9 15. — sssache t sich fene end denni⸗ ant Spar⸗ nserer b. 31 „recht r Er schaftl tte rant. von schränkt, das Selbstverwaltungsrecht der Ge⸗ 8 Nr. 16. lwießen, den 17. April 1904. 11. Jahrg. nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche FJonntags⸗Zeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½FL, und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Juserate Die ögespalt. Bei mindestens 1 Sozialdemokratische Gemeindepolitik. Auf dem Parteitag für Hessen⸗Nass au, der am Sonntag in Frankfurt abgehalten wurde, stand als zweiter Punkt„Unsere Aufgaben in den Gemeinde vertretungen“ auf der Tagesordnung. Dazu hielt der Stadtverordnete Genosse Dr. Quarck ein sehr eingehendes und gut durchdachtes Referat, das für unsere Ge⸗ nossen in den Gemeindevertretungen eine Fülle von Anregungen und Belehrungen bietet. Und zwar nicht nur für die nassauischen und preu⸗ ßischen, für die es zunächst berechnet war, son⸗ dern gleicherweise für die hessischen, die zwar ein Kommunalprogramm ihr Eigen nennen, dessen praktische Anwendung aber wohl in den allermeisten Landgemeinden viel zu wünschen übrig läßt. Alle Genossen werden daher mit Nutzen die Ausführungen lesen, die der auf dem Gebiete der Kommunalpolitik sehr bewanderte Genosse zu diesem Gegenstende zu machten hat'e, weshalb wir ste— in der Haupt⸗ sache wenigstens— in Folgendem wiedergeben. Unsere Genossen müssen sich klar werden über die Aufgaben und Pflichten, die sie in den Gemeindevertretungen haben. Es muß unser Bestreben sein, bei den Genossen in den Landgemeinden die Lust zu gründlicher Arbeit zu wecken und zu fördern. Wir müssen unseren Stolz darin suchen, die bürgerlichen Vertreter an gründlichem Wissen in verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten und fortschrittlichen Forde⸗ rungen zu übertreffen. Das wird dann ein vorzügliches Material zur Ausgestaltung unserer laufenden Landagitation geben. Denn gerade die Gemeinde angelegenheiten sind Dinge die jeden Einzelnen berühren, viel mehr als die reichspolitischen Fragen. Unsere Agitation vor 20 und 30 Jahren zeichnete sich durch eine gewisse Einseitigkeit aus. Wir legten den Hauptwert auf die Erörterung reichspolitischer Fragen. Heute müssen wir uns in Folge der veränderten politischen und sozialen Verhältnisse viel mehr mit Einzelheiten befassen. Leider sind unsere jüngeren Genossen sehr viel weniger bildungseifrig, als die Alten; hier muß die Kommunalpolitik dazu beitragen, diese Mängel zu beseitigen, den Wissenstrieb zu fördern. Allerdings kann ich das große Gebiet der Gemeindetätigkeit hier nicht eingehend erörtern. Vor allen Dingen ist notwendig, daß die Ge⸗ meindevertreter sich genau mit der Landgemeinde⸗ ordnung vertraut machen, und nicht nur das, auch ihre Geschichte studieren. Dem Volke ist leider noch viel zu wenig bekannt, wie auch hier die besitzenden Klassen es verstanden haben, sich die Herrschaft in den Landgemeinden zu sichern. Es muß gesagt werden, daß die Regierung viel liberaler war, wie der Landtag. Sie wollte das allgemeine, gleiche Wahlrecht für die Landgemeindewahlen einführen; aber die Junker und Nationalliberalen haben das ver⸗ hindert und das Dreiklassenwahlrecht mit seiner Bevorzugung des Geldsackes eingeführt“. Weiter muß darauf hingewirkt werden, daß das Bu d⸗ getrecht in den Gemeinden besser gewahrt, die Selbstherrlichkeit der Bürgermeister be⸗ Das bezieht sich natürlich nur auf Preußen D. R. f meinden, sowett es in der Landgemeindeordnung garantiert ist, gewahrt wird. Wir müssen auf Einfachheit und Billigkeit der Ver⸗ waltung dringen. Was dann die sozialen Aufgaben in den Landgemeinden betrifft, so sei nur darauf hingewiesen, wie eifrig die Ge⸗ meindevertreter darauf bedacht sein müssen, das Gemeindeeigentum an Wald und Wiesen zu erhalten, Zweckverbände zur Errichtung von Wirtschafs betrieben, wie gemein⸗ samen Wasser⸗ und Elektrizitätsanlagen zu er⸗ richten, das Wegewesen zu verbessern, das Steuerwesen besser zu gestalten. Im Rheinland sind große Kämpfe zwischen den Unternehmern und Gemeindeverwaltung ausgefochten worden, die zum Teil Musterbei⸗ spiele dafür abgeben, wie die Interessen kleiner Gemeindeverwaltungen gegenüber den aus⸗ beuterischen Unternehmern in benachbarten Fabrik⸗ orten gewahrt werden können und wie es möglich ist, die Unternehmer zur Zahlung bei Armen⸗ und Schullasten heranzuziehen. Von sehr großer Bedeutung ist auch die Weg e⸗ unterhaltungsfrage. Auch in den Kreisen unserer Genossen herrscht vielfach noch eine große Unklarheit über das Verhältnis der Gemeinde⸗, Kreis- und Landesstraßen und deren Unterhaltungspelicht. Ziemlich groß ist endlich auch noch die Unklarheit über die Wasser⸗ und Lichtwerke. Die vielfach so nebenusäch⸗ behandelte Tariffrage muß hier in den Vordergrund gerückt werden. In einer ganzen Reihe von Ortschaften um Frankfurt herum bestehen da noch die größten Mißstände. Tarife sind meistens so zugeschnitten, daß nicht der größte Verbraucher von Wasser, der reichste Nutznießer den größten Teil an den Kosten des Wasserwerks zu zahlen hat, sonbern der Arbeiter, der Kleinbauer, während umgekehrt die Abgabe so erfolgen müßte, daß die Aermsten die billigsten Preise bezahlen sollten. Die Licht⸗ und Wassertariffrage führt uns hinüber zu der Gesundheitspflege in den Gemeinden, auf die gleichfalls ein Hauptaugen⸗ merk gerichtet werden muß. Beim Schul⸗ wesen pflegen unsere Genossen, die als Land⸗ gemeindevertreter fungieren, meist das Richtige zu treffen, und das ist nicht der geringste Ruh⸗ mestitel unserer Partei. Ohne zu achten auf alle spießbürgerlichen Einwände von der„Kost⸗ spieligkeit“ unserer Politik usw. haben es unsre Genossen fast stets verstanden, Mißstände auf diesem Gebiete zu beseitigen, soweit ihre Be⸗ seitigung in der Macht der Gemeinde lag, und sie hatten dabei vielfach die Genugtuung, den verständigen Teil der Bevölkerung auf ihrer Seite zu haben, vielleicht auch den Lehrer, zu⸗ mindest den intelligenteren. Und Diejenigen unter den Dorfbewohnern, die es nicht einsehn, wie wichtig auch für ihre Kinder eine gute Schulbildung ist, wie notwendig luftige und helle Schulgebäude, häufige Dotierung der Lehr⸗ mittelanlagen usw. im Interesse der Jugend sind,— auf die Stimmen dieser Leute wollen wir ruhig verzichten. In der Armenpflege lassen bekanntlich die ländlichen Gemeinden, in denen noch keine Sozialdemokraten sitzen, sehr viel zu wünschen übrig. Einzelne besonders skandalöse Fälle länd⸗ licher Armen, pflege“, die in letzter Zeit bekannt wurden, weisen mit aller wünschenswerten Deut⸗ lichkeit auf die Reform des Armenpflegewesens Die hin. Von großer Wichtigkeit ist die mit diesem Gebiete im engsten Zusammenhang stehende Sorge für die Arbeitslosen. Es muß überall dahin gewirkt werden, namentlich in der Win⸗ terszeit, die Kreis- und Provinzialbehörden für Schaffung ausreichender Arbeitsgelegenheit für die Arbeitslosen zu interessieren. Die Gesun d⸗ heitspflege darf auch von den kleinsten und ärmsten Gemeinden nicht aus dem Auge ge⸗ lassen werden. Welchen Dank können sich da unsere Genossen erwerben, wenn ste sich nur bestreben, die Erlangung ärztlicher Hilfe, Heb⸗ ammenhilfe usw. für die armeren Gemeinde⸗ mitglieder zu erleichtern. In einer ganzen Reihe von Gemeinden wußten es unsere Genossen durchzusetzen, daß die Hebammenhilfe Unbe⸗ mittelten unentgeltlich zu Teil wurde, ohne daß diese Hilfe als Armenunterstützung ange⸗ rechnet werden durfte. Aehnlich wird die Arzt⸗ frage vielfach zu regeln sein. Ich möchte bei der Gelegenheit nur darauf hinweisen, daß auch die Freisinnigen erkannt haben, wie em⸗ pfänglich gerade die nassauische Landbevölker⸗ ung für diese Frage ist. Im Taunus z. B. haben bei den letzten Reichstagswahlen die Freisinnigen unter der Landbevölkerung vielfach damit agitiert und Erfolge erzielt, freilich, ohne nachher das Geringste zu leisten. Im alten Herzogtum Nassau ist von jeher die Bedeutung der Gesundheitspflege auch in den kleinsten Landgemeinden richtig eingeschätzt worden. Der Landrat von Marienberg im Oberwesterwald z. B. hat in einem Aufsatze unumwunden zu⸗ gestanden, daß er nach seinem eingehenden Studium der Frage doch eigentlich sagen müsse, daß Nassau früher besonders in gesundheitlicher Beziehung gut verwaltet gewesen sei. Dieses Zugeständnis läßt fast auf das zweite schließen, daß von dem preußischen Regimente nicht mehr dasselbe gesagt werden könne. Die ärzt⸗ liche Fürsorge war fast sozialistisch— sagen wir staatssozialistisch— organisiert, die Aerzte wurden von den Gemeinden mit Staatszuschüssen angestellt und die Sätze für ärztliche Behand⸗ lung waren außerordentlich niedrige. So können wir mit unseren Programm⸗ forderungen sehr gut an Vergangenes anknüpfen und den Leuten klar machen, daß unsere For⸗ derungen vielfach, so„umstürzend“ sie aussehen mögen, schon dagewesene gute Einrichtungen in modernem Sinne ausbauen wollen. Und wenn ich von der Vielseitigkeit unserer Agitation gesprochen habe, so verstehe ich da⸗ runter auch, daß wir uns nicht darauf ver⸗ steifen dürfen, unsere Gemeindeforderungen nur mit den allgemeinen politischen und gewerk⸗ schaftlichen Forderungen in Einklang zu bringen. Es gehört dazu noch ein drittes wichtiges Ge⸗ biet, das Genossenschaftswesen. Auch seinen Ausbau dücfen wir nicht aus dem Auge verlieren. Es ist sehr erfreulich, wie richtig einzelne Genossen im Hanauer Kreise die Be⸗ deutung dieser Aufgabe erfaßt haben und durch Gründung von kleinen Genosseuschaften die Arbeiter und Bauern zu interessieren versuchen wollen für den gemeinsamen Bezug von Säme⸗ reien, Ackergerätschaften und sonstigen Bedarfs— artikeln für Haus⸗ und Landwirtschaft mit Ausschaltung des Zwischenhandels. Muster⸗ giltig sind in der Beziehung ja die von unsern belgischen Genossen geschaffenen Einrichtungen, die uns dadurch weit überflügelt haben. —— — — I r — -——..——— — ——— —— 8———————— ——— —— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 16. Die neue Organisation muß uns eine ein⸗ ehende Behandlung dieser Dinge ermöglichen. ir werden in Zukunft nicht immer nur vor den Wahlen das öffentliche Interesse für alle Gemeindefragen wachrufen, sondern das ganze Jahr hindurch die Bevölkerung moralisch zwingen mitzuschaffen an der Gemeindeverwaltung, ebenso wie unsere Partei in Sachsen schon seit einer Reihe von Jahren in so außerordentlich ge⸗ schickter Weise in den Landgemeinden tätig ist. Die hohe Stimmenzahl, die wir bei den letzten Reichstagswahlen im Königreiche Sachsen er⸗ zielten, ist wesentlich mit der intensiven und instruktiven Tätigkeit unserer Parteivertreter in den einzelnen Landgemeinden zu verdanken. Schließlich müssen wir uns endlich auch für Hessen⸗Nassau ein allgemeines Kommunal⸗ programm schaffen. Unbedingt notwendig für unsere Gemeindevertreter ist, sich mit der Kommunalliteratur unserer Partei ver⸗ traut zu machen. Es ist ein beschämendes Zeug⸗ nis für unsere Genossen, daß beispielsweise das ausgezeichnete Werk Hugo Lindemann's in bür⸗ gerlichen Kreisen mehr gelesen wird, als in den Kreisen unserer Parteigenossen. Die örtlichen Organisationen müßten die Verpflichtung in sich fühlen, ihren gewählten Vertretern, sofern dieselben nicht die Mittel haben, sich selbst die einschlägige Literatur zu beschaffen, an die Hand zu gehen und von Parteiwegen alles Notwendige anzuschaffen. Besonders der dem⸗ nächst erscheinende zweite Band von Lindemann's kommunalpolitischem Werke, der, wie ich mich überzeugen konnte, ein mit ungeheuerem Fleiße zusammengestelltes Material über die kommu⸗ nale Arbeiterpolitik, Elektrizitäts⸗, Wasserwerks⸗ und Lichtfragen enthält, müßte unbedingt von den Genossen jeder, auch der kleinsten Dorfge⸗ meinde für die Bibliothek erworben werden. Um das Gesagte in einem Satze zusammen⸗ zufassen: Uns darf keine, auch nicht die ein⸗ fachste und kleinste Agitationsarbeit zu minder⸗ wertig erscheinen; keine ist so klein, daß sie nicht zur Erreichung unseres Endzieles bei⸗ zutragen vermag. Politische Rundschau. Gießen, den 14. April 1904. Der Reichstag hat am Dienstag die Osterferien beendet und ist zu erneuten Beratungen zusammengetreten. Auf der Tagesordnung stand zunächst die No⸗ velle zum Münzgesetz und der Etat des Reichs⸗ kanzlers, der zu Auseinandersetzungen über die äußere und innere Politik des Reiches Anlaß gab. Die Etatsberatungen dürften sich noch eine längere Zeit hinausziehen. Das Hauptinteresse wendet sich indessen bei dem Wiederzusammentritt des Reichstages dem vielfach angekündigten neuen Flottengesetz zu. Ob es bereits soweit fertiggestellt ist, daß es vor der Oeffentlichkeit erscheinen kann, da⸗ rüber hat man bisher noch nichts vernommen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß die Re⸗ gierung wünschen wird, ein solches Gesetz noch in diesem Arbeitsjahre durchzudrücken. Denn im nächsten Jahre wird die Arbeitskraft des Reichsta es durch die Militärvorlage, den Etat und vielleicht auch durch Handelsverträge so sehr belastet sein, daß für sonstige größere Gesetzesvorlagen kaum viel Raum bleiben wird. AR Die sozialdemokratische Fraktion geht in der Stärke von 79 Mann an die neue Arbeit. Das Zschopau⸗Marienberger Mandat ist der Sozialdemokratie entrissen worden, um das Altenburger wird sie am 28. April zu kämpfen haben, das vorläufige Schicksal von Frankfurt au der Oder harrt noch der Entschetdung durch das Plenum. Allem Anscheine nach geht unsere Partei neuen, schweren Kämpfen im Reichstag wie im Reiche entgegen. Die Gegner, die sich während der Ferien an den inneren Auseinandersetzungen der Partei ergötzten, werden wieder einmal die Erfahrung machen, daß die sozialdemokratischen Arbeiter und ihre Vertreter einmütig zusammen⸗ stehen, sobald der Sammelruf ertönt: Wider den Feind! Bei schwachbesetztem Hause begann am Dienstag zunächst die Beratung des Münzge⸗ setzes. Dieses sieht Einführung neuer 50 Pfg. ⸗ Stücke vor, die kleiner und dicker sind als die bisherigen und die Aufschrift„ Mark“ tragen sollen. Die Proben dieser Münzen sollen nicht besonders geschmackvoll ausgefallen sein. Man überwies die Vorlage einer Kommission. Zum Reichskanzleretat brachte der Zentrumsmann Spahn den Wahlprozeß im Saarbrücker Revier zur Sprache und tadelte die dabei beobachtete Vertuschung unangenehmer Vorkommnisse durch die Amtsverschwiegenheit von Beamten. Genosse Dr. Ha vid erörterte die Frage der Schiffahrtsabgaben, welche die Agrarier auf dem Rhein und der Elbe ein⸗ geführt wissen wollen. Solche Abgaben sind von der Reichsverfassung untersagt, die Agrarier wollen sie aber trotzdem durchsetzen, um das ausländische Getreide, das auf den Strömen hereinkommt zu verteuern und damit zugleich die Preise des inländischen zu steigern. Nach dem, was Graf Posadowsky auf David's Ausführungen antwortete, muß die Befürcht⸗ ung wachgerufen werden, daß die Regierung den Wünschen der Agrarier nachzugeben ge⸗ sonnen ist. Zur sächsischen Wahlreform wird mitgeteilt, daß die Beratungen über die Regierungsdenkschrift in der Landtagskommisston beendet seien. Für die in der Denkschrift vor⸗ geschlagenen Grundlinien soll keine einzige Stimme abgegeben worden sein. Es herrscht also Klarheit über das, was man nicht will. Wie aber die Meinungen über die Grundzüge der Wahlreform zwischen der Regierung und der Kammer auseinandergehen, so auch zwischen den Parteien in der Kammer. Es ist deshalb solange keine Aussicht für das Zustandekommen einer Wahlreform, als die öffentliche Meinung nicht einen entschiedenen Druck dahinter macht. Bei dem Volke liegt es, ob überhaupt einmal etwas aus der Wahlreform werden soll! Zur Revolution im Ruhrbergbau schreibt die„Arbeitsmarkt⸗Korrespondenz“ des bekannten Dr. Jastrow: a „Die schwebenden Uebertragungen von Berg⸗ werkseigentum im Ruhrbezirk bilden fortgesetzt den Gegenstand lebhafter Erörterung. Die Bevölkerung der Orte, die bei diesen Ueber⸗ tragungen große Gefahr läuft, geschädigt zu werden, beteiligt sich in allen Schichten ohne jegliche Rücksicht auf die Parteistellung an der Bewegung gegen die Stilllegung von Gruben; die Regierung sieht sich veranlaßt, über die schwebenden und beabsichtigten Uebertragungen sich Bericht erstatten zu lassen, und die Arbeiter insbesondere nehmen in zahlreich besuchten Ver⸗ sammlungen Stellung zu dem Vorhaben, sie um ihre jetzige Arbeitsstelle zu bringen. Aber auch die Bergwerke selbst haben sich inzwischen über die Gründe geäußert, die sie zu solchen Uebertragungen zwingen. Nach einem Aufsatz des Bergmeisters Engel in der Zeit⸗ schrift„Glückauf“ ist es in erster Reihe die ungünstige Rentabilität der kleineren Zechen im Ruhrtal, die die Verschiebungen notwendig macht. Wenn in dem Aufsatz zur Beruhigung der Bevölkerung ausgeführt wird, die Ueber⸗ nahme der Betelligungsziffer von einer Zeche durch die andere sei von heute auf morgen praktisch unmöglich, so muß darauf hingewiesen werden, daß die Stilllegung von Steingatt in ein paar Monaten vor sich gegangen ist. Gerade die Erfahrungen, die man mit der Abrüstung von Steingatt gemacht hat, tragen nicht wenig zu der jetzigen Erregung bei. Nach einem von einem Bergwerksdirektor im Jahre 1900 erstatteten Gutachten hatte damals die Zeche noch 10,5 Millionen Tonnen ab⸗ bauwürdiger Kohle austehen. Bel einer Jahres⸗ förderung von 225000 Tonnen war Steingatt noch eine Existenz von 17 bis 18 Jahren ge⸗ sichert. Auch Ausbeute konnte verteilt werden. 1891 suchte Steingatt noch ein Konsortium zum Bau von Arbeiterwohnungen zu gewinnen. Kein Mensch dachte damals an Betriebsein⸗ stellung. Die Gemeinde Altendorf, in deren Gemarkung Steingatt liegt, gab denn auch noch 1901/2 für Schulbauten 40000 Mk. aus, legte mit bedeutenden Kosten eine Wasserleitung an und anderes mehr. Durch alle diese Aus⸗ gaben hat sich Altendorf eine Schuldenlast von 200 000 Mk. aufgeladen.— So geht es in vielen Fällen. Die Regierung müßte hier un⸗ bedingt eingreifen. Aber da müßte das kapi⸗ talistische Ausbeutungsprivileg angetastet werden und davor scheut man zurück. Riesendividende und Hungerlohn. Die Zuckerraffinerie in Hildesheim konnte ihren Aktionären für das Geschäftsjahr 1903 als„Entbehrungslohn“ eine Dividende von 75 pt. gewähren. Der Tagelohn, den sie den Arbeitern zahlt, beträgt zwei Mark. Der Arbeiter 1 es also, wenn er 300 Tage arbeitet, auf 600 Mk. jährlich; dieselbe Summe erhält der Kapitalist, welcher kein Finger rührt, sondern lediglich 800 Mk. in Aktten anlegt und für sich„arbeiten“ läßt. Ist das nicht eine vortreffliche Probe unserer herrlichen, von Gott gewollten Weltordnung? Die Aktionäre sind auch ihrem Gott sehr dankbar für die schöne Verteilung des Arbeitsertrages; sie bewilligen mit Vergnügen erhebliche Summen für die Kirchen, damit dort fleißig gebetet werde für den Bestand der kapitalistisch⸗christlichen Gesellschaft. Statt 100 pt. Dividende nehmen ste nur 75; den Rest spenden sie großmütig den Gotteshäusern, damit dort die Arbeiter zur Zufriedenheit ermahnt werden, auf daß sie den Wechsel aufs Himmelreich akzeptieren. Opfer der Kolonialpolitik. Vom Hererokriege wurden in der letzten Woche wieder mehrere Gefechte gemeldet, die zwar für die Deutschen siegreich waren, aber doch nicht unbedeutende Opfer an Menschenleben erforderten. Am 9. April hatte die Abteilung Glasenapp in einem Gefechte bei Okaharni 32 Tote. In einem andern Zusammenstoße sind ebenfalls eine Anzahl Leute, darunter mehrere Offiziere gefallen. Die Kosten für die seit dem 24. März in drei Abteilungen nach Südafrika entsandten Verstärkungen der Schutztruppe für 1050 Mann einschließlich der 7 belaufen sich auf 10 Millionen ark. Bei der Gemeindewahl in Kopenhagen sind unsere Genossen unterlegen, trotzdem sie eine erheblich höhere Stimmenzahl als bei der vorigen Wahl eb an Es waren 8 Mandate erledigt, 4 liberale und 4 sozialdemo⸗ kratische Stadträte hatten auszuscheiden. Die libe⸗ rale Partei spaltete sich und ein Teil stellte gemein⸗ sam mit den Reaktionären eine„antisozialistische“ Liste von unbekannten Männern auf, die sich nicht einmal in den Versammlungen zeigten, während die Intelligenzpartei sich mit der So⸗ zialdemokratie verband. Die Anttsoztalisten er⸗ reichten, indem sie nit dem„Sozialistenschreck“ operierten, eine Mehrheit von 700 Stimmen. Sie haben mit diesem Wahlergebnis im Ge⸗ meinderat eine aus der Rechten, der gemäßig⸗ ten Linken und aus den politisch Indifferenten bestehende relative Majorität. Der reinen Lin⸗ ken und der Sozialdemokratie gegenüber konnen diese indessen nichts ausrichten, und es ist kaum anzunehmen, daß der Antisozialismus im nächsten Jahre siegen wird. Ein sozialdemokratischer Jugend⸗ bund ist kürzlich in Kopenhagen gegründet worden. Sein Zweck ist, die schon länger bestehenden Jugendvereine zu planmäßiger Ar⸗ beit für die Ausbreitung des modernen Sozia⸗ lismus unter der arbeitenden Jugend zu sammeln sowie eine antimilitariscke Agitation zu betreiben. Es wurde unter anderem beschlossen, einen Militäraufruf drucken zu lassen, der zur Agi⸗ tation unter den in nächsten Tagen in Dienst tretenden Militärpflichtigen verbreitet werden soll. Die italienische Sozialdemokratie hat diese Woche in Bologna ihren 8. natio⸗ nalen Kongreß abgehalten. Er war sehr stark besucht, 1200 Delegierte waren anwesend. Die sozialistische und auch die bürgerliche Presse Italiens und des Auslandes war ebenfalls stark vertreten, denn dieser Kongreß war inso⸗ fell. ella der l. 6030 Pall Vert leich. Isb. der wurd Bolo Non hob! Stäl Dish 5 U 0 wieb 1 Tend folge 10 par aller unge elner schlie Frag 0 elne fich! Tend berm Deba Siedt Verh Tätl. Flüg werd Anne Uube ger Marr Ein hon igen erde chen men tig eiter 1 sten die aber ehen lung arnt doe nter ngen. der der en ä Nr. 16. Mitteldentsche Sonn tags⸗Zeitung. Seite 3. fern von großer Bedeutung, als die Aus einandersetzung zwischen der reformistischen und der radikalen Richtung innerhalb der italienischen Sozialdemokratie bevorstand. Von der deutschen Partei ist Genosse Dr. Rob. Michels als Vertreter erschienen, Dr. Adler von der öster⸗ reichischen, Rappaport von der französischen usw. Als Prästident des Kongresses fungiert der greise Andrea Co sta. Bei der Eröffnung wurde ein Schreiben des Bürgermeisters von Bologna verlesen, worin er den Kongreß im Namen der Stadt begrüßt. Genosse Michels hob in seiner Begrüßungsrede hervor, daß die Stärke der deutschen Sozialdemokratie in ihrer Disziplin und Einigkeit liege; Revolutionäre und Reformisten kämpften in Deutschland Schulter an Schulter. Es kam in den weiteren Verhandlungen, wie vorauszusehen war, zu sehr heftigen Kämpfen. Vor Beginn der Debatte über„die beiden Tendenzen“ stellt Soldi einen Antrag, demzu⸗ folge der Kongreß, bevor er in die Verhand⸗ lungen eintritt, die Einigkeit der Gesamt⸗ partei proklamieren und es für die Pflicht aller Sozialisten erklären soll, sich den Mein⸗ ungen der Majorität anzuschließen.— Nach einer ebenso langen wie heftigen Debatte wird schließlich auf Antrag Ferris beschlossen, die Frage Soldi vorerst zu vertagen. In der nun beginnenden Debatte kommt elne lange Reihe von Rednern zu Worte, die sich mit den schärfsten Ausdrücken gegen die Tendenz der Revisionisten werden; auch einige vermittelnde Redner kommen zu Worte. Die Debatten steigern sich stellenweise bis zu solcher Siedehitze, daß der Vorsitzende Mühe hat, die Verhandlungen weiter zu führen und daß sogar Tätlichkeiten unter den Angehörigen der beiden Flügel nur mit großer Anstrengung vereitelt werden können. Die Debatte über die Taktik endete mit der Annahme der Resolution Ferri, welche die Unvereinbarkeit der„Teilnahme an der Re⸗ gierung“, also des Ministertaltsmus, mit der marxistischen Theorie erklärt, aber auch die Einheit der Partei aufs neue betont. rarer Russisch⸗japanischer Krieg. Seuchen im russischen Heere. Die sanitären Verhältnisse in der russischen Armee haben sich sehr verschlimmert, wie Nachrichten aus Charbin besagen. Es wird dies noch eine große Rolle im Kriege spielen, da schwer eine Besserung der Zustände erreichbar ist. Die Wasserversorgung aus dem Tiefland ist schlecht. Die Fälle von Cholera und Typhus sind seit dem Eintritt der wärmeren Witterung in Aus⸗ breitung begriffen. Der Oberbefehlshaber der Garnison klagte Kuropatkin, daß die Truppen gezwungen seien, das Lager wegen des hier herrschenden übergroßen Schmutzes zu verlassen. Kuropatkin überzeugte sich selbst von der Wahr⸗ heit dieser Angabe. Die Offtziere befolgen nicht die Instruktionen. Der Zar selbst ordnete strenge Maßnahmen und die Bestrafung der Schuldigen an, da die große Gefahr einer allgemeinen Verseuchung besteht. Eine schwere Schlappe haben die Russen wiederum erlitten. Eines ihrer besten Schiffe, der Panzer„Petropawlowsk“ ge⸗ riet am Dienstag vor Portarthur auf eine Mine, die explodierte und das Schiff zum Kentern brachte, das mit ca. 700 Mann Besatzung unterging. Admiral Ma⸗ karopw ist anscheinend umgekommen. Großfürst Cyrill ist gerettet, aber verwundet.— Der Schrecken darüber mag in Petersburg nicht gering sein. Es wird von dort berichtet, daß der Zar sofort Trauergottesdienst angeordnet habe, wodurch das Unglück allerdings nicht geringer wird. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Der Aerztekrieg in Leipzig. Am 1. April haben die bisherigen für mit knapper Mehrheit. ie Leipziger Ortskrankenkasse tätigen Aerzte ihre Tätigkeit! und verw. Berufsgenossen hätte im letzten niedergelegt. Doch haben ste damit nicht er⸗ rescht, was sie wollten, nämlich die Kasse matt⸗ setzen und unterkriegen. Es bessert sich im Gegenteil die Lage täglich zugunsten der Kasse. Bis jetzt sind 83 Distriktsärzte in Tätigkeit, mit einer weiteren Zahl von Aerzten steht die Kasse in Unterhandlung. Die bürgerliche Presse wußte über zahlreiche Beschwerden zu berichten, die in letzter Zeit gegen das Bezirksärzte⸗System eingelaufen seien. Der Ortskrankenkassenver⸗ waltung ist davon jedoch nichts bekannt; bei der Kreishauptmannschaft liefen zwar einige Beschwerden ein, die aber— von früheren Aerzten und deren Helfershelfern herrührten. Immerhin muß noch mit einem Einschreiten der Behörden gerechnet werden. Die Kasse wird daher die ärztliche Familienbehandlung, die im Statute vorgesehen ist, vorübergehend aufheben; doch erklären die Bezirksärzte, daß ste nach wie vor die Familienangehörigen der Kassenmitglieder unentgeltlich weiter behandeln werden. Mit dieser Maßnahme ist wohl der Aerztekrieg zugunsten der Kasse entschieden.— Dagegen sind in Köln a. Rh. die Aerzte Sieger geblieben, dank der Unterstützung der Regierung, die in ganz ungehöriger Weise Partei für die Aerzte nahm und die Selbstver⸗ waltung der Krankenkasse gewissermaßen auf⸗ hob. Jetzt hat auch der Vorstand der vereinigten Ortskrankenkassen für das Handwerk sein Amt niedergelegt, weil der Regierungspräsident eine gegen ihn erlassene Verfügung nicht zurücknehmen wollte. Die wenigen von den herangezogenen, noch praktizierenden Aerzte suchen loszukommen, weil ihnen durch die behördlichen Anordnungen die Ausübung ihrer Praxis sehr erschwert wird. Sämtliche durch die Aerzte verschriebenen Re⸗ zepte müssen nämlich durch die Behörden ab⸗ gestempelt werden, bevor die Apotheken ihre Anfertiguug vornehmen.— Konkurs einer Genossenschafts⸗ bäckerei. Zu dem von uns bereits in der vorigen Nummer erwähnten Konkurs der Genossenschaftsbäckerei in Posen sagt unser Breslauer Parteiorgan:„Wir haben die Gründung dieser Genossenschaft, an welcher zahlreiche Parteigenossen beteiligt sind und die deshalb von Gegnern die„sozialistische“ Genossen⸗ schaftsbäckerei genannt wird, von Anfang an für ein verfehltes Unternehmen gehalten. Die Arbeiterorganisation ist in Posen noch nicht so weit gediehen, daß ste den nötigen Stamm von Konsumenten stellen könnte. Außerdem mangelte es in Posen dur haus an den Alg Leitern und die häßlichen Streitigkeiten, die nun schon seit Jahren die Arbeiterbewegung dort am Fortkommen hindern, haben jedenfalls das Weitere getan, um die Gründung zu einer ver⸗ fehlten zu machen. Jedenfalls lehrt der Posener Vorfall aufs neue, daß die organisterten Arbeiter neue Gründungen recht, recht sehr überlegen müssen!“ Bei der Gewerbegerichtswahl in Duisburg siegten die christlichen Kandidaten Das ist hoffentlich der letzte Sieg der Christlichen in dieser ihrer Hochburg. Der Zentralverband der Zimmerer hat sich im Jahre 1903 in erfreulicher Weise nach vorwärts entwickelt. Ende 1902 zählte er in 464 Zahlstellen 22811 Mitglieder, am Schluß des Jahres 1903 29998 Mitglieder, das ist eine Zunahme von 7187 Mitgliedern. Das Vereinsvermögen stellte sich seit 1909 am Schluß des 4. Quartals in der Hauptkasse wie folgt: 1900 Mk. 245862,27, 1901 302 183, 58 Mark 1902 245 769,41, Mk. 1903 307 329,83 Mark. Das gesamte Verbandsvermögen beträgt 558 045,86 Mk. In den sieben Jahren von 1897 bis 1903 hat der Verband, auschließlich kleinerer Platzsperren, zusammen 621 Kämpfe zu führen gehabt, die 907 138,70 Mk. Kosten verursachten. Im gleichen Zeitraum wurden durch die Wirksamkeit des Verbandes die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse der Berufskollegen in 1276 Orten resp. Fällen verbessert. Davon ist an einer Reihe von Orten wiederholt eine Aufbesserung erfolgt. Der Verband der Maler, Lackierer Geschäftsjahre eine Gesamteinnahme von Mark 316 819,26 und eine Ausgabe von Mk. 295 995,52. Das Vermögen betrug am Jahresschluß Mark 207 680,82. Die größeren Ausgabeposten find: Streikunterstützung Mk. 93 217,79, Kranken⸗ unterstützung 29 488,79, Reiseunterstützung Mk. 5 555,62, Sterbeunterstützung Mk. 3 385, Ge⸗ maßregeltenunterstützung Mk. 2 265,48, Fach⸗ organ Mk. 23 460, Agitation Mk. 10 340 ꝛc. Den eingegangenen Beiträgen nach haben 19037 Mitglieder den vollen Jahresbeitrag(52 Wo⸗ chen) bezahlt. Neu aufgenommen wurden im Berichts jahre 15766 Mitglieder, eine Zahl, wie sie bisher noch nicht erreicht wurde. Von großer Standhaftigkeit sind aber die Maler ebensowenig wie die übrigen Arbeiter, denn bol den 12 757 im Jahre 1902 aufgenommenen Mitgliedern kehrten 60 pt. im ersten Jahre ihrer Mitgliedschaft der Organisation wieder den Rücken. Den Schneiderstreik in Mannheim haben die Arbeiter für beendet erklärt, ohne daß es möglich war, die Forderungen durchzusetzen. Die Schneider befanden sich fünf Monate im Ausstande. 1!... pon Nah und ern. Hessisches. — Reptilredakteure. Unter vielen andern„Ordnungsblättern“ leistet auch die „Offenbacher Zeitung“ an schmutzigster Sozialistenbekämpfung das Menschenmögliche. Was für gesinnungstüchtige Männer in der⸗ artigen Organen ihr Wesen treiben, davon in Folgendem ein Beispiel. In einer gegen die „Offenbacher Zeitung“ gerichteten polemischen Notiz sagt die Frankfurter„Kleine Presse“: „Wir begnügen uns mit der Bemerkung, daß der politische Redakteur der„Offenbacher Zeitung“, Herr Anton Beer, als er noch in Plauen das dortige linksstehende Blatt redigierte, dem Verleger, der sehr weit links stand, erklärt hat: er(Beer) sei der rechte Mann für das freiheitliche Blatt; denn er sei eigentlich mehr sozialdemokra⸗ tisch als freistnnig. Und derlei Leute tauchen dann plötzlich als nationalliberale Demokra⸗ tenfresser auf und reden sehr unklug und sehr unvorsichtig vom Fälschen der öffentlichen Meinung.“ f Solche Leute können allerdings nur die Reptilien gebrauchen, die ihre Gesinnung und „Ueberzeugung“ den jeweiltgen Anforderungen anzupassen in der Lage sind, die um ihrer Exi⸗ stenz, ihres materiellen Vorteiles willen heute dieser, morgen jener Partet dienen. Das Pu- blikum muß sich nur angewöhnen, danach auch den Inhalt der Reptil⸗ und Amtspresse zu beurteilen und zu bewerten. — Graf Oriola will sein Landtagsman⸗ dat niederlegen, wie er am Sonntag in Fried⸗ berg einer von ihm einberufenen Wahlmänner⸗ Versammlung erklärt hat. Er sei durch das Reichstagsmandat zu sehr in Anspruch ge⸗ nommen. An seine Stelle wollen die Wahl⸗ männer den Bürgermeister Ullmann in Nie⸗ der⸗Erlenbach wählen. Das nunmehr zum Bünd⸗ lerorgan umgesattelte Blatt des Herrn Hirschel nennt diese Kandidatur eine„äußerst glückliche“ und stempelt den Erlenbacher Bürgermeister als Vertreter des Agrariertums ab. Ein paar Bürgermeister haben ja übrigens in der hessi⸗ schen Landstube noch gefehlt. — Den geschäftskundigen Herrn Joutz hat man seines Amtes als„Eisenbahn⸗ direktor“ entsetzt, wie aus Butzbach gemeldet wird. Das Schicksal schreitet also schnell, noch vor wenigen Tagen ließ sich der Biedere als Wohltäter der Menschheit und„allverehrker Landtagsabgeordneter“ feiern. Am 31. Mai scheidet er aus seiner Stellung aus.— Von seinem Abgeordnetenmandat scheint er sich aber auch gar nicht trennen zu können. Jedenfalls wartet er, bis ihm die Wählerschaft sagt, was sich gehört und es ist ja für diese selbst be⸗ zeichnend, daß sie es noch nicht getan hat. — — ———ͤ— Seite 4. Mittel dentsche Sonntaatßs⸗ Zeitung. Nr. 16 Gießener Angelegenheiten. — Rüstet zur Maifeier! Dieser Ruf ergeht an alle Parteigenossen und Gewerkschafts⸗ mitglieder. Das Gewerkschaftskartell hat be⸗ schlossen, am 1. Mai, der in diesem Jahre be⸗ kanntlich auf einen Sonntag fällt, ein allge⸗ meines Waldfest abzuhalten. Ebenso ist ein Festzug durch die Stadt geplant. Trage jeder Arbeiter dazu bei, daß sich auch in Gießen das Maifest zu einer imposanten Kundgebung für die Ziele der Arbeiterbewegung gestalte! — Eine gepfefferte Abfertigung appliziert die Frankfurter Kl. Presse unserm würdigen Amtsblatt, indem sie schreibt: „Der„Gießener Anzeiger“ druckte unsere Nachricht über die Erkrankung der Kaiserin ab und nennt dabei die„Kleine Presse“ ein„bekanntlich recht unzu⸗ verlässiges Blatt“. Der„Gießener Anzeiger“ ist zwar sehr mittelmäßig und einfältig zu⸗ rechtgestoppelt, sein Urteil in journalistischen Dingen ist so völlig„Wurst“ wie das ganze Blatt. Insofern ist ihm nicht zu helfen, wenn er kein Verständnis für unsere kritische, achtsame Arbeitsweise hat. Aber man muß doch der förmlichen Erledigung halber feststellen, daß ein außergewöhnliches Maß von Geistes abwesen⸗ heit zu der plumpen Herausforderung gehört, mit der uns das Gießener Blatt anrempelt.“ Geschieht ihm recht. — Ein Schwindel. Durch die bürger⸗ liche Presse machte kürzlich folgende Notiz die Runde, als ein Beispiel von fürchterlichem so⸗ zialdemokratischen„Terrorismus“ und selbst⸗ verständlich durfte auch das biedere Gießener Amtsblatt nicht unterlassen, sie seinen Lesern zu servieren. Es war da zu lesen: „Die in Dresden verstorbene Gräfin Oriola war eine eifrige Sozialdemokratin, glaubte aber, ihrer Parteipflicht anfangs dadurch zu genügen, daß sie reichliche Parteibeiträge zeichnete und allen Versammlungen regelmäßig anwohnte. Den sozialdemokratisch organi⸗ sterten Frauen in Dresden genügte aber diese Hingabe an die Partei nicht. Sie sagten zu der Gräfin:„Wenn Du eine der unsrigen sein willst, dann hast Du auch Flugblätter auszutragen.“ Und die Gräfin fügte sich. Sonntag morgens um 6 Uhr, bei Winter⸗ kälte und vor Sonnenaufgang stellte ste stch im Volkshause ein, nahm bescheiden und von den meisten ungekannt, ihre Flugblätter in Empfang, um dann ihren Bezirk zu bear⸗ beiten.“ Diese Geschichte ist frei erfunden, richtiger erlogen. Wie unser Dresdener Parteiblatt nach Informationen an den maßgebenden Stellen feststellt, ist an die Gräfin ntemals das An⸗ tunen, Flugblätter auszutragen, gestellt wor⸗ den und zwar schon deshalb nicht, weil sie stets leidend war.— Für jeden Parteigenossen lag die Unwahrheit dieser Notiz auf der Hand. Wenn in Dresden ein Flugblatt verteilt wer⸗ den soll, stehen mehr Geuossen zu Verfügung, als gebraucht werden und es ist nicht nötig, eine schwächliche Frau zu bemühen, die dazu noch, wenn wir nicht irren, in einem Vorort wohnte. Aber was wäre sonst dabei? Wer aus Ueberzeugung zur Sozialdemokratie kommt, würde selbstverständlich mitarbeiten wo es not⸗ wendig ist, mag er nun Arbeiter, Graf, Groß⸗ herzog oder sonstwas gewesen setn. — Gegen die Konsumvereine wütet das Gießener Amtsblatt bei jeder Gelegenheit. Dieser Tage brachte es wieder eine Notiz aus dem„Vorwärts“, wonach die Lagerhalter über die Arbeitsverhältnisse in Konsumvereinen ge⸗ klagt hätten. Wir wollen nun gewiß nicht behaupten, daß in dieser Beziehung alles zum Besten bestellt ist. Aber soviel steht fest, daß in solchen Konsumvereinen, wo unsere Partei⸗ genossen Einfluß haben, stets auf gute Arbeits⸗ verhältnisse gehalten und auf Besserung ge⸗ drungen wird. Warum wendet aber der An⸗ zeiger sein fürsorgliches Interesse nicht auch andern Arbeitern und nur den Lagerhaltern zu? Warum zieht er nicht einmal die Arbeitsverhältnisse der Bäckerge⸗ sellen, Zigarrenmacher, der Berg⸗ arbeiter hier und in der Umgegend ans Tageslicht? Ja, es muß eben den verhaßten Konsumvereinen eins ausgewischt werden. Das geschieht offenbar mehr in Rück⸗ sicht auf die Inserate der Geschaftsleute, weniger etwa in der Ueberzeugung von der Schädlichkeit der Genossenschaften. — Eine Tabakarbeiterversammlung findet Sonntag, den 24. April im Lokale„Wiener Hof“ statt, in der die Arbeits⸗Verhältnisse in der Tabaksbranche besprochen werden sollen. Daß diese die denkbar ungünstigen sind, brauchen wir nicht weiter auszuführen. Zum guten Teil sind aber die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst an diesen traurigen Zuständen und erbärmlichen Lohnver⸗ hältnissen schuld, weil die meisten es unterlassen, sich der Organisation anzuschließen und ihre Interessen wahrzunehmen. Es werden daher die Kollegen ersucht, in der Versammlung recht zahlreich zu erscheinen und in ihren Bekanntenkreisen für guten Besuch zu wirken. — Von der Biebertalbahn. Das Betriebs⸗ material des Eisenbahnunternehmens, das im Volks⸗ munde die„Bieberlies'““ genannt wird, scheint sich nicht im besten Zustande zu befinden. Ein täglicher Fahrgast klagte uns, daß die Dächer mehrerer Wagen derartig defekt sind, daß es neulich bei dem starken Regen d urch⸗ regnete und die Insassen die Schirme aufspannen mußten. Trotzdem darüber bei dem Zugpersonal lebhaft Beschwerde geführt wurde, war mehrere Tage später der Mangel noch nicht abgestellt und die Leute saßen so gut wie im Freien. Daß man im Eisenbahnwagen wenigstens vor Regen geschützt ist, kann billiger Weise wohl verlangt werden und hoffentlich sieht das auch die Verwaltung ein. Als ein Unrecht muß es ferner bezeichnet werden, wenn Arbeiter, wie das vorgekommen ist, des Sonntags mit ihrer Wochenkarte zurückgewiesen wurden, obwohl sie den betr. Sonntag im Geschäfte ihres Arbeitgebers tätig sein mußten. Dieses Verfahren wird nicht einmal bei preußischen Staatsbahnen beliebt. — Zu den Kontrollversammlungen haben aus der Stadt Gießen auf dem Hofe der alten Kaserne am Brand zu erscheinen: Montag, den 18. April, vorm. 8 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1891, 1892, 1893, außer Ersatzreservisten. Die oben unter Nr. 1 Aufgeführten aller Jahrgänge(Offtztere 2c.). Montag, den 18., nachm. 2 Uhr, die Jahrglage aller Waffen aus 1894, 1895, außer Ersatzreservisten. Dienstag, den 19., vorm. 8 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1896, 1897, außer Ersatzreservisten. Dienstag, den 19., nachm. 2 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1898, 1899, außer Ersatzreservisten. Mittwoch, den 20., vorm. 8 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1900, 1901. 1902, außer Ersatz⸗ reservisten. Mitt woch, den 20., nachm, 2 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen von 1891 bis 1896, mur Ersatzreservisten. Mittwoch, den 20., nachm. 4 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen von 1897 bis 1903, nur Ersatzreservisten. In Lollar am Bahnhof: Donnerstag, den 21. April, vorm. 9 Uhr, die Kontrollpflichtigen der Orte: Allendorf a. d. Lda., Climbach, Daubringen, Heibertshausen, Lollar; nachm. 2½ Uhr: Mainzlar, Ruttershausen, Kirchberg, Friedelhausen, Staufenberg, Treis a. d. Lumda. In Grünberg finden die Kontrollversammlungen am 23. April, in Lich am 23., in Hungen am 25. April für die dazu gehörigen Ortschaften statt. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen. — Der lieben Geistlichkeit liegt unser Land⸗ kalender schwer im Magen, daß beweist das Geschimpfe, mit dem ihn die schwarzen Herren überschütten. Es geht auch nicht ohne Einschüchterung der Gläubigen durch Mißbrauch von Kanzel und Beichtstuhl ab. So wird aus Obererlen bach der„Frkftr. Volksst.“ geschrieben: Am Tage nach der Verbreitung des„roten“ Hessischen Landboten befahl der Herr Pfarrer den Schulkindern, denselben zu verbrennen. Der Kalender wurde übrigens sehr gut aufgenommen, auch von guten Katholiken. Wenn der Herr Pfarrer glaubt, der hiesigen sozialdemokratischen Bewegung durch derartige Hetzereien Abbruch tun zu können, so ist er auf dem Holzwege. Die Stimmenzahl, die bei der vorjährigen Reichstagswahl auf unseren Kandidaten fiel, müßte ihn doch eines Anderen belehrt haben, aber—„wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit“. Die Folgen„ christlicher Seelsorgetätigkeit“ im Beichtstuhl und auf der Kanzel können nicht ausbleiben. Sie werden dieselben Früchte zeitigen, wie in Schlesien. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Den Erstickungstod erlitt in Hermann⸗ stein der Taglöhner Kegel aus Aßlar dadurch, daß ihm beim Frühstück ein Stück Solberfleisch in der Kehle stecken blieb. Der Verunglückte war ein alter Kriegs⸗ veteran, der die Feldzüge von 64, 66, und 70 mitge⸗ macht hatte. Er suchte sich durch Gelegenheitsarbeiten, Holzspalten, Grubenreinigen ꝛc. schlecht und recht durch⸗ zubringen. Nebenbei war er aber dem Alkohol nicht ab⸗ hold und dadurch etwas heruntergekommen. Dem allen Veteranen gab aber nicht ein einziger Kamerad des Aß⸗ larer Kriegervereins das letzte Geleite. Wir hörten bis⸗ her, daß in den Kriegervereinen gegen hoch und nieder gleiche Kameradschaft geübt würde. h. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich am Mittwoch auf dem Bahnhofe in Braunfels. Als dort der Bahnschaffner Griebel aus Leun im Begriff stand, Güterwagen mit Zetteln zu bekleben, geriet er zwischen die Puffer und erlitt dabei so schwere Verletz⸗ ungen, daß er trotz sofortiger ärztlicher Hilfe nach wenigen Minuten eine Leiche war. Griebel hinterläßt Frau und ein Kind. Er erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. h. Leberwurst mit Mehlzusatz.„Für ungültig erklärte das Kammergericht eine Polizeiverordnung, welche für Leberwurst ge⸗ ringerer Qualität bis zu solcher, die 70 Pfg. das Pfund kostet, nach bestimmten Prozentsatzen Mehlzusatz gestattet. Das Kammergericht geht bavon aus, daß„Wurst“ nur aus Teilen tieri⸗ schen Körpers und Gewürzen bestehe. Jeden⸗ falls dürfe nicht durch Polizeiverordnung ein Mehlzusatz zur Wurst ausdrücklich gebilligt werden.“ Das können sich auch verschiedene Wetzlarer Metzger merken. Und selbstver⸗ ständlich ist die Verarbeitung kranken Viehes zu Wurst auch nicht erlaubt. Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. * Dr. Burckhardt, der Reichstagsab⸗ geordneter für Dillenburg⸗Herborn hatte be⸗ kanntlich das„Herborner Tageblatt“ verklagt, weil es ihm den Vorwurf gemacht hatte, während des Reichstagswahlkampfes wissentlich mit unwahren Behauptungen gegen seinen Gegner, den nationalliberalen Amtsrichter Hofmann operiert zu haben. In der Klagesache kam es in der zweiten Instanz zu einem Vergleich. Verschiedene unserer Parteiblätter hatten nun, gestützt auf das erstinstanzliche Gerichtser⸗ kenntnis, die Wahrheitsliebe des Stöckerfreundes tn die richtige Beleuchtung gerückt. Das ver⸗ droß Herrn Burckhardt und er schickte dem „Vorwärts eine Berichtigung, in der er bestritt, daß das Gericht ihm das Zeugnis der Un⸗ wahrhaftigkeit ausgestellt habe. Dem stellte der„Vorwärts“ einen Auszug aus der Urteils- begründung gegenüber, worin gesagt wird: „In dem fraglichen Artikel ist dem gegnerischen Kindidaten(Herrn Burckhardt) der Vorwurf gemacht, daß er über die Stellung des nationalltberalen Kandi⸗ daten bezw. Abgeordneten, Amtsgerichts⸗Rats Hofmann. zur Frage der italienischen Arbeiter eine falsche Mei⸗ nung in den einheimischen Arbeitern erweckt und da⸗ durch einen geradezu fanatischen Haß derselben gegen Hofmann erregt habe. Er, Burckhardt, habe zunächst die betr. Rede des Abgeordneten Hofmann(gehalten im Reichstage aan 18. Januar 1902) überall bei seinen Agitationsreden und Parteiversammlungen so besprochen und interpretiert, als sei Hofmann für die italienischen Arbeiter wegen deren angeblich besseren Leistungen ein⸗ getreten, er habe damit den wahren Sinn jener Aeuße⸗ rungen gerade in ihr Gegenteil verkehrt, da sie besagen sollten, daß gerade für die deutschen Arbeiter in erster Linie gesorgt werden müßte und nicht für die auslän⸗ dischen, die vielmehr durch Verbilligung der Rückreise und andre Mittel, die Konkurrenz mit den einheimischen Arbeitern zu verhüten bezw. zu beseitigen. zum Abzug veranlaßt werden müßten; die in diesem Zusammenhang von Hofmann gesprochene Aeußerung, daß die Italiener wegen ihrer besonderen Tüchtigkeit zu Erdarbeiten viel⸗ fach bevorzugt würden, habe also gerade die Notwendig⸗ keit besonderen Schutzes gegen dieselben für die ein hei⸗ mischen Arbeiter betonen wollen. Statt dessen behaupte das von dem Privatkläger verfaßte„Christlich⸗Soziale Handbuch für Jedermann“:„Hofmann tritt für die italienischen Arbeiter ein, die unsre deutschen Arbeiter in ihrem Erwerb schädigen. Das mögen sich die Ar⸗ beiter merken,“ und als dem Privatkläger nun von gegnerischer, nationaler Seite, dies vorgehalten worden sei, habe er die von ihm verbreiteten unwahren Behaup⸗ tungen dadurch von sich abzuwälzen gesucht, daß er sich auf seinen Parteigenossen v. Oertzen berufen, der jenen Satz im Wahlbüchlein aus der Hofmannschen Rede aus⸗ gegraben und ihm zugestellt habe. Aber auch dann, als ihm die Unwahrheit seiner— die Hof⸗ mannsche Rede betreffenden Behauptungen— bekannt sein mußte, habe er nichts getan, um die Sache aufzuklären, so daß ihm der Vorwurf ge⸗ macht werden müsse und auch gemacht worden sei, er habe wissentlich unwahre Behauptungen ver⸗ breitet, um die Arbeiter gegen den bisherigen Abgeord⸗ neten aufzuhetzen. Dieses Verfahren des Privatklägers als nicht aufrichtig zu kennzeichnen, muß als ein gutes Recht des Gegners erachtet werden Es ist ja möglich, daß sich Burckhardt hier in einer etwas ungünstigen Situation befand, ö — —— 1 ö Roben N Nr. 5 — wa, al, Tel! Geuic 15 t. lung uu Gol I. 0 amn voch, de schule erscheine 0 Unter ung nögliche sst er sofalde Gfunde, Sonnta Trohden unsonst werden schreclli dem u. Sieber Lesen portbilt hel d stobert „Frau. bildung unthei befehen bannen palriot 0 win Leue zu zwe schelf und 5 lassen, belei berords Ga saltzel einem pl na hunden dem wind herbur zab⸗ be⸗ lagt, rend mt ger, mann N eg leich. nun, ger indes her⸗ dem tritt, Un⸗ telle tells chen ma cht, ande nann, Nei⸗ d da⸗ gegen hächst en im selnen tochen ilschen ein⸗ leuße⸗ dagen erstet Aölän⸗ resse ichen Abzug Ahang allener l beel⸗ dl glahei⸗ — Nr. 16. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. — ̃—————„— Seite 5. indem er— vielleicht— von politischen Geg⸗ nern abgeurteilt wurde, weshalb man diesem Urteil und seiner Begründung nicht allzugroßes Gewicht beilegen dürfte. Aber von der unauf⸗ richtigen Kampfesweise haben wir ohnehin Proben genug. i ö t. Eine schristlich⸗soziale Ve⸗samm⸗ lung fand am Freitag(8. April) in Frohn⸗ hausen statt, dem Orte, wo der christliche Sozialismus durch Einschlagen der Fenster und Prügeln der Gegner propagiert wird. Herr Dr. Burkhardt war der Redner und gab sich Mühe, seine durch den Herborner Prozeß etwas ramponierte Wahrheitsliebe wieder zu reparieren. Gelungen ist's ihm nicht. Unter anderm erzählte er seinen Schäflein, er sei für die Erhöhung der Kriegsinvaliden⸗Rente einge⸗ treten. Seit Dr. Burkhardt im Reichstage ist, wurde dort über diesen Punkt noch gar nicht verhandelt! aus dem greife Marpurg⸗Nirchhain. r. Ortskrankenkasse. Die nächste Generalver⸗ sammlung der Marburger Ortskrankenkasse findet Mitt⸗ woch, den 20. April, abends 8 Uhr in der alten Real⸗ schule statt. Die Mitglieder wollen dazu recht zahlreich erscheinen. r. Die politische Polizei in Marburg. Unter polizeiliche Kontrolle ist der hiesige Fortbild⸗ ungsverein gekommen, Obwohl der Verein bei allen möglichen patriotischen Festen und Umzügen mitwirkt, ist er doch bei der Polizei in den Verdacht gekommen, sozialdemokratisch gesinnt zu sein, und zwar aus dem Grunde, weil— weil— weil— die„Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ und der„Wahre Jakob“ aufliegt. Trotzdem diese beiden Zeitungen der Fortbildungsverein umsonst von der sozialdem. Partei in Marburg erhält, werden sie jetzt verschwinden müssen. Es ist ja auch schrecklich, wenn die Mitglieder des Fortblldungsvereins, dem u. a. auch der Oberbürgermeister, der Beigeordnete Siebert, viele Professoren ꝛc. angehören, sich durch Lesen in den beiden sozlaldemokratischen Zeitungen fortbilden könnten.— Ob nun aber auch die Biblio⸗ thek des Fortbildungsvereins von der Polizei durch⸗ stöbert werden wird? Verschiedene Bücher, z. B. Bebels „Frau“ und eine Reihe andere sind zwar zur Fort⸗ bildung vortrefflich geeignet, aber in punkto„Gutge⸗ finntheit“ können sie vor dem Poltlzei⸗Zensor nicht bestehen, man wird sie also aus der Bibliothek ver⸗ bannen müssen. Denn der Fortbildungsverein soll ein patriotischer, königstreuer und gutgesinnter Verein sein, so wünscht es die Polizei und ihr Wunsch ist für viele Leute im Fortbildungsverein Befehl. So ist kaum daran zu zweifeln, daß der Vorsitzende, Professor Westerkamp, schnellstens die Entfernung der poltzeianstößigen Blätter 1 und Bücher anordnen wird.— Nun, uns soll's kalt lassen. Von den 350 Mitgliedern des Vereins find vielleicht nur der 12. Teil Arbeiter, die übrigen Stadt⸗ verordnete, Magistratsmitglieder, Professoren, Lehrer und Geschäftsleute. Deren Sache wäre es, sich gegen die polizeiliche Bevormundung zu wehren, aber man wird einem etwaigen Konflikte sorgsam aus dem Wege gehen. 9 soll nach einer Meldung aus Toulon nicht gestorben, * sondern nur schwer erkrankt sein und sich bereits auf dem Wege der Besserung befinden. Diese Nachricht wird überall in der kämpfenden Arbeiterschaft Freude hervorrufen. Ein vielseitiger Parteimaun. In Lechhausen bei Augsburg wurde dieser Tage ein Gastwirt beerdigt, und zum nicht geringen Erstaunen der Trauerversamm⸗ lung legten am Grabe ihres verstorbenen Mitgliedes folgende Vereine Kränze nieder: 9 1. der katholische Arbeiter⸗ und Bürger⸗ verein; 2. der liberale Bürgerverein und 3. der sozialdemokratische Wahlverein.— Der Mann verstand sein Geschäft.— In einem Nachbarorte von Gießen suchte vor einiger Zeit ein Wirt auf ähnliche Art es allen Leu⸗ ten recht zu machen, der dortige soztaldemokra⸗ tische Wahlverein hatte dafür aber kein Ver⸗ ständnis, sondern dankte für die Mitgliedschaft des Betreffenden. Herren und Kuechte. Zweierlei Poltzeistunde hat die Polizei in Schroda(Posen) festgesetzt. In der Ver⸗ ordnung heißt es: „Ferner wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Louise Michel Verlängerung der Polizeistunde über 10 Uhr hinaus 5 nur für die sogen. besseren Gäste Gültigkeit hat. Personen aus der niederen Volksklasse dürfen nur bis 10 Uhr in den Lokolen geduldet werden.“ Es wird allerdings seine Schwierigkeiten haben, die„Erstklassigen“ von den Angehörigen der„niederen Volksklasse“ zu unterscheiden. r Parteitag für Hessen⸗Nassau. Am Sonntag tagte im Frankfurter Gewerkschafts⸗ hause ein Parteitag für Hessen⸗Nassau und die an⸗ grenzenden Wahlkreise, der von 67 Delegierten besucht war. Aus dem Wahlkreise Höchst waren 26, Wies⸗ baden 8, St. Goarshausen 2, Limburg 2, Dillenburg⸗ Herborn 4, Frankfurt 4, Hanau 11, Marburg 1, Wetz⸗ lar 5, Aschaffenburg 3, Lohr 1 Delegierte anwesend und außerdem Abg. Schmidt⸗Frankfurt sowie die Ge⸗ nossen Brühne, Lehmann, Gräf und Diehl als Kandi⸗ daten der Wahlkreise. Nachdem der Gesangverein„Union“ zwei Lieder in prächtiger Weise zum Vortrag gebracht und nach Wahl des Bureaus, das sich aus den Genossen Maler⸗Frankfurt, Rudolf⸗Rödelheim, Hüttmann⸗ Frankfurt, Fauth⸗Wetzlar und Trott⸗Haiger zu⸗ sammensetzt, wird in die Beratung der Tagesordnung eingetreten. Als deren erster Punkt wird die Organi⸗ sationsfrage behandelt Bis jetzt war für die sechs nassauischen Kreise sowie für Wetzlar, Marburg, Hanau, usw. eine Provinzialorganisation nicht vorhanden, viel⸗ leicht das einzige Gebiet im Reiche, das über eine solche nicht verfügt. Errichtung einer Organisation war also die Hauptaufgabe des Parteitags. Es lag hierzu eine Resolution von dem Genossen Mater⸗Frankfurt und ein Organisationsentwurf von Gen. Vetters⸗Gießen (vom III. nassauischen Wahlkreis delegiert) vor. Nach eingehender Beratung wurde der Entwurf des Genossen Vetters angenommen. Er gipfelt darin, daß für den Regierungsbezirk Wiesbaden und sür die ihm angrenzen⸗ den Wahlkreise ein Agitatlonsbezirk geschaffen wird, dem auch Aschaffenburg, Lohr und Friedberg sowie Marburg beitreten können. An die Spitze dieser Organisation wird ein Agitationskomité von 5 Mitgliedern gestellt, das seinen Sitz in Frankfurt hat. Zur Beratung wichtiger Fragen kann dieses Komité die Vorstände der Kreisorganisationen und die Kandidaten der einzelnen Wahlkreise hinzuziehen. Es hat allzährlich einen Partei⸗ tag für die Provinz einzuberufen. Die Beschlüsse des Provinzialparteitages sind für die Genossen im Bezirk bindend. Jeder Wahlkreis hat pro Jahr und Kopf seiner organisterten Genossen 20 Pfg. als Beitrag zur Bezirkskasse zu leisten. Publikationsorgane des Komités sind die Frankfurter„Volksstimme“, das„Offenbacher Abendblatt“, die„Mainzer Volkszeitung“ und die„Mittel⸗ deutsche Sonntagszeitung“. In den geschäftsführenden Vorstand der veuen Organisationen wurden gewählt: Gewerkschaftssekretär Hüttmann, Arbeitersekretär Gräf, Konsumvereinsverwalter Althaus, Gewerkschaftssekretär Dorschu und Parteisekretär Dittmann. Nach Erledigung der Organisationsfrage hielt Gen. Dr. Quarck ein sehr beifällig aufgenommenes Referat über die Aufgaben der sozialdemokratischen Gemeinde⸗ vertreter. Wir haben die Ausführungen Quarcks im heutigen Leitartikel im Wesentlichen wiedergegeben. Eine kucze Debatte schloß sich an das Referat nnd zum Schluß wies Gen. Mater⸗Frankfurt noch auf Ver⸗ breitung der Presse als unser vorzüglichstes Agitations⸗ mittel hin. Er betonte, daß die„Volks stimme“ in Bezug auf Reichhaltigkeit von keinem bürgerlichen Organ mehr überflügelt werden könne. Wenn sich die Genossen ihre Verbreitung weiter angelegen sein lassen, wird noch weitere Vergrößernng und Verbesserung möglich sein, weil jeder Gewinn nicht zur Bereicherung eines Kapita⸗ listen, sondern zur Verbesserung des Blattes verwendet wird. —.—u————.8— Partei-Nachrichten. Die sozialdemokratische Fraktion bringt eine Interpellation wegen des Stilllegens der Kohlengruben im Ruhrgebiete im Reichstage ein. Der Parteitag der sozialdemokratischen Partei soll in Bremen in diesem Jahre schon im August und zwar 21. bis 27. im Anschluß an den internatlonalen Kongreß stattfinden. Bier Monate Gefängnis wurden dem ver⸗ antwortlichen Redakteur des Kasseler„Volksblatt“, Ge⸗ nossen Garbe zudiktiert, weil er den Präsidenten und die Räte der Königlichen Eisenbahndirektion Kassel be⸗ leidigt haben soll. Die Beleidigung soll in einem Artikel über die Verteilung der Weihnachtsgratifikationen begangen worden sein. Das Gericht ging über den Antrag des Staatsanwalts hinaus, der auf drei Monate lautete. Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! Samstag, den 16. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Stichwahl zum Ver⸗ bandstage.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung auf der Wilhelmshöhe, T.⸗O.: Beschlußfassung über Anschaffung einer Fahne. Sonntag, den 17. April. Heuchelheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Nachmit⸗ tags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Karl Stein⸗ müller. Staufenberg. Volks verein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Zecher. Wichtige Tages⸗ orbnung! Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. 5 .— Die Reformatoren als Fürstendiener“. Der deutsche Bauernkrieg von 1525 war der elementare Verzweiflungsausbruch des Vol⸗ kes gegen das kirchliche und adlige Herrschafts⸗ system des Mittelalters, welches durch die Ent⸗ wicklung der Geldwirtschaft überwunden wor⸗ den war. Diese Entwicklung ging mit unbarm⸗ herzigen Schritten weiter ihren Weg, und das blutige Bauerndrama beim Ausgange des Mittelalters half nur die Steine beiseite zu räumen, welche die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft hinderten. Der Bauernkrieg hat das meiste mit dazu beigetragen, die ökonomischen Grundlagen der alten klerikalen Herrschaft, welche das Mittel⸗ alter kurzweg als die Pfaffenwirtschaft bezeich⸗ nete, zu erschüttern und zu beseitigen. Die Geistlichkeit war beim Ende des Bauernkrieges am schwersten geschädigt. Der Kirchenkoloß, gesättigt von seinem Riesenreichtum, hatte den revolutionären Bauern den wenigsten Widerstand leisten können. Der ganze ungeheure Vorrat der Kirchen, Klöster und Stifte, des geistlichen Herrentums überhaupt, an Lebensmitteln aller Art, an Wein, Vieh, an gewerblichen Pro⸗ dukten, Arbeitsgeräten, Kleidern, Stoffen, Kost⸗ barkeiten in Gold und Silber, Kunstgegenständen usw. war in den Händen der Bauern zerronnen. Wohl den letzten fetten Klosterkarpfen hatten sie aus den Teichen herausgefischt. Vielfach waren die in Jahrhunderten in den Kloster⸗ bibliotheken aufgestapelten Schätze der Wissen⸗ schaft mit den Dokumenten ihrer Sklaverei von den Bauern vernichtet worden. Ueberall, wo die Bauern aufgestanden waren, zeigten die schwarzen Brandmauern geistlicher Niederlassung den Weg, den die Haufen genommen hatten. So rasch und so blutig der Bauernaufstand niedergeschlagen worden war, so schwerfällig sich die Bauernhaufen bewegt hatten, sie hatten doch einen furchtbaren Aderlaß am Leibe der Kirche vorgenommen, von dem sie sich nie wie⸗ der erholen konnte. Alle geistige und politische Herrschaft ist begründet auf ökonomischer Macht. Die ökonomische Macht der Kirche in Deutsch⸗ land war im Bauernkrieg in tausend Trümmer geschlagen worden, nun war es auch mit ihrer ausschließlichen geistigen und politischen Herr⸗ schaft vorbei. Den großen Zusammenbruch der mittelalterlichen Pfaffenherrschaft bewirkte nicht * Wir entnehmen diesen Aufsatz dem eben im Ver⸗ lage des Vorwärts erscheinenden Lieferungswerke: Wider die Pfaffenherrschaft von unserm leider so früh verstorbenen Gen. Roseno w. Aus dem Prospekt, der unserer heutigen Nummer beiliegt, können die Leser das weitere über den äußerst reichhaltigen und gediegenen Inhalt des Werkes ersehen, dessen Text durch zahlreiche sehr gute Illustrationen belebt wird. Hoffentlich sindet das verdienstliche Werk den Beifall der Arbeiter und den nötigen Erfolg, damit es dem Verlage möglich ist, die Aufklärungsarbeit durchzuführen. Seite 6. Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung. Nr. 16. Martin Luther, es waren die deutschen Bauern von 1525, die ihn in der Wirklichkeit herbeiführten. Weit über 1000 Klöster und Schlösser lagen in Asche. Mönche und Nonnen wanderten obdachlos umher, bettelten von Tür zu Tür und verkamen im Lumpenproletartat, soweit sie nicht gelernt hatten, sich mit einer bürger⸗ lichen Hantierung durchzubringen. Da die Dörfer der Bauern von dem siegenden Herrentum nie⸗ dergebrannt, die Bauern selbst im Kriege er⸗ schlagen oder durch den Nachtrichter gehenkt und geköpft worden waren, mangelte es an Arbeitskräften. Der fette Ackerboden, die Wein⸗ berge, die Wiesen lagen brach, und die Fürsten hatten ihre stille Freude an der Hilflosigkeit des geistlichen Herrentums. Der Bauernkrieg hatte die Säkularisation des Kirchen⸗ gutes populär gemacht. Was vor dem Bauern⸗ krieg aur Absicht gewesen war, das ward jetzt mit der Tat vollführt. Die Fürsten zogen die Kirchen⸗ und Klosterländereien ein und ver⸗ größerten damit ihre Territorien. So machte der Landgraf Philipp von Hessen nach der Niederwerfung des Bauernaufstandes im Stifte Fulda den Abt, der zuvor sein Lehnsherr ge⸗ wesen war, zu seinem Dienstmann, und andere Fürsten verfuhren ebenso. Die Säkularisation der geistlichen Güter dauerte von nun ab un⸗ unterbrochen an. Die Städte taten es dabei den Fürsten gleich. Wo in den Städten privi⸗ legierte Kirchenherren saßen, da zwangen die Stadtverwaltungen sie, auf ihre Privilegien um eine geringe oder auch gänzlich ohne Ab⸗ findung zu verzichten. Die Klostergüter wurden städtisch, die Klosterhöfe, die bereits inmitten der Städte lagen, verschwanden. Man riß die Mauern nieder und die Höfe wurden zu Markt- plätzen. Mit dem Besitz verschwand die alte Macht des Klerus. Die feisten Bettelmönche mußten sich ducken und genügsam sein, damit man sie in der Stadt fürderhin duldete. Mit dem alten klerikalen Regiment über die Stadt hatte es ein gründliches Ende. Den kleinen Adel riß die Kirche in ihren Zusammenbruch mit hinein. Durch das ganze Mittelalter hindurch war er abhängig von ihr gewesen und mit dem Klerus verschwistert und verschwägert. Als die Kirchenherrschaft stürzte, stürzte auch die Adelsherrschaft; neben dem rauchenden Trümmerhaufen des Klosters sah man auch das feste Adelsschloß zerschossen und verbrannt daliegen. Seine Burgen und Schlösser wieder aufzubauen, hatte der Adel keine Mittel. Wohl waren die Bauern mit schweren Brand⸗ schatzungsgeldern belegt worden, doch waren sie viel zu arm und ausgesogen, um den auf⸗ erlegten Pflichten nachkommen zu können. Die Kriegsentschädigung der adligen Herren stand 5 00 nur auf dem Papier, in Wirklichkeit Bag ie nicht ein. Wo aber die Gelder der auern erpreßt werden konnten, wußten die Herren besseres zu tun, als Schlösser zu restau— rieren. Denn alle Raubburgen nutzten ihnen nichts mehr, da die Fürsten ihnen die alten Raub⸗ und Beuterechte genommen hatten. Sich wie ehedem in den Schoß der Kirche zu flüchten, schien dem Adel zwecklos. Das hatte nur Wert gehabt, als die Kirche den Adelssöhnen und Töchtern noch in Stiften und geistlichen Herrensitzen gute Existenzen und Herrenxechte in geistlichem Gewande zu bieten vermochte. Die Zeit schien für immer vorbei. Da sah sich denn der Adel nach einem andern Unterschlupf um und fand ihn bei den Fürsten. Die Heere der Fürsten hatten den Adel vor der Bauernrevolution gerettet, jetzt begab sich der Adel in fürstliche Dienstbarkeit und fand eine neue Existenz. Wie der Adel, so auch die Städte. Auch sie hatten die Hilfe der Fürstenheere nötig gehabt und sie mußten die Hilfe mit dem Verlust ihrer Selbständigkeit bezahlen. Die Furcht der städti⸗ schen besitzenden Klasse vor einer neuen Erheb⸗ ung des Proletariats trug dazu bei, die Städte an die Seite der Fürsten zu drängen. So wurden denn die Reichsstädte den fürstlichen Territorien einverleibt oder kamen doch wenigstens in eine moralische Abhängigkeit von der fürst⸗ lichen Macht. Aus der Tragödie von 1525, aus der loka⸗ len Zersplitternng und Verwirrung ging sieg⸗ reich hervor die wirtschaftliche und politische Machtzentralisation. Der in der Entwicklung begriffene Kapitalismus und das Fürstentum, sie standen triumphierend über der nieberge⸗ zwungenen Kirchenherrschaft auf der Scheide zwischen Mittelalter und Neuzeit.„Die kapi⸗ talistische Aera“, sagt Karl Marx,„dattert erst vom 16. Jahrhundert.“ Von den beengenden Schranken der mittelalterlichen Kirchenherrschaft frei, entfaltete das Großkapital seine volksaus⸗ beutende Tätigkeit. Der„Fürkauf“, die Mono⸗ polienwirtschaft, die Macht der großen Handels⸗ häuser und Handelsgesellschaften stieg. Die Preise aller Produkte wurden durch den kauf⸗ männischen Handel in die Höhe getrieben. Die Ausbeutung blieb und stieg, an Stelle der mittelalterlichen Kleriker stand der Kaufmann und Kapitalist. Ihre Ungeheuer gewannen die Fürsten. schwächeren Konkurrenten in der politischen Macht lagen am Boden, ste selbst nahmen jetzt die Zügel aller Macht straff in die Hand. Sie zogen auch die Hauptbeute aus dem Bauern⸗ kriege, nicht bloß durch die Säkularisation des Kirchengutes, die Annexion der Reichsstädte, sondern auch durch die ungeheueren Summen, welche die Brandschatzungsgelder von Städten und Bauernschaften in die fiskalischen Kassen brachten. Sie hatten überdies durch die Be⸗ seitigung der vielen Privilegien der Städte freiere Hand zu Steuer- und anderer Schatzung der Massen, wodurch sich wiederum ihre Macht und ihr Ansehen erhöhte. Diese Machtstetgerung bewirkte, daß bald alle Welt den fürstlichen Interessen zu dienen beganu. Luther, der wittenbergische Reformator, der solches schon vor dem Bauernkriege getan, tat es nun erst recht und in einer harten bru⸗ talen Form, welche die Vertreter der alten Kirchenmacht zu heftigem, berechtigtem Wider⸗ spruch herausforderte. Deutlich offenbarte sich jetzt die reaktionäre Natur Luthers. Fortge⸗ setzt war er tätig, der politischen und sozialen Knechtung des Volkes das Wort zu reden. „Die Schrift nennt die Oberkeit“, schrieb Luther im Jahre 1526,„Stockmeister, Treiber und Anhalter durch ein Gleichnis. Wie die Esels⸗ treiber, welchen man allezeit muß auf dem Halse liegen, und mit der Ruten treiben, denn sie gehen sonst nicht fort: also muß die Ober⸗ leit den Pöbel, Herrn Omnes, treiben, schlagen, würgen, henken, brennen, köpfen und rade⸗ brechen, daß man sie fürchte und das Volk also im Zaume gehalten werde. Denn Gott will nicht, daß man dem Volke das Gesetz allein fürhalte, sondern daß man auch das⸗ selbige treibe, handhabe und mit der Faust ins Werk zwinge.“ Die Obrigkeit müsse„den rauhen ungezogenen Herrn Omnes zwingen und trei⸗ ben, wte man die Schweine und wil⸗ Ded Fei trait und zwingen. (Sämtl. Werke XV.) Mit denselben brutalen Worten redete Luther für die Leibeigenschaften der Dienst⸗ boten, die in jener rohen Zeit unter Faust und Prügel standen.„Niemand könne“, so sagt Luther in seinen 1527 erschienenen Pre- digten,„das Volk anders im Zaum halten denn mit dem Zwang äußerlichen Regiments. Wäre aber die Faust und Zwang da, daß nie⸗ mand mucken dürfe, er hätte die Faust auf dem Kopf: so ginge es besser, sonst sind es kein nutz.... Ein Knecht galt dazumal einen Gulden oder achte, eine Magd einen Gulden oder sechse, und mußte tun, was die Frau mit ihr macht. Und sollt die Welt lang stehen, könnt man's nicht wohl wieder halten im Schwang, man müßt es wieder aufrichten.“ Er berief sich auf das erste Buch Mosis, auf Abimelech, der Abraham und Sarah mit Scha⸗ fen und Rindern zugleich auch Knechte und Mägde gegeben hatte.„Das hat er ihr geben über die Schaf, Rinder, Vieh, daß sie ste verkauften, wie sie wollten: wie noch schier das beste wäre, daß es noch wäre, kann doch sonst das Gesind Niemand zwingen noch zähmen.“(Ebenda XXXIII.) 1529 behauptete er gar, daß die Bauern sich in bessrer Lage als die Fürsten befänden.„Ich bin sehr zornig auf die Bauern, die da selbst wollen regieren, und die solchen ihren Reichtum nicht erkennen, daß sie in Frieden sitzen durch der Fürsten Hülfe und Schutz. Ihr ohnmäch⸗ tigen groben Bauern und Esel, wollt ihr's nicht vernehmen? Daß euch der Donner er- schlage! Ihr habt das Beste, nämlich Nutz, Brauch, Saft aus den Weintrauben, und lasset den Fürsten die Hülsen und Körner. Das Mark habt ihr und sollet noch so undankbar sein und nicht beten für die Fürsten und ihnen nur Nichts geben wollen?“(Ebenda XXXVI.) Die lutherische Geschichtsschreibung sucht, wofern sie nicht diese Auslassungen einfach tot⸗ schweigt, den Anschein zu erwecken, als sei dies nur die ungefügige Sprache der Zeit. Ganz anders und milde aber hätten die Menschen ge⸗ handelt. Geschichtsklitterung! Denn auch in kon⸗ kreten Fällen hat Luther nach diesen mittelalter⸗ lichen Anschauungen gehandelt. Heinrich von Ein⸗ siedel bat Luther um Rat, als seine Bauern über die unerträglichen Fronen seufzten. Da riet ihm Luther, neue 1 70 55 solle er nicht auf⸗ legen, aber wegen der von den Eltern und Voreltern überkommenen Fronen brauche er sich kein Gewissen zu machen;„es wäre nicht gut, daß man das Recht, die Fronen zu tun, ließ fallen und abgehen, denn der gemeine Mann müsse mit Bürden belastet sein, würde auch sonst zumutwillig“. (Kapp, Nachlese ꝛc. zur Erläuterung der Re⸗ formatlonsgeschichte nützlicher Urkunden. Leip⸗ zig, 172733, I. 281.) Melanchthon ging noch weiter und riet dem Bauernbedrücker: „Euer Ehrenvest soll keine Veränderung in den alten Frondiensten machen und soll das Ge⸗— wissen allzeit feststehen.... Und ist sehr schön geredet im Spruch Sirach 33, welchen auch Herr Georgius Spalatinus allegiert: wie dem Eselsein Futter, Last und Ruthe gehöret, also gehört dem Knecht sein Brot, Arbeit und Strafe. Es müssen solche äußerliche, leibliche Dienste sein, die können auch nicht an allen Orten gleich sein, und ist dennoch Gott solche Ordnung ge⸗ fällig.“(Corpus reformatorum, VII. 432.) Eine solche verächtliche, förmlich mit Fuß⸗ tritten redende Sprache wendeten Luther und Melanchthon gegenüber dem arbeitenden Volke an. Sie wurden die eigentlichen„Erfinder der Lehre von der unbedingten Unterwerfung unter die Obrigkeit.“(Scherr.) Aber auch diese reaktionäre Sprache wurde nur geboren aus der Konstellation der politischen Macht nach dem Bauernkriege. Die alte Kirche lag am Boden, das Papsttum hatte keinen starken Arm mehr. An seiner Stelle stand das Fürstentum, alle Fäden der Macht in seinen Händen sammelnd. Diese Macht stieg von Tag zu Tag, ihr ge⸗ hörte die Zukunft. Und das Fürstentum, welches seine Richter, seine Gefängnistürme, seine Kriegs⸗ streitkräfte in der Nähe hatte, beobachtete seit dem Bauernkrieg die Witteberger Reforma⸗ toren mit bohrendem Mißtrauen. Unermüdlich waren die Federn der alten Klerisei tätig, Luthers radikalen Schriften vor dem Bauern⸗ krieg die Schuld am Jahre 1525 zuzuschreiben. So hofften sie der Fürsten Ohr und Arm zu gewinnen, die alte Kirche vor gänzlichem Ver⸗ 1 fall zu retten. Alle Welt huldigte der glän⸗ zenden Fürstenmacht und suchte ihre Gunst zu gewinnen. Sebasttan Franck, ob er auch ein Gegner der alten Kirche war, schrieb dennoch: 1 „Sunst im Papsttum ist man viel freier ge⸗ wesen, die Laster auch der Fürsten und Herren zu strafen, jetzt muß alles gehoffieret sein, oder es ist aufrührerisch, so zart ist die letzt Welt Inmitten des all. C2 gemeinen Wettlaufs um die fürstliche Gunst worden. Gott erbarms!“ — dünkte es Luther und Melanchthon gefaͤhrlich, zurückzubleiben! zuvor. So taten ste es denn Allen Nachdem Luther gezögert hatte, seinen Kampf gegen Papst und Klerus mit dem Volke zu führen, mußte er ihn jetzt mit den Fürsten führen. Nach dem für das Volk unglücklichen Ausgang des Bauernkrieges konnte die Refor⸗ 0 mation nur im Schatten der Fürstenthrone stehen oder stie hörte überhaupt auf, zu sein. Jedes Wort zugunsten der unterlegenen Volks⸗ 19 e war; Fursten! deulschla fine Sa keaktion rung wieder ch mit Clczelne ihre Ba wurde d lchliche kungen! Bewegus ganzes 9 agläck dopbelzi ste Lull Vol den betanbw Volk li 8 Nat Du löhnerz wach Gulsher brutale handelt gesglag telalter⸗ ont Ein⸗ ern über Da riet ht auf⸗ In und uche er le nicht zu tun, meine lastet lig“, der Re . Nip N n ging drücker: in den as Ge⸗ r schün n auch : Wie Ruthe knecht k. Es ste sein, n gleich ung ge⸗ 92. it Fuß⸗ her und Volke der der 9 nter 9 diese en aus t nach lag am u Arm kentum, umelnd. ihr ge: welches erlegs⸗ tete set forma. müdlich Bauern hrelbel. um zu u Vel Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung Seite 7. sache galt als umstürzlerisch, die reaktionäre; Gesinnung aber war gnädiger Anerkennung ge⸗ wiß. Deshalb eiferten Luther und Melanch⸗ thon, weit von den Bauern ab und nahe an die Fürsten heranzurücken. Ihre im Grunde rückschrittliche Geistesrichtung, ihr durch die kommunistische Agitation verletztes Klassenin⸗ leresse erleichterten ihnen den Anschluß an die Macht. Aber eine andere Folge hatte Luthers Ver⸗ halten im Zusammenhang mit dem schlimmen Ausgang des Bauernkrieges: die ganze Bewe⸗ gung gegen die mittelalterliche Kirche wurde damit aufgehalten und der Grund zu der großen kirchlichen Spaltung in Deutsch⸗ land gelegt. Als das Luthertum in so enger Verbindung mit den Fürsten auktrat und alles rechtfertigte, was auch den Unterlegenen geschah, da war) die ganze Bevölkerung des von den Fürstenheeren so schwer heimgesuchten Süd⸗ deutschland von wildem Haß gegen Luther und seine Sache erfaßt. Luthers und Melanchthons reaktionäre Haltung bewirkte, daß die Bevöl⸗ kerung Süddeutschlands dem alten Klerus wieder zufiel, zumal dieser klug genug war, es mit dem Volke nicht ganz zu verderben. Einzelne kirchliche Herren waren milder gegen ihre Bauern als die weltlichen Sieger. Das wurde dankbar vermerkt. Zugleich nutzten alle kirchlichen Federn Luthers reaktionäre Aeuße⸗ rungen weidlich gegen die ganze kirchenfeindliche Bewegung aus und verfehlten nicht, Luthers ganzes Auftreten von Anbeginn für der Bauern Unglück verantwortlich zu machen. Es war doppelzüngige Taktik. Vor den Fürsten machten ste Luther für den Ausbruch der Revolution, vor den Bauern für die schließliche Niederlage verantwortlich. Aber die Taktik wirkte, das Volk lief dem Klerus wieder zu. 80 e eee nterhaltungs eil. 7 2 Des Herren Rache. Nach einer Novellette von Otto Hauser. Dujam war der jüngste Sohn des Tage⸗ löhners Mato; dieser war seit Jahren schon schwachsinnig und hatte ein Auge verloren; der Gutsherr, ein richtiger Ostelbier, ein jäher, brutaler Kerl, der seine Knechte wie Hunde be⸗ handelte und mißhandelte, hafte es ihm aus⸗ geschlagen— Niemand wußte mehr, warum— und seit der Zeit war der alte Mato auch schwachsinnig. Seine Söhne hatten die Miß⸗ handlungen hingenommen wie die andern Knechte auch, ste wußten es nicht besser. Anders Dujam, sein Lieblingssohn. Eben war er vom Militär heimgekommen. Wie groß und stark war er geworden und wie gescheit! Das sah man ihm an den Augen an, er hatte einen so stolzen hellen Blick. Die Dirnen im Dorfe verfeindeten sich bald alle miteinander, denn jede sah in der anderen eine Rivalin. Aber Dujam heiratete nicht. Dujam ging zum Gutsherrn und bat ihn, er möge ihn aufnehmen. So ward Dujam Knecht. Wie ihm der Eutschluß dazu gekommen war, wußte er selbst nicht recht, aber ihm war, als habe er unausgesprochen schon lange in ihm ge⸗ legen, eigentlich schon damals, als er gesehen hatte, wie der Gutsherr seinen Vater schlug. Es war ein Gefühl wie das Bedürfnis nach Rache. Und als er hinkam, sah er den Guts⸗ herrn in seiner schönen Kutsche ausfahren, seinen Vater aber auf der Bank sttzen und Be⸗ sen binden wie früher. Und immer, wenn er eintrat, sah er, wie des Vaters rechtes Auge be glänzen anfing und wie die Narbe stärker ervortrat, und nicht lange darauf ging er zum Gutsherrn. Der war noch wie früher; er hielt auch noch immer die Reitpeitsche in der rechten Hand und drehte an ihrem Knopfe, gerade so 0 wle früher, aber neben ihm stand nun noch eine Dogge, ein großes Tier mit lichtblauen Augen, stark, von nicht ganz reiner Rasse, denn die Lefzen ließen die Vorderzähne sehen. Als Dujam zum Gutsherrn kam, sah das Tier erst seinen Herrn dann ihn an und knurrte. „Gut!“ sagte der Gutsherr,„Du bist stark und kannst Knecht sein.“ Damit war die Sache abgemacht. Dujam war erst einige Wochen auf dem Gutshofe, da merkte der Gutsherr eine Ver⸗ änderung bei seinen Knechten. Wenn er jetzt einen Knecht schlug, so heulte der nicht mehr auf, sondern biß die Lippen zusammen und schwieg. Auch grüßten die Knechte nicht mehr so unterwürfig und Dujam rückte kaum den Hut. Der Gutsherr schlug ihn deshalb einmal mit der Reitpeitsche über den Rücken, gerade als wolle er ihn prüfen. Dujam aber stieß ein Wehgeschrei aus, und so dachte der Guts⸗ herr, ein Anderer sei der Aufwiegler; aber den trotzigen Blick Dujam's hatte er nicht gesehen. Am Abend zeigte Dujam den Knechten die Wunde: ein blutiger Streif zog sich über den Rücken. „Seht Ihr,“ sagte Dujam,„mich hat er geschlagen, und ich hab' ihm nichts getan. Ich habe gefühlt, daß mir das Blut herunter⸗ rinnt, ich hab' aber den ganzen Tag gearbeitet.“ „O,“ sagte ein junger Knecht, der erst ein⸗ getreten war,„geschrieen hast Du aber doch!“ „Ja, geschrieen hab' ich, aber nicht, weil es mir weh tat, sondern weil ich wollte, und weil ich mußte. Denn er darf nicht wissen, daß ich es bin, der Euch sagt, daß Ihr Men⸗ schen seid und keine Hunde. Wer gibt ihm ein Recht, uns zu schlagen? Der Einzelne ist macht⸗ los gegen ihn, aber wenn wir einig sind, wer⸗ den wir ihn zwingen!“ Einige der alten Knechte schüttelten die Köpfe: Das geht nicht, so sei es immer ge⸗ wesen. 5 Aber Dujam sprach weiter von ihren Rech⸗ ten und von den Pflichten des Hausherrn, er sprach von seinem alten, schwachsinnigen Vater und von noch Anderen, die der Gutsherr zu Krüppeln geschlagen hatte, vom Miko, dem er den Arm zerschlagen hatte, und der dann ge⸗ storben ist, weil er ihm keinen Arzt kommen ließ, vom Andro, der nun betteln ging, seitdem ihn der Gutsherr durch einen Fußtritt arbeits⸗ unfähig gemacht hatte; er sprach von den vielen Schlägen und Ungerechtigkeiten, die sie schon Alle hatten erdulden müssen. Und er sprach so gewaltig und seine Augen blitzten so stolz und mächtig, daß ihm endlich Alle bei⸗ stimmten. Da kam der Gutsherr, die Dogge folgte ihm. „Was steht Ihr hier?“ rief er. „Es ist Abend und unsere Arbeit ist getan,“ sagte Dujam. „Dich hab' ich nicht gefragt!“ gab ihm der Gutsherr zurück und zuckte mit der Peüilsche. „Was tut Ihr hier?“ Da ging ein Murmeln durch die Reihen. „Sag's“, flüsterten sie Dujam zu. „Ihr sollt uns wie Menschen behandeln!“ begann Dujam,„wir sind keine Hunde, daß Ihr uns schlagen dürft!“ „Du Hund!“ schrie ihn der Gutsherr an. „Was hast Du mir zu sagen?“ Und er ging auf ihn zu. „Wagt es!“ rief Dujam, und seine Augen blitzten. Dem Gutsherrn trat das Blut ins Gesicht. „Bundasch,“ rief er der Dogge mit zornerstickter Stimme zu,„faß ihn!“ Die Dogge stürzte auf Dujam, der aber ward blaß und eine seltsame Ruhe kam über ihn; er faßte das große, starke Tier an der Kehle, erwürgte es mit beiden Händen und schleuderte es dem Gutsherrn zu Füßen, Alles in eisiger Ruhe. Was war das? Solches hatte noch Keiner gewagt? Der Gutsherr war wie gelähmt, er sprach kein Wort, bebend ging er zurück. Er trat ins Zimmer. An der Wand hingen Flinten und Pistolen. Nein! nicht jetzt! Die Rache will kalt genossen sein! Die darauf folgenden Wochen war der Gutsherr ein Anderer, er schlug Keinen mehr, und die Knechte dankten dem jungen Dujam, das ganze Dorf hörte davon, und die Kinder malten es sich aus, wie es gewesen sein müsse, als er die Dogge erwürgte. Es war Herbst geworden. Da sagte der Gutsherr eines Tages zu Dujam:„Du sollst eine Fuhre Holz aus dem Walde holen“, und gab ihm an, von welchem Orte er es nehmen sollte. Denn im Walde lag das Holz aufge⸗ schichtet bis zum Herbst. Manche Stöße blieben auch den Winter über draußen. An diesem Tage kam Dujam nicht heim, und als man ihn am andern Tage suchte, fand man ihn etwa hundert Schritte von dem Wa⸗ gen entfernt auf der Erde liegen. Er war tot, eine Kugel war ihm durch die Brust gedrungen. Als man ihn auf den Gutshof brachte, wurden Alle bestürzt, selbst der Gutsherr wußte sich nicht zu helfen; er befahl, sofort anzu⸗ spannen, und fuhr dann in die Stadt, um das, was geschehen war, anzuzeigen. Er gab auch an, daß er wohl selbst der Mörder sei, doch könne er gewiß nichts dafür. Er habe an jenem Tage im Walde gejagt, auch wirklich ein Reh geschossen, aber der Bursche set wohl müßig im Walde herumgestreift, und das habe er doch nicht wissen köunen; er werde wohl durch eine Bewegung im Gebüsch veranlaßt aufs Geradewohl geschossen haben. Alles dies gab er in seiner Bestürzung an und geberdete sich wie ein Verzweifelter. Es kam zu einer Untersuchung, aber der Gutsherr ging selbstverständlich frei aus— denn er konnte ja nichts dafür. Ich meine aber, er hat den Burschen mit Willen erschossen und ihn dann zu jener Stelle hinter das Gebüsch getragen, wo er aufgefunden ward. Denn seither jagte er nie wieder in jenem Teil des Waldes, und seine Haare waren während der Untersuchungszeit weiß geworden; die Knechte auf seinem Hofe behandelte er aber von nun an wieder so wie früher. Beuthen! Ein zeitgemäßes Couplet. Niemand will im Beichtstuhl, Sohn, Deine Sünden wissen! Aber ob du Zentrumsmann, Wirst du sagen müssen. Absolvierung kriegen bloß, Die so schwarz wie Kohlen— Selbstverständlich nicht bei uns, Sondern nur in Polen! Wenn du nicht zum Zentrum schwörst Und es kommt zum Sterben, Kannst du nicht einmal im Tod Gottes Gnad' erwerben. Man versagt das Sakrament Dir ganz unverhohlen— Selbstverständlich nicht bei uns, Sondern nur in Polen. Wenn du etwas lesen willst, Lies nur Zentrumsblätter! Alle andern sind dein Tod, Diese deine Retter. Tust du's nicht, so wird der Bann Ueber dich befohlen— Selbstverständlich nicht bei uns, Sondern bei den Polen. Doch das allerärgste Gift Für kathol'sche Seelen Ist ein Sozi! Niemand darf Einen Sozi wählen! Wer sich ihm verbündet, den Wird der Teufel holen!—— Selbstverständlich nicht bei uns, Sondern bei den Polen! Humoristisches. Kleine Gespräche.„Sehen Sie“, sagte der Großherzog von Hessen zum Abgeordneten Ulrich, „ich unterhalte mich doch mit Ihnen, wenn mir auch der Vorwurf gemacht wurde, es sei nicht standesgemäß.“ —„Trösten Sie sich, könizliche Hoheit,“ erwiderte Ulrich,„der Vorwurf ist mir auch gemacht worden!“ Kindermund. Lehrer: Hans, was weißt du von dem berühmten Dr. Eisenbart? Hänschen: Er hat die Krankenkassen boykottiert, weil sie ihm nicht genug bezahlt haben. (Südd. Postill.) ä 1 5 0 1 — Seite 8. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung No. 16* Kleine Mitteilungen. * Opfer der Arbeit. Ein schweres Bau⸗ ung lück ereignete sich am Sonntag in Frankfurt bei den Abbrucharbeiten in der Neugasse. Eine Brand⸗ mauer stürzte zusammen und begrub drei Arbeiter. Sie wurden noch lebend unter den Trümmern hervor⸗ gezogen, zwei sind schwer verletzt.— Der Rangierer Buschmann in Mainz wurde am Dienstag überfahren und vollständig zermalmt. Allerdings war der Verun⸗ glückte höchst unvorsichtig. Er setzte sich bei einem Ran⸗ gierzug auf die Puffer des vordern Wagens und fiel herunter. ** Durchbrenner. Der schon seit 36 Jahren beim Bankhaus Metzler in Frankfurt in Stellung befindliche Kassierer Jakob Fries hat weit über 100 000 Mark unterschlagen und ist verschwunden. * Fromme Sünder. Die Staatsanwaltschaft in Aachen erläßt einen Steckbrief hinter dem 55 Jahre alten katholischen Pfarrer Ernst Ritzenhoff aus Höngen, im rheinischen Kreise Heinsberg, weil dieser sich eines Sittlichkeitsverbrechens schuldig ge⸗ macht hat.— Das böse Beispiel des Seelenhirten scheint dort in dem frommen Aachen noch weiter Böses geboren zu haben. Wegen Sittlichkeitsvergehen gegen kleine Mädchen wurde nämlich der Händler Laschet von der Aachener Strafkammer zu einem Jahr Gefängnis ver⸗ urteilt. Die ersten Versuche, ihn zu überführen, waren fehlgeschlagen, weil der täglich die Kirche be⸗ suchende, gutsituierte Mann über einen guten Leumund verfügte. Auch war er in verschiedenen Vereinen für die Erhaltung der Zucht und srommen Sitte tätig und trug bei kirchlichen Aufzügen Fahne oder Bruderstab. — Der Färbereibesitzer und Beigeordneter Vogeno aus Haaren bei Aachen wurde von der Strafkammer wegen Unterschlagung von Kirchen gelder uff und Geldern der katholtschen Studentenvereine Deutsch⸗ lands zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt.— Der katholische Lehrer Philipp Liesenfeld in Oberursel i. Taunus, früher in Niederlahnstein, Vater von drei Kindern, wurde von der Frankfurter Strafkammer wegen Sittlichkeits verbrechen an Schülern zu 5 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust ver⸗ urteilt. l Ein Familiendrama hat sich am Sonn⸗ tag in Köln a. Rh. abgespielt. Die Frau des Dach⸗ deckers Zweipfennig aus München⸗Gladbach unterhielt seit geraumer Zeit Beziehungen zu dem Arbeiter Flock, bis am Samstag, der bisher getrennt von seiner Frau lebende Ehemann erschien, seinen Rivalen durch zwei Revolverschüsse tötete und mit seiner Frau nach Mün⸗ chen⸗Gladbach flüchtete. Der Mörder sowie seine Frau wurden verhaftet. k Gemeingefährliche Streikbrecher. Bei Wächtersbach wurden die zwei dort wohnenden Maurer, Gebrüder Lißmann, von Streikbrechern in der Nacht von Montag auf Dienstag so schwer miß⸗ handelt, daß der eine, Heinrich Lißmann, seinen Verletzungen erlag. Solche Exzesse sind bei dem stetigen Schutz, den diese„nützlichen Elemente“ von Staatswegen genießen, nicht zu verwundern. * Zermalmt. In der Seemühle bei Rücker⸗ hausen geriet der 17 Jahre alte Sohn des Müllers Ströder in die Kammräder und wurde sofort getötet. Marktbericht. Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 12. April: Butter per Pfund Mk. 0,90—1,00, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 6,00— 7,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 9— 12 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 7,00— 10,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,30—1,40 Mk. Hahnen per St. 0,80— 1,70 Mk., Enten per St. 1,70 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00— 70 Pfg. Fleischpreise in Gießen am 12. April: Ochsen⸗ fleisch per Pfd. 68— 78 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62 bis 68 Pfg., Schweinefleisch 69 bis 72 Pfg., Schweine⸗ fleisch, gesalzen, 76 Pfg., Kalbfleisch 69— 74 Pfg. Hammelfleisch 50—74 Pfg. pr. Pfund. Auf dem Fruchtmarkt in Limburg am 13. April. kostete durchschnittlich pr. Malter: Roter Weizen 15.00 bis 00.00 Mk., Weißer Weizen 00.00- 00 00 Mk., Korn 10.45 Mk., Gerste 0.00 Mk., Hafer 0.00 Mk. Viehpreise in Frankfurt am 11. April(Amtl. Notier.): pr. 100 Pfd. Schlachtgew. Och sen: a. vollfl. ausgem. bis 6 Jahre Mk. 71—73, b junge fleischige, nicht ausgem. ältere ausgem. 66— 69, c. mäßig gen. junge. gut genährte ältere 60—63, Bullen: a. vollfl. höchst, Schlachtw. 60- 62, b. mäßig gen. jüngere und gut gut geu. ältere 57—58. Färsen: a. vollfl. ausgem. höchsten Schlachtw. 61— 63, b. vollfl. ausgem. Kühe höchsten Schlachtw. 58—60, c. ältere ausgem. Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen 45—47, d mäßig gen. Kühe und Färsen 42 bis 44. Bezahlt wurde für 1 Pfund Kälber: a. feinste Pfg. 85—88, b. mittlere 80—84,«é geringe Saugkälber 65—68, d. ältere gering gen. Kälber (Fresser) 00.00. Schafe, Mastlämmer und jüngere Masthämmel, 70— 72, b. ältere Masthämmel 60- 64. Schweine: a. vollfl. der feineren Rassen 53— 00, b. fleischige 5152, c, gering entwickelte, sowie Eber 44— 46 Pfg. Sonntag, 17. April Frühjahrsfest mit Tanz. Es ladet freundlichst ein Eintritt frei. eee Konfirmandenstsesel Liebigshöhe; Der Küferverein. in jeder Preislage und reichster Auswahl, sowie Arbeiter-Schuhe und Stiefel, Sonntagsstiefel und alle sonstigen Schuhwaren in den besten Qualitäten zu den billigsten Preisen empfiehlt Justus Benner, Giessen Marktstrasse 34 Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig. Afertigiu⁰ι ν,ν,ũa Mauss. Tüchtige Schneiderin empfiehlt sich im Hause. Asterweg 46 J. Schlafstelle frei! M. Melcher, Gießen, Wetzsteingasse 10. J. Kaminka Uhrmacher Giessen, Neustadt 19, Neubau Oeffentliche Glaser⸗Gersammlung Sonntag, 24. April, vormittags ½10 Uhr im Tokale Orbig, Nittergasse. Tages⸗Ordnung: 1. Korporative Arbeitsverträge. Ref. Kollege Böttger-Mannheim. 2. Diskussion. Steingutwaren Marktstraße 4 Gießen Telephon 394. 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