Inserat. —„Dummdreiste Turnerlieder.“ So bezeichnete das Gießener Amtsblatt neulich den Inhalt des Liederbuches des Freien Turner⸗ bundes. Es war das eigentlich recht unvor⸗ sichtig vom Anzeiger, denn es gibt immerhin noch einige hochangesehene Staatsstützen, welche in ihrer Jugendzeit solche„dummdreiste Lieder“ verfaßten und damit ihren edelsten Empfindungen und höchsten Idealen Ausdruck gaben. Nach ihrer damaligen Meinung wenigstens. Aller⸗ dings sind die wenigsten ihren Idealen treu geblieben. Die meisten fanden, daß es für ihr persönliches Fortkommen weit besser ist, wenn ste ihre volkstümliche und womöglich republikanische Gesinnung mit der preußisch⸗ „patriotisch“⸗nationalliberalen vertauschten. Den meisten fiel das auch gar nicht schwer. Ihre Sucht nach Reichtum, ihre Begehrlichkeit und Genußsucht war eben stärker als ihre freiheit⸗ lichen Ideale.„Es muß jeder sehen, daß er sein Huhn in den Topf bekommt“ antwortete einmal der rote Becker, Oberbürgermeister von Köln, als man ihn an seine revolutionär⸗kom⸗ munistische Vergangenheit erinnerte.— So auch der Vorsitzende der„Deutschen Turnerschaft“, Dr. Ferdinand Götz in Leipzig⸗Lindenau. Dieser wackere Patriot war von 1887-1890 nationalliberaler Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis Leipzig⸗ Land. Im Jahre 1890 räumte allerdings der Wahlkreis mit den bür⸗ gerlichen Vertretern endgültig auf;„Deppchen⸗ Götz“— so nannte man ihn wegen seiner Vor⸗ liebe für volle Biergläser— war der letzte. Man hatte genug von der Sorte, Götz hatte sich und den Wahlkreis im Reichstage wiederholt schwer blamiert. Der Gesinnungswechsel hatte den Mann in jeder Beziehung verdorben, denselben Mann, der früher„Hand in Hand mit der schwieligen Faust des Armen einer besseren Zukunft entgegengehen“ wollte und der im Jahre 1867 folgende kräftige Verse niederschrieb: Es starret die Welt voll Soldaten, Selbst Sachsen hat neue gekriegt, Sie mögen von hinten nur laden. Den Fortschritt erschießen sie nicht. Sie werden der Freiheit nicht Meister, Trotz allen Kasernen so groß, Das ewige Ringen der Geister, Geht flott auf die Zukunft doch los. Der Krieg hat im Lande gewütet, Manch' prächtige Frucht brach er ab, Manch' Sohn, den die Mutter behütet, Sank früher als nötig ins Grob. Macht's anders und werdet gescheiter Und gebt euch zum Krieg nicht mehr her, Denn fehlen den Fürsten die Streiter, So streiten die Fürsten nicht mehr. Solcher Beispiele könnten wir, wenn wir Raum genug hätten, noch recht zahlreiche an⸗ führen. Wenn auch verschiedene Verfasser der Dichtungen aus der guten Zeit des bürgerlichen Liberalismus, wie Heinrich Heine sagt, Lumpen geworden sind, ihre Verse werden in der deutschen Bevölkerung fast allgemein gebilligt und wenn sie der Anzeiger hundertmal als„dummdreist“ bezeichnet. — Den Achtuhr-Ladenschluß haben die Gießener Geschäftsleute bei der dieser Tage vorgenommenen Abstimmung wiederum abge⸗ lehnt. Wie uns mitgeteilt wurde, verhalten sich besonders die kleinen Geschäftsleute, welche kein Personal beschäftigen, ablehnend. Daß diese Leute diesen verkehrten Standpunkt ein⸗ nehmen, ist hö chst bedauerlich; die Furcht vor geschäftlichen Nachteilen ist jedenfalls durchaus unbegründet. — Wegen Wechselfälschungen in der Höhe von ca. 4000 Mark sollte der Kaufmann Bender, in Firma Kohlermanns Nachfolger in der Neustadt verhaftet werden. Er ist jedoch seit Ende voriger Woche verschwunden. In einem an seine Angehörigen gerichteten Brief äutzerte er die Absicht, sich das Leben zu nehmen. Ueber sein Vermögen wurde Konkurs verhängt. — Die Freie Turnerschaft nimmt an dem diesen Sonntag und Montag in Offen⸗ bach stattfinden Bezirksturnfeste teil. Abfahrt am Sonntag früh 4.30 Uhr ab Gießen.— Bei dem Krofdorfer Feste am Sonntage nahmen ünsere Freien Turner zum ersten Mal mit ihrer neuen Standarte, die sie sich kürzlich zulegten, am Festzuge teil. Gegenwärtig verfügt der Verein über eine stattliche Mitgliederzahl und kann sich auch bezüglich seiner Leistungen sehr Aus dem Rreise gießen. — Ein Großfeuer brach am Donners⸗ tag früh gegen 4 Uhr in Wieseck, im Wohn⸗ hause des Martin Dörr aus, welches in kurzer Zeit drei Wohnhäuser nebst den dazu gehörigen Scheuern und Stallungen ergriff und in Asche legte. Die Kinder der Familie Dörr, die in dem oberen Zimmer des brennen⸗ den Hauses schliefen, wurden glücklicherweise noch gerettet. Zur Löscharbeit waren auch die Feuerwehren von Altenbuseck, Rödgen und Trohe sowie auch die Gießener erschienen. Die Besitzer der andern beiden Anwesen sind Ph. Döringer Wtwe. und Rau Wtwe. Der an⸗ gerichtete Schaden wird uns auf 21 24000 Mk. angegeben; doch waren die Betroffenen alle versichert.— An dem Vorfall zeigt sich wieder, daß es eine Hauptaufgabe der Gemeinde mit sein muß, möglichst gute Vorkehrungen gegen Feuersgefahr zu treffen. 8 Parte versammlung in Trohe. Diesen Sonntag, 17. Juli findet nachmittags 4 Uhr eine Versammlung der Genossen aus Al tenbuseck, Rödgen, Trohe u. Wieseck im Lokale Ph. Seipp in Trohe statt, in der über die Landeskonferenz und deren Beschickung durch einen gemeinsamen Delegierten verhandelt werden soll. Es wird um zahlreiches Er⸗ scheinen ersucht. p. Versammlung in Lollar. Diesen Sonntag, 17. Juli, nachmittags findet im Gasthaus zur Linde eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Redakteur Vetters⸗ Gießen über die hessische Wahlreform und die Erwerbung der hessischen Staatsangehörigkeit sprechen wird. Die Parteigenossen wollen sich dazu recht zahl⸗ reich einfinden. ck. Der Volksverein in Staufen⸗ berg hat neben offenen und heimlichen Gegnern auchstille Gönner. Ein solcher übermittelte dem Verein kürzlich eine pekunjäre Zuwendung ohne dabei seinen Namen zu nennen. Dem unbekannten Geber auf diesem Wege den besten Dank.(Wir wünschen den Genossen, daß sie noch öfter derartige Quittungen zu veröffent⸗ lichen in der Lage sind. D. Red.) aus dem Nreise Jriedberg⸗Büdingen V. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Friedberg-Büdingen tagte am Sonntag in Vilbel. Nach dem von Genosse Kühn erstatteten Vorstands⸗ und Kassenbericht machte die Organisation im letzten Jahre, trotzdem dasselbe politisch ruhiger war, gute Fortschritte. Die Mitgliederzahl stieg von 645 auf 751. In Bü⸗ dingen ist die Mitgliederzahl durch die Abreise vieler Glasarbeiter etwas gesunken. Im Allgemeinen ist die Bewegung in den einzelnen Orten eine sehr rege, in vielen ist Aussicht vorhanden, daß Filialen des Wahl⸗ vereins gegründet werden können. Bei den Maifeiern wird die Beteiligung mit jedem Jahre stärker. Die Gesamteinnahmen betrugen 2352.32 Mk. die Ausgaben 2127.30 Mk. Unter letzteren befinden sich 300 Mk., die an bas Landes⸗Komitee abgeführt wurden, ferner 1000 Mk. Prozeßkosten, für die in Folge der Burg⸗ gräfenroder nationalliberalen Wahlkrawalls entstandenen Prozesse. Nach reger Diskussion über den Bericht wird der Vorstand einstimmig entlastet. Zu dem folgenden Punkte,„Kommunalwahlen“ referierte Gen. Stadtverordneter Busold. Redner er⸗ läutert zunächst die bei den Gemeindewahlen in Betracht kommenden Bestimmungen. Irrig sei es, anzunehmen, daß sich unter den Hochbesteuerten nur reiche Leute be⸗ finden. Auch in den Orten mit starker Arbeiterbevölke⸗ rung können Arbeiter sehr oft in die Listen der Hoch⸗ besteuerten ihre Eintragung bewirken. Vor allen Dingen sind auch die in die Wählerlisten einzutragen, die nur eine vorübergehende Armenunterstützung, z. B. Schul⸗ bücher, bezogen haben. Das ist im Geset ausdrücklich bestimmt. Auch sollten die Genossen stets von dem Wahlprotokoll, welches öffentlich ausgelegt werden muß, Einsicht nehmen, um eventuell Protest gegen die Wahl einlegen zu können. Unter den jetzigen Bestimmungen sei im Allgemeinen von der Beteiligung an der Bürger⸗ meisterwahl Abstand zu nehmen. Es müßten denn Ortschaften sein, wo die Bürgerschaft durch und durch sozialistisch gesinnt sei, was in einigen Orten schon der Fall ist. Da müßte die Regierung auch einen Sozial⸗ demokraten als Bürgermeister anerkennen, wenn sie nicht gerade den dümmsten zum Gemeindeoberhaupt ernennen wolle. Die Beteiligung an den Gemeinderatswahlen ist unter allen Umständen zu empfehlen, schon um der Kritik willen, die unsere Genossen in der Gemeindever⸗ tretung üben können. Die aufgestellten Kandidaten müssen vollständig auf dem Boden des Parteiprogramms wohl sehen lassen. stehen. Nur zu oft verfolgten Andersdenkende ihre per⸗ 5 e JJ ͤ Ä 7757 Fr. ĩͤ 5 pu bes N ff lie eu ie die ind die Uh. an⸗ Mt. alle det, mit gen he. gs dus seck der ung delt, Er⸗ lag, inde alheur d die kechen zahl; fen⸗ nern ttelte dung Dem hesten, 5 sie ffent⸗ 1 hltrelz ilbel. 8 und Juhtt, chene u Bi vieler it die ge, in Wahl- feier 5 Die Wögüben 00 M, 6 fernet ˖ Burg⸗ andenen 1 ud allen der er⸗ Baracht nehme, eute bes abevblle er Hoch⸗ n Bangen dle Nl ö Shul⸗ btüclic bon dem en muß/ 1 Woll mungen — Nr. 29. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. sönliche Interessen in der Gemeindevertretung. Der zu wählende muß Energie und Fähigkeit besitzen, um bei großen Fragen seinen Mann stellen zu können. In vielen Körperschaften sitzen angebliche Genossen, ohne daß sie bis jetzt auch nur ihre Kritik geltend machten. Die Diskussion über diesen Punkt schloß mit Annahme einer Resolution, in welcher die bei den Gemeindewahlen zu beobachtenden Grund⸗ sätze niedergelegt sind.— Bei dem Punkte „Landeskonferenz“ sprach man sich mit aller Entschiedenheit gegen den von Mainz bezüglich der Maifeier gestellten Antrag aus. Die Mai⸗ feier sei von großer Bedeutung für die Arbeiter⸗ bewegung.— Eine weitere Resolution protestiert gegen eine Aeußerung des Genossen Eißnert⸗ Offenbach, welcher den Genossen des Friedberger Wahlkreises Kostgängerei an verschiedenen Stellen vorwarf.— Als Delegterter zum Parteitage wird nach einem Referate Busolds Gen. Repp Friedberg gewählt.— Bei der Vorstandswahl zum Kreiswahlverein wird Repp als Vorsitzen⸗ der und Kühn als Kassierer gewählt. Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach b. Alsfeld. Der soz.⸗dem. Wahlberein hielt am Sonntag in der Wirtschaft zum„Darmstädter Haus“ eine gutbesuchte Mitgliederversammlung ab, die sich mit der Landeskonferenz, dem internationalen Kongreß und den Gemeinderatswahlen beschäftigte. Als Delegierter zur Landeskonferenz wurde Gen. Dr. Michel s⸗Marburg gewählt, ebenso als Delegierter zum Amsterdamer Kon⸗ greß. Bezüglich der Gemeinderatswahl wurde beschlossen, sich wieder daran zu beteiligen und eine Kommission, bestehend aus den Genossen Eder, Jakob, Kliegel und Wiegand gewählt, welche die Vorarbeiten erledigen soll. Ein weiterer Beschluß setzt die regelmäßigen Mitglieder⸗ versam mlungen auf den ersten Sonntag im Mont fest. Nachdem die Aufnahme 6 neuer Mitglieder erfolgt war, wurde unter„Verschiedenes“ der Wunsch ausgesprochen, daß die Beschlüsse der letzten Landeskonferenz bezüglich der„Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ zur Ausführung kämen.(Anmerkung der Redaktion. Bisher war es in der hessischen Parteiorganisation üblich, daß Delegierte zu internat. Kongressen auf der Landeskonferenz gewählt wurden. Formell hat ja Alsfeld so gut wie jeder andere Ort das Recht, einen Delegierten zu schicken. Wir halten dies aber nicht richtig. Der Parteivorstand hätte für diese Wahlen eine Einteilung machen sollen.) Mit dem Prot est gegen die von der Zweiten Kammer festgesetzten Wahlkreiseinteilung hat der Polizei⸗ diener Diehl seine liebe Not. Er muß damit von Haus Trepp auf und ab laufen und Unterschriften sammeln. Wir sind gewiß die letzten, welche jemandem das Recht, für seine Sache alle mögliche Propaganda zu machen, be⸗ schränken wollen. Ist aber der Polizeidiener dazu da? Handelte es sich um einen von sozialdemokratischer Seite ausgehenden Protest. oder wäre ein Sozialdemokrat in Alsfeld gewählt, würde man den Polizeidiener gewiß nicht mit den Listen herumschicken. g. Eine Filiale des Holzarbeiterver⸗ bandes in Alsfeld ins Leben zu rufen, ist schon seit einiger Zeit der dringende Wunsch mehrerer Holzarbeiter. Hier wäre es wirklich die höchste Zeit und unbedingte Notwendigkeit, daß endlich die Organisation Wurzel faßte. Es sind hier in der Holzindustrie etwa 200 bis 230 Arbeiter beschäftigt, die hier und in dir Umgebung wohnen. Die Lohnverhältnisse sind außerordentlich un⸗ günstige, weil eben die Arbeiter sich die Verbesserung ihrer Lage niemals angelegen sein ließen; der Wochenlohn beträgt etwa 12 Mark durchschnittlich. Daß damit eine Familie nicht existieren kann, bedarf keiner weiteren Ausführung. Wollen die Holzarbeiter aber eine Ver⸗ besserung der Verhältnisse, so müssen sie vor allem einig zusammenstehen, sich dem Verbande anschließen und die geringen Opfer nicht scheuen, die da erforderlich sind, sie bringen gute Zinsen. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Der Kredit⸗ und Vorschuß⸗ Verein leidet noch schwer unter der Krise, in die er durch den Konkurs Hermann Jakob und Oskar Dietrich oder richtiger durch seine frühere Leitung geraten ist. Am Dienstag fand wiederum eine Generalversammlung statt, in der die umgestaltete Jahresbilanz für 1903 vorgelegt wurde. Daraus ergiebt sich, daß die Verluste an den beiden Fallissements sehr er⸗ heblich sind, sie betragen zusammen 79653 Mk. Der Fehlbetrag soll durch die Reservefonds und den Jahresgewinn, zum größten Teile aber, zu 54000 Mk., durch Abschreibungen an den Geschäftsanteilen, also durch die Mitglieder gedeckt werden. Das gab allerdings lange Gesichter in der Versammlung und die Mißstimmung machte sich auch in einer heftigen Diskussion Luft, in der es nicht an Vorwürfen gegen den alten Vorstand und Auffsichtsrat fehlte. Es wurde schließlich ein Antrag an⸗ genommen, der von den Mitgliedern der früheren Vereinsleitung verlangt, für die Ver⸗ luste aufzukommen, andernfalls binnen 14 Tagen eine weitere Generalversammlung stattfinden soll mit der Tagesordnung: Absetzung der alten Aufsichtsratsmitglieder und Neuwahl und Wahl einer Prozeßkommission, welche die Regrez⸗ ansprüche der Genossen gegen die alten Vor⸗ fal. und Aufsichtsratsmitglieder durchfechten Ol. Möglicherweise kann die Affaire noch zu Strafprozessen führen, denn nach veröffentlichten Erkläruagen scheint zwischen dem früheren Kassierer und dem falliten O. Dietrich keines⸗ wegs alles im Reinen zu sein.— Die Fabrik Dietrichs wird vom Konkursverwalter zum Verkauf ausgeboten. h. Seht die Wählerlisten nach! Autlich wird bekannt gemacht, daß die Liste der stimmfähigen Bürger von Wetzlar und Niedergirmes vom 15 bis 30. Juli auf dem Rathause, im Zimmer des Bürgermeister⸗ amts zur Einsicht ausliegt. Einwendungen gegen die Richtigkeit der Liste können während dieser Zeit beim Bürgermeister erhoben werden. o. Sängerfest in Krofdorf. Wenn sonst in irgend einem Orte ein Sänger⸗ oder Turnerfest ge⸗ plant ist, so läßt in der Regel die ganze Einwohnerschaft, mindestens aber der Teil derselben, welcher als Wirte und Geschäftsleute dabei zu verdienen hofft, dem Plane die größtmögliche Förderung angedeihen. Hier bei dem Feste und der Fahnenweihe der„Eintracht“ war dieses nicht der Fall. Diesem Feste wurden sogar von ver⸗ schiedenen Seiten Schwierigkeiten gemacht. Keiner der Krofdorfer Wirte wollte das Fest übernehmen. Erst als es zu spät war und der Verein die Wirtschaft auf dem Festplatze einem auswärtigen Wirte übertragen hatte, hätte sie auch mancher Krofdorfer Wirt gerne übernommen. Trotz dieser und noch verschiedener anderer Schwierigkeiten hat wohl noch nie ein Fest mit größerer Beteiligung in Krofdorf stattgefunden, auch noch nie eins, was einen besseren Verlauf aufzuweisen hätte. Allgemein war die Beteiligung der Krofdorfer Arbeiterschaft und die aus der Umgebung war trotz der großen Hitze ebenfalls sehr zahlreich erschienen. Es mögen am Sonntag 2500 Personen auf dem Festplatz gewesen sein und auch am Montag war der Besuch ein starker. Daß auch 3— 4 Gendarmen den Festplatz bewachten, kennzeichnet die ausnahmsweise Behandlung, die diesem Feste zu teil wurde. Natürlich erwies sich ihre Anwesenheit als gänzlich überflüssig und auch damit charakterisierte sich das Fest als echtes und rechtes Arbeiterfest.— Einen Festzug von solcher Länge, wie der am Sonntag sich durch den geschmückten Ort bewegte, hat man in Krofdorf auch noch selten gesehen, 28 Vereine nahmen daran teil, die Zahl der Festdamen im Zug betrug 120. Nachdem derselbe auf dem Fest⸗ platze angekommen, hielt Gen. Stork die Festrede, in der er für den überaus zahlreichen Besuch dankte und die Versicherung abgab, daß der Verein die Kunst des Gesanges in der Arbeiterklasse pflegen und in seinen Liedern auch ihr Streben, Hoffen und Sehnen zum Ausdruck bringen wolle. Nach Ueberreichung der ge⸗ schmackvollen Fahne, wozu die Freundinnen des Ver⸗ eins Schleife und Bandolier stifteten, das von der Sprecherin mit beifällig aufgenommener Rede übergeben wurde, gaben die einzelnen Gesangvereine Proben ihrer Kunst und boten im Allgemeinen recht gute Leistungen. Das Festvergnügen fand am Montag seine Fortsetzung. Ein Telegramm, das an diesem Tage von zwei auf der Rückreise nach ihrer neuen Heimat Amerika befindlichen Krofdorfern W. Krombach und W. Drauth aus Altona einlief, erregte allgemeine Freude. Kurz, dieses Festes werden sich gewiß alle Beteiligten mit Befriedigung er⸗ innern. Aus dem Nreise Dillenburg⸗Herborn. * Christlich⸗soziale Entstellungen. Auf den Artikel des Genossen Trott mit dieser Ueberschrift antwortete Dr. Burckhardt in seinem Herborner Blatte und in seiner bekannten Art mit längeren Ausführungen, worauf uns Trott wieder einen ziemlich umfangreichen Artikel ein⸗ geschickt hat. Wir können denselben aber wegen Raummangel heute nicht zum Abdruck bringen. Wir halten die Burckhardt'schen Ausführungen und die ganze Stöcker⸗Partei übrigens nicht für so bedeutend, daß sie so ein gehender Widerlegung bedürften. Aus dem Rreise Marburg⸗Kirchhain. r. Die braven Arbeits willigen. Zu der Notiz„Merkwürdige Gastfreundschaft“ in voriger Nr. ist noch nachzutragen, daß zwei arbeitswillige Maurer, nachdem sie bei dem Festessen gegessen und getrunken hatten, noch einen Diebstahl ausführten, indem sie zwei wertvolle Spazierstöcke mitgehen hießen. Sie wurden aber dabei ertappt und durch die Polizei vom Festplatze gejagt. Das Komitee sorgte dafür, daß das beschämende Vorkommnis nicht allzu bekannt wurde. Ja, ja, das sind die„nützlichsten Elemente“! r. Die Bauhilfs⸗ und Erdarbeiter wollten am Samstag nachmittags 6 Uhr eine Versamm⸗ lung abhalten. Da aber von der Behörde die Erlaub⸗ nis erst für 8 Uhr gegeben wurde, mußte man sich in privater Besprechung über Organisations angelegenheiten unterhalten. Erfreulicherweise kam es auch dazu, daß 40 Mann dem Bauhilfsarbeiter⸗ Verbande beitraten. Damit hat auch die Organisation in diesem Berufszweige Wurzel gefaßt und es muß Aufgabe der Beteiligten sein, für ihren Ausbau das Möglichste zu tun. ——— Kleine Mitteilungen. * Die kleinen Diebe hängt man. Von der Strafkammer in Schweidnitz wurde ein alter Tag⸗ arbeiter aus Neubielau, der aus dem Walde eine abge⸗ hauene Kiefer im Werte von dreißig Pfennigen mitnehmen wollte— mitgenommen hat er sie nicht, da der Förster hinzukam— zu drei Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt.— Wieviel hätten nach demselben Verhältnis die Pommernbank⸗ Spitzbuben bekommen müssen? Partei-Uachrichten. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen⸗Grünberg findet am 14. August vorm. 10 Uhr in Gießen statt. Anträge zur Landeskonferenz. Antrag der Organisation Langen: „Die Landeskonferenz wolle beschließen, daß bei allen Wahlen die kurz aufeinander folgende Massen⸗Flugblatt⸗ Anfertigung und Verbreitung etwas eingeschränkt wird, da die Flugblätter kurz vor den Wahlen wenig Wert haben, weil dieselben doch wenig gelesen werden. Die so gemachten Ersparnisse sollen für die kleine Agitation verwendet werden, welche größeren Wert für die Wahlen hat.“ Die Genossen von Bretzenheim beantragen: „Die Londtagsfraktion möge dahin wirken, daß die Stempelgebühren für den Austritt aus der Landeskirche beseitigt werden.“ Versammlungskalender. Samstag, den 16. Juli. Gießen. Wahl verein, Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Siehe Inserat.) Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Adam Ziegler. Sonntag, den 17. Juli. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung im Vereinslokal. ——— Briefkasten. r.-Marbg. Leider mußte die andere Notiz zurück⸗ bleiben, das gleiche Schicksal teilten weitere Einsendungen. Letzte Nachrichten. Paul Krüger, der frühere Präsident der Buren⸗Republik, ist im hohen Alter von 80 Jahren in Clarens(Kanton Waadt, Schweiz) am 14. Juli früh gestorben. Krüger hatte sich im Frühjahr dieses Jahres nach Clarens begeben. Seinem Ableben ging ein nur zweitägiges Unwohlsein voraus. 7 Be müht Parteifreunde! cn pes nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. Empfehlenswerte Schriften. Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hug o. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhr e Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. 28——————————ç— 8 8.—— —— —— 1 9 N Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. Aus dem Gerichtssaale. Ein sündiger Stellvertreter Gottes. Vom Kriegsgericht der 7. Dipiston in Magdeburg wurde der Unteroffizier Christian Beister vom 66. Infanterie⸗Regiment wegen Vergewaltigung einer Dienstmannsfrau n Wälchen zu zwei Jahren acht Monaten Zuchthaus und zu drei Jahren Ehrverlust ver⸗ urteilt.— Ein Millionenprozeß spielte sich vorige Woche in Dresden ab. Angeklagt waren die Wittwe Höffert und ihr Sohn Paul Höffert, Leutnant der Landwehr, wegen Betrugs. Die beiden siheben ein photo⸗ raphisches Geschäft und führten den stolzen itel„Hoflieferant“. Durch arge Mißwirtschaft im Geschäft häuften sich die Schulden immer mehr und waren auf 1 Million angewachsen. Sie verschafften sich durch Vorspiegelung falscher Tatsachen immer wieder weitere Darlehen. un Höffert wurde zu drei Jahren, udwig Höffert zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Für beide wurde auf fünfjährigen Ehrverlust erkannt. Laudesverr atsprozeß. Vor dem Reichsgericht hatte sich vorige Woche der Schlosser Davot aus Sablon wegen Ver⸗ rats militärischer Geheimnisse zu ver⸗ antworten. Er soll im Jahre 1903 acht photo⸗ Pane Aufnahmen von fortifikatorischen auten in Dietenhofen gegen Entschädigung an die französische Regierung oder Mittelspersonen derselben abgegeben haben. Davot, der schuldig zu sein bestreitet, wurde zu 3 Jahren Zucht⸗ haus, 1500 Mk. Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Adelige Rabeneltern. Vor dem Landgericht in Braunschweig hatte sich am Freitag die Frau des Majors im 92. Infanterie⸗Regt. v. Sydow wegen scheußlicher Mißhandlung ihres eignen, im Jahre 1892 geborenen Töchterchens Anne⸗ marie, zu verantworten. Die Beweisaufnahme förderte schauerliche Einzelheiten grausamer und barbarischer Mißhandlung zu tage, die lebhaft an den Fall Dippold erinnern. Es wurde erwiesen, daß die unmenschliche Mutter das körperliche zarte Kind vorsätzlich mittels de Werkzeuge in einer das zeben gefährdenden Weise körperlich mißhandelt hat. Besonders wurde das Kind mit einer Reitpeitsche aus geflochtenem Leder fort⸗ gesetzt geschlagen, ferner an den Haaren erissen, mit dem Kopf gegen harte Gegen⸗ flände gestoßen, mit Füßen getreten, im Winter in den Keller eingesperrt, not⸗ dürftig bekleidet in den Garten oder auf den Vorplatz gejagt. Weiter hat die Angeklagte das Kind von hinten her über die Stuhllehne gezogen und mit einer Scheuer bürste den nackten Körper fest abgerieben. Der Herr Major hatte Kenntnis von dieser „Erziehungs“methode seiner ehrenwerten Frau Gemahlin, beteiligte sich sogar an den Scheuß⸗ lichkeiten. Die erstklassige Mutter wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.— Es ist bezeichnend, daß, wie der Verteidiger mitteilte, der Polizeiprästdent der Angeklagten geraten hatte, in eine Anstalt zu gehen, dann „falledieganze Sachein den Brunnen.“ Ob er einem armen Teufel auch diesen Rat erteilt hätte? Arm und Reich. Bürgerliche Blätter aller Parteirichtungen widmen der Beschreibung des Kleides einer Londoner Dame ganze Spalten, die Frankfurter „Kleine Presse“ brachte es sogar im Bilde. Die Dame hat vielleicht in ihrem Leben noch keinen Finger zu ehrlichen Arbeit krumm gemacht, aber trotzdem oder vielmehr eben deshalb kann sie sich ein Kleid leisten, das einen Wert von zwei Millionen Mark hat. Für die Frauen armer Arbeiter, die bisweilen nicht wissen, woher ein Stückchen Zeug nehmen, um dem Hansl oder der kleinen Grete ein Höschen oder Röckchen zu schneidern, wird die begeisterte Schilderung bürgerlicher Blätter einen lehrreichen Unterricht über die„Göttlichkeit“ der heutigen Weltordnung bilden. Die bürgerliche Presse schreibt also: „Ein Kleid für zwei Millionen Mark. Das ist eine der letzten Sensationen in der Londoner Gesellschaft. Die glückliche Besitzerin dieses Wunderwerkes, Mrs. Lars Anderson, wurde an einem der Empfangstage im Buckingham⸗ Palace der Königin Alexandra vorgestellt. Wie hätte sich Mrs. Anderson je träumen lassen, daß sie die Bewunderung und das Erstaunen einer Königin und eines ganzen Hofes erregen würde, sie, die vor nicht allzulanger Zeit als eine simple Isabella Perkins in Boston zur Schule gegangen war, mit einem Vermögen von 68 Millionen Mark und mit der Aussicht, noch 68 Millionen Mark zu erben. Wie stand ste mit ihrem strahlenden, hellglänzenden Ge⸗ wande, dessen lichter Schein dem milden Schimmern des Mondlichtes glich, in der er⸗ lauchten Versammlung, und so verwirrend und blendend war die Erscheinung, daß die König in selbst unwillkürlich zurückwich vor atemlosem Staunen. Das Gewand selbst, das eine solche Unterbrechung in der feierlichen Zeremonie der Vorstellung hervorrief, ist mit Perlen besät und mit Diamanten überstreut wie mit Tau⸗ tropfen. Es ist ein Kleid von schimmerndem Satin, das allmählich in eine Hofschleppe von einer marchenhaften Länge übergeht, deren „silberne Schleiergewebe über Silbertüll matt 1 wie wenn klares Mondlicht durch das ttterwerk zarter Spinnweben fällt.“ Das ganze Gewand ist„wie ein liebliches Mondschein⸗ idyll im Frühling.“ In glitzernden Falten rieselt der Stoff von einer Korsage herab, die aus klaren Smaragden und kostbar dazwischen 3 8 Diamanten besteht. Auf ihrem prächtig risterten Haar trug Mrs. Anderson eine Tiaca aus Smaragden, wiederum mit Diamanten verziert und eingefaßt. So boten diese Farben eine unbeschreibliche Harmonie: das zarte Weiß der Haut am Nacken und Armen einte sich mit dem hellen Glanze des Satins, dem silbernen Licht der feinen Gewebe, dem scharfen Grün der Smaragden und den funkelnden Blitzen der Diamanten. Das ganze Gewand ist reich mit Stickereien von Weizenähren bedeckt, die mit echten Perlen verziert sind; an den silbernen Grauen des Weizens hingen Tautropfen aus Diamanten. Ueber das ganze Kleid ausgebreitet ist ein feineres Gitterwerk von Perlen und Diamanten. Der strahlendste Glanz aber ging von der Korsage aus, deren Juwelen leuchtende Strahlen entsandten und zusammen mit den Brillanten des Schulterschmuckes ein flimmerndes Glänzen hervorrief. Breite Lichtströme fluteten von dem Kopfschmuck hernieder zu den Schuhen, die ebenfalls mit Juwelen bestickt waren. Der Preis des Kleides allein mit den Perlenstickereien — auch darüber wird man genau unterrichtet— betrug 100 000 Mk., und mit den Diamanten⸗ tautropfen auf den Aehren noch 100 000 Mk. mehr. Die Smaragden an der Korsage kosteten 190000 Mk., die Federn im Haare 20000 Mk., und der Fächer 24000 Mk., jeder der Diamant⸗ schuhe 4000 Mk., so daß mit dem Kolier, den Armbändern und der Tiara, die einen Wert von 160 000 Mk. repräsentieren, das ganze Kleid über 2 Millionen Mark kostet. Zwei Millionen Mark am Leibe. Keinen Handschlag ehrlicher Arbeit hat diese Dame in ihrem Leben geleistet. Rußgeschwärzte Männer im schweißdurchtränkten Kittel haben die Millionen ihres Vaters geschaffen. Prole⸗ tarier und Proletarierinnen sind es, die die Werte schaffen, mit denen jene Damen— und nicht nur in England— prunken. Und was ist der Dank, den die Arbeiterklasse dafür er⸗ hält? Als Antwort mögen ein paar Bemerk⸗ ungen dienen, welche in der Wohnungs⸗ enquete der Ortskrankenkasse für Kaufleute in Berlin enthalten sind. Da heißt es unter anderem: 1.„Eine an Gelenkrheuma erkrankte Patientin bewohnt eine Dachwohnung, in der die Tapeten von den Wänden losgelöst sind infolge von Nässe; an den Wänden befinden sich Pilze; eine zu der Wohnung gehörige Kammer ist nicht zu bewohnen, da es durchregnet.“ 2.„Eine Lungenkranke schläft, da sie das Zimmer vermietet hat, in der Küche auf dem alten Sofa dicht neben der Kochmaschine. Von den Wänden fällt der Putz, die Decke hat sich gesenkt; Fußboden, Fenster und Türen haben große Ritzen. 3 J.„Eine Patientin wohnt in einer sehr dunklen, feuchten und stockigen Kellerwohnung des Hauses Jägerstraße 53 in Rixdorf. Die Wände der Wohnung sind schwarz. Die Küchen⸗ tür, welche von Hofe aus den Eingang zur Wohnung bildet, hatte in früheren Zeiten Glas⸗ scheiben, dieselben sind durch Holz und Blech ersetzt worden. Dadurch herrscht in der Küche, in welcher auch die Kranke schläft, völlige Dunkelheit. Neben dem Eingang zur Wohnung befinden sich die Hofklosetts.“ Und derartige Fälle sind noch eine ganze Reihe aufgezählt. 8 Die Dame in London aber trägt Schuhe, die 8000 Mark kosten; die Smaragden an ihrer Korsage repräsentieren einen Wert von 190000 Mark, ihre ganze Kleidage kostet z wei Millionen Mark! Und das ganze nennt man göttliche Welt⸗ ordnung. ——ê Eine scharse Predigt. Vor einer Gewerkschaft in einer Stadt in Illinois, Vereinigte Staaten, hielt ein Pastor, H. M. Brooks, kürzlich eine Rede, die großes Aufsehen erregte. Er hielt der„guten Gesell⸗ schaft“ einen Spiegel vor, und dieselbe wurde unangenehm berührt, als sie ihr hätzliches Bild erblickte. „Die Wahrheit über unsere Zustände,“ so rief er,„sollte jemand sagen, die Wahrheit, die ganze Wahrheit!“ Er machte den Geistlichen den Vorwurf großer Feigheit und erklärte, sie seien Sklaven, sich krümmende, demütige, schmei⸗ chelnde Sklaven der Reichen. „Bezahlt werden wir nicht dafür, die Wahr⸗ heit zu verkünden, sondern im Gegenteil sie zu verbergen, zu umkleiden, und nur das zu erzählen, was die Leute zu hören lieben...“ „Vor kurzem las ich von einem Pastor in New⸗York, der über Besitztümer im Werte von 25 Millionen Dollar verfügt, und der Mann nennt sich einen Nachfolger des Herrn, fol nicht wußte, wo er sein Haupt hinlegen ollte!“ „Wir wissen alle, daß kein Mensch eine Million Dollar auf wirklich ehrliche Weise erwerben kann. Angenommen, Adam hätte bis heute für jeden Arbeitstag 2 Dollar erhalten, dabei Kost und Wohnung frei, so könnte er noch keine sechs Millionen erspart haben; mit andern Worten, er hätte nicht genug, um zu den Kreisen der ausgewählten Millisnären von New⸗Pork zu gehören....“ „Da baute ein Eisenbahnkönig eine Univer⸗ sität in Kalifornien und gab zwanzig Millionen zu diesem Zwecke heraus; dann setzte er die Frachtraten so viel höher an, daß bald die ganze Ausgabe gedeckt war. Der Beherrscher des Oelmarktes baut der Kirche ein Seminar in Chicago, dann erhöht er den Preis für Petroleum, und die Kirche hat kein Wort für solche Christen....“ „Die Verbrechen nehmen immer mehr zu, das ist kein Wunder, aber es gibt neben den ungesetzlichen Verbrechern die gesetzlichen und das sind die schlimmsten....“ Demgegenüber schilderte der Redner sodann die Leiden der Armen und die große Geduld der arbeitenden Klasse und erklärte, daß er auf die letztere seine Hoffnung setze für eine bessere Zukunft. „Der gemeine Mann hat viel leiden und dulden müssen Jahrtausende hindurch, und es ist an der Zeit, daß er endlich einmal für sich selbst eintritt...“ „Männer der Arbeit, laßt mich eins vor allen Dingen Euch ans Herz legen: Wenn Ihr Erlösung wünscht, müßt Ihr durch Eure eigne Anstrengung dazu kommen!“— . gelt weil dt in Bator, großes Gesell«(!. wurde 8 Bild ,“ 0 eit, die orwurf e seien schmei⸗ Wahr⸗ ftr iu das 1 ftr in te bon and der Herrn, sinlegen 1 ch eile Weise 125 Tha el, er noch andern Keen b ⸗ Nek Uniber⸗ lionen 1 a ald die gerrschel — Mitteldentsche Sonutags⸗geitung. Seite 7. 7 Unterhaltungs-Ceil. 7 W Bunger. Wir müssen hungern, und drausten lacht Das Korn in schwellender Fülle, Ein fruchtgesättigtes Lachen geht Durch die sommerliche Stille. Die Sense klingt und die Aehre fällt Und schüttet Korn in den Schoß der Welt, Wir aber müssen hungern. O du sonnige Seit und du glühender Tag! Wir grüßen dich an den Maschinen. Mit den Lerchen jauchzt unseres Herzens Schlag, Indessen wir frohnen und dienen. Unser Herz verglüht, unsere Tippe dorrt Und Leben und Sommer ziehen fort; Wir müssen weiter hungern. O brause mein Blut, trotz Not und Plag, Eh' Ceben und Sonne sich neigen. Wir wollen der Seit ihre blutrote Schmach, Uns're perlenden Stirnen zeigen. Zineingegriffen mit starker Faust, Wo die Aehren reifen, das Leben braust. Wir wollen nicht mehr hungern. Otto Krille. Auf der Wander schaft. Erzählung von Robert Schweichel, 5(Schluß). Fräulein Mohr hatte das erste Bad ge⸗ nommen. Währen) sie nach demselben ruhte, nahm ihre jüngere Gefährtin ihr Skizzenbuch und durchwanderte den Badeor:, auf dem bie Stille des Vormit tags ruhte. Die Vereinigung von Kunst und Natur in dem tiefen Tal machte auf sie den angenehmsten Eindruck. Ueberall, wohin ihr Auge schweifte, ihre Schritte ste führten, Terrassen, Alleen, Gebüsche, Kanäle, Brücken und überall gut geebnete Promenaden, einladende Ruheplatze. Sie setzte sich zuletzt auf eine Bank von weißen Birkenstäben und schaute träumerisch in die goldig⸗grüne Dämmerung eines Buchenwaldes, in den sich der Weg hineinwand. Daß derselbe zur Victorshöhe führte wußte sie nicht. Sie dachte nicht daran, zu zeichnen. Sie überließ sich ihrem schwetfen⸗ den Sinnen und dieses endete mit dem Einge⸗ ständnis einer Enttäuschung. Warum hatte Hans Gruber nicht geschrieben? Sie hätte schon ganz gut heute mit dem Morgenzuge von Suderode einen Brief haben können. Aber dann entschuldigte sie ihn damit, daß er viel⸗ leicht nicht schreiben könne, weil er sogleich nach ihrer Abreise seine Wanderschaft fortgesetzt hatte. Wohin? Es war dumm, daß sie ihn nicht dar⸗ nach gefragt hatte. Aus der Ferne ertönte Musik. Es war die Kapelle, die Mittags vor dem Kurhause spielte, und Irma wiegte sich unbewußt auf den Tönen. Plötzlich wurde ihr Auge starx, sie stieß einen dumpfen Schrei aus, wollte ausspringen und vermochte es nicht. Sie war wie gelähmt. Ein Mann kam auf dem Waldwege daher, und dieser Mann war— Hans Gruber. Jetzt erkannte auch er die weibliche Gestalt auf der Bank. Wie ein Jubel erscholl ihr Name von seinen Lippen, er beflü⸗ gelte seine Schritte und streckte ihr schon von Weitem beide Hände entgegen. Mit freude⸗ strahlenden Augen stand er vor ihr. Sie hatte sich erhoben, ihr hübsches Gesicht war in Pur⸗ pur getaucht und sie legte, ohne die Lider vor seinen Blicken zu senken, ihre Rechte in seine Hände. 5 „Welch' ein Glück, daß ich Sie sogleich finde und allein,“ rief er froh erregt und setzte lachend hinzu:„Ich komme als mein eigener Briefbote. Das kostbare Manuskript hätte ja auf der Post verloren gehen können. Und ich hätte es nicht ertragen, wer weiß wie lange auf Antwort zu warten. Hier ist es, freilich mit der Unterschrift: Fortsetzung folgt. Henn warum überhaupt schreiben?“ Damit zog er einen dicken Brief aus seiner Brieftasche, den Fräulein Irma mit einem freudigen Aufblitzen ihrer Augen empfing, und führte sie zur Bank zurück, wo sie sich Beide niedersetzten. l Er warf den Hut neben sich, fuhr mit der Linken durchs Haar und sagte: Eines werden Sie sich nicht vorstellen können, nämlich wie es einem Buben zu Mute ist, der keine Erinne⸗ rungen an seine Mutter und auch Vaterliebe nie gekannt hat. Denn die Mutter starb, als ich etwas älter als drei Jahre war, und der Vater— nun, Sie sollen auch Das wissen!“ Und er erzählte ihr die Leidensgeschichte seiner Kindheit, ohne etwas zu verschweigen oder zu bemänteln, in kurzen und kräftigen Zügen. „Das Schicksal muß wohl etwas Besonderes im Schilde führen,“ schloß er scherzend,„daß ich darüber nicht zu Grunde gegangen bin, und auch später nicht in der Hölle meiner Lehrjahre, denn Sie wissen, daß mein Meister ein Gemüts⸗ mensch war: seine Güte waren Schimpfworte, seine Liebe Prügel.“ „Ach Sie Armer,“ seufzte Fräulein Irma, die ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört, mitleidig, und in ihren Augen stauden Tränen. „Nein, nein,“ rief er lebhaft,„diese lieben, süßen Augen sollen nicht weinen. Warum denn auch? Die dunkle Nacht liegt hinter mir, und ich wandle im Lichte, Licht außer mir, und in meinem Herzen ist die Sonne aufgegangen. Diese holden, braunen Augen müssen es längst erraten haben, was mein ganzes Herz glühend erfüllt, daß ich Sie liebe, Irma.“ So stürmte es von seinen Lippen und riß sie widerstandslos mit fort. Er hatte ihren schlanken Leib umschlungen und sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, blickte weinend, lächelnd zu ihm auf und bot ihm, ohne zu wissen, wie es geschah, die blühenden Lippen. Die Welt außer ihnen versauk. Und so saßen sie innig aneinander geschmiegt auf der Bank und küßten einander mehr als sie sprachen, und von dem was sie sagten, wußten sie in der nächsten Stunde nichts mehr. Sie waren beide ganz eingetaucht in Glückseligten. Irma faßte sich zuerst. Sie senkte den Brief, den sie immer noch in den Händen hielt, in die Tasche, nachdem sie auf ihn ihre Lippen gedrückt. Hans aber lachte sie aus, als sie ihm vorstellen wollte, daß sie ein a mes Mädchen— aus der Familie eines klein n Beamten— sei, welches nur sein Lehreringehalt beziehe, und daß auch dieses aufhören würde, wenn— Er schloß ihr mit einem Kusse den Mund,„Du hast die Frage falsch sestellt, mein süßes Lieb. Glaubst Du, der Kedakteur eines sozial demokratischen Blattes wühle in Gold, wie ein Bourgeois? Nein mein teures Herz, wir werden uns knapp behelfen müssen, wenn Du mein sein willst. Ununterbrochene Arbeit, steter Kampf und zur Erholung einmal Gefängnis dazu. Willst Du es daraufhin mit mir wagen?“ Sie umschlang seinen Nacken und rief mit zärtlich leuchtenden Blicken:„Ja mein geliebter Mann!“ Dann aber überkam sie der Gedanke an ihre Freundin mit einem leisen Erschrecken und sie erklärte auf den fragenden Blick des Geliebten: „Es würde Julie bei ihrem jetzigen Zustande zu sehr schmerzen und kaum überharschte Wunden wieder aufreißen, wenn sie so plötzlich durch Dein Hiersein von unserer Liebe erfuͤhre. Was sie so herb und stachelig gemacht hat, ich wills Dir vertrauen, es ist eine unglückliche Liebe, und sie liebt den Unwürdigen noch, der ihr Herz schmählich verraten hat. Du kannst das einem Mädchen nicht so nachfühlen, Geliebter. Ach, unsere Stärke ist sogleich unsere größte Schwäche! Ich muß sie erst darauf vorbereiten, daß sie nun durch Dich auch mich verlieren soll, die ihre einzige Vertraute und Stütze war.“ „Daß Du so denkst und fühlst, macht Deinem Herzen die größte Ehre. Aber was wird aus mir unterdessen? Ich soll mich wohl verstecken?“ Er lachte halb ärgerlich. Sie sann nach, seufzte darauf schwer und sah ihn schüchtern bittend an. „Hm, ich verstehe,“ rief er, die Augenbrauen finster zusammenziehend.„Ich soll verschwinden, verduften, jetzt, wo ich nur eben„Dein Herz gewonnen habe. Ach, Du ahnst ja garnicht, wie unmenschlich ich Dich liebe.“ Sie umschlang seine Schultern und küßte ihn mit feuriger Zärtlichkeit.„Wird es mir minder schmerzlich sein, Dich gerade jetzt zu missen, mein Geliebter? Ich würde der ganzen Welt trotzen, um meine Liebe zu Dir zu ver⸗ teidigen, das glaube mir. Aber es handelt sich hier um die Schonung eines Herzens und ich flehe Dich nur um ein wenig Geduld an.“ Ste faßte seine Rechte mit ihren beiden Händen und sah ihm dabei so flehend in die Augen, daß seine Kraft des Widerstandes an diesem süßen Feuer schmolz. Noch sträubte er sich, aber er gab endlich nach, ärgerlich auf sich selbst, wegen seiner Schwäche, seufzend, lachend. Sie schieden, und er reiste ab im Vollbesitz des höchsten Glückes. Gegen Weihnachten aber fuhr Hans nach Berlin, nachdem der lebhasteste Briefwechsel zwischen ihm und der Geliebten gepflogen war und führte Irma in sein Heim. Und sie wurde eine tapfere Mitstreiterin an seiner Seite. Splitter. Die größte Torheit ists, gebeugt ins Leben einzutreten. Das Leben ist dem Widerstreben geweiht. Wir sollen uns aufrichten, so hoch wir könuen und solange bis wir anstoßen. Friedrich Hebbel. Wir steuern durch dies bun /e Weltgewühl, Geleitet von Gedanken und Gefühl! Wohl dem, in dem sich Beide so verbinden, Daß sie zum Zeel die rechten Bahnen finden! Bodenstedt. Mit den Worten nimmt die Zunge Weg die Hälfte des Verdienstes, Das der Arm sich kühn erwarb. Herder. Man darf nur alt werden, um milder zu sein. Ich sehe keigen Fehler begehen, den ich nicht auch begangen hätte. Goethe. Humoristisches Das Kirchenbaun ist Mirbach Ehrenpflicht; Doch, da man weiß, was Gotteshäuser kosten, So nimmt der Edle kleine Spenden nicht— Es ist ihm nur gedient mit runden Posten. (W. Jak.) Die höhere Tochter. Köchin(zum Haus⸗ fräulein):„Wenn die Eier frisch bleiben sollen, gnä' Fräul'n, müssen s' an einen kühlen Ort gelegt werden.“ Das Fräulein:„Wie könnte man das aber nur der Henne beibringen?“ Saarabisch. Staatsanwalt: Was hat Ihnen der Inspektor vor der Wahl eigentlich gesagt? Bergmann: Wenn ich nicht für den Nationalliberalen stimme, dann sei es mit meiner Beförderung aus. Staatsanwalt: Weiter nichts? Und das nennen Sie eine Beeinflussung? Zur Beachtung für alle, welche an die Redaktion schreiben. 1. Wenn du etwas einer Zeitung mitteilen willst, tue dies rasch und schicke es sofort ein, denn was neu ist, wenn du es denkst, ist viel⸗ leicht nach wenigen Stunden nicht mehr neu. . Sei kurz; du sparst damit die Zeit des Redakteurs und deine eigne. Dein Prinzip sind Tai sachen, keine Phrasen. 3. Sei klar, schreibe möglichst mit Tinte und leserlich, besonde s Namen und Ziffern; setze mehr Punkte als Komma. 4. Schreib nicht„gestern“ oder sondern den Tag oder Datum. 5. Korrigiere niemals einen Namen oder eine Zahl; streiche das fehlerhafte Wort durch und schreibe das richtige darüber oder daneben. 6. Die Hauptsache: Beschreibe nie beide Seiten des Blattes. Hundert Zeilen, auf einer Seite geschrieben, lassen sich rasch zer⸗ schneiden und an die Setzer verteilen. 2 7. Gieb der Redaktion in deinen sämtlichen Schriftstücken Namen und Adresse an. Anonyme Zuschriften kann die Redaktion nie „heute“, berücksichtigen, r ———- Mitteldeutsche Sountaas⸗ Zeitung. Ro. 29. Seite 8. Heinr. Rinn AVI. Moderne Herren- und Sommer- Joppen, Billige Preise. Heuchelheim, WInesmstaasse Knaben⸗ Anzüge sowie Arbeiterkleider jeder Art 1 Sängerfest Krofdorf! 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