rein i8chun in 0 ad lieh. er ud em Er. ig, enüber, 2. dass andere lass sie 6. dasz lieren, lifferent lan aus- ei: 2 Sus erneul v Die Mitteldeutsche Politik zu zu sprechen in der Lage ist. AGA . 20. Gießen, den 15. Mai 1904. 11. Juhrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. — JSonnt Mitteldeutsche Igs⸗Zeitung. nebaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Darch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 2 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Die wahre Volksmeinung über die gegenwärtig schwebenden politischen Fragen und Ereignisse brachte am Montag unser alter Genosse Bebel bei der dritten Lesung des Etats in einer ausgezeichneten Rede zum Ausdruck. Die parlamentarische Kritik des Bülow⸗Kurses, der kolonialpolitischen Abenteuer und der vielgerühmten deutschen Sozialpolitik bleibt immer mehr unserer Partei überlassen, weder ein„Liberaler“ und noch weniger ein Zentrumsmann wagt es auszusprechen, wie das Volk in seiner Mehrheit denkt. Und Bebel ist, wie selbst die Frkftr. Ztg. bemerkte, fast der einzige Abgeordnete, der über die allgemeine Seine klaren und temperamentvollen Ausführungen fesselten wieder den Reichstag und riefen den Reichskanzler auf den Plan, der aber Bebels Anklagen nicht entkräften konnte. Bebel führte u. a. aus: Meine früher aus⸗ gesprochenen Besorgnisse über eine polttische Isolierung Deutschlands haben durch die Rede, die der Kaiser bei seiner Rückkehr aus Italien in Karlsruhe gehalten hat und durch die Rede bei Eröffnung der Rheinbrücke in Mainz eine eigenartige Bestätigung erfahren. Man schloß daraus vielfach, daß das Verhältnis zu Frankreich nicht das beste sei und viele fran⸗ zöstsche Blätter sprechen die Vermutung aus, daß der deutsche Kaiser verärgert sei. Zweifellos steht die italienische Volksstimmung mehr auf Seiten Frankreichs als Deutschlands. Auch in anderen Ländern macht sich eine steigende Mißstimmung gegen Deutschland be⸗ merkbar. Durch das Gefühl des Neides allein kann man diese Mißstimmung nicht erklären. Es ist sehr zu erwägen, ob nicht der Umstand maßgebend mit ins Gewicht fällt, daß zu den unausgesetzten Rüstungen zu Wasser und zu Lande Deutschland immer wieder den An⸗ stoß gegeben hat. Dieses ewige Wettrennen wird man in den weitesten Kreisen der ver⸗ schiedenen Kulturnationen satt. Hierzu kommt, daß Deutschland in Bezug auf geistige Ent⸗ wickelung, in Bezug auf die Entwickelung po⸗ litischer Freiheiten keineswegs als Muster, son⸗ dern eher als das Gegenteil gelten kann. In Bezug auf reaktionäre Bestrebungen auf den meisten Gebieten steht es an der Spitze. Was aber den Reden des Kaisers eine besondere Bedeutung gab, ist der Umstand, daß der Kaiser kurz zuvor zu dem Unglück der krussischen Flotte vor Port Arthur an den russischen Zaren ein Telegramm gerichtet haben soll, in dem heißt: Deutschlands Trauer! Ich bestreite auf das Allerentschiedenste, daß dieses Telegramm der wirklichen Stimmung des deutschen Volkes Ausdruck gibt. die Sympathien weit mehr auf Seiten der Japaner als der Russen. kommt dabei in erster Linie in Frage, daß der Krieg für das russische Volk von ganz be⸗ sonderem Nutzen werden könne. hat das lebhafteste Interesse, daß in Rußland 1 1 einmal die Sonne moderner Kultur auf⸗ geht. NPlederlage bei Jena gehabt! Rußlands Trauer ist Nach meiner Auffassung sind Für meine Partei Ganz Europa Welchen Nutzen hat für Preußen die Oesterreich ist durch seine Niederlage von 1866 ein konstitutio⸗ neller Staat, Frankreich durch den Krieg von 13870 eine französische Republik geworden. Für Rußland können wir ähnliche Folgen einer Niederlage erwarten. Je geschwächter Rußland aus dem Kriege hervorgeht, um so weniger wird es sich in die europätschen Angelegenheiten einmischen und um so weniger Anlaß haben wir zu neuen Rüstungen. Unsere Finanzwirtschaft, führt Bebel weiter aus, set derart schlecht, daß verschiedentlich noch nicht einmal den Anforderungen für Universi⸗ täten genügt werden könne. Dagegen mehren sich die Ausgaben für unsere Kulturpolitik in Südwestafrtka ins Ungemessene. Als ich jüngst die Kosten auf 50 Millionen veranschlagte, tönten mir Ohos! von der rechten Seite und aus der Mitte des Hauses entgegen. Heute wäre jeder froh, wenn die direkten und indirekten Ausgaben für Südwestafrika mit 50 Millionen abgemacht werden könnten. Der Aufstand hat zu unser aller Ueberraschung einen Umfang erlangt, den wir nicht vorausgesehen haben. Jetzt ist der Oberbefehl plötzlich dem General v. Trotha übertragen worden. Daraus geht hervor, daß man sehr bedeutende Aufwendungen für den Aufstand für not⸗ wendig hält. Die Erlebnisse der Kolonne Glasenapp sollten für uns doch lehrreich sein. Von sachverständiger Seite werden auch die Aufgaben getadelt, die man den Truppen im Aufstandsgebiet gestellt hat, und wozu das Alles? Es steht jetzt fest, daß der Aufstaud zurückzu⸗ führen ist in erster Linie auf das Verhalten eines großen Teiles unserer dortigen Bevölkerung, namentlich der Händler: Uebervorteilung der Hereros, rigorose Schul den⸗ eintreibungen, Mißhandlungen, Grau⸗ samkeiten und Gewalttätigkeiten, fittliche Verfehlungen der Weißen schlimmster Art. Das hat die Hereros zur Verzweiflung getrieben. Gerade auf die Ver⸗ gewaltigung von Hererofrauen ist es auch zurückzuführen, daß eine große Zahl der Weißen in der scheußlichsten Weise verstümmelt worden ist. Es ist auch kein Zufall, daß der Aufstand sich nur gegen die Deutschen richtet, nicht gegen die Weißen anderer Nationalitäten. Es fehlt auch nicht an Mitteilungen, aus denen hervor⸗ geht, daß wir in andern Kolonien ähnliche Vorgänge zu erwarten haben, wie in Südwest⸗ afrika. Uns wird berichtet, daß in Kamerun in unverantwortlicher Weise gewirtschaftet wird. Und das fehlte gerade! Auf der rechten Seite ist ja neuerdings geäußert worden, daß, wenn man hätte voraussehen können, wie sich unsere Kolonien entwickeln würden, man sich auf die Sache nicht eingelassen hätte. Wir Sozialisten sind nicht getäuscht. Wenn sich ein Käufer fände, der alle Aufwendungen mit Zinsen er⸗ setzen und den deutschen Anstedlern volle Gleich- berechtigung einräumte, dann würden wir mit dem Verkauf ein ausgezeichnetes Ge⸗ schäft machen. Aber Ihre Zurufe beweisen, daß Sie selber nicht glauben, daß sih ein Käufer finden wird, daß also die Kolonien nichts wert sind. Dieses Geld könnten wir in Deutschland viel besser gebrauchen, indem wir unsre Moore urbar machen und dadurch hunderttausend Bauernfamilien eine Existenzmöglichkeit geben würden! Vor einigen Tagen ist im preußischen Ab⸗ geordnetenhause ein Gesetz betreffend die Er⸗ schwerung und Bestrafung des Kon⸗ traktbruches landwirtschaftlicher Ar⸗ beiter eingebracht worden. Der preußische Landtag wird den Gesetzentwurf sicher annehmen, vielleicht noch verschärfen. In Wahrheit macht der Entwurf die land wirtschaftlichen Arbeiter zu Hörigen und doch gehört diese Gesetzgebung zur Kompetenz des Reichstages. Dieser Gesetz⸗ entwurf enthält die schärfste Verurteilung des sozialpolitischen Programms, das der Reichskanzler selber im Januar und Dezember vorigen Jahres hier im Reichstage verkündet hat. Da war die Rede von der Gleichberechtigung der Arbeiter mit den andern Ständen. Damit steht der preußische Gesetzent⸗ wurf in direktem Widerspruch. Wir wissen also, was unter den arbeiterfreundlichen Ver⸗ sicherungen in der Partei der Rechten zu ver⸗ stehen ist. Wäre der Gesetzentwurf vor den letzten Wahlen veröffentlicht worden, es wäre ein Dutzend Leute der Rechten weniger in den Reichs⸗ tag gekommen. Im Landtage können wir gegen diese Bestrebungen keinen Protest erheben, des⸗ halb tun wir es hier. Solche Gesetzentwürfe sind in Süddeutschland bisher nicht möglich gewesen und man kommt damit nicht vor den Reichstag, weil man keine Mehrheit dafür fin⸗ den kann. Aber Rußland, Mecklenburg und Preußen sind geistig verwandt.„Preußen in Deutschland voran“ hat der Reichskanzler im Herrenhause verkündet. Eine schöne Floskel des Reichskanzlers, aber auch nur eine Floskel. Im schärfsten Widerspruch dazu liegt die Tat, die er mit dem preußischen Gesetzentwurf aus⸗ führt. Was kann freilich aus dem Herrenhause Gutes kommen? Wir marschieren leider nicht in der Welt voran, sondern ein gutes Stück hintan! Reichskanzler Bülow wußte auf die Rede wenig zu erwidern. Er konnte auch gegen die berechtigten und wuchtigen Anklagen Bebels nicht aufkommen. Und noch bedeutungsloser war, was die Konservativen Gamp und Arendt gegen Bebel vorbrachten. Es war die Meinung und Empfindung der großen Mehrheit des deutschen Volkes, der unser Genosse Bebel ein⸗ drucksvolle Worte lieh. Zur Gemeindesteuer-Reform in Hessen. Der kommunalen Gewerbesteuer sollen nach dem neuen Entwurf unterliegen außer den Industrie⸗, Handwerks⸗ und Handels⸗ betrieben auch die Betriebe der Land- und Forstwirtschaft. Die Steuer wird nach dem mittleren Jahreswert des Anlage- und Betriebskapitals echoben, wie es für die staat⸗ liche Vermögenssteuer festgestellt wird. Es ist aber keine Gewerbeertrag s⸗ oder Gewerbebe⸗ triebssteuer mehr, sondern eine Gewerbever— mögenssteuer, beginnend bei einem gewerb⸗ lichen Kapital von 3000 Mk. Das seitherige Veranlagungsverfahren für die Gewerbesteuer ging von rein äußerlichen Merkmalen aus. Die verschiedenen Gewerbe waren in Steuerklassen eingeteilt, innerhalb deren wiederum drei Stufen je nach der Größe der Orte unterschieden wurden. Dazu traten dann noch die Zahl der beschäftigten Gehilfen und der Mietswert des Lokales als mitbestim⸗ mende Momente für die Festsetzung der Steuer⸗ höhe. Daß ein solches, auf die Rentabilität Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 1 0 . Nr. 20. 775 des einzelnen Betriebs gar keine Rücksicht nehmen⸗ des Veranlagungsverfahren zu den größten Ungerechtigkeiten führen mußte, liegt auf der Hand. Demgegenüber ist das neue Verfahren unstreitig ein großer Hortschritt. Umso unbegreiflicher erscheint es, daß der Entwurf das neue System nicht für alle Ge⸗ meinden obligatorisch machen will. In Artikel 15 des Entwurfs wird nämlich gesagt, daß Gemeinden, auf welche die Städteordnung Anwendung findet, durch Ortsstatut bestimmen können, daß die Gewerbesteuer nicht nach dem Anlage⸗ und Betriebskapital,„sondern nach dem Ertrage eines bestimmten Zeit aumes, nach der Zahl der beschäftigten Hilfskräfte, nach einer Verbindung von Ertrag, Hilfskräften und Betriebskapital, oder nach anderen Merkmalen für den Umfang des Betriebs zu bemessen ist“. — Also die Städte können es halten, wie ste wollen. Sie können das neue System akzeptieren, oder sie können bei dem alten bleiben, oder sie können sich eine Mischung aus beiden zurecht⸗ brauen, oder sie können keins von beiden wählen, sondern die Steuer„nach anderen Merkmalen“ bemessen. Wie kommt die Regierung zu dieser unge⸗ heuerlichen Bestimmung, durch die, wenn sie Gesetz würde, statt einer einheitlichen Neurege⸗ lung ein tolles Kunterbunt von kommunalen Gewerbesteuern im Hessenland erzielt würde? — Dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Regierung fürchtet, die gewerbetreibende Be⸗ völkerung der Städte werde sich der neuen Ge⸗ wer bevermögenssteuer widersetzen und dadurch das ganze Reformwerk gefährden. Und warum fürchtet sie das? Weil sie die neue Gewerbe— vermögenssteuer mit einer Bestimmung ausge⸗ stattet hat, die sie in der Tat für die Mehrheit der Gewerbetreibenden zu einer schweren Be— drohung macht. In Artikel 9 wird nämlich bestimmt, daß bei der Feststellung des steuer⸗ pflichtigen Anlage- und Betriebskapitals ein 0 von Schulden nicht stattfinden arf. Damit sind wir auf einen generellen Unter⸗ schied des staatlichen und des neugeplanten kommunalen Steuersystems gestoßen. Bei der staatlichen Vermögenssteuer ist der Schulden⸗ abzug gestattet; ste ist eine Nett o⸗Vermögens⸗ steuer. Bei den neuen kommunalen Ver⸗ mögenssteuern soll kein Schuldenabzug statthaft sein; sie sollen Brutto⸗Vermögenssteuern sein. — Bei der Kapitalvermögenssteuer fällt da nicht allzuschwer in die Wagschale, da der Kapi⸗ talrentner in der Regel keine Schulden hat, oder wenigstens in der Lage ist, etwaige Schulden abzustoßen und sich so der über sein Nettover⸗ mögen hinausgehenden Besteuerung zu ent⸗ ziehen. Ganz anders steht es mit dem Grund— besitzer und Gewerbetreibenden. Bei ihnen machen die Schulden oft den größten Teil des in der Wirtschaft steckenden„Vermögens“ aus. Ganz besonders gilt dieses von der gewerbe— treibenden Bevölkerung der Städte. Nach der Statistik über den Schuldenabzug bei der staatlichen Vermögenssteuer, die der Begründ⸗ ung des Entwurfs beigegeben ist, beträgt die Verschuldung in Darmstadt 18,53 Prozent, in Gießen 19,98 Prozent, in Offenbach 21,77 Prozent, in Mainz 22,65 Prozent, des Brutto⸗ vermögens. In den ländlichen Steuerkommissa⸗ riatsbezirken ist sie wesentlich geringer. In Wörrstadt z. B. beträgt sie sogar nur 2,72 Prozent des Vermögens. Danach versteht man, wie die Regierung dazu kommt, den Städten das Recht vorzubehalten, von der Einführung der neuen Brutto⸗Gewerbevermögenssteuer ab⸗ zusehen und es beim alten zu lassen. Mit der Bewilligung dieser Ausnahme für die städtischen Gemeinden wirft die Regierung selbst alle Gründe um, die sie in ihrem Ent⸗ wurf gegen den Schuldenabzug bei der kom— munalen Besteuerung zusammengetragen hat. Es lohnt nicht, auf diese Gründe im einzelnen einzugehen. Nachdem durch die Einführung des Schuldenabzugs bei der staatlichen Ver⸗ mögenssteuer die steuertechnischen Schwierig⸗ keiten schon zum größten Teil überwunden sind, wird es sich auch ermöglichen lassen, die Schwie⸗ rigkeiten zu lösen, die für die Kommunalbe⸗ steuerung entstehen, wenn Gläubiger und Schuldner in verschiedenen Gemeinden wohnen, oder wenn eine Hypothek sich auf Grundstücke in verschiedenen Gemarkungen erstreckt. Has Hauptargument der Regierung, daß bei der Gemeindebesteuerung das Prinzip der besonderen „Leistung und Gegenletstung“ zwischen Gemeinde und Steuerzahler zur Geltung kom⸗ men müsse, ist eine theoretische Schrulle, die keinerlei Berechtigung hat gegenüber dem einzig richtigen Grundsatz, daß auch die kommunale Steuer lediglich nach der Leistungsfähig⸗ keit des Einzelnen zu bemessen sei. Es ist und bleibt eine Ungerechtigkeit, einen Landwirt oder Geschäftsmann, der mit 50 000 Mk. Kapital arbeitet, von dem 40 000 Mk. einem andern gehören, ebensohoch zu besteuern, wie seinen Nachbar, der mit 50 000 Mk. eigenem Kapital wirtschaftet, also fünfmal so viel Vermögen besitzt als der erstere. Was schließlich die Befürchtung betrifft, daß die kommunalen Vermögenssteuern bei vollem Schuldenabzug zu wenig einbrächten, so weisen wir sie mit dem Bemerken ab, daß man ja den Steuersatz auf das Netto-Vermögen dem entsprechend erhöhen kann. Damit aber das geringe Kapital der kleineren Gewerbe⸗ treibenden und Bauern dadurch nicht zu schwer getroffen wird, entschließe man sich zur pro⸗ gressiven Gestal tung auch der Vermögens- steuer. Man beginne mit einem sehr niedrigen Steuersatz für die kleinen Leute und nehme dafür die großen Grundbesitzer, Fabrikanten und Handelsherren, die laut Steuerstatistik ihre Vermögen von Jahr zu Jahr um Tausende vermehren, schärfer heran. Das ist das einzige gesunde Besteuerungsprinzip, denn es trifft die wirtschaftlich Kräftigen, und bei Schulden⸗ abzug nur diese, ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend, und schont die wirtschaft⸗ lich Schwachen. Außerdem gibt es noch einen Weg, die Finanzkraft der Gemeinden zu heben, der bei dieser Gelegenheit ebenfalls beschritten werden sollte. Wir meinen die Besteuerung der städtischen Bodenspekulation durch Ein⸗ führung einer Wertzuwachssteuer. Hierüber bringt unser Offenbacher Partei- organ, dem wir Vorstehendes entnehmen, noch einen weiteren Artikel. Politische Rundschau. Gießen, den 12. Mai 1904. Der Reichstag hat in der vergangenen Woche sich vornehmlich mit der dritten Lesung des Etats beschäftigt. Bemerkenswerte Debatten gab es dabet weiter nicht, außer am Montag, wo Bebel sprach. Dieser Tage wird sich das hohe Haus Pfingst⸗ ferien bewilligen, die bis zum 7. Juni dauern sollen. Ein Reichsverband gegen die Sozial⸗ demokratie ist am Montag in Berlin gegründet worden: Es ist derselbe Bettelverband, von dem in der letzten Zeit schon öfters die Rede war. Er will von jedem Mitgliede jährlich mindestens 1 Mark erheben; vornehmlich fischt er aber nach„stiftenden“ Mitgliedern, die einen ein⸗ maligen Beitrag von 100 Mk. leisten sollen. Nach ihren Satzungen bezweckt die Gründung: „Alle in Treue zu Kaiser und Reich stehenden Deutschen ohne Unterschied ihrer religiösen und politischen Stellung zum Kampfe gegen die antimonarchischen Bestrebungen der Sozial⸗ demokratie zu einigen. Die„berechtigten“ Be⸗ strebungen der Arbeiter auf Verbesserung ihrer Lage sollen aber dabei voll anerkannt werden! Bei Wahlen soll ein gemeinsames Vorgehen aller bürgerlichen Parteien erstrebt, den„vom sozialdemokratischen Terrorismus bedrängten Arbeitgebern und Gewerbetreibenden soll nach Möglichkeit Hilfe gewährt werden.“ Der Sitz des Reichsverbandes ist Berlin.— Nun, uns wird der Verband keine besonderen Be⸗ schwerden machen. Er wird höchstens einigen abgebrühten Strebern gut bezahlte Beamten⸗ posten schaffen und den übrigen Mitgliedern Gelegenheit geben, ihre reichstreue Gesinnung zu Reklame⸗ oder Beförderungszwecken in in, demonstrativer Weise an den Tag zu legen. el! Das ist wohl auch der Hauptzweck. 1 10 5 160 Zuchthausgesetz e Land · 0 arbeiter. 1 0 J heiter Dem preußischen Dreiklassenhause ist ein bherl! Gesetzentwurf zugegangen, welcher mit der be⸗ nich rüchtigten Zuchthausvorlage Aehnlichkeit hat. n tt Er betitelt sich:„Gesetz betreffend die Er⸗ e hibe schwerung des Vertragsbruchs laudwirtschaft. end licher Arbeiter und des Gesindes.“ Er bedroht 2 mit Geldstrafe oder Haft, wer Dienst boten oder landwirtschaftliche Arbeiter, von denen er Der weiß oder bet Anwendung der erforder— en d. lichen Sorgfalt wissen mut, daß sie( glagr einem andern Arbeitgeber zur landwirtschaft⸗ lite lichen Arbeit oder zum Gesindedienst noch ver- trie pflichtet sind, in Dienst nimmt, oder wer in gewinnsüchtiger Absicht Dienstboten ver⸗ leitet, widerrechtlich einen Dienst nicht auzu⸗ Ruff treten. Mit Geldstrafe von 2600 Mk. wird bestraft, wer sich innerhalb drei Jahren wie⸗ Ruf derholt gegen diese Bestimmung verfehlt. in Ja Geldstrafe erhält auch, wer die Verpflichtung Fergie zur Ausstellung eines schriftlichen Zeugnisses eben, bei Beendigung des Dienstverhältnisses eines hlltz. landwirtschaftlichen Arbeiters nicht erfüllt. susen! Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so irmen sehr schlimm aus, in Wirklichteit wird die mz 9 Sklaverei in aller Form errichtet. Ein Arbeiter binden oder eine Arbeiterin, die dem Gutsbesitzer ent- u Sit laufen ist, ist vogelfret und geächtet. Wer ihnen thu etwas zu essen gibt und sie dafür arbeiten r den läßt, wandert ins Gefängnis. Das Mädchen, nuch at welches wegen scheußlicher Behandlung oder aug weil es sich unsittlichen Angriffen ausgesetzt pont sah, dem Dienste entlief, soll unstet und fluc⸗ Jagtur tig sein. Vielleicht tragen solche Zwangsgesetze fallen dazu bei, die ländlichen Arbeiter aus ihrem gel Stumpfsinn aufzurütteln! blrste Sozialisten-Betämpfung mit fu den Bilderbogen. senlic Die„Wormser Zeitung“ hat verschiedene 90 Aufnahmen von Bebels Haus am Züricher gn See machen lassen und die Photographien zu Muaiti einem anmutigen Bilderbogen zusammengestellt, litsg den sie den bürgerlichen Blättern als neuestes fach Sozialistenvertilgungsmittel zum Preise von Athili 2,50 Mk. zum Abdruck anbietet. Man könnte i diese Idee für kindisch halten, wenn sie von 100 irgend einem Geschäftchenmacher ausging. Die eue Wormser Zeitung ist aber bekanntlich das Or⸗ all gan des Lederbarons Heyl in Worms, von 0 dem sie inspiriert, unterstutzt und kontrolliert 11 wird. Da ist es denn doch mehr als komisch, 91. daß sich über Bebels„Villa“ das Organ eines slls“ Mannes ereifert, der dreißigfacher Mil⸗ 9. 0 lionär und dreifacher Schloßbe⸗ 15 ier 13 „Vereinigte“ bürgerliche Parteien. r jn Im Wahlkreise Frankfurt-Leb us wollten dude die Liberalen, Junker ꝛc. mit vereinten Kräften etök. die Sozialdemokratie niederwerfen. Die schöne d me Einigkeit ging aber kläglich in die Brüche, die wurden Bündler haben dem liberalen Bassermann noch einen Kandidaten gegenüberstellt. Unsere Aus sichten sind, wie wir neulich schon bemerkten, der nicht besonders günstig. 0 Zur Nachahmung empfohlen! 50 Der Landrat des Kreises Templin hatte, it di wie man dem Hamburger Echo schreibt, schon Hunte wiederholt versucht, die dem Kriegerverein 1 hahe in Kurtschlag angehörenden Maurer dem ber Zentralverband der Maurer Deutschlands ab- lertr trünnig zu machen. Auch mit dem Ausschluß aus dem Kriegerverein war gedroht worden. i d Als dann bei der letzten Reichstagswahl die N sozialdemokratischen Stimmen ganz bedenklich 19 1 angewachsen waren, sollte nun endlich Ernst dure gemacht werden mit dem Ausschluß 1 1 cht! besonders„anrüchiger“ Sozialdemokraten. In haft der hierzu angesetzten Versammlung kamen ri unsere Genossen aber dem Herrn Hauptmann 0 ch zuvor. Einer von ihnen nahm das Wort fürn und alle, und mit ihren Parteikarten in der Hand ur erklärten alle dreizehn den Austritt mit der Reitz kurzen Motivierung, daß die Tendenz des füllt. nicht so wird die Arbeiter stzer ent⸗ er ihnen arbeiten Mädchen, g oder ausgesetzt ud fluch⸗ ngsgesetze 16 ihrem nit Ischiedene Züricher Iphten zu engestelt, geueste⸗ tise bon n könnte n sie bon ing. Die das Or⸗ ne, bolt ttolleert komisch, an duc 15 Mil⸗ loßbe⸗ eien. wollten Kräften * schöne che, die ere Aus⸗ l, schol 1er dem ande ab. lass 1 U vu Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3 Kriegervereins licht vereinbar sei mit ihrer Gesinnung. Sie seien Sozialdemokraten und gefallen sein. werden es auch bleiben.— Nun war der Vor⸗ sitzende des Kriegervereins ganz erschrocken und er bat die Maurer, ste sollten doch nicht alle ausscheiden, denn den Maurern würden die Arbeiter folgen und da blieben nur noch drei Bauern übrig.— Die Maurer ließen sich aber auf nichts ein. Kurz eutschlossen kehrten sie den„Kriegern“ den Rücken. So sollten überall die Arbeiter das anmaßende terroristische Ge⸗ bahren der Kriegervereinler beantworten! Durchgebrannter Minister. Der frühere italienische Minister Nasi, gegen den eine Untersuchung wegen Unter ⸗ schlagung schwebt, ist verduftet. Die Behörde hat hinter den Bieder⸗ und Ordnungsmann einen Steckbrief erlassen. Russisch⸗japanischer Krieg. Russische Niederlagen. Man muß es den Japanern lassen, sie gehen mit größter Energie und doch, wie sogar russische Meldungen zugeben, mit äußerster Vorsicht unhaltsam vor⸗ wärts. Hageldicht sausen die Hiebe auf die Russen nieder und sie ziehen sich vor dem an⸗ stürmenden Feinde immer weiter zurück. Die ganze Halbinsel Liaotung befindet sich in den Händen der Japaner und dadurch ist das an der Südspitze dieser Halbinsel liegende Port⸗ Arthur abgeschnitten. Nachdem die Japa⸗ ner den Jalu überschritten, haben sie die Russen auch aus ihrer zweiten Verteidigungsstellung herausgetrieben und Föngwangtschön ge⸗ wonnen. Auch der Haupthafen des Golfes Liaotung, Niutschwang soll in ihre Hände Somit sind die Japaner Herren des gelben Meeres und der Fall Port⸗Arthurs dürfte in kurzer Zeit erfolgen.— Die Verluste bei den letzten Kämpfen sind auf beiden Seiten ziemlich hohe. Infolge der Niederlagen ist die Stimmung in Petersburg begreiflicherweise eine sehr gedrückte und man macht die Generale dafür berantwortlich. So wird der General Sassu⸗ litsch, der am Jalu befehligte und zurückging, beschuldigt, er stehe im Bunde mit den Nihilisten und habe die Schlacht ab⸗ sichtlich verloren. Begründet wird diese böllig haltlose Bezichtigung damit, daß der General ein Bruder der bekannten Wera Sassulitsch ist, die 1878 auf General Trepoff schoß, und jetzt in der Schweiz weilt, wo sie an einem revolutionären Blatte beschäftigt ist. Der Kommandant Alexejew wurde eben⸗ falls abberufen und zwar auf Ersuchen der l Generale Kuropatkin und Skrydloff. e Verhängnisvolle Siegesfeiern. Aus Anlaß der japanischen Siege gab es in der japanischen Hauptstadt Tokio lebhafte Kundgebungen. Dabei wurden 21 Personen getötet und 40 verletzt. Die Getöteten sind meist Knaben, die im Gedränge erdrückt wurden oder ins Wasser fielen. Der Aerzte⸗Streik in Leipzig ist durch das Eingreifen der Aufsichtsbehörde beendet worden. Wie vor Kurzem in Köln, hat die Aufsichtsbehörde jetzt in Leipzig zu Gunsten der Aerzte von dem§ 56 des Krankeu⸗ versicherungs⸗Gesetzes Gebrauch gemacht und über den Kopf des Kassenvorstandes hinweg Verträge mit den Leipziger ärztlichen Bezirks⸗ vereinen abgeschlossen. Zu solchem Vorgehen der Behörde fehlte jede Vorbedingung. Bekanntlich traten die Aerzte am 1. April d. J. in den Streik, weil der Ortskrankenkassen⸗ Vorstand ihre übertriebenen Honorarforderungen nicht bewilligen konnte. Die Kreishauptmann⸗ schaft gab der Ortskrankenkasse einen Monat Frist, die nach ihrer Meinung ausreichende Anzahl anderer Aerzte anzustellen. Der Vor⸗ stand ging mit vollem Eifer ans Werk und es war ihm trotz der gewagtesten Mittel der streikenden Aerzte möglich geworden, eine aus⸗ reichende Anzahl Aerzte zu erhalten, die nebst den eingertchteten 3 ärztlichen Beratungsan⸗ stalten vollkommen in der Lage waren, die Kassenmitglieder und deren Familienangehörige zu bearzten. Die Kasse führte dabei, im Gegen⸗ satz zu früher, wo die freie Arztwahl geherrscht, das Distriktsarztsystem ein und stellte die neuen Aerzte mit 6000- 8000 Mk. festem Jahreshonorar auf 5 Jahre fest an. „Die früheren Aerzte setzten Himmel und Hölle in Bewegung. Zunächst versuchten sie die Mitglieder durch allerlei Vorspiegelungen gegen den Kassenvorstand aufzuhetzen und an ihren Interessenkarren zu spannen. Sie stellten sich den Arbeitern als„Leidensgenossen“ vor, die gezwungen seien, genau wie die Arbeiter den Unternehmer gegenüber, gewerkschaftlich vorzugehen, um nicht allzusehr„ausgebeutet“ zu werden usw. Die Arbeiter ließen sich aber nicht von den Herren einfangen und durchschauten sehr schnell diese„arme Ausgebeuteten“. Nun wurde der Spies umgedreht, und sie jammerten, um sich der Hilfe des reaktionären Klüngels und des Wohlwollens der Behörden zu ver— sichern, über den„sozialdemokratischen Terroris⸗ mus des Kassenvorstandes“ und die„beleidigte Würde der Aerzte, die sich bei dem Distrikts⸗ arztsystems von Schuster und Schneider schuh⸗ riegeln lassen müssen“. Daneben wurde, wie gesagt, gegen die arbeitswilligen Aerztestreik⸗ brecher, wie sie von den Kampfhähnen genannt wurden— so vorgegangen, daß, wenn streikende Arbeiter gegen Arbeitswillige so vorgehen würden, unzählige Jahre Gefängnis der Lohn wären. Die Kreishauptmanncchaft, die nicht sofort nach Kölner Muster eingriff, wurde so quasi als Bundesgenossen des„sozial demokratischen“ Kassenvorstandes hingestellt, an dessen Spitze, nebenbei gesagt, ein königlich sächsischer Kommer⸗ zienrat steht. Nach der eigenen Berechnung der Kreis⸗ hauptmannschaft beziffert sich der Aus gaben⸗ Voranschlag der Ortskrankenkasse für 1904 bei dem zu gewährenden Honorar von 5 Mk. pro Mitglied auf vier Milltonen achthundert und fünfzigtausend Mark, in welcher Summe die etwa mit hunderttausend Mark einzustellenden Betriebskosten der Beratungs⸗ anstalten nicht einbegriffen sind. Die Ein⸗ nahmen pro 1904 nimmt die Kreishaupt⸗ mannschaft mit fünf Millionen einhundert und dreißigtausend Mark an, so daß unter Berücksichtigung der Betriebskosten für die Be⸗ ratungsanstalten rund einhundert und achtzig⸗ tausend Mark für den Reservefonds übrig bleiben. Bei einer Einnahme von 5100000 Mk. sind aber nach gesetzlicher Bestimmung, so lange der Reservefonds nicht erfüllt ist, fünfhundert⸗ zehntausend Mark an den Reservefonds abzuliefern. Seit Jahren drängte die Leipziger Kreis⸗ hauptmannschaft die Kasse zur Reserverücklage in gesetzlicher Höhe und setzte auch im Vorjahr eine Beitragserhöhung durch. Gleichwohl ist heute die Kreishauptmannschaft der„Ueber⸗ zeugung“, daß der neue Arztvertrag„mit der Veistungsfähigkeit der Kasse wohl vereinbar“ sei! Kurz, es ist eben wieder ein behördlicher, echt sächsischer Gewaltstreich, der hier gegen die Arbeiter, den Ausschlag gab, und es hat gar keine Berechtigung, wenn bürgerliche Blätter vom Sieg der Aerzte über den „sozialdemokratischen“ Kassenvorstand faseln. Ohne das Eingreifen der Behörde hätte es mit dem Siege sehr bedenklich ausgesehen. Uebrigens hat die Sozialdemokratie mit der Frage der freien Arztwahl gar nichts zu tun. Sie ist keine Prinzipien⸗, sondern eine Zweck⸗ mäßigkeitsfrage. Die sächsische Behörde aber springt den wirklich nicht notleidenden Herren Aerzten hilf⸗ reich bei, für die armen Krimmitschauer Weber hatte siee— Gendarmen! pon Nah und fern. Hessisches. — Wahlmache des ordnungspar⸗ teilichen Mischmasch s. Aus den Verh ind⸗ lungen des Prozesses Orb-Böhm, der sich am 3. Mai vor dem Offenbacher Schöffengerichte abspielte und der, wie in letzter Nr. kurz mitge⸗ teilt, mit Verurteilung des Genossen Abg. Or“ zu 600 Mk. Geldstrafe endete, haben wir noch einiges Interessante nachzutragen. Orb hatte bekanntlich die Beschuldigung erhoben, daß bei der Reichstagswahl von Seiten des natl. Wahl⸗ komitees mit Freibier und Stimmenkauf operiert worden set. Obwohl nun vom Gericht erkannt, wurde, daß es Orb nicht gelungen sei, hierfür den Beweis zu erbringen, so wurden doch durch eine Anzahl Zeugen Dinge bekundet, welche der Nichtjurist als Stimmenkauf be⸗ zeichnen wird. So erklärte ein Dieburger Maurermeister Schmidt, der Zentrums kandidat Uebel(der bei der Hauptwahl ausstel) habe ihm nach der Wahl gesagt: Wollen Sie kein Geld haben als Vergütung für Ihre Leute, die doch Fahrgeld verauslagt, und Lohn eingebüßt haben infolge der Wahl? Er— Zeuge Schmidt— habe darauf erklärt: Ich nehme kein Geld an. nicht, das Geld können Sie nehmen; Sie können es doch für einen guten Zweck verwenden, z. B. für den Kapellenbau. Er— Schmidt— habe schließlich seine Arbeiter gefragt, wer eine Entschädigung haben wolle für den Wahltag. Die Arbeiter hätten„gestutzt“, wären aber schließlich einverstanden gewesen. Zwei hätten ihr Gelb für Meßgewänder hergegeben, drei hätten erklärt, sie hätten gegen die natio⸗ nalliberale Partei gestimmt, könnten also nichts nehmen. Er— Zeuge Schmidt— habe dann eine Aufstellung gemacht über die zu fordernde Entschädigung und von Herrn Stadtrechner Uebel das Geld gegen Quittung erhalten.— Ein anderer Zeuge, Laufer, gestand zu, daß in Bieber am Stichwahlabend Freibier ge⸗ trunken worden sei. Nach der Wahl habe er dann die Rechnung an Herrn Böhm einge⸗ sandt und die Ausgaben für Freibier mit darauf gestellt.— Herr Uebel selbst gestand zu, gesagt zu haben: alle Kriegskosten zahlt selbst⸗ verständlich die nationalliberale Par tei, und ein Maurer Koch erzählte, daß vor der Wahl schon eine Einzeichnungsliste bei den Schmidt'schen Maurern zirkuliert habe. Ein anderer Dieburger Maurer behauptete, daß so⸗ gar aus Karlsruhe dort beschäftigte Dieburger zur Wahl herbeigeholt worden seien, nachdem man ihnen Fahrvergütung versprochen hatte ꝛc. Diese Feststellungen sind gewiß alle sehr interes⸗ sant und für die Kampfesweise des Ordnungs⸗ breies bezeichnend, aber sie nützten den Ange⸗ klagten nichts, er wurde zu der oben angegebenen Strafe verdonnert. — Politische Pastoren. Vorige Woche hielt der hessische evangelische Pfarrverein in Mainz eine Hauptversammlung ab, in der er unter anderem über seine Stellungnahme zu den Reichstagswahlen folgende Resolution beschloß:„Wir sehen es als Pflicht aller evangelischen Geistlichen an: in politischer Be⸗ ziehung das evangelische Volk auf fede er⸗ laubte Weise zuschulen, daß die Wähler nur wahre Freunde des evangelischen Bekenntnisses in den Reichstag senden.“ — Die Arbeiterschaft kennt die Art der„Schul⸗ ung“, die ihuen die Herren Pastoren angedeihen lassen wollen und bedankt sich dafür. Wir werden also künftig mit den strettbaren Pastoren noch mehr als bisher im Wahlkampfe zu tun haben. Denn die Herren möchten, wie es scheint, den Reichstag mit lauter Schwarzröcken bevölkern, die dort ihre religösen Zänkereien austragen sollen. 15 — Rückschritt im hessischen Schul⸗ wesen. Eine Ministerialverordnung vom 3 März 1876 regelt das Züchtigungsrecht der Lehrer in den Volksschulen; der Absatz 5 des§ 3 dieser Verordnung sagte: „Bei Mädchen und bei Kindern in den beiden ersten Schuljahren dürfen überhaupt körperliche Strafen nicht angewendet werden.“ Kürzlich hat die oberste Schulbehörde diese Bestimmung aufgehoben. Das ist höchst bedauerlich, denn Prügel sind wahrlich nicht das beste Er- ziehungsmittel. Das sollte auch die Darmstädter Schulbehörde wissen. Dann habe ihm aber Uebel wieder zugesetzt und gesagt: Warum denn — 2 1 . 3 2 Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeilung. 1 1 1 Nr. 20. — Wegen der Kretschmannbriefe sind bekanntlich die Redakteure unseres Mainzer Parteiorgans angeklagt. Der Termin ist jetzt auf den 30. Mai festgesetzt. Die Genossen Adelung und Döller haben sich wegen Beleidig⸗ ung des Oberleutnants a. D. Balser und des Majors Mickel zu verantworten. Der Prozeß dürfte recht interessant werden. — Zur hessischen Wabsrechts reform. Am Mittwoch hielt der Wos echtsausschuß der zweiten Kammer wieder eine itzung ab, in der er sich mit der Einteilung der Wahlkreise beschäftigte. Wie bereits misgeteilt,. Abg. Gutfleisch die Vermehrung der Man⸗ date auf 60 beantragt. Der Ausschuß hat nun dem⸗ gemäß die Wahlkreise für die Provinzen Starkenburg und Rheinhessen eingeteilt, die Abgrenzung der ober⸗ hessischen soll in der nächsten Sitzung vorgenommen werden. Die Regierung hat sich zu Beschlüssen des Ausschusses bezüglich der Wahlkreise noch nicht geäußert. — Der Abg. Köh ler⸗Langsdorf ließ kürzlich eine Er⸗ klärung los, worin er sich bemühte, darzulegen, daß die Antisemiten stets für die direkte Wahl eingetreten seien, daß sie aber mit der Vermehrung der städtischen Man⸗ date nicht ein verstanden sein könnten und diejenigen, welche die Vermehrung befürworten, schuld wären an der Nicht⸗ einführung der direkten Wahl.— Was Herr Köhler da erklärt, ist fauler Zauber. Gerechterweise gehören die Wahlkreise auf Grund der Bevölkerungsziffer gleichmäßig eingeteilt, warum sollen die Wähler in der Stadt und auf dem Lande nicht die gleichen Rechte haben? Die Antisemiten haben sich wohl für das direkte Wahl⸗ recht öffentlich erklärt, heimlich in der Kammer suchen sie aber seine Einführung zu hintertreiben. So liegt die Sache in Wirklichkeit. Die Wähler werden hoffentlich diese Machinationen durchschauen. Gießener Angelegenheiten. — In der Wahlvereinsversammlung wurden kürzlich von mehreren Genossen der Verlust des Zschopauer und Altenburger Wahlkreises auf den Ver⸗ lauf des Dresdener Parteitags zurückgeführt oder ihm wenigstens ein nachteiliger Einfluß auf den Wahlaus⸗ fall zugeschrieben. Diese Ansicht trat übrigens auch in mehreren Parteiblättern zu Tage. Gen. Bebel tritt dem in einem im„Vorwärts“ erschienenen Artikel eutgegen, indem er auf frühere Wahlen hinw ist, wo uns oft ge⸗ nug Kreise verloren gingen, die ziemlich sicher schienen, z. B. noch am 16. Juni Hanau und Offenbach. Bebel führt in dem Artikel noch Verschiedenes anderes an, was den Mißerfolg in jenen beiden Kreisen als begreif⸗ lich erscheinen läßt. Uebrigens haben wir ja auch nach dem Parteitage ganz bedeutende Erfolge zu verzeichnen, so in Mittweida, in Plauen und vor allem bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg.— Wenn sich Hirschel in seinen Anti⸗ semitenblättchen das Vergnügen leistet, uns triumphierend die Stimmenverluste bei den Nachwahlen vorzurechnen, so gönnen wir ihm das. Mag er sich mit dem„Rück⸗ gang“ der Sozialdemokratie trösten. Bei seiner Partei braucht man allerdings nicht erst ziffermäßige Nachweise zu führen, da liegt der vollständige Bankrott klar vor aller Augen. — Ueber den Heimarbeiterschutzkon⸗ greß, der am 7. und 8. März in Berlin tagte, er⸗ stattete Gen. Mirus⸗ Frankfurt in einer Schneiderver⸗ sammlung Bericht, die am Dienstag im Lokale Orbig stattfand. Der Redner verstand es, in packender und zusammenfassender Weise die Verhandlungen und die Bedeutung jenes Kongresses, an dem auch bürgerliche Gelehrte und Vertreter von Staatsbehörden teilnahmen, zu schildern. Allerdings vermochte er nur einen kleinen Teil des ungeheuern Elends der hausindustriellen Ar— beiter vorzuführen, welches der Kongreß zu Tage förderte. Und darauf eindrucksvoll hingewtesen und die Oeffent⸗ lichkeit darüber aufgeklärt zu haben ist das Verdienst der Gewerkschaften Deutschlands, deren letzter Kongreß die Einberufung eines Heimarbeiterschutzkongresses be— schloß.— Mit dem Kongreß war eine Ausstellung von Erzeugnissen der Hansindustrie verbunden. Bei den einzelnen Gegenständen waren die überaus kärglichen Löhne und der im Verhältnis dazu sehr hohe Ver⸗ kaufspreis angegeben, wodurch die Ausbeutung durch die Hausindustrie nachdrücklich vor Augen geführt wurde. — Leider konnten wir uns bisher in unserm Blatte des beschränkten Raumes wegen noch nicht eingehender mit dem Kongresse befassen. Wir wollen deshalb in der nächsten Nummer ausführlicher darauf eingehen. — Unsere Maifeier liegt den Ordnungs⸗ leuten aller Schattierungen immer schwer im Magen. Und je allgemeiner sie wird, desto mehr sucht man sie durch Polizeiverbote zu verhindern, zugleich aber in den bürgerlichen Blättern als bedeutunglos und lächerlich hin⸗ zustellen. So schrieb der Gieß. Anz.: „Der erste Mat, den die Sozialdemokraten gern zu einem proletarischen Hauptfeiertage stempeln möchten. ist g fast allerorten durchaus ruhig verlaufen. Aus einer ehemals politifchen Demonstration ist heute eine Art Vergnügungsfest mit den üblichen Volksbelustig⸗ ungen geworden. das sich in bescheidenen Grenzen hält.“ Die Sozialdemokraten möchten nicht bloß, sondern der erste Mai ist bereits zum prole⸗ tarischen Hauptfeiertage gestempelt. Und daß er überall ruhig verläuft ist selbverständlich, das Skandalieren überlassen die Arbeiter den „gebildeten“ Studenten und den Kriegerver⸗ einlern.— Hirschels Antisemitenblättchen schrieb, die Maifeier wurde„mit jedem Jahre kläglicher“, dabei hat der Mensch sicher noch nie eine gesehn! Lassen wir die Gesellschaft schimpfen! Alle Berichte über die Maifeier vom In⸗ und Auslande zeigen uns, daß sich die internationale Kundgebung der Arbeiter immer gewaltiger gestaltet. — Opfer der Arbeit. Am Freitag vor 8 Tagen verunglückte in dem Gießener Braunsteinbergwerk der Bergmann Jakob Schmidt, der im Stollen mit Verkuppeln der Grubenwagen beschäftigt war, tötlich. Man fand ihn zwischen einem Wagen und Pfosten ein⸗ geklemmt tot vor. Der Verunglückte hinterläßt Frau und sechs Kinder. Aus dem Rreise Jriedberg-Büdingen. — Zur Landtags Ersatzwahl im Friedberger Land⸗ kreise für den zurückgetretenen Nationalliberalen Weith, war Rechtsanwalt Windecker als Kandidat aufgestellt worden. Der wird aber wahrscheinlich schmählich Fiasko machen, benn der Bund der Landwirte nimmt die Ge⸗ legenheit war, das freigewordene Mandat für sich zu ergattern und hat den Herrn Schlenke aufgestellt, der jetzt in Friedberg die notleidende Landwirtschaft hebt. Der Bündlerkandidat hat umso günstigere Aus⸗ sichten, als sich die Nationalliberalen noch den Luxus einer zweiten Kandidatur leisten, sie haben nämlich noch den Oberbergrat Prof. Chelius in Darmstadt auf⸗ gestellt. Uns kann hier gleichgültig sein, wer gewählt wird; für das arbeitende Volk hat einer so wenig übrig wie der andere. Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach. +„Glücklich“ gelähmter Kriegsveteran! Aus Ulrichstein schrieb man dieser Tage dem Gieß. Anzeiger.„Jüngst wurde hier ein alter Veteran von 1866 und 1870 glücklich, durch einen Schlaganfall gelähmt; glücklich weil man es für diesen armen Nenschen, der in zwei Kriegen geblutet hat, als ein Glück betrachten muß, daß er nun verhindert ist, einen unerfreulichen Lebenswandel fortzusetzen. Es hatte sich nämlich bei ihm seit einigen Jahren eine Abnahme seiner geistigen Kräfte gezeigt. Schon seit den Feld⸗ zügen war er nervenleidend.... Seit seine Frau vor ca. 1½ Jahren aus dem Leben schied, wurde seine Verwahrlosung immer größer. Halb nackend, oft kaum notdürftig, nur mit einem Hemde bekleidet, sprang er oft zum Gaudium der Kinder in der Vorstadt Drei⸗ hausen auf der Straße herum, verunreinigte sein Häuschen und gefährdete die Nachbarn, indem er Feuer im Stall und im Keller machte. Trotzdem tat man keine energischen Schritte, um diesen armen, wahnbe⸗ fangenen Menschen in einer Heilanstalt zu internieren, sowohl zu seinem eigenen Besten, wie auch zum Schutze seiner Mitmenschen. Einesteils, weil der arme, seiner Sinne nicht mächtige Mann seine Zustimmung zu einer Aufenthaltsänderung nicht gab() und zweitens viel⸗ leicht, weil man fürchten mochte, es könnte der Gemeinde oder dem Kreise etwas kosten!— So sieht die Kranken⸗ und Hülflosen⸗Fürsorge auf dem Lande vielfach aus! Denn der Kostenpunkt war zweifellos der ausschlag⸗ gebende Grund; nach der Zustimmung zu ihrer Unter⸗ bringung in eine Heilanstalt pflegt man oft Gesunde nicht zu fragen, und die Kranken natürlich viel weniger. dus demß Odenwald. e. Die erste Maifeier die in Erbach i. O. für den ganzen Kreis Erbach abgehalten wurde, verlief in der denkbar schönsten Weise. Genosse Hasenzahl be⸗ grüßte Namens der hiesigen Arbeiterschaft die von aus⸗ wärts erschienenen Festteilnehmer und eröffnete die Feier mit einem Hoch auf die internationale Arbeiter⸗ bewegung. Die Festrede hielt Genosse Eis nert aus Offenbach: Den gesanglichen Teil übernahmen abwechselnd der Arbeitergesangverein„Vorwärts“-Neustadt, der Ar⸗ beitergesangverein Höchst, sowie der Arbeitergesangverein „Eintracht“-Michelstadt, welche sämtliche vorzügliches leisteten. Die Zahl der Teilnehmer belief sich auf 600 bis 700. Aus dem Nreise Weßlar. h. Wenn„Gebildete“ Feste feier n, geht's oft nicht sehr gebildet zu. Am Samstag vor acht Tagen feierte der deutsch- nationale (antisemitische) Verein der Kaufleute ein Fest. Davon heimkehrende Teilnehmer verübten gegen Sonntag früh einen solchen Skandal in den Straßen, daß viele Einwohner aus ihrer Nacht⸗ ruhe aufgeschreckt wurden und über den Radau höchst empört waren. Wir wollten mal die Ordnungsleute hören, wenn Arbeiter sich so betragen hätten. h. Die Spenglermeister in Wetzlar führten in der letzten Zeit bewegliche Klagen darüber, doß das städtische Gaswerk Installationsarbeiten ausführt und verlangen, ähnlich wie schon früher die Spengler in Gießen, daß die Stadt solche Arbeiten den Hand⸗ werksmeistern überlasse. Denn diese seien Steuerzahler der Stadt und es sei höchst unrecht, wenn letztere ihnen das Brot wegnehme Wenn man's so hört, möchte man die Klagen als berechtigt ansehen. Doch es muß aber auch hier in erster Linie nach dem Interesse des Gemeinwesens gefragt werden. Und es wäre gegen diese gehandelt, sollten der Stadt als Gas⸗ und Wasserlieferant Installationsarbeiten untersagt wer⸗ den. Vor allem würde dadurch dem Gemeinwesen eine Einnahmequelle verstopft werden. Eine vernünftige Ge⸗ meindepolitik muß aber auf den Aus bau und die Erweiterung städtischer Betriebe und der Eigenproduktion gerichtet sein.— Der kapitalistische Großbetrieb hat übrigens schon mehr Handwerker vernichtet, als durch den Gemeindebetrieb je geschädigt werden können und die konnten sich nirgends beschweren. h. Schlaue Bäuerinnen. Das Schöffen⸗ gericht verurteilte dieser Tage zwei Bäuerinnen aus Hochelheim zu je 5 Mk. Geldstrafe, weil, ste in einem Geschäft Kisteneier gekauft und sie als frische verkauft hatten. Diese lächerlich ge⸗ ringe Strafe wird sie kaum vor weiteren Be— trügereien abschrecken. us dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. Parteiversammlung. Am 2. Pfingst⸗ feiertage veranstalteten die Genossen des V. Wahlkreises auf dem hohen Westerwald(Ort wird den Lokalver⸗ trauensmänner noch schriftlich mitgeteilt), eine Partei⸗ Versammlung. Gen. Dr. Quarck⸗Frankfurt wird einen Vortrag über Gemeindesozialismus halten. Es ist not⸗ wendig, daß die Vertrauensmänner und Genossen mög⸗ lichst zahlreich erscheinen. Die Genossen des Dillkreises beabsichtigen, morgens 8/ Uhr von Haiger mit einem Leiterwagen zu fahren. Anmeldungen wegen Teilnahme sind an den Kreisvertrauensmann Louis Trott, Hai⸗ ger, zu richten. JFast unglaubliche Zustände scheinen in dem Kalkarabien, der Grube Konstanze b. Langen au⸗ bach zu herrschen. In der dunkelen Gegend schalten und walten der Handlanger der Grubenbarone nach Gutdünken. Auf genannter Grube hatten 2 Arbeiter (H. u. S.) von Donsbach Oberbrucharbeiten zu M. 40 per Mtr. akkordiert und machten auch durch anstrengende Arbeit von 1. bis 10. März 2,4 Mtr. los, was für sie 96 Mk. ausmachte. Dem Direktor Vahlensick scheint dieser Verdienst zu hoch gewesen zu sein, denn vom 10. März mußten die Bergleute im Schichtlohn ar⸗ beiten, wofür ihnen vom Obersteiger Gail 2,3 0 Mk. versprochen wurde. Bei der Lohnzahlung am 5. April zahlte ihnen der Direktor nur 2 Mark aus. Auf die bescheidene Forderung der Bergleute um Einhaltung des Gedinges weigerte sich V. zu zahlen und verwies die Arbeiter brüsk auf den Klageweg. Es gab daher für sie den Abkehrschein, den jedoch die Arbeiter nicht an⸗ nahmen. Erst werden also die Arbeiter um einen Teil ihres mit großer Anfrrengung verdienten Lohnes ge⸗ bracht und dann noch auf die Straße gesetzt! Und dann wagen die Unternehmerblätter noch, von Aus⸗ beutung der Proletarier durch die Sozialdemokratie zu faseln, während doch aus ihren Kreisen täglich mehr für das ganze Unternehmertum beschämende Beweise erbracht werden, wie der arme Teufel um seine sauer verdienten Blutgroschen geprellt wird. Und die sich auf diese Art bereichern, machen dann noch Anspruch auf die vom Volke zu vergebenden Ehrenstellen.— Bei der letzten Gemeinderatswahl versuchte auch Direktor V. Sitz in der Gemeindevertretung zu gewinnen. Er brachte 5 auch dadurch, daß er sich selbst 2 Stimmen gab und daß ein Wirt bei der Stichwahl zu Gunsten B's. den Ausschlag gab, dahin, daß er wirklich gewählt wurde. Weil nun aber ein von V. entlassener Lademeister die Anzeige gemacht hat, daß der Herr Direktor die Ge⸗ I meinde bei der Augabe der versandten Waggons ge⸗ schädigt habe, so darf er einstweilen sein Mandat durch Beschluß der Gemeinde⸗Vertretung nicht ausüben. FCC 00000 4 1 Bei dem Wirt, der den Ausschlag gegeben hatte, gab es am Abend Freibier. Dagegen entließ man Ar⸗ beiter— natürlich ist das bloß„Zufall“— welche die von der Direktion bezeichneten Kandidaten nicht gewählt hatte. Hoffentlich bringt Abg. Dr. Burckbardt diesen⸗ Fall um Reichstage vor und läßt sich davon nicht ab halten, daß es sich hier um einen seiner Parteifreunde N über, daß ö l. dußfüht ie Sperl den Hab Steuerzahler“ ezkere ihnen„ möchte man muß abe esse dez eh win als Gag. irsagt un. wesen eine unftige Ge. 0 lu und die produktion betrieb haf als durch können und Schöffen. auerinnen“ rufe, weil“ ft und sie“ herlich ge. teren Be. orn. 2. Pirgf⸗ Wahlkreses!“ en Colalber⸗ ine Partei⸗ wird einen Es ist not⸗ nossen mög⸗ i Dlllkreises mit einem Teilnahme rott, Hai de scheinen angen gu end schalten, sbarone nach 2 Abeiter l N. 40 anstrengende E, was für ick schelnt denn bom e ee Nr. 20. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. handelt. Denn der schon seit Jahren in Langen-Aubach bestehende christlich⸗soziale Arbeiter⸗Verein wird sich vor⸗ aussichtlich der Sache in Rücksicht auf das freundschaftliche Verhältnis seiner Leiter mit dem Herrn Direktor nicht annehmen. Nebenbei bemerkt, hat die se Arbeiter⸗Orga⸗ nisation noch nie etwas für Besserung der Arbeitsver⸗ hältnisse getan; die Löhne sind im Gegenteil eher zurück⸗ gegangen als gestiegen. Wohl wehrten sich die Arbeiter öfters gegen die Lohndrückereien und legten manchmal sogar die Arbeit nieder und einigemale war der christ⸗ liche Gewerkschaftsführer Breidenbach(Zentrumskandidat für Wetzlar) hier, doch es wurde nie etwas Besonderes erreicht. Aus dem Kreise Marburg- Kirchhain. r. Die Christlich⸗Sozialen hielten kürz⸗ lich wieder eine Versammlung ab, in welcher der christ⸗ liche Arbeitersekretär Becker aus Frankfurt über„die christlichen Gewerkschaften“ sprach. Wie gewöhnlich, waren 19 Geistliche und 1 Lehrer anwesend. Eigentlich lohnte es sich kaum, über diese Versammlung ein Wort zu verlieren, wenn nicht der christliche Becker sich mit seinem Vortrag in direkten Gegensatz zu dem gestellt hätte, was er in der vorhergehenden christlichen Gewerk⸗ schaftsversammlung verkündete. Damals behauptete er steif und fest, daß Geistliche in den christlichen Gewerk⸗ schaften nichts zu tun hätten und er würde sich jede Einmischung von dieser Seite verbitten. Ferner schwor er, daß in den christlichen Gewerkschaften von Politik nicht im mindesten die Rede sei. Kaum 8 Tage später liefert er den Beweis für das Gegenteil. Der christliche Becker hält in einem politischen Vereine einen Vortrag über christliche Gewerkschaften und hier bat er die 19 Geistlichen flehentlich, sie möchten doch den christlichen Gewerkschaften auf die Beine helfen und mehr Mitglieder zuführen, denn sie hätten ja die Macht in den Händen! Dem christlichen Becker scheint die Erkenntnis zu dämmern, daß es mit der Herrlichkeit der christlichen Gewerkschaften in Marburg nicht weit her ist, drum ruft er die Pfaffen auf, die sie nach bekannten Rezepten in die Reih' doktorieren sollen. Unsern Glückwunsch dazu. r. Bei der Kontrollversammlung. Seit einigen Jahren kommen regelmäßig Beschwerden über die Agitation, welche bei den Kontrollversammlungen für die Kriegervereine getrieben wird. In der Regel läßt man die Kriegervereinler rechts, die andern links antreten. Der linke Haufe ist gewöhnlich größer, was den Zorn des Vorgesetzten hervorruft. Dann gibts ein Vortrag über den Kriegerverein, der das Patent⸗ mittel gegen die Umsturzpartei sei, die allerdings schon ihren Höhepunkt überschritten habe, wie der eingeweihte Politiker in Uniform hinzufügt. Es ist eigentlich nicht recht einzusehen, warum man sich dann noch so viel um ihre Bekämpfung bemüht! Auch sonstige Verhalt⸗ ungsmaßregeln erhalten die Kontrollpflichtigen, es soll ihnen der Drill immer in den Knochen stecken. Sie sollen in der Uniform des Kriegervereins mit Orden und Ehrenzeichen erscheinen; sollen den Vorgesetzten auf der Straße grüßen und den Hut so lange in der Hand halten, bis er vorüber ist. Geübt wurde das aller⸗ dings noch nicht, kommt aber vielleicht noch. Natürlich lacht die große Mehrzahl zu diesen Kinkerlitzchen und denkt sich das Beste dabei. Jeder denkende Arbeiter weiß, daß sein Platz nicht im Kriegerverein, sondern in der politischen und gewerkschaftlichen Organisation ist. r. Alles geht doch nicht. Mit seinen großen Kenntnissen hineingefallen ist Herr Schneidermeister Heinmöller, der kürzlich abgesetzte Vorsitzende der Zentralkrankenkass: der Schneider. Heinmöller hatte be⸗ kanntlich durch den Bruch der Geschäftsordnung eine zweite Wahl veranlaßt und ließ sich wieder wählen, während bei der ersten Wahl ein Arbeitnehmer als Vorsitzender gewählt wurde. Die zweite Wahl wurde daher angefochten und vom Hauptvorstande verworfen. Das ist der Fluch der bösen Tat. r. Eine Gewerkschafts versammlung findet diesen Samstag ¼9 Uhr im Lokale Jesberg statt. Man erscheine zahlreich! r. Einen Ausflug unternehmen unsere Marburger Genossen diesen Sonntag nach Cölbe. Treffpunkt nachmittags 3 Uhr bei nein in Cölbe in der Wirtschaft Ort— wein. n Vom Blitz erschlagen. Ju Herdorf(Sieg) erschlug am Montag während eines Gewitters der Blitz 2 Kinder, die sich unter einen Strauch geflüchtet hatten.“ — Im oberen Teil wütete ein arges orkanartiges Unwetter, begleitet mit Hagelschlag. Der Hagel lag geschlossen ungefähr 1 Finger hoch. Frömmigkeit und Sittlichkeit. Unserm Frankfurter Parteiorgan wurde ge⸗ schrieben: Nach der Versicherung unserer Frommen ist einzig und allein ein gläubiges Herze im Stande, den Anfechtungen dieser Welt zu widerstehen; ohne Religion keine Mo⸗ ral, ohne Glauben keine Sittlichkeit! Die Tat⸗ sachen beweisen allerdings das Gegenteil; denn nirgendwo steht es mit der sittlichen Haltung schlimmer als da, wo die Bevölkerung völlig dem Kirchenregimente verfallen ist und ihr Heil in der Beobachtung religiöser Formen sucht. Der Beispiele sind übergenug, wo die Frömmig⸗ keit als ein Freipaß für Schlechtigkeit aller Art angesehen wird und unter der Deckung kirchlichen Wohlverhaltens Gemeinheiten und Verbrechen verübt worden. So ist in Aachen, der frommen Stadt, jüngst ein Buchbinder wegen Ermordung seiner Geliebten zu 12 Jah- ren Zuchthaus verurteilt worden. Der Mörder galt überall als braver, gottesfürchtiger Mann und er war peinlich bemüht, es in der Be⸗ obachtung der Vorschriften seiner Religion an nichts fehlen zu lassen. So hatte er noch an dem Abend, an dem er den Mord begangen hat, seine Arbeitsstätte schon nach 5 Uhr ver⸗ lassen und zwar unter dem Vorwande, zur Beichte gehen zu wollen. Im nächsten Morgen (Sonntag) sang er dann noch trotz des vorau⸗ gegangenen Mordes— er hatte seiner Geliebten mit einem furchtbaren Schnitt, der bis zum Wirbel ging, den Hals durchschnitten— im Hochamt die Messe vor. Nach seiner Verhaftung beauftragte er einen Polizeibeamten, ihm von seinem Hause das Gebetbuch und den Ro⸗ senkranz zu holen. Aus der Verhandlung vor Gericht, wo auch zahlreiche Mädchen und Frauen ihre Aussagen machten, ging hervor, daß der fromme Mann bei jeder Gelegenheit zu tätlichen Beleidigungen und unsittlichen Attacken überging. Selbstverständlich stand der Lump im frommen Aachen in höherer Achtung, als ein anständiger Mann, dessen Verbrechen darin besteht, Sozialdemokrat zu sein. Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Lohnbewegungen. Der Ausstand der Weißbinder und Maler in Frank⸗ furt ist noch nicht beendet.— Ebenso sind die Bauschreiner in Offenbach noch ausständig.— In Aschaffenburg legten die Maurer die Arbeit nieder, weil die Bauunternehmer eine geringe Lohnaufbesserung ablehnten.— In Berlin ist es zu einem Bäckerstreik gekommen, nachdem die Ge⸗ hilfen sich seit Monaten vergeblich bemühten, auf friedlichem Wege die schlimmsten Mißstände zu beseitigen. Der Deutsche Tabakarbeiterverband zählte im Jahre 1903 17811 Mitglieder, darunter 6441 weibliche. Er erzielte eine Gesamteinnahme von 266 156,74 Mk., der eine Gesamtausgabe von 202 289,41 Mk. gegenübersteht. Der Bar⸗ bestand des Verbandes beträgt 93 216,44 Mk. Unter den Ausgaben figurieren folgende Beträge: Reisenunterstützung 17828 Mk., Umzagsbeihilfe 6037 k., für Gemaßregelte 10 191, Streiks 19344 Mk., Sterbegeld 5 330 Mk., Arbeits⸗ losenunterstützung 59645 Mk., für notleidende Mitglieder 580 Mk., an andere Gewerkschaften 1050 Mk., Agitation 9487 Mk., Generalver⸗ sammlung 6 545 Mk., Fachzeitung 15 852 Mk. ꝛc. Die Aufwendungen für Unterstützungen sind, wie man sieht, ganz bedeutende. Versammlungskalender. Samstag, den 14. Mai Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). T. O.: Die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse der Holzarbeiter. Ref. Vetter 8. — Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Freie Tur nerschaft. Versammlung bei Dreher. Bre efkasten. D. Wieseck. Bei der Vermögenssteuer kommen außer dem Barvermögen, Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Werkzeuge, Betriebskapital, Wertpapiere, Aktien, sowie alle Rechte(Verlags⸗Patentrechte usw.) soweit sie einen in Geld schätzbaren Wert haben, i Betracht. Außerhalb Hessens liegende Grundstücke und Gebäude; das für Anlagen und Betriebe außerhalb Hessens dienende Betriebskapital, Möbel und Hausrat, Schulden und der Kapitalwert sonstiger rechtsverbind⸗ licher Lasten sind in Abzug zu bringen.— Bei Ge⸗ bäuden und Anlagen wird der gemeine Wert ange⸗ nommen.— Bei der Einkommensteuer kann dem Haushaltungsvorstande das Einkommen von Angehörigen seiner Haushaltung(Frau oder Kinder) mit zugerechnet werden. Für den Unterhalt der Familien-Angehörigen des Steuerpflichtigen findet kein Abzug statt, doch kann Einreihung in eine niedere Steuerklasse nach Billigkeit erfolgen, wenn der Steuerpflichtige für zahlreiche Familie zu sorgen hat. N 5 Bemüht Parteifreunde! cab ne nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. Abends 8½ Uhr eee eee eee eee J. Schmücker Nachfolger, Giessen Herren- und Knaben-Confektion Riesige Auswahl, nur gediegene Oualitäten, anerkannt billige aber feste Preise. Herren-Amüge 5 8 Herren-Joppen 4 3 Herren-Hosen. 0 von Mark 15,— an „ 25,25„ Knaben-Hosen „ Grösste Auswahl aller Arten Arbeitskleider in nur haltbarsten Stoffen. Wasch-Anzüge, Blousen, Hosen etc., staunend billig. Knaben-Anzüge Knaben-Blousen von Mark 2,— an 0,75„ 1,50„ *** *— 5 55 5 *** 5 0 n — 1 „ —— ö——— 5* r* Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung. Nr. 20 5 C h 7 8 UAnterhaltungs-Ceil. 5 Der schwarze Meister. Eine Dorftragödie von E. Sch. Dumpf brütende Schwüle liegt in der späten Nachmittagsstunde eines heißen Juni⸗ tages auf dem alten Schloßhofe. Fast hat es den Anschein, als sei das sonst so regsame Le⸗ ben hier aus gestorben. An dem breiten zum Tränken des Viehes benutzten Wasserbassin in der Mitte des Hofes sitzt eine Anzahl Gänse und Enten mit den Köpfen unter den Flügeln. Den großen breiten Misthaufen, der sich vom Wasserbassin bis an die Pferdeställe dehnt, hat sich eine weitere Schar Geflügel, Hühner, Puten, Pfauen und Tauben, zum Ruheplatz auser⸗ sehen. Nur aus den den Hof im Süden und Norden flankierenden Stallgebäuden erklingt hin und wieder ein melancholisches Brummen oder das leise Klirren einer Kette. Schwüle Nachmittagsruhe ringsum.— Muße genug für uns, das nach Osten den Hof abschliezende Schloß betrachten zu können. Wer sich nun allerdings mit den Augen eines Märchen lesen⸗ den Kindes in den Anblick des Schlosses ver— tieft hätte, würde gewaltig enttäuscht gewesen sein, denn der alte verwitterte Steinklumpen der sich nur durch seine größere Höhe und seine vielen kleinen Feuster von den anschließen⸗ den Wurtschaftsgebauden unterscheidet, macht. einen außerordentlich nüchternen Eindruck und hätte einer schwärmerischen Phantaste von schlafenden Märchenprinzessinnen und schönen Kbnigssöhnen keinerlei Anhaltspunkte geboten. Höchsteus der dunkle Torbogen, durch welchen man auf einen kleinen, holprig gepflasterten Innenhof gelangt, und die Dohlen, welche die vier niedrigen plumpen Ecktürme des alten Gebäudes umschwarmen, muten etwas mittel- alterlich an. Sonst aber trägt alles das Ge⸗ präge eines gewönlichen Landgutes mit größerer Oekonomie. Der Sitz eines echten Großagrarters. Plötzlich unterbricht lautes Hufgeklapper die Stille, und in scharfem Galopp, mit vor Hitze und Zorn gerötetem Antlitz, den struppigen weißen Schnurrbart aufwärts gesträubt, sprengt der Herr des Hofes, Oberamtmann von Klemm, zum Tor herein. Die beschauliche Ruhe ist mit jahem Ruck unterbrochen; das Geflügel fährt kreischend und flatternd umher; Gänse und Enten stürzen sich ins Wasser, und lauter erklingt das Brummen und Rasseln der Ketten aus den Ställen. „Johann! Johann! Wo steckt denn der Kerl wieder?“ tönt laut die Stimme des Gutsherrn. „Hier, gnädiger Herr! Gleich!“ erschallt aus der Tiese des Pferdestalles eine Stimme, und kurz darauf tritt ein alter'r Mann in Hemdärmeln, mit einer blauen Schürze ange⸗ ian, aus der Stalltür. „Er, altes Faultier hat wohl geschlafen? Kann er nicht hören? Ich werde ihn aufpassen lehren!“ Und die erhobene Reitpeitsche saust pfeifend auf den Rücken des Mannes nieder, der sich unter dem Schlage fast bis zur Erde krümmt. „Herr Oberamtmann,“ stottert der Aermste, „ich war hinten bei den Kutschpferden; die Stute steht im Wasser, sie lahmt.“ „Papperlapapp! Sowie man den Rücken wendet, faulenzt ihr alle zusammen. Das kenne ich schon. Aber der Teufel soll euch holen!“ Scheltend und polternd klettert der Guts⸗ herr aus dem Sattel, giebt dem schweißtriefen⸗ den Tiere noch einen leichten Schlag mit der Peitsche, daß es im erschreckten Sprunge fast den zügelhaltenden Knecht zu Boden reißt, und schreitet mit dröhnenden, sporenklingenden Schritten dem Torbogen zu. Ehe er denselben erreicht, kommt von der Seite der Gutsinspektor den der Lärm aufmerksam gemacht, aus einer Stalltür auf ihn zugeschritten. „Brannert, lassen Sie sofort den Sträuber holen! Er soll nach der Amtsstube kommen,“ herrscht der Schloßherr diesen an. „Sehr wohl, Herr Oberamtmann!“ Und der Inspektor eilt nach dem Pferde⸗ stalle, um durch den Stallburschen den Auftrag sofort ausführen zu lassen. Nach seiner Rück⸗ kehr bleibt er sinnend im Hoftor stehen. Da mußte unbedingt dem Alten unterwegs etwas besonderes aufgestoßen sein. So heftig aufge⸗ regt ist der lange nicht mehr gewesen. 5 Indessen ist der Oberamtmann trotz seiner 65 Jahre mit schnellen Schritten die schmale Treppe zum Amtszimmer emporgestiegen und geht heftig gestikulierend und mit sich selbst im Gespräch auf und ab. Es war aber auch ein ganz unerhörtes Vorkommnis, was den alten Herrn so furchtbar aufgeregt hatte. Der schwarze Meister, jener Trunkenbold, der nun schon seit Jahren zum Skandal der Gemeinde und zum Spotte der Kinderwelt geworden ist, hatte heute in ohnmächtiger Wut einer Schar ihn verfolgender Kinder beim Vorüberreiten des Oberamtmannes zugerufen: „Seht ersch, das is er! Die sin dranna schuld, daß ich immer besoffen bin! Die hamm mich verrickt gemacht.“ Der Oberamtmann ballt bei der Erinnerung an die widerliche Szene die Fäuste, wirft sich in seinen Lehnstuhl und versinkt in Nachdenken. Freilich, so ganz Unrecht hat der schwarze Meister ja nicht, sein eigener Sohn, der jetzt in Amerika lebt, hat vor fünfzehn Jahren in dem Lebensschicksale des Mannes eine sehr un⸗ rühmliche Rolle gespielt.„Herrgott! Wenn 1 das doch ungeschehen machen könnte. Aber w e 8 Vor seinen sinnenden Augen steht jene ver— ligkeit Geschichte noch in plastischer Deut⸗ ichkeit.— Damals war der schwarze Meister der Be⸗ sizer der Dorfschmiede. Fleißig und brav hatte er mit einem Gesellen und einem Lehrling seiner Arbeit obgelegen, und an dieser hatte es nicht gemangelt. Außer der Arbeit für das Schloßgut hatte er die kleineren Bauern vom ganzen Umkreis zu seiner Kundschaft gezählt. Es mußte daher tüchtig zugegriffen werden, um allen Ansprüchen gerecht werden zu können. Aber die Arbeit hatte auch ihren Segen ge⸗ tragen. In ganz wenigen Jahren war das kleine Anwesen schuldenfrei geworden. Dazu eine junge, tüchtige und dabei sehr hübsche Frau und einen fünfjährigen Knaben, und das Glück des jungen Meisters schien für alle Zei⸗ ten gestchert zu sein. Nur sein heftiger Jähzorn hatte ihn hin und wieder in unliebsame Ver⸗ wicklungen gebracht und der Frau ab und zu eine Wolke am Himmel ihres Eheglücks auf⸗ steigen lassen. In diese Idylle führte eines Tages der Zufall den schneidigen, auf Urlaub befindlichen Herrn Leutnant von Klemm, der seit jeher ein Schürzenjäger erster Güte gewesen und den daher auch eine ganze Anzahl Kinder, selbst von Stallmägden, das Recht hatten, Vater zu nennen. Der Herr Leutnant kam vor die Schmiede geritten, weil sein Pferd ein Eisen verloren und der schöne Huf des Tieres nicht verdorben werden sollte. Er wollte deshalb den Meister selbst instruieren und auch schnellste Beschleunigung der Reparatur verlangen. „Die junge Frau, welche im Vorgarten Ge⸗ müse schnitt, sehen und sie als„wirklich reizen⸗ den Käfer“ finden, auf den Jagd zu machen es sich schon einmal lohnte, war eins gewesen. Daß ihm, dem bisher in der Heimat nie ein Wunsch versagt geblieben, dabei der Schmied im Wege sein könnte, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. So ein Sklave mußte sich ja glücklich schätzen, wenn seine Frau Gnade vor den Augen des gnädigen Herrn fand. Uebrigens war es ja für alle Fälle einzurichten, daß der Bursche nicht störend dazwischen kommen konnte, wenn der Herr Leutnant seine Erober⸗ ung mit dem Siege krönte. Der zwei Tage später in der benachbarten Kleinstadt statt⸗ findende Wiesenmarkt bot dazu die günstigste Gelegenheit. Diesen Markt pflegte gewöhnlich das halbe Dorf zu besuchen und wahrscheinlich würde sich auch Meister Kaufmann, so hieß der Schmied, die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, geschäftliche Angelegenheiten mit den zusammen kommenden Bauern zu er⸗ ledigen und nebenbei sich auch noch zu amüsteren, wobei solche Plebejer ja ebenso nie noble Leute das Heimkommen immer leicht vergessen. Der Herr Leutnant hatte auch ganz richtig kalluliert, und kaum hatte der Schmiedelehrling, den er durch das Beglücken mit einem Mark- stück zum willfährigen Boten bestellt, gemeldet, daß Meister Kaufmann soeben zum Markt ge⸗ gangen, als sich auch der schneidige Marsjünger gleich darauf bei der jungen Meisterin einfand, um— einige Bestellungen höchstselbst zu über— mitteln. Die ahnungslose junge Frau, über⸗ rascht über die freundlich liebenswürdige Art des jungen Herrn, hatte die Tür der guten Stube geöffnet und diesen zum Nähertreten eingeladen. Soweit, sogut. Noch ein wenig Parlamentteren und die reife Frucht mußte zu genießen sein. Aber aus der heiteren Komödie, sollte eine bitterböse Tragodie werden. Meister Kaufmann hatte mehrere Rechnungen von faulen Kunden, die er zum gerichtlichen Beitreiben seinem Anwalt zu übergeben ge— dachte, mitzunehmen vergessen, war deshalb auf halbem Weg umgekehrt und kam, sofort seine Schritte nach der guten Stube lenkeud, wo er im Sekretär seine Papiere verwahrte, gerade dazu, wie der Herr Leufnant die er— schreckt zurückprallende Frau zu umfassen und zu küssen versuchte. Die junge Frau schrie ent⸗ setzt auf als sie ihren Mann in diesem Augen⸗ blick eintreten sah. Diesem legte es sich wie ein blutiger Schleier vor die Augen. Auf den Flur zurückspringen, eine dort unglücklicherweise lehnende Eisenstaͤnge ergreifen und mit Schaum vor dem Munde sich nach dem Räuber seines Glückes umsehen, war das Werk eines Augen— blicks. Dieser war jedoch noch schneller gewesen. Blitzschnell war er aus dem geöffneten Fenster in den Vorgarten gesprungen und rannte nun in großen Sätzen davon. Der Meister, der den Verbrecher entwischen sah, stürmte nun in sinnloser Wut auf die unschuldige Frau los und schlug sie mit der Eisenstange über den Kopf, daß sie lautlos zusammenbrach. Erst jetzt, als die Frau ausgestreckt am Boden lag, und eine große Blutlache sich auszubreiten be— gann, erwachte der Jähzornige aus seiner Be⸗ täubung. Er trug die Bewußtlose aufs Sofa und stürmte nach dem zufällig im Gasthause anwesenden Kreisphysikus. Der Arzt konnte aber nicht mehr helfen, die Schädel decke war eingeschlagen und nach zwei Stunden hatte das Herz aufgehört zu schlagen. i a Vorher hatte sie jedoch noch einmal die Augen aufgeschlagen und nachdem diese, suchend umherirrend, den am Sofa in stummer Ver⸗ zweiflung zusammengesunkenen Mann getroffen, hatte sie leise kaum hörbar hervorgestoßen: „Was hast Du getan? Ich bin ganz un⸗ schuldig!“ Der bei den Eltern der Frau in einem Nachbardorfe zu Besuch weilende Knabe war glücklicherweise dem ersten Jammer entzogen. Der Herr Leutnant, dessen erbärmliche Frivo⸗ lität das ganze Elend verursacht, hatte in den nächsten Stunden Schloß und Dorf verlassen. Bald darauf hatte er sich aber auch genötigt gesehen, weil die Geschichte so viel Aufsehen machte, den Dienst zu quittieren und war nach Amerika gegangen. Der Meister, der völlig apathisch alles mit sich geschehen ließ, war ge⸗ fesselt nach der Kreisstadt transportiert und schlteßlich wegen Körperverletzung mit tötlichem Ausgange unter Annahme mildernden Um- stände zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Schmiede ward verkauft, der Knabe bei den Großeltern erzogen. 4 Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte sich der Unglückliche der tollsten Aus⸗ schweifung und dem Trunke ergeben, um sein Gewissen zu betäuben. Der geringe aus dem Schiffsbruche gerettete Vermögensrest reichte nicht allzuweit; und bald war der Meister von Stufe zu Stufe gesunken. Jetzt wohnte er im Gemeindehause und arbeitete hier und da bei den Bauern gegen Tagelohn, den er regelmäßig i Jusel ar legte. Die Kinder hatten ihm, der Nr. — leide! seile! das del dam Alle blieh Muli zu el berm Auge gelbl dem 9 hte gelle geiwe Tegut Wied bert Soh tal! dell ned 9 ewe Stil 40 die! eine! zutr Luxus- nan matso 2 ——— Nr. 20. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. — —— leider nur allzu häufig betrunken umherwankte, seiner schwarzen struppigen Haare und seines das ganze Gesicht beschattenden Bartes wegen „der schwarze Meister“ getauft und dieser Name war allmählich Dorfgebrauch geworden. Alle Versuche, ihn dem Elend zu entreißen, blieben vergebens. Sein augenblicklich beim Mtlitär eingezogener Sohn, den die Großeltern zu einem tüchtigen Menschen herangebildet hatten vermochte wohl hin und wieder in lichten Augenblicken Einfluß zum Besseren anf ihn zu gewinnen, aber es war nicht möglich, ihn aus dem Dorfe fort in eine andere Umgebung zu bringen. Er brachte zu gewissen Zeiten hintereinander mehrere Nächte auf dem Grabe seiner Frau zu, wo er, das Gesicht zur Erde gewandt, die Hände in den Boden gekrallt, regungslos ausharrte, um hinterdrein dann wieder jeden erreichbaren Pfennig zu Fusel zu verwenden. Seitdem im verflossenen Herbst sein Sohn eingezogen worden, hatte sich sein Zu⸗ stan) verschlimmert und heute hatte er sogar dem Oberamtmann, den er bisher scheu ge⸗ neden, jene Worte zugerufen. Aus seinen Sinnen wird der Oberamtmann geweckt durch den Eintritt des Amtsdieners Sträuber, eines robusten Mannes von etwa 45 Jahren, der die Hände an der Hosennaht, die Amtsmütze unter den Arm geklemmt, mit einem:„Der gnädige Herr befehlen?“ auf ihn zutritt. „Sträuber, geh' er sofort in die Schenke und in den Gasthof! Ich befehle, daß dem schwarzen Meister als notorischem Trunkenbold keine Spirituosen mehr verabfolgt werden dürfen!“ „Zu Befehl, gnädiger Herr!“ Amtsdiener macht kurz kehrt. und der „Halt Sträuber! Noch eins. Wenn er es möglich machen kann, daß mir dieser Mensch nicht wieder vor Augen kommt, erhält er hun⸗ dert Taler.“ Der Amtsdiener horcht auf. Hundert Ta⸗ ler! Damit ist viel zu machen. Er hat eine große Familie und das Gehalt ist nur gering. „Zu Befehl, Herr Oberamtmann! Was ich machen kann, wird gemacht!“ „Schön Sträuber. Nur darf nichts Unge⸗ setzliches geschehen.“ „Nein, gnädiger Herr!“ „Gut, er kann gehen!“ Der Amtsdiener geht, aber immer geht ihm im Kopfe herum: Hundert Taler! Wenn er den schwarzen Meister nicht mehr sieht.— Hundert Taler!— Zwei Tage später kommt Morgens 10 Uhr der Amtsdiener atemlos auf die Amtsstube gelaufen. „Gnädiger Herr!— Melde gehorsamst, der schwarze Meister hat sich heite Nacht auf'm Friedhofe uffgehenkt!“ Der Oberamtmann fährt auf:„Was? Hat er da seine Hände iu Spiel gehabt, Sträuber?“ „„Nein, gnäd'ger Herr,“ entgegnete verschmitzt lächelnd der Angeredete,„ich habe nur gestern mit der Mappe unterm Arm den schwarzen Meister aufgesucht und ihm erzählt, daß uns gemeldet sei, sein Sohn habe, weil er wegen Urlaubsüberschreitung Arrest bekommen sollte, sich im Rhein ertränkt.“ „Sträuber! Ist er denn toll? Das ist ja nicht wahr!“ „Weiß ich woll, Herr Oberamtmann— aber— er sollte dem Herrn Oberamtmann. nich mehr unter die Augen kommen, un— ich wußte, daß er davon den Rest kriegte.“ „Mann! Da it er ja indirekt zum Mörder geworden!“ „'s weiß ja niemand was dervon, gnäd'ger Herr“, lächelt verlegen der Amtsdiener.„Un — un's war ja— von wegen— der— hundert Taler!“ „Unverschämter! Marsch, sofort hinaus! Eigentlich müßte ich seine Niederträchtigkeit sofort der vorgesetzten Behöede melden.— Er soll's aber seiner tadellosen Führung zu danken haben, daß ich noch einmal Gnade für Recht ergehen lasse!“ s Betrübt und mit scheuen Blicken entfernt sich der Amtsdiener. Statt Dank und hundert Taler muß er noch froh sein, daß er seine Stelle nicht verliert. Humoristisches Das Unmögliche. Wirtschafterin: Denken Sie nur, Herr Rat, gestern Abend hat Se. Exzellenz, dee Herr Minister, plötzlich seinen Geist aufgegeben! Rat: Wachen Sie mir doch nichts weiß! Der hatte ja gar keinen!(„Südd. Postill.) Kouragiert.„Ich soll den Alkohol fliehen— hat der Doktor g'sagt.... Lächerlich! Ich werd' mice) doch nicht vor so einem kleinen Glas Schnaps fürchten!“ Marktbericht. Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 10. Mai: Butter per Pfund Mk. 1,00— 1,10, Hühnereier 1 St. 5—6 Pfg., Käse pr St. 0—0 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 6,00— 7,00 Mk., Weitkraut pr. Stck. 9— 12 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 7,00— 10,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,30—1,40 Mk. Hahnen per St. 0,80— 1,70 Mk., Enten per St. 1,70 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00— 70 Pfg. Edgar Borrmann, Giessen D Telefon 298 Eisenhandlung, Stahlwaren, Werkzeuge, Haus- und Küchengeräte⸗ Neustadt 1128 Handlung Spaten Landwirtschaftl. Geräte Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Fleischh Rasenmäher Waagen und Gewichte Stehleitern Messerputzmaschinen Herde und Oefen Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Petroleum⸗ u. Gaskocher ack⸗ u. 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Jesberg, Wehrdaerweg. Tages⸗Ordnung: 1. Berichterstattung über den Heimarbeiter⸗Schutz⸗ Kongreß in Berlin. Referenk: Genosse Mirus⸗Frankfurt. 2. Die christlichen Gewerkschaften in Marburg. 3. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet die Gewerkschaftskommission. Ein Tag! vor der Konfirmation finden Sie noch loote Konfirmanden Anzüge in allen Farben und Macharten, pro Stück in Buckskin von Mk. 7,.— an. Ebenso Stiefel, Stiefeletten, Hüte, Hemden ꝛc. ꝛc. Hochzeits-Anzüge für Land und Stadt. Anzüge vom schwersten Buckskin, dunkel, hell, Mk. 10,—. Kammgarn-Herren-Anzüge blau, braun und schwarz, Mk. 13,50. Mein Lager in Hosen, Westen, Jünglings⸗, Knaben⸗ und Kinder⸗Anzügen, Ueberzieher, Kirchen⸗Röcken, Buckskin ꝛc. steht unübertroffen da! Scheuen Sid die Reisekosten nicht, Sie bekommen das beste und billigste. oller, Marburg „um oOberhessischen Kleiderbazar“. Spezialgeschäft 2 * 5 für Taschen- u. 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