nen, 1 istätte ird garant. uf von ischinenn dern ler W — N 20 a8ferel 16 recht l, e und mu 11 U , nua — Mtteilun ke! ae seich al ge er 100 b. 1e 15% ö 1 N. Gießen, den 13. Mürz 1904. 11. Juhra. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Igs⸗Jeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr N Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Diurch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 38% und bel mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 1 Juserate Die ögespalt. Bei mindesten s in einer lichtvollen Entgegnung. Sozialdemokratische Zollpolitik. In der letzten Zeit hat ein„Fall Schippel“ innerhalb unserer Partei einige Erregung her⸗ vorgerufen und schließlich hat sich auch die Neeichstagsfraktlon mit dieser Sache befaßt, die dabei zu dem Beschlusse kam, der weiter unten wiedergegeben ist. Schippel hielt vor einiger Zeit in Berlin einen Vortrag, in dem er in bezug auf die Zollpolitik Ansichten äußerte, die mit der F der Partei in dieser Frage m enischieden Widerspruch stehen. Schippel, hierüber interpelliert, erklärte, daß er mißverstanden worden sei, er stehe in der Zollfrage durchaus auf dem von der Gesamt⸗ partei vertretenen Standpunkte. An den Vorfall schloß sich eine Zeitungs⸗ polemik, in der Kautsky Schippel nachwies, daß er schon früher in einer Broschüre ähnliche agrarische und den Parteigrundsätzen wider⸗ sprechende Ansichten geäußert habe, wie in jenem Berliner Vortrage. Kautsky verlangte von ihm, daß er sich deutlicher erkläre, denn man könne nicht theoretisch eine Politik billigen, die man in der Agitation auf das Energischste bekämpfe. a Nun ist es ja sehr erklärlich, daß in einer Dreimillionenpartei nicht über alle Fragen gleiche Meinung herrscht. Doch in den Hauptfragen, über gewisse Richtungslinien, dürfen Meinungs- verschiedenheiten nicht vorhanden sein und sind es bei den Massen auch nicht. Trotzdem sind Auslassungen, wie diejenige Schippels, geeignet, Verwirrung in den Parteikreisen anzurichten und unsere Agitation zu erschweren. Kommt doch sogar ein Parteiblatt, die„Volksstimme“ in Chemnitz dazu, der Brot verteuerungspolitik das Wort zu reden. In einem infolge des Falles Schippel in dem genannten Blatte ver⸗ öffentlichten Artikel des Genossen Enders leistet sich dieser am Schluß folgenden Satz: „Wir müssen den Mut haben, gegebenenfalls, d. h. sofern die Notwendigkeit unzweifelhaft nachgewiesen ist, durch amtliche Erhebungen, unter den Kautelen, die wir verlangen müssen, der städtischen Bevölkerung zu sagen: Es geht nicht anders, wir müssen dem Lan d⸗ wirt für ein Pfund Brot und Fleisch einen Pfennig Hei en adur unten wir auch die politische Freundschaft des Bauern gewinnen. N Diese Anschauung begründet er auch damit, daß die Entlohnung der Landarbeiter viel⸗ fach davon abhängt, wie viel der Grundbestitzer verdient, und daß es keineswegs bewiesen sei, daß durch Getreidezölle die Löhne herab⸗ gedrückt werden. Dagegen wendet sich e r weist darauf hin, daß natürlich von einem Herab⸗ drücken des Gel dlohns in der ganzen Zoll⸗ agitation nie die Rede gewesen sesl. Was be⸗ hauptet wurde, ist, daß die Lebensmittelzölle die Preise der Lebensmittel im Lande höher halten als in dem von Zoll freien Aus⸗ land, und daß auf diese Weise der Arbeiter im Inlande für sein Geld weniger erhält, als er sonst erhielte, daß sein Lohn demnach um den Betrag der durch den Zoll bewirkten Preis⸗ erhöhung gekürzt wird. Wenn man für dasselbe Geld weniger Nahrungsmittel beim Kaufmann erhält, so bedeutet das selbst bei gestiegenem Geldlohn eine Verschlechterung der Lebenshaltung, gegen die die Arbeiter“ das Fehlen des Militarismus, was sich energisch zur Wehre setzen müssen. Ebenso falsch— das weiß jeder Arbeiter!— ist die bon Enders aufgestellte(oder vielmehr von den Unternehmern entlehnte) Lohntheorie. Nicht davon hängt die Höhe des Lohnes ab, wie viel die Unternehmer verdienen, sondern von der Stärke und der Kraft der Arbeiterorgani⸗ sation. Wenn die Löhne der Landarbeiter ge⸗ stiegen sind, so hat das mit dem durch die Getreidezölle bedingten Mehrgewinn der Grund⸗ besitzer gar nichts zu tun. Die Lohnarbeiter⸗ schakt eines Landes bildet eine solidarische Masse, man kann nicht ein Stück von ihr will⸗ kürlich lostrennen. Die Industriearbeiterschaft aber hat unter ihr die Führung. Gegen die Arbeitslöhne in der In dustrie in die Höhe, so müssen sie allenthalben nachfolgen; sinken sie in der Industrie, dann sinken sie in allen Erwerbszweigen. Wenn die Löhne der Land⸗ arbeiter im letzten Jahrzehnt(von etwa 1890 bis 1900) in die Höhe gegangen sind, danken ste dies dem Vorbild der Industrie⸗ arbeiterschaft. An der Entwicklung der Industrie und der industriellen Arbeiterschaft sind die Landarbeiter aufs höchste interesstert. Diese Entwicklung wird aber durch hohe Preise von Lebensmitteln und Rohstoffen, also durch Agrarzölle, gehemmt. An billigen Lebensmittelpreisen haben aber die Landarbeiter auch ein direktes Interesse, denn sie sind in weit größerem Maße Käufer als Verkäufer auf dem Lebens mittelmarkt. Ebenso interessiert sind sie endlich auch an niedrigen Grundrenten, da sie meist danach trachten, ein Stückchen Land für sich zu pachten. Je höher aber der Getreidepreis ist, desto höher steigt der Wert des Bodens und damit der Pachtzins— die Grundrente. Die Grundrente ist ein Erzeugnis der kapi⸗ talistischen Produktion in der Landwirtschaft. Der Großgrundbesttzer produziert entweder selbst kapitalistisch oder läßt durch seine Pächter pro⸗ duzieren. Der Ertrag seines Berriebs muß hinreichen, die Arbeitslöhne zu zahlen, das sonstige verbrauchte Kapital zu ersetzen und für das ganze angewandte Kapital den Profit ein⸗ zubringen, sonst läßt sich der kapitalistische Unter⸗ nehmer auf das Geschäft nicht ein. Es wirft aber, wenn das Gut verpachtet wird, auch noch einen Pachtzins ab. Einen entsprechenden Ueber⸗ gewinn will der Gutsbesitzer, wo er selbst wirt⸗ schaftet, ebenfalls haben, sonst wäre es ja pro⸗ fitabler, den Betrieb zu verpachten. Dieser Ueberschuß, der um so höher ist, je höher die Lebensmittelpreise und je stärker das Monopol des Grundbesitzes, ist seine Grundrente. Der Nachweis für die„Notwendigkeit“ land⸗ wirtschaftlicher Schutzzölle, die Enders und Schippel in Gegensatz zum bloßen„Bereiche⸗ rungs“zoll stellen und als zulässig erklären, läßt sich nicht erbringen. Es gibt keine land⸗ wirtschaftlichen„Erziehungszölle“. Gewiß leidet in industriell vorgeschrittenen Ländern die Land⸗ wirtschaft darunter, daß in den überseeischen Ländern die landwirtschaftlichen Produkttons⸗ kosten geringer sind. Der Vorteil des besseren Bodens wird aber so ziemlich wett gemacht durch den Nachteil der größeren Entfernung vom Markte. Aber dazu wird die überseeische Landwirtschaft allerdings noch begünstigt durch dem Bauer seine Söhne läßt, und das Fehlen einer erheblichen Grundrente, wodurch die Bodenpreise niedrig sind. Diese beiden Ele⸗ mente sind die Hauptvorteile des überseeischen Landwirts. Will man den europäischen Land⸗ wirt seiner Konkurrenz gewachsen machen, muß man ihn in diesen Punkten seinen Konkurrenten gleich oder nahe stellen. Der landwirtschaftliche Schutzzoll wirkt aber in jeder dieser beiden Beziehungen den Bedürfnissen der Landwirtschaft entgegen. Als Finanzzoll liefert er hohe Erträge, die den Militarismus fördern, als Mittel, die Lebensmittelpreise hoch zu halten, hält er auch die Grundrente, also die Boden⸗ preise hoch. So wirkt er für die Landwirtschaft nicht als Erziehungs⸗, sondern als Verziehungs⸗ zoll, wie Kautsky mit Recht sagt. Genosse Enders hält die Brot- und Fleisch⸗ zölle für ein probates Mittel, um die politische Freundschaft der Landbevölkerung zu kaufen, die angeblich an den hohen Lebensmittelpreisen interesstert ist. Aber unzähligemal ist bereits nachgewiesen worden, daß die große Masse auch der selbständigen Bauern vom Sinken der Lebensmittelpreise nicht getroffen wird. Den größten Teil ihrer Produkte verzehren sie selbst — Milch, Eier, Kartoffeln, Kraut, Rüben, Schweinefleisch—; und den größten Teil 7 Geldeinnahmen ziehen sie nicht aus dem Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten, sondern aus Lohnarbeit und andern Nebeneinnahmen. Sie kaufen mehr an landwirtschaftlichen Produkten, als sie verkaufen(namentlich Getreide), haben also durchaus kein Interesse an den Lebens⸗ mittelzöllen(besonders an den Kornzöllen). Sie haben aber auch gar kein Interesse an hohen Bodenpreisen, denn der Hauptmißstand, unter dem sie leiden, ist die Beschränktheit ihres Betriebes. Je niedriger die Bodenpreise, desto leichter können sie ihn erwerben. Um diese Schicht der Landbevölkerung zu gewinnen, dazu bedürfen wir also nicht der Lebensmittel, namentlich nicht der Getreidezölle. Vorteil von den Getreidezöllen hat nicht die Landwirtschaft, sondern ausschließlich der Großgrundbesitz. Den Nachteil aber trägt fast ausschließlich die Ar⸗ beiter schaft. Wenn die Wortführer der Agrarier und Brotverteuerer die Sache so hinstellen, als würde die Grundrente durch den Getreidezoll nur auf Kosten des Kapitalprosits gestärkt, so ist das grundfalsch. Das Produkt der Arbeit zerfällt unter kapitalistischer Wirt⸗ schaft in drei Teile: Arbeitslohn, Kapitalprofit, Grundrente. Je höher die beiden letzteren, desto niedriger der erstere und umgekehrt. Und Lohn und Profit zusammen können bei gegebenem Produkt nur wachsen auf Kosten der Rente, diese nur auf Kosten von Lohn oder Profit. Aber der Löwenanteil an diesen Kosten, sagt Kautsky mit Recht, wird stets auf das Prole⸗ tariat abgewälzt werden. Es ist der schwächere Teil, auf den man alle gesellschaftlichen Lasten am leichtesten abwälzen kann. Und die Kon⸗ kurrenz mit dem Weltmarkt, auf dem der billigere, nicht durch den Zoll verteuerte Lebens- mittelpreis herrscht und wo unsere exportierenden Industrien einen großen Teil ihres Absatzes suchen müssen, drängt den Kapitalisten aufs äußerste, das Lohnulveau im durch Lebens- mittelzölle belasteten Lande ebenso tief wie im — S—— Seite 2. Mittcldeutsche Sountags⸗Zeitung. zollfreien Auslande zu halten, die Last des Zolls ganz von den Arbettern tragen zu lassen. Nach wie vor muß deshalb die Parole für die Sozialdemokratie bleiben: Bedingungsloser Kampf gegen die Lebensmittel zölle! Kampf gegen den Brotwucher! Hier helfen keine zweideutigen Redensarten; hier heißt es, klar und scharf Stellung nehmen. Wer die Schlachtlinie ver⸗ läßt oder Verwirrung in die Reihen der Kämpfenden trägt, besorgt damit die Geschäfte der Todfeinde der Arbeiterschaft.. 2——1N— — * -Mit dem„Fall Schippel“ hat sich, wie bemerkt, die Reichstags⸗Fraktion in einer Sitzung am Mittwoch voriger Woche befaßt. Nachdem der Fraktions⸗Vorstand über die Angelegenheit Schtppel⸗Kautsky und die in der Sache statt⸗ gefundenen Erörterungen in der Parteipresse Bericht erstattet hatte, beschloß die Fraktion folgende Erklärung: 1.„Die Art und Weise, wie Schippel sowohl in literarischen Arbeiten als in Vorträgen die Agrarzölle behandelt, steht im Widerspruch mit der von der Partei beschlossenen Taktik und ist geeignet, Unklarheit und Zer⸗ splttteruug in dem Kampfe gegen die Lebens mittelzölle zu erzeugen. 2. Trotzdem Schippel behauptet, bei seinen Aeußer⸗ ungen nur über die Ansichten der Gegner referiert zu haben, führten seine Ausführungen zu der Annahme, daß er seine eignen Ansichten über die Agrarzölle zum Ausdruck gebracht hat. 3 Der Umstand, daß Schippel sich bei parlamenta⸗ rischen Beschlüssen dem Votum der Fraktion angeschlossen hat, ändert nichts an der Tatsache, daß seine in Wort und Schrift geäußerte Meinung über die Agrarzölle den Geguern Gelegenheit gegeben haben, die Stellung der Partei in diesen Fragen zu bekämpfen. 4. Das unklare, zu Mißdeutungen führende Ver- halten Schippels in Zollfragen ist mit einer wirksamen Vertretung von der Partei wiederholt festgelegten Stell⸗ ung zu diesen Fragen unvereinbar und führt zu einem für die Partei und die Fraktion unerträglichen Zustand. 5. Es ist erforderlich, daß Schippel ungesäumt Ver⸗ aulassung nimmt, auf eine klare, unanfechtbare Weise der Oeffentlichkeit gegenüber festzustellen, welche grund⸗ sätzliche Stellung er den Agrarzöllen gegenüber ein⸗ nimmt. Die Fraktion fordert in Rücksicht auf die Notwendig⸗ keit einheitlicher und übereinstimmender Propagierung der Paꝛteibeschlüsse Schippel auf, Zollfragen fortan nur in einer jede Mißdeutung ausschließenden Weise zu behandeln.“ —— Eine prinzliche Bestie. Gegen den bekannten und berüchtigten Ko⸗ lontalhelden Prinzen v. Arenberg fand vorige Woche erneut eine Verhandlung— es ist schon die vierte— wegen Tötung des Eingeborenen Cain in Südwestafrika statt. Wegen dieser Tat war der Prinz erst zum To de verurteilt worden, dann wurde er zu 15 Jahren Zucht⸗ haus begnadigt; durch einen weiteren Gnaden⸗ akt wurde die Zuchthausstrafe in Gefängnis⸗ strafe umgewandelt. Schließlich hatten die ein⸗ llußreichen und zahlungsfähigen Verwandten des Prinzen die Wiederaufnahme des Verfahrens durchgesetzt, weil der Prinz bei Verübung des Mordes„geisteskrank“ gewesen sei. Das Kriegsgericht schloß sich dieser Meinung an und erkannte auf Freisprechung. Und in der Tat, die Zeugen bekundeten von dem Prinze! ee von so viehischer Roheit, so blut⸗ gtertger Mordlust, daß jedem Leser der Prozeß⸗ verhandlungen sich die Ueberzeugung aufdrängen muß, daß dieses Scheusal kaum in normaler Getstesverfassung sich befinden kann. Was die Zeugen über die zahlreichen viehtschen Exzesse angaben, ist geradezu ungeheuerlich und läßt fühlenden Menschen die Haut erschauern. Schon der achtjährige Knabe verübte haarsträubende Roheitsakte. Daß er seine Lehrer durch⸗ prügelte, waren noch die harmlosesten seiner Taten. Sein Hauptvergnügen bestand in bei⸗ spiellosen Tierquälereien. Gefaugenen Fischen pflegte er die Augen aus zustech en. Katzen hackte er die Pfoten ab und warf e dann den Hunden vor. Kleine Hunde ließ er von den größeren Kötern zerfleischen. Einem Seiden⸗ spitz, der ihm von einem großen Köter nicht übel genug zugerichtet zu werden schien, biß er den Schwanz ab. Als er heranwuchs, verübte er seine Scheusäligkeiten namentlich auf der Jagd. Kaum dem Knabenalter entwachsen feiert er mit Straßendirnen die wüstesten Orgien. Und die Familie Arenberg, die dem höchsten katholischen Adel angehört, steckte diesen geborenen Verbrecher nicht etwa in eine Heil⸗ anstalt, sie hielt ihn just für geeignet, ihn als „Volkserzieher“ auf die Rekruten loszu⸗ lassen. Als Offizier ließ er sich ebenfalls zahl⸗ reiche Roheiten und Exzesse zu schulden kommen, wegen Soldatenmißhandlung erhält er eine milde Strafe. Jetzt aber läßt man das arme prinzliche Tier als„Kulturträger“ auf die schwarze Rasse los. Er saͤuft und paart sich mit herbei⸗ geschleppten Negerweibern und— da er dort gar keine Schranke seiner prinzlichen Freiheit findet— wen wundert es, daß er schließlich die letzte menschliche Maske abwirft. Um ein Weib besitzen zu können, das ihren Mann liebt, ermordet er diesen Mann. Aber er ermordet ihn nicht wie ein gewöhnlich geborner Mörder im offenen Kampf, in dem Leben gegen Leben steht. Auch als Mörder bleibt er— Durch⸗ laucht und Vorgesetzter! Er befiehlt sein Opfer zu fesseln, und Kadavergehorsam fesselt es. Er befiehlt seinem Untergebenen, nach dem Gefesselten zu schießen, und der gehorsame Soldat schießt. Subordination, Unterwerfung, sagt der Kriegs⸗ minister, ist die erste Tugend des Soldaten.. Der verurteilte Prinz Arenberg war ein traurig entsetzliches Beispiel der menschlichen Entartung, ein Beweis, daß kein Rang und Stand vor dem Unglück geschützt sei, Bestien zu seinen Mitgliedern zu haben. Er war aber auch nicht mehr als das. Ein„bedauerlicher Einzelfall“, und weiter nichts. Der freige⸗ sprochene Prinz Arenberg aber, der blöd— sinnige, irre Despot im kleinen, erhebt sich als der riesenhafte furchtbarste Belastungszeuge wider ein System, dem die aufgeklärte, menschlich freie geistige Bewegung der Sozial⸗ demokratie den Untergang zugeschworen hat. Prinz Arenberg ist das traurige Ergebnis der heutigen Ordnung mit ihrem Vorrecht der Geburt der Herrenwillkür und dem Kadaver⸗ gehorsam. Politische Rundschau. Gießen, den 10. März 1904. Schlechte Schützen, gute Patrioten! „Ein königstreuer Soldat, der ein paar Kreise schlechter schießt, ist mir viel lieber als ein sozialdemokratisch gesinnter Soldat, der befser schießt.“ So hat sich der preußische Kriege minister v. Einem in der Maße des deutschen Reichstags ge⸗ äußert. Dieses Wort, das historisch werden wird und dem gegenwärtigen Kriegsminister die Un⸗ sterblichkeit sichert, sei bloß deswegen mit be⸗ sonderer Hervorhebung zitiert, damit eine ferne Zukunft unsrer Zeit nicht den Vor⸗ wurf mache, sie sei an ihren bedeutendsten Er⸗ scheinungen vorübergegangen. Der preußische Kriegsminister ist der Meinung, daß es bei der Verteidigung des Vaterlandes, der sich— wie er wohl weiß— kein Sozialdemokrat zu ent⸗ ziehen gedenkt, auf das Schießen nicht ankommt. Man gebe also dem Soldaten keine Patronen mit, wenn sie in den Krieg ziehen, sondern packe ihnen die Schriften des Korbmachers Fischer und die Reden des Grafen Bülow in dem Tornister. Lieb Vaterland, kannst ruhig sein!— Weltmarschall Waldersee ist am Sonntag in Hannover, 72 Jahre alt, gestorben. Sein Tod erweckt die Erinnerung ar den berüchtigten Hunnenzug, dessen General⸗ isstmus der Verstorbene war. Seine Rolle als solcher bekam durch die ganze Art, wie jene Aktion in Szene gesetzt wurde, durch die Ab⸗ schiedsfeiern und sonstigen Veranstaltungen bei seiner Abreise, einen etwas komischen Anstrich. Ein komplettes„unverbrennliches“ Asbesthaus in seiner Ausrüstung, begleitet von einem Leib⸗ China. Dort fand er aber keine Gele. große Taten zu tun, die„Vorschuß⸗Lordeer verbrannten mit dem Asbesthause.— In den letzten Jahren des Bismarcks⸗Regimentes hatte die Stöcke r⸗Waldersee⸗Clique bedenklichen po⸗ litischen Einfluß und viel fehlte nicht, so wäre Waldersee Reichskanzler geworden. Roheiten der Pückler⸗Partei. Bei einer antisemitischen Versammlung, die am Dienstag in Berlin stattfand und in der Abg. Böckler das Thema„Mandelstamm und Silberfarb“ behandelte, begingen die Teutschen rohe Ausschreitungen. Ein Antisemit gab nach dem Vorwärts der Hoffnung Ausdruck, daß auch wir in Deutschland bald ein Kischinew haben würden. Damit begann die Versammlung vom Bildlichen zum Tätlichen überzugehen. Ein russischer Student nach dem andern wurde am Kragen genommen, ver⸗ hauen und hin ausgeworfen, ganz be⸗ sonders zeigte sich als guter Schüler Pücklers Herr Bruhn, der dem einen Studenten das Auge so stark verletzte, daß er die Unfallstation 7 mußte. Selbst Frauen, die vor den tobenden Antisemiten flüchteten, wurden zu Boden geworfen und unter wüsten Beschimpf⸗ ungen mit Füßen getreten. Nachdem die Anti⸗ semiten sämtliche im Saale anwesenden Gegner hinausgeworfen hatten, ging die Schlägerei im Garten weiter fort, ohne daß die Polizei ein⸗ geschritten wäre.— Antisemitische Kultur! Wahlen in Belgien. Am Pfiungstmontag dieses Jahres finden in Belgien Neuwahlen zur Kammer statt und zwar sind die Hälfte der Mandate zu erneuern. Unsere Parteigenossen werden natürlich lebhaft in die Wahlbewegung eingreifen. Das belgische Wahl⸗ recht ist für die Arbeiter sehr ungünstig; es ist das Pluralwahlrecht, wonach höher Be⸗ steuerte und akademisch Gebil dete zwei und noch mehr Stimmen haben.— Bisher waren in der Kammer vertreten: 96 Klerikale, 34 Sozialisten, 34 Liberale und 2 christl. Demokraten. Von den Sozialisten scheiden 20 aus. Der Dreyfus ⸗Prozeß erlebt eine neue Auflage. In dem Prozeß von Rennes wurde Dreyfus bekanntlich verurteilt, bald darauf aber begnadigt. Um seine Unschuld darzutun, arbeitete der Verurteilte unablässig darauf hin, eine Revision seines Prozesses her⸗ beizuführen. Das ist ihm auch gelungen; vorige Woche begannen vor dem Pariser Kafsationshofe die Revistonsverhandlungen. Von der Staats⸗ behörde wurden eine Reihe Fälschungen von Dokumenten festgestellt, welche die Grundlage der Verurteilung Dreyfus bildeten. Verübt wurden diese Fälschungen von Mitgliedern des Generalstabes und andern hohen Offizieren. Alle diese Tatsachen machen eine neue Unter⸗ suchung nötig. Vom russisch⸗japanischen Krieg. Wladiwostok bombardiert. Diese Meldung kam anfangs der Woche. Damit hat die längere Pause in den kriegerischen Aktionen wieder durch ein ernsteres reignis eine Unterbrechung erfahren. Von russischer Seite wurde darüber berichtet, daß am Sonntag Mittag ein japanestsches Geschwader vor Wla⸗ diwostok(befestigter russischer Hafen östlich von Korea) erschien, welches alsbald das Feuer eröffnete und eine Stunde lang unterhielt. Das feindliche Geschwader, heißt es weiter, richtete sein Feuer aus einer Entfernung von 8 Werst von der Küste auf die Küstenforts, die Batterien und die Stadt; doch richteten die Geschosse keinen Schaden an. Die meisten der abgefeuerten Geschosse, ungefähr 200 an der Zahl, krepierten nicht, 7 sie mit Lyddit eladen waren. Unsere Batterien, bei denen ich der Kommandant General Woronetz, der Brigadekommandeur General Artamanow sowie die übrigen Befehlshaber befanden, antworteten nicht, sondern warteten ab, ob der Feind näher Nr. 1. 6 koch, der 10000 Mark Gehalt elne og er nach 0 De Donner nere holt B. Inter d Malürli gescich demokre Uiter a ab, det den Na eden? er erin . ihren ause treit Mittel Wit age zu Prüfun el. umlug, 5 1 Au. 11. und eltaun ab begann rätlicen ach den , ber⸗ fa be. ücles ten bas llstation bor den den J schimpf⸗ ie Au. Gegner gerel in iel ein. tur! den il. ud zwar Unsere t in die Wohl J i her Be⸗ ö ind noch in der salisten, l . Von eß bol, ll 8 culd ablässtg 0 es her⸗ 905 nshofe Staats en bon indlage Verüßt ern dez ieren. 1115 unter der heutigen Rechtspflege zu leiden haben. pören die Volksseele auf das tiefste; aber eine schreitet, aus dem Dienste entfernt wird, selbst ist er volksfeindlich und muß je eher je besser durch eine wahre Volkswehr, ein Milizheer, glücklicher sprach, wo er sich durch seine plumpen Kamellen“ vom Dresdener Parteitag, die schon 1 der Reichskanzler dutzendmal vorgetragen hat, 0 um jeden auch noch so geringen rednerischen Miteldentsche Sountags⸗Zeitung Zeite 3. kommen würde. Doch zogen sich die Schiffe bald wieder zurück. Außer der Verwundung einiger Personen soll das Bombardement keinen Schaden angerichtet haben. Mit einer Krtiegslist operierten die Japaner vor Port Arthur. Darüber wurde berichtet: Mittwoch nachts sah man von den Forts von Port Arthur aus sich viele Lichter nähern und es folgte eine Beschießung. Die Forts erwiderten das Feuer sofort, aber nach einer Stunde stellte sich heraus, daß die Lichter nur an Masten von Holzflößen befestigt waren. Man erfuhr dann aus japanischer Quelle, die Flöße seien vom Liaotschan⸗Leucht⸗ turm aus abgeschickt, damit die Russen ihre Munition daran vergeuden sollten! Im Norden Koreas dringen die Japaner nach weiteren Meldungen gegen den Jalufluß bal über den sich die Russen zurückgezogen itten. Um den Geldmangel abzuhelfen, wer⸗ den gegen die Juden von der russ. Gendarmerie Erpressungen„freiwilliger Beiträge“ für das rote Kreuz verübt. Nicht bloß gegen die reichen Juden, selbst die Wächter im jüdischen Krankenhaus, die ganze fünf Rubel monatlich bekommen, müssen sich einen zweiprozentigen Abzug von ihrem„Gehalt“ gefallen lassen. Aus dem Reichstage. Der Justizetat war am Mittwoch und Donnerstag noch Gegenstand der Verhandlungen. Unsere Parteigenossen nahmen hierbei wieder⸗ holt Veranlassung darzutun, wie die Arbeiter Natürlich wußten die Gegner allerlei Schauer⸗ geschichten vom„Terrorismus“ der Sozial⸗ demokratie zu erzählen. Diese Angrtffe fertigte unter anderem Genosse Bömelburg gründlich ab, der, gestützt auf unbestrenibare Tatsachen, den Nachweis führte, daß die Gewerkschaften jeden Terrorismus grundsätzlich verdammen; er erinnerte die Gegner daran, wie gerade in ihren Kreisen der gesellschaftliche Boykott zu ause wäre und wie häufig es bei religiösen treitigkeiten zur Anwendung terroristischer Mittel käme. Dann brachte unser Genosse das Verhalten der Dortmunder Polizei am Wahl⸗ tage zur Sprache und ihre Scheu, es zu einer Prüfung dieser ihrer Tätigkeit vor Gericht kommen zu lassen. Freitag kam der Militäretat an die Reihe. Während die Mehrzahl der bürgerlichen Redner nichts oder nur wenig an unserem herrlichen Kriegsheer auszusetzen haben, über⸗ nahm es wieder unser Genosse Bebel, auf die offenbaren und für das gesamte Volk so verderblichen Schäden des Militarismus hinzu⸗ weisen. Gegen das System richtete er seine Angriffe. Dem heutigen Manöverwesen geht mehr und mehr selbst der Schein des Kriegs⸗ mäßigen verloren, die Uniformen werden in immer höherem Grade Schmuckstücke statt feldmäßiger Ausrüstung, Urteile wie im Heidel⸗ berger„Meuterei⸗“ und„Aufruhr“prozeß em⸗ weit über den Einzelfall hinausgehende Be⸗ deutung gewinnen alle diese Vorkommnisse als Schäden des Militarismus, der seinen typischen Ausdruck in den Mißhandlungen findet. Es erscheint so gleichsam natürlich, daß ein kom⸗ mandierender General, der gegen diese ein⸗ wenn er ein Prinz ist, daß dagegen sein Kollege, der sich selbst solcher Handlungen schuldig macht, mit einem mehrstündigen Zimmerarrest davon kommt. Aber der Militarismus untergräbt seine eigenen Wurzeln, indem er die besten Soldaten, die intelligente sozialistisch aufgeklärte Arbeiterschaft von sich fernzuhalten sucht und ihnen die Sol datenlaufbahn verschließt. Darum ersetzt werden.— Der Kriegsminister, der sonst Ausfälle auf unsere Partei und durch die„ollen legung erfuhr. Erfolg brachte, wußte darauf ziemlich wenig zu erwidern. Er meinte, daß es beim Soldaten nicht auf das gute Schießen, sondern auf die gute Gesinnung ankommt. Bei unange⸗ nehmen Fällen übte er die neueste Ministertaktik des Sichtotstellens. Er weiß nichts davon und hört zum erstenmal von Dingen, die alle Spatzen längst von den Dächern pfeifen. Besonders suchte er an dem Beweise herumzumäkeln, den Bebel für unser vollständig korrektes Verhalten 125 Militär, für unser Bemühen, jede Agitation avon fernzuhalten, erbracht hatte. Bei der Fortsetzung der Debatte am Sams⸗ tag stand die ausgezeichnete Rede unseres Ge⸗ 10 Gradnauer im Mittelpunkt des In⸗ teresses. Der Redner nahm sich die Rede des Kriegsministers vor, die eine gründliche Wider⸗ Er begann mit dem Hinweis auf den Prozeß des Prinzen Arenberg, der eine treffliche Illustration zu den Schönfärbereien des Kriegsministers bilde. Wie war es möglich,— fragte er— daß ein so minderwertiger Mensch, wie Arenberg, als Offizier in die Armee aufgenommen, daß er nach Südwest⸗ afrika geschickt werden konnte. Sein geistiger Zustand war kein Geheimnis für seine Umgebung, schon als er noch in Münster war. Dieser Fall ist typisch für die Art, wie Offiziere befördert werden. Ein Mann von hoher Geburt wird befördert, auch wenn er ein Trunkenbold, ein Lüdrian, ein Idiot ist. Zur Erklärung dieser Tatsache liegen nur zwei Möglichkeiten vor: entweder spielt die soziale Stellung eines jungen Mannes in der Armee die ausschlaggebende Rolle, oder man hat in der Armee nicht die richtige Unterscheidungs⸗ gabe, solch idiotisch veranlagte Leute von den übrigen genügend zu unterscheiden. Der Kriegsminister hat gestern mit einem Zitat geendet. Man sagt, daß er sein Auf⸗ rücken in seine jetzige Stellung einem Zitat zu verdanken habe. Möge er da nur etwas vorsichtiger sein mit seinen Zitaten, damit er sich nicht wieder herunterzitiert. Die Worte:„Ans Vaterland usw.“ stammen aus Tell. Der Havptgedanke dieser Dichtung aber gipfelt in den Worten: Nein, eine Grenze hat Tyrannen macht. Hier wird das unveräußerliche Recht der Not wehr für das Volk proklamiert. Der Kriegsminister will die Soldaten⸗ mißhandlungen der Sozialdemokratie aufs Schuldkonto setzen. Als Beweis mußte ein An rag vom Dresdener Parteitag dienen, der eine Propaganda für den So⸗ zialismus im Heere verlangt. Aber der Antrag hat nicht einmal die nötige Unterstützung gefunden, um über⸗ haupt dort zur Besprechung zu kommen. Wir haben eine solche Propaganda im Heere auch gar nicht nötig: die besorgt der Kriegs min ister für uns. Der tiesste Grund der Soldatenmißhandlungen liegt im ganzen System. Das Losungswort des Kriegs⸗ ministers ist die Disziplin. Gewiß, Disziplin ist, wie überall, auch in der Ar nee erforderlich. Die Konserba⸗ tiven aber wollen die rückständige Disziplin des Knechtes gegenüber dem Herrn und in der Armee herrscht die Disziplin, die durch Furcht und Schrecken von oben ein⸗ geimpft wird. Wir aber wollen eine Disziplin der Freudigkeit und Freiwilligkeit. Der Kriegs⸗ minister hält das geltende Militärstrafgesetzbuch für human. Aber im Zusammenhang mit der Unterwürfigkeits⸗ Disziplin steht das System des Paradedrills. Wie denkt der Herr Kriegsminister über den berühmten Friederi⸗ cianischen Griff, der nach 150jähriger Vergessenheit jetzt beim gesamten Gardekorps wieder eingeführt ist? Die Zeit, die seine Einübung erfordert, geht der kriegs⸗ mäßigen Ausbildung geradezu verloren. Der Kriegs⸗ minister führte unsere kriegerischen Erfolge auf den Drill zurück. Aber der berühmte russische General Dragomirow meint, daß uns re Truppen in jenen Tagen nicht wegen, sondern trotz des Drills Bedeutendes geleistet haben. Wir werden uns durch den beleidigeuden Ausdruck des Kriegsministers, daß verhetzende Kritik geübt werde, nicht abhalten lassen, auch weiterhin zu kritisteren, wie wir es im Interesse der Wohlfahrt und Kultur für nötig halten. Der Kriegsminister meinte, er wolle nicht Soldaten haben, die, wenn es einmal Ernst würde, nicht mit⸗ machten! Er hätte deutlicher reden sollen. Meint er mit dem Ernstfall den Krieg? Wir haben nie darüber Zweifel gelassen, daß selbstverständlich in Fällen, wo man von außen her gegen uns vorgehen, jeder sozial⸗ sozlaldemokratische Soldat seine Pflicht und Schuldigkeit tun würde. Ich wünsche dem Kriegsminister dann nur, daß er recht viele sozialdemokratische Soldaten hat, die gut schießen können. Wenn er dann nur die anderen hat, die nicht so gut schießen, dann würde es ihm sehr unangenehm sein. Oder hat er vielleicht an jenen anderen Fall gedacht, wo, wie einmal gesagt wurde, die Soldaten auf Vater und Mutter schießen sollten? Dann möchte ich ihn dringend bitten, seine Gedanken nicht immer auf solche Sitnationen zu richten, an die von unserer Seite niemand denkt. Wenn man die Verfassung bricht, dann ist der Soldat durch das Militärstrafgesetz⸗ buch verpflichtet, den Gehorsam zu verweigern. Wenn man die Armee zum Verfassungsbruch gegen das Gesetz aussplelt, dann gilt der Eid des Soldaten nicht mehr.— Wenn er die Sozialdemokraten wirklich so ungern hat, dann sollte er sie gar nicht in die Armee aufnehmen. Die Aeußerung des Kriegsministers, daß das Offtzierskorps die Blüte der Nation umfasse, kann die Ueberhebung in den Kreisen der Offtziere nur vermehren. 18jährige Leutnants sollen die Erzieher der Nation sein 2 Sie bedürfen selbst noch der Erziehung. Wenn die Unterofftziere sehen, daß der Sohn einer Familie aus sozial höheren Schichten mit 18 Johren Leutnant ip, während sie selbst es nach langer Dienstzeit nicht weiter als bis zum Feldwebel bringen, so werden sie die darin liegende Ungerechtigkert aufs schwerste empfinden. Unter den Soldaten aus ärmerem Stande hat mancher eben so viel Intelligenz und Fähigkeit wie viele Elnjährig⸗Frei⸗ willige. Wichtig wäre es, die Armee nach den Forderungen der Gerechtigkeit zu reformieren, alle Privilegien zu beseitigen. Am Montag setzte sich der Kampf zwischen unseren Genossen und den Vertretern der Re⸗ gierung weiter fort, nachdem der Antisemiten⸗ häuptling Liebermann eine judenfresserische und der edle Junker v. Riepenhausen eine höchst lächerliche Rede gehalten hatte. Bebel, der wiederum das Wort nahm, hatte reichliche Ar⸗ beit, die große Zahl von Einzelfällen, die der Kriegsminister falsch dargestellt hatte, wieder richtig zu stellen. Aber er wandte sich bald prinziptelleren Fragen zu. Er zeigte, daß die ganze bürgerliche Kritik nur zum Schein getrieben werde, um der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nebenbei wies er die Verleumdungen zurück, die der Scharfmacher Dr. Beumer am Samatag gegen unsere Partei gerichtet hatte. Dann besprach er die Zustände in der Armee und kennzeichnete ste nach doppelter Richtung. In der Behaudlung der Mannschaften gehe man einzig und allein darauf aus, die Sozialdemokratie zu bekämpfen. Bei den Offi⸗ zieren herrsche schon heute größte Unzufrieden⸗ heit. Vor allem aber schildert er mil größter prinzipieller Schärfe die Stellung unserer Partei zu der Armee und zum Kriege. Wir betrachten die Armee als eine Organisation, von der jede parteipolitische Agitation möglichst fern gehalten werden sollte, wünschen aber auch, daß alle anderen Parteien die gleiche Haltung einnehmen. Wir sind bereit, in jedem gerechten Kriege Gut und Blut für das Vaterland zu opfern und werden nicht ein Stückchen unseres Bodens aufgeben. Aber wir behalten uns eine freie Kritik darüber vor, ob es sich um ein wahr⸗ haftes Volksinteresse oder um einen bloß dyna⸗ stischen oder kapitalistischen Krieg handelt. Der Kriegsminister, der nach längerer Vor⸗ bereitung auf die Rede des Genossen Bebel antwortete, brachte nichts wesentlich Neues. Zum größten Teil hatte er die Rede nicht ver⸗ standen, wie die Antwort auf Bebels Ausführ⸗ ungen über Krieg zeigte. Die Militär⸗Debatte füllte auch noch den ganzen Dienstag aus. Von unsern Genossen ergriff Ledebour an diesem Tage das Wort, der kräftig und wirksam die Angriffe der Gegner abführte.— Wenn es gilt, auf die Sozial⸗ demokratie zu schimpfen, darf natürlich der Pfaffe Stöcker nicht fehlen. Er pöbelte die Sozialdemokratie zum soundsovielten Male mit einer wüsten Schimpfrede an. Das tut er bereits seit dreißig Jahren— geschadet hats der Sozialdemokratte noch nicht. Pon Nah und Fern. Hessisches. —„Schützer“ der Land wirtschaft! Für die Förderung der Landwirtschaft gibt der hessische Staat fast eine Million Mk. jähr⸗ lich aus. Ueber den Nutzen dieser Aufwendungen gab es neulich im Landtage eine bemerkens⸗ werte Debatte. Dabei gerieten sich nämlich die patentierten antisemitischen Schützer der Land⸗ wirtschaft untereinander in die Haare! Zur Beratung stand ein Etatsposten von 91 350 Mark zur Hebung der Rindviehzucht. Ueb er die Verwendung dieses Betrages, der zur Zucht reiner Vogelsberger und Simmentaler Viehschläge bestimmt ist— für welchen Zweck — — 2— S ——ů—ů—— E * N 5 2 1 Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung die Regierung bereits große Summen veraus⸗ gabt hat— stritten die anttsemitischen Agrarier und Bauerubündler. Im Verlaufe der Debatte meinte der Antisemit Bähr:„Das meiste Geld, welches für die Landwirtschaft vom Staat ausgegeben wird, ist rein zum Fenster hinausgeworfen.“ Die Regierung wollte nun nicht das Odium auf sich laden,„Geld zum Fenster hinauszuwerfen“, Ministeralrat Braun erklärte, daß die Regierung sich für die Zukunft überlegen würde, Gelder zur Hebung der Rindviehzucht anzufordern, auch habe sie nichts dagegen, wenn schon der für diesen Zweck im diesjährigen Voranschlag vorgesehene Betrag von 91350 Mk. gestrichen würde. Nun standen die antisemitischen Agrarier, wie die beträbten Lohgerber da, denn„so bös hatten ste es nicht gemeint“, Herr Weidner beschwerte sich in der folgenden Sitzung darüber, daß die Regierung die Ausführungen der Agrarier „gar zu ernst“ genommen habe und er plädierte für mildernde Umstände für sich und seine Mit⸗Agrarier. Der Landtag gab dem auch nach und bewilligt den Posten. Unsere Bauern hatten aber hier Gelegenheit, ihre „berufenen“ Vertreter kennen zu lernen und werden sich über diese Herren ihre eigenen Gedanken machen. Gießener Angelegenheiten. — Meinungsfreiheit. Zu dem„Fall Schippel“ hat unsere Reichstagsfraktion Stel⸗ lung genommen und den in dieser Nr. unseres Blattes abgedruckten Beschluß gefaßt. Der Gleß. Anz.“ sieht durch diesen Beschluß die Meinungsfreiheit in unserer Partei gefährdet und bemerkt am Schlusse einer darauf bezüg⸗ Itchen Notiz: „Nur sollen, so bemerkt die„Köln. Ztg.“, die Sozialdemokraten nicht sagen, daß ste die Partei der Freiheit seien, denn in keiner Partei wird so schroff die eigene Meinungs⸗ äußerung unterdrückt wie bei ihnen.“ Was der Anzeiger der Köln. Ztg. nach⸗ redet, ist ein Unsinn. Eine Partet, in der efne„Meinungsfreiheit“ im Sinne des Anzeig. maßgebend wäre, müßte unrettbar dem Ruin verfallen. Jede Partei oder Gesellschaft, die stch zusammenschließt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, legt ihre Grundsätze in einem Programm oder Statut fest. Gewiß mögen in einem solchen auch weniger wichtige Punkte enthalten sein, bezüglich deren den Parteimit⸗ gliedern ein gewisser Spielraum gelassen ist; die Haupt grundsätze sind aber bindend für sie, andernfalls können sie eben der Partei nicht angehören. Wer das sozialdemokratische Pro⸗ gramm anerkennt, wird nicht in die freisinnige Partet eintreten und wer seine Ueberzeugung in dem freisinnigen Prograum ausgedrückt findet, wird sich nicht bei der Sozialdemokratie eiuschreiben lassen. Nach der Religion z. B. fragen wir unsere Parteimitglieder uicht, das Programm betrachtet sie als Privatsache. In einem Protestantenverein aber wird die Reli⸗ gionszugehörigkeit eine Hauptfrage sein, man wird dort keinen Katholiken oder Juden auf⸗ nehmen.— Bezüglich der Zollfrage hat un⸗ sere Partei grundsätzlich und klar Stellung genommen; wer diese Grundsätze nicht auerkennt, nun, der muß sich eben darüber und über seine fernere Zugehörigkeit zur Partei erklären, be⸗ sonders wenn er Abgeordneter ist. Bei einer grundsatz, und rückgratlosen Mischmaschpartei mags ja anders sein, da ist man froh, wenn man etnen Kandidaten hat und fragt nicht viel, was er will oder ob er überhaupt ein Programm hat, bei der zielbewußten Sozialdemokratie geht das nicht.— Wir sind überzeugt, daß der ein⸗ fachste Arbeiter die hier dargelegten Selbstver⸗ ständlichkeiten begreift, ob das beim„Gießener Anzeiger“ der Fall ist, möchten wir allerdings nicht garantieren.. h. Der Konsumverein Gießen und Umgegend hielt am vorigen Sonntag eine außerordentliche General ver samm⸗ lung im„Gambrinus“, ab, welche zahl⸗ reich, auch von Frauen, besucht war. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete die Be⸗ richterstattuug über die erste Hälfte des laufenden Geschäftsjahres. Wie in voriger Nummer be⸗ reits erwähnt, hat dieses Halbjahr ein günstigeres Resultat zu verzeichnen. Eingangs semes Be⸗ richtes wies der Geschäftsführer auf die Preis⸗ reduzierung hin, die bei einer Anzahl Artikel eingetreten sei. Ebenso sei in der Zusammen⸗ setzung unseres Warenlagers wesentliche Aen⸗ derung zum Bessern eingetreten. Doch klagte er über die noch viel zu bemerkende Interesse⸗ losigkeit der Mitglieder. Mancher wolle nur nicht auf die Kaffeetasse oder den Kalender, oder was es sonst in anderen Geschäften zu Weih⸗ nachten gibt, verzichten, ohne daran zu denken, daß er es im Laufe des Jahres zehnfach be⸗ zahlen müsse.— Dem Berichte des Kassterers sei hier nur das Wesentlichste entnommen: Der Umsatz hat sich seit vor einem halben Jahre um zirka 20% gehoben, was aber in Anbetracht der Mitgliederzunahme nicht sehr viel ist. Die Darlehen sind bis auf einen Rest, der ebenfalls bald zur Rückzahlung gelangt, getilgt worden; trotzdem sind die Kassenverhältnisse noch derart gute, daß alle Waren gegen bar eingekauft werden können, was nicht unbedeutende Vorteile mit sich bringt. Die Mitgliederzahl hat sich jetzt auf 275 gehoben. Desgleichen ist auch der Reingewinn von diesem halben Jahre um 50% höher als derselbe vom letzten ganzen Geschäftsjahre. Die Befriedigung über diesen günstigen Bericht war allgemein. Dem Vor⸗ stande wurde auch hier wieder nahe gelegt, sein Augenmerk auf Einführung weiterer Artikel zu richten, welchen Wünschen nach Möglichkeit Rech⸗ nung getragen wird. Zum Schlusse richtete der Vorsitzende noch einige anfeuernde Worte besonders an die Frauen, diese ermahnend, die Vorteile dieser Organisation, welche ganz be⸗ sonders auch im Interesse der Frauen wirkt, nicht zu verkennen und ihr die größtmögliche Förderung angedeihen zu lassen, damit sie weiter blühe und gedeihe. — Das Schwurgericht, welches vergangene Woche tagte, hatte vier Fälle abzuurteilen. Am Mon⸗ tag standen drei polnische Bergarbeiter von der Grube „Friedrich“ in Trais⸗Horloff vor den Schranken, um sich wegen Raubes bezw. der Beihülfe dazu zu verantworten. Der Hauptangeklagte Jzydorczak soll Anfangs Dezember eines Abends mit den Brüdern Marsalek gezecht und darauf in die Wohnung eines anderen polnischen Arbeiters, der auf dem Werke Nacht⸗ schicht hatte und dessen Frau allein zu Hause war, eingedrungen sein und der Frau 50 Mk. unter dem Kopfkissen mit Gewalt fortgenommen haben. Die bis spät in die Nacht dauernde Verhandlung ergibt, daß die Affaire nicht so schlimm ist, Gegen die beiden Marsalek zieht der Staatsanwalt selbst die Anklage zurück, den Izydorczak sprechen die Geschworenen des einfachen Diebstahls für schuldig. Er wird zu 5¼ Monaten Gefängnis verurteilt, die beiden Mitangeklagten freigesprochen.— Dienstag hatte sich die Dienstmagd Elis. Vaupel aus Breitenbach wegen Kindes mord zu verantworten. Die Verhandlung geht unter Aus⸗ schluß der Oeffentlichkeit vor sich. Der Wahrspruch der Geschworenen lautet auf Schuldig und es erfolgt die Verurteilung der Angeklagten zu drei Jahren Ge⸗ fängnis.— Wegen Sittlichkeits vergehen stand am Mittwoch der Schneidermeister Keitzer aus Lauter⸗ bach vor den Geschworenen. Er wird beschuldigt, gegen das noch nicht 16 Jahre alte Dienstmädchen Gerwig einen unsittlichen Angriff ausgeführt und dabei Gewalt angewendet zu haben(Vergehen gegen§ 1761 des R.⸗St.⸗G.⸗B.). Ein zahlreiches Zeugenaufgebot muß in dieser Sache auftreten, die Bekundungen lassen in⸗ dessen die Tat des Angeklagten als nicht allzuschlimm erscheinen. Der Spruch der Geschworenen lautet auf Nichtschuldig, worauf er von Strafe und Kosten frei⸗ gesprochen wird.— Die Unterschlagung s⸗ affaire am hiesigen Bahnhofe gelangte am Donnerstag zur Verhandlung. Wegen Verbrechen im Amte hatte sich der Stations⸗Assistent E. Fisch er zu verantworten. Er war am Fahrkartenschalter des Bahnhofs bedienstet und hat in dieser Eigenschaft nach und nach 1398 Mk. unterschlagen. Damit der Fehl⸗ betrag nicht entdeckt werde, fälschte der Angeklagte die Monatsabrechnungen. Doch die Sache kam zufällig heraus und F. wurde Mitte Januar verhaftet. Er legte ein offenes Geständnis ab. Das Urteil lautet auf 10 Monate Gefängnis; die Ehrenrechte werden ihm nicht aberkannt und 1 Monat Untersuchungshaft angerechnet. — Mehrere Volksversammlungen, die am Samstag bis Dienstag iu Heuchelheim, Wieseck, Gießen und Lollar stattfanden, be⸗ schäftigten sich mit den sanitären Zuständen in den Bäckerelen und den Maßregelungspfänen. der Gießener Bäckerinnung. Als Referent war der Gauleiter des Bäckerverbandes Leidig aus Frankfurt erschienen. Er führte den Ver⸗ sammlungen, welche alle gut besucht waren, die tieftraurigen Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse vor Augen, schilderte die sanitären Mißstände in den Bäckereien und besprach die Notwendig? keit gesetzlicher Reformen. Seine Ausführungen wurden in allen Versammlungen beifällig auf⸗ enommen. Folgende Resolution wurde in jeder Versammlung einstimmig angenommen: „Die heute tagende öffentliche Volksversammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten ein⸗ verstanden. Sie verurteilt das brutale Gebahren der⸗ jenigen Gießener Bäckermeister, die einen Angriff auf die Gesellenorganisation planten und somit den Frieden zwischen beiden Korporationen zu stören suchen. Die Versammelten versprechen, die Organisation der Bäckerei⸗ arbeiter in der Abwehr dieses Gewaltaktes, soweit es in ihren Kräften steht zu unterstützen und wünschen, daß das Problem einer Volksbäckerei in den Kreis der Er⸗ örterung gezogen werden möge. Ferner wünscht die Versammlung, daß der vom Staatssekretär Posadowski angekündigte Bäckereientwurf baldigst Gesetz werden möge.“ Sein arbeiter feindliches Gesicht zeigt der„Gieß. Anz.“ auch bei dieser Gelegenheit. In gehässiger Weise verdreht er den Sach⸗ verhalt, wagt hier von einem Terrorismus der Gesellen zu reden, und fordert die Bürger⸗ schaft zur Unterstützung der Innungsleute auf, Ob der Redakteur noch nichts von den ekeler⸗ regenden Zuständen in Bäckereien Seba hat, deren Besettigung sich der Gesellen-Verband an⸗ gelegen sein läßt? Aus dem Rreise gießen. — Staufenberg. Eine Volks ver⸗ sammlung findet diesen Sonntag, nachmitt. 4 Uhr im Saale des Herrn Zecher statt. Stadtverordn. Krum m⸗Gießen spricht über; „Was wollen die Sozialdemokraten.“ 1 — Geistlichkett und Sozialdemo⸗ kratie. Unter Bezugnahme auf den Artikel der Frau Dr. Michels„Christliche Toleranz“ in der vorletzten Nummer unseres Blattes und die Berichte über die Affaire mit der roten Schleife erhielten wir von Herrn Pfarrer Sommerlad in Watzenborn eine ziemlich lange Zuschrift. Wir können sie mit dem besten Willen nicht im ganzen Umfange aufnehmen — der Herr Pfarrer verlangt es auch gar nicht wir lassen deshalb alle nebensächlichen und persönlichen Ausführungen fort. Die Zuschrift agt: 0 0 9 die Verfasserin urteilt, wie es eben Frauenart ist, recht oberflächlich, alles nach der Schablone und beweist damit, daß sie von den Verhältnissen eines Dorfes, den Daseinsbedingungen, Lebensgewohnheiten und das Leben regelnden und gestaltenden Sitten und Mächten keine Ahnung hat, oder daß ihr wenigstens das rechte Ver⸗ ständnis dafür abgeht. Dem gegenüber sei es mir ge⸗ stattet, ein Argument ins Feld zu führen, das freilich nicht für den Parteifanatiker, aber für jeden ruhig und objektiv urteilenden Mann sein Gewicht erweisen wird. Ich stehe schon an 14 Jahren im Dienste der hiesigen Gemeinde. Ich bin in Freud und Leid mit der Ge⸗ meinde verbunden worden. Ich habe mich bemüht, allen ohne Unterschied der Person nach Kräften zu dienen. Ich habe denn auch in dieser ganzen langen Zeit keinerlei Anfechtungen und Differenzen mit Gemeindegliedern ge⸗ habt. Als ich vor 14 Jahren mein Amt hier antrat, gab es doch auch schon Arbeiter, auch viele Angehörige Ihrer Partei. Ich stand mit allen, ich kann es wohl sagen, auf gutem ja auf dem besten Fuße. Es gab keine unkirchlichen oder antikirchlichen Elemente. Logisch betrachtet, ist auch gar nicht abzusehen, warum ein Angehöriger der sozialdemokratischen Partei Antichrist oder irreligiös sein sollte. Ich habe mich von politischen Agitationen fern gehalten, um meinem Dienst an dern ganzen Gemeinde nicht zu schaden. Die Darstellung Ihrer Korrespondentin ist darum zumal eine völlig schiefe, wenn sie versucht, mich als einen Vertreter des„Kapitalismus“, der herrschenden Gesellschaftsklasse gegenüber den armen Arbeitern hinzu⸗ stellen Das hätte hier gar keinen Sinn. Die „Reichsten“, die„Herrschenden“ sind hier mittlere, oder eigentlich kleinere Bauern von mäßigem Wohlstande. Am besten situiert sind Arbeiterfamilien, wenn mehrere erwachsene Personev, oft 3—5 zugleich, auf Arbeit gehen. Ich selbst denke nicht daran, ein„Arbeiterfeind“ „Scherge des Kapitalismus“ zu sein, wie es die besa Korrespondentin auffaßt. Ich bin selbst aus den Kres des arbeitenden Volks hervorgegangen. 225 r K 1 2232 ichen.* kr Batten, owest ez h nchen, daß 1 der Er; wünscht p Posadowzh den möge icht zag legenhel, muß hen Bürge leute aul en eleler hört ha band aj Eaben nachmil. her fall cht übe“ alben en Artlll Tolerauz atteß uno“ der 10 Pfau zien dem ben aufnehn ar nicht chen u e Zuscs autnatt und bebe Dorstg, 0 9 das 9 sächten kel . ich die Bestrebungen Ihrer Partei nach Verbesserung der Lage des arbeitenden Volks billige. daß der Aufregung gewehrt, nicht, das dieselbe gemehrt Mitteldentsche Sonntags⸗Feitung. Seite 5. Ich habe es oftmals unverhohlen ausgesprochen, daß Ich sehe noch Vieles, was verbesserungsbedürftig ist. Ich habe z. B. einen Sogn, der Handlungsgehilfe in Hamburg ist, ein be iber, prächtiger, junger Mann von 22 Jahren, dem sie alle zugetan sind. Der kann mit seinen Kollegen von kapitalistischer Ausbeutung reden. Denn ihre Kraft wird über die Maßen angestrengt. Da tut Besserung, Abhilfe not. Und nun, was ist denn hier geschehen, daß man so gehässig gegen mich vorgeht, mir anonyme Briefe voller Schmähungen schreibt ꝛc.? Wer hat denn das Kriegsbeil ausgegraben? Ich wahrlich nicht, das bin ich mir vor Gott und meinem Gewissen bewußt. Vor einigen Jahren fingen Angehörige Ihrer Partei an mit allerlei Nörgeleien, Nadelstichen, so z. B. mit den Konfirmandeneiern, einer Sache, die damals schon abgetan war, die aber auch vorher ganz unschuldig war. Dann kam die Angelegenheit mit dem Losholz, — alles vom Zaun gebrochene Streitobjekte, Dinge, über die man kein Wort zu verlieren brauchte. Dann versuchte man es mit der roten Schleife bei Beerdigungen. Das war ein völliges Novum, ein Eingriff in die kirchliche Ordnung, die ich zu wahren berufen bin und der ich entgegentreten mußte. Das war meine Pflicht. Der Friedhof ist kein Wahllokal, sondern eine Stätte des Friedens. Die rote Farbe ist bei Ihrer Partei doch das Sinnbild eines gewissen Pro⸗ gramms, einer politischen Anschauung. Es ist aber doch keineswegs so, daß in einer großen Gemeinde, wie die unsere, diese Anschauung die Oberherrschaft hat, daß an einem Grabe die Vertreter derselben alleinstehen. Für die zahlreichen andern Leidtragenden ist darum ein solch einseitiges Hervortreten verletzend und störend; es ist also im Hinblick auf die kirchliche Sitte und Ueberliefe⸗ rung wie auf die Gefühle Anderer unstatthaft und kann nicht geduldet werden. Unsere Begräbnisfeiern waren hier stets ernst, weihevoll, erhebend. Warum trägt man jetzt ohne jede Veranlassung störend, auf⸗ regende, entzweiende Elemente hinein? Was nun die Leichenrede, den besonderen Stein des Anstoßes betrifft, so liegt es wohl nur an der beiderseitigen Aufregung, der— eines teils der— Zu⸗ hörer und der meinigen, daß sie so sehr miß verstanden und angefochten wurde. Das Konzept steht zur Verfügung. Was ich hier sagte, habe ich in ähnlichen Fällen schon vielmal gesagt— ohne Ansehen der Person, ohne daß man darin etwas Unrechtes gefunden hätte. Ich frage Sie selbst, verehrtester Herr Redakteur, ob nicht jeder urteilsfähige, verständige Mann es mitfühlt, wie schwer es ist, Leichenreden zu halten. Gewiß deckt die Liebe vieles zu, gewiß dürfen wir nicht urteilen und ver⸗ dammen. Das liegt mir völlig fern. Aber immer hat mir in den Ohren geklungen das schwere Wort: „Leichen reden— Lügenreden“. Dazu werde ich mich nicht hergeben. Leichenreden dürfen wenigstens nicht gegen die Wahrheit verstoßen. Und was habe ich denn gesagt?— Das Konzept steht zur Verfügung.— Ich redete von der vorhandenen Lebensgefahr, die jedem Menschen hinnieden umgibt und den Mahnungen, die daraus fließen. Dann sagte ich beim Hinblick auf den Lebensgang des Verstorbenen, es sei bei seinen guten Anlagen, nem Fleiß ꝛc. zu beklagen, daß er nicht mehr bedachte, was zu seinem Frieden diente, er hätte für sich und mit den Seinen weit glücklicher sein können. Doch wir wollen nicht richten und urteilen, sondern ihn in die Hände der göttlichen Barmherzigkeit befehlen. Dies der Hauptinhalt der Rede. Ich bemerke, daß die Familie des Verstorbenen schwer unter seinem Ver⸗ halten gelitten hat. Es ist nicht das übermäßige Trinken allein, sondern auch das häusliche Elend und Zerrüttung, das es im Gefolge hatte. Durfte man davon ganz schweigen? Keine Parteizugehörigkeit kann den Menschen von den Pflichten gegen seine Familie entbinden. Doch ich gebe zu, durch die Verhandlungen am Haus waren die Zuhörer sehr erregt und faßten jedes Wort anders auf, als es gemeint war. Ich selbst, ich gestehe es, war so erregt, daß ich kaum reden konnte, und daß meiner Rede schon in Ton und Vortrags weise, das Ausgleichende und Beruhigende fehlte, was ich sonst in ähnlichen Fällen mit dem Ernsten zu verbinden pflege. Auch ging aus demselben Grunde dem Gedächtnis wohl manches mildernde Wort verloren, daß das Konzept enthielt, denn keinesfalls wars eine„Straspredigt“, keinesfalls so kraß, wie es dargestellt wird. Alles in Allem: Ich will mit meiner Gemeinde in Frieden leben, Jedem dienen, beraten, helfen, so gut ich es kann und weiß, wie es durch so viele Jahre war, das wird für die ganze Gemeinde selbst am er⸗ sprießlichsten sein. Ich habe dazu den redlichen Willen, darf aber wohl auch hoffen und erwarten, daß man die Grenzen beachte, die mir die Pflicht für meine Zurück⸗ haltung und Selbstverleugnung steckt. Und wenn ich nun auf Grund der obigen Ausführungen an Sie die ergebenste Bitte richte, Sie möchten in billiger Würdigung werde, daß dem feindseligen, gehässigen Auftreten Ein⸗ zelner nicht die Wege geebnet werden und Friede in der Gemeinde einkehre, so hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Denn gewiß werden Sie den alten Rechtsgrundsatz nicht verleugnen:„Audiatur et altera pars!““ Daß wir diesen Grundsatz anerkennen, haben wir durch den fast vollständigen Abdruck der Zuschrift bewiesen. Doch müssen wir einige Worte darauf entgegnen, eingehend zu erwidern, ist vorläufig nicht möglich. Zuerst möchten wir betonen, daß wir wahrlich kein Interesse daran haben, die Aufregung in der Gemeinde zu ver⸗ mehren, wir wünschen und wollen gewiß den Frieden und zum Frieden beitragen. Wer störte ihn aber? Warum und woher die Aufregung? Der Herr Pfarrer gibt selbst einen Teil der Schuld daran zu und dieses Eingeständnis ehrt ihn. Bei ruhiger und un⸗ befangener Betrachtung des Falles würde er zu der Ueberzeugung kommen, daß er allein die Aufregung verursacht hat, weil sich die Arbeiter von ihm in ihrem Rechte beeinträchtigt glaubten. Und nicht mit Unrecht. Wenn wir gelten lassen, was er über die Bedeutung der roten Schleife sagt— was brauchte er sich da⸗ rum zu kümmern, in welcher Weise irgend ein Verein sein verstorbenes Mitglied ehrt? Es geschah in würdiger Weise, die Ruhe des Fried⸗ hofs, über die der Pfarrer ja nicht zu wachen hat, wurde nicht gestört, Andersdenkende brauchten sich nicht verletzt zu fühlen, soust müßten das unse re Parteiangehörigen tagtäglich bei tausen⸗ derlei Gelegenheiten. Nehmen wir an, die an⸗ tisemitische Partei hätte sich die grüne, die Frei⸗ sinnigen die blaue Farbe erkoren, würde der Herr Pfarrer bei der Beerdigung eines Ange⸗ hörigen dieser Partei die blaue oder grüne Schleife zurückgewiesen haben? Wir sagen nein. Und eben diese Aus nahm ebehandlung ist es, was die Arbeiter verletzend empfinden. Daß der Herr Pfarrer am Grab über den Verstorbenen Unwahrheiten sagen sollte, wird kein Mensch verlangen. Wird ein Angehöriger der„besseren“ Stände begraben, dürfte es selten vorkommen, daß ihm der Geistliche am Grabe die Sünden vorhält.— Da stcher zu erwarten ist, daß die Zuschrift noch weitere Diskussionen hervorrufen wird, enthalten wir uns jetzt weiterer Bemerkungen. Nur noch ein Wort. Wir können nicht glauben, daß von Seiten unserer Genossen„Schmähbriefe“ an den Pfarrer geschickt wurden. Wir müßten der⸗ artiges selbstberständlich im höchsten Maße mißbilligen. Schließlich wird Frau Dr. Michels den Vorwurf der Verständnislosigkeit, den ihr der Pfarrer macht, ertragen können. PDohe, der Schuhfabrik „Arminia“, die hier im vorigen Jahre er⸗ öffnet wurde, herrschen in Bezug auf die Arbeitsverhältnisse sehr schlechte Zustände. Zu⸗ nächst ist es eigentümlich, daß als„technischer Leiter“ der Schuh fabrik ein früherer Former⸗ Werkmeister von der Main⸗Weserhütte fungiert. Schon daraus ergeben sich viele Mißhelligkeiten. Ferner klagen die Arbeiter darüber, daß sie öfters bei ihrer Akkordarbeit aufgehalten sind, wodurch sie nicht unbedeutende Lohneinbußen hatten. Viele Unfälle sind schon an den Maschinen vorgekommen, als Ursache werden mangelhafte Schuszvorrichtungen, sowie die Un⸗ geübtheit der Leute angegeben. Oefters war anch die Werkstelle nicht geheizt und die Ar⸗ beiter mußten bei sehr kaltem Wetter in un⸗ geheizten Räumen arbeiten. Zu dem Vorstand der Aktiengesellschaft gehört auch der frühere Bürgermeister von Lollar. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Furchtsamer Bäckermeister. Ein Bäckergeselle hatte in Wetzlar Arbeit gefunden. Kaum war dem betr. Bäckermeister die Ver⸗ bandszugehörigkeit des Gesellen bekannt gewor⸗ den, als er ihm einen Zettel folgenden Inhalts ickte: .„Teile Ihnen hierdurch mit, daß Sie die Stelle nicht anzutreten brauchen. Agitations⸗ gesellen kann ich nicht gebrauchen. Achtungs⸗ voll St. Stoffel.“ der tatsächlichen Verhältnisse dazu die Hand bieten, * Man höre auch die andere Seite. „Sind denn die Verhältnisse in dem Be⸗ triebe des Herrn Stoffel derartige, daß er vor den Verbandsgesellen Angst hat? h. Mehrere Metz 8 wurden kürzlich be⸗ straft, weil sie zuviel„Bindemittel“ zu der Wurst verwendet hatten. Jetzt wird ein Fall bekannt, wonach ein krankes Rind zur Ver⸗ arbeitung gekommen wäre. Derartige Gewissen⸗ losigkeit verdient die schärfste Ahndung. Aus dem RNreise Marburg⸗Nirchhain. R. Volkstümliche Einrichtungen. In den bürgerlichen Kreisen Marburgs fängt man allmählich an, der Errichtung einer Volksbibliothek und eines Volksbades das Wort zu reden. Das hätte man allerdings schon längst tun sollen; doch wie überall, so finden sich auch in Marburg wenige Bürgerliche, die bereit sind, Einrichtungen zum Wohle und zur Belehrung der minder bemittelten Klassen schaffen zu helfen. Weil es aber nie ohne Verherrlichung irgend eines Fürsten abgeht, will man diese Institute zum Andenken an Philipp„den Großmütigen“ errichten.(Philipp I., Landgraf v. Hessen, 1509 bis 67.) Ob der bieder⸗ Philipp sehr volksfreundlich war, dürfte einigem Zweifel unterliegen, jedenfalls half er die armen gequälten Bauern, die sich gegen die fürchterlichen Bedrückungen durch den wegelagerischen Adel wehrten, niederschlagen. Eine sogenannte Volksbibliothek besteht in Marburg ja schon seit kurzer Zeit. Dieselbe besteht zumeist nur aus freiwillig gespendeten Büchern. Daher ist sie noch ziem⸗ lich mangelhaft, wird auch nicht allzusehr in Anspruch genommen. Eine weitere gute Bibliothek besitzt der Fortbildungsverein, diese wird aber auch nur von einem Drittel der Mitglieder benutzt. Dies mag seinen Grund darin haben, das die Gewerkschaften sich genötigt sahen, Bibliotheken zu errichten. Eine solche besitzt die Gewerkschafts⸗Kommission und die Gewerkschaft der Buchdrucker. Sie sind den Arbelterverhältnissen ent⸗ sprechend eingerichtet und erfreuen sich auch eines guten Zuspruchs. Die Bibliothek der Gewerkschaften wird außerdem den Mitgliedern des soz. Wahlvereins zur Verfügung gestellt.— Gewiß ist die Errichtung einer Volksbibliothek und zugleich Errichtung einer öffentlichen Lesehalle wünschenswert. Aber die Zusammensetzung unserer Stadtverwaltung läßt befürchten, daß die Er⸗ richtung solcher Institute noch in weiter Ferne liegt. Dafür ein Beispiel: der Besitzer der einzigen Badeanstalt in Marburg wandte sich an den Magistrat im Herbst vorigen Jahres mit einer schriftlichen Eingabe, ihm das Wasser für 10 Pfg. pro Kubikmeter zu lassen (bisher kostete es 20 Pfg.), um auch den minder⸗ bemittelten Einwohnern Marburgs ein Bad allwöchent⸗ lich zu ermöglichen. Bis heute wartet der Betreffende noch auf Antwort. Angesichts der bedeutenden städtischen Schuldenlast wird die Stadtverwaltung mit der Errich⸗ tung eines Volksbades es nicht so eilig haben. Deshalb sollte man die Eingabe des Badeanstaltsbesitzers berück⸗ sichtigen, damit wenigstens etwas zur Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse der Arbeiterklasse geschieht. B.„Freie Bühne.“ Der Arbeiter⸗Thea⸗ ter⸗Verein hält diesen Sonntag im Saale zum „Schloßgarten“ sein diesjähriges Winter⸗ vergnügen ab. Da sich der Verein redlich Mühe gibt, die Arbeiterfestlichkeiten zu ver⸗ schönern, werden es die Genossen und Gewerk⸗ schaftsmitglieder für ihre Pflicht halten, den Verein durch recht zahlreichen Besuch zu unter⸗ stützen. Ein sehr reichhaltiges Programm läßt einen vergnügten Abend erwarten. EPE Versammlungs kalender. Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! 5 Samstag, den 12. März. Gießen. Soz.⸗dem.⸗Wahlverein. Abends 9. Uhr Versammlung bei Orbig. Zahlreiches Erscheinen 1 Arb.⸗Bild.⸗Verei Ab ds euchelheim. rb. ⸗ Verein. en 8 ene bei Wirt Ferd. Kröck. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Balth. Wacker. Wichtige Tages⸗ ordnung! Sonntag, den 13. März. Steinberg. Arbetiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung. T.⸗O.: 1. Bericht über die Konferenz. 2. Das Kreisfest. Briefkasten. Leihgestern, Wieseck, Herborn ee. nächste Nummer. Erwerbt die —— Staatsangehörigkeit! Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 11. „Neutralitäts⸗ Erklärungen.“ Unter diesem Titel veröffentlichte der dänische Satiriker Ewald in der Kopenhagener Zeitung „Politiken“ folgende Skizze: St. Petrus trat vor Gottes Tron und erstattete Bericht über den russisch⸗japa ni⸗ schen Krieg. Als er zu Ende war, stürzte der russiche Engel auf die Knie und rang die Hände. „Hilf den Russen, o Herr! den rechtgläubigen Russen!“ bat er.„Der Zar wird dich preisen in St. Petersburg, wird vor Dir knieen in Moskau und sich vor Dir auf sein Angesicht werfen in Kasan!“ „Zerschmettere die grausamem, ungerechten Russen!“ bat der finnische 11 5 und erhob seiun dunkles, tränenfeuchtes Antlitz. Der französische Engel flüsterte in das rechte Ohr des Herrn:„Stehe den Russen bei, sonst macht Frankreich bankrott!“ Der englische Engel neigt sich gegen das linke Ohr des Herrn:„Laß die Japaner weiter⸗ stegen, damit wir nicht in die Zwangslage kommen, ihnen beistehen zu müssen!“ „Stürze ste alle beide ins Verderben!“ seufzte der chinesische Engel aus der Tiefe seines Herzens. „Wo ist der japanische Engel?“ fragte Gott.„Ich sehe ihn nicht.“ „Er ist in den Krieg gegangen.“ sagte St. Petrus.„Er liegt jetzt im Anschlage und schießt auf Port Arthur.“ Gott sah von dem einen zum andern. Dann dei Lächeln über sein unergründliches An⸗ gesicht. „Petrus, höre!“ sagte er. uns neutral verhalten!“ „Wir werden 88 0 Unterhaltungs-Cril. 7 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchlor Meyr. (Fortsetzung.) Sie war in der untern Stube allein— der Geistliche erquickte sich in der Gartenlaube — als die Bäbe von der Küche hereinkam, um eine Frage wegen des Mittagessens an sie zu richten. Das Mädchen zeigte das gefaßte, still⸗ hoffende, sanft melancholische Gesicht, das man seit dem entscheidenden Gespräch im Hause an ihr gewohnt war. Die Frau gab ihre An. weisung und fuhr dann mit der Miene des Bedauerns, ja der Anklage fort:„Bei dem Schneider hat's gestern wieder Streit gegeben! Hast du schon was davon gehört?“ „Ja,“ versetzte die Bäbe mit dem Tone der Ergebung;„aber nichts Genaueres. Man hat mir nur gesagt, daß Vater und Sohn hinter⸗ einandergekommen sind.“— Die Pfarrerin fuhr fort:„Mir ist dieser ewige Unfriede fatal, sehr fatal. Ich wüßte nicht, was ich drum gäbe, wenn ich nichts mehr davon hörte!“ „Ich bedauer' es auch,“ erwiderte die Bäbe, „aber ich kann nichts dafür.“—„Wirklich nicht?“ versetzte die Frau,„Hast du dir keinen Vorwurf zu machen? Hast du das Wort, das du mir gegeben, nicht gebrochen?“ „Nein, Frau Pfarrerin“, entgegnete das Mädchen.„Einmal, vor acht Tagen, abends gegen neun Uhr, sind wir uns zufällig auf der Gasse begegnet; aber wir haben kaum eine Minute miteinander gesprochen und uns nur unser Leid geklagt.“—„Und du hast nicht an ihn geschrieben? Hast du ihn nicht durch Klagen dazu gebracht, daß er seinen Vater mit Zumut⸗ ungen erzürnte?“—„Nein,“ war die entschiedene Antwort.„So wahr ich vor Ihnen stehe!“ Die Frau schwieg. Nach einer Pause be⸗ gann sie:„Der Handel ist um so unangeneh⸗ mer, als man in dem Fall, daß Tobias auf seinem Kopf bleibt, kein Ende davon absehen 24. kann. Den alten Eber bringt ihr nicht dazu, daß er euch nachgibt. Den kenn' ich besser!“ „Es mag sein,“ versetzte die Bäbe.„Ich muß es eben annehmen, wie's kommt.“ Das Gesicht der Pfarrerin erhellte sich, wie durch eine Anwandlung von Laune, und ste sagte:„Das Gescheiteste wär', wenn für dich jetzt eine gute Partie auskäm'! So ein reicher Witwer etwa, der oft froh ist, wenn er ein tüchtiges Hausweib kriegt zu seinem Geld und seinen Kindern. Und das würdest du abgeben, dafür könnt ich einstehen!“/ Die Bäbe schüttelte unwillkürlich den Kopf und sah zu Boden.—„Wie,“ rief die Pfarrerin, „du würdest so einen Antrag ausschlagen?“— „Ja, Frau Pfarrerin,“ erwiderte das Mädchen. „Solang' der Tobias keine andere heiratet, heirat' ich auch nicht!“—,„ Das ist ja ernsthafter, als ich gedacht hab',“ rief die Frau.„Aber,“ setzte sie nach einer Weile hinzu,„was findest du denn nur so Besonderes an dem Menschen? Ein nettes Bürschchen ist er; aber solang' ich ihn kenne, der Spott des Dorfes, furchtsam wie ein Hase und doch wieder eitel und prahlerisch — kurz, ein Schneider, wie's nur einen geben kann!— Hast du denn das nicht auch gehört und gesehen?“—„Allerdings, Frau Pfarrerin“, entgegnete die Bäbe mit Ernst;„aber das macht mir nichts, seitdem ich ihn besser kennen gelernt hab' und weiß, wie er's in seinem Herzen meint. Seine Fehler sind Kleinigkeiten, die er ablegen wird mit der Zeit. Und wenn ihm auch was davon bliebe— meinen Sie, Frau Pfarrerin, daß ich nicht imstande wär', mich seiner anzu⸗ nehmen? In meinem Beisein würd' ihm nie⸗ mand etwas tun— dafür ständ ich gut!“ Die Wangen des Mädchens hatten sich höher gefärbt und ihre Augen einen so mutigen Schein bekommen, daß die Frau sich nicht enthalten konnte, ste beifällig anzusehen und zu nicken, als ob sie sagen wollte:„Du wärst imstande!“— Die Bäbe fuhr fort:„Der neue Streit zwischen Vater und Sohn ist zu bedauern, und ich kann ganz ehrlich sagen, daß er mir so unlieb ist wie Ihnen. Aber was wird dran schuld sein? Daß der Vater ihn wieder hat zwingen wollen, die andere zu nehmen, und daß er sich nicht dazu hat bringen lassen. Und das muß mir doch auch wieder gefallen an ihm, und ich muß denken: wenn ihm auch manches fehlt zu einem rechten Mann— die Hauptsach hat er doch! Wenn er so furchtsam gewesen ist von jeher und sich nichts getraut hat und nun einem so starken und gewalttätigen Mann, wie sein Vater ist, doch nicht nachgibt, sondern sich gegen ihn stellt und lieber alles aushält, als von mir läßt— muß ich ihm doch auch lieber sein als alles? Und so einen Menschen sollt' ich lassen? Lieber sterben, Frau Pfarrerin— gleich auf der Stell'!“ In die Augen des Mädchens waren Tränen gekommen, die sie nicht zu verbergen bemüht war. Die Pfarrerin schwieg, denn hierauf war nichts mehr zu sagen. Zu rechter Zeit ließ sich aus der Küche ein Geprassel hören, wie von einem überlaufenden Hafen. Die Bäbe wischte sich die Augen mit ihrer Schürze und eilte hinweg. Das Mittagessen verlief ruhig; für den Geistlichen, der auf den Ruf der Bäbe schon sehr vergnügt vom Garten gekommen war, un⸗ gemein heiter. Der wuͤrdige Herr befand sich dermalen ganz und gar wohl und damit fähig, sich an allem aufs innigste zu freuen. Die Blumen im Garten hatten ihn nie so glücklich gemacht wie heute, und an dem Schatten in der Laube hatte er sich noch nie so wundersam gelabt wie bis zu dem Augenblick, wo man ihn zum Essen rief. Ein frischgedeckter Tisch am Sonn⸗ tag, mit blankem Tischtuch, blanken Servietten, Reinheit und Reinlichkeit strahlend und duftend, und dazu die sichere Aussicht auf ungewöhnlich gute Speisen, können die Laune eines Mannes nicht niederschlagen, der sich bei höherm Wohl⸗ sein auch eines stärkern Appetits erfreut. Unser Geistlicher, liebevoll, wie er war, unterhielt das Gespräch wieder mit Loben; nach den Blumen und der Laube pries er die Suppe, das Rind⸗ fleisch und den Braten— und schwer war es zu sagen, welche Anerkennung gefühlter klang. Er nickte dankbar der Gattin zu, und ein paar freundliche Blicke ftelen auch auf das Werkzeug, das die Gebote der Anordnerin vollstreckend den zweiten Preis errungen— auf die ab⸗ und zugehende Bäbe. Nach Tisch zog er ein Zigarren⸗ täschchen, das er für seltene Gelegenheiten bei sich führte, aus der Tasche des Ausgeherocks F er wollte heute sogar rauchen! Die Frage der Pfarrerin:„Wird es dir nicht schaden, liebes Männchen?“ mit einer Hinweisung auf seine völlig hustenfreie Kehle beantwortend, zündete er an und war mitten im behaglichsten Dampfen, als die Bäbe den Kaffee brachte. Auf einmal, wie sich auf etwas besinnend, rief er:„Mein, Frau, wie ich aus der Kirche egangen bin, ist mir's gewesen, als hätt' ich hinter mir sagen hören, beim Schneider Eber hätt's Händel gegeben zwischen Vater und Sohn. Hast du was erfahren?“— Das Mädchen konnte, wenn auch jede sonstige Bewegung doch ihr Erröten nicht verhindern; die Frau bemerkte: „Jawohl, unsere Nachbarin hat mir dasselbe gesagt.“—„Was haben denn aber die auf einmal miteinander?“ fragte der Pfarrer ernsthafter.„Sie sind doch immer ganz gut ausgekommen?“—„Man sagt allerhand“, ver⸗ setzte die Gattin.„Der Vater will, daß Tobias die älteste Tochter des Bach⸗Webers heirate—“ —„Und der mag sie nicht?“ ftel der alte Herr ein.—„So scheint's“, bemerkte die Frau.— „Hm, hm,“ versetzte der Pfarrer.„Das Mäd⸗ chen ist nicht die Schönste, aber ordentlich und fleißig, und der Weber ist ein Mann, der gut steht. Ist er wirklich so heikel, der junge Bursch — oder hat er sein Aug' auf eine andere ge⸗ worfen?“ Die Pfarrerin schwieg hierauf, weil ihr nicht gleich eine in ihrem Sinn passende Antwort einfiel; die Bäbe fühlte, daß ihr Gesicht hochrot war, und wendete sich ab, um in die Küche zu gehen. Die Verlegenheit dauerte indes nur einen Moment; denn nach kurzer Pause klopfte es stark an die Tür, wie„Herren“ nicht zu klopfen pflegen, und auf das„Herein“ des Geistlichen traten durch die geöffnete Tür der alte Schneider und Tobias. Beide waren in ihrem besten Staat; ihre Mienen ernst, feierlich, namentlich die des Alten. Etwas umgelenk, aber doch mit jener Würde, die der Bauer bei Gelegenhett anzunehmen pflegt, verneigte fich dieser und sagte:„Guten Tag, Herr Pfarrer! Guten Tag, Frau Pfarrerin!“ —„Guten Tag, Eber,“ erwiderte der überraschte Herr, indem er die beiden verwundert betrachtete. „Was führt euch zu mir?“— Der Alte trat einen Schritt näher und sprach:„Eine eigene Sach', Herr Pfarrer— mein Sohn will heiraten.“ Tobias ergriff jetzt seinerseits das Wort und sagte mit einigem Erröten:„Ja, Herr Pfarrer, das will ich.“. Die Pfarrerin sah staunend auf die zwei Leute, die offenbar einig waren, und wußte nicht, was sie denken sollte. Die Bäbe stand an der Seite wie angewurzelt, ihr Gesicht brannte und ihre Brust bebte. Tobias hatte ihr keinen Blick zugeworfen— der Vater war zufrieden, durchaus zufrieden— der Sohn hatte sich ihm gefügt— ste war aufgeopfert! Mit dem reinsten Vergnügen erwiderte der alte Herr:„Also der Tobias hat nachgegeben und heiratet die Tochter des Bach⸗Webers?— Ihr seht, ich weiß schon alles!“— Der alte Schneider zauderte zu reden, indem er bescheiden vor sich hinlächelte. Der Pfarrer erinnerte sich, daß die Magd in der Stube war, und in der Meinung, daß der Vater vor dieser nicht mit der Sprache herauswolle, winkte er ihr und sagte:„Bäbe, geh' in die Küche!“ Das Mädchen hatte gesehen, wie Tobias auf die Rede des Pfarrers höher gerötet vor sich hinschaute, just wie einer, der sich schämt! Mit dem schwersten Herzen von der Welt, mit un⸗ endlicher Bitterkeit und kaum ihre Tränen zu⸗ rückzuhalten vermögend, schickte sie sich an, die Stube zu verlassen. Da rief aber der alte Schneider:„Ja, Herr Pfarrer, die darf nicht fort— die gehört zur Sach!“—„Die Bäbe?“ rief der alte Herr verwundert.—„Ja, Herr Pfarrer,“ versetzte der Schneider.„Die ist's ja grad', die mein Sohn heiraten will!“— —̃— Ä—• — in Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7. „Jawohl, Herr Pfarrer,“ rief Tobias,„die will ich heiraten!“ Nun war die Reihe zu staunen und nicht begreifen zu können an dem alten Herrn. Die Pfarrerin hatte ein„Ah“ ausgestoßen, in welchem ebensoviel Vergnügen als Ueberraschung lag; denn ste war gut und freute sich des Ausgangs nicht um ihret⸗, sondern um der Bäbe willen. Dieser hatte sich im eigentlichen Verstande das Herz im Leibe 1 ran Die plötzliche Ver⸗ setzung aus dem Abgrunde der Pein in den 1 877 des Glücks wirkte auf ste wie ein chreck; aber schnell erholte ste sich und strahlte nach der ersten Verwirrung die Seligkeit ihres Innern um so schöner aus den schwarzbraunen Augen, in die jetzt zum Ueberfluß noch ein liebevoller und stolzer Blick des Burschen fiel. Der alte Herr, alles dies nicht gewahrend, weil er nur auf den alten Schneider sah, rief endlich mit der herzlichsten Verwunderung:„Die Bäbe?— Ja, wie kommt er denn auf die?“ — Die vollkommene Unschuld dieser Frage hätte die Pfarrerin beinahe lachen gemacht. Wenn ste aber die Verlautbarung ihrer Heiterkeit unter⸗ drückte, so konnte und wollte sie doch den Schein auf ihrem Gesicht nicht zurückhalten; sie sah mit wahrem Vergnügen, mit der angenehmsten Frauenschelmerei vor sich hin. Der alte Schneider antwortete:„Du lieber Gott— wie geht's nicht in solchen Sachen? Sie gefällt ihm halt, und er meint eben, nur die koͤnat' sein Glück machen!“—„Ja“, fügte Tobias hinzu,„das ist auch wirklich meine Meinung, Herr Pfarrer. s ist nicht nur darum, weil sie mir von Person am besten gefällt, sondern weil ste so geschickt ist und so fleißig und alle Arbeit so gut kann, wie ich gesehen hab'; deswegen hab' ich sie gewählt!“ AUeber den Vater kam jetzt der Schalk. Ueber⸗ zeugt, daß der alte Herr von dem Vorgange e Hause keine Ahnung hatte, und ver⸗ langend, der so gerühmten Bäbe, ebenfalls auch der Frau Pfarrerin, etwas hinauszugeben fuhr er fort:„Und dann, Herr Pfarrer, denkt man eben auch: im Pfarrhause lernt man gute Sitten und einen frommen Lebenswandel— und das ist am End doch die Hauptsach'!“— Die Pfarrerin warf einen Blick auf ihn, als ob sie sagen wollte:„Du impertinenter Spitzbube!“ während das Mädchen ein wenig betroffen zu Boden sah. Der alte Herr dagegen nickle, wie zu einem Ausspruch, dem er aufs innigste bei⸗ stimmte.„Ja, ja, Eber,“ versetzte er würdig, da habt Ihr recht!— Und es ist wahr, die Bäbe hat bei uns etwas gelernt, so kurze Zeit sie da ist, und macht jetzt dem Pfarrhause Ehre. Sie ist brav, tätig, gehorsam, gutwillig— und hat sich immer musterhaft aufgeführt.“ Das war der Pfarrerin denn doch zu bunt; unfähig, ihr Gerechtigkeitsgefühl länger zurück⸗ zuhalten, bemerkte sie:„Nun, nun, so ganz ohne Geschichten, die man gern anders gewünscht hätte, ist's doch nicht abgegangen! Fehler hat sie schon auch gemacht, und ein ganzer Engel ist sie grad' nicht!“— Der alte Herr, mit dem wohlwollend satirischen Lächeln eines Mannes, der seine Hälfte necken will, entgegnete:„Ja freilich, ihr Frauen wißt immer was und habt immer was zu klagen. Euch kann man nie genug tun!— Aber,“ setzte er gegen die beiden Schneider gewendet hinzu,„gegen mich ist sie immer gut und dienstwillig gewesen, und ich hab' nie was Unrechtes von ihr gesehen.— Was wahr ist, muß man sagen.“ „Tobias und die Bäbe hatten sich während dieser Reden unbemerkt vergnügte Blicke zuge⸗ worfen, womit sie sich wechselseitig erklärten: Wir bedauern's doch nicht!“ Nach den letzten Worten trat das Mädchen ein wenig vor und sagte, das Haupt senkend mit einer reizenden Mischung von Ernst und Scheinheiligkeit:„Ach, Herr Pfarrer, die Frau Pfarrerin haben die Wahrheit gesprochen! Es ist allerlei geschehen, was nicht hätte geschehen sollen, und ich hab' mich gar mancher Fehler anzuklagen! Ich bin lange nicht so gut, wie Sie meinen, Herr Pfarrer — nein, ich hab' meinen Teil Sünden trotz der Mühe, die ich mir gebe, besser zu werden. Aber Sie halten eben andere Leute für gut, weil Sie selber so gut sind, Herr Pfarrer, und in! Ihrer Güte nur das Schöne an andern sehen und Tugenden, die Sie am Ende nur selber haben. Ich dank' Ihnen für Ihre Meinung von ganzem Herzen; aber leider, ich verdiene ste nicht! (Fortsetzung folgt.) Zum Nachdenken. Wohin man nur blickt, steht man arme, darbende Menschen, welche oft im Elend ver⸗ kommen. Tausende und Tausende von Menschen sieht man, Männer wie Frauen, schwitzend in harter Arbeit und dennoch voll Sorgen, Kümmernis und Entbehrung lebend. Und ihre armen Kinder... Sie erwartet das gleiche Los, wenn nicht noch schlimmeres. Denn der Kampf ums Dasein verschärft sich von Jahr zu Jahr. Und da inmitten der Massenarmut erheben sich wie Oasen einige Paläste und Villen. In feine Stoffe gekleidet, auf weichen Teppichen bewegen sich da andere Menschen Hie Reichtum und Luxus, Ueberfluß und Verschwen⸗ dung, das Reich des Goldes!——— dort der Hunger und die Sorge! Die große Masse des Volkes wird diesem Reiche des Goldes geopfert, dem sogenannten „Glucke“ einiger Wenigen. Und merkwürdig! Der Reiche frißt“ die Armen und die große Masse der Armen blickt dabei treu und ergeben auf die Herren der Welt, sie als Ernährer betrachtend. „Wären keine Reichen da, wie sollten wir Armen wohl leben können?“ reden die Un⸗ sinnigen. „Wir Reichen geben euch Armen Verdienst und Brot, wir ernähren euch und eure Familien!“ so sagen die Reichen zu den Arbeitern, und diese blicken voll Dank und Ergebenheit zu jenen empor. Man kann wirklich glauben, daß das erste, was der Reiche dem Armen wegfrißt, sein Gehirn ist, seine Vernunft. Die Reichen haben doch das Gold und Silber und alle Reichtümer. Aber holt nicht das Gold, Silber, Kupfer und Nickel der Arme schwitzend aus dem Schoße der Erde? Ja, der Arme hob das Gold und der Reiche nahm es ihm ab und gab dafür Silber. Und der Arme dankte. Und er hob Silber aus dem Schoße der Erde und prägte es, in Schweiß gebadet, zur Münze und erhielt für das Silber eine Kupfer⸗ oder Nickelmünze und— dankt Und er hob aus der Erd schwitzend das Kupfer und erhielt dankend ein Stück Brot. Und sie, die Armen, standen früh morgens auf, bevor die Sonne aufgestanden war, pflügten die Erde, säeten und erzeugten Korn und backten Brot und die Reichen nahmen das Brot ihnen ab und gaben den Armen—— Hungertuch. Und die Armen dankten. Alles schaffen die Armen. Sie bauen die Hauser, pflastern die Straßen, sie arbeiten als Maschinenbauer, sie produzieren Rohstoffe und bearbeiten dieselben, sie füllen die Magazine der Reichen mit allen möglichen Waren— und preisen dabei die Reichen als Ernährer. Sie gaben den Reichen ihre Arbeit her und sie nannten die Herren: Arbeit, geber“. Sie gaben den Reichen ihre Arbeit her und nannten sich selbst: Arbeit, nehmer“. Blinde! Und die Reichen nahmen und nehmen dem Volke alles und betrachten sich als Ernährer und Wohltäter der Menschheit. Sie nehmen die Arbeit des Volkes und nennen sich Arbeitgeber“. Sie nehmen dem Volke die Arbeitsfrüchte weg und nennen das Volk Arbeit, nehmer“. Die minderwertigsten Arbeitsfrüchte geben sie dem Volke in Form des„Lohnes“ zurück und verlangen einen doppelten Dank: den Dank *... Wie der Löwe das Wild frißt in der Heide so fressen die Reichen die Armen. Jes. Sir. 13 — eee ee und den Dank als Lohn⸗ „geber“. Und sie nennen das alles die heilige Ord⸗ nung. Und ernennen die Hüter dieser„Ordnung“ und— das Volk muß sie unterhalten. Und bauen die Gefängnisse für die Störer der Ordnung, das heißt, sie lassen das Volk die Gefängnisse bauen Und die„heilige Ordnung“ ist eine große, gewaltige Presse Der beste Saft des Volkes wird durch sie ausgepreßt und verwandelt sich in glänzendes Gold, welches in den Taschen der Besttzer der schrecklichen Presse verschwindet. Die Rächerglocken läuten dabei Und alles lobt die Kultur und den Fortschritt. Und so täglich blind und ergeben kriecht das souveräne Volk in die Presse. So ist es und so wird es bleiben, so lange falle Volke nicht die Schuppen von den Augen allen. 16 Splitter. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß jeder große Fortschritt in der Naturerkenntnis un⸗ mittelbar oder mittelbar auch eine entsprechende Vervollkommnung des sittlichen Menschenwesens herbeiführen muß. f Ernst Haeckel, * * Wer selbstbewußt in eigner Achtung steht, Wer mild und warm durchs kalte Leben geht, Wer mehr zu tun hat und zu schaffen, Als auf des Nächsten Schritt und Tritt zu gaffen, Wer edel denkt, nur der allein Wird aus den bessern Ständen sein. Humoristisches. Der Kanzler. Er redet viel und redet schnell, Er redet dunkel bald, bald hell, Er redet laut, er redet leis— Und doch er oft nichts zu sagen weiß. Ein hoffnungsvoller Jüngling. „Ihr bestes Zeugnis ist wohl das Impfzeugnis 2“— Studeut:„Wieso gnä' Frau?“— Dame:„Nun, es ist das einzige, das den Vermerk trägt: Mit Erfolg!“ Redeblume: Festredner(bei Uebergabe einer Bismarcksäule an die Stadt):„... Und so rage denn fortan die steinerne Figur des eisernen Kanzlers wie aus Bronze gegossen als golden⸗leuchtendes Wahrzeichen einer ehernen Zeit!“ Scherzfrage. In welcher Stadt gab es den ersten Zeitungsredakteur?— Antwort: In Lystra in Klein⸗ asien, denn Apostelgeschichte, Kap. 14, V. 8, heißt es: „Und es war ein Mann in Lystra, der mußte sitzen.“ HOieschichtskalender. 183. März. 1881: Kaiser Alexander II. von Rußland durch Bomben erschossen. 14. 1892: 1. Gewerkschaftskongreß in Halberstadt. 1883: Karl Marr, f. 15. 1900: Spitzelminister Puttkamer, 7. 1896: Bebel bringt den Peters⸗Skandal vor den Reichstag. 16. 1902: Studenten⸗ und Arbeiterunruhen in Petersburg. 17. 1890: Bismarcks Entlassung. lagerungszustandsdebatte im Reichstag. 18. 1871: Kommunekampf in Paris. Barrikadenkampf in Berlin. 19. 1848: Fr. Wilh. IV. Proklamation„An meine lieben Berliner.“ 2 Parteifreunde! cn n nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes. Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich ein mal und kostet nur 28 Pfg. den Monat; 75 Pfg. das Vierteljahr. Dame: 1879: Be⸗ 1848: — 2— * Seite 8. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. No. 11. Von Nah und Fern. Geborstene sächsische Ordnungs säule. Einer der hervorragendsten Geistlichen und Ordnungshelden, Pastor Segnitz an der evangelischen St. Aunenkirche, hat plötzlich sein Amt niedergelegt und Dresden mit seiner Familie verlassen. Den Grund dazu bilden „verbotene Beziehungen“, wie sich die bürger⸗ lichen Blätter ausdrücken, deutlicher gesagt, hat sich der Gottesmann Sittlichkeitsvergehen zu schulden kommen lassen. Die Tatsache erregt um so größeres Aufsehen, als Pastor Segnitz neben seinen Amtsgeschäften eine eifrige Tätig⸗ keit als Leiter des Evangelischen Bundes in Sachsen entwickelte und bei den Konservativen eine führende Rolle spielte. Er war sogar bei der letzten Reichstagswahl als gemeinsamer Kandidat der Ordnungsparteien in Aussicht genommen. Ohne ein Wort des Abschieds an seine treue Gemeinde ist der Seelenhirte nun verschwunden. — Christliche Nächstenliebe eigener Art betätigte auch der Pfarrer Nußbaumer von Niederhausen in Bayern. Im Verein mit zweien seiner Dienstknechte mißhandelte er seinen Stallburschen derart, daß dieser in der Heilan⸗ stalt Deggendorf untergebracht werden mußte. Das Landgericht Straubing verurteilte ihn deswegen zu einem Monat Gefängnis. An⸗ geklagter war schon dreimal wegen Körper⸗ verletzung vorbestraft, einmal, weil er einem Kirchenbesucher mit dem Weih wasserpinsel den Kopf bearbeitet hatte. * Vom Pferde erschlagen. Einem bedauer⸗ lichen Unglücksfalle fiel der Knecht Theis im„Nassauer Hof“ in Herborn zum Opfer. Derselbe halte am Freitag voriger Woche ein Pferd ausgeschirrt und ver⸗ gessen es anzubinden. Als er es einfangen wollte, schlug ihm das Tier so heftig gegen den Leib, daß er nach einer Viertelstuude starb. * Ein giftiger Biß. In Roßdorf bei Mar⸗ burg gerieten vor etlichen Tagen zwei Burschen in Streit, wobei der eine dem andern in den Finger biß. Hierdurch entstand eine Blutvergiftung, die am Donnerstag den Tod des Verletzten zum Gefolge hatte. Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 8. März: Butter per Pfd. Mk. 0,95— 1,00, Hühnereier 1 St. 6—7 Pf., Enteneier 1 St. 8—0 Pf. Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg. Kartoffeln per 100 Kilo 6,00 0,00 Mk., Weiß⸗ kraut pr. Stck. 9— 12 Pfg., pr Zentner 1,30— 1,60 Mk. Zwiebeln per Ztr. Mk. 7,00— 10,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,30—1,40 Mk., Hahnen per St. 0,80— 1,70 Mk., Enten per St. 1,70 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00—00 Pfg. Tüchtige Schneiderin pft sich im Hause. Asterweg 46 J. Trdelt.- Tlenter- Verein„Freie Bühne“. Sountag, den 13. März er. findet im Saale des Nestaurants„Schloßgarten“ das diesjährige Winter⸗Vergnügen statt. Zur Aufführung kommen Theaterstücke, urkom. Couplets, Duetts und Terzetts. Eintritt 30 Pfg. pro Person. „Liebespost“„Geschlossener Ball“ Tanz 40 Pfg. Das Komitee. eee sees Leistungsfähfger Fuprugternefmer für Brauerei, welcher im Sommerhalbjahr 1= u. 2⸗spännige Fuhren la. Kornbrot bis zu 25 Kilometer von Gießen übernehmen kann, 5 7 v. Kinzenb. Mühle ist erhältl. in: gesucht. 5 i Schriftliche Offerten mit Angabe per Stunde 1 und 2⸗spännig Gießen, Brotladen Seien Arbe werden unter O. 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