5 4 sind 9 kalten, d d höher Gießen, den 13. November 1904. eee eee E e, e e ee„ ee 11. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags- Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr kitung Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellung en nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½8o und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Juserate 2 Die ögespalt. Bei mindestens Der Weg nach vorwärts. Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit entwickelten, daß ein großer Teil der Beteiligten und Interessterten von Un⸗ zufriedenheit und Mißstimmung gegen das Be⸗ stehende und von Sehnsucht nach besseren Zu⸗ ständen erfüllt ist, so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten können, was auch immer für Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der Masse nach Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zu⸗ nächst nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in dem tatsächlichen Zustand der Verhält; nisse seine Begründung und seine Berechtigung findet. Mag diese Masse sich über den Weg wie über die Mittel, durch die ihr geholfen werden könnte, noch so unklar sein, der Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, instink⸗ tiv stets richtig, nach dem bestimmten Ziele drängt und die bewußten und wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mund⸗ stück und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen und nach Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten Jeder großen Umgestaltung in der Gesell⸗ schaft geht zunächst eine Periode der Gährung voraus, die, je nach dem Stande der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der beteiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht widerstrebender Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit dauert, ehe die Be⸗ wegung zum Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend einer Form, das wieder von dem mathe⸗ matischen Kraftverhältnis der gegeneinander wirkenden Faktoren abhängt, erreicht. Geht eine Bewegung über ihr Ziel hinaus, d. h. er⸗ reicht sie mehr, als sie, in sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwer⸗ punkt bilden, um den alles gravitiert, erreichen soll und, setzen wir hinzu, erreichen darf, so folgen die Rückschläge, mit anderen Worten, eine ihrem iuneren Wesen nach selbst wieder auf die Klassenherrschaft abzielende Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der maßgebenden Interessierten findet. Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in Wahrheit wurde die Be⸗ wegung stets auf ihren natürlichen Schwer⸗ und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber hinausging. Dieser Zustand ist aber stets, auch weun er durch eine gegen die weiter vor⸗ wärts drängenden Elemente gerichtete gewalt⸗ same Reaktion herbeigeführt wurde, dem Zu⸗ stande, der vor der Bewegung bestano, weit voraus. Man hört z. B. so häufig die Be⸗ merkung machen, daß die bürgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr. Die Bewegung hat er⸗ reicht, was sie nach ihrem wahren innern Gehalt erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu verständigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkett des Alten aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vorn⸗ herein war ein großer Teil der anfangs revo⸗ luttonären Kräfte, die das behäbige Bürgertum umfaßten, entschlossen, über eine gewisse Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkte an⸗ gekommen, trennten sich die Kräfte von den weiter drängenden Elementen. Dadurch ver⸗ lor die Bewegung einen Teil ihrer Kraft, sie war ohnmächtig, weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in Deutschland hauste, das, was tatsächlich jetzt bestand, ging weit über das hinaus, was vor 1849 bestanden hatte. Die neuen Ideen hätten trotz alledem gestegt, und alles, was seit dem in Deutschland geschah, ist nur durch diesen Sieg im„tollen Jahr“ geworden. ** * In der bürgerlichen Welt sind nur bürger⸗ lich handelnde Menschen denkbar, der einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchens an einem ungeheuren Treibwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit ihren Zähnen und in gesetz⸗ mäßiger Ordnung in einandergreifen. Die Wirkung des einzelnen liegt in der Wirkung auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich. Wer als einzelner dem ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den alle gebannt sind, wirklich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein besonderes soziales Himmel⸗ reich begründen zu können, der wird, durch die harten Tatsachen rasch eines anderen belehrt, seine Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten ausgestorben oder im Aus⸗ sterben begriffen sino. In der Masse finden sie niemals Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der einfachste Arbeiter fühlt, daß stch künstlich nichts schaffen läßt, daß das, was werden soll, sich entwickeln muß und zwar mit dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isoliert von ihm. Es handelt sich darum, der Entwickelung freie Bahn zu schaffen, alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende zu erleichtern, und diesem Zweck die kritische Sonde überall einzutreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten. Aus der Erkenntnis der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von selbst. Aus Bebels Werk:„Cheules Fourier.“ Volitische Aundschau. Gießen, den 10. November 1904. Wie sich die Zeiten ändern. Am Samstag vor acht Tagen hat zum ersten Male unser Genosse Greulich in Zürich, von dessen Wahl zum Prästdenten des Großen Stadtrats wir neulich Mitteilung machten, als solcher amtiert. Dieses Ereignis ruft eine Er⸗ innerung wach, die drastisch zeigt, wie sich im Laufe der letzten 30 Jahre auch in der Schweiz die Dinge und die Anschauungen geändert haben. Vor 30 Jahren hatte der schweizerische Arbeiterbund, der Vorläufer der heutigen sozial⸗ demokratischen Partei, beschlossen, seinen Kongreß in Zürich abzuhalten. Der Regierungsrat, in dem damals noch wirkliche Demokraten saßen, hatte zu diesem Zwecke dem Arbeiterbund den Rathaussaal zur Verfügung gestellt. Als dies ruchbar wurde, erhob sich bei den Patrioten ein Sturm der Entrüstung. Es wurde, um die Schmach von Zürich abzuwenden, eine Petition in Umlauf gesetzt, in der der Kantonsrat aufgefordert wurde, den Beschluß des Regierungsrates zu annullieren. In dieser Petition, die sich in wenigen Tagen schon mit rund 10,000 Unter⸗ schriften bedeckte, hieß es unter anderem:„bis⸗ her war das zürcherische Rathaus der Ort, wo seit Jahrhunderten die edelsten und weisesten Männer aus unserem Volke die Wohl⸗ fahrt unseres Gemeinwesens berieten und sich bemühten, die gegenwärtige staatliche Ordnung aufrecht zu erhalten und gesetzgeberisch auszu⸗ bilden. Deshalb würde es uns schmerzen, wenn die ehrwürdige Stätte durch den Zu⸗ sammentritt und die Verhandlungen eines Ver⸗ eins entweiht werden sollte, der von seinem Entstehen an die Revolution, das heißt die Auf⸗ lösung aller Staats⸗ und Familienbande, die Abschaffung des Eigentumsrechtes, die Unter⸗ drückung der Regierungsgewalt, mit einem Worte den Umsturz aller bisher bestandenen Grundgesetze gepredigt und mit allen Mitteln ins Werk zu setzen versucht hat.“ Für die Staatsgefährlichkeit des Arbeiter⸗ bundes führte der Verteidiger der Petition da⸗ mals den folgenden bündigen Beweis:„Der Ar⸗ beiterbund hat die von dem Buchbinder Greulich redigierte„Tagwacht“ als sein Organ bezeichnet, ein Blatt, das systematisch die Ver⸗ hetzung der Klassen betreibt“. Nach langer Diskussion wurde ber Antrag Meister, die Petition gutzuhetßen, mit— allerdings nur schwacher— Mehrheit angenommen und damit der Regierung zugemutet, ihr dem Arbeiterbund gegebenes Versprechen zu widerrufen. Unter diesen Um⸗ ständen sah sich der Arbeiterbund genötigt, auf die Abhaltung des Kongresses in Zürich zu verzichten, und man wählte Chur als Kongreß⸗ ort. Das war vor 30 Jahren. Und heute? Heute sitzt derselbe Greulich in demselben Saale, der damals durch seine Gegen⸗ wart„entweiht“ worden wäre, auf dem Präsi⸗ dentenstuhle und die„edelsten und weisesten Männer“, die sich noch immer bemühen, die gegenwärtig staatliche Ordnung aufrecht zu er⸗ halten, müssen sich von ihm das Wort erbitten. Ein Sozialdemokrat führt das Protokoll, Sozial⸗ demokraten zählen die Stimmen und Sozial⸗ demokraten füllen bald die Hälfte des Saales, in dem einst die Bourgeoisie so ungestört und erfolgreich ihre eigenen Geschäfte besorgte, oder, um mit der famosen Petition zu reden,„die Wohlfahrt des Gemeinwesens beriet.“... Millionen für Kolonien. Zur weiteren Deckung der bisherigen Kosten für den Feldzug in Südwestafrika werden, wie offiziös mitgeteilt wird, zunächst 86 Millionen vom Reichstag verlangt werden. Wohlgemerkt„zunächst“. Da sich nach ziemlich sicheren Schätzungen die bisherigen Kosten schon auf rund 200 Milltonen belaufen, die Truppen⸗ transporte fortdauern, der Aufstand durch die Empörung der Hottentotten an Umfang zuge⸗ nommen hat und ein Ende des südwestafri⸗ kanischen Feldzugs noch gar nicht abzusehen ist, kann man sich auf weitere gepfefferte Kosten⸗ r D * e ee N ——— — ee — v 1 *— 0 e — 3 ... L 2 1* N — 55 1 1 1 1 9 9 1 1 * 1 1 1 5 1 4. N 1 1 1 ö 0 6 K fügung stehenden Machtmittel statt. Seite 2. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. rechnungen gefaßt machen.— Auch für Kame⸗ run werden wohl größere Opfer gebracht werden müssen. Nach der Tägl. Rundschau finden fort⸗ gesetzt Beratungen über eine weitere Vermehrung der dem Gouverneur von Kamerun zur Ver⸗ Das Er⸗ gebnis der Beratungen soll in den nächsten Tagen bekannt werden. In Ham burg veranstalteten unsere Partei⸗ genossen zahlreiche große Volks⸗Versammlungen, die massenhaft besucht waren, in denen gegen die bisherige deutsche Kolonialpolitik protestiert wurde. In den Resolutionen wurde die sofortige Einstellung der Feindselig⸗ keiten in Südwestafrika und die Anerkennung des Rechts der Eingeborenen auf den Besitz ihres Landes und die Bestrafung jener Euro⸗ päer gefordert, die durch ihre Uebergriffe den Austoß zum Kriege gegeben hatten. Der Reichstag wurde aufgefordert, keine weiteren Kredite für Truppensendungen zu gewähren. — 300 000 im gleichen Sinne gehaltene Flug- blätter kamen zur Verteilung. Die Opfer dieses Kolonialkrieges, die erschossen oder am Typhus gestorben sind, beziffern sich jetzt auf beinahe 700. Woher das Geld für die Kaiserparaden kommt darüber erzählt ein Infanterieoffizier in der „Zukunft“ folgendes: Ein früherer komman⸗ dierender General, der die Parade auf dem Großen Sande veranstaltet hat, bat in Berlin um Anweisung von 23000 Mark. Da er das Geld uicht erhielt, soll er die Gefechts- und Schießgelder angegriffen haben, die der Reichs⸗ tag zur Ausbildung des Heeres im Gefechts⸗ und Schießdienst alljährlich bewilligt. Um diese Schiebung äußerlich zu decken, gehen den Kaiser⸗ paraden auf dem Großen Sande alljährlich größere oder kleinere Gefechtsübungen voran. Wenn man ähnliche Manipulationen verhindern will, wird dem gehorsamen Reichstag kaum etwas anderes übrig bleiben, als einen beson⸗ deren Parade⸗Etat einzurichten. Es wäre ja ohnehin schon längst eine Statistik wünschens⸗ wert, durch die festgestellt würde, wieviel Millionen öffentlicher Gelder alljährlich zu hof⸗ festlichen Veranstaltungen verbraucht werden. Opfer des Kampfes. Ein grauenhaftes Strafkonto hat der Monat Oktober für die im Klassenkampf stehenden Arbeiter aufzuweisen. Das Gesamt⸗ Strafregister verzeichnet ein Jahr drei Monate Zuchthaus, 15 Jahre und sechs Wochen Ge⸗ fängnis und 745 Mk. Geldstrafen. Wie schon seit längerer Zeit, sind die Strafen am häufig⸗ sten und schärfsten, wo die Arbeiter im Lohn⸗ kampfe mit der Auslegung oder Anwendung der Strafgesetze in Konflikt gekommen sind. Dieselben Handlungen, die, wenn sie von Stu⸗ denten begangen sind, als Studentenulk be⸗ eichnet und höchstens als grober Unfang be⸗ straff werden, werden als Landfriedensbruch oder Aufruhr bezeichnet, wenn streikende oder ausgesperrte Arbeiter sie begehen. In Aschaffen⸗ burg, Güstrow und Geestemünde wurden Strei⸗ kende resp. Ausgesperrte zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus und 18 Jahren und 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Speziell bei den Ver⸗ urteilungen in Güstrow und Geestemünde waren Ausgesperrte betroffen. Die Unternehmer hatten durch Aussperrungen den Streit begonnen. In dem Streit ließen dem Hunger preisgegebene Arbeiter sich zu Handlungen hinreißen, die nach der Auslegungspraxis unserer Gerichte als Auf⸗ ruhr und Landfriedensbruch bezeichnet werden. So müssen denn 21 Arbeiter, deren Streben darauf gerichtet war, für das Gemeinwohl zu wirken, schwere Strafen erdulden, weil sie in dem Kampfe nicht daran dachten, welche Aus— legung man den Strafgesetzen geben kann. Selbst zu der entehrenden Zuchthausstrafe wurde gegriffen. Die mildernden Umstände, bei deren Zubilligung auf Gefängnis hätte erkannt werden müssen, wurden von, bürgerlichen Geschworenen dem angeklagten Arbeiter versagt. Sozialistische Wahlsiege. Einen bedeutenden Erfolg errangen unsere Genossen in veipzig am Freitag bei der Stadt⸗ v rordnetenwahl. In der dritten Ab⸗ teilung wurden vier allte Sitze von unseren Genossen behauptet und drei neue dazu gewonnen. Der Erfolg ist um so höher an⸗ zuschlagen, weil sich diesmal die widerspruchs⸗ vollsten Elemente im Ordnungslager gegen uns verbunden hatten. Der Mieterverein und die Hausbesitzer hatten mit dem übrigen Kuddel⸗ muddel eine einzige Kandidatenliste aufgestellt. Im letzten Augenblick kam noch eine Querliste. Der Stimmenzuwachs für unsere Partei beträgt 1300. Die sozialdemokratische Fraktion im Kollegium ist jetzt 19 Mann stark. Dieser Ausfall der Wahl ist ein vernichtender Schlag für den Ordnungsrummel. Bei der Gemeinderatswahl in Apolda wurde der Genosse Reichstagsabgeordneter Bau⸗ dert, der dem Gemeinderat nun 13 Jahre angehört, mit 1559 Stimmen wiedergewählt. Er erhielt damit, wie vor 3 Jahren, von allen Gewählten die höchste Stimmenzahl. Um die 8 Mandate bewarben sich nicht weniger als 38 Kandidaten. Auch in Kiel brachten die Stadtverordneten⸗ wahlen uns gute Erfolge. Trotz ungeheurer Beteiligung von gegnerischer Seite wurden unsere Genossen Adler und Weber mit etwa 1400 Stimmen gewählt.— Ferner siegten in Ronneburg(Sachsen⸗Altenburg) bei den Bürgervorstandswahlen die soztaldemokratischen Kandidaten über die gegnerischen mit dreifacher Majorität. In Aschersleben erzielte die Liste unserer Genossen 730 Stimmen, während diejenige des Beamtenvereins 625 und die der Hausbesitzer nur 300 erhielt. Gewählt sind zwei Bürger⸗ liche, die ausnahmweise 930 Stimmen erhielten, während vier Sozialdemokraten mit 730 Stimmen gegenseitig in die Stichwahl kommen, so daß uns also zwei Mandate sicher sind. In unserer Nachbarstadt Frankfurt haben unsere Parteigenossen bei der am Mittwoch stattgefundenen Stadtverordnetenwahl recht gut abgeschnitten. Das Wahlrecht ist dort von einem versteuerten Einkommen von 1200 Mk. abhängig, für unsere Partei also sehr ungünstig. Trotzdem stiegen die sozialdemokratischen Stimmen um fast das Doppelte, es wurden 4200 Stimmen gegen 2400 vor zwei Jahren abgegeben. Gewählt wurde im Stadtteile Born⸗ heim Genosse Zielowsky; elf Genossen sind in Stichwahl, die allerdings nur in wenigen Fällen aussichtsvoll sind. Genosse Hüttmann, der in Bornheim 1110 Stimmen erhielt, wäre mit nur elf Stimmen mehr gewählt gewesen, so muß er sich einer Stichwahl unterziehen. Im ganzen können die Frankfurter Genossen mit dem Wahlausfall sehr zufrieden sein. Ein Kampf ums Mutterrecht. In dem niederlausitzer Städtchen Sommer⸗ feld lebt, wie die„Märkische Volksst.“ berichtet, eine ältere Frau, deren Mann vor einigen Jahren verstarb. Mit dem kärglichen Ertrag fleißiger Hände ernährt die Witwe sich nnd ihre drei unerzogenen Kinder, über die ihr die Vormundschaft anvertraut ist. Die brave Frau hat aber auch begriffen, daß nur aus dem Zu⸗ sammenschluß Gleichstrebender den Proletariern Heil erblühen kann, der hohe Begriff der Arbeitersolidarität ist ihr aufgegangen, und dem erkannten Ideal getreu, gibt sie den proletarischen Geschlechtsgenossinnen in der Tuchmacherstadt der niedrigen Löhne ein gutes Beispiel. Freudig nennen die Organisierten die Witwe ihre beste Kollegin. Ein hohes Lob! Es ist das schönste Zeugnis, das einer Arbeiterin ausgestellt werden kann. Die es verdient, muß ehrenfest sein und erfüllt vom Gemeingeist. Eine solche Frau, die durch ihr Beispiel erzieherisch wirkt auf eine zahlreiche Arbeiterschaft, wird auch ihre Kinder zu leiten wissen, daß sie brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft werden. Fragt die Proletarier, und jeder wird antworten: Solch eine Mutter ist ein Schatz fürs Leben! Und doch wird gerade wegen der vortrefflichen Eigenschaften der Sommerfelder Witwe ihr Mutterrecht angefochten! Als füngst ein neuer Waisenrat sein Amt übernahm, eröffnete er der Frau, wenn ste auch künftig Vor mund überihre Kinder bleiben wolle, müsse sie dem Terttlarbeiterverbande den Rücken kehren, tue sie das nicht, so werde ste über die Kinder nichts mehr zu sagen haben. Man kennt die Grundsätze, nach denen die auf den Rathäusern kleiner Städte herrschende Haus⸗ besttzerklasse Waisenräte auswählt; man kann sich also denken, welch ein Mann der neue Waisenrat ist. Er handelt aber nicht auf eigene. Faust, das Vormundschaftsgericht steht hinter ihm. Termin wurde bereits abgehalten, und auf dem Gericht dasselbe Diktum: Aus dem Verband oder aus dem Mutterrecht!l! 9 Begründend wird angegeben: Wenn die Mutter einer sozialdemokratischen Gewerk- schaft angehört, dann würden die Kinder verwahrlosen! Nun sollte aber⸗ mals Termin abgehalten und die Entscheidung gefällt werden. Der Konflikt zwischen Mutter⸗ pflicht und Arbeitersolidarität trieb die geäng⸗ stigte Frau zum Vorstand ihrer Organisation und es ist selbstverständlich, daß die Organisation. ihr Mitglied nicht im Stiche läßt. Treue um. Treue! Gehe der Kampf aus wie er will, als Illustration der Wertschätzung des Koalitions-⸗ rechts behält er seine Bedeutung. Der Geist der verscharrten Zuchthaus vorlage feiert eine widerwärtige Auferstehung. Die deutschen Arbeiter haben das Koalitionsrecht, aber wenn sie es anwenden, werden ste bestraftl. Nicht bloß kriminell, sondern mit Entziehung eines Naturrechts, das die bürgerliche Gesellschaft mit einem Heiligenschein umgibt. Ein schlechter Kerl in jeder Klasse, der nicht Korpsgeist be⸗ tätigt— aber wenn der Arbeiter zu seines⸗ gleichen hält, dann Verdammnis über ihn. — Klassenmoral! Die Denunzianten⸗Seuche. Schon in zu flosen Fällen hat der Majestäts⸗ beleidigungs-Paragraph elenden Subjekten dazu gedient, ihre Rachsucht zu befriebigen und ehr⸗ liche Leute ins Gefängnis zu bringen. Zwei Fälle ähnlicher Art haben sich kürzlich wieder in Aachen zugetragen. Ein Kutscher hatte einen Wirt denunziert, im Jahre 1901 oder 1902 in seiner Wirtschaft den Kaiser beleidigt zu haben. Die Anzeige wurde aus Rache erstattet. Mit Rücksicht auf die Gefährdung der öffentlichen Ordnung wurde bei verschlossenen Türen verhandelt und der Wirt dem Antrag gemäß zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. — Der S huhmachermeister Bach in der Stein⸗ kaulstraße hatte infolge Differenzen einen seiner Gesellen am vorigen Sonnabend entlassen. Am Mitlwoch verlangte der Geselle, wieder eingestellt zu werden, wurde aber abgewiesen. Er ging darauf in die Küche und ersuchte die Frau Bach, für seine Weiterbeschäftigung zu sorgen, sonst werde er ihren Mann sofort ver⸗ haften lassen. Als auch das nicht half, ging er zur Polizei und denunzierte Bach wegen Kaiserbeleidigung. Sofort wurde Bach, ein Greis, durch ein starkes Aufgebot von Schutz⸗ leuten und Kriminalbeamten verhaftet, jedoch bald wieder entlassen, weil zwei als Zeugen benannte Personen die Behauptungen des Denunzianten nicht bestätigten. Seine ebenfalls betagte Frau fand er vor Schreck erkrankt in der Wohnung liegen. Sie mußte ins Hospital gebracht werden. Darum fort mit dem Majestäts⸗ beleidigungs⸗Paragraphen! In Lissa(Posen) wurde sogar ein drei⸗ zehnjähriger Junge, der Schüler Grzabka, zu drei Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verurteilt! Bald wird man wohl noch die Säuglinge wegen Majestätsverbrechen vor den Richter schleppen! „Schäbiges Zivil“. Es geht doch nichts über den Bürgerstolz eines waschechten Amtsblattredakteurs. Seine über⸗ patriotischen Gefühle zwingen ihn, die Bevölke⸗ rungsschicht, der er angehört, zu verun⸗ glimpfen zur höheren Ehre des herrlichen Kriegsheeres. In Nr. 238 des„Roßweiner Tageblattes“ befand sich folgender Erguß einer echten deutschen Bürgerseele:„Am kommenden Donnerstag rücken die letzten Rekruten in ihre Garnison ein, um des Königs Rock mit dem I— — stäts⸗ Dazu ehr⸗ Zwei eder hatte oder eldigt ache dung ssenen trag telt. ptein⸗ seiner assen. ieder fesen. e die 0 d t bel⸗ ging wege J ell hub, jedoch gel N des fall lt in pen elite ret gab, cel 155 veel 5 ell! 1 eines über tbölle⸗ ru lichen welle ee. eld 1 dei — — 1 ö 0 f 1 Nr. 46. 555 f n o „ Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite N. schäbigen Zivil zu vertauschen und in Natur zu empfinden: O, welche Lust, Soldat zu sein!“— Wetter kann ein„Zivilist“ die Selbst⸗ entwürdigung kaum treiben. Daß die meisten Rekruten mit sehr wenig freudigen Gefühlen dem Kasernenleben entgegensehen, ist bekannt. Nur in den Amtsblättern wird noch vom Gegen⸗ teil geschwindelt. Angesichts der noch immer recht häufig vorkommenden Soldatenschindereien haben die jungen Leute auch alle Ursache dazu, den„schäbigen Zivil“⸗Rock dem bunten Soldaten⸗ kittel vorzuziehen. Der wverdroschene Dreschgraf. Graf Pückler, der Antisemitenhäuptling, ist am Freitag Abend vor dem Hotel de Rome, als er auf seinen Wagen stieg, von zwei un⸗ bekannten Personen durch Stockhiebe verletzt worden. Die Täter entkamen. Der vor Schreck fast bewußtlose Graf blutete aus mehreren Stirn⸗ wunden und rief einem Besucher entgegen: „Sehen Sie mein Blut fließen, das haben Judenhände getan, man will mich er⸗ morden!“ Mit verbundenem Kopf ging der Graf abends in die Tonhalle, wo er vor einer Volksversammlung sprechen wollte. Die lange Rede unterblieb jedoch in Anbetracht der Um⸗ stände. Graf Pückler schilderte nur das Attentat in den blutigsten Farben und feierte sich selbst als den ersten Märtyrer der guten Sache. Es wurde ihm ein Lorbeerkranz aus Anlaß seiner glücklichen„Erreitung aus Todesgefahr“ über⸗ reicht. So lange hat nun der tolle Mensch „Keile“ und„Bimse“ für die Juden verlangt und angedroht— bis er ste selber bekommt! Uebrigens soll die Sache höchst harmlos sein, ein jüdischer Juwelenhändler hat dem Pückler eins mit dem Regenschirm übergezogen. Pückler schildert in einem Flugblatt die Affaire, bei der er ganz kläglich abschnitt, als ein bon ihm geleitetes Bravourstück und schneidet natürlich gehörig auf.„Leider trennten uns die Kellner und der Portier, sonst hätte ich den Juden voraussichtlich ganz barbarisch verhauen“ schreibt der Tapfere. Jetzt hat er sich eine Leibwache von drei starken Männern angeschafft, die ihn ständig begleiten und beschützen muß. — Uebrigens gelangte ein Berliner Schöffen⸗ gericht, vor dem er eine Beleidigungsklage gegen einen Redakteur angestrengt hatte, zu der Ueberzeugung, daß Graf Pückler tatsächlich geistig nicht normal sei und setzte bis zur Ver⸗ nehmung eines Sachverständigen die Ver⸗ handlung aus. Geheimer Hofrat und ditto Sünder. In Dresden gibts gewiß viele schöne Dinge, in letzter Zeit aber auch alle paar Tage einen Skandal in den„besseren“ Kreisen. Wenig Tage nach Bekanntwerden der Ackermannschen Geschichte wurde berichtet, daß der Geheime Hofrat Meyer, Direktor des königlichen zbologischen und anthropologisch⸗ethnographischen Museums, von seinem Amte suspendiert worden ist. Gegen Geheimrat Meyer schwebt seit längerer Zeit eine Disziplinaruntersuchung. Die zahlreichen Unregelmäßigkeiten, deren Ge⸗ heimrat Dr. Meyer beschuldigt wird, füllen ein ganzes Aktenstück; unter anderem wirft mau ihm vor, Museumsstücke beseitigt zu haben. Ferner wird ihm zur Last gelegt, daß er ver⸗ schiedene Gegenstände für den Selbstbedarf auf Kosten des Museums hat anfertigen lassen. Eine sozialdemokratische Demonstration veranstalteten unsere belgische Genossen am Sonntag in Loewen zur Erinnerung an die Wahlrechtskämpfe vor zwei Jahren. Es wurde das Denkmal für die bei diesen Kämpfen erschossenen Arbeiter enthüllt. Ein großer Zug, an dem sich ca. 15 000 Personen beteiligten, bewegte sich durch die altertümlichen Straßen der Stadt. Die Fahnen trugen Trauerflor und die Kapellen spielten Trauermärsche. Kleine Mädchen trugen Kranze. Das Denkmal ist, wie der Frkftr. Ztg. geschrieben wird, eine wuchtige Arbeit des Brüsseler Bildhauers Her⸗ vays von rührend einfacher Innigkeit und trägt als Inschrift nur die Namen der gefallenen Arbeiter und das Datum des Unglückstages. Desto herber waren die Reden der Abgeordneten van Langendonk, Vandervelde und Anseele am Denkmal, die von neuem die „Schauer der katholischen Bartholomäusnacht“, wie van Langendonk sie nannte, aufrührten. Die eindrucksvolle Feier verlief ohne jede Störung. Antisemitisches Heldenstück. Bei den heftigen Debatten, die Ende voriger Woche in der französischen Kammer ge⸗ führt wurden und die beinahe zum Sturze der Regierung geführt hätten, ereignete sich am Freitag ein aufregender Zwischenfall. Als näm⸗ lich der Kriegsminister eine Anfrage beant⸗ wortet hatte und von der Tribüne herunter⸗ steigt, nähert sich ihm der Nationalist(Antisemit) Syveton, schlägt ihm ins Gesicht und sucht dann hinter der Rechten Zuflucht. Die Mit⸗ glieder der Linken rufen: Feigling und drängen nach der Mitte des Saales. Die Rechte verlegt ihnen den Weg und es kommt zum Handgemenge. Präsident Brisson ver⸗ läßt seinen Sitz. Das Haus beschließt dann die zeitweise Ausschließung Syvetons. Durch die militärische Wache wird er gewaltsam aus dem Saale entfernt. Hierauf nimmt das Haus mit 343 gegen 236 Stimmen die von Martin, Bienvenu und Jaures beantragte Tages⸗ ordnung(die der Regierung Vertrauen aus⸗ spricht) an. Nationalitäten⸗Hader. Wohin es führt, wenn von gewissenlosen Demagogen die Nationalitäten fortwährend gegeneinander gehetzt werden, davon legen schwere Zusammenstöße Zeugnis ab, die sich in Innsbruck, dem sonst so ruhigen und ver⸗ spießerten Alpenstädtchen, dieser Tage ereigneten. Es kam dort zu blutigen Kämpfen zwischen Deutschen und Italtenern, an denen sich be⸗ sonders Studenten beteiligten. Militär schritt ein, 1 5 ein Maler namens Pezzey erstochen wurde. Die italienischen Parlamentswahlen haben am Sonntag stattgefunden. Sie brachten der Regierung— das Ministerium Giolittt löste die vorige Kammer auf— einen bollen Erfolg, während die Republikaner nicht gut abschniten. Unsere Genossen haben zwar keine großen Erfolge erzielt, können aber, angesichts der Verhältnisse, namentlich in Berück⸗ sichtigung des Umstandes, daß die italienische Sozialdemokratie in ein gemäßigtes und radi⸗ kales Lager gespalten ist, zufrieden sein. Ge⸗ wählt wurden: 255 Ministerielle, 39 Anhänger der konstitutionellen Opposttion, 23 Radikale, 25 Sozialdemokraten und 12 Republikaner. 63 Stichwahlen sind erforderlich. In der vorigen Kammer hatten die Sozialisten 33 Abgeordnete und da ste an 28 Stichwahlen beteiligt sind, werden sie wohl über ihren früheren Bestand kommen. Nach einer vorläufigen Wahlstatistik sind insgesamt 301000 sozialistische Stimmen ab⸗ gegeben worden, also doppelt soviel, als bei der letzten Wahl. Präsidentenwahl in Amerika. Am Dienstag fand die Wahl des Präst⸗ denten der Vereinigten Staaten statt. Roose⸗ velt, der seit dem Tode Mac Kinley's die Präsi⸗ dentschaft inne hatte, wurde mit großer Mehr⸗ heit wiedergewählt. Außer ihm kandidierte der Richter Parker von der demokratischen Partei und von Seiten der Sozialdemokratie Eugen Debs. Wieviel Stimmen letzterer erhalten hat, ist noch nicht bekannt, es wird nur berichtet, daß er in Chicago allein 45 000 bekam. Russisch⸗japanischer Krieg. Vor Porth Arthur. Mehr und mehr neigt sich die von den Russen sehr hartnäckig verteidigte Festung ihrem Falle. Immer enger schließen die Japaner sie ein und nehmen ein Fort nach dem andern, wenn auch mit schweren Opfern. Alle russischen Befestigungswerke auf der Landseite sind in den Händen der Japaner. Der innere Gürtel der Werke ist durch japanische Laufgräben und Minen gefallen. Das Fort Erlungschang fiel nach mehreren vergeblichen Angriffen. Von Erlungschan aus wurden die russischen Werke am 2. November und die fol⸗ genden Tage in jeder Richtung unter Feuer genommen. Auf der Vorderseite soll die Stadt für die Japaner offen sein. Schrecken des Massenmords. Eine entsetzliche Szene von dem Schlacht⸗ felde bei Liaujang wird jetzt in sibirischen Zeitungen berichtet. Bei einem plötzlichen Ueberfall, den in einem Felde von Hirse ver⸗ steckte Japaner unternahmen, wurden fast 2000 Mann eines einzigen russischen Regiments getötet und verwundet. Von 6 Kompagnien entkamen nur 2 oder 3 Mann unverletzt. Die Kompagnie des Kapitän Sch. wurde völlig aufgerieben und er selbst war der einzige Mann seiner Abteilung der, wenn auch leicht verwundet, doch lebend dem Blutbade entkam. Seine Leute waren in dichten Reihen hingemäht worden. In der Nacht darauf verschwand Sch.; sein seltsames sonderbares Wesen war schon vorher aufgefallen; nun ging ein Kamerad, ihn zu suchen. Er fand ihn auf der Wahlstatt, wo die unbegrabenen Leichen noch lagen, da weder Japaner noch Russen sich zu naͤhern wagten. Sch. saß auf einem Steine. Vor ihm lag in einer Reihe von kleinen Haufen seine ganze Kompagnie, die er zusammengeschleppt hatte, darunter auch seine beiden jungen Leutnants. „Wie?“ schrie er den hinzutretenden anderen Offizier an,„was sagen nun meine Leute zu meiner Feigheit? Ich liege ja nicht bei ihnen, ehrlich vor dem Feinde gefallen.“ Der andere nahm Sch. ruhig beim Arm, doch der stieß ihn rasend zurück. Ein Wahnsinnsanfall hatte ihn übermannt, er glaubte sich mitten im Kampf und schrie:„Seid ihr alle da, meine Jungens? Sergeant Manin, hinter mir her. Vorwärts! Vorwärts!“ Dann wieder fing er an ihre Körper zu zählen, redete sie freundlich an und trieb auf dem Leichenfelde einen unheimlichen Spuk. Nur mit Gewalt konnte man den Offtzier, der dem Tode entgangen war, um in Wahnsinn zu verfallen, fortbringen. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Bei den Gewerbegerichtswahlen in Magdeburg versuchte der den Rückschrittlern nachlaufende Arbeitermischmasch die freien Ge⸗ werkschaften aus dem Felde zu schlagen. Selbst⸗ verständlich ist das Unternehmen schmählich miß⸗ glückt. Die Liste des Gewerkschaftskartells er- hielt 8363 und der christlich-antisemitisch-hirsch⸗ dunkerisch⸗nationalliberale Kuddelmuddel 1096 Stimmen. Da Verhältniswahl gilt, erhalten die freien Gewerkschaften in der Abteilung der Arbeitnehmer 44, der Mischmasch 6 Sitze. Bei den Arbeitgeberwahlen wurden 53 sozial⸗ demokratische und 694 Mischmaschstimmen ab⸗ gegeben. Es entfallen auf die sozialdemokra⸗ tischen Arbeitgeber 4, auf den Mischmasch 46 Sitze. Die riesigen Anstrengungen der Gegner haben den freien Gewerkschaften nur einen Verlust von zwei Mandaten gebracht, und dieser Verlust wäre nicht erfolgt, wenn die sozialdemokratischen Arbeitgeber besser gewählt hätten. Die gesicherte Existenz der deutschen Arbeiter. Vor dem Schöffengericht Aug s⸗ burg hatte sich ein alter Mann mit weißem Haar, von Beruf Maler, wegen Betteln zu verantworten.„Warum arbeiten ste denn nicht“, fragte der Amtsrichter, und der Mann sagte: „Mich Alten nimmt kein Meister mehr, höchstens einmal zur Aushilfe; nun beschäftigte mich die Gemeinde mit Steineklopfen. Dabei habe ich die erste Woche 1,96 Mk. und die zweite Woche 2,56 Mk. im ganzen verdient, und da habe ich mir gesagt, bevor ich auf dem Steinhaufen ver⸗ hungere, gehe ich lieber zum Betteln.“ Die Gemeinde zahlte also dem alten Manne einen solchen Hungerlohn, daß er lieber die mit dem Betteln verbundenen Gefahren riskierte. Auf zehn Tage befreite ihn der Spruch des Richters auch von der Sorge um feine ungesicherte Existenz. . ͤ¶ͤ——y—-kT—t⁰ FFP — — 1 2 22 — 2 ——— Seite 4. Mitteldentsche Sonntags Neitung. Von Nah und Fern. Hessisches. — Die Zweite Kammer tritt am nächsten Mittwoch zu ihren Beratungen zu⸗ sammen. — Ein Bündnis der Liberalen und Sozialdemokraten ist in Mainz zu den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen zustande ekommen. Dasselbe richtet sich gegen das entrum, für das dadurch der Wahlkampf aussichtslos wird. Von den zu besetzenden 17 Mandaten erhalten die Demokraten 3 Sitze, die sie auch bisher hatten, die Sozialdemo⸗ krat en sechs(zwei scheiden aus), die National⸗ liberalen vier(fünf scheiden aus), die Deutsch⸗ Freisinnigen drei(fünf scheiden aus). Außer⸗ dem wird von den Parteien der keiner Fraktion angehörende Stadtverordnete Ring wieder auf⸗ gestellt. Das Zentrum verliert einen Sitz, es scheidet Sanitätsrat Dr. Müller aus. Gießener Angelegenheiten. Auf zur Stadtverordnetenwahl! Par⸗ teigenossen! Durch amtliche Bekanntmachung vom 5. November wurde der Wahltermin für die Stadtverordnetrenwahlen auf Dienstag, den 15. November festgesetzt, während vorige Woche der 23. als mutmaßlicher Wahltag be⸗ zeichnet wurde. Es bleibt also sehr wenig Zeit zur Wahlagitation übrig. Infolge des früheren Termins nahm unser Wahlverein in seiner Versammlung am Samstag Abend Stellung. Die früher eingesetzte Kommisston erstattete kurz Bericht, wobei die Frage, ob eine„gemischte“ oder reine Liste aufzustellen das Richtigere sei, einer eingehenden Erörterung unterzogen wurde. Dem Vorschlage der Kommission, einige bürger⸗ liche Kandidaten mit auf den Zettel zu nehmen, stimmte die Versammlung zu, ebenso dem weiteren, uur acht Parteigenossen aufzustellen. Dem⸗ emäß wurden die Genossen Beckmann, eur, Krumm, Kaufmann, Baum, Glaser, Diehl, Schneidermeister, Fourier, Geschäftsführer, Muhl, Friseur, Petersen, Schneider und Vetters, Redakteur als Kan⸗ didaten proklamiert. Ferner wurde beschlossen, drei bürgerliche Kandidaten mit auf unseren Zettel zu nehmen und zwar die Herren: Dr. Ebel, Dr. Gutfleisch und Loos. Die beiden letz⸗ teren gehörten bisher zu dem Stadtprrordneten⸗ kolleg; alle drei bieten einigermaßen Gewähr, daß sie den sozialdemokratischen Forderungen weniger einseitig und schroff gegenüberstehen. Die Versammlung gab zu der so gestalteten Liste ihre Zustimmung. Es befinden sich auf unserem Zettel also nur elf Namen, während 16 Stadtverordnete zu wählen sind. Parteigenossen! Burch die frühere Ansetzung des Wahltermins bleibt uns also, wie schon bemerkt, nur noch wenig Zeit zur Agitation. Umsomehr muß sie ausgenutzt werden und es ergeht deshalb an jeden einzelnen die Mahnung, zu tun, was in seinen Kräften steht. Jeder muß in seinen Bekauntenkreisen für Abgabe unseres Stimmzettels wirken. Wir brauchen hier nicht nochmals unsere kommunalpolitischen Forderungen darzulegen, es ist wiederholt in Unserem Blatte geschehen und wir können in dieser Beziehung noch auf unser am Sonntag zur Verteilung gelangendes Flugblatt verweisen. Uebrigens muß sich jeder gerecht denkende Bürger sagen, daß die Sozialdemokratie, die Vertreterin der werktätigen Bevölkerung, der Kleinhand⸗ werker, Unterbeamten und Arbeiter, die auch in Gießen die Mehrheit der Einwohner dar⸗ stellen, ein gutes Recht auf mehr Vertreter im Stadtrat haben. Wir sehen aber aus allen bürgerlichen Vorschlagslisten, daß sie von den zur Wahl stehenden 16 Mandaten fünfzehn mit Vertretern der besitzenden Klassen besetzen wollen. Nur ein einziges Mandat wollen sie uns gnädigst überlassen. Gerechtigkeit? Danach fragen die Herren nicht, sie, die Ver⸗ treter der Minderheit der Einwohnerschaft, beanspruchen die absolute Herrschaft! Unsere Partei hat bescheidenerweise nur acht Kandi⸗ daten aufgestellt, die anderen acht Mandate den Bürgerlichen uberlassend. Deshalb kann auch jeder Angehörige einer anderen Partei unsern Zettel ohne Aenderung abgeben. Für unsere Par⸗ teifreunde ist das selbstverständlich. Die Männer, welche wir zur Wahl empfohlen haben, werden ihre Pflicht im vollsten Umfange erfüllen, wie es unsere beiden Genossen in der Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung bisher jederzeit getan haben. Darum nochmals: Auf zur Wahl! — Die Wahlzeit zu der am Dienstag stattfindenden Stadtverordnetenwahl ist auf die Stunden von 11 Ubr vormittags bis 7 Uhr abends festgesetzt. Die Wahl wird im Bürgermeistereigebände vorgenommen und zwar haben die Wähler nach dem Anfangsbuchstaben ihres Namens nach folgender Ordnung abzustimmen: A bis Go im Zimmer Nr. 10, Gr bis Ii im Zimmer Nr. 11, Lo bis Schl im Zimmer Nr. 12, Schm bis Z im Zimmer Nr. 15. Die amtliche Bekanntmachung macht weiter darauf aufmerksam, daß diejenigen Stimmbe⸗ rechtigten, welche mit der Entrichtung der Ge⸗ meindest euer zur Zeit der Wahl sich länger als zwei Monate im Rückstande befinden, zur Abstimmung nicht zugelassen werden und daß daher alle diejenigen, welche bis zum 10. No⸗ vember mit der Entrichtung des 2. Zieles der Gemeindesteuern(das im Juli fällig war) im Rückstande waren, nur dann abstimmen können, wenn sie einen solchen Rückstand noch bis zur Wahl abführen und, daß solches geschehen, der Wahlkommission durch Vorlage der Steuer⸗ quittung nachweisen. — An die Arbeit! tesen Sonntag Vormittag müssen die Flugblätter zur Stadt⸗ verordnetenwahl verteilt werden. Dazu wollen sich die Parteigeno ssen recht zahlreich zur Ver⸗ fügung stellen und sich bis spätestens 10 Uhr in der Wirtschaft Orbig einfinden. Je mehr Leute, in desto kürzerer Zeit ist die Arbeit getan! — Amtsblättlich⸗verlogene Sozia⸗ listen⸗Vernichtung. In seiner Donners tagsnummer leistet sich der„Gieß. Anzeiger“ einen Hetz⸗Artikel gegen unsere Partei, der von Lüge und Heuchelei strotzt. Unser Landkalender, der demnächst wieder zur Verteilung gelangt und der sich, wie der Anzeiger ganz richtig be⸗ merkt, auf dem Lande immer größerer Be⸗ liebtheit erfreut, weil die Bauern ganz genau wissen, daß alles, was darin steht, die Wahr⸗ heit ist, gibt ihm Veranlassung, unter dem Titel„Die Sozialdemokratie und die Bauern“ ein Bündel„oller Kamellen“ aufzuwärmen, die irgend ein agrarisch⸗antisemitischer Schweinburg vor etlichen fünfzehn Jahren zusammengefabelt hat und mit denen seit dieser Zeit die Junker und ihr nationalliberaler und antisemitischer Anhang krebsen geht. Da werden unter anderem ein paar Sätze aus der„Sächs. Arheiterztg.“ von 1890 zitiert, deren damaliger Redakteur in das anarchistische Fahrwasser geraten war, dem aber die Dresdener Genossen sehr bald das Handwerk legten. Teistler hieß der Mann, und wenn wir nicht irren, ist er später irgendwo Kreisblattredakteur geworden! Der An⸗ zeiger lügt und fälscht, aber bewußt, wenn er behauptet, der„Vorwärts“ habe geschrieben: „Die Ernte gehört nicht den Bauern, sondern allen Menschen“. Daß die Ernte den Bauern gehört, wird jeder Sozialdemokrat ohne weiteres erkennen. Der Vorwärts schrieb aber— auch das ist zwölf oder dreizehn Jahre her—: Die Erde gehört nicht den Bauern ꝛc. Diese Fälschung, die der Anzeiger hier aufs neue unternimmt, ging vor zehn Jahren und dann bei jeder Reichstagswahl so oft durch die bürger⸗ liche Presse und wurde von der sozialdemo⸗ kratischen so oft zurückgewiesen, daß die An⸗ zeigerleute wissen müssen, daß es sich um eine Lüge handelt. Und wenn es wirklich der eine, der den Schwindel am Ende aus einem alten antisemitischen Blatte ausgeschnitten hat, infolge seiner jugendlichen Unerfahrenheit nicht wissen sollte, wäre es Pflicht seines Kollegen, ihn darüber aufzuklären und vor solchen berech⸗ tigten Vorwürfen zu schützen, wie wir sie hier erheben müssen.„Darum frohlocken die Sozial⸗ demokraten, wenn der Bauer und mit ihm der kleine Handwerker und Gewerbetreibende zu grunde geht und rühren keine Hand, den Unter- gang zu verhindern“, sagt der Anzeiger schließ⸗ lich. O, diese erbärmliche Heuchelefk Haben etwa die Sozialdemokraten bisher in den Regierungen gesessen und die Mehrheit in den 1 Parlamenten gehabt? Nein, das waren die „Ordnungsleute“, die Vertreter der Kapita⸗ listenklasse und diese ist es, die Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende ruiniert. Das 4 wissen heutzutage auch die Bauern, zu einem großen Teile wenigstens, und darum wählen sie auch nicht ihre Metzger selber, sondern wählen— sozialdemokratisch. 5 — Nehmt Euch ein Beispiel daran! Nach dem schönen Wahlerfolg in Frankfurt erhalten wir heute fend früh eine neue Siegeskun de von Offenbach! Glänzend haben unsere Genossen dort gesiegt! Alle dreizehn Sozialdemokraten sind gewählt und zwar mit einer Mehrheit von 200— 500 Stimmen! Dieser herrliche Sieg fällt umso⸗ mehr ins Gewicht, als unsere Offenbacher Ge⸗ noffen von der dortigen Fabrikantenklique in einer empörend schamlosen Weise bekämpft wurden und ganz besonders Ulrich, der allein auszuscheiden hatte, unerhört verleumdet wurde. Hat alles nichts genützt! Nun haben unsere Genossen von 36 Sitzen 25 inne, also die große Mehrheit. Ein Bravo den Offenbachern! Wir wissen, die Erwählten werden das Vertrauen der Bürgerschaft nicht täuschen. — Wirrnis im Amtsblatt.„Der Stern der Sozialdemokratie beginnt zu er⸗ blassen“. Mit diesen Worten leitet der„Gieß. Anz.“ in der Donnerstag⸗Nummer einen Artikel über die italtenischen Wahlen ein, in dem der „Rückgang der Sozialdemokratie“ das Leitmotto bildet. Die Wahlen in allen Ländern hätten uns in der letzten Zeit Niederlagen gebracht. Nun, möglich, daß Wir aach Niederlagen er⸗ leiden, bei den Machtmitteln der Gegner ist das ja selbstverständlich. Hätten wir immer und überall gesiegt, so hätten wir längst die Macht in den Händen. Was aber Italien be⸗ trifft, so haben sich dort unsere Stimmen fast verdoppelt. Doch in einem anderen Artikel über die amerik. Präsidentenwahl spricht der „Anz.“ selbst von starrer Zunahme der sozialdemokr. Stimmen und allerdings stiegen dieselben von 200 000 bis über eine halbe Million. Merkwürdigerweise sagt aber das Amtsblatt gar nichts von der Frankfurter Wahl, die nicht wie Rückgang aussieht. Und Offenbach? Es lebe der Rückgang! — Jawohl,„alle Bevölkevrungsschichten“. Man schreibt uns: Das vor einigen Wochen im Gast⸗ haus„Zum Löwen“ von einer Versammlung eingesetzte Wahlkomitee hat in verschiedenen Sitzungen im Schweiße seines Angesichts sich abgequält— um— wie es im „Gieß. Anz.“ hieß, einen„allen Bevölkerungsschichten genehmen Wahlvorschlag“ zu Stande zu bringen. Dieser O, krieh de Krank! ist nun ersch'enen und siehe, allen Berufszweigen ist f Rechnung getragen, nur den wichtigsten, den am meisten gedrückten Arbeite rstand hat man vergessen! nein nicht vergessen, absichtlich bei Seite geschoben. Man gönnt eben den Arbeitern keine ihrer Zahl ent⸗ sprechende Vertretung,. Kandidaten nahm das großmütige„Löwenkomitee“ 15 aus bürgerlichem Lager, und das nennt man dann einen allen Bevölkerungsschichten Wahlvorschlag. Wir schreiben dies nicht aus Aerger oder Verdruß, im Gegenteil, wir freuen uns, von neuem bestätigt zu sehen, daß die Bürgerlichen nur sich für befähigt halten, im Rathaus zu raten und zu tateu, den Arbeitern überlassen sie das Steuerzahlen und Mund halten. Arbeiter! Laßt Euch eine derartige Be⸗ 1 handlung nicht bieten, gebt am Wahltage die richtige Antwort, wählt Mann für Mann die sozialdemokratischen Kandidaten! 1 — Tarifvertrag im Gießener Bau⸗ gewerbe. Wie kürzlich schon mitgeteilt, haben die Gießener Bauunternehmer mit dem Maurer ⸗ verband einen Vertrag über die Arbeitsbhe ⸗ dingungen vereinbart, dessen hauptsächlichste Be⸗ stimmungen folgende sind: 4 Die Arbeitszeit beträgt zehn Stunden, von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends mit den üblichen Pausen. Ueberstunden, Nachts⸗ und Sonntagsarbeiten sollen möglichst vermieden werden. Samstags endet die Arbeit unter Wegfall der Vesperpause um 5 Uhr. * —— Von den 16 zu nominierenden g rechnungtragenden 1 N S„ n 40. — n her inter. ließ. haben u den i den 1 die ita. 9 nern, Das einem üͤhlen Adern ran! furt nee zend 'egtl wählt —00 umso⸗ K Ge⸗ le in ämpft allein hurde. unsere große Wir rauen „Der u er⸗ Gleß. Artikel m der motiv hätten bracht. e, ier ist immer gst die jen be⸗ n fast Artikel ht der e der igen 155 1 das urter And ehe der chten“, . Gost⸗ lugtschte Schweiße ie eb im gchichten 6 eigen 1 l Hein 00 bel, hl elt⸗ ö nierenden Ir“ 15 an daun genden i e n un, — e..———.— Nr. 46. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Der Arbeitslohn beträgt für den Bezirk: bis 31. Dezember 1904 36 Pfg. pro Stunde; vom 1. Januar 1905 bis 31. März 1906 38 Pfg. und vom 1. April 1906 bis 31. März 1908 40 Pfg. Für nicht voll leistungsfähige Leute— infolge Alter oder Invalididät— wird nach Leistung bezahlt. Für die Ueberstunden sind 10 Pfg., Nacht⸗ und Sonntags⸗ arbeit 50 Pfg. Zuschlag zu zahlen. Die Lohnzahlung ist eine 14tägige und soll bis spätestens Samstag 5 Uhr auf der Arbeitsstätte er⸗ folgen. Wöchentliche Abschlagszahlungen werden ge⸗ währt.— Kündigungsfrist ist vierzehntägig. Das Zusammenarbeiten von organisierten und un⸗ organsierten Arbeitern soll von keiner Seite bean⸗ standet werden. Zugehörigkeit zur Organisation darf kein Grund zur Entlassung sein. Versammlungen während der Arbeitszeit dürfen nur bis zu fünfmal im Jahre von der Vesperzeit an einberufen werden. Zur Regelung von Differenzen wird eine Kommission eingesetzt, der drei Arbeitgeber und drei Arbeitnehmer angehören. Die Zentralvorstände haben das Recht zu den Sitzungen einen Vertreter mit beratender Stimme zu entsenden.— Der Vertrag gilt vom Tage der Unterzeichnung bis zum 31. März 1908. Er⸗ folgt bis zu diesem Zeitpunkte von keiner Seite ein Antrag auf Abänderung, so gelten die Bestimmungen immer ein Jahr weiter, bis zum 31. Januar des betreffenden Jahres eine Kündigung erfolgt. Wenn noch manches in dem Vertrag sein mag, was vom Standpunkte der Arbeiter durchaus nicht als ideal bezeichnet werden kann, so muß trotzdem gesagt werden, daß er eine nicht un⸗ bedeutende Verbesserung der Arbeitsbedingungen bedeutet. Die Maurer, welche sich eine gute Organisation geschaffen haben, werden schon hieran den Wert derselben erkennen und die übrigen Arbeiter können sich daran ein Beispiel nehmen. — Eine öffentliche Schneiderver⸗ sammlung findet Dienstag Abend ½9 Uhr im Lokale Orvig statt. Mirus Frankfurt spricht über:„Koufektionsarbeiterschutz und der preußische Handelsminister“. Vollzähliges Er⸗ scheinen aller hier beschäftigten Schneider ist wünschenswert. Aus dem Rreise gießen. l. Gemeinderatswahl in Wiese ck. Am Samstag war wegen der Gemeinderatswahl ganz Wieseck in Aufregung. So zahlreich war die Beteili⸗ gung wohl noch nie, fast alle Wahlberechtigten stimmten ab. Trotz des mit allen Mitteln betriebenen Stimmen⸗ fangs des sogenannten„Bürgervereins“ haben unsere Genossen ein ziemlich günstiges Resultat zu verzeichnen. Wenn wir auch unterlagen, so hatten wir doch gegen die Wahl im Sommer eine ganz ansehnliche Stimmen⸗ zunahme zu verzeichnen. Unsere Kandidaten erhielten 125, 129 und 188 Stimmen, während die Gegner 201, 222 und 226 aufbrachten. Politische Partei⸗ unterschiede kamen bei dieser Wahl eigentlich weniger zur Geltung. In der Hauptsache drehte es sich um den Wassergeldtarif und die Einführung von Wasser⸗ messern, die unsere Genossen gefordert hatten, von der jedoch viele eine Erhöhung des Wassergeldes befürchteten. Dann sind bekanntermaßen die Gemeindewahlen auf dem Lande mehr Personenfragen. Trotzdem stellt diese Wahl der Einsicht der Wiesecker Bevölkerung und selbst⸗ verständlich auch einem Teile der Arbeiter nicht das beste Zeugnis aus. Man vergegenwärtige sich nur die in der Bürger⸗Versammlung vom vorigen Mittwoch zu tage getretene Unfähigkeit und Koafusion auf Seite unserer Gegner, wonach man es nicht hätte für möglich halten sollen, daß die Leute gewählt würden.— Im Verlauf des Wahlkampfes konnte man die Beobachtung machen, daß dem Frühstückstisch⸗Wahlkomitee ziemlich großes Vermögen zur Verfügung stehen mußte, denn die Fünf⸗ und Zehnmarkstücke rollten nur so auf den Wirtstischen hin, um für die über den Schellenkönig gelobten Kandidaten Stimmung zu machen. Natürlich verfielen die Steger, als das Wahlresultat bekannt wurde, in einen geradezu närrischen Siegestaumel, der zu den tollsten„rednerischen“ Ausbrüchen führte. Unsere Ge⸗ nossen ersehen aus dieser Wahl mit aller Deutlichkeit, daß man durch festen Zusammenschluß und unablässige Auftlärungsarbeit Erfolge erzielt und die Interessen des arbeitenden Volkes gewahrt werden können. r. Aus Watzenborn⸗Steinberg. In der am 24. Ottober stattgefundenen Gemeinderatssitzung wurde unter anderem die Ersatzwahl eines Schulvorstandsmit⸗ gliedes vorgenommen. Unser Bürgermeister, welcher für seinen treuen Schildknappen, den Antisemiterich Sommer, auch etwas übrig hat, und ihn gern zu etwas machen möchte, schlug denselben dazu vor, und wie es kaum anders zu erwarten war, wurde dieser Mann von so großer Bildung und Intelligenz von der Mehrheit des Gemeinderats gewählt. Dieses neue Schulvorstandsmit⸗ glied wird nun hoffentlich unsere A B C-⸗Schützen nicht mit der„Kraft seines Amtes“ lange belästigen. Denn nach den gesetzlichen Bestimmungen muß ein Mitglied aus dem Gemeinderat dem Schulvorstand angehören, was hier nicht der Fall ist. Wie ein derartiges Amt von dem Herren aufgefaßt werden dürfte, das lassen seine Reden bei dem„Siegesmahl“ ahnen. Mit vielem Pathos erklärte er, jetzt werde er mal„Kraft seines Amtes“ in unsern Schulverhältnissen Remedur schaffen. Nun werden wohl alle unsere kleinen A B C-⸗Schützen Professoren werden! Aus dem Rreise Friedherg⸗Püdingen. O Wahlen überall! Auch in Fried⸗ berg findet demnächst und zwar am Dienstag den 22. Nov. die Gemeinderatswahl statt. Unser Genosse Busold, der als einziger Sozial⸗ demokrat der Stadtverordneten⸗Versammlung angehört, scheidet aus und die Nationalliberalen möchten ihn gerne besettigen. Das dürste aber kaum gelingen, denn Busold hat sich durch seine energische Tätigkeit auf dem Rathause so beliebt bei der Sürgerschaft gemacht, daß er jedenfalls mit großer Mehrheit wiedergewählt wird. Unsere Genossen werden noch in einer Versammlung am Samstag zu der Wahl Stellung nehmen. Aus dem Rreise Alsseld⸗Cauterhach. p. Alsfeld. Wie in vielen hesstschen Gemeinden hat auch in Alsfeld eine Erneuerungs⸗ wahl des Gemeinderats stattzufinden und wie es heißt, am 24. dieses Monats. Es scheiden sechs Gemeinderäte aus. Ob ste alle das Ver⸗ trauen der Bürgerschaft durch Wiederwahl be⸗ stätigt erhalten, dürfte allerdings sehr fraglich sein. Wenigstens geht die Unzufriedenheit mit unserem Stadtrat bis tief in die Bürgerkreise hinein. Von den bisherigen Vertretern ist es noch keinem eingefallen, über seine Tätigkeit ein Wörtchen zu reden.— Unsere Genossen haben eine Kommission von 5 Mitgliedern zu den Vorarbeiten gewählt. Das Nötigste ist, daß, wenn die Wahlltsten aufliegen, sich unsere Freunde von ihrer Eintragung überzeugen. Aus dem Odenwald. n. Kreiskonferenz. Für den Wahlkreis Erbach-Bensheim findet nächsten Sonntag, den 20. November, vormittags 10 Uhr beginnend, eine Kreiskonferenz in Darmstadt in Kramers Bierhalle Dieburgerstraße statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Nominierung eines Reichstagskandidaten. 2. Unsere Kassenverhältnisse, 3. Verschiedenes.— Die Parteior ganisationen des Kreises werden ersucht, sich durch Ent⸗ sendung von Vertretern an der Konferenz zu beteiligen. Aus dem Rreise Weßlar. * Stadtverordnetenwahl in Wetzlar. In unserer vorigen Nummer war bemerkt, daß unsere Partei bei der Stadtverordnetenwahl nicht in den Kampf ein⸗ trat. Unsere Wetzlarer Freunde mögen gewiß dazu ihre guten Gründe haben, wir halten diese Stellungnahme, ganz offen gesagt, für einen Fehler. Trotz des er⸗ bärmlichen Dreiklassenwahlrechts könnte unsere Partei sehr wohl eigene Kandidaten aufstellen und sie würde bei energischer Agitation auch Erfolge erzielen. Geeignete Kandidaten wären wohl vorhanden. Oder glaubt man etwa, ein gewöhnlicher Arbeiter entwickelte nicht min⸗ destens dieselbe Fähigkeit als Gemeindevertreter, als die Spießergesellschaft, die jetzt darin sitzt? Wir glauben, das Interesse der Gesamtheit vertritt ein Arbeiter jederzeit besser. Wirhaben ja erlebt, daß ein„erstklassiger“ Stadtvater, Millionär, der für das„Wohl der Stadt“ doch etwas übrig haben sollte, um ein paar Quadrat⸗ meter Boden, die er der Stadt abtreten sollte, feilschte und marktete und nicht genug dafür bekommen konnte. Für sich zu arbeiten, verstehen die Herren vortrefflich. Darum tut man besser, Arbeiter zu wählen. Die dritte Klasse müßte unbedingt unserer Partei gehören, wenn nicht viele Arbeiter aus Furcht vor Maßregelung der Wahl fern blieben.— Am Dienstag wurde in der dritten Klasse der Seminardirektor Vorbrodt mit 268 Stimmen und der Bezirks vorsteher Müller mit 331 Stimmen(in der Neuwahl) gewählt. In die Stichwahl kommen Mechaniker Schrader(244) gegen Mechaniker Michaeli(219) und ferner Reinhardt (254) gegen Marmorarbeiter Freitag(143 Stimmen). Die Stichwahlen sind auf den 24. November festgesetzt. Die Arbeiter sollten sich bemühen, wenigstens zwei ihrer Klasse durchzubringen.— In der zweiten und ersten Klasse wurden gewählt: Seibert, Stand, Hlepe, Raab, Coers und Naumann, lauter Fabrikanten und sonst gewichtige Herren. Aus dem 5. Nassauischen Wahläreise. Christlichsozial= unsinnig— ist im wahren Sinne des Wortes der unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende„Nassauer Volksfreund“, das Leibblatt des christlich sozialen Druckfehleroperateur Dr. Burckhardt.— Unsinnig, weil das Blatt es, frei von jeglichem politischen, gewerkschaftlichen und wirt⸗ schaftlichen Verständnis, fertig bringt, mit bewunderungs⸗ würdiger Grazie sich selbst ins Gesicht zu schlagen und seine Geistesarmut als„blinder Blindenleiter“ zu doku mentieren. Durch die Gründung einer Zahlstelle des frelen Maurerverbandes in Herborn ist dieses Ab⸗ druckblättchen rein aus dem Häuschen gekommen und zieht nun gegen den Maurerverband los nach den Re⸗ zepten, die es der geistigen Rumpelkammer der Zentrums⸗ organe(Kölnische Volksztg., Germanta) entliehen hat. Denn seinem eigenen Mist dürfte diese holde Blume unverschämtester Beschimpfung der Urbeiterorganisation schwerlich entsprossen sein. In seinem Abonnenten⸗ schwindsüchtigen Blättchen operlert der Stöckerfünger mit dem bekannten Schlagworte„Sozialdemokratischer Terro⸗ rismus“. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhhain. r. Höhere Brotpreise. Im Frühjahr setzten die Marburger Bäckermeister die Brotpreise herab, vielmehr ste erklärten, eine„weitere Sorte“ Brot für 36 Pfg. den Lalb herstellen zu wollen. Sie wollten damit dem Konsumverein, der damals eben seine eigene Bäckerei errichtet hatte, Konkurrenz bieten. Das ging so eine kurze Zeit, jetzt ist aber die„weitere Sorte“ schon nicht mehr zu haben. Damals hatten sieh die Bäcker gegen seitig verpflichtet, innerhald zweier Jahre keine Preis⸗ erhöhung eintreten zu lassen, aber schon nach einem reich⸗ lichen halben Jährchen fordern sie höhere Preise und bald wird der alte Preis von 40 Pfg. wieder erreicht sein. Offenbar rechnen die Herren mit der Vergeßlich⸗ keit der Marburger Einwohnerschaft. Diese läßt sich aber auch nicht mehr zum Possenspiel gebrauchen, das beweist die kräftige Entwickelung der Bäckerei des Kon sum⸗Vereins, r. Stenographie. Vom Arbeiter⸗Stenographen⸗ bund wird eine Umfrage wegen Beteiligung an einem Stenographie⸗Unterrichts⸗Kursus bei den Marburger Ge⸗ werkschaften gehalten. Es hat sich dazu schon eine Anzahl Teilnehmer gemeldet und diejenigen, welche dafür Interesse haben, wollen sich bei Genosse Rösler melden. (Anmerkung der Red. Stenographie oder Kurzschrift ist zweifellos eine interessante Kunst, hat aber nur für denjenigen wirklich Wert, der sie in seinem Berufe oder sonst verwenden kann. Soweit bringen trotz vieler Mühe nur sehr wenige, daß sie etwa einem Redner folgen können, denn dies erfordert schon eine außer⸗ ordentliche Gewandtheit und Uebung. Im Allgemeinen tut der Arbeiter viel besser daran, sich z. B. im Deut⸗ schen, Buchführung ꝛc. auszubilden. Wir wollen damit aber niemand von Erlernung der Stenographie abhalten, die manchem vielleicht weitere Anregungen gibt). r. Eine öffentliche Schneiderversamm⸗ lung findet Sonntag, den 13. Nov., nachm. 4 Uhr im Restaurant Hildmann statt. Referent ist Kollege Mirus⸗Frankfurt.(Tagesordnung siehe unter Gießener Angelegenheiten. D. R.) f In Kirchhain und Umgebung wird jetzt eine rege Agitation unter den Mühlen⸗ und Holzarbeitern von den Marburger Gewerkschaften entfaltet. Eine Zahl⸗ stelle der Mühlenarbeiter ist bereits gegründet worden, während dle Errichtung einer Holzarbeiterzahlstelle be⸗ vorsteht. Hoffentlich faßt auch der gewerkschaftliche Ge⸗ danke in unserem Orte bald festen Fuß. Versammlungskalender. Sonntag, den 13. November. Gießen. Küfer verband. Vormittags 9½ Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof). Lollar. Wahlverein, Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Schupp. Watzenborn⸗Steinberg. Freunde und Genossen wollen sich Nachmittags 4 Uhr bei Wirt Fa ber zur Besprechung wichtiger Angelegenheiten zahlreich einfinden. Sonntag, den 20. November. Trohe. Parteiversammlung. Nachmittags 4 Uhr im Saale Ph. Seipp. Berichterstattung vom Parteitag. Briefkasten. J.⸗Alsfeld. Gewiß können die Stimmzettel weniger Namen enthalten, als Gemeinderäte zu wählen sind; nur nicht mehr, solche Zettel sind un⸗ gültig. W.⸗Wetzlar. Wie Sie sehen, war Ihre vorsichtige Mahnung herzlich überflüssig; ebenso ver⸗ schiedenes andere, was Sie schreiben, recht aumaßend und köricht noch obendrein. R.⸗Stbg. Der andere Artikel erscheint in nächster Nummer. Der Kreisamt⸗ mann hat aber gar nicht so unrecht. r 3 r — X— 2 r — ö .——————— Seite 6. Mittetentsche Sonntagf-NAeltung: Nr. 46. 5 Unterhaltungs--Teil. 7 E Vor Christi Richterstuhl. Eine Phantasie von K. Wbr. (Schluß.) Da fiel ihm plötzlich der andere wieder ein, der mit ihm vor den Richterstuhl getreten war. Und siehe, da stand der Mann noch. Der Theologe lauschte. Mußte man nicht neu⸗ ierig sein, wie es diesem Hetzapostel da ging? Womöglich wurde er noch zu Gnaden ange⸗ nommen vor diesem wunderlichen Richterstuhl, denn wo man eben so Unerwartetes, Ungeheuer⸗ liches erlebt hatte, was konnte da nicht alles geschehen! Die Worte klangen herüber wie aus weiter Ferne, aber deutlich, wie von einem ab⸗ sichtsvollen Windhauch herüber getragen.„Auch ich war einst, was die Menschen fromm nennen“, hörte er eben den Sozialdemokraten sprechen, „war die Freude meiner Religionslehrer und wurde sogar selbst Pfarrer. Aber ich fand so wenig tiefe Herzen und so enge Geister, unter deren Regiment ich meine Ueberzeugungen und mein Wirken beugen sollte, daß es nicht ging. Ich wurde Sozialdemokrat“. Und wieder ein⸗ mal tat Christus eine Zwischenfrage, so eine wunderliche, als ob er unserer Zeit ebenso lebendig und nahe wäre, wie er es efnst bei den Juden war: Er fragte nach dem— Ge⸗ halt!„Nun, als Pfarrer hätte ich mich wohl erheblich besser gestanden und weniger aufrei⸗ bende Tätigkeit gehabt, als in der politischen Kampfarbeit.“„Also hast du der Sache ein grozes Opfer gebracht?“„Ja, äußerlich be⸗ trachtet, freilich. Doch will ich mich nicht rühmen. Ich bin so in der Freiheit des Redens und des Wirkens doch glücklicher gewesen als in den besser bezahlten Fesseln.“ Und dann fuhr er fort, seine Lebensschicksale und sein Wirken zu schildern. Auch er hatte eine Rolle gespielt in dem großen Streil, die führende so⸗ gar, da es galt, den Frauen den 10 stündigen Arbeitstag und auch sonst, wenn möglich, kör⸗ perlich wie moralisch gesündere Existenzbe⸗ dingungen zu erkämpfen. Der Kampf und all seine Opfer waren vergeblich gewesen. Der Führer selbst hatte sich noch eine besondere Strafe zugezogen. In einer erregten Versamm⸗ lung während des Streiks hatte man ihm das bekannte Wort zugerufen:„Sie mästen sich ja doch nur vom Arbeitergroschen!“ Er hatte mit dem Titel„Streikbrecher“ geant⸗ wortet und dafür wurde er mit 3 Wochen Gefängnis bestraft.„Der andere aber,“ fragte Christus dazwischen.„Was sollte dem ge⸗ schehen? Es dachte niemand daran, ihm etwas zu tun.“„Und wurdest du nicht auch noch wegen Ungebühr vor Gericht besonders bestraft? Wozu hast du dich hinreißen lassen?“„Freilich, auch das noch. 20 Mark mußte ich bezahlen. Ich hatte gesagt, ich arbeite für mein Geld genau so gut, wie der Herr Staatsanwalt.“ „Unerhörte Frechheit“, murmelte der Theologe vor sich hin. Und jetzt fiel gar das Wort:„Gottesläste⸗ rung“. Das versprach erst recht interessant zu werden. Der Sozialdemokrat war auch ihret⸗ wegen längere Zeit im Gefängnis gewesen. Was dieser Christus wohl dazu sagte? Sieh, er blickte nachdenklich vor sich hin, wie als ob er mit eigenen Erinnerungen sich beschäftigte und dann kommen wie halb im Traum aus lang vergangener Zeit die Worte über seine Lippen„Er lästert Gott!“ Der Sozialdemokrat aber begann zu erklären, wie er zu jener Strafe gekommen. Sieh, Herr, ich lebte in einer bösen Zeit. Mir selbst freilich erging es ja so übel nicht. Ich war gesund, hatte das schöne Bewußtsein, wertvolle Arbeit im Dienst der Menschheit zu leisten, hatte Frau und Kind, ein traulich Heim und litt keinen Hunger. Aber die Welt um mich her war doch voller Not und Elend, voller Blut und Tränen. Und da, ich fühlte eben stark mit meinen Mit⸗ menschen, da wäre es mir roh vorgekommen, für mein bißchen Zufriedenheit einem Gotte zu danken, der so entsetzliche Grausamkeiten gegen andere duldete. Wäre es nicht eine abscheuliche Eingebildetheit gewesen, in meinen besseren Schicksalen mehr zu sehen als einen Zufall, wenn es so ungezählten andern schlechter ging als mir? Mir mein Glück als Verdienst an⸗ rechnen, andern ihr Unglück als Schuld, das konnte ich nimmermehr. Wenn man aber in den Lebensschickungen Schuld und Verdienst keine Rolle spielen sieht, wie sollte man dann die Hand einer ewigen Gerechtigkeit in ihnen erkennen? Freilich sie könnte ja da sein, trotz allem. Aber ist ste so einfach erkennbar, daß man jeden Zweifel an ihr wirklich zur Sünde stempeln darf? Es war in den letzten Jahren, da brach auf der amerikanischen Vulkaninsel der Mont Pelèee aus. Tausende von Menschen wurden unter seiner Asche begraben. Ein anderes: Eine Schaar fröhlicher Kinder machte einen Ausflug auf einem Dampfer, es war noch eine christliche Sonntagsschule obendrein,„Ge⸗ neral Slokum“ hieß das Schiff. Es verbrannte. Ich las von den Szenen der Verzweiflung und konnte meine Tränen nicht halten. Ein Dampfer mit armen Auswanderern,„Norge“, hieß er, lief nördlich von England auf eine unterseeische Bank und sank. Hunderte kommen in den Fluten um. Die Not hatte sie aus ihrer Heimat vertrieben, das Dasein hatte ihnen noch wenig Sonnenschein geboten, nun hatten sie mühsam ihre letzte Kraft, ihr letztes Hab und Gut zu⸗ sammengerafft, um sich jenseits des großen Wassers eine große Existenz zu gründen, all ihre bescheidenen Hoffnungen hatten sie auf diese eine letzte Karte gesetzt und— verloren. Un⸗ gehört verhalten ihre wilden Angstrufe auf der weiten kalten See, die sie verschlang! Ich wünschte, ich hätte weniger Phantasie, ich hätte nicht so lebendig alles mitgefühlt. Es war eine Qual. Und dann die Kriege. Schon die Schilderungen aus dem Lande der Buren klangen grauenhaft. Wie ungeheuerlich wurde da mit allem gespielt, was dem Menschen sonst wert und teuer ist. Gattenliebe, Elternliebe, die heiligsten Bande zerrissen, Ströme der blutigsten Tränen flossen — aber alles galt nichts vor der herrschenden Politik unserer Zeit, alles, die edelsten Reich⸗ tümer des menschlichen Herzens, sie galten ge⸗ ringer als die greifbaren Reichtümer, die aus den Diamantgruben zutage gefördert werden. Nicht Menschen machen die Weltgeschichte, son⸗ dern— Aktionäre. Man schauderte und doch, das alles war ja nur erst eine Art Vor⸗ spiel zu dem unsagbaren gräßlichen Trauerspiel in Ostasien. Tausende und Abertausende von Toten und Verwundeten! Wie leicht sich die Zahlen sprechen! Und an den Biertischen wurde diskutiert, wer wohl am Ende den Sieg be⸗ halten könnte, wer das meiste Geld hätte, die besten Waffen, wer am längsten aushielte,— aber Herzen, die von einem Echo des grenzen⸗ losen Jammers erfüllt gewesen wären, wirklich erfüllt, nicht nur zu einem„Na ja“ und„aller- dings“ bereit, Leute, die über die sittliche Not⸗ wendigkeit des ewigen Friedens wenigstens ein. mal ernst geredet hätten, deren gibt es noch viel, viel zu wenige. Und da hörte ich ein paar, die sich Christen nennen, über die Bestrebungen der Friedensfreunde sogar lachen und spotten. Ihnen geschähe es recht, daß sie wieder einmal sähen, wie es immer wieder Krieg geben müßte. Die„fromme Bertha mit ihrer Ueberspanntheit“ und dgl. Redensarten mehr klangen mir in die Ohren. Da, Herr, da ist mir die Seele über⸗ gekocht, da bin ich von meinem Platz aufge⸗ sprungen, mir war, als brannten mir die Tränen der Tausende von verlassenen Bräuten, Frauen und Kindern auf der Seele, als spürte ich in den eigenen Gliedern etwas von den wahn⸗ sinnigen Schmerzen der Verwundeten, Zer⸗ rissenen, Sterbenden, mir fiel die Notiz ein von jenem Gefallenen, dessen weißes Tuch man hülfeflehend noch acht Tage nach dem Kampfe auf dem Totenfelde winken sah. Und keiner konnte sich für ihn regen. Da lag er hungernd und dürstend, von Fiebern und Schmerzen gequält, die Luft um ihn herum verpestet vom eigenen Unrat und von verwesenden Leichen, wer weiß, wie ihn daheim zärtliche i Eltern gepflegt hätten, wie eine treue Braut sich nach ihm sehnte— an das alles dachte ich im Augenblick, als jene rohen Aeußerungen fielen, und was ich saget ich weiß es nicht mehr genau, nur noch einiger Göthescher Zeilen entsinne ich mich, die mir damals so oft in den Mund kamen: „Ich dich ehren? Wofür 9 Hast du die Schmerzen gelindert Jedes Beladenen? Hast du die Tränen gestillet Jedes Geängsteten?“ Und dann packte mich die Wut über die Aeußer⸗ lichkeit und Oberflächlichkeit so vielen offiziellen Kirchentums, Wut über die beamteten. Jünger Christi, die uns so oft, so oft bei unserem Kampf um sozialen Fortschritt, um Hebung der Mensch⸗ heit, um Ausbreitung ihrer Kulturgüter im Wege gestanden haben, die so gleichgültig und untätig das ganze soziale Elend, Kinderarbeit und Hungerlöhne, mit angesehen, oder besser gesagt, gar nicht gesehen haben, an die der Weckruf zu durchgreifenden Reformen erst von außen herankommen mußte, und wie schwer⸗ hörig sind sie auch heute noch zum großen Teil, wie billig die Mittel, die sie für andere übrig haben, wie beschämend die Almosen, mit denen sie ihr Gewissen beruhigen! Wie gefügig sind sie nach oben, wie herzlos streng so oft nach unten! Ach, leider, leider habe ich sie nur zu sehr von nahe kennen gelernt und wenn ich da⸗ ran denke, dann bin ich meiner Bitterkeit nicht immer mehr ganz Herr.— So kam die Strafe über mich.“ Eine Weile schwieg er, tief erregt. Erst als er sich wieder etwas gesammelt hatte, fuhr er ruhiger fort:„Es reut mich nicht. Es mag nun eine göttliche Vorsehung geben oder nicht, ich wünschte es gäbe eine! Mein Leben habe ich, so viel ich konnte, in den Dienst meiner Mitmenschen gestellt. Richte mich denn du und der, den sie deinen Vater nennen. Mein Herz und meine Werke liegen euch offen“. Wieder war es eine Zeit lang still. Der Geistliche schaute und lauschte so gespannt, daß ihm das Herz klopfte. Jetzt, jetzt bewegte Christus die Lippen, jetzt mußte das Urteil kommen:„Wir richten nach den Werken und dem Herzen!“ Und dann sah er den Sozial⸗ demokraten davongehen, aber das Ziel konnte er nicht mehr erkennen. r Splitter. Wes Ofen geheizt ist, der meint es sei überall Sommer. * * Du mußt bedenken, daß eine Lüge dich nicht bloß eine Wahrheit kostet, sondern die Wahrheit überhaupt. 1 Hebbel. * Ohne Begeisterung schlafen die besten Kräfte unseres Gemüts. Es ist ein Zunder in uns, der Funken will. Schopenhauer. Humoristisches Rechenerempel. Zu Blankenburg im Harz hat eine schlichte Frau aus dem Volke 10 Mark Geldstrafe gekriegt, weil sie bei einem Erntedankfest ein dreifaches Hoch auf den lieben Herrgott ausbrachte. Wieviel Strafe muß da ein Herrscher kriegen, der Gottes Beistand für einen Krieg anruft? Aus Kalau. Sie: Ich habe es ja gleich ge⸗ ahnt, daß unsere Ehe keine besonders glückliche werden würde! Er: Also auch„Ahnfrau!“ Weißt du— da kannst du dich in Lippe melden! Vielleicht wirst du als eben⸗ bürtig anerkannt.(Südd. Postill.) Das Gegenteil. Unteroffizier: Meier, wie heißt der neue Oberst?— Meier: Schulze, Herr Unter⸗ offizier.— Unteroffizier: Jawohl, Sie Schafskopf, das gerade Gegenteil— Müller heißt er. ——ñ—— 5 Bemüht Parteifreunde! cg le nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! cht rase egt. alte, Es oder eben iner und erz Der daß ole eil und zial⸗ unte . ————— — No. 46. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Seite 7. Herbst- u. Winter-Saisonl Garnierte und ungarnierte Damen- und Afädchen-TAzpüte vom einfachsten bis elegantesten Genre. Herren- und Knaben-Filzhüte in verschiedenen Qualitäten. Minder-Cauotten,-Mütsrn.⸗Järkrhen Mädchen- u. Frauentücher u. Chales Strümpfe, Socken, Cravatten, Wäsche Hosenträger Taschentücher, Normalwäsche ete. Damen- Gürtel, Corsets Handschuhe, Schürzen, Röcke etc. ben Damen⸗Pelzgarnituren eingeführt: Reizende Neuheiten Nichard Loewentha& 00. GIESSEN Habu sir. 1 Helle Maurhelsti. 1 Vorteihaftes Angebot! 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November, nachm. 3 Uhr General-Cersammlung im Pfau(Dreher). Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. 2. Anträge für den Kreisturntag in Ginsheim. 3. Vorstandswahl. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen bittet Der Vorstand. N Ia. Kornbrot v. Kinzenb. Mühle ist erhältl. in: Gießen, Brotladen am Lindenpl. Wilh. Ulrich, Schloßgasse f Marburg a. d. Lahn 3000 Quadratmeter): Kurkin-Herren-Anzüge 4 5. 4 do. schwerste Qualität. Kammgarn u. Cheviot-Anzüge, blau, braun, Allerfeinste Herren-Anzüge, mit Seitentaschen, beste Verarbeitung 0 8 1 Harros in bester Ware, in prima Kammgarn, Burkin, in Ia. Qualität, früher 15 * in Gießen. Die Stadtverordnetenwahl ist auf Dienstag, den 15. November fest⸗ Bisher war die zahlreichste Klasse der die kleinen Gewerbetreibenden und Arbeiter nur durch zwei Mann im kratischen Partei und der von ihr vertretenen Bevölkerungsschichten, eine stärkere Vertretung zu verlangen. Eduard Krumm, Kaufmann. Chr. Petersen, Schneider. Friedrich Vetters, Redakteur. welche unseren Forderungen bisher nicht so schroff gegen⸗ br. Egid Gutfleiseh, Rechtsanwalt. Karl Loos, Direktor der Gewerbebank. Bürger! Arbeiter! Wahrt deshalb Euere Interessen, geht alle zur Wahl und gebt den unveränderten sozialdemo⸗ Das sozialdemokratische Wahlkomitee. schwar; 13,00 Nik., jetzt 6,00 9 5 Recht der sozialdemo⸗ ches dem reellen der „ Oberhess. Neider⸗Bazar 0 Offeriere aus meinem Riesenlager(meine Räume umfassen 8.00 Mn. 10,00„ 5 * 17,00 Cheviot, * 55 N Bei Bedarf in Uhren Heuchelheim Heinr. Kröck V. I 9 u 1 14 und Goldwaren versäume man 15 Heinr. Schmidt V. Herr.-Burkin-Hosen, in bester Ware, früh. 9 Alk.,„ 0 55 1— dicht, sich einen Kinzenbach Georg Pfaff Radfahrer-Anzüge, früher 30 Mk., jetzt 1 8 0 55 1 Preiskatalog kommen Dorlar Joh. 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