* t. 1. n, tüte garant. non ahr · 7 18. — NI l. iglieder wit die aft be⸗ g über⸗ rpfehlen Früh⸗ dager in 1 interese glieder, Artikel 1 jinat N. Artikel tets nur 1 pn Mit gunserer aße 31 . . . Gießen, den 14. Februar 1904. 11. Juhrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche RNedaktionbschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 2 gs⸗Jeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%%ů ͤ bei 6 mal. Bestellung 331½%ͤ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Krieg. Vor wenigen Wochen schien es noch, als ob der Konflikt zwischen Rußland und Japan friedlich beigelegt werden würde. Für jeden, der die Dinge einigermaßen verfolgte, war es allerdings klar, daß Rußlands unehrliche Poli⸗ tik darauf hinauslief, sich durch Verschleppung Vorteile zu erlisten. Doch wünscht jeder ver⸗ ständige Mensch den Frieden; und besonders weiß die Sozial demokratie, daß der Krieg ihrer Kulturarbeit hemmend in den Weg tritt, ganz abgesehen davon, daß sie schon aus Gründen der Menschlichkeit grundsätzlich den Völkermord bekämpft und bekämpfen muß. Dieser Stand⸗ punkt kommt auch in einer am Sonntag in Brüssel vom internationalen sozialistischen Bu⸗ reau beschlossenen Resolution zum Ausdruck, auf die wir weiter unten noch zurückkommen. Auch das russische sozialdemokratische Partei⸗ organ„Iskra“, das gewiß den Zusammenbruch der russischen Knutenherrschaft sehnlichst wünscht — und der Krieg kann diesen möglicherweise beschleunigen— vertrat schon vor Wochen die gleiche Ansicht. In der Vorwoche wurde aber die Lage ernster und gespannter, bis am Sonntag die Nachricht in alle Welt telegraphiert wurde, daß Japan die diplomatischen Beziehungen zu Rußland abgebrochen und seinen Gesandten in Petersburg abberufen habe. Sofort setzten auch schon die Feindseligkeiten ein, ohne daß von einer der beiden Mächte eine offizielle Kriegserklärung erfolgt wäre. Bereits haben Kämpfe stattgefunden, Blut ist geflossen und alle Welt blickt mit Spannung auf die Ereig⸗ nisse in Ost isten. Diese grundsätzliche Stellungnahme kann die Sozialdemokratie natürlich nicht davon ab⸗ halten, nun, wo der Krieg begonnen hat, ihre Sympathie einem der streitenden Teile zuzu⸗ wenden. Und dies kann nur Japan sein. Ruß⸗ land, der Zarismus, die bestialische Kosaken⸗ wirtschaft ist der Hort der Reaktion, der ge⸗ fährlichste Feind aller freiheitlichen Kulturent⸗ wicklung. Rußlands reaktionäre Politik bildet eine ständige Gefahr für das übrige Europa. Rußlands Handelspolitik ist, wie die „Fränk. Tagespost“ mit Recht bemerkt, eine Bedrohung der Interessen aller großen Export⸗ staaten, da es alle von ihm okkupierten Länder in sein Wirtschaftsgebiet aufnimmt und mit einer hohen Schutzzollmauer gegen die Außen⸗ welt abschließt. Das ist es jetzt wieder im Begriff mit der Mandschurei zu tun, die es in schnödem Vertragsbruch immer noch besetzt hält. Rußland will die Mandschurei und später weitere Teile Chinas seiner eigenen Industrie als Absatzgebiete reservieren. Japan, das von allen Staaten die größten wirtschaftlichen Interessen in Ostasien hat, kann und darf dies natürlich nicht dulden; es braucht die offene Tür“ in der Mandschureti, wenn es seine Ausfuhrinteressen nicht schwerer Schädig⸗ ung aussetzen will.. Aus diesen Gründen steht die Sozialdemo⸗ kratie mit all' ihren Sympathien auf seiten Japans. Wie sehr ste dabei im Recht ist, be⸗ weist indirekt die Haltung der reaktionären Presse gegenüber dem Kriege. Die konserva⸗ tiven und ultramontanen Blätter stellen sich so, als ob sie Japan wirklich für den Frie⸗ densstörer hielten und bürden ihm die alleinige Schuld an dem Ausbruch des Krieges auf. Das ist natürlich pure Heuchelei. Sie wissen ebenso gut, wie es die ganze Welt weiß, daß Rußland durch seinen perfiden Vertragsbruch betreffs der Mandschurei den Konflikt bewußt heraufbeschworen hat und daß es durch seine unerhörte und hinterlistige Politik der Ver⸗ schleppung, die ihm nur dazu diente, immer nene Truppenmassen nach Ostasien zu werfen, Japan zum Kriege heraus forderte. Die reaktionäre Presse stellt Rußland nur deshalb als unschuldig und von Japan grundlos an⸗ gegriffen hin, weil sie weiß, daß jede Schwäch⸗ ung Rußlands eine Schwächung aller reaktio⸗ nären Elemente in Europa bedeutet. Rußland hat jederzeit der Reaktion Henkers dienste gegen⸗ über freiheitlichen Bewegungen geleistet und würde es nötigenfalls auch jetzt wieder tun. Die Wirkungen des Krieges werden sich daher nicht nur für die äußere, sondern auch für die innere Politik der Staaten, insbesondere auch Deutschlands, geltend machen. Im Interesse einer freiheitlichen Entwicklung kann nur gewünscht werden, daß Japan aus dem blutigen Ringen als Sieger hervorgeht, und daß die Stellung des russischen Despolismus eine Erschütterung erleidet, von der er sich nicht mehr erholt. Die ersten Zusammenstöße haben den Japa⸗ nern Vorteile gebracht. Es scheint, daß Japans Flotte gut geleitet und schlagfertig, seine Artillerte der russischen überlegen ist. Jedenfalls sind nach den bisherigen Nachrichten den Russen schon bedeutende Schlappen beigebracht worden. Mehrere russische Schiffe wurden durch die Japaner kampfunfähig gemacht, andere weg⸗ genommen. Rußland wird den japanischen Truppentransport nach dem Festlande nicht hindern können. * Aus der Masse der Kriegsnachrichten läßt sich als Tatsache zusammenfassen, daß bereits in der Nacht vom 8.— 9. Februar ein Torpedo⸗ angriff der Japaner auf die im Hafen von Port Arthur liegenden russischen Kriegsschiffe erfolgte, wobei drei,„Zäsarewitsch“,„Ret⸗ visan“ und„Poltawa“, kampfunfähig gemacht wurden. Am 9. Februar bombardierten die Japaner die Festung von Port Arthur und die im Hafen befindlichen Schiffe, von denen mehrere beschädigt wurden. Nach einer Depesche vom 10. Februar wurde Port Arthur von den Japanern heftig beschossen.— Ferner haben die Japaner die beiden russischen Kreuzer „Warjag“ und„Koriez“ weggenommen und sie nach Tschemulpo eingebracht. Die internationale Sozialdemokratie und der Krieg. Am Sonntag fand in Brüssel eine Sitz⸗ ung des internationalen sozialistischen Bureaus unter Vorsitz von Emile Vandervelde statt. Aus Deutschland nahmen Kautsky, Singer und Rosa Luxemburg daran teil. Nachdem die vorläufige Tagesordnung des internationalen Kongresses von Amsterdam festgesetzt war, be⸗ schloß das Komitee zwei Resolutionen: die erste protestiert gegen die Dienste, die Deutschland der russischen Polizei leistet, die zweite, von Vaillant vorgeschlagene lautet: Falls durch ein Verbrechen der Herrschenden und des Kapi⸗ talismus ein Krieg zwischen Japan und Rußland ausbrechen sollte, wäre es die Pflicht der Sozialisten aller Länder, be⸗ sonders der französischen, englischen und deut⸗ schen Arbeiterpartei, mit allen Kräften die Ein⸗ beziehung ihrer Länder in den Krieg zu ver⸗ hindern. Aus der Reichstagsrede des Abg. Dr. David. In der sozialpolitischen Debatte, die stets bei der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern einsetzt, nahm am Samstag Ge⸗ nosse Dr. Da vid⸗Mainz zu einer größeren Rede das Wort. Von seinen gutdurchdachten und eindrucksvollen Ausführungen halten wir besonders das Folgende ausführlicher Wieder⸗ gabe wert, womit er sich zunächst gegen un⸗ richtige Zitate des Herrn v. Heyl wandte: Auch die Ausführungen des Frhru. v. Heyl dürfen in den Akten des Reichstages nicht unwider⸗ sprochen fortleben, denn sie stehen mit Tatsachen in allzu schroffem Widerspruch. In Hessen sind vor wenigen Jahren die früheren direkten Realsteuern beseitigt und statt dessen die progressive Einkommensteuer ein wenig verschärft und di Vermögenssteuer eingeführt worden. Trotzdem ist ein bedeutender Ausfall an direkten Steuern herausgekommen, insbesondere die Großgrundbesitzer und die Großindustriellen sind bedeutend ent lastet worden. Man deckte den Ausfall, der durch Beseitigung direkter Steuern entstanden war, durch Erhöhung der Gebühren und Einführung neuer indirekter Abgaben, so⸗ wie durch Einführung einer Lotterie. Damals haben wir uns in dem Landtag mit dem Steuererlaß an reiche Leute nicht einverstanden erklärt. Wir wünschten die Progression so stark, daß kein Ausfall an direkten Steuern entsteht. Wir haben dann unsern Minderheitsstandpunkt in dem fraglichen Antrag nieder⸗ gelegt. Von einer Skala ist darin nicht in Rede. Auch in der Finanzkommission hat Genosse Ulrich nicht davon gesprochen, sondern der hessische Fin anz⸗ minister hat aus Eigenem und aus falscher Auf⸗ fassung, indem er die Steuer von Einkommen bis zu 20 000 Mark ganz außer Acht ließ und die Vermögens⸗ steuer nur unzulänglich erhöhte, eine falsche Rechnung aufgestellt. Genosse Ulrich hat dagegen sofort protestiert und hat dann eine richtige Skala entworfen, bei der das reichste Einkommen mit 9,78 Proz., das Vermögen mit 10 Proz. besteuert wird, sodaß der reichste Hesse mit 1½ Millionen Einkommen 20 Prozent zu zahlen hätte. Selbst wenn man auch für Kommunalabgaben noch einen weiteren Abzug macht, können wir das nicht zu hoch finden. Die Frage vom Verhungern kann darauf nicht angewendet werden. Aber solche Legenden haben ein sehr zähes Leben. So haben wir von Herrn Heyl wieder die Legende ge⸗ hört, daß die Sozialdemokratie gegen das Wuch er- gesetz von 1894 gestimmt habe. Gegenüber unserm Widerspruch rief er laut aus:„Jawohl, es ist wahr!“ Wir haben diese Legende wiederholt aktenmäßig wider⸗ legt. Schon 1880 haben wir für das Wuchergesetz ge⸗ stimmt und ebenso wieder 1893. Bei diesem Gesetz liegt sogar eine namentliche Abstimmung über den entscheidenden Paragraphen vor, wobei die Sozial⸗ demokraten verzeichnet sind als mit„Ja“ stimmend. Ich bin gespannt darauf, ob diese schon so oft zertretene Legende nun endlich tot sein wird. Die Ausführungen des Herrn von Heyl über an⸗ gebliche Uneinigkeit in unserer Partei berühren gerade von einem Nationalliberalen ko misch. Bei den Kaufmannsgerichten z. B. hatte seine Partei nicht weniger als drei Meinungen. Herr von Heyl sprach von Seite 2. Mitteldeutsche Zountags⸗Zeitung. Nr. 7. einem zu langsamen Tempo der Sozialpolitik, Fraktionsfreund Dr. Beumer von einem Automobiltempo. Wahrscheinlich entspricht die gestrige Erklärung des Grafen Posadowsky, daß man die Sozialreform nur in kleinsten Dosen, gewissermaßen wie ein Gift, geben dürfe, den Wünschen der meisten Nationalliberalen. Daß die Arbeiter sich mit dieser sozialpolitischen Homöopathie zufrieden geben, wird die Regierung wohl selbst nicht verlangen. Wir halten die Sozialpolitik nicht für ein Gift, sondern für ein lebenspendendes Elixtr, das man in ganz gewaltlgen Schlücken nehmen kann. Redner weist dann eingehend nach, daß Herr von Heyl Aussprüche des französischen Ministers Millerand falsch zitiert habe. Ferner wendet er sich gegen die niedrigen Angriffe, mit denen die„Wormser Zeitung“, das Organ des Herrn v. Heyl, unsere Partei zu überschütten egt: daß unsere Führer sich von Arbeitergroschen mästen, ist ein beliebter Vorwurf, der die Art dieser Kampfesweise charakterisiert. Dazu kommt dann die Bebel'sche Villa und das Vollmar'sche Schloß, übrigens ein bescheidenes Schweizerhäuschen, das unser Genosse, der ein künstlerischer und geschickter Mann ist, sich zum guten Teil selbst ausgeschmückt hat. Die Bebel'sche Villa ist ein einfaches Landhaus. Auch Herr von Heyl hat sich nicht enthalten, auf diese„Villa“ anzuspielen. Wenn die Herren sich doch endlich darüber klar würden, daß diese Art des Kampfes in der ganzen Arbeiterschaft das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bewirken wollen. Wenn wir irgend jemand gönnen, daß er sich zur Er⸗ haltung seiner Gesundheit von harter Arbeit einmal ausruht an einem schönen Fleckchen Erde, so ist es unser Genosse Bebe! in seinem bescheidenen Landhaus. Wenn aber Herr von Heyl, er, der dreifache Schloß⸗ herr, der dreißigfache Millionär, in die selbe Kerbe haut wie sein Blatt, dann ist das eine Art, den Kampf zu führen, die näher zu bezeichnen mir der parlamentarische Ausdruck mangelt.“ Auf den Vorhalt des Zentrumsmannes Erzberger, daß in der Sozialdemokratie Mei⸗ nungsverschiedenheiten beständen, antwortet David: „Sie haben Ihren Papst, wir nicht. Für uns So⸗ zialdemokraten ist die wissenschaftliche Forschung die einzige Erkenntuisquelle. Das ist für uns die einzige Offenbarung. Deshalb treten bei uns auch naturgemäß Meinungsverschiedenheiten in der Partei auf. Wir müßten ja geistige Trottel sein, wenn es diese Meinungsverschiedenheiten nicht gäbe. Die Aufgaben, die die Sozialdemokratie sich stellt, sind so gewaltiger Natur, daß kein einzelner Mensch, mag er der klügste sein, es wagen dürfte, für seine Auffassung den Charakter absoluter Wahrheit zu verlangen. Wir erkennen die Wissenschaft als unsere Erkenntnisquelle an, und es ist selbstverständlich, daß, wenn die wissenschaftliche Forsch⸗ ung, wenn die hinzukommenden neuen Tatsachen er⸗ weisen, daß eine oder die andere Auffassung nicht zu halten ist, wir dann dieser Augassung ruhig den Ab⸗ schted geben.(Ruf bei den Nationalliberalen: Aber der Parteitag?) Ganz richtig! Der Parteitag, sobald die Mehrheit der Partei sich zu derselben Auffassung durch⸗ gerungen hat. Die Mehrheit der Parteigenossen wird in solchen wissenschaftlicheu Fragen sich meist nach den⸗ jenigen richten, die sich der wissenschaftlichen Arbeit hin⸗ geben, nicht im Sinne einer blinden Unterwerfung unter Päpste, sondern indem sie zwischen den verschiedenen Auffassungen prüft. Von den Freunden des Herrn Erzberger wird in allen Flugblättern von der Sozlal⸗ demokratie erzählt, daß sie den Bauern ihr Eigen⸗ tum konfiszieren wolle. Vielleicht sieht er sich einmal die Erläuterungen zum Erfurter Programm, die von Kautsky und Schönlank herausgegeben sind, durch, da wird er das gerade Gegenteil davon finden. Auch dem Herrn Reichskanzler wäre die Lektüre dieses Buches sehr anzuraten, damit er etwas modernere Anschauungen vom Wesen unserer Partei bekommt, als er sie neulich hier offenbart hat. In diesen Erläuter⸗ ungen steht, daß von uns das Eigentum an den Pro⸗ duktionsmitteln in kleinbäuerlichen und klein⸗ handwerklichen Betrieben nicht angetastet wird, daß aber freilich die kapitalistische Entwickelung dahin Frängt, daß vielen Besitzern von Kleinbetrieben das Eigentum an ihren Produktionsmitteln mehr und mehr verloren geht.(Aha! im Zentrum und bei den Nationalliberalen.) Verstehen Sie denn nicht? Nicht wer wollen den Bauern ihr Eigentum rauben, sondern die Entwickelung tut es! Sehen Sie doch nach Worms. Wieviele kleine Gerber sind da durch die Schaffung der Lederindustrie ausgeschaltet worden! Dann beschäftigte sich unser Genosse mit dem Vorwurfe des Zentrumsredners, daß die Sozialdemokratie die Arbeiter auf den Zu⸗ kunftsstaat vertröstete: Das könnte ihnen ja passen, Herr Erzberger, wenn wir die Arbeiter auf den Zukunftsstaat vertrösteteu. ein; Das wäre die Methode, die Sie betrieben haben. Das ist jetzt vorbei, dank der Sozialdemokratie. Sie haben die Arbeiter abgespeist mit der Hoffnung auf den Z u⸗ kunftsstaat im Jenseits. Das mag jedem unbenommen bleiben, ich will niemandem den Glauben daran nehmen. Aber unbeschadet dessen erheben wir die Forderung, daß es auch im Diesseits den Arbeitern gut gehe.(Zuruf aus dem Zentrum: Wir auch!) Sie haben sich aber lange Zeit dazu gelassen, Jahrhunderte lang bis zum Auftreten der Sozialdemokratie! Und erst als die kam, haben Sie wohl oder übel in bezug auf das gegenwärtige Leben des Arbeiters Forderungen aufgestellt, aus religiösem Pflichtgefühl, Herr Erzberger, das sich erst dann findet, wenn starke Arbeiterorgani⸗ sationen entstanden sind. Ich will Ihnen eine Episode aus dem katholischen Sozialreform⸗Kongreß vom Jahre 1889 in Brüssel vortragen. Da erregte das soziale Thema und die Forderung nach Arbeiterschutzgesetzen das Mißfallen eines französischen Geistlichen, der aus⸗ führte, was solle aus dem Arbeiter werden, wenn er die Mildtätigkeit des Priesters nicht mehr braucht. Zufrieden wird er nie sein. Aber der deutsche Bischof Korum aus Trier trat ihm entgegen: Die zur Debatte stehenden Fragen haben wir nicht freiwillig auf die Tagesordnung gestellt, die sozialistische Bewe⸗ gung hat uns dazu gezwungen. Jetzt kommen wir auf den prinzipiellen Gegensatz zwischen Ihnen und uns. In Bischof Kettelers Schrift „Arbeiterschaft und Christentum“ heißt es:„Christus hat gesagt:„Wir werden immer Arme haben, so ist es, und der größte Teil des Menschengeschlechts wird in Mühe und Not sein Leben h'nbringen. Alle andern Verheißungen sind eitel Lüge und Betrügerei.“(Sehr richtig! beim Zentr.) Ich habe auf Ihr Geständnis ge⸗ wartet, und freue mich, daß es erfolgt ist. Christus hatte Recht, zu seiner Zeit war das richtig. Den Menschen fehlten damals Mittel und Arbeitskräfte, aber die moderne soziale Frage hat ein ganz andres Gesicht. Heute ist das technische Problem der Wohlfahrt für alle gelö st. Heute kann niemand behaupten, daß der Kulturmenschheit wicht die Mittel zur Verfügung ständen, um Güter herzustellen, die die werktätige Masse des Volkes zu wesentlich höherer Lebenslage führten. Wenn Sie behaupten, daß das nicht möglich ist, sind wir in der technischen Frage geschieden. Aber das können Sie nicht leugnen, daß, bei einer einigermaßen ge⸗ rechten Verteilung, auch wenn gar nicht mehr produziert würde, eine ganz bedeutende Hebung der materiellen Lebenshaltung der breiten Masse des Volkes möglich sein würde. Das war kein weises Wort des Reichskanzlers:„Sie wollen die Armut ab⸗ schaffen!“ Die ganze Entwicklung der Menschheit geht ja darauf hinaus! „Sie werfen uns den Klassenkampf vor, aber Sie selbst klämpfen einen viel schlimmeren Klassen⸗ kampf für die herrschenden Klassen. Ihnen geht Macht vor Recht. Die Sozialdemokratie führt den Klassenkampf als eine historische Notwendigkeit, nicht für eine einzelne Klasse, sondern im Interesse aller, auch der heute Herrschenden. Wir wollen einen Volkskörper, der sich nicht spaltet in Besitzende und Besitzlose, in Gebildete und Ungebildete, in Freie und Sklaven, sondern einen Volkskörper aus sozial eben⸗ bürtigen Persönlich keiten. Wir feiern nächstens das An⸗ denken Immannel Kants, des größten deutschen Denkers. Der Kerngedanke seiner sozialen Ethik war, daß mie⸗ mand einen andern Menschen nur als Mittel zum Zweck gebrauchen dürfe, weil jede mensch⸗ liche Persönlichkeit ihren Selbstwert in sich trage. Die ganze kapitalistische Gesellschaft beruht auf einer Ver⸗ letzung dieses Prinzips. Ihnen ist der größte Teil der Menschheit nur Mittel zum Zweck, Sie brauchen nur Hände, um zu produzieren. Wir dagegen wollen den Selbstwert jedes Menschen zur Anerkennung bringen dadurch, daß das Massenelend, die Massen⸗Sorge verschwinde.“ Die treffenden und klaren Darlegungen Davids fandea bei unsern Genossen ungeteilten Beifall. Keiner der nachfolgenden Gegner war im Stande, die wuchtigen Gründe abzuschwächen 9 den sozialdemokratischen Redner zu wider⸗ egen. 4 3 Aus dem Reichstage. Der Gesetzentwurf betreffend Ent- schädigung unschuldig Verhafteter kam, wie bereits in voriger Nummer bemerkt, im Mittwoch zur erstmaligen Beratung. Sein Inhalt und seine Hauptmängel werden ebenfalls bereits dargelegt. Staatssekretär Nie⸗ berding feierte die Vorlage als einen Kultur- fortschritt, um den uns die Welt beneiden wird. Unter großem Aufwande formalen juristi⸗ schen Scharfsinns suchte er die zahlreichen Aus⸗ nahmen zu rechtfertigen, die das Prinzip der Eutschädigung durchlöchern.— Das Lob fand aber nicht das erwünschte Echo im Hause. Die Juristen der Linken übten scharfe Kritik an den einzelnen Ausnahmebestimmungen. Dieser Kritik schloß sich als Jurist auch Herr Dr. Gröber an, als Parteimann und Führer des Zentrums aber versprach er jenes Entgegen. kommen gegen die Wünsche der Regierung, um das Herr Nieberding von vornherein gebeten hatte. Die Zwiespaltigkeit dieser Rede wurde von Genossen Heine ironisch beleuchtet, der seinerseits den einheitlichen Maßstab der Frei⸗ heit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit anlegte, um die Mängel und Fehler der Vorlage nach⸗ zuweisen. Unter anderem führte er aus: „Es giebt Verbesserungen, die schlimmer find als gar nichts, weil sie die öffentliche Meinung irreführen zu dem Glauben, es wäre etwas Wesentliches geschehen, und die sich dann als Bollwerk jedem wirklichen Fort⸗ schritt entgegenstellen. Das Gesetz von 1898 ist ein eklatantes Beispiel dafür. Dort hat man den prinzipiellen Fehler gemacht, gegen die bessere Ueberzeugung Unzu⸗ gängliches zu votieren und jetzt beruft sich die Regierung darauf. Im Gegenteil fühlen wir uns verpflichtet, den neuen Gesetzentwurf erst recht sorgfältig zu prüfen. (Richtig). Der Unterschied zwischen wirklich Freige⸗ sprochenen und solchen, die nur soso freikommen(Heiter keit), darf nicht aufrecht erhalten werden, das schlägt dem natürlichen Rechtsgefühl geradezu ins Gesicht. Das uralte Re btsprinzip, daß jeder so lange als ehrenhaft gilt, bis ihm das Gegenteil nachgewiesen ist, soll hier umgestoßen werden. Man muß nicht nur dann Ent⸗ schädigung gewähren, wenn der Verhaftete seine Unschuld bewiesen hat, sondern muß davon ausgehen, daß jeder von Natur frei ist und jeder Eingriff in die persönliche Freiheit schadenersatzpflichtig macht, wie das im bürger⸗ lichen Recht anerkannt ist. Nach der Vorlage hat man aber den Eindruck, als ob der normale Zustand für den Deutschen der sei, im Gefängnis zu sitzen. Die Richter werden, wenn der Entwurf unverändert bleibt, sich einfach mit einem Non liquet! der Schadenersatz⸗ pflicht entziehen. Der Richter will ja damit nicht dem Staat einen rechtswidrigen Ver nögens vorteil verschaffen, er kann sich nur nicht aus dem Banne der herrschenden fiskalischen Interessen befreien. Staatssekretär Nieberding bestritt in seiner Antwort auf die Ausführungen Heines, daß bei dem Entwurfe auf fiskalische Inte⸗ ressen Rücksicht genommen worden sei.— Die Debatte über den Gegenstand wurde am Don⸗ nerstag fortgesetzt. Genosse Frohme ging als erster Redner die Geschichte des Gesetzent⸗ wurfs durch und zeigte, wie einerseits die Re⸗ gierung sich seit Jahrzehnten aufs hartnäckigste gegen die Reform gesträubt habe, die sie jetzt vorschlage, und wie andererseits das Zentrum in seiner oppositionellen Zeit die Vorschläge auf das schärfste kritisiert hätte, denen es jetzt seinen Segen gäbe. Erinnerungen aus der Zeit des Sozialistengesetzes, die wenig schmeichelhaft für den deutschen Richterstand sind, und eine eindringende Kritik der Grundidee des Ent⸗ wurfes vervollständigen den Inhalt seiner Rede. Der Staatssekretär Dr. Nieberding sah sich veranlaßt, auf die allgemein gehaltene Erörter⸗ ung Frohmes mit dem Ersuchen um bestimmte Fälle zu antworten und inzwischen alle An⸗ gaben Frohmes für unglaubwürdig zu erklären. Sein unbedachter Wunsch ging sehr bald in Erfüllung. Genosse Stadthagen brachte ihm eine geradezu überwältigende Fülle von Beweismaterial in seiner glänzend witzigen Rede bei, die trotz ihrer ungewöhnlichen Schärfe dem Vizepräsidenten Grafen Stolberg, der wohl ein Dutzend mal aufsprang und nach der Glocke griff, keine Gelegenheit zum Eingreifen bot. Was er über den Fall des oldenburgischen Justizministers Ruhstrat und über andere sen⸗ sationelle Prozesse der letzten Zeit sagte, wie er die juristische Unklarheit und gänzliche Un⸗ zulänglichkeit des Entwurfs kritisierte, das rief den lauten Beifall unserer Fraktion hervor und weckte im ganzen Haufe wiederholt stür⸗ mische Heiterkeit. Herr Nieberding, der ganz gegen seine Gewohnheit temperamentvoll und pathetisch„Her mit den einzelnen Fällen, her mit den Akten!“ ausgerufen hatte, hatte plötz⸗ lich das Reden verlernt. Dafür markierten die Nationalliberalen Dr. Lucas und Deppe einen moralischen Entrüstungsrummel, und Herr Gröber vom Zentrum trat ihnen hilf⸗ reich bei. Genosse Frohme stellte gegenüber Wen fan sind al reführen eschehen, en Fort⸗ ist ein mülptellen Unzu⸗ gerung het, den prüfen. Frelge⸗ (Heiter⸗ l schlägt cht, Daß chrenhaft soll hier nn Ent⸗ Unschuld aß jeder rsönliche bürger⸗ hat man tand für en. Die t bleibt, denersah⸗ ücht dem schaffen, chenden alt 5 eile, 1 — Die Don⸗ . 1 esetzent⸗ die Re⸗ nätigste sie jetzt zentrum cschläge 66 jezt er Zeit chelhaft ind eile es Eul⸗ er Rede. sah fich Frörter⸗ simmte le Au⸗ 1 15 hald brachte lle bon vitigen Shöärfe er wohl 1 Glock a bot. gischen Mitteldeutsche Nountags⸗Zeitung · Seite. allen Verdrehungen noch einmal die Tatsachen Tichtig, auf die sich unsere uranfechtbare Kririk der Justizpflege stützt. Freitag setzte die sozialpolitische Debatte wieder ein. Von verschiedenen Par⸗ teien wurde wiederum die Forderung eines einheitlichen Vereinsrechts betont. Dem tollen Durcheinander, das auf diesem Gebiete herrscht und dem schon die merkwürdigsten mittelalterlich anmutende Blüten entsprossen, will aber die ordnungsliebende Regierung kein Ende machen.— In der Bekämpfung unserer Partei versuchten sich an diesem Tage der nationalliberale Dr. Patzig und der Zen⸗ trumsmann Erzberger. Patzig hatte sich das Gebiet der Phrasen ausgesucht; in großen tönenden Worten tadelte er die Maßlosigkeit, Verhetzung und all die anderen schlimmen Eigenschaften, die einen sanft⸗friedlichen Bour⸗ geois an unserer Partei kränken müssen. Herr Erzberger bevorzugt die Anekdote; seit dem Jahre 1848 hat er die Streitigkeiten innerhalb der Partei verfolgt und schenkte dem Hause nun bis zum Dresdener Parteitag kein häß⸗ liches oder erregtes Wort, das in irgend einer Diskussion gefallen ist. Natürlich fehlten auch die„Villen“ Bebels am Züricher⸗ und Voll⸗ mars am Walchensee nicht. Unsere Fraktion kümmerte sich wenig um diesen stark persönlich gerichteten Angriff. Gen. Lesche, der später zu Worte kam, befaßte sich mit wichtigeren Dingen, er schnitt mit seiner ersten Rede im Reichstag recht gut ab. Mußte ihm doch end⸗ lich Graf Posadowsky zugeben, daß die So⸗ zialdemokratie tatsächlich den Anstoß zu unserer ganzen Sozialpolitik ge⸗ geben hat. Natürlich soll das nun auf ein⸗ mal„unwichtig“ sein. Im übrigen leistete unser Genosse wieder einmal„posttive Arbeit“, indem er aus seiner reichen Praxis als Ar⸗ beitersekretär verschiedene Widersprüche und 1 8 in der Versicherungsgesetzgebung auf⸗ eckte. Samstag erhielt der Staatssekretär des Innern das Gehalt bewilligt und damit war dieser Titel des Etats erledigt. In der vor⸗ hergegangenen Debatte kamen zunächst zwei Aerzte zu Worte, die ihren Standpunkt gegenüber den Kassen⸗ Verwaltungen zu wah⸗ ren versuchten. Dr. Ruegenberg vom Zen⸗ trum suchte zu beweisen, daß die Aerzte bei ihrem Kampf gegen die Krankenkassen sich ausschließ⸗ lich vom Idealismus leiten ließen(11) während der Freisinnige Dr. Mugdan sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen sucht, die die Genossen Fräßdorf und Wurm gegen ihn erhoben hatten. Der Rest des Sitzungstags gestaltete sich zu einer Generalabrechnung unsrer Par⸗ tei mit ihren Gegnern. Gen. Dr. David widerlegte in einer vortrefflichen Rede, die das Zentrum und die Nationalliberalen aufpeitschte, alle die törichten Angriffe der Heyl und Erz⸗ berger. Er wies dem nationalliberalen Leder⸗ großindustriellen aus Worms zahllose Unrichtig⸗ keiten nach und verspottete mit treffendem Witz durch den Hinweis auf die nationalliberale Partei und Herrn Heyls und seiner Arbeiter persönliche Verhältnisse all das, was dieser über die Uneinigkeit der Sozialdemokratie, über Tarifverträge, Villen, die von Arbeitergroschen erbaut sind, usw. gesagt hatte. Herrn Erzberger, dem er zunächst als Quelle seiner Ausführungen eine bekannte Zentrums⸗Schmähschrift nach⸗ wies, widerlegte er in fast allen Punkten, ins⸗ besondere in der Lassalle⸗Ketteler⸗Legende, und 125 anch ihm eine Menge falscher Zitate nad* Die Verteidigung des Freiherr v. Heyl war recht schwächlich. Er wiederholte einen Teil seiner falschen Zitate und Unrichtigkeiten, ohne daß sie darum richtiger wurden. Genosse Stücklen ergänzte die Ausführungen des Genossen David besonders in bezug auf das Vereins⸗ und Versammlungsrecht in Deutsch⸗ land. Was er an empörender Polizei⸗Praxis aus deutschen Kleinstaaten anführte, verdient allgemein bekannt zu werden. Später, nach einer Rede des Polen Kor⸗ fanty, der nicht ungeschickt gegen den Grafen Posadowsky polemisierte, ergriff Gen. Stolle noch das Wort. Er antwortete auf die Reden des sächsischen Bundes bevollmächtigten über den Streik in Crimmitschau. Er zeigte den maßlosen Terrorismus der Fabrikanten so klar, er wies so zwingend nach, daß das Recht auf seiten der Arbeiter war und ist, daß der Geheimrat Fischer, der so lange im Reichs⸗ tag nichts andres vorgebracht hatte als Er⸗ zählungen über angebliche Vergehen der Ar⸗ beiter, die Crimmitschauer Unternehmer und ihren parlamentarischen Wortführer, den Ab⸗ geordneten Lehmann, in ziemlich weitem Um⸗ fang preisgab. Es war ein Sieg auf der ganzen Linie und ein würdiger Schluß der sozialpolitischen Generaldebatte. Die Sitzung am Montag eröffnete der Präsident mit der Mitteilung von dem Ableben des jüngsten Mitglieds unserer Fraktion, Ge⸗ nosse Rosenow: das verstorbene Mitglied wird in der üblichen Weise geehrt. Dann wird über den Etat des Reichs- gesundheitsamts beraten. Genosse Scheide⸗ mann ergriff hier als erster Redner das Wort, um auf die Verseuchung der deutschen Flüsse durch die Industri⸗abwässer hinzuweisen und Abhilfe durch ein rücksichtslos 10 Reichsgesetz zu verlangen. Graf Posadowsky erkannte die Berechtigung seiner Beschwerden an und versprach, wenn auch nicht ohne ein⸗ schränkende Klauseln, den Wünschen unseres Redners nachzukommen. Dann wendete sich die Debatte dem Fleisch⸗ beschaugesetz zu. Genosse Scheidemann legt eingehend dar, welche Schädigungen dem Volke durch dieses Gesetz zugefügt werden und welche ungeheuere Scheerereien es für weite Kreise mit sich bringt. Das kommt daher, weil die Zöllner aus diesem Gesetz, das bestimmt war, die Volks gesundheit zu schützen, ein agra⸗ risches gemacht haben, das dem Volke die Lebensmittel verteuert und den Agrariern die Profite steigert.— Die weiteren Verhandlungen, auch die am Dienstag, bewegten sich noch um denselben Gegenstand, sowie Maßregeln gegen den Geheimmittelschwindel usw. Politische Nundschau. Gießen, den 11. Februar 1904. Reichseisenbahnen! Die sozialdemokratische Fraktion hat beschlosseu, eine Resolution einzubringen, in welcher der Reichskanzler aufgefordert wer⸗ den soll, dem Reichstag tunlichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den zwecks einer einheitlichen Organisation des Verkehrs und der besseren Durchführung der Bestimmungen der Art. 43—46 der Reichsverfassung der Be⸗ trieb und die Verwaltung der deutschen Eisen⸗ bahnen dem Reich übertragen wird. Vom Aufstand in Südwestafrika wurde über mehrere Zusammenstöße mit den Hereros berichtet, wobei auch die deutschen Truppen verhältnismäßig erhebliche Verluste erlitten.— Der Ort Omaruru wurde nach heftigem Widerstande am 4. Februar mit Sturm gewonnen. Die Totenliste weist über 91 Namen auf, Vermißte über 200.— Auch in Kamerun und Südwestafrika sollen nach neueren Meld⸗ ungen die Eingeborenen unruhig geworden sein.— Die Here ro⸗ Angelegenheit hatte übrigens eine Auseinandersetzung innerhalb unserer Partei über die Haltung unserer Reichstags⸗ fraktion veranlaßt. Eine Reihe Versammlungen und Parteiorgane sprachen sich dahin aus, daß die Fraktion sich bei der Forderung für die afrikanische Expedition nicht hätte der Stimme enthalten, sondern dagegen stimmen sollen. Die Fraktion enthielt sich deshalb der Stimme, weil bestimmte Nachrichten über die Lage in dem Schutzgebiet nicht vorlagen. Die russischen Spitzel nehmen sich immer größere Frechheiten heraus. Aus Breslau wurde dieser Tage gemeldet, daß dort russische Studenten auf der Straße von russischen Geheimagenten angehalten und vor weiterem Besuch sozialistischer Ver⸗ sammlungen oder dem Weiterhalten revolutio⸗ närer Zeitungen gewarnt wurden.— Wenn's so weiter geht, werden sich bald Kosaken in Deutschland herum treiben! Vereiteltes] Wahlrechtsattentat. Der Versuch der bremischen„liberalen“ Kaffee⸗, Pfeffer⸗ und Geldsä cke, das ohnehin sehr mangelhafte Wahlrecht zur Bürgerschaft, dem Bremer Parlament, zu verschlechtern, ist abgeschlagen worden. Wie in voriger Nr. bereits mitgeteilt, über raschte eine Kommis⸗ sion der bremischen Bürgerschaft vor einiger Zeit die Bevölkerung mit unerhörten Wahlent⸗ rechtungsvorschlägen nach welchem ein Zen⸗ sus wahlsystem eingeführt werden sollte. Dadurch hätte wan zwei Dritteln der bremi⸗ schen Steuerzahler das Wahlrecht geräubert. Aber das Volk wehrte sich gegen den schamlosen Plan mit aller Energie. Unter Führung der Sozialdemokratie setzte eine nachhaltige Pro⸗ testbewegung ein, die dann auch den Erfolg hatte, daß den Wahlrechtsattentätern eine schimpfliche Niederlage bereitet wurde. Noch nicht einmal die Antragsteller selbst wollten sich zu der Vaterschaft der Mißgeburt bekennen! — Allerdings wurden auch die sozialdemokra⸗ tischen auf Erweiterung des Wahlrechts ge⸗ richteten Anträge abgelehnt, aber trotzdem wird von unseren Genossen der Kampf für das all⸗ gemeine gleiche und geheime Wahlrecht fortge⸗ setzt werden. Jetzt weiß die bremische Bevöl⸗ kerung noch besser als vorher, wessen sie sich von den unzuverlässigen Liberalen zu versehen hat, und daß ste sich nur auf die Sozial⸗ demokratte verlassen kann. Maskenverguügen„besserer“ Kreise. Aus dem heiligen Köln wurde dieser Tage dem„Vorwärts“ über einen in dem dortigen Festhaus Gürzenich an dem kat ho⸗ lischen Feiertag Maria⸗Lichtmeß stattge⸗ fundenen Maskenball geschrieben, bei dem sich empörend schamlose Szenen abgesptelt haben. „Ein großer Teil der weiblichen Teilnehmer gehörte der Halbwelt, die männlichen meist dem zahlungsfähigen Bürgertum an, die herbeige⸗ strömt waren, um im Sekt⸗ und Sinnenrausch zu schwelgen. Was sich da abgespielt hat, läßt sich nicht beschreiben. Das Ganze bot ein Bild entsetzlichster sittlicher Verkommenheit. Allent⸗ halben sah man Szenen der abstoßendsten Art. Einige Momentphotographien: In dem Saale trieben sich eine Anzahl Weibsbilder umher, deren Oberkörper bis zu den Hüften völlig nackt waren. Mit ihnen ergötzten sich die Lüstlinge, die die Weiber mit Sekt, das Gläschen 1 Mk., traktierten. In den Nebensälen sah man mehr⸗ fach halbnackte Frauenzimmer in den unbeschreib⸗ lichsten Lagen und Stellungen, die in der ekel⸗ haftesten Art mit ihren Gönnern kosten. Auf einer an den Seitenwänden sich hinziehenden Bank tanzte, von einer Zuschauermenge umringt, ein üppiges Weib, indem es nach dem Takte der Musik jedesmal auf seine nackten Brüste patschte. Aus der Menge wurde der Tänzerin immer wieder Sekt gereicht. Dadurch und durch den Beifallsjubel immer toller gemacht, tanzte sie schließlich mit hochgehobenen Kleidern. End⸗ lich sprang sie hinunter, einem zu ihren Füßen sitzenden glatzköpfigen Galan ihre Kleider über den Kopf stülpend. Der Jubel der Zuschauer kannte keine Grenzen. An einer anderen Stelle „vergnügte“ sich eine Gruppe von Männern damit, die in ihre Nähe geratenden Angehörigen des anderen Geschlechts zu ergreifen, hochzuhalten, dann auf den Kopf zu stellen und die ekelhaftesten Schamlosigkeiten zu begehen. f Die wenigen anständigen Leute auf dem „Balle“ waren gegen das Treiben machtlos“. Der Saal, in dem diese Schweinereien sich abspielten, gehört der Stadt Köln. Zu sozial⸗ demokratischen Versammlungen verweigert die Stadtverwaltung den Saal!— Ein Bild aus dem Kultur⸗ und Ordnungsstaate! Hier wüste Orgien der Besitzenden, auf der andern Seite hunderttausende trotz unablässiger Arbeit hun gernde und darbende Arbeiterfamilien. r rr Nr. Seite 4. g Mitteldeutsche Sonutaas⸗geitung. 8 lagte, man solle sich vor Distussionen mir den die nicht arbe ten, trosdem aber ein Wohlleben futren, Pon Uah und Fern. Pastoren hüten, denn da gibts kein Ende, die] auf der andern Seite die Masse derer die bel unab⸗ Hessisches. — Ein neues Gemein dest euer gesetz soll für Hessen geschaffen werden. Die Re⸗ gierung hat die Grundzüge zu dem Entwurf erst einmal den beteiligten Gemeinden zur Begutachtung und Rückäußerung zugehen lassen, ehe sie der Kammer Vorlage macht. Neben der Grundsteuer und der Gewerbesteuer will stie den Gemeinden eine dritte Steuer, die Kapi⸗ talrentensteuer, zuweisen. Ihr soll die Aufgabe zufallen, das Kapitalvermögen in gleicher Weise mit einer Sondersteuer zu belegen, wie dies bezüglich des Grundbesitzes und Gewerbebetriebes bereits geschehen ist. Die Steuer soll in Zu⸗ kunft nach dem Gemeinwert des Kapitalver⸗ mögens erhoben werden und ein Abzug von Schulden oder sonstigen persönlichen Lasten nicht stattfinden. Diese Besteuerung des Kapitals selbst wird auch das zinslose Kapital treffen und damit eine Lücke der seitherigen Renten⸗ besteuerung ausfüllen.. a — Staatliche Schlachtvieh versiche⸗ rung. Dem Landtage ist eine Vorlage zuge⸗ gangen, nach welcher für das Großherzogtum eine staatliche Schlachtviehversicherung mit Ver⸗ sicherungszwang eingerichtet werden soll. Der Versicherung unterliegt das im Großherzogtum zur Schlachtung kommende Rindvieh im Alter von mehr als drei Monaten. Von der Versicherung soll ausgeschlossen bleiben Schlacht- vieh, das dem Reiche oder einem anderen Bundes⸗ staat gehört und solches, das bereits nach seinem Zustand vor der Schlachtung als zum Genuß für Menschen ungeeignet anzusehen ist und solches, das innerhalb eines Monats vor der Schlachtung aus einem andern Staate einge⸗ führt ist. Die Versicherungsanstalt hat den Versicherten dafür zu entschädigen, daß das Fleisch des Tieres für untauglich, bedingt tauglich, oder minderwertig erklärt wird. Als Entschädigung ist der Schlachtwert zu ge⸗ währen, nach Abzug des tatsächlichen Wertes der verwendbaren Teile des geschlachteten Tieres. Außerdem werden die Kosten der Schlachtvieh⸗ und Fleischbeschau, Schlachtgebühr und Schläch⸗ terlohn mit einem dem Verhältnis der Ent⸗ schädigung zum Schlachtwert entsprechenden Betrag ersetzt. Die für die Entschädigungsbe⸗ träge, und die Kosten der Schätzungsausschüsse erforderlichen Mittel werden aufgebracht durch einen festen Beitrag für jedes der Ver⸗ sicherung unterliegenden Tiere. Die Höhe des festen Beitrags wird für jedes Rechnungsjahr auf Vorschlag der Versicherungsanstalt vom Ministerium des Innern festgesetzt.— Durch die Schlachtviehversicherunz werden namentlich auch die Verluste durch Tuberkulose ge⸗ troffen. g — Im Landtage kam am Dienstag das Hütekinderwesen im Vogelsberg zur Be⸗ sprechung. Veranlassung dazu gab ein vor längerer Zeit in der„Frkftr. Ztg.“ veröffent⸗ lichter Artikel eines Pfarrers, in dem auf die Mißstände hingewiesen wird, welche durch das Hütekinderwesen verschuldet sind. Hirschel und Genossen wollten das nicht Wort haben, denn nach ihrer Ansicht ist auf dem Lande alles Gute, und in der Stadt alles Schlechte. Sie interpellierten deshalb. Die Berichte der Kreis⸗ schulinspektion bestätigen aber im Wesent⸗ lichen das, was in jenem Arttkel gesagt war. Gießener Angelegenheiten. — Sie geben keine Ruh! Die Herren Pastoren nämlich, wegen des Friedhofs⸗ streits. In der neulichen Stadtverordneten⸗ Versammlung verlas der Oberbürgemeister ein langes Schreiben des Pastor Naumann, in dem letzte er gegen den Beschluß der Stadtver⸗ ordneten prokestiert, wonach den Geistlichen aller Koufessionen gestattet wurde, Gräber ihrer Konfession zu weihen. Weiter wird noch be⸗ hauptet, daß der Oberbürgermeister kein Alt⸗ katholik sondern Katholik sei, was doch niemanden etwas angeht. Die Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung legte die Epistel zu den Akten.— Man sieht, wie recht Krumm s. Zt. hatte, als er Leute haben zu viel Zeit. — Kampf gegen den Alkohol. Heute giebt es sehr viele Leute, die sich den Kampf gegen den übermäßigen oder gegen den Alkohol⸗ genuß überhaupt zur Aufgabe gemacht haben. Das ist ja soweit ganz erfreulich. Auch von unserem Standpunkte aus, denn auch die polt⸗ tische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung leidet in verschiedenen Gegenden sehr unter dem Alkoholismus, sie geht dort langsamer vorwärts, wo die Schnapspest unter den Arbeitern herrscht. Gäbe es ein Mittel, diese davon zu befreien, so würden wir das gewiß mit Freuden begrüßen. In der sozial demokratischen Presse und in den Versammlungen wird denn auch das Möglichste getan, die Arbeiter über das Schädliche des übermäßigen Alkoholgenusses aufzuklären; es gibt sogar viele Abstinenz⸗Vereine, die auf dem sozialdemokratischen Standpunkt stehen. Aber wir wissen ebensogut, daß der Alkoholismus in der Hauptsache eine Begleiterscheinung der heutigen wirtschaftlichen und sozialen Zustände ist und nur durch Besserung derselben einge⸗ dämmt und beseitigt werden kann. Das ist schon oft von unserer Seite ausführlich aus⸗ einandergesetzt worden, beispielsweise auch auf verschiedenen Parteitagen. Man kann den Kampf gegen den Alkohol nicht wirksamer führen, als durch Hebung der Lage der arbei⸗ tenden Klasse. Davon wollen aber vielfach bürgerliche Anti⸗Alkoholisten nichts wissen. Das trat auch in einer Versammlung zu Tage, die vorigen Freitag im„Einhorn“, einberufen vom Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke, stattfand. Hier hielt Herr Gonser aus Berlin ein Referat, in dem er die Schäden, die über⸗ mäßiger Alkoholgenuß dem einzelnen Menschen und dem ganzen Volkskörper zufügt, darlegte. Eine recht eingehende Debatte schloß sich an den Vortrag. Sehr interessant und beachtens⸗ wert waren besonders die Darlegungen des Herrn Prof. Sommer, der die Einwirkung der geistigen Getränke auf Gehirn und Nerven sachverständig schilderte. Doch gab auch er, wie andere Redner zu, daß z. B. für Bier es heute nach kein gutes und billiges Ersatzmittel gäbe; was man heute als„alkoholfreies“ Ge⸗ tränke anbiete, tauge meist nichts. Redner wendet sich noch besonders gegen den gesell⸗ schaftlichen Zwang zum Trinken, der bei allen Gelegenheiten ausgeübt werde. Mit Aufklärung des Volkes, Errichtung von angenehmen Auf⸗ enthalts⸗Lokalitäten ohne Trinkzwang hofft man das angestrebte Ziel zu erreichen. Der Referent erklärte noch den weiteren Ausbau der Sozial⸗ reform für notwendig und auch der Vorsttzende Pfarrer Schlosser, betonte die Herabsetzung der Arbeitszeit. Letzteres, die Hebung der sozialen Lage der Arbeiterklasse überhaupt, be⸗ zeichnete Genosse Vetters als Vorbedingung zur wirksamen Bekämpfung der Alkoholseuche. Durch seine weiteren Ausführungen, in denen er auf Verschiedenes im öffentlichen und poli⸗ tischen Leben hinwies, was den Alkoholgenuß begünstigt, verursachte er böses Blut bei einem Teile der Versammlung. Man will nichts davon hören, daß die wirtschaftlichen Zustände im christlichen Ordnungsstaate die Ursache des Uebels sind, das man bekämpfen will. Man will den Pelz waschen, ohne ihn naß zu machen! — Der Brauerball findet diesen Sams⸗ tag nicht im Café Leib, sondern in der Turn⸗ halle statt. Aus dem Rreise gießen. — Wieseck. Die Versammlung am Sonntag, in der Frau Dr. Michels über„die soziale Frage“ sprach, war recht gut besucht, es mochten sich nahe an 200 Personen in dem geräumigen Saal des„Gambrinus“ eingefunden haben. Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Zuhörer den verständlichen und klaren Ausführungen der Rednerin, die zunächst erklärte, was man unter der Bezeichnung„Soziale Frage“ überhaupt zu verstehen habe. Mancher behaupte zwar, eine solche existiere nicht. Wer sich aber im Leben nur ein klein wenig umsehe, der erkenne bald die großen Miß verhältnisse, die in bezug auf die Lebenslage in der Bevölkerung herrschen. Auf der einen Seite eine Anzahl Menschen, obern. Dieses Mißverhältnis besteht; dies ist die „soziale Frage“. Zustand zu ändern, zu ermöglichen, daß alle Menschen an allem Guten, was die Erde bietet, teilnehmen können. Rednerin setzt dann das Verhältnis von Kapital und Arbeit N und kommt zu dem Schluß, daß nur durch die Beseitigung des Kapitalismus die Lösung der sozialen Frage möglich sei. Hierzu sei die Organ i⸗ sation der besitzlosen Arbeiter nötig und zwar auf politischem, gewerkschaftlichem und konsum⸗genossenschaft⸗ lichem Gebiete. An dem mit Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine sehr angeregte Diskusston, an der sich zahlreiche Redner beteiligten.— Im Verlauf derselben wurde von einem Wiesecker Gemeinderatsmit⸗ gliede in bezug auf das in der vorigen Nr. der Mitteld. S.⸗Ztg. veröffentlichte„Eingesandt“ mitgeteilt, daß über die Frage der Errichtung einer Arzt⸗Wohnung durch die Gemeinde ein Beschluß nicht gefaßt sei.— Gegen 11 Uhr schloß die sehr gut verlaufene Versammlung. S. Bergarbeiterversammlung. Am Sonn⸗ tag den 7 ds. Mts. fand in Utphe eine Bergarbeiter⸗ versammlung statt, in welcher der Sekretär des Deutschen Bergarbeiter⸗Verbandes Portenkirchner aus Hancham in Bayern über:„Warum müssen sich die Bergarbeiter organisteren?“ referierte. In 1½ stündiger Rede schilderte der Referent die Vorteile der gewerkschaftlichen Organi⸗ sation, und erntete für seine Ausführungen großen Bei⸗ fall. Der Geist der Versammlung war ein vorzüglicher und wir können die seltene Tatsache verzeichnen, daß sich alle Anwesenden ohne Ausnahme in den Verband aufnehmen ließen. An den Arbeitern selbst liegt es nun, ihre Organisation immer mehr und mehr auszu⸗ bilden, und die noch fernstehende Kameraden derselben zuzuführen. es aber auch nötig, sich zu organisieren, denn die Ver⸗ hältnisse sind dort nichts weniger als rosig zu nennen. Bei einer 9½ stündigen Arbeitszeit verdienen die Leute etwa 3 Mk. Dieser Lohn muß für Bergleute als ein sehr niedriger bezeichnet werden und reicht nicht entfernt aus für Bestreitung einer nur halbwegs menschenwürdigen Lebenshaltung. Auch der neue Direktor führte sich nicht besonders gut ein, indem er, ohne die Grube nur ein⸗ mal gesehen zu haben, die Löhne um 2 Pfg. pro Wagen herabsetzte. Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen. f. h. Stammheim. Ein treuer Genosse, der Weißbinder Karl Vogel starb hier plötz⸗ lich ig dem jugendlichen Alter von 25 Jahren. Er war sich seiner Pflicht als denkender Ar⸗ beiter stets bewußt und stand mit seinen kämpf⸗ enden Brüdern immer in Reih und Glied. Wir werden sein Andenken in Ehren halten! Aus dem Rreise Alsfeld-Caulerbach. * Wäre höchste Zeit! Für die Er⸗ richtung eines Krankenhauses in Alsfeld nämlich, die geplant sein soll. Wie dazu be⸗ richtet wird, wollten Frauen und Jungfrauen die Sache durch Stiftung von Geschenken för⸗ dern, die später verlost werden sollten. Alle Achtung vor dem guten Willen. Aber auf die Art wird es noch lange dauern, bis Kranke dort verpflegt werden können. Es wäre viel⸗ mehr Aufgabe der Gemeinde und des Kreises schon längst gewesen, für ein Krankenhaus zu sorgen und dafür die nötigen Mittel aufzu⸗ bringen. Aber man denkt in gewissen Kreisen immer eher an Errichtung von Denkmälern und Bismarcktürmen, als an Krankenhäuser. *Das Lauterbacher„Kreisblatt“— der Name sagt genug:— welches sich im Neben⸗ titel„Lauterbacher Anzeiger“ nennt, bringt in Nr. 15 einen anderthalb Spalten langen Be⸗ richt über die am vorigen Sonntag von Ge⸗ nossen A. Michels und Genossin Gisela Michels hier gehaltene Versammlung. Es ist erfreulich, daß das Blatt es für nötig gehalten hat, einen so großen Teil ihres„kostbaren“ Raumes der Bekämpfung der Sozialdemokratie zu widmen, bedeutet das doch, daß die Lauterbacher„Herren“ eine wahre Höllenangst haben, daß ihren, wie sie im Bericht schmeicheln,„fleißigen“ Arbeitern etwa die Augen aufgehen möchten über das wenige, was sie für ihren„Fleiß“ erhalten. Nun, nichts wäre ihnen gefährlicher, als das. Auch die im Bericht enthaltenen Verdrehungen und— gelinde ausgedrückt— Unerzogenheiten lohnt es sich nicht, einzugehen. Was macht es Ihre Lö sung besteht darin: diesen — Die Bergleute der dortigen Gegend haben dem Monde aus, wenn ihn der Hund anbellt? 5 lässiger und oft übermäßiger Arbeit kaum die not wendigsten Lebensbedürfnisse für sich und die ihren er- wur auf ö enschast⸗ menen son, W Verlauf ratsmit⸗ Mitteld. aß über urch die egen 11 . b Sonn⸗ abeiter⸗ deuschen Hancham garbeiter schllberte Otgani⸗ zen Bei⸗ zͤglicher len, daß Verband liegt ez auszu⸗ derselben d haben die Ver⸗ nennen. ie Nute als ein entfernt würdigen scch nicht ut ein⸗ o Wagen gell, genosse, e hlotz⸗ Jahren. er Ar⸗ kämpf⸗ Glied. halten! jach. e El⸗ feld uu be⸗ rauen en fiör⸗ 5 Alle uf die Kranke ie biel⸗ reises uus z fzu⸗ reisen n und it.— Neben. on Ge⸗ lchel⸗ uli, , eie, es der vüdmel, Hertel, rel bie beter eee e eee eee e een eee eee Nr 7. Mitteldeutsche Sountagl⸗ Zeitung. Seite 5. 1 Bemerkt sei hier nur, daß der betreffende Be⸗ richterstatter von der Sozialdemokratie genau so viel Ahnung hat, als von journalistischem Takt, fragt er doch ganz naiv, ob es im Zu⸗ kunftsstaat etwa keine„herrschenden Klassen“ gäbe! Es ist nur schade, daß der betreffende Herr Berichterstatter— falls er die Rede des Gen. Michels überhaupt mit angehört hat— nicht den Mut gefunden hat, seine geistreichen Ausstellungen dort von Angesicht zu Angesicht zu machen. So sieht der Bericht aus wie eine heimliche Rache über eine durchaus gelungene und ausgezeichnet verlaufene gegnerische Ver⸗ sammlung, eine Sache, die allerdings freilich wohl auch nichts nützen wird. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Die Wahl des Abg. Stackmann⸗ Wetzlar hat die Wahlprüfungskommission des Landtags für gültig erklärt. Gegen diese Wahl hatten die Nationalliber alen protestiert, die Kommission entschied aber, daß sich der Protest nur gegen die Urwahl, nicht gegen die Hauptwahl richte. Es wurde aber beschlossen, dem Hause über die Wahl schriftlichen Bericht zu erstatten. h. Eine Handschuhnähschule soll nach dem Vorschlage der Handelskammer in Hohen⸗ solms errichtet werden. Dazu wird mitge⸗ teilt, daß die Handschuhfabrikanten die Sache durch Ueberlassung von Nähmaschinen und Zu⸗ weisung von Arbeit unterstützen wollten. Wir glauben, daß die Herren das mit Vergnügen kun. Nach außen sieht's wie Wohltätigkeit aus, zugleich schaffen sie damit eine Anzahl arbeitswilliger Elemente, vermehren die Kon⸗ kurrenz unter den Arbeitern und somit die Möglichkeit zu Lohndrückereien. h. Tod beider Arbeit. Auf der Sophien⸗ hütte und zwar in der Röhrengießerei ereignete sich am Donnerstag ein schwerer Unglücksfall, bei dem ein in der Blüte der Jahre stehender Arbeiter das Leben einbüßte. Der schwere Haten eines Laufkrahns fiel herab und traf den Arbeiter Pygorsch so unglücklich, daß der Tod auf der Stelle eintrat. n. Der Ausstand bei der Gerberei F. Rübsam in Wetzlar ist nach 9 wöchentlicher Dauer in einer am 6. Februar abgehaltenen Mitgliederversammlung von den Streikenden für beendigt erklärt und über den Betrieb der Firma F. Rübsam die Sperre verhängt worden. Obwohl mehrere Verhandlungen mit Rübsam stattfanden, konnte eine Einigung nicht erzielt werden und da die Mehrzahl der Streiken⸗ den anderweite Beschäftigung gefunden, ergab sich obigen Beschluß von selbst. Die Streiken⸗ den haben sich während des Ausstandes muster⸗ haft gehalten, was ihnen zur Ehre g eicht. Nun will Herr Rübsam und sein Vertreter Pordon den Versuch machen, sich Arbeiter an⸗ zulernen. Mit der Auswahl haben sie auch Glück gehabt, denn der eine(Lange) ist mit wenig Arbeit zufrieden. Lange wird die ganze Herrlichkeit nicht dauern. Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn. Ein„Wohltäter“. In Haiger lieh ein dortiger„patriotischer“ Kaufmann einem Arbeiter Geld zu dessen Hausbau. Dem ausführenden Maurermeister machte er jedoch zur Bedingung, daß er wöchentlich für mindestens 4 Mk. Waren in seinem(des Geldgebers) Laden kaufe. Also die„Wohltat“ soll den nötigen Profit einbringen. Außerdem schmeckt die Sache sehr nach„Terrorismus“. Aus dem RNreise Marburg⸗Rirchhain. R. M. Unserm hiesigen Abgeord⸗ neten, dem liberalen Herrn von Gerlach ist hier an Kaisers Geburtstag ein bemerkens⸗ wertes Mißgeschick passtert. Derselbe hat sich nämlich, wie er selbe angiebt, gedrungen gefühlt— und zwar trotzdem sein Wohn⸗ ort keineswegs Marburg, sondern Berlin ist—„an dem offiziellen Kaisersgeburtstags⸗ essen in Marburg teilzunehmen, weil es mir ein Bedürfnis war, diesen Tag in dem Wahl⸗ kreise zuzubringen, den zu vertreten ich jetzt die Ehre habe.“ Aber als der demokratische Ab⸗ geordnete Platz nehmen wollte, um die patrio⸗ tische Feier mit zu feiern, da wurde ihm von einem alten adligen Offizier, neben welchen er sich setzen wollte, energisch bedeutet, er wünsche nicht neben ihm zu sitzen. Mit diesem höchst peinlichen Vorkommnis hatte der„patriotische“ Demokrat aber noch nicht genug. Kaum war das„offizielle“ Essen, an dem er übrigens selber nicht zu Worte kam, zu Ende, so drängte es ihn, auf das Wohl des Vaterlandes noch⸗ mals zu speisen. Zu diesem Behufe ging er zum Kaisergeburtstagsessen der„Bürger“ in den Fronhof. Doch auch dort erging es ihm nicht besser. Gegen alles Erwarten stand der konservative Fabrikant Schäfer, bekanntlich der erbittertste der hiesigen Gegner Gerlachs auf und hielt die Festrede; nachdem der Demokrat dieselbe über sich hatte ergehen lassen, meldete er sich sogleich zum Wort. Aber er hatte gut bitten... man gab es ihm nicht. So mußte er denn wieder abziehen. Herr von Gerlach hat am 27. Januar hier die Rolle eines Kasperle gespielt, der, sobald er sich dem Publikum seines Theaters vorstellen will, vom Teufel flugs einen solchen Hieb auf den Kopf erhält, daß er schleunigst wieder ver⸗ schwindet, eine durchaus eines Abgeordneten unwürdige, lächerliche Rolle, die er nicht ein⸗ mal allein der maßlosen Unduldsamkeit seiner hiesigen Gegner, sondern auch zum guten Teil sich selber zuzuschreiben hat. Gerlach gehört zu den Abgeordneten, welche sich nicht auf eine starke Parteiorganisation, sondern auf die amorphe Masse ihrer„Wählerschaft“ stützen, immer geneigt, sich, koste es, was es wolle, ihre Zufriedenheit zu erhalten. Dies hat auf der einen Seite seine schneidige uns bis jetzt unerwartet feste Haltung im Reichstag, und auf der andern Seite das geradezu krampfhafte Unterfangen, seine Arbeiterfreundlichkeit durch einen ostentativen und unlogischen Hurrah⸗ Monarchismus wieder„gut“ zu machen, gezei⸗ tigt. Bürgerliche Opposition!!! = Vomnational⸗sozialen Einfluß. „Und wenn jetzt die Sozialdemokratie nicht gewagt(1) hat, gegen den Nachtragsetat für Südafrika zu stimmen, so ist das zum guten Teil national⸗sozialen Einflüssen zuzuschreiben.“ So zu lesen in Nr. 30 der „Hess. Landesztg.“ gelegentlich einer Polemik gegen die Konservativen. Man kann über die Abstimmung unserer Genossen von der Fraktion in der Hereros⸗Angelegenheit denken wie man will, das haben sie doch nicht verdient! Wo die— übrigens ja längst aufgelösten— natto⸗ nal⸗sozialen Einflüsse nur herkommen mögen? Man kann hier wirklich sagen: je winziger die Sippe, desto entsetzenerregender ihg tr Größenwahn! r. Bülow⸗Reden werden gegenwärtig im Marburger Wahlkreise verteilt, besonders die Dörfer werden damit„bearbeitet“. Man gibt sie aber zum Teil umsonst ab, manchmal werden sie auch wieder abgeholt. Jedenfalls sagt man sich, daß selbst für den geringen, ur⸗ sprünglich festgesetzten Preis von 4 Pfg., damit keine großen Geschäfte zu machen sind. Denn die Bauern machen sich ohnedies lustig über die vielen„Witze“, die in dem mit dem Reichs⸗ adler geschmückten Büchlein enthalten sind. Der Bauer aber, der sich schon ein wenig mit Politik befaßt hat, legt die Rede hübsch beiseite und sagt sich: Eenes Mannes Rede ist keenes Mannes Rede, man muß sie hören alle beede! — Wahlverein. In der letzten Ver⸗ sammlung hielt Genosse Abel einen kurzen aber lehrreichen Vortrag über Agitation und Organisation. Redner hob hervor, daß die 3 Millionen Stimmen bet der Reichstagswahl nur durch eine intensive Agitation erreicht werden konnten. In unserem Wahlkreise be⸗ teiligten sich die Genossen ebenfalls zahlreich an der Agitation, wofür auch hier die Zunahme der Stimmen Zeugnis ablege. Aber leider könne man in der jetzigen stillen Zeit von einer allzu„stillen“ Agitation sprechen. Die Genossen kümmerten sich jetzt recht wenig um die Partei und vernachlässigten so ihre heiligste Pflicht. Es müsse wieder etwas mehr getan werden; besonders müsse die Agitation von Mund zu Mund mehr betrieben und Sonntags auf die Dörfer gegangen werden, die alten Verbindungen zu befestigen und neue zu gewinnen. Die Worte des Redners waren geeignet, die Kampfesfreudig⸗ keit neu zu beleben, das zeigte die beifällige Aufnahme, die sie fanden und die darauf fol⸗ gende lebhafte Diskusston. r. Der Vortrag des Gen. Thiel⸗Kassel am Montag Abend war äußerst zahlreich be⸗ sucht. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgten die Zuhörer den leichtverständlichen Erklärungen über die Sternenwelt, die durch vortrefflich gelungene Lichtbilder noch mehr erläutert wur⸗ den. Wie der starke Beifall am Scklusse des Vortrags bewies, war jeder Besucher von dem Gehörten vollständig befriedigt. — Gesellige Zusammenkunft der Mitglieder des Gesangvereins und der Genossen mit ihren Familienangehörigen am Sonntag Nachmittag 4 Uhr im Restaurant Hildemann, Barfüßerstraße. Das diesjährige Wintervergnügen der Gewerkschaften Marburgs findet am Sonntag, flat 21. Februar im Restaurant Schloßgarten att. Baltimore im Brand. Der größte Teil von Baltimore wurde am Samstag durch eine riesige Feuersbrunst ein⸗ geäschert. 3——— Partei-Nachrichten. Reichstagsabgeordneter Genosse Emil Rosenow ist am Sonntag in seiner Woh⸗ nung in Schöneberg bei Berlin am Herzschlag gestorben. Der junge strebsame Kämpfer war Vertreter für den sächsischen Wahlkreis Zschopau⸗Marienberg, den er bereits 1898 eroberte und bei der letzten Wahl mit großer Mehrheit behauptete. Rosenow war 1898 der jüngste Reichstagsabgeordnete und wäre am 9. März erst 33 Jahre alt geworden. Er war ein geborener Kölner, lernte dort Kaufmann und schloß sich 1889 der Partei an. Dann war er Redakteur in Chemnitz und Dort⸗ mund, die letzte Zeit war er freier Schriftsteller. Die Partei verliert in ihm eine tüchtige Kraft. Viele lau⸗ nige Erzählungen und Humoresken in der Parteipresse entstammten seiner Feder. In den letzten Jahren ver⸗ suchte er sich als Bühnendichter und er hatte Erfolg. Verschiedene Theater führten in der letzten Zeit seine Komödie„Kater Lampe“ unter großem Beifall auf. An die Parteiorganisationen und Vertrauensleute im Kreise Gießen! Die Vorsitzenden der einzelnen Parteivereine im Kreise werden ersucht, ihre genaue Adresse dem Vorsitzenden des Kreiswahlvereins mitzuteilen. In Orten, wo weder Or⸗ ganisationen bestehen, noch Vertrauensleute vorhanden sind, wollen sich die Genossen bemühen, zuverlässige Leute als Vertrauensmänner zu finden und deren Adresse an⸗ zugeben. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. 5 Anträge zur Kreiskonferenz. Alt⸗Buseck beantragt: „Das Statut der Unterstützungskasse des Kreis⸗ Wablvereins ist durch folgenden Passus zu ergänzen Mitglieder, die länger als 2 Monate krank find, können auf ihren Antrag vom Beitrag befreit werden und gilt diese Zeit bei einem etwaigen Sterbefall als bezahlt. Die Kontrolle der Krankheitsdauer übernimmt der Vor⸗ stand des betr. Lokalvereins.“ Versammlungskalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ ammlungen! l Montag, den 15. Februar. Marburg. Schneider. Abends 1½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger.— Schuhmacher, im gleichen Lokal. Samstag, den 20. Februar. Langgöns. Abends 29 Uhr Versammlung bei Wirt Seipp. Marburg. Holzarbeiter. sammlung bei Hillberger. Sonntag, den 21. Februar. Rödgen bei Gießen. Nachmittags 4 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Balser. Briefkasten. K.⸗Steinhm. Waren schon damit versehen. Besten Dank! R. Mbg. Wie vorstehend! Fr.-H. Tröste Dich bis zur nächsten Nu mer! B. Alsfld. Ebenfalls nächste Nummer. Abends 9 Uhr. Ver⸗ 10 0 19 4 5 1 01 1 10 14 19 10 35 1 44 f — ö 0 1 1 16 5 1 1000 1 5 15 4 ö 10 eee Seite 6. Mitteldentsche Sountaaß- Zeitung. Nr. 7. Antonio Labriola. Von Dr. Robert Michel s⸗Marburg. Die italienische Gelehrtenwelt, unsere Bru⸗ derpartei in Italien, sowie der gesamte inter⸗ nationale Sozialismus haben einen äußerst herben Verlust erfahren. Aus Rom ist die traurige Kunde zu uns gedrungen, daß An⸗ tonio Labriola nach langem schwerem Leiden soeben verstorben ist. Antonio Labriola— nicht zu verwechseln mit seinem ebenfalls weithin bekannten Na⸗ mensvetter, dem begabten Professor Arturo Labriola, der gleichfalls Sozialist und Akade⸗ miker, aber Privatdozent an der Neapeler Uni⸗ versität und Chefredakteur der Wochenschrift L'Avanguardia Sozialista in Mailand ist!— Antonio Labriola war Professor der Geschichts⸗ philosophie an der Universität Rom, ein emi⸗ nenter Gelehrter, dem die Welt eine lange Reihe bedeutender Untersuchungen verdankt und welcher einer der relativ wenigen Männer war, welche durch ihre Schriften den Namen der italienischen Wissenschaft weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus geachtet und geehrt gemacht haben. Antonio Labriola war Sozialdemokrat in des Wortes tiefster Bedeutung. Nicht, daß er unter den Universitätsprofessoren italienischer Zunge der einzige gewesen wäre, der sich offen zum Sozialismus bekannte. Deutschland hat den traurigen Ruhm, unter allen Kulturstaaten l der einzige zu sein, dessen Regime auf den Käthedern seiner Universitäten nur solche Männer duldet, deren Rückgrat nicht den An⸗ spruch erhebt, starr und unbeugsam sein zu dürfen. Insbesondere in Italien stolziert die Wissenschaft nicht, wie bei uns, in der Zwangs⸗ jacke der staatserhaltenden Stubenreinheit einher. Dort darf sie die Schwingen ihrer freien Forsch⸗ ung erheben, ohne von Staatsanwalt und Universitätsrichter behelligt zu werden. So ist, wie gesagt, Antonio Labriola nicht der einzige soztaldemokratische Universitätslehrer gewesen. In Italien gehören Namen wie Cesare Lom⸗ broso, Enrico Ferri und Adolfo Asturaro der sozialistischen Partet an. Aber Antonio Labriola nahm unter ihnen doch eine ganz besondere Stellung ein, die ihn als Sozialist weit über seine parteigenössischen Kollegen hervorhob. Antonio Labriola ist nicht kämpfender So⸗ zialist in vulgärem Sinne gewesen. Eine stille, in sich gekehrte Gelehrtennatur ist er nicht zum Politiker geworden. Keine Parteistellung hat er jemals eingenommen. Professor Enrico Ferri ist Kammerdeputierter, Herausgeber einer sozia⸗ listischen Tageszeitung(des Avantt, Zentral⸗ organ der Partei); Professor Cesare Lombroso ist sozialistischer Stadtverordneter in Turin geworden; Professor Antonto Labriola hingegen ist weder jemals Journalist, noch als Parla⸗ mentarier und Kommunalpraktiker tätig ge⸗ wesen. Desto wirksamer aber war seine Stel⸗ lung als Theoretiker. Labriola gehört zu den wenigen Gelehrten, die man, ohne dem großen Meister Unrecht zu tun, mit Fug und Recht zu den Epigonen Marxens zahlen kann, zu den wenigen, deren Arbeiten einen gewissen Anspruch darauf erheben dürfen, die Marx'schen Theorien in einigen Punkten vervollständigt, in anderen weitergeführt, in dritten endlich modifiziert zu haben. Die Beschäftigung Labriola's mit Marx datiert seit dem Jahre 1879. Seit dieser Zeit kam er ganz allmählich dem Sozialismus näher. Ein Anhänger der Herbart'schen Phi⸗ losophieschule, war es weniger das Herz als die Vernunft, welche diesen Gelehrten den Vor⸗ kämpfern der modernen Arbeiterfrage näher brachte. Das erste Mal machte er in weiteren Kreisen von sich sprechen durch einen Vortrag, den er am 20. Juni 1889 im Circolo Romano di Studi Sociali, einem wissenschaftlichen Ver⸗ ein in Rom, hielt. Schon damals entwickelte er überaus klare Anschauungen über die Ge⸗ schichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts. Es verlohnt vielleicht, zur Charakteristerung des Mannes, an dieser Stelle einige Stellen aus den geistreichen Ausführungen Labriolas heraus⸗ zuheben.„Als eine Lehre von Aposteln, Vor⸗ kämpfern und die Welt aus dem Schlafe schüttelnden Weckern, ist der Sozialismus be⸗ strebt, diejenigen Probleme, welche die Skeptiker zu ignorieren suchen, die Liberalen auf„spätere Zeiten“ aufschieben und die Demagogen zu ihren Zwecken ausnützen, wirklich zu lösen: Kein Mensch soll der Sklave seines Neben⸗ menschen, keiner das Werkzeug für den Reich⸗ tum des Andern sein! Nach der bürgerlichen Emanzipation in der großen französtschen Re⸗ volution entstanden drei neue soziale Geschwüre: Aus der schleunigen Liquidation des alten immobilen Eigentums heraus wird der Kapi⸗ talismus, aus der patriotischen Begeisterung der Militarismus, und aus dem allgemeinen politischen Wahlrecht der Scharlatinismus des Demagogentums geboren. Daher hat unsere Zeit drei entsetzliche Lügen geerbt. Die erste heißt:„Alle Menschen dürfen frei handeln und sich fret bewegen; in der Konkurrenz Sieger zu sein, bedeutet daher Verdienst.“ Die zweite heißt:„Der militärische Ruhm ist das Maß aller nationalen Tugenden.“ Die dritte heißt; „Im Wahlrecht besteht das Heil der Völker und der Fortschritt der Staaten.“ Die erste Lüge dient nur dem Alles enteignenden Kapital als Maske, die zweite hilft die Herrschaft der brutalen Gewalt über die friedliche Arbeit aufrecht erhalten und die dritte bringt es fer⸗ tig, daß im öffentlichen Leben die Berufspoli⸗ tiker, die Intriganten, die„Macher in Popu⸗ larität“, und die Schmeichler der Masse das große Wort führen, Leute, die nachher, sobald sie einmal im Parlamen sitzen, sich als Sklaven des Kapitals und Lobsänger des Militarismus entpuppen.“ Nach dieser überaus scharfen Ab⸗ rechnung mit den Liberalen(sozialistische De⸗ putierte gab es damals bloß 2 im Parlament) sagt uns Labriola seine Ideen über die Zu⸗ kunft der Partei:„Es ist besonders nötig, daß die Anzahl theoretischer Köpfe im Sozialismus wächst und daß sich in der Arbeiterschaft Klassen⸗ geist und Solidaritätsgefühl bildet und aus⸗ wächst.“ Allmählich festigte sich Labriola's Sozia⸗ lismus immer mehr und mehr. Berühmt ist der Brief, den er, immer noch Mitglied des „Circolo Radikale“(Radikaler Klub) in Rom, gelegentlich eines demokratischen Kongresses an den bekannten Republikaner Eitore Socck sandte und der dann unter dem Titel: Proletariato e Radicali veröffentlicht wurde(5. Mai 1890). In diesem vollzog er mutig den Abbruch der letzten Brücke, die ihn noch mit der Bourgeoisie verband:„Wir Sozialdemokraten bekräftigen mit aller Entschiedenheit, daß das Proletariat keine andere Hoffnung auf Erfolg besitzt, als die, sich vollständig den eigenen Kräften anzu⸗ vertrauen und sich zu einer Arbeiterpartei zu⸗ sammenzuschließen.“„Jene Bourgeois Radikalen aber“, fuhr er fort,„welche sagen, später, morgen oder übermorgen würden sie ja auch Sozialisten werden...., welche die soziale Frage als so eine Art Anhängsel zu ihrem Parteiprogramm betrachten und den Sozialis⸗ mus nur für einen literarischen Sport oder gar nur für ein Postkriptum, eine Parenthese, eine Note oder eine Allmerkung zu dem großen Buche des Liberalismus halten...„ und es nicht zu begreifen vermögen, daß die soziale Revolution etwas ganz anderes ist, als die Bourgeoiste, etwas ganz Anderes, sowohl in ihrem Endziel, als in ihren Kampfesmitteln und in ihrer Taktik, die müssen endlich auch in ihrer politischen Tätigkeit auf Mißtrauen und Unglauben stoßen.“ Ein Mann, der den Fundamentalunterschied zwischen bürgerlicher Ethik und sozialistischem Zielbewußtsein einmal so klar begriffen und so scharf formuliert hat, der ist Sozialist für sein Leben geworden. Und in der Tat sehen wir, daß sich Antonio Labriola seitdem dem Sozia⸗ lismus weihte. Seine ersten Publikationen hatten reinphilosophische Themata behandelt. Es kann hier nicht der Ort sein, die Modi⸗ fikationen und Erweiterungen zu beleuchten, die Labriola an Marx vorgenommen hat. Hier sei nur gesagt, daß seine Studien auf weite Kreise der italienischen Intellektuellen befruch⸗ tend eingewirkt und dem Marxismus viele unee Jünger zugeführt haben, unter welche, 2 falls ich nicht irre, auch der Privatdozent Ro⸗ meo Soldi zu zählen ist. Besonders innig war Labriola mit den deutschen Verhältnissen vertraut. Seine Frau ist eine Deutsche. Ueber die deutschen Zustände haben wir aus seiner Feder manches bitter trffende Wort. Mit Karl Kautsky verband ihn eine treue Gesinnungsfreundschaft. In den inneren Parteikämpfen bewahrte er eine vornehme Zurückhaltung. Ein überzeugter Marxist, wenn auch keineswegs ein blinder Prinzipienreiter, ja, sogar ein grausamer Spötter über jeden eigenbrödlerischen Dogma⸗ tictsmus, war er ein bewußter Gegner all jener Bestrebungen im Sozialismus, welche seiner Meinung nach auf eine Verwässerung der wissenschaftlichen Grundlagen und der tak⸗ tischen Prinzipien herausliefen. Die Ideen Eduard Bernstein's fanden deshalb in Labriola einen unerbittlichen Kritiker; ja, mehr noch, einen überlegenen, vielleicht sogar etwas an⸗ maßenden Spötter. Denn diese Gelehrteneigen⸗ schaft besaß Labriola in vollstem Maße; wo immer er Unwissenschaftlichkeit witterte, da be⸗ kämpfte er seinen Gegner von oben herab, im Namen der Wissenschaft. Trotzdem verhielt er sich in all den bösen Parteistreitigkeiten der letzten Jahre still. Nur einmal trat er mit einer scharfen Kritik an den beiden in der Partei vorhandenen Strömungen hervor. Es war das in der am 26. Dezember 1902 erschienenen... Festschrift des„Avanti“ unter der Direktion Leonida Bissolati. Zwischen all den glorreichen Erinnerungsblättern und heiteren Zukunftsplänen, die in jener Broschüre zu einer fröhlichen Symphonie vereinigt waren, klangen die strengen Ermahnungen Labriola's wie ein Mißton. Aber dieser Mißton war be⸗ zeichnend für den scharfen Denker, dem der Mut— auch in Parteiangelegenheiten— die erste Tugend war, und rücksichtslose Offenheit die zweite. Antonio Labriola schrieb, und diese seine Worte sind wohl als ein parteipolitisches Testa⸗ ment zu betrachten, in die Jubiläumsbroschüre u. a. folgende lakolischen und doch eindring⸗ lichen Sätze: Die„Radikalen“ in der Partei haben, insofern sie sich zu den Verteidigern der Grundprinzipien aufwerfen, im Allgemeinen vollständig Recht, in der Praxis jedoch und in ihren Kampfesmitteln sind sie doch oft etwas gar simplicistisch(naiv). Die„Revisionisten“ aber, welche im Allgemeinen Recht haben, wenn sie für das Prinzip der Sozialreform eintreten sind leider in der praktischen Anwendung der selben entweder untereinander uneins oder be⸗ wahren darüber, wie ste sich die Einzelteilchen dieser„Sozialreform“ vorstellen, ein undurch⸗ dringliches Schweigen.“ Als vor anderthalb Jahren die italienischen Genossen sich zum Parteitag in Imola ver⸗ sammelten, da lastete auf ihnen ein beängstigen⸗ der Druck: Man munkelte, Antonio Labriola läge im Sterben. Und in der Tat hatte der Gelehrte gerade in jenen Tagen eine ernste Operation durchzumachen, die durch eine bös⸗ artige Wucherung am Kehlkopf hervorgerufen war. Seine kräftige Natur aber überwand sie, wenn es auch nicht zu verhindern war, daß der Gelehrte von nun an ein Kanüle tragen mußte. Kürzlich war eine neue Operation notwendig, deren Folgen er erlag. Er ist 62 Jahre alt geworden. Ein bedeutender Kopf ist mit ihm geschieden. Möge seine hochbetagte Tochter, Teresa Labriola, Privatdozentin für Rechtsgeschichte an der Uni⸗ versttät Rom— auch etwas, was in unserem „Rechtsstaat“ noch nicht gestattet ist!— die Erbin, von des Vaters Geist und Arbeitskraft und Verfasserin einer Reihe bedeutender Schrif⸗ ten—, das Werk ihres Vaters würdig fort⸗ setzen und versuchen, dem internationalen So- zialismus das zu ersetzen, was er ihm war: ein Mehrer des Wissens! * Die Beerdigung des großen Toten hat am 4. Februar in Rom unter großer Beteiligung der Universität, des Parlaments, der italienischen Parteigenossen und der gesamten Bevölkerung Rons stattgefunden. —— —— lach 119 dre 1 1 4 4 10 1 4 Nr. 7. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. 10 Unterhaltungs-Ceil. —— Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.) Der Brief war aus einem kleineren Orte in Michigan. Der Schreiber, der im Ries Bauernknecht gewesene Andreas Holl, meldet, daß er endlich einen Platz gefunden habe, ganz nach Wunsch, und giebt zunächst eine Schilder⸗ ung der Ueberfahrt. Für den Sohn des Rieses, wo auch die geringeren Leute verhältnismäßig nicht schlecht leben und insbesondere auch die Ehehalten ihre Anforderungen zu steigern be⸗ ginnen, ist es charakteristisch, daß er sich über die Schiffskost aufhält und von Erbsen und Bohnen sagt, man hätte mit ihnen schießen können! Die Fahrt, ohne besondere Abenteuer, währte lang.„Sechsundstebzig Tage mußten wir auf dem Wasser herumschwimmen, aber dann kamen wir nach Quebec in der Früh', wo die Sonne aufging; das schaute uns herr⸗ lich entgegen, da war Freude auf dem Schiffe!“ Nach einer Schilderung seiner weiteren Erleb⸗ ussse, woraus hervorgeht, daß er erst nach Versuchung mehrerer den ihm entsprechenden Dienstherrn gefunden hat, fährt er fort:„Nun gehts mir so gut, daß ich's für's erste gar nicht besser wünsche. Aber iu Amerika denkt man nicht dran, immer zu bleiben, wo man ist; denn da kann's einem immer besser gehen, und Gott weiß, wie weit man's noch bringen und was man da am Ende noch werden kann. Denn da ist kein solches Lumpenleben wie bei euch in Deutschland!“ Als Tobias so weit gekommen war, hielt er inne. Der Andres war in der Schule einer der Besten gewesen, obwohl nicht so fleißig wie er— ein gescheiter, lustiger, später indes zum Leichtsinn, zum„Prangen“(Prahlen) und Rechthaben geneigter Bursch, der nicht überall guttat und schon im Ries mehrfach die Plätze gewechselt hatte. Daß er nun so schreiben konnte, war doch auffallend! Das hatte alles Händ' und Füß' und klang so vornehm! Der Stolz namentlich in der letzten Zeile flößte ihm Respekt ein und erregte sein ganzes Wesen. Er sah nit Ernst auf den Tisch. Die Alte, die aus dem Bisherigen nur das Geschick und Glück ihres Sohnes herausgehört hatte, war erfreut, gerührt und ermunterte, nach mehr begierig, zum Weiterlesen. Tobias las eine Schilderung des Dienstes. Wie er an die Summe kam, welche der An⸗ dres täglich erhielt, entfuhr ihm ein Schrei der Ueberraschung— es war viermal so viel, als er im besten Falle mit der Nadel verdiente! „Was muß das für ein Land sein!“ murmelte er und las weiter.„Das Leben ist freilich auch teurer wie bei euch; aber man lebt besser und kann sich doch noch etwas ersparen. Wer etwas gelernt hat und brav arbeitet, der muß hier vorwärts kommen, es kann sich gar nicht fehlen— besonders, wenn einer ein Handwerk versteht und die Landwirthschaft dazu! Dann ist sein Glück so gut wie gewiß!“ Der Sqyueider hielt wieder inne. Die letz⸗ ten Zeilen waren ihm wunderbar durch die Seele gegangen— er verstand ja ein Hand⸗ werk und die Landwirtschaft dazu! Er war ja derjenige, dessen Glück in dem vande gewiß war; denn fleißig und arbeitsam war er auch! — Sein Gesicht erhielt einen mutigen Aus⸗ druck, er erhob den Kopf, und zu der Alten ge⸗ wendet rief er nachdrücklich:„Euer Andres 90957 Gescheiten gemacht— das sag' ich 1 02 „Ja, du liebs Gottele“, erwiderte das Weib, „wenn's nur alles so ist, wie er schreibt! Nun, wir wollen das Best' hoffen!“ Tobias, den Umstand benützend, daß sie an ihrem Tische allein saßen und auch der benach⸗ — 20. barte leer geworden war, las den Schluß des Briefes mit erhöhtem Tone und einem Aus⸗ druck, der dem Inhalt entsprach. Er lautete: „Ja, ein anderes Leben hat man schon hier wie bei den Bauern in Deutschlaad. 7 Wie sich mancher Dienstbote von früh mor⸗ gens bis in die Nacht plagen muß um seine etliche Kreuzer, wo er verdient, es ist wirklich bedauernswert, wenn man zurückdenkt. Dem Pfarrer und Beamten muß der Bauersmann das Geld hintragen, wo er das ganze Jahr mit seinem Schweiße verdienen muß. Das ist in Amerika nicht; da haben wir so gut jede Mahlzeit wie die Herren Beamten in Deutsch⸗ land. So lange der Bauer bei euch noch einen Kreuzer im Beutel hat, so lange ist er immer zufrieden und gibt her, was er hat; da kann man freilich dem Dienstboten nicht so viel Lohn geben. Bei uns, was einer sich mit Rechten er⸗ worben hat, das gehört ihm, und er läßt dann seinen Dienstboten so viel zukommen, daß ste mit der Zeit auch Herren werden können. Wo will bei euch daheim einer weiter kommen? Wenn einer ein armer Teufel ist, dann bleibt er es eben sein Lebtag!— Hier ist auch keine Polizei und kein Gendarm; wenn wir gerade beisammensitzen des Nachts, gehen wir heim, wenn es uns freut, manchmal spät, auch manch⸗ mal früh. Hier gibt's keinen Unterschied unter den Menschen, einer ist so gut wie der andere. Mein Herr muß mir die Ehr' antun wie ich ihm! er zahlt mir den Lohn, und ich tu' ihm die Arbeit und im übrigen sind wir gleich, wie's auch recht ist. Der Beamte ist hier un⸗ ser Beamter und muß tun, was uus zum Nutzen ist und was wir gerne sehen; und grad so der Pfarrer auch. In Amerika hat man keinen Respekt vor so einem, als ob's unser Herrgott selber wär'! Man läßt sich von ihm unterrichten, aber nichts dreinreden und befehlen. Wenn der Bauer in Deutschland zum gnädigen Herrn aufs Gericht muß, da schlottern ihm die Knie; und wenn ihn der Pfarrer einmal krumm ansieht, da meint er, er hätt' ein Ver⸗ brechen begangen und er wär' ein schlechter Kerl. Wie können die Menschen nur so ein⸗ fältig sein! Ist nicht einer den andern wert, und muß sich nun einer fürchten vor dem au⸗ dern und sich abängstigen aus lauter Dumm⸗ heit? Solch elende Leut' sollte man nach Ame⸗ rika schicken, da würden sie bald anders werden! Ich hab' die Herren grad nicht so arg gefürch⸗ tet wie mancher andere, aber doch noch viel zu viel, und ich kann jetzt gar nicht begreifen, wie ich so ein Narr hab' sein können! Was ein Mensch aus sich macht, das ist er! Wer seinen Charakter nicht behauptet, ist Tropf und an seinem Elend nur selber schuld!— Liebe Mut⸗ ter und Geschwister, ich zweifle daran, Deutsch⸗ land noch einmal zu sehen; 9 wüßte nicht, was ich draußen tun sollte. en Herren einen Sklaven machen? Nein, das tu' ich nicht, und ich dauke Gott, daß er mir dies eingeprägt hat. Lebt alle wohl und gesund; mit dem nächsten Brief will ich euch ein Päckchen Taler schicken, und lang wirds nimmer dauern, so kann ich euch auf mein Gut nach Amerika einladen!“ Dieser im ersten Amerikastolz geschriebene und schon eine gewisse Journalbildung verratende Brief übte auf unsern Schneider die tiefste Wirkung. Das Selbstgesühl des Andres erhob seine Seele, die verächtungsvollen Ausdrücke über die Furchtsamen trafen ihn ins Herz; aber er las sie nicht kleinlaut, sondern mit Kraft, denn er wollte sich ja strafen durch die Wahrheit! Indem er die Schwäche seines We⸗ sens mit dem neuen Amerikaner verdammt, tilgte er sie weg und konnte völlig eins werden mit ihm. Die letzten Sätze las er mit einer Miene, als ob er der Andres selber wäre, und als ob sich die Herren im Ries nun vor ihm zu verkriechen hätten. Nachdem er eine Minute bedeutsam ge⸗ schwiegen, gab er der Witwe den Brief zurück und sagte:„Der Andres ist ein Mann, vor dem man Respekt haben muß. So ist's, wie er sagt, und nicht anders!“ „Nicht wahr?“ versetzte die geschmeichelte Mutter,„er schreibt beinah so schön wie ein Pfarrer!“ „Bah,“ entgegnete Tobias verächtlich,„wie ein Pfarrer! Die wann so schreiben könnten, ja, dann wär's gut! Aber so kaun man nur in Amerika schreiben, sonst nirgends in der gan⸗ zen Welt!“ 5 Er ergriff den Krug, dem er schon während des Lesens zugesprochen hatte, und leerte ihn mit einem Zuge, heroisch wie seine Empfind⸗ ungen. Dann zahlte er und fragte die Alte, ob sie mit ihm nach Hause gehen wollte. Diese war mit der Halben, die ste sich hatte bringen lassen, gleichfalls zu Ende und freute sich, auf dem Heimweg„einen Unterhalt“ zu haben. Wie sie hintereinander den Fußweg hin⸗ gingen, der sie nach Hause führte, war die Unterhaltung doch nicht so groß, wie das Weib gehofft haben mochte. 0 Den Geist des Schneiders beschäftigte das Gelesene. Er sah mit rotem Gesicht schweigend vor sich hin; zuweilen erhob er den Kopf, blickte stolz und wild in die blaue Luft und nickte gewichtig. An i Schon hatten sie die Hälfte des Weges hin⸗ ter sich, als er endlich den Mund öffnete und seine Gedanken verratend sagte:„Das muß ein merkwürdiges Land sein, das Amerika! Euer Andres hat mit der Sprach' gut fortgekonnt, schon wie er noch hier gewesen ist; aber so ei⸗ nen Brief schreiben!— solche Dinge sagen! Das muß ja eine Luft dort sein, wo einem die Dummheit von selber vergeht und wo man ge⸗ scheit und couragiert wird im Schlafe.“ „Ja, ja,'s ist wahrhaftig war,“ erwiderte die Alte:„wer hätte das geglaubt?“ i Tobias 8 5 fort:„Und Geld verdient man sich auch mehr, als hier der Brauch ist! Kreuz⸗ sakkerment— da begreift man ja gar nicht, warum noch ein Mensch bleiben mag in dem Deutschland da!“ 1 „s ist schier so,“ versetzte das Weib; „aber es kann halt auch nicht gleich jedes so fort, wie's will.“ „So ist's,“ bemerkte der Schneider.„Man⸗ cher könnt' aber wohl fort und ging' auch fort, wenn er wüßt', wie's wär's! Ich glaub', es werden noch viele hineingehen von unserer Gegend.“ N „'s kann wohl sein,“ versetzte die Alte. Tobias verstummte wieder und verharrte in seinem Schweigen, bis sie ans Dorf kamen. Als sie in die Gasse einbogen, kam ihnen der geistliche Herr entgegen, der den schönen Abend zu einem Spaziergang benutzen wollte. Tobias beschloß sogleich zu handeln, wie es sei⸗ nen jetzigen Ansichten entsprach; vorübergehend rückte er nur ganz leicht den Hut und sagte: „Guten Abend, Herr Pfarrer!“— in einem Tone, als ob er einen Kameraden grüßte. (Fortsetzung folgt.) Humoristisches Eine Vertrauensperson. Besuch:„Ihr tut ja heut' alle so geheimnisvoll! Was ist denn los bei Euch? Schlächt ers söhnchen: Wir haben einen neuen Gesellen zum Wurstmachen kriegt... und der wird jetzt vereidigt. Der Fürst auf dem Kostümfest. Ja das Regieren ist eine schwere Aufgabe— die andern amüsieren sich hier— ich studiere neue Möglichkeiten der Uniformierung.“ Unbegreiflich. Alte Frau(die Zeitung lesend):„Und ich kann halt doch nit glauben, daß die Erde inwendig ganz voll Feuer ist; wieso hätt' ich dann nachher allweil kalte Füß'?“(Megg. Bl.) GSHieschichtskalender. 14. Februar. 1887: Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Stettin. 15. 1901: Kriminalkoumissar Thiel in Berlin zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1781: Gotthold Ephr. Lessing 5. 16. 1894: Exploston auf dem Kriegsschiff„Bran⸗ denburg“. 42 Tote. 1834: Rouget de l'Isle, Mar⸗ seillaise⸗Komponist, f. 17. 1898: Grubenunglück in Bochum, 110 Tote. 1856: Heinrich Heine, f. 18. 1587: Marie Stuart hingerichtet. 19. 1837: Georg Büchner, soztaltstischer Dichter, F. 20. 1890: Reichstagswahl. Vernichtung des Kartells. 1810: Andreas Hofer erschossen. 15 149 1 15 10 1 15 1 11 5 5 5 1 * No. 7. Todes⸗Anzeige. Allen Parteigenossen und Freunden die traurige Mitteilung von dem Ableben unseres braven Freundes Karl Vogel, Weißbinder von Stammheim im Alter von 25 Jahren. Wir werden ihm ein treues Andenken bewahren. Die Parteigenossen. kannten Samenhandlung über⸗ nommen haben und empfehlen Zur bevorstehenden Saison bringe mein großes Lager von Trischen-, Dauerbrand-, Amerikaner-, Regulierhei-, Koch-, Hopew- und Darmslädter⸗Oefen in diversen Fabrikaten, ferner: 5 i Ofeuvorsetzer, Verdampfschalen, Feuergeräte⸗ Tlades, oh enfäler ur Kaßten, Sohlen, Stocheisen, Asch⸗ und Mülleimer usw., in empfehlende Erinnerung. Auch habe eine Volldampf- Waschmaschine sowie Dr. Kleins Fleischsaftpressen zu verleihen. Ganz besonders mache auf den Vertrieb der patentierten Schröders Fohlen- und Kälber-Haugapparate sowie Feusterfeststeller aufmerksam. Hochachtungsvoll Edgar Borrmann Eisenhandlung, Haus- u. Küchengeräte. — 9 Samstag, 13. Februar, abends 8 Ahr in der Turnhalle % Brauer-Ball 00 Eintrittskarten im Vorverkauf 75 Pfg., zu haben bei 2Orbig, Rittergasse und Löb, Wiener Hof, abends an der Kasse 1 Mark. Ju zahlreichem Besuch ladet ein 5 1 f Das Komitee. Grosser Klim-Bim! abends elektrische Beleuchtung. 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