hen nie alle aalität. ee Gießen, den 14. August 1904. 11. Jahrgang. Redattion: 2. Revakttonsschlux Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnorstag Nach ueg 4 Uhr. 7 7 * 1 i 8. nfags⸗Zeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) AJInserate a finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Das internationale Arbeiter- parlament. Diesen Sonntag tritt in Anesterdam der Internationale Sozialistenkong reß zusammen, zu welchem das Proletariat aller Kulturländer seine Vertreter entsendet. Es ist der sechste der Kongresse, die man als solche der internationalen Sozialdemokratie bezeichnen kann. Seine Tagesordnung ist eine äußerst reichhaltige und es ist sehr fraglich, ob all die zur Beratung vorgesehenen wichtigen Gegenstände erledigt werden können, da die Verhandlungen sich nicht über eine Woche erstrecken sollen. Unter anderen sollen folgende Materien beraten werden: Internationale Regeln der sozialistischen Politik; Kolonialpolitik; Generalstreik; Sozial⸗ politik und Arbeiterversicherung; Trust und Arbeitslosigket; Schutzzoll und Freihandel; Militarismus; Klerikalismus und Schule; Gewerkschaft und Politik, sowie noch eine Reihe anderer wichtiger Fragen. Als wichtigste der⸗ selben, die schon für sich einige Tage in Anspruch nehmen wird, ist ohne Weiteres jene über die internationale Regeln der sozialistischen Politik zu erkennen. Es kann sich dabei selbstverständ⸗ lich um die Skizzierung von taktischen Regeln nur im weitesten Umfange handeln, da die Einzelheiten des Vorgehens in den verschiedenen Ländern durch die besonderen Verhältnisse jedes einzelnen erst damit bestimmt werden können. Aber auch bei der Festlegung allgemeinster Regeln schon werden die Gegensätze aufeinander⸗ stoßen, die durch die Namen Kautsky und Bernstein, Guesde und Jaures, Ferri und Tu⸗ rati gekennzeichnet werden, Neben dieser Haupt⸗ und Prinzipienfrage treten die anderen oben aufgezählten an Be⸗ deutung kaum zurück, Militarismus und Kolo⸗ nialpolitik zum Beispiel werden ebenfalls ein gut Stück Zeit des Kongresses verschlingen. Aber ob die Tagesordnung vollständig erledigt wird oder nicht, kann die Bed eutung des Kongresses weiter nicht beeinflussen. Seine Be⸗ deutung liegt vielmehr in der einheitlichen und machtvollen Kundgebung der internationalen Arbeiterbewegung, wie sie in dieser Veranstaltung zum Ausdruck kommt. „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ Mehr als ein halbes Jahrhundert ist verflossen, seitdem der gesamten Arbeiterklasse diese Worte zugerufen wurden. Tausende von Arbeitern haben diesen Mahn⸗ und Sammelruf noch nicht beherzigt oder nicht verstanden, trotzdem ist er zur Tatsache geworden, die Arbeiter aller Län⸗ der sind einig! Sie sind einig gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung und ihre Folgen, zu deren gemeinsamen Bekäm⸗ pfung obige Schlußworte des kommunistischen Manifestes auffordern. Und dieser Aufforderung, diesem Kampfesrufe sind die aufgeklärten Arbeiter aller Länder gefolgt und folgen ihm mit jedem Tage mehr. In allen Kulturstaaten der Welt mit moderner Produktion kämpft die klassen⸗ bewußte Arbeiterschaft unter der gemeinsamen Fahne des Sozialismus. Nach einem Ziel strebt die gewaltige, noch nie in der Geschichte dagewesene Bewegung der Besitzlosen und Aus⸗ gebeuteten hin, sie kennt keine„nationalen“ Grenzen. Das Arbeiterparlament von Amsterdam hat 4 9 wie die früheren von Parts, London, Zürich, Brüssel die Aufgabe, das einheitliche Ziel, das gemeinsame Prinzip der 1 Arbeiter⸗ schaft aufs neue festzulegen und sich über tak⸗ tische und praktische Fragen wie sie der tägliche Kampf in allen Ländern bringt, zu verständigen. Darüber können gewiß Meinungsverschieden⸗ heiten herrschen, zumal die ökonomischen und politischen Verhältnisse der einzelnen Länder sehr verschieden sind. Mögen daher die sozia⸗ listischen Arbeiter in den einzelnen Ländern verschiedene Kampfmittel anwenden, sie stehen alle dem gleichen Feinde gegenüber, dem inter⸗ nationalen Kapital! Diesen wirksam zu be⸗ kämpfen und schließlich zu bestegen, muß sich das Proletariat international vereinigen und organi⸗ sieren.— Wir sind überzeugt, daß der Kongreß seine Aufgabe erfüllen, unserer großen Sache weitere Förderung bringen und einen Markstein für die internatinale Bewegung bedeuten wird! Internationalität! Unsere Feinde übersetzen das Wort mit Vaterlandslosigkeit und machen uns einen Vorwurf daraus. In Wirklichkeit bedeutet unser Internationalfsmus wahren Fortschritt, Vernunft, das Wohl aller Völker. predigen, ist im Grunde weiter nichts als Rück⸗ ständigkeit, Unkultur, Borniertheit! Mag bürgerliche Verständnislosigkeit das Weltparlament der Arbeit verhöhnen, wenn hitzige Debatten die Einigkeit zu stören scheinen. Die Arbeiterklasse sieht in dem Kongresse einen Beweis für die unbesiegliche, welterobernde Kraft des Sozialismus und enthbietet seinen Vertretern aus allen Ländern den brüderlichsten Gruß! Hoch die Internationale! Pol itische Nundschau. Gießen, den 11. August 1904. Bestrafte Richter. Vor einigen Monaten haben drei hohe Offiziere, welche als Richter bei dem Bilse⸗ Prozeß in Metz mitwirkten und zwar der General v. Tippelskirch, der Oberstleutnant Geisel und der Major Hirsch ihren Abschied erhalten. In die Oeffentlichkeit drang damals das dunkle Gerücht, daß ihre Verabschiedung mit ihrer richterlichen Tätigkeit zusammenhinge. Der Vertreter des Kriegs ministers verweigerte im Reichstage auf die Frage nach den Gründen dieser Verabschiedung die Antwort und loyale Gemüter trösteten sich mit der Ueberzeugung, daß eine solche Bestrafung von Richtern für ihre richterliche Tätigkeit denndoch zu denn Un⸗ möglichkeiten gehöre. Jetzt veröffentlicht der„Vorwärts“ eine geheime Kabinetsorder des Kaisers, in der es den genannten Offizieren als schweres Vergehen angerechnet wird, daß ste„entgegen dem wiederholten Antrag des Vertreters der Anklage von dem Ausschluß der Oeffentlichkeit in einem Umfange Abstand genommen haben, der nicht versehlen konnte,.... das Ansehen meiner Armee und im besonderen des Offiziers⸗ korps in weiten Kreisen des In- und Auslandes zu beeinträchtigen.“ Und weiter heißt es: „Ich spreche den Mitgliedern des Kriegsgerichts mein ernstes Mißfallen aus, daß sie es Der Nationalismus dagegen, den die Gegner nicht verstanden haben, die Interessen ihres Standes besser zu wahren.“ Damit werden deutsche Richter für ihre richterliche Tätigkeit zur Verantwortun g gezogen und bestraft. Wie ein solcher Zustand möglich werden konnte, der mit dem Begriff eines Rechtsstaates schlechthin unver⸗ träglich ist, läßt sich nur aus dem Inhalt un⸗ serer Militärstrafprozeßordnung und aus ihrer Geschichte verstehen.— Die Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens wird von allen zivilisierten Nationen der Welt für die wichtigste Garantie einer geordneten Rechtsprechung erachtet. Die deutsche Zivilstrafprozeß⸗ Ordnung kennt als Gründe der Ausschließung der Oeffentlichkeit nur die sonst zu befürchten de Gefährdung der Sittlichkeit, der öffentlichen Ordnung, insbeson⸗ dere der Staatssicherheit nach außen. Die neue Militärstrafprozeß-Ordnung erkennt zwar im Gegensatz zu der älteren preußischen das Prin⸗ zip der Oeffentlichkeit an, erweitert aber die Ausschließungsgründe auf militärdienstliche Interessen und räumt dem Kaiser das Recht ein, durch allgemeine Verordnungen den Umfang der Oeffentlichkeit zu bestimmen. In der Militärstrafprozeß-Ordnung und durch eine im Jahre 1900 ergangene kaiserliche Verordnung sind die Richter, die sonst nur dem Gesetz und ihrem Gewissen verantwortlich sind, unter das militärische Kommando einer disziplinären Gewalt gestellt. Die Reichstags⸗ mehrheit, die das Gesetz schuf— die Sozial⸗ demokratie stimmte dagegen— kann sich also jetzt nicht darüber beschweren, wenn deutsche Richter für ihre richterliche Tätigkeit so hart bestraft werden können, wie es im Falle Bilse geschehen ist. In Sachen der Militär- strafprozeßordnung hat die deutsche bürgerliche Gesetzgebung einseitig zu Gunsten der Monarchie abgedankt uud dem Willen eines einzelnen freien Spielraum gelassen auf einem Felde, auf dem keine andere Majestät als die des un⸗ persönlichen und unwandelbaren Rechts herr— schen sollte. Für die Zustände, die sich daraus entwickelt haben, tragen die bürgerlichen Parteien die volle Verantwortung. ö Die bürgerliche Presse aber, welche sich mit Entschiedenheit gegen die geheime Justiz wenden sollte, weiß weiter nichts, als uber die Ver⸗ öffentlichung geheimer Akten zu schimpfen und verschiedene Blätter zerbrechen sich den Kopf, wie dieser Erlaß dem Vorwärts zur Kenntnis kommen konnte, da er unter Beobachtung pein⸗ lichster Vorsichtsmaßregeln an di Kommandeure verschickt worden sei, von denen ein jeder das erhaltene nummerierte Exemplar sofort wieder zurückschicken mußte. Der Mittelsmann des Vorwärts dürfte demnach kaum in den unteren Chargen zu suchen sein. Das erzählt wentg⸗ stens die„Staatsbürgerztg“, die demnach eben— falls Angelegenheiten allergehetmster Art preis⸗ gibt. Wie konnte sich jemand fiuden, der dem Pücklerblatte über die Behandlung des Erlasses Mittetlung machte? Das Blatt tut also selbst, was es dem Vorwärts als Sünde anrechnet. Reichskanzlerworte. Nachdem der„Vorwärts“ den geheimen Er— laß gegen die Oeffentlichkeit kriegsgerichtlicher Verhandlungen veröffentlicht hat, erscheinen die Worte des Reichskanzlers, die er bei Gelegen⸗ heit der Besprechung des Bilse-Prozesses im Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. Reichstage sprach, in recht eigentümlicher Be⸗ leuchtung. Am 10. Dezember erklärte er: „Ich stimme dem Herrn Abgeordneten Schädler darin zu, daß die rückhaltslose Aufdeckung solcher Vorgänge nützlich ist, nicht nur, weil in der Oeffentlichkeit ein heil⸗ sames Korrektiv liegt, sondern auch, weil es ein gutes Zeichen für eine Institution ist, wenn nichts verkleistert und nichts vertuscht wird; und das ist in diesem Falle geschehen.“ Am 10. Dezember lobt der Kanzler, was der Kaiser am 1. Dezember, 10 Tage vorher insgeheim getadelt hat. Wird der Kanzler diesen Widerspruch aufzuklären vermögen? Von der Mirbachiade. Seitdem im Pommernbankprozeß festgestellt wurde, daß der fromme Oberhofmeister Freiherr von Mirbach große Summen von den Bankschwindlern angenommen hatte, um damit Kirchenbauten und andere fromme Zwecke zu fördern, verlautbarten in der Presse immer mehr Dinge, welche die Tätigkeit des Freiherrn in eigentümlichem Lichte erscheinen lassen. Zuletzt brachte das Dortmunder Zentrumsblatt„Tremonia“ eine Erb⸗ schaftsangelegenheit des Prinzen Sayn⸗Wittgenstein zur Sprache, in welcher sich v. Mirbach nach der Darstellung des genannten Blattes Untreue, Titelschacher ec. habe zuschulden kommen lassen. Man darf mit Span⸗ nung der weiteren Entwickelung der Affaire entgegen⸗ sehen und besonders ist von Interesse, ob der Staats⸗ anwalt sich nicht veranlaßt findet, Herrn v. Mirbachs Tätigkeit einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, Agrarische Unsitte. Ein vernichtendes Urteil über die Hab⸗ gierigkeit der Agrarier fällte vor der Straf⸗ kammer in Halle der Departements⸗Tierarzt Dr. Felisch⸗Merseburg. Angeklagt war ein Fleischermeister Heßler, der eine total kranke, an einer jauchigen Bauchfellentzündung leidende Kuh von einem Landwirt gekauft und dann an einen Fleischermeister als vollwertiges Fleisch weiterverkauft hatte. Dr. Felisch sagte:„Bei den Landwirten besteht leider Gottes die Unsitte, daß sie solch krankes Vieh, anstatt es der Abdeckerei zuüber⸗ weisen, an Fleischermeister und deren Helfers⸗ helfer verkaufen. Die Landwirte tun dies, um ein paar Mark mehr für das kranke Vieh heraus⸗ zuschlagen; sie wollen noch daran verdienen.“ Der saubere Fleischermeister, der das Vieh als „Hundefutter“ gekauft hatte, wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.— Dinge dieser Art sind schon öfters vorgekommen und vielfach straflos geblieben. Betspielsweise wurde im vorigen Jahre in Wetzlar ein ehrenwerter Metzger⸗ meister noch rechtzeitig erwischt, als er eben im Begriff war, eine total kranke Kuh zu schlachten und zu Wurst zu verarbeiten. Auch der kürzlich von uns abgedruckte Brief des kath. Geistlichen im „Bayr. Vaterland“ bestätigte das Vorhandensein dieser ländlichen„Sitte“. Gegen das Boykottieren hat eine sächsische Behörde, und zwar die Leipziger Amtshauptmannschaft eine„Be⸗ stimmung“ erlassen, die folgenden Wortlaut hat: „Wer in Zukunft es unternimmt, den Gewerbe⸗ betrieb eines Anderen dadurch zu stören oder zu beeinträchtigen, daß er öffentlich vor einer Menschenmenge oder durch Verbreitung von Schriften oder durch öffentlichen Anschlag dazu auffordert, in einem best'mmten Gewerbebetrieb keine Waren anzukaufen oder zu bestellen bezw. in einem bestimmten Geschäftslokale nicht zu verkehren, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.“ Damit will man jedenfalls unsere Leipziger Genossen in ihrem Kampfe um Versammlungs⸗ säle lähmen und nebenbei den Aerzten im Krankenkassenkampfe beispringen. Der Militär⸗ boykott, schwarze Listen, Aussperrungen und ähnliche Maßregeln der Unternehmer werden natürlich nicht verboten. Wozu wäre denn die neue„Bestimmung“ auch gerade in Sachsen ergangen? Sie ist offenbar ungesetzlich und von den Gerichten aufzuheben. Ein neues Stöckerblatt soll in Berlin unter dem Namen„Das Reich“ herauskommen. Es soll die besondere Aufgabe haben„den„Vorwärts“ und die Sozialdemo⸗ kraten gründlich zu bekämpfen.“ Das hat sich aber doch bisher schon nicht bloß die Stöcker ⸗ garde, sondern auch die ganze übrige Ordnungs⸗ armee redlich angelegen sein lassen; allerdings ohne Erfolg. Das neue Blatt wird wohl die christlich⸗soziale Suppe auch nicht fett machen. Die Ersatzwahl in Schaumburg-Lippe ist auf den 1. September festgesetzt. Von unserer Partei kandidiert nicht Genosse Thiel⸗Kassel, wie neulich mitgeteilt wurde, sondern es wird der Genosse Klingenhagen, der bereits im vorigen Jahre kandidierte und in die Stichwahl kam, wieder aufgestellt. Allem Anschein nach werden Nationalliberale und Freisinnige zu⸗ sammengehen und sie hoffen, daß ihr Kandidat Crüger entweder mit dem Sozialdemokraten oder mit dem Konservativen in die Stichwahl komme und in ersterem Falle von den Konser⸗ vativen, in letzterem Falle von den Sozial⸗ demokraten unterstützt werde. Diese Nassauer⸗ Politik ist nicht immer erfolgreich! Zu der Ermordung Plehwes erließ das Zentralorgan der russischen Sozial⸗ demokratie einen Aufruf„An das arbeitende Volk“, worin es heißt: „Getötet ist der Minister des Innern Plehwe. Getötet ist ein Spitzel und ein Henker, in dessen abscheulicher Gestalt alle Garstigkeiten und alle Gewalt der zarischen Regierung sich verkörpert haben! Hingeschieden ist einer, bespritzt mit dem Blute von Hunderten Arbeiter, welche auf seinen Befehl erschossen wurden, mit dem Blute der Opfer des Kischinewer Gemetzels, mit dem Blute jener Tausenden Soldaten, die jetzt im fernen Osten als Opfer der auswärtigen sowie der inneren Politik der zarischen Regierung fallen, an deren Spitze Plehwe stand; jener inneren Politik, welche vor keinem Verbrechen zurückschreckt, um den Zorn des Volkes von der unendlichen Kette der Verbrechen der za⸗ rischen Regierung gegen das Volk abzulenken. Nicht von unserer Hand ist Plehwe gefallen. Die Sozialdemokratie kann nicht für die Ar⸗ beiter kämpfen, sie kann nur zusammen mit den Arbeitern und an ihrer Spitze kämpfen, da sie sich bewußt ist, daß die Befreiung der Ar⸗ beiterklasse nur Sache der Arbeiterklasse selbst sein kann. Genossen! Die Bombe, die gegen Plehwe geschleudert wurde, explodierte gerade in dem Moment, als der langjährige Kampf des ganzen Volkes und vor allem euer Kampf, der Kampf der Arbeiter, den Thron des Zaren bereits er⸗ schüttert hatte, so daß er nun unter dem Drucke der Niederlagen im Kriege dem Zusammenbruch nahe ist. Nicht die Bombe an sich ist der za⸗ rischen Regierung gefährlich, gefährlich aber ist es, daß ste zu einer Zeit explodierte, wo das ganze Volk mit der Arbeiterklasse an der Spitze die Freiheit verlangt. Getötet ist ein Minister, der in der letzten Zeit in seinen Händen alle Fäden der Staatspolitik hielt. Ob an seine Stelle ein anderer toller Wolf ernannt wird, um nun mittels neuer sinnloser Blutbäder das Wachsen der Freiheitsbewegung aufzuhalten zu versuchen. In diesem Fall müssen die russischen Arbeiter mit weitsichtigem Auge die Gescheh⸗ nisse verfolgen und in ste als selbstbewußte Klasse eingreifen. Was wird die Antwort der zarischen Re⸗ gierung sein? Möglich, daß der neue Minister⸗ autokrat den Kriegszustand über ganz Rußland verhängen wird. Fürchtet nicht diesen Kriegs⸗ zustand, Genossen! Noch einen Anstoß und ihr habt auf immer von euch das Joch des Abso⸗ lutismus abgeschüttelt. Möglich, daß die er⸗ schrockene Regierung den Weg der Zugeständ⸗ nisse antreten wird. Aber nicht euch Genossen werden diese Zugeständnisse gelten. Die Regie⸗ rung wird sie mit dem geringzähligen Haufen von Edelleuten, Fabrikanten und Kaufleuten machen, die heute mit euch zusammen unter dem Joche des Absolutismus seufzen, morgen aber zusammen mit der Regierung und gegen euch über eure übermäßigen Forderungen schreien werden. Die Freiheit, die von der Regierung gegeben werden kann, ist nicht eure Freiheit. Genossen! Fordert die Freiheit für euch, fordert die Einberufung einer konstituierenden Versammlung. Nur eine solche Versammlung, die von dem ganzen Volke frei gewählt wird, vermag ein neues politisches Regime bei uns einzuführen. Fordert im Verein mit den Arbeitern die Freiheit! Lasset den Ruf erschalleu: Nieder mit dem Absolutismus! Es lebe die konstitu⸗ ierende Versammlung!“ Nachfolger Plehwes ist der bisherige Justiz⸗ minister Murawjew geworden. Aber außer⸗ dem ist auch noch in der Person des Generals Kleigels ein besonderer Chef der Gendarmerie ernannt. Diese Ernennungen beweisen die Fortsetzung des Systems Plehwe! Murawjew und Kleigels sind die Kandidaten der Partei am Zarenhofe, welche durch die Ergreifung schärfster Gewaltmittel die immer wachsende revo⸗ lutionäre Bewegung niederzuwerfen vermeinen. — Kleigels ist in Rußland von allen Ständen gehaßt. Als Stadthauptmann von Peters⸗ burg ließ er im Jahre 1901 bei Unterdrückung der Studentenunruhen vor der Kasankirche die Studenten und das schauende Publikum durch Kosaken auspeitschen und richtete ein Blutbad an.— Es ist begreiflich, daß die Er⸗ bitterung im Volke durch diese Ernennungen nur noch gesteigert wird. Die Gemeindewahlen in Marseille, wo die sozialistische Liste mit knapper Minorität unterlag, wurden für ungültig erklärt. Die 150 Stimmen Mehrheit, welche die Reaktionären erreichten, war ein Werk des direkten Stimmen⸗ kaufes und des frechsten Unternehmerdruckes. Das ist jetzt eine gerichtlich bezw. amtlich fest⸗ gestellte Tatsache. Wegen des Stimmenkaufes wurden vor Kurzem schon drei Agenten der alten Munizipalität gerichtlich zu Gefängnis⸗ strafen verurteilt. Bei der bevorstehenden Neu⸗ wahl dürften die Sozialisten wieder die alte Hafenstadt erobern, wo ste schon viele Jahre die Verwaltung in den Händen hatten. Waldeck⸗Rousseau gestorben. Am Mittwoch ist der frühere französische Ministerpräsident Waldeck⸗Rousseau in Corbeil oberhalb Paris an den Folgen mehrerer Opera⸗ tionen gestorben. Russisch⸗japanischer Krieg. Ueber die Schlacht bei Haitschöng am 31. Juli und 1. August wird aus Tokio berichtet: Nach den Direktiven des Marschalls Oyama griffen drei Armeen an und schlugen sich mit glänzender Tapferkeit an beiden Tagen. Die Armee des Zentrums unter Nodzu hielt die ihr bei Schimutschöng gegenüberstehenden Kräfte der russischen Mitte wahrscheinlich das zweite russische Korps unter Alexejew II. fest. Die Armee Okus drückte unter weiterer Um⸗ fassung des russischen rechten Flügels das Korps Sarnbajews weiter auf Haitschöng zu⸗ rück. Die Kavallerie Okus geht bereits auf der Straße Inkong⸗Niutschwang den Russen in den Rücken. Unterdessen führte Kuroki die verstärkte 1. Armee zur gleichzeitigen Um⸗ fassung des russischen linken Flügels vor und warf diesen trotz der heldenmütigsten Gegen⸗ wehr, bei der sein tapferer Führer der General Keller inmitten seiner von uns schwer bedrohten Artillerie den Heldentod starb, völlig über den Haufen. Uunsere Verluste sollen nahe an zwei⸗ tausend Mann betragen. Die Russen dürften über das Dreifache verloren haben, da sie wieder in dicht massierten Formen fochten, die den Anforderungen des heutigen Gefechts nicht entsprechen. Vor Port Arthur hätten nach russtschen Berichten die Japaner ia den letzten Tagen des Juli bei ihren Angriffen auf die Festung ungeheuere Verluste erlitten. Alle ihre Angriffe wären zurückgeschlagen worden und sie hätten am 26., 27. u. 28. Juli 10000 Mann ver⸗ loren. Auch am 5. August habe ein heftiger Kampf stattgefunden, wobei die Japaner eben⸗ falls mit einem Verlust von 10000 Mann zu⸗ rückgeschlagen worden seien.— Mögen hierbei auch die Russen in gewohnter Weise übertrieben . „„ ß 0. lie 0 U 3 n. 1 95 10 ie in b el dat die en l 5. tt. eb der ib eu lte re che eil 1.90 io le gen en. elt den das et. I ⸗ das zu. auf oll fen bei ben Nr 33. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. haben, daß aber auch auf japanischer Seite ungeheuere Menschenopfer fallen, kaum man ge⸗ trost als sicher annehmen. Ueber das russische Soldatenmate⸗ ria! habe sich, wie ein Pariser Blatt aus Petersburg berichtete, der Oberkommandierende Kuropatkin ziemlich abfällig ausgesprochen. Der Zar habe bet ihm angefragt, wie es käme, daß er sich immer mehr zurückziehe, obwohl ihm doch bedeutende Truppenmassen zugesandt würden. Er soll, darauf geantwortet haben: „Die Soldaten wären von der Ueberanstrengung und Hitze völlig erschöpft, es sei unmöglich, auf den gebirgigen Geländen zu manöverieren, die sibirischen Soldaten seien zu schwerfällig, um auf bergigem Terrain verwendet werden zu können. Schließlich fehle es den Russen an Gebirgsartillerie und ihre Festungs⸗ artillerte sei zu schwerfällig. Sie seien oft ge⸗ zwungen, ihre Geschütze im Stiche zu lassen, da es sich als unmöglich erwiese, sie schnell wegzubringen. Kuropatkin protestiert ferner gegen die Zusendung von Reservisten zwischen 35 und 40 Jahren, diese seien zu alt und können nicht mehr gut marschieren. Die russische Regierung hat aber bekanntlich gerade absichtlich die Aushebung der älteren Jahrgänge angeordnet, um die„unsicheren“ Elemente aus Rußland wegzuschaffen und sich ihrer womöglich auf den Schlachtfeldern der Mandschurei zu entledigen. Unsere Landeskonferenz. (Fortsetzung aus voriger Nummer.) Genosse Cramer geht bei seinem Referat über die Tätigkeit des Landtags zunächst ausführlich auf die Wahlreform ein. Er krittsiert scharf die reaktionäre Stellungnahme einer Reihe Abgeordneten, namentlich die Haltung der Nationallibe⸗ ralen, der Bündler und Antisemiten. Es wäre wünschens⸗ wert gewesen, daß die Gegensätze zwischen Freund und Gegner der Reform noch präziser zum Ausdruck gekommen wären. Die Reformdebatte der letzten Tage sei vom Staatsminister Rothe mit einer Rede eingeleitet worden, die vorteilhaft abgestochen habe von Ministerreden, die in anderen Parlamenten zur Wahlrechtsfrage gehalten seien. Scharf zu verurteilen sei, daß sich bürgerliche Parteien sogar gefunden hätten, die bei der Frage der Wahlkreiseinteilung einiger Mandate wegen ihre Prinzipien preisgaben. Es sei bei der Wahlkreiseinteilung unverblümt gesagt worden, daß man die Orte Heuchelheim und Wieseck dem Wahlkreis Gießen ⸗Stadt angliedern müßte, um unsrer Partei nicht ein Mandat(Gießen⸗Land) abzutreten, während man andererseits Kostheim und Kastel noch Mainz an⸗ gliedern wollte, um einen Zentrumskreis zu halten. Die Kautelen, die auch Annahme fanden, bedeuten Ver⸗ schärfungen gegen früher, die uns hätten Veranlassung geben können, gegen die Vorlagen zu stimmen, aber wir sagten uns, im Interesse des Zustandekommens des Ganzen bescheiden wir uns. Genosse David habe na⸗ mentlich im Aus schuß und dann mit Ulrich zusammen im Landtag dessen ungeachtet ganz entschieden unseren Standpunkt gewahrt. Bei aller Mübe, die sich die Bürgerlichen bei der Wahlkreisgeometrie gaben, müsse doch gesagt werden, daß wir keinen Grund hätten, un⸗ zufrieden zu sein. Ganz besonders auffällig war bei der Wahlreformfrage das Verhalten und Gebahren des Freiherrn v. Heyl und seiner Presse, das allgemein die schärfste Verurteilung gefunden habe. Nur der neue Vertreter für Nauheim, Herr Windecker habe sich be⸗ müßigt gefühlt, sür Herrn v. Heyl einzutreten. Aber da sei er denn doch etwas zu unbedeutend, um Eindruck machen zu können. Merkwürdig sei es, daß jetzt eine freisinnige Versammlung sich den Heylschen Motiven augeschlossen habe. Alles in allem stehe fest, daß wir Fortschritte machen und neue Anhänger für unsere Partei werben würden unter jedem Wahlsy stem. Unter den vielen weiteren Beratungsgegenständen dieser Legis⸗ laturperiode seien besonders zu betonen die Wahl⸗ prüfungen. Stürmische Sitzungen habe es im Ausschuß gegeben. Zunächst wollte man uns die Stadt Offenbach streitig machen, jedoch konnten die Einwendungen gegen die Wahl nicht aufrecht erhalten werden. Dann ver⸗ suchte man, uns den Wahlreis Offenbach⸗Land abwendig zu machen. Es kamen die Wahlproteste, einmal wurde die Wahl für ungültig erklärt. Aehnlich ging es in Darmstadt. Bezüglich der Nachwahlen in Darmstadt bedaure er persönlich, daß unsere Partei die Freisinnigen nicht unterstützt habe und so dadurch unseren grötzten Gegnern im Wahlkreise, den Nationalliberalen Vorschub geleistet habe. Redner geht alsdann näher auf die Stempelsteuer⸗Gesetzgebung ein; wir seien entschleden für die Aufhebung des Stempels eingetreten, Bezüglich der direkten Vertretung der Arbeiterschaft im Ministerinm hätte die Fraktion unseren bekannten Standpunkt wiederum eingenommen und einen entspre⸗ chenden Antrag eingebracht. Die Mehrheit des Land⸗ tags stellte sich mit der Regierung auf den Standpunkt, daß diese Materie reichsgesetzlich geregelt werden müsse. Für die kleinen Beamten seien wir wiederum ein⸗ getreten. Es seien auch hier und da Verbesserungen vorgenommen worden. Wir hatten uns im Landtag auch mit dem sogenannten„Buddismus“ im Eisenbahnwesen zu beschäftigen. Es blieb unserer Fraktion überlassen, das Maßregelungssystem entschieden zu geißeln. Wir seien der Regierung und den Gegnern nichts schuldig ge⸗ blieben. Es liege ein Antrag vor, der eine Revision der hessischen Verwaltungsgesetze verlange. Es war schon früher einmal, unter der Aera Finger, eine Revision ins Auge gefaßt; sie kam nicht zustande, aber es sei ohne Zweifel, daß sie im reaktionären Sinne ausgefallen wäre. Es heiße überhaupt, in dieser Frage mit großer Vorsicht vorzugehen, ebenso in der Schul⸗ frage. Wenn wir in diesem Landtag in eine Revision des Schulgesetzes eintreten sollten, so hätten wir keine Garantie, daß dieselbe nicht im Sinne einer Verpfaf⸗ fung ausfalle. Darum heiße es auch hier, wie bei der Revision der Verwaltungsgesetze: vorsichtig zu Werke gehen. Er wünsche, daß alle Parteigenossen vor allem dafür sorgen, daß die Naturalisation systematisch betrieben werde. Wir müssen in jedem Wahlkreis da⸗ rauf bedacht sein, uns neue Wähler zu schaffen. Dann sei zu hoffen, daß wir weitere Fortschritte zu verzeichnen haben.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion bemerkte Harris⸗Himbach: Bei Beratung des Hoftheater-Umbaues habe sich Genosse Cramer im Gegensatz zur übrigen Fraktion gestellt. Dagegen müsse man gleich beim ersten Falle Stellung nehmen. Wohin das führen kann, sehen wir an Baden, wo Mitglieder unserer Fraktion sich als Kanalgegner gezeigt haben. Nach seiner Meinung dürften unsere Parteigenossen auf eigene Faust keine lokalen Interessen verfolgen. Busold⸗Friedberg erörtert die Frage, ob es noch richtig ist, daß wir immer dafür sorgen, einer bestimmten Kategorie von Leuten, den Beamten, bessere Lebensbe⸗ dingungen zu verschaffen, während die Masse des Volkes noch im Elend lebe. Dabei verhielten sich die Beamten uns gegenüber meist feindlich. Bei der Millionenforde⸗ rung für Bad⸗Nauheim müsse die Fraktion dafür sorgen, daß die sogen, anständige Lohnklausel in die Verträge hineingebracht wird. Das könne gelingen, da unsere Stimme doch wahrscheinlich das Zünglein an der Wage bilden. Eckradt⸗Mühlheim: Die Kautelen des neuen Wahl⸗ rechts sind schlimmer, als allgemein angenommen wird. Er gebe sogar dem jetzigen Wahlrecht den Vorzug, das nicht so schlimm sei wie das neu angenommene. Friedrich- Darmstadt polemisiert gegen Cramer in der Frage der Stellungnahme der Darmstädter Par⸗ teigenossen bei der Landtagswahl. Die Parteiehre ver⸗ bot uns, für die Freisinnigen einzutreten. Bezüglich des Hoftheaterumbaues halte er den Standpunkt Cramers für den richtigen. Rink⸗Urberach wendet sich gegen Busold. Wir können uns bei unserer Stellungnahme im Landtag bei den Fragen, welche die Gehälter der Beamten betreffen, nicht davon beeinflussen lassen, daß dieselben Beamten uns fortgesetzt die größten Schwierigkeiten bereiten, sich in den Dienst der Gegner stellen, Wir dürfen allein nach sachlichen Gesichtspunkten handeln. Redner weist kurz auf die schlimmen Verhältnisse der Straßen wärter und ähnlich schlecht bezahlter Beamten hin und verlangt weiter die Beseitigung der Fahrradsteuer und auch des Nummerzwanges. Eißnert⸗ Offenbach kritisiert in scharfer Weise einige der Wahlrechtskautelen, wie die Vorschriften, die sich auf die„Haussöhne“ und die Steuerleistungen be⸗ ziehen. Die Arbeiter würden geschädigt durch die Ansässig⸗ keitsklausel. O rb⸗Offenbach stellt die Theaterbauangelegenheit klar. Ulrich habe durch Aktenstudien die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Verpflichtung des Landes dem Theater gegen⸗ über nicht vorliege. Drei Abgeordnete schlossen sich dem Standpunkte Ulrichs an, zwei nicht. Da es sich nicht um eine Prinzipienfrage handelte, habe man jedem Kollegen freie Hand lassen können. David⸗Mainz geht noch einmal auf die Kautelen ein. Sie sind ungerecht, wir mußten ste jedoch des direkten Wahlrechts wegen mit in auf nehmen. Wie ste wirken werden, wird die Zukunft lehren. Bezüglich der Beamtenpolitik gibt David dem Gen. Rink Recht; wir können keine Politik des„Rochus“ treiben.— Nach Annahme eines Antrages aufsSchluß der Debatte recht⸗ fertigte Abg. Cramer in seinem Schlußwort seine Stellungnahme in der Theaterfrage, er habe nach bester Ueberzeugung gehandelt und halte heute noch seinen Standpunkt für den richtigen. Es habe sich s. E. um eine Förderung von Kunst und Wissenschaft gehandelt. Ueber den folgenden Punkt der Tagesordnung ——— die bevorstehenden Kommunalwahlen referiert Ulrich. Wir seien bei den Wahlen durch unser allgemeines, wie auch durch unser hessisches Kommunal⸗ programm gebunden. Eine der Hauptfragen, die zu erledigen sei, sei die, ob es sich empfiehlt, bei den Bürger⸗ meister⸗ und Beigeordnetenwahlen so zu arbeiten, wie es hier und dort versucht wurde. 1901 haben wir be⸗ schlossen, an der Aufstellung der Kandidaten als Bürger⸗ meister uns nur zu beteiligen, wenn prinzipienfeste Ge⸗ nossen vorhanden wären. Wir hätten aber immer wieder bilterböse Erfahrungen gemacht. Gar oft sei man nach den Mahlen gor bald zu der Ueberzeugung gekommen, daß Charakter- und Prinzipienfestigkeit der zu Bürger⸗ meistern oder Beigeordneten gemachten Personen sehr zweifelhaft seien und daß diese Leute gegen uns Stellung genommen hätten, sich als Staatsbeamte fühlten und nun sich veranlaßt sahen, gegen uns aufzutreten. Solange das Bestätigungsrecht bestünde, stehe außer Zweifel— selbst unter dem liberalen Minister Rothe— daß ein ausgesprochener Sozialdemokrat die Bestätigung nicht erhalte und daß, wenn man es auf einen Konflikt ankommen lasse, die Gemeinden nicht fest bleiben. Wir wollen uns daher gar nicht in die Versuchung bringen lassen. Bei den Kommunalwahlen spielen in den meisten Gemeinden die Familien- und Personenverhältnisse die größte Rolle, deshalb müssen wir bei den Kandidaten wohl sehr vorsichtig sein. Trotzdem sollen wir uns be⸗ teiligen; vor allem haben wir uns zu fragen, ob unsere Kandidaten prinzipienfest sind. Wenn wir dann mit solchen Kandidaten unterliegen, so ist das viel weniger schltemm, als wenn wir Leute wählen, die nachher nicht ganz mit den Herzen bei uns sind.(Sehr richtig!) Gemeinderäte, die umfallen, schaden uns; die Gegner haben recht, wenn sie in solchen Fällen sagen: was wollt ihr denn, den habt ihr ja selbst gewählt. Bei Bürgermeister⸗ und Beigeordnetenwahlen sollte keine Mitgliedschaft unserer Partei sich beteiligen, ohne sich mit dem Landeskomftee zu verständigen.(Leb⸗ hafter Beifall.) Diskussion über das Referat wird nicht gewünscht. — Es folgt nunmehr die Beratung verschiedener Anträge. Folgende derselben gelangen zur Annahme: Wahlverein Worms:„Die Landeskonferenz wolle beschlteßen, das Landeskomitee zu beauftragen, einen Referenten nachweis zu organisieren, sodaß zu jeder Zeit, insbesondere bei der Maifeier, bei Protest⸗ bewegungen usw. Referenten zu haben sind.“ Sozialdemokratischer Verein Urberach:„Die Ver⸗ handlungen der Landeskonferenz sind analog dem Par⸗ teitags⸗Protokoll, stenographisch niederzulegen und als Protokoll zu möglichst niederem Preise den Partei⸗ genossen zugänglich zu machen. Dem Protokoll ist bei⸗ zufügen ein Ueberblick über die hessischen Staatsfinanzen (Etat), der Tätigkeitsbericht des Landeskomitees, der Bericht des Landes-Kassiers, sowie wichtige Vorgänge politischer oder wirtschaftlicher Natur im Hessenlande.“ Das Landeskomit ee wird auf Vorschlag des Genossen Cramer wiedergewählt. Es wird gebildet von den Genossen Ulrich, Orb, Berthold, Orbig und Stock.— Als Ort der nächsten Landeskonferenz wird Alzey bestimmt. Der Vorsitzende Gen. Ulrich richtet einige Schluß⸗ worte an die Delegierten und bemerkt, daß wohl mit Recht gesagt werden dürfe, daß das, was wir verhandelt und festgelegt haben, zum weiteren Ausbau unserer Or- ganisation beitragen werde. Mögen die Delegierten in ihren Vereinen im Sinne der gefaßten Beschlüsse wirken. Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie, in das die Delegierten begeistert einstimmten, schließt er die Konferenz um 6/ Uhr abends. Berichtigung. Im Berichte der vorigen Nummer befinden sich auf Seite 4 bei dem Referate Dr. Davids über den Parteitag die zwei von dem Referenten borge⸗ schlagenen Resolutionen an falscher Stelle, wie der aufmerksame Leser schon bemerkt haben wird. An erster Stelle nach der fünften Zeile von oben muß die R.. lution über die Beiträge folgen, os mit den Sorten beginnt:„Sämtliche Lokalorganisationen führen“ usw. Und an Stelle dieser muß die andere, mit den Worten beginnende:„Die Hessische Landeskonferenz“ usw. einge⸗ fügt werden. pon Nah und gern. Hessisches. — Gemeindewahlen. Bei der Ge⸗ meinderatswahl in Dreieichenhain, deren günstigen Ausfall sür uns wir in letzter Nr. schon berichteten, wurden für unsere Genossen Knies, Schickedanz und Gräser 147—150 Stimmen abgegeben, während die Gegner nur 93 bis 95 erhielten.— Ferner brachten unsere Genossen in Hainhausen ihre Kandidaten mit 49, 56 und 87 Stimmen durch. Weiter 0 9 0 —— — Seite 4 Witteldentsche Sountags⸗Neitung. Nr 33 errang unsere Partei einen vollen Sieg in Egelsbach bei Darmstadt. Von 281 Stimmen fielen auf unsere Kandidaten 270, 172 und 170 Stimmen, während die bürgerlichen nur 107, 84 und 43 erhielten.— In Wixhausen bei Darmstadt dagegen unterlagen unsere Genossen, ebenso in Sprendlingen. Hier siegten jedoch die Gegner mit geringer Mehrheit.— Leider unterlagen wir auch in Isenburg, wo bei der zahlreichen Arbeiter-Bevölkerung uns un⸗ bedingt der Sieg hätte zufallen müssen. Jedenfalls haben es unsere Leute an der nötigen Energie fehlen lassen und sich nicht alle an der Wahl beteiligt.— Einen glänzenden Sieg errang unsere Partei dagegen in Mülheim a. M., wo die vier soztaldemokratischen Kandidaten mit 451663 Stimmen gegen 380 gegnerische gewählt wurden. Gießener Angelegenheiten. — Von einem„Hereinfall des Vor- wärts“ weiß der„Gieß. Anz.“ zu erzählen. Der Vorwärts soll nach dem Amtsblatt mit seinen Mitteilungen über die wahlrechtsräube⸗ rischen Pläne der Mehrheitsparteien hereinge⸗ fallen sein. Die diesbezüglichen Nachrichten des Vorwärts, die wir im Leitartikel der vorigen Nummer besprachen, hätten sich als unrichtig herausgestellt, namentlich soweit sie die Zent. rumspartei betreffen, die ihrerseits jede Kenntnis und Beteiligung an diesen Dingen entschieden bestreite.— Nun, daß die Zentrumsleute ihre Schuld bestreiten, ist ja ganz natürlich und beweist für die Unrichtigkeit der Vorwärts⸗ Mitteilungen gar nichts. Auch im Zentrum gibts wie bei den nationalliberalen Gesinnungs⸗ verwandten des Anzeigers dunkle Ehrenmänner, denen jedes Mittel zur Beseitigung des Wahl⸗ rechts willkommen ist. Der Vorwärts wird jedenfalls gut unterrichtet gewesen sein; wie oft haben sich seine Mitteilungen hinterher als richtig herausgestellt, obwohl sie vorher mit aller Entschiedenheit bestritten wurden. Wenn das Gießener Amtsblatt von„Blamage“ reden will, soll es sich nur um sich selber bekümmern. m. Aus der Kaserne! Wie der„Gieß. Anzeiger“ berichtet, ist der Füselier Seipp 4/116 beim Anstreichen an der alten Kaserne abgestürzt und hat den Tod gefunden.— Da ist wohl die Frage am Platze: Wie kommt Seipp zu der Ehre, als Anstreicher verwendet zu werden? Giebt es in Civil nicht Leute genug, die von Berufswegen Austreicherarbeiten leisten? Seit wann machen die Soldaten dem Zivil Konkurrenz? Und vor allen Dingen: Waren entsprechende Schutzmaßregeln getroffen, um solche Unglücksfälle zu verhüten und warum nicht?— Wer entschädigt die Angehörigen des Verstorbenen? Anstreichen gehört doch wohl vorläufig noch nicht zu den Dienstobliegen⸗ heiten des Soldaten! Wie gesagt, es liegt im Interesse der Militärbehörden und der Oeffentlichkeit, zu erklären, wie der unglückliche Soldat zu der für ihn so verhängnisvollen Tätigkeit kam. Für uns beweist dieser Fall wieder, daß die Zjährige Dienstzeit noch viel zu lang ist. — Der Beleidigungsprozeß gegen den Abg. Köhler-Langsdorf und den Redak⸗ teur Holzinger von der„Hungener Landpost“ endete mit der Verurteilung des Letzteren zu 500 Mk. Geldstrafe und Publikation in drei Zeitungen. Wie in voriger Nummer mit⸗ geteilt, wurde nur gegen Holzinger verhandelt, weil Köhler, gestüzt auf seine Abgeordneten— Immunität, sich weigerte vor Gericht zu er⸗ scheinen. Letzteres beschloß, von einer Vorfüh⸗ rung Köhlers„aus Zweckmäßigkeitsgründen, nicht aus rechtlichen“ wie es in der Begründung des Beschlusses hieß, Abstand zu nehmen.— Bekanntlich hatte Köhler eine Anfrage wegen der Verhaftung und Untersuchung der des Kindesmordes beschuldigten ledigen Minna Görlach in Eberstadt im Landtage eingebracht, in welcher er sich in den stärksten Ausdrücken über das Vorgehen der Justtz und der Medizinalbeamten aussprach. Er sprach darin u. a. von Verletzung der Sittlichkeit und der weiblichen Ehre, die Görlaͤch sei mit Milch⸗ Folterwerkzeugen“ behandelt worden, sie sei nebst einer anderer Frau gezwungen worden, sich der Untersuchung zu unterwerfen, das öffentliche Rechtsgefühl sei durch das Verfahren des Staatsanwaltes erschüttert worden. Zu gleicher Zeit, als Köhler die Anfrage an die Kammer abschickte, veranlaßte er den Redakteur der„Hungener Landpost“, sie in seinem Blatte abzudrucken. Die Beweisaufnahme ergab, daß die von Köhler erhobenen Vorwürfe unbegründet waren. Der Oberstaatsanwalt bezeichnete das Vorgehen Köhlers als im höchsten Maße un⸗ gehörig. Es sei seine Absicht gewesen, Stim⸗ mung gegen die Behörden zu machen. Wohin sollte es führen, wenn ein Jeder in ein schwebendes Verfahren eingreifen wollte? Die Oeffentlichkeit sei aufgeregt, ehrenwerte und pflichttreue Beamte empfindlich beleidigt worden. Köhler sei der Hauptschuldige, aber der Ange⸗ klagte habe ebenfalls unverantwortlich gehandelt und sei mitschuldig. Es könne keine Rede da⸗ von sein, daß der Artikel etwa als Bericht der Kammer straflos sei. Die betr. Bestimmung des Gesetzes beziehe sich nur auf die Berichte über die öffentlichen Verhandlungen der Par⸗ lamente. Besonders bezeichnend für Kögler sei, daß er auch die„Frankf. Ztg.“ zur Aufnahme des beleidigenden Artikels zu veranlassen gesucht habe, mit der er sich im schärfstem politischen Gegensatze befinde! Er beantragte gegen den Redakteur Holzinger drei Monate Gefängnis. Das Gericht billigte dem Angeklagten mildernde Umstände zu und erkannte wie oben angegeben, indem er sich im Allgemeinen den Darlegungen des Staatsanwaltes anschloß. Gegen Köhler wird voraussichtlich nach Schluß des Landtags verhandelt werden.— Hinzugefügt sei noch, daß Köhler sich in seiner Anfrage auf das Gut⸗ achten des Dr. Schaad in Lich bezog, der die Görlach ebenfalls untersuchte und sich dahin ausgesprochen hatte, daß sie nicht geboren habe. Jetzt, nachdem sie eingestanden hat, das Kind geboren und getötet zu haben, konnte er na⸗ Aide seine frühere Meinung nicht aufrecht er⸗ halten. — Zigarrenfabriken find in der letzten Zeit auf den Dörfern im Kreise Wetzlar und namentlich in den nach Gießen zu gelegenen in nicht geringer Zahl entstanden. Von den Ordnungsblättern wird das als eine besondere Wohltat für die Arbeiter gepriesen und so hin⸗ gestellt, als errichteten die Herren Fabrikanten die Fabriken nur zu dem Zwecke, der Bevölke⸗ rung Brot und Verdienst zu verschaffen und nicht etwa um sich billige Arbeitskräfte zu sichern. Da wird den braven Leuten doch etwas zuviel Edelmut angedichtet. Ein Beispiel da⸗ für, daß sie den Teufel nach dem Wohlergehen der Arbeiter fragen, erfuhr kürzlich ein bei der Firma Gail beschäftigter Werkführer. Dieser erkrankte und mußte Kuraufenthalt in einer Lungenheilanstalt nehmen. Als er wieder so⸗ weit hergestellt war und die Arbeit aufnehmen wollte, mutete ihm die Firma zu, als Arbeiter zu arbeiten, entzog ihm also seine frühere Stelle. Sollte dies etwa zu seiner Erholung beitragen? Der lange Jahre für Gail tätig gewesene Ar⸗ beiter ließ sich diese Zurücksetzung nicht gefallen, und verließ den humanen Arbeitgeber. —e. Das dankbare Vaterland. Von einem Leser unseres Blattes wird uns ge— schrieben: Wie es mit der vielgepriesenen Unter- stützung hülfsbedürftiger Kriegsveteranen aus⸗ sieht, davon im Folgenden ein Beispiel. Zu⸗ fällig bekam ich Einsicht in einen amtlichen Entscheid in der Unterstützungssache eines mir bekannten, 1870 verwundeten Kriegsveteranen. Darin wird dem gut königstreuen Mann amtlich mitgeteilt, daß sein Gesuch betr. Unterstützung aus dem Unterstützungsfonds für bedürftige Kriegsveteranen abgelehnt sei, obwohl er seine Erwerbsunfähigkeit und seine Vermögens— losigkeit nachgewiesen hatte, was auch amtlich anerkannt wurde. Es wurde noch darauf hin— gewiesen, daß er zwei Söhne habe, welch! für ihn sorgen könnten, leider aber mutz der eine diesen Herbst zum Militär und das Einkommen des andern reicht kaum für ihn selbst. Ja, die Frage der Bedürftigkeit wird bei derartigen pumpe, Mutterspiegel und„anderen modernen Dingen sehr verschieden aufgefaßt. wie man erhofft hatte. Versammlung mit den Beschlüssen derselben einverstanden. unserer Presse — Vor dem Streikbrecher-Agent Wirt Ph. Schneider am Markt(zum Adler) seien die Arbeiter wiederholt gewarnt. Ermahne jeder Arbeiter seinen Kameraden, die Wirtschaft zu meiden! — Bei Insektenstichen, die in der jetzigen Jahreszeit recht häufig sind, beobachte man größte Vorsicht. Dieser Tage wurde das 14 jährige Töchterchen eines in Kassel wohnenden Einwohners von einer giftigen Fliege derart gestochen, daß am nächsten Morgen schon das Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellt war. Aerztliche Hilfe vermochte, weil zu spät angerufen, nicht mehr zu helfen. Am zweiten Tage war das Kind gestorben. Vielfach wird die Infektion erst durch Kratzen herbeigeführt. Es empfiehlt sich, einen Insektenstich sofort mit Salmiakgeist. oder Seife zu betupfen, womit man sich auch bei Ausflügen versehen sollte. Bei Anschwellungen erweist sich ein sofortiger ausgiebiger Verband mit essigsaurer Tonerde in der Regel als. bestes Mittel. Aus dem Rreise gießen. r. Aus Watzenborn⸗Steinberg. Der Wahl⸗ verein hielt am Samstag eine Mitgliederversammlung ab, in welcher zunächst der Delegierte von der Landes⸗ konferenz Bericht erstattete. In der darauf folgenden Diskussion wurde von verschiedenen Rednern bedauert, daß die bessere Ausgestaltung unserer Presse von seiten der Landeskonferenz nicht in dem Maße gefördert wurde, Im Weiteren erklärte sich die Dann wurde beschlossen, auf der Kreiskonferenz zum Kreis⸗ organisations⸗Statutenentwurf folgendes zu beantragen: Zu 8 3: Jede Mitgliedschaft bis zu 50 Mitgliedern ist berechtigt, zwei Delegierte zur Kreiskonferenz zu entsenden, für jedes weitere angefangene halbe Hundert Mitglieder einen weiteren. Person werden, welche moralisch in gutem Rufe steht, das 17. Lebensjahr überschritten hat, uswv. Dann wurden 2. Genossen als Delegierte gewählt. Ferner zu§ 2: Mitglied kann jede Aufgegeben wurde denselben, auf der Kreiskonferenz für bessere Ausgestaltung und intensivere Agitation einzutreten. Belm Punkte„Gemeinderatswahl“ wurde beschlossen, unverzüglich in die Agitation einzutreten, damit der Sieg. an unsere Fahne geheftet werde und der Vorstand be⸗ auftragt, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Unter Verschiedenem wurden noch interne Angelegenheiten, sowie die politischen Tagesfragen lebhaft besprochen. 5 r. Das Hirschelblatt drückt sich. Neulich schwindelte das Hirschelblättcen der Welt oder richtiger seinen paar Lesern vor, bei dem Kreisfeste in Steinberg hätten die Festwirte Schaden gehabt und seien deshalb aufgeregt. Der Arbeiterverein hätte versprochen, die Zapfscheine zu lösen, jetzt kümmere er sich um nichts. Weil nun diese Angaben erlogen sind, sandten die Wirte dem Blättchen eine Berichtigung zu und gaben unter Punkt 4 der⸗ selben folgende Erklärung ab:„Wir erklären noch, daß alle Berichte, welche Sie über den Verlauf des Festes gebracht haben, der Wahr⸗ heit nicht entsprechen.“ Die Erklärung bezeichnet das Bauernfängerblatt in einer Brief, ranzen“⸗ Notiz als nicht sachlich. Demnach ist bei den Hirschelleuten aller Schwindel sachlich, den ste verbreiten, bekommen sie aber die Wahrheit ge⸗ sagt, dann ist es eben nicht sachlich. O, diese wahrheitsliebenden teutschen Antisemitriche. — Ein bedeutendes Manks ist in dem landwirtschaftlichen Konsumverein in Großen⸗Buseck zu verzeichnen. Die ver⸗ öffentlichte Bilanz für 1903 führt einen Posten 2449,10 Mk. als„Manko bei dem Lagerhalter“ auf. Nach derselben Bilanz hat die Genossen⸗ schaft 274 Mitglieder und betrug der Reingewinn im Jahre 1903 6178,13 Mk. n. Der Wahlverein in Lich hielt am Montag eine Mitglieder⸗Versammlung ab, in welcher Genosse Velters über Kolonialpolitik sprach. Redner legte dar, welch ungeheuere Opfer an Menschen und an Geld unsere Kolonial⸗ und Weltmach politik erfordere. Er wies weiter auf den Hererokrieg hin, der dem deutschen Volke mehr als 50 Millionen Mark koste ohne daß er irgendwelchen Nutzen bringe. Vor allem müßten die Arbeiter und kleinen Leute auf dem Lande vor den Agitationen des Flottenvereins gewarnt werden, damit sie nicht noch ihre Groschen fün eine Sache opfern, die dem Volke zum Schaden gereiche.— Der Vortrag far d beifällige Aufnahme. In der nächsten Versammlung soll über Gemeindepolitik ein Vortrag gehalten werden. Der [Verein nimmt eine recht erfreuliche Entwickelung. — gegr lein hier fei We Agi P 2 2 D * S de a5 de ng ell, jeg. bie Nr. 33. Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen — Die Gemeinderatswahl iu Vilbel findet Eade dieses Monats statt. Vom 9.— 18. August liegt die Liste der Stimmberechtigten auf der Bürgermeisteret zu Jedermanns Ein⸗ sicht aus. Das sozialdemokratische Wahlkomitee hat Abschriften der Liste in verschiedenen Wirt⸗ schaften, im„Pfau“,„zur Rose“, bet Schraub, Mai und Weil Wtwe. aufgelegt. Sehe jeder Genosse die Listen nach! — Mie Wohnungsnot in Büdingen wird immer größer. Es fällt, wie der„Volksst.“ geschrieben wird, jetzt auch den pünktlich zahlenden Leuten schwer, rechtzeitig eine passende Wohnung zu erhalten. In Arbeiterkreisen sollte man einmal die Frage ventilieren, ob nicht eine Baugenossenschaft auf volkstümlicher Grundlage gegründet werden kann. Was in anderen, kleineren hessischen Orten möglich ist, sollte auch hier nicht unmöglich sein. Aus dem Rreise Wetzlar. * Christlich⸗soziale Wahlrechts⸗ feinde. Herr Behrens-Berlin, der den Wetzlarer Kreis wiederholt als christlich-sozialer Agitator im Vereine mit Herrn Apotheker Dr. Burckhardt beackerte, befand sich kürzlich auf einer Agitationsreise am Niederrhein. In einem Vortrage, den er im Verlauf derselben in Mörs hielt, sagte er nach Berichten bürgerlicher Blätter u. a.: Einen Fehler hätten die führenden Parteien gemacht, indem sie den Arbeitern das allgemeine Wahlrecht gegeben hätten, ohne sie zu politisch mündigen Männern zu machen. Wie könne der Staat Leuten mehr Freiheit geben, die ihn zu stürzen suchen!— Diese Auf⸗ richtigkeiten müssen niedriger gehängt werden. Uebrigens hat Dr. Burckhardt vorigen Winter in Marburg in gleicher Weise aus der christ⸗ lichen Schule geplaudert, indem er für ein „ständisches“ Wahlrecht eintrat. Bei den Wahlen aber steckten die Herren ihre Wahlrechtsfeindschaft hübsch in de Tasche und hängten sich ein volks⸗ freundliches Mäntelchen um. h. Eine Parteiversammlung für den Wahlkreis Wetzlar findet Sonntag, den 21. August nachmittags im„Wiener Hof“ in Gießen statt. Die Tagesordnungspunkte find unter Parteinachrichten bekannt gegeben und sie sind von solcher Wichtigkeit, daß wohl ein zahlreicher Besuch erwartet werden darf. Vor allem ist die Schaffung einer Parteiorganisation zu erwägen und wir wollen hoffen, daß jetzt endlich der Wetzlarer Kreis zu einer solchen kommt. h. Bei der nächsten Stadtverord⸗ netenwahl haben für folgende Stadtver— ordnete, deren Mandat mit Ende des Jahres abläuft, Ersatzwahlen stattzufinden: Rentner Karl Ehlinger, Fabrikant O. Dietrich, Fabrikant H. Seibert, Kaufmann Aug. Staud, Apothekenbesitzer S. Hiepe und Gewerke Josef Raab. Außerdem sind noch 6 neue Stadtverordnete für Niederairmes zu wählen, zwei aus jeder Wählerklasse. Insgesamt zählt die Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung vom 1. Januar ab 24 Mitglieder. Das Mandat Dietrichs ist übrigens jetzt schon erloschen, weil D. in Konkurs geraten ist. aus dem Rreise Dillesthurg⸗ Herborn. Nochmals: Christlich⸗-Sozitales. Von der Zuschrift des Genossen Trott⸗Haiger, gegen die Entstellungen in dem Scöckerblatte, war kürzlich die Stelle wegen der Unterstützung der Nationalliberalen zurückgestellt worden. Trott schreibt da: ö Schließlich beschäftigt sich Dr. B. mit der Notiz über die natl. Versammlung in Nr. 20 der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ und glaubt damit einen Trumpf gegen uns ausspielen zu konneu, daß er uns die Unterstützung der Nationalliberalen bei der Stichwahl vorwirft. Da⸗ raus wird gar kein Hehl gemacht. Abg. Hofmann gab uns aber die Gewähr, daß er einen Wahlrechtsraub nicht mitmachen werde, während wir den ganzen Versprechungen Burckhardts nicht trauten und wir haben Recht behalten. Kaum war Dr. Burckhardt gewählt und zwar auf eine Art und Weise, auf die er nicht stolz sein kann, so ging er zu den Wahlrechtsseinden über und sprach sich in Marburg gegen das allgemeine Wahlrecht aus, ver⸗ übte gewissermaßen dadurch Treubruch. Uebrigens haben Burckhardts Leute die Nationalliberalen in vielen Fällen unterstützt und sie können uns nicht als Sünde anrechnen, was sie selber tun.— Wie wars aber mit der Zent⸗ rumsunterstützung? Damals erklärte Dr. B. auf meine diesbezügliche Anfrage, er b friedige die Neugier eines Gegners nicht. Seinen Vereinshaus-Wählern teilte er durch Postkarte mit, daß er kein Bündnis mit dem Zentrum habe.— In Werdorf aber mußte Dr. B. im Januar ds. Is., in die Enge getrieben, erklären, der Kompromiß bestände insofern, daß seine Parteigenossen im Elberfelder Bezirke dem Zentrum zum Siege verhalfen, wofür ihn dann das Zentrum unterstützt hat. Also? — Wenn schließlich Burkhards Tintenkuli mir in politischer und gewerkschaftlicher Beziehung Unreife vor⸗ wirft, so erwidere ich ihm, daß er sich erst einmal um sich bekümmern solle und dafür sorgen, daß in seinem Betriebe wenigstens der Tarif anerkannt und die Arbeiter nicht mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain. r. Der Konsumverein hielt am Montag im Hildemann'schen Saale seine Generalver— sammlung ab, die zahlreich besucht war. Aus dem Bericht des Geschäftsführers ging hervor, daß die Genossenschaft sich auf das beste ent⸗ wickelt. Die Zahl der Mitglieder nimmt stetig zu— sie hat jetzt das vierte Hundert über⸗ schritten— und ebenso steigt der Umsatz in erfreulicher Weise, er betrug fast das Dreifache des Vorjahres. Bei den Revisionen, die jeden Monat vorgenommen werden, wurden Bücher und Kasse in bester Ordnung befunden. Die nach dem Statut vorzunehmenden Wahlen für den Vorstand und Aufsichtsrat ergaben die Wiederwahl der ausscheidenden Mitglieder. Eine grö zere Diskussion entspann sich bei der Beratung der Bäckerei-Angelegenheit. Von allen Seiten wurde betont, daß man danach streben soll, eine eigene, der Neuzeit ent⸗ sprechende Bäckerei auf eigenem Grundstücke zu errichten. Zu gleicher Zeit soll die Errichtung eines Zentrallagers in Erwägung gezogen werden. Ein dahingehender Antrag, der Vorstand möge in einer der nächsten Versammlungen mit Vorlagen und Kostenanschlägen aufwarten, wurde mit großer Mehrzahl angenommen.— r. Streikbrecher für das Baugewerbe sucht der Bauunternehmer Hausberg in Barmen. Sein Polier Brandenburger sucht die ganze Marburger Gegend ab und verspricht den Leuten den Himmel auf der Erde. Da die Baufirma Hausberg in Barmen gesperrt ist, so wollen die Bauarbeiter dem Polier bei Werbungs⸗ versuchen die richtige Antwort geben. r. In Cappel sellte am Sonntag eine Erd⸗ arbeiterversammlung stattfinden. Der Wirt Carlé hatte sein Lokal hergegeben. Als man die Versammlung beim Ortsbürgermeister angemeldet hatte, wurden Ver⸗ suche gemacht, dem Wirt die Hölle heiß zu machen, wegen der Hergabe des Lokals. Gendarmen und Orts— diener bemühten sich in dieser Richtung. Der Wirt hat dann endlich dem Drängen nachgegebe! und verweigerte noch in letzter Stunde das Lokal. So glaubt die Ob⸗ rigkeit die Gewerkschaftsbewegung aufzuhalten. Da ist sie natürlich arg auf dem Holzwege. Wir haben noch ganz andere Mittel und segen uns über eine Lokalent⸗ ziehung mit Leichtigkeit hinweg. Die Arbeiter von Cappel werden wohl die nötige Lehre daraus zugezogen haben. r. Die Versammlung der Bauhilfs⸗ und Erdarbeiter in Ockershausen war gut besucht. Gen. Dr. Michels sprach über die Gewerkschaftsbewegung. Sein Vortrag wurde sehr beifällig aufgenommen und es dürfte jedenfalls auch hier die Organisation dieses Berufes bald feste Wurzel fassen. 5 — In der Müllerversammlung in Cölle sprach am Sonntag Weder mann über den Streik in den Wesermühlen. Die Forderungen der Steikenden müßten als durchaus bescheidene bezeichnet werden. Es wurde eine Resolution beschlossen, in der den Streikenden die volle Unterstützung der Versammelten zugesichert wu de, Eine Polizeitat. In Frankfurt sollte am Mittwoch Abend der österreichische Reichsratsabgeordnete Perner storfer einen Vortrag im Gewerkschaftshause halten. Vom Polizeipräsidenten wurde ihm jedoch verboten, als Redner aufzutreten, widrigenfalls er als lästiger Ausländer aus⸗ gewiesen werden würde. Pernerstorfer konnte daher nur einige begrüßende Worte an die stark besuchte Versammlung richten, während Dr. Quarck als Referent einsprang. Somit war das Vaterland gerettet. Eingesandt aus Wieseck. In hiesigem Orte wurde in diesem Frühjahre mit dem Baue einer Hochdruck⸗Wasserleitung begonnen, deren —— Vollendung man bald entgegensieht. Die Ausführung wurde einem Unternehmer aus Gießen übertragen, dessen Art und Weise der Ausführung schon manchen Zauber gezeitigt hat. Verschiedene bis jetzt vorgekommene Un⸗ regelmäßigkeiten in der Ausführung werden hoffentlich der staatlichen Bauleitung nicht entgehen. Ein großer Mißstand ist in letzter Zeit dadurch eingetreten, daß es der einen unter großen Kosten gefaßten Quelle nicht mehr gefällt, das edle, so lange gesuchte„Naß“ weiter zu spenden. Die Gemeinde bedarf ca. 150 cbm Wasser; die andere Quelle liefert ca. 230 cbm, also einen Ueber⸗ schuß von ca. 80 cbm. Trotzdem, daß bei Anbringung von Wassermessern der Ort für lange, lange Jahre hin⸗ reichend mit dem Wasser der einen Quelle genug hätte, soll jetzt nochmals mit Arbeiten an der halsstarrigen Quelle begonnen werden. Welche Kosten hier geopfert werden müssen, entzieht sich jeder Berechnung. Nun, die Bürger können ja zahlen. 1. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Der Kampf im Baugewerbe des Main⸗ gebietes ist noch nicht beigelegt. Es fanden zwar Verhandlungen statt, die aber noch zu keinem endgültigen Ergebnis geführt haben. Man kann aber jetzt schon sagen, daß die Unter⸗ nehmer mit ihrem Gewaltstreiche nicht erreichten, was sie wollten. Sie sind an der guten Or⸗ ganisation der Arbeiter gescheitert. Ein langwieriger Lohnkampf, der Schreinerstreik in Offenbach, der etwa 4 Monate gedauert hot, ist nun endlich beigelegt. Man einigte sich am Montag dahin, daß zur Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse für die nächsten drei Jahre, sowie zur Erledigung aller etwa eintretender Differenzen beider Parteien eine Kommission gewählt werden soll, welche befugt sein soll zu verhandeln und zu urteilen. Jede Partei soll in der Kommission von drei Personen vertreten werden, welche gemeinschaftlich zu verhandeln haben, im Nichteinigungsfalle soll von beiden Seiten eine unparteiische Person aufgestellt werden, welche dann zu entschetden hat.— Die Arbeit ist am Montag wieder auf⸗ genommen worden, doch sind noch nicht alle Ausständigen untergebracht, weshalb Zuzug von Schreinern ferngehalten werden muß. Sozialdemokratische Partei Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag den 14. August, vormittags 10 Uhr im Lokale Orbig, Rittergasse 17 in Gießen: Kreiskonferenz. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Neuwahl desselben. 2. Beratung des Organisations-Statuts. 3. Der Parteitag in Bremen. 4. Die Kommunalwahlen. 5. Kreisfest 1905. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Anträge zur Kreiskonferenz. Staufenberg: 1. Die Landgemeinde-Ordnung abzudrucken und an die Einzelorganisationen abzugeben. 2. Das Kreisfest 1905 in Staufenberg abzuhalten. Trohe: In 8 3 des Statuts bei der Delegation zur Kreiskonferenz zu setzen: Mitgliedschaften bis zu 25 Mitgliedern wählen 2; von 25 bis 75 Mitgliedern 3 und die größeren Vereine 4 Delegierte. Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen. Oeffentliche Parteiversammlung. Sonntag den 21. August, nachmittags 3½ Uhr im Lokale zum „Wiener Hof“, Johannes straße 3 in Gießen. Tagesordnung: 1. Kreisorganisation, 2. Kommunalpolitik, 3. Parteitag in Bremen, 4. Verschiedenes. Die Parteigenossen im Kreise werden ersucht, zahlreich zu erscheinen oder für entsprechende Vertretung Sorge zu tragen. Der Vertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, den 13. August. 3 Altenbuseck. Volksverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ samn.e lung bei Wirt Becker. Delegiertenwahl. Gießen. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: Kreiskonferenz. Hess. Wahlreform. Briefkasten. R.⸗Mbg. An der Sammlung für die stre kenden Mühlenarbeiter beteiligen sich die organisierten Arbeiter hoffentlich auch ohne besonderen Hinweis. D. Rommelshsn. Wird besorgt, liegt jedenfalls Irrtum vor. n 0 — ———— — — 3 — „t. ͤ ͤ— — — . V — r ee —— ä— Seite 6. Mitteldent sche Sonutaas⸗Zeituna. Nr. 33. Von Nah und Lern. Familie Pückler. Das Kriegsgericht in Halle verurteilte den aus der Haft vorgeführten Major Graf Nikolaus Pückler, den Bruder des bekannten Dreschgrafen, wegen Vergehens gegen den Pa⸗ ragraphen 175 des Strafgesetzbuches und Miß⸗ brauch der Dienstgewalt zu sechs Monaten Gefängnis und Dienstentlassung. Graf Pückler bleibt in Haft. Die Verhandlung, die unter strengem Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, dauerte 15 Stunden. Schweinereien in der Berliner Fleisch⸗ beschau. In der Nacht auf Montag hat die Berliner Kriminal⸗Polizei eine Massen-Razzia bei den Großschlächtern einzelner Vororte, insbesondere in Reinickendorf und Weißensee, abgehalten und, wie die Morgenpost erfährt, ganz ungeheuere Entdeckungen gemacht. Mit einem großen Auf⸗ gebot der Kriminalbeamten wurden nach Mitter⸗ nacht die Schlachthäuser sämtlicher Großschlächter in Reinickendorf besetzt und unter Zuziehung von Tierärzten eine eingehende Rebision vor⸗ genommen. Die Maßregel soll dadurch veran⸗ laßt worden sein, daß der begründete Verdacht vorlag, es sei ungestempeltes Fleisch vertrieben worden. Schon vor längerer Zeit war der Kriminalpolizei mitgeteilt worden, daß mit dem aus den nördlichen Vororten in Berlin ein⸗ treffenden Fleisch Durchstechereien getrieben würden. Es wurde sogar behauptet, daß auch krankes, im Absterben befindliches Vieh von Vorortschlächtern gekauft und geschlachtet wurde. Das Fleisch ist angeblich dann der Kontrolle entzogen worden. Im Laufe der eingeleiteten Untersuchung wurde der vereidigte Stempler Schalnart verhaftet und es wurde dabei ein fascher Stempel bei ihm gefunden, wie solche noch mehr in anderen Vororten im Gebrauche waren. Der Fleischbeschauer Rehberg wollte sich vergiften, doch wurde durch sofortiges ärzt⸗ liches Eingreifen die unmittelbare Lebensgefahr für ihn beseitigt, so daß er zur Verantwortung gezogen werden kann. Gesindeordnung und Sittlichkeit. Der Bauhofsbesitzer Joachim Schultz in Wolgast hat zwei Mädchen im Dienst. Diese beiden Mädchen müssen, wie der„Stettiner Volksbote“ schreibt, in einem Bette zusammen⸗ schlafen. Das eine Mädchen ist 35 Jahre alt, kennt die Welt— und die Männer. Sie ist manchmal krank und hat damit ihre Bettgenossin — 15 Jahre alt— angesteckt, so daß dieselbe schon in ärztlicher Behandlung war. In diesen Tagen war die ältere krank, die jüngere durch die Erfahrung gewitzt, wollte nicht mehr bei ihr schlafen. Die„Herrschaft“ gab aber kein Bett her, verwies das Mädchen vielmehr auf den Fußboden. Das Mädchen hat darauf drei ganze Nächte in ihren Kleidern auf der Diele geschlafen. Auf ihre Beschwerde hat sie der „Herr“ Schultz noch geohrfeigt und mit dem Stock über den Arm geschlagen, worauf das Mädchen den Dienst verlassen hat. Der Herr weigert sich nun natürlich, den Lohn und einen Koffer mit Kleidungsstücken, sowie die Papiere herauszugeben. Zum Verlassen des Dienstes liegen(nach der Gesinde-Ordnung) keine gesetz⸗ lichen Gründe vor, sagte er. Das Mädchen hat Klage angestrengt, doch ist es noch fraglich, ob nicht die„Herrschaft“ sie durch die Polizei wieder zurückbringen läßt. Warum auch nicht? Wie kann auch so ein Mädchen um eine solche Bagatelle den Dienst verlassen! Wirkung moderner Massen⸗ mordwerkzeuge. Von einem Artilleriekampf mit mo⸗ dernen Geschützen entwirft ein Arzt im russtschen Heere(der Zögeschen Kolonne) folgende inter⸗ essante Schilderung: Es ist was Grausiges um die Wirkung dieser Geschosse. Ein platzendes Schrapnell überschüttet eine Strecke von 200 Metern mit Kugeln und bei Wafangnou haben die Japaner in 2½ Stunden am 2. Juni auf die 3. und 4. Batterte 20 000 Schrapnells geschossen. Kein Wunder, daß die Geschütze genommen wurden! Da könnt ihr einen Be⸗ griff von dem Spektakel bekommen, den wir dort in nächster Nähe genossen haben. Die reine Hölle muß es sein, da noch zu arbeiten und ein solches Feuer zu erwidern. So haben diese Batterien denn auch nur den Moment, wo die Japaner von neuem laden mußten, dazu benutzen können, zu antworten. Die übrige Zeit hat alles an die Laufgräben gedrückt dagesessen und ernst und bleich vor sich hingestarrt. Als Feuerwerk genommen, ist der Anblick von groß⸗ artiger Wucht und Schönheit und wäre auch ein Genuß, wenn dies entsetzliche Heulen und Pfeifen nicht wäre, das einen hindert, sich ob⸗ jektiv an dem gewaltigen Schauspiel zu freuen. Man wird dabei von einem fast unerträglichen Druck beherrscht und echter, rechter Präkordial⸗ angst, wie viele sagen. In solchen Augenblicken sieht man an den Soldaten, welche Erleich⸗ terung der Glaube an eine höhere Macht ge⸗ währt, die diesen nächsten Vorgang leitet— tatsächlich verhält sich der gemeine Soldat wunderbar gleichgültig der greifbarsten Gefahr gegenüber, obgleich anderseits die Panik unter ihnen eine stärkere ist. Ein Feuerwerker hat sich während der Schlacht und nachdem er das Geschütz stundenlang unverletzt bedient hat, mit seinem eigenen Revolver erschossen. Er hat es nicht mehr ertragen können— und eine halbe Stunde darauf ist der Rückzug befohlen worden! Einige vereinzelte Fälle von Kriegspsychose sind beobachtet worden— fast alle haben mit Selbstmordversuchen ihren Anfang genommen. Unsere Soldaten aber sind von bewunderungs⸗ würdigem Humor und einer Genügsamkeit, die jeder Beschreibung spottet; zerlumpt, durchnäßt und hungrig finden sie noch Zeit und Lust, sich einer über den andern lustig zu machen und schlechte Witze zu reißen. Sie haben nur leider alle zu viel Gepäck zu schleppen— zu schwere Stiefel— und oft zu wenig im Magen. Die Japaner tragen am Schlachttage nichts bei sich außer Flinte und Patronen und haben Schnürstiefel mit Gamaschen— in den Bergen von unermeßlichem Werte. Und in die Ebene werden sie auch nie gehen— dazu sind sie in den Bergen zu sehr zu Hause. Darauf wird aber sehr gehofft. — e 2 1 7 b AUnterhaltungs-Cril. ——— 42 Amsterdam. Sie kommen ohne Kronen, Gesetz und Söldnerschaft: Erwählte der Nationen, Die Blüte ihrer Kraft. Sie kommen aus Rebengauen, Aus dem Gebrause der Stadt Und über die Wogen, die blauen, Sum großen Bölkerrat. Sie tragen kein Gewaffen, Nicht Stern noch Ordensband, Sie säen und sie schaffen Auf weitem Sukunftsland. Sie führen keine Titel, Die Fürstengunst verleiht, Der blaue Arbeitskittel, Das ist ihr Ehrenkleid. So kommen sie zusammen, Rings von der Erde Rund, Im Herzen heilige Flammen Und kluges Wort im Mund. Der Bölker tiefste Fragen, Sur Lösung steh'n sie hier— Und über ihrem Tagen Fliegt blutrot das Panier. Hier wird kein Krieg beschlossen, Hein Friedensbund geleimt; Der Arbeit Weltgenossen Naben noch nie geträumt. Der Menschheit gilts zu bauen. Ein sichres Haus, indeß Noffende Völker schauen Und grüßen den Kongreß. Clara Müller im„Wahren Jakob.“ So du mir, so ich dir. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. (Schluß.) Salomo Schönbein konnte jetzt nicht mehr zurück. Er nahm seinen Hut und befand sich wenige Minuten später mit Fräulein Fanny in einem glücklicherweise geschlossenen Wagen, der ste auf des Mädchens Angabe rasch zum Bahn⸗ hof brachte. Unterwegs sprach Fanny kein Wort. Den Schal um sich geschlagen, lehnte ste in der einen Wagenecke und preßte ihr Tuch gegen die Augen. Auf dem Bahnhofe zahlte Salomo die Plätze, und war nur froh, daß er dort keinen Bekannten traf und in Ersheim angekommen, wurden sie an dem nämlichen Hause, vor dem sie gestern abgestiegen, von der dort ihrer harrenden Fa- milie empfangen.— Aber niemand begrüßte ihn, oder nahm nur die geringste Notiz von ihm. Stillschweigend und mit kalter Höflichkeit deutete die Mutter auf den Kaffeetisch, und als sich Schönbein mehr aus Verlegenheit, als weil er irgend ein Bedürfnis danach fühlte, eine Tasse eingeschenkt und sie getrunken hatte, mel⸗ dete der alte Ehrlich schon, daß der Geistliche 1 57 harre, und die Zermonie sogleich beginnen. önne. Salomo Schönbein war es, als ob er zum Hochgericht geführt werden solle; aber er biß die Zähne fest aufeinander. In einer Stunde ging der Zug wieder nach Xheim zurück, dann war alles vorüber, alles überstanden, und die peinliche Viertelstunde, die ihm noch zu durch⸗ leben blieb, ging ja auch vorüber. Er bot so⸗ gar in aller Verlegenheit seiner Pseudobraut den Arm, diese wies ihn jedch kalt, wenn auch nicht unfreundlich zurück und der kleine Zug begab sich quer über die schmale Straße, in die dicht vor dem Haus stehende Kirche. Dort fanden sie den Geistlichen wie gestern, in seinem Ornat; aber keine Blumen waren, wie gestern, gestreut, kein freundliches Lächeln der Eltern begrüßte die jungen Leute an der heiligen Stätte. Alle nötigen Vorbereitungen wurden wohl feierlich, wie sie der Ort mit sich brachte, aber still und stumm und ernst beendet und zitternden Herzens trat der Bräutigam zum Altar— er fühlte nicht einmal, daß die Hand der Braut, die sie ihm jetzt der Form wegen lassen mußte, noch stärker in der seinen bebte, als er selbst. „Wollen Sie die Jungfrau,“ frug ihn da der Geistliche wie gestern,„Fanny Sophie Bar⸗ bara Ehrlich zu Ihrer ehelichen Gattin wählen, wollen Sie in Freud' und Leid, in Krankheit und Trübsal treu bei ihr ausharren und ihr hilfreich und liebend zur Seite stehen, in allem, was das Schicksal Ihnen auferlegen möge?“ „Ja,“ sagte Salomo mit nicht sehr lauter, aber fester und deutlicher Stmme und zu Boden. gesenktem Blick, denn er wußte, was jetzt folgen mußte. „Und wollen Sie“— wandte sich dann der Geistliche an die totenbleiche Braut,„diesen Junggesellen, Herrn Salomo Gotthelf Schön⸗ bein, zu ihrem ehelichen Gatten wählen? ihm treu sein und gehorchen und bei ihm ausharren in Freud und Leid, in Krankheit und Trübsal und ihm hilfreich und liebend zur Seite stehen, in allem, was das Schicksal Ihnen auferlegen möge? „Ja,“ antwortete da Fanny, mit fester und entschlossener Stimme und Salomo ließ erschreckt ihre Hand los und starrte sie mit weit aufge⸗ rissenen, stieren Augen an. Der Geistliche nahm den Ring von seinem Finger— er fühlte es nicht— er steckte ihm den andern an, ohne daß Salomo eine Ahnung davon hatte— er sprach die üblichen Formeln und den Segen,— er hörte nichts davon und nur erst als die Mutter die junge Frau in die Arme nahm und ste küßte und Meister Ehrlich Salomos Hand er⸗ griff, fuhr dieser in blinder Wut empor und schrie:„Betrüg—!“ Ju Nr. — A in ei. ede einen Blick Stunde „dann d die durch⸗ bot so⸗ obraut n auch e Zug in die sestern, waren, beendet nligan aß de feinen ie Ba⸗ vählen, I authelt d ihr allem, zächeln an der tungen nit sch Nr. 33. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Aber er brachte das Wort nicht über die Lippen. Meister Ehrlich hatte seine Hand wie in einem Schraubstock gefaßt und ihn zu sich niederziehend, flüsterte er dem jungen Manne einen warnenden, aber auch zugleich drohenden Blick zuwerfend:„Pst Schwiegersohn, seien Sie gescheit und fügen Sie sich geduldig in das Unabänderliche, daß Sie nicht auch noch am Ende ausgelacht werden. Was jetzt geschehen ist, ist geschehen— das Wort des Geistlichen steht unauslöschbar fest und— bedenken Sie vor allem, wo Sie sich hier befinden.“ „Aber Ihre Tochter—“ rief Salomo. „Hat gehandelt, wie sie mußte,“ sagte der alte Mann, ihn mit sich beiseite führend.„Die Schmach, die sie ihr angetan, durfte ste nicht auf sich sitzen lassen, sie wäre gebrandmarkt gewesen für ihr ganzes Leben und das hat mein braves Kind nicht ihrer selbst willen— nicht um Sie verdient. Sie ist gestraft genug, daß Ste ihr Mann geworden sind.“ „So bin ich verraten worden.“ „Nein, das nicht,“ lächelte der Meister,„aber verheiratet und da es, trotz Ihres eben nicht freundlichen Betragens, bei unserer früheren Verabredung bleibt, so hoffe ich noch einen tüchtigen braven Mann und ordentlichen Aus⸗ schnittwarenhändler aus Ihnen zu machen.“ „Und Hanke& Blenkert—.“ „Was gehen uns Hanke& Blenkert an,“ sagte der Schneidermeister ruhig—„jetzt führen Sie Ihre Frau nach Haus. Lassen Sie aber doch um Gottes willen nichts vor den beiden Mädchen merken. Die Dinger können ja den Mund nicht halten und wenn die nur eine Ahnung davon hätten, wie die Sache wirklich steht, wüßte es morgen früh ganz Kheim, und daran liegt Ihnen doch gewiß nicht viel.“ Salomo Schönbein war wie vor den Kopf geschlagen. An dem Geschehenen ließ sich aber in der Tat— darin hatte der Meister recht— nichts mehr ändern. Die Trauung war nach allen Regeln, Formen und Gesetzen vollzogen und Salomo Schönbein— lieber Leser— Salomo Schönbein fügte sich alsdaun in das 1 und hat später die Heirat nicht ereut. Hanke& Blenkert, aus deren Geschäft er natürlich augenblicklich treten mußte, machten sechs Wochen später einen bösartigen Bankrott und Salomo Schönbein stand schon in derselben Zeit einem Geschäft vor, das sich durch des alten Ehrlichs Umsicht alljährlich vergrößerte. Fanny hat übrigens ihrem Mann, als sie sich endlich verständigten, fest versprochen, nie wieder Ja zu sagen, wenn sie eigentlich Nein sagen sollte, und daß sie das jenes eine Mal getan, hat niemand weniger bereut als Salomo Schönbein. . Ein Frauen ⸗Schicksal. Kürzlich wurde in Wien eine Dienstmagd wegen Kindesmord zum Tode verurteilt. Jälle dieser Art sind nicht selten, aber dieser wird durch einige Nebenumstände über das Alltäglich⸗Traurige hinaus gehoben. In der „Frkf. Ztg.“ wurde darüber berichtet. Christine Rizek wurde von Wiener Geschworenen zum Tode verurteilt, weil sie ihr verkrüppeltes und halb idiotisches Kind, das nicht gehen und nicht sprechen konnte, das man im Spital nicht be⸗ halten wollte, in den Donaukanal geworfen hat. Der ganze Jammer einer verzweifelten Mutter ist wohl nicht auszudenken. Die Rizek war arm, sie erhielt als Dienstmagd fünfzehn Kronen Monatslohn, sollte davon 12 Gulden Kostgeld für das Kind bezahlen, wußte den unglücklichen, drei Jahre alten Jungen nirgends zu betten und sah keine Hilfe, empfing keinen Rat. Ueberdies hatte sie für ein zweites noch jüngeres Kind, das sie ihrer Mutter zur Ver⸗ wahrung gegeben hatte, zu sorgen und hat auch erwiesenermaßen Geld nach Hause gesendet. Die Rizek sieht ein, sich furchtbar versündigt zu haben, sie will die erste Regung zu ihrer Tat von einem unbekannten Weibe empfangen haben, das ihr zusprach, das Kind den Futen zu über⸗ liefern, um es aus einem aussicheslosen Dasein, um sich von einer Last zu befreien. Wir glauben ihr aufs Wort, wir sind fest überzeugt, daß sie mit einer Stimme, ob nun einer äußeren oder inneren, Zwiesprache hielt, ehe sie sich von ihrem Kinde trennte, obwohl der Vorsitzende die ganze Erzählung von der unbekannten Frau als rein erdichtet ansteht; die„Geschichte“ trägt den Stempel der Wahrheit. Von den Vätern der beiden Kindern ist der Mutter nur der des kleinen Paul bekannt, der Vater der 8 Monate alten Anna nicht, weil er ihr eine falsche Ad⸗ resse angegeben hat. Welcher listige Schurke! Eine verschmitzte Niedertracht, die wie ein Blitz⸗ licht die Rücksichtslosigkeit beleuchtet, und die Freiheit in der Wahl der Mittel, derer man sich im Kampfe der Geschlechter bedient. Der Vater des getöteten Paul, der den Stall, wo sein Sohn das Licht dieser besten aller Welten erblickte, für die Wöchnerin höchst passend fand, glich sich vor Gericht mit 440 Kronen aus und machte sich um diese Summe von seinen Vaterpflichten frei. Wir finden diese summarische Abfertigung barbarisch und ungerecht und hoffen, daß ein kommender Gesetzgeber den natürlichen Vater anhalten wird, Alimente bis zum voll⸗ endeten vierzehnten Jahre der Kinder zu zahlen, daß es ihm nicht gestattet werde, sich dieser Pflicht durch einmalige Zahlung einer Abfin⸗ dungssumme zu entziehen, daß er für das Kind gleichermaßen zu sorgen verbunden werde, wie die Mutter. Im Vergleich zum deutschen und dem neuen schweizerischen Recht, verfährt das geltende österreichische mit unehelichen Kindern und ledigen Müttern grausam und unvernünftig, und es kommen Fälle vor, deren krasse Albern⸗ keit zum Himmel schreit. Dergleichen Brutali⸗ täten verursacht das Gesetz, dieses hat auch das Schicksal der Rizek verschuldet. Wenn man aber so die Fehlerhaftigkeit alles Menschenwerkes mit Händen greifen kann, um so milder und vorsichtiger sollte man über die Opfer denken, um so zurückhaltender in seinem Urteile sein. Während der Verhandlung sind unangenehme Ausdrücke gebraucht worden, und eine gewisse Voreingenommenheit und Herzens⸗ kälte äußerte sich in betrüblicher Weise. Man warf der Angeklagten vor, sie habe einmal als Kind Obst gestohlen; wir glauben, daß jeder tüchtige Junge und jedes Mädchen einmal Obst „gestohlen“ hat. Die Rizek war einmal auf einem Maskenball und kam auch darum einmal nach Torsperre heim. Der Vorsttzende rief ihr zu, als ste vor Schluchzen nicht sprechen konnte: „Reden sie doch lauter! Auf dem Masken⸗ ball haben Sie gewiß besser reden können.“ Und als ste weiter heulte:„Wollen Sie ruhig sein, sonst lasse ich Sie abführen! Machen Sie nicht solche Geschichten!“ Du lieber Gott, wenn ein Mensch, der vor dem Galgen steht, keine Geschichten machen soll, wer denn sonst? Sonderbare Forderung an eine Magd, die, ins Leben gestoßen, schuldig wurde, die aus Verzweiflung ihr Kind weglegt, die vom Gesetz zur Mörderin gemacht— schluchzt, im Verhör, das ihr ganzes Dasein vor ihr auf⸗ rollt, sich nicht zu fassen weiß. Wir sind über⸗ zeugt, auch der Herr Vorsitzende würde sich nicht enthalten können,„Geschichten zu machen“, wenn er einen zwangsläufigen Lebensabschluß zu erwarten hätte; denn es ist ja die Mitgift aller erschaffenen Kreaturen, den Tod zu fürchten! Allerlei. Emil Rosenow, unser früh verstorbener Genosse, hat das unvollendete Manuskript eines Schauspiels hinterlassen, das den seltsamen Titel„Der balzende Auerhahn“ führt. Das Stück ist von der Witwe dem Schriftsteller Alfred Halm übergeben, der die Arbeit vollenden und vielleicht noch im Berliner Theater zur Aufführung bringen wird. Das Stück Rosenows: „Kater Lampe“ ist an vielen Jühnen mit gutem Erfolg aufgeführt worden. Splitter. Wer damit anfängt, daß er allen traut, wird damit enden, daß er einen Jeden für einen Schurken hält. 0 0 Hebbel. (Aus dem ee Jesaia.) „Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helfet dem Unter rückten, schaffet dem Waisen Recht und helfet der Witwen Sache Deine Fürsten sind abtrünnige und Diebs⸗ gesellen, sie nehmen alle gerne Geschenke und trachten nach Gaben, den Waisen schaffen sie nicht Recht und der Witwen Sache kommt nicht vor ste.. Zion muß durch Recht erlöset erden und ihre Gefangenen durch die Gerechtigkeit, daß die Uebertreter und Sünder miteinander eee„„„ Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere sein Schwert aufheben und werden hin⸗ fort nicht mehr kriegen lernen. e Denn alle hohen Augen werden geniedriget werden und was hohe Leute sind, wird sich bücken müssen... Denn der Tag des Herrn Zebaoth wird gehen über alles Hoffär⸗ ige und Hohe und über alles Erhabene, daß es geniedrigt werde. So laßt nun ab von dem Menschen, der Odem in der Nase hat; denn ihr wisset nicht, wie hoch er geachtet ist. 32 Predigt von den Gerechten, daß sie es gut haben, denn sie werden die Frucht ihrer Werke essen... Warum zertretet ihr mein Volk und zerschlaget die Person des Elenden? spricht der Herr.... Denn ihr habt den Wein⸗ berg verderbet und der Raub von den Armen ist in eurem Hause. Humoristisches. Uuterschied. Gefängniswärter(zu einem neu Eingetretenen: Nanu? Sie Taugenichts waren doch auch schon mal hier! Was haben Sie denn nun wieder ausgefressen? Sträfling: Ich soll ein Porte⸗ monaie gestohlen haben——. Gefängniswärter (etwas freundlicher): Ach so!—— Sie sind bloß ein Taschendieb. Na, dann habe ich mich geirrt, ich dachte schon, Sie wären ein sozialdemokratischer Redakteur! Plehwes Ermordung. Wohl schrecklich ist die Tat, doch denkt daran Ihr, die ihr eilt, den Täter zu verdammen; Wie viel Untaten hat vollbracht der Manu, Der, selbst getroffen, eben brach zusammen; Daß endlich voll das Maß ward seiner Schuld, Wie manches Jahr hat dazu beigetragen! Wenn endlich ist gerissen die Geduld Des armen Volks, wer wills deshalb verklagen? Ein Schauer geht durchs weite Russenland: Das war der Anfang nur, wie wird es enden? O, eine Göttin, Nemesis genannt, Steht da, die Sense haltend in den Händen. Kladderadatsch. Empfehlenswerte Schriften. Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hug o. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann Preis 20 Pfg. Grundsätze und Forderungen der Sozial demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe). Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. — ͤů——— 222 „„—— Seite 8. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. No. 33. Brandkatastrophen. In den letzten Tagen haben zahlreiche und zum Teile recht bedeutende und verheerende Brände stattgefunden, die infolge der Trocken⸗ heit und Hitze entstanden oder wenigstens da⸗ durch größere Ausdehnung annahmen.—, In Biedenkopf geriet am Freitag eine gefüllte Scheuer in Brand. Das Feuer griff rasch um sich, sodaß bald vier Scheunen in Flammen standen. Mit großer Anstrengung gelang es noch, dem Feuer Einhalt zu tun und weiteres und ein Kind wird vermißt. Sehr viel Vieh und Geflügel ist verbrannt. Der Urheber des Brandes ist ein siebenjähriger Knabe, der mit einem Spirituskocher in der Kammer, in welcher sich Stroh befand, Aepfel braten wollte. Der Kocher fiel um und setzte das Stroh in Brand. Der umgekommene Mann verlor dadurch das Leben, daß er trotz dringenden Abratens noch⸗ mals in sein brennendes Haus eindrang, um sein im Keller aufbewahrtes Geld zu holen. Ein weiteres furchtbares Feuer äscherte Personen verletzt. Ein Mann ist umgekommen fand. Außer diesen 5 Menschenleben kamen auch 15 Pferde und zirka 50 Stück Rindvieh in den Flammen um. Weiter brach in der Nacht zum Sonntag in dem Waisenhause in Straßburg, in dem 5—600 Waisenkinder untergebracht sind, Feuer aus, das mit großer Geschwindigkeit um sich griff und auf die aus dem 15. Jahrhundert stammende Magdalenenkirche übersprang, die bis auf die Umfassungsmauern niederbrannte. Die Feuerwehr unternahm zunächst die Rettung der Waisenkinder, die teilweise aus den Betten — 522 Unheil zu verhüten. Von einer riesigen Feuers brunst wurde das Dorf Ilsfeld bei Heilbronn heim⸗ gesucht. Von 560 Häusern wurden etwa 320 eingeäschert. Bei dem Einsturz von Häusern und bei den Rettungsarbeiten wurden mehrere im Alter fast den ganzen Ort Haibach in Bayern ein. Eine Großmutter vermißte ihre vier Enkelchen Sie stürzte verzweifelt in das brennende Haus, in welchem sie mit den armen Kleinen den Tod von 1 bis 5 Jahren. geholt werden mußten und suchte alsdann die alten anliegenden Gebäude zu schützen. Der Schaden wird auf 1½ Million Mk. angegeben. — Aus Böhmen, Bayern, Frankreich werden weitere verheerende Brände gemeldet. rar SS Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges r dchhnarel agel 2 in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel Sowie alle sonstigen Schuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. Justus Benner Marktstrasse 34. Soo Brauerbiarb.-Verband, Jahlstelle Giessen. Sonntag, 28. 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